ar> zeit Utas« der her be- es« die e u i r e it« icm ine so- der ute ster ioa li« ve h e« I e» u r ! r» >eu. !»." Einzige unabhängige Tageszeitung veutlchlands Nr. 187— 2. Jahrgang Saarbrücken, Mittwoch, 11. Juli 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inhalt JCactaffelhcauudle Seite 2 (Röhn und, 9tegdefaeck im(Bild Seite 3 (Die Ausplünderung des(Reiches Seite 4 (hamüsichs englisches WlilUäcahkommen Seite 5 Jxanhceich und Acht eichet Seite 8 Auch Judenmorde am 30. Juni Waren das auch„Hochverräter" und„Meuterer"? Der Reichslügenmeister Dr. Goebbels hat endlich eine Rundfunkrede über den 30. Juni angekündigt Weder der blutige Reichskanzler Hitler noch sei» blutiger Reichsjäger- Meister Göring erstatten also Bericht über die mörderischen Menschenjagden. Auch der Rcichslügcnmeister kündigt vor- sichtig nnr an„Der 30. Juni im Spiegel des Auslandes». Das sieht nicht danach aus, als ob er endlich die vor mehr als 8 Tagen angekündigte Toteuliste bekannt geben würde. Man scheint nicht einmal zu wagen, dem dcutschen Rolle eiue gefälschte und reduzierte Liste der Ermordeten zu bieten. Wir wissen, warum. Die von Hitler und Göring besohle- neu Morde haben weit mehr Opfer gefordert, als selbst diese bedenken- und gewissenlosen Blutmenschen hatten hin- schlachten wollen. Die von der Reichsregiernng entfesselte Mordbestie hat in verschiedenen Landeoteilen Juden« Pogrome verursacht, über die strengstes Stillschweigen be- sohlen ist. Die ersten Briefe, die uns erreichten, wagten aus Furcht vor den Folgen nur ungenaue Angaben zu machen. Run erhielten wir aus S ch l e s i e n Berichte, für die die in- zwischen ins Ausland entkommenen Verfasser mit ihrem Na- «en bürgen. Demnach worden am 30. Juni bzw. am t. Juli ». a. ermordet: Rechtsanwalt Dr. F ö r st e r, Hirschbcrg, Dr. C h a r i g, Hirschderg, „ Dr. Zweig und Frau, Hirschberg, „ Dr. Schiftan, Landeshut. Vermißt wird feit dem 80. Juni Dr. Lindemann aus Glogau. Dr. C h a r i g wurde am 30. Juni„zur Vernehmung" be- stellt. Am L Juli wurde nachmittags seine Frau angerufen, die Leiche sei zur Beerdigung freigegeben worden. Rechtsanwalt Dr. Jacobsohn in Glogau ist am 30. Juni in seiner Wohnung mit Gummiknüppeln niederge- schlagen worden. An seinem Auskommen wird gezweifelt. Der Brief an uns schließt mit de» Worten:„Warnen Sie die Saarbevölkerung und Helsen Sie durch Bekanntgabe die- ser Meldung den wehrlosen Juden in Deutschland." Obwohl wir von der Glaubwürdigkeit unserer Gcwährö- leute überzeugt sind, geben wir die furchtbare Nachricht unter Vorbehalt wieder. Wir veröffentlichen sie, um den Druck aus die Reichsregierung zur Bekanntgabe einer Toten- liste zu verstärken. Wir bringen die Meldung ferner, um die Welt aufzurütteln, damit sie nicht nachläßt, die Banditen und Mörder in Deutschland für ihre Untaten zur Bcrant- Wartung zu ziehen. Wir fragen unermüdlich: Wie hoch ist die Zahl der Ermordeten? Wo sind die Schuldbewcise? Wie steht es um die Judenpogrome und ihre Opser? Die gesamte Reichsregiernng hat die Verantwortung für die Schandtaten übernommen. Wir fordern, daß die Reichsregierung dem deutschen Volke sagt, wieviele Männer und Frauen durch die gedungenen Rtörder beseitigt worden sind. Gabriel Messers Grab gesdiändet* lJnpreß): Auf dem jüdischen Grindel-Friedhof in Ham- bürg sind 19 Grabsteine umgeworfen und zum Teil völlig demoliert worden. Aus dem Grabstein des Vorkämpfers der Judenemanzipation, Gabriel Riesser, wurde eine juden- feindliche Losung eingeritzt. Die Friedhofswärterin und der Gärtner teilen mit, daß sie bei ihrer Arbeit in letzter Zeit Schmähungen zu erdulden hatten und mit Steinwürsen be- droht wurden. Gefesselte sa-Offiziere Aus Mannheim erhalten wir verspätet folgenden Augenzeugenbericht über die Durchführung der Aktion gegen die„rebellierenden" SA.-Ftthrer: „Am Samstag erschienen vor dem Dienstgebäude des Gaues„j.»irpfalz" der SA.— einer erst kürzlich von einem holländischen Industriellen erworbenen luxuriösen Villa— in der Otto-Bcck-Straße zwei Ueberfallwagen der Polizei. Die Schutzleute verhafteten unter Führung eines Offiziers erst die zwei SA.-Wachsoldatcn vor der Tür und drangen dann ins Gebäude ein. Nach kurzer Zeit erschienen sie wie- der und hatten in ihrer Mitte zwei höhere SA.-Führer, die sie im Dienstgebäude antrafen. Die beiden Führer wurden auf ein Polizeiauto verfrachtet und nach dem Flugplatz ab- transportiert. Dort legte man den Häftlingen Fesseln an. Sie würden in ein bereitstehendes Flugzeug gebracht und nach Berlin abtransportiert. Bis zur Stunde mar noch nicht in Erfahrung zu bringen, was in Berlin mit ihnen geschehen ist. Vermutlich nahmen sie an dem Massensterben von SA.- Führern in der Kadettenanstalt in Lichterselde teil. Die Aktion vollzog sich sehr schnell. Ich habe es nur'em Zuiall zu verdanken, baß ich gerade am Dienstgebäude vor- beikam und die Polizeiautos mit dem Motorrad bis zum Flugplatz verfolgen konnte." Man wird in der Annahme nicht fehlgehen, daß sich die Aktion im ganzen Reiche in ähnlicher Weise vollzogen bat und dieser Mannheimer Fall lediglich ein Musterbeispiel darstellt. ER ham nicht... In den Luxuslimousinen nach Flensburg Flensburg, 8. Juli. Wir hatten nun hier die nichtöffent- liche nationalsozialistische Führertagung der Nazis. Von einer Wirkung der Moralpredigt Hitlers war nichts zu spüren. Die Herren kamen in den von Herrn Hitler— bei andern— so verurteilten Luxuslimousinen und lebten auch sonst so epikureisch, wie es in unserer bescheidenen Stadt nur möglich ist. Der Reichskanzler selbst ist nicht gekommen, obwohl man wiederholt um ihn nach Berlin telefonierte. Es kam die Antwort, daß er Berlin nicht verlassen könne.(Er konnte aber inzwischen auf sein Landgut nach Bayern sah- ren.„D. F."j Angeblich soll Hitler die Konferenz nicht gc- billigt haben. Auch während der zweitäg'gen Konferenz soll Uneinigkeit unter den Teilnehmern geherrscht haben. Gocb- bels soll besonders nervös gewesen sein. Man glaube immer noch, baß der Reichskanzler kommen würde. Es wurden SS.- Stürme aus Schlcswig-Holstein mobilisiert, die Absperrun- gen auf den Wegen und aus dem Flugplatze vornahmen, da man die unmittelbare Ankunft Adolf Hitlers erwartete, aber der Kanzler kam nicht. Rings um die Mordliste Audi Koch-Hohlenz niedergeschossen/ Die Münchener Geheimnisse Berlin, den». Juli 1934. Vor einigen Tagen wurde im Saargcbiet die Nachricht verbreitet, daß der Standartenführer Koch-Koblcnz vor den Mörderkugcln Görings nach Saarbrücken geflohen sei. Genaue Nachforschungen haben ergeben, daß die Meldung unzutreffend war. Koch ist von den Schergen Hitlers ab- gesangen und nach Berlin geschleppt worden. Dort wurde er ebeuso wie der Stab des Gruppenführers Ernst und andere in der Kadetteuanstalt Lichterselde erbarmungslos nieder- geschossen. Koch gehörte bekanntlich zu den Vertrauten Röhms und Heines. In nationalsozialistischen Kreisen wird behauptet, seine Versetzung von dem Osten nach dem Westen durch die Oberste SA.-Füßrung hätte nur dcn Zweck versolgt, die SA. des Westens im Sinne Röhms zu führen. Mit seinen Gön- nern hat nunmehr auch dieser SA.-Führer das Schicksal ereilt. Bisher schwebte ein undurchdringliches Dunkel über die Gründe der Ermordung von Münchner Per- sönlich ketten. In diese Ermordung wird hinein- geleuchtet durch eine Erinnerung aus dem April 1932. Anfang April 1932 berichtete die„Münchener Post" über die Existenz einer Mördergruppe, Zelle G. genannt, im Braunen Hause in München. Sie teilte mit, baß eine Gruppe unter einem gewissen Horn aus Karlsruhe herbeigeholt worden sei, daß der Gareis-Mörder Schweikart dazu gehöre. Sieh« Seite 2. SA.-lnvasion in Franhreidi „Nur nicht zu Hitler zurück!" Slrahburg. 10. Juli.(Eig. Bericht.) An der Grenzstation Kembs haben 60 SA.-Leule mit voller Ausrüstung elsässisches Gebiet betreten. Die französischen Behörden sind sich nicht schlüssig darüber, was sie mit dieser Massenfahnenflucht anfangen sollen. Die SA.-Leute erklären, daß sie alles mit sich machen liehen, nur hätten sie eine Bitte, nicht wieder nach Deutschland zu müssen. Vereinzelte Ilebertrille von SA.-Leuten an anderen Grenzstellen sind ebenfalls erfolgt. Jnsflz an der Saar Unmögliches aus einem Völkerbundland Vor zwei Monaten platzte in die Genfer Verhandlungen über die Saarfrage eine Sensation hinein. Der Minister M o r i z e von der Regierungskommission legte den De- legierten eine Denkschrift vor. Sie war eine einzige An- klage gegen die Justiz an der Saar. Auf Grund zahlreicher Einzelfälle wurde bewiesen, daß„im Namen der Regie- rungskommission des Saargebiets" zweierlei Recht ge- sprachen wird. Die Denkschrift erregte um so größeres Aufsehen, als sie im Gegensatz zur Auffassung der übrigen Mitglieder der Regierungskommission stand. Morize hatte immer wieder in den Sitzungen der Regierung die Einrichtung von politischen Sondergerichten ver- langt. Da er mit seiner Meinung nicht durchgedrungen war, sah er sich gezwungen, diese einzigartige Flucht an die Genfer Oefsentlichkeit zu unternehmen. «- Es gab Illusionisten, die der Meinung waren, daß diese Entblößung auf die saarländische Justiz Eindruck machen würde. Weit gefehlt! Die Richter an der Saar blieben in ihrer großen Mehrheit ihren Rechtsprinzipien treu. Gerade in der vergangenen Woche ist eine Reihe von Ur- teilen gefällt worden, die die Fälle des Ministers Morize noch in den Schatten stellen. Am 4. Juli stand ein junger Faschist, namens Schäfer, vor den Saarbrücker Geschworenen. Er war beschuldigt und geständig, in das Haus der Arbeiterwohlfahrt in Saarbrücken eine Art von Höllenmaschine gesandt zu haben, die im Falle der Explosion unabsehbare Folgen für Menschen und Sachgut gehabt hätte. Der junge Mann, übrigens u. a. wegen Vergehens gegen den§ 175 vorbe- straft, fand milde Richter. Die Geschworenen glaubten ihm, daß er sich nur einen„Spaß" habe machen wollen und sprachen ihn frei. In dieser Verhandlung wagte sein Verteidiger eine offene Morddrohung gegen Max Braun, den Führer der saarländischen Freiheit?- front. Der Vorsitzende war so davon durchdrungen, daß diese Provokation dem allgemeinen Volks- und Rechts- empfinden an der Saar entspreche, daß er dem dreisten Anwalt nicht ins Wort fiel. Wenige Tage später standen einige junge Reichsdeutsche vor dem Schnellrichter. Sie hatten, den Verordnungen der Regierungskommission zuwider, Flugblätter verteilt, die zum Besuch an einer Saarkundgebung auf reichsdeutschem Boden aufforderten. Jeder erhielt, unter weitgehender Zubilligung mildernder Umstände, 300 Franken G e l d st r a f e. Als das Urteil gesprochen war, setzten sie sich in das Auto, mit dem sie gekommen waren, und fuhren fröhlich davon. Gleich hinter ihnen aber stand ein Kom- munist vor dem Schnellrichter. Ein strikter Beweis dafür, daß er kommunistische Flugblätter verteilt habe, war nicht zu führen. Aber das Gericht glaubte einem nationalsozia- listischea Zeu^p^ daß das Flu ghlatt^aus der Richtung" des Beschuldigten gekommen sei, und verurteilte ihn au vierzehn Tagen Gefängnis. Am vergangenen Freitag wurde der nationalsozialistische Redakteur Schlemmer vom„Saarbrücker Abend» blatt" von einigen kommunistischen Arbeitern auf der Re- daktion besucht. Sie wollten ihn wegen eines frechen Ar- tikels zur Rede stellen, der von„kommunistischem Ge- sindel" sprach. Dabei kam es zu einigen scharfen Ausein- anderfetzungen, aber dem guten Schlemmer, dessen „Abendblatt" täglich alle Gegner Hitlers niederträchtig beschimpft, wurde kein Haar gekrümmt. Am nächsten Tage wurde einer der beteiligten Arbeiter vom Saarbrücker Schnellgericht zu vier Monaten Gefängnis ver- urteilt, obwohl der Staatsanwalt„nur" fünf Wochen be- antragt hatte. In unzähligen Fällen haben Hitleranhänger vor den gleichen Richtern gestanden. Sie hatten ihre Gegner mißhandelt und im Hinblick auf 1935 mit Feme und Totschlag gedroht. Fast immer kamen sie, in Er- wägung ihrer Gesinnung, mit einigen hundert Franken Geld st rase davon. Das sind die Resultate einer einzigen Woche. Sie zeigen, daß die Justiz an der Saar mit abwägender Gerechtigkeit nichts mehr zu tun hat. Sie ist politisch und will politisch sein, Instrument im Orchester des„totalen Staates", der zwischen Volksgenossen und Untermenschen exemplarisch unterscheidet. * Wir wollen dem Beispiel jener Richter an der Saar nicht folgen und nicht unsererseits ungerecht sein. In seiner Denkschrift hat Minister Morize auf die schweren Ge- Wissenskonflikte hingewiesen, in denen sich die Richter wie die übrigen Beamten des Saargebiets befinden. Im „dritten Reich" gibt es keine unabsetzbaren Richter mehr. Die Richter an der Saar aber möchten für den Fall der Rückgliederung im Amte bleiben und ihre Karriere sichern. Sie denken an die harte Faust künftiger Gewalthaber und wollen sich schon jetzt bei ihnen empfehlen oder sich vor ihnen schützen. Für die Richter an der Saar kommt aber noch ein Wei- teres hinzu. Sie gehören der Standesorganisation des Reiches an, die leidenschaftlich den Nationalsozialismus votiert hat. Damit sind sie aber zugleich auch den neu- deutschen Rechtsanschauungen innerlich verpflichtet. Als sich der nationalsozialistische Richter- bund im vorigen Jahr in Leipzig konstituierte, war es ganz selbstverständlich, daß auf der Tagung auch mehrere Dutzend Richter und Staatsanwälte aus dem Saargebiet erschienen. Mit Begeisterung stimmten sie den Rechts- thesen Franks und Kerrls zu und sie hoben den Arm zum Hitlergruße. Diese Rechtsthesen proklamierten die Pflicht zur Parteilichkeit, einfach darum, weil der Richter Vertreter des nationalsozialistischen Staates sein muß und sich nur von den Interessen dieses Staates leisten lassen darf.„Recht ist, was Deutschland nützt." So wird die Justiz, bewußt oder unbewußt, auch an der Saar zur Helferin und zur Rückendeckung,des pr'i- tischen Terrors. Sie wird Hitlerjustiz im Kleide der alt i Paragrafen, die hier von Rechts wegen mit ihren Gleich- heitsprinzipien noch gelten. Aber hinzukommt der spezielle Komment der höheren Iustizbeamten. Wir möchten ihn„K a s i n ö g e i st" nennen. Es ist der Ge- finnungsdurchfchnitt des honorigen Großbürgers, der heute demonstrativ schwarzweißrot und Hakenkreuz zur Schau trägt; der Typenpatriotismus, der aus dem Ge- ficht der herrschenden Klasse spricht und die Rückgliede- rungseouleur akademischer Grade trägt. Auf dieser Ebene ist jeder„Rote" an der Saar heute nicht nur Feind, Sepa- ratist, Landesverräter. Er muß auch durch besonders harte Strafen in Zucht genommen werden. Schade, daß es für diese Sippe an der Saar noch keine Konzentrationslager gibt, um sie zu nützlichen Gliedern der Volksgemeinschaft zu erziehen. Wer jeden Tag die Urteile an der Saar verfolgt, der er- kennt, daß es so nicht mehr lange fortdauern kann, wenn die Völkerbundsregierung noch Anspruch auf Autorität erhebt. EsgehtumdieRechtsgarantienander Saar, in die die Schicksale lebendiger Menschen ver- strickt werden. Ständig wird hier das Problem der unbe- einflußten, von Druck und Terror freien Abstimmung in Frage gestellt. Darum muß die Abstimmungskommission so schnell wie möglich die vorgesehenen Abstimmungs- gerichte mit neutralen Richtern ernennen, um dem Recht an der Saar wieder zu seinem Recht zu ver- helfen. Sfrafanfrag im Gerchc Pro/eß Berlin, 9. Juli.(f>n6.) Im Gereke-Prozeß beantragte Oberstaatsanwalt Lautz am Schlüsse seines Plädoyers gegen den Angeklagten Dr. Gerekc wegen fortgesetzten Betruges in zwei Fällen ein Gefängnisstrafe von 3 einhalb Jahren, außerdem 5 Mvnale Ehrverlust und 100 000 Mk. Geldstrafe. Die Untersuchungshaft von 1 Jahr 4 Monaten soll angerechnet werden. Wegen Mangels an Beweisen be- antragt« der Staatsanwalt, den Mitangeklagten Freygang freizusprechen. In der ersten Instanz wurde Dr. Gereke zu 2 einhalb Fahren Gefängnis und 100 000 Mk. Geldstrafe verurteilt. Der Angeklagte Freygang erhielt erstinstanzlich vier Monate Gefängnis. Pas Meudt» 1? Personen haben am Montag in ganz Frankreich beim Baden den Tod gesunden. In Wien geht das Gerücht, baß Hauptmann Röhms Mutter Selbstmord verübt haben soll. Ans Kopenhagen erfährt man, daß der Exkron- vrinz am 18. Juli nach Norwegen abreisen wird. Er soll in der Umgegend von Oslo eine Villa erworben haben. Der nach der Sonnwcndseier am 23. Juni in Quentzin von einem Stahlhelmer angegriffene und schwerverletzte SA.- Stnrmstthrer Molzahn ist heute nach seinen B e r- letznngen erlegen. Eine Unterhausaassprache über die A b rüstnngöpolitik wird, wie der politische Mitarbeiter der„Morning Post" mitteilt, voraussichtlich am kommenden Montag von der Liberalen Partei eingeleitet werden. Der stellvertretende Ministerpräsident Baldwin dürste dabei voraussichtlich eine eingehende Darlegung der Auf rüstungspolitik der eng« «scheu Regierung abgebe». Fortsetzung von Seite t Die Gruppe sollte mehrere nationalsozialistische Führer, die unbequem geworden waren, umlegen. Da» Blatt nannte als Verantwortlichen für die Femczelle den Major Buch, al» eigentlichen Leiter den Standartenführer Danzeisen, einen intimen Freund Hitlers. Danzeisen wurde in der Folge zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt, was die Freundschaft zu Hitler nicht beeinträchtigte. Die von den Mördern Bedrohten flüchteten von München nach Berlin. Sie legten Wert darauf, daß im Falle ihres Todes kein Geheimnis über Ursache und Täter bestehen sollte, und sie suchten Schutz. Einer ihrer Beauftragten er- schien deshalb am 9. April 1982 morgens auf der Rebaktion des„Vorwärts" in Berlin. Es war Dr. Bell, Mitarbeiter und Berater RöhmS, bekannt aus dem Tscherwonzenprozeß. Er teilte uns mit, daß er im Auftrage Röhms käme. Röhm und seine Freunde fürchteten, wegen gewisser Beziehungen Röhms zur Reichswehr erschossen zu werden. Sie seien in der Nacht von München nach Berlin gefahren, und seien in Begleitung des Rechtsanwaltes Ltttgebrune im Hotel Kaiser- hos abgestiegen. Es waren: Stabschef Röhm, Chef der Nach- richtcnabteilung Gras Du Moulin-Eckert, Chef des Rasseamtes Himmler, Gras S p r e t i, Dr. Bell. Diese Flucht in eine begrenzte Oesfentlichkeit sowie in München einsetzende Verhastungen zerschlugen damals die Mordpläne. Das Schicksal der Beteiligten war folgendes: Dr. Bell wurde im Frühjahr 1933 in Oesterreich von bayerischen Nationalsozialisten ermordet. Röhm, Gras S p r e t i und DuMoulin-Eckert wurden am 39. Juni 1934„standrechtlich erschossen". Auch Rechtsanwalt Lütge- b r« n e soll ermordet worden sein. Nur einer hat sich durch rechtzeitige Umstellung der Mcuchelung entzogen. Es war die SS. des Himmler, die als Henker Hitlers und Görings austrat. BesdiwSchtlgungsraf Dr. leg Wer die SA. beleidigt... 'Berlin, 10. Juli. Der Führer der„deutschen Arbeitsfront". Robert Len, hatte etwa 15 000 nationalsozialistische Funk- tionäre in Oldenburg versammelt, denen er erklärte, der Nationalsozialismus habe es fertig bekommen, die besten Soldaten mit den besten politischen Rednern zu vereinigen. Er forderte dann die politischen Führer aus. treu und ent- schlössen zu bleiben und darüber zu wachen, daß niemand die SA. beleidige wegen der Verräter, die sich in ihren Reihen befanden. Dr. Ley besichtigte bann die politische Organisation der Partei in K a i s e r s l a u t e r n, Ivo er die politischen Führer aufforderte. Beweise von ihrer bisherigen Treue zu geben. Ein Arrivierter Vom Taxichauffeur zum SS.-General München, 10. Juli. Der ehemalige Taxichausseur Christian Weber ist zum Gruppenführer in der Münchener ST. be- fördert worden. Als er Taxichausseur war. verlangte er von jedem seiner Fahrgäste einen Aufschlag sür die nationalsozialistische Partetkasse. Er pflegte zu den großen Hitler-Kundgebungen zu fahren. Der Führer selbst wohnte in den Zeiten, wo es ihm schlecht ging, bei Weber. Als nun Weber Besitzer einer bedeutenden Münchener Garage geworden war. fuhr er doch noch immer weiter als Chauffeur Hitlers, den er bei seinen Besuchen in München ganz besonders bewachte. Die Aerite roten... Der zurückgezogene Hitler und der Boxkampf Goebbels—Papen Wien, 9. Juli. Der Berliner Korrespondent des„Wiener Echo" teilt seinem Blatte auf Grund zuverlässiger Informationen mit, die Aerzte hätten dem Kanzler Hitler geraten, einen länge- ren Urlaub zu nehmen. Infolgedessen würbe Hitler in kurzem eine Seereise antreten, aus der ihn mehrere Reichs- wehroffizierc begleiten würden. Nach derselben Information sei General von Fritsch der Mann des Tages, während der Neichswehrminister von Blomberg in militärischen Kreisen dadurch stark kompromit- tiert sei, daß er die Hinrichtungen der sogenannten Ber- schwörer gutgeheißen hätte. ♦ P ari s. 10. Juli. Der Sonderberichterstatter des„Paris-Soir" telefoniert seinem Blatte, daß Hitler, der seit der deutschen Bartholo- mäusnacht häufig von nervösen Störungen heimgesucht werde, sich seit Freitag auf seiner Besitzung bei BerchteS- gaben befinde, um dort die Entwicklung ber Dinge abzu- warten. Der Korrespondent stellt verwundert die Frage, wie es möglich sei. daß Hitler sich in Berchtesgaden und Papen sich in Neudeck aushalte, während doch gerade in der äugen- blicklichen Situation Berlin des politischen Führers nicht entbehren könne. Und als dritter Beweis dafür, daß doch wohl noch nicht alles in Ordnung sei. müsse festgestellt wer- den, daß nicht mehr Herr Gobbels, der„unermüdliche Mann mit der Feuerzunge", sondern Herr Heß die Propaganda- Nachrichten des„dritten Reichs" verbreite. Der Korrespondent meint, daraus gehe doch wohl hervor, daß der Kamps zwischen Papen und Goebbels in ein neues Stadium eingetreten sei. Bisher hätte jeder von ihnen eine Runde gewonnen, wer aber wird Sieger im Schlußkampf sein? Kartoffel- Krawalle Ermässigung des Karte! Jelzolles Berlin, 10. Juli. AuS dem ganzen Reiche wird Knappheit an Frühkartoffel» gemeldet. Die Kartosseltrawalle in der Provinz, über die ich Ihnen früher schon berichtet habe, greifen nun auch aus die Reichshauptstadt über. Es kam zu sehr heftigen Demonstrationen der einkaufenden Arbeiter- srauen, die wilde Schmähworte gegen die Regierung und gegen Hitler persönlich ausstießen. Gegen die demonstrieren- den Frauen wurde Polizei eingesetzt. Tumulte gab es auch in den Industriegebieten der Provinz Sachsen. Dort sind, wie überall, wucherische Preise für das Psund Kartoffeln verlangt worden, und zwar bis zu fünf- zehn Pfennig. Behördlich— ist nun ein Kleinhandelspreis von 9 bis 10 Pfennig festgesetzt worden, ber auch noch weit über den in früheren Jahren üblichem Preise liegt. Die Un- zufriedenheit ist entsprechend. Wie stark die Mißstimmung im ganzen Reiche ist und wie sehr die Reichsregicrung den Druck spürt, geht daraus her- vor, daß sie sich im Gegensatz zu ihrer sonstigen Wirtschafts- Politik gezwungen sieht, den Kartoffelzoll bis zum 81. Juli von 0 Mark aus 2 Mark für den Doppelzentner zu er- mäßigen. Um die Unzufriedenheit, die an die letzten Kricgsmonate erinnert, einigermaßen zu dämmen, sind aus Lastautos schleunigst Äartoffelsendungen in die Gebiete gebracht wor- den, in denen sich die Stimmung besonders explosiv ge- äußert hat. Anno I? Kartoffelmangel Essen. 9. Juli. Mehrere hiesige Händler, die Kartoffeln zu Wucher- preisen verkauften, wurden vom Polizeipräsidenten mit Schließung ihrer Geschäfte bestrast. An den Ladeneingängen mußten Schilder angebracht werden, aus denen der Grund für die Schließung angegeben ist.* Immer mehr macht sich auf den Lebensmittelmärkten die beginnende Zwangswirtschaft bemerkbar. So konnte man auf verschiedenen Märkten am Samstag Kartoffeln nur bis zum Höchstquantum von 2 Pfund erwerben. Komm! die Dro harte wiener? London, 10. Juli. sJnpreß.) Der„Daily Herald" meldet aus Berlin, daß die Hitlerregierung den Beschluß gesaßt hat, den Einkauf von Lebensmitteln unverzüglich einer Zwangsregulierung zu unterwerfen. Eine Million Lebens« mittelkartcn sind bereits gedruckt worden; sie sollen zunächst für Brot und Mehl eingeführt werden. Das Blatt bemerkt weiter, daß die Ernteaussichen sür Getreide in diesem Jahr außergewöhnlich schlecht sind. Wamsende Zwongsarbeiteriahl Kommender Zusammenbrudi des Arbeilsbesdiaf fongsprogramms Kündigt sldi an Der neueste Siegesbericht über die Arbeitsschlacht, den Berlin verbreitet, hat diesen Wortlaut: Die Entlastung der Arbeitslosigkeit hat im Juni, wie die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosen- Versicherung berichtet, weitere Fortschritte gemacht. Nach einem Rückgang um rund 47 999 betrug die Zahl der bei den Arbeitsämter» gemeldeten Arbeitslosen rund 1 482 009. Die Abnahme wurde getragen von den konjunktur- abhängigen Wirtschaftszweigen. In den Außcnberufen hat dagegen die Arbeitslosigkeit etwas zugenommen. Bedcut- law bleibt, daß auch im Berichtsmonat wieber einige mit Großstädtern durchsetzte industrielle Bezirke einen weiteren überdurchschnittlichen Rückgang ber Arbeitsloscnziffcr zu verzeichnen haben, so vor allem Groß-Berltn. Mit Rücksicht auf die bisherige günstige Entwicklung der Außen- berufe und zur Deckung des Kräftebedarfes in der Land- Wirtschaft, mußten die von der Reichsanstalt geförderten Notstandsarbeiten etwas eingeschränkt werden. Die Zahl der Notstandsarbeiter ist daher im Juni um rund 110 000 aus 392 999 gesunken. Die ÄcschäftigungSschwankung bei den öffentlichen zusätzlichen Arbeiten konnte indes in der Gesamtzahl der Arbeitslosen mehr als ausgeglichen wer- den. Demnach konnte die freie Wirtschast nicht nur den bereits erreichten Beschäftigungsstand behaupten, sondern darüber hinaus im Laufe deS Monats Inns eine bcacht- liche Zahl weiterer Arbeitskräste— zum Teil infolge der unmittelbaren Wirkung der Arbeitsbeschaffung— auf- nehmen. Daraus geht hervor: 1. Es werden juix die bei den Arbeitsämtern gemeldeten Erwerbslosen bekannt gegeben. Die unsichtbare Arbeits- losigkeit von Millionen Menschen bleibt amtlich unbe- achtet. Sie ist gerade in letzter Zeit stark gewachsen. 2. Nur die„konjunkturabhängigen Wirtschaftszweige" sind beteiligt, soweit wirklich Arbeitskräfte in die Wirt- schaft aufgenommen wurden, d. h. die R ü st u n g s i n d u- st r i e und die I n d u st r i e n, die aus dem Hamstern vorübergehend Vorteil ziehen. 3. Die Zahl der Notstandsarbeiter ist gesunken, weil Reich. Länder und Gemeinden die Arbeitsbeschaffung stop- pen. Dr. Schacht hat soviele faule Arbeitsbeschaffungs- wechfel im Portefeuille der Reichsbank, datz er sich wei- gert, weitere anzunehmen. 4. Die Notstandsarbeiter, die nicht mehr bezahlt werden können, werden als Arbeitssklaven auf die Güter kam- mandiert. wo sie ihrem Schicksal überlassen werden. Mit Grauen sehen Regierende und Regierte dem Winter entgegen, der diesen ganzen Arbeitsschwindel an den Tag bringen wird. Nazibürgermeister zum Rücktritt gezwungen sJnpreßs: In der Ortschaft Utting am Ammersee demon- strierten die Bauern vor dem Gemeinberat und verlangten die Absetzung des nationalsozialistischen Bürgermeisters. Auf Grund dieser Demonstration ist der Bürgermeister, ein früherer Offizier,.freiwillig" von seinem Posten zurück- getreten. Gestern noch auf stolzen Rossen .>-£ t t n s r f) n l 4 ■/' Äv.?; M ii; WMMW^-A. i r • O-ÄiSNICsi i.S'■»'.* vi-.»'PTiU,'«! ■•• ,:•• 1 f#',;,i WUMW HtMSiäiib? v 5 ,f.'.. ff KM» LMW Ä ;£ f. •SSE.■•-'■■•■-■■■■•'-■ ■■ v ir;'.'■•-,- Y'.■ ,\."-<%■' v...>•'■•'■.., ,-f■.>• f i*-v.?.-,|0.•■■'.,•• v'/»4 f 36>* p.••'••,• V i-*'-;"• •■',•■•JFsfLk£C^'■"■ •...„-vir.•'..•.-;•••.»•'• •'••«.,:.''»^.V•-%%<>-■-•;-';&5,•?....... .r\^vv.?v>-."v^ A-/$£$<> £ C''W i§Ü-^-'>^ DD '"v■ W-* •*><\ v*•>. i-- ;iüS' '.•••'^-.><• tffflS;^rr>l.\4.v b,.;.-.» ?/-'..7''.'■>.•... v> ip' ii;: v*'■ W.^V-/. Hitler als Trauzeuge in Essen: Zwei Tage vor dem Kameradenmord! .....———r- rr|w- •:.' t-j Bild aus Pommern: Der Stabschef fährt vorbei Böhm in Ferdinandshof: Ein Glas Milch zur Erfrischung Gestern noch auf stolzen Rossen Rühm und Peter Heydebreck in Pommern Unsere Bilder Testern itvch auf stolzen Rossen! Vor drei Wochen hielt R ö h m eine Triumphfahrt durch Pommern. Fahnenwälder, Spaliere, Heilrufe, Ehrenbürgerrechte, Pa- raden. Die Bilder, die wir wiedergeben, stammen aus einer Bildseite der Pommerschen Zeitung, Am 24. Juni nahm Peter von Heydebreck in Swincmünde eine Parade der Marinestandarte und der P. O. ab. Hier hielt er seine letzte Rede, über die die Pommersche Zeitung berichtet: .Wir dulden es in Pommern nicht, daß irgend einer es wagt, sich gegen diese absolute Einheit des pommerschen Volkes aufzulehnen, die durch das Bündnis zwi- schen Gruppenführer und Gauleiter ge- währleistet ist, Wir SA. Männer danken dem Gau- leiter, daß er noch niemals die absolut klare nationalsozialistische Linie auch nur um einen Fußbreit Bodens verlassen hat. Wir können ihm das eine sagen, solange er diese Linie weiter- hält, wird er in der SA. einen Bundesgenossen aus Tod und Leben haben." Peter von Heydebreck wendet sich an seine SA.-Männer, denen er Kameradschaft auf Leben und Tod gelobt. Nach kurzer Zeit sammeln sich die Formationen auf der Kurpromenade zum Vorbeimarsch. Mit fliegenden Fah- nen marschieren sie in straffer Disziplin an dem Gauleiter und dem Gruppenführer vorbei, während eine riesige Men- schenmenge den Kurplatz umdrängt und immer wie- der den beiden pommerschen Führern be- g e i st e r t z u r u f t." Am 24. Juni! Heute— aus! Heute ist Röhm tot, mit ihm Heydebreck. Als Verräter erschossen. Es regt sich niemand für sie, niemand schreit auf! Das ist die.Begeisterung" der Nationalsozialisten, das ist die nationalsozialistische Treue! Hitler hält sich heute für einen großen Mann, dem die Massen zujubeln — eines Tages, wenn es aus ist, werden die, die ihm heute zujubeln, nichts mehr von ihm wissen wollen! Das Geschick der Röhm und Konsorten ist ein Menetekel für die Hitler, Goebbels und Göring! Das erste Bild zeigt Hitler vor dem Kaiserhof in Essen. Am Donnerstag, dem 2«. Juni, diente er dem Gauleiter und Staatsrat Terboven zusammen mit Göring als Trauzeuge. Diese private Angelegenheit war zu einer öffentlichen Festlichkeit aufgezogen worden— natürlich aus öffentlichen Mitteln. Hitler und Göring for- dcrn Einfachheit und Sparsamkeit nur für die anderen! Eine Erinnerung: vor kurzer Zeit diente Hitler dem Ber- liner Obergruppenführer Ernst als Treuzeuge. Heute ist Ernst auf Befehl Hitlers erschossen worden! Von Essen aus, unmittelbar nach dem Tage dieser Trau- ung, flog Hitler nach München. Von der Trauung zum KameradenmordI Billers Kameraden Seine Solidarität mit den Mördern von Potempa Nach der Wahl vom 81. Juli 1932 war der braune Terror offen losgebrochen. Er wütete in Ostpreußen und in Tchle- sign. In dem Orte Potempa begingen Nationalsozialisten ein schauerliches Verbrechen. Sie drangen nachts in die Woh- nung eines Mannes namens Pietzuch, der im PexdaZt Kommunist zu sein, und schlachteten ihn viehisch vor den Augen seiner Mutter ab. Die Mörder stürmten in die Schlaf- zimmcr der Familie. Die alte, fast 70jährige Mutter schrie aus:„Kinder, was wird euch passieren!" Dann hörte sie das Kommando zum Schießen und Schüsse. Entsetzt schrie sie auf: „M einen Sohn haben sie totgeschlagen". Piet- zuch wurde eine halbe Stunde lang zu Tode gemartert. Ter Leichenbefund sagt: „Die Leiche hatte im ganzen 29 Verwundungen aufge- wiesen. Die Halsschlagader war vollkommen zerrissen. Der Kehlkopf hatte ein großes Loch. Der Tod ist durch Er- sticken eingetreten, da das aus der Halsschlagader sich er- VDrilRlffltRHll 0 gießende Blut durch den Kehlkopf in die Lungen eingetre- ten ist. Die tödliche Verletzung muß dem P. beigebracht worden sein, als er auf dem Boden lag. Der Hals zeigt außerdem Hautabschürfungen, die von einem Fußtritt un- bedingt herrühre«. Außer diesen Verletzungen ist P. am ganzen Körper zerschlagen. Er hat schwere Schläge mit einem stumpfen Beil oder einem Stock über den Kopf be- kommen. Und andere Wunben, die so aussehen, als ob er mit der Spitze des Billardstockes ins Gesicht gestoßen wor- den sei." men, daß der Appell an die Gerechtigkeit im Munde eines deutschen Außenministers zum Hohn wird." Die„moralische Anarchie" triumphierte jedoch nach dem 80. Januar 1938. Unerhörte Greuel wurden von den brau- nen Verbrecherbanden verübt. Heute will Hitler seine Vergangenheit auslöschen! Er hat Mörder und Verbrecher gezüchtet, er hat sich mit ihnen solidarisiert, er hat sie seine Kameraden genannt! Jetzt regiert er mit den feinen Leu- ten— deshalb mußten seine Kameraden, die Zeugen seiner Vergangenheit und seiner Schuld, ausgelöscht werden! Dieser Fall führte zu einer grundsätzlichen Auseinander- setzung mit der Sittenlehre und Rechtsaussassung der Ratio- nalsozialistischen Partei. Die Mörder wurden ergriffen, in Beuthen prozessiert und zum Tode verurteilt. Die schlesische SA. unter Führung des Hitleroffiziers Heines terrori- sierte nach dem Urteil die Stadt Beuthen tagelang. Unter Führung Hitlers erhob sich nach dem Urteil die National- sozialistische Partei gegen die damalige Reichsregierung von Papen. Hitler und seine Partei billigten die Tat. Sie stellten sich aus die Seite der Mörder. Hitler telegrafierte an die Verurteilten: „Meine Kameraden, angesichts dieses ungeheuerlichen Bluturteils fühle ich mich mit euch in unbegrenzter Treue verbunden. Eure Freiheit ist von diesem Augenblick Jetzt mit SA. gefüllt Berlin, 10. Juli. Im Oranienburger Konzentrations- lager sind allein 1600 SA.-Leute eingeliefert worden.— Daß Ernst ohnmächtig zur Hinrichtung geschleppt wurde, erklart sich, wie wir aus Bremen erfahren, dadurch, daß er aui dem Dampfer, auf dem er verhaftet worden ist, bereits unmenjch- lich mißhandelt wurde.— In der Bornholmer Straße im Nordosten Berlins kam es zu einer Schießerei zwischen Pol,- zei und SA.-Leuten.— Die Verhaftungen von Diskutieren- den nehmen ihren Fortgang, zumal nicht mehr erkennbar ist, ob es sich um SA.-Leute handelt. Nachdem in den ersten Tagen viele SA.-Leute sich weigerten, die Uniformen aus- zuziehen, mit der Begründung, daß sie über keine anderen Kleidungsstücke verfügten, sind jetzt in Berlin kaum mehr Uniformen zu sehen, zumal viele sich aus diese Weise den Verfolgungen entziehen. Es wird auch gemeldet, daß zahl- reiche SA.-Leute und SA.-Führer sich nicht mehr in ihre Wohnungen zurückgetrauen. Ueberau GerOdife an eine Frage unserer Ehre. Der Kampf gegen eine Regie« rung, unter der dies möglich war, ist»nsere Pflicht." Hitlers Hauptorgan, der„Völkische Beobachter", vertrat die These, daß Mensch nicht gleich Mensch sei. Gegen dieses Bekenntnis zu den Mördern erhob sich damals noch Reichs- kanzler von Papen. Am 23. August 1932 sprach er in Münster: „Objektivität gilt als Schimpf. Solcher Verwilderung der politischen Moral entgegenzutreten, ist die Pflicht der Staatsgewalt. Ich kenne kein Recht, das nur das Kampf- mittel einer Klasse oder einer Partei ist. Die Zügel- losig k ei t, die aus dem Ausruf des Führers ber natio- nalsozialistischen Bewegung spricht, paßt schlecht zu den Ansprüchen auf die Staatssührung. Ich gestehe ihm nicht das Recht zu, die Minderheit in Deutschland, die seinen Fahnen folgt, allein als die deutsche Nation anzusehen und alle übrigen Volksgenossen als Freiwild zu behandeln." Der rechtsstehende Politiker Pank Rohrbach richtete den folgenden Appell an den Reichskanzler von Papen: „Es ist das Bekenntnis zur Tat, um das es geht. Dieses Bekenntnis hebt ganz Deutschland aus den Angeln, vor sich selbst und vor der Welt, wenn das deutsche Volk es schweigend hinnimmt. Das müssen Sie als Haupt der Deutschen Reichsregicrung verhindern. Es geht nicht an, daß wir im Innern der moralischen H M m ilÜÄ- Und Verachtung der SA. Der Leiter der Staatspolizeistelle Frankfurt a. M. erläßt folgende Bekanntmachung des Polizeipräsidenten Beckerle: „Verschiedene Vorfälle haben gezeigt, baß von staatsseind- licher Seite aus Bestrebungen im Gange sind, durch G e- rüchte, z. T. der unsinnigsten Art, Unruhe in die Bevöl- kerung hineinzutragen. Ich warne noch einmal vor der Ver- breitung derartiger Gerüchte und werde rücksichtslos und mit aller Schärfe gegen derartige staatsfeindliche Elemente vorgehen. Ich erwarte weitgehendste Unterstützung innerhalb der ordnungsliebenden Bevölkerung. Die Polizeidienststellen sind angewiesen, Meldungen aus dem Publikum über das Auftreten von Gerüchten mit allen verfügbaren Mitteln nachzugehen und Verbreiter solcher Gerüchte ihrer gesetzlichen Strafe zuzuführen. Das gleiche gilt auch für solche Personen, die sich in ehr- verletzender Weise gegenüber Angehörigen der SA. auslassen. Die SA. im allgemeinen und ins- besondere in dem für uns zuständigen Bezirk hat von An- sang an in bewährter Treue hinter dem Führer gestanden und hat mit dem verbrecherischen Treiben der ausgestoßeneu und bestraften Verräter nichts gemeinsam." Indesnrleii„erwogen" (Jnpreß): Das sächsische Sondergericht verhandelte gegen den Arbeiter Lohman» aus Leipzig, der beschuldigt war, bis zum März dieses Jahres illegale sozialdemokratische Litera- tur aus der Tschechoslowakei nach Deutschland geschmuggelt zu haben. In nichtöffentlicher Sitzung wurde Lohmann zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Staatsanwalt er- klärt«, daß er„ursprünglich?inen Antrag auf Todesstrafe -- „Dem sehr Freiheit" Nr. 157 ARBEIT URO WIRTSCHAFT Saarbrücken, 11. Juli 1934 Wie«lie Gangsters Gas Reich ausplündern 3 Milliarden ungedeckte Schulden- Steuergeschenke für die Leichen Mark vom Ausland nicht mehr angenommen- Es tat schon reizend! Deutschland ist in einer gefährlichen außenpolitischen Lage, es ist wirtschaftlich und finanziell in einer katastrophalen Situation. Aber den Hitler ficht das nicht an. Das Ausland, versichert er einem Interviewer des „Daily Chronicle", habe eben keine Ahnung von der Stärke des durch seinen Hillen geeinten Volkes, das geschlossen hinter ihm stände. Solche Einigkeit und Opferbereitschaft überwinde alle Schwierigkeiten. Selbst wenn man darüber lächle, werde er immer wiederholen, anf tausend Jahre sei die Herrschaft des Nationalsozialismus sicher. Und ein paar Tage darauf haben sich die Gangster an den Köpfen. Die Polemik zwischen den Herrn Reichsministern wird schärfer. Es bleibt nicht bei den Reden zwischen Papen und Goebbels, die Methoden der Auseinandersetzung werden nationalsozialistisch. Die einen der Herren Minister lassen die anderen erschießen, Staatsräte, von Göring ernannt, werden von Göring ermordet— die Unterwelt zeigt ihr wahres Gesicht und die Gangster von Chikago sind übertreffen. Denn die hatten sich nicht vorher Treue geschworen— deutsche Treue! Das Gesindel hat sich offenbart und die Hoffnung der Hitler und Schacht, daß das Ausland die Aufrechterhaltung des deutschen Gangstersystems mit seinen Geldern finanzieren werde, wird schwächer. Unterdessen steigert sich der Wirrwarr In den Außenhandelsbeziehungen. Schacht hat, in der Absicht, die Zahlungseinstellung als unvermeidlich erscheinen lassen, die Maßnahmen zur Einschränkung der Einfuhr viel zu spät angewandt. Trotz der Transfereinstellung, der Einfuhrbeschränkung durch immer geringere Zuteilung von Devisen, der Ueberwachung und Drosselung der Einfuhr der wichtigsten Auslandsrohstoffe ist der Goldbestand der Reichsbank auf 75 Millionen gesunken. Gold ist für Deutschland aber heute das einzige Zahlungsmittel— die Mark wird draußen nicht genommen. Um diesen winzigen Betrag zu schützen, ist die Reichshank zu einer rein mechanischen Einschränkung übergegangen. Sie bewilligt für die Einfuhr oder für Reisezwecke nur so viel Devisen, als ihr an jedem Tage zufließen. Jede der zahllosen Anforderungen muß einzeln nachgeprüft werden— eine Arbeitslast, die die Reisebüros, Banken und vor allem die Reichsbank selbst gar nicht bewältigen können. In der Tat ist es auch zu einer schrecklichen Verwirrung, zu Stockungen im Güter- und Reiseverkehr gekommen. Der Versuch der Zahlungseinstellung kommt also schon jetzt der deutschen Wirtschaft, die weder disponieren noch kalkulieren kann, recht teuer zu stehen. * Wenn nun mitten in diesen politischen und wirtschaftlichen Krisen die nationalsozialistischen Ressort-Gangster kommen und wie der Staatssekretär Reinhardt Pläne für eine zukünftige Finanzform entwickeln, so darf man sich mit Recht fragen, ob es viel Sinn hat, sich damit auseinanderzusetzen. Um so mehr, da ja die ganze Budgetgebarung bloßer Schein ist. Was nützt mir die Angabe der Einnahmeziffern, so lange nicht genau angegeben wird, was davon wirklich in bar und was davon in Steuergutscheinen eingegangen ist! Und wie soll ich ein Budget beurteilen, in dem ein großer und steigender Anteil der Reichsausgaben überhaupt nicht enthalten ist! Bevor der Reinhardt Steuerpläne entwickelt, sollte das Reichsfinanzministerium einmal die Wahrheit gestehen. Wir wissen, daß in dem am 31. März 1934 abgeschlossenen Etatjahr ein neues Defizit von 330 Millionen entstanden war. Im Vorjahr hatte das Defizit 610 Millionen betragen. Aber im Vorjahr waren 420 Millionen zur Schuldentilgung verwandt worden, in diesem nur 100, während im laufenden Etatjahr überhaupt keine Mittel zur Schuldentilgung bereitgestellt sind. Das wirklich aufgelaufene Defizit betrug also im Vorjahr 190 Millionen, in dem letzten Etatjahr 230 Millionen. Das Gesamtdefizit des Reichs belief sich am 31. März 1934 auf 2110 Millionen RM., gegenüber 1880 vor einem Jahr. Dabei waren aber einmalige außerordentliche Einnahmen erzielt worden durch Begebung von mittelfristigen Schatzanweisungen in Höhe von 92 Millionen und durch\ erkauf von Reichsbahn Vorzugsaktien von 51 Millionen. Die schwebende Schuld des Reichs einschließlich der Steuergutscheine betrug am 31. Mai 4173,6 Millionen RM.— eine Rekordziffer! Aber wir wissen nicht genau, wieviel an vom Reich und der Reichsbank garantierten Wechseln dazukommen. Bewilligt waren für Arbeitsbeschaffung von Reich, Reichsbahn und Post 3,8 Milliarden. Davon waren im ersten Quartal 1934 zwei Milliarden im Umlauf, der Rest soll bis zum Herbst in Anspruch genommen werden. Dazu kommen die Kosten für Autostraßen, die insgesamt auf 3,6 Milliarden geschätzt werden. sich aber auf sechs Jahre verteilen und in diesem Jahre nur 400 Millionen beanspruchen sollen. Jedenfalls kann in diesem Jahr mit einem Ansteigen der faulen Wechsel auf rund vier Milliarden gerechnet werden, die zu den 2,4 Milliarden der schwebenden Schuld hinzukommen. Es handelt sieh also um die ungeheure Summe von über acht Milliarden, die ungedeckt sind! Wer aber meinte, daß das der Gangsterbande Sorgen machte, irrt sich. Ihre einzige Sorge besteht darin, daß die Oeffent- lichkeit nichts erfährt! Und so stellt sich denn der Reinhardt hin— der übrigens dumm und unwissend genug ist. um die Sache gar nicht zu begreifen— und redet über „Finanzreform", Uber Einnahmen und Ausgaben, als gäbe e« noch ein richtiges und wahres Budget in Hitler-Deutsch- Und nur deshalb verlohnen sich ein paar Worte über die Pläne des Reinhardt, weil sie so charakteristisch sind für das volksfeindliche Wesen der Hitler-Diktatur. Schon der Schwatz an nida int unbezahlbar. 1. Latz-^Die allgemeine Haushaltslage läßt eine Verminderung der Steuereinnahmen bis auf weiteres nicht zu." 2. Satz(einige Zeilen später):„Im Rahmen der Steuerreform sind weiter sehr erhebliche Steuererleichterungen vorgesehen," 3. Satz:„Wir werden einen Umbau in der Weise durchführen, daß wir bei verminderter Steuerlast, die auf der einzelnen Person oder Sache in der Regel ruht, den bisherigen Aufkommensstand nicht nur halten, sondern übersteigen werden," Damit ist der berühmte Ausspruch jenes Geschäftsmannes, am einzelnen Stück setz' ich zwar zu, aber die Masse muß es bringen, glücklich zum obersten Grundsatz der Finanzpolitik des „dritten Reiches" erklärt! Und dabei lügt der Kerl noch! Denn es sollen tatsächlich eine Reihe von Erleichterungen gewährt werden, die in ihrer Summe schon ins Gewicht fallen würden, und charakteristisch ist eben, wen der Reinhardt da beschenken will. Das Kernstück ist die Aenderung der Einkommensteuer, die eine wesentliche Entlastung der hohen Einkommen bedeutet. Der bisherige Tarif begann mit 10 Prozent und ging bis 40 Prozent. Mit Krisensteuer und dem Zuschlag für Einkommen über 8000 M. konnte der Tarif in den höchsten Stufen 46 Prozent erreichen. Dazu kam die Bürgersteuer, die gestaffelt war, und deren Grundtarif 3 Mk. bis 2000 Mk. beträgt. Einschließlich aller Zuschläge konnte die Einkommensteuer etwa 50 Prozent in der höchsten Stufe erreichen. Künftig soll der Tarif 8 bis 35 Prozent betragen, doch darf die Steuer in keinem Fall mehr als ein Drittel des Einkommens ausmachen. Damit nicht genug. Die Krisensteuer der Veranlagten, der Steuerzuschlag für die Einkommensteuer über 8000 Mk. und die Bürgersteuer werden aufgehoben. Es ist eine sehr weitgehende Entlastung der Besitzenden im Augenblick einer krisenhaften Zuspitzung der Finanzlage. Finanzpolitik der Diktatur! Aber das ist lang noch nicht alles. Die Bürgerstener wurde bisher auch von armen Teufeln gezahlt und für den Ausfall muß Vorsorge getroffen werden. Also wird ganz allgemein eine Ermäßigung des ohnedies skandalös niedrigen steuerfreien Einkommenteils verhängt, wobei sich Reinhardt geniert, die genaue Ziffer zu nennen, und der steuerfrei Einkommensteil wird nicht mehr für Einkommen bis 10 000, sondern nur noch für solche bis 3600 Mk. gewährt. Man sieht, nach oben wird gegeben, nach unten genommen, nicht nur den Arbeitern, sondern auch dem Mittelstand. Den Proleten bleibt nur der Trost, weitere Ermäßigung zu erhalten, wenn sie bei ihren glänzenden Löhnen vier und mehr Kinder machen, denn die Diktatur braucht Kanonenfutter. Die Reichen aber bekommen noch mehr. Unter dem Vorwand der Bevölkerungspolitik sieht das Erbschaftssteuergesetz für Kinder einen Freibetrag von 30 000 RM.(bisher 500Ö) und für Enkel einen solchen von 10 000 RM. vor. Noch mehr ins Gewicht fallen andere Steuergeschenke an die Kapitalisten. Die Nationalsozialisten haben nicht nur die Personenautos steuerfrei gemacht, sie haben auch durch ein Gesetz vom Juni 1933 angeordnet, daß die Preise für alle Ersatzbeschaffungen in den Unternehmungen vom Gewinn abgesetzt werden können. Das bedeutet nach Reinhardts Angaben, daß je nach Höhe der Einkommens- und Gewerbesteuersätze 12—65 Prozent der Kosten der Ersatzanschaffung vom Reich getragen wurden, je größer und steuerkräftiger das Unternehmen, desto größer ist die Steuerersparnis. In dem neuen Einkommensteuergesetz soll dieses Privileg von den Ersatz- auf die Neubeschaffungen ausgedehnt werden, Der Preis für neue Personen- und Lastautomobile z. B. kann vom Gewinn ganz abgesetzt werden, so daß der Steuerpflichtige eine augenblickliche Verbilligung von 12 bis 65 Prozent erhält. Und damit nichts vergessen wird: Auch Lnxusautomobile, die bisher zur Vermögenssteuer herangezogen wurden, werden künftig, bei Ermittlung des steuerlichen Privatvermögens außer Betracht gelassen werden, ebenso wie— Sportflugzeuge und Motorboote. Aber es bleibt nicht etwa nur bei der Begünstigung der Autos. Alle Anlagegegenstände, deren Benutzung zehn Jahre nicht übersteigt, unterliegen derselben Begünstigung. Das heißt, der größte Teil des Anlagekapitals wird künftig steuerfrei sein, da er innerhalb 10 Jahren amortisiert wird, und der Rest ebenfalls, soweit er Ersatzbeschaffung ist oder als solche ausgegeben werden kann! Das soll nicht etwa eine Krisenmaßnahme sein, sondern dauernde Gesetzgebung werden! In der ganzen Welt dürfte es Aehnliches nicht geben. Es übertrifft die kühnsten Erwartungen, die Kapitalistenhirne je ausgebrütet haben.^— * Genug, es hat keinen Sinn, sich jetzt schon eingehend mit Details eines Pfuscherwerks zu beschäftigen, dessen Ausführung vielleicht doch nicht so sicher ist, wie es sich die herrschenden Gangster vorstellen. Nur eines sei angeführt. Reinhardt sagte wörtlich:„Der augenblickliche Ausfall au Einkommenssteuer, Körperschaftssteuer und Gewerbesteuer wird ausgeglichen werden durch Verminderung des Finanzbedarfs der Arbeitslosenhilfe." Zuerst rauben die Gangster den Arbeitslosen ihre Renten und dann preisen sie den Raub als willkommenen Ausgleich für ihre Steuergeschenke an die Kapitalisten— Finanzpolitik der Diktatur. So rundet sich das Bild. Hitler und Göring werfen die SA. blutig nieder, um freie Bahn zu haben für eine Sozialreaktion, cTie in diesem Ausmaß schlechthin alle Vorstellungen übertrifft. Allein sie haben dadurch, schneller als man annehmen konnte, die Massenbasis ihrer Diktatur zerstört. Sie haben zugleich die deutsche Wirtschaft in die schwerste Krise gestürzt, aus der der Ausweg immer schwieriger wird. Gegen den Putsch verlumpter SA.-Führer konnten sie die Gewalt behaupten, gegen den Aufstand der betrogenen Massen wird es für die Gangster keine Rettung geben. Dr. Richard Kern. Das Hamstern im Einzelhandel Vorratskäufe in Textilien und Schuhwaren Die Einzelhandelsumsätze lagen nach den Ermittlungen der Forschungsstelle für den Handel beim RKW. im Mai 1934 um 11 Prozent höher als im gleichen Monat 1933. Der Abstand des Preisniveaus zwischen Mai 1934 und Mai 1934 ist nicht mehr so groß wie in den Monaten Januar bis April beider Jahre, denn der tiefste Stand der Lebenshaltungskosten in der Krise war im August 1933 erreicht, und im Mai 1933 trat bereits eine fast zweiprozentige Steigerung ein. Von der awölfproaentigen Steigerung der Einzelhandelsumsätze im März/April 1934 entfiel daher reichlich ein Drittel auf Preissteigerungen, von der elfprozentigen im Mai nur etwa ein Fünftel. Nur im Lebensmittelhandel scheint die Umsatzentwicklung fast ausschließlich durch die Preisbewegung beeinflußt zu sein, was den allgemeinen Hunger beweist. Die Umsatz- An unsere Bezieher und Leser! Wir erhalten In letzter Zeit Beschwerden darüber. daß die„Deutsche Freiheit" entweder verspätet oder auch gar nicht ankommt Wir bitten alle Beschwerdeführer, sich an ihrem Ort mit der Post oder der Bahn in Verbindung zu setzen, da von Saarbrücken aus die Zeitung nach wie vor pünktlich jeden Tag abgeht. An der Post oder Bahn des Auf- gabe-Ortes liegt die Verzögerung nicht davon konnten wir uns überzeugen. Verlag der„Deufschen Freiheit Steigerungen der Lebensmittelfachgeschäfte nm 5 bis 7 Prozent im Januar bis April entsprachen fast genau der Preissteigerung; im Mai 1934 lagen die Preise um 3,5 Prozent höher als ein Jahr früher und die Umsätze stiegen um vier Prozent. Eine Mengensteigerung scheint also trotz dea Pfingstgeschäfts auch im Mai kaum erfolgt zu sein. Die günstige Geschäftsentwicklung im Bekleidungseinzel- handel hielt auch im Mai an, obwohl die Umsatztätigkeit nicht mehr in dem ungewöhnlichen Maße wie im April durch diu Witterung begünstigt wurde. Die Textilwarenfachgeachäfta hatten im Gesamtdurchschnitt Llmsatzsteigerungcn von dreizehn Prozent, davon anscheinend etwa vier Prozent durch Preissteigerung. Erheblich größere Zunahmen traten im Handel mit Herrenkleidung und Herrenartikeln«uf(22 bzw. 27 Prozent), geringe Rückgänge von ein bis zwei Prozent im Handel mit Damenkleidung und Kleiderstoffen. Die Schuhwarengeschäfte konnten nach vorliegenden Teilergebnissen die Vorjahrsumsätze um 15 Prozent überschreiten. Im Hausrateinzelhandel sind nach den Berichten der Eisenwaren- und Porzellangeschäfte die Umsatzsteigerungen geringer als in den Vormonaten. Die Warenhäuser überschritten im Mai den Vorjahrsumsatz um knapp vier Prozent, die Kaufhäuser um reichlich vier Prozent und ein Einheitspreiskonzern um neun Prozent. Damit kann aber nur ein Teil der Umsatzverluste von 1933 ausgeglichen werden, während der Fachhandel im ganzen den Umsatzstand von 1932 erreicht hat. Die Steigerung der Waren- und Kaufhauaumsätze beträgt bei Bekleidung etwa lieben Prozent, bei Hausrat fünf bis sechs Prozent gegenüber Mai 1933; die Lebensmittelabteilungen der Warenhäuser hatten einen erneuten Umsatz- rüekgang um sechs Prozent. Stärker als dieser Rückgang scheint die Auflösung ganzer Abteilungen auf das Gesamtergebnis einzuwirken. Zahlen darüber liegen allerdings nur aus den Kaufhäusern vor, in denen die Umsätze, die nicht Bekleidung und Hausrat umfassen, im Mai— anscheinend vorwiegend wegen Abteilungsauflösung— um 21 Prozent zurückgingen. Italienische Sorgen Der Bericht der nationalen Seidenkammer in Rom schildert die Lage der Seidenbauern in den düstersten Farben, Um ihnen zu helfen, hat Mussolini den Offizieren erlaubt, im Sommer Seideaunifg /uien zu tragen. Besonders herzlich.. Amtlicher Bericht über die französisch-englischen Verhandlungen London. 10. Juli. Am Schlüsse der englisch-französischen Unterredungen am Montagnachmittag wurde vom Foreign Cfftce eine Verlautbarung herausgegeben, in der es heißt: Der französische Außenminister Barthou und der franzö- sssche Kriegsmarineminister Pistri haben am Montag- vormittag in Begleitung der Mitglieder des französischen AußenministeriumS, Corbin, Leger und Massigli im Foreign Office einen Besuch abgestattet. Sie wurden vom britischen Außenminister Sir John Simon, vom Ersten Lord der Admiralität Eyres Monsell, von Eden, vom Nnterstaats- sekretär im britischen Außenministerium Sir Robert Ban- sittart und vom parlamentarischen UnterstaatSsekrctär im Kriegsmintstertum Stanhope empfangen. Die Unterredung trug einen besonders herzlichen Charakter. Sie erstreckt« sich auf einen Meinungsaustausch über europäische Fragen, die die beiden Länder interessierten. Ter Meinungsaustausch wurde am Nachmittag von den Außenministern der beiden Länder fortgesetzt. Der französische Kriegöminister Ptetri und der Erste Lord der Admiralität Eyres Monsell hatten zu gleicher Zeit im Gebäude der Admiralität eine Zusammen, kunft, bei der die Vorbereitungen für die Flottenkonferenz erörtert wurden. Weitere Zusammenkünfte werden am Tienstagvormittag im Foreign Office und im Gebäude der Admiralität stattfinden. Wie Reuter zu wissen glaubt, dürfte der französische KriegSmarineminister Pi-tri noch für mehrere Tage in Lon- don bleiben, um die Unterredungen mit Eyres Monsell fortzusetzen. Barthou wird, wie beabsichtigt, London am Dienstagnachmittag um IS Uhr verlassen, um nach Pari» zurückzukehren. Erweiterte französisch engllsdie Entente Pari«, 10. Juki. Aus Fem Befpre'AungSzkmmer T« von- don, tu dem der französische Außenminister Barthou. der Marineminister Pletri, und die anderen französischen Dele- gierten mit den englischen Ministern Balbwin, Sir John Simon und Eden verhandeln, dringen nur wenig zuver- lässige Nachrichten an die Oeffentlichkeit. Der ganze Mon- tag war mit Arbeit, Sitzungen angefüllt. Schon jetzt aber kann man feststellen, daß die Verhandlungen sich i» drei Gruppen gliedern. Erörtert wird«in v« r t e t dt g u»g S p Ian, der die Gefahren vor Luftangriffen auf taS geringst möglich« Matz herabörücken soll. Frankreich ist damit einverstanden, daß England keiner» lei neue Bindungen ihm gegenüber«ingeht. Dafür läßt England Frankreich in der Frage der Regionalpakte freie Hand. Der Sonderberichterstatter de»„Matln" drahtet seinem Blatt aus London eine Nachricht, vi« er von brstorientierter Seite erfahren haben will. Es heißt da:»Die englische Oeffentlichkeit könnte sich sehr überrascht zeigen, wenn man offen erkennt, baß die französisch-englische Zusammenkunft nicht mehr ganz den Charakter hat, den man ihr von vornherein hatte geben wollen. Wie„Petit Parifien" mitteilt, wird Barthou heute nach- mittag um 10.30 Uhr London verlassen. Das MüüärabKommen Die Basler»National-Zeitung" läßt sich aud Berlin schreiben: »Wenn der neue Ton nur nicht zu spät kommt! Denn ge- rade in den hiesigen politischen Kreisen herrscht im Grunde der Eindruck vor, daß das nun Tatsache gewordene fr an- z ö s t s ch- e n g l i s ch e Mi lt t ä r a b k o m m r n, das«in formelles Bündnis gar nicht erst gebraucht, Deutschland vor ein übermächtiges Faktum stelle, dem sich das»dritte Reich", so oder so, zu fügen haben werde. Deutschland endlich wieder als Subjekt in der Weltpolitik? Nein! Deutschland vielleicht mehr als je ihr Objekt 1* Holland Ober die blutigen rage Hitler fürchfef sich" [Terror als Narkotikum Wir zitieren aus»De Nie««»« Rotterdamsche Eourant": „Warum hat man früher nie ein Wort verloren über die üppige Lebensweise, die Verschwendung und die Tatsache, daß viele Führer aus ihrer Stellung Kapital schlugen? Diese Dinge sind schon seit langem zahlreichen Deutschen ein Stein des Anstoßes. Nun führt man alle» an, u. a. auch Ver- rat an das Ausland, eine Beschuldigung, die das diploma- tische Korps in Berlin nicht auf sich sitzen lassen will. Unter den Hinrichtungen ist ein Fall, der eine eingehendere Bc- trachtung verdient. Es ist der Fall Ernst, des Gauleiters von Berlin-Brandenburg. Er war mit seiner Frau in vre- wen,»m nach Madeira zu»fliehen", so sagt man. Man soll ihn gerade im letzten Augenblick noch geschnappt haben. Aber wenn man wirklich am L Juli Revolution machen wollte, und die Revolution noch nicht entdeckt war, begibt man sich dann am 80. Juni auf die Flucht, aus einem deutschen Haien und mic einem deutschen Schiff? Hier einige aufschlußreiche Punkte! Ernst hatte vor zwei Wochen geheiratet und zwar wu Hitler als Trauzeuge. Am 1. Juli begannen die Ferien für dir SA. Klingt«S nun nicht viel wahrscheinlicher, baß er sich auf den Weg gemacht hatte, um von seinen Ferien für «ine idyllische Hochzeitsreise Gebrauch zu machen. Dafür ist doch schließlich Madeira besser geeignet als für politische deutsche Flüchtlinge... Man hat jetzt in Deutschland zu Mitteln gegriffen, bei denen man nicht stehen bleiben kann. Terror weckt Terror: die Revolution, die damit beginnt, ihre eigenen Kinder aufzufressen, fährt damit fort. Wir haben nun gelesen, daß Hitler von einem großen Polizei- oufgebot bewacht wird, wenn er ausgeht. Augenscheinlich fürchtet er in seinen Reihen noch gefährliche Feinde. Dem gefährlichsten Feind aber kann er nicht betkommen. DaS ist. wie wir schon häufiger sagten, die wirtschaftliche Ursache der Spannungen, die er jetzt aus so verzweifelte Weise bekämpft." Staatlich konzessionierter Mord— Wir entnehmen au» der»Post Tcirpka", der Haagschen Post, die dt« Ereignisse in Deutschland aufs schärfste geißelt, folgendes: »Es sieht so auS. als ob Hitler erwartet— vielleicht sogar gehofft bat—, daß die SA. nicht gutwillig auseinandergehen würde. Den Gefallen schien sie ihm nicht tun zu wollen. Da lind der Paust hat Hitler denn ohne Aufstand angegriffen. Wenn seine Gegner sich geduldig zeigten, dann waren sie noch gesähr- licher, denn die Unzufriedenheit wächst in Deutschland von Monat zu Monat mit den größer werdende» wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Das Komplott, das die Regierung selbst gegen ihr Mitglied Röhm und andere geschmiedet hatte, brach aus. Die Verantwortlichkeit aber mutzte den Opfern in die Schuhe geschoben werden. Tote sprechen nicht mehr, und sie sind gleichzeitig nützlich als abschreckende Beispiele für die Lebenden, damit diese nicht zuviel Kritik üben." Ter Schreiber beendigt die»Post Scripta", die bieSmal ganz an Deutschland geweiht ist, mit den Aorten: „Teutschland ist kein Ordnungßstaat geworden. Und jetzt, wo Kommunisten und Nazis einander nicht mehr verschlin- gen können, sangen die Nazis untereinander damit an. und zwar aus die abstoßendste Art und Weise, nicht in mutigem Kamps, sondern durch von hoher Hand organisierte Blut- bäder." Der Augiasstall! AuS»Het Handelblad" lAmsterdam) zitieren wir die folgenden Auslassungen: »Nun aber das System selbst! Ist«S ohne Schock davon- gekommen? Wer bezweifelt es. Das persönliche Prestige von Hitler möge verstärkt sein, aber die Fehler dieser absoluten Diktatur sind doch sehr überzeugend in ihrer ganzen Jäm- merlichkeit ans Licht gekommen. In dem System der Ka- davergchorsamkelt und der ausgeschalteten öffentlichen und parlamentarischen Kritik, in einem System, das von seinen Führern keine Verantwortung fordert durch eine Delegation aus der Masse, ist es möglich geivesen, daß sich eine verdor- bcne und jeden VcrantwortlichkeitSgefühles bare Gruppe von sogenannten„Führern" entwickelte, die sich jahrelang ungestraft zum Schaden der Gemeinschaft ausleben und weiter verbreiten konnte. Unter dem sogenannten absoluten Machimonopol eines sogenannten unfehlbaren Führers waren die höchsten Aemter in den Händen der unmoralisch- sten Elemente. Während sich das deutsche Volk Opfer auf- erlegen mußte von Eintopfgerichten und endlosen Beiträgen zu ArbcitSspcnden, verschwendete der Augiasstall— dieses Wort stammt von Hitler selbst— der SA. aNein in Berlin dreißigtausend Mark monatlich für Gelage. Die Leitung wußte das alles seil langem." Ihn Interessiert nur die Einäscherung Dr. Klauseners• Die ganze Kallurwelt erwartet mehr Eine Stimme ans R om läßt sich vernehmen. Wer frelktch erwartete, daß der Papst in Ausübung seiner menschlichen, f'Ulichen und göttlichen Misston gegen bi« deutschen Greuel Protest erheben wird, sieht sich getäuscht. Es ist der»Obscr- vatore Romano", der das Wort führt, aber allein darum, weil Dr. Klausener nach seiner Ermordung gegen seinen und leiner Angehörigen Willen und zugleich gegen die religiösen Gebote verbrannt wurde. Das Offizielle Organ des Heiligen Stuhls fügt hinzu, daß die Weigerung, den Ange- Zeigen die Leiche herauszugeben, die ganze Christenheit und 0I'e zivilisierten Menschen empört. Selbst bei den Heiden wäre eine solche Tat undenkbar gewesen. Genügt eS, daß man von Rom au» seinen Abscheu gegen d>e hitlcrdcutschcn Untaten durch einen Zeitungsartikel aus- drückt? Die Stimme de» Papstes selber muß gehört wer- d«n. In zahlreichen Kundgebungen und Hirtenbriefen hat er liegen die Zerstörung von Klöstern und Kirchen in Mexiko, stigen die Gotilosenbewcguug in Rußland Einspruch erhoben, hat das Martyrium gläubiger MenWtz zum Gegenstand genominen, ntff gegen Iffe Verletzung mensHNHtt uni kell- giöser Rechte den Widerstand der Welt wachzurufen. Eine solche Kundgebung des Papstes gegen die Massenermordungen t n Deutschland ver- missen w i r. ES genügt auch nicht, von der Verletzung des Christengebot» zu reden, well einer der ermordeten Katholiken eingeäschert wurde. Die Ermordung selber ist wichtiger und erschütternder. Die gesamte Kultnrwelt, nicht nur die Kathollken. wartet auf den Urteilsspruch de» PapstcS. um zu wissen, ob die menschlichen und sittlichen Gebote im mächtigen Bau deS Katholizismus noch geborgen sind und behütet werben. V Die Antichristen Wieder liegen eine Anzahl rekigiong. und kathoNken- feindlicher«eußerungen au« dem.dritten Reich," vor. In der Zeitschrift»Die Sonne, Monatsschrift für Rasse, Glau- ben und Volkstum", heißt es. haß bis snvertnöcherte, deutsche Lehrerschaft auf keinen Fall gewillt sei, unter Sem Zek» chcit des Kreuzes wahre nationalsozialistische Jugend zu er- ziehen. In den„nordischen Stimmen" erklärt eine»deutsch- nordische Frau", daß Nationalsozialismus und positives Christentum unvereinbare Gegensätze seien. Das posi- tive Christentum, international, bog menge- bunden und frembrasfigen Lehrsätzen unter- warfen, können nur Gegner des National- sozrallsmussein... Diese offen antichristlichen Bekenntnisse werden täglich umfangreicher. »eher Kirchenstreil darf nicht mehr gesprochen und geschrieben werden DNB. Sern«, 0. Juki. Der Reichsminister des Innern Hat an die Länderrcgierungen folgenden Erlaß gerichtet: Der von der ReichSregicrung und dem deutschen Volk im evangelischen Kirchenstreit Herbeigewünschte Frieden liegt bedauerlicherweise noch immer in der Ferne. Ungeachtet meiner wiederholten öffentlichen Hinweise aus die Not- wendigkeit einer Befriedung wird der Kamps erbittert weitergeführt und dadurch das Aufbauwerk der Negierung gefährdet und gehemmt. Die ReichSregicrung hält nach wie vor daran fest, daß es nicht Aufgabe der Staatsbehörden ist und sein kann, sich in innerkirchliche Angelegenheiten ein- zumrngen, kann aber unter keinen Umständen zulassen, daß durch die Fortsetzung des Kirchcnkampses ihr Ziel der Schaffung einer wahren Volksgemeinschaft gewollt oder ungewollt untergraben ivird. AuS Gründen der öffentlichen Sicherheit, Ordnung und Ruhe verbiete ich daher hiermit bis auf weiteres, aUSnahmS- los alle den evangelischen Kirchenstrctt betreffenden AuS- cinandersetznngen in öffentlichen Versammlungen, In der Presse, in Flugblättern und Flugschriften, und ersuche, die in Betracht kommenden Dienststellen unverzüglich zur Durch- führung dieses Verbotes mit den erforderlichen Weisungen zu versehen. Amtliche Kundgebungen des Rcichsbischofs bleiben hiervon unberührt. Die„Sdiwarzc Front" k Was Otto Strasser fordert*" Prag, 10. Juli. Otto Strasser verkündete ein Programm Mit folgenden 9 Punkten: 1. Einberufung einer Sozialiste- rungskommission, S. Aufteilung des Großgrundbesitzes, 3. So- zialtsierunq von Industrie und Banken, 4. Entschuldung der Landwirtschaft durch Ablösung der Hupotheken- und An- nullicrung der Steuerschulden, S. Brechung der Zinsknecht- schaff durch Aushebung aller in- und ausländischen Schuld- und Zinsverpslichtungen, 0. Sicherstellung der Rohstoffver- sorgung durch Außenhandelsmonopol und direkten Waren- austauich, 7. Sicherung der deutschen Währung durch Ein- führung der Rentenmark als Binnenwährung» gleichzeitig zur Entwertung des Fluchtkapitals, 8. Höchstgehalt von 1000 Mark, Mindesteinkommen von 100 Mark, Entlohnung sämt- licher Arbeitslosen zu diesem Minbestlohn, V. Sicherung der sozialistischen Revolution durch Aufstellung einer Freiheits- armee von 1 Million Mann unter Appell an die Völker Europas auf Abschluß der europäischen Föderation. Diplomatie der„alten Kämpfer" Wie man den Generalkonsul behandelt Wir haben über die Mißhandlung deS portugiesischen Ge- veralkonsuls durch SA.-Leute berichtet. Die„Neue Zürcher Zeitung" weiß dazu noch zu melden: „Der Fall des auf der L a n d st r a ß e zwischen H a m- bürg und Verlin von den„alten Kämpfern" der Ratio- nalsozialistischcn Partei mißhandelten portugiesischen Gene- ralkonsuls hat durch eine E n t s ch u l d i g u u g s d e m a r ch c des Auswärtigen Amts bei der Gesandtschaft von Portugal seine Erledigung gesunden, lieber den Hergang der Unglücks- fahrt vernehmen wir noch, daß der Gencralkonsttl eine englische Dame in seinem Automobil mitgenommen hatte. Ais er die staubbedeckte Schar der»alten Kämpfer" auf ihrem 3k>0 Kilometer langen Marsch herannahen sah, lenttc er vorstchtiacrwcise sein Automobil über den Straßenrand hinaus auf das flache Feld, um der Kolonne Platz zu machen und allen drohenden Eventualitäten vorzubeugen. Trotzdem wurde der portugiesische Staatsbeamte, dem als Mitglied der Berliner Gesandtschaft die Nnantastbarkett diplomatischer Agenten zukommt, aus dem Automobil herausgeholt und mit Fäusthieben und Fußtritten behandelt, weil er dem Wimpel der»alten Kämpfer" nicht die Reverenz erwiesen hatte. Es wurden Ihm mehrere Zähne ausgeschlagen, und seine Armbanduhr war nachher verschwunden. Sozialisten und Kommunisten Wege zur Einheitsfront ParlS, 10. Juli. Zwischen dem sozialistische» LandeS- verband der Seine und den Kommunisten ist eine Einigung über die Ausstellung einer Einheitsfront zustande gekommen. Ein Borschtag des Führers des sozialistischen Laudcsverban« des Zyromsti. der gewisse Vorbehalte enthält, wurde am Montag in einer Sitzung der Sozialisten mit 4384 gegen 824 Stimmen angenommen, nachdem einige andere Redner ihre Befürchtung über die Folgen einer solchen Zusammen» arbeit ausgedrückt hatten. Di« Sozialiften wiesen aber aus- drttcklich daraus hin. daß in den gemeinsamen Versamm» lungen keine Meinungsverschiedenheiten über die verschie- denen Doktrinen, von denen sich beide Parteien leiten lassen» behandelt werden dürfen. Außerdem lehnen eS die Sozialisten ab, daß der gemein« lame Kampf gegen die Negierung zur Ausrufung von Teil» streik» führen dürfe, da solche Maßnahme,, nur von den Ge- werkschaften getroffen werden dürsten. Ein gemeinsames sozialistiich-kommnnistisches Komitee soll gebildet werden, das die strikte Durchführung des Abkommens überwachen soll. Französin verschleppt Pari», 10. Jnlt An Bord des deutsche» Dampfers„Eap Arcona", der auf seiner Fahrt nach Buenos Aires am Man- tag in Bonlogne vor Anter ging, befindet sich eine minder» jährige Französin, die von Mädchcnhändlern nach Süd- amcrita verschleppt werde» soll. Den französische,, Behörden war bei der Bordkontrolle ausgriallen, daß ein junger Mäd- che«, Fräulein Sorret, sich nach Buenos Aires einschiffte, die kaum 18 Jahre alt sein konnte. Da der Paß aber in Ordnung war und das Alter mit 21 Jahren angegeben war, konnte die Ausreise nicht verhindert werden. Sofort angestellte Er- mittlnngcn ergaben aber, daß der Paß gefälscht und daß ein früherer enger Mitarbeiter Staviskys, ein gewisser Battesti, der sich fast ausschließlich mit Mädchenhandel beschäftigt, das Mädchen unter dem Rorwande, ihm eine Stellung als Privat» fekretärin in Argentinien zn verschaffen. a„ Bord gelockt hatte. Das jrauzösische Konsulat in Bneuo» Aires wurde angewiesen, das Mädchen bei der Ankunft in Gewahrsam z«««hissen Ntzh Mor l nach Frasgrxich zurückzuschaffen. ^Deutsche Stimmen•(Seil a£e zur..Deutschen fweifkeit"• Utei&nisse und QestAilfkten luiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiii'iiiiiiiiiiilliillill'l'l'illlllllllllüllllllilllllinilllllülllllllllllllillllllllHIIillilll ■■«■■iBeameesaeieiEBii—i>.... i» hsuuk■ hü t m Dee Qeist mm Polna Es brauchte gar nicht in Polna zu sein, das antisemitische Spektakelstück, das Bruno Adler in seinem soeben erschienenen Tatsachenroman„D er Kampf um Polna" (Kacha-Verlag, Prag) meisterhaft aufrollt— es könnte überall spielen in Mitteleuropa. Dieser Bericht wurde geschrieben, um die Menschen vor ihrer Dummheit zu warnen; er wurde Dokumenten und Gerichtsverhandlungen nacherzählt, um zu zeigen, was dumpfe Phrasen von„Blut und Scholle" anzurichten vermögen. Der Fall Hilsner spielt um 1900 und war für das faulende dekadente Oesterreich das, was bald darauf der Koniger Ritualmordschwindel für das wilhelminische Deutschland wurde: ein blutendes, klingendes Geschäft für den Antisemitismus. Polna ist ein böhmisch-mährischer Ort und hatte damals dOOO Einwohner, nationale Tschechen. Daneben etwa fünfzig jüdische Familien. Dieses Polna wird 1898 durch einen Mädchenmord aufgestört; die Leiche wird im Walde gefunden. Schnitt in der Kehle. Das Raunen beginnt. Ist nicht recht wenig Blut auf dem Erdboden zu sehen? Wer hat ihr das Blut abgezapft? Wer schachtet christliche Jungfrauen? In wenigen Tagen lief es herum: Die Anna Hruska ist von Juden geschachtet worden. Ein jüdischer Lumpenproletarier wird verhaftet, ein erblich belasteter, aber harmloser Dummrian. Er beteuert seine Unschuld, er hat die Hruska überhaupt nicht gekannt— aber man wirds ihm und seinen Helfershelfern beweisen! Die ganze Provinz gerät in eine antisemitische Psychose, jeder Zweite in Polna weiß plötzlich etwas, jedem geht die Fantasie durch. Mit Stöcken und Beilen legt die aufgeputschte Menge jüdische Geschäfte in Trümmer. Deutschvölkische, Christsoziale und I Schechen vereinigen sich zu einem judenfeindlichen Block, »arnit richtiger Zug in die Sache, in die Aussagen, in die Zeugen kommt. Herrlich blüht das Geschäft: für die Kleinbürger, die plötzlich den Konkurrenten durch Progrom und floykott los werden, für die Sensationsprozesse und Moritatenhändler. Seihst der tapfere, dauernd bedrohte Verteidiger Dr. Aurednicek findet sich durch das immer durchdringlicher werdende Dschungel der Unklarheiten, pathologischer Zeugenfantasien und Widersprüche in den Akten nicht mehr durch. Nicht ein einziger Beweis liegt gegen den dümmlichen jüdischen Stromer vor, nur Indizien, krampfhaft zusammengetragene Belastungsmomente, aber die Prominente- spädich Die„Lichtbildbühne" berichtet, daß der Engel im„siegreichen Feldzug" gegen die Miesmacher in den Kammersälen in der Teltower Straße in Berlin für die NSBO., Abteilung Film, geredet habe:„Sämtliche Sparten von der Komparserie bis zu den Prominenten waren vertreten, letztere allerdings sehr spärlich." Die Filmstars hatten sich immer durch eine feine Witterung ausgezeichnet; sollten sie jetzt das Ende der braunen Konjunktur wittern? £in£echecbissen In der Münchener„Jugend" liest man folgenden„Kulturgeschichtlichen Bilderbogen": „Die neuere Forschung hat einwandfrei ergeben, daß die alten Germanen bereits in Steiners Paradiesbetten lebten..., daß sie keineswegs auf der Bärenhaut lagen und ihre Ersparnisse auf die Landwirtschaftsbank trugen..., daß sie bei festlichen Gelegenheiten den Smoking zu tragen und zu schätzen wußten... und daß jedwede gegenteilige Behauptungen des Reiseberichterstatters Tacitus seiner jedenfalls jüdischen Sekretärin gebucht werden müssen." Ein untermenschlicher Leckerbissen für Herrn Streicher! Ritualmordpsychose hat sich auch der Geschworenen bemächtigt: Hilsner wird zum Tode verurteilt. Der Verteidiger meldet die Nichtigkeitsbeschwerde an, der Lärm in der Oeffentlichkeit, die Suche nach den„Mit- schächtern" gehen mit verstärktem Krawall weiter. Ganze Wahlkämpfe werden mit der Ritualmordplatte bestritten. In diesem Wirbel ist es vor allem ein Mann, der mit dem ganzen Gewicht seines Namens und seiner Persönlichkeit für Recht und Wahrheit aufsteht: Professor Masa- r y k. Sein Blatt„Gas" zieht als einziges unter den tschechisch-bürgerlichen Blättern gegen diesen Hexensabbath von Rassenirsinn, Stupidität und Korruption los. Masaryk geht an die Weltpresse, in Versammlungen, prangert den Justizmord an, die Lächerlichkeit der Beweise und der Ritual- mordmärchen, schreibt eine anklagende Broschüre, appelliert an die Parlamente. An seine Seite findet er nur einige freie Geister, den Dichter Machar, die Sozialdemokraten und ein kleines Häuflein freiheitlicher Studenten. Die Mehrzahl seiner Hörer pfeift ihn aus, will ihn im Hörsaal nicht mehr dulden. Attentate werden geplant. Ist er nicht von den Juden gekauft? Wieviel mag er gekriegt haben? Spaltet er nicht das tschechische Volk durch sein Zusammengehen mit der Rasse der Mädchenmörder?!„Nieder mit Masaryk!" schreien die Antisemiten aller Zungen, und was bis dahin die Tragödie eines kleinen armseligen Juden war, wird nun ein Kapitel im Märtyrerroman des großen Europäer, der in allen Zeiten seines opferreichen Lebens keiner anderen Stimme gehorchte als der seines Gewissens. Im November 1899 wird Hilsner vom Kreisgericht Pisek zum zweiten Male für schuldig befunden. Die Menge bereitet den Geschworenen Ovationen, pfeift die Verteidiger des Opfers aus, der Kreisgerichtspräsident aber tritt zu ihnen, reicht ihnen die Hand:„Ich bin so fest wie sie davon überzeugt, daß Hilsner unschuldig ist!" Auf dem Gnadenweg wurde das Todesurteil in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt. Im Frühjahr 1918 erst wurde Hilsner begnadigt! Und nun denke man sich ein Polna im Großen: 60 Millionen unter der Suggestion hakenkreuzlerischen Rassenwahns. die Presse geknebelt, keine Stimme der Vernunft und Menschlichkeit hörbar, nur die Streichers— und man hat ein Stück, nur ein Stück vom„dritten Reiche"! Gregor „Prühiinqsstimmen" Opposition gegen den Henker verboten Das Verbot des Films„Frühlingsstimmen", der im Berliner„Atrium" aufgeführt werden sollte und der in Anwesenheit des Publikums abgesetzt wurde, weil jüdische Schauspieler in ihm mitwirkten, führte zu lebhaften Protesten des genasführten Publikums, das unter großem Lärm und deutlich hörbaren Rufen wie„Blödsinn" das Theater verließ. Ebenso sprang man mit dem Publikum der Berliner „Volksbühne" um. Es wurde kurzerhand vor dem Hochgehen des Vorhanges aus dem Saal geworfen, als soeben die Premiere des Stückes„D er Prozeß Mary Dugan" steigen sollte. Das übrigens völlig unpolitische Stück wurde verboten, weil in seiner Tendenz ein„Angriff" auf die Todesstrafe zu sehen sei. Protest gegen den legalen Menschenmord, Opposition gegen den Henker ist verboten! Emigrantenerfolg. Der deutsche Emigrant Prof. Klaus Pringsheim veranstaltete in Shanghai ein großes deutsches Konzert, das viel Erfolg hatte. Seltsam ist, daß die deutsche braune und gleichgeschaltete Presse das Konzert als Erfolg Hitlerdeutschlands in Anspruch nimmt. £ied dec loten Melodie: Horst-Wessel-Lied. Zum letztenmal ward Sturmappell geblasen, Wir haben uns im Kampfe nicht geschont, nun flattern Hitlerfahnen über allen Straßen, der Kanzler hat uns königlich belohnt. Wir zählten all zu Hitlers treusten Knechten, gehörten ihm mit Seele und mit Blut, ob wir zum Kampf marschierten, liebten oder zechten, was wir auch taten, Hitler fand es gut. Der Kanzler hat die Treue uns geschworen, brach er den Eid— wir geben ihn nicht frei wir haben unsern Freund an Thyssens Gold verloren, der Lohn für uns— ein kaltes Stückchen Blei. Die Straße, frei— wir wollten mit Euch ziehen, wir fehlten nie, wenn die SA. sich schlug, die braune Uniform, die Hitler uns verliehen, hat zwar ein Loch— uns ist sie gut genug. Die Straße frei den toten Kampfgenossen, die Straße frei, wir halten mit euch Schritt. Kameraden, die von Hitlers Reaktion erschossen, marschieren stets in Euren Reihen mit, marschieren stets in Euren Reihen mit. Hugin. Tüec Mäct JAsen? Plötzlich weder aktuell Jawohl, auch Ibsen, das große nordische Genie, das auf einem germanischen Mutterboden wuchs, um den Hitler und Goebbels sonstwas geben würden, ist im„dritten Reiche" nicht mehr theaterfähig. Das mußte Agnes Straub erfahren. Als sie in Stettin und Kolberg mit der H e d d a Gabler zu gastieren versuchte, verschlangen die Kritiker der braunen Presse sie mit Haut und Haar. Erstens, weil Hedda Gabler ein dekadentes Schauspiel sei, zweitens, weil ein jüdischer Schauspieler mitwirkte und drittens, weil Frau Straub in Berlin Grillparzers„Medea" spielte und die darin angeschnittenen Rassenprobleme„natürlich in undeutschem Sinne in den Vordergrund stellte". Der Hetze, an der sich der nationalsozialistische„wissenschaftliche Pressedienst" heftig beteiligte, gelang es schließlich, die„Hedda Gabler" vom Spielplan zu verscheuchen. Die große Künstlerin erlitt infolge der Bedrohungen einen Nervenzusammenbruch und die„Pommersche Zeitung" konstatierte, daß dies„in Kolberg mit großer Befriedigung aufgenommen wurde". Denn es gibt ja keine deutschere Sache, als wehrlose Frauen zu jagen. In der vergangenen Woche wurde dieselbe„Hedda Gabler" in Dresden mit großem Erfolg aufgeführt. Die Presse empfand das Stück als Erholung nach einem denkbar miesen Theaterwinter. Wann wird hier die Zensur da- zwischenfahren? Denn schließlich ist ja Ibsen jener verdammte Kritiker der bürgerlichen Lebenslüge. Auch seine Hedda Gabler geht an der dumpfen Enge ihrer bürgerlichen Umwelt zugrunde. Da die Nazis die Entwicklung hinter 1848 zurückschieben wollen, muß auch der bürgerliche Reformator Ibsen weichen. Das mag sich jene nationalsozialistische Literarhistorikerin gesagt sein lassen, die kürzlich in einem Aufsatz in der„Literarischen Welt" besonders Ibsen mitsamt der Hedda Gabler als Zierde jedes Spielplans empfahl. Wann bringt das Propagandaministerium endlich einmal Klarheit in dieses Tohuwabohu? Wann wird Ibsen endlich verbrannt? Alfred Braun „Der Deutsche" vom 30. Mai 1934 schreibt:„Am Montag wurde in Wannsee, in der Villa des ehemaligen Rundfunkansagers Alfred Braun, zur Zeit in Moabit, die Reichsschule der NS.-Hago eingeweiht." Unsere Töchter, die Oajinen Roman von HermyniaZur Mühlen. 19 ..Also deshalb?" fragte ich höhnisch.„Nur weil du aus diese Art einen Mann bekommen hast?" „Mutter!" Ich blickte sie lange an. Dann sagte ich das Unverzeihliche, das uns für immer getrennt hat. „Es wäre mir lieber gewesen, wenn du auf die Straße gegangen wärst. Eine Hure kann ich im Hause haben, aber das, was du jetzt bist, nicht." „Ich soll also gehen?" fragte Claudia leise,„und nicht wiederkommen?" Etwas im Klang ihrer Stimme erinnerte mich plötzlich an das Kind, das ich auf meine Art, bestimmt war sie nicht die rechte, geliebt hatte. Wollte ich wirklich dieses Kind ver- stoßen? Was würde es beginnen, ohne sein Heim? „Du kannst hier bleiben," sagte ich.„Aber ich will dich nicht sehn. Ich will nicht mit dir an einem Tisch sitzen. Du bist für mich eine Fremde, nein, eine Feindin." Claudia war sehr blaß geworden. „Wenn du doch verstehen wolltest, Mutter.. „Ich verstehe nur zu gut. Zieh dich jetzt an und geh. Dein Freund, dein Parteigenosse, kommt mir nicht ins Haus." Sie ging zur Tür, ganz langsam, als warte sie daraus, daß ich sie zurückrufe. Aber ich konnte es nicht. Ich dachte an flatt; die war anders zu ihrem Kind gewesen; vielleicht ist sie klüger als ich, aber ich konnte es nicht. Die Tür siel leise ins Schloß. Ich war allein. Allein mit meinem Zorn. Als junges Mädchen bin ich sehr jähzornig gewesen, aber die traurigen Jahre meiner Ehe hatten mich sanst gemacht, und in den letzten Iahren war dazu noch 5ie Milde des Alters gekommen. Jetzt jedoch fiel alle Milde, alle Sanftmut von mir ab. In mir brannte, loderte schmerzender Zorn,' mir war, als müsse ich in seiner Glut verbrennen. Zorn und Scham. Ich hatte mich schon einmal Claudias wegen schämen müsse».»hti was mu das utt Vergleich«u htjtm AMA? Ich haßte nicht nur Claudia, ich haßte mich, weil ich ihr das Leben gegeben hatte, haßte mein Fleisch und mein Frauen- tum, haßte die Stunde, da ich sie empfangen, und die Stunde, da ich sie geboren hatte. Mir war, als versinke ich in Schmutz und Schlamm und könne nie mehr rein werden. Ich hatte versucht, ein sauberes, schönes Leben zu führen, niemand ein Leid anzutun, das eigene mit Stolz zu ertragen. Aber was war dieses Leben wert, wenn mein Kind, wenn Claudia sich freiwillig jenen anschloß, die für mich der Inbegriff des Schmutzes und der Gemeinheit waren? Wo lag in mir, tief verborgen, das Böse, das sich in Claudia entfaltet hatte? Mich fror, aber ich wagte nicht, das Mädchen zu rufen, da- mit es im Kamin ein Feuer anzünde; ich schämte mich vor ihm. Bestimmt wußte es schon längst, was ich erst heute abend erfahren hatte. Wäre doch dieses Mädchen, dieses an- ständige, brave Geschöpf, mein Kind und nicht Claudia. Ich dachte daran, wie Claudia mit zehn Jahren schwer an Schar- lach erkrankt war, der Doktor Bär mar dreimal am Tag ge« kommen, und seiner ärztlichen Kunst, seiner Hingabe ver- dankte Claudia ihr Leben. Weshalb hatten wir damals mit dem Tod um sie gerungen? Wäre sie doch gestorben... Ich erschrak: kann eine Mutter so etwas denken? Aber ich bin ja nicht nur eine Mutter, ich bin auch ein Mensch, ein den- kender, fühlender Mensch, dem es vor etwas graut, das ihm unfaßbar erscheint. Ich saß da, vergraben in dem tiefen Lehnstuhl, an allen Gliedern zitternd. Und dann fiel mein Blick auf die Bücher an den Wänden. Wozu haben Dichter geschrieben, wozu haben Unzählige gelitten und gekämpft, wenn jetzt dieses Ver- derben über uns hereinbricht? Ich glaubte das Verderben zu sehen, zu fühlen. Ich sah Blut aus Wunden fließen, ich hörte das Grölen der machttrunkenen Menge, ich sah ein Land zwischen ihren Fäusten zermalmt, unser liebes Land mit seinen schönen Bergen und Tälern, mit seinen großen Städten, seinen kleinen, verborgenen Dörfern. Ich sah, wie alle Menschen, die anständig und gut waren, ausgetrieben wurden, gemartert, gequält, Heimatlose, Flüchtlinge, die darch chr» hlpHe Gegenwart in de» andern Länder» die Schmach Deutschlands verkündeten. Ich sah uns in einem Ab- grund versinken, immer tiefer und tiefer, bis wir kein Stück blauen Himmels und keinen Sonnenstrahl mehr sehe» konnten. Furchtbare Angst kam mich an. So mögen die Menschen im Mittelalter gezittert haben, wenn eine schauer- liche Seuche, deren Ursache sie nicht kannten, ein Land über- fiel. Ich glaube, ich muß sllr Stunden den Verstand verloren haben. Am liebsten wäre ich auf die Straße gestürzt und hätte laut geschrien: „Rettet euch. Rettet uns alle. Es ist noch Zeit!" Aber ich konnte mich nicht rühren, meine Glieder wäre» schwer wie Blei, und vor meinen Augen reigte ein schauer- licher Totentanz. So saß ich die ganze Nacht. Und als der späte Morgen fahl durch das Fenster dämmerte, dachte ich verzweifelt: wieder ein Tag. Ich wußte nicht, ob Claudia heimgekommen war, ich wollte es nicht wissen. In meiner grenzenlosen Müdigkeit vermochte ich keinen Haß mehr zu fühlen, nur die Schande brannte noch in mir. Und die lähmende Schwäche des Alters ließ mich in Tränen ausbrechen. Ich weinte, ich konnte nicht aus- höre». Aber die Tränen erleichterten mein Herz nicht. Das Mädchen kam ins Zimmer. Es erschrak, als es mich sah. Dann lief es zu mir hin, nahm meine kalte Hand in seine warme und sagte:„Ein glückliches Neujahr..." Neujahr. Das neue Jahr war gekommen. Ich hatte es vergessen. Silvester, habe ich wirklich nur eine Nacht durch- wacht, nicht Jahrzehnte? Habe ich geträumt? Was ist ge- i schehen? Das Mädchen brachte mir heißen Tee und zwang mich, ein wenig davon zu trinken. Seine Güte ließ mich von neuen« in Tränen ausbrechen. Später kam dann Kati. Sie fragte, warum ich weine. Aber ich konnte es ihr nicht sagen. Ich brachte es nicht über mich. Sie wird es ja ohnehin bald er« fahren. ^Fortsetzung folgt.) Das Ende der Illusionen*® t« Falsche Desillusionierung Von Jean Jacaues Das Buch von Leopold Schwarzschild„Das Lade der Illusionen" ist einer gründlichen Ausein- anderseßung wert, nicht nur wegen des Verfassers, der zweifellos stets ungewöhnlich Kluges zu den Zeitereignissen zu sagen hat. Der Artikel, mit dem er im März 1933 das Abtreten der Sozialdemokratie von der geschichtlichen Bühne Deutschlands begleitet hat, war hart, aber in seiner Art ein packendes, nicht leicht vergängliches Dokument. Sein jeßt vorliegendes Buch ist aber auch nach der negativen Seite so charakteristisch, fordert so zum Widerspruch heraus, daß man an ihm nicht vorbei gehen kann. Da es typisch ist für den Liebeshaß mancher Emigranten gegen ihr Heimatland, da diese Art von Stimmungen in jeder und nicht nur in unserer Emigration auftreten, können bestimmte Geseßlich- keiten und Irrtümer an diesem Falle erörtert werden. Denn diese Form der antifaschistischen Leidenschaft, deren wilder Ausbruch zunächst verständlich ist, ist unzureichend und verschleiert die Wirklichkeit, wenn man sie für eine längere Dauer der Emigration konserviert. Die Weltsituation erfordert eine leidenschaftslosere Analyse, die auch der ethisch geforderten, in der lliße der Tagesgefechte nicht immer leicht zu befolgenden Parole: alles gegen Hitler, gerade darum aber alles für Deutschland! die beste Stöße bietet. Welche Illusionen haben nach Schivarzschild ihr Ende ge- sunden? Die Illusion des Sieges über Deutschland im Jahre ■1918, die Illusion der Krise, die Illusion des Völkerbundes und der Abrüstung. Das gesamte politische System derer, die die Welt 1918 neu zu ordnen unternahmen, ist durch seine Illusion zusammengebrochen. Weil es imperialistisch war? Nein, nach Schwarzschild, weil die Sieger durch eine falsche Verständigungspolitik den ewigen Angreiferstaat Deutsch- land wieder haben stark werden lassen. Sie haben de» Frieden aus die Uebermacht alliierter Staaten gegen den besiegten Militarismus begründet. Aber ihre Alliancc ist anSeinandergebrochen, und durch das ständige Zurückweichen der Sieger iist die deutsche Niederlage schließlich in den gleichen Waffenstillstand verwandelt worden, den Ludcndorfs ursprünglich wollte: in die Pause, die Teutschland in der Maske des entrechteten und um elementare Gleichberechti- gung kämpfenden Staates die Wiederherstellung einer 1914 noch weit übertreffenden militärischen Ueberlegenheit ver- schafft hat. Schwarzschild schildert die deutsche militärische Gefahr für Europa in solchen grell düsteren Farben, wie man das selbst aus dem Munde des leidenschaftlichsten französischen Chauvinisten noch nicht gehört hat. Auch auf wirtschaftlichem Gebiete hat seiner Meinung nach erst Deutschlands Politik des böswilligen und betrügerischen Schuldners die normale kapitalistische Weltwirtschaftskrise in den ParoxySmus der unlösbaren Gcsamtkrise der Welt- .„Wirtschaft verwandelt. Auf der Seite der Siegcrmächte aber i hatte man Deutschland einen abstrakten Pazifismus, die Illusion des Völkerbundes und der Abrüstung entgegen- gesetzt, anstatt icdeS RcvisionSverlangen gegenüber dem Status quo auf allen Gebieten im Keime zu ersticken. Denn die Aufrechterhält»»» des Status quo bedeute nun einmal den Frieden, der nur durch Uebermacht zu garantieren ist, die Revision bedeute den Krieg. Keine größere Gefährdung aber könne der Frieden erfahren, als durch die Macdonald- Henderson'sche Politik der Abrüstungskonferenz, die den di- rekten Charakter einer Kriegsvorbereitungskonfercnz an- nehme. Faschismus und Demokratie verhielten sich heute innen- wie außenpolitisch zueinander wie lieber- und Unter- temperatur, Verzückung und Lähmung, Parorysmus und Kollaps. In der Weltlage projiziere sich das Krankheitsbild der deutschen Republik auf die internationalen Beziehungen. Aus der einen Seite stehe der zu allem entschlossene Ver- brecher, der seine Legalität beteuert, solange er nicht zur zynischen Gewaltanwendung stark genug ist. Auf der anderen Seite stehen di« abstrakten Legalisten, die an das Recht glauben und sich nur zugern von Beteuerungen einlullen lassen, die ihrer eigenen Kampsmttdigkeit ent- gegen kommen. Die einzige Rettung gegen die auf dem ab- schüssigen Wege des„präventiven Zurückweichcns" mit Sicherheit eintretende Katastrophe, bei der das militärisch und wirtschaftlich überlegene Deutschland das ganze übrige Europa unter seinen militaristischen Stiesel treten würde, ist nach Schivarzschild folgende: man muß während der wenigen Monate, die Teutschland noch von seiner Aufrüstungs- Vollendung und der damit gewonnenen militärischen lieber- legenheit trennen, ihm durch eine ultimative Politik die Waffen wegnehmen, bevor sie fertig geschmiedet sind. Dies wäre nicht der Präventivkrieg, sondern die präventive Sicherung des Friedens gegenüber dem mit Bestimmtheit zu bezeichnenden Angreiser. Nicht nur im Bezug auf den unbeirrbaren, in allen Tar- nungcn der Weimarer Zeit sich durchsetzenden deutschen Machtwillen, sondern auch in bezug auf die unermeßliche innere Kraft. Deutschlands auf jedwedem Gebiete teilt Schivarzschild die Ansicht derer, die im wahrsten Sinne des Wortes Germanophoben, zwischen Furcht und höchstge- steigcrter Bewunderung des Gegners schwanken. Die deutsche Finanz- und Wirtschaftspolitik etwa scheint ihm trotz ihres illoyalen Charakters mit ihrem totalitären Eigentumsbegrtff, ihren Neigungen zum Jnslationismus und zur dirigierten Wirtschaft, an Modernität ünb Dynamik der sparsamen deflationistischen Statik der französischen Wirtschaft weit überlegen zu sein. * Man nimmt zu dieser Konzeption am besten kritisch Stel- lung, wenn man Schwarzschild's Angriff« gegen die marxi- frische Betrachtungsweise mit heranzieht. Sein Kampf gegen das, was er bei den Gegnern des Faschismus den„Abstrak- tismus" nennt, gegen den Mangel eines kräftigen und sicheren Willens zur Macht, wird bei allen denen der Sympathie begegnen, die nach dem Zusammenbruch nicht nur die Taktik der marxistischen Parteien, sondern das gesamte Weltbild des Marxismus für erneuerungsbedürstig halten. Indessen ist tatsächlich alle Uebcrspitztheit und alle Proble- matik der Schwarzschilb'schen Gedankengänge in dem Satze enthalten, der der materialistischen eine„militaristische" Ge- schichtsthcorie entgegensetze» will. Steht denn etwa der Mili- tarismus nicht im Zusammenhang mit den ökonomischeu Gesetzlichkeiten, mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gesamtsituation eines Zeitalters? Spielen die Macht- kämpfe sich denn im luftleeren Räume ab, wird Macht nur um der Macht willen angestrebt? Es ist zweifellos berechtigt, die Selbständigkeit des Machtstrebens gegenüber dem Profit- streben zu betonen. Aber keine Geschichtsauffassung, die wirklich das Ganze der Erscheinungen in ihr Blickfeld bc- kommen will, wird die militaristische Seite der historischen Kämpfe, losgelöst von den übrigen, das heißt aber in erster Reihe von den materiellen Phänomenen behandeln dürfen. Die Gesetzlichkeiten dieser Art, die, wenn wir uns recht erinnern, als kapitalistische bezeichnet zu werden pflegen, haben aber wirklich vor den Siegermächten 1918 nicht Halt gemacht. Deren Krieg war doch wirklich kein Kreuzzug gegen den deutschen Militarismus, der nach seiner Niederwerfung ei» tausendjähriges Reich des Weltfriedens aufrichten sollte. Ein Wörtlichnehmcn dieser Ideologie ist wohl mindestens so illusionär, wie der Glaube an das Recht einer schrittweisen Verständigungspolitik, die Tchwarrzschiid heute den West- mächten in derselben Art vorwirft, wie sie die deutschen Nationalisten der Weimarer Republik vorgeworfen haben. Die Pnradorie seiner Gedankengänge liegt eben barin, daß er aus der eine» Seite die Sieger von 1918 mit dem„guten" Prinzip, dem Prinzip des Antimilitarismus und des Frie- dens, identifiziert, daß e r ihnen auf der anderen Seite den Borwurf macht, diesen ihren Frieden ans die Illusion sried- licher Mittel statt auf das Prinzip militaristischer Gewalt gegründet zu haben. In Wirklichkeit sind weder ihre Ziele so ideal, noch ihre Methoden so illusionär gewesen, sondern es waren Imperialisten, eingeordnet in die bestimmten Gesetzlichkeiten der hoch- und spätkapitalistischen Epoche, die sich in den Instrumenten von 1918 ihren Ausdruck schafften. Tic haben von vornherein die stärksten Konzcssionen an die Idee der Gewalt in ihren Zielsetzungen gemacht. Tie haben ihre Mittel durchaus auch diesen Zielsetzungen anzupassen gesucht. Wer kann leugnen, daß der Völkerbund zugleich als ein Instrument der Tiegcrstaaten gedacht war, daß er seine Funktion zur Aufrechterhaltung des einer bestimmten Kriegslage entsprechenden Status quo besaß und besitzt? Daß dieser Gegensatz zur ursprünglichen kantisch-wilsonistischcn Idee, des gerechten Dauerfriedens, durch eine zivikchmstaat- lichc Rcchtsorganisation stets empfunden worden ist? Die Ideologie dieser Art war eben selbst ein Machtmittel, wenn auch nicht nur ein solches Machtmittel, sondern zugleich eine echte Sehnsucht der Völker. Darin eben lag ihre Zivie- spältigkeit. Schivarzschild selbst muß ja zugeben, daß 1918 auch der andere Weg: die„karolingische" Lösung einer wahr- Hasleu Versöhnung und Verbindung von Deutschland und Frankreich vorstellbar gewesen wäre. Sie war eben nur vorstellbar, ihre Realisierung wurde durch die imperialisti- schen Gesetzlichkeiten der Epoche verhindert. Desto weniger aber hat man jetzt ein Recht, nach der hundertprozentigen Verwirklichung der anderen, nur halb verwirklichten Lösung von 1918, der Gewaltlösung zur dauernden Niederhaltung Deutschlands zurückzublicken. Es gibt nur den B«ck»ach vorwärts: Eingliederung eines sozialistischen Deutschlands, dem alle Lebensrechte gewährt werden, in ein sozialistisches Europa. Selbstverständlich sind alle Konzessionen an das Deutschland Hitlers höchste Gefährdung des Friedens, und das Durchgangsstadium, in dem dieses System auch außen- politisch mit allen Mitteln gestürzt werden muß. ist nnver- meidbar. Aber von vornherein muß die Unterscheidung zwischen der Vernichtung dieses wahrhaften Feindes des Menschengeschlechts, den der Faschismus in Deutschland be- deutet und dem Lebensrechte des deutschen Volkes sormu- liert werden. Diese Unterscheidung aber wird erschwert, wenn man in der Art Schwarzschilds die Legende, Deutsch- land würde in jeder staatlichen Form immer nur am die Welteroberung sinnen und habe es auch in der Weimarer Epoche getan, erneuert und gesteigert. -i° Die Paraboxien Schwarzschilds verschärfen pch noch dort, wo er von der Analyse zur Wertung und zur Zielsetzung übergeht. Woraus beruht denn eigentlich die Ueberlegenheit der westlichen Zivilisation über Teutschland, deren begei- sterter Herold er ist? Doch wohl auf jenem Beisatz jeuer Gesinnungen von Antimilitarismus, von Demokratie, deren illusionären Charakter er so scharf bekennt. Denn hinsichtlich der Macht und der Tüchtigkeit wird ja Schivarzschild Deutsch- land gegenüber geradezu zu einem Bileam, der segnet, wo er fluchen möchte. Wäre also der reine Wille zur Macht der Maßstab, nach dem gcwertet wird, so müßte' sich die Wag- schale durchaus zugunsten Deutschlands senken, von dessen Ueberlegenheit aus allen diesen Gebieten Schivarzichild über- zeugt scheint. Aber jene zivilisatorisch pazifistische Gesinnung, die als moralischer Wert den westlichen„Demokratien" zugesprochen wird, ist eben in Wirklichkeit auch etivas, was sich der materialistischen Methode der Betrachtung gemäß nicht von Klassengegensätzen loslösen läßt. Und ivic steht es mit dem Status quo? Ist wirklich jeder Status quo, wie er auch immer geartet sei, bejahenswcrt, nur weil er einen f o r m eile n Frieden, einen Zustand des momentanen Nicht- Krieges bedeutet? Wenn man dies konsequent zu Ende dächte, müßte man auch aus die Idee der Revolution gegen eine Tyrannei verzichten, die ja auch einen Status quo, einen formellen inneren Fricdenszustand, darstellt. Auch bei der Stellungnahme zu diesen Fragen zeigt sich das Widerspruchs- volle einer Denkweise, die eine Form der kapitalistischen Reaktion zu bejahen bereit Ist und doch zugleich von der Ueberlegenheit dynamischer Energien ihres Gegenspielers überzeugt ist. Alle diese Paradorien haben ihren Grund darin, daß Schwarzschild de» Kamps der demokratisch-pazifistischen Mächte, respektive derer, die er für solche hält, gegen Hitler mit allen Machtmitteln des Hitlerismns selbst wünscht. Nach den niederschmetternden Erfahrungen von Mss ist er- und wer von uns wäre es nicht bis zu einem gewissen Grade?— von der Idee besessen, den Hitlerismus mit dessen eigenen Mitteln zu vernichten. Aber diese Leidenschaft dort eben nicht unsere nüchterne Einsicht vernebeln. Demokratisch- pazifistische Mächte existieren nicht in der Form von heutigen Staaten. Zu mindestens finden ivir in dieser Gestalt nur eine ganz relative Verkörperung. Die Konzeption eines ni i l i t a r i st i s ch e n Antimilitarismus, eines faschistischen Antifaschismus bleibt eben in sich widerspruchsvoll. Mit Recht kritisiert Schwarzschild den „Abstraktismus" der illusionären Rur-Pazisisten und Nur- Ockonomisten. Der Kampf gegen diese» Abstraktismus— kein schöner Name, aber jeder ist vor und in der Emigration dieser geistigen Haltung oft genug begegnet— ist eine un- bedingte Notwendigkeit. Aber Schwarzschild selbst scheint einem abstrakten Antifaschismus verfallen zu sein. Und auch diele Hai- tung, die glaubt, den Kampf gegen de» Faschismus iioliert, losgelöst von den Bedingungen der kapitalistischen Nieder- gaugsepoche, führen zu können, ist häufig ja noch verbreitet. Es gibt eben solche Abstraktiste», deren Antikapitalismus sie die Selbständigkeit des faschistischen Phänomens nicht mehr sehen läßt, und andere, deren Antifaschismus ihnen den Blick dakür trübt, daß der Faschismus doch schließlich eine Teilerscheinung der kapitalistischen Krise bedeutet. Was wir demgegenüber brauchen, ist da-Z restlose Durchstoßen zu einer sozialistischen Innen- und Außenpolitik, welch? die bürgerliche Demokratie nnd ihre letzte Entartnvgssorm, den Faschismus gleich weit hinter sich läßt. Mißerfolg der Re!chsan!elhe Die mit großem Tamtam angekündigte und mit gehörigem Druck auf die Zeichner aufgelegte 4prozentige Reichsanleihe hat mit einem vollen Fiaako geendet. Ea sollen 300 Millionen gezeichnet worden aein. Die Anleihe, die in einem nach oben nicht begrenzten Betrag aufgelegt worden war, diente eratena zur Rückzahlung der 6prozentigen steuerfreien Anleihe von 1929. Aber nur Inhaber von 75 Millionen von rund 160 haben ihre Anleihe umgetauscht, wozu das Reich 85 Millionen benötigt. Man kann ohne weiteres annehmen, daß ea aich bei dem Umtausch um die im Besitz öffentlicher Körperschaften befindlichen Stücke handelt. Die Privaten werden kaum Neigung haben, Papiere der bankrotten Diktatur zu kaufen. Zweitens diente die Anleihe zum Umtausch der Neubesitzanleihe, wodurch den Spekulanten ein Gewinn von zirka 150 Millionen von Hitler, Schacht und Krosigk beschert wurde. Die früher fast wertlose, weil zinslose Neubeaitz- anleihe wurde zum Kurs von 23'/« in Zahlung genommen. Für 300 Mark Nominale der Neubesitzanleihe bekam man gegen Zuzahlung von 23"/« Mark in bar 100 Mark des neuen 4prozentigen Titels. Von den zirka 600 Millionen Neubesitz sind aber nur 480 bis 490 Millionen umgetauscht worden. (Vielleicht war der noch auastehende Umlauf des zeitweise fast wertlosen und deshalb wenig sorgsam behandelten Papiers überhaupt überschätzt.) Aua diesem Umtausch hat da« Reich zirka 39 Millionen in bar erhalten. Für diese 39 Millionen zahlt es jetzt jährlich 4 Prozent auf 130 Millionen Anleihe Zinsen und 13 Millionen jährlich Tilgung, also 18 Millionen durch 10 Jahre. Finanzwirtschaft der Diktatur! An Barzahlungen allein sind zirka 75 Millionen eingegangen, sicher hauptsächlich von Sparkassen, öffentlichen Versicherungsanstalten usw. Das Reich hat also zirka 114 Millionen bar eingenommen und hat davon 85 Millionen an die Besitzer der alten Anleihen zu zahlen. Bleiben— 29 Millionen Reichsmark!! Die gleichgeschaltete Presse verkündet einen großen Erfolg! Wie bescheiden die Lumpen werden können. Dr. Richard Kern. Die Automobilkonkurrenz im internationalen Verkehr (ITF.) Bei einer in Belgien durchgeführten Erhebung hat es sich herausgestellt, daß im Verkehr zwischen Belgien und den Niederlanden ca. 1 000 Kraftlastwagen, zwischen Belgien und Frankreich 500, im Verkehr mit Luxemburg 400 und mit Deutschland 200 solcher Lastautos verwendet werden. Damit wird den Eisenhahnen schätzungsweise eine Fracht von 250 000 Tonnen jährlich entzogen. Da die im Autoverkehr durchschnittlich zurückgelegte Entfernung 57 Kilometer beträgt, veranschlagt die belgische Nationale Eisenbahn ihren Verlust auf 14 250 000 Tonnepkm, Die Isgstwagea befördern ausschließlich Güter der 4 höheren Eisenhahn- Verkehrsklassen(die durchschnittlich 0,75 Fr. pro Tonnenkm. einbringen), Bodaß der allein den belgischen Bahnen dadurch erwachsende Einnahmenausfall sich auf 10 500 000 Franken beläuft. Japans„Volksautomobil" In den Tagen des Belgrader Aufenthaltes der dreizehn japanischen Industriellen und Großkaufleute unter Führung der Wirtschaftsredaktion des..Osaka Mainischi Schimhun" ist hier bekannt geworden, daß die Tokioter Automobil- fabrik Jidosha Seizo mit dem Ausbieten ihrer 7 HP-Marke „Datson" bereits begonnen hat. Die bezügliche Estrop- Information besagt, daß dieser Kraftwagen, der in China, Holländisch-Indien und in Afrika bereits zu 50 Pfund ausgeboten wird, schon demnächst im Wege neuer Agenturen auch in Italien und auf dem Balkan den Wettbewerb aufnehmen werde. Weifergeben! Weltergeben! I Werfen Sie die„Deutsche Freiheit" nach dem Lesen nicht fort. Geben Sie das Blatt an Leute weiter, die der Auf- und Belehr ung bedürfen 1 l L Heimkehr von der Teufeisinsel Benjamin Ullmos Schiksal— Der Verrat des Marineoffiziers— Das Geheimnis der Kabine 309 von Marcel Robert Paris, Anfang Juli. ( Tausende von Menschen kommen jeden Tag in Paris an, Pausende von Schicksalen kreuzen sich jeden Tag in Paris, und alle, ob hoch oder nieder, verschlingt sie das unheimlich jagende Leben dieser Riesenstadt. Wen interessiert ihr Name, ihr Rang, ihre Herkunft, wen interessiert, woher sie kommen und wohin sie gehen? Wie ein Stäuhchen wehen sie vorbei, Menschen und Schicksale, und keiner fragt mehr danach. Aber dann kommt eines Tages auf dem Bahnhof Saint- Lazare ein unscheinbarer Mann an, mit einem machtigen Schnurrbart im Gesicht, einen Strohhut auf dem Kopf,— und plötzlich horcht Paris, das große Paris, einige Augenblicke auf, alle Blicke wenden sich ihm entgegen, man spricht von ihm, die Zeitungen bringen lange Artikel, die Interessenlosigkeit ist jäh unterbrochen. Dieser unscheinbare Mann heißt Benjamin Ullmo, und sein Schicksal ist wahrhaftig sonderbar. Benjamin Ullmo, ein Name, ein Leben, ein Schicksal! Paris erinnert sich plötzlich der Zeit vor dem Kriege, einer Epoche, die man oft schon vergessen glaubte und aus der als eine der seltsamsten Erscheinungen dieser Benjamin Ullmo wieder den Fuß in die Gegenwart setzt. Wirklich, er setzt seinen Fuß wieder in die Gegenwart, er betritt die Erde Frankreichs, zum ersten Male seit sechsundzwanzig Jahren, er hat einen großen Sprung über die Zeit getan,— welche Zeit für die Welt, welche Zeit aber für ihn, den einzelnen, einen vom Schicksal Gezeichneten! Paris erinnert sich... Im Jahre 1907 war es, da lebte in Toulon ein Marineoffizier namens Ullmo, Sohn eines Kaufmanns, blühend in der Jugend seiner sechsundzwanzig Jahre, eine glänzende Karriere schien im garantiert. Hundertfünfzig Franken betrug sein Monatsgehalt, das war schon damals nicht sehr viel, und es reichte schon gar nicht, wenn man sich auch einmal in Liebesabenteurer stürzen wollte. Ja, Ullmo liebte solche Abenteuer, er war auf allen Festen in Toulon ein gern gesehener Gast, die Frauen blickten voller Neigung auf ihn, man konnte das verstehen, denn er sah in seiner Uniform sehr schneidig aus. Und der junge Offizier hatte natürlich eine Geliebte, eine in Toulon äußerst bekannte Dame, die sich Lison nannte und die ein Vielfaches seines monatlichen Einkommens an einem Tage verbrauchen konnte. Was so oft in Groschenheften geschieht und dann als verlogener Kitsch abgetan wird, geschah wieder einmal in vollster Wirklichkeit. Ullmo geriet immer tiefer in Schulden, er sah am Ende keinen Ausweg, er saß in der Schlinge, aus der er sich nicht mehr befreien konnte,— und er setzte seinen allerletzten Besitz aufs Spiel, seine Ehre. Beim Marineministerium in Paris liefen um diese Zeit verschiedene anonyme Briefe ein, in denen der geheimnisvolle Schreiber angab, er besitze wertvolle, die französische Landesverteidigung betreffende Dokumente. Mehrere fremde Großmächte hätten ihm bereits Riesensummen dafür angeboten, er aber würde es vorziehen, diese Dokumente an Frankreich zu verkaufen; er fordere 150 000 Franken. Die Korrespondenz wurde auf Veranlassung des damaligen französischen Marineministers Thompson weitergeführt, man ging auf das Angehot ein, und schließlich wurde auf einem abgelegenen Platz eine Verabredung getroffen, bei der die Uebergabe der Dokumente erfolgen sollte. Ein Beamter der Geheimpolizei erschien als vermeintlicher Abgesandter des Marineministers, und auch'der Briefschreiber erschien pünktlich an der verabredeten Stelle, allerdings maskiert. Der Polizist riß ihm die Maske herunter, legte ihm Handschellen an, und der geheimnisvolle Mann ergibt sich freiwillig: Benjamin Ullmo, Offizier der französischen Marine... Das Kriegsgericht tritt im Juli 1908 zusammen. Ullmo wird degradiert, zu lebenslänglicher Zwangsarbeit auf der Teufelsinsel verurteilt. Ein junges Leben endet in der wilden Einsamkeit von Guyana. In dieser hoffnungslosen, finsteren Todeslandschaft lebt Ullmo fünfzehn Jahre lang. Im Jahre 1923 tritt er zum Katholizismus über, und in diesem Jahre erlebt er auch eine Milderung seines harten Schicksals, indem ihm gestattet wird, als freier Mensch unter den Siedlern von Cayenne zu leben. Dort versucht er Arbeit zu finden. Er geht von Haus zu Haus, er ist bereit, jede Arbeit, auch die niedrigste, zu verrichten,— kein Mensch will ihn nehmen, weil niemand den einstigen Marineoffizier als Hausknecht nehmen will.„Ich bin nicht mehr der Leutnant Ullmo, ich bin ein Verräter..", so antwortet Ullmo, aber alle Türen sind ihm verschlossen. Endlich findet er eine Stellung in einem kleinen Exporthaus. Als er seine neue Stellung antritt, reicht ihm die kleine Tochter des Chefs die Hand entgegen. Da bricht er in Tränen aus und spricht zu dem Kind:„Entschuldigen Sie, aber es ist fünfzehn Jahre her, seitdem mir ein Mensch die Hand gereicht hat..." Auch darüber sind nun elf Jahre vergangen. Um diese Zeit war es auch, daß Albert Londres auf einer Reise in Cayenne die Bekanntschaft Ullmos macht. Albert Londres, der große Reporter und wundervolle Mensch, der dieser Welt, viel zu früh, beim Untergang des„Georges Philippicar" entrissen wurde. Albert Londres interessierte sich für diesen Menschen und sein Schicksal, und er veröffentlichte in der größten Pariser Zeitung, dem„Petit Parisien", einen ergreifenden Bericht über seine Unterhaltung mit dem früheren Marineoffizier. Durch diesen Bericht Albert Londres', der für einen Unglücklichen Gnade und Frieden forderte, wurde eine gütige Frau auf Benjamin Ullmo aufmerksam, Marie-Madeleine Poirier. Sie trat mit ihm in Korrespondenz, sie wurde seine„mystische Braut", sie lief in Paris Tag um Tag, Jahr um Jahr von Behörde zu Behörde, um seine Begnadigung zu erwirken. Zehn Jahre gibt Fräulein Poirier den Kampf nicht auf, sie ruht nicht, um dem unbekannten Verlobten wieder das Leben eines freien Menschen zu verschaffen, und sie läßt sich durch nichts entmutigen. Endlich sind ihre Bemühungen erfolgreich: Benjamin Ullmo erhält das Recht, in sein Vaterland zurückzukehren. Und jetzt ist er in Paris angekommen, der einstige Marineleutnant, der sechsundzwanzig Jahre lang seine Schuld hat büßen müssen. Es war seine Wille, daß um seine Rückkehr nicht viel Aufhebens gemacht werde, und niemand auf dem Schiff, das ihn nach Frankreich brachte, hatte zunächst eine Ahnung davon, daß der Passagier von Kabine 309 ein früherer Sträfling von der Teufelsinsel war. Er reiste unter dem unauffälligen Namen eines Monsieur Charles, aber es gelang ihm doch nicht, sein Inkognito bis zum Ende zu wahren. Ein Pariser Journalist war ihm nach Plymouth entgegengereist, und am Quai des Hafens von Le Havre wartete gleich ein stattliches Heer von Reportern und Fotografen. Da stand auch Fräulein Poirier, sie hatte ihren Verlohten zwar nie in ihrem Leben von Angesicht zu Angesicht gesehen, aber sie war die Erste, die jenen geheimnisvollen Monsieur Charles erkannte und ihm liehevoll entgegen ging wie nach einer langen, schmerzvollen Trennung. Dann fuhren sie zusammen nach Paris, und auch da wieder, am Bahnhof Saint-Lazare, empfing sie ein Schwärm von Journalisten und Fotografen. Fragen stürmen auf ihn ein, aber er antwortete nur:„Ich will nicht, daß man viel von meinem Namen spricht... Ich glaube, daß dies alles der Vergangenheit angehört, einer schwer bezahlten und wahrhaft toten Vergangenheit... Ich will einen Monat in Paris bleiben, dann habe ich einige kleine Reisen in Frankreich vor. Ich suche das Vergessen, und ich hoffe, daß ich es finden werde... Und, bitte, fragen Sie mich nichts mehr! Ein altes englisches Sprichwort sagt: Willst Du nicht, daß ich Dich belüge, so frage mich nichts..." Die Reporter geben ihm endlich den Weg frei. Ullmo und Fräulein Poirier steigen in ein Taxi, das sich in der Richtung der großen Boulevards entfernt. Glühend heiß brennt die Sonne über Paris. Die große Stadt nimmt ihn auf, er verschwindet in ihrem unübersehbaren Betrieb. Benjamin Ullmo sucht Ruhe. Wird er sie finden? Die Kirche und die Feinschmecker Die Mitglieder des„Klubs der Hundert", der berühmtesten Feinschmecker-Vereinigung der Welt, haben ihr letztes Festgelage auf den Eiffel-Turm verlegt. Dieser erschien ihnen bei der herrschenden Hitze als der einzig erträgliche Ort, um kulinarischen Genüssen zu frönen. Die Veranstaltung fand an einem Frankreich statt, und in Frankreich wie in allen katholischen Ländern ist an diesem Tage der Fleischgenuß aus religiösen Gründen verboten. Sollte das Mahl nun deshalb völlig vegetarisch verlaufen? Das war den hundert Eß- kiinstlern nicht gut zuzumuten. Sie wandten sch deshalb an den Erzbischof von Paris und legten dar, daß die Gastronomie zu den„schönen Künsten" gehöre. Sie wurden offenbar erhört, denn auf der Speisekarte stand folgende Bemerkung:„Auf Grund von uns eingeleiteter Schritte hat der Erzbischof von Paris ausnahmsweise gestattet, am Freitag, dem 29. Juni, im„Klub der Hundert" den Mitgliedern und Gästen ein fleischiges Mahl vorzusetzen". ■ nigPKUSTKM A»»tele. Im Sturm der Ereignisse sind wir mit der Beantrvor» hing unserer Korrespondenz etwas in Rückstand geraten. Wir vi:- ten um Geduld. EHur. Daß Sie Irgendwo in einer Hütte in Graubünden dad Hitlersche Blutsest„zu spät" erfahren haben, läßt sich ertragen. Es tst in diesen schönen Sommertagen manchem nicht ander? ergangen. In Ihrem Alter darf man sich schon einmal ein Stormsches Dorf» Idyll gönnen: Kaum zittert durch die MittagSruh Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten» Dem Alten fällt die Wimper zu. Er träumt von seinen Honigernten. Kein Klang der ausgeregten Zeit Drang noch in diese Einsamkeit. Da? gibt es immer noch, und es ist gut so. Else K. Sie machen uns auf folgende Zeitungsnotiz aufmerksam: „In Florenee lArizona) fand am Freitag die erste Doppelhinrich- hing mittels Blaugas statt. Die beiden Todeskandidaten, zwei Brü- der aus Mexiko, wurden seder auf einen Stuhl gesetzt und die Todeskammer sodann hermetisch verschlossen. Bei dem einen der Brüder trat der Tod nach zwei Minuten, bei dem anderen nach drei Minuten ein."— ES dürfte für Hitler, Goebbels und Göring empfehlenshert sein, ihre nächste Säuberungsaktion gegen miß- liebige Kameraden mit Blaugas vorzunehmen. Man lade hundert Röhms und Heines in einen beliebigen Saal, dichte ihn ab und räuchere ihn mit Blaugas aus. Borbet ist die Chose, und wer will dann noch bestreiten, daß die Säuberung in der humansten Form vor sich gegangen ist? Feder Kammersäger arbeitet doch ähnlich. Ist Göring eigentlich immer noch Ehrenpräsident der deutschen Tierschutzvereine? Und Hitler Ehrenprotektor? H. R., Sujet«. Ihrem Briese entnehmen wir:„Ich muß Ihnen gestehen, daß ich erst seit dem 1. Juli volles Vertrauen zu Ihrer Zeitung gewonnen habe, denn bisher habe ich bei aller Zustim» mung im Ganzen doch manchmal geglaubt, Uebertreibungen bemängeln zu mügen. So habe ich zum Beispiel manche Ihrer Schil« derungen aus den Konzentrationslagern sür zu stark aufgetragen gehalten. Dafür mutz ich Sie nun um Entschuldigung bitten, und ich verspreche Ihnen, dag ich auch bei den Freunden, mit denen ich gelegentlich über solche scheinbaren„Entgleisungen" Ihres Blattes gesprochen habe, mich berichtigen werde, sosern dies noch notwendig sein sollte. Wenn Scheußlichkeiten— ich halte mich einmal nur an die unbestrittenen Berichte— der erlebten Art zwischen„Kamera- den" des Nationalsozialismus möglich sind, was ist dann den Leu- ten gegenüber ihren politischen Feinden nicht zuzutrauen? Erst setzt ist mir klar geworden, was Faschismus eigentlich ist, und es wird wohl vielen Schweizer Bürgern so gegangen sein. Sie haben noch viel zu wenig daraus hingewiesen, daß das moralische Moni» fest des Reichskanzlers eine vollkommene Rechtfertigung Ihrer „Greuelberichte" war. Der Reichskanzler und Parteiführer hat sa nun eigentlich offen zugegeben, daß olles richtig war, was die „Emigrantenprege" seit jeher über die Berlumpung des National- sozialismus geschrieben hat."— Briefe ähnlichen Inhalts haben wir mehrere erhalten. Es ist ein Grundfehler des honetten Bllr« gertums, daß ihm in seiner satten Behaglichkeit und friedlichen Geborgenheit der Sinn für die Abgründe der menschlichen Seele verloren gegangen ist. Wer eine einzige der animalischen Brül- lereien Hitlers am Radio gehört, wer je dieses Gesicht aufmerksam angeschaut hat, sollte um das Bestialische in diesem atavistische» Menschen Bescheid wissen. „Schweizerische Freunde". Sie teilen uns mit:„Es freut uns, Ihnen mitteilen zu können, daß die„Deutsche Freiheit" und die übrigen antihitlerischcn Saarblätter bei uns wieder mal reißenden Absatz haben. Eine deutsche Familie, die zur Zeit erholungshalber in der Schweiz weilt, versicherte uns, daß, wenn sie sich in Deutsch- land über die deutsche Lage.orientieren wollen, sie gezwungen seien, den Radio-Nachrichtendienst der Sender Stratzburg, Luxemburg oder Beromllnster zu hören, wenn sie wirkliche Tatsachen erfahren weck« len. Wir Schweizerbürger sind entsetzt über die grausamen, unver« antwortlichen Bluttaten, die sich das Regime Hitler heute täglich zu schulden kommen läßt. Mit dem deutschen Bolle mutz sich ganz Europa der barbarischen und skrupellosen Methoden der jetzigen Machthaber des„dritten Reiches" schämen. Daß ehrbare Männer und Frauen, die sich zum Teil große Verdienste erarbeitet haben swie denken an von Schleicher, Slausener usw.) in einem Kultur- staate, wie ihn Deutschland präsentieren will, einfach nach Gut- dünken des„Führers" und seiner gewigenlosen Horde ohne Gericht ins Jenseits befördert werden,(um keine andere Wendung zu ge- biauchens muß bis jetzt jeder denkende Mensch ssir ausgeschlossen gehalten haben. Was das deutsche Volk denkt, wissen wir nicht. Aber wir können Sie versichern, daß die Empörung über diese diabolisch-grausamen Schandtaten in der Schweiz grenzenlos ist." Nene interessante Broschüren! Bienstock: Avantgarde I Zwischen den Weltkriegen Fr. 2,— Decker: Revolte und Revolution. Der Weg zur Freiheit.. Fr. 5,50 Der Faschismus und die Intellektuellen Untergang des deutschen Geistes Fr. 5,50 Franzel: Der Bürgerkrieg in Oester« reich Fr. 2,— Kerl: Soldat der Revolution Koloman Wallisch.... Fr. 2,— Buchhandlung der Volkssümme Saarbrücken 3, Bahnhofstraße 32 Vorrätig auch in den übrigen Ausgabestellen der Volksstimme. Association des Emigres Israelites d'Allemagne en France Donnerstag, den 12. Jnni 1934, um 20.45 Uhr, im Verein»- lokal„Chez Cohn", 17, Rue Beranger(Metro Republique), Paris. Zusammenkunft der Jugendgruppe. Vortrag:„Reiseerlebnisse in Frankreich". Gäste willkommen. Für den Gefamtinhalt verantwortlich: Johann P i tz in Dud- weiter: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH, Saarbrücken 1 Schlltzenllraß« fi.— Schließfach 779 Saarchrüchjn,. Die Hetze gegen Schleicher Und das Geheimnis um sein Grab Paris, 10. Juli. Die französische Presse nimmt weiter entrüstet gegen die Art Stellung, wie entgegen den Versicherungen, die Außen- minister v. Neurath dem französischen Botschafter in Berlin, Franeois-Poneet, gegeben hat, die deutschen Blätter in sen- sationeller Weise aufgemacht an der Behauptung festhalten, daß die französische Regierung in das sogenannte Schleicher- Komplott eingeweiht gewesen sei. Man kommt zu der Fest- stellung, daß Neuraths Versicherungen, daß dieser Presse- seldzug eingestellt werde, vom Propagandaminister Dr. Goebbels in gehässigster Weise durchkreuzt würden. Denn es bestehen keine Zweifel daran, daß die deutsche Presse, die unter dem Befehl des Propagandaministers siehe, aus dessen Wink ihre Angriffe gegen Frankreich fortsetze. Der rechtsstehende„M a t i n" ebenso ivie andere Pariser Blätter beschweren sich darüber, daß die deutschen Blätter einen Artikel aus der englischen Revue„New Statesman" und„Nation" abdrucken, der von den engen Beziehungen Schleichers zu verantwortlichen französischen Stellen spricht. Philippe Barres zitiert im„Matin" diesen Artikel, in dem es u. a. heißt, der Korrespondent des englischen Blattes habe im Verlaufe eines Gespräches Schleichers angeblichen Pa- rtfer Verbindungsmann gefragt, ob Schleicher nicht, wenn er in Deutschland bleibe, die Rache Hitlers fürchte, der doch sicher von seinen Verhandlungen mit Frankreich Kenntnis habe.„Nein," habe der Deutsche geantwortet,„man werde nicht wagen, sich an Schleicher zu vergreifen." Barres meint, diese Anschuldigungen seien nicht nur nebelhaft und entbehrten jeder tatsächlichen Grundlage, sie seien auch unkontrollierbar, weil man ja die Hauptperson Schleicher ermordet habe. Baires hat dann die Gräber des Ehepaares Schleicher auf- gesucht. Es war, wie er schreibt, nicht sehr einfach, die letzte Ruhestätte des Generalsehepaares zu finden. Lange Zeit sei er vergebens auf dem Friedhof in Lichterfelde umhergeirrt, denn niemand habe ihm Auskunst geben wollen, wo die Gräber seien. Wenn er nur den Namen Schleicher genannt habe, bann seien die Leute verlegen davongelaufen. Endlich habe ihm ein Friedhofswärter Auskunst über die Lage der Gräber gegeben, aber dabei bemerkt, der Journalist möge seinen Hul vor das Gesicht halten,„d a m i t," wie er sich aus- drückte,„Sie nicht von irgendwelchen Spitzeln fotografiert werden". Und so sei er denn zu den Gräbern gekommen. Dort seien die letzten Ruhestätten eines Rentners, eines Bankiers und eines Fliegers gewesen: da- zwischen liege ein freier Platz, der für Fußgänger frei- gegeben sei. Etwa dreißig bescheidene Kränze, schon getrock- net, ohne Namen der Spender lägen dort. Kein Name, kein Kreuz, kein sichtbares Zeichen gebe Kunde davon, daß hier der ermordete General von Schleicher und seine ebenso ums Leben gekommene Gattin ihren letzten Schlaf schlummern. Barres schließt seine Ausführungen mit den Worten:„Ich konnte mich nur fragen: warum wollen Deutschlands Macht- haber dieses Geheimnis um den toten Schleicher, von dem doch ihre ganze Press« spricht?*