Rv. 92. Abonnenltitts- Sedingiingeir: Abonnements- Preis pränumerando: «iertelj-chrb ZL0 Ml., monatl. l,I0Ml., möchenllich 28 Psg. frei ins Hau». Einzelne Nummer 5 Psg. Sonntags- Nummer mit tllustrirter Sonntag«- Beilage„Die Neue Welt" 10 Psg. Post- Abonnement: 3P0 Marl pro Quartal. Eingetragen in der Post- Zeitungs- Preisliste für 1SS7 unter Nr. 7437. Unter kireuzband für Teutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland z Mark pro Monat. Erscheint täglich anstrr Wonlüg«. 14. Jahrg. Die Iiistrtions-Veliiilsr beträgt für die sechSgespaltene Kolonel- »eile oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Bersammlungs-Anzsige», soioie Arbeitsmarlt 2V Psg. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in der Erpedition abgegeben werden. Tie Expedition ist an Wochentagen bis 7 Uhr abendS, an Sonn- und Festtagen bi» S Uhr vormittags geössnet. Devlinev VolKsblÄkt. Fernsprecher: Amt I, Nr. 10(13. Telegramm- Adresse: ..Sotialdemoltral verltn". Dentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. HteduCUto»: SW. 19, Weul Y-Straße 2. Dev Wieieg ipt susgebvochen. Das heißt der offizielle Krieg— der offiziöse Krieg ivird ja seit Monaten in Kreta lnstig geführt und war seit dein 5. d. M. auch an der türkisch-griechischen Grenze de- reits im Gang. Dag es dem„europäischen Konzert" nicht gelungen ist, dem offiziösen Krieg binnen 24 Stunden ein Ende zu machen, war schon eine ungeheuere Blamage. Daß das„einige Europa" aber den Ausbruch des offiziellen Kriegs nicht verhindern konnte, das ist ein geradezu beispielloses Arinuthszeugniß—einArmiithszeugniß, das sogarden schwedischen Reichskanzler Ox e n stier na, den Urheber des geflügelten Worts von dem negativen, durch Abwesenheit glänzenden Verstand der Staats- und Staatenlenker, mit Staunen erfüllen würde, wenn es ihm vergönnt wäre, auf die Erde zurückzukehren. In bezng auf die Entwickeluug dieses negativen Verstandes der Diplomatie würde er einen kolossalen Fortschritt seit seiner Zeit feststellen müssen. Der absolute Bankrott der europäischen Diplomatie ist an sich eine noch wichtigere, und da sie auf die Völker nicht ohne Eindruck sein kann, wohl auch folgenschwerere That- fache als der Krieg selbst. Dieser ist offiziell am Sonnabend vor Ostern eröffnet worden— und zwar durch die Pforte, welche nicht länger Versteckchens zu spielen Lust hatte, und von der vollendeten Thatsachc des Kriegs nur den dünnen, in Athen gewobenen Schleier wegzunehmen hatte. Am Sonnabend erklärte die Pforte den Krieg und die türkische Armee setzte sich sofort in Bewegung. Da die türkische und die griechische Armee einander jseit Wochen an dcr Grenze in engster Nachbarschaft gegenüberstehen, und da auf beiden Seiten alles zum Kampf vorbereitet war, so kam es der ganzen Grenze entlang sofort zu Zusammen- stößen. Wir hoffen bald in der Lage zu sein, unseren Lesern eine brauchbare 5karte des Kriegsschauplatzes ni den Text eingedruckt zu liefern— die augenblicklich zur Verfügung stehenden sind ungenügend—; einstweilen müssen wir unsere Leser bitten, sich mit Hilfe der Landkarten so gut es geht, zurechtzufinden. Es ist dies aller dings nicht leicht, zumal die massenhaften Berichte von Uebertreibungcn, Jrrthümcrn und Widersprüchen wimmeln Zur Orientirung sei einstweilen blos bemerkt, daß dcr türkische Vorstoß allem Anscheine nach in der Richtung von Elassona, Ivo das türkische Hauptquartier, nach Larissa, der Haupt stauptstadt Thessaliens, wo das griechische Haupt- quartier ist oder war, sich vollzieht, und daß die übrigen gemeldeten Gefechte von mehr neben- sächlicher Bedeutung sind. Nach türkischen Berichten, denen die griechischen jedoch entgegenstehen, hätten die Türken vorgestern und gestern sich der Pässe vor Tyrnavos be- mächtigt. Bestätigt sich dies, so war der Weg nach Larissa offen, und die Griechen, die sich nach türkischem Zeugniß gut geschlagen haben, müßten entweder in der Thessalischen Ebene eine Entscheidungsschlacht annehmen oder den Rückzug an- treten. In Vermnthiingen sich ergehen, während die eisernen Kriegswürfel im Rollen sind, wäre Thorheit. Und Thorhcit wäre es auch, sich mit den etwaigen Plänen und Absichten des „europäischen Konzerts" befassen zn ivollen. Zunächst haben die Kanonen das Wort. Und nach deni greisciihaft-kiudischen Gefasel dcr Staatsmänner des„geeinigten Europa" ist der ehrliche Kanonendonner beinahe herzerfrischende Musik. Die Depeschen über die kriegerischen Ereignisse widersprechen sich selbstverständlich, sie sind je nach der Quelle, aus dcr sie stammen, türken- bczw. gricchenfreuudlich gefärbt. Wir beschränken uns ans die Mittheilnng der zum Ver- ftänduiß der gegenwärtigen Situation wichtigsten Depeschen: K o ii st an I i ii o p e l, 18. April. An der hiesigen Gesandtschaft sind heute früh die staatlichen Hoheitszeichen Griechenland? entfernt worden. Im Znsaininenhange damit wird bekannt, dab dcr griechische Gesandte gestern spät abends von der Pforte die Mittheilung über de» Abbruch dcr Beziehungen mit Griechenland erhalten habe. Auch die hiesigen griechischen Kaiifleute bereiten sich vor, das türkische Gebiet zu verlassen, wozu ihnen eine Frist von 14 Tagen gesetzt sein soll. Berlin, 18. April. Dem Vernehmen nach ist einem von der Pforte hier ausgesprochenen Wnnsche zufolge der kaiserlich deutsche Gesandte in Athen für den Fall des Abbruchs der Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland mit der diplomatischen Wahrnehmung der Interessen türkischer Staats- an gehöriger in Griechenland betraut worden. Unterm 18. d. M. wird aus Athen telegraphirt: Die Pässe des türkischen Gesandten Assim Bey sind aus- gefertigt. Die beiden letzten Klassen der Reserve sind einberufen. D e p u t i r t e n k a m m e r. Hans und Tribünen sind überfüllt. Ministerpräsident Delyannis erklärte, die türkische Regierung habe heute die Eckläruiig von dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen notifizirt, unter dem Vorgeben der aggressiven Haltung Griechen- lands. Delyannis zählt alsdann die jüngste» Thalsachen auf, welche das Gegentheil beweisen. Die Türkei sei der angreisende Theil gewesen, ihre Truppen hätten die griechischen angegriffen, hätten die iieiitralen Positionen besetzen wollen und hätten endlich den Dampfer„Makedonien" an der Einfahrt des Busens von Arta in den Grund gebohrt. Die Türkei, so fährt der Ministerpräsideiil fort, hat uns den Krieg erklärt, wir haben ihn angenouiineii.(Wiederholter Beifall). Delyannis behauptete, daß die Türken wiederholt den Paß von Reveni, welcher den Weg nach Larissa beherrscht, in ihre Ge- walt bekoinnien ivolllen, jedoch zurückgeschlagen worden seien. Die Führer der Opposition gaben alsdann unter erneuten Beifallskundgebungen patriotische Erklärungen ab. In dem Augenblicke, als der Dampfer der panhellenischen Gesellschaft„Makedonien" heute früh den Busen von Ambrakia verließ, feuerten die Türken von Prevesa aus auf denselben und bohrle» das Schiff in den Grund. Die Mannschaft wurde gerettet, dcr Kapitän schwer verwundet. Die Negierung crtheilte der griechischen Flolille im Golfe von Ambrakia den Befehl, Prevesa zu bombardiren. Das Bombardenient währt seit mehreren Stunden. Nach anthentischen Depeschen beschossen die Kanonenboote mit Erfolg das Fort Skafidaki. Vier Kanonenboote griffen Salagura an. Eine weitere Depesche meldet, daß um L'/s Uhr nachmittags das Feuer von seite» des Panzerschiffes„Vasilcos Georgias" und des Kreuzers„Miaulis" eröffnet wurde. Von der Batterie Hainidie und dem Fort Pautokratoras wurde auf die griechischen Schisse geschossen, doch hatte das Feuer wenig Wirkung. Um 3 Uhr 25 Min. schlug ein Geschoß des„Miaulis" in die Batterie Hainidie ein. Das Fort Skafidaki wurde von den griechischen Schiffen zerstört. In Vonitsa sind Kauoueuboote eiugelaufeu, um ein Landungskorps au Bord zu nehmen. Die griechische Batterie Kefali Pauaghia unter- stützte erfolgreich die Flotte im Golfe von Ambrakia. Um 4 Uhr nachmitlags bestätigte der Kommandant von Aktinm, daß das Fort Skafidaki zerstört sei. Das Bombardenient dauert im übrigen noch an. Die griechische Negierung, welche Werth darauf legt, zu belonen, daß sie bis zum letzten Augenblick an ihren freundlichen Bestrebungen (! Red. d.„Vorm.") sestzuhalten suchte, giebt aus diesem Grunde dem Korrespondenten des Louis Hirsch's Telegraphen- Bureau ein genaues Bild über die Vorgänge der letzten Tage. Die türkischen Truppen machten am Freitag Abend einen Angriff auf die ans einem Hügel gelegene Ortschaft Analipsis, wurden aber von den Griechen zurückgeivorfe». Analipsis liegt in der neutralen Zone und wird nur im Sommer von Hirten bewohnt; ist also jetzt ohne Einwohnerschast. Dieses Vorgehen der Türscn bedeutete schon allein einen Friedensbruch. Die griechischen Truppen, welche die Annäherung der Türken bemerkten besetzten Analipsis und konnten dem Ansturm erfolgreich Widerstand leisten. Am Souiiabend früh um 5 Uhr wurde ein zweiter Augriff seitens der Türken iinternominen, aber gleichfalls zurückgeschlagen Im Laufe des Sonnabends fand alsdann in Kouslantinopel ein Ministerralh statt, in welchem beschlossen wurde, an Griechenland de» Krieg zu erklären. Um 11 Uhr abends wurde die Kriegserklärung dem griechischen Gesandten in Konstautinopel übergeben. In derselben wird nicht nur gesagt, daß der griechische Gesandte in Kon- stantinopel und der türkische Gesandte in Athen sofort abzureisen hätten, und daß säiumtliche Konsulate aufgehoben seien, sondern es wird vor allem festgesetzt, daß alle griechischen Unterthanen inner- halb 14 Tagen die Türkei verlassen müssen. Gerade dies bc- deutet eine ungeheure Schädigung der vielen Griechen, die in der Türkei ihre zweite Heimath gefnndcu haben.— Ohne daß nun die türkische Kriegserklärung allgeinein bekannt war, feuerte am Sonntag früh das türkische Fort Prevesa auf den griechischen Dampfer„Makedonien", der den Golf von Prevesa verließ und bohrte das Schiff, welches viele Passagiere und Fracht an Bord hatte, i» Grund. Dies war ebenfalls eine Ver- letzung des Völkerrechts, wogegen Griechenland energisch protcstirt, denn erst im Lause des Sonntags Vormillag überbrachte der türkische Gesandte in Athen der griechischen lllegierung die Kriegs- erklärung. Die griechische Antwort darauf betont eingehend den friedlichen Standpunkt, welchen Griechenland von jeher eingenommen habe, und stellt fest, daß die griechischen Truppen in den letzte» Tagen wiederholt gezwungen waren, Angriffe der türkischen Truppen- körper zurückznschlagen. Von türkischer Seite liegen folgende Meldungen zur Kriegserklärung vor: K o n st a u t i n o p e l, 18. April. Eine amtliche Bekannt- machung bringt das vorgestern erfolgte Eindringen griechischer Truppen in türkisches Gebiet zur Keunluiß und führt ans, die Pforte habe die Erhaltung des Friedens bis jetzt möglich gemacht, aber die Hallnug Griccheulauds zwinge sie zu entsprechenden kriegerischen Schritten. Edhem Pascha habe den Befehl zum defensiven und offeusiveu Handeln erhalten unter Befolgung des Planes, welcher durch den Kricgsrath festgestellt nud durch ein Finde genehmigt ist. An die oltomaiiischen Vertreter im Auslände wurde schon am 16. d. M. abends ein eingehendes Rundschreiben gerichtet, welches an den über Krania in der letzten Woche erfolgten Einfall in türkisches Gebiet erinnert und dabei auf die Belheiliguug griechischer Truppen au diesem neuen Einfall hinweist, indem es zugleich die Hofsuung ausspricht, die Mächte würden in ihrem Gerechtigkeitssinn zugestehen, daß die ganze Verantwortlichkeit für den Krieg auf Griechenland zurückfalle. Schließlich erklärt die Zirkularnote, daß die Türkei keinerlei Eroberungspläne verfolge und bereit sei, um einen neuen Beweis ihrer friedlichen Gesinnung zu gebe», ihre Truppen zurückzuziehen, wenn Griechenland die seinigen von der Grenze und aus Kreta zurückzöge. Ueber die Situation ans dem Kriegsschauplätze sind heute folgende Depeschen aus Konstantinopel versandt worden: Telegramm Edhem Pascha's an den Großvezier: Alle Tyrnavos domiiiirenden Höhen wurden genommen, der Kampf dauert fort, ein Evzone wurde gefangen genommen, 2 Gewehre und 30 Kisten Munition wurden erbeutet. Das in griechischen Besitz gefallene Dolasc-Kotepe(?) wurde wieder erobert. Telegramin des Korpskoinmaiidanteii in Janina an der Groß- vezier: 13 griechische Kriegsschiffe bombardirten 4l/s Stunden lang Prevesa, das Feuer der 15 Zentimeter-Kaiionen der Werke Hamidie und Jenikule erzwang ihren Rückzug. Drei Schüsse trafen griechische Panzerschiffe, auf türkischer Seite ist kein Verlust zu ver- zeichnen. Telegramm des Vali an den Großvezier: Gegen die bei Pra- vista in der Nähe von Kavala aufgetauchte griechische Bande wurden Truppen und Gendarmerie von Saloniki und Seres entsendet; 60 Banditen wurden getödtet und 5 gefangen genommen, welche mit Dynamit, Karte» und einem photographischen Apparat ansge- rüstet waren. Ein Telegramm des Bali von Adriauopel an den Minister des Innern enthält die Meldung des Kaimakam von Ztanthi (Eskivze), daß von der bei Pravista aufgetauchten griechischen Baude hundert Mann getödtet worden und der Liest zernirt sei. Kirpeditiott: 8V. 19. Wenty-Straße 3. Ein Telegramm des Bali von Janiua an den Minister des Innern übermittelt eine Ergebenheitsdepesche des griechischen Metro- politen von Prevesa. Eine Depesche des Bali von Monastir an de» Minister des Innern berichtet auf grnud einer Depesche der Zivilbehörden über die Eroberungen und die Offensive der 1., 2. und 4. Division und die Defensive der 6. Division bei Kozkoei, in deren Bereiche die Griechen zwei Höhen besetzt halten. Berichte des türkischen Oberstkommandirenden Edhem Pascha heben die Verwegenheit und die Energie der Griechen, sowie die Zähigkeit der griechischen Vertheidigung der Positionen von Meluna, Papa Livado und Tyrnavos hervor. Einige schwache türkische Posten, deren Ortsangabe nicht genau ist, serner kleine Streifkommaudos und Patrouillen erlitten Schlappen. Au einigen Punkten war dagegen der griechische Widerstand ein sehr geringer und artete in einen panikartige» Rückzug aus. Im Iildiz-Kiosk ist man heute zuversichtlich und giebt der sicheren Erwartung Ausdruck, daß die griechische Landaruiee bald besiegt sein werde. Tagegen hegt man ernstliche Bejürchtuugen vor griechische» Unleruehmungeii zur See gegen die ausgedehnte türkische Küste nud die vielen schutzlosen Hafenstädte, da das in den Tarda- Hellen liegende Geschwader sich zu einer Aktion unfähig erweist. Das Gerücht von der Versehung Edhem Paschas siudet bisher keine Bestätigung. Die Nachricht, daß Marschall Kamphoeveuer-Pascha nach dem Kriegsschauplatze beordert worden sei, ist falsch. Eine Depesche aus Elassona bringt die Mittheilung über die Eiunahme des griechischen Ortes Knrtsiovali(Gritzowali?) durch die 5. Division unter dem jioniniando Neschat Pascha's und dcr Höhe von Tyrpantepessi, durch welche der Paß und die Höhe von Papa Livado beherrscht werden. Ans derselben wurden Geschütze aufgestellt. Elf Griechen wurden zu Gesangeue» gemacht und viel Kriegsmaterial erbeutet. Ans den eroberte» Höhen von Meluna wurden drei Batterien und auf der von der Brigade Dschelal Pascha's eroberten Höhe von Pernar zwei Batterien errichtet, welche den griechischen Truppen viel Schaden zufügen. Nach türkischen Angaben wurden bisher neun griechische befestigte Grenzpositionen erobert. Weitere Depeschen aus Elassona melden die Einnahme der griechischen Orte Karadere und Kardsckaly und der Positionen Scmeit Tepe und Kasaklar, die Flucht der Griechen unter Zuriicklassuug von Kriegs- Material und die Fortdauer der Kämpse auf dcr griechischen Ber- lheidigungslinie des Flusses Xeraghis, sowie die Votbereituug der Türke» zum Vormarsch gegen Larissa. Aus Athen liegen auch vom heutigen Tage folgende Depeschen vor: Es verlautet, den griechischen Trnppen sei es gelungen, mehrere strategische Punkte in der Umgegend von Daninssi und sogar den Ort Vigla zu nehmen. 3000 bewaffnete Bauern kämpfen auf Seite der griechische» Armee. Es beißt, die Türken seien bei ihrcin Angriff auf den Neveni-Paß 22 000 Maim stark gewesen. Der Kampf bei Reveni wurde heule früh wieder aufgenommen. Die Türken greife» mit stärkeren Slreitkrästeu als an den Tagen vorher an. Die Griechen leisten kräftigen Widerstand. Heute Vormittag 9 Uhr wurde die Beschießung Prevesa? wieder ausgeitommen. Das Wetter ist ausgezeichnet. Mau hofft die Beschießung Prcvesas heute erfolgreich zu beendigen. Um Mitternacht ist ein Geschwader mit geheimer Bc- stimmuiigsordre ausgelaufen. Mehrere Schiffe der Handels» flotte find eiligst arinirt worden und haben LaudungL- trnppen an Bord genommen. Bei Bani versuchten die Griechen den Arachthos(Artafluß) auf Pontons zu überschreiten, die Türken warfen sie jedoch zurück. Seit gestern Nachmittag 5H s Uhr de- schießen die Türken Arta; der Kampf ist dort heftig entbrannt. Die griechischen Truppen haben Gritzowali nach erbittertem Kampfe wiedergciioniinen. politische Aebeefichk. Berlin, 20. April. Militär-Strasprozcß»nd preußisches VcreinSgesetz. Unter dieser Spitzmarke schreibt der oft offiziös bediente„Hamb. Korr." über die für erschüttert geltende Stellung des Reichskanzlers: Wir sehen keinen Grund, weshalb gerade in diesem Augen» blicke die Frage seines Rücktrittes ausgeworfen wird. Daß der Lieichskanzler mit manchen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, von denen die parlamentarischen nicht einmal die stärksten sind, ist ja de- kannt. Aber wir glauben nicht, daß im Laufe dieser Sesjinir eine Entscheidung fallen wird, die einen Wechsel in den höchsten Aemtern des Reichs und Preußens bedingt, nachdem die Marine» krisis dazu nicht geführt hat. Wir halten es für wahrscheinlickc, daß die Vorlage», deren Einbringung der stleichskanzler nud Ministerpräsident für diese Tagung zugesagt hat, in der That au den Reichstag und an den Landtag gelangen. aber es sieht unseres Erachtens nicht so aus, alS ob sie �ur parlamentarischen Verabschiedung gelangen würden. In der gleichen Nnmuier dieses Blattes findet sich die folgende Depesche aus Berlin: Eine ReichskanzlerkrisiS anläßlich der Novelle zum Vereins» gesetz ist, wie aus bester Quelle verlautet, nach Lage dcr Sache vollständig ausgeschlossen. Also für 14 Tage köiiuen wir uns nun der Reichskanzlerschaft Hohenlohe's sicherlich noch ersreuen.— Krisengeriichte. Nachdem man den Reichskanzler wieder einige Zeit im Amte lassen will, verbreitet man nun die Niit- iheilnng, daß dcr Staatssekretär des Reichs-Justizamtes Nieberding seinen Abschied zu nehmen beabsichtigt. Es ist nicht erstaunlich, daß Krisengerüchte bei uns stets Glauben finden.— Dolus eventualis redivivusl Es wird uns ge- schrieben: Man wird sich des Aufsehens erinnern, da? die eigcnthümliche Anwendung des dolus eventualis durch bis Breslauer Staatsanwaltschaft und die dortige Strafkammer im Falle Liebknecht erregte. Der Begriff des„Eventualdolus" heischt nach neuen Opfern. Die I. Strafkamnier zu Breslau sprach vor kurzem. den Chefredakteur Dr. Bruno W a g e u e r uns Hambn cg frei von dcr Anklage, durch die von ihm verfaßte Broschüre: .,Tem deutschen Volke ein Volkskaiser. Ein offener B r i e f a n S e. At a j e st ä t Kaiser Wilhelm II." eine M a j e st ä t s b c I e i d i g u n g begangen zn haben. Gegen dieses Urtheil hat nun die Staatsamvaltschaft zu Breslau das Rechtsmittel der Revision eingelegt. Der Staatsanwalt erkennt als— durch die Revision nicht anfecht- bare—- gerichtlich festgestellte Thatsache an, daß die Broschüre ans löblicher patriotischer Absicht zur Abstellung von Miß- ständen geschrieben sei, die nach Ansicht des Verfassers vor- liegen; er erkennt ferner die Feststellung an, daß weder objektiv noch subjektiv eine Majcstätsbeleidignng vor- liege. Aber— und darauf stützt sich die RevisionSschrift— es sei unterlassen worden, in die Prüfung der Frage ein- zutreten, ob nicht etwa ein Eventualdolus vorliege! Der Gerichtshof hat— wie es im Urtheil heißt— wegen eines Aus- druckes in der Broschüre anfänglich Z w e i f e l gehegt, dann aber doch als festgestellt, also außer Zweifel erachtet, daß auch hier weder objektiv noch subjektiv eine Majestätsbeleidignng vorliege. Wenn aber demnach für die Revision als nicht anfechtbar feststeht, daß in dieser Stelle auch objektiv keine Beleidigung liege, also keine rechtswidrige Kundgebung ehrenkränkenden Charakters, dann ist die trotzdem noch ausdrücklich erfolgte Verneinung der Absicht oder des Bewußtseins einer Beleidigung in dieser an und für sich nicht beleidigenden Aenßeruna schon überflüssig; vollends aber war es unnöthig, noch besonders festzustellen, daß bei dieser von vornherein harmlosen Stelle auch der Eventualdolus gefehlt habe. Der Gerichtshof hat demnach ohne Verletzung einer Rechtsnorm durchaus korrekt gehandelt, und eine Anfechtung des Urtheils unter dem Gesichtspunkte, der dolus eventualis sei nicht genügend berücksichtigt worden, dürfte gänzlich aussichtslos sein. Nichtsdestoweniger ist es bedauerlich, daß überhaupt ein solcher Versuch gemacht wird.— Wie schlecht es mit der Nuabhäugigkeit der Zentrnmspresse bestellt ist, zeigt wieder die Reform des „Index" durch Papst Leo XIII. Ein römischer Klerikaler schreibt hierüber der Wiener„Zeit": In, zweite» Theile des päpstliche» Erlasses stellt Leo XIII. die Gesetze bezüglich der Zensur der Bücher fest. Im 3. Kapitel finde» wir eine zienilich wichtige interessante Neuerung. Von nun ab darf kein Priester irgend ei» Buch, auch nicht religiösen Inhalts(über Kunst, Geschichte u. s. w.) veröffentlichen, ohne die Zustimmung seines Bischofs. Leo XIII. verstärkt, wie man sieht, die Autorität der Bischöfe beträchtlich. Diese haben von nun ab ein sehr wirksames Werkzeug gegen die Priester in den Händen, mit denen sie unzufrieden sind, oder deren Ansichten sie nicht theile». Die Priester sind dadurch für ihre publizistische Thätigkeit ganz und gar in die Gewalt der Bischöfe gegeben. Leo XIII. geht sogar noch weiter: er verbietet den Priestern die Redaktion eines Blattes oder einer Revue anzunehmen, ohne die Zustimmung ihres Bischofes dafür eingeholt z» haben. Diese Maßregel ist für Deutschland und Oesterreich nicht ohne Bedeutung. Man weiß, daß in Deutschland viele katholische Blätter in den Händen von Geistlichen sind, die ihren Bischöfen Opposition machen. Von nun ab werden diese, wenn es ihnen paßt, ihnen die Leitung ihrer Blätter entziehe» könne». Das kann von großer Bedeutung werden für die christlich-soziale Bewegung in Oesterreich, in der der niedere Klerus eine bedeutende Rolle spielt und sich nn Wider- spruch zn den Bischöfen befindet, die durch de» Jndex-Erlaß Leo XIII. nunmehr«ine mächtige Waffe gegen diese klerikale» Agitatoren in die Hand bekommen. Deswegen scheint mir auch dieser Artikel einer der wichtigsten in dem neuen Jndex-Gesetze zu sein. Die anderen Theile der Bulle enlhalte» nichts Besonderes; sie sind einfach eine Wiederholung der früheren Statuten.— Chronik der Majestätsbeleidignugs-Prozcffe. Aus Zwickau wurde uns unter dem 18. April geschrieben: Der Redakteur der deutschen Bergarbeilcr-Zeilnng„Glückauf", F r c h s e, war am Sonn- abend, den 17. April, vor das hiesige Amtsgericht zu einer Be- fraguug geladen. Dort wurde er wegen Majestätsbeleidigung in Haft genommen. *« Deutsches Reich. — Zur Novelle zum Verein sgefetz wird übereinstimmend in der Mnnchcner„Allg. Ztg." und in der„Köln. Ztg." darauf gedrungen, die Novelle auf die einfache Aufhebung des Berbots der Verbindung politischer Vereine zu beschränken. I» der „Köln. Ztg." erfahre» wir dabei gelegentlich, daß bei der seinerzeit von dem Minister Grafen Botho Eulenbnrg ausgearbeiteten reaktionäre» Novelle zum Vereinsgesetz auch Minister von Miquel mitgearbeitet hat.— — Verbandstag deutscher Berufs- Genossen- schaften. Sobald die Formulirung der Regierungsvorschläge, be- treffend die Dauer der Karenzzeit für die Unfallversicherung, bekannt ist, die gleich nach den Osterferien zu erwarten steht, soll, wie die „Post" erfährt, ei» außerordentlicher Verbandstag der deutschen Berufs-Genoffenschaften, der für die Zeit zwischen der ersten und zweiten Lesung der Unfallversicherungs-Novelle schon früher in Aus- ficht genommen war, einberufen werden.— Frankfurt a. M., 20. April. Die Differenzen zwischen dem Vorstand des Frankfurter Journalisten- und Schriststellervereins und dem derzeitigen Vorstande des Verbandes deutscher Journalisten- und Schriftstellervereine und dem vom Verein Leipziger Presse zur Er- ledigung der Vorbereitnnge» des diesjährigenJonr»alisten-und Schrift- stellertages eingesetzten Hauptailsschnß haben nach lebhaftem Meinungs- austausch zwischen den Betheiligteu alsbald eine befriedigende Lösung gefunden. Es wurde festgestellt, daß auch an maßgebender Stelle Fragen, welche Zeugnißzwang in Preßsachen und dcrgl. be- treffen, als Fach- und Standesfragen und nicht als politische Fragen betrachtet würden, und daß die bei Gewährung des Proieklorats von dem Leipziger Hanptansschllß abgegebene Zusicherung eine Beschränkung der dem Journalistentnge zukommenden Freiheiten nicht nach sich ziehen würde. So weit die Darstellung der Betheiligten. Also das allerhöchste Protektorat ist gesichert; Herz, was willst du noch mehr!— — Zur Reichst ags-Ersatz wähl in Königsberg ist seitens des Magistrats bereits mit der Aufstellung der Wählerlisten begonnen worden. Nach der„Berliner nntisemiiischen Korrespondenz" wird von den Antisemiten nicht Liebermann von Sonnenberg, sondern«in Königsberger als Kandidat der Antisemiten aufgestellt werden.— Königsberg i. Pr., 20. April. Wie der„Ostpreuß. General- Anzeiger" mittheilt, ist Stadtrath Graf gestorben. Er sollte bei der bevorstehenden Reichstags- Ersatzwahl als Kandidat der freisinnigen Volkspartei kandidiren.— Oesterreich. — Die czechischen Erfolge haben die Slowenen kühn gemacht. Ihr Hanptorga» fordert nunmehr für die Slowenen dieselben Begünstigungen wie für die Czechen. Wir„Karantaner", sagt das erwähnte Blatt, wollen in Kärnlen, Steiermark, Kram und dem Küstenland Beamte, die ebenso gut slowenisch wie deutsch ver- stehe» und sprechen. Wir verlange» die Vereinigung aller Slowenen in eine Provinz, wenn wir auch einige Tausend Deutsche oder Friauler mit in den Kauf nehmen müssen. Wen» man bedenkt, daß der weitaus größte Theil Steiermarks und Kärntens rein deutsches Sprachgebiet ist, so wird klar, wie sehr das badenische Regime die Slawe» angestachelt hat, die nationalen Forderungen in aller Schärfe zu formuliren. Man war in Oester- reich ans dem besten Wege, die nationalen Fragen in den Hinter- grnnd zn drängen, dem Versöhnen der Völker; dem Badeni ist es gelungen, die Zwietracht zu helllodernder Flamme anzufachen.— Ungar». Die Landarbeiter-Bewegung in Kroatien und Ungarn. Nach der Meldung eines Budapester Blattes herrschen in Kroaticn-Slavonien in der Gegend von Essegg Bauernunruhcn, zu deren Unterdrückung Militär aufgeboten wird. Oberst Obersnic hat sich", heißt es in der betreffenden Depesche aus Essegg,„wegen der Bauernunrnhen nach Bnkovar begebe», um das Kom- mando über die Assistenzmannschaft zu übernehmen. Die Ver- Haftungen nehmen immer größeren Umfang an. Beim Essegger Gerichtshof sind gegen dreihundert Bauern eingesperrt." Assistenzmannschaft, die ein Oberst besehligt, die ungeheure Zahl von dreihundert Verhafteten bei einem einzigen Gerichtshof— wir wissen bereits, daß die Gefängnisse im ganzen Lande voll Bauern stecken—, das kann einen Begriff davon geben, welchen Umfang die ganze Bewegung angenommen hat. Nachdem die„Wiener Arbeiter-Zeitung" konstatirt hat, daß alle Anstrengungen gemacht werde», über Ursachen und Verlauf der Be- wegung nichts verlauten zn lassen, schreibt sie: „Die Welt soll nichts erfahren von den grauenhaften Dingen, die dort unter der Herrschaft des allmächtigen Banns des autonomen „Königreiches" vor sich gehen, sie soll nicht darum wissen, daß die serbisch-kroatischen Bauern, diese Musterkinder-des österreichischen Patriotismus, durch Roth und politische Bedrückung bis zum Aenperste», bis zum gewaltlhätigen Widerstand gelrieben worden sind. Man will ihnen die Mucken, eine selbst- ständige Organisation, die ihre so lange mißachteten Rechte und Interessen vertreten soll, zu bilden, gehörig austreibe». Man will demnächst Wahlen machen, und da heißt es, vorher die widerhaarig geivordenen Bauern niederstampscn. Greuel über Greuel, wo man hinblickt, in diesem unglückselige», von einer Bande habsüchtiger Abenteurer ausgebeuteten Ungar». Aber vom Ministerpräsidenten bis zum wildesten Oppositionsmann sind diese Vertreter der geivaltlhätigsten, rachgierigsten Bourgeoisie Europas alle die gleichen Brüder, alle gleich im Haß gegen die Aus- gebeutcte», fest geeint bei allein parlamentarischen Krakeyl durch das gcmeinsanie Band rohester Gewinnsucht. Ei» förmliches Hnronen- geheul erheben die Pester Blätter vom Regierungsblatt bis zu den Oppositionsblättern hinunter wegen des„drohenden" Schnitter- streiks im Alsöld. Die„Schnitter" hätten die Absicht, die Arbeit mitten in der Ernte niederzulegen, das wäre ver- nichtend für die ungarische Landwirthschaft. Hierfür aber giebt es nur ein Mittel, und das ist die Bereithaltung eines entsprechend großen Militäraufgebotes zum»ugesäumten Einspringen in die Ernte-Arbeiten, wenn es wirklich zum Streik kommen sollte... Dann würde einmal ein Exempel statuirt werden... So schreibt das„Budapester Tagblatt", das Leiborgan des Freiheitsmannes Apponyi, und es beruft sich für diese Maßregel aus das Beispiel— des„Erbfeindes" der Magyaren, auf Rußland. Ei. also darum wollen die ungarischen Bourgeois nicht einmal ein Drittel zu den Kosten des gemeinsamen Heeres beitragen, damit die Mannschaften des Oesterreich und Ungarn gemeinsamen Heeres ihnen billige Erntearbeiter abgeben und den Pester Turf- und Börsen- jobbern fettere Profite verschaffen? Was unterscheidet den kern- magyarischen Alfölder Landarbeiter noch vorn Sklaven, wenn er in solcher Weise gezwungen werden soll, feine Arbeit unter den schmählichste» Bedingungen widerstandslos weiter zu leisten? Und wem zu Liebe? Zn Liebe und zum Vortheil dieser durchaus ver- dächtigeu Gesellschaft der Bordcllkultur, des Börsenschwindels, des politischen Betruges, die in Pest das Heft in Händen hat; dieser bis zur Verrücktheit verschwenderischen Magnaten, dieser herab- gekommenen, vom politischen Handel lebenden Junker, dieser Pcster Bourgeoisie, deren schmutzige Rohheit und Protzigkeit selbst den eigenen Klassengenossen West- und Mitteleuropas, >vo sie mit ihr in Berührung kamen, zum Ekel geworden ist.„Un- garische Freiheit", das Wort bedeutet in aller Welt nunmehr: blutige Wahlen und«in Parlament von Falschspielern und Bestochenen der Aktiengesellschaften. Die Zahl der verhafteten Bauern wird jetzt von der„N. Fr. Pr." ans 560 beziffert.— Fpankreich. — Der„Unfehlbare" a n g e s ch>v i n d e l t. Lebte da vor Jahren in Paris ein pornographischer Schriftsteller, der Leo T a x i l hieß. Als Spezialität hatte er sich zweierlei erkoren: Er gab sich als Vorkämpfer der Freimaurerei und er beschimpfte und verleumdete die katholische Geistlichkeit, indem er ihr die schmierigsten Sachen nachsagte. Die Freimaurer ließen den Taxil falle», das Schweinerne seiner Bücher ward selbst den ärgsten Pfaffenfreffern zum Ekel. Eines Tages war das Geschäft zu Ende. Da ühlte Taxil, daß sein Tag der Erleuchtung gekommen ei. Er schwur öffentlich seine bisherigen Jrrthümer ab, verfocht eitdem, was er früher angriff, und zog in den Koth, was ehe- )c»i sein Höchstes gewesen. Und es ging wirklich. Die gesammte Pfafsheit nahm sich seiner a», zitirte seine Aussprüche und Angaben über die Freimaurerei. Und es war wirklich allüberall viel Freude über die Bekehrung gerade dieses Sünders. Mit der Zeit scheint nun dem Taxil der Brotkorb etwas höher gehäugt worden zu sein, oder wollte er mit einem Schlage einen großen Fisch- zng thun, kurz, vor Jahr und Tag kam er mit der Diana-Vaughan- Geschichte, dem Oberteufel Bitru, der Großmutter des Antichrist und anderen seinen Herrschaften. Und wieder fand er bei vielen Glauben, bei Prälaten sogar, und in Rom that sich eine fromme Kommission ans, um den x. t. Bitru auf alle seine Bosheiten hin zn untersuchen. Der Schwindel war im schönsten Gang, da rochen einige deutsche klerikale Zeitungsschreiber Lunte und sichren gegen Taxil los. Sie müssen selbst aus die bisher Taxil-Gläubigen Eindruck gemacht haben, der Mord?- schwindler gab seine Partie verloren und gestand öffentlich ein, geflunkert zn haben. Ein Pariser Telegramm vom 20. tJtpril meldet: „Leo Taxil gestand in seiner gestern Abend gehaltenen Vorlesung, er habe feit 12 Jahren den katholischen Klerus und den Papst mit feiner Bekehrung getäuscht. Ebenso sei die ganze Diana-Vaughan- Geschichte eine Komödie gewesen, um Geld damit zu verdienen."— Patsch! Da liegt das Oster-Ei! Wünsche wohl zu riechen.-- Nuftland. — Neue Pflichten der Rektoren. In russischen Universitäten liefen von dem Minister der Volksauiklärung zwei geheime Zirkuläre ein. Der Inhalt des ersten Zirkulars ist: der Minister der Volksaufklärung hat bemerkt, daß die jüdischen Stu« deuten, von welchen er häufig Heirathsgcsuche erhielt, sich früh ver- heiratheten. Der Minister verlangt von den Rektoren, daß sie derartige Heirathen zu verhindern suchen. Wenn die jüdischen Studenten sich nicht früh nnt Glaubensgenossinnen verheirathen, dann würden sie in reiferem Alter mit Christinnen sich verbinden, dadurch würde eine Assimilation zwischen der jüdischen und russischen Bevölkerung eintreten. Der Inhalt des zweiten Zirkulars lautet: Jüdische Studenten verheiratheu sich oft mit Heilgehtlfinne», mit Hebammen, überhaupt mit Mädchen, die sich einen Berus gewählt haben; diese Mädchen sind„nnznverlässiz" und der Minister wünscht, daß, bevor man bei ihm ei» Heirathsgesuch einreicht, die Rekloren sich über die politische Zuverlässigkeit solcher Bräute erkundigten.— Für die Nanmänncr beruft die„Leipziger Volkszeitung" sich gegen Liebknecht auf„das führende Blatt der holländischen Sozial- demokralie", das in Amsterdam erscheinende„Volksdagblad". Wir kenne» nur ein„führendes Blatt der holländischen Sozial- demokralie", und dies ist, da das Anarchistenblatt„Recht vvvr Allen" nicht zählt, der in U t r e ch t erscheinende„Sozial- demokraat". Das angeblich„führende Organ der holländischen Sozialdemokratie", das Amsterdamer„Volksdagblad", ist ein bürgerlich-dem akratisches Blatt, wie die„Frank- furter Zeitung", und kokettirt auch dann und wann mit der Sozial- demokratie— wie die„Frankfurter Zeitung" Warum beruft /ich die„Leipziger VolkSzeitung" nicht direkt aus die„Frankfurter Zeitung"? Uebrigens ist auch die englisch- Bourgeoispreffe des Lobes voll für das Naumänner-Pronunziamentochen. Die Nanmänner habe» der Freunde viel— und verstehen sich trefflich auf die Netlame.— Ncirlantenkarifches. Ter Abgcordiicte Rösicke hat im Verein mit mehreren andtten Abgeordneten dem Reichstag einen Gesetzentwurf betreffend„Abande- rung des Jnvaliditäts- und AltersversicherungS Gesetzes vorgelegt. Die wesentlichsten Bestimmungen sind im nachfolgenden wiedergegeben. Zum Bezug von Invalidenrente soll derjenige befugt sein, der dauernd erwerbsnnfähig ist. Dieje Erwerbsunfähigkeit besteht dann, wenn die Erwerbslhätigkeit emer versicherten Person infolge von Alter, Krankheit oder anderen Gebrechen dauernd auf weniger als ein Drittel herabgesetzt ist. Mes ist dann anzunehmen, wenn sie nicht mehr im stände ist, durch eine ihren Kräften und Fähigkeiten entsprechende Lohnarbeit, die ihr unter billiger Berücksichtigung ihrer Borbildung und bisherigen Berufsthaug- feit zugemnthet werden kann, ein Drittel desjenigen zu erwerben, was körperlich und geistig gesunde Lohnarbeiter derselben Art durch Arbeit zn verdienen pflegen.— Invalidenrente soll auch derjenigefincht dauernd erwerbsunfähige Versicherte erhallen, welcher während sechsundzwanzig Wochen ununterbrochen erwerbsnnfähig gewesen ist, für die weitere Dauer seiner Erwerbsunfähigkeit.(Im bestehenden Gesetz dauert die Ausschlubfrist 1 Jahr.)' Außerdem sollen die versicherungs- Pflichtigen Personen befugt sein, die Beiträge an stelle der Arbeit- geber selbst zu entrichten. Dem Versicherten, welcher auf grund dieser Bestimmung die vollen Wochenbeiträae entrichtet hat. steht gegen den nach§ 100 zur Entrichtung der Beiträge verpflichteten Arbeit- geber der Anspruch auf Erstattung der Hälfte des Betrages zu, welchen der Arbeitgeber nach der für den Versicherten»laßgebenden Lohnklaffen zu tragen hat. Ter Entwurf, der. wie man sieht, gegen das bestehende Gesetz und auch gegen den dem Reichstag vorliegenden Regierungsentwurf einige Erleichterungen bringen will, ändert im ganzen zehn Para- graphen und ist unterzeichnet von den Abgeordneten Rösicke, Dr. Barth, Benoit, Prinz zu Schönaich- Carolath, Frese, Ganlke, Dr. Görtz, Langerfeld, Lorenzen, Lüttich, Maager, Dr. Pachnicke, Rickert. Schröder, Thomsen. Ter ehemalige«ationalliberale Abgeorduete Hermann Müllensiefen, der 1891— S3 Bochum im Reichstag» vertrat, ist in Witten gestorben._ „Tas eherne Lohngesetz geht iu die Brüche!"— mit diesem Ausspruch der„Deutschen Volks w. Korrespon- d e n z"(der, wie wir aus der„Leipziger Volksztg." sehe», die Runde durch die sächsische Amtsblattpresse macht) dürfte der jüngste Preß- spuk wohl seinen nicht mehr zu übertreffenden Höhepunkt erreicht haben. Schon 1890/91 trugen wir parteioffiziell diese schadhafie Säule des alten Programms ab bis auf den letzten Stein, und heute. 1897, erspähen die Luchsangen der bürgerlichen Sozialpolitiker, daß diese Säule anfängt zu wanken! Das Organ der Gewerkschaften Oesterreichs, die. G c- w e r k s ch a f t" lheilt mit, daß die sozialdemokratische Fraktion im Reichsrath eine» Gesetzentwurs auf Einführung des N e u n st u» d e n t a g e s einbringen wird. Polizeiliches, Gerichtliches»c. — Aus A n g e r m ü n d e wird uns berichtet: Wie hier die Verfolgung gegen Parteigenossen, die sich an der Verbreitung von Flugschriften betheiligen, vor sich geht, zeigt folgender Fall. Die Genoffen Krüger aus Berlin und Wacker aus Angerinünde waren am 5. Februar vom hiesigen Schöffengericht von der Anklage der gesetzwidrigen Verbreitung des„Märkischen Landboten, Volks- kalcnders für 1897" freigesprochen worden, weil daS Gericht annahm. daß ein iimzäniiter Bauernhof und«in Hausflur nicht als öffentliche Orte zu betrachten seien. Gegen Wacker, der aus dem betreffenden Hansflnr, zu welchem nur eine Wohnung gehört, ein Exemplar abgegeben hatte, wurde vom Amtsanwalt Berusniig ein- gelegt, gegen Krüger aus Berlin aber nicht. Am 15. d. M. ver- handelte nun das Landgericht in Prenzlan in dieser Sache; das Urtheil lautete auf Verwerfung der Berufung. Die Vertheidigung halte Rechtsanwalt Dr. Jahn in Prenzlan übernommen. — Tie Breslauer„Volks wacht" hatte zu dem frei- sprechenden Urtheil, das von dem Mannheimer Schwurgericht gegen den des Meineids angeklagten Schulamispraktikanten Dr. Boden- heimer gefällt worden war, eine Bemerkung gemacht, welche diesen Freispruch mit dem Essener Meineidsprozeß in Beziehung In dieser Auslassung erblickten die Geschworenen, welche über Dr. Bodenheimer zn Gericht gesessen hatten, de» beleidigenden Vorwurf der Parteilichkeit und elf von ihnen stellten Straf- antrag gegen den verantwortlichen Redakteur, Genossen Z»h», der deswegen dieser Tage vom Breslauer Landgericht zn 1 Monat Gefäiigniß vernrtheilt wurde. Dasselbe Gericht verhandelte am gleichen Tage über die Anklage gegen den Verleger der„Volks- wacht". Genoffen Schütz, der sich durch Bezahliiiig von Geldstrafen für den verantwortlichen Redakteur der„ B e g ü n st i g u n g" schuldig gemacht haben sott. Der Staatsanwalt Dr. Keil bean- tragte 100 M Geldstrafe oder 20 Tage Gefängniß, der Vertheidiaer Rechtsanwalt O l! e n d o r f unter Berufung auf die Praktik aller Zeitungen die Freisprechung. Das Urtheil wird am 24. April ver- kündet._ Die Landeskonferenz der sozialdemokratischen Partei i« Groß- Herzogthum Sachsen-Weimar, die am 1. Osterseiertag im Restaurant Echwansee in Weimar ab- gehalten wurde, war von 24 Delegirten aus 13 Städten besucht, außerdem betheiligteu sich eine Anzahl Parteigenossen ans ver» schiedenen Orten an der Debatte. B a n d e r t- Apolda eröffnete die Verhandlungen mit einer An- spräche, worin er aussührte, es sei eine ernste nnd wichtige Arbeit der sozialdemokratischen Partei, zu ihrem erste» öffentlichen Land- tagswahlkanipse im Großhcrzogthum den einzuschlagenden Weg vor- znzeichiien; nnbekümiiiert um Versammluiigsverbote und sonstige Vergewaltigunge» müsse auch hier die Parole: Vorwärts! Durch Kampf zum Sieg! lauten. Beim 1. Punkt der Tagesordnung:„Wie agitiren wir zur L a n d i a g s w a h I?" wurde beschlossen, in einem Flngblalte die Thätigkeit des verflossenen Landtages zu kritisiren, und später ans grund unseres Programms eine ausführliche Begründung unserer Forderungen ebenfalls mittels Flugblatts zu verbreite». Anßerdein soll, wo es angängig ist, in Versummlungen Propaganda für unsere Ziele gemacht werden.— Zur Regelung der Agitation wählt jede Stadt einen Genossen zu einem korrespondirenden Aiisschnsse, dessen Vertrauensmaiin der Genosse B a u d e r t in Apolda ist. Bis 15. Mai d. I. hat jeder Parteiort demselben die Adresse deS ge» wählten Ausschußmitgliedes mitzutheilen. Der zweite Punkt betraf die Aufstellniig des P r o g r a in»i 3 zu den Landtags wählen. Nach einem kurzen Referat B ändert's nnd ausführlicher sachlicher Diskussion der an- wesenden Genossen wurde beschlossen, mit Rücksicht auf die Partikular- Gesetzgebung und ähnliche Verhältnisse zunächst zu fordern. 1. Gleiches, geheimes und direktes Wahlrecht für Staat und Gemeinde; 2. Revision der Gemeinde- Ordnung; Abschaffung der Bürger- rechts-Gebühren; Abzug der Schuldzinse» bei den Gemelnde-Abgaben; Abschaffung der indirekten Steuern(Verbrauchsabgaben); vollständige�' Selbslverwallungsrechk der Gemeinden; 3. freies Vereins- und Verfommluiigsrccht; a. Abschaffung oer Gesinde-Ordnung; Gleichstellung der bisher unter der Gestnde-Ordnung stehenden Personen mit den gewerbliche» Arbeitern; 6. grliudliche Regelung des Steuenvesens, besonders ans Progvessivilät der höheren Einlounnen; Allgemeine Selbsteinschätzung; Sieuerfreiheit nllcr Einkommen unter mindestens 9V0 M., unter Earnntie des Wahlrechts. l>. WelUichkeit der Schule: llnentgelllichkeit des Unterrichts und der Lehrmittel in den öffentlichen Volksschulen, sowie in den höheren Bildnngsanstalteu für diejenigen Schüler und Schülerinnen, die krast ihrer Fähigkeiten zur weiteren Ausbildung geeignet erachtet werden; Anstellung von Schulärzten. 7. Abschaffung des Gesetzes, betreffend die zwangsweise Ab- lieferung der Leichen an die Anatomie in Jena. 8. Uebernahme der Armenlasten auf den Staat. 9. Anstellung eines eigenen Fabrikinspektors für das Groß- herzoglhum, sowie Anstellung weiblrcher Assistenten für denselben. In den bei den allgemeinen Wahlen in betracht kommenden 23 Wahlkreisen soll in elf derselben eine besondere Thätigkeit ent- faltet werden. Arn Schlüsse der Verhandlungen dankte Genosse Leber- Jena als Vorsitzender für die sachliche Belheiligung der Genossen an den Verhandlungen und schloß mit dem Wunsche, daß die heule geleistete Arbeit zum Nutzen des arbeitenden Volkes, zur Verwirklichung unserer Ideen beitragen möge. Landesversammlung der KoznUdemojiraten Mnrttemdergs. Stuttgart, 13. April 1897. Im großen Saale der Arbeiterhalle Hierselbst tagte heute die diesjährige Lnndesversammlnng der württembergischen Partei- genossen. Anwesend waren 186 Delegirte ans 90 Orte». Die Verhandlungen am Vormittag wurden ausgefüllt von einem Referat des Reichstags-Abgeordneten Genossen D i e tz über„Die politische Lage in Deutschland" und des Landtags-Abgeordneten Genossen Kloß über„Die Thätigkeit des Landtages und die Ver- sassungsreform". D i e tz bezeichnete die politische Lage Deutschlands als trübe, während er andererseits die günstige wirthschastliche Lage hervorhob, welche die Arbeiter mit recht veranlaßt habe, auch ihren Antheil aii de» Ueberschüssen der Produktion zn fordern. Unter kurzem Hinweis auf die Vorgänge in Nordamerika betonte er die Nothwendigkeil des Internationalismus und bestritt einem e in zelnen Staate das Recht, seine besonders günstigen Verhältnisse dazu auszunützen, durch W b f p e r r u» g s m a ß r e g e l n andere Staaten zu schädigen. Dann schilderte Redner in interessanter Weise b>e„große nationale Gesetzgebung" Deutschlands, dabei zeigend, daß es Aufgabe der Arbeiterklasse ist, wenn sie eine ernsthafte Berücksichtigung ihrer Interessen erzwingen will, ihre ganze Macht in die Wagschaale zn werfen, um einen anderen Reichstag zu wählen, damit die Regierung den Wünschen des arbeitenden Volkes Rechnung tragen muß. Kloß wies auf die Bedeutung unserer Thätigkeit in der Landesgesetzgebung hin. Es sei unrichtig, die Bedeutung des Land- tags gegenüber dem Reichstag zu unterschätze». Die Landtage seien kein dekoratives Beiwerk der Reichsvolksvertretung, sondern sie sollten und müßten die Hauptstützen derselben sein. Alsdann referirte Redner in Ib/fftiindiger Rede über die Verhandlungen im württembergischen Landtag, rvo er nach dem Tode des Genossen Glaser leider nur allein und deswegen nur in unzureichendem Maße die Prinzipien der Sozialdemokratie vertreten könne. Ueber die Berfassungsrevision sei ein Urtheil heute noch nicht möglich, da bisher nur bekannt sei, daß die 21 Privilegirten aus der zweiten Kammer heraus und durch besondere Wahlen ergänzt werden sollen, aber ob die Art dieser Wahlen unsere Zustimmung finden können, darüber müßten zunächst die endgiltigen Verhandlungen abgewartet werden. Dann werde es sich für ihn darum Handel» eventuell von zweien das kleinere Uebel zu wählen, wobei er natürlich uiiter allen Umständen die Prinzipien und das Interesse der Partei im Auge behalten werde. Nach diese» mit Beifall aufgenommenen Referaten, an welche eine Debatte nicht anknüpfte, wurde eine einstündige Mittagspause gemacht, worauf der Landesvorstand den Thätigkeits- und Kassenbericht gab. In dem Thätigkeitsbericht wurde das Bestrebe» der Partei hervorgehoben, die Organisation zu stärken ihr Netz imnier dichter und weitgreisender zu machen. Die Agitation ist mit vermehrtem Eifer betrieben worden. Von der periodischen Beilage der„Schwöb. Tagwacht", die als Agitationsschrift unter dem Titel„Der Volksfrennd" erscheint, kamen 280 696 Exemplare zur Vertheilung im Lande. Die Zahl der durch de» Landesvorstand vermittelten Versammlungen belies sich im Berichtsjahre aus zirka 400. Weiter gaben die Landtags-Erfatzwahlen in Cannstatt, Gmünd und Saulga» und die Reichstags-Nachwahl in Aalen Gelegenheil zu reger Thätigkeit. Das Landtagsmandat für Cannstadt, das durch den Tod unseres Genossen Glaser erledigt war, ging uns infolge des Verhaltens der„Volkspartei" leider wieder verloren. Bei der Agitation sür diese Wahlen wurden zusammen gegen 75 000 Wahlaufrufe verbreitet. Tie Landesorgauisation hat jetzt in 132 Orten Mit- gliedschaften. In 19 Orten sind im letzten Jahre Mitgliedschaften gegründet. Die Einnahme an Beiträgen belief sich auf 4125 M., die Maimarken-Sammlung ergab 1639 M., für den Wahlfonds gingen 832 M. ei», ferner sür die Wahlen in Cannstatt und Gmünd noch 1033 M. Für das in Stuttgart errichtete Arbeitersekretariat bewilligte der Landesvorstand einen jährlichen Beitrag von 500 M., an de» Ausschuß der Partei in Hamburg wurden 700 M. abgeführt. Die Gesammteinnahme des Landesvorstandes betrug 9143 M., die Ausgabe 6232 M., der K a s s e n b e st a n d 2910 M. Das Organ der Partei, die„ S ch w ä b. Tagwacht", die jetzt im siebente» Jahre täglich erscheint, verzeichnete wiederum eine Vermehrung ihrer Auflage, die jetzt 12 000 beträgt, wovon zirka 5000 Exemplare in Stuttgart gelesen werden. Der gesammte Kassen- Umsatz des Blattes belies sich auf 123 885 M. 125 M. von dem Ueberschuß wurden als Jahresbeitrag an das Arbeitersekretariat geleistet. Vom„Tagwacht-Kalender" wurden 12 228 Exemplare um- gesetzt, er deckte aber seine Kosten nicht ganz. Nach kurzer, unwesentlicher Debatte über die Berichte wurde die Neuwahl des Landesvorstands vorgenommen, die folgendes Resultat hatte: Dietrich, Vorsitzender; Belli, Kassirer; Fischer. Schriftführer: Wasner und Merk, Bei- sitzer; Göhl- Degerloch, Fischer- Eßlingen und E p p l e- Feuer- dach, Revisoren. Hierauf wurde zur Besprechung einer Reihe Anträge über- gegangen. Erwähnt sei daraus, daß der Wunsch, den Abonnementspreis der„Tagwacht", der jetzt 80 Pf. pro Monat beträgt, herabzusetzen, mit großer Mehrheit abgelehnt wurde und daß das württembergische Parteistatut einen neue» Paragraphen er- hielt, worin die„Tagwacht" als Organ der sozialdemokratische» Partei Württembergs anerkannt und weiter bestimmt wird, daß der Landesvorstand die Aufsicht über das Blatt zu führen und alle ge- schäfllichen Angelegenheiten desselben zu regeln hat. I» Beziehung auf das Verhalten bei Stichwahlen wurde folgendes beschlossen: Bei etwaigen Landtags- oder Reichstags- Stichwahlen zwischen Volkspartei und der sogenannten Deutschen Partei möge der Landesvorstand den Genossen empsehleu, dem Kandidaten ihre Stimme zu gebe», der sich schriftlich und öffentlich verpflichtet, sür die a» ihn gestellten Forderungen der Arbeilerschaft einzutreten. Zwei Anträge, die bei derartigen Stichwahlen strikte Wahlenlhaltung verlangte», wurden durch Uebergang zur Tages- ordnung erledigt, weil die Partei sich in dieser Frage nicht binden könne, sondern sich die Entscheidung von Fall zu Fall vorbehalten müsse. Ei» weiterer Antrag wollte den Landesvorstand beaustragt wisse», sür die Beschickung des deutschen Parteitages Würlteniberg nach der Mitgliederzahl der Mitgliedschaften in Wahl- bezirke einzutheileu, so daß aus je 1500 Mitglieder ein Delegirter kommen sollte. Zur Deckung der Kosten sollten pro Mitglied 10 Pf. erhoben iverden. Nachdem jedoch daraus hingewiesen war, daß mit Rücksicht auf die norddeutsche» vereinsgesetzlichen Verhältnisse auch in Württemberg die Wahl der Parteitags-Delegirte» zulünftig außer- halb der Partei-Organisation in öffentlichen Versammlungen erfolgen müsse, ging man über diese» Antrag gleichfalls zur Tagesordnung über. Ohne weitere Unterbrechung wurden alsdann noch eine Anzahl untergeordneter Anträge und Beschwerden verhandelt, sodaß, als abends 31/2 Uhr die Tagesordnung erledigt war, der Vorsitzende Genosse Bios mit Recht die Ausdauer der Delegirte» rühmen und die Einmüthigkeit der Genoffen, die sich trotz mancher Meinungs- verschiedenheil in den Verhandlungen gezeigt hatte, hervorheben konnte. Mit der Betonung, daß unsere Partei ganz gewiß nicht „lebensmüde" sei, wie Pfarrer Naumann in Stuttgart orakelt hat, sondern alle anderen Parteien an Lebenskraft weit über- trifft, schloß er die Versammlung mit einem Hoch auf die Sozial- demokratie, in welches die Delegirte» sowie die vielen anwesende» Gäste mit Begeisterung einstimmten. Die Landeskonferenz der Sozialdemokratie Badens— ebenfalls zu Ostern und zwar in Offen bürg abgehalten— beschloß auf Antrag K 0 l b' s aus Karlsruhe, daß der Landesvorstand in Verbindung mit dem Genossen Adolf Geck die Frage der Ueberfllhrung des Offenburger„ V 0 l k s f r e u n d s" i» Partei- Eigenlhum baldigst zu erörtern und i» Verbindung mit den einzelnen Wahlkreisen und dem Parteivorstand, sowie den Parteigenossen Elsaß-Lothringens und der Rheiupsalz die Frage zu erwägen hat, ob nickt ein einheitliches Organ geschaffen werden kann. Bei etwaiger Einigung soll der Laudesvorstand«ine Landeskonferenz ein- berufen._ Tev Jahreskougresi der sozialdemokratischen Partei Belgiens wurde während der Ostertage in Gent abgehalten. Dem Bericht des Generalraths(der Parteileitung) ist zn entnehmen, daß die Partei seit der Wahl im Jahre 1394 bis 1896 um 100 000 Stimmen gewachsen ist. Im letzte» Jahre haben sich über 100 neue Gruppen(gewerkschaftliche, politische und kooperative) der Partei angeschlossen. A» den Kommunalwahle», sowie den Wahlen zu den Gewerbegerichte» und zu den Industrie- Gewerbe- kaunnern habe sich die Sozialdemokratie zum theil mit großem Erfolge belheiligt. überall aber sei zum mindeste» ein großer Stimmenzuivachs zu verzeichnen gewesen. Im Berichts- jähre sind 17 Provinzial- und Gewerkschaftskongresse abgehalten worden.— Außer 135 000 Exemplaren kleiner Broschüren und 35 000 Exemplaren Festzeitungen wurden gegen 2 Millionen Flug- blätter verbreitet. Nach der Geschäftsordnung sind die weiteren Arbeiten des Kon- gresses unter 4 Sektionen vertheilt, welche zunächst die Fragen für das Plenum vorberathen. Diese Sektionen sind: die Sektion für die Gewerkschaftsfragen, die für die Politik, die für die Administration und die für die A g r a r s r a g e. Kongreß des Uerdandes der KScker und Kerufsgeuossen Deutschlands. Gera, 20. April 1897. Dem für morgen und die folgende» Tage anberaumten all- gemeinen Kongreß der Verbände der Bäcker, Konditoren, Müller u. f. w. ging heute im Kongreßlokal, Gasthaus zum Martins- grund, die sechste Generalversammlung des Verbandes der Bäcker und Berufsgenossen Deutschlands voraus. Vertrete» sind 1251 Mit- glieder durch 24 Delegirte. Dem vom Vorsitzenden All mann- Hamburg erstatteten Geschäftsbericht ist zu entnehmen, daß der Verband seit dem letzten Kongreß im Jahre 1895 erfreuliche Fortschritte ge- macht hat. Die Zahl der Mitgliedschaften bezüglich Zahlstelle» ist von 16 auf 42, die der Mitglieder von 713 auf 2400 gestiegen. Er- schwert wurde die Agitation besonders durch Machinationen der Innungen. Das Solidaritätsgefühl der organisirten Bäckergehilfen hat sich glänzend bewährt gelegentlich der Aussperrungen in Har- bürg und Wilhelmshaven. In kürzester Frist waren mehr Mittel aufgebracht, als gebraucht wurde», wovon 1300 M. zur Deckung der durch die Jnnuugsmeister herausbeschworenen Rechtsstreitigkeiten Verwendung finden konnten. Der Versuch, durch diese Maßregel die Organisation zu vernichte», ist vollständig mißlungen. In der Dis- kussio» führt Joest-Frankfurt a. M. Beschwerde über das Verhalten der Arbeiterschaftzu Offenbach gelegentlich des Boykotts der dortigen Bäcker- meister, wodurch veranlaßt wurde, daß der Boykott im Sande verlausen ist. Die Zahlstelle habe sich demzufolge aufgelöst. Im übrigen aber wird der Thätigkeit des Verbandsvorstaudes allgemeine Anerkennung gezollt. Der Bericht des Ausschusses konstalirt, daß Beschwerden gegen die Verbandsleitung nicht eingegangen sind. Fünfte GeneralverfammlAng des Dentschen Metallardeiter-Derbandes. Brannschweig, 20. April. Anwesend sind 74 Delegirte, die Vorstandsmitglieder des Ver- bandes, sowie die Kollegen Näther. Litfi» und P e tz 0 l d als Vertreter des Berliner Verbandes. Von der Generalkommisfion ist Legten erschienen. Dem Bericht des Vorstandes, der sich auf die letzten zwei Jahre erstreckt, ist zu entnehmen: Am 31. Dezember 1894 zählte der Verband 337 Verwaltungen mit 26 773 eingeschriebenen Mitgliedern, wozu 40 Bevollmächtigte im Königreich Sachse» mit 6002 und 603 Einzelmitgliedern der Hauplkasse kommen. 1895 stellte sich diese Zahl wie folgt: 351 Ver. waltungen mit 27 270, 50 sächsische Bevollmächtigte mit 5513 Mit- gliedern und 405 Mitglieder als Einzclzahler des Verbandes. Ende 1896 waren in 363 Verwaltungsstellen 40971, bei 44 Bevollmächtigten in Sachsen 8028 und als Einzelzahler deS Verbandes 300, also zusammen 49 001 eingeschriebene Mitglieder. Im verflossenen Quartal hat sich diese Zahl bedeutend erhöht. Die Erhöhung der Wocheubeiträge von 15 auf 20 Pf., die auf der letzten Generalversammlung in M a g d e b n r g beschlossen wurde, hat dem Verband einen augenblicklichen Milgliederrückgang gebracht, der sich aber bald, wie obige Zusammenstellung beweist, zum besten wendete. Es wird im Geschäftsbericht besonders beklagt, daß das Be- streben nach Bildung von Fachsektionen sehr schädigend gewirkt hat. Dann wird der Sonderbestrebungen der Feilenhauer in Chemnitz, Braunschweig und Hannover gedacht, die sich vom Industrie- Gruppenverband aus„Prinzip" abzweigte». In bezug aus die Agitation wird betont, daß diese vom Vorstand aus außerordentlich rege betrieben wurde. Zur Regelung und einheitlichen Gestaltung der Agitation bestehen im Reiche 11 Agitationskomitees, im Königreich Sachsen sind 3 Agitationskorrespondenten in Chemnitz. Leipzig und Dresden. Die bessere wirthschastliche Konjunktur hat dazu geführt, daß neben den höheren Einnahmen die Ausgaben für Reiseunterstützung k. geringer waren, als sonst. Im Jahre 1895 wurden sür Reise- geld 49 092,22 M., 1396 aber 23 473,90 M. verausgabt. Unter- stützungen an gemaßregelte Mitglieder, inhaftirte, kranke ,c. sind i» Summa 5870 M. gezahlt worden. In der verflossene» Geschästsperiode sind im Ganze» 60 Rechts- schntzgesuche bewilligt worden, davon betrafen 32 Strafsachen und 28 Privatklagesachen. Die Gesammtsumme der verhängten Strafen (wegen der Verbandsthätigkeit) beträgt 8 Monate, 12 Woche», 26 Tage und 70 M. an Geldstrafen. Außerdem sind für den Genossen Arno Reichard in Dresden 10 000 M. Kaution gestellt worden, damit er aus der Haft entlassen wurde. Er war durch seine Thätigkeit für den Verband in den Verdacht gekommen, 2 Artikel i» der„Sächs. Arbeiter- Zeitung" verfaßt zu haben, wodurch sich das sächsische Kriegs- niinisterium beleidigt fühlte. Ueber Streiks und Lohnbewegungen spricht sich der Bericht in sehr interessante» Ausführungen aus. Für die Streiks sind in der Zeit 1895— 1896 130 008,07 M. ausgegeben worden. Außerdem wurden noch sür Streiks anderer Arbeiterkategorien 8800 M. aus- gegeben. Die Abrechnung der Gesammteinnahme» für 1895/96 er- giebt als Einnahme 312 700,71 M. Der gegenwärtige Kassenbestand beträgt 63 662,37 M._ General Uerfammwttg des Uerbaades der Sattler, Tapezner und Kerufsgenosse» Deutschlands. Erfurt, den 19. April. Vertreten sind IS Bezirke durch 21 Delegirte. Den Vorstands- bericht giebt Sasse»bach-Berlin über die Jahre 1894, 1895 und 1896. Der Vermögensbestand betrug ultimo 1896 7469 M.� Ver- einnahmt wurden in der Berichtsperiode insgesammt 29 476,47 M., die gesammten Ausgaben betrugen 24 088,40 M., sodaß insgesammt em Ueberschuß von 5388,07 M. erzielt wurde. Unter den Ausgaben be- finden sich 7209 M. für das Verbandsorgan, das sind 24 pCt. der Mitgliederbeiträge, 915,70 M. für Generalversammlungen und Kon- gresse. 673 M. für Agitation, 364 M. für Streiks, 295 M. für Ge- richtskoste», 312 M. als Beitrag sür die Generalkommission. Der Mitgliederbestand ist seit 1894 von 1306 auf 2458 ge- stiegen. Mit der Absicht, weibliche Mitglieder für die Organisation zu gewinnen, hat man wenig Erfolg ge- habt. Der Verband hat 28 weibliche Mitglieder, welche in den letzten sechs Jahren insgesammt 26 Mark auf« brachte». Zum Bericht über„Ausgabeposten" sei noch erwähnt, daß aus dem besonders geführten Streikunterstützungsfonds 19 271,50 Mark für Lohnkämpfe im Eattlergewerbe in Deutschland verbraucht wurden, für das Ausland wurden 403,92 M., für Streiks in anderen deutschen Gewerkschaften 700 M. verausgabt. Der Vorstandsbericht wird nach längerer, zum großen Theil auf das Fachblätt bezug habende Debatte genehmigt. Es folgt der nächste Punkt der Tagesordnung„Lohnbewegung in den letzten Jahren". Der Referent Blum- Berlin theilt mit, daß die Zahl der Angriffs- und Abwehrstreiks in der Berichtsperiode gegenüber den Vorjahren erheblich gestiegen ist. Da die vor- handenen Geldmittel zur Unterstützung nicht ausreichten, so mußte noch I Prozent der Verbandskasse sür die Ausständigen verwendet werden. Referent mrint, man solle es mit den Streiks nicht allzu eilig haben. Die in den Ausstand tretenden Kollegen müßten in der Lage sein, mindestens eine Woche im Ausstande ohne Unter- stützung auszuhallen. Zentralvorstand und Ausschuß halten es für geboten, den Antrag zn stellen, daß die direkte Leitung deS Streiks Kollegen überlassen wird, welche an dem Ausstande selbst betheiligt sind. S a s s e n b a ch- Berlin bekämpft de» letzteren Antrag, empfiehlt dagegen einen Streik erst dann sür berechtigt zu erklären, wenn sich 4/» der Betheiligten durch geheime Abstimmung für den Ausstand erklären. S a b b a t h- Hamburg warnt davor, in bezug auf Streik- leitung sich eine bestimmte Direktive z» geben, man müsse dies von den einzelnen örtlichen Verhältnissen abhängig machen. Es sei schon mancher Streik nur verloren gegangen, weil es an einer um- sichtigen Leitung gefehlt hat. Die Anträge Blum und Sassen- dach werden angenommen. D ä n n e ck e- Mühlhausen sbeantragt im Namen der Siebener« Kommission, den Kollegen P ö r s ch- Berlin aus dem Verbände aus- zuschließen, weil er sich Unregelmäßigkeiten bei einer Streikabrech- nung habezu schulden kommen lassen. Ueber diese Angelegenheit entspinnt sich eine lebhaste Debatte, es wird schließlich ein Antrag aus namentliche Abstimmung angenommen. Dieselbe ergiebt mit 16 gegen 9 Stimmen die Ablehnung des Antrages ans Ausschluß. Die Generalversammlung beschließt hierauf, mit 12 gegen II Stimmen, den Kollegen Pörsch vorläufig sür unfähig zu erklären, ein Vertrauen samt im Verbände zu übernehmen. Nachdem die Generalversammlung noch die Diätenfrage geregelt, indem sie den Delegirte» pro Feiertag 6 M. und 8 M. für den Arbeitstag bewilligt, wird die Sitzung abends 11 Uhr vertagt._ Zwölfte Generalbersauimluna deS Verbandes der Zimmer- lente und verwandten Bcrufsgenoffcu Deutschlands zu Halberstadt. Der Verbandsvorsitzende Schräder- Hamburg er- öffnet am 20. April, morgens'/39 Uhr, die Generalversammlung nnt einer Ansprache, worin er besonders das Wachsthum der Delegirtenzahl gegen früher betont und seiner Freude über die lebhaft zunehmende Theilnahme Süddeutschlands, besonders Bayerns, Ausdruck giebt. In die Mandatsprüsungs-Kommissiou werde» gewählt: Fleischmann, Hösch, Stellmacher und Schilling. Anwesend sind 86 Delegirte. Ein Kreis(Braun- schweig) sendet für den verhinderten Delegirte» einen Vertreter, zwei Kreise(Duisburg und Vegesack) fehle» entschuldigt, ein Kreis (Straßburg) fehlt noch. Den Hauptvorstand vertreten Schräder, Brinkmann und Römer, den Ausschuß S t e h r. Die Generalkommission hat ihr Mitglied Brinkmann mit ihrer Ver- tretung beauftragt. Das Braunschweiger Vertretermandat wird zurückgewiesen und als der nächstberechtigte ei» Vertreter aus Quedlinburg berufen._(Fortsetzung folgt.) Gvßvevkfchsfttittzes. Verlin und Umgebung. Die Korbmachergehilfeu werde» dringend ersucht, den Zuzug »ach Berlin zu meide». Die Austräge, welche die königliche Geschützgießerei zu Spandau vor einigen Wochen hiesigen Korb- macherei-Betrieben ertheilt hatte(Lieferung von Geschoß-Transport« körben), veranlaßte die Meister, in den Zeitungen Arbeitskräjte zu suchen. Aber nicht, daß zur Bewältigung der Austräge die hier vorhandenen Arbeitskräfte nicht ausgereicht hätten, sondern, um jeden etwaigen Versuch der Gehilfen, Lohnforderungen zu stellen, von vornherein unmöglich zu machen, sollten neue Arbeitskräfte herangezogen werden. Nu» die oben bezeichneten Lieferungen abgeschlossen sind, ist das Angebot von Arbeitskräften noch größer geworden und noch hört der Zuzug nicht auf. Schon drohe» viele Unternehmer, Lohnabzüge vornehmen zu wollen. Pflicht der Kollegen in der Provinz ist es daher, Berlin zu meiden. Arbeiterfreundliche Blätter werden um Abdruck gebeten. Verband der in der Korb- macherei beschäftigten Arbeiter Berlins. Deutsches Reich. Tie Kafsenverwaltung und die Revisoren deS Hamburger Hafenarbeiter-Streiks veröffentlichen die Abrechnung über den Streik. Demnach sind iusgesamint ein- und ausgegangen 1613600,82 M. Darunter befinden sich unter Einnahme 262 611 M. aufgenommen« Darlehen, und unter Ausgabe» 75 400 M. zurückgezahltes Darlehn. Die Schuldenlast beträgt demnach 187 211 M. Von den tingegangenen Geldern haben». a. aufgebracht die Orte: Aachen 1062,- M. Altenburg 1156,10. Augsburg 1605,62. Berlin 46« 325,38. Bochum 2240,75. Bremen 12 064,30. Bremerhaven 6150,—. Brandenburg 2920,—. Bant 3895,50. Bielefeld 5480,—. Breslau 5929,—. Chemnitz 6778,90. Kassel 2868,65. Dortmund 3705.05. Dresden 24 073,71. Düsseldorf 4751.84. Elber. selb 12 683,87. Essen 2316,27. Elmshorn 1480,-. Eßlingen 1010,-. Erfurt 1300,—. Flensburg 4160,60. Forst 1432,85. Frankfurt a./M. 18 406 12. Gera 2312,25. Geestemünde 1400,-. Görlitz l 173,—. Gotha 1087,06. Greiz 1035,08. Halber. stadt 1513,71. Hannover J6 099,57. Hastedt und Hemelingen 1086,05. Halle a. S. 5065,—. Kiel 11 108,25, Lüdenscheid 1126,60. Leipzig 52 552,74. Neumünster 5200,—. Nürnberg 18 820,51. Offeubach 1134,69. Ronsdorf 1397,32. Rostock 6996,35. Stuttgart 16 343,09. Stettin 4682,10. Solingen 5041,16. Wüster 1805,32. Zwickau 1212,65. 2, oldenburgischer und 2. hannöverscher Wahlkreis 2000,—.— Von de» Zentralverbänden gingen ein» Bauarbeiter 300,—, Brauer 300,—, Buchbinder 500,—, Böttcher 200,—, Zigarrensortirer 5000,-, Glasarbeiter 900,—, Hafenarbeiter 7500,—, Lagerhalter 100,—, Maurer 4000,—, Metallarbeiter 6000,—, Maler 7000,—, Porzellanarbeiter 150,—, Sattler und Tapezirer 100,—, Stuckateure und Gipser 200.—, Steinarbeiter 1400,—> Schneider 1500,—, Schiffszimmerer 300,—, Tabakarbeiter 5500,—, Vergolder 300,—, Zimmerer 8000,—, Former 500,—, Holzarbeiter 3963,66 inkl. der in der„Holzarbeiter-Zeituug" quittirten 2963,66 M.. Land-, Fabrik- und Hilfsarbeiter 1000,—, Ver. Papier- und Leder- waaren-Jndüstrie 500,—. Das Hamburger Kartell zahlte 158 283,44 M.: die drei Hamburger Wahlkreise 171 227.61 M.; A l t on a- O t t en sen 62 500 M.; Wandsbeck 11 500 M.: Wilhelms bürg Von den Hofen�deitmi winden im Streikgebiet cms Listen gesammelt 90 285,77 SDJ.; von Privalleiilcn auf Listen 22 290,71 an.; ferner wurden von Privallenlcn, KlubK, Vereinen:c ausgebracht 95 244;18 alt. Das Ausland belheiligte sich mit 69 529,72 M., darunter England mit 35 254.53 M. Der Verband deutscher Post-«nd Tclcgraplicil-Zlssistenten vereinnnh.nte laut ßieschäslsbencht im abgelaufene» Berichtsjahre 635 805,01 an. gegen 358 804,58 M. im Vorjahre, und verausgabte 211,68 M. gegen 339 137,57 M. im Vorjahre. Von den Ein- nahmen kommen ans den Verband 51 367,15 an. gegen 40 944.30 M. im Vorjahre, und auf das Waarenhans 584 497,86 an. gegen 317 929,28 M. im Vorjahre. Der Umsatz des Berbands-Waaren- Hauses ist von 300 770,05 M. ans 411 906,53 an. gestiegen. Die Waarenschnlde» haben sich von 208 190.30 M. ans 154 111.51 an ermäßigt. Der Werth des Waareulagers betrug 249 070,78 M. gegen 193 541,18 an. im Vorjahre. Das Gesainmtvermögen belies sich am Schlüsse des Berichtsjahres auf 119 580,88 M. Seit Gründung des Verbandes(6. In», 1890) sind 1 555 099 an. vereinnahmt und I 551 374 an. verausgabt worden. Der Umsatz des Waaren- Hauses betrug seit Gründung desselben(17. Juli 1891) I 330364.07 an. Ju Kiel stehen bekanntlich die Tischler im Streik. u. a. weil die aneister nicht 38 Ps. Mindcstlohn bewilligen wollten. nord- und mitteldeutschen Zeitungen werden nun von seilen der Unternehmer Tischler sür Kiel gesucht, die 4 an. Lohn täglich und freie Hin- und Rückfahrt erhalte» sollen, falls sie sich auf 4 Woche» verpflichten. Die Ausständigen bitten deshalb die Fachgenossen dringend, diesen Slrbeitsangebvlen keine Folge zu geben, sondern den Zuzug nach Kiel zu meiden. Die Arbeiterpresse wird gebelen, hier von Rotiz zu nehmen. Ten Tischlern iu Hage» i. W. wurde eine neue Slr: b e i t s o r d n u n g vorgelegt, worin es u. a. heißt:„Sollte bei Jnkrasttreten dieser Arbeitsordming ein Arbeiter mit derselben nicht einverstanden sein, so steht ihm eine sofortige vicrzehnlägige Kündigung frei." Da nun keiner mit der neuen Arbeitsordming einverstanden war. so kamen die Gehilfen überein, folgende"" forderungen zu stellen und bei Ablehnung derselben die Kündigung einzureichen: 1. Einführung der zehnstündigen Arbeitszeit. 2. Einführung eines täglichen Minimallohnes von 3,50 M. 3. 20 pCt. alusschlag auf Ueberstnnden. 4. Bezahlung der Ueberstunden bei Akkordarbeit. 5. Abstellung verschiedener Mißstände. 6. Gemein- schaftliche alusarbcitung eines Aktordtarifs. 7. Aenderimg oder Abschaffung der Arbeitsordnung. Die Töpfer VreSlans streikten in drei Geschäften, inn an stelle der willkürlichen Bezahlung den von ihnen sür gaflz Breslau aufgestellten einheitlichen Lohnlarif einzuführen. Sie hatten die ernste Absicht, sich mit den Unternehmern darüber zn verständigen, also einen genieinsamen, vereinbarten Tarif zu schaffen, aber die Uiilernehiner wollten über die Arbeitsverhältnisse selbstherrlich be- stimmen. Es kam infolge dessen zum partiellen Streik. Darauf traten die Töpfermeister Breslaus zusammen und beschlossen erstens, säinintliche noch arbeitende Töpfer auszusperren, wenn die Zlrbeit in de» erwähnten drei Geschäften nicht wieder aufgenommen würde; zweitens beschlossen sie, sofort einen Tarif ansznarbeilen und diesen den Gehilfen zu oktroyiren. Da der Meistertarif um 10 bis 20 pCt. niedriger ist, als der Gehilfentarif, gingen die Töpfcrgesellen nicht auf das Ansinnen der Meister ein und sind nun infolge dessen zirka 200 Mann an der Zahl ausgesperrt worden. Der Vorstand der Zentralorganisatio» hat die Unterstützung der Ans- gesperrten beschlossen und ersucht die Fachgenossen, alles zu thun, was in ihren Kräften steht, um den Breslauern zum Siege zu verhelfen. Wo Arbeitsgelegenheit vorhanden ist, wolle man sofort davon Miitheilung machen an H e r»>. Nenberger i» Breslau, Uferstraße 23a. Gelder sind an den Zentralvorstand zu senden. Auö Halle a. S. ging uns folgender Zlusrnf zu: Seit 15. April stehe» säinintliche Arbeiter und Arbeiterinnen der mechanische n Schuhfabrik von Gebr. Haas«,(nicht Hake, wie infolge un- deutlicher telephonischer Mittheilung im„Vorwärts" berichtet war, im Streik. Die Ausständigen, an Zahl zirka 200, fordern seitigung der Hausindustrie. Die Verhandlungen darüber datir schon seit August v. I. Es wurde uns seinerzeit bestimmt ver- sprachen, daß die Hausindustrie bis 15. April d. I. abgeschafft werden solle. Als wir jetzt vorstellig wurden, erklärlcn aber die Herren Gebr. Haase, sie würden die Hausindustrie überhaupt nicht ab- schaffen. Wir verlangten nun, daß wenigstens ein Ram» für 35 Zwicker, die außer dem Hause arbeiten mußten, gemiethet würde; auch das lehnten die Unternehmer ab. So legten wir denn die Zlrbeit nieder. Wir appelliren nun an das Solidaritätsgefühl sämmt- licher Fachgenossen. Die Streikkonunission. Alle Sendungen sind zn richten an Hermann S ch a a f in Halle a. S., Karlstr. 14. Alle Arbeiterblälter werden um Abdruck gebelen. Ter Ttciuiucüenstrcik iu Nicsa ist durch Uebereinkunft mit den Unternehmern beigelegt. Er hat neun Wochen gedauert. Er- reicht wurde eine Lohnaufbesserung von 8 pCt. Der Ztnsstand der Holzarbeiter in Geringswaldc dauert fort. Die Zahl der Streikenden nimmt täglich ab, da die Aus- ständigen zum theil anderwärts in Arbeit treten. Trotzdem bis jetzt schon drei Wochen seit der Arbeitsniederlegung verstrichen sind, ver- weigern die Unternehmer auch heute noch die Heransgabe der Werk- zeuge und Papiere der Arbeiter. Die Bevölkerung der Stadt und der Nachbarorte läht den Streikenden moralische und finanzielle Unterstützung angedeihen. Streikbrecher haben sich bisher nur 15 gefunden. Zuzug von auswärts ist garnicht zu verzeichnen und wolle man denselben auch ferner vermeiden. Ausland. Ans der Schweiz. In B e r n st r e i k e n seit einer Woche ca. 4 50 Maler und Gipser wegen Stichtbewilligung der Forde- rnngen: Sonnabend llt Stunde früher Feierabend und Er- höhung der Stundenlöhne von 40—45 auf 50-55 Cent.— In Osterauendingen bei Bern haben 200 Steinbruch- Arbeiter einen mehrtägigen Streik zur Verbesserung der Lohn- Verhältnisse gewonnen, desgleichen die Schuhmacher ,in Montreux.— Der Streik der Lithographen in A a r a u dauert fort, die Unterhandlungen von Vertretern des Gewerkschafls- dundcs blieben ersolglos.— In Genf sind die Schlosser in eine Lohnbewegung eingetreten mil folgenden Forderungen: Zehnstnndentag, 10 pCt. Lohnerhöhung, Minimallohn von 48 Cts. für Schlosser und 33 Cts. für Handlanger, 25 pCt. Zuschlag für Ueberzeitarbeit, Abschaffung der Akkordarbeit, Freigabe des 1. Mai je. — In C h»l r und B n r g d o r f bereiten die K l e in p n e r Lohn« bewegunge» vor. Die Schuhfabrik von Brnnflin in F r a u e n- selb hat aus eigener Initiative de» Z e h n st u n d e n t a g ein- geführt mit Feierabend um 4�2 Uhr an de» Sonnabenden. Aus Dänemark. In V e j l e i» Jütland haben die ZI! a u r e r- nud Zimme rg e s e l l eu die Arbeil niedergelegt, weil die Meister nicht 2 Oere mehr Stundenlohn bezahlen wollen, wie sie es zum 1. April versprochen hatten. Es sind demnach 200 Man» arbeitslos. � Auch die Maler legte» am Donnerstag die Arbeit nieder, weil die Meister die Gesellen keiner Antwort würdigten auf ein im Januar eingesandi-s neues Lohnrcgnlativ. worin eine Lohnerhöhung von 3 Oere pro Stunde verlangt wurde. Die Meister lehnten überhaupt jede Verhandlung mit den Gesellen ab. Auch die Müller- gesellen im Orte streiken, weil die Meister begannen, die Fach- Vereinsmitglieder zu entlassen. Aehnlich liegen die Verhältnisse in Esbjaerg, wo zwischen Meistern und Gesellen im Maurer-, Schmiede- und T i s ch l e r f a ch Konflikte bestehe». Gegen eine» aufgezw»ngc»cn Feiertag wird unter den englischen Arbeitern Protest erhoben. Die Königin von England, die in diesem Jahre das Jubiläum ihrer sechzigjährigen Regierung feiert, hat einen allgemeinen Feiertag(22. Juni) angeordnet, einen sogenannten„Bank-Holyday". AnS einer Anzahl Gewerkschaften heraus sind schon Stimmen laut geworden, die sich gegen die Feier ausgesprochen und das Exekutivkomitee der Trades-Unions auffordern,«ine allgemeine Protestbewegung zu____________ Veraniworilicher Nedatteur i Robert Schmidt in Berlin. Sur den Jnseratentheil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Tttuk und Werlaa von Max Bading in Berlin. Hierzu L Beilagen u. Ilnterhaltiingeblrt!. nn- w ir«n organisiren. Der Protest gipfelt darin, daß die„WageZ-Slaves" (Lohnsklave») an diesem Jubiläum kein Interesse hätten und nicht gewillt seien, durch einen aufgezwungenen Feiertag einen Tagelohn einzubüßen und daß im übrigen das Proletariat sich seine Feiertage selbst ivähle. De» Signalwärtcrn und Weichenstellcrii der englischen „ G r e a t Western Eisenbahn" ist auf Antrag die Herab sctzuug der Arbeiiszeit ans zehn Stunden»nd eine Erhöhung der Löhne um l und 2 Shilling die Woche von der Direktion bewilligt worden. Ans Birmingham in England berichtet die Londoner„A. K. Der Rekorder(Strafrichter) hat vier Mitglieder des G e w e r k- Vereins, ivelche während eines Alisstandes alichigewerkvereinler an der Arbeil zu hindern suchten, in i t G e s ä n g n i ß bestraft. Bisher haben die englischen Richter nur Geldbußen verfügt. Der Iiekorder bemerkte beim Erlaß des Urlheils, daß eine Geldstrafe wenig Sinn hätte, da der Gewerkverein sie zahle. Soziales. Grubenexploffonen und kein Gnde? Ans S a ar b r ü ck e n berichtet der Telegraph: Auf der Grube Göttelborn wurden durch Explosion schlagender Welter drei Bergleute ge- tödtel, zwei leicht und einer schwer verletzt. Schnhhallen für Straßcnarbeiter läßt der Magistrat in Breslau errichte»; zwanzig sind geplant, eine ist fertig. In dieser können 30 Personen gleichzeitig ihr Esse» einnehmen, sie ist um die Mittagszeit immer voll besetzt. GeviLzks-�Zsikung» Ausweisung und ZwangSpast. Eine wichtige Frage be schäsligte dieser Tage daS Kammergericht. Es handelte sich darum, ob im preußischen Staatsgebiete solche Personen, die aus einem Ort ausgewiesen werden können, mit einem sogenannten Zwangspaffe nach dem Orte versehen iverden dürfen, wo sie ihren letzten Auf- enthalt halten. Tie Behörde in Gleiwitz hatte die Angeklagte, die sich dort ohne Mittel nnd ohne die Möglichkeit, sich selbst zn ernähren, aufhielt, mit einem derartige» Zwangs- paffe versehen, indem sie sich auf eine lliegierungs- Polizeiverordniing aus dem Jahre 1350 stiitzte. Auf grund derselben Verordnung erfolgte die Anklage, als die Fron de» Vorschriften der Polizei nicht nachkam. Sie wurde vo»> Schöffen- gerichl zu mehreren Tagen Haft verurtheilt und das Landgericht wies die Beriifling der Staatsanwaltschaft zurück, die z» g unsten der Angeklagten eingelegt worden war. Nunmehr ergriff der Staats- anwalt das Nlechlsrnittel der Revision. Der Oberstaatsanwalt erklärte die Revision für begründet und führte ans: Die fragliche Regiernngs- Polizeiverordnung könne dem Freizügigk-iisgesetz gegenüber nicht mehr aufrecht erhalten werden. Nach diesem Gesetz könne allerdings jemand ans einem Orte, wo er das Heimathsrecht(Unterstützungsivohnsitz) noch nicht erlangt habe, dann ausgewiesen iverden, wenn seine öffentliche Unterstützung »othwendig wird. Indessen gewährleiste das Freizügigkeilsgesetz ihm das Recht, sich irgendwo außerhalb des Ortes, aus dein er aus- gewiesen wurde, aufzuhalten, wen» er sich mir am neuen Anf- cnlhaltsorte ein Unterkommen und den Unterhalt selbst beschaffen könne. Ein Zwangspaß sei deshalb bei Ausweisungen, die lediglich ans arinenrechllicheii Gründen erfolgen, nicht zulässig. Ferner werde aber auch eine Polizeiverordniing der Bezirks- regiermig, die das Mittel des Zivangspaffes vorsehe, nicht durch das Polizei-Verwaltiingsgesetz gerechtfertigt. Das Kammer- g e r i ch t erklärte die Polizeiverordniing ebenfalls für u n g i l t i g. Für den Strafsenat ivar aber nach der Pnblikation allein maß- gebend, daß sich die Anwendung des ZwaugspasseS nicht aus den 12 nnd 6a bis 6i des Gesetzes über die Polizeiverwaltung be- gründen lasse. Die Angeklagte wurde freigesprochen. Ein Prachtexemplar von Ausbeuter ist der Kaufmann Siegsried Hey in an söhn, Rosenthalerstraße 10, Privat- ivohiiiing Schleswig«! Ufer 11, der sich gestern wegen Mißhandlung und thätlicher und wörtlicher Beleidigung eines Lehrmädchens vor dem Amtsgericht I zu verantworten hatte: Der Angeklagte besitzt, wie er selbst rühmend hervorhob, ein großes Wäschegeschäft, in welchem einige zwanzig weibliche Personen beschäftigt iverden, darunter acht bis zehn Lehrmädchen. Letztere erhallen die erste» drei Monate keinen Lohn, nach Ablauf dieses Vierteljahres zehn Mark i»onallich, außerdem ist ihnen eine Präinie von dreißig Mark sür die lohnlose Zeit, als wieder zehn Mark pro Monat versprochen, falls sie sich gut sührsn und ihre Stellung nicht ans eigenen»'Antriebe aufgeben. Der Angeklagte sollte nun— davon ging ivcnigstens die Anklagebehörde ans—»in die Prämie zu sparen, bestrebt gewesen sein, die Lehrmädchen in der letzten Zeit ihres lohnlosen Vierteljahrs durch allerlei Mittel zun» freiwillige» Ausscheiden aus dein Geschäft zn veranlassen, so wurde z.B. ein Lehrmädchen anüller geprügelt. Sei», als Zeuge vernommener Buchhalter Neumaun erklärte:„Bis jetzt ist es noch nicht vorgekommen, daß ei» Lehr- »iädche» mit Geivalt hiuansgeworsen ivurde; die meiste» gehen jedoch von selb st." Zn einem ganz außer- gewöhnlichen Vorgange in dieser Hinsicht kam es am 10. Dezxmber v. I. Das Lehrmädchen Anianda Jesche,»velches bereits über zivei Monate, also im letzten Monat der lohnlosen Zeil, bei dem Angeklagten beschäftigt»var, hatte an diesem Tage, liili— nach ihrer rnt widerlegt gebliebene» Behauptung— sür eine Verkäuferin Notizen darauf zu machen, eine» Boge» Packpapier in zivei Hälsie» geiheilt und die eine Hälfte zlisammengefaltet Der Angeklagte bemerkte das und schrie die Jesche an: „Sie Diebsche! Sie haben schon so ein Diebsgesicht! Sie verlogenes Frauenzimmer, Sie iverden wohl schon ein ganzes Diebslager z» Hanse haben!" Zugleich schlug er ihr mit der Hand wiederholt in das Gesichl. Als die Jesche darauf von dem Buchhalter Neumann ihr Arbeits- buch verlangte, wies sie dieser nach dein Privnikompioir Heyman- sohns. Letzlerer zog die Jesche am Ann in das Komploir hinein, schloß die Thür hinter sich, schlug die Jesche von nenem und spie ihr schließlich ins Gesicht, wobei es wieder»»» nicht an Schimpfworten fehlte. Hemnausohn erkundigte sich später bei de» übrigen Mädchen, ob sie etwas gesehen hätten; als drei Mädchen das bejahten, ivurden s i e sofort enilasse». Der Angeklagte bestritt in der heutigen Verhandliing alles. I» seinem Geschäft würde viel gestohlen. Er habe geglaubt. daß jener Bogen Packpapier zur Ausführnng eines Diebstahls habe dienen sollen; deshalb habe er die Jesche zur Rede gestellt, sie aber keincswcgs„gehauen" u. s. w. Ter Staatsanwalt bezeichnete die Geschnfisverhällniffe des Angeklagien als solche, ivie sie schlimmer nicht gedacht werden könnte»; nur mil Rücksicht auf die bisherige Unbescholteuheit des Angeklagteii beantrage er nichl eine Freiheit-« strafe, sondern 500 M. Geldstrafe. Ter Gerichtshof erkannte nach diesem Antrage; da der Angeklagte in eine», Punkte erwiesener- inaßen die Unwahrheit gesagt habe, habe ihm auch in den andere» Pllnkten gegenüber den Aussagen der wegen ihrer Jugend aller- dings unbeeidigt gebliebenen Zeuginnen nicht geglaubt werde» köniieii.— Man vergleiche mit dieser milden Behandlung eines schamlosen Prügelhelden die harten Gefängnißstrafeii, die zu», theil über Ar- beiter verhängt iverden, welche sich nach Ansicht des Gerichts eines Vergehens gegen den§ 153 der Geiverbe-Ordnung schuldig gema'' haben. Nach tSmonatlicher Untersuchungshaft freigcspro� Am 3. September 1395 verurtheilte die Ferie»- Slraskarnmer am Landgericht 41 den Uhrmacher Friedrich Weber, den Portier und früheren Feldpoliziste» Ambrosins Pätzold, sowie dessen Stief- söhn, den Buchdrucker- Lehrling Otto Hohensee— sämmtlich in Mittenwalde ortsangehörig— wegen versuchten schwere» Diebstahls, die erstgenaiinten beiden Angellagie» zu je anderthalb Jahren Zuchthans, den Letzteren zu vier Monaten Gefängniß. I» der Nacht von, 47. s emev jemaefcL oMl? zum 18. April 1895 war in der Behausung des Scharfrichterei- besitzers Holzapfel in MiUemvalde ein Einbruch verübt worden. Der oder die Diebe mußten aber ohne Beule die Flucht er- greifen, weil Frau Holzapfel ivach wurde»nd Lärm schlug. Der Verdacht der Thäterschast lenkte sich auf die drei Ap- geklagten, gegen diese ivurden eine Menge Indizien zn- saniniengetrage», die mehr durch ihre Zahl, als ihren Werth ins Gewicht fielen. Jninierhi» gelangte das Gericht zur Verurtheiliing. Niechtsanwalt Modler legte als Verlheidiger des Pätzold und des Hohensee Revision ein, dieses Rechtsmittel versagte jedoch. Nunmehr betrieb der Verlheidiger mit allen anittel» die Wiederaufnahme des Verfahrens. Pätzold erklärte, lieber jahrelang in Untersnchiingshast verbleiben zu wollen, als sich einer schimpflichen Strafe allsznsctzen. Die Strafkaiinner lehnte das beantragte Wiederaiisnahineverfahren ab, das Kamniergericht ordnete dieselbe dagegen an, nachdem der Vertheidiger Beschwerde geführt hatte. Nach wiedeihollen Vertagungen, die theils durch das Aiisbleiben geladener, theils durch die Ladung »eiler Zeugen erforderlich wurde», gelangte die Sache gestern vor der I. Straskammer am Landgericht II zum Abschluß. Es waren über 30 Zeugen geladen, doch bedurfte es des Entlasinngsbeweises nicht, denn der Gerichtshof trat dein Vertheidiger in der lleberzeugimg bei, daß die Indizien, ans grnnd deren der frühere Gerichtshof zur Verurlheilung gelaugt sei, nach keiner Seite hin als ausreichend erachtet iverden könnten, um eine Verurtheiliing zu rechtfertigen. Das Urtheil lautete daher auf Freisprechung beider Angeklagten(Weber hatte die Wieder- ausnähme nicht beantragt) und sofortige Entlassung des Pätzold aus der Haft. Unter der göttlichen Weliorduuug. Vor der vierten Straf- kammer des Laiidgerichts I. spielte sich gestern eine Verhandlung ab, wobei erschüUernde Umstände zur Sprache kamen. Auf der Anklagebank erschien der frühere Hausdiener Wilhelm K i st e r- mann. Der bisher unbescholiene Mann war eines schweren versuchten Diebstahls und eines einfache» Diebstahls be- schuldigt nnd geständig. Er bat nur um die Erlaubniß, dein Gerichtshöfe erzählen zn dürfe», wie er zum Verbrecher geworden sei. Der Wunsch wurde ihm gewährt. Nun erzählte der Angeklagte, daß er fast blind sei. Er trage eine Brille schärsster Nllinmer, sei aber nicht im stände, zn sehen, wie viele Per- sonen iin Saale anwesend seien. Trotz aller Bemühuiigen habe er seit langer Zeit keine Arbeit mehr finden können. Dahabe sich sei» Veiter, der hier ansässige Kohlenhändler Kisierinann, seiner angenommen. Derselbe beschäfligte ihn mit Kohlenpacken und ver- sprach ihm 1 M. täglich und freie Kost. Von der einen Mark mußten seine Frau nnd seine drei K i» d e r d a s L e b e n fristen. De» Loh» habe er indessen»»r unregelmäßig erhalte», sein Veller habe selbst zu ihn» gehabt. im» mit seiner Familie durchznkomnien. An einem Sonnabcnd Abend sei er ohne eine» Pfennig»ach Hause gelommen. Am folgenden Tage sei er betteln gegangen. Am Montag habe er sich allein in der Wohnung seines Vetters be- filiiden. Er habe gewußt, daß derselbe in einem Wäsche- spinde Geld aufbeivahre. Unter allen Umständen habe er für seine h» n g e r n d e»> ji i» d e r Brot schaffen müsse». Er habe versucht, den Schrank zu öffne», der Bart des nicht passeuden Schlüssels sei abgebrochen. Nun habe er die nicht verschlossene Schublade der Kommode ausgezogen und daraus eine goldene Uhr nnd einen Trauring an sich genomme». Er habe schleunigst den Ring versetzt nnd dann de» Psandscheiii nebst der Uhr seine»» Veiter wieder zugeschickt.„So, iiun veruriheilen Sie mich," schloß der Angeklagte seine Siede.„Für mich kann das Gefängniß nichts Abschreckendes haben, denn ich bin ein blutarmer Krüppel, ich habe während der beiden Osterseiertage nichts z„ m i r g e n o m m e n nnd bin heute Morgen in ausgehungertem Zustande zum Termiiie gegangen. Für mich kann es nur eine Er Holling sein, wenn ich mal während einiger Monate das Elend i» meiner Familie nicht sehe." Die Zeugin Kistermann bestäiigie, daß die Lage des Angeklagien eine sehr traurige sei, sie würde» seine geringen Leistungell auch bezahlt haben, wemi sie nicht selbst zn kämpfen gehabt hätten. Der Gerichtshof zog diese himmelschreienden Umstände als„mildernd" in betracht; n a ch d e m A n t r a g e d e s Staatsanivalts ivurde auf eine Gefängniß st rase von 4 Monaten erkannt. Zlbermals ein prügcludcr Polizist. Halber st adt, 16. April. Die hiesige Sirafkammer hat den Polizei-Sergeanten Harkenihal in Ascherslebe» zu 1 Monat G e f ä» g» i v verurtheilt, weil er am 12. November v. I. als Beamter in Aus- Übung seines Amtes den Glasergesellen Gahren v o r s ä tz- lich mißhandelte und beleidigte, indem er ihn , L ü n» m e l" nannte, dann a r r e t i r t e. auf dem Traiisport zur Wache»lit der Faust ins Genick stieß»lud mit der Hand aii den Kops schlug.— Depefikzen und letzke Muchvichkeu. Hamburg. 20. April.(Privat- Depesche deS„Vorwärts".) Das dänische Schiff„Thea", Kapitän Jensen, mit 300 Tons Zucker »ach Liverpool bestimmt, ist infolge Kollision mit dem norwegische» Taiupfer„Tryg" bei Holyhead gesunken. Von der aus iienn Mann bestebenden Besatzung ist nur Matrose Zieglcr gerettet worden. Grand«», 20. April.(W. T. B.) Wie dem„Geselligen" aus Osterode in Ostpreußen gemeldet wird, sind infolge Umschlageiis eines Segelboots ans dem Dre>ve»z-See sieben Soldaten ertrunken. Frankfurt a. M., 20. April.(B. H.) Die„Franks. Ztg." meldet ans Stuttgart: Heute früh starb der langjährige Redakteur und Verleger des„Beobachter", Eugen Binder, im Alter von 79 Jahren. Wien, 20. April.(B. H.) Heute hat die Beeidigung Dr. Lneger's als Bürgermeister stattgefiluden. Nach derselben begab sich Lueger in die Hofburg, um dem Kaiser seinen Dank für seine Bestätigiing abzustatten. Ans der Fahrt zur Hofburg wurden Lueger von einer zahlreiche» Menschenmenge stürmische Ovattouen dargebracht. Wien, 20. April.(B. H.) Das„Neue Wiener Tageblatt" bringt die Meldung ans Kanea, daß bei Suva die Insurgenten ans eine österreichische Patrouille aus dem Hiuterhalle geschossen haben; ein Korporal der 8. Kompagnie ivurde verwiiiidet. Trieft, 20. April.(W. T. B.) Das Abendblatt des„Mattino" meldet, das 1500'Arbeiter der Schiffswerft„Slablimento technico" streike» lind daß die Direktion geneigt sei, den Forderungen der Streikenden cntgegenzukomine», sodaß der Ausstand in kurzer Zeit beendet sein dürfte. Belgrad, 20. April.(B. H.) Der Kommandant der Bnschi- bozuls in Allserbie» orgamsirt seine Schaar cn, die auf 14 000an>,nii geschätzt werde», um mit denselben an.die griechische Grenze zn marschire». Zlihcn, 20. April.(B. H.) Man erwartet nun auch eine Er- Hebung der ans den Inseln Sainos, Mithylene und Chios au- sässtgen Griechen. Athen, 20. April.(B. H.) Die Ankunft Ricotti Garibaldis mit 500 italienischen Freiwillige» ist bereits sigimlisirt. Sein Ein« treffen wird heule»och erwartet. Elassona, 20. April.(B. H.) Bei dem Kampfe bei Tyrnavos wurden die Griechen bis Kazakiar zurückgedrängi; sie mußten das ganze oberhalb des Karadere gelegene Thal räumen.— Die Türken haben von Prevesa mehr als 000 Bomben geworfen. Athen, 20. April.(Meldung der„Agence Havas"). Ein« Depesche aus Arta von 2 Uhr»achmitlags meldet: Die Türken versuchte» heute bei de», Kloster Thestokan den Arta-Flnß zu überschreiten, sie ivllrden jedoch durch die griechischen Batterien daran gehindert. Die griechische Westarmee �hat Neokhori, Pachykalamo und einige andere Dörfer besetzt und befindet sich daselbst in gut befestigter Stellung. .Kairo, 20. April.(B. H.) Das egyplische Ministerim» händigte dein griechischen Generalkonsul am hiesigen Orte seine Pässe aus, und zwar auf Ersuchen der türkischen Regierung. Nun wird auch die Frage erörtert, ob nicht alle Grieche» innerhalb fünf Tagen Egypten verlassen müssen. nv. 92. u. zchWg. i. Ktiltze des Lmlirts" KeMer Nslksdlatt. Mwch.sl.MW7. UokNles. Unser Kollege August Jacobcy hat gestern, am dritten Oster- läge die Strase von vier Wochen Haft angetreten, die ihm durch ein Erkeilnt.ttß des hiesigen Landgerichts I auferlegt morden • m ��lauer Staatsainvaltschaft hatte sich durch einen Artikel «» Ar. 193 unsere? Blattes von, vorigen Jahre beleidigt gefühlt, in welchem ihr Vorgehen in Sachen der vorjährigen Märzzeitung be- rührt worden war. Das erste Erkenntniß, das auf 6 Wochen Ge- saugniß lautete, war vom Reichsgericht»ingestoße» worden, und darauf kam das Landgericht zu der Anschauung, daß Jakobey mit Aufnahme ???."Artikels zwar keine bewußte Beleidigung, wohl aber eine Fahr« ! in' begangen habe, welche nach Z LI des Preßgesetzes mit „,/l?ochcn Haft zu sühnen sei. Wir hoffe» unfern Kollegen nach tlblauf dieser Frist kampsesfreudig wieder z» sehen! 3nr Lokallistc machen wir die Parteigenossen in Berlin wie ,» der Umgebung darauf aufmerksam, daß fortan Berichtigungen und Mittheilimgen von Veränderungen in der Liste n n r Aufnahme im„Vorivärts" finden können, wenn sie an das Mitglied der Berliner Lokalkommission, Genosse» Oskar Mahle, Berlin 8., Prinzenslr. 8. Seitenflngel l Tr. gerichtet und von diesem beglaubigt sind. Verschiedenen Unannehmlichkeiten, denen sowohl die Lokalkommission, wie die Redaktion in dieser Beziehung ausgesetzt waren, geben zu dieser Vekanntmachnng den Anlaß. Es ergeht daher namentlich an die Vertrauenspersonen und Vorsitzenden der Lokalkonimissionen der Umgegend Berlins das dringende Ersuchen, alle Zuschriften, 'velche die Lokalliste betreffen, einzig an die obengenannte Adresse z» richten. Tic Gegensätze zwischen reich und arm innerhalb der Bevölkerung Berlins treten in den Stenerleislungen recht augenfällig in die Erscheinung. Daß es auch in Berlin recht reiche Zettle giebt, ist wohl allgemein bekannt; weniger bekannt aber durste es sein, daß die Reichshauptstadl einen Mann beherbergt, welcher nllciit für seine Person an Steuern 119 800 M. zahlt für ein jähr- liches Einkommen von L 995 000 M. bis 3 Millionen Mark! Dieser sterbliche darf sich rühmen, der reichste Mann Berlins zu sein. Der� w"> Nächststehcnde versteuert ein jährliches Einkommen von I 020 000 M. bis zu 1 625 000 M. und entrichtet dafür einen Steuersatz von jährlich 64 800 M. Fernere 7 Berliner habe» cm zährliches Einkommen von mehr als I Million Mark, und 31 ein solches von mehr als V, Million Mark. Eines Einkommens von über 100 000 M. erfreuen sich zirka 400 Reichshanptstädtcr, Immerhin befinden sich die Steuerzahler mit derartigen hohen und„ansköimnlichen" Einkommen ganz bedeutend in der Minderzahl, denn von den 496 263 steuerpflichtigen Berlinern hatten nach der vorjährigen Steuereinschätzung allein 113 188 nur ein jährliches Einkommen von 1050 M. bis 1200 M., 168 314 gar nur ein jährliches Einkommen von 660 M. bis 900 M.,' und rund die Hälfte aller Steuerpflichtigen mußte von jeder Steuer- Zahlung überhaupt frei gelassen werden, da sie noch nicht einmal das letztgenannte jährliche Einkommen aufzuweisen halten! Diese Gegensätze illustrirc» recht deutlich die heutige„Ordnung" der Dinge. I» ciiicul Helzartikel kämpft die offiziöse„Norddeutsche All. gemeine" zur höheren Weihe des christlichen Osterscstes gegen die Maifeier der Arbeiterschaft. Das Lauserblatl raisonuirt: Die Parole des Vorstandes der Berliner M c t a l l i n d u st r i e l l e n', nach der jeder Arbeiter, der am l. Mai ohne Erlaubniß von der Arbeit fernbleibt, entlassen werden soll, muß von allen Arbeit- g e b e r« V e r b ä n d e n zu der ihrigen gemacht werden. Es be- darf keiner Gegendenionstrationeii und keines weiteren Ein- g e h e n s auf die Herausforderung der Sozialdemokratie. Alles dies wird ja bekanntlich doch nur, wie die Ausbeutung der Verhandlungen über den achtstündigen Arbeits- tag sattsam bewiese», zu eine m Triumphe der s o z i a l r e v o l u t i o n ä r e» Bewegung g e st e»> p e l t. Was noth thut, ist einzig und allein der feste und einmüthig durch« geführte Entschluß des llntcrnehmerstandes, Herr im eigenen Hause z» bleibe». Das Recht des Arbeitgebers, innerhalb der durch Gesetz und Christenthum bestimmten Schranken an allen regelmäßigen Werktagen über die Kraft seiner kontraktlich gebundeneu Arbeiter zu verfüge», bildet einen integrirenden Bestandthcil des allge- meinen Haus rechts für die produktive» Stände. Seine Preis« gäbe bedeutet nichts Geringeres als eine Lockerung der individualistische» W i r t h s ch a f t s o r d n u n g über- Haupt. Darum: Principiis obsta. Gewiß wird das Unternehmerthum nur schweren Herzens von der Waffe der Aussperrung Ge- brauch machen, aber dasselbe kann sich gegebenen Falls der von dem Gesammlinleresse auferlegten Pflicht nicht entziehen. Das sind alles die alten Phrasen, die die deutsche Arbeiter. schaft nunmehr zum achten Male zu hören kriegt. Der Hetz- nrtikcl intcressirt aber dennoch, nämlich durch das, was er n ich t enthält. Es ist diesmal mit keinem Wort die Berechlignugs. losigkeit des Achtstundentags an sich erwähnt, die früher eine sehr beirächtliche Rolle spielte. Statt dessen findet sich das Eiugeständniß, d>>ß alles Eingehen ans die Forderungen der Sozialdemokratie nur zu einem Triumphe der sozialdemokratischen Bewegung „gestempelt werde". Zluch hütet sich die„Nordd. Allg. Ztg.", ent- gegen der Gepflogenheit früherer Jahre, die Arbeiter darauf auf- merksam zu machen, daß sie sich durch die Maifeier einer unberechtigten Schädigung der Unternehmerinteresse» und einer Gesetzwidrigkeit schuldig machen. Ei» solcher Hinweis wäre auch gar zu komisch gewesen, nachdem das patriotische Unlernchnierthnn, fast ohne Ausnahme sich dadurch der Schufterlepraktik schuldig gemacht hat, daß es zu Ehren Wilhelms I. die Arbeiterschaft um de» Lohn betrachte, den es den Ausgebeutete» von gesetzeswegen für die Zentenarseierlage schuldet. Es ist immerhin von Werth für die deutsche Arbeiterschaft, wenn eines der berufensten Ordnungsblätler eingestehe» muh, daß die heutige Ordnung der Dinge nichts, aber auch garnichts mehr zu ihrer Rechtfertigung für sich hat, als die nackte, hohnvoll geübte Gewalt! Ein Musterbetrieb im Sinne des patriotische» Unter- »lelznierthuulö ist doch das Reich, in dem Herr Thielen schallet und waltet. Die königliche Eisenbahn« Direktion in Berlin erneuert jetzt eine Verfügung,»ach der alle Beamten und Hilfsbeamten verpflichtet sind, sofern es der Dienst erfordert, auch über die festgesetzte Bureau zeit für ihre Behörde thätig zu sein.„Wenn die vorhande Zahl der Beamten", so heißt es in der Ver- sügnng,„bei besonderer Häufung der Dienstgeschäfte nicht aus- reicht, so sind die Bureaustunde» vorübergehend zu vermehren, bezw. ist Hausarbeit anzuordnen. In solchen Fällen sind dann anch die Hilfsbeamten anzuhalten, über die Dieuftstunden hinaus unentgeltlich zu arbeiten." Besondere Vergüligungen für lieber- stunden erhalten dieselben nicht; nur wenn es sich um vermehrte Dienstleistungen„in e r h e b l i ch e m llmfange' handelt, sollen die betreffenden Beamte» z>, einer Belohnung in Vorschlag gebracht werden. Den Hilfsarbeiter» dürsen Ueberslunden und Hausarbeiten mit Rücksicht darauf, daß sie anck, für die S o n n l a g e, an denen sie nickt arbeite», volle Vergütigung erhalte», in der Regel ebenfalls nicht besonders vergütet werden.— Die Kühnemänner und lionsorten müsse» gelb vor Neid werden, wenn sie lesen wie weit es der Staat der Sozialreform in der Ausnutzung der Arbeitskräfte. die sich ihm überantwortet haben, treiben darf. Das patriotische Unteruehmerthnm würde nur zu gern den Prinzipien des Staates der Sozialresorm nachleben, wenn nicht die Kampfbereitschaft der Llnsgebeuteten ihm einigen Respekt einflößte. Wann wird das Arbeitsheer der Eisenbahn endlich zu der Einsicht kommen, daß die Schaffung einer Organisation zur Erlangung besserer Lohn« und Arbeitsbedingnuge» nachgerade zur Gcwissenspflicht wird? Eine Ausstellung des Vereins für Verbesserung derFrauen- bcklcidung wird jetzt Leipzigerstr. 102 abgehalten. Der Verein be- absichtigt eine Reform der Frauentracht, die den Anforderungen des praktischen Lebens und der Gesundheit mehr entspricht als die moderne Bekleidung. Die Unterkleidung soll durch Entlastung der Hüsten vereinfacht, nur das Obergewand soll mit Anlehnung an die Mode eine freiere Gestaltung bekommen; durch eine Verkürzung des Straßeukleidcs soll eine fnßsreie Bewegung ermöglicht und das llebel der modernen„Staubfänger" beseitigt werden. Der Verein will eine Umgestaltung der Mode anbahnen, die eine Erhaltung der natürlichen Formen des Körpers garantirt. Diesen Zweck soll die Ausstellung fördern. In den mannigfaltigste» Arten und Formen sind Reform-Bekleidungsgegenstände dort von den verschiedensten Berliner Firmen ausgestellt: Reform- Ober- und Unter« kleider, Beinkleider mit Tragebändern, Hemdhosen, Reform- Korsets und Brustgürtel, Schuhbeklcidung, Umhänge und Mäntel, Hüte u. f. w. Recht ansprechende und chic aussehende Sache» fanden wir darunter, aber auch solche, die von der osfiziellen Mode- Narrheit wenig abstehen. Das gilt namentlich von de» Hutfagons. „Gesundheits"« Korsels mit ausnehmbaren Fischbeinstaugen geben der Frau die Wahl, den Schnürpanzer nach alter und neuer Methode zu benutzen. Zur Umwälzung der Mode in der Weise, daß sie den natürlichen Anforderungen des Lebens entspricht, sind soziale Einwirkungen nölhig, die ihr den Weg ebnen werde». Bei den gegenwärtigen Klassenunterschieden und der Stellung, welche die Frau namentlich in den höheren Gesellschaftsschichte» einnimmt, drängt die Mode eher z» Geschmacklosigkeiten, als daß sie sich den»atllr- lichen Verhältnissen anschließt. Daß es dem Verein für Verbesserung der Frauenbekleidung unter den obwaltenden Anschauungen gelingen wird, mit seiner geplanten Reform einen größere» Kreis zu gewinnen, ist billig z» bezweifeln. Die Aus- stelluug ist immerhin ei» daukenswerthes Unternehmen, das namentlich auch de», Fachmann manches Lehrreiche bietet. Den Eintrittspreis v»u 30 Pf. halten wir indeß für das Geboteue zu hoch. / Von Herr» Dr. Wcrthaucr, dem Vertheidiger Koschemann' Erhalten wir folgende, vom 20. April datirte Zuschrift: „Es ist im Prozeß dargethan, daß das Werk, welches zur Atteutalskiste verwandt ist, und welches bei dem Uhrmacher in Königs-Wnsterhausen gekauft ist, derselben Fabrik— Jnnghans- Wecker aus Schramberg Gebr. Junghans— entstamme; es ist also seitens der Verlheidignng nichts übersehen. Gegen Koschemann spricht dies nicht, da diese Wecker überall sehr verbreitet sind. Es kann serner angenommen werde», daß Koschemann am 2. Pfingstfeiertag selbst dem Brede gesagt hat, er geltes bei der Polizei als Anarchist zc., sodaß dieser am 3. Feiertag es dem Vater erzählen konnte, sodaß hieraus eine Verbindung der Polizei mit Brede nicht z» erweisen ist, die Verlheidignng also auch hier einen Fingerzeig zu beachten nicht unterlasse» hat. Meine iilnsicht, daß die Kiste von anarchistifch-terroristischer Seite stammt, ergiebt sich aus der VerHand- lang ohne ein besonderes Motiv. DieseAnsicht kann für die Geschworenen nicht zu Ungunsten Koschemann's in betracht gekommen sein, da sie ihn wegen der That freigesprochen haben, die Beihilfe, deret- wegen er vcrurtheilt ist, aber in anderen�Dingenjjals dem Attentats- plan gefunden sein muß. Nach dein serner von Ihnen gebrachten Bericht soll der Obmann der Geschworenen aus der Zusammensetzung des inneren Apparats auf einen Mechaniker als Urheber hingewiesen haben. Hierzu möchte ich bemerken, daß in der Verhandlung erörtert ist, daß der g e r i ch t l i ch e S a ch v e r st ä u d i g e die Uhr auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt hat. Möglicherweise ist hier ein Jrrthum in bezug auf die kunstvolle Znsammensehuung bei de» Geschworenen eventuell untergelausen, wenn jener Bericht richtig ist. Nach unserer, der Vertheidigung, Ansicht hat Koschemann mit der ganzen Sache nichts zu thu» und ist irgend etwas Gegenlheiliges nicht bewiese», aus- welchen Gründen wir die Freisprechung nach Pflicht und Gewissen beantragen mußten. Unrichtig ist,(wie wir nach der„Verl. Ztg." berichteten. D. R.) daß ich unbefugt Koschemann im Gefänguiß gesprochen und 51oscheman» bestimmt habe, seinen bisherigen Rechtsbeistaud nicht weiter beizubehalten. Koschemann ist mir, nachdem ich um lieber- nähme seiner Vertretung ersucht war, durch die Gesängnißdirektio» ans Erfordern vorgeführt und habe ich ihn sogar gebeten, seine» Ossizialvertheidiger, dessen Auftrag gemäß§ 143 Str.-P.-O. von selbst erloschen sein würde, beizubehalten. Mir ist deshalb von einem ehrengerichtlichen Verfahren dieserhalb anch nicht das Geringste bekannt. TaS ttrthcil im Prozeß Koschemann pries von den größeren Berliner Blättern, wie wir neulich mitlheilten, nur die„Deutsche Tageszeitung" als ein gerechtes und dem Rechtsbewußtsein der Be- völkernug entsprechendes. Wir müssen heute nachtragen, daß auch das„Berliner Tageblatt" sich dieser Beurtheilung anschließt. Ueberm Strich freilich laßt die Redaktion durchblicken, daß sie den Spruch der Geschivorenen für einen Fehlsprnch hält; unterm Strich dagegen veröffentlicht sie eine» längeren Artikel, in dem Koschemann's Schuld für unzweifelhaft erklärt wird, weil sein Alibibeweis uiiß- glückt sei; zugleich wird ein leises Bedauern darüber ausgesprochen, daß die Geschworenen den Koschemann nur der Beihilfe, nicht des Mordversuches schuldig befunden haben. Das interessanteste a» dem Artikel ist der Schluß, in dem mit frommem Augenausschlag die höhere Fügung des Himmels gepriesen wird, durch die das Mißlingen de? verruchten Planes herbeigeführt wurde. Die in ihren beste» Zeiten anch i» Glaubensdiugen sehr radikalen Liberalen in frommer Pose zu sehe», bildet für alle Frommen ini Lande jedenfalls einen Hochgenuß. Hoffentlich ziehen die Liberalen auch die Konsequenzen ihrer Frömmigkeit und bewilligen bei der bekannten Kirchennolh Berlins die nölhigen Gelder zum Bau neuer Gotteshäuser, in deneu für das persönliche Eingreifen Gottes in die menschlichen Geschicke gedankt werde» kann. Bedenkt man die Stellung, die die sog. Gebildeten in ihrer über- großen Mehrzahl Glaubensdinge» gegenüber in ihrem Inner» habe», so tritt die Rückgratlosigkeit unserer Liberalen an solchen Veröffent- lichungen klar z» tage. I» der Sprache der StaatScrhaltcndc». Die deutschen Jagd- vereine widmen dem verstorbene» Staatssekretär v. S t e p h a n einen Nachruf, in dem es heißt:„Die deutsche Jägerwelt, welcher er niit Leib und Seele angehörte, betrauert in Dr. v.Stephan, der nack heldeumüthig ertragenen schweren Leide» am 8. d. M. in die ewigen Jagdgründe hinübergewechselt ist, einen der edelsten und gerechtesten Waidmänner dieses Jahrhunderts. Sein Andenken wird auch unter den deutschen Jägern für alle Zeit fortleben." Die fromme„Kreuz- Zeitung" nimmt an diesem Nachruf Anstoß. Sie meint:„Es wäre wohl angemessener gewesen, wen» sich die deutschen Jagdvereine bei dieser Gelegenheit der waidmännischen Ausdrücke enthalten hätten." — Was ist denn a» einem solchen Nachruf schlimmes in einem Lande, Ivo unter Umständen 18 Armeekorps und 42 Millionen Ein- wohner auf der Strecke bleiben sollen? Eine Menge Papier. Von der Preußischen H a u p t- Bibelgesellschaft ist jetzt der Jahresbericht für 1896(der 82. überhaupt) fertiggestellt, aus welchem hervorgeht, daß im verflossenen Jahre in Deutschland eine bisher noch nie erreichte Bibelverb reit» u g erfolgt ist. Allein von der obengenannten Bibelgesellschaft wurden im letzten Jahre 107 679 Bibeln und 48 327 Neue Testamente verbreitet. Hierzu kommen zunächst noch die von den übrige» deutschen Bibelgesellschaften und-Anstalten ver- breiteten 142321 Bibeln und 93173 Neue Testamente, was zusammen rund 250 000 Bibeln und 147 000 Neue Testaniente ergiebt. Außerdem aber haben noch mehrere ausländische Gesellschaften, wie z. B. die Britische Bibelgesellschaft in London, die Schottische (Baptistische) und die Amerikanische(Bischöflich methodistische) ca. 75 000 Bibeln und 175 000 Neue Testamente verlheilen lassen. so daß Deutschland im Jahre 1896 mit zusammen etwa 650 000 Bibeln und Neue» Testamente» versorgt worden ist. Davon haben die Mannschaften des Heeres und der Marine durch Vermittelung eines königlichen Kommissars 5311 Bibeln und 27 234 Neue Testaniente erhalten. Resultat dieses frommen Wirkens: TravaiUer pour le roi de prusse! Polizeikampf wegen des„Vorwärts". Vor gut 14 Tagen berichteten wir, daß einem Parteigenossen, der in einer am 29. Marz bei Keller abgehaltenen Versammlung gedruckte Aufforderungen zum A b o n n e ni e n t auf den„Vorwärts" vertheilt hatte, die Unannehmlichkeit einer polizeilichen Sistirung zu theil geworden sc,. Wer diese polizeiliche Handlungsweise, die allgemeines Befremden erregte, für die ungehörige That eines untergeordneten Organs der Behörde hielt, der irrte sich. Dem Sünder ist richtig ein Straf- mandat auf 9 Mark zugegangen, weil er sich angeblich gegen die ZZ 10 und 41 des alten preußische» Preßgesetzes von 1851 vergangen haben soll. Es versteht sich am Stande, daß gegen diesen Straf- befehl Berufung eingelegt wird. Wie die gerichtliche Entscheidung anch aussallen möge; ans jeden Fall wird sie die UnHaltbarkeit der heutigen Zustände an ciiiem neuen Belege illustriren. Habgier. Der geschäftssührende Ausschuß des Zentral-Bäcker- Jniinugs-Verbnndes„Germania" ist sich dahin schlüssig geworden, ans dem gegen Ende des Monats statthabenden Handwerkertage folgende Punkte zu vertreten: 1. Erstrebuiig der gänzlichen Aufhebung der Bäckerei-Verordnung vom 4. März 1896. 2. Falls dies nicht er- reichbar ist: Festlegung einer achtstündigen Ruhezeit für die Gesellen. 3. Statt der täglich z» bemessenden Maximal- Arbeitszeit die Aus- stellung eines WochenlurnnS, also einer für die ganze Woche sest- zulegenden Arbeitszeit, welche jeder Meister»ach den Bedürfnissen seines Geschäftsbetriebes auf die einzelneii Tage selbst vertheilen kann. 4. In Uebertretungsfällen Äestrasnng der nachweislich Schuldigen(»ach Meinung der Meister meisteiis die Gesellen), sowie "'ffchränkung der Anzeigcpflicht auf 8 Tage. Diese Schlauberger! I» Sachen Ziethen ist die„Berliner Zeitung" in der Lage. weiteres»ützutheilen. Der als„unglaubwürdig" angenonimene Zeuge A n d r o ck i» Werder richtet unter dem 16. d. M., also vpn vier Tagen, an den hier wohnenden Gastwirth Heinrich Zicthkii, Neue Königstr. 58, folgenden bemerkensiverthen Brief: Boriistedt, 16./4. 97. Herr Ziethen..... Ihnen zur gefälligen Nachricht erstens, daß ich mich nie freiwillig deswegen gemeldet habe. Ersuche Sie aber doch so freundlich zu sei» und mir bei Herrn Dr. Lenzinanu einmal Gehör zu verschaffen, da dadurch vielleicht alles anders komnit. Also seien Sie so srcundlich, bitte daher um recht schnelle Ant- wort Ihrerseits. Achtungsvoll F. A n d r o ck, Babier, Bornstedt bei Potsdam. Ans de», Schriftstück geht hervor, daß Androck den Vorwurf der Unglaubwürdigkeit nicht auf sich sitzen lassen will. Ferner scheint der Mann, wie er auch schreibt, nie„freiwillig" eine Aussage i» der Ziethen-Angelegenheit gemacht zu haben. Zum Verstäiidniß unserer Leser sügen wir hinzu, daß Androck einer der vielen Leute ist, z» welchen der vermuthliche Mörder der Frau Ziethen, der oft- genannte Barbiergehilse Wilhelm, ei» Geständniß seiner That abgelegt hat. Androck ist der Sohn eines Potsdamer Feldwebels, der beim ersten Garde-Regiment gestanden hat und nach seiner Pen- sionirung eine militärische Bertraucusstellung erhielt. Der vom Gericht als unglaubwürdig bezeichnete Androck besitzt in Bornstedt Haus und Hof. Eine graneuhaftc That hat die Ehefrau des srühereu Schutz- maniis Karl Hennig, Wiclefstr. 3, begangen. Sie hat am Sonnabend, während ihr Mann im Gerichtsgebäude, wo er aushilfsweise An- stellung gefnilde» hat, seiner Beschäftigung oblag, ihr jüngste? Kind umgebracht und de» Versuch gemacht, auch ihr ältestes Kind und sich selbst zu tödten. Die Hcnnig'sche» Eheleute hatten am Donnerstag und Freilag Streitigkeiten mit einander gehabt, und als Hennig am Soiniabend früh die Wohnung ohne Abschied verließ, gerieth die Frau i» so große Erregung, daß sie beschloß, mit ihren beiden Kinder», der dreizehnjährigen Luise und der dreijährigen Erna, zu sterben. Die älteste Tochter erklärte ihr Einverständniß, und nachdem Mutter und Tochter Wein und Spirituosen getrunken hatten, entzündeten sie vormittags ein Kohlenfeuer in der Absicht, an dem sich cntwickelnden Gas zu ersticken, illls dies miß- lang, hängte am Nachmittag Frau Hennig ihre kleine Tochter Erna n» der Thür auf, während sich Luise und die Mutler aii dem Fenster aushängten. Die kleine Erna starb nach kurzer Zeit; die beiden anderen öfsueteu jedoch die Schlingen wieder und bliebe» am Lebe». Als Henuig gegen vier Uhr nach Hause zurückkehrte, war seine Frau damit beschäftigt, die Leiche der kleinen Tochter auf ibr Bett zu legen. Er schickte Luise, die völlig uuverletzt geblieben ist, zu einem iilrzt, der die Uebersühning der leicht verwundeten Frau Hennig in die Chnritee veraulaßte, wo sie als Polizeigesaiigene ge- halten wird. In der 8. städtische» FortbildnugSschule für Jüiiglinge und Erwachsene, Putbuserstr. 23, in der Nähe des Humboldthains, haben in» vergangenen Halbjahr 570 junge Leute, besonders Kaufmanns- und Handwerkerlchrlinge, an dem Unterricht theilgettonnnen. Außer in den allgemein bildenden Fächern Deutsch, bürgerlichem, kauf- inäiiiiischem und geometrischem Rechnen wird in Französisch und Englisch i» Ober- und Unterkursen, in einfacher und doppelter Buch- führung, Stenographie, Geometrie, Algebra, Physik, Mechanik, Chemie, Zirkel-, Projektions-, Ornament- und Körperzeichnen, Fachzeichnen für Graveure und Lithographen und im Modelliren unter» richtet. Ferner ist mit der Schule ein städtischer Gewerbesaal und eine Abtheilung der Berliner Tischlerschule mit zusannnen 125 Theil- nehmern verbunden, in denen Fachzeichneu für Schlosser, Maschinen» bauer, Mechaniker, Drechsler und Tischler gelehrt wird. Das Sonnnerhalbjahr beginnt Donnerstag, den 22. April. Annieldungeu ninunl der Leiter der Schule, Rektor Klebe, mittags von 12—1 ulid abends von 7—9 Uhr im Schulhanse entgegen. Vierte FortbildnugSschule. Am 23. April eröffnet der Sprachlehrer Herzog an der vierten Fortbildungsschule, Heiners- dorferstr. 13, einen»euen Kursus im Englischen. Grammatik tritt ganz in den Hintergrund; der Unterricht wird von der ersten Stunde an mit Konversation. der englische Fibeln und englische Lesebücher zu gründe liegen, ertheilt. Am Schlüsse des Halbjahres beginnt die Einführung in die ranfmän nische» Briefe w. Der Unterricht erfolgt Donnerstags und Freitags von 7—9 Uhr; das Honorar beträgt nur 4 M. pro Halbjahr. Anmeldungen nimmt noch täglich der Rektor Lutzenberger, Heinersdorferstr. 18, entgegen. Die Volks-Hochschule Humboldt-Akademie eröffnet von morgen, Donnerstag, Abend ab in den Lehrstätten N.W,,(Äeorgcn- st r a ß e 30/31, und W., L ü tz o iv st r. 84d die 40 Vortragscyklen und Unterrichtökurse des Frühjahrsguartals, welche auf fast allen Wissensgebieten von»ainhaften Dozenten gehalten werden. Der erste Vortrag jedes Cykliis bezw. Kursus ist siir Herren und Damen frei. Alles Nähere, Bedingungen, Inhaltsangabe, Stuildenpläne, Bericht u s. w. enthält das ansfiihrliche Lehrpro gramm, das in bekannten Buchhandlungen, im„Jnvalidendanl" und in den vier BureauS: NW. Unter den Linden 47, W. Potsdnincrsir. I IN.. S. Prinzenslr. 54, und NO. Landsbergerstr. 32, erhältlich ist; ebenda werden auch die Hörerkartcn ausgegeben. Wilde Stndcnteu, orgauisirt Euch! Der Ausschuß der Studentenschast an der Technischen Hochschule, der bekanntlich auf- gelöst ivorden ist, da er für Einrichtung studentischer Ehrengerichte eintrat, ist neuerdings durch Beschluß einer„allgemeinen Studenten- Versammlung" wieder zu stände gekommen. Der Ausschuß besteht nur aus Korporationsvertreter». Auf die Beschwerde der Wildenschaft gab der 9iektor Geheimrath Hauck den Rath:„Tie Kovpo» ' J - M / rntioncn zeigten bog meiste Interesse an den studentischen Angelegen- deiten und. hiitlc» somit auch das Recht, über die Mitglieder des Ausschusses zu bestimmen; die Wildenschaft solle sich doch organ i- siren, um die gleiche Slimmenzahl zu bekommen." Tic Verfrouluittugstierorduuna ist abermals einer Diebes bände recht zu stalte» gekommen. Das Zigarreulager der Wittwe 5'�''' �er Hambnrgerstraße 16 ist von Einbrechern wahrend de-, Osterfestes völlig ausgeplündert morde». Die Diebe schnitte» die Füllung der am Trcppeuflur befindlichen Eingaugsthür aus, stiegen aus dem so geschaffenen Wege ein und eigneten sich den ge- saunnten Zigarrenvorrath an. Die Zigarren entnahmen sie den Riste» und schnürten sie i» Bündeln zusammen. Selbst der Inhalt des Schaufensters wurde ihre Beute, da dieses nach Vorschrift der neuen Polizeiverorduuug verhüllt und so eine Störung durch Passanten nicht zu befürchten war. Nörgelei. Das hiesige Bismarckorgan, die„N. Nachr.", kalauert in seinem Uinnuth sortivährend über das Kaiserdenkmal. Hier die neiieste Blülhe:„Du, weeßte det neueste Rebus?"—„Nee."— „Wat fehlt den Jeuins, der Willem det Pferd führt?"—„Na?" ..Drei Haar e."—„Det stimmt." Dem Mangel an Krankenhäusern in Berlin beabsichtigt man st» Norden der Stadt angeblich durch Vergrößerung des mit dem Paul Gerhardt-Stifl(Müllerstraße) verbundenen Diakonissen »..id Krankenhauses zu lindern. In der Poliklinik für Sprachstörungen von Dr. med. Lieb mami(Köpnickerstr. 102, VeS—'/ei Uhr) beginnen neue unentgelt liche ikurse. Als Leiche wltrde am Ostersonntag der Töpfermeister Max Laabe, ziileht in Berlin, Bernauerstr. 49 ivohnhaft, auf Charlotten- burger Gebiet aus dem Kanal gezogen. Verfehlte Spekulationen in Verbindung mit eigenem Leichlsiini haben den in Baukreisen nicht unbekannten Mann in den Tod getrieben. In dem Gasglühlicht- Geschäft Ostara, Marfiliusstr. 17, ist hi der Nacht zum Dienstag ein Einbruchsdiebstahl verübt worden. Den Dieben fielen außer Glühkorpern und Brennern namentlich werthvolle Werkzeuge zur Beute. Der Inhaber des Geschäfts setzt auf Wiedererlangung des Gestohlenen eine Belohnung von fünfzig Mark aus. . Durch eine vorüberfliegende Kugel erschreckt wurde der Gastwirth August Meißner, der im Souterrain des Hauses Begelstr. 3 eine Schankwirlhschaft betreibt und gleichzeitig Vizewirth des Hauses ist. Er stand, in einem Buche lesend, am Fenster seines t-nkals, in dem sich allabendlich die Privat-Nachtivächter des Bezirks zur Kontrolle versammeln, als die starke Spiegelscheibe dicht nebe» seinem Kopfe von einer Kugel durchbohrt wurde. Das kleine Loch und der Schußkanal lassen deutlich erkennen, daß der Schuß aus emem scharf schießenden Tesching schräg über die Straße, auf der nian keinen Menschen sah, abgefeuert wurde. Glücklicherweise haben weder das Geschoß, das noch nicht aufgefnuden werden konnte, noch die zahlreichen Glassplitter den Gastwirth beschädigt. � Von einem Radfahrer umgefahren wurde Dienstag, Nach- miitag gegen 1 Uhr an der Ecke der Linden- und Ritterstrabe die 82 jährige Rentnerin Wittwe Uno aus der Alten Jakobstr. 126 mit ihrem Dienstmädchen. Beide warteten auf einen Wagen der Straßenbahn, als der Nadfahrer zunächst das Dienstmädchen anfuhr und umriß. Die Greisin wurde, sei es der Schreck, sei es daß das Mädchen sie anfaßte, ebenfalls niedcrgeivorfen und stürzte über das Dienstmädchen hinweg. Dieses blieb unverletzt, während die alle Frau sich eine Verletzung im Gesichte zuzog. Die alte Dame war so mitgenommen, daß ein Schutzmann des 39. Reviers sie»ach ihrer Wohnung bringen mußte. Ein ziveiter Beamter bemächtigte sich des Radfahrers und nahm ihn mit aus die Wache. Der Vorgang hatte einen großen Menschenauflauf zur Folge. Auf der Straße wurde am Morgen des ersten Feiertages der 52 Jahre alte Knopfarbeiter Gustav Röbel, Insasse des Siechen- Hauses in der Fröbelstraße, als Leiche aufgefunden. Man fand ihn vor dem Hause Danzigerstr. 61 leblos auf dem Bürgersteig liegen. Da äußere Verletzungen nicht wahrnehmbar sind, so ist anzunehmen, daß den Mann der Schlag gerührt hat; die Leiche ist zur Feststellung der Todesursache beschlagnahmt worden. Wegen KindcömordcS ist gestern Morgen das Dienstmädchen Selma Kräff verhaftet worden, das bei dem Gastwirth Krahn, Jork- striche 43, in Stellung war. Das Mädchen war am zweiten Feiertag ausgegangen, nachdem es kurz zuvor von Frau K. den Auftrag erhalten halte, erst seine Kammer aufzuräumen und das Bett mit frischer Wäsche zu beziehen. Als Frau 5i. später einmal nachsah, fand sie, daß ihr Auftrag nicht ausgeführt ivar. und machte sich nun selbst daran, das Versäumte nachzuholen. In einer Ecke der Kanuner des Mädchens fand sie ein Packet, in dem sicli die schon stark verweste Leiche eines neugeborenen Kindes befand. Nach dem Befund der Leiche muß es schon vor etwa sechs Wochen ge- boren worden fein. Selma Kräff, die zunächst leugnete, von dem Kinde etwas zu wissen, räuinte später ein, daß es das ihrige sei. Gekränktes Ehrgefühl hat den nahezu 17 Jahre alten Barbier- lehrling Willy Sch. ans der Tieckstr. II in de» Tod getrieben. Der junge Man» war erst in zwei Geschäften thätig, um die Handlung zu lernen, mußte aber diese Lausbahn aufgeben, iveil er zu still und schweigsam war, nin sich mit den Kunden gc< nügend unterhalten zu können. Er trat dann bei dem Friseur Wiegel in der Tieckstr. II, wo er bei seiner Mutter wohnte, als Lehrling ein. Als er 1�/4 Jahre bei ihm war, nahm Wiegel auch seinen eigenen Sohn in die Lehre. Sch. hatte nun das Gefühl, daß diesem in der Hinweisung der Kunden und dergleichen mehr Aufmerksamkeit zugewandt wurde als ihm, und fühlte sich sehr zurückgesetzt. Aus diesem Grunde blieb er am 27. März aus dem Geschäfte weg und verließ zu gleicher Zeit auch seine Wohnung. Einige Tage später fand die Mutter einige Ab- fchiedszeilen ihres Sohnes an sie und seine Geschwister, in denen er mittheilte, daß er die Zurücksetzung im Geschäft nicht länger er- tragen könne. Am Ostermontage fand man im Nordhafen die Leiche eines jungen Mannes. Sie ist jetzt als die des Barbierlehrlings von der Mutter erkannt worden. In dem Juweliergeschäft von Wilke, Neue Grünstraße 1, ist letzte Nacht ein Einbruch verübt worden. Gestohle» sind aus einem hinteren Zimmer des Geschäftes Gold- und Silbersachen im Werths von ungefähr 12 600 bis 15 000 M. Das Personal des Geschäftes ist mit Anfertigung von Listen beschäftigt, um festzustellen, welche Gegenstände gestohlen sind. Ani Thatorte selbst wurde ein Dietrich aufgefunden. Einige goldene und silberne Gegenstände lagen auf dem Fußboden verstreut. Bis jetzt hat man noch keinerlei An« halt, von ivem der Diebstahl ausgeführt sein könnte. Ter vermißte städtische Steuereinnehmer Schieferdecker ist z» den Seinigen zurückgekehrt. Eine» tödtlichc» Ausgang hat ein Unfall genommen, der vor zwei Wochen dem Fuhrherrn H. Seidel aus der Neuen Schön- hauserstraße 17 zugestoßen war. S. war vom Wagen auf eine Kiste herabgestürzt und halte sich, wie es scheint, innere Verletzungen zu- gezogen. Die Leiche ist, da die Todesursache nicht sicher festgestellt ist, von feiten der Staatsanwaltschaft behnfs gerichlsärztlicher Oeffnung beschlagnahmt worden. Ans den Nachbarorte»». Verschwunden ist seit dem 13. d. Mts. die 22jährige Kinder- gärtnerin Hedwig Schulz, die von Charlottenburg(Goethestr. 15 bei Massone) nach Saugarten bei Landsberg fahren wollte, dort aber nicht angekommen ist. Alle Recherchen nach ihr sind bis jetzt resultatlos geblieben. Die Vermißte ist 1.63 Meter groß, hat dunkelblondes Haar, hohe Stirn, braune Augen, gesunde Gesichts- färbe und kräftige Statur. Es wird angenommen, daß dem Fräulein ein Unglück zugestoßen ist.— Meldungen nimmt die Polizei entgegen. Die Leiche eines Berliner Droschkenkutschers NamenS Stcwe ist im Teufelssee(Revier Vlocksbrück) gesunden und von seiner Ehefrau rekognoszirt worden. Besagter Kutscher verschwand vor einigen Wochen mitsammt seinem Fuhrwerk aus Berlin. Die Droschke wurde ohne Kutscher und ohne Pferd in der Hennigsdorser Forst bald darauf gefunden. Den Vermißten hat man nunmehr als Leiche aus dem Teufelssee gezogen. Wie verlautet, hat Stewe an Geistesstörung gelitten. Ein ruchloser Streich ist in der Nacht zum ersten Feiertage gegen«ine» Köpenicker Fleischermeifter Z. verübt worden. Derselbe fand am Morgen eines seiner werthvollen Pferde, für welches ihm erst wenige Tage zuvor dreitausend Mark geboten worden waren, mit durchschnittenem Halse im Stalle vor. Durch daS Scheuen seines Pferdes schwer verunglückt ist der 50 Jahre alte Arbeiter Ernst Schmitt aus der Werderstraße 27 zu Britz, der bei der Firma Nauck in der Triftstraße 10 beschäftigt ist. Schmitt wurde von seinem Wagen, dessen Pserd durchgegangen war, gerade vor der Wohnung seines Dienstherrn auf die Straße hinabi geschleudert und erlitt einen Bruch des Schenkelhalses und eine Vev renkung des Oberarmes. Der Verunglückte mußte in ein Kranken- Haus gebracht werden._ Soziale Nertzt-spfleZe. Reichsgericht nud Ziegelei- Holle. Eine für zahlreiche Arbeitgeber wichtige Entscheidung hat unlängst das Reichsgericht gefällt. Der Besitzer einer Ziegelei hatte, ungeachtet einer Auf- forderung der zuständigen Polizeibehörde, für seine Arbeiter ange messene Schlafställen zu schaffen, da er die Polizei dazu nicht für befugt erachtete, doch geduldet, daß itlrbeiler auf dem Ringofen schliefen. und wurde nun wegen Vergehens gegen die Z§ 120 a bis d der Reichs-Gewerbe-Orduung in der Fassung des Gesetzes voin I. Juni 1391 in Verbindung mit§ 147, 4 in Strafe genommen. Er legte dagegen Revision ein und begründete dieselbe damit, daß die Polizeibehörde zum Erlaß einer solchen Aufforderung nicht zuständig gewesen sei, und daß von Wohn- und Schlafstätten in dem angezogenen Gesetze nicht die Rede sei. Das Reichsgericht verwarf indessen die Revision und erklärte die Polizeibehörde für zuständig; denn wenn auch Z 120a bis c hauptsächlich Betriebseinrichtungen betreffe, welche vom Gewerbe>Unternehmer zum Schutz der Arbeiter bei ihrer Beschäftigung gegen Gefahren für Leben Gesundheit und Sittlichkeit zu treffen sind, so könnten doch an sich nicht unter diesen Begriff fallende Einrichtungen in Gemäßheit des Z 102d angeordnet werden, so weit das Gesetz sie ausdrücklich vorsieht oder der Betrieb der gewerblichen Anlage sie mit sich bringt. So sehe das Gesetz Speiseräume, Ankleide- und Waschräume in der Betriebsstätte vor, und wenn in demselben von Wohn- und Schlaf- räumen keine Rede sei. so seien solche doch unter dem Begriff der Betriebsstätte mit einbegriffen, so weit eben der Betrieb das Schlafen der Arbeiter in der Fabrik mit sich bringe. Der erste Richter habe aber festgestellt, daß der Betrieb der in Rede stehenden Ziegelei der artig sei, daß er die Gewährung von Schlasstätten au die Arbeiter innerhalb der dem Betrieb dienenden Räumlichkeiten erforderte; somit könne die Annahme, die Schlasstätten seien hier unter„Betriebsstätte" ini Sinne der§ 120a bis< mit einbegriffen, nicht als rechtsirrthümlich angesehen werde» Das 9!eidisgeridst ging aber noch iveiter und folgerte im Hinblick auf die Tendenz des Gesetzes aus der in Z 120a bis c desselben dem Gewerbe-Unternehmer auferlegten Verpflichtung, den Be- trieb so zu regeln, daß die Arbeiter gegen Gefahren für Leben, Ge- sundheit und Sittlichkeit geschützt sind, daß der Arbeitgeber sogar einer mißbräuchlichen Benutzung der Betriebsstätte seitens � der Arbeiter entgegenzutreten habe, wenn aus einer solchen Gefahren für die Arbeiter in den angedeuteten Richtungen sich ergeben. Daß aber die Benutzung eines Riugofens als Schlafstatte solche Gefahren in sich birgt, sei erfahrungsgemäß unzweifelhasl. Somit bewege sich die an den Angcllaglen erlassene polizeiliche Verfügung in den der Zuständigkeil der Verwaltungsbehörden vom Gesetz gezogenen Grenze»._ Vevsntnmlnttlgen. Tie Tchuhmacher(Schvoßarbeiter) der Fricdrichstadt hielten am 3. Osterfeicrtage eine öffentliche Versammlung bei Cohn, Beuthstraße ab. Einleitend hielt Reichstags-Abgeordneter Pens einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über das Thema „Freiheit und Ordnung". Da eine Diskussion nicht eröffnet wurde, so nahm zum dritten Punkte der Tagesordnung:„Was gedenken die Schuhmacher der Friedrichstadt gegenüber den Lohn- reduktionen in verschiedenen Geschäfte» zu thnu?" H a m n ch e r das Wort. Die durch den vorjährigen Streik errungeneu Vorthcile seien bereits in Gefahr, hier und da wieder verloren zu gehen. In einigen Geschäften sei der Lohntarif zurückgezogen, oft schon nach kaum scchswochcntlichem Bestehen. Wenn dagegen nicht schon früher aufgetreten worden sei, so märe es auf die ungünstige Konjunktur zurückzuführen. Jetzt träfe dieser Grund»idst mehr zu und wen» die Schuhmacher deshalb jetzt nicht mit Forderungen an die Unternehmer HSranlrälen, so würden letztere das als Feigheit auffassen. Außerdem konnten sich andere Geschäfte dadurch ermuthigl fühlen, ebenfalls mit Lohn- reduktionen vorzugehen, so daß der ganze vorjährige Streik unnütz ge- wesen wäre. Um aber vor der öffentlichen Meinung gerechtfertigt z» sein, solle erst ein Versuch gütlicher Einigung gemacht werden, weshalb er folgende iliesolutiou zur Annahme empfehle:„Die heutige öffentliche Schuhmacherversanimlung sieht es als eine Roth- wendigkeit an, daß diejenigen Werkstellcn, in denen die Lohne heruntergesetzt wurden, unbedingt den Versuch unter- nehmen, dieselben auf die im vorigen Jahre innegehabte Höhe z» bringen. Die Agitalionskommissio» wird beauftragt, sich mit dem Obermeister der Schuhmacher-Jnnung in Verbindung zu setzen, um auf diesem Wege eine gütliche Erledigung der streitigen Au- gelegcnheit zu versuchen." Katt fährt aus, daß der Ober- meistcr erklärt habe, daß diejenigen Meister, die bewilligt hätten, auch bezahlen könnten; danach seien die Gehilfen verpflichtet, ihr Recht zu sorder». Träfe hu regt an, daß bei ausbrechendem partiellen Streik die nicht betroffenDn Werkstellen pro Mann und Woche 1,50 Mk. zahle». WilliDr fordert eindringlich zum Festhalten an der Organisation' ans, da alle Strejkersolge verloren gehen würden, wen» die Kollegen, wie beim letzten Male, nach Beendigung der Lohnbewegung sich um die Gewerkschaft nicht mehr kümmern. Hauer plädirt für Arbeilslosenunterstütznug, da man durch moralischen Zwang allein die Arbeiter an die Organisation nicht heranziehen würde. Nach dem Schlußwort des Referenten wird die Resolution einstimmig angenoinme». Ueber d i e Stellungnahme zur Maifeier refcrirt Diener, der Ruhenlassen der Arbeit, Besuch der Versamnilnng am Vor- mittag und einen Ausflug am Nachmittag empfiehlt. Die Ver- sammlung beschließt in diesem Sinne. Unter„Verschiedenem" er- greifen verschiedene Redner das Wort, die sich besonders auch gegen die Drohung des Ueberwacheuden, die Versammlung wegen des besetzten Mittelgauges anfzulösen, wenden. Nachdem noch S ch u l z um Aussüllung der versandten Fragebogen ersucht hatte, erfolgte Schluß der gut besuchten Versammlung. ftf->i»d z>i»»>«»itlilnb». Ztlittiooch. Johann Jacobn, bei Fritz Lietzte, Eckroedlerstrafie 88.— wesundbrunnen, abend« Uhr, bei Haserland, Bcllermannflr. 87.— Gleichheit, abend« 9); Uhr bei Stramin, Slitlerkirahe 123.— Heine, Rirdorf, abenbi s)j Uhr, Prinz-Handjerysir. so. parterre.— Einialeil, abenb« 8\ Uhr bei Zeige, Triftftr. 1.— Theater- und Lescllub Marge»roth, abenb« 9 Uhr, im Restaurant Ttete, Lothringerstr.»7. — Soztalbcinotratischer Agitattonsklub Osten, abend«»X Uhr, bei Jauer sruchtstr. s«.— F r e t g e t st A r t 0 n a, abend» 8 Uhr, Artonaplatz 8 bei Wetenor.—„Friedrich Engel« Norden" alle Mittwoch 8 Uhr bei Obiglo. Hussitenstr. 28. Arbeiter- Siinger bu»d Kertina»ud Vmgegeud. Vorfitzender Adolf Neumann, Pasewallerstr. 8. Alle Aenderungen im Vereinskalender sind zu richten an Fried. Korlum. Manieuffeistr. 49, 0. a Tr. Mittivoch. Uebung«- stunde abends 9 Uhr, Ausnahme von Mitgliedern.— LtedeSfreiheil l, Andrcasstr. SS bei Wille.— Norddeutsche Schieise, Melchiorstr. IS bei Stehmann.— Freya l,(Gemischter Ehor), Rosenthalerstr. S7 bei Babiel.— Lordeertranj, Wetnstr.»8 bei Späth.— Liederlust, Adalbertstr. si bei Roll.— Spandau, in Spandau, Neumeisterstr. 6 bei R. Radlts.— Deutsche Eiche I, Große Frantsurlerstr. 188 bei Gold.— Alltance,»onnnandanten- siraße>S, Knoblauch'« Bterhallen.— SangeSbliithen, SIralauer Platz 10—11 bei Poppe.— VB ruderherz, Putbuserstrab« i» bei Lutz.— Echo I, Pankow. Wollankstraße.- Treue, Martannen-User 3 im Luxhos.- Ein Ig- teil I(Hutmach er). Rosenthalerstr. II— I- b-t Röllig.— Allegro, Wränget- siraße l«i bei Schmidl.— Freiheit l, BiNowstr SS bei W. Richter.— Kreuzberger Harmonie, Admiralstraße I8e bei Möhring.— Stein- nelke, Pasewallerstr. 3 bei Ad. Neumann.— W a l d e s lust, Oppelnerstr. 84.— Freier Männerchor Nord-West, Pulllitzsir. w bei Psarr.— Gesang- Verein der Kupferschmiede, Weinstr. Il bei Feindt.— Gletchbett l, Schönhauser Allee 18° bei Ramlow.— Appolonia, Klofterstr. bei Moll.— Frohe Stunde, Kotlbus-r User S7 bei Kintzel.— FreiheitSgruß, Brunnenstraße iso bei Schulze.— S ch n e- g l ö a ch e n l, Rirdors, Hermann- unb Kartsgartenstratzen-Elle bei Köple.- Hoffnung IN. Brandenburg a. H., Wilhelmsdorserstraße,„Concordia".— Arbeiter-Gesangverein Britz in Britz, Bürgersiraße 4 bei Dorn.- Seeger'scher Männerchor, Landsberger Allee ISS bei Göbel.— Einig, Blumenstraße 8» bei Reich.— Gesang- Verein der Buchdrucker u. Echrtstgießer Rixdors u. Britz, Rirdors, Bergstr. lez bei Thomas.— Frohsinn Ii, Friedrichsberg, Wartenbergstr. 07 bei Lange.— Arton III, Rirdors, Herrmann- u. Herrsurthstraßen-Ecke det G e s ch u h n.— M a i e n g r u ß II, Eharlortenburg, Straße Sa, Parzelle l, det Bartsch.— Helmalhllänge, Köpenick, Rosenstr. 101 bei Troppens.— W ach I aus I, Wörlherstr. IS bei Vulprecht.—Vorwärts X, Nauen, Martlstr. IS bei Hobusch.— Schneeglöckchen II, Potsdam, Brandenburger Kommunltatton 10 bei Glaser.— Treu und Fest,«oppenstr. l? bei Lohmann.— Wald- l a p e l l e. Seidilsiraße so bei Krüger.— Bruderbund, Usedomstr. 33 bei Fickinger.— Freie Sänger. Heegermühle bei Eberswalde, Dorsstr. 12, Rest. Jagdschlößchen.— Sängerlust, Werder a./H., Kngelweg im Lolal.— Ost- und West Preußen, Aleranderstr. s?e. Englischer Garten.— Rtenzl, Falckensteinstr. 88 bei Nachtwey.— O st e n, Metallarbeiter. Grüner Weg l» bei Pippke.- Rosalte. Königsbergerstraß-, Sängerheim, bei Plöm «>„>» der gesrlligr» Arbeiterverei»» Hertin» uu» Zlmgegenb. (Zuschriften sind zu richten a» P. Gent, Dresdener- Straße Nr. 107/8. Wittwsch: Geselliger Verein Brüderltchleit, G-orgenktrchstr.»s bei Späth. — Verein N h e t 0 r t t, Brandenburgstr. S4 bei Ponitz.— Dheateroerein P r 0 l e- tartai, Köpnickerstr.«8 bei Schöning.— Rauchllud Rothe Fahne, Falcken- fleinstr. s bei Gonell.— Geselliger Berein Freundschaft, Prtn, Albrechl- Nraße 8 bei Schulz— Geselliger Verein Deutsche Eiche, Fürbringerstraße 7 bei Grothe.— Mundharmonila-Veretn B 0 r w ä r t S, Kreujbeigstr. 12 bei Rothe. — Theaterverein Nora, Admiral str. 18-, MärNscher Hos.— Verein Geselliger Bund, jeden 2. Mittwoch im Monat, bei Sommer, Grün- siraße 21.— Verein Gesellige Brüder, Pallisabenstr. 20 bei Echässer.— Mustlverein Paulenschwengel, Fürslenstraße l»d bei«ernsig.— Slattlub Vorwärts, Schwsdlerstraße 28 bei Muchow.— Slattlub Luftige Brüder, Barnimstr. ls bei Büschel.— Theater-Berein Spree Athen, Anninstr. 9 bei Protz. vesang., Cur»-»»d gesellig» Vereine. DEittniech. Skatklub Revolution, Grünauerstr. 8 bei Götz.- Geselliger Verein H ossnun g, jetzt alle 14 Tage, Lebuserstr. s bei Diescier.— Artisten- und Ringsporlveretn Vereinte Kraft tagt Mittwochs abends und Sonniags vormillagS Plan- j»er 92a bei Zeple.— Allctenverein Atlas, Brunnenstr. IS2 bei Dose.— Geselliger Verein T ürktsche Pfeife, Danzigerstr. 98 bei W. Hansen.— Tambour. Verein Froh-Frei, Uebnngsstunbe Mittwoch und Sonnabends, Wiesenstr. 27 bei Bolz.— Arbeiler-Schachktub Norden, Seestr. 2S bei Mandel. - Mufikveretn K n a a t s ch, Kolbergerstr. 2 bei Steffens.— Psropsenverein Nord-Ost, Ekbtngerstr. 9 bei Bogel.— Rauchklub Echmoke's Werke, Krautstr. 89 bei Hegner.— Rauchtlub Alter Husstt, Hussitenstr. S9 bei Brtngmann.— Gesangverein Sangest reue, Spreeterrasse an der Jannowitz- brücke.— Gesangverein Lerche, Schönhauser-Allee bei G. Gerber.— Arbitter- Radfahrer-Be retn Vorwärts tagt jeden Mittwoch nach dem I. und IS. >1» Monal, Beusselstr. 0(Moabiter Klubhaus).— Bereinigung der Turn- sreunde von s%—io% Uhr abends, Temmtnerstr. 66/67.— Turnverein Osten, Turnhalle Blumenstr. 63a, 8X— 10 Uhr abends. Arbeiter- Tnriierbu»». Mittivech! Turnverein Fichte, Berlin. Abends von 8— 10 Uhr: l. Männer-Abiheilung Friedenstraße 87. 8. Männer- Ablheilung Böckhstr. 21. 2. LchrNngs-Ablheitung Slalitzersir. s«—»s. 4. Lehr- lings-Ablhcilnng Siephanstr.s.— Freie Turnerschasl Rirbors-Brttz, I. Cchülerinnen-Abth. von 7— 8X Uhr, 1. Frauen-Abthetlung von 8X— lOX Vcht bei Wivsing. Knesebeckftraße: 2. Lehrltngs-Abth. von»>/,->o'/» Uhr, Britz,«hauffee- straße bei Lange. Arbeiter- Pancherbnnd Keriins und Ilmgegend. Aenderungen im Vereinskalender sind zu richten an Hermann Braunschweig, Dretdenerstr. so, 2. Hof. Mittwoch: Al tona, Skalitzcrstr. 41 bei Rtchler.— G e m ü I h l t ch le i I 1, Admtratstr. is b Bergemann.— Sumatra Süd-Ost, Liegnitzerftr. is b.Mane- gold.-Wald eSgrün, Forsterstr. 22 b. Ztunze.— B i r g In ta, Admiralstr. 21 bei Schnieder.— Frei Weg, Schöneberg, Maxstr. 7 bei Müller.— Ftdele Raucher. Ftchtestraße so det Krause.— Edelweiß, Rirdors. Urban- nraße 88 bei Pelcrs.— Granat«, Forsterstr. 40 bei Tujunlk«.— Ftdele B r ü d er, FriediichSfklde, Lnisenslr. 20 bei Lobse.— M v r g e nr 01 h, Lands- derger Allee 44 bei Roland.— Fr 0 h st n» s< H e t IN at h. Stromstr. 28.— D e u t sch e r Michel, Pankow, Kaiser Friebiichjir. 16 bei Griffel.— Kairo, Pankstr. ll2ä bei L ö h r> ch— F r i s ch- G e w a g l, Posenerstr. 6 bei Rockenbors. — Oh lau er, Eiäfestr. is bei Präker.— Abguß I, Markusftr. 28 bei Gorn. — Die Dampfenden, Langestr. 24 bei Jeratsch.— Weiße Nelke, Forsterstr. l? bei Ti-rberg.— Zufriedenheit, Rirdors. giethenftraße 2s bei Eiste: t.— Glühltcht, Neu Weißensee, Göblerstwße so bei Schulz. — Apfelblülhe, Panlstr.»b bei Schmidt.— Fltederduft, Palltsaben- siraße so bei Geier.— Weich selb ufl, Pappel-AUee 44 bei Ztbell.— Alter Husstt, Hussitenstr. sab bei Bergmann. Oemiau-.Xmcrican Klub„Unclc Sam"(establiahej 1893). 9 o'clock p. m Wallstrasse 57.— Ladies und Ucnllemen welcome. ßandau. an» schalt der Kchleawig Aalsteinee. Heule, abends 8X Uhr, in G. Feuersteins Feftsälen, Alle Jakobstr. 75: Zusammenkunft der Schleswig- Holsteiner mit Frauen. Herren und Damen sind willkommen. eiiartottenbnrg. Disluttrabend 8 Uhr abends Bismarckhöhe. Der Vorstand des Wahlvercius. Lonxkeltow, kinelisb Conversational- and Reading-Club. 9 o'clock at Teltenborns' Pestaurant,\V all. Strasse 91. Guests are welcome. Briefkasten der Redaktion. Die juristische �Prechjtliudc findet Montags, Dienstags Freitags nud S 0 11» a b e n d s, abends von 7—8 Uhr statt. H. H. IS. Jamaikarum ist ein Produkt der Rohrzuckergahrung. N. Dresden. Ungeeignet zur Aufnahme. Emmerich am Rhein. Die Zeitung ist nicht eingetroffen. Wittern»gSi!l>crsicht vom 20. April l8t»7. SLeiter-Progliose für Mittwoch, de» 21. April I8t>7. Zunächst etwas wärmer, vorwiegend trübe»>it Negenfülleil und mäßigen ivestliche» Winden; nachher aufklärend und etwas kühler. B e r t i n e r W e t t e r b n r e a u. Ärbeitsilittki. Redakteur für eine täglich erscheinende sozialdemokratische Zeitung zum baldmäglichsten Antritt gesucht. Offelten sind an R. Aßmann, Braunschweig, Gördelingerstr. 41, zu senden._ Trahthesterin, geübte, auf Kontobücher, sofort gesucht. Riefeiistahl, Ziimpe n. Ko. 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(vormals Adolph Grnst. Theater). Heirath auf Probe. Posse mit Gesang in 3 Atten nach E. Gerö von B. Buchbinder und Fr. Reimer. Bearbeitet von Jean Kren und Gust. Görst. Musik von Leopold Kuhn. Morgen u. folgende Tage: Heirath aus Probe. Sonntag, nachmittags 3 Uhr, bei er- mästigten Preisen: Frau Lieutenant Feen.-Palast, ,, Direktion Wlnklcr& Frttbcl. Wiederholung der so erfolgreiche» llstei'-fest-Voi'Lteliling des neu engagirten Küiiatler-Personalti. * Riese»- Progranii»."Mg Die urkomische Operette Ein slhnnirzes Wicgenkinh unter Mitwirkung v. W i l h. F r ö b e l. I.vdena« Fkrotosfi-ankleii von«ler Ccnkenar- Feier. Endlich allein! Anfang T/t Uhr. Entree 30 Pf. zml«rl»A°xSMi>. Concordia Variete-Theater Brunnenstr. 154. OrouNe Theater- und SpexialUJiteii-Voratcltnng. Grostartiges April> Programm! Ne»! Örand Attraktion. Ciebr. Forre, Jnstrumentalist. Neu! Hertha Forenzl, brillante tlostümsonbrette. Knospe und Stengel. Posse in 1 Akt. Anfang Wochentags T'/e Uhr. Sonntags 6 Uhr. Umtausch. 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April, abends 6 Uhr, vom Elisabeth- Kirchhos, Gesundbrunnen, statt. _ Die Ortsvernialtung. Danksagung. Für die Theilnahme und Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben, unvergestlichcn Mannes, des Arbeiters A. Koch, sage ich allen Bekannten und Freunde», sowie den Arbeitern der Maschinenfabrik von B e e r m a n n und den Mitgliedern der Krankenkaffe d. Tischler, besonders aber den Mitgliedern des Arbeiter- Gesangvereins„Olympia" meinen herzlichsten Dank. 1621b Die trauernde Wittwe Frau Cr. Koch gcb.Kohn nebst Kindern. Dauksaguiig. Für die überaus grobe Betheiligung und Kranzspenden bei dem Begräbnis meiner heibgeliebte», so plötzlich ver- storbenen Frau Anna Vogenhardt geb. Göll misch, insbesondere den Kollegen der Firma F. F. A. Schulze für die Kranzspende und rege Bctheili- gung meinen tiefgefühlten Dank. Der tiefbetrübte Gatte(46155 Julius Bogenhardt nebst Kindern Werner, Georg und Hildegard und anderen Hinterbliebenen. Danksagung. Allen Freunden u. bekannten Kollegen, dem Gesangverein„LiedeSfreiheit I" und für die reichen Kranzspenden sowie für die rege Betheiligung bei der Beerdigung meines lieben Bruders AI. Anrin unfern herzlichen Dank. 1618b Die trauernden Hinterbliebenen. Danksagung. Allen, welche meinem lieben Mann, unserm lieben Bater. Schwieger- und Grobvater, dem Tischler Wilhelm Klotz- die letzte Ehre erwiesen haben, beson- ders den Kollegen der Pianofabrik N e u in e y e r, sowie den Mitgliedern der Zentral-Krankenkasse der Tischler (Oertl. Verwaltung H) den herzlichsten Dank. 1625b Wwe. Klotz nebst Kindern. �110|fl'91IS!PS0 Wianer&tr13' llliy. Bl dUSrBlumen Geschäft u. Krunzbinderei. Verein»- kränze mit Widmung in bester Ausführung zu billigsten Preisen. L Flott Krauzbiuderei . 141411,». Blumenhaiidiung, 9. Landsbergerftr. 9, EckcHöchstestr., (früher Künigsbergerstrabe) emps. Widmungskränze mit Schleifen, Gnirlandcn, Bouguets zc. Mlumeuhandlung �l'.�i'omelt.SWK�'. KrUnze, Bouquets, Topfgewächse. 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SoMldemkraMer Wahlverein für den 5. Berliner Reichstags- Wahlkreis. Boimerstag, den 82. April, abends SVe Uhr, im Lokale von Bitilig, Koscnthalerstr. 11/18, General- Versammlung. Tages- Ordnung: 1. Vortrag. 2. Bericht des Borstandes. 3. Neuwahl des Vorstandes. 4. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes. 245/8 MM- Neue Mitglieder können in der Versammlung aufgenommen werden. Uni zahlreichen Besuch bittet_ Der Vorstand. Achtung!"98 WV Achtung! Große öffnitl. Volks-Versammlung am Mittwoch, de» 24. April, abends?>/, Uhr. in Louis Keller'« Festsdlen, Koppenstraaae 80. Tages-Orduung: 1. Der Prozetz Koscheniann oder: Wer sind die Propagandisten der Thnt? Referent Carl Wiesenthal. 2. Diskussion. Zur Deckung der Unkosten findet Tellcrsammlung statt. Zu zahlreichem Besuch ladet ein 1S17b Ber Einbernfer: Meyer, Adlershof. Deutscher Holzarbeiter-Verband. (Zahlstelle Berlin.) Heute, IHlttwoch, den 81. April, abends S1/« Uhr, bei b'ohn, Beuthstr. 29/21: Vertraltensmänner- Versammlung sämmtlicher Bezirke und Branchen. Tages-Ordnung: Stellungnahme zum 1. Mat. Beschlußfassung über die Extrabeiträge. Werkstattstreils. Ter Streik bei der Firma Mittag in Kottbus. 38/15 Sämmtliche Werkstellen werden ersucht, einen bezw. mehrere Vertrauens- männer zu entsenden. Bie Ortsverwaltnng. Vkrliand aller in der Mrtalliuimllrle besch. Arbeiter Berlins und Umgegend. Achtung S Achtung! Die heutige Konferenz der Vertrauensleute für de» Süden fällt aus, dieselbe findet am 112/20 HUttwoch, den 88. April, abends S3/, Uhr, bei Henke, Nauliynstraste, statt._ Der Vorstand. Achtung! Maurer. AAnng! Bonnerstag. den 88. April, abends 8'/, Ihr, Im lioalsenstttdtlsch. Konzerthans, Alte Jakobstr. 37: Große öffentliche Maurer- Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Stellungnahme zum 1. Mai. 2. Der Stand unseres jetzigen Kontrollkarten-Svstcms. 3. Gewerkschaftliches. Iss.B. Da über den ersten Punkt der Tagesordnung unbedingt Beschwb gesagt werden muß, ist es nothwendig, daß alle Berliner Maurer an- wesend sind. Bie liohnkommlsslon der Hanrer Berlins. Achtung! Zimmerer. Achtung! Von heute ab ist unser Bureau Grenadierstrafte 33 nur wie folgt geöffnet: 377/5 An den 3 erste» Dagen der Woche: Mljjttt. 301t 3 8 K�t, °» den 3 letzte» Tagen der Woche: YgW. flgg 8 12 nachm. von 2-8 Uhr. Arbeitslosigkeit wird nur an den 3 letzte» Tage» abgestempelt. Sämmtliche Unregelmähigkeiten aus den einzelneu Arbeitsstellen sind sofort unserem Bureau zu melden. Telephon Amt III Nr. 2153. liohnkommlsslon der Zimmerer Berlins u. Umgegend. Mänuer- Vortrag. H e n t e, Mittwoch, spricht Naturprediger «nttzeitAlexanderstr.27e, abds.L'/z Uhr, über: Sinnlichkeit u. Anstand. Liebe u. Ehe. Eintritt 20 Pf. 9® Um zahlreiches Erscheinen bittet Verein kür Körper- und Vatarhellkande, Geschäftsstelle Alexanderstrabe 8. 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Die Kommission habe ihre Aufgabe, Propa- ganda für den Zentralverband der Maurer zu mache», dadurch zu erfüllen gesucht, daß sie in allen in Frage kommenden Orten Ver- bindungen anzuknüpfen bemüht war. Die Agitationsarbeiten hätte» anfangs nicht viel genutzt, und erst später, als die Geschäftslage eine bessere wurde, sei ein Erfolg zu verzeichnen gewesen. Die Kom- Mission habe für 204 in der Provinz abgehaltene» Versammlungen Referenten besorgt. Zu den IS Zahlstellen des Verbandes, welche 1893 bestanden, seien 41 neu gegründet worden, wovon aber neu» wieder eingegangen seien, theils weil es in den betreffenden Orten an leitenden Kräften fehlte, anderenlheils infolge behörd- licher Maßregeln. Zur Zeit beständen in der Provinz 43 Zahlstellen. Die Kommission hatte vom 1. Oltober 1896 bis 1. April 1897 eine Einnahme von 953, S9 M., eine Ausgabe von 362,93 M., wonach ein Bestand von 90,66 M. bleibt. In der Diskussion über den Geschäftsbericht machten mehrere Delegirte Aus- stellungen betreffs der Besorgung von Bersammlungs- Referenten, wogegen Silberschmidt darauf hinwies, daß der Kommission nur wenige Redner zur Verfügung stehe», und daher beim besten Wille» nicht alle Wünsche der auswärtigen Kollegen berücksichtigt werden könnten, namentlich dann nicht, wenn man sich erst wenige Tage vor der betreffenden Versammlung an die Kommission wende. Der Generalbevollmächtigte B ö»> e I b u r g billigte die Geschäftsführung der Kommission, und rieth den Kollegen in der Provinz, sich nicht nur auf die aus Berlin kommenden Redner zn verlaffen, sonder» selber»ach Kräften zu agitiren, wenn nicht in Versammlungen, so doch im persönlichen Verkehr mit den In- differenten. Der Agitationskommission wurde einstimmig Decharge erlheilt. Darauf erfolgten die Berichte der Delegirten über die örtlichen Verhältnisse: In N o w a w e s sind etwa 200 Maurer ansässig, von denen die Hälfte in Potsdam arbeiten; 37 sind organisirt, die Agitation hat in letzter Zeit gute Erfolge gehabt. Der Delegirte aus K o t t b u s berichtete, daß in diesem Orte sowohl die zahlreich anwesenden Wenden, als auch die alte Zunftorganisation der Ar- beiterbewegung sehr hinderlich seien. Die Lage der Maurer in P r e n z l a u wurde als eine sehr gedrückte geschildert. Sie haben eine 11 stündige Arbeitszeit und erhalten 20 bis 23, höchstens 25 Pf. Stundenlohn und haben sehr unter der Konkurrenz der billig ar- bettenden ans den umliegenden Dörfer» wohnenden Kollegen zu leiden. Eine Organisation hat daselbst bisher so gut wie gar nicht be- standeu, neuerdings ist aber das Interesse für den Verband erwacht. Da in Prenzlau i» diesem Sommer reichlich Arbeit vorhanden ist, beabsichtigen die dortigen Maurer, sobald als möglich in eine Bewegung für die Erreichung eines Stundenlohnes von 30 Pf. einzutreten und erwarten die agitatorische Unterstützung der Kommission. In Spandau arbeiten von 335 an- sässigen Maurern 240 zu Löhnen von 35—45 Pf. bei lOstündiger Arbeitszeit. Organisirt sind 104 Kollegen. In Brandenburg nahmen die Unternehmer in früheren Jahren eine sehr feindselige Stellung gegen die Arbeiterorganisation ein und niaßregelten die Mitglieder derselben, so daß diese in anderen Orten Arbeit suchen mußten. Das Verhältmß änderte sich aber, als die besten Arbeits- kräfte dem Verband beitraten. Der Lohn, welcher im Jahre 1891 schon 40 Pf. betrug, sank im Lauf der Zeit aus 32 Pf. herab und stieg bis 1396 bis zu 36 Pf. Da Arbeitsgelegenheit reichlich vor- Hauben ist, forderten die Maurer anfangs dieses Jahres 40 Pfennig« Stundenloh». Der Delegirte schilderte aus- führlich dte Ursachen der zur Zeit in Brandenburg seitens der Unternehmer vorgenommenen Anssperrung, von der 500 Maurer betroffen sind. In Nauen werden 18 bis 27, auch 32 bis 35 Pf. Stundenlohn gezahlt. Ueber Berlin wurde be- richtet, daß durch die vorjährige Lohnbewegung die beiden Organi- sationen(lokal und zentral) soweit zusammengehen, daß die öffent- lichen Ztngelegenheiten in zufriedenstellender Weise geregelt werden können. Man dürfe hoffen, daß mit der Zeit auch ein« Einheit in der Organisanon erreicht werde. Da für dieses Jahr 223 Neubauten angemeldet sind, könne man die Arbeitsgelegenheit als eine gute bezeichnen, weshalb man an die Unternehmer einen Antrag auf Lohnerhöhung gestellt habe, worüber bis zum 8. Mai die Entscheidung erfolgen solle. Der Steglitzer Delegirte bezeichnete die Organisation an seinem Orte als eine gute, welche befriedigende Erfolge erzielt habe. In S ch w i e b u s desteht seit dem vorigen Jahre eine lOstündige Arbeitszeit und 23 Pfennige Stundenlohn. I» Köpenick befinden sich be- kanutlich die Maurer seit drei Wochen im Streik, von den, 107 Kollegen betroffen wurde», von denen gegenwärtig noch 25 ohne Arbeit sind. Von 150 im Orte anwesenden Maurern sind 139 organisirt. In Lübbe» ist der Tagclohn, der im Vor- jähre 2,25 bis 2,75 M. betrug, bei einigen Unternehmern neuerdings auf 3,— bis 3,30 M. gestiegen. Die Arbeitszett beträgt II Stunden. In Friedrichshagen sind von 230 Maurern 110 organisirt. Es wird ein Stundenlohn von 42»/« bis 45, jedoch auch 37Ve, ja sogar 321/2 Pfennig gezahlt. In Wittenberge steht der Stundenlohn aus 30 Pfennig, von 130 Kollegen sind 85 organisirt. In Güstewiese wollen die Maurer, die zur Zeit 2,25—2,50 M. Tagelohu erhalten, in eine Lohnbewegung eintreten. Aus Potsdam wurde berichtet, daß daselbst unter de» Maurern oft noch konservative Anschanungen herrschen � welche die Agitation sehr erschwere». In R i x d o r f wohnen etwa 500 Maurer, von denen nur 85 dem Verband angehören. Die Verhältniffe in Frankfurt a. O. ivurden als recht ungünstige geschildert. Die Agi- lation hatte wenig Erfolg, denn die daselbst arbeilende» Maurer wohnen meist aus de» Dörfern und sind für nichts zu haben. In L i ch t e r f e l d e werde» Stundenlöhne von 30 bis 50 Pf. gezahlt. In W e i ß e n s e e gehören von etwa 300 Maurer» 160 dem Verband an. Die neun- stündige Arbeitszeit ist auf fast allen Bauten durchgeführt. In Luckenwalde arbeite» viele auf Dörfern wohnend« Maurer, denen nicht beiznkommen ist. Der Lohn beträgt 25 bis 30 Pf. Bömelburg faßte das Ergebniß der Situationsberichte dahin zusammen, daß dieselben ein recht trübes Bild ergeben sowohl hinsichtlich der Löhne als der Arbeitszeit. Andererseils lasse sich jedoch ein Fortschritt der Organisation nicht verkennen. Derselbe würde sowohl in den Vororten Berlins als auch in der Provinz noch größer sein, wenn in Berlin eine einheitliche Organisation be- stände. Nach dieser Richtung zu wirken müsse sich jeder Kollege zur Aufgabe machen. In der Sitzung am Dienstag referirte Silberschmidt über den dritten Punkt der Tagesordnung: Agitation und Streiks. Wahrend im Jahre 1893 nur 16 Zahlstelleu mit etwa 1500 Mit- gliedern in der Provinz bestanden, habe der Verband gegenwärtig 50 Zahlstellen mit 5558 Mitgliedern. A» 30 anderen Orte» habe die �Agitationskommission Verbindungen angeknüpft, ohne daß es bisher zur Gründung einer Zahlstelle gekommen ist. Könne man auch diesen Forlschrilt als einen günstigen bezeichnen, so gebe es doch andererseits noch 59 Orte mit je über 3000 Einwohner und 31 Orte mit 1000 bis 3000 Einwohner, wo es an jeder Organi- sation fehle. Von de» größeren Städten sind hier zu nenne»: Arns- walde, Küfirin. Eberswalde, Friedeberg, Guben. Hagelsberg. Lands- berg, Spremberg, Sommerfeld und andere. Hindernd stehe der Organisation nicht nur der Widerstand der Behörden und Unter- nehmer entgegen, sondern auch der Umstand, daß es ausgedehnte länd- liche Bezirke in der Provinz gebe, wo sehr viele Maurer wohnen, die nebenbei etwas Ackerbau treiben und in den größeren Städten Arbeit suchen, wo sie den zielbewußten Kollegen eine erdrückende Konkurrenz machen und deren Löhne herabsetze» helfen. Ein weiterer Uebel- stand bestehe darin, daß die Maurer in manchen Orten gezwungen sind, während der Arbeitslosigkeit im Winter bei den Meistern Schulden zu machen, wodurch sie in ein drückendes Abhängigkeitsl verhältniß gerathen. Diesen sei natürlich schwer beizukomme». Es gebe Orte in der Provinz, wo von Sonnenauf- bis-Untergang gearbeitet werde und Stundenlöhne von 18, ja sogar 15 Pf. gezahlt würden. Gerade in den Gegenden, wo die Verhällmffe am schlechtesten seien, habe die Agitation bisher am wenigsten Erfolg gehabt. Um eine wirksame Agitation in Zukunft zu entfalten, sei zu empfehlen, daß die lebens- fähigen Zahlstellen in den Umkreisen ihrer Orte agitatorisch thätig wären und die Arbeit nicht der Kommission allein überlassen bleibe. Es laffe sich nicht verkennen, daß da, wo eine gute Organisation bestehe, in bezug auf Lohn und Arbeitsbedingungen manche Besserungen eingetreten seien; beispielsweise gab es im Jahre 1885 von 31 Orten in der Provinz noch 15, wo 11 Stunden und länger gearbeitet wurde, während nur in 15 Orten eine lOstündige Arbeitszeit bestand. Dagegen gab es im Jahre 1896 schon 25 Orte mit lOstündiger und nur noch 6 Orte mit 11 stündiger und längerer Arbeitszeit. Während im Jahre 1885 noch in 16 Orten ein Tage lohn von weniger als 3 M., in 4 Orten 3—4 M., in 10 Orten 4—5 M. und nur in einem Orte über 5 M. gezahlt wurde, gab es im Jahre 1896 nur 9 Ort« mit weniger als 3 M., 8 Orte mit 3—3,50 M., 3 Orte mit 4—4,50 M. und 11 Orte mit mehr als 5 M. Tagelohn in der Provinz Brandenburg. Wären also hier verhällnißmäßig gute Erfolge zu verzeichnen, so gebe es doch noch viele Orte, wo der Agitation ein weites Arbeitsfeld bleibe. Als Ziel der Bewegung müsse ins Auge gefaßt werden: die Festsetzung eines Minimallohnes, Ver- kürzung der Arbeitszeit. Beseitigung der Akkordarbeit, sowie der auf Bauten bestehenden Mißstände, und das Ver langen nach besserer Behandlung seitens der Unternehmer und Poliere. In der Diskussion wurden Einwände gegen die Aus- führungen des Referenten nicht gemacht. Bömelburg legte in längerer Rede die bei vorkommenden Streiks zu befolgende Taktik dar. Er wünschte, daß die Abneigung, welche noch oft gegenüber den auf de» Dörfern wohnenden Maurern herrscht, aufhören müsse, da man sonst diese Kollegen nicht für die Organisation gewinnen kann. Weiter wies der Redner an statistischem Material nach, daß durch die Organisation die Lohn- und Arbeitsverhältnisse sich im allgemeinen gehoben haben und betonte, daß es nicht Aufgabe der Organisation sei, Streiks hervorzurufen. sondern im Gegentheil solche zn verhüten. Sollte sich dennoch ein Streik nicht umgehen lassen, dann müsse man die in betracht kommenden Ver hältnisse sorgfältig prüfen und die geeignete Zeit wählen. Unter allen Umständen müsse vor dem Ausbruch einer Bewegung der Vorstand rechtzeitig benachrichtigt werden. Folgende vom Referenten eingebrachte Resolution wurde en, stimmig angenommen:„Die zweite Konferenz der Maurer der Provinz Brandenburg hält die vom 9. deutschen Maurerkongreß vorgeschlagene Taktik in bezug auf Agitation für die richtige. Die Delegirten verpflichten sich, in de» Bezirken ihrer Heimathsorte lebhafte Propaganda für die Ausbreitung und Befestigung der Organffatio» zu betreiben. Zu diesem Zweck hat die Agitations- Kommission den örtliche» Vertrauensmännern eine Anzahl von Orlen zur agitatorische» Bearbeitung zu überweisen. Die Kommission ist verpflichtet, die Vertrauensmänner mit Rath und erforderlichenfalls mit agitatorischen Kräfte» zu unterstützen, anderer- seits haben die Vertrauensmänner die Kommission von den in Aussicht genommenen Schritten zu unterrichten." Nach einem anderen, gleichfalls angenommenen Antrage sollen die Vertrauens- inänner über ihre Thätigkeit regelmäßig an die Kommission be- richten. Hierauf hielt Bömelburg ein ausführliches Referat über die Mißstände im Baugewerbe. Er schilderte die viele» Gefahre», denen die Maurer und Bauarbeiter in der Ausübung ihres Beruis ausgesetzt sind, wies darauf hin, daß die gesetzlichen Vorschriften, soweit sie die Verhütung von Unfällen und die Beseitigung der Mißstände betreffen, äußerst mangelhast seien, und empfahl, durch Aufdeckung und eventuell agitatorische Verwerthung der bestehenden Mißstände für Abstellung derselben zu wirken. Von der Gesetz- gebung verlange man die Einführung einer der Fabrikaufsicht ent- sprechenden Kontrolle der Bauten unter Mitwirkung von Vertretern der Arbeiter. Ueber die Novelle zum Unfallgesetz referirte D ä h n e. Er er- läuterte eingehend die einzelnen Bestimmungen derselben und be- sprach demgegenüber die Anforderungen, welche vom Standpunkte der Arbeiter an eine wirksame Unfallversicherungs- Gesetzgebung ge- stellt werden muß. In der Nachnlittags-Sihung fuhr D ä h n e in seinem Referat fort und enipfahl eine Resolution. welche als das mindeste im Interesse der Bauarbeiter eine behördliche Ueberwachung und Kontrolle der Bauten unter Mitwirkung der Arbeiter- orgauisationen fordert und die Delegirten verpflichtet, in ihre» Seimathskreisen dafür zu sorgen, daß alle Mißstände auf auten und alle Verstöße gegen die Unfallverhütungs- Vor- schrifleu festgestellt und unter genauer Angabe der Daten und Name» der Agitationskommission mitgetheilt werden, welche dann das erforderliche zu veranlassen hat. Ferner sollen die Dele- girte» die Kollegen an allen Orten zum Studium der Ausführung der Arbeitcrversicherungs-Gesetze veranlasse», damit den Verunglückten mehr als bisher zu ihrem Recht verholfeu werden kann. Die Diskussion bewegte sich im Sinne der Referenten und wurde von allen Seiten eine lebhafte Agitation in der vorgeschlagenen Richtung befürwortet, da dieselbe ebenso»othivendig sei, wie die Propaganda für Aufbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse. Die Resolution fand einstimmige Annahme. In die Agitationskommission für die Provinz Brandenburg ivurden gewählt: Silberschniidt, Panser, Schulz, Vogel und Baganz. Revisoren bestimmte man Schönborn- Charlottenburg und �ilbnitz-Berlin. Nach Erledigung einiger geschäftlicher Angelegen- heilen schloß Silberschmidt die Verhandlungen mit einem Hoch auf das Gedeihen der Organisation und der Arbeiterbewegung. Di- acht- G-n-ralv-rsamml«ng d-» d-ntsch-n Kerg- und Hiitt-narb-it-r-K-rbandes wurde am 1. Osterfeiertag in Helmstedt abgehalten. Reichstags- Abgeordneter Möller- Weitmar eröffnete d,e Versammlung und begrüßte die Delegirten, die 22 an der Zahl, aus dem rheinisch- westfälischen Kohlengebiet, aus Schlesien, Sachsen, Thüringen und Braunschweig erschienen waren. Möller- Weitmar wurde zum 1. Vorsitzenden. S a ch ß e- Zwickau zum 2. Vorfitzenden gewählt. Als Vertreter der General- kommission war Abg. Legten- Hamburg anwesend. Möller- Weitmar gab den Vorstandsbericht. Der Verband zähle gegenwärtig ca. 11 000 Mitglieder und habe in den letzten neun Monaten um 34 pCt. zugenommen. Agitationstouren wurden nach Schlesien, Bayern, dem Saar-Revier, Braunschweig, dem Sieger- land und ver Pfalz unternommen. Die Thätigkeit des Verbandes war namentlich in der Frage der K n a p p s ch a f t s r e f o r in von Erfolg gekrönt. Auch für die Rechte der Unsall-Jnvaliden habe der Verband stetig materiell und geistig gewirkt. Hinsicht- lich der B e r g i n s p e k t i o n seien vielfache Verbesserungen durch Wort und Schrift angebahnt worden. In der Frage der Lohnbewegung habe der Verband. nicht der christ- liche Gewerkverein die Führung gehabt. Während der Gewerkverein noch in seinem Organ daS Syndikat als lohnhebend gepriesen habe, habe die Verbandsleitung stets daraus hingewiesen, daß der Lohn der Bergleute nicht genügend gestiegen sei. Der Gewerkverein könne nur in den Augen des Laien als Vorkämpfer für die Lohnerhöhung' gelten, der Kenner wisse es Keffer. Obwohl dem Verbände überall Schwierigkeiten durch Saalabtreibungen, Schanksperren, Ver- sammlungsverbote u. f. w. gemacht wurden, der Gewerkverein aber überall freie Bahn hätte, gehe es mit dem Verbände doch vorwärts, trotz alledem. Brangenberg- Bochum gab den Kassenbericht. Die Ein« nahmen in der Zeit vom 15. Juli 1896 bis 1. April 1897 betrugen 20 989,89 M., die Ausgaben 13 304,53 M., der Kassenbestand 7685,36 M. Dazu kommt das sonstige Vermögen an der Druckerei zc. in Höhe von ca. 8000 M., so daß das Gesammtvermögen sich auf ca. 16 000 M. belänft. Die Zahl der Zahlstellen habe 1396 112 betragen und sei jetzt ans 134 in die Höhe ge- gangen. Die Zeit des Rückganges des Verbandes sei vorbei. Der Verband habe nahezu 500 M. für den Rechtsschutz der Mit- glieder verausgabt. Infolge der hohen Anforderungen an das Ver- waltungspersonal werde eine Vermehrung desselben nothwendig werden. In der Diskussion wurden einige Klagen gegen die Ge- schästsleitung vorgebracht. Von de» Anträgen zum Vorstandsbericht riefen die auf Er- höhung der Beiträge eine größere Debatte hervor. Der Bei- trag beträgt jetzt 30 Pf. monatlich, beantragt wurde,ihn auf 40 und öOPf. zu erhöhen. Die Mehrzahl der Redner sprach sich gegen eine Erhöhung aus, da der jetzige 30 Ps.-Beitrag schon schwer genug einzutreiben sei. L e g i e n- Hamburg tritt für die Beitragserhöhung ein. Wenn der Verband etwas leisten solle, müsse er mit größeren Mitteln rechnen können als bisher. Ohne Unterstützung seitens der General- kommission hätte der Verband nicht einmal die Verbandszeitung im jetzigen Umfang liefern können. Ein Streik im Rheinland sei ausfichts- los, wenn nicht die schlesischen Bergarbeiter auch organisirt würden. Zur Organisation der oberschlesischen Kameraden sei es aber noth- wendig, daß man sich ihnen in ihrer polnischen Muttersprache nahe. Ueber kurz oder lang werde man an ein polnisches Organ denken müssen. Ein einigermaßen überlegter Streik setze eine starke Or- ganisation voraus. Nicht die Höhe der Beiträge sei be- stimmend auf die Mitgliederzahl der Organisation, sondern das, was die Organisation den Mitgliedern für ihr Geld biete. Er glaube nicht, daß bei einer Beitrags- Erhöhung sich die Mitgliederzahl im nächsten Jahre verringern würde. Auch Möller- Weitmar sprach sich für eine Erhöhung der Beiträge aus. Leider sei aus der Milte der Mitglieder wieder großer Widerspruch erfolgt und die Mitglieder hätten zu bestimmen, was geschehen solle. Sie sollten aber die Worte Legien's be- herzigen. Hausmann(Ruhrgebiet) wandte sich gegen die Erhöhung der Beiträge. Die Delegirten würden persönlich gewiß gern höhere Beiträge zahlen, sie müßten aber Rücksicht aus die übrigen Kameraden nehmen, die ihre Auftraggeber seien. Dem Vorstand wurde hierauf Decharge ertheilt. Die An- träge auf Erhiihung der Monatsbeiträge wurden sämentlich abge-i lehnt. H u 6- E s s e n gab den Bericht über die Presse, und ging auf die Anträge ein, die auf Bereicherung des Inhaltes der„Berg- und Hüttenarbeiter-Zeitung" ab- zielten. Obwohl die Beitragserhöhung abgelehnt sei, werde die Redaktion ihr möglichstes thun, um die Zeitung auszugestalten. Redner vertheidigt dann die Haltung der Zeitung gegenüber dem christlichen Gewerkverein. So lange dieser rein fachmännifche Fragen erörtere, könne er der Sympathie und Hilfe des Verbands- organs sicher sein. Das Organ des Gewerkvereins habe aber erst letzthin den jetzigen Redakteur des Verbands- organs, T h i e m a n n, schwer beschimpft, indem es ihm vor- geworfen habe, er habe Arbeilergroschen beiseite gebracht, so daß Thiemann sich gezwungen gesehen habe, den gerichtlichen Klageweg wegen verleumderischer Beleidigung zu beschreiten. Vor Gericht werde bewiese» werden, daß alle?lngriffe des„Bergknappen" erstunken und erlogen seien. Im Gewerkverein mache sich unter den Mitgliedern im Gegensatz zur Führerschaft eine Strömung geltend, welche der Annäherung beider Orgmnsationen geneigt sei. Die Abweisung der Lohnerhöhung durch die Unternehmer-Organisation sei für den Gewerkverein eine heilsame Lehre gewesen und habe diese versöhnlichere Stimmung gefördert. Verschiedene Redner betonen ihre Zufriedenheit damit, daß das Verbandsorgan jetzt mehr gewerkschaftlich als politisch redigirt wird. Weiß- Essen erklärt sich gegen alles, was höhere Ausgaben verursachen könnte, da die Beiträge nicht erhöht worden seien. S ch w i n d t- Dahlhausen(Ruhrrevier) beantragt, den Abonne- ments- Preis für die Postabonnenten auf drei Mark pro Quartal zu erhöhen. Ein anderer Redner will diesen Abonnements- preis auf 4 M. erhöht wissen.— Möller- Weitmar schließt sich dem Antrag auf 4 M. an. Die Erhöhung dürfe aber nur für Pvft- abonnenten, nicht für Privatabonnenten gelten, da viele der letztere» Kategorie aus bestimmten Gründen dem Verbände nicht angehören könnten. Nach längerer Diskussion beschließt die Versammlung, die„Berg- und Hüttenarbeitcr-Zeitung" vom 1. Juli cr. ab in Petitschrift er- scheinen zu lassen. Der Antrag: Postabonnenten zahlen 4,50 M. pro Quartal(inzwischen ist die Summe noch um 50 Pf. erhöht worden) wird angenommen. Die Gründung eines polnischen Organs wird abgelehnt. Das Referat über den nächsten Punkt der Tagesordnung: „Organisation und ülgitation" halte Thiemann- Bochum. Er führte aus: Der Verband leiste zwar noch lange nicht genug au Agitation, aber mit dem christlichen Gewerkverein nehme er es immer noch auf. Bei den Gewerbegerichtswahlen habe der Verband den Gewerkverein in seiner Hochburg Alteneffen besiegt, ebenso in Wattenscheid, das der Gewerkverein«eufalls im Sturm erober» zu können geglaubt hatte. In der Knappschafts- reform habe der Verband ebenfalls die Führung übernommen. Der Gewerkverein habe die Forderung, daß der Bergmann nach fünf- undzwnnzigjähriger Arbeit in der Grube das Recht auf Jizvalidcn- fiensioit haben solle, abgelehnt. Dieser ablehnende Be- chluß sei künstlich herbeigeführt worden, man habe zn dieser Abstimmung Mitglieder kommandirt. Die Führer, an ihrer Spitze Herr Brust, benähmen sich ungemein gehässig. Man werde jetzt das Gericht anrufen und es solle entschieden werden, ob wirklich schon ein Vcrbaudsleiter auf den Taschen der Arbeiter gelegen habe. Mit der Aufforderung, treu zur Organisation zu halten und für die Organisation zu wirken, schloß der Redner. Wer(wie die Führer des christliche» Gewerkvereins) Religion oder Politik in die Organisation trage, schädige die Bewegung. Die zn diesem Punkte der Tagesordnung vorliegende» Anträge betreffen die Statuien, die Eintheilung i» Agitationsbezirke, die Wahl der Knappschaftsältcsteu, die Berginspcktion n. s. w. In der Diskussion bringt P r o k o r n y- Essen die von der Zahlstelle A l t e n e f s e n veranstaltete Zentenarfeier zur«spräche. Wenn man es schon nicht verhindern kann, daß sich eine Zahlstelle des Verbandes an einem solchen chauvinistischen Feste betheilige, so verdiene doch das Verbandsorgan eine Rüge, daß es von dieser Feier>n Fettdruck Notiz genommen habe. Weiß- Essen hält für die Ausdehnung der Agitation unbedingt eine Erhöhung der Beiträge für geboten. H» e- Essen versichert dem Kameraden Prokorny, daß er die Zentenarfeier ebenso wie der Vorstand des Verbandes nicht gebilligt habe. Aber wenn der Verband sagt, er treibe keine Politik, so sei das keine leere Redensart»nd jedes Verbandsmitglied dürfe eine Politik treiben, die ihm gefalle. Die Zentenarfeier könne der Ver» band ebensowenig wie eine Märzfeier oder Lassalleieier verhindern, Nach längerer Diskussion wurden die oben erwähnten Anträge angenommen. Die übrigen Punkte der Tagesordnung betrafen Interna deS Verbandes, die lein aNgemeines Interesse beanspruchen. Nach 8 Uhr abends wurde die Generalversammlung von S a ch ß e» Zwickau geschlossen. » �» Im Anschluß an die Generalversammlung des Deutschen Berg- und Hüttenarbeiter« Verbandes trat am zweiten Osterfeiertage der zweite nationale deutsche Bergniannskongrcß in Helmstedt zusammen Es waren bedeutend mehr Kongrehtheilnehmer anwesend als Delegirte zur Geiieralvcrsaminluug des Verbandes. Reichstags- Abgeordneter M ö l l e r- Weitmar begrüßt die Kougreßdelegirten mit einem lebhaft erwiderten„Glück auf!" In einer kurzen Ansprache weist er aus die Schwierig- leiten hin, die die Zusainmenber'.lsung des Bergmanustages verursacht habe. Trotzdem seien zahlreiche Delegirte aus allen Berg- revieren eingetroffen. Es seien hier nur Bergleute, alte, gediente, praktisch erfahrene Bergleute zusammen, keine Kapläue, keine Berg rcvierbeamte, keine Fabrikbesitzer, die sich anderswo unter die Berg beute gemischt und in die praktischen Fachfragen mit hineingeredet hätten. Nachdem die Kongreßleitung konstituirt sei, solle die Bericht crstattung der Revierdelegirten erfolgen. Als Vorsitzende wurden hierauf Möller- Weitmar und S a ch ß e- Zwickau gewählt. Der Kongreß tritt dann in seine Tages- ordnnng ein. Es wird mit der Berichterstattung aus den einzelnen Revieren begonnen. Der erste Berichterstatter ist Schär- Wintersdorf(Alten- bnrger Revier): Der Durchschnittslohn in den dortigen Braun- kohlen- Gruben betrage 3/25 Mark pro Schicht. Einzelne ver- dienten mehr, einzelne weniger. Die Unglücksfälle würden hauptsächlich durch Verschütten hervorgerufen. Bedauerlich sei es. daß der Arbeiter für die Sicherung seiner Arbeitsstätte nichts bezahlt erhalte, der Lohn vielmehr nur nach der geförderten Kohle bemessen werde. Aus dem Bestreben heraus, recht viel Kohle zu fördern, werde oft die»ötbige Vorsicht hintangesetzt. Die Arbeits- zeit belaufe sich auf lOVa Stunden, es werde aber häufig Ueberstundenarbeit verlangt. 10l/a Stunden seien auch für das Braunkohlen» Revier zu viel, der Bergmann ar- bettet dort nicht wie ein Mensch, sondern wie ein — �--, man werde ihn schon verstehen. Die Behandlung seitens der Beamten sei nicht die beste. Schimpfworte seien an der Tagesordnung, ja auf einzelnen Gruben sei es sogar zu Thätlichkeiten gekommen. Ueber die Besitzer sei weniger zu klagen. als über die Beamten. Zu einer Entlassung des Beamten käme es aber bei einem Streit selten. Im Revier cxistire ein so- genannter Kuttenverein,' der angeblich zur Hebung des Berg- mannsstandes gegründet sei. Thatsächlich sei er nur für Kirchenparaden und patriotische Feste da. Eins leiste der Berein: das sei die feierliche Beerdigung verunglückter und verstorbener Kameraden. Was nütze dem Bergmann aber die Ehrung nach dem Tode? Das könne ihm nichts mehr nützen. So betrachte er den Verein nicht als zur Hebung des Bergmannsftandes fördersam. Der Lohn werde monatlich bezahlt, die Folge davon sei, daß der Arbeiter borgen müsse. Deshalb sei eine lebhafte Agitation für wöchentliche Lohnzahlung im Gange. K l e i n- Saar-Revier bringt die Grüße der dortige» Kameraden ES seien viele Unglücksfälle vorgekommen, doch fehle ihm eine Statistik. Aber die Lazarethe in Neunkirchen, Sulzbach und Veltlingen seien gefüllt. In Neunkirchen und Sulzbach seien die Aerzte vermehrt worden. Dabei lägen die Herzkranken zu Hause. Der Loh» sei seit 1893 um 20 Pf. pro Tonne gesunken. Dabei fördere der Bergmann jetzt im Jahre 10 Tonne» mehr. Der Durchschnittslohn betrage im Saarrevier 3.30—3.40 M. Es seien rnif einzelnen Gruben auch jugendliche Arbeiter angestellt. Die 14jährigen erhallen 80 Pf. bei fünsstündiger Arbeitszeit, die löjährigen 70 Pf. bei fünfstündiger Arbeitszeit. Ihre Arbeit besteht im Ausraffen der Steine aus den Steinkohlen. Die Organisation im Saarrevier sei sehr schwer. Es gebe kein öffentliches Lokal zu Ver- sammlungen. Der letzte Streik mit seinen Maßregelungen wirkt noch nach, die Bergleute seien nicht zum Anschluß an die Organisation zu bewegen. Trotz der jetzt neunstündigen Arbeitszeit wurden mehr Kohlen gefördert als vor 1389, wo noch zwölsstündige Arbeitszeit bestand. Die Grrchenausschüsse, die im Saarrevicr be- stehen, hätten nicht viel Werth. Redner schließt mit der Hoffnung, daß mit der Zeit doch wieder eine Organisation erstehen werde. K n i p p s ch i l d- Bochum(Ruhrrevier): Obwohl die Kohlen- preise höher sind, sei der Lohn nicht gestiegen. Der Durchschnitts lohn betrage 3,80 bis 3,90 M., da seien aber lieber schichten eingerechnet. Einzelne„fromme" Leute würden von den Steigern begünstigt. Auf diese passe das Sprichwort:„Wer den lieben Gott läßt walten und verhält sich mit dem Steiger gut. der wird einen gerechten Lohn erhalten, wen» er auch nicht viel leisten thut." Die älteren Leute würden rücksichtslos im Lohne ver- kürzt, wenn nicht ganz entlassen. Aufgeräumt müsse mit den Unter- sttttzungskassen werden, in die die Strafgelder fließe». Von Unter- stützungen hörte» die Arbeiter wenig. Trotz der besseren Konjunktur erfolge kein freiwilliger Lohnzuschlag, ja dem christlichen Gewerk- verein sei der lOprozenlige Lohnzuschlag abgelehnt worden. Helfer- Bruch(Herner Revier) spricht über das Nullen der Wage» und die Ueberschichten in seinem Revier, beides Uebelstände, die beseitigt werden müßten. Knoblauch- Weida»(Revier Zeitz-Weißenhaus): Der Loh» stelle sich für Hauer auf 3,40 M., für Wagenstößer ans 3 M. Oel und Handwertsmaterial müsse der Bergmann selber kaufen. Bei solchen Löhnen sei nur eine schlechte Ernährung möglich. So gehe es nicht weiter, es müsse eine Lohnerhöhung angestrebt werden. Die Arbeitszeit belaufe sich auf 10-11 Stunden. Die niedrige» Löhne zwängen viele Kameraden zur Ueberarbcit und Ueberanstren- gung. Verdiene ein Arbeiter einmal etwas mehr, so werde das Ge- dinge bald reduzirt. I» den Braunkohleu-Reviercn gäbe es keine schlagenden Wetter, aber die Stickluft wirke selbstverständlich sehr gesundheitsschädlich. In einzelnen Gruben würden im Sommer an 100 Frauen beschäftigt, sogar schwangere Frauen würden angenommen. Die Frauenarbeit werde sehr gering bezahlt. Aus sanitären und sittlichen Gründen sollte die Frauen- arbeit verboten werden. Die Waschanstalten würden kaum benutzt an Wochentagen aus Mangel an Zeil, in der Nähe wohnende be- nutzten' sie Sonntags. Die Waschanstalten selbst genügten häufig nicht den billigsten Ansprüchen. Die Gesetzgebung müsse endlich einmal etwas für den Bergmann thun, sie dürfe nicht alles den Agrariern, die dem Arbeiter die Lebensmittel vertheuern wolle», zuwenden.(Lebhafter Beifall.) Springer(Waldenburger-Revier, Niederfchlesien): In Schlesien halte man die schlechten Löhne»och immer hoch. Die Akkordarbeit und das Ueberschichtensystem sei immer noch in Blüthe. Es käme» 9 Schichten auf 6 Arbeitstage. Die Behandlung seitens der Be- amten lasse viel zu wünschen übrig. I» der Wetterführung sei es besser geworden. Die Bergarbeiler-Zeitung habe nach der Richtung sehr heilsam gewirkt. Der Lohn sei zum Sterben zu viel und zum Auskommen zu wenig. Er betrage 2,40 bis 2,90 Mark. Der Vorsitzende verkündet, daß nach den: Ergebniß der Mandats- Prüfung 57 rechtmäßig gewählte Delegirte anwesend sind und zwar aus dem Ruhrgebiit 28, dem Saargebiet 1, dem Königreich Sachsen 7, der Provinz Sachsen 3, aus Sachsen-Altenburg 4, Niederfchlesien 4, Oberschlesien 2, Braunschweig 4 und aus Oberbayern t Delegirter. In der N a ch m i t t a g s s i tz u» g wird die Berichterstattung aus den einzelnen Revieren sortgesetzt. In den meisten Berichten finden sich starke Wiederholungen. Mit Beifall begrüßt wird Bernegger-M!..ich(Oberbayern), der in oberbayerischem Kostüm, in Lodenjoppe, grüner Weste und Bergschuhen erscheint. Es ist der erste Delegirte von der tiroler Grenze, der an einem Bergmannstag theilnimiut. Der Delegirte klagt über niedrige Löhne und schlechte Berginspektio». Auch in seinem Bezirk bewahrheite sich der Satz: Je länger die Arbeitszeit, je niedriger die Löhne. D i e Verhältnisse seien jetzt thatsächlich viel schlechter als früher, da die Profit wuth der Unternehmers ins ungemessene gestiegen sei. Fischer» Helmstedt berichtet über die Verhältnisse im Braun- schweiger Bergrevier. Die Bergleute hätten eine Petition an die Braunschweigische Bergwerk-Direktion um Lohnerhöhung gerichtet. Darauf sei aber, obwohl die Eingabe schon im Dezember v. I. ein- gereicht sei, noch keine Antwort erfolgst. Die Berginspektion lasse fast alles zu wünschen übrig. Der Beamte, der sich 14 Tage vorher anmelde, bekomnie die Mißstände nicht zu sehen. F r i t s ch e- Staßfurt berichtet über die Staßfnrter Kali- und Salzindnstrie, wo die Löhne durchaus nicht mit den Einnahmen im Einklang ständen, die im preußischen Reichshaushalt figuriren. Auch in den fiskalischen Werken gäbe es jetzt Kampagnen, d. h. zeit- weise seien Ueberschichten nothwendig, zeitweise würden Feierschichten eingelegt. Immerhin zahle der Fiskus noch am besten, er nütze aber die Arbeiter fast ebenso aus, wie die Privatunternehmer. Ueber den nächsten Punkt der Tagesordnung:„D i e Unfälle im deutschen Bergbau und ihre Abhilfe", referirt T h i e m a n n- Bochum. Die Gesammtzahl der Unfälle im deutschen Bergbau sei von 34 483 im Jahre 1892 auf 43 993 im Jahre 1896 gestiegen. Als Ursachen der sehr hohen Zahl von Unfällen bezeichnet Redner die infolge der Akkordarbeit nothwendige Ueberhastung bei der Arbeit. In den letzten Arbeitsstunden werde am inteirfivsten gearbeitet, in dieser Zeit passirten die meisten Unfälle. Eine weitere Ursache sei die schlechte Ventilation; eine Folge schlechter Venti- lation sei das Unglück in der Kleophas- Grube. Auch auf mangelnde Inspektion müßten viele Unfälle zurückgeführt werden. Die Unternehmer führten heute die Inspektoren häufig hinters Licht. In vielen Gruben werde ein Strohwisch an die Arbeitsstätte geschickt als Zeichen, daß der Revisor nahe ist. Sei eine Stelle schadhaft und schlecht, so werde sie mit Holz- ftangen zugeschlagen. Dem Beamten werde dann fälschlicherweise gesagt, daß dort nicht mehr gearbeitet werde. Die Berginspektoren treffe kein Vorwurf, sie seien zu sehr überlastet. Redner verlangt in einer Resolution: 1. Die Anstellung praktisch gebildeter Arbeiter als Assistenten der staailichen Anfsichtsbeamten. Diese Hilfskonirolleure müssen frei vom Einfluß der Zechenbesitzer durch die Belegschaften der Gruben in geheimer, direkter Wahl ernannt werden. Ihre Besoldung über nimmt der Staat. 2. Den Bergrevierbeamten ist durch Gesetz strengstens jede Antheilnahme an den Grnbengewinnen zu unter- sagen.(Es komm« vor, daß ein Revierbeamter Inhaber von Kuxen im eigenen Revier sei.) 3. Die Anstellung völlig bergfremder Älr beiter bei unterirdischer Grubenarbeit ist gänzlich zu verbieten. Die erlassenen Bestimmungen über Probe- resp. Lehrzeit der Bergleute find seitens der staatlichen Aufsichtsbeamten auf ihre Befolgung genau zu prüfen. 4. Auf Schlagwettergruben ist extra ein Wetter- b e a m t e r staatlicherseits anzustellen. Erst wemi diese Forderungen durchgeführt seien, könne von einem wirklichen sachgemäßen Schutz der Grubenarbeiter gesprochen werden. H u e- Essen weist statistisch nach, daß im Saarrevier u.it der gesteigerten Förderung sich auch die Zahl der Unfälle gesteigert habe. Die Verordnungen ständen bei uns nur auf dem Papiere, in England sei es besser. Deshalb sei die Zahl der Unfälle in Preußen verhältnißmäßig doppelt so hoch als in England. In der weiteren Diskussion herrscht volles Einverständniß mit den beiden Vorrednern. Die Resolution wird unter Hinzufügung eines Punktes 5.„Abschaffung der Akkordarbeit" angenommen. Des am Abend stattfindenden Kommerses wegen schließt der Bor- sitzende die Verhandlung bald nach 6 Uhr. Am 3. Feiertag werden die Verhandlungen fortgesetzt. Kongreß der Sattler Dentfchland». Erfurt, den 13. April. Erschienen sind 44 Delegierte, die zusammen 22 Städte ver« treten, aus Wien ist der Kollege Hohenberg erschienen; für die Geueralkommission in Sabbath- Hamburg anwesend. S a s s e n b a ch- Berlin referirt über„das Verhalten der Regierung gegenüber der Petition der Sattler Deutschlands". Um die schlimmsten Mißstände, die der Haus- industrie und des Zwischenunteriwhmerthums, soweit diese durch die Staatsbehörden selbst gefördert werden, einigermaßen zu beseitigen, wurde im Jahre 1894 eine Petition an den Kriegsminister gerichtet; die Antwort steht biS heute noch aus. Auf eine Anfrage im Reichstage gab der Kriegsminister zu, die Petition erhalten zu haben, habe aber gleich seinem Vorgänger keine Veranlassung gehabt, mit„unbekannten Leuten" in eine Diskusston einzutreten über prinzipielle Fragen. Diese Antwort habe mit Recht Erstaunen und Mißbilligung hervor- gerufen. Man kam zu dem Schlüsse, weitere Schritte in der Durch- führung der Forderung zu thun. Zu diesem Zweck ist der Sattler- kongreß einberufen. Er(Saffenbach) empfehle, Petitionen an sSmmt- liche Fraktionen des Reichstags und der einzelnen Landtage, die Kriegsministerien der einzelnen Staaten zu richten und auch die Presse für die Sache mehr zu interessiren. Redner empfiehlt der Petition folgende Fassung zu geben: Der am 13. April 1897 zu Erfurt tagende Sattler-Kongreß, besucht von 44 Delegirte» aus allen Theilen Deutschlands, erlaubt sich, an die deutschen Kriegsministerien folgende Bitte zu richten: In die Verträge, welche zwischen dem Kriegsministerium und Firmen, die sich um Militärarbeit bewerben, abgeschlossen werden, ist folgende Bestimmung aufzunehmen: „Der Unternehmer verpflichtet sich, die übernommene Arbeit in eigenen Werkstellen anzufertigen. Das Weitergeben derselben an Zwischeii-Untcruehmer und Hausindustrielle ist untersagt." Ferner wird gebeten, die dem Kriegsministerium unterstehenden Behörden und die Regimenter anzuweisen, in die von ihnen abzn- schließenden Verträge dieselbe Bestimmung aufzunehmen. Begründung: In der Militärcffekten- Fabrikation, besonders soweit sie das Sattlergewerbe betrifft, haben sich seit einigen Jahren Nebel- stände eingebürgert, die für die Arbeiter von den nachthciligsten Folgen sind. Während früher die übernommenen Arbeiten in eigenen Be- triebswerkstellen zur Fertigstellung aelangten, hat dieses jetzt zum größten Theil aufgehört; in den Räumen des Unternehmers wird nur noch die Zurichtung besorgt, dann geht die Arbeit an Haus- industrielle oder Zivischenmeister, die sie fertig stellen. Der wüthende Konkurrenzkampf der Unternehmer ist die Haupt- sächlichste Ursache dieser Veränderung. Um Arbeit zu bekommen, werden die Preise so niedrig wie möglich gestellt; da trotzdem ver- dient werden soll, eine Ersparniß an Material aber meistens ans- geschlossen ist, so werden die Löhne der Arbeiter und die übrigen Geschäftslinkosten nach Kräfte» herabgedrückt. Dieses Bestreben wird ermöglicht durch die Unzahl Arbeitslose. welche im Sattlergewerbe vorhanden sind. Mögen die gezahlten Löhne noch so gering sein, es finden sich immer genügend Slrbeits- lose, die zur Arbeit bereit sind, um sich selbst und die etwa vorhandene Familie, wenn auch noch so uothdürftig, zu ernähren. Der Fabrikant kann also die Preise nach Belieben drücken, was er auch mit der größten Skrupellosigkeit thut. Während der regelmäßigen Arbeitszeit ist nun der Arbeiter nicht im stände, einen irgendwie ausreichenden Lohn zu verdienen, er sieht sich genölhig'. Arbeit mit nach Haus zu nehmen, um dort nach Feierabend weiter zu arbeiten. Dieses führt bald dazu, über- Haupt nur zu Hause zu arbeiten, da dadurch der Weg zur Fabrik gespart und ein beliebiges Anfangen und Aushören ermöglicht wird. Außerdem können noch die Familienmitglieder bei der Arbeit mit beschäftigt werden. Wenn nun ein ausreichender Lohn verdient wird, so ist dieses nur durch Ueberarbcit und Hilfeleistung der Familienmitglieder erreicht worden. Diese Hausarbeit ist für den Fabrikanten von bedeutendem Vortheil; er kann die gezahlten Preise immer mehr erniedrigen, da die aus vorhergeschilderte Weis« verdienten Löhne ihm die Handhabe dazu bieten. Dann spart er auch noch an Miethe, Feuerung, Licht, Kassenbeiträgen u. dergl., und dieses führt in schließlich dazu, nur noch Hausarbeiter zu beschäftigen. Dadurch werden solche Arbeiter, die unverheirathet find und keine eigene Wohnung besitzen, in eine Zwangslage versetzt; sie können nur dann Arbeit bekommen, wenn sie selbst für den Arbeits- platz sorgen. Diese Zwangslage wird nun von unternehmenden Leuten ausgebeutet. Einige der vorher bezeichneten Hausindustriellen entwickeln sich zu Zwischenmeistern, die die vorgerichtete Arbeit in größeren oder kleineren Posten vom Unternehmer beziehen und sich dann in der eigenen engen Wohnung noch einige Arbeiter hinsetzen, denen sie noch weit schlechtere Preise zahlen, als sie selbst erhalten. Diese Zwischenmeister verstehen es meistens, sich vom Lande zugereiste, bedürfnißlose, mit den Verhältnissen nicht vertraute Leute anzu- werben, die sie ungenirt ausbeuten können.— Alles dieses ist für die Arbeiter von den schlimmsten Folgen. Die Löhne werden mehr und mehr gedrückt, und sinken in solchen Zeiten, wenn keine größeren Arbeiten gemacht werden, auf eine Summe herab, die es kaum einem Unverheiratheten ermöglicht, damit auszukommen, viel weniger einem Familienvater, der die hohen Preise der Großstadt zahlen muß. Dann ist die Hausindustrie und das Zwischenmeister-System für die Gesundheit und das Familienleben der Arbeiter überaus schädlich. Die engen Wohnungen der Arbeiter sind kaum ein ausreichender Aufenthalt, viel weniger sind sie geeignet, als Arbeitsstätte zu dienen. Wenn Küche, Schlafzimmer und Arbeitsraum ein- und dasselbe ist, so müssen unbedingt in gesundheitlicher und sittlicher Beziehung die übelsten Folgen eintreten. Die Erfahrungen der Krankenkassen be- stätigen auch, daß nach Perioden, in denen Militärarbeit angefertigt wurde, die Krankheits- und Sterblichkeitsziffer bedeutend stieg. Bei geregelter Arbeit in einer Fabrik würde dieses jedenfalls nicht der Fall gewesen sein, nur die Hausarbeit ist schuld daran. Nebenbei sei auch noch darauf hingewiesen, daß die Hausarbeit einen ungünstigen Einfluß auf die Güte der gelieferten Gegenstände ausübt. Es kann dem KriegSministerium nicht gleichgiltig fein, ob die vom Staate bestellten iilrbeiten auf einen großen Theil der Be- völkerung einen günstigen oder einen ungünstigen Einfluß ausüben. Wir dürfen wohl annehmen, daß das Kriegsministerium gerne bereit ist, im arbeiterfreundlichen Sinne zu wirken, und geben uns daher der Erwartung hin, daß unsere Bitte Berücksichtigung finden wird. Durch die Erfüllung derselben würde die Staatskasse kaum eine Mehrbelastung erfahren, während unsere Lage bedeutend er- leichtert würde. Ferner beschließt der Kongreß, von dieser Bittschrift fämmtlichen Fraktionen des deutschen Reichstage?, sowie der Einzel-Landtage von Preußen, Bayern, Sachsen und Württemberg Mittheilung zu machen, damit sie bei einer eventuellen Besprechung über die ein- schlägigen Verhältnisse unterrichtet sind. Es entspinnt sich eine langwierige Debatte, in der die meisten Redner für die Absendung dieser Petition sich aussprechen, aber auch der Meinnng sind, es lasse sich durch Schaffung einer starken Arbeiter- organisation weit mehr erreichen. Bö hm-Dresden beantragt, der Petition folgenden PaffuS beizufügen: „Sämmtliche Vertreter in den gesetzgebenden Körperschaften haben dafür zu sorgen, daß in den staatlichen Werkstätten(Arsenale) die dort beschäftigten Arbeiter an ihrem Beitritt zu einer Organi- sation nicht verhindert werden." Hohenberg- Wien erklärt, daß die Verhandlungen in Er furt von den Berufskollegen in Oesterreich mit großem Interesse ver- folgt würden. Er und die meisten nachfolgenden Redner find für Absendung der Petition schon aus dem Grunde, weil dadurch die öffentliche Aufmerksamkeit auf die traurige Lage der Sattlergehilfen gelenkt werde. Der Antrag Sassenbach wird schließlich mit dem Zusatz Böhm« Dresden mit allen gegen eine Stimme an- genommen. Ueber den 2. Punkt der Tagesordnung:„Gefängnißarbeit in unserem Gewerbe" referirt Kästner- Erfurt. Er weist darauf hin und belegt eS mit Zahlen, daß im Sattler- gewerbe die Konkurrenzwirthschaft durch Gefängniß- und Zuchthausarbeit immer mehr überhand nehme. Vollständige Abhilfe hierin sei jedoch unter den heutigen staatlichen Verhältnissen keinesfalls zu erhoffen. Es könne sich also nur darum handeln, die ärgsten Auswüchse dieser Konkurrenz zu be- seitigen. Hierzu Wege zu finden, sei Aufgabe des heutigen Kongresses. Vielfach höre man den Wunsch auf gänzliche Beseitigung der Gefangenenarbeit. Doch dieser Forderung könne er(Kästner) nicht zustimmen. Es würde dies für längere Zeit Jnhaftirte sicherlich Geisteskrankheit zur Folge haben. Zu empfehlen wäre dagegen«ine Beschränkung der Gefängnißarbeit. Nach ausgiebiger Debatte wird schließlich ein Antrag Dittz- Dresden angenommen, wonach eine Kommission zu wählen ist, die den Auftrag hat, Material über die Schädlichkeit der Gefängniß- arbeit ans den einzelnen Orten zu sammeln und der sozialdemo- tralischen Reichstagsfraktion zu überliesern. Als Sitz der Kommission wird Offenbach bestimmt.— Hiermit ist die Tagesordnung des Kongresses erledigt. Der Vorsitzende schließt abends i/,10 Uhr den ersten deutschen Sattler-Kongreß mit einem Hoch auf die politische und gewerkschaftliche Arbeiterbewegung. Auf dem Gautage der organisirten Buchdrucker Oster- lauds-Thüringcns, der an den beiden Osterfeiertagen in Erfurt abgehalten wurde, beschäftigte man sich mit der Frage der Z u r ü ck- n�ahme des Ausschlusses der Mitglieder Gasch und e n o s s e n. Sämmtliche dahingehende Anträge wurden jedoch abgelehnt, und zwar auf grund einer Erklärung des an- wescnden Zentral-Vorstandsmitgliedes E i f l e r aus Berlin, welche besagt, daß mit dem Tage, wo die„Buchdrucker-Wacht" eingeht, der Zentral- Vorst and sofort bereit ist, über Anträge aus Zurücknahme der Ausschlüsse zu berathen. Da der Zentral-Borstand ein persön- liches Interesse an den Ausschlüssen nicht habe, so werde die Frage dann sicherlich auch einer friedlichen Lösung entgegengehen. Gerichts-ÄeitunA. Wegen Beleidigung der Gendarmen Donath und Hanboldt hatte sich der Prodiiltenhändler Ernst P f ä n d t vor dem Rixdorfer Schöffengericht zu verantworten. Die Ehefrau des Angeklagten hatte sich im vorige» Jahre eine Anklage wegen Hehlerei zugezogen, weil sie von einem Knaben alte Eifeutheile gekauft haben sollte, die dieser seinem Vater entwendet hatte. Da die Angeklagte den Kauf entschieden bestritt, deni diebischen Knaben aber kein Glauben eschenkt wurde, sprach das Schöffengericht die Frau Pfändt r ei. Gendarm Hanboldt hatte der Verhandlung im Zuhörer- räum beigewohnt und veranlaßte den A m t s a n w a l t, gegen daS freisprechende Ilrtheil Berufung einzulegen und ihn als Zeugen vorzuschlagen, da er bei einer Haussuchung bei Pfändt festgestellt habe, daß die dort vorgefundenen Eisentheile mit den von dem Knaben gestohlenen identisch gewesen seien. Infolge dessen kam die Sache noch einmal vor dem Landgericht II Berlin zur Verhandlung und hier wurde Frau Pfändt aus grund des Zeugnisses des Gendarmen Hanboldt zu 1 Woche Gefängniß verurtheilt. Pfändt ließ durch einen Rechtsanwalt das'W i e d« r a usn a h m e- Verfahren beantragen und nannte den Lieferanten, von welchem die betreffenden Eisentheile bezogen worden sein sollten; das Kammer- gericht lehnte den Antrag jedoch ab und so mußte die alte Frau die Strafe verbüßen. Seitdem hegt Pfändt erklärlicherweise gegen die Gendarmerie einen unauslöschlichen Groll. Am 13. Januar d. I. kamen die obengenannten Gendarmen an seinem Hanse vorbei. ivobei Gendarm Donath es rügte, daß Pfändt den Bürgersteig mit gefüllten Säcken versperrt hatte. In seiner Aufregung ließ sich Pfändt zu der Aeußeruug hinreißen, die Gendarmen könnten weiter nichts, als in Moabit falsch schwören.— Mit Rücksicht darauf, daß der 67 jährig« Angeklagte noch unbescholten ist, sah der Amtsanwalt von dem Antrage einer Freiheitsstrase ab und beantragte 1000 M Geldstrafe oder 100 Tage Gefängniß. DerGerichtshof war zwar der Ansicht, daß ver Angeklagte eine strenge Strafe oerdient habe, doch müsse dieselbe so bemessen werden, daß der Angeklagte sie auch zahlen könne. Das Urtheil lautete daher auf 200 Msi Geldbuße, eventl. 40 Tage Gesängniß und UrtheilSpublikativn in den Lokal- blätteni. Verantwortlicher Redakteur: Robert Schmidt in Berlin. Für den Jnseratentheil verantwortlich: Tb. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Mac Bading in Berlin.