Aas dem Inhalt HöfaHS Sinzigs unabhängige Tageszeitung ventlchlands Hzkmntnis&ciefe die dec JUichskanzlet kannte, in vollem Wortlaut Seite 3 Nr. 156— 2. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, 10. Juli 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Hitlers Niedergang in Peufedflanfl Die Zweifel an dem Bestand des Regimes werden stärker Industriegebiet, 8. Juli. Wir erhalten folgenden Bericht eines ebenso vertrauenswürdigen wie urteilsfähigen illegal arbeitenden Freundes im Industriegebiet: Euerem Wunsche entsprechend habe ich mich am Montag aus die Bahn gesetzt und bin die ganze Woche in Westdeutschland hin und her ge- sahren, um zu hören, was man nun über den Volkskanzlcr und seine herrlichen Taten sagt. Da ist zunächst eineö wahr- heitsgemäst festzustellen, wenn der Hitler nur die Röhm und Heines und andere Bestien abgeschlachtet hätte, würde sich bei den NichtNationalsozialisten niemand darüber ausgeregt haben. Insbesondere wir Sozialisten haben ja nie daran ge- zweifelt, dast Hitler über Leichen geht, und dast er seine Anhänger systematisch zur Blutarbeit erzieht. Die vielen Morde an unseren Kameraden beweisen es. Also hat man sich nicht gewundert, dast nun da« Morden der Braunen unter sich beginnt. Ueberall hat man mir erzählt, dast es auf den Ttrasten und in den Wirtschaften vergnügte Gesichter gab, als die Erschießung der SA-Führer bekannt geworden ist. Die Stimmung schlug erst um, als von dem «Selbstmord" Schleichers und dann von dem Tode seiner Frau berichtet wurde. Da wurde man misttrauisch, und es regte sich so etwas wie die innere Solidarität des anständigen Deutschen mit seinem Volks- genossen, auch wenn er in einer ganz anderen Volksschicht lebt. Von da ab begann auch der Unglaube an alle weiteren Meldungen, die man noch hörte und das„Gerüchtcmachen" setzte ein. Ihr müstt nämlich wissen, dast heute noch viele Menschen in Deutschland nichts Näheres kennen über den Tod KlausenerS und die Einäscherung seines Leichnams. Auch was Ihr mitteilt über die Ermordung Kahrs und anderer war sogar mir neu, der ich mir ausländische Zeitun- gen beschaffe, wo ich kann und auch immer am Radio alle möglichen ausländischen Sender zu erreichen versuche. Das ist jetzt wieder ziemlich gefährlich geworden, denn alle irgendwie Verdächtigen werden stärker beobachtet. Es ist aber nicht damit zu rechnen, dast die seit Monaten zu be- obachtende ossene Ablehnung des Systems durch graste Volkstcile in der letzten Woche geringer geworden ist. Im Gegenteil hat der Reichskanzler persönlich eine Schlappe erlitten, und man hört den Grust«Heil Hitler" noch weniger als in der letzten Zeit schon. Man redet viel davon, dast in der letzten Woche nicht mehr berichtet wurde, wo sich der Reichskanzler aushält und bringt das mit Attentatssurcht zusammen. Die nächtliche Fahrt am 2S. Juni von Godesberg zum Flugplatz Hangelar, wie mir ein Freund in der Gestapo er- zählte, sei unter nie erlebten Sichcrungsmastnahmen vor sich gegangen. Hitler, Goebbels und die anderen waren in den Autos geradezu mit de« Lei- bern der Polizisten gedeckt, und man benutzte nicht die Landstraben, sondern Feldwege. Der Arbeitsdienst von Bonn war austerdcm zum Schutze und Absperren mobi- lisiert. In Köln machte man sich übrigens lustig über die Berichte von Ovationen für Göring bei seinem Besuch in der rheinischen Metropole. Sein Auto sei so gerast, dast er von der Spalier bildenden Jugend gar nicht habe erkannt werden können und die Fansarcn der Hitlerjugend erst be- gannen, als GöringS Auto schon weit weg war. In den Vor- orten habe man den Kerl gar nicht beachtet. Die augenblickliche Rückwirkung der Morde aus die SA. darf nicht überschätzt werden. Viele Leute sind sroh, wenn sie die Schinderei nicht mehr mitmache« müssen und viele wagen jetzt, sich abzumelden, weil sie glauben, damit den Intentionen von oben zu dienen. Wenn Ihr jetzt War- nungcn lest, man möge die angeblichen Vcrrätereien der Führer nicht die SA. entgelten lassen, so ist das dahin zu verstehen, dast seit langem die SA. geradezu verachtet wird. Auch sind in letzter Zeit da und dort SA.- Leute aus offener Strohe zusammen gehauen worden, wenn sie frech wurden. Es beginnen die Racheakte an den gestürzten kleinen Gröstcn, und man muß, wenn es«anders rum" kommt, mit surcht- baren Entladungen rechnen. Wir lesen hier nur noch«Dementis über die Auslands- und die Emigrantcnprcsse", aber in unserem Untertanen- verstand sragen wir uns, warum wir denn die Auslands- presse nicht lesen dürfen, wenn sie nur unsinnige Fantasien über Deutschland bringt, wo doch das Propagandaministc- rium der ganzen deutschen Presse Widerlegungen geben könnte. Dast wir, solange Hitler regiert, jemals die Wahr- hcit über die Zahl der Morde und die sonstigen Ereignisse erfahren werden, glauben wir nicht, aber es ist auch der schon weit verbreitete Eindruck, dast das jetzige Regime und damit Hitler persönlich nicht mehr lange an der Macht blei- ben kann. Dafür lassen sich natürlich keine Beweise anführen, sondern nur Stimmungssaktoren, aber ich erinnere Euch daran, dast Ihr uns brausten auch einen übertriebenen Skcp- tizismns entgegengesetzt habt, als wir die Tiefe des Stim- mungSumschwungs zuerst schon vor Monaten mitteilten und außerdem fest behaupteten, dast in den obersten Regionen eine Art Umsturz bevorstehe Das Volk bis weit hinein in die Nazikrcise hat eben den Glauben an die Stabilität die- ser Regiererei verloren. Man kann die Auslandspresse verbieten, aber man kann keine Kartoffeln und kein Fett schassen. Ueberall hörte ich, daß eine Kartosselnot ist wie im Kriege. Aus die Familie werden nur 2 bis 3 Pfund Frühkartoffeln aus einmal vcrab- reicht, weil man keine Devisen sür die Frühkartoffeln hat, die vor allem aus Holland sonst in das Industriegebiet kamen. Die für die Aermsten«verbilligte" und doch noch immer sündtcucre Margarine fehlte wiederholt wochenlang. Bon der Erwerbslosen- und WohlsahrtSunierstützung wird jeder ausgeschlossen, wenn sich in der Familie auch nur ein einziges Mitglied befindet, das den Lohn eines Nvtstands- arbeiters erreicht. Aus diese Weise entstehen die niedrigeren Erwcrbslosenzahlen Unsere alte Garde in den Betrieben steht fest, und was wir selber vor kurzem nicht geglaubt haben, wird Tatsache, daß man wieder mit Hochachtung von der Sozialdemokratie spricht und Vergleiche zwischen einst und jetzt zieht Wenn es zu politischen Aktionen kommt, werden die alten Kaders wieder da sein und viele jetzt Indifferente oder gezwungene Nationalsozialisten mitreisten. Wir wollen aber nicht iu Optimismus machen, sondern nur sagen, daß die Hitlerei innerlich erschüttert ist und Deutsch- land inneren Umwälzungen entgegengeht. Heß ruft: Hilfel Vom Massenmord sum Pazifismus Berlin, den 8. Juli Der Führer zum Massenmord, Hit- l e r. schweigt. Der Minister sür erweiterte Massenschlächterei, Göring. schweigt. Der Propagandist aller Verbrechen und Zutreiber sür die Massenhinrichtungen, Dr. Goebbels, schweigt. Alle drei triefen noch so von Mcnschenblut, daß sie sich einstweilen der zivilisierten Menschheit nicht präsentieren dürfen. Darum hörten wir heute die Stimme des Herrn Rudolf Heß. Stellvertreter des Führers im Rundfunk. Er sprach von Ostpreußen her zu den Deutschen und zur Welt. Daß er derselbe große Lügner ist, wie sein Chef und dessen Reklame- kommis, hat er mit dieser Rede bewiesen. Er gab von dem xersönliHen Verhalten Adolf Hitlers,«m Montag Schis, berungen, die nachweislich grob unwahr sind. In keiner Minute hat sich Hitler selbst den von ihm zur Abichlachtung Gezeichneten anders als unter dem Schutze Schwerbewass- neter gegen Wehrlose gegenübergestellt. Keiner der nach München Eingeladenen ahnte etwas von einem Gericht oder einem Ueberfall. Sie glaubten, den vertrauten Führer vor sich zu sehen und wurden plötzlich von Henkersknechten über- fallen. Nichts wußte Rudolf Heß über die Schuld der Schlei- cher, Klausener, Schotte, Jung, Kahr, Gerlich zu sagen. Er wagte auch nicht, vor den Ohren der Welt das Fortsetzung liehe 2. Seite. An den ücidisftanzler! Von vielen Seiten aus dem Jnlande und dem Auslände sind Sie bestürmt worden, endlich die Toteuliste Ihres Mord- festes bekannt zu geben. Im Saargebiet haben Ihre Presse«nd führende Persön- lichtciten Sie beschworen, den„Gerüchten" und Behauptungen der«deutschfeindliche» Emigrantenpresse" durch Tatsachen ent, gegenzutreten. Die treuesten Stützen der„deutschen Front" fürchten die politische Wirkung Ihrer Massenmorde gerade im Saargcbiet. Niemand traut Ihnen oder Ihrem Reichsjägermeister Göring oder Ihrem Neichslttgenmeister Goebbels zu, daß einer dieses blutigen Kleeblatts die Wahrheit sagt. Aber dte Betrogenen, die sich des„Heil Hitler!" zu schämen beginnen, wollen den sie bedrängenden Gegnern doch wenigstens etwas über Ursachen nnd Verlaus des von Ihnen angerichteten und mit Ihrem Kops zu verantwortenden Blutbades erfahren. Sie aber schweigen schuldbewußt und feige. Ein Verlcum- der, der Sie immer waren, beschuldigen Sie Opfer 31)"^ Rlntransches des Landesverrats ohne die Spur eines Be- weises. Wir wollen Ihnen sagen, warum Sic schweigen. Wir wollen Ihnen sagen, warum man in dieser ganzen schicksalsschweren Woche Ihr tierisches Brüllen am Rundfunk nicht gehört hat: Sie haben Furcht vor dem Volke. Sie wissen, dast die Mehrheit der Nation, wie die ganze Knlturwelt, Sie als Mörder gerichtet hat. Sie wagen nicht einmal mehr Lügen über Ihre Blntarbeit zu verbreiten. Sie wissen genau, daß noch so abgeschwächte Berichte den Abscheu vor Ihnen und Ihrem verbrecherischen Tun lawinenartig anschwellen lassen würden. Mögen Sie nun weiter schweigen oder mögen Sie sich cnd- lich wieder zu verlogenen Reden auslassen: die Tatsache» klagen Sic an! Und nicht eher werden Ihre Feinde, die sich seit einer Woche in Deutschland um Millionen Männer und Frauen vermehrt haben, ruhen, bis an Ihnen«nd Ihren Kumpanen das Ur- teil vollstreckt ist, dem Sic nicht entgehen dttrsen. StraßenCiämpfe in Amsterdam Erwerbslose Jugend geht aus Verzweiflung auf die Barrikade— Acht Tote und 60 Verwundete auf Seiten der Arbeiterschaft Amsterdam, 8. Juli. Am Donnerstag brachen in Amsterdam Unruhen aus, die sich zu regelrechten Straßenschlachten steigerten. Die reaktionäre Regierung C o l i j n hatte eine Senkung der Erwerbslosenunterstützung von über 10 Prozent angeordnet, die am Samstag in Kraft getreten ist. Als von radikaler Seite die verzweifelte Stimmung der Erwerbs- losen noch geschürt und zum gewaltsamen Widerstand auf- gerufen wurde, rotteten sich in den Arbeitervierteln jugendliche Erwerbslose zusammen und demonstrierten warfen und die einrückende Polizei wurde mit Steinen gegen die Demonstranten ein, fand aber unerwarteten Widerstand und machte schließlich von der Waffe Ge- brauch. Das war das Signal zu einem Alarm der radika- lisierten Arbeiterschaft und in den Arbeitervierteln, be- sonders aber in den ausgesprochenen Elendsquartieren, wuchsen die Demonstrationen zum organisierten Wider- stand gegen die Staatsgewalt. Im Nu waren Barrikaden aus Baumaterialien, aus Wagen und Gerllmpel aufge- warfen und die einrückende Polizei mit Steinen usw. empfangen. Die Folge war ein schärferes Vorgehen der Exekutive, die regelrechtes Pistolenfeuer auf die Wider- sacher eröffnete. Als einige Verwundete und ein Toter das Opfer dieser Polizeikampagne geworden waren, trat in den späten Nachtstunden einige Ruhe ein. Aber ange- stachelt durch die drakonischen Maßnahmen der Polizei und durch die Blutopfer der Arbeiterschaft erwachte der WderftM in dxg WorgenftuMtz$£g Freitag nicht nur L erneut, sondern nahm einen Umfang an, w i e i h n H o l- land wohl kaum bisher erlebt hat. In den Proletariervierteln wurden die Straßen durch Bar- ri haben mannigfaltiger Art von den Aufständischen abgeriegelt. Gaskandelaber wurden ausgerissen, mit Stacheldraht umwickelt und als Hindernisse benutzt. Der grachtenreiche Teil der Altstadt wurde dadurch in Be- lagerungszustand versetzt, daß die Arbeiter die Brücken, die eine Straße mit der anderen verbinden und zum Hochziehen eingerichtet sind, außer Betrieb setzten und empordrehten. Eine Reihe der Holzbrücken wurde in Brand gesteckt. Das Straßenpflaster wurde aufgerissen und mit'den Steinen die heranrückende Staatsmacht bombardiert. Rur in ganz vereinzelten Fällen fielen von feiten der rebellierenden Erwerbslosen Schüsse, es be- steht kein Zweifel, daß eine Bewaffnung der Arbeiter- schaft nicht vorhanden war. Der Umfang der Straßenkämpfe veranlaßte den Stadtkommandanten, die Marechausse(Gendarmerie) und schließlich sogar Militär zur Verstärkung heranzurufen. So wurde der Freitag und mehr noch der Samstag zu einem furchtbaren Blutbad. Im Laufe der Kämpfe griffen Panzerwagen und schließlich sogar Tanks gegen die Aufrührerischen ein. Die Marechausse und die Reichspolizei, die bei der Ar- beiterschaft wegen ihres scharfen Auftreten in früheren Streikkämpfen von jeher verhaßt sind, führten durch ihre Mobilisierung eher eine Verschärfung der Lage herbei, als daß sie den Widerstandsgeist zu brechen vermochten. An allen Stellen der Arbeiterviertel flammten Kämpfe aus oder fanden Demonstratonen statt. Der zähe Widerstand der unbewaffneten Erwerbslosen forderte furchtbare Opfer. Am Samstag waren 8 Tote und nahe- zu 70 Verletzte zu verzeichnen. Nicht selten waren es Un- beteiligte, die den Kugeln der Staatsgewalt zum Opfer fielen, da die nervös gewordene Polizei und das Militär rücksichtslos vorgingen. Die Aufständischen setzten sich zum allergrößten Teil aus jugendlichen Erwerbslosen zusammen. Junge Menschen, die durch jahrelange Arbeitslosigkeit zermürbt und verzweifelt worden sind, entluden ihre ganze Hoffnungslosigkeit in einem Kampf, dessen Ans- gang von vornherein entschieden sein mußte. Sie wurden zum Träger einer Aktion, die in anderen Ländern, de- sonders aber wohl in Deutschland oft genug bereits Blut- vergießen ohne jedweden Erfolg waren. Der rücksichtslose Unterstützungsabbau einer reaktio- nären Regierung hat diesmal nicht nur materielle Opfer, sondern auch Blut und Leben gefordert. Gewiß haben die- jenigen politischen Hintermänner, die den Aufstand an- gesacht haben, ein unverantwortliches Spiel getrieben, als sie die unbewaffneten Massen vor die Gewehrläufe der Exekutive gehetzt haben, aber eine weit größere Schuld trifft doch diejenigen, die die Erwerbslosen zur Ver- ziveiflung gebracht und mit ihrem Unterstützungsraub provoziert haben. Abflauen der Unruhen Amsterdam, 8. Juli. Diese Nacht war die Lage in Amtier- dam im großen und ganzen befriedigend. An einzelnen Stellen der Stadt versuchten Kommunisten, die Straßen- tumulte vom Mittag wieder aufleben zu lassen. Ferner wurden in mehreren Straßen der bisher noch nicht vom Aufruhr ergriffenen westlichen und südlichen Stadtteile Menschenansammlungen wahrgenommen. Polizei und Mi- litärstreifen waren jedoch überall schnell zur Stelle, um jeg- lichen Widerstand zu brechen. Bei der Mehrzahl wirkte abends unzweifelhaft das scharfe Vorgehen des Militärs von nachmittags noch nach. Jedenfalls schienen viele Mitläufer die Lust verloren zu haben, sich erneut dem Kugelregen der Polizei und des Militärs auszusetzen. Haag, 8. Juli.(DNA.) Wie ans amtlichen Kreisen ver- lautet, sind bei der Regierung zur Zeit Erwägungen über ein Verbot der linksradikalen Parteien im Gange. Die franzäsisdien Frontkämpfer Ruhige Tagung, aber Beschlüsse gegen die Regierung Paris, 8. Juli. Die verschiedenen Kundgebungen der rechts- und linksgerichteten Organisationen, die am Sonntag- mittag und-nachmittag bei tropischer Hitze in Paris veran- staltet wurden, verliefen ruhig. Die faschistischen KreigSteil- nehmer legten mittags am Grabmal des unbekannten Soldaten Kränze nieder. Ein stärkerer Ordnungsdienst war be- reitgestcllt, der aber nicht einzugreifen brauchte. Am Nach- mittag versammelten sich die linksextremistischen Organisa- tionen an der Porte de Vineennes und begaben sich in den Wald gleichen Namen, wo mehrere Redner das Wort er- griffen, um den Faschismus in Frankreich und anderen Län- der» anzugreifen. Ein mit Mobilgarden besetzter Lastwagen wurde mit einem Steinhagel überschüttet. Dies war aber auch der einzige Zwischenfall, der sich ereignete. Gegen 6 Uhr abends versammelten sich am Triumphbogen etwa lv000 Mitglieder der Organisation„Feuerkreuz". Auch diese Kundgebung verlief ruhig. Die tropische Hitze— das Thermometer stieg am Nachmittag aus 3-i Grad Eelsius im Schatten— hat ohne Zweifel den Kampseseifer der poli- tischen Gegner stark gelähmt. * Auf dem Kongreß selbst wurde gegen nur sechs Stimm- enthaltungen von den ehemaligen Kriegsteilnehmern erklärt, daß die Regierung Doumergue ihre Versprechungen nicht so eingehalten hat, daß die Opfer, welche die ehemaligen Kriegsteilnehmer zu bringen sich bereit erklärt haben, sich gelohnt haben ivttrden. Von den Vertretern der zahlreichen Krtegsteilnehmervereinigungen wurde die Regierungs- aktivn mehr oder weniger getadelt. Nur ein Delegierter>anb sich, der die Regierung Doumergue in Schutz nahm und für sie Vertrauen forderte. Er wurde nicht angehört. Der Kon- greß hat ferner durch Handaufheben eine Tagesordnung an- genommen, in der erklärt wirb, daß„die Bedingungen, unter denen die ehemaligen Frontkämpfer in die Kürzungen ihrer Pensionen eingewilligt haben, hinfällig gewor- den sind. Der Kongreß verlangt deshalb die Außer- kraftsetzung b e r D e k r e t e, die gegen die ehemaligen Frontkämpfer und Kriegsverletzten erlaffen worden sind." Rehordhitze in England— Fünf Todesopfer London, 9. Juli. Die Hitzewelle, die zur Zeit über Eng- land herrscht, erreichte während deS Wochenendes ihren Höhepunkt. An manchen Orten ivurde die für England außerordentlich hohe Temperatur von 32 Grab Eelsius ge- wesien, die höchste Julitemperatur seit.4! Jahren. Nach Aussagen der Wetterpropheten ist vorläufig noch kein Ende der Hitze abzusehen, die seit 1p Tagen ununterbrochen an- dauert. Während des Wochenendes sind Tausende von Men- schen inkolqe Hitzschlages zusammengebrochen. Bisher wur- den fünf Todesopfer gemeldet. Heft ruft: Hillel Fortsetzung von Seite L Märchen über Schleichers Landesverrat zu erzählen. Zur Rechtfertigung der größten politischen Massenschlächlerei seit Menschengedenken hatte er nur zu bemerken: „Ich halte mich für verpflichtet, zu betonen daß nicht alle, welche Strafe tras, mit widerlicher krankhafter Veranlagung behastet waren. Auch werde der eine oder andere nur in tragischer Verkettung der Um- stände schuldig. Aber unter Umständen, da es nm das Schicksal des deutschen Volkes ging, durste über den Grad der Schuld des einzelnen nicht gerechtet werden, wenn er schuldig war. Bei allen soldatischen Meutereien hat es einen guten Sinn, daß jeden zehnte» Mann, ohne Frage nach schuldig oder nichtschnldig, die Kugel trifft. jBravo.'j" Damit hat sich auch Heß dorthin begeben, wohin er seit jeher gehört, auf die Stufe von Banditensührern, die ihnen unbequeme Zeitgenossen einfach abknallen lassen. Ein deutscher Reichsminister und Stellvertreter des Führers gibt zu, daß viele Opser des Hitlersche» Blutrauiches ohne Schuld, daß sie ohne Untersuchung und Richterspruch hingeschlachtet worden sind. Für dieses Verbrechen hat das gesamte Reichskabinctt, auch Rudolf Heß, die Verantwortung übernommen, indem es die Mordtaten durch einen Kabinettsatt für„rechtens" erklärte. Rudolf Heß ist also nicht legitimiert, sich dem deutschen Volke und der Welt als ein an den Taten des AI. Juni Un- beteiligter vorzustellen. Aus ihn kommt das Blut der Ge- mordeten genau so wie ans die andern. Dies um so mehr, als er zu denen gehörte, die in das Mordkomplott genaue- ftens eingeweiht waren. Die Rede des Reichsministers war ein mit poetischem Schwung formuliertes Liebeswerben an Frankreich. Er weiß, daß das deutsche Blutregime sich nur dann noch längere Zeit behaupten kann, wenn es ihm gelingt, die außenpolitische Isolierung zu durchbrechen. Darum war seine Rede ein Hilferuf an das Ausland, insbesondere an Frankreich. Die Regierung des Massenmordes, die Männer, die seit Jahr und Tag bedenkenlos eigene Volksgenossen ihrem Machtwahn opfern, wollen der Welt einreden, daß ihnen das Leben fremder Soldaten heilig sei. Die Welt wird wissen, was sie davon zu halten hat. Dieser Rudolf Heß beruft sich auf sein Frontkämpfertum. Die Frontsoldaten aller Heere aber waren Kämpfer und keine Mörder. In jedem Heere wäre jeder Soldat von seinen Kameraden geächtet worden, der Frauen und Greise niedergeschossen hätte, wie es die Landsknechte des Heß und seines Führers getan haben, ohne daß dieser Heß ein Wort der Verurteilung dagegen fände. Und diese Leute, die anderthalb Jahrzehnte Politik ge- trieben haben durch Ministermorde, durch Fememorde, durch militärische Geheimorganisationen, durch die Ausputschung des Nationalismus bis zur Siedehitze und insbesondere durch die Aufwühlung des Revanchehasses gegen Frankreich, be- teuer» nun ihren Willen zu einer allgemeinen internatio- nalen Abrüstung: Wahrhafter Friede unter den Völkern aber ermöglicht nnr die Herabsetzung derRüstungen, die einen großen Teil des Einkommens der Völker und somit der einzelnen Volksgenossen heute beanspruchen. Immer wieder hat Adolf Hitler betont, daß Deutschland lediglich Gleich- berechtignng aus allenGebieten einschließ- lichderRttstungen wünsche. Nach der Erzielung einer solchen Verständigung zwischen Deutschland und seinen Nachbarn hat Deutschland es um so leichter, sich mit einem Mindestmaß an Rüstungen zu be« g n ü g e n, welches nötig ist, seine Sicherheit und damit den Frieden zu garantieren, denn ein praktisch wehrloses Land wie Deutschland stellt eine Gcsahr sür den Frieden dar, und zwar deshalb, weil es zu leicht zu risikolosen Spazier- gängen fremder Heere reizt. Wasfcnlosigkeit eines einzelnen Voltes inmitten schwergerllsteter Völker kann nur Anreiz sein, ein Volk von seinen inneren Sorgen abzulenken durch außenpolitische Aben» teuer des Krieges. Wer aber hat größere„innere Sorgen" als das Reichs- kabinett, dem Herr Rudolf Heß angehört? Außenpolitische Abenteuer liegen den Herrn also nahe. Haben sie doch eben erst grundlos Frankreich der Beteiligung an dem„Komplott" Schleichers beschuldigt, und die gesamte Presse Deutschlands hält die außenpolitische Lüge aufrecht, um die innere Unzu- sriedenheit über die Blutorgie nach außen abzulenken. Die einfache Wahrheit ist, daß eine Regierung des Massenmordes gegen ihre eigenen Volksgenossen sür keine Regie- rung eines zivilisierten Volkes ein vertrauenswürdiger Ver- tragspartner sein kann. Nach der Meinung der gesamten Kulturwelt ist der Reichs- tag in Brand gesteckt worden, um das deutsche Vokk in den Bolschewistenschreck und damit zur Erlangung einer Schein- Mehrheit für Hitler hineinzutreiben. Nach der einmütigen Meinung aller Welt, ist ein Massen- Massaker veranstaltet worden, um dieses durch Brandstiftung errichtete Regime zu festigen. Jeder nicht in Dnselei verfallene Politiker des Auslandes wird sich sagen, daß eine Regierung solcher Sorte, wenn ihre Geheimrüstnngen hinreichend fortgeschritten sind, eines Tages einen„Reichstagsbrand" oder eine französische„Ver- schwörung" gegen das deutsche Volk, ja, daß sie ohne Be- denken„einen feindlichen Fliegerübersall" mit der Hin- opserung taufender Volksgenossen inszeniere» wird, um dem Volk zu beweisen, daß die braunen friedlichen Lämmer von reißenden Wölfen übersallen worden seien. Heß hat seine„Friebensrcdc" geschlossen mit dem Rufe „T i e xr- H c i l!" Keine Regierung, kein Volk der Welt kennt eine so kriegerische Akklamat'on. Es wäre kindisch, zu glauben, daß dieser Ruf nur der Niederwerfung deS i n n e n- politischen Gegners gilt. Nein, d'e Hitler und Heß und Gö- ring sind von dem alten verrückten alldeutschen Machtwahn besessen, der das„Sieg-Heil" als den Sieg über alle„Erb- feinde" ringsum und d'e Ausrichtung eines deutschen Er- obererreichs von 99 Millionen Mensche» mit dem größten Heere der Welt versteht. Einer Regierung des BlutwahnS darf niemand glauben. Sie muß gestürzt werden zur Wohlfahrt Deutschland und zum Frieden der Welt. „Ein polHisdics Manöver der dcofsdien Regierung' Erste Antwort ans Frankreich Paris, 9. Juli. Tie französische Montagspresse gibt die Rede, die der stellvertretende Führer und Reichsminister Heß am Sonntag gehalten hat. im Auszüge wieder, ohne im allgemeinen dazu Stellung zu nehmen. Ter rechtsstehende „Jour" kommentiert Heß' Ausführungen über Frankreich, denen er die Ueberschrist gibt:„Ein politisches Manöver der deutschen Regierung."„Nachdem er Frankreich beschimpft hat, reicht uns Rudolf Heß im Namen Hitlers die Hände." Zu der Rede selbst sagt das Blatt: Frankreich sei gern ge- neigt zu einer Friedensentente mit Teutschland und ke'n Franzose wird sich weigern, solche herzlichen Worte, wie Heß sie gesprochen hat, anzuhören, aber durch zwei Gründe schon sei man sehr enttäuscht. Zuerst einmal deshalb, weil Heß den Wert und die Wichtigkeit einer sranzösifch-deutschen Ver- söhnung zu einem Geschäft, das nach Svu und Pfennig be- rechnet ivüre, herabgewürdigt habe. Heß habe gesagt:„Eine französisch-deutsche Entente würde bedeuten, daß aus lange Zeit hin jeder Franzose und jeder Deutsche daraus einen Bor- teil einer Erhöhung seines Einkommens und seiner Rente haben würde." Weiter habe Heß aber versucht, Zwietracht zwischen die französischen Kricgstcilnehmcrverbände und die französische Regierung zu säen. Er habe darin einen Vorteil gekehcn, daß gewisse Differenzen, die zwischen diesen Verbänden und der französischen Regierung tatsächlich bestän- den. Er aber habe sich hier recht taktlos benommen. Man merke darin die Absicht, und das verhindere die Tragwette und den Wert des an Frankreich gerichteten Appells, vermin- dere auch den guten Glauben an den Wert der Königsbcrger Rede.„Jour" schließt seine Ausführungen mit den Worten: „Die Deutschen vergessen immer, daß sie uns nicht von den Vorteilen einer französisch deutschen Entente zu überzeugen haben, sondern vor allem von ihrer Möglichkeit. Sie müssen unser Vertrauen gewinnen. Herr Heß hat gestern gar nicht gut operiert. Er ist zu boöhast gewesen." Papen bei HinelenDiira Das Ringen um die RelchsfMirung ist unentschieden Berlin, 9. Juli. Es ist zur Stunde nicht zu erfahren, ob der Vizekanzler seine Reise nach Neudeck schon angetreten hat, was aber wahrscheinlich ist. jHavas meldet, die Reise sei am 8. Juli angetreten worden.„D. F.") Man erwartet von dem Gespräch zwischen Vizekanzler und Reichspräsident be- deutende politische Wirkungen. Tie große Krise in den Neichsspitzen ist ungelöst, und auch die Frage um die Nach- solgerschast Hindenburgs wird in den Regicrungskrcisen noch immer lebhaft beraten. Bei den Haussuchungen in der Kanzlei Popens wurden Korrespondenzen mit Oskar von Htndenburg und dem Kronprinzen gefunden, die sich zu Papens„kon- servativer Revolution" bekennen. Neuerdings wird auch be- hauptet. daß die Stellung des Reichswehrministers von Blomberg erschüttert sei und F r i t s ch oder ein anderer dem Schleicherkres nahestehender General sein Nachfolger- werde. Die vielen Offiziere der Reichswehr, die dem Ge- neral Schleicher und Hammerstein nahestehen, sind keines- wegs eingeschüchtert, sondern erwarten, daß die Rcichsivehr sich bald Genugtuung für das Blutbad unter den Konserva- tiven verschaffen werde. ♦ Nenyork, 9. Juli. ag.(Havasl. Tie amerikanische öffent- liche Meinung sieht in den gegen Frankreich gerichteten An- Huldigungen de; BerMwvrung einen u»lgejchich.ea und uu- vorsichtigen Versuch der Regierung Hitlers, die eigentliche Ursache und Art der blutgen Ereignisse in Teutschland zu vertuschen. Zahlreiche Blätter weisen auf die ernsten Gefahren hin, die die Lage in Deutschland in sich berge. Ter„Neuyork World Telegram" schreibt:„Hitler ist nicht mehr Herr in Deutschland." Das Blatt ist der Anfsassung. daß Hitler eilte dreifache Gcsahr drohe, nämlich die inner- politische Krise, die internationale Isolierung Teutschlands und die iinanz'ellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten. „Die nationalsozialistische Gefahr", so erklärt die Zeitung zum Schluß,„ist auch eine Gefahr für Europa. Be- reits hat der beunruhigte Führer der Nationalsozialisten be- gönnen,„eine gewisse ausländische Macht" der Verschwörung gegen Deutschland zu beschuldigen. Das ist gefährlich." * Stockholm, 9. Juli. ag. jHavasj. Für die Stimmung der öffentlichen Meinung Schwedens gegenüber den Ereignissen in Teutschland ist die Tatsache bezeichnend, daß das konserva- tive Blatt„Nva Dagligt Allehanda", das als einziges d'e UnterdrückungSmaßnahmcn Hitlers günstig beurteilte, nun Gegenstand der Angriffe aller anderen Zei- tun gen, sowohl sozialdemokratischer wie liberaler Richtung, ist Tie Blätter veröffentlichen heftige Artikel gellen die»Ray Dagligt Allehanda"^ und das größte konserva- »MM«''' Ernst Böhms Briefe Und die heuchlerische moralische Entrüstung des deutschen Reichskanzlers Der deutsche Reichskanzler hat den Kameradenmord an seinem Stabschef Ernst Röhm unter anderm damit begründet, dast dessen„unglückliche Veranlagung" für die Vewegung nicht mehr länger tragbar sei. Nun läßt sich gegen den gewalttätigen Landsknechtsführer Röhm sehr viel sagen, aber unehrlich war er nicht. Er be- kannte sich zu seinem Triebleben. Adolf Hitler wußte seit jeher, daß Ernst Röhm sich homoseruell betätigt. Es kommt hier nicht daraus an, diese Seite des Privat- lebens von Ernst Röhm moralisch zu bewerten. Wir wollen nur nachweisen, daß dem Parteiführer und der- zeitigen Reichskanzler seit Jahren genau bekannt war, wie es um das Liebesleben Röhms stand. Diesen Re- weis führen wir dnrch den wörtlichen Abdruck einer kleinen Broschüre von Dr. Helmut Kloß, die er vor über zwei Jahren zahlreichen Persönlichkeiten des össentlichen Lebens als Privatdruck«bersandt hat. Ew. Hochwohlgeboren! Mit ernster Sorge habe ich in den letzten Wochen die in der Presse erschienenen Mitteilungen verfolgt, die die anor- male Veranlagung des Hauptmanns Ernst Röhm. der als Stabschef zu der unmittelbaren Umgebung von Adolf Hitler gehört, zum Gegenstand haben. Durch einen Zufall bin ich m den Besitz von Fotografien der Originalbriefc gelangt, in denen sich Röhm in einem geradezu ungeheuerlichen Zy- nismus über sein widernatürliches„Liebesleben" äußert. Nach langem Ringen habe ich mich, der Stimme meines Ge- Wissens folgend, dazu entschlossen, diese Briefe verantwortungsbewußten Persönlichkeiten zur Kenntnis zu bringen. Ich wähle den Weg der direkten Uebermittlung, da eine weitere Behandlung der schmutzigen Angelegenheit in der Preise unberechenbaren Schaden anrichten müßte. Die anormale Veranlagung Röhms ist nicht erst seit kur- zem bekannt. Bereits im Jahre 1923 wurde sie durch eine Diebstahlsafsäre, in die ein 17jähriger Berliner verwickelt wurde, gerichtsnotorisch. In dem Prozeß, der unter dem Aktenzeichen 197 D 18/25 beim Amtsgericht Berlin Mitte lief, bekundete der junge Mann, daß Herr Röhm von ihm einen ihm widerlichen Geschlechtsverkehr verlangt habe. Es steht für mich außer Zweifel, daß Herrn Hitler die Veran- lagung des Mannes, dem er eine der einflußreichsten Stel- lungen in seiner Umgebung übertrug, nicht verborgen gc- blieben ist. Zum mindesten muß sie ihm bekannt sein seit dem 28. Juli 1931, denn an diesem Tage ist an Hand eines amtlichen Gerichtsprotokolls von der Strasgerichtsabteilung des Amtsgerichts München die Echtheit der Briefe nach- gewiesen worden, die ich Ihnen anschließend zur Kenntnis bringe. Röhm hat am 28. Juli 1931 vor dem Amtsgerichtsrat Kemmer in München folgendes ausgesagt und unterschrieben: „Den mir vorgezeigten, im blauen Umschlag befindlichen, von mir handschriftlich geschriebenen Brief aus Uyuni habe ich an Dr. H. geschickt, ebenso auch den zweiten mit Schreibmaschine in roten Lettern geschriebenen Brief, La Paz, 25. Februar 1929. Ich gebe hierzu keine weiteren Erklärungen ab. Der weitere mit vorgezeigte Brief v. d. Meh., Herzogstr. 4, III, vom 3. Dezember 1928 an Dr. H. ist durch ein Buch veranlaßt, das Dr. H. selbst herausgegeben und mir zugeschickt hat." Ew. Hochwohlgeboren werden mit mir der Meinung sein, daß die Tatsache, daß Adolf Hitler weder damals noch jetzt, wo sich die Presse mit der unsauberen Angelegenheit be- schäitigt, von seinem Stabschef abgerückt ist, einen ausgezeich- neten Nährboden für jene peinlichen Gerüchte bildet, die über das Braune Haus im Umlauf sind. Dazu kommt noch, daß auch der„Völkische Beobachter", das Organ Adolf Hit- lers, Röhm in Schutz nimmt und Persönlichkeiten, die sich mit Recht über diese Dinge entrüsten, als Verleumder brandmarkt. Ich verhehle durchaus nicht, daß eine tiefe Tragik darin liegt, wenn ein Mensch wie Röhm Sklave seiner anormalen Veranlagung ist,' ich würbe ihm menschliches Mitleid nicht versagen, wenn er sich mit seinen Verirrungen in der Stille abfände. Ew. Hochwohlgeboren werden mir jedoch zustim- men, wenn ich feststelle, daß es einen Schlag gegen das preußische Führerprinzip, das die Nationalsozialisten so gern für sich in Anspruch nehmen, bedeutet, wenn ein so moralisch haltloser Mensch mit einer einflußreichen Führerstellung be- traut wird. Daß Röhm die für einen Führer unerläßlichen moralischen Qualitäten nicht besetzt, beweist der Zynismus, mit dem er in seinen Briefen über seine anormale Veran- lagung spricht. Es zeugt aber von einer geradezu beispiel- losen Verantwortungslosigkeit, wenn Hitler ausgerechnet den Mann als Vorgesetzten seiner SA.-Leute duldet, der in einem seiner Briese wörtlich erklärt,„daß man sich bei mir eben an diese verbrecherische Eigenheit in den national- sozialistischen Kreisen gewöhnen hat müssen". Nach diesem Eingeständnis handelt jeder Vater und jede Mutter ge- wissenlos, wenn sie ihre Söhne auch nur einen Tag länger der Gefahr der moralischen und sittlichen Verlotterung aus- setzen, die ihnen in einer von einezn solchen Manne maß- gebend beeinflußten Bewegung drohen! Können Geistliche, Lehrer und andere berufsmäßige Jugenderzieher es vor ihrem Gewissen verantworten, wenn sie einer Bewegung Vorschub leisten, in der man sich an die Verirrungen eines der maßgebenden Führer hat„gewöhnen" müssen? Die Frage stellen, heißt sie verneinen. Alle diese Persönlichkeiten sind im Gegenteil von Amts wegen verpflichtet, diesem Ver- brechen an der deutschen Jugend zu wehren! Endlich aber werden mir Ew. Hochwohlgeboren zugeben müssen, daß eine Bewegung, die auf so anfechtbaren mora- tischen Grundlagen ruht, dem deutschen Wesen ebenso fremd ist. wie ihre sonstigen Embleme. Es wäre daher ein Ver- hängnis für Deutschland, wenn die Kreise, die einer so laxen Moral huldigen, entscheidenden Einfluß aus seine Ge- schicke geivönnen. Die Vergiftung des Volkslebens und die Zersetzung der sittlichen und moralischen Kräfte, die für den Aufbau der Nation unerläßlich sind, wären die unausbleib- liche Folge. Wohin Sittenverderbnis führt, lehrt das Schick- sal des alten Rom. Dieses Schicksal von Deutschland abzu- wenden, ist die Aufgabe aller verantwortungsbewußten beut- schen Staatsbürger. Die Lektüre der Röhm-Briefe zeigt Ew. Hochwohlgeboren, wo der Hebel anzusetzen ist. Der Fisch stinkt vom Kopfe her. Bis tief in die Reihen der NSDAP, reicht die Verderbnis. Berlin-Tempelhof, im März 1932. Hohenzollernkorso 38a. Dr. Helmut Klotz Oberleutnant zur See a. D. ehemals Spitzenkandidat der NSDAP, im Reichstagswahlkreis 32 lBadenj. München, Herzogstraße 4/3. 3. 12. 28. Lieber Herr Dr. Heimsoth! Meinen Handschlag zuvor! Sic haben mich voll verstanden! Natürlich kämpfe ich mit dem Absatz über Moral vor allem gegen den 8 173. Sie meinen aber, nicht deutlich genug? Ich hatte in dem ersten Entwurf eine nähere Ausführung über dieses Thema,' habe es aber auf den Rot von Freunden, die sich von dieser Art, zu schreiben, mehr Wirkung versprechen, in die jetzige Fassung geändert. Mit dem Vorwurf, daß ich vor..Zwangsglaubenssätzen", die Ehe betreffend, zurückweiche, tun Sie mir, glaube ich, Unrecht.„ Mit dem Herrn Alfred Rosenberg, dem tölpelhaften Mo- ralathleten, stehe ich in schärfstem Kampf. Seine Artikel sind auch vor allem an meine Adresse gerichtet,' da ich aus mei- ner Einstellung kein Hehl mache. Das mögen Sie daraus er- sehen, daß„man" sich bei mir eben an diese verbrecherische Eigenheit in den nationalsozialistischen Kreisen gewöhnen hat müssen. Uebrigens arbeite ich auch mit Herrn Radsuweit zu- sammcn und bin natürlich Mitglied seines Bundes. Blüher würde ich sehr gerne kennenlernen. Ihr Buch, für das ich Ihnen, ebenso wie für Ihre lieben Zeilen, herzlichst danke, interessiert mich natürlich außer- ordentlich. Bis jetzt habe ich nur weniges darinnen lesen können: aber offen gestanden: es ist etwas zu schwer für mich. Könnt' Ihr verflirten Doktoren nicht deutsch schreiben, und müßt immer gelehrte Fremdworte gebrauchen, die ein harmloser Erdenbürger nicht kapiert! Morgen fahre ich nach Berlin und wohne„Stuttgarter Hos". Wenn wir uns sehen könnten sich bin bis Freitag in B», teilen Sie mir's bitte doch ins Hotel mit. Ich würde mich herzlichst freuen, dann mit Ihnen ein paar Stunden plaudern zu können. Ich danke Ihnen nochmals für Ihre Zeilen und bin Ihr ganz ergebener E r n st Röhm. * Oberstleutnant im Generalstab La Paz 23.2.29. Ernst Roehm Estado Mayor General, Casilla 79 La Paz, Bolivia. Lieber Dr. Heimsoth! Eigentlich wollte ich Ihnen erst ichreiben, wenn ich Ihr Manuskript, das sie nach München sandten, in Händen hatte. Graf du Moulin, der Sie ja wohl mittlerweile verständigt haben wird, sandte mir bis jetzt nur Ihre freundlichen Zei- len. Aber nun habe ich Ihr fesselndes Buch, das Sie mir seinerzeit übersandten, fertig gelesen und möchte Ihnen da- für doch sofort meinen Dank in der Weise abstatten, daß ich Ihnen von hier Bericht gebe. Ihr Buch ist ganz fabelhaft und hat mir ganz neue Erkenntnisse erschlossen. Ich glaube nicht, daß eine Veröffentlichung existiert, die den Gegenstand derart verständlich und eindringlich behandelt. Auch ist Ihr Stil, wenn man sich einmal hineingelesen hat, ganz vorzüg- lich. Ich wünsche Ihnen von Herzen vollen Erfolg: noch mehr freilich möchte ich wünschen, daß Ihre Ausführungen„im feindlichen Lager" Gehör fänden. Sie haben es sich aber auch selbst zuzuschreiben, wenn Ihr Buch mich zu einer Bitte angeregt hat. Ersichtlich haben Sie eine unerhörte Hebung in der Fixierung der„Konstellation". Könnten Sie sich nicht auch einmal der meinen annehmen? Ich bin am 28. Novem- ber 1887, morgens 1 Uhr, in München geboren. Dann wüßte ich vielleicht auch einmal, wie ich mit mir eigentlich daran bin. Offengestanden, weiß ich das eigentlich nicht bestimmt. Ich bilde mir ein, gleichgeschlechtlich zu sein, habe dies aber richtig erst 1924„entdeckt". Ich kann mich vorher an eine Reihe auch gleichgeschlechtlicher Gefühle und Akte bis in meine Kindheit erinnern, habe aber auch mit vielen Frauen verkehrt. Allerdings nie mit besonderem Genuß. Auch 3 Trip- per habe ich mir erworben, was ich später als Strafe der Natur für widernatürlichen Verkehr ansah. Heute sind mir alle Frauen ein Greuel: insbesondere die, die mich mit ihrer Liebe verfolgen: und das sind leider eine gan^e Anzahl. Da- gegen hänge ich mit meinem ganze» Herzen an meiner Mut- ier und an meiner Schwester. Meine Schwester ist 7 Jahre lgeb. 14. 3. 80», mein Bruder 8 Jahre älter wie ich. Weder für meinen Vater,»och für mein Bruder konnte ich je be- sonders innige Gefühle aufbringen. Mein Vater starb im März 1926. Ich glaube, das ist so ziemlich alles, was Sie wissen müssen. Und mein bisheriges Schicksal kennen Sie ja auch einigermaßen. Also ich brenne auf eine Charakteristik durch Sie. Sind Sie deshalb sehr böse? Ich hoffe nicht... Vor hier kann ich Ihnen nicht allzuviel berichten. Ich bin sehr froh, daß ich aus der Münchner Atmosphäre eine Zeit- lang herausgerissen bin. Hier muß ich Neues lernen und schaffen und kann so prüfen, ob mein Geist noch aufnähme- sähig ist oder nicht. Dienstlich bin ich zufrieden: mit der Zeit glaube ich schon einiges nutzen zu können. Weitere Mitarbeit- ter will ich aber erst in einem späteren Zeitpunkt, wenn ich selbst eingearbeitet bin, heranzubekommen versuchen. Das Höhenklima'— La Paz liegt 360» Meter hoch— vertrage ich auch recht ordentlich. Ich wohne und esse gut und deutsch. Somit wäre also alles in bester Ordnung, wenn mir nicht die Liebcsobjckte fehlten. Ich habe zwar einen Begleiter mitgenommen, einen 19jährigen Münchner Kunstmaler. Ich hänge sehr an ihm, ebenso wie er an mir: wenn er, wie z. B. jetzt auf Studienfahrt ist, geht er mir furchtbar ab. Er fehlt mir überall: Aber für irgendwelche geschlechtliche Akte kommt er nicht in Frage: nicht nur, weil er keine Lust dazu hätte — die glaubt er bei Mädchen befriedigen zu müssen— auch ich habe seltsamerweise gar kein Bedürfnis darnach, obwohl er sicher ein sehr hübscher Bcngel ist. lSonst hätte ich ihn ja auch nicht mitgenommenf. Nach allen bisher sorgfältig ange- stellten Ermittlungen scheint die von mir bevorzugte Art der Betätigung hierorts unbekannt zu sein. Wenn man je- manden fixiert, kann er sich gar nicht vorstellen, was man will, Eine absolute Verständnislosigkeit herrscht hier, so daß ich gar nicht weiß, ivas ich machen soll. Dabei glaubt man, wenn man auf der Straße geht, daß alles schwul sein müßte. Die— im übrige» teilweise sehr hübschen Jungen— gehen nach der hiesigen Sitte alle eng eingehängt, umarmen sich zur Begrüßung auf der Straße, was mich natürlich doppelt ärgert. Auch meinen spanischen Lehrer habe ich vorsichtig ausgeforscht, er meinte auch, daß es dies in La Paz nicht gäb. In BuenoS-Aires schon, aber dorthin dauert die Hin- und Herfahrt mindestens 1» Tage und kostet über 1000 Mark! Da steh ich nun, ich armer Tor und weiß gar nicht, was ich machen soll. Traurig denke ich an das schöne Berlin zurück, wo man so glücklich sein kann. Raten Sie mir, bester Doktor, wie ich mir da helfen soll. Bis zu meinem ersten Urlaub sinds ja doch noch mindestens 2 Jahre! Ich werde ja meine Versuche fortsetzen, hier einige Kultur zu verbreiten: obs aber glücken wird, muß ich allmählich bezweifeln. Puff« gibt» natürlich hier in Menge, und alles rennt hin. Aber davon habe ich leider nichts. 400 Deutsche sind hier auch ansäßigs man frage mich aber nicht, was für eine! Bis jetzt lebe ich ganz zurückgezogen: abends mache ich stets meine bis letzt leider erfolglosen Streiszüge durch alle Viertel von La Paz. Es ist wahrhaftig zum Weinen. Diesen Schmerzensruf mußte ich Ihnen übermitteln, damit Sie nicht glauben, ich lebe hier im reinsten Paradies. Wahrscheinlich wird nichts anderes übrig bleiben, als doch irgend einen„Freund" aus Deutsch- land nachkommen zu lassen. Jetzt habe ich aber lange genug von mir gesprochen. Wie geht es Ihnen? Was macht Ihr Buch? Hat es den verdienten Erfolg? Und was macht die„Bewegung"? Was Berlin. Wenn Sie bei Ihrer vielen Arbeit Zeit finden zu eini- gen Zeilen, bin ich Ihnen recht verbunden. Natürlich auger der Konstellation, die ich an sich ganz bestimmt erwarte. Sollten Sie hiesür noch irgend Material benötigen, so wird Ihnen sicher Graf du Moulin dienen können. Hoffentlich sind Sie mir nicht mittlerweile erfroren: die Nachrichten sind wirklich sehr beängstigend. Hier ist zwar zur Zeit Regenzeit: wenn es aber nicht regnet, ist es recht behaglich warm. Im wesentlichen ist hier die Temperatur wohl so, wie bei uns im Frühsommer. Kalt»oll es nur in den Winternächten werden, also Juni bis August. Die verschiedenen Grüße,^>ie ich durch Berliner Freunde an Tie bestellte, werden Sie wohl erreicht haben. Es wurde mich interessieren, ob auch persönliche Bekanntichaiten die Folge waren. Gespannt wäre ich aus Ihr Urteil über den Kammersänger Hanns Beer, den ich an Sie verwies,.vi. E. ist dieser Mann infolge seiner, wie die Welt sagt, ungluck- lichen Veranlagung wirklich etwas nervös überipannt. Ich muß für meinen Teil noch nachholen, daß ich über meine Einstellung, wenn Sie mir auch zeitweise schon erhebliche Schwierigkeiten gebracht hat, absolut nicht unglücklich bin. im Innern vielleicht sogar darauf stolz bin. Ich glaube es wenigstens. Auch darüber hoffe ich klarer zu sehen, wenn ich erst einmal Ihr Urteil gehört habe. Als eine meiner Eigen- arten muß ich Ihnen noch anfügen, wie Sie übrigens wahr- scheinlich selbst herausgebracht hätten, daß ich von Aerzten wie ein Kind mich beeinslußen lasse, wenn ich zu ihnen Ver- trauen habe. Daß ich dieses Vertrauen zu^Jhnen habe, wer- den Sie ja fühlen. Nun aber endgültig Schluß. Die Angelegenheit Polizeirat Bauer hoffe ich durch du Moulin in die Wege geleitet. Ich grüße Tie von ganzem Herzen bestens. Lassen Sie bitte so bald als möglich von sich hören. Ich warte dringend auf Antwort. Mit kameradschaftlichem Handschlag Ihr E r n st R ö h tu. •^ Uyuni, 11. 8. 29. Mein lieber Herr Doktor Heimsoth! So so, in Paris waren Sie also und haben dort einmal nach dem Rechten gesehen. Und sich scheinbar, wenn auch aui Russisch, aber doch recht ordentlich unterhalten. Meinen Glnck- wünsch nachträglich. Sind Sie nur froh, daß Sie nicht m Bolivien sind: denn hier würde wahricheinlich auch all ibre Kunst zuschanden. In der Tat habe ich ja nach großen An- strenqungen einigermaßen Wandel geschafft, und bei be- scheidenen Ansprüchen läßt sich leben. Aber austerhalb— Earamba, da ist wirklich mit aller Kunst auch nichts zu wol- ien. Natürlich erstreckt sich diese mißliche Lage ausgerechnet gerade auf Bolivien: in Peru und Chile(etwa an der Küste» solls, wie ich höre, ganz ordentlich sein. Und so.eve ich denn nun, nur mit einer Unterbrechung von 3 Tagen in La Paz. seit Mitte Juni— für mich allein. Ich war 3 Wochen in Sucre, dort mit meinem jungen Freund— der ja leider nicht in Frage kommt— beisammenr werden deshalb mit dem März- und Aprilgchalt je einen halben Verbandsbeitrag mehr in Abzug bringen, so daß Ende April der Maibetrag schon bezahlt ist." In einem anderen Anschlag heißt es:„Wir machen darauf aufmerksam, daß unsere sämtlichen Arbeiter und Arbci- terinnen einem Verband angehören müssen.(Deutsche Ar- beitsfront.) Nicht Organisierte haben sofort dem entspechen- den Verband beizutreten oder die persönliche Mitgliedschaft bei der Demschen Arbeitsfront zu erwerben. Wir weisen noch darauf hin, daß wahrscheinlich nach dem 1. Mai 1934 eine Aufnahme in den Verband oder in die Deutsche Arbeitsfront nicht mehr möglich ist." Die Leute wissen natürlich nicht, warum sie zahlen müssen, denn außer der Leistung der hohen Beiträge merkt man nichts von der Organisation. Bei Notfällen muß um die früher ohne weiteres ausbezahlte Unterstützung erst ge- Md ksi.'~~'——- v Vertrauliches aus der Pfalz Soldaten und Arbeiter Aus Kaiserslautern wird uns geschrieben: Tie SA. empfängt auch hier eine in keiner Weise getarnte militärische Ausbildung. Jedermann kann die Exerzier- und Schießübungen aus dem Exerzierplatz beobachten, auch das Handgranalenwerfen wird fleißig geübt. Ein Teil der Ju- gend von Kaiserslautern erhält die gründlichere Ausbildung im Arbeitslager Gelterswoog und Sickingen-Landsiuhl. Die Ersteren haben einen idealen Schießstand In der Amscldeile, einige Minuien vom KarlStal entfernt. Nebenbei wird auch etwas gearbeitet. Die Beschäftigung in den Betrieben ist unterschiedlich. In der Kammgarnspinnerei herrscht noch Hochkonjunktur, aber die Löhne sind miserabel. Tic Mädels gehen mit 8,50 Mark pro Woche nach Hause. Die Nähmaschinensabrik Psasf hat noch etwas Export, aber die gute Beschäftigung ist nicht da- rauf zurückzuführen. ES ist direkt auffallend, in welch großem Umfang auf Lager gearbeitet wird. In Arbeiter- kreisen führt man diese Erscheinung auf das Streben zurück, Sachwerte für die kommende Inflation zu Hamstern. Schlecht geht es immer noch im Eisenwerk. Für Kriegsmaterial liegt es offenbar zu nahe an der Grenze und die künstliche Ar- beitsbeschaffung wird meistens unter Vermeidung von Ma- terlalkosicn durchgeführt, so daß dieses Werk mit seiner starken Produktionskapazität nichts merkt von der großen Arbeitsbeschassungsrcklame. Da Möbel ein Hamsterartikel sind zum Schutz gegen die Inflation, hat auch die Möbel- industrie noch Aufträge, aber von einem normalen Betrieb kann keine Rede sein. Miserabel geh« es den Waldarbeitern der Umgebung, die heute für 18.50 Mark pro Woche arbeilen müssen. Dabei hatte sie noch Glück, baß es bisher wenig Re- gentage gab. denn die Kurzarbciterunterstützung kommt erst nach drei Aussalltagen in Betracht. Viele Arbeitslose wurden mit Schikanen um die Unter- stützung gebracht, werben deshalb nicht mehr gezählt, obwohl sie immer noch da sind. Den Wohlfahrlsunterstützten sind Festanzue unbeliebt wiederholt erhebliche Abzüge gemacht worden. Ueber die Vertraucnsratswahlen sind auch in Kaiserslautern keine Zahlen bekannt geworden. Tie Teilnahme am 1. Mai-Rum- mel erfolgte auf Zwangsmaßnahmen. Von einer innerlichen Verbundenheit der Bevölkerung mit dem„dritten Reich" kann keine Rede sein. Tie überwiegende Mehrheit wünscht den Sturz lieber heute als morgen und setzt Hoffnungen auf Sie allgemMk AuffgssWg, daß jo Ms MtKPMs j&li b AuS Ludwigshafen wird uns geschrieben: Beamtengehälter auf Stottern In Ludwigshasen sind jetzt 100 weibliche Unter- stützungsempfünger abgewiesen worden mit der Be- hauptung, sie könnten Beschäftigung finden. So weit sie die Hilse des Arbeilsamtes wünschen, wurden sie aufgefordert, eine Photographie zu bringen, damit sie in Stellungen als Hausmädchen vermittelt werden können. Die Beamten, die bisher ihr Gehalt am L8. erhalten haben, konnten diesmal erst am 5. Juni ausbezahlt werden. Die Gemeindesinanzen sind bereits derart heruntergewirt- schaltet, daß sich in den nächsten Monaten noch ganz andere Auswirkungen zeigen werden. Die Reichsregierung mußte bei einer ganzen Reibe von Gemeinden schon ganz energisch einschreiten und den Experimenten wichtig tuender, aber un- fähiger Nazigrößcn Einhalt gebieten. Zwar hat Ludwigs- Hafen noch an verantwortlicher Stellung erfahrene Kommu- nalpolitikcr. aber die Finanzlage ist schon einige Jahre sehr schlecht und jetzt haben sich auch die Maßnahmen von Diict- tauten, denen niemand zu widersprechen wagte, Verhängnis- voll ausgewirkt. Der richtige Katzenjammer kommt erst noch. Unter Zwang! Zum 1. Mai kann auch von hier gemeldet werben, daß die Beieiligung allgemein erzwungen war. Im Anschlag eines großen Betriebes heißt es:„Wir bemerken ausdrücklich, baß die Beteiligung Pflicht ist und müssen auch sämtliche auö- wältigen Arbeiter und Angestellten antreten." Hinsichtlich der Festabzeichcn heißt es in dem Anschlag:„Das Fcstabzeichen für den 1. Mai haben wir für die gesamte Belegschaft gc- kauft und wird an jeden Betriebsangehörigen zum Preise von 20 Piß. abgegeben. Der Kauf eines Festabzet- ch c n s i st P f l i ch t." In einem anderen Betriebsanschlag heißt es:„Wie wir biö jetzt feststellen, sind die Einzeichnungen für die Bestellung von Arbeitsfrontanzügen nicht sehr zahlreich, so daß in Frage gestellt ist, od wir die Stoff« in entsprechender Menge bezichen können, um die verbilligten Preise herauszuholen. Ilm Irrtümer zu vermeiden^ weisen wir nMmals darauf Steutsdke Stimmen•(Seilöge zur„DeutsfJkem 1reihe.it"• frei^nisse und Gesdfttffktem Dienstag, den 10. Juli 1334 m* Ai4 wankendem Qcunde Das nachstehend geschilderte Erlebnis hatte kürzlich ein •eit langem im Ausland ansässiger deutscher Kaufmann in einer deutschen Grobstadt. Der Name der Stadt spielt dabei keine Rolle, denn es ist ein typisch deutsches Erlebnis, das sich genau so auch in irgend einer anderen deutschen Stadt zugetragen haben könnte und sich genau so abgespielt hat, *'ie es hier erzählt wird; auch als Beweistitel sind Namen nicht erforderlich, denn es hätte gar keinen Sinn, derartige Geschichten etwa erfinden zu wollen. Ihre Bedeutung liegt Ja einzig und allein darin, daß sich solche Begebenheiten im heutigen Deutschland wirklich ereignen. Auf der Durchreise nach Holland hatte der Kaufmann eine reichliche Stunde Aufenthalt in jener deutschen Stadt. Das war Gelegenheit» einen dort wohnenden Freund zu besuchen, den er seit einem Jahrzehnt nicht wiedergesehen hatte und von dem er nur ungefähr wußte, daß dieser sich in den legten Jahren lebhaft für moderne Kunst und Literatur interessiert hatte und als wohlhabender Förderer der Künstler in Zirkeln verehrt war, deren Tun im„dritten Reiche" als„Kulturbolschewismus" verpönt ist. Er fand die Nummer des Freundes im Telefonbuch, rief an und erreichte ihn glücklicherweise auch zu Hause. Große Freude auf beiden Seiten. Jawohl, er würde sofort hingefahren kommen. Der Freund bezeichnete ihm den Autobus, mit dem er vom Bahnhof aus bis vors Haus fahren könne. Der Autobus kam auch, ohne daB der Fremde lange warten mußte. Er stieg ein, und eben, als die Verkehrsampel freie Fahrt anzeigte, gab ein plötzlich auftauchender Schutzmann dem Autobusführer das Haltezeichen, ein Mann bestieg den 'Vagen, sprach einige leise Worte mit dem Schaffner, wandte sich an den Kaufmann, wies seine Legitimation als Kriminalbeamter vor und forderte ihn auf, mit zur Wache zu kommen. Ueberrasdit fragte der Kaufmann nach dem Wieso. Der Beamte aber sagte kurz:„Das werden Sie erfahren, machen Sie keine Umstände und kommen Sie mit!" Beide stiegen aus, der Autobus fuhr ab und der Kaufmann folgte dem Beamten zur Wache. Dort erfuhr er zu seinem Erstaunen, daß er soeben am Telefon„ein kommunistisches Gespräch" geführt haben sollte. Der Kaufmann wußte im Augenblick nicht, ob er wütend werden oder lachen sollte. Er tat keines von beiden, sondern legitimierte sich und schilderte nur kurz den Zweck und Inhalt seines Telefongesprächs. Daraufhin ging der vernehn.-^de Beamte ins Nebenzimmer und kehrte mit einem höheren Beamten zurück. Beschuldigung und Verhör wiederholten sich, der Gang ins Nebenzimmer desgleichen, und nun stand der Kaufmann dem Anzeigeerstatter gegenüber, einem Manne mit verbissenem Gesicht, der vor hysterischer Erregung die Aktentasche, die er trug, unterm Arm fast zerdrückte.„Ist das d.r Herr," fragte der Beamte. „Jawohl, das ist er! So wahr mir Gott helfe!," versicherte der Zeuge.„Sie brauchen hier nicht zu schwören," wandte sich der Beamte verdrossen ein, aber der Mann hörte es nicht, er trat fuchtelnd dicht vor den Kaufmann hin und rief:„Ich liebe mein Vaterland!"„Das bestreite ich nicht, und das verwehre ich Ihnen auch nicht," erwiderte der Kaufmann, „aber was hat das mit meinem Telefongespräch zu tun?" Es stellte sich heraus, daß der Anzeigeerstatter v,r der Telefonzelle gewartet, gelauscht und den Namen des Angerufenen vernommen hatte. Solche Lauscherohren sind im „dritten Reiche" zu Tausenden gewachsen. Im übrigen aber ergab sich nur, daß es dem Lauscher so geschienen habe, als würde da ein„kommunistisches Gespräch" geführt! Das hatte ihm genügt, zur Wache der Bahnhofspolizei zu stürzen und die Verhaftung des Kaufmannes zu bewirken. Ergebnis: ein negatives Protokoll und Entschuldigungen. „Also, es steht Ihnen nichts im Wege, Ihren Freund zu Die!hist läuft ak besuchen. Bitte, Sie können ihn gleich von hier aus verständigen." Und ehe der Kaufmann es verhindern konnte, drehte der Beamte am Apparat schon die protokollierte Nummer des Freundes.* „Hier Kriminalpolizei. Sie sind vorhin von Herrn Y. angerufen worden. Es ist alles in Ordnung. Herr Y. steht hier am Apparat. Bitte... Der Beamte reichte den Hörer dem Kaufmann und dieser, wütend über die plumpe Beflissenheit des Beamten, konnte nichts anderes tun, als seinem Freunde kurz zu sagen:„Guten Tag, mein Lieber. Bitte, beunruhige Dich nicht. Es handelt sich um ein Mißverständnis. Es hat sich aufgeklärt. Nein— ich bitte Dich, es liegt gar nichts vor. Wirklich nicht. Mache Dir keine Sorge. Leider ist nun die Zeit zu kurz geworden. Nein, besuchen kann ich Dich nun nicht mehr. Ja, das ist sehr, sehr bedauerlich, aber ich muß diesen Zug benützen. Ich bin ja nicht znm Vergnügen auf der Reise"— er sah den Beamten fest an—„das habe ich ja soeben auch hier erfahren. Also leb wohl, mein Lieber. Laß es Dir gut gehen. Nein, wirklich nicht— es ist alles in Ordnung. Ja, bestimmt. Auf Wiedersehen!" Er legte den Hörer hin.„Schön ist es in Deutschland!", sagte er zu dem Beamten. Der hatte das Gespräch unruhig mit angehört. Er sah auf die Uhr.„Aber Sie könnten den Herrn doch noch besuchen. Sie hätten noch Zeit. Es ist gar nicht weit dahin..." „Bitte, bemühen Sie sich nicht!" erwiderte der Kaufmann ziemlich schroff.„Mir ist die Lust zum Dableiben gründlich vergangen. Ich werde jetzt auf dem schnellsten Wege Deutschland verlassen. Und das kann ich Ihnen versichern: ich werde froh sein, wenn ich Ihr gastliches Land hinter mir haben werde! Guten Tag." * Das ist das mit protokollarischer Treue wiedergegebene Erlebnis des Kaufmannes in Deutschland. Am andern Ende steht der Freund, der nichts weiter weiß als das: Sein Fruend ruft an, kündigt nach einem Jahrzehnt seinen Besuch an, und eine Viertelstunde später, wäh- er ihn daheim erwartet, ruft die Kriminalpolizei an, und sein Freund ist dort! Was ist da geschehen? Wie kommt sein Freund zur Kriminalpolizei? Werden alle Telefongespräche, die er führt und die mit ihm geführt werden, polizeilich überwacht? Und warum? Warum wird jemand verhaftet, der ihn anruft? Was lauert da Unbekanntes, Unsichtbares, Undeutbares um ihn herum? Und worauf lauert es...? Weiter weiß er nichts. Fragen kann er nicht. Niemanden, nirgends. Denn eine Frage könnte der Hall sein, der etwas Schwebendes ins Gleiten bringt. Und der Kaufmann getraut sich nicht, dem Freunde zu schreiben und den Zusammenhang aufzuklären. Denn auch er, als Fremder, weiß erst recht nicht, welchen Schaden er etwa seinem Freunde zufügt, wenn dieser Post aus dem Auslande erhält. Wenn schon die Nennung seines Namens am Telefon so aufstörend wirkt— was mag da vorliegen? Das aber ist das Kennzeichnende an diesem Reiseerlebnis: es zeigt, in welchem ungewissen Schwebezustand heute in Deutschland Menschen leben, die nicht als hundertprozentige Hitlerianer legitimiert sind und die jede, auch die einfachste, harmloseste Regung verdächtig macht, durch ihr bloßes Dasein die Herrlichkeit des„dritten Reiches" zu gefährden. Andererseits aber: auf wie wankendem Grund mögen die Machthaber des„dritten Reiches" die Pfeiler ihrer Herr- schaft stehen fühlen, wenn schon die Ohren der Lauscher bei der bloßen Nennung eines als„verdächtig" gekennzeichneten Namens erzittern. Manfred Schmückt die Altäre Eurer Eitelkeit Und schmückt Euch selbst mit Prasen-Fetzen, Geraubt-gefälscht aus der Vergangenheit. Ihr könnt die Zeit nicht rückwärts setzen. Erhebt Euch selbst zum heldischen Idole Und zwingt das Volk durch Mord zum Niederfcnieen. Die Herren einer morschen Welt stehn hinter dem Um den Profit sich einzuziehn. ISymbole, Hängt Häuserwände voll mit euren Fahnen Und macht den Mord zur nationalen Tat. Verkriecht Euch feige hinter größre Ahnen, Die Schuld wächst an, das Volk spürt den Verrat» Die Frist läuft ab, es kann das Henkersschwert Den Volksbetrug nicht mehr verdecken. Die Not macht klug und einig und es gärt Im Dritten Reich an allen Ecken. Thomas Eck Ha der„Führer" braucht Soldaten! Det StahCkamtnecsJJealisl „... Abseits aber stehen im Atmen des neuen Lebensgesichts die, deren Denken nur erfüllt war, von dem materiellen Begreifen zu leben, um zu wirtschaften, deren Denken und Gefühlsinhalt nur eines kannte: Geld verdienen.... Diesen Leuten fehlt eines: der Glaube. Der blinde, unerschütterliche Glaube an den Führer des neuwachsenden Deutschlands!" Wer schreibt das wohl? Der„Pg. Bankdirektor Dr. M. A. Schlittcr-Bochum" in der„Westfälischen Landeszeitung'". Und der muß es ja wissen! Qiktaioim des Altertums T)ee Titan n, dec Sälen stützte Der größte Gesetzgeber des griechischen Altertums war Solon. Er wurde von Pisistrates gestürzt, der die Demokratie vernichtete und sich zum Diktator aufschwang. Bei diesem Pisistrates ist Goebbels in die Schule gegangen. Wahrscheinlich hat er von ihm zum ersten Male auf der Schulbank gehört, als er im Rheydter Gymnasium im Griechischunterricht Herodot lesen mußte. Dieser griechische Geschichtsschreiber berichtet, daß Pisistrates durch folgende List beim Volke Einfluß gewonnen und schließlich die Alleinherrschaft errungen hat. Er verwundete sich und seine Maulesel und fuhr, wie auf der Flucht vor seinen Feinden, die ihn bei einer Fahrt auf das Land hätten umbringen wollen, auf den Marktplatz. Dort bat er das Volk um eine Wache, die ihn gegen ähnliche Gewalttätigkeiten schützen könnte, denn er sei nur wegen seines Eifers für das allgemeine Beste hinterlistig überfallen worden. Als das Volk, der Täuschung unterliegend, seinen Unwillen durch laute Zurufe zu erkennen gab, trat Solon dem Heuchler entgegen und warf ihm vor, daß er die Rolle des Selbstverstümmlers schlecht spiele! Auch der Homerische Odysseus habe seinen Rücken mit Geißelhieben zerfetzt, doch um die Feinde des Landes zu betrügen, Pisistrates aber tue es, um seine Mitbürger hinters Licht 2u führen. Solon drang mit seinen Warnungen nicht durch, die Volksversammlung beschloß, dem Pisistrates Keulenträger als Leibwache zu geben. Nicht einmal die Zahl wurde festgelegt. denn viele Gegner des Pisistrates waren längst aus Furcht davongelaufen. Nur Solon sagte resigniert:„Ich bin weiser als jene, die nicht merken, worauf es abgesehen ist", Und er schrieb folgende Verszeilen: Auf die Zunge nur seht ihr und auf die Worte des Schmeichlers, Aber auf all sein Tun richtet die Augen ihr nicht. Jeder von euch geht einzeln einher auf den Pfaden des Fuchses, Aber ihr alle vereint seid doch$in törichte« Volk! jn Pisistrates konnte also so viele Leute in seiner Schutz- truppe zusammenbringen wie er wollte. Als er sich stark genug fühlte, besetzte er die Burg auf der Akropolis und beherrschte dadurch die Stadt. Die Demokraten flüchteten, nur Solon ging auf den Markt, schalt die Bürger wegen ihrer Unklugheit und Feigheit, forderte sie aber auch auf und beschwor sie, von der Freiheit nicht zu lassen. Dabei sagte er auch die berühmt gewordenen Worte: Früher wäre es ihnen leichter gewesen, die Diktatoren zu unterdrücken, als jetzt, da sie schon Wurzeln geschlagen haben; daher sei es aber auch größer und ruhmvoller, sie jetzt zu töten und zu vertilgen, nachdem sie bereits emporgewachsen und erstarkt sind. Als aber die Athener auf die Schutzwehr hinwiesen, die das Leben und die Herrschaft des Pisistrates bewachte, schmetterte ihnen Solon die Verse entgegen: Wenn ihr Hartes erduldet, ob eurer eigenen Torheit, O, so messet die Schuld zornigen Göttern nicht bei! Ihr selbst gäbet die Macht, gabt selbst den Tyrannen die Schutzwehr; Schimpfliche Knechtschaft ward euch zum Lohne dafür! Als die Athener später doch versuchten Pisistrates loszuwerden, er flüchten mußte und erst wieder mit Waffengewalt die Rückkehr in die Stadt erzwingen konnte, sicherte er sich gegen eine Wiederholung einer solchen Empörung dadurch, daß er die Söhne der führenden Demokraten, soweit sie nicht schon vor dem Einzug des Diktators geflüchtet waren, als Geiseln verhaften und— wir würden heute sagen: in ein Konzentrationslager—» nach Naxos bringen ließ. Auch die Tage des Pisistrates gingen zu Ende und ihnen folgte die höchste Herrlichkeit griechischer Kultur, als sich über den niedergerungenen Tyrannis die verjüngte Demokratie des Perikles in vierzehnjähriger Blüte erhob. Fast alles, was uns von griechischer Baukunst und Bildhauerei erhalten ist oder wovon wir wenigstens durch Ueberlieferung wissen, eine nie wieder erreichte Vollkommenheit, das Lebenswerk der Phidias und seiner Schule, die Pracht der ausgebauten Akropolis stammen aus dieser Zeit. Auch dem deutschen Volke wird ein Herodot erstehen, in dessen Geschichte der Wirren des zwanzigsten Jahrhunderts als lächerliches und doch mehr als alle gelehrten Abhandlungen die Moral des„dritten Reiche»" kennzeichnendes Einschiebsel berichtet werden wird, wie der wortgewaltige Reichspropagandaminister Goebbels, der kein^ ort von dem glaubt, was er spricht, damals, als er erst Propaganadarlu f seiner Partei war, im Berliner Sportpalast erzählt Hat, daß er sechs Monate in belgischen Gefängnissen geschmrhtet habe, gefesselt und schwer mißhandelt, weil er es im Wahlkampf um die Reirhspräsidentschaft nach dem Tode Eberls im besetzten Gebiet gewagt habe, für Hindcnburg einzutreten. Den Salon spielte da die preußische Staatsregierung, die diesen Schwindel entlarvte, denn Goebbels war nicht einen einzigen Tag in einem belgischen Gefängnis geses-en. Sogar die Parteikumpane des Lügners machten sich r diese Dreistigkeit lustig. Doch in der Unterwelt, die diese Kampfgenossen damals bildeten, schadete sie dem Urheber genau so wenig wie später, als diese Unterwelt zur Oberwelt geworden war und ein Fünfundsechzigmillionenvolk unterjochte. K u t u s o w ZcU=7loünen Eine königliche Bibliothek Die Bibliothek des Königs Manuel II. von Portugal ist berühmt vor allem wegen der kostbaren Manuskripte und Buchausgaben aus dem 15. und 16. Jahrhundert, die als bibliophile Werte einzigartig sind. Diese Teile der Bibliothek sind jetzt in London ausgestellt, bei Maggs, dem Buchhändler des Königs von England, und die englischen Buchliebhaber haben täglich in großer Zahl diese großartigen Schätze bewundert. Jetzt ist vereinbart worden, daß diese Ausstellung vorübergehend auch in der Pariser Filiale von Maggs gezeigt werden soll, und sie wird auch in der französischen Hauptstadt großes Aufsehen erregen. Gustav Radbruch nach Kowno berufen Wie aus Kowno berichtet wird, wird der bekannte deutsche Rechtslehrer, der ehemalige sozialdemokratische Justizminister, Prof. Radbruch, der von der Universität Heidelberg entfernt wurde, im Herbstsemester an der juristischen Fakultät der Universität Vorlesungen über das im Meinelgebic t geltende Stcafrccht aufnehmen. »Deutsche Freiheit", Nr. 15k Das bume Vlatt Dienstag. IN. Juli 1984. Die Illusion des Glücks Von Aesn Christophe Än tlondon fällt auf... Ein großer Raum, Tausende von Menschen, die mit an- gehaltenem Atem auf das Surren des großen Rades hören. Der Tag der Ziehung der Nationallotterie. Schon ist die Nummer, die das große Los gewonnen hat, verkündet worden: nun kommen die einfachen Millionengewinne an die Reihe. Laut und deutlich werden die Nummern verlesen. Da, auf einmal ein Schrei, ein Aufschluchzen, oben auf dem Balkon ist ein Mann ohnmächtig geivorden. Die Lichter wer- den angezündet, barmherzige Hände richten den Ohn- mächtigen auf. Es ist ein schmächtiger, blasser, noch sehr junger Mensch. Er lacht und weint in einem und flüstert:„Ver- zeihen Sie, meine Herrschaften, aber Sie müssen verstehen, diese Freude, ich habe eine Million gewonnen, eine Million." Man versteht und von dem Balkon ruft einer der zu Hilfe Gekommenen:„Meine Damen und Herren, ich habe das Ver- gnügen, Ihnen mitteilen zu können, daß einer der Anwesen- den eine Million gewonnen hat." Händeklatschen, Pfiffe. Dann beruhigt sich alles und die Nummern werden weiter ausgerufen. Jemandem hat das Glück zugelächelt, jemand war glücklich. Was tut das schließlich, man hat für das Glück und das Unglück seiner Mitmenschen kaum etwas übrig. Nur einige sind dem blaffen jungen Mann in den Bor- räum gefolgt. Er scheint nicht gerade sehr gewillt zu sein, Auskünfte zu geben, aber nach und nach wird er ruhiger und erzählt.„Wir sind arme Leute... Die Mutter verkaust Zeitungen, ich bin zur Zeit arbeitslos. Für die letzten paar Groschen haben wir das Los gekauft. Es gibt noch Barm- Herzigkeit, es gibt noch einen Gott." Ein junger Mann er- scheint.„Ich bin Journalist, meine Redaktion befindet sich hier in der Nähe, ich wurde eben angerufen. Gestatten Sie, daß ich einige Fragen an Sie richte?" Der Journalist hat Glück. Da ist endlich mal ein Gewinner, der nicht die Oefsent- lichkeit scheut. Er gibt willig Auskunft und ist auch bereit, dem Journalisten in die Redaktion zu folgen, um sich soto- grasieren zu lassen. Die Menge der Neugierigen hat sich in- zwischen zerstreut, es stehen nur noch eine hübsche, sehr gc- schminkte Frau und zwei stutzerhast gekleidete Herren in dem Vorraum.„Sie werden uns nicht so ohne weiteres ver- lassen, meint schmollend die hübsche Frau, wir haben doch unser Möglichstes getan, um Sie wieder zu Bewußtsein zu bringen."„Aber nein, Madame, sehr liebenswürdig, Madame," murmelt verlegen der glückliche Gewinner.„Wenn Sie wollen, holen mir Sie in der Redaktion ab," schlägt einer der Herren vor.„Bitte, es soll mir eine Ehre sein," flüstert verlegen der blasse junge Mann. Vor der Rebaktion ist große Menschenansammlung, man hat schon auf unbegreif- liche Weise von den Ereignissen Kenntnis bekommen und der „Millionär" wird mit Hochrufen und Händeklatschen emp- fangen. Er wird fotografiert und interviewt, viele fremde Menschen schütteln ihm die Hand, gratulieren, klopfen ihm freundschaftlich auf die Schulter. Endlich verlassen sie die Re- daktion. Die Herren stellen sich vor. Der eine ist Automobil-, der andere Möbelhändler. Der Automobilhändler ladet den glücklichen Gewinner zum Essen ein.„Nicht eher, als bis ich meine Mutter gesehen habe," erklärt dieser. Der Journalist, der einen amüsanten Bericht über den ersten Abend eines Millionärs schreiben will, stellt seinen Wagen zur Ver- fügung.„Wir fahren mit Ihnen," erklärt die hübsche Frau. „Bitte sehr, nur seien Sie bitte recht leise wegen der Portier- srau."„Könnten wir nicht auch Ihre Frau Mutter be- grüßen?," fragt der Journalist.„Ich möchte Sie bitten, da- von heute abzusehen, meine Mutter ist herzkrank, und ich muß sie schon schonend vorbereiten." Er öffnet leise die Tür einer kleinen Wohnung, und läßt sie angelehnt. Man hört leises Flüstern und auf einmal einen freudigen Ausruf: „Mein Junge, mein guter Junge, nun ist alles gut." Dann wird die Stimme wieber leiser.„Ich gehe noch etwas aus, schlaf gut, Mutter," hört man den Jungen sagen.„Ich stehe zu Ihrer Verfügung, meine Herrschaften," erscheint er wieder. Die beiden Herren und die hübsche Frau bemühen sich eifrig um ihn, ein herrliches Mcnu wird zusammen- gestellt, teuerster Sekt serviert. Der junge Mann hat erklärt, daß er kein Geld habe, aber die beiden Herren streiten sich um den Borzug, ihn bewirten zu dürfen und der Möbel- Händler zwingt ihn, IWN Franken anzunehmen. Um vier Uhr morgens ist man schon sehr gut befreundet. Die Frau sitzt aui dem Schöße des jungen Mannes und küßt ihn ganz zart auf Augen und Mund. Die beiden Männer haben große Aufträge in der Tasche. Der eine für eine hypermoderne Zimmerausstattung, der andere für eine sechssitzige Limou- sine. Der Journalist hat zur Genüge Stoff für seinen Artikel gesammelt und ist in seine Redaktion verschwunden. Die beiden Herren rüsten sich nun auch zum Gehen, nachdem eine Verabredung für den nächsten Tag getroffen worden ist. Tie hübsche Frau läßt sich von dem jungen Millionär nach Hause bringen und er verbringt einige schöne Stunden in der ge- schmackvollen Wohnung der schönen Unbekannten. „Also, diese beiden Herren und die Dame, die die Klage gegen Sie einreichten, haben Recht?: fragte, einige Tage später, der Kriminalkommissar den falschen Millionär.„Sie haben gar nicht eine Million gewonnen?"„Nein," erwiderte der blaße junge Mann, mit einem schüchternen Lächeln,„ich besitze nicht einmal ein Los."„Aber warum haben Sie denn um Gottes willen die ganze Komödie aufgeführt?"„Ja, sehen Tie, Herr Kriminalkommissar, ich wollte auch einmal im Leben wissen, wie das ist, wenn man berühmt ist, ich wollte einmal das Gefühl kennen lernen, das glückliche Menschen haben, ich wollte mir einmal die Illusion des Glücks schassen. Das konnte mir doch keiner verbieten, nicht wahr? Und ich habe dabei niemandem Schaden zugefügt."„Doch," schreien die Kläger...„Ich habe für Sie das Essen bezahlt...„Ich habe Ihnen 1000 Franken gegeben..."„Ich habe mit Ihnen geschlafen..."„Sie taten es aus Eigennutz, und hätte sich die Gelegenheit geboten, so wäre ich derjenige gewesen, der betrogen worden märe," erwidert sanft der junge Mann. Es konnte dem jungen Mann, der einmal glücklich sein wollte, wirklich nichts Strafbares nachgewiesen werden, er hatte niemanden betrogen, niemanden beleidigt. Die Kläger mußten, so sehr sie auch schimpften, mit leeren Händen von bannen ziehen.„Ich danke Ihnen, meine Herrschasten, für den schönen Abend und die schöne Nacht," ruft ihnen der junge Mann nach.„Es tut mir leid, daß Sie sich meinet- wegen solchen Aerger gemacht haben." ... baß die Hauptbestandteile des echten Engländers eine graue Hose, ein steifer schwarzer Hut und die Pfeife sind: ... daß man im Lokal dem Kellner oder der Kellnerin das Trinkgeld nicht in die Hand gibt oder es einfach auf dem Tisch liegen läßt, sondern, daß man es auf eine besonders diskrete Art und Weise unter dem Rande des Tellers versteckt: ... daß die englischen Taxis nur wegen ihrer Höhe so alt erscheinen, während sie in Wirklichkeit meist ziemlich neu sind: da die Herren am Abend aber meist den Frack und Zylinder tragen, müßten sie ihn abnehmen: ... daß der König von England zwar Herrscher über das ganze britische Empire ist, daß er aber die City von London nur mit Genehmigung des Lord Mayor von London be- treten darf, der König in seinem kleinen Reich ist: ... daß an manchen Börsen Londons noch heute für die Besucher Zylinderzwang besteht und daß die Bankboten ih» ebenfalls tragen müssen: ... daß die Chemists nicht nur die Drogerien und Apo- theken des Kontinents ersetzen, daß sie nicht nur Fotoartikel und Schreibpapier führen, sondern daß man dort auch Tee trinken kann, und daß sie meist die ganze Nacht übel geöffnet haben: ... daß verschiedene Zeitungen vom Mittag bis zum späten Abend bei jedem Sportergebnis und jeder neuen poli- tischen Meldung eine Ausgabe haben und dadurch zehn- und mehrere Male an einem einzigen Tage erscheinen. ... daß der Alkohol nur zu bestimmten Stunden des Tages ausgeschenkt werden darf, und daß um 11 Uhr abends spätestens der Kellner an den Tisch kommt und Flasche und Gläser, ob voll oder leer, wegnimmt: ... daß es eine unerhörte Neuerung war, als man de» Kinos erlaubte, auch am heiligen Sonntag nach sechs Uhr abends Vorstellungen zu geben: ... daß die großen Sportfeste nicht am Sonntag-, sonder» am Samstagnachmittag stattfinden, und daß die Geschäft« außerhalb der City auch am Donnerstagnachmittag ge- schlössen haben: ... daß die Tee Time zum National-Heiligtum ernannt worden ist, und daß auch den Angestellten der Büros Tee gereicht wird: ... daß der Engländer nicht aus seiner sprichwörtliche« Ruhe zu bringen ist, außer beim Wetten, beim Fußball und beim Cricket. Ernst Schubert. Wichtige Handschriften Napoleons im Kreml aufgefunden Bei Ausbesserungsarbeiten am Moskauer Kreml-Palast ist man dieser Tage aus eine Nische gestoßen, in der Hand- schriftliche Briefe, Dienstbefehle und Operationspläne Napo- leons verborgen waren. Es handelt sich um 300 Dokumente, die den Briefwechsel Napoleons mit Paris während deS russischen Feldzuges enthalten. Darunter befinden sich Pläne, die vom Kaiser selbst verfaßt sind und die weiteren Opera« tionen der großen Armee zum Gegenstand haben. Dies« Pläne sind infolge des Brandes von Moskau nie zur Aus- führung gelangt. Das größte Flugzeug der Welt Als dieser Tage auf dem Roten Platz in Mos- k a u zu Ehren der Schiffbrüchigen des„Tscheljuskin" und ihrer Retter eine Manifestation stattfand, erschien über dem Platz das größte Flugzeug der Welt,„Maxim Gorki", der an diesem Tage zum ersten Male die russische Hauptstadt überflog. Dieses große Propagandaflugzeug wurde aus Mitteln gebaut, die aus Sammlungen unter den Arbeitern, Bauern und Intellektuellen stammen. Es ist die zwanzigste Maschine, die der bekannte Ingenieur Toupoless vom äro- hydrodynamischen Zentralinstitut der Sowjetunion mit-nur russischem Material baute. Die Maschine hat eine Länge von 5" Metern, wiegt 42 Tonnen und wird von 8 Motoren, von denen jeder eine Stärke von 7000 Pferdekrästen hat, an- getrieben. Ohne die Mannschaft zu zählen, bietet das Riesen- slugzeug noch 72 Personen Platz. Der„Maxim Gorki" ist zu gleicher Zeit Redaktion und fliegender Konserenzsaal, er ent- hält einen starken Sendeapparat, ein Kino, fotografische Ateliers, einen Setzraum und eine Druckerei. Es ist die Mög- lichkeit gegeben, eine ganze Zeitung in der Lust sertigzu- stellen, dort Broschüren zu veröffentlichen, Kinovorstellungen zu geben oder Vorträge zu halten. Die Maschine wird das Kommando einer Propaganda-Lustslotte übernehmen, deren Chef der Journalist Koltzow ist. Wieviel verschiedene Briefmarken gibt es! Seit 1840 werden Briefmarken hergestellt. Eine sonderbar« Statistik erzählt uns, daß seitdem in der ganzen Welt 6105Ä verschiedene Marken-Modelle ausgegeben worden sind. Das markenreichste Land ist dabei— Nikaragua, das mit 1340 Modellen an der Spitze marschiert. Ihm folgt Columbic» mit 1067 Markensorten. Die südamerikanischen Staaten sind bei den Sammlern offenbar mit Recht sehr beliebt. Der Teil der Welt, wo die wenigsten Postwertzeichen hergestellt wurden, ist Eduard-VII.-Land. Dort hat man bisher erst ei»« einzige Briefmarke ausgegeben. Unsere Töchter, die Oswinen 18 Roman von Hermynia Zur Mühlen. „Nicht Doktor Bär. Meinetwegen kannst du Doktor Feld- Hüter kommen lassen." Ich staunte. „Weshalb? Er hat dich doch nie behandelt." „Weil ich mich von keinem jüdischen Arzt behandeln lasse." „Claudia?" Sie nickte. „Ja, Mutter, die Juden haben unser Land ruiniert. Es wird sich erst dann wieder zu seiner vollen Größe entfalten können, wenn wir die Juden vertrieben haben." Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. „Wie kannst du so sprechen?" rief ich heftig.„Ist der Dok- tor Bär nicht einer unserer besten Freunde? Haben die Juden nicht mitgeholfen, Deutschlands Ansehen als Kultur- nation zu stärken? Wie kommst du zu solchen Worten?" Claudia legte müde den Kopf in die Kissen zurück. „Laß mich, Mutter. Heute können wir nicht über diese Dinge reden. Ich fühle mich zu schlecht." Aber ich empfand kein Mitleid mit ihr. Ich glaube, in diesem Augenblick war mir nicht klar, daß ich zu meinem Kind spreche. Eine Fremde lag da vor mir: der Gedanke zuckte mir durch den Kopf: was sucht sie hier in meinem Haus? „Du sollst mit mir darüber sprechen, Claudia," sagte ich und erkannte meine Stimme nicht, so hart und unerbittlich tönte sie durch das Zimmer.„Es ist doch nicht möglich, daß du mit diesen Menschen sympathisierst. Du, meine Tochter?" Sie stützte sich auf den Ellenbogen und warf mir einen seltsamen Blick zu. „Und wenn ich es täte?" fragte sie ebenso hart, wie ich gesprochen hatte. „Hast du Fritz vergessen, hast du vergessen, baß zehn dieser Leute über einen hergesallen sind? Damals warst du auch empört." „Ach, Mutter," sagte sie müde,„das war ja gar nicht wahr. Ich habe es schon am nächsten Tag erfahren. Die Roten waren in der Mehrheit, die andern mußten sich wehren. Und dann liefen die Roten davon, nur Fritz blieb zurück. Nachher spielte er dann den Märtyrer. Das machen sie ja immer." Ich fühlte, wie eine kalte Angst meinen Körper durch- rieselte. Alles, was mir Claudia angetan hatte, war ja nichts gegen das, nichts: aber es konnte doch nicht sein, war unmöglich, meine Tochter, meine Tochter, und dieser Pöbel... Ich fühlte, daß mein Gesicht starr wurde, wie eine Maske. „Sag mir die Wahrheit," schrie ich sie an, wie ich sie nie angeschrien hatte.„Sag mir die Wahrheit." „Laß mich doch." bat sie.„Ich bin krank. Ich kann keine Szenen ertragen." «Also feig bist du auch," sagte ich heftig.„Genau so feig, wie die Menschen, mit denen du sympathisierst." Damit ging ich aus dem Zimmer. Ich wollte nichts mehr hören: auch ich war feig und wollte nicht, daß ein endgültiges Wort zwischen uns gesprochen werde. Bielleicht will Clandia mich nur quälen, dachte ich. Sie ist krank, hat hohes Fieber, vielleicht, wenn sie wieder gesund ist, wird sie über das Ganze lachen und fragen:„Aber, Mutter, wie konntest du nur glauben...?" Meine Claudia, die so hochnäsig war, die so viel auf gute Manieren hielt, auf Ritterlichkeit. Ich sah sie vor mir, ganz klein, vielleicht sechs Jahre alt: sie saß auf einem Kissen zu meinen Füßen, und ich erzählte ihr von meinem Großvater, der auf dem Spielberg gesessen hat, erzählte ihr von den ehrenhasten küh- nen Menschen, von denen wir stammen. Ihre blauen Augen wurden immer größer, ihr kleines Gesicht glühte. Sie war stoh und stolz. Mein Mann war enttäuscht gewesen, als ist} einem Mädchen das Leben geschenkt hatte: er wollte eine« Sohn. Ich aber dachte damals: auch ein Mädchen kann die Tradition weiterführen, kann seinen Kindern all das ver« erben, was in unserer Familie Gutes war. Und nun..- Aber ich konnte es noch immer nicht glauben, ich wollte ei nicht glauben. Ich ging nicht mehr zu Claudia, ich schickte dos Mädchen zu ihr. Ich sah sie vier Tage nicht. Am einund' dreißigsten stand sie wieder auf. Es war nur eine gewöhn' liche Erkältung gewesen. Wir sprachen miteinander wie zw«* Fremde. „Geht es dir wieder gut, Claudia?" „Ja. danke." Am Abend, nach dem Essen erklarte»e: „Ich gehe aus." „Wirst du dich nicht von neuem erkälten?" „Nein. Ich ziehe den Pelz an." „Mußt du wirtlich fortgehen? Es ist Silvester. Willst d» mich allein lassen?" „Ich muß gehen." Dann wandte sie sich an baS Mädchen. „Ich werde abgeholt. Wenn der Herr kommt, führen ihn in mein Wohnzimmer." Das Mädchen nickte und ging. Claudia blickte mich heraus, fordernd an. „Willst du nicht wissen, wer mich abholt?" fragte sie. Ich schwieg. „Mein Freund." fuhr sie fort.„Mein Parteigenosse. Er N> bei der SA."... Also doch. Mir war zumute, als habe sie mich ins Gesio» geschlagen.„Mein Freund". Noch vor einigen Jahren hätte» diese Worte mich altmodische Frau zutiefst erschreckt. Heu«« hätte ich sie gern gehört, wenn Claudia nicht hinzugesetzt haben würde:„Mein Parteigenosse, er ist bei der SÄ." In mir regte sich etwas, stärker als die anerzogenen gute» Manieren, stärker als alle Kultur. jZortlchuns jolghj 3 eine >; daS dem ders llerZ s alt neu und das ndo» l be- r die t ih» Apo- rttfel auch über zum polt- - und iive Organ, das„Svenska Dagblaö", fordert den Rück- tritt des Direktors dieser Zeitung als Präsi- öent der schwedischen Journalistenvercinigung. * 9. Juli. Die„Wiener Z e i t u n g", das offizielle Organ der österreichischen Regierung, befaßt sich mit den Geschehnissen im Deutschen Reich. In E n g l a n d. schreibt das Blatt, ist in den letzten Tagen das Wort geprägt worden, man müsse von nun an nicht so sehr Furcht vor Deutschland als um Deutschland haben. Bei der revolutionären Atmosphäre, die trotz aller schein- baren Friedhofsruhe über Deutschland laste, habe diese For- mel ihre volle Berechtigung, denn ohne Zweifel gehe-eine bolschewistische Welle durch das„dritte Reich", die obendrein durch Revanchegedanken beschleunigt werde. Da die Diplomatie der europäischen Mächte ein Interesse daran habe, eine völlige Katastrophe des konservativen Ttaatsge- dankens in Deutschland zu verhindern und die Entwicklung, die sich unter den Fittichen der Reichswehr anbahnen könnte, zu fördern. 1o müßten die diplomatischen Besprechungen, die im gegenwärtigen Moment im Gange seien, keineswegs un- bedingt gegen das deutsche Volk gerichtet sein, sondern sie könnten weit eher den Schutz des deutschen Volkes gegen neuerliche Gefahren behandeln, die sich aus den verschiedenartigen Revolutionskomplexen im deutschen Räume ergeben könnten. ver fnlsdie Weg Um einen Beweis zu führen Philippe Barrcs, einer der wohlwollendsten fran- zösischcn Korrespondenten in Berlin, schreibt:„Wenn die deutsche Regierung sich des Generals v. Schleicher bedienen will, um die öffentliche Meinung gegen Frankreich auszu- wiegeln, so machen wir sie darauf ausmcrksam, daß sie eine schlechte Methode gewählt hat. Um eine Verwicklung Frank- reichs in eine Verschwörung v. Schleichers glaubhaft zu machen, hätte man dem Schuldigen lebend den Prozeß machen müssen und ihn nicht vorher beseitigen dürfen." Hain, wo isf tiein Broder? Dos zersprungene deutsdie Idol Paris. 9. Juli. Das„Journal" nimmt in einem längeren Artikel zu der Frage Stellung, welches der tiefere Sinn der Hitlertragödie fei. Das Blatt geht von der Behauptung der deutschen Regierung aus, daß Ruhe und Ordnung in Ber- lin wieder hergestellt seien. Der Berliner Korrespondent dieses Blattes meint, das stimme äußerlich ivohl, aber unter der Oberfläche schwele ein Feuer, das wohl kaum gelöscht werden könne. Man täusche sich, wenn man sich von dem bc- eindrucken lasse, daß man auf der Straße nichts sehe und höre bzw. nichts höre. Man sei wirklich erst am Ansang der dcutschcn Entwicklung. Er habe mit Interesse den sittlichen Aufruf des Führers mit seinen 12 Artikeln an den Plakat- säulen gelesen, aber er müsse sagen, dieses Lied ziehe nicht mehr. Man höre nicht mehr auf den Sänger. Deutschland habe in Hitler ein Idealbild gesehen. Es habe in ihm den Mann gesehen, der die Einigkeit Deutschlands herbeiführen ivollte, habe in ihm eine makellose und fleckenlose Persön- lichkeit gesehen. Dieses Bild sei jetzt zerbrochen. Er habe, ivie kein anderer, verstanden, das Lied von der deutschen Brüderlichkeit zu singen, dessen Grundmotiv die„Hymne an die Freude" enthalte. Aber er habe die Register noch einige Töne überzogen als dies in Beethovens und Schillers Ode der Fall gewesen sei. Sein Refrain habe gelautet:„Ich hatt einen Kameraden." Nun habe er diesen Kameraden ermor- det. Vergeblich appelliere er setzt an die Ergebenheit, an die Loyalitat, die seine Freunde bisher geeinigt habe. Man hört ihn immer wieder sagen:„Kain, was hast Du mit Deinem Bruder gemacht?"... Die Freude an dem Gefühl, daß die deutsche Einigkeit wiederhergestellt sei, ist vorbei. Der Liste der Opfer des 89. Juni, die niemals veröffentlicht worden ist, muß man nun an noch ein Opfer hinzufügen. Das ist der Henker. jHitler). Die folenlisie Das Verbot Schweizer Blätter— Der schweizerische Bundesrat wird Stellung nehmen In der Schweiz herrscht helle Empörung über die Ver- böte schiveizerischer Zeltungen in Hitler-Tcutschland. Besonders erregt die Begründung: man habe„ungeheuer- Ii che Lügenmeldungen" über die jüngsten Vorgänge in Deutschland verbreitet. Die„Neue Zürcher Zeitung" schreibt dazu: „Was insbesondere die„T o t e n l i st e" des 39. Juni be- trifft, so dürfen wir feststellen, daß bei den allermeisten der von ernsthaften Blättern des Auslandes genannten Namen die Gewißheit besteht, daß ihre Träger wirklich tot sind; dz.' Informationen der„N. Z. Z.", des„Temps", der„Times", des„Karriere dcila Sera" usw. stimmen in dieser Hinsicht überein. In Deutschland sind bis f<-M nur d'e Na wen von elk Opfern oniziell bekanntgegeben worden,' das Deutsche Nachrichtenbüro spricht aber selbst von weniger als fünfzig b i n a e r i ch t e- ten Personen— also muß die offizielle Liste der mit Namen bekanntgegebenen Opfer noch recht unvollständig sein. Es ist nicht zu verstehen, warum die amtlichen Stellen länger zögern, eine vollständige Liste der hingerichteten oder bei der Verhaftung oder auf der Flucht erschossenen Perso- nen bekanntzugeben, die volle Klarheit darüber schüfe, wer noch„gesund und munter" seinem Berns nachgebt in ,d wessen Gesundheit und Munterkeit am 39. Juni nachhaltig bccin- trächtigt worden ist. Der Bundesrat wirb sich in seiner nächsten Sitzung mit der durch die neue Maßnahme der Reichsregicrnng ver- ursachten Zuspitzung des schweizcrisch-deutschcn Pressekon- flikts beschäftigen."* „Tag der denlsdien Rose" Herzinniges in Hitler-Deutschland Berlin, 8. Juli. Für die am 14. und 15. Juli stattfindende Aktion„Tag der b e u t s ch e n ist o s e", die von der ober- stcn Leitung der PO.. Amt für Volkswohlfahrt, in Verbin- dung mit dem Reichsnährstand und der Deutschen Gesellschaft für Gartcnkultur als Ausnahmesammlung des Deutschen Frauenwerkes für daS Hilfswerk„Mutter und Kind" durch- geführt ivird, ist nunmehr die G enehmigung des Stell- Vertreters des Führers der NSDAP., Rcichsministcr Heß, und des Reichosinanzministers erteilt worden. Ironie als Trost Brief e'nes deutschen Inte'lektueüen an«Sie„Deutsche Freiheit 1 ii L Besten Dank für Ihren letzten Brief. Ich bin wieder in das große, aber zur Zeit noch recht stille deutsche Aussalltor ■ zur Welt an der Wasserkante zurückgekehrt. Ich ivollte mit frisch gestärktem Mut die Arbeitssuche wieder ausnehmen in der Hoffnung, daß niit der besseren Jahreszeit und der ständig steigenden Belebung des Arbeitseinsatzes fso heißt ^ ,bas neue Wort für den bisher gebrauchten undeulfchen Be- des Arbeitsmarktcs) auch für mich etwas absallen würbe. Bis jetzt sind diese Bemühungen zwar noch nicht von Erfolg gekrönt worden, aber auch hier lautet die Parole: Kommt Zeit, kommt Rat. Es werden jetzt ja auf allen Gebieten große Anstrengungen gemacht, die Familienväter unterzubringen. Schon im Herbst hatte die Handelskammer in einem Aufruf dazu ausgefordert, und jetzt sollen, da die Aktion leider noch nicht das gewünschte Ergebnis hatte, die Firmeninhaber veranlaßt werben, die aus den Landgcbietcn zugewanderten Arbeitskräfte abzustoßen und durch städtische Familienväter zu ersetzen. Diese durchgreifende Aktion wird durch eine zweite, nicht minder energische Propaganda in der Oeffentlichkcit wirksam unterstützt. An fast allen Fabrik- gebändelt, Kontorhäusern und Betrieben sieht man große Plakate, die für die Freimachung von Arbeitsplätzen durch junge Leute zugunsten ber Familienväter werben. Die Pla- täte sind geradezu von einer bezwingenden Wirkung. Ein schon leicht ergrauter, den kaufmännischen Berufen znzu- zählender Familienvater blickt dankbar zu einem vor ihm stehenden frischen jungen Mann i» der Uniform des Arbeits- dienstes auf, der den Händedruck des Familienvaters freund- lich lächelnd crividcrt und sichtbar von innerem Glücksgefühl erfüllt ist, durch Meldung zum freiwilligen Arbeitsdienst wieder einem Familienvater Lohn und Brot gegeben zu haben. Der praktische Sozialismus der Tat, der aus diesem Plakat spricht, wird sicher seine Wirkung nicht verfehlen und auch manchem erwerbslosen Angestellten wieder gesteigerte» Lebensmut geben. Die seelische Wirkung solcher Propaganda ist umso weniger zu unterschätzen, als ja die Arbeitslosenzahlen selbst immer nicht allzu rosig sind. So las ich in der„Frankfurter Zeitung" einen Aufsatz„Am Rande des Binnenmarktes", aus dem sich ergibt, daß die Zahl der erwerbslosen kaufmännischen und technischen Angestellten in Hamburg vom Frühjahr 1933 bis . zum 31. März 1934 noch von 21 309 aus 22 600 gestiegen ist. Derselbe Artikel rechnet aus, daß in Hamburg noch 104 Er- werbslose auf 1900 Einwohner kommen, gegen 81 in den anderen Großstädten und 23,6 im iibrigen Reiche. Und dabei seien schon in zahlreichen Fällen die Angestellten„nur durch Arbeitsstreckung durchgehalten worden, teilweise zu Löhnen, die keine weitere Kürzung vertrugen." * Die Sorge um einen Arbeitsplatz ist also noch recht groß. Ich selber hatte neulich dieses Erlebnis: In einer Zeitung suchte eine bekannte Firma einen Kontorboten zwischen 35 und 45 Jahren. Da ich die Anzeige erst am späten Abend gesehen hatte, machte ich mich gleich am nächsten Morgen zu der persönlichen Vorstellung auf, zu der in der Anzeige auf- gefordert war. Etiva 30 Herren warteten bereits vor mir. Ich hatte mich einigermaßen gut gekleidet: aber in diesem Kreis kam ich mir wie ein ganz erbärmlicher Proletarier vor! Was sich da um die Kontorbotenstelle förmlich drängte, waren alles Menschen, die ich aus der Straße für Prokuristen usw. mit 500—700 RM. Monatsgehalt angesehen hätte. Alles picksein gekleidet und fast alles sehr durchgeistigte Gesichter! Natürlich war diese Liebesmüh vergebens. Die Stelle war tags zuvor längst besetzt. So wird jede, auch die»»schein- barste Stelle begehrt. Ich werde mich also wohl noch etwas in Geduld fassen müssen. Was tut man nun so als Arbeitsloser den lieben langen Tag? Man vertrödelt natürlich viel Zeit mit Klönen und Unterhaltungen auf der Straße, am Arbeitsamt, und wo immer man aus Bekannte stößt. Und das ist manchmal direkt schlimm. Von einem Arm läuft man in den andern. Immer- bin freut man stcb. alte Bekannte wieder zu sehen und zu sprechen. Das schönste daran ist immer wieder die Beobacb tung, daß die Menschen sich trotz der trüben Zeiten doch recht aufrecht halten und guter Hoffnung sind. Die Seelen sind »och widertzzMMiger, als Mncher glauben nvSSte. Im übrigen schmökere ich recht viel und hänge ebenso viel am Rundfunk, der jetzt allerdings nicht immer eine Ohrenweide ist. Es sind zuviel störende Geräusche darin. In der nächgen Zeit werden im deutschen Rundfunk wieder einige hoch- interessante Themen steigen. Nachdem in den Wintermonaten der Rundfunk sich besonders um die Wiedergabe Beethoven- scher Werte bemüht hatte, um das Volk seinen großen Män- nern der Vergangenheit naher zu bringen, sollen jetzt, wie ich ans einem Artikel des Reichssendcleiters Hadamowsky ersah, 3 andere Große das Rundfunkprogramm bereichern: 3t. W agner, Fr. v. Schiller und H. St. E h a m b e r- l a i n! Namentlich der letztere, der als geistiger Nährvatcr des Nationalsozialismus anzusprechen ist, interessiert mit sehr. Seit ich vor etiva 15 Jahren seine„Grundlagen des 19. Jahr- hundert" gelesen, habe ich eine große Sympathie für seine klare und zielbewußte Geistigkeit. Was er über die Bcdeu- tung des Germanentums sagt, ist jedenfalls so einzigartig, daß man nur bedauert, die Fülle seiner Gedanken und Hin- iveise nicht seinem Gedächtnis einverleiben zu können. In mancher Beziehung freilich scheint mir die neuere Erkenntnis aber doch schon weiter zu sein. Wenn er zum Beispiel in der Einleitung Seite 18 sagt, es sei eine geradezu lächerliche und empörende Neigung, den Juden zum allgemeinen Sünden- bock für alle Laster unserer Zeit zu machen, und kurz vorher sich sogar zu der Auffassung versteigt, der Jude sei kein Feind germanischer Zivilisation und Kultur, ja unsere ganze germanische Kultur kranke an dem Mangel einer wahren Religion, so glaube ich, daß er sich damit nicht im Einklang findet mit der heute hier herrschenden Meinung. Auch hat mich sehr befremdet, daß er auf Seite 457/8 eine Auslegung des Begriffes„Jude" gibt, die zu der, die heule in Deutsch- land vorherrscht, in ziemlichem Kontrast steht. Dort schreibt er nämlich unter anderem: „Ein Mensch kann sebr schnell, ohne Israelit zu sein, Jude werden: mancher braucht nur fleißig bei Juden zu verkehren, jüdische Zeitungen lesen und sich an jüdische Lebensauffassung» Literatur und Kunst zu gewöhnen. Andererseits ist es sinnlos, einen Israeliten echtester Ab- stammung, dem es gelungen ist, die Fesseln EsraS und Neheims abzuiverfen, in dessen Kopf das Gesetz Mose und in dessen Herzen die Verachtung anderer keine Stätte findet, einen„Inden" zu nennen.„Welche Aussicht wäre es." ruft Herder aus.„die Juden rein humanisiert zu sehen in ihrer Denkart." Ein reinhnmanisierter Jude ist aber kein Jude mehr, weil er, indem er der Idee des Juden- tums entsagt, aus dieser Nationalität, deren Zusammen- hang durch einen Komplex von Vorstellungen, durch einen Glauben, bewirkt wird, ipso facta ausgetreten ist. Mit dem Apostel Paulus müssen wir einsehen lernen:„Denn das ist nicht ein Jude, der auswendig ein Jude ist, sondern das ist ein Jude, der inwendig verborgen ist." — An diesem Zitat kann man ersehen, daß Ehamberlain doch in mancher Beziehung hinter der Ausfassung, der unter anderm auch kürzlich unser verehrter Propagandaminister so beredt Ausdruck gegeben hat, noch ziemlich zurückbleibt. Wie man überhaupt beim Lesen der Werte, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammen tauch„Ehamberlains Grundlagen" sind bereits 1898 herausgekommen), immer wieder feststellen kann, in welch immenser Weise die geistige Entwicklung in dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts fortgeschritten ist. * Da blättere ich dieser Tage in einem Band Nietzsche. Ich war geradezu entsetzt, bei diesem Philosophen, der doch auch in vieler Beziehung zu den geistigen Nährvätern nationalsozialistischen Gedankenguts gerechnet wird, Be- merkungcn zu finden, die eine direkt erstaunliche Ber- stänbnislosigkcit offenbaren für die Dinge, die unS im neuen Deutschland heilig sind. Was soll man bloß dazu sagen, wenn man in seinem Aufsatz über Völker und Vaterländer faus dem Nachlaß 1866) in den Kapiteln 19—21 folgendes lese» muß:„Natlon-Menschen. die eine Sprache sprechen und dieselben Zeitungen lesen, heißen sich heute„Nationen" und wollen gar zu gern auch gemeinsamer Abkunft und Geschichte sein: was aber auch bei der ärgsten Fälscher« der Ver- gangenheit sticht gelungen ist."> Wie kann sich ein Philosoph nur so verächtlich und ver- ständnislos über den Begriff„Nation" äußern! Noch fchlim- mer ist allerdings, was er über die Ziassensragen geschrieben hat:„Wieviel Verlogenheit und Sumpf gehört dazu,»»> im heutigen Mischmasch-Europa Rassensragen aufzuwerfen! ige- setzt nämlich, daß man nicht seine Herkunft in Borneo und Horneo hat)." Und im nächsten Kapitel:„Maxime: Mit keinem Menschen umgehen, der an dem verlogenen Rassen- Schioindel Anteil hat." Auch was er über den Heroismus sagt, gefällt mir gar nicht. Ich lese da im Kapitel:.'6:„Der Heroismus ist kein Eigennutz,— denn man geht daran zu- gründe." Da sind wir ja nun in der glücklichen Lage, durch die Tat den Nachweis zu führen, wie wenig Nietzsches Urteil auf uns paßt. Aber ich will mich nicht aufs hohe Pferd setzen aegeu- über einem so großen Philosophen, denn einmal kenne ich ihn — ivie ich gestehen muß— noch zu wenig und zweitens könnten Sie mir unter Umständen mit dem andern Nietzsche- Wort, das ich ihm„Jenseits von Gut und Böse", Nr. 219, fand, antworten:„Das moralische Urteilen und Verurteilen ist die Lieblings-Rache der Geistig-Beschränkten au denen, die es weniger sind, auch eine Art Schadenersatz dafür, daß sie von Natur schlecht bedacht wurden, endlich eine Gelegenheit. Geist zu bekommen und sein zu iverde»— Bosheit vergeistigt." Und als Geistig-Beschränkter möchte ich nun doch nicht vor Ihnen stehen. Auch habe ich keine Veranlassung, mich irgend- ivie an Nietzsche rächen zu wollen. * Soviel aber habe ich jedenfalls aus diesen bier erwähnten Werken schon herausgefunden: Es kommt nicht viel dabei heraus, wenn man sich bei Schriftstellern und Phaviopye», die bereits im vergangenen Iahrhundxrt lebten, über das Wesen ober gewisse Grundlagen des heutigen Nationalsozialismus in'ormiere» wollte. Da hat, glaube ich. der Altonacr Oberbürgermeister Brix ganz recht, ivcnn er in einer Rede am 17. Mai über das Thema:„Warurii weltanschauliche Schulung?" in der Krcisschule der Deutschen Arbeitsfront in Altona ausführte:„Da gibt es zuvor eines z» bedenken: Der Nationalsozialismus ist niemals verstan- desmäßig zu erfassen, sondern immer nur durch das Gefühl. Wer vom Verstand aus an die Beurteilung der national- sozialistischen Wcltanschaung herangeht, befindet sich auf dem falschen Wege. Darum muß zunächst der gesunde Instinkt des Menschen gepflegt werden. Bei den Libcralistcn und Marxisten war es umgekehrt, da hatte man das gesunde Gc- fühl getötet. W i r fragen zunächst unser Gefühl, wir stellen uns in allen entscheidenden Fragen nicht objektiv ein, sondern bewußt subjektiv. Mit dem Objektivitätsduscl früherer Zeilen der uns auch im Ausland soviel geschadet bat, wollen ivir nichts mehr zu schaffen haben." Ich finde diese Erklärung ganz ausgezeichnet und ich habe das Gefühl, daß der Altonaer Oberbürgermeister überhaupt ein sehr kluger Mensch sein muß. Denn er legte den Kursusteilnehmern, nach dem Zei- tnngsbericht, noch folgende Worte ans Herz:„Vor jeder innerpolitischcn Entscheidung müsse auch die außenpolitische Situation berücksichtigt werben. So sei es zum Beispiel not- wendig, daß wir uns bei der Einführung von Rohstoffen Zurückhaltung auferlegten und zwar mit Rücksicht aus den Devisenbestand der Reichsbank. Wir könnten zum Beiiviel in der Textilindustrie erheblich mehr Arbeitslose einstellen, weiin ivir Rohstoffe in unumschränktem Maße einzuführen in der Laae ivärcn. Die Rücksicht auf das Devisendepot der Reichsbank verbiete das. Ebenso wichtig ist es, unser Wirt- schastslebcii vor Erschütterunaen bewahren. Solche Erschütterungen wären unausbleiblich geivesen. wenn wir Warenhäuser, Konsumvereine usw. sofort geschlossen hätten. Das gesamte Problem wird annepackt iverdcn. wenn keine Erschütterungen mehr damit verbunden sind. ES gilt hierbei auch zu berücksichtigen, daß gewaltige Vermögenswerte, selbst sittliche, bier investiert sind, ebenso gilt es an die Ersparnisse der kleinen Leute zu denken. Derjenige kann keinen andern Menschen überzeugen, der von persönlichen Zweifel» erfüllt ist. Wenn wir ihn durch die Schulung dahin gebracht haben, daß er von sich sagen kann:„Ich weiß jetzt Bescheid." dann ist er in der Lage, diejenige Arbeit für die Bewegung leisten zn können, die wir von ihm verlangen müssen." Dir hier entwickelten Grundsätze li»de ich fr-fir fch«», aber es wird wohl tatsächlich eine ziemliche Schulung dazu gehören. ohne verstandesgemäße Erfassung dieser schwierigen volkswirtschaftlichen Ueberlegungen aus dem Gefühl her- aus immer das Richtige zu treffen. Aber deswegen kann wohl auch nicht jeder»um Führe, ig d^r Bewegung werde«. Pariser Berichte„Dann bleibt mir nur der Austritt übrig Association des Emigres Israelites d'Allemagne en France Mittwoch, den 11. Juli 1934, um 21 Uhr im Vereinslokal „Chez Cohn", 17, Rue Beranger(Metro Republique), Paris. Vortragsabend: Adolf Philippsborn„Briefe eines jungen Arbeiters aus Palestina". Eintritt frei, Gäste willkommen. Ullmo Vor 26 Jahren wurde in Frankreich durch die Affäre Ullmo fast so viel Staub wie zur Zeit durch die Affäre Stavisky aufgewirbelt. Benjamin Charles Ullmo, ein junger Marineoffizier war aus Liebe zu einer leichtsinnigen schönen Frau, um deren geldliche Ansprüche zu befriedigen, zum Landesverräter geworden. Er wurde im Jahre 1906 von einem Kriegsgericht zur Degradation und Verbannung verurteilt. Die ersten fünfzehn Jahre dieser Verbannung verbrachte Ullmo auf der Teufelsinsel in der gleichen qualvollen Einsamkeit, in der auch derzeit Dreyfus dort lebte. Dann wurde er von dort nach Cayenne geführt, wo er weitere 11 Jahre als Gefangener zubrachte. Die Liebe hatte ihn zum Verbrecher werden lassen; Liebe sollte ihn auch wieder befreien. Eine Krankenschwester, die von dem tra-, gischen Geschick des Verbannten gehört hat, hat nach jahrelangen zähen Appellen an die verschiedensten Behörden seine Entlassung durchgesetzt. Sie stand mit Ullmo in langjährigem Briefwechsel. Und Ullmo hat sie wegen ihres Edelmutes lieben gelernt und sich brieflich mit ihr verlobt. Am Dienstag nun ist der Bagno-Sträfling als freier Mann in Le Havre gelandet, wo er schon sehnsüchtig von seiner Braut erwartet wurde, an deren Seite er nun ein neues Leben anfangen will. Admirftle regieren Ein kafholisdier Priester erhebt seine Stimme- Wird sie gehört werden?- Eine Sdiidfsalsfirage an die Kirche DNSB. Tokio» 7. Juli. Der Kaiser wirft am Sonntagmittag oas neue japanische Kabinett durch ein Dekret offiziell be- statigen. Das neue Kabinett wird als ein Kabinett der großen nationalen Koalition bezeichnet, es ist aber nach seiner Zusammensetzung ein reines Beamtenkabinett. Das Kabinett setzt sich aus folgenden Persönlichkeiten zusammen: Admiral Okada, Ministerpräsident und Minister für über- seeische Angelegenheiten,' H i r o t a. Minister für auswärtige Angelegenheiten: Goto. Minister des Innern: General HayaSht, Kriegsminister: Fuyii. Finanzminister: Admiral O l u m i, Minister für Flottenangelegenheiten: Ohara, Justizminister: Matsuda, Unterrichtsminister: Mach ida, Handelsminister: Tokonami. Verkehrs- minister: Aamazaki, Lanöwirtschaftsminister? Uchida, Eisenbahnminister. Ein„hochangesehener katholischer Priester" nimmt das Wort zu den politischen Morden. Nicht in der Presse des Reiches— das würde ihm und den Redakteuren schlecht be- kommen. Wohl aber in der„Neuen Saar-Post", dem gegen Hitler kämpfenden katholischen Blatte an der Saar. Dieser Priester stellt endlich die Fragen, die wir lange, lange erwartet haben aus katholischem Munde: Was sagt die Kirche, was sagt der Stellvertreter Gottes auf Erden, was sagt der deutsche Episkopat zu diesen unge- heuerlichen Borkommnissen in deutscheu Landen? Was sagen die Bertreter der Kirche insbesondere dazu, bah ein so tapferer und bekenntnissrohcr Schildträger des Reiches Gottes auf Erden, wie Ministerialdirektor Dr. Älausencr es gewesen ist, meuchlings dahingemordet wurde? Die Antwort, die dieser kirchliche Würdenträger zu geben hat, ist d e n k b a r t r o st l o s. Er erklärt, daß die deutschen Bischöfe Gefangene seien, die sich nicht so äußern dürften, wie sie wollten. Sie müßten„mit Klugheit" darauf achten, den deutschen Machthaber» nicht die erwünschte Gelegenheit zu geben, um loszuschlagen und ihre Leidenschaft an der Kirche auszulassen. Wie weit der Katholizismus in Deutschland be- reits geknechtet sei, zeige die Tatsache, daß die Berkündung und Verbreitung des Hirtenbriefs der Foldaer Bischofs- konferenz von staatlicher Seite bis heute unterbunden sei und daß in einer Reihe von Diözesen, so in München, die Druckexcmplare des Hirtenbriefs von der Polizei beschlag- nahmt worden seien. Wir stimmen mit dem Priester nicht überein, wenn er meint, daß die Seelsorgegeistlichkeit im Reiche zum Schweigen verurteilt sei. Sie hat nicht geschwiegen, wenn es sich um engere kirchliche Interessen handelte. Darf sie schweigen, wenn es um die letzten sittlichen Dinge geht, um das einfache Menschenrecht, um Tod und Leben, die die Kirche in ihren Schutz gegen grausame Gewalt zu nehmen hat? Welch eine Kanzel für die Kirche, wenn sie ohne Rücksicht auf„Jnter- essen" ihre Stimme zum Protest erhöbe! Wenn sie, abseits von jeder Taktik, die schlimmsten Verfolgungen auf sich nehmen würde! Es scheint uns nicht zu genügen, baß sich der päpstliche Nuntius den Glückwünschen des diplomatischen Korps an Hitler nicht angeschlossen hat! Es ist die Stunde nicht des Schweigens, sondern des Redens da! An diesen Zuständen mag der.hochangesehene katholische Priester" freilich nichts zu ändern. Um so schärfer sind seine an die Saarkatholiken gerichteten Worte. Wir geben einige Partien aus seinem Aufsatze wieder: „Auch hat es der Führer der„deutschen Front" km Saar, gebiet für notwendig besunden, aus Anlaß der blutigen Ereigisse in gewohnter Anmaßung im Namen des„dent- schen Saarvolkes" an den Reichskanzler ein Huldigungs» telegramm zn richten? außerdem sind die Führer der „deutschen Front" Pirro, Kieser, Röchling und Levacher nach Berlin gesahren,«m die deutsche Regierung zu be- glttckwünschen. Angesichts dieser unglaublichen Geistes- Verwirrung scheint es die höchste Zeit zu sein» daß die Katholiken des Saargebiets, vorab die katholischen Geistlichen, sich endlich wieder auf ihre Gewissenspslicht gegen Gott nnd die Mtt. menschen besinnen. Nur zögernd und unter einem gewissen Druck von außerhalb des Saargebiets hat eine Anzahl katholischer Geistlicher es über sich gebracht, der so- genannten„deutschen Front" beizutreten? keiner aber fühlte sich wohl in dieser buntgemischten Gesellschaft. Heute aber muß man sagen: Wenn sich nicht in allerkürzester Frist in der„deutschen Front" eine gesunde Opposition durchsetzt, die wirklich aus demBoden des posi- tiven Christentums steht und das positive Christentum der Goebbels usw. als Heuche- lei desmaskiert, dann bleibt einem ge- wissenhasten katholischen Geistlichen nur mehr übrig, selbst seinen Austritt zu er- klären und die Gläubigen vor einem Bund zu warnen, dessen Führer die Mißachtung der Gebote Gottes billigen." Dieser Priester erklärt es für unerträglich, baß im Saar- gebiet der„Patriotismus"(Die Gänsefüßchen sind von uns. D. Red. d.„D. F.") über die Religion und Gottes Gebote gehen soll. Er schreibt sehr offen: Göring habe die Unglück- seligen„im erweiterten Auftrag", ohne Nachweis ihrer Schuld, ohne Möglichkeit einer Verteidigung, jedem gött« lichen und menschlichen Recht zuwider einfach niederknalle« lassen... Hier geht es nicht, so sagt der Priester zum Schluß, nur immer um außenpolitische Krisen, sondern um eine Krise des Gewissens. Auch die Katholiken an der Saar hatten durch nationale Phrasen die Stimme des Gewissens ersticken lassen. Ließe sie sich wieder erwecken? Hat diese Stimme wie- der ein Echo? Es geht nicht nur den Saarkatholizismus an. Es betrifft die Universalität des Katholizismus. An seiner Haltung gegenüber den Untaten in Deutschland wird die ganze Welt ermessen, ob die obersten menschlichen, sittlichen und göttlichen Gebote bei der Kirche noch in Obhut sind. Brief aus Bauern »»An den Bestand des„dritten Reichs" glaubt kein Affe" Lieber Freundl Was soll ich dir berichten? Tu liest ja die verschiedenen Schweizer Zeitungen und wir lesen überhaupt nichts mehr, denn die gleichgeschalteten Zeitungen bringen ja nur die Er- folge des„dritten Reiches", von denen wir nichts merken. Tas Einzige, was wir immer vom„dritten Reich" merken, ist die gepanzerte Faust, die alles zerschlägt. Ganz deutlich merkt man das in den Lokalen, an den verhärmten Gesich- tern der Gäste. Wirtschaftlich halten wir ja so im Jahr 1017/18, nur ohne Rum-Bum. dafür aber hat das„dritte Reich" das Handbeil in Tätigkeit gesetzt und die brutale Gewalt. Voraussagen haben wenig Wert, denn die Gefahr ist zu groß, daß man ob seiner sehnsüchtigen Wünsche das Wirkliche und Mögliche falsch einschätzt. Gut scheint? dem Führer nicht zu gehen, und wenn man die Reden liest, dann erinnert man sich an Wanderungen durch einen Wald. Zuerst horcht man immer, dann sängt man mit sich zu sprechen an und ganz zum Schluß singt man und das alles, nur um sich nicht einsam zu fühlen und um über- Haupt etwas zu hören. So ähnlich muß es auch den Leuten gehen. Mit ihrem Geschrei wollen sie die Angst zum Schwei- gen bringen, denn dem Dümmsten dämmerts, daß die wirt- schaftliche Lage sich stündlich verschlechtert und an den Auf- stieg und tausendjährigen Bestand des„dritten Reichs" glaubt kein Asse. Die Dcvisennot ist so groß, daß bereits ab 1. 7. 1034 Stoffe nur mit Vistra verarbeitet werden dürfen. Vistra ist eine aus Holz gewonnene Faser. Das Beimischungsverhältnis ist 50 Prozent. Mir berichtete ein Textilsachmann, daß die Schweißabsonderung gewisser Krankheiten die Vistrafascr ein- fach zerstört. Gabun ist eine amerikanische Holzart, die fast ausschließlich zur Fabrikation von Sperrholz verwandt wird. Auch die kann in den benötigten Mengen nicht mehr beschafft werden und deshalb kommt die deutsche Pappel auch wieder zu Ehren. Ter Preis für Gabun war März 1034 pro Quadratmeter 16 Pf., jetzt 24 Pf. Die Preise ziehen aus der ganzen Linie an und das Arbeitseinkommen bleibt stehen und vermindert sich sogar um den Teil, der heute für wcsent- lich höhere und mehr Beiträge ausgegeben werden muß. Die Bauern schimpfen in deutlicher Weise über das Erbhosgesetz und über die schlechten Preise. Die Auswirkungen des Erb- hofgesetzcs sind mannigfacher Art. Die wesentlichsten Merk- male sind: Verzichtleistung der Nachgcborenen aus das Heiratsgut, Verlust jeglichen Kredits. So könnte man gerade über das Erbhofgcsetz ausgiebige Bücher schreiben. Aus den wenigen Zeilen kannst du deutlich erkennen, daß die Grundpfeiler der Bewegung absacken und wenn ich an unsere Unterhaltung vom Herbst anknüpfe, darf ich wohl heute behaupten, daß die Lebensdauer des„dritten Reiches" sehr beschränkt ist. Die Spaltung innerhalb der Par- tei ist unverkennbar und nachdem wir den ganzen Zauber der Schwerindustrie und dem Junkertum zu danken haben, wird für das Nachfolgende schon auch das Blödsinnigste zn er- warten sein. Ich komme mir vor wie in einer Waschküche, deren Dunst mich umnebelt, in den Kessel sehen wir nicht hinein, um zu erkennen, was darin gekocht wird. Auf jeden Fall werden die Riemen wieder aus unserer Haut geschnitten. Daß Göring sich zur Eröffnung der Schorsheide ein alt- germanisches Jägcrkleid aus Leder hat arbeiten lassen, weißt du sicher auch schon, aber daß sie dem Karl dem Großen kein gutes Haar mehr lassen, kränkt mich schon sehr. Je verschro- bener und verstiegener, verlogener und gemeiner das Volk angelogen wird, desto rascher kommt die Ernüchterung und für so saudumm halte ich das deutsche Volk denn doch nicht, daß es dies alles einfach hinnehmen wird. Aber, lieber Freund, was kann man da sagen, wenn man an die Ent- täuschungen denkt, die einem vernünftigen Menschen bereitet BRIEFKASTEN Antwerpen, Sie schreiben uns:„Abolf, der Erholungsbedürftige, geht in den nächsten lagen in Urtaub: an Bad eines Kreuzers an die skandinavische Küste.— Beachten Sie die merkwürdige Duplizi- tat der Ercignige: vor zwanzig Jahren, in den gleichen Tagen deS Juli, machte„der brandenburger Tor" die gleiche Tour! Es war seine letzte Urlaubssahrt in Dienst! Alles deutet daraufhin, daß es auch des Mörders letzte„Erholung" werden wird."— Hoffen wir es und arbeiten wir! Ch. H., Turin. Sie schreiben uns:„Im Besitze einer Erfindung künstliches Gold fauruml herzustellen, habe ich die Bitte an Sie, Apparat und vollständige Beschreibung des ProduktionSvorganges in Ihrem werten Blatte zum Abdruck zu bringen.— Als Idealist will ich mit meiner Erfindung kein Geld verdienen, sondern ich lege Wert daraus, daß jedermann soviel Gold sich billig erzeugen kann, wie er will.— Ich werde durch die Publizierung meines Verfahrens die bestehende christlich-kapitalistische Weltordnung ver- Nichten!— Das Verfahren befindet sich getrennt sZeichnung, Be- schrcibung, Proben usw.) in drei Händen, so daß außer mir niemand FACHMANN, FABRIKANT sucht Partner mit kleinem Kapital für c amenhancitaschen- fabrlk. Offerten an Publ. Metzl, 51,«ue Tur- bifio, Parts, No. 1515 Ostfranzösische Fabrik für Quinquail» lerie.Artikel sucht zur Erweiterung Mitarbeiter für Verkauf, beider Sprachen mächtig, Beteiligung 50 bis 100000 Fr. Angebote an die ,,DEUTSCHE FREIHEIT" unter Nr. 555 H Gewerbe«18 Zahntechniker angemeldet. Auf die Frage de» Be- amten, ob er denn davon auch was versteht, gab er zur Antwor^ „Ach Gott, mein Nachfolger versteht von Amtshandlungen auch nichts..." Historiker, Brüssel. Wir haben neulich daran erinnert, daß daS jetzt auf Kundgebungen der Hitlerjugend viel gebrauchte Wort„Der Feind steht rechts" seinen Ursprung auf der politischen Linken der deutschen Republik hat. Wir glaubten, es stamme von dem Reich»» kanzler Dr. Joses Wirth, der es am Todestage Walther RathenaüS im Reichstage den Deutschnationalen entgegengeschleudert hat. Sie machen uns nun darauf aufmerksam, daß dieser Kampsruf gegen die reaktionäre Rechte auf einen Marxisten, nämlich aus Philipp Schcidemann, zurückgeht. Er hat das Wort Ansang Oktober ISIS in einer scharfen polemischen Rede in der versagunggebenden National« Versammlung gebraucht, die damals schon ihren Sitz nach Berlin verlegt hatte. Sie besitzen noch ein Exemplar der Rede in Bro- schürenform, und zwar mitten Sie, daß von dieser Broschüre seiner Zeit über 900 000 Stück abgesetzt worden sind. Ferner haben Sie in Ihrem Archiv je einen Aussatz von Scheidcmann„Der Feind steht rechts" aus dem Spätherbst 1919, und zwar sind diese Aussätze im„Vorwärts" und im„Achtuhrabendblatt" gedruckt worden.— Wir danken für Ihre Belehrung. Scheidcmann lebt irgendwo im Exil, irren wir uns nicht, in der Tschechoslowakei. Für den Gesamtinhall verantwortlich: Johann P i tz In Dud- weiter: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH„ Saarbrücken& Echützcnstraße 5.— Schließfach 776 Saarbrücken. Unsere neuen Broschüren! haben, J ö» Mkiv&■ B. etwas damit anfangen kann. Ich werde Ihnen meinen Teil sofort zum Abdruck übersenden, sobald ichZusage habe.Dann werde ichJhnen Name und Adrette meiner Teilhaber in Deutschland bekanntgeben, damit Sie weiteres zur Veröffentlichung bekommen.— Ich bitte, mir vorerst Ihre werte Mitteilungen und Belegexemplar nach Briencon sFraneel poste-restante senden zu wollen. Ich hoffe, daß Sie mir Helsen werden, auf diese Art und Weise die neue Welt- ordnung zu schassen..."— Reisen Sie schleunigst nach Berlin. Leute wie Sie, können Hitler und Schacht brauchen. Henning, Dnderftadt. Von den paar Renegaten aus der Sozial- demokratie, die sich an die Hitlerei verkaust haben, scheinen Sie der Verlumpteste werden zu wollen. Sie haben in Rr. 108 des„Niederdeutschen Beobachters" einen Aussatz verübt, der ebenso schmierig wie verlogen über emigrierte marxistische Journalisten schreibt. Wir unterstellen gern-, daß das„dritte Reich" Ihnen einen mise- rablen Verrätersold bezahlt. Neidgefühle sind daher verständlich. Aber soviel scheinen Sie immer noch zu verdienen, um sich besausen zu können und im Süss üble Verleumdungen zu produzieren. Käthe F. Ihnen ist der neueste Göringwitz berichtet worden: Ter R-ichsluftfahrtminister besichtigt mit großem Gefolge die Kruppwerke. Plötzlich ist der Herr Minister, der eben noch in strahlender und blitzender Uniform neben Krupp von Bohlen- Halbach stand, verschwunden. Man sucht überall. Der Minister ist nicht zu finden. Endlich wird man aufmerksam: der Minister hängt mit seinen hundert Orden festgeklebt an einem der großen Kran- magneten und strampelt verzweifelt, um sich zu befreien, ohne sich von seinen Orden lösen zu mügen... Dr. R. F. K. Ihnen hat man au» der fränkischen Streicherei berichtet:„Die nationale Erhebung hat den früheren Regierung?- Präsidenten von Untersranken, Dr. Günther, weggefegt, an seiner Statt sitzt der einstmalige Zahntechniker au« Marktbreit, Dr. Hell- jjjutJ und^regiert". Ar. Günther hat jüngst gm Gewerbeamt daS 0 SIND DIE NAZIS SOZIALISTEN Von■ 100 Dokumente gegen Hitler PREIS 1,00 FRANKEN IN ETWA 8 TAGEN HITLER RASTI Eine hochinteressante Darstellung der letzten Ereignisse aus berufener Feder PREIS 3,00 FRANKEN Buchhandlung der„Volksstimme" Saarbrücken Bahnhofstr. 32- Neunkirchen HOttenbergstr. 41