Nr. 155— 2. Jahrgang Sinzigs unabhängige Tageszeiiung Deuischiands Laarhriicken, Sonntag Montag, 8. 9. Juli 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Aas dem Inhalt Am liageschcijt wegen TJloed gegen den Jieichskaniiec und den Heichsjusdiministee Von einem hecuoccagenden deutschen Jucisten Seite 4 Hitler nicht Held, sondern Verrater- Die Todesfalle des Goebbels:- An der Spitze der neuen Femellste- Eine Million Dollar für Hitlers Flucht in Italien So wird es stdi vollenden! «8 werden, die du singen siehst, das Schwert in Händen traget», denn nichts als Kamps und wieder Kamps entringt sich diesen Tagen! Ein Requiem ist Rache nicht, ein Requiem nicht Siihne— oolö aber steht die Rächerin aus schwarzbehangner Bühne! Die dunkelrote Rächerin! Mit Blut bespritzt und Zähren, wird sie und soll und muß sie sich in Permanenz erklären! Tann wird ein ander Rcqniem den toten Opfern klingen— du rufst sie nicht, die Rächerin, doch wird die Zeit sie bringen! Ter Andern Greuel rufen sie! So wird es sich vollenden— Weh allen, denen schpldlos Blut klebt an den Heukerhändeut Es ist wenig mehr als ein Jahr her, da sagte er in einer seiner durch den deutschen Rundfunk verbreiteten Reden, in- dem er daraus hinwies, daß der Nationalsozialismus mit allen seinen Gegnern abrechnen werde:„Nur nichtdrängeln, es kommtjeder ran!" Röhm, Heines und Konsorten sind setzt rangekommen. Wir glauben, daß auch Herr Dr. Goebbels einmal rankommen wird. Nur nicht drängeln, lieber Doktor?„Es kommt jeder ran!" Tafsachenlierlclif ans München Freiligrath. in 4 Exemplaren Ins Ausland gelang! / „Es kommt teder dran Seit einigen Tagen erreichen die„Deutsche Freiheit- Briese von bisher führenden Nationalsozialisten, denen die Augen ausgegangen sind. Diese Briese wörtlich zu verössent- lichen» ist unmöglich. Wir haben nie in einen solchen Abgrund voll lodernden Hast und schäumende Wut über Führcrverrat, über schamlos gebrochene Freundestreue, über feigen Meuchelmord geblickt. Es mag jeder von uns je und je voll tiefer Empörung sein, so brennend wird nie jemand von uns hassen, so gierig aus Rache wird nie einer von uns sein können, wie diese betrogenen Landkncchtssührer. Es sind Män- ner, die nach 4 Jahren Blutarbeit im Kriege, nach 14 Jahren Freikorps- und Putschistenleben nu» endlich glaubten, frei ihrer Ueberzeugung leben und dienen zu können, und die sich nun von dem Manne belogen und betrogen sehen, dem sie gc- glaubt und den sie geliebt haben» wie ein göttliches Wesen. Einer dieser Briesschreibex behauptet, daß zahlreiche Füsilierte ohne jedes Wissen über den Ur- Heber der mörderischen Aktion gestorben seien. Sie hätten geglaubt, die Opfer eines Ausstandes gegen Hitler zu sein, und sie seien deshalb mit dem Rufe„H e i l H i t l e r!" in den Tod gegangen. Göring wird merkwürdigerweise in diesen Briefen kaum genannt. Der ganze Zorn entlädt sich gegen Hitler und Goebbels. Dieser„krumme Hund", wie seine bisherigen Ka- meraden den Herrn Propagandaministcr nennen, wird als der Zutrciber zu der Mordjagd bezeichnet. Er habe sich in seinen öffentlichen Reden und in seinen Privatgesprächen so gegeben, als sei er mit der rein legal geplanten oppositionellen Aktion der SA.- Führer ein- v e r st a n d e n. Er habe die zum Abschieben Gezeichneten genau nach derselben Methode verraten, wie zu Beginn seiner Lausbahn vor zehn Jahren Gregor Strasser, mit dem er sich zur Opposition gegen Hitler verbündet hatte und den er dann innerhalb einer Stunde verleugnete und verließ, um mit Hitler nach München z» fahren. Die jetzt Erschossenen und Verhafteten seien Partei- offiziell nach München eingeladen, seien von Goebbels in die Todesfälle gelockt worden. Daß kein„Putsch" vorgesehen gewesen sei, gehe daraus hervor, daß der Berliner Gruppenführer Ernst ahnungslos seine Hochzeitsreise ange- treten habe. Er habe sich bei der Parteileitung entschuldigt, weil er an der Münchener Besprechung nicht teilnehmen könne. Er habebeim Führer um Urlaub nachge- suchtunderhalten. Wahrscheinlich gehöre Ernst zn den- jenigen, die bei ihrer Erschießung fest geglaubt hätten, daß sie als Opfer eines Komplotts gegen Hitler starben. Einer der nationalsozialistischen Briese kündigt Femetatcn gegen die für die Morde Verantwortlichen an und nennt als ersten der zu Richtenden den Dr. Goebbels. In einem anderen Briese schreibt uns ein Anhänger des Kapitäns Ehr- hard, daß dieser seine Freunde schon seit Wochen planmäßig aus der SA. herausgezogen habe, um sie von den zu er- wartenden blutigen Wirren zu schützen und sie aus eigenes Kommando einsatzbereit zu haben. Ehrhardt selbst sei ,n- nächst ins Ausland gegangen, um die weitere Zersetzung des Regimes von draußen abzuwarten. Die nationalsozialistischen Briese bezeichnen übrigens ein- hellig die Schilderun« des Goebbels von dem persönliche« heldenhaften Eingreisen des Führers als Schwindel. Ehe wir nachstehend einem Augenzeugen über das Drama in Wiessec und in München das Wort geben^ eitz« kleine Er- hurernng jür Goebbels? München, 3. Juli.(Dieser Bericht geht in 4 Ausfertigungen ins Ausland). In unserrn Häuserblock wohnt einer von der Stabswache des Röhnischen Landhauses, der in der Münchener Bartholomäusnacht Wache draußen hielt. Dem Mann gelang es im letzten Augenblick, seiner Verhaftung zu entgehen. Er hält sich bei Freunden verborgen, um morgen ins Ausland zu fliehen, denn er will nicht auch gezwungen werden, sich seihst zu erschießen. Der unerwünschte Augenzeuge ist natürlich noch furchtbar verstört und wagt kaum etwas zu sagen. Nach und nach hört man aber doch, daß das offizielle Heldenepos, das Goebbels, der in eingeweihten Kreisen nur noch als„Verräter" bezeichnet wird, am Rundfunk vortrug, sich in Wirklichkeit ganz anders abgespielt hat. Als morgens die SS.-Autos, 6 Offizierswagen und drei Lastkraftwagen mit schwerbewaffneten Mannschaften und natürlich auch mit Maschinengewehren eintrafen(Hitler hat er nicht gesehen), wurden sie mit den üblichen Dienst- und Ehrenerweisungen empfangen, denn es konnte keiner im Hause ahnen, daß überhaupt irgend eine Aktion im Gange war. Zu diesem Tag war eine der üblichen Gruppenführerbesprechungen angesagt worden— ganz offiziell— denn zu einer Verschwörersitzung wird man nicht am hellen Vormittag mehr als 60 Mann einladen. Der wachthabende Offizier hatte keine Alarmbereitschaft befohlen, es schlief alles noch. Seit zehn Uhr abends war auch kein Telefonaufruf gewesen, der von den Vorgängen in München(dem Alarm der SA.) irgend etwas berichtet hätte. Im Gegenteil, Röhm hatte noch mit seinen Freunden einen kleine Abendspaziergang gemacht und sich in der Nähe des Postens mit Heines und zwei weiteren höheren Führern über die morgige Versammlung unterhalten. Es ging daraus hervor, daß man an Hitler mit neuen Vorschlägen herantreten wollte, denn die Unzufriedenheit der SA. war im Anwachsen begriffen. Wohlgemerkt,„Vorschläge"; von Waffengewalt war keine Rede. Ich hörte deutlich, wie Heines sagte:„Josef ist auch unserer Ansicht." Was sich an Orgien abspielte in dieser Nacht, darüber konnte der Mann nchts Besonderes be- dieser Nacht, darüber konnte der Mann nichts Besonderes be- ter als sonst." „Die SS.-Offiziere besetzten sofort sämtliche Räume, wir mußten das Haus verlassen. Während wir Röhm weder sahen noch hörten, schien sich Heines anscheinend zur Wehr zu setzen; der ihn verhaftende Standartenführer und er brüllten sich gegenseitig an, bis Heines bleich und nur mit Hemd und Hose bekleidet an uns, selbstverständlich gefesselt, vorbei in ein inzwischen eingetroffenes Panzerauto abgeführt wurde. Mehrere Schüsse fielen; ob damit jemand niedergeschossen wurde oder ob es Schreckschüsse waren, weiß ich nicht. Die Nacht-Wachmannschaft wurde dann auf ein Auto, das von SS.-Leuetn eskortiert war, ins Braune Haus— in München gebracht. Durch den Wirrwarr, der dort herrschte, gelang es einigen, zu entfliehen, noch bevor sie wußten, ob auch sie die Opfer dieses Terroraktes werden sollten. Die Münchener Zvilbevölkerung ist zwar äußerlich ganz ruhig, aber es schwirren soviel Gerüchte durch die Stadt, daß es schwer ist, die Wahrheit festzustellen. Wenn auch der „Völkische Beobachter" und die andern gleichgeschalteten Blätter Begeisterungstelegramme für Hitler veröffentlichten, im Braunen Haus herrscht eine Panikstimmung, da sich niemand die wahren Beweggründe für das Ermorden der treue- sten Kumpane erklären kann. Daß der„V. B." ein Bild von Hitler bringt, am Fenster der Reichskanzlei, den Vorbeimarsch der Reichswehr abnehmend,, an derselben Stelle, an der am 30. Januar 1933 stundenlang die SA. vor ihm salutierte, wird als endgültiger Bruch des Vertrauens be.trachtek Besonders auffallend ist, daß das Erschießen noch weitergeht und daß man ein paar Unterführer abknallt, die zuviel wußten, ebenso wie Heines und Röhm. Jeder furchtet den andern;„wer kommt morgen dran", das ist in allen Partei- stellen die Frage? Die katholische Bevölkerung ist mit Recht über die sittlichen Verfehlungen der Führer empört, denen sie ihre Kin- der zwangsweise anvertrauen sollten.„Hitler bat es doch schon immer gewußt, warum greift er jetzt ein, warum hat er seine Karriere auf diese schmutzigen Gesellen gestützt. Und man erinnert sich mit besonderer Genugtuung der Predigten des Kardinals Faulhaber, der vor der Rückkehr zu den alten Germanensitten gewarnt hat. Und es kursiert der Witz:„Die Ueberlegenheit der nordischen Rasse ist nur noch ein Schuß Pulver wert."„—...—. RcMistögcrmeisker Göring! Der deutsche Reichskanzler Hat Sie am Tage Ihrer erfolg- reichen Menschen-Treibjagd zum Reichsjägermeister ernannt. Der Ober-Reichsjägermeister war mit Ihnen zufrieden. Wir fragen Sie in Ihrer Eigenschaft als Reichsjäger, meister: Wieviel Menschen sind ans Ihrer Strecke geblieben? Insbesondere, wieviel Frauen habe« Sie abschießen lassen? Ein'Mann, wie Sie, läßt doch seine Jagdtriumphe nicht verkleinern? Heraus mit der Sprache! 241? Die deutsche Bartholomäusnacht Paris, 7. Juli. Wie sich„Journal" aus Berlin melden läßt, zirkulierte dort gestern in angelsächsischen Kreisen eine Liste mit den Namen der in der„deutschen Bartholomäus- nacht" getöteten Menschen, die die Zahl von 130 Personen umfaßte. Das gleiche Blatt meldet weiter, daß ausländische Zeitungen in Berlin an den Zeitungsständen wie frische Brötchen verlangt würden. Kaum seien sie in den Kiosken angekommen, da seien sie auch schon ausverkauft. Im übrigen seien sämtliche Schweizer und tschechischen Zeitungen bis zum 18. Juli verboten. * Eine neuere inoffizielle Liste enthält 141 Name» von Ermordeten. Wie Eraithreidi urteilt Außenpolitische Verschärfung und revolutionäre Perspektive-. Paris. 7. Juli. A. Seh. Während die angelsächsische Welt auf den blu- tigen Streich der Hitler-Göring-Goebbels in erster Linie mit moralischer Entrüstung erwiderte, hat die Pariser Presse vor allem politisch kalkuliert, die Folgen und Wir- kungen des neuen Kurses Hitlers berechnet. Das Schicksal der Hitlerschen Diktatur wird in starkem Maße dadurch bestimmt, wie sie durch Frankreich außenpolitisch behan- delt wird. Es kann kein Zweifel bestehen, daßHitler durch die Entmachtung der SA. auch einen außenpoli- tischen Effekt erzielen wollte. Mit der Sprengung der braunen Armee sollte auch das außenpolitische Kapital geschlagen werden, ein Austauschobjekt für Genf, für die Abrüstungskonferenz geschaffen. Die Rechnung ging fehl. Das einstimmige Urteil der französischen Presse war: erst jetzt recht keine Konzessionen an Hitler, er st jetzt recht wachsam bleiben! lieber die Motive des Hitlerschen Schlages gegen die SA. gibt man sich in Paris keine Täuschungen: sie wurde unterdrückt, nicht weil sie den europäischen Frieden ge» fährdete, sondern weil sie das nationalsozialistische Regime bedrohte, schrieb der„Excelsior". Die SA. sind nicht dem Frieden, sondern der Reichswehr ge- opfert worden. Die Durcksiebung und straffe Zusam- Wnsassung dei SA, gls Sinei^Mswehrieleive fläikt mtTttonfdje Schlagkraft des Hitler-Deutschlands. Unheim- Ilch wirkte in Paris auch die Schnelligkeit der Aktion. Wenn Hitler mit solchem Tempo und solcher Leichtigkeit den Schlag gegen seine eigene Gefolgschaft und seine eigene Parteiarmee führen kann, wie blitzschnell wird er nun ein fremdes Land überfallen können, dem gegenüber er nicht einmal durch die deutsche Treue ge- bunden ist. Daß die Macht der Reichswehr gewaltig zuge- nommen hat, daß die faschisierte Reichswehr zum Haupt- pfeiler des Systems gemacht wird, wird in Paris mit tiefstem Mißtrauen begegnet. Die Kombination B l o m berg- Hitler ist für Frankreich außenpolitisch und militärisch noch gefährlicher als die alte Kombination Hitler-Röhm. Wenn also Hitler versucht, die Unterdrückung der SA. zugunsten einer Stärkung der Reichswehr zum Ausgangspunkt einer außenpolitischen Normalisierung des„dritten Reiches" zu machen, so irrt er sich. Marschall Petain wird daraus mit der strafferen Zusammenfassung der militärischen Ressour- cen und Barthou durch den weiteren Ausbau des französischen Bündnissystems antworten. Frankreich organi- siert das kontinental-europäische Bündnissystem mit der Sowjetunion, der Kleinen Entente und der Balkan- Entente, stellt gleichzeitig die anglo-französische Entente wieder her, und verbindet beide Blocks miteinander. Im Lichte der deutschen Ereignisse erhält die Londoner Reise Barthous eine besondere Bedeutung. Aber Paris hat den Blutstreich von Berlin und München nicht allein außenpolitisch bewertet. Mit erstaunlicher Ur- teilssicherkeit hat die französische Presse den politischen und den sozialen Sinn des neuen Hitler-Kurses aufgedeckt. Hier hat sich die„marxistische" Erkenntnis weit über die Marxistenreihen hinaus ausgebreitet. Selbst die bürgerliche Presse erkennt an, daß diedeutscheKrise nurmitrevolutionären Mitteln gelöstwer- den kann, daß die Volksreoolution gegen Hitler eine soziale Revolution des Proletariats sein wird. Der keinesfalls linksstehende„Intransigeant" schreibt offen: „Der Gewaltstreich ist gegen die proletarischen Elemente geführt worden. Der National-Sozialismus ist im Zug sich in einen reinen Nationalismus zu verwandeln. Früher oder später wird sich aber eine Linke gegen die Rechte aus- richten, die Armen gegen die Reichen. Die deutsche Revolution steht er st in ihrem Anfang." Roch weiter geht Pierre Dominique in der„Republique", ier die Herausbildung einer revolutionären Volksfront er Besitzlosen gegen Hitler voraussagt: „Es geht nicht allein um die Kommunisten. Nein. Es geht auch nicht allein um die Marxisten—, sondern um alles, was überhaupt volkstümlich ist, um alle Unzufriedenen. Man sagt. Deutschland sei passiv, und doch hat es vor kur- zcm eine Wiener Kommune gegeben." Die Ueberzeugung bricht sich in Frankreich die Bahn, daß nur der Sozialismus Hitler stürzen kann, daß das deutsche Dilemma heißt: Hitler oder Sozialismus, und daß nach Hitler nur der Sozialismus kommen kann. In Frankreich reift selbst in den bürgerlichen Kreisen der Gedanke heran, daß erst die antifaschistische proletarische Revolution in Deutschland die Sache des europäischen Friedens sichern können wird. Damit wird die r e t t e n d e europäische Sendung der deutschen Revo- I u t i o n anerkannt. Die Gewißheit wird immer größer, daß die deutsche eRoolution nicht mehr wie 1918 vom Westen her unterdrückt wird, daß sie vom Westen her ent- lastet wird. Di« Manöver Aber es ist durchschaut • Paris, 7. Juli. Tie französische Presse sieht in der Art, wie die deutschen Zeitungen Frankreich beschuldigen, an dem sogenannten Schleicherkomplott gegen die Rcichsrcgicrung beteiligt zu sein, nichts anderes als ein Manöver, um die in Deutsch- laud allgemeine Entrüstung über das von Hitler. Göring und Goebbels ins Werk gesetzte Blut- bad gegen die TA.-Führer abzulenken. Darüber hinaus melnt man. daß der tiefere Sinn der Aktion sei, am Vorabend der Reise des französischen Außenministers Barthou nach London das französisch-englische Freundschafts- Verhältnis zu stören. So weist der Berliner Tonderbericht- erstatter des„Intransigeant" in der heutigen Ausgabe darauf hin, daß es merkwürdig sei, wie alle deutschen Zeitungen plötzlich am Donnerstagabend die„Enthüllungen über die Teilhaberschaft Frankreichs am Röhmkomplott" auf der ersten Seite im Fettdruck gebracht hätten. Es sei äugen- scheinlich, daß ihnen das Stichwort dazu durch einen Befehl von oben gegeben worden sei. Als dann das Dementi des französischen Bot- schasters in Berlin in den Freitagausgaben der deutschen Zeitungen erschien, habe man eS nur an versteckter Stelle gebracht, während man für die Beschuldigung die Buchstaben nicht habe groß genug wählen können. „Aber," so schließt der Berichterstatter des angesehenen französischen Blattes,„solche Mätzchen würden nicht dazu beitragen, Deutschland aus der Jsolie- riing z u befreien, in der es sich augenblicklich befindet. Hampelmann seldte Er strampelt immer noch Berlin, 7. Juli. Die Landcssührer des RS. Dcutichcn Frontkämpferbundes fStahlhelms traten in Berlin unter Leitung des Bundesführcrs, Rcichsarbcitsminister Franz Selbte zn einer Besprechung zusammen. Der Bundcsführcr gab dabei u. a. bekannt, daß er in einer längeren Besprechung mit dem neuen Ehef des Stabes, Lutze, die Gewißheit ge- wonnen habe, baß künftig der kameradschaftlichen Zusammenarbeit des Bundes mit der SA. keine Schwierigkeiten gemacht, sondern daß diese Zusammenarbeit gefördert werden würde. Die Tagung der Landcsführer en- dcte mit einem Bekenntnis für Adolf Hilter. # Paris, 7. Juli. Tie Pariser Morgenblättcr geben heute das Interview wieder, das der neue Stabschef der SA., Lutze, einem Vertreter des„Angriffs" gegeben hat, und in dem er den Abbau des Stabes angekündigt habe. Der„Ketit Von Sonntag zu Sonntag Ein Dildf über Meldungen und öerttdite: Angeblich 241 Tote- Der altge- wordene Papen und seine verhafteten freunde-Die llalienisdieNot-Million Berti«, 7. Juli. Nichts ist geklärt. Die Hintergründe der Schreckenstage sind in das gleiche Dunkel gehüllt wie bisher. Selbst die Prominenten widersprechen einander. In Flcns- bürg, auf dem geheimnisvollen nationalsozialistischen Par- teitage, versicherte Heß den dort versammelten Reichs- und Gauleitern, daß durch den Tod einer Anzahl von Meuterern ein„furchtbares Blutbad vermieden" worden sei. Ter neue SA.-Führer Lutze jedoch erklärt, es habe sich nur um eine Führerreoolte im ganz kleinen Kreise ge- handelt. Wann wird man die Wahrheit erfahre»? Sicher ist im Augenblick nur, daß zwischen R ö h m und Schleicher nicht der geringste konspirative Zusammenhang bestanden hat. Die Tat an Schleicher, an Klausencr und an anderen war nichts als ein retner Mord, Die Lesart, daß die Wirrnis des Mordtages von einigen Leuten benutzt wurde, um an Schlei- cher und anderen ihr persönliches Mütchen zu kühle», gewinnt immer größere Wahrscheinlichkeit. Diejenigen, die es wagten,»ahmen freilich an, daß sie von Hitler und Göring gebeckt würden. Es wird jetzt auch bekannt, daß von einigen Ministerien Warnungen an bestimmte Persönlichkeiten er- gangen sind. Die Zahl der Toten und Verhaftungen schwankt immer noch. Nach einem inoffiziellen Bericht soll sich die Gesamtzahl der erschossenen Personen auf 24 1 be- laufen. Angeblich ist eine offizielle Totcnlistc in Vorbe- reitung, die bisher SS Namen enthalten soll. Der erschossene pommersche Gauführer Hans Peter von Heydebreck, der in zahlreichen ostelbischcn Adelsfamilicn verschwägert ist, ging mit außerordentlichem Mut in den Tod. Er schritt, be- reits an der Wand stehend, den Gewehrläufen entgegen und rief:„Es lebe Deutschland!" Die drei Mitarbeiter des Vizekanzlers von Papen, von T s ch i r s ch k n, von T a v i g n y und Frl. von S t ö tz i n g c» sind freigelassen worden. Dagegen verlautei gerüchtweise, daß zwei Sekretärinnen Popens, junge adlige Damen, bei der Aktion in Popens Ministerium umS Leben gekommen feien. Papen selbst wird, wie„United Preß" zuverlässig erfährt, in den nächsten Tagen de» Reichspräsidenten von Hindenburg aufsuchen. Er hat von Hitler Beweise dafür verlangt, baß das Vorgehen gegen seine Mitarbeiter gerechtfertigt sei. Er soll durch die Ereignisse der vergangenen Woche außerordent- lich mitgenommen sein. Seine Freunde berichten, er sei sehr gealtert und mache in seinen Bewegungen den Eindruck eines Greises... Abgesehen von den Toten soll Ihn die Nachricht besonders erschüttert haben, daß sich nicht weniger als Sv Mitglie- der seines Herrenklubs, sast durchiveg PapcnS in- timc politische und persönliche Freunde in Hast befinden. Er macht sich über ihr Schicksal die allergrößten Sorgen. Noch eine sensationelle Meldung, aber keineswegs un- glaublich, kommt aus N e u y o r k. Man will hier in Finanz- kreisen erfahren haben, daß der Reichskanzler Hitler vor einigen Tagen eine Million Dollar nach Italien habe schassen lassen, die ein Grundstock der national- sozialistischen Partei für den„Notsal I" sei soll. Es ist nicht schwer zu raten, an was für einen„Notfall" gedacht wird. Im Saargebict befinden sich bereits einige SA.-Führer. die im letzten Augenblick der Niedermetzeln»» entronnen sind. Sic rechnen damit, daß bald neue Serien brauner Emigranten ringher um Teutschland Zuflucht suchen müssen. Bis die Stunde für die oberste» Führer selber kommt. Das iväre dann der„Notfall". Zwei edle Seelen Goebbels und Lutze Die in Briefen von Nationalsozialisten an uns auf- gestellte Behauptung, daß Goebbels und der neuernannte Stabschef Lutze zusammengearbeitet haben, und daß Lutze der Zwischenträger zwischen Goebbels und den„Verschworenen" war, wird durch einen besonders herzlichen Telegrammwechsel zwischen beiden bestätigt: „Ich freue mich, dich als neuen Ehef des Stabes der SA. begrüßen und beglückwünschen zu können. Ich sehe deine ersten Äu'qaben darin, dafür Sorge zu tragen, daß nicht offenevdergetar n tc Gegner die Möglichkeil haben, ihre Abneigung gegen den Nationalsozialismus an unserer im Kern und in der Masse braven und treuen SA. auszu- lassen. Denn die S A. i n i h r e r G e s a m t h e i t. vor allem öic alte Garde, mit der wir beide schon vor zehn Jahren im Rnhrgebiet Schulter an Schulter kämpften, hat mit dem Treubruch der beseitigten Hochverräter nichts zu tun. Sic ist anständig und intakt geblieben und wird unter dir als Chei des Stabes mit alter Bravour und Hingabc die Aufgaben meistern, die der Führer ihr. wie so oft in der Vergangenheit, so auch in der Zukunft stellen wird. Dazu wünsche ich dir und allen TA.-Kamcraden Glück und vollen Erfolg. In alter Kameradschaft Heil Hitler dein Josef Goebbels." „Ich danke dir herzlich für deine Glückwünsche. Immer war der TA.-Mann treu und ist auch heute noch der alte, nach- dem die Verräter gerichtet sind. To wie wir beide in den ersten Anfängen der Partei zusammenstanden, so werden wir auch in Zukunft immer zusammenstehen, zum Wohle der Bewegung und all ihrer Gliederungen. Ein Block des Willens! Eine Geschlossenheit des Zieles! In treuer Verbundenheit fteil Hitler dein Viktor Lutze." Von sodom nach Sparta Was ihnen niemand glaubt Der Oberpräsident in Ostpreußen Koch hat sämtlichen Regierungspräsidenten seines Bereichs erneut seinen Erlaß in Erinnerung gebracht und dessen unbedingte Durchführung zur Pflicht gemacht, worin von den Beamten sparta- nische Einfachheit i m Leben und Austreten verlangt wird. Gegen Zuwiderhandelnde soll nnnachsichtlich eingeschritten werden. Ter Erlaß stellt scst, daß, wenn die ärmeren Kreise Ostpreußens in Entbehrung und Not dem Neuansbau ihrer Heimat dienen, es unabweisbare Pflicht für die Beamten sei, sich selber das Gebot spartanischer Ein- fachheit und Schlichtheit aufzuerlegen. Besonders sei größte Zurückhaltung gegenüber Festlichkeiten und Feiern zu zeigen. Besonders das Leben der leitenden Beamten solle ein Vorbild der Einfachheit und Schlichtheit sein. DI« Berliner Und das Moralin der Mörder Paris, 7. Juli. Der Pariser Korrespondent des„Jour" bemerkt, innerhalb drei Tagen habe er nicht einen einzigen Berliner gesehen, der an den Anschlagsäulen die blutroten Plakate sich durchgelesen hätte, auf denen die 12 Artikel des neuen braunen Sittcnkvdcx abgedruckt seien: Hitler bringt sich in Sicherheit Der Reichswehrminister behütet ihn auf dem Schiff Aus Berlin kommt die Nachricht, daß der Reichskanzler Hitler in Kürze eine Norblandreise in Gesellschaft des Generalobersten von Blomberg an Bord des Kreuzers Deutschland unternehmen wird. Auf dieser Reise dürfte die endgültige Zusammensetzung der Reichsregierung ge- regelt werden. Wirklich nichts anderes? Wir haben einen anderen Ein- druck. Nämlich den, daß Rcichswehrminister v. Blomberg feinen heftig strapazierten Schützling Hitler aus den nordi- schen Gewässern in Sicherheit bringen will. Bon verschiedenen Seiten wird glaubhaft versichert, daß Hitler von zitternder Attentatsfurcht ergrilfen und nahezu zusammengebrochen ist. Er wagt nicht mehr, sich in der Oessentlichkeit zu zeigen. Seit Tonntag gab es keine Reden mehr, schallte keine brüllende und drohende Stimme mehr durchs Radio. Die deutschen Machthaber haben Angst vor dem unsichtbaren Mann vor dem Lautsprecher. Die Ähnlichkeit mit Wilhelm ist augenscheinlich. Wenn die Gefahr drohte, daß er politische Dummheiten machte, schickten ihn sein Ratgeber aus die„Hohenzollern", und dann segelte er in die nordischen Gewässer. Die alte Clique ist wieder am Ruder. Sie tröstet den„Volkskaiser" und macht inzwischen, was sie will. Der Außenminister v. Neurath hat eine besonders harte Aufgabe, bei der er nicht gestört sein darf: die Erledigung des Konflikts mit Frankreich. Hitler geht auf Nordlandsahrt, Papen ist beurlaubt— Deutschland wird in verworrenster Zeit gemäß dem Führer- prinzip regiert. Parisien" bemerkt dazu, dtels Interview sei deshalb sehr interessant, weil eS erkennen lasse, daß das Regime die braune Miliz in ein konterrevolutionäres Instrument um- bauen wolle. Diesem Ilmbau habe auch eine Sitzung gedient, die die Unterführer kkes Stahlhelm? in diesen Tagen unter dem Vorsitz ihres Führers Seldte in Berlin gehabt hatten. Selbte habe erklärt, er habe sich mit L uH e vollkommen ge- einigt. Daher komme es wohl, daß nunmehr alle Gegensätze zwischen Stahlhelm und SA. beseitigt seien. Unrnhc überall Von den Miesmachern zu Gerüchtemachern Leipzig, 7. Juli. iJnpreß.j Natt, den Drohungen der Poli- zeipräsidcnten von Essen und Recklinghausen veröffentlicht nun auch das Leipziger Polizeipräsidium eine Warnung gegen die„Gerüchtemachern":„Das Polizeipräsidium Leipzig hatte bereits durch Rundfunk die Bevölkerung gebeten, sich an der eingerissenen Geriichtcmacherei nicht zn beteiligen. Leider ist dieser wohlgemeinte Rat nicht befolgt worden Immer wieber tauchen an allen Enden und Ecken Ge-j rüchte auf... Das Polizeipräsidium steht aus dem Stand- punkt, daß jeder, der Gcrüchie erfindet oder verbreitet, die öffentliche Ruhe und Sicherheit gefährdet. Das Polizeipräsidium wird mit diesen Gerüchtemachern und -verbreitern entsprechend verfahren." nöbm Im Kriege Was in Lille erzählt wird Lille, 7. Juli. Hier haben einige Einwohner durch die aus den Zeitungen veröffentlichten Bilder von Rohm erkannt, daß dieser während der Besatzungszeit in Lille dem deutschen Stabe angehört habe. Sie rühmen sein vorbildliches Wesen, und Röhm soll u. a. einmal den Satz ausgesprochen haben: j „Als Soldat führe ich Krieg mit Soldaten. Ich finde es aber ehrlos, wenn man sich an waffenlosen Bürgern vergreist. Wir können nur feststellen, daß Röhm in Deutschland nicht nach diesem Grundsatz gehandelt hat. Sammeln! Sozialdemokraten und Kommunisten Paris, 7. Juli.„Illustration", ein hochangesehenes, fra»' zösischcs Wochenblatt, meint, wenn man an die wirtschaftliche Krise in Teutschland denke und in Verbindung damit an die Vorgänge, die sich in bcr letzten Zeit gegeben hätten, bans könne man schon allein zu dem Schluß kommen, wie groß die Ermutigung im Augenblick sein muß bei den alten Gegner» des Systems, den Kommunisten und Sozialdemo' kratcn, die nunmehr entdecken, daß der Besieger nicht unbesiegbar ist. Man könne darauf schließen, daß Deutschland nicht am Schlüsse seiner inneren Abenteuer stehe. An die..deutsche front! Heraus mit Euren Morderlannen! Die„deutsche Front" an der Saar befiehlt bei jedem Er- eignis, das sie für national bedeutend hält, großes Flaggen: Fahnen heraus! Wir vermissen schmerzlich die Flaggenparade zu Ehren der großen Rettungsaktion, die der Reichskanzler Hitler und seine Leibgarden zur Sänberung Deutschlands vollbracht haben. Die Zeitung„Deutsche Front" hat die Massenmassakers im Reiche als eine Großtat des deutschen Reichskanzlers gefeiert. Alle Zeitungen der„deutschen Front" haben fich überboten in Lobsprüchen aus den„Führer", haben die furchtbare Ge- fahr geschildert, in der sich Deutschland durch Verschwörungen von rechts und links und aus der Mitte befunden hat. Der eine große tapsere und gütige Mann, der gottgesandte Adolf Hitler, habe das Volk vor dem Bürgerkrieg, das Reich vor dem Untergang gerettet. Wenn es wahr wäre, gewiß eine Tat von weltgeschichtlicher Bedeutung! Der sogenannte Landessllhrer der„deutschen Front" hat dem Reichskanzler telegrafisch Treue geschworen für die, die in der„deutschen Front" noch nicht alle werden. Wo aber bleiben die Dank- und Siegesfahnen? Wir fordern die„deutsche Front", die Pirro und Röchling als Führer aus, großes Flaggen anzuordnen. Heraus mit eurem Mörderkrcuz! Heraus mit eure» Mörderlappen! Bekennt euch zu eures Hitlers Taten! Be- kennt euch zu den Morden ohne Zahl! Feiert das Hitler- deutsche Mordsest! „Deutsche Front" an der Saar: heraus mit de« Fahnen! Dnrdibrndi an der Saar Stimmung gegen die Mörder in allen Schichten Saarbrücken, 7. Juli. Der schon seit einigen Wochen fühl- bare Stimmungsumschwung an der Saar erweitert sich und vertieft sich. Er spiegelt sich in der Verlegenheit aller Zei- tungen der„deutschen Front" wider, die zwischen Roheit und Furcht schwanken. Hier im Saargcbiet, wo immerhin noch freie Gespräche nicht verboten sind, verlangen zahllose Mitglieder der„deutschen Front" von den Zeitungen, die zunächst die Gangster-Methoden totzuschweigen und dann zu verteidigen suchten, Ausklärung. Gestern sind empörte Leser einer hiesigen Redaktion, die gewagt hatte, die sozialistiich- kommunistischen Manifestanten als„Gesindel" zu beschimpfen, auf die Bude gerückt. Der Redakteur hatte ein so schlechtes Gewissen, daß er die Völkerbundspolizei und ihren„Emi- grantenkommissar" Machts zur Hilfe herbeirief, obwohl der- selbe Redakteur die Polizei und ihren Kommissar sonst jeden Tag zu verleumden und zu beschimpfen trachtet. Eine leise Ahnung von kommenden Tingen ist vorüber- gehend in die Redaktionsräume der„Saarbrücker Zeitung" eingedrungen. Das ist ein Organ, dessen Geschichte unter dem Titel„Nationale Presse und Charakter" geschrieben zu wer- den verdient. Die Etappen der Entwicklung dieser schönen Presseseele verlausen innerhalb zwei Jahrzehnten etwa so: Freikonservativ— nationalliberal— alldeutsch— Vater- landspartei— Organ des roten Arbeiter- und Soldaten- rates— frankophil mit Französierung der Firma in Hofer freres— öcmokratisch-republikanisch— Deutsche Volks- Partei mit wirtschaftsparteilichen Zebrastreifen— Deutsch- national— Stahlhelm— nationalsozialistisch. Ein Rlatt mit solcher Charakterempfindlichkeit hat eine feine Witterung. Gestern glaubte es, für die in seiner Leier- schast an Zahl bedenklich anwachsenden„Statusquoler" etwas tun zu müssen, indem es die Reichsregierung sehr sanft und ganz treuherzig und im tiefsten Vertrauen gehorsamst bat, doch endlich etwas über die reichsamtlichen Mordtage be- kannt zu geben, sonst— das wurde natürlich nur sehr ver- schämt angedeutet— gehe das Saargebiet verloren. Das war gestern die Furcht. Heute kommt zur Abwechse- lung die Roheit zum Wort. Die„Saarbrücker Zeitung" will den Berliner Gangsters beweisen, daß sie ihrer würdig bleibt. Darum bringt sie es fertig, an der Spitze ihrer heurigen Ausgabe über die vielen, vielen— wieviel eigent- lich?— ermordeten Opfer einen bebilderten blutigen Witz zu reißen. Das Blatt interessiert nur eines: lebt der in einigen Zeitungen totgesagte Polizeipräsident Graf Helldorf? Gott sei Dank, der wenigstens lebt. Darum veröffentlicht sie das Bild des faschistischen Helldorf, der strahlt und lächelt, weil ihn die Aktion des Reichsjägermeisters diesmal nicht erreicht hat. Unter dem Bild steht mit dem goldenen Humor, der in diesen Tagen jedes sonnige deutsche Faschistenhcrz erfüllen muß:„Ich bin tatsächlich noch nicht tot." Und die„Saarbrücker Zeitung" ist zufrieden. Wir sind es auch, weil die Bande sich so zeigt wie sie ist. und weil die von ihr selbst urkundlich niedergelegten Beweise einer schänd- lichen Gesinnung nicht verderben und nicht verjähren. Anderthalb Jahre haben Blätter wie die„Saarbrück-r Zeitung" die Greuel des deutschen Reichskanzlers und seiner Henkersknechte verschwiegen und die Opfer verleumdet. Nun hilft ihnen ihr Schweigen und ihr Witzeln nichts mehr. Das Blutmeer in Deutschland schwillt über, und so dringt denn aus breiten Blutströmen die Wahrheit auch an die Saar. Das Taargebiet ist für Hitler verloren. Ihn zu stürzen, ihn und alle seine Mitschuldigen auszutilgen und auszu- löschen, ist die erste Aufgabe aller wahrhaft Deutschen, ist auch das Ziel unseres Kampfes an der Saar. ver„Volkshanzier" Wen Gott verderben will, schlägt er mit Blindheit Juft in diesen Tagen veröffentlicht die früher katholische „Landeszeitung" in Saarbrücken folgenden Brief des Prä- loten A n h e i e r in Trier, der sich über die Unterdrückung der katholischen Jugend durch die Hitler-Jugend beschwert: „Die katholischen Jugendvereine stehen unter der Leitung der Kirche und können darum niemals vaterlandsschädlich sein. Derselben Ansicht ist auch unser Volkskanzler, der sich in einem feierlichen Bertrag ver- pflichtet hat, die katholischen Jugenbvereine in ihren Einrichtungen und Tätigkeiten zu schützen. SolangeesdeutscheTrcuegibt, solange Ver- träge in Deutschland heilig sind, so lange ein Kanzler wort gilt, so lange gibt es auch ein Recht der katholischen Jugend in Deutschland.... Ich bitte Dich, katholischer Junge und katholisches Mäd- chen in der Staatsjugend, hilf mir beten, damit nicht das Werk des V o l k s k a n z l e r s durch Ungesetzlich- keiten untergeordneter Organe sabotiert wird." Röchlings Militär-Spion Ein harter Schlag für die„deutsche Front" Metz, 8. Juli. Nicht nur dem Vorsteher der Röchlingschen Geheim- polizei, dem 42 Jahre alten Johann Radke aus Völklingen, sondern auch dem weiteren Angestellten Alois Frischmann wird militärische Spionage vorgeworfen. Beide sind bereits überführt und geständig. Mit ihnen ist ein 56 Jahre alter naturalisierter Franzose namens Otto Baltes aus Metz ver- hastet worden, der den Röchlingschen Angestellten das Mate- rial besorgte. Im einzelnen erfahren mir folgendes: Bereits seit längerer Zeit hatte die französische Geheimpolizei den natu- ralisierten Franzosen Otto Baltes im Verdacht der Spionage. Als man genügend Belastungsmaterial gesammelt hatte, packte die Geheimpolizei zu und verhaftete Baltes, der nach anfänglichem Leugnen seine landesverräterische Tätigkeit im Dienste Röchlings zugab. Mehrfach hatten Röchlings Agenten ihn aufgesucht, zweimal in Luxemburg, einmal war Röch- lings Generalsekretär, der berüchtigte Herr Rupp, selbst bei ihm in Luxemburg gewesen. Es handelte sich nicht nur um die Verschaffung von Material gegen flüchtige Deutsche, sondern auch um Auslieferung militärischen Geheimmaterials. Garantien iiir die Saar Auskunft Barthous DNB. Paris, 7. Juli. Im Kammerausschuß für auswärtige Angelegenheiten verlangte der Abgeordnete F r i b o u r g, daß in Saarbrücken ein französisches Generalkonsulat errichtet werde. B a r t h o u erklärte sich damit einverstanden. Fribourg verlangte weiter von Barthou eine Erklärung, daß die Festsetzung des Abstimmungstermins auf Januar dadurch bedingt bleibe, daß Deutschland die Verpflichtung einhält, Freiheit und Sicherheit der Saarländer zu achten. Barthou versicherte, daß das auch seine Ausfassung sei. Fribourg wies dann daraus hin, daß nationalsozialistische Kreise auf dem Standpunkt ständen, Deutschland habe hin- sichtlich der Garantien keinerlei Verpflichtung für Handlun- gen übernommen, die z w i s ch e n 1918 und dem 10. I a- nuar 1929 begangen wurden, also bis zu dem Tage, an dem der Völkerbund die Saarregierung übernahm. Abg. Fribourg fragte Barthou, ob die von Deutschland übernom- menen Verpflichtungen für den ganzen Zeitraum von 1918 bis 1933 gelten, worauf der Außenminister bejahend ant- ivortete. Auch erklärte sich Barthou mit der Forderung Fribourgs einverstanden, daß man möglichst bald für die Saarländer, die nicht abstimmungsberechtigt sind, die für Abstimmungs- berechtigte vorgesehenen Garantien erzielen müsse. 5 Jahre Gefängnis! Weil er über Hitler die Wahrheit sagte Die gleichgeschaltete Presse meldet: „Die 7. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin ver- urteilte den 85 Jahre alten Ernst Reitmann wegen Ver- gehens gegen die Verordnung zur Abwehr h e i m t ü ck i- scher Angriffe gegen die Reichsregierung zu einer Strafe von fünf Jahren Gefängnis Gerade der Ange- klagte hatte am wenigsten Veranlassung zu gehässigen Schimpfereien, als er eS der neuen Regierung zu danken hatte, daß er als Wohlfahrtsempfänger zu Not- ftandsarbeiten herangezogen wurde und dann bei Bauarbeiten am Alexanderplatz Beschäftigung fand." Für die paar Hnngerpfennige soll der Notstandsarbciter auch noch dankbar fein! vie Antwort der Schweiz Verbot hitlerdeutscher Zeitungen Bern, 7. Juli Als Antwort auf das Verbot mehrerer Schweizer Zeitungen in Deutschland hat der Rundesrat be- schlössen, aus 14 Tage die Einsuhr und den Berkaul der deutscheu Zeitungen„Angriff",„Völkischer B e o b- achter" und„Berliner B ö r s e n z e»t u n g" in der Schweiz zu verbieten. Wo bleibt die listet Die ganze Welt fragt— bisher vergeblich Paris, 7. Juli. Der Berliner Sonderberichterstatter des„Paris-Toir" er- klärt, die„Reinigung" im nationalsozialistischen Lager sei durchaus noch nicht deendet. Dieser Prozeß werde im Gegen- teil, ohne daß die Oeffentlichkeit davon in Kenntnis gesetzt werde, in aller Heimlichkeit fortgesetzt. Er erinnert daran, daß man vergeblich ans die längst von der Rcgiernna ange- kündigte Liste der ermordeten Nationalsozialisten und Ko«- servativcn warte. Der Korrespondent will deshalb»och ein- mal im Propagandaministerium vorgesprochen und zur Antwort erhalten haben, diese Liste werde in zwei oder drei Tagen veröffentlicht werden. Tie werde vollständig sein, denn man habe keinen Grund, sich über das Schicksal derer aus- zuschweigen, die Hochverrat begangen haben. Die Liste sei noch nicht herausgegeben, weil die Untersuchungen noch im Gange seien. Zahlreiche SA.-Leute werden noch vernommen. Wenn man die Liste derer, die schon abgestraft seien, veröffentliche, könne man dadurch diejenigen Parteimitglieder warnen, die viel- leicht als Mitverschworene in Betracht kämen und noch nicht ahnten, daß sie verdächtig seien. Der Korrespondent bezwci- felt, daß man auch in einigen Tagen die Wahrheit erfahren würde. Auf seine weitere Frage nach dem Gesundheitszustände des Reichspräsidenten von H i n d e n b u r g sei ihm erwiedert worden, es ginge Hindcnburg gut. Er habe eingeworfen, ob man vielleicht in Anbetracht seines hohen Alters mit Kom- plikationen rechnen müsse, ob nicht auch die Tragödie des 39. Juni solche Verschlimmerungen herbeiführen könnte?„Ge- miß", habe man im Propagandaministerium geantwortet. Der Korrespondent meint, Hindenburg sei durchaus nicht so gesund, wie von amtlicher deutscher Seite behauptet werde. Bon seinem Gesundheitszustand häng? es aber auch ab, ob die jetzt beendete Krise nicht sehr bald wieder auflebe. Wohl sei die Ruhe wieder hergestellt, aber für w>e lange? kragen ohne Antwort Man schreibt uns aus der Schweiz: Unfaßliches ist geschehen. Wie war das möglich, was in Deutschland vorging? Ist Nero wahnsinnig geworden. Oder braucht der neue deutsche Gott Blutopfer gleich der dunkeln Bhawani. Bisher glaubte man, bei allen Schrecken und aller Gewaltsherrschaft in Deutschland, daß zwar vieles gemein, schmutzig, heuchlerisch war, aber doch — menschlich, allzu menschlich. Man täuschte sich. Wohl waren Fememörder, Anormale. Rauschgiftsüchtige die ersten Männer an Macht und Einfluß, aber sie waren nur Schemen eines Unmenschen, der allein sie alle an Un- Menschlichkeit übertraf: Hitler. Nicht nur Freundestreue hat er gebrochen, nicht nur ein Volk betrogen und ge- täuscht, sondern die ganze Kultur, ja die Menschheit, die ein solches Wesen hervorbringen konnte, geschändet. Noch deutlicher: Hitler ist nicht die blonde Bestie Nietzsches, kein Uebermenfch, den man hasten, hasten und nochmals hassen und— trotzdem— als Gegner achten kann, sondern er ist die menschgewordene Niedertracht. Als alles bekannt wurde, war jeder zuerst unfähig irgend etwas zu begreifen. Wie ein Schlag mit der Keule wirkte das Ganze. Und noch heute haben Abscheu, Er- staunen, Verachtung. Zweifel, Aufruhr und Gefühlslosig- keit abwechselnd die Oberherrschaft im Empfinden vieler. Aber mit zunehmendem WiMrksjjren des klaren und überlegten Denkens und Einschätzens machen sich neben dem Vorsatze die Schmach an allem Guten, Stolzen, Men- schenwürdigen zu rächen, vor allem Fragen bemerkbar, viele Fragen— ohne Antwort. Als Mensch möchte man, daß die Menschengestalt Hitler wenigstens Gründe gehabt haben möchte, so zu handeln. Aber Hitler schweigt, und das Propagandaministerium schweigt. Ein Schweigen des Todes, und eine Stille vor dem Sturm. Man will wissen, was mar los? Will wissen, warum? Als Antwort: Allgemeine Phrasen von gebrochener Treue gegenüber dem Führer, von Verschwörung, von Verrat und Revolution. Reden von Säuberungsaktionen usw. Doch hört man noch so gar nichts Präzises. Was haben denn die Verschwörer genau geplant, wer war beteiligt, was waren die Ziele? Hitler wird immerhin seine Unterführer nicht für Trottel gehalten haben, ins Blaue hinein Revolution zu machen. Und um so einzu- schreiten, wie es geschehen ist, muß man doch ganz genau wissen, um was es geht. Also heraus mit der Sprache! Eine andere Frage: Wer sind die Opfer, wieviele, was hat jeder einzelne getan? Man hat Todesurteile am lau- senden Band ausgesprochen und vollzogen. Ist es zuviel, wenigstens eine Begründung dafür zu verlangen? Wenn Hitler glaubt, der Welt, dem Auslände, dem Nichtnational- sozialisten keine Antwort schuldig zu sein, so ist er doch eine Aniwoit schuldig seinen eigenen Leuten, ja dem Andenken der Ermordeten, denen er immerhin Etliches zu danken hat. Und noch eine Frage: Woher wußte die Regierung alles so genau? Wer hat die Leute vor die Revolverläufe ge- liefert? Wenn die Welt nicht denken soll, daß Provo- kateure ihr Werk getan, wenn noch einige Reste von deutscher Geradheit als noch bestehend gelten sollen, dann antworte man. Doch wenn es auf diese Fragen Antworten gäbe, die die Oeffentlichkeit erfahren darf, längst hätten alle amt- lichen Stellen sie in die Welt hinausgerufen. Doch nur Schweigen rings umher. Schweigen, Grauen und Eni- setzen. Vorher war ein Nebelschleier über Deutschland, jetzt ist es dunkle, sternlose Nacht. Nur die Eulen rufen schauerlich. Sie nennen es: Zukunft, Volk, Einigkeit, Führerschaft, Sauberkeit, und die Welt hört nur: Tod, Terror, Haß. Verrat, Unrat. Eines Tages aber, eines Tages, der auf die Nacht folgen muß, wird die Antwort erteilt werden auf die Fragen. Und die Antwort wird sein wie die Fragen: Keine Worte sondern Taten! Wer Wind sät, wird Sturm ernten, und wer seine Macht auf Blut baut, wird im Blut ersaufen. Für Hitler gibt es jetzt kein Zurück mehr: sein Weg wird weiter über Leichen führen. Hinter sich läßt er das Grauen, und das Entsetzen fliegt ihm voran. All do-> Blut wird wiederkommen, über ihn und seines- gleicher„Salibert", JJJ i lW Hr SfaaMwchr oder Nord? Anklageschrift Lesen den Reichskanzler und den Reichslustizminister von Nans Kilian Das deutsche NeichSkabinett hat am 3. Juli 1034 etn Gesetz „über Maßnahmen der Ttaatsnotwchr" erlassen, dessen einziger Artikel lautet:„Die zur Niederwerfung hoch- und landcsverräterischcr Angriffe am 30. Juni und am 1. und 2. Juli 1934 vollzogenen Maßnahmen sind als Staatsnotwehr rechtens." Das in Deutschland herrschende, von wenigen geschlichen Ausnahmen durchbrochene Legalitätsprinzip schreibt dieVcr- fvlgung strafbarer Handlungen von Amts wegen vor. Zur Beurteilung der Frage, ob eine Handlung strafbar ist, sind gesetzlich ausschließlich die Strafverfolgungsbehörden und die Strafgerichte berufen, die in jedem Fall des Ber- dachtS einer strafbaren Handlung die Verpflichtung zur An- klagccrhebung und, im Falle der Uebcrftihrung, zur Ber- «rteilung haben. Sine Korrektur dieses Prinzips stellt ledig- lich das Gnadcnrecht dar, das der Regierung für Fälle, ivo positives Recht und Rechtsidee in Wtederspruch miteinander geraten, die gesetzliche Möglichkeit der Beseitigung von Strafverfolgung oder von Verurteilung gibt. Dieses Gnaden- recht ist in der deutschen Gesetzgebung in Form der Nieder- schlagung von Strasuntersuchungen, der Amnestie und der Sinzelbegnadigung gegeben. Das Hitlcrreich hat das gesamte Bcgnadigungs- und Niederschlagungsrecht durch Gesetz vom 10. 2. 1934 dem Reichspräsidenten übertragen und durch das gleiche Gesetz bestimmt, daß Amnestien nur durch Reichsgesetz erlassen werden können. Daß die Beur- tcilung der Frage, ob eine bestimmte Handlung strafbar oder „rechtens" ist, einem Gesetze vorbehalten wäre, das ist weder in der deutschen Verfassungs- und Strakgesctz- gcbung, noch in der eines zivilisierten Staates vorge- sehen. Sin solches Gesetz hat in Wirklichkeit den Rechts- charaktcr einer Amnestie, es bedeutet das Eingeständnis, daß die Handlung strafbar war. Wäre sie das nicht ge- wcsen, dann brauchte man sich auch nicht in der Form der Legalisierung zu amnestieren. Dieses Eingeständnis, daß das Handeln der Hitler- regierung aus einer großen Zahl von Verbrechen be- stand, entspricht durchaus der Rechtslage. Wirkliche Staatsnotwehr verschaffte schon nach bisherigem Recht dem Täter ohne weiteres Straffreiheit, und zwar ohne jeden gesetzlichen Akt der„Legalisierung". Das Reichsgericht hat in seinen Entscheidungen in Strafsachen Bd. 01, S. 254, Vd. 02, S. 40, Bd. 03. S. 224, Bd. 04, S. 101 den Begriff der Staats- notwehr dahin anerkannt, daß zur Beseitigung eines„über- gesetzlichen Notstandes" Handlungen, die sonst einen straf- baren Tatbestand verwirklicht hätten, straflos begangen werden dürfen. Es hat solche„Staatsnotwehr" angenommen, wenn die Handlung„erforderlich", d. h.„das einzige zur Verfügung stehende Mittel der Abwehr" war. Um diese An- nähme zu rechtfertigen, mußt erstens ein gegenwärtiger rechtswidriger Angriff auf die Staatsgewalt vorliegen und zweitens durch ihn Verhältnisse geschaffen sein, die anders als durch Rechtsverletzung überhaupt nicht zur Durchsetzung der angegriffenen Staatsgewalt nild Rechtsordnung führen konnten. Es liegt auf der Hand,'daß nach dieser Lage der Rechtsprechung das Vorgehen gegen Röhm und Genossen, ganz besonders aber das gegen Schleicher, Straffer, Edgar Jung und gar das gegen den ehemaligen GcneralstaatS- kommissar von Kohr keineswegs Ttaatsnotwchr war. Weil die Regierung Hitlers das wußte, hat sie ihr Vorgehen zur Staatsnotwehr erklärt. Die? wäre völlig überflüssig gewesen, hätte wirklich Staatsnotwehr vorgelegen. Bevor man zu der Amnestierung in Form der Legali- sicrung griff, hat sich die Hitlerregicrung durch ihre Presse- organc mehrere höchst blamable Selbstbloßstellungen gc- leistet. Zunächst wurde erklärt, die Massakrierungen seien „st a n d r e ch t l i ch" gewesen. Es gibt aber in Teutschland bis heute kein Retchsstandrccht. Nur einzelne Länder haben eine Art Standrecht, so Preußen im Gesetz über den Belage- rungszustand vom 4. 0. 1851, Bayern im Kriegszustands» gcsctz vom 5. 11. 1912. Die Justizorganc des Standrechts sind nach preußischem Recht die außerordentlichen Kriegs- gc richte als Sondergerichte, in Bayern die Standge- richte nach dem Feuerbachschen Strafgesetzbuch von 1813. Eine Vcrrcichlichung des Rechtes des„Ausnahmezustandes" hat in Deutschland weder vor noch nach der„nationalen Revolution" stattgefunden: Vor dem Umbruch" benutzte man Art. 48 der Reichsvcrfassung als Mädchen für Alles, nachher gab man sich mit solchen„Kleinigkeiten" überhaupt nicht mehr ab. DaS Bestehen eines RcichSstandrechteS wäre aber die erste Voraussetzung seiner A nwendung ge- wcsen. Die Hitlerregierung hat nicht erst behauptet, Landes- befugnisse der preußischen oder bayrischen Regierung gc- braucht zu haben. Die Behauptung wäre auch zwecklos ge- wesen, da ja diese Landesbefugnisse auf dem Gebiet des Ein- schreitenS gegen strafbare Handlungen von Staatsanwalt- schaften und Gerichten auszuüben gcivesen wären. Eine weitere Mindestvoraussetzung der Anwendung eine? Stand- rechtes wäre dessen Berhängung durch Gesetz oder Vcrord- nnng vor Ausführung der„Maßnahmen" gewesen. Das in die Welt gesetzte Wort von den„standrechtlichen" Er- schicßungcn war also ein plumper Schwindel. Weiter erklärte man aber auch, eS habe sich um„k r i e g S- gerichtliche" Akte gehandelt und damit steht es nicht besser. Die militärische Gerichtsbarkeit besteht in Hitler- dcutschland nach dem Gesetz über die Wiedereinführung der Militärgerichtsbarkeit vom 12. 0. 1933 und nach der Militär- stra?«.erichtsordnung vom 4. 11. 1933 in Friedenszeiten nur bei strafbaren Handlungen von Milttärperfonen, in Kriegs- zeiten außerdem bei solchen von Kriegsgefangenen und Aus- ländern. Sie ist nur in einem genau geregelten Gerichts- verfahren zulässig. Es ist daher auch ausgeschlossen, die Er- schießungen als„kriegsgerichtlich" zu bezeichnen. Die Mitglieder der Reichsregierung, voran Hitler selbst, haben nach der Gesetzgebung des„dritten Reiches" keiner- lei I u st i z b e s n g n i ssc, mit alleiniger Ausnahme des Reichsjustizministers. Tic sind weder als Strasversolguugs- bchörde, noch als Zivil- oder Militärgericht, noch als im Kraftwagen wandernder Scharfrichter angestellt. Rechts- Pflegehandlungen, die sie anordneten oder ausführten, ivarcn daher Mord, soweit sie die Tötung von Menschen betrafen und nicht in gerichtlich anerkannter Ausübung des Staats- notwehrrechtes begangen waren. Ein solches Staatsnotwehrrccht hätte Hitler, wenn man sich ausschließlich an die amtlichen Darstellungen seiner Regierung und seiner Amtspresse hält, niemals gericht- lich zuerkannt werden können. Nach diesen Darstellungen hätten die Erschossenen hochverräterische Pläne projektiert, die noch nicht zur Ausführung gelangt seien, es hätten Besprechungen und Fühlungnahmen, darunter solche mit der Vertretung einer ungenannten aus- wältigen Macht stattgefunden. Die Hitlerregicrung hat nicht ernstlich behauptet, daß die Projekte in allergering- stem Umsang zur Ausführung oder gar zur Bollendung gelangt seien. Zur Niederschlagung der- artiger Handlungen eines Personenkreises, den die Hitlerregicrung selbst als„kleine Clique" bezeichnete, war eine Tötung ohne Gerichtsverfahren gewiß an sich schon nicht das einzige zur Verfügung stehende sichere Mittel. Es hieße der Hitlerschen Strafgesetzgebung ein sehr schlechtes Zeugnis ausstellen, wenn man dies be- haupten wollte. Die Hitlerregicrung hat daö deutsche Straf- recht und Strafprozeßrecht zur Bekämpfung politischer Delikte in der kurzen Zeit ihres Bestehens wiederholt in einer in Deutschland nie gekannten drakonischen Weise ver- schärft. Sic erließ zunächst die Verordnung vom 28. 2. 1933 „gegen Verrat am deutschen Volk und hochverräterische Um- triebe" fRGBl. I S. 85), sodann die Verordnung„zur Be- schleunigung des Versahrens in Hoch- und Landesverrats- fachen" vom 18. 3. 1933 fRGBl. I S. 131), weiter die Ber- ordnung„zur Abwehr tückischer Angriffe gegen die Regie- rung der nationalen Erhebung" vom 21. 3. 1983 fRGBl. l S. 132), die Verordnung„über die Bildung von Sonder- geeichten" vom gleichen Tage fRGBl. I S. 130), das Gesetz „über die Berhängung und den Vollzug der Todesstrafe" vom 29. 3. 1938 fRGBl. I S. 151), das Gesetz„zur Abwehr politischer Gewalttaten" vom 4. 4. 1933 fRGBl. I S. 102), die Verordnung„über die Beseitigung der Sonderbehandlung der Uebcrzcugungstäter im Strafvollzug" vom 2S. 4. 1933 fRGBl. I S. 232), das Gesetz„zur Abänderung strafrecht- licher Borschristen" vom 20. 5. 1933 fRGBl. I S. 295), das Gesetz„zur Gewährleistung des Rechtsfriedenö" vom 13. 10. 1933 fRGBl. I S. 723), das Gesetz„zur Aendcrung von Bor- schriften des Strafrechtes und des Strafverfahrens" vom 24. 4. 1934(RGBl. I S. 841). Nach diesem wahren Katarakt von Strafgesetz- Verschärfungen, einer in der modernen Welt noch nicht da- gewesenen Mischung von blasser Furcht und brutalstem Diktatorcnübermut waren u. A. mit der Todesstrafe bedroht: das gewaltsame Unternehmen einer gänzlichen oder teilweise» Einverleibung von Reichsgebiet in einen fremden Staat oder der Losreißung von Reichsgebiet,' das gcwalt- same Unternehmen einer Acnderung der Verfassung,' mit dem Tode oder mit lebenslangem Zuchthaus oder mit Zuchthaus nicht unter sünf Jahren das gewaltsame Unter- nehmen, den Reichspräsidenten, Reichskanzler oder ein Mitglied der Reichsregierung der verfassungsmäßigen Ge- walt zu berauben oder gewaltsam oder durch strafbare Hand- hingen an der Wirksamkeit zu hindern? die Verab- redung eines hochverräterischen Unternehmens? das In-, beziehungtretcn mit einer auswärtigen Macht zur Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens? der Mißbrauch anvertrauter öffentlicher Macht, das An- werben von Mannschaften oder das Einüben von Waffen zu diesem Zwecke: mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren das Ausfordern oder Anreizen zu einem hochvcrräte- rischen Unternehmen oder die sonstige Borbereitung eines hochverräterischen Unternehmens? mit Todesstrafe oder lebenslangem Zuchthaus oder Zuchthaus nicht unter zwei Jahren die Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens, wenn sie durch Herstellung organisatorischen Zusammenhalts betätigt oder auf Ausschaltung der Reichs- wehr oder der Polizei oder auf Beeinflussung der Massen durch Verbreitung von Schriften, Schallplatten, bildlichen Darstellungen usw. gerichtet, oder durch das Unternehmen der Einfuhr von Schriften, Schallplatte» oder bildlichen Dar- stellungen aus dem Ausland begangen ist. Neben diesen Strafen ist Geldstrafe„in unbegrenzter Höhe" und bei „Urhebern" und„Rädelsführern" auch Vermögenseinziehung angedroht. Man kann nicht sagen, daß sich das Hitlerregime durch diese vielfach geradezu wahnsinnigen Strafandrohungen fz. B. Todesstrafe schon wegen des„Unternehmens" der Ein- fuhr einer sozialdemokratischen oder kommunistischen Zeitung!) nicht in mehr als ausreichender Weise im Wege der Straf- und Strasprozeßgesctzgebung gesichert hätte. Allein dieser Stand der Gesetzgebung machte gegenüber der „kleinen Clique" die Statuierung einer„Staatsnotwehr" gänzlich überflüssig. Ebensowenig aber wäre ein StaatSnotmehrrecht abzuleiten ans den rein tatsächlichen Machtverhältnissen zur Zeit der„Maßnahmen". Der Hitlerregicrung war es nach ihren eigenen Angaben gelungen, den kleinen Kreis der Frondeure im Wege der schlagartigen Ueberraschung zu verhaften. Hatte sie ihn aber erst in Hast, dann war er im Hinblick aus sein angeblich beabsichtigtes hochverräterisches Unternehmen unschädlich gemacht. Die noch darauf folgende Tötung mar im Hinblick auf die große Speise- karte von Strasbestimmungcn, mit denen die Verhafteten beim Nachweis wirklicher Verschlungen vom Leben zum Tode befördert werden konnten, nicht das einzige Mittel der Abwehr, sie war also nicht„erforderlich" im Sinne der Rechisprcchung, demnach auch nicht legal. Man hat diese illegalen Akte nickt mehr, wie bisher, schamhaft gls.Er- schicßungcn„aus der Flucht" oder mit ähnlichen AuSredert gerechtfertigt, sondern zur Tcrrorwirlung das offene Ein» g c st ä n d n i s der gesetzlosen Füsilierung für erforderlich gehalten. Auch der dümmste Hitleranhänger wird beispielsweise nickt glauben, daß der hochbetagte ehemalige bayrische General» staatskommissar von ttahr, ein im Privatleben stehender pen- sionierter Beamter, mit Röhm und Genossen, die ihn auf das giftigste haßten, irgendwie konspiriert habe. Auch diesen glatten Meuchelmord hat derselbe Gürtner als Staatsnotwchr erklärt, der im November 1923 als bayrischer Justizminister Herrn von Kabr dienstlich unterstellt war und in seinem Namen die justizmäßige Niederschlagung des Hitler, putschcs zu leiten hatte. Dieser gänzlich verkommene Mensch, dessen Mangel an Pflichterfüllung in erster Linie das Durch- dringen der hitlerischen Hochverratsbewegung in Deutschland zuzuschreiben ist, hält, nachdem er für feine Treulosigkeit gegenüber der beschworenen Weimarer Verfassung und für seine vielen gesetzwidrigen Liebesdienste gegenüber den Hoch, Verrätern im„dritten Reich" das Trinkgeld eines ministe» riellen Schattendaseins erhalten hat, nicht nur seine angebliche juristische Autorität über diese Verbrechen, er erklärt sogar, sie seien die„P flicht" der Hitlerregierung gewesen. Er verrät damit nicht nur das deutsche Volk, sondern auch seine eigene dienstliche und persönliche Vergangenheit. Den:» schließlich war es eine Strafanstalt des Herrn Gürtner« in der Hitler wegen vollendeten Hochverrats saß. Bei soviel Zynismus wäre es eigentlich kaum zu verstehen, warum Gürtner-Hitler eine Deckung der„Illaßnahmev" durch ein getarntes Amnestiegesetz für erforderlich gehalten haben. Strafrechtlich war das von ihrem Standpunkt nicht nötig. Daß Hitler und seine Kreaturen für die Dauc v seines Regime? gerichtlich nichts zu befürchten haben, ergibt sich schon daraus, daß da. wo kein Kläger, auch kein Richten ist. Daß sie glaubten, dieses Gesetz werde ihnen für den Fall des Aufhören» des Hitlerrcgimes etwas nützen, i't doch kaum anzunehmen. Offenbar hat das Gesetz neben dc v propagandistischen Jnlandswirkung zunächst den Hauptzweck, Zivilrech tsansprüchc der Hinterblicbc« neu abzuschneiden. Hierfür genügte cS n i ch t, daß die Hand« lungen st r a f f r e i waren, denn dies hätte ihre zivilrcchtliche Unerlaubthcit nicht geändert. Eine solche scheidet für die Gerichte des„dritten Reichs" nur aus, wenn die Handlung „rechtens" war. Zum Mord gesellt sich alio der Rechts- raub gegen die Familien der Opfer. * Erstaunlich ist an alledem nur das sichtliche Staunen der Welt, daß solche Tinge in Deutschland geschehen, und daß sie durch Hitler geschehen. Immer wieder hat die Legende, Hitler sei besser, klüger, humaner, staatsmünnischer als seine Leute, in der Welt außerhalb Teutschlands und erst recht natürlich in Dcutschland selbst Gläubige gesunden. Diese sind das Opfer einer im höchsten Grade verlogenen Propaganda. Hitler hat nach seinen eigenen Worten in„Mein Kampf" seine Propaganda aus das Niveau des d ü m m st e n Partei- angchörigcn eingestellt. Er begann seine Karriere in Teutjch. fand mit einer Gesängnisstrafe wegen LandtriedenSbruch.', für die er Bewährungsfrist erhielt. Er wurde in der Folge wegen vollendeten.Hochverrats verurteilt, wiederum aber int Vollzug durch frühzeitige Begnadigung und gesetzwidrige Nichtausweisung geschont, wiewohl ihm Bruch seines Ehren- wortcs nachgewiesen war, ein Mittel, mit dem er auch in der Folge nicht sparte. Er lohnte die Milde des Staates durch hemmungslose Propaganda für den Umsturz der gesetzlichen Ordnung und durch provokatorische Auszeichnung politischer und krimineller Mörder. Er machte einen vertierten Ber- brccker, wie den Fememörder Heine?, zum Gauleiter seiner Partei und in der Folge zum Rcichstagsabgcordneten, zum Obergruppenführer und, zu seiner unauslöschlichen zum Präsidenten der Polizei einer deutschen Großstadt v i alter Kultur. Er berief den wegen Fememordes rechtskräu g zum Tode verurteilten Oberleutnant Schulz in die Reich.- leitung seiner Partei und ließ ihn in den deutschen Reichstag wählen. Er nannte die Mörder von Potempa, deren viehische Roheit das Gericht in seinen Todesurteilen hervorgchob n hatte, sein„Kameraden" und versicherte sie„unbegrenzter Treue". Er durste in der Weimarer Republik ungestraft und »»gerügt vor dem höchsten deutschen Gericht mit Mord drohen, indem er von den„in den Sand rollenden Köpfen" sprach. Er amnestierte, kaum zur Macht gelangt, alles, was an Verbrechern gegen das Leben, an Sprengstossverbrcchern und sonstigen Kapitalverbrechern noch in Zuchthäusern und Gefängnissen saß, soweit die Betreffenden nur seiner Rick- tnng angehörten. Er billigte im voran? und verherrlichte nach der Ausführung eine jede Roheit und Gewalttat, wenn sie nur seinen politischen Gegnern galt. Er unternahm nichts gegen die Menschenschinder und Mörder, die Hunderte und Taufende von„Schutzhaft"-Gefangenen marterten, erniedrig- tcn und umbrachten. Er nahm seinen Gegnern jedweden Schutz und jedwede Garantie der Rechtsordnung, von der persönlichen Sicherheit über Ehre, Vermögen, StaatSange- Hörigkeit war und ist kein RcchtSgut vor dem willkürlichen Zugriff seiner Horden sicher. Er beseitigte die Freiheit der Wissenschaft, des Lehren? und Lernens, der Kunstübung, der Presse, des Bekenntnisses, der Meinungsäußerung. Er ruinierte mitleidlos viele Tausende nur wegen ihrer Ab- stammung und vernichtete auf den verschiedensten Gebieten deS Lebens geordnete Existenzen am lausenden Band. Er nennt einen Lumpen vom Tiefstand eines Streicher seinen Freund. Die Welt tst zu abgestumpft, um sich jeden Augenblick des Höchstmaßes an Barbarei bewußt zu sein, das Hitler und sein Kreis verkörpern. Erst die beispiellose Schändung von Recht und Sitte, die ihre letzten„Maßnahmen" bewiesen, haben wieder eine gewisse aufrüttelnde Wirkung gezeitigt. ES ist dringende Pflicht, dafür zu sorgen, daß sie nicht so bald wieder der Lethargie des Alltages Platz macht und daß die moralische Isolierung des„dritten Reichs" in der gesamten Kulturwelt durch sie beschleunigt wird. Schleichers Toi und Beisetzung Die Gestapo lUhrte die Trauernden irre.... Brüning in Lugano Vor drei Wochen reiste der frühere Reichskanzler Brüning nach London. Man erinnert sich der Kombi- Nationen, die daran geknüpft wurden. Von katholischer Seite wurde behauptet. Brünings Londoner Reise sei, in Vor- ahnung kommender Dinge, nicht? als eine Flucht. Bon ande- rer Seite ivnrde das jedoch entschieden bestritten. Brüning wolle in London einige Freunde sprechen und sich im übrigen ein wenig erholen... Jetzt hat Brüning London verlassen. Aber wohin ist er vereist? Nicht nach Berlin zurück— sondern nach Lugano, am schönen Schweizer See, wo es keine ST.-Männer gibt. Wir stimmen jenen Katholiken, die der Ausfassung sind, daß sich unter den Leichen in Berlin auch die Brünings befunden hätte, durchaus zu. Brüning hätte das Schicksal seines Glaubensfreundes K l a» s e n e r geteilt. Es bestätigt sich, daß die Leiche Klauseners den Familienangehörigen nicht ausgeliefert wurde. Sie erhielten eine Mitteilung, daß die Leiche ein- geäschert worden sei. Sonst nichts! Jetzt ist man bereit, der Familie die Aschcnurne zu übergeben... Ungewiß ist das Schicksal des Mitgliedes der früheren Brüning-Regierung Trcviranus. Man behauptet, es sei ihm geglückt, nach London zu fliehen, andere Meldungen besagen, er befinde sich in Haft. Der frühere Reichskanzler und General von Schleicher hatte im Oktober der Stadt Frciburg i. B. einen Besuch ab- gestattet und sich bei dieser Gelegenheit in das goldene Buch der Stadt eingetragen. Der Oberbürgermeister hat jetzt angeordnet, das den Namen tragende Blatt aus dem goldc- nen Buch zu entfernen, da die Erinnerung an Staatsfeinde nicht verewigt werden dürfe. Auch wurden die Bilder vom Besuch Schleichers aus der städtischen Sammlung entfernt. # Nur ein kleines Mißverständnis Die Rcichsregierung hat dem Bischof von Berlin ihr Be- dauern darüber ausgesprochen, daß die Erschießung Dr. Klauseners die»Folge c i n es M i ß v e r st ä n d n i s s e s" gewesen sei. Bischof Dr. Rares kann von Glück sagen. Er befand sich in den Mordtagcn gerade auf einer Firmungsreise in Pommern. Sonst wäre er vermutlich auch das Opfer eines Mißverständnisses geworden und infolge eines Mißverständ- nisscs nachher verbrannt wordeir. „Unfähig, ehrlos und Korrupf Wer die Wahrheit weiß... Breslau, 7. Juli. Wie die Pressestelle de? ObcrprSsidcnten für Schlesien mitteilt, ist der Verleger des„Jauerschen Tage- blattes", Rudolf Niescher, auf Anordnung des Ober- Präsidenten in Schutzhaft genommen worden, weil er am 80. Juni in Jauer durch Verbreitung von Schriftstücken führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens beleidigt hat, indem er sie, in der Absicht, die Bevölkerung zu beunruhigen, als unfähig, ehrlos und korrupt bezeichnete. . Ueberfailene" Mordnazis Ein junger Kommunist erhält 14 Jahre Zuchthaus Chemnitz, 7. Juli. Das Chemnitzer Schwurgericht fällte in der heutigen Verhandlung gegen den 21jährigen Kommu- nisten Kasparick folgendes Urteil: Der Angeklagte wirb wegen Totschlages zu 14 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt. Kasparick hatte angeblich in der Nacht zum 7. November 1032 mit 40 vis 50 weiteren Kommunisten eine Gruppe von sieben Nationalsozialisten überfallen, nnd dabei den Schar- sührer Oskar Mildner durch Messerstiche so schwer verletzt, daß dieser an den Folgen der Verletzungen starb.. Deufsdie Konsuln ,Vor sensationellen Enthüllungen in Amerika Nenyork, 7. Juli. Senator Mac Eornick an? Massachusetts, der den Borsitz in der Unterkonimission des Die Koionialagitallon Für das größere Deutschland Die Agitation für die Wiedergewinnung der ehemaligen deutschen Kolonien nimmt immer stärkeren Umfang an. In den„Preußischen Jahrbüchern" publiziert Paul Rohr- dach eine ausführliche Abhandlung, die vor allem davon ausgeht, daß in Ententekreisen und bei den Neutralen „Stimmen zur kolonialen Revision" laut geworden sind. In den im allgemeinen selbst heute noch ruhig gehaltenen „Preußischen Jahrbüchern" vermeidet es Rahrbach, beut- sicher zu werden, dennoch ist es deutlich genug, wenn er sagt:„Das Rückgabeproblem hier auf Grund der politi- schen Gegenwartslage zu erörtern, ist jedoch nicht meine Absicht. Tie Zeit dafür wird erst gekommen sein, sobald bestimmte Vorfragen der großen Politik ihre Be- antwortung gefunden haben." Rohrbach führt weiter aus, daß der Kolonialbesitz vielen hunderttausend Menschen in der Heimat Arbeit geben könnte. Man sieht bereits beut- sich, mit welchen Schlagworten die kriegerischen Entwich- lungen der Zukunft eingeleitet sein werden. Noch deut- sicher als in den„Preußischen Jahrbüchern" spricht Rohr- dach im„Wirtschaftsdienst"(24):„Als vor einem Jahr in Daressalam ein deutsches Konsulat eingerichtet und die schwarzweißrote Flagge gehißt wurde, strömten die Schwarzen herbei und riefen: Unsere Fahne, Goit hat sie wieder gebracht! Wir wissen, daß wir die beste Einge- borenenpolitik in Afrika gemacht haben, darum gibt es für uns auch eine Pflicht, in diese Aufgabe zurückzukehren und der Treue, die uns unsere schwarzen Schutzbefohlenen be- wahrt haben, die gleiche Treue zu halten." Rohrbach steht nicht allein. Es stößt der bekannte Ratio- nalökonom der Freiburger Universität. Robert Lief- mann, in das gleiche Horn:„Eine Neuverteilung der wirtschaftlichen Interessensphären, nicht nach den äugen- b l i ck l i ch e n militärischen Machtverhältnissen, sondern nach der Wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit per Nationen Von hinten erschossen Ein mit der Familie des Generals Schleicher besrcun- deter Gewährsmann gibt der Basier„National-Zeitnng" die folgende Darstellung des Uebersalls: Schleicher wurde weder im Schlafzimmer, noch am Mittagstisch, sondern Samstag vormittag an seinem Schreibtisch erschossen, und zwar von hinten. Es sei nicht wahr, daß er selbst zur Waffe gegriffen habe. Frau Schleicher, die herbei eilte, geriet gleichfalls ins Feuer. Der General starb auf dem Transport ins Kranken- haus Nowawes, Frau Schleicher erst nach ihrer Einlieferung, und zwar nachdem sie ihre Mutter, die herbeigerufen worden war, über den Hergang des Attentates noch in kurzen Stich- Worten hatte aufklären können. Am Abend vor seinem Tode saß General von Schleicher mit zwei befreundeten Familien in seiner Villa zu Neubabelsberg bis in späte Nachtstunden hinein vergnügt und harmlos zusammen, jedenfalls nicht ein Mann, der unmittelbar vor dem Begehen eines großen Staatsverbrechens stand. „in aller Stille verscharrt" Die Gestapo untersagt die Beisetzung im letzten Augenblick— Niemand durfte die Leichen sehen Berlin, 6. Juli. General von Schleicher und seine Gattin sollten ein schlich- tes Begräbnis im engsten Kreis finden. Bis zur letzten Minute war aber nicht zu erfahren, wo die Beerdigung stattfinden sollte. Man konnte auch nicht erfahren, wo die Leichen ausbewahrt sind. Einmal hieß es, in der Leichenhalle in Potsdam, ein andermal in der Kadettenanstalt in Lichter- felde, wo die Erschießung der SA.-Leute erfolgt ist. Man war also auf persönliche Recherchen angewiesen, um über- Haupt etwas zu erfahren. Die Leichen der Erschossenen befinden sich in der Kadetten- anstatt in Lichterfclde. Auf den ersten Blick schon ist dort für den Besucher zu sehen, daß Ungewöhnliches vorgeht, Polizcibcamte gehen auf und ab. Zirka 200 Personen stehen zerstreut und in Gruppen und warten. Vor dem Eingang Senats zur Untersuchung der Hitlerumtriebc In den Ver- einigten Staaten führt, kündigt sensationelle Veröfsent- lichungen an. Es wird nachgewiesen werden, daß mehrere deutsche Konsuln große Summen verteilt hätten, um Zwie- tracht unter den Amerikanern zu säen. Die Direktiven dazu habe das RcichSarbeitsministerium in Berlin ausgegeben. Judenpogrom steckt dahinter Wie die deutsche Fresse darüber berichtet Am Freitag vormittag begann, so berichtet die„Frank- furter Zeitung", vor dem Schwurgericht in Wiesbaden die Strafsache gegen Reichart und Genossen wegen Körperverletzung usw. Für die Anklage sind mehrere Sttzungötage vorgesehen. Insgesamt 15 Angeklagten wird vorgeworfen, daß sie in Idstein am 20. März gemeinsam und fortgesetzt handelnd vorsätzlich und rechtswidrig einen Menschen des Gebrauchs persönlicher Freiheit beraubt hätten, ivobei durch die während der Freiheitsent- ziehung erfolgte Behandlung der Tod ver- ur sacht worden ist, ferner geht die Anklage dahin, daß Angeklagten durch teilweise dieselbe Handlung vorsätzlich einen Anderen körperlich mißhandelt und an der Gesundheit geschädigt hätten, ivobei durch die Körperverletzung der Tod verursacht wurde: schließlich wird den Angeklagten zum Vor- wurf gemacht, daß sie einen Anderen widerrechtlich durch Gewalt nnd durch Bedrohung mit Verbrechen und Vergehen zu Handlungen, Duldungen und Unterlassungen genötigt hätten, Verbrechen zu begehen. Die Angeklagten sind in Haft. Die Zahl der geladenen Zeugen beträgt S0. Als Beweisstücke sind vorhanden ein wäre eines der wichtigsten Mittel, über die Weltwirt- schaftskrise hinwegzukommen. Eine Abschlagzahlung darauf wäre die Rückgabe der deutschen Kolonien, die vor allem auch aus politischen Gründen gerechtfertigt ist." Daneben werden nun systematisch Berichte über die wirtschaftliche und politische Lage der ehemaligen deutschen Kolonien verbreitet, die, wenn man die Statistiken und Bilanzen vergleicht, deutlich die Zeichen rhrer agitatorischen Entstellung an sich tragen. So z. B. wird im„Wirtschastsdienst" behauptet, daß die Camoaner keine andere Sehnsucht haben als die, wieder von den Deutschen beherrscht zu werden, da die neuseeländische Verwaltung durch übelste Mißstünde gekennzeichnet sei. Im übrigen erfahren die Samoaner gleich, was ihrer wartet: vor allem der Schutz ihrer Rassenreinheit, denn mißfällig wird bemerkt, daß sie sich mit Melanesiern und Chinesen vermischen. Der Führer der Samoaner ist gar ein Mischling namens Olaf Nelson, sein Vater war Schwede, seine Mutter Samoanerin. Die von ihm geleitete samoanische Partei wird als Bundesgenossin von den hitlerschen Kolonialimperialisten in Anspruch genommen. Immer seltsamer werden Hitlers Bundesgenossen: Polacken in Warschau, Welsche in V enedig, Neger- bastarde, kurz nicht einmal die Rassenreinheit nimmt das Regime mehr ernst. Unter den deutschen Farmern und Kaufleuten der ehe- maligen Kolonien hat man schon seit Iahren Agitation getrieben: zuerst der VdA., der auch heute noch dort, wo offener Nazismus inopportun ist, seine Ortsgruppen hat, dem aber sonst schon offene Nazigruppen gefolgt sind. Be- sonders aufschlußreich ist ein Bericht aus Südafrika, den ebenfalls der„Wirtschaftsdienst" wiedergibt:„Durch den im Mai vom Landesrat gefaßten Beschluß der südafrikani- schen Regierung, die Einbeziehung des C-Mandatsgebietes 'in die Union als fünfte Provinz zu empfehlen, ist der müh- sam bisher erhaltene politische Friede zwischen den Weißen wieder schwer gestöxz worden. Tie v otWnh ige Zwei, stehen mehrere Damen in tiefer Trauer. Einige in Schwarz gekleidete Herren mit Zylinder kommen in Taxis an. Bald sind etwa ein Dutzend Personen versammelt. Die kleine Ge- meinde wartet. Auch ein evangelischer Prediger im Trauer- ornat kommt an. Man sieht zwei, drei bekannte Gesichter aus der Zeit der Kanzlertätigkeit des Generals von Schleicher. Es sind Reichswehrossiziere in Zivil, die nach seinem Abgang pensioniert wurden. Die Schwiegermutter des erschossenen, gewesenen Reichskanzlers und auch das zehnjährige Töchter- chen seiner Gattin, das auS der ersten Ehe stammt, sind nicht anwesend. Die Trauergäste sind blaß und unruhig. Große Trauer spiegelt sich auf ihren Gesichtern. Als der Leichenwagen nicht eintrifft, werden Erkundi- gungen eingezogen, und bald stellt es sich heraus, daß die geheime Staatspolizei die Beerdigung in der letzte» Minute untersagt hat. Tie soll später stattfinden, wann, weiß niemand. Ratlosigkeit herrscht auf den Gesichtern der Anwesenden. Jemand geht ans Telefon. Vergeblich! Der Entschluß der geheimen Staatspolizei ist unerschütterlich. Niemand protestiert! Die Trauergäste fügen sich, besteigen die Autos und ziehen sich, einzeln wie sie ge- kommen, zurück. Dann zerstreut sich auch die Menge. Erst am nächsten Tage erfolgte die Ausklärung. Schleicher und seine Gattin wurden nachmittags„u n a u f s ä l l i g" beigesetzt. Die Trauerfeierlichkeiten fanden in einer kleinen Kapelle in Lichterfelde statt, die nicht weit entfernt ist von jener früheren Kadettenanstalt, wo seit Samstag minde- stens zwanzig SA.-Ftthrer erschossen wurden. An den Trauerfeierlichkeiten nahm nur ein ganz kleiner Kreis von Freunden nnd Verwandten teil. Marianx Verbindungsmann? Berlin, 7. Juli.(Eigenbericht.) Bekanntlich wurde am vorigen Sonnabend in Berlin der Pariser UUstein-Korre- spondent, Mariaux, verhaftet, als er das Büro des Vize- kanzlers von Papen betrat. Wie wir nun aus ganz sicherer Quelle erfahren, ist Mariaux derjenige deutsche Journalist, der, wie von der„United Preß" in diesen Tagen verbreitet wurde, in Paris als Verbindungsmann des Generals von Schleicher zu gewissen französischen Kreisen angesehen wird. Pfahl, ein Plakat, Kleidungsstücke und Gummiknüppel. V e k Beginn des Prozesses wurde die Oesfentlich- k e t t ausgeschlossen. * Kein Wort davon, daß in Idstein ein wüster Juden» p o g r o m mit„Todeserfolg" war. Nie hat eine deutsche Zei- tung darüber berichten dürfen. Darum muß jetzt auch der Prozeßbericht die Wahrheit enthüllen. Unter falschem Verdacht Gegen eine Emigrantensiedlung Paris, 7. Juli.„Jour" bringt heute einen längeren Artikel, in dem er gegen eine deutsche Siedlung polemisiert, die unter dem Namen„Grand Canau" in der Gegend von Bor- deaux geplant war. Als Leiter dieser Siedlung wird der berühmte deutsche Nationalökonome Professor Franz OppeN- heimer genannt.„Jour" meint, es handle sich um eine mehr als versteckte Spionage aegen Frankreich. Deshalb habe die zuständige Behörde die Auflösung dieser Siedlung verlangt und sämtliche Siedler aus Frankreich ausgewiesen. ♦ Wie wir dazu von gut informierter Seite erfahren, hat tatsächlich Professor Opnenheimer von der besten Absicht be- seelt, ursprünglich für diese Siedlung bei Bordeaux Propa- ganda gemacht, sich aber schon vor langer Zeit von diesem Unternehmen zurückgezogen. Tatsächlich wird jeder, der die Person Openheimers kennt, wissen, daß dieser nichts mit einer Spionageangelegenheit zu tun haben könne. drittelmehrheit wurde im Landesrat nur durch die Nicht- beteiligung der Deutschen erzielt: diese hatten den parlamentarischen Arbeiten den Rücken gekehrt, nachdem die Vereinigte Partei der Buren und Engländer erklärt hatte, sie hielten sich nicht mehr an das sogenannte Kapstädter Abkommen von 1932 gebunden, in dem das Deutsche als dritte Landessprache anerkannt und die Karenzfrist für die Einbürgerung von fünf auf drei Jahre herabgesetzt wurde. Die Legislaturperiode des Landesrates wurde bis Mitte Juli 1934 verlängert, um den neuen deutschen Staats- bürgern die Möglichkeit zur Teilnahme an den Wahlen zu geben. Seitdem aber die deutschstämmige» Südwester sich im nationalsozialistischen Sinne im Deutschen Bund unter Durchführung des Führerprinzips zusammengeschlossen haben, was natürlich nicht ohne intensive werbende Vor- arbeit möglich war. meinen Engländer und Buren in dieser starken und aktionsfähigen Gruppe eine Gefahr für den internationalen Status des Mandatsgebietes zu sehen. Im Herbst letzten Jahres wurde ein sogenanntes Antiterror- gesetz beschlossen, das aber erst im Februar dieses Jahres die Genehmigung der Union erhielt und mit den in ihm ge- gebenen Möglichkeiten des Organisations-, Uniform-, Ab- zeichen- und Propagandaoerbotes offensichtlich einseitig gegen die Deutschen gerichtet ist. Der Administrator hat sich vorläufig auf das Uniformverbot(ausgenommen für die Jugend) beschränkt... Es steht zu hoffen, daß sich die Engländer und Buren in Kürze von der Grundlosigkeit ihrer Besorgnisse vor ausländischen Einflüssen in der süd- afrikanischen Politik überzeugen und den Deutschen(die sich durch den Austritt aus dem Landesrat desinteressiert erklärt haben) wieder die Mitarbeit für das gemeine Beste ermöglichen werden. Denn auf die Dauer wird es ohne die Deutschen nicht möglich sein, voranzukommen." Besonders heftig ist die Agitation gegen die von Frank- reich verwalteten Kolonien. So behauptet z. B. der „Wirtschastsdienst", daß die Bevölkerung Kameruns in; ständigst Rück gang beg riffen und d ergleichen, j- i « Das bunte Vlatt Sonntag Montag, 8./S. Juli 1934 0 3ißl)a Der Tod des ältesten Mannes der Welt Der Mensch, den der Tod allem Anschein nach vergessen hatte, ist ihm jetzt endlich erlegen. Freitagnachmittag ist, wie im Freitag-Abendblatt der„National-Zeitung" kurz gemeldet wurde, Z a r o A g h a, der älteste Mann der Welt, an Urämie und Herzschwäche gestorben. Wie alt Zaro Agha eigentlich war, hat sich niemals feststellen lassen. Er selbst behauptet, in der kleinen asiatischen Ortschaft Motten im Jahre 1770 geboren zu sein und daher im 104. Lebensjahr zu stehen. Bei der genauen Untersuchung seiner Organe und seines Knochen- baus, die erst vor kurzem in Konstantinopel vorgenommen wurde, wollten sich die Aerzte nicht definitiv äußern. Sie erklärten jedoch, daß er jedenfalls mehr als 120 Jahre zähle. Zaro blieb stets bei seiner Altersangabe. Er erklärte l-etspielsweise, sich deutlich an die Aufregung zu erinnern, die der Ausbruch des amerikanischen Unabhängigkeits- kriegeS in Konstantinopel verursachte. Damals sei er ein Knabe von sechs Jahren gewesen. Später hat Zaro Agha dann in Syrien gegen Napoleons Truppen gekämpft und socht in Griechenland, als Lord Byron sein Leben für die Freiheit der Hellenen hinopferte. Auch im Krim-Krieg kämpfte Zaro Agha für den Sultan, und war, immer nach seinen eigenen Erzählungen, im Jahre 1877 Zeuge der Schlacht bei Plevna, in der seine Landsleute von den Rüsten aufs Haupt geschlagen wurden. Damals zählte er schon 107 Jahre und war zu alt, um Waffen zu tragen, arbeitete aber als Knecht bei dem Transport der Geschütze über die Ge- birgspässe. Jedenfalls, was auch immer sein wirkliches Alter gewesen sein mag, konnte sich Zaro Agha mit großer Klar- heit an Ereignisse entsinnen, die schon länger als hundert Jahre zurückliege». Trotzdem kümmerte sich niemand um leine außergewöhnliche Langlebigkeit, bis schließlich seine Nachbarn in dem damaligen Konstantinvpcl entdeckten, daß sie Haus an Haus mit einem mehr als 150jährigen Methu- salcm lebten. Die Journalisten wurden aufmerksam, und Zaro erlangte bald internationale Berühmtheit. Der alte Türke war schlau genug, diese Berühmtheit auszunützen und sich vor allen Dingen einmal die Welt anzusehen. Er bereiste ganz Europa und wurde überall als der Mann gefeiert, der den Tod besiegt hatte. Im Jahre 1030 kam er nach den Ber- einigten Staaten und wurde dort von einem Taxi über- fahren,' aber schon in wenigen Tagen war er wieder auf den Beinen und ließ sich wiederholt von amerikanischen Wisten- ichaftlern untersuchen, die zwar zugaben, daß er außerordent- lich alt sei, aber sich ebenfalls um eine nähere Angabe drückten. Nach seiner Rückkehr nach Europa besuchte er England, unternahm in Brooklands einen Flug und stieg als über- S>tar-Flucht aus der Filmmetropole Seit einigen Wochen weht ein Panik-Sturm über Holly- wood und Los Angeles. Die Hauptstadt des Films wird bald vollständig verlassen sein, wenn die Kinberlähmungs- Epidemie, die dort immer stärker austritt, nicht in Kürze bezwungen werden kann. An einem Tage der vergangenen Woche wurden 28 neue Fälle festgestellt. Die Gesamtzahl der Kranken beträgt jetzt 401. Von diesen Opfern gehören dreißig mehr ober weniger direkt der Filmkolonte an: so ist der geschiedene Gatte von Jean Marlow, Hol Rexon, einer der Betroffenen.— Am Ansang dieser Woche befürchtete man, daß auch der englische Star Ida Lupino von der Krankheit ersaßt worden sei. Glücklicherweise war es eine Falsch- Meldung. Immerhin hat ihr Vater, der Komiker Lupino, sie unverzüglich nach London zurückgerufen. Die Filmproduzcnten und Direktoren beginnen ernstlich zu befürchten, daß sich das Uebel unter den glänzendsten zeugter Lustsahrt-Enthusiast aus der Maschine.„Fliegen sei lange nicht so gesährlich wie elfmal heiraten/' erklärte er den Journalisten. Der Pilot, der ihn das Steuer einige Minuten hatte halten lasten, erklärte verwundert, daß der türkische Methusalem ein geborener Pilot sei. Nachdem Zaro Agha in die Türkei zurückgekehrt war. mußte er die Erfahrung machen, daß der Prophet in seinem Vaterlande nichts gilt, und im Jahre 1033 ging die Nach- richt durch die Blätter, daß er völlig verarmt sei. Trotzdem tonnte er sich dank einer kleinen Pension, die ihm der Kon- stantinopeler Magistrat ausgesetzt hatte, weiter über Waster halten. Im April dieses Jahres überredete ihn der bekannte Drüsenspezialist Dr. Woronow, sich seiner Altersprttfungs- Methode zu unterziehen. Zaro war damit einverstanden, stellte jedoch die Bedingung, daß keinerlei„Affengeschichten" mit ihm vorgenommen würden. In seinem langen, langen Leben hat Zaro Agha natür- licherweise viel über die Frauen gelernt und zwölf Ehen haben ihm dabei geholfen. Er behauptete stets, daß in seinen vielen Heiraten das Geheimnis seiner Langlebigkeit läge und daß er die Ehen jedem Menschen empfehlen könne. Seine erste Frau heiratete er als Jüngling,' jetzt hatte er einen Schwiegersohn, der neunzig Jahre alt ist. Eine seiner Frauen lebte zweiundvierzig Jahre mit ihm, aber die meisten übrigen starben jung, d. h. jung im Verhältnis zu Zaro Agha. Seine letzte Frau starb im vergangenen Jahr im Alter von sechsundscchzig Jahren und Zaro ging in diesem Winter, wie bekannt, von neuem auf Freiersfüßen. Er hatte die Gelegenheit, eine vierzigjährige Frau zu heiraten, aber sie war ihm zu alt und er lehnte ab. Neben feinen vielen Ehen schrieb der Türke seine Langlebigkeit der Tatsache zu, daß er stets Abstinent gewesen war und in seinen hundert- vierundsechzig Jahren nicht einen einzigen Tropfen Alkohol genossen hatte. Er aß jedoch Süßigkeiten und Rosinen, so viel er nur erlangen konnte. Sein Beruf war der eines Lastträgers! er gab diesen Be- ruf aber nach seinem hundertsten Geburtstag auf, da er ihm zu schwer wurde und wurde Portier. Bis zu seiner letzten Krankheit war Zaro Agha äußerst lebhaft und beweglich. Erst vor einigen Monaten erklärte er:„Ich werde leben, so lang die Welt existiert." Die Leiche ist auf Anordnung des Gesundheitsministers der Universitätsklinik in Jstambul zur Obduktion übergeben worden. Die Aerzte sollen feststellen, in welchem Zustand sich das Gehirn und die inneren Organe des zweifellos sehr alten Mannes befunden haben. Die Auslieferung an die Universitätsklinik erfolgte trotz heftigen Widerstandes der Verwandten des Verstorbenen. Sternen des Hollywooder Firmaments ausbreiten und Ver- heerungen anrichten wird, deren Folgen leicht katastrophal werden können. Die Epidemie war zuerst nicht ernst ge- nommen worden. Als aber am Ansang der vergangenen Woche fünf große Aerzte aus Los Angeles und 33 Schwestern bettlägerig wurden, sing man an den Ernst der Lage zu be greifen. Die Schönheitspflege trat hinter den ärztlichen Besuchen zurück und die Stars schlössen sich förmlich ein. Harold Lloyd, Marlene Dietrich, Pat Patterson, Elaudette Eolbert, Miriam Hopkins und Richard Arle» haben unter anderen den Rat der besten Professoren herangezogen. Nach„Ehicago Tribüne" sollen die Schwimmbäder von Hollywood und Los Angeles die Ursprungsorte der Epi- demie sein. Daher badet man jetzt in Hollywood nicht mehr öffentlich. Jede Villa bietet den Anblick eines Kranken- Hauses, die Besucher werden untersucht, Schwestern bewachen die Korridore und die Besitzungen der Stars sind noch unzu- gänglicher geworden als ehedem. Unsere Töchter, die Hannen Roman von H e r m y n i a Z u r M ü h l e n. 17 »Das ist nicht wahr," wiederholte Claudia heftig. Ich sah sie abermals an,' ja, trotz allem und allem ist Claudia mein Kind. Sic kann es nicht fassen, daß zehn über einen hersallen,' zehn Deutsche über einen Deutschen, zehn Menschen über einen Menschen. „Wenn das wahr ist.. sagte sie mit zitternder Stimme. Dann jedoch nahm sie sich plötzlich zusammen: „Das sagt ihr ja immer." Ich war zu sehr um Fritz besorgt, als daß ich diesem „ihr" eine Bedeutung beigemessen hätte. Erst später, Monate später, fiel es mir wieder ein. Damals glaubte ich, Claudia empfinde dieselbe Empörung, die mir das Blut in die Wangen trieb. Wie armselig ist doch der Mensch: ich hatte von den Ucbcrfällen der Nazis gehört und gelesen und es hotte mich in tiefster Seele geekelt, aber wirklich begriff ich die Ungeheuerlichkeit ihrer Taten erst jetzt, da ein Mensch, den ich kannte» den ich gern hatte, ihnen zum Opfer ge- fallen ivar. „Was Ihr nicht greift, das ist Euch meilensern", hat das nicht Goethe gesagt? Und wie recht hat er gehabt, wie recht! Nun konnte ich die Wirklichkeit greifen, ihr Blut träufelte in mein Zimmer, ihr verwundetes Fleisch lag vor meinen Augen. Wohin waren jetzt die Träume verschivundcn, die »arte Romantik, in die ich mich immer geflüchtet hatte? Un- erbittlich ihr Recht heischend, stand die Wirklichkeit vor mir. In Fritz sah ich alle verkörpert, die feige überfallen, miß- handelt, gemordet worden waren. Sie alle waren bei mir eingedrungen, sie alle zeigten mir ihre Wunden, sie alle forderten Schutz gegen einen gemeinsamen Feind. Und ich alte hilflose Frau fühlte mich ihnen verbunden im Leben und im Tod. Doktor Bär kam, er beruhigte unS, die Wunde sei nicht gefährlich. Ich aber dachte, sie hätte es sein können: wäre es nach dem Willen d,ejer Menjchen gegangen, Jo läge jetzt ein Toter hier. Und die Mörder sind in der Nacht cnt- kommen... Zehn gegen einen, ich konnte es nicht fassen. Einer gegen einen, ja, das ist ein anständiger Kampf, aber das, dieser feige Ueberfall... Doktor Bär schaffte Fritz in seinem Auto ins Kranken- Haus. Dann kam er zurück. Er ivollte mich beruhigen, mir ein Schlafmittel geben. Aber ich wollte nicht schlafen. Ich wollte ihn auch nicht fortlassen, mußte immer wieder und ivicder von dem entsetzlichen Vorfall sprechen. „Wenn diese Menschen an die Macht kommen... es ist ja nicht auszudenken, Doktor. Tie werden alles, was anständig, was vornehm und kultiviert war, zerstören." Er versuchte, mich zu trösten: „Wir sind noch nicht so weit. Vielleicht..." „Sehen Sie, Sie selbst können nur„vielleicht" sagen," unterbrach ich ihn. Ich empfand plötzlich eine solche Ver- zagtheit, daß ich am liebsten geweint hätte. „Vielleicht," sagte ich,„das bedeutet, daß Sie es für mög- lich halten." Ich schloß die Augen, um das Bild zu verscheuchen, das meine eigenen Worte heraufbeschworen hatten. Grauen und Blut, und die Herrschaft jener Menschen, die zehn einen einzigen überfallen. Ick, hatte nur einen kleinen Trost: Claudias Gesicht, Claudias Worte, das Bewußtsein, daß auch in meinem mir so fremd gewordenen Kind das Gefühl für Anständigkeit und Vornehmheit der Gesinnung lebt. Aber noch während ich mich an diesen Gedanken klammerte, fiel mein Blick auf Doktor Bärs Gesicht, und ich erschrak. Er war in den letzten Wochen um Jahre gealtert, er machte den Eindruck eines Menschen, der vor sich das Nichts sieht. „Alle anständigen Menschen werden zusammenhalten," be- gann ich. Er zuckte die Achseln. „Wie viele anständige Menschen gibt es schon, Gräfin Agnes? Und was könnten sie gegen die Geivalt tun?" Wir redeten lange in dieser traurigen Nacht. Ich hatte das große Licht verlöscht, und nur die kleine Schreibtischlampe warf einen blassen» hmi»,, Schein in das Zimmer. Unsere Worte fielen leije in die Stille, leije und jHwer, wie die Der moderne Mensch hat erhöhte Temperatur Allgemein wird angenommen, daß die normale Tempera- tur des Menschen zwischen 36,0 Grad und 36,8 Grad schwankt, wie es die offiziellen medizinischen Handbücher feststellen. Neuerdings hat nun ein Wiener Professor in der„Klinischen Wochenichrift" folgende Behauptungen aufgestellt:„Bor ein paar Jahrzehnten mag die normale Temperatur des Menschen tatsächlich 36,6 bis 36,8 Grad betragen haben. Heute sind diese Ziffern überholt. Der beschleunigte Rhythmus der Gegenwart, die ständige Irritation der Nerven und der fortwährende Erregungszustand, in dem der Mensch heut- zutage lebt, haben seine Durchschnittstemperatur um sieben bis acht Zehntel erhöht. Eine Temperatur von 37,5 Grad bedeutet demnach, besonders bei Städtern, keineswegs, daß man Fieber hat."— Der Fortschritt ändert eben alles, selbst die Temperatur der Menschen! Gene Tunney ?wtt pveiten Male Vater Gene Tunney, Altweltmeister im Boxen, ist Vater eines zweiten Sohnes geworden. Tunney wurde im September 1026 Weltmeister aller Kategorien, indem er Jack Tempsen ,n Philadelphia besiegte. Im Verlaufe dieses Kampfes blieb Tunney, der zu Boden gegangen war, 16 Sekunden liegen, da der Schiedsrichter— zu zählen vergessen hatte und dies erst in der 7. Sekunde bemerkte. Bei dem Revanchekampf im folgenden Jahre verteidigte Tunney siegreich seinen Titel. 1028 zog er sich ungeschlagen zurück. Er heiratete eine Groß- Nichte des Milliardärs Carnegie. Diese brachte ihm 50 Mil- lionen Dollar in die Ehe, die ihn zusammen mit den drei Millionen seines eigenen Vermögens bis ans Ende seiner Tage aller Sorgen entheben werden. Der Duce und die Trümmer von Herculanum Mussolini hat der Direktion für die archäologischen Ar- betten von Herculanum persönlich 100 000 Lire überwiesen. Diese Arbeiten werden seit 1027 mit größtem Eifer betrieben und die Bilanz dieser sieben Jahre ist beträchtlich. Die Trüm- mer von Herculanum sind nach allgemeiner Ansicht das schönste Werk des faschistischen Regimes auf diesem Gebiet. Professor Majuri, der Direktor der Ausgrabnngsarbeiten, hat die Stiftung des Duce dafür bestimmt, eine große Vor- ortvilla, die sich östlich der alten Stadtmauern befindet, an den Tag zu bringen. Bis dahin ist bei den Forschungen Haupt- sächlich der untere Stadtteil, der am Meer gelegen ist, be- vorzugt worden. Aber man hofft jetzt viel ausschlußreichere und prächtigere Ruinen in den Vorortvillen zu entdecken, wo die reichsten Familien der antiken Stadt gewohnt haben. Das ist die tiebe der Matrosen... Ein amerikanischer Seemann, der an Bord der„Wyoming" nach Plymouth gekommen war, hat geglaubt, der englischen Post sieben Postkarten, die nach Amerika adressiert waren, anzuvertrauen. In Wirklichkeit hatte er sich getäuscht und die Karten in den Briefkasten eines Ladeninhabers geworfen. Dieser stellte fest, daß sie alle an junge Damen gerichtet waren, die an den verschiedensten Punkten der Neuen Welt ihren Wohnsitz hatten: Ncuyork, San Franzisko, Los Angeles, Terre-Neuve, Mexico-City usw.... Auf jeder dieser Karten stand folgendes geschrieben:„Ich denke immer- zu an Dich und werde Dich heiraten. Du bist der einzige Traum meines Herzens!" Bluttropfen aus Fritz' Wunde gesickert waren. Blutende, angstvolle, traurige Worte. Und immer wieder rüttelte der Wind an den Fensterläden, als ob ein ungeheurer Sturm über dem ganzen Land ivüle und alles vernichten wolle. November, Dezember, ein kalter Winter mit wenig Schnee, mit trostlos grauen Tagen. Claudia war viel fort, das Haus erschien mir leerer und stiller denn je zuvor. Und ich hatte keine Freude an meinen Büchern. Ich las Zeitungen, alle Zeitungen, die ich im Städtchen bekam, ich drehte Clandias Radio an, um die Nachrichten zu hören. To oft die Stimme des Ansagers ertönte, glaubte ich: jetzt und jetzt muß er endlich etwas Gutes sagen, jetzt und jetzt muß die Vernunft gesiegt haben. Ich verstand unsere Welt nicht mehr. Worauf warten denn die Menschen, die noch an der Macht sind? Weshalb verbünden sie sich nicht alle gegen den gemeinsamen Feind? Alle, die rechtlich denken, einerlei, welcher Partei sie angehören? Und was ist das Zaubermittel, mit der die nationalsozialistische Partei die Menschen ein- fängt? Menschen, wie die Tochter meiner guten Kati, diese kluge brave Toni? Bei vielen begriff ich es: bei den kleinen Leuten, die ein Lebe» lang sich hatten ducken müssen, An- gestellte, kleine Gewerbetreibende. In ihnen erwachte, aufgepeitscht von den schallenden Worten, der Größenwahn. Tie fühlten sich als etwas, sie hungerten leichter, weil sie sich großartig vorkamen. Aber die Arbeiter? Und die Menschen, die für Kultur und Recht gekämpft hatten, schon unter dem Kaiserreich? Fühlten sie sich nickt abgestoßen von den Reden ihrer Führer, von dem geifernden Geschrei, das in die Ver- sammlungen ertönte? Weihnachten kam und ging. Am sechsundzwanzigsten De- zember erkrankte Claudia, sie hustete und hatte hohes Fieber; ich fürchtete, daß sie die Grippe habe. „Ich werde Doktor Bär antelefonieren," sagte ich. Claudia blickte mich mit ihren fieberglänzenden Auge« starr an. „Nein," erwiderte sie kurz. „Warum, Liedling? W'i'ästens zu meiner Beruhigung. l^oitjetzung solgt.z Panik und Grauen w- „Ein sehr ernster Konflikt mit Frankreich droht 16« schreibt die„Baseler Nationai Zejtung" CTd gibt in Hitler-Deutschland keine ausländischen Zeitungen mehr. Neben den Schweizer Blättern werden jetzt auch alle englischen und sranzösischen Zeitungen beschlagnahmt. Die Leser sind aus die deutschen Zeitungen angewiesen, die heute„Möglich- leiten in Syrien" lsichc„Frankfurter Zeitung", 7. Julis mehr interessieren als die deutschen Ereignisse. Der Maulkorb hat keine Lücke me h r... Wir drucken nachstehend einen Aufsatz der Basler „National-Zeitung" in seinen wesentlichen Teilen ab. Er bestätigt nahezu alles, wag wir in de» ver- gangenen Tagen über die Lage in Deutschland und das Urteil des Auslandes geschrieben haben. Auch das Schweizer Blatt verzeichnet die Mesahr eines „sehr ernsten ttonflikts mit Frankreich": „Bedeuten die Ereignisse des SO. Juni eine Stärkung oder eine Schwächung des„dritten Reiches"? Die Meinungen in Berlin selbst gehe» weit auseinander. Am Montag und Dienstag wurde das Publikum mit einer Fülle von inter- nationalen, besonders englischen, Presscstimmen überschüttet, die den Eindruck crivecktcn, als sei das Ausland begeistert und gründlich überzeugt von der jetzt unbegrenzten Daner des Systems. Ani Mittwoch aber kamen Nachrichten, die zeigten, daß gerade die englische Presse ans einmal ganz anders urteilte. London urteilte schärfer, weil es unterdessen mehr von den Hintergünden der grossen Staatsaktion er- fahren hatte, daraus reagierte sofort die deutsche Zensur, denn nachdem schon am Mittivoch einzelne englische und sran- zösische Zeitungen beschlagnahmt worden ivaren, erstreckte sich heute Tonnerstag das Verbot nicht nur ans die gesamte englische, sondern ans die Auslandspresse überhaupt. Heisst das Abriegeln Deutschlands von allen Nachrichten von draußen, daß das Regime sich sicher oder unsicher fühlt? Dafür ergeht sich jedoch heute Tonnerstag abend die deutsche P reffe i n eine m M a s s e>f a n g r i f s gegen Frankreich. Schleicher sei, mit Frankreichs Hilfe, drani und dran gewesen, Deutschland zn verraten: Diese denkbar stärkste Beschuldigung gegen eine auswärtige Macht, kaum 24 Stunde», nachdem Reichsausse»minister von Ren- rath dem sranzösischen Botschalter versichert hatte, er, Ren- rath, werde dafür sorgen, daß die Verdächtigungen gegen Frankreich in der deutschen Presse sogleich aufhörte»! Wen» wir richtig informiert sind, so hat man sich aus eine« Konflikt sehr ernster Art gefaßt zu machen. Aber vielleicht ist dem Propagandaministeriuw die offiziell gcivollte und allein erlaubte Orientierung über das-i rama des 30. Juni so wichtig, d a ss e s a u ch K o m p l i k a!> o» c n mit d e m A n s l a» d in K aus n i m m t? Die gegen das Komplott Röhm zusammengetragenen Beweise ericheiney der Ocffentltchkeit, d. h. vor allem den Deutschen, die trotz Zwang und Drohung sich das persönliche Denken und llr- teilen nicht nehmen ließen, schlüssig. Aber wohl die meisten Deutschen, die unabhängig wenig- stens noch denken, st r e i k e n gegen die of' izielle Parolebetresfenddassoge» an ntcSchl eiche r- k o»l p l o t t, umso mehr, als sich schnell herumsprach, daß sogar in Regierungskreisen Meinungen, wie die des Ministerialrats Jahnke vom Propagandaministerium verbreitet sind, wonach das Komplott Röhm»nd das„Komplott" Schleicher im Wesen absolut voneinander zu trennen seien. Das Schicksal Schleichers stürzt alle, denen mit keinem prä- parierten kollektiven Urteil beizukommen ist, in schwere innere Nöte. Man sühlt und wittert ganz andere Dinge. Das Stichwort„I u st i z m o r d" wurde in diesen tragischen Tagen von unverdächtigster Seite selbst ausgegeben, kurz, das Zusammenkoppeln der Namen Schleicher und Röhm wnd als rein zweckhafte Propaganda empfunden, nur damit man bei dieser einzigartigen lstclegenhc.t„zivei Fliegen ans einen Schlag" treffen konnte. Und schliesslich noch die nachträgliche Legalisierung solcher Fragwürdigkeiten! Das Gefühl der persönlichen Unsicherheit all de r e r, d i e si i ch dem D o p p e l m o l o ch T o t a l st a a t- M u j f c n o ch nicht unterworfen haben— und nur ani sie kommt es zukünftig und geschichtlich an!— ist grösser als je: weder die zehntausend Autos mehr in Berlin als voriges Jahr, noch die normal funktionierenden öffentlichen Betriebe vermöchten den Sehende» über die Panik und das Grauen hinwegzutäuschen, das wohl zahllose der besten Deutschen seit dem 30. Januar 1033 erfaßt hat. Und was die äußerlich gewiss imponierende Energie anlangt, die die Staatsherren am 30. Juni entfalteten— aber hier muß der Berichterstatter aus seinem Herzen eine Mördergrube machen, denn er wohnt nicht auf der freien Batterie über Basel mit dem ersehnten Blick hinüber zum Iura, sondern mitten im nüchternsten und übersichtlichsten Berlin." Barthous Fahrt nach London „Den Alldeutschen in den Weg stellen* DNB. Paris, 7. Juli. Im Hinblick ans die bevorstehende Reise des sranzösischen Außenministers Bartho» nach London warnt das Echo de Paris nochmals vor übertriebenen Hoff- nungen oder übertriebenen Plänen. Barths» müsse sich hüten, in London irgendwelche Wünsche vorzubringen. Er müsse sich ans eine Darstellung der französischen Auffassung von der "age beschränken. Nur die Ereignisse könnten das englische Volk bestimmen, aus seiner Isolierung und aus seiner passiven Haltung herauszutreten und zn begreifen, daß sein Schicksal mit dem der Völker verbunden sei, die sich dem All- deutschtum in den Weg stellen. Barthon möge sogar den Ver- such unterlassen, von England einer Erklärung gutwilliger Zusammenarbeit zu erreichen. Der einzige Wunsch Frank- reich» sei, daß England aufhören möge, sich der Ver- tcidigungspolitik in den Weg zn stellen, deren Last es selbst nicht tragen wolle. DNB. London, 7. Juli.„Daily Herald" warnt erneut vor der Gefahr eines zu weiten britischen Eingehens auf die französischen Bünbniswünsche. Das Blatt erkennt aber an, daß bis zum gegenivärtigen Augenblick keine endgültige Entscheidung über eine Aenderung der Grundlagen der britischen Außenpolitik gefallen sei. Der diplomatische Korrespondent des„Daily Herald" weist aus die offenen Aeusserungen der französischen halbamtlichen Presse über den Zweck des Besuches Barthous hin und aus die Zuversicht, die bezüglich des Ergebnisses herrscht. Der Korrespondent ist mit dem Pariser Temps der Ansicht, daß „enge s Z u s a in menarbeiten mit Frankreich auf allen Gebiete n" sehr ernstlich mit Bartho» er- örtert werden werde. Es werde Barthou jedoch zu verstehen gegeben werden- wie dies ihm bereits vor einem Viertel- jahrhnndert erklärt ivorden sei— daß alle Vereinbarungen Gentleman-Abkommen sein müßten,„damit dem Parlament stets die notwendigen Ableugnungen gegeben werden könnten". Der politische Korrespondent der„Daily Mail" schreibt, trotz Baldwins Unterhauserklärung über den Charakter ds Besuches Barthons würden in amtlichen Kreisen angesichts des zugegebenen Fehlschlages der Abrüstungskonferenz um- sangreiche Borbereitungen für diesen Besuch getrosscn. ver neue Nein« Breslau, 7. Juli. Anstelle des ermordeten Polizei- Präsidenten Heines von Breslau, des„Fememörders", ist der Adjutant des Oberpräsidenten von Schlesien, Brückner, Schmelt, zum Polizeipräsidenten von Breslau ernannt worden. vlc Unruhen in Amsterdam Panzerautos DNB. Amsterdam, 6. Juli. Die Unruhen in Amsterdam gingen am Freitagnachmittag weiter, obwohl die Polizei durch grössere Trupps berittener Militärpolizei und Gen- d.rrmerie verstärkt worden ist. An verschiedenen Punkte» der Stadt mußten Menschenansammlungen mit Wafsengewalt zerstreut werden. Den Brennpunkt der Zusammenstöße bil- bete wieder Jordaan, in dem Polizeistreifen wiederholt „Barrikaden" aus dem Wege räumen mußten. Am späten Nachmittag wurde hier eine grössere Anzahl berittener Militärstreiscn eingesetzt, die fortwährend Zusammenrottun- gen auseinandertreiben mußte». Um auf alles vorbereitet zu sein, haben die Behörden mehrere Panzerautos anrücken lassen, die in der Nahe des Jordaan Ausstellung genommen habe». Eine Abteilung Marineinfanterie wird gleichfalls bereitgehalten. Einer Erklärung des Polizeipräsidenten ist zu entnehmen, daß die Polizei gestern abend nicht in genügender Stärke im Jordaan eingesetzt werden konnte, da gleichzeitig a» vierzehn anderen Stelle» der Stadt Tumulte ausbrachen, mit deren Bezwingung alle vorhandenen Reserven in Anspruch gc- nommcn waren. Lehenstänglhh für Nazis Dynamitverbrecher in Oesterreich dnb. Wien, 0. Juli. Bor einem Grazcr Standgerichtssenat begann am Freitag der Prozeß gegen den-'7 Jahre alten Kohlmeier und den 2ll Jahre alten Walter Tripp. Die vom Staatsanivalt Dr. König vertretene Anklage legt den beiden Angeklagte» zur Last, am 20. Juni. 2 Uhr früh, an der Sprengung der Eisenbahnbrückc in Teebach teilgenommen zu haben. Die Sprengung wurde mit 45 Kilogramm Dynamit durchgeführt. Der Sachschaden ist ans 300 000 Schilling ge- ichätzt worden. Die beiden Angeklagten haben gestanden, daß sie Aufpasser waren, als die Brücke gesprengt wurde. Die Täter konnten, wie in den meisten Fällen der Sprengstoff- anschlüge der letzten Wochen, von der Polizei nicht festgc- stellt werben. Die beide» Angeklagten wurden zn lcbens- länglichem schivercm Kerker verurteilt. Sfrafiburger Wochenbericht Straß bürg, 6. Juli 1934. Der 30. Juni in Straßburg Ein warmer, gewittriger Samstag. Träge wälzt sieh«ler Verkehr durch die engen Straßen. Die Mensehen erfrisehen sieh bei einem Trunk in den Vorgärten der Restaurants und Cafes. Am Bahnhof nimmt der Strom der Ausflügler, die schon das Wochenende benutzen, um in die Vogesen zu enteilen. stündlich zu. Die vielen Zeitungsverkäufer bummeln gelangweilt durch die sonnigen Straßen, das Geschäft geht schle»ht. An den Kiosken wenig Verkehr. Die Stadt trägt ein wenijc mürrisch und müde die Last der Hitze. Plötzlich gegen sechs Uhr ändert sich das Straßenbild. Vor den Verlagshäusern mehrerer Zeitungen staut sich das Publikum. Von Mund zu Mund fliegt die erste Kunde von der Erschießung maßgebender SA.-Fiihrer im„dritten Reich". Man weiß noch nicht, wer diese Erschießungen veranlaßt hat und man vermag kaum zu glauben, daß die Nachrichten stimmen. Gewiß, hier weiß wohl jedermann um die mit Explosivstoffen angefüllte Atmosphäre im„dritten Reith", aber daß sich die Auseinandersetzungen auf diese Weise vollziehen würden, überrascht doch sehr. Immer bestimmter werden inzwischen die Meldungen über die Vorgänge in Hitlerdeutschland. Nach zwei Stunden ist kein Zweifel mehr, daß alle Nachrichten der Wahrheit entsprechen. Und nun ist urplötzlich Leben und Bewegung in die vorher so schläfrige Stadt gekommen. Die Menschen diskutieren. Und überall gibt es nur ein Thema: Der Mord an Schleicher und Röhm! Noch sind keine Zeitungen zu haben. Die Sonntagsblätter erscheinen erst später. Die Pariser Zeitungen kommen auch erst gegen Mitternacht. Sie bringen die ersten größeren Berichte und werden verschlungen. Am Sonntagvormittag setzt dann schon in aller Frühe der Sturm auf die Zeitungshiindler ein. Ueberall auf der Straße sieht man schon in aller Frühe Gruppen von Menschen stehen, die in den Zeitungen den jüngsten Nachrichten nachspüren. Am Bahnhof haben die Zeitungsverkäufer zu dieser frühen Stunde gute Zeit. Im Nu werden sie ihre Bestände los und schauen sich nach neuem Material um..„ Da kommt das Extrablatt der„Deutschen r reihen heraus In alle Stadtbezirke schwirren die Verkäufer. Schon bald sind die ersten wieder zurück, um mit neuen Stößen unterm Arm die Straßen zu durcheilen. So geht das den ganzen Tag. Zeitungen. Zeitungen, Nachrichte»! Inzwischen wird bekannt, daß die Rheinbrücke deutscherseits vorübergehend gesperrt war. Während Straßburg bereits über ällc Einzelheiten unterrichtet ist, wiegt sich Kehl noch in tiefstem Schlummer. Die Menschen da drüben sind auf die spärlichen Meldungen des deutschen Rundfunks angewiesen. Die ersten Meldungen scheinen gar keinen besonderen Eindruck auf sie zu machen. Erst als von Straßburg herüber die ersten mündlichen Nachrichten eindringen, fängt man an zu begreifen, was sich vollzogen hat. Man sucht über die Brücke zu kommen, um in Straßburg deutsche Emigrantenzeitungen und andere Informationsblätter lesen zu können. Die Zollbeamten und Polizisten auf der deutschen Brückenseite stehen in Gruppen beisammen und diskutieren die Ereignisse. Mit Heißhunger verzehren sie ceden Brocken, den sie von ihren französischen Kollegen erhaschen können. Trotz aller scheinbaren Ruhe begreift man auch drüben nun langsam, daß dieser 30. Juni den Anfang vom Ende der Nazidiktalur darstellt. Die Mörder fressen einander auf. Warum soll's uns nicht recht sein!? Streiknachklänge im Gemeinderat In der letzten Gemeinde rat ssitzung beschäftigte man sich mit der Regelung der beim vorjährigen Generalstreik entstandenen Tumult Schäden. An der Bezahlung der von der Präfektur auf rund 40 000 Franken geschätzten und anerkannten Schäden beteiligt sich die Stadt in der eise. daß sie den auf sie entfallenden Betrag von 8000 Franken übernimmt und die restlichen 32 000 1 ranken vorschüßlich zur Auszahlung bringt. Deutsche Liga für Menschenrechte In Straßburg wurde eine Sektion der Deutschen Liga für Menschenrechte gegründet. Ihr Vorsitzender ist Herr Sussieck in Koenigshofen. Reorganisation der„Surete Nationale" Im Verlauf der Reorganisation der„Surete Nationale" verläßt auch Herr M a 1 1 e t der Controlleur General der Polizei- dienste Elsaß-Lothringens Straßburg. Ihm folgen viele Beamten der Surete, die nach anderen Dienststellen versetzt wurden. Die neue an Stelle der Surete geschaffene Dienststelle, die sogenannte Circonscription regionale, deren Arbeitsbereich die Departements Bas-Rhin. Haut-Rhin und Mqeelle umf aßt, steht unter Leitung des Herrn Gommissär BarCbou: „nichts ist wahr" Paris, 7. Juli. In seinen Ausführungen vor dein Aus- wärtigen Ausschuß der Kammer erklärte Barthou, daß er sich weigere, in eine Erörterung der gegen Frankreich gelegent- lich der letzte» deutschen Ereignisse geführten Kampagne ein- zutreten. Nichts von alledem, was über die ihm zugeschriebene persönliche Rolle behauptet werde, sei ivahr. Zcliüemiße Insdirifl „Ordentlich und gastfreundlich Paris. 7. Juli. „Paris Midi" bringt die Abbildung eines deutschen Brief- Umschlages, aus dem sich unter dem Datum des 30. Juni-il der Aufdruck befindet„Reichshauptstadt Berlin, die Stadt der Arbeit, der Ordnung und der Gastfreundschaft".?as Blatt übersetzt diese Worte ins Französische und fügt nur die Be- merknng dazu:„Im Augenblick der Gegenrevolution laßt der deutsche Postminister eine solche Inschrift ans die Brief- umschlüge drucken." divisonär Monnard, der zuletzt in Saargemünd als com- inisar spicial tätig war und nun nach Straßburg zurückkehrt. Unter die Räuber gefallen In der bekannten Altspitalgasse schloß ein ehrbarer Tünehnermeister Freundschaft mit zwei wenig vertrauenswürdigen Gestalten, denen er die Zeche bezahlt. Nachts begleiteten ihn die beiden Gesellen nach Mause. In der Nähe des Arsenals fielen sie plötzlich über ihn hei und beraubten ihn seiner ganzen Barschaft in Höhe von 3o0 Franken. Gefesselt und geknebelt lieben sie den Ueberfallenen liegen und suchten das Weite. Der eine der Räuber konnte am nächsten Tage bereits festgenommen werden, der andere wird noth eifrig gesucht. Mathford-Straßburg Das wird der neue Firmenname sein, der den Zusammenschluß der Matbiswerke auf der Meinau mit den amerikanischen Fordwerken ausdrückt. Alle in Frankreich zum Verkauf gelangenden Fordwagen werden in Zukunft im Matbiswerk in Meinau hergestellt. Der Abschluß der Mathis- gesellschaft weist einen Reingewinn von rund 4 Millionen Franken aus, der aber zu Abschreibungen verwendet oder auf neue Rechnung vorgetragen wird. Mathis bat damit in den letzten fünf Jahren über 31 Millionen Franken Abschreibungen durchgeführt, das sind mehr als 50 Prozent der Neuiuvestitionen. Die Musikwoche Eine der interessantesten musikalischen Darbietungen des Sommerhalbjahres ist bestimmt der Serenadenabend, den die Societe des Amis de la Musique am Dienstag im Hofe des romantischen Rohanschlosses veranstaltete. Mozartsche und Bachsche Musik bei Kerzenschein in einem Rahmen geboten, der die andächtig lauschenden Zuhörer um Jahrhunderte zurückversetzte. Das kleine Orchester, aus Straßburger Musikern zusammengesetzt, spielte unter Leitung des Direktor R a n g e 1 drei Mozartsche Werke, darunter die Serenade Nr. 9 und die Deutschen Tänze. Als ausgezeichneter Flötist stellte sich Rens de Roy vor. der in der Flötensonate von Bach eine vollendete Meisterleistung ablegte.— Ein anderes Ereignis, das Erwähnung verdient, ist das Auftreten des 13 Jahre alten Geigers Paul Makanovitzky, der in einem Konzert der Freunde des Konservatoriums das Publikum begeistert^ E- D« Rezept des Dr. Alfred CURIE CREME und PUDER Radium und Thorium.. Topf 15,00 Fr.. Tube 10,00 Fr. Thorium, Radium Titanum• 7 Farben. Dose 12,50 Fr. verschönend, weil heilsam regen die Zelleniätiglceiten an, festigen die Oewebe, beseitigen die Fettabsonderungen und die Erschlaffung der Poren, Vorbeugungs-Mittel gegen Rauheiten, Pusteln, Röten u. Ausschläge; schützen die Haut gegen schädliche Einflüsse der Witterung u. Grofzstadt, verwischen alle Unebenheiten des Gesichts, vermeiden bzw. unterdrücken Runzeln und erhalten die Haut frisch, jung und geschmeidig. THQ-RRDII-SEIFE auf Basis von Thorium und PERU-BALSAM, Stück 3,CO Fr. 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Madame Curie, die mit ihrem Mädchennamen Marie Sklo- dowska hieß, war von Geburt Polin, im Jahre 1895 wurde sie Französin durch ihre Heirat mit Pierre Curie, und mit ihm verband sie sich zum Aufbau jenes für die Wissenschaft, für die Menschheit so segensreichen Werkes, von dem man überall auf der Erde gesprochen hat und noch heute spricht. Pierre und Marie Curie hatten zuerst das Polonium entdeckt, das heute bereits vergessen ist, dann aber entdeckten sie das Radium, jenes radioaktive Metall, das heute schon jedes Kind wenigstens dem Namen nach kennt. Diese Entdeckungen trugen dem Forscher-Ehepaar im Jahre 1904 den Nobel-Preis ein. Fast um die gleiche Zeit erlangte Madame Curie den wissenschaftlichen Doktorgrad für ihre These vom Wesen der Radioaktivität. Im Jahre 1906 starb Pierre Curie an den Folgen eines Unfalls, und seine Frau führte das gemeinsam begonnene Werk fort. Der Rektor der Pariser Sorbonne, die für Pierre Curie einen besonderen Lehrstuhl geschaffen hatte, entschloß sich sogar, diesen Lehrstuhl nunmehr auf Madame Curie zu übertragen, sie ist die erste und einzige Frau geblieben, die einen offiziellen Lehrauftrag an der Sorbonne erhielt. Sie wurde Mitglied der medizinischen Akademie, und ihr Hörsaal wurde fast zu einem Tempel des Radiums, der von andächtigen Zuhörern stets überfüllt war und in dem Madame Curie kaum noch wie eine Lehrerin, sondern eher wie eine Priesterin dozierte. Bis vor ganz kurzer Zeit hat Madame Curie in ihrer schwarzen Bluse vor ihrem bewundernden Auditorium in der Sor- Sehweiz.ri.cn.....«uimlcr«. Wurstwar engeschäft Iiehanb&ckaral. Konditorei. Weine nd LikAn Jxaduits Jthmid. TS. Soul..uro d. Stra.buurg, 8, ru. SL Laur.nl Ii CCS, n.i... d» i'Cel Telefon 4 Linien vereinigt unter Sorte ms St-K bonne gestanden, und es wird wahrhaftig schwer sein, für diese einzigartige Frau eine Nachfolgerin zu finden. Sie war die erste Frau, die an der Sorbonne lesen durfte— wird sie auch die letzte gewesen sein? Wohin man auch seine Blicke wenden mag, nirgends wird man vorläufig eine Persönlichkeit finden können, die würdig wäre, diese große Erbschaft anzutreten. Als Pierre Curie starb, hatte die Wissenschaft das Glück, in Madame Cu ie als seiner Mitarbeiterin und Gefährtin die berufene Verwalterin seines Werkes zu besitzen, jetzt aber fragen sich die Kapazitäten der Wissenschaft mit Recht, wer nunmehr die Berufung zur Fortführung dieses Werkes besitzt. Vielleicht wird es der Schwiegersohn der Madame Curie sein, Herr Jolliot, der schon seit vielen Jahren ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter im Radium-Institut ist, vielleicht wird es auch ein anderer sein,— in jedem Falle aber wird es eine höchst verantwortungsvolle Aufgabe für jeden sein, der es unternähme, das mit dem Namen Curie verbundene Amt zu übernehmen. Die sterblichen Ueberreste von Fran Professor Curie, der berühmten Physikerin und Trägerin des Nobelpreises, wurden gestern um 11 Uhr vormittags auf dem Friedhof in Sceaux bei Paris in dem Erbbegräbnis der Familie beigesetzt. Man hatte die Tote am Mittwoch abend in aller Stille aus dem Sterbehaus in Sancellemoz nach Paris überführt, wo sie zunächst an der Stätte ihrer wissenschaftlichen Wirksamkeit, in der Rue Pierre-Curie, aufgebahrt wurde. Es entsprach dem letzten Willen der großen Wissenschaftlerin, daß die Beisetzung in aller Stille stattfand. Nur ihre beiden Töchter und einige Mitarbeiter nahmen an der Beisetzung.feier teil, bei der keinerlei Reden gehalten wurden. 100 Prozent Dividende einer französischen Sprengstofffabrik DNB. Paris, 7. Juli. Tas.Oeuvre" greift auS dem Jahrsbericht der französischen Gesellschaft zur Herstellung von Cheddit.Sxplosivstoffen heraus, daß diese Firma, die über ein Stammkapital von 1808 MO Franken verfüge, im Berichtsjahr über sechs Millionen Franken Abschreibungen vorgenommen hat und 1800 000 Franken Gewinn verzeichnen konnte, was die Verteilung einer Dividende von 100 Franken je 100 Franken Aktienkapital erlaube. Im Aafo durchs Schlaraffenland Die Märchenküste Monte-Carlo, im Juni. Mittag. Die Sonne steht fast senkrecht über uns. Wir Sausen den Palmenquai von Cannes entlang, jetzt in die Kurve, herum um die Halbinsel Juan Ies Pins. Am Strande tummeln sich Bronzemädels, springen vom Turm, reiten auf Gummipferden und flitzen mit kleinen Kanus über die Wellen. Auf der Spitze der Halbinsel liegt das„fashionable- ste"' Kasino der Riviera:„Palm Beach". Es ist ganz in marokkanischem Stil gebaut. Zwei haushohe Palmen stehen neben dem Portal. Rotbefrackte Negerherolde empfangen mit Dreispitz und Stab die Rolls Royces. Hier erreicht der Snobismus seinen Gipfel. Weiter geht es nicht mehr. Der glitzernde Bau wirkt wie ein Hohn auf diese Zeit, wie ein Dementi aller Erdennot. Immer am Ufer entlang. Himmelblau und rosenrot liegen in blühenden Feengärten die Bungalows. Hollywood kann nicht anders ausschauen. Die Luft ist süß und schwer, ein betäubendes Parfüm. Es riecht nach Zitronen, Rosen und Orangen. Es duftet nach tausend unbekannten Blumen. Diese Luft ist eine Wohltat für die Sinne. Antibes. Weiß und hart liegt das Städtchen am Meer. Mit flachen Dächern und Wäsche in den Fenstern. Sonnendurchglüht, dabei kahl wie eine Festung. Hier kehrt kein Fremder ein. Das hindret uns nicht, einen kleinen Ladenbesitzer für die Saison aller Sorgen zu entheben, indem wir nahezu seine gesamten Lebensmittelvorräte aufkaufen. Unser Kassenwart und Mundschenk gestattet sogar eine Flasche Sekt für 9 Franken. Dabei kommt der einzelne billiger weg als mit Bier. Mit dem ersten Gang preschen wir hinauf in die Villenviertel oberhalb von Nizza. Wir nehmen unser Picknick auf einer Wiese zwischen Pinien und Kakteenbäumen. Das Meer erglänzt weit hinaus. Nach dem„Sektgelage" gondeln wir hinunter auf die Promenade des Anglais. Deren Prunkfassaden sind viel zu gewichtig und überladen für diese leichte, edenhafte, beschwingte Welt. Ueberhaupt scheint mir eine Stadt mit regelrechten Autobussen und Straßenhahnen sehlecht an die Azurküste zu passen. Nizza' ist das Kuckucksei in einem Kolibrinest. Wir parken vor dem Meereskasino. Drinnen wickelt eine Pariser Revuetruppe gerade ihre Naehmittags-1 orstellung ab. Wer bei diesem Wetter dort hineingeht, muß schon einen Sonnenstich haben. Um uns vor dem gleichen Schicksal zu bewahren, stürzen wir uns blindlings ins Mittelmeer. Einer üußcxL££ Lukle eich itifi enj jungex.Göll ia Etäftkmdii Worauf er taucht und jeden von uns ins Bein kneift. Ich frage: Ist das ein Benehmen für junge Götter? * Lieber die zweite Corniche eilen wir durch Felsentore und hängende Rosengärten zum Tee in den Schlaraffenstaat. Bald begegnet uns sein erstes Symbol in Gestalt eines behäbigen Polizisten. Der regelt in buntem Fantasiekostüm nach neuesten Grundsätzen den schlaraffischen Verkehr. Lächelnd weist er uns den Weg zum Finanzministerium, will sagen Spielkasino. Die Schlaraffen von Monaco zahlen nämlich selber keine Steuern. Das überlassen sie den Fremden. Es ist angenehmer so. Tun sie überhaupt nicht viel; sie leben von der Schönheit ihrer Heimat. Arbeitslosigkeit erscheint ihnen noch als Idealzustand. Wie mittelalterlich sind heute schla- raffische Anschauungen geworden! Was bieten die Monegassen den ausländischen Steuerzahlern? Diese Zeilen schreibe ich in einem Gartencafe gegenüber dem Kasino von Monte-Carlo. Leise Geigen spielen die süße Melodie von Dvorak. Vor mir liegt der schönste Platz, den ich bisher gesehen habe. Warum wirkt er so bezaubernd? Ein Polizeimann, diesmal mit Tropenhelm und ganz in weiß, macht zwischen Chrysanthemen seine Freiübungen. Darum! Durch eine Luft wie Champagner fahren in blitzenden Wagen die elegantesten Mädchen. Darum, darum! Auf der Freitreppe zum Kasino ist ein blauer Sammet- teppich ausgebreitet,— fünf Meter davon sprießen Palmen und Kakteen. Darum, darum, darum! Am Abend wird der Ausblick noch überboten. Durch eine technische Kunst, die ihresgleichen sucht. Die Anlagen zwischen Hauptstraße und Spielsaal werden erleuchtet. Aber wie?! In den Palmen und Pinien sind Scheinwerfer angebracht. Die fallen auf die Blumenbeete in der Mitte. Die Büsche zwischen den Bäumen erstrahlen von innen heraus. Das Kasino im Hintergrund wird taghell beleuchtet. Wir sperren Augen, Mund und Nase auf und geben uns dem einzigartigen Bilde hin. Die Riviera ist heutzutage ein Unikum in Europa, völlig regelwidrig und ohne jede Beziehung zur Zeit. Vor zwanzig Jahren verbrachte jedes„bessere" Hochzeitspaar hier seine Flitterwochen. Das hat sich geändert. Neunzig Prozent der Bürger desFestlandes,die einst in jedem Frühling hierher fahren. können sich das heute nicht mehr leisten. Amerikaner und Engländer beherrschen das Feld. Interessante Frage: Was wird aus der Cote d'Azur, wenn ihre Ernährer einmal schlappmachen? Wenn der Kapitalismus sich nicht rechtzeitig erneuert? Können Sie sich etwa eine bolschewistische Riviera vorstellen? Ich mir nicht. Es wird nicht so weit kommen. Wir sind 4 totmüde und legen uns irgendwo bei Mentone ins Gras. Am Himmel stehen tausend Sterne, so viele wie nie in unseren Gegenden. Wir blicken so lange in die Milchstraße, bis uns die Augen zufallen. Am nächsten Morgen stellen wir fest, daß wir unter Apfelsinenbäumen genächtigt haben. Eine Grapefruit frisch vom Baum bildet unseren ersten Imbiß. Hinein in den neuen T a gt Georges Guillaume. Für den iNclomtinHall verantwortlich: Johann P l tz In Dui>» wrUrr; fflt Inserate: Cito Kuhn In Soerbrüctm Rotationsdruck un» Verlag: Verlag der Volkostimme GmbH, Saarbrücken SchüHenitrahe d,— Schltehlach 77fl Saarbrücken. Dr. Sp&cialisfe 96, rue de Rivoli— MClro: Chaielei RADIKALE HEILUNG von BLUT., HAUT, und FRAUENKRANKHEITEN Heilung von Krampfadern and offenen Beinwanden Neueste Behandlungsmethoden Elektri» zität. Imptungsvertahren Trypafle vine» Einspritzungen Blut» und Harn»Untersuchungen. Sper- makuiiur Saivarsan Wismut u>w Sprechstunden täglich von 10—12 und von 4— 8 Uhr Sonntags von 9—12 Uhr Konsultationen von 25 Fr. ab. Mai sprich« deutsch Chirurg.«Mediz. Klinik Dr-Etting er 168ter. Avenue de Neuilly, N E U I L L Y»sur-Seine. Tel.: Maillot 95-50.— Ständige Betten. Dauernder ärztlicher Tag» und Nachtdienst Konsultation erster Professoren— Stationskranke pro Tag ab 40 Fr. Entbindungen. Gewissenhafte Behandlung, jeglicher Komi. Kabinett lür X. und ultra« violette Strahlen. 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