«\\..u- w„~~-' i Sinzig« unabhängige Tageszeitung Deutschlands 159— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, 13. Juli 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Aas dem Inhal! T>ie Zecsetzuag. xlec deutschen Viktatuc Vau 2Jc. Jiichacd JCecti Seite 5 BHler vor dem ReidistoU Der Reichkanzler zum Reden gezwungen Noch immer wagt der Reichskanzler nicht, die Liste der *»f seinen Befehl Erschossenen zn veröffentlichen. Noch immer wird keinerlei Beweismaterial für die Schuld öer C.mordeten vorgelegt. immerhin ist der deutsche Reichskanzler durch die Angrisse b« Presse in aller Welt und durch die wachsende Unruhe im deutschen Volke gezwungen worden, sich der Oessentlich- k-it zu stellen. Er hat den Reichstag schon für Freitag, den 1*. Juli einberufen. Bier Wochen früher, als ursprünglich geplant war. Er. dessen Redefluß sonst ungehemmt und unversieglich war, wollte nun schweigsam werden. In stiller Zurück- gezogenheit fern in den Bergen oder in nördlichen Meeren wollte er idyllische Fericnruhe pflegen, um seine Morde in Vergessenheit geraten zu lassen. Diese Absicht hat er preisgeben müssen. Er läßt ankün- digcn, daß er am Freitag vor dem Reichstage sprechen werde. ^Dos ist ein Parlament, das seiner würdig ist. Mit Diäten für Nichtstun bestochene Kreaturen, versassungswidrig unter Terror gewählt, willenlose Werkzeuge einer verbrecherischen eidbrüchigen Regierung. Wüßte das deutsche Volk die volle Wahrheit, hätte es die Möglichkeit srei zn sprechen, frei zu wählen, so stände der ^Reichskanzler vor einem Parlament, das die Anklage wegen Massenmordes und Volksvcrrates gegen ihn erhöbe. Nicht eiucn Augenblick dürste ein Reichstag, der aus Ehrenmän- veru und nicht aus politischen Banditen bestände, mit einer Reichsregierong verhandeln» die schändlicher Verbreche« vor aller Welt überführt ist. Dieser Reichstag aber wird den Reichskanzler nicht stürzen. Dieses Scheinparlament wird alles widerspruchslos hinneh- men, was ihm die Reichsregierung bietet. In diesem Reichs, tag wird die Stimme des deutschen Volkes nicht gehört werden. Die Antwort, die das gefesselte deutsche Volk im Parla- ment nicht geben kann, muß von außen kommen. Die„Deutsche Freiheit" ist bernsen, dem Blut- und Hunger» kanzler zu antworten, dessen Name längst zu einem Schand- wort der deutschen Sprache geworden ist. Wir werden ihm und seinen Mitverbrechern die deutsche Antwort geben, die sie verdienen. ER oder Heß? Vermutungen in Paris Paris» 12. Juli. Der„Jour" läßt sich aus Berl-n melden, daß es noch immer nicht einwandfrei feststehe, ob Hitler am Freitag selbst sprechen werde. Es sei bekannt, daß der Kanzler sehr leidend sei, und daß Heß für ihn reden soll. Anderer- seits mache die nationalsozialistische Parteikorrespondenz die Mitteilung, daß Hitler an der morgigen Sitzung teilnehmen und sprechen werde. Agenct Havas teilt aus gut infor- mierten politischen Kreisen mit, HttlerwerbeDeutsch- sanbs Wiedereintritt in den Völkerbund an- kündigen. Morde-„aus Versehen Aber es hat sich alles ordnungsgemäß abgewickelt- sagt CoebbeTs Einem„Mißverständnis" ist. w.e es i» einer an den Vischos Dr. Bares gerichteten hitleramtlichen EnZchuldigu g beißt: der Leiter der katholischen Aktion. M'N'ster,aldlrekto Dr. Klausencr zum Opfer gefallen. Mißverständlich hat man kuier Frau die Leiche nicht ausgeliescrt. Mißverständlich h «an sie. den katholischen Gebräuchen zuwider, in aller snu verbrannt. . Es gab aber noch mehr solche Mißverständnisse Einem„bedauerlichen Versehen" aus Grund-wer Nam Verwechslung ist der Musikkritiker der-Münchner Re, Nachrichten". Dr. Willy S ch m i d. zum Opfer g Ermordet werden sollte nämlich Paul i4, malige zweite Direktor der„Münchner Neuesten Nachrnh Paul Schmidt war im letzten "is mit der politischen Polizei komm,,,arisch als zweiter "kt°r im Verlag der„Münchner Neuesten Nachr'chten em^ gesetzt worden, geriet aber infolge verschiedener l 0 in Gegensatz zu der politischen Polizei und ich e>. Ung dieses Jahres aus dem Unternehmen wieder aus. Es kann» aber sein, daß auch dieser Schmidt gar nicht ge- meint war. Es soll nämlich in München noch etnen«,- b-lm Schmidt-gegeben haben. SA-Gr^pnsührer°- m die Nöhm-Nevoltc verwickelt gewesen sei und schney. am 30. Juni in Stadelham erschossen wurde.•. ®le Beisetzung . Die Basler„National-Zeitung" berichtet:„Am letzten Frei- ,ag abend fand in München die Bestattung des Musiksmrifl- Uellers und Redakteurs Dr. Willi Tchmid statt, eines Man- ves. der in weiten Kreisen als Theater- und Konzerlrelerenl der„Münchner Neuesten Nachrichten" geschätzt und beliebt mar. Bon Dr. Schmid hatte man aus den Zeitungen ersah- ren, daß er durch einen Unglücksfall aus dem^rbe «eichieden war. Aber erst aus der Trauerrede des Pfarrers anläßlich der Beisetzung des Verstorbenen hörte man. welcher Art der Unglücksfall war. durch den Dr. Tchm.d sein Leben einbüßte. Dr. Tchmid ist das Opfer e'ner fatalen V er- ^ echI e l unq der Exekutionsorgan ed es M u n» ?>°.ner Standgerichtes geworben! Tie Kopf- ^f'llkeit, mit der hier vorgegangen wurde, ist umso erstaun- lscher, wenn man vernimmt, daß der gesuchte Obergruppen fuhrer Tchmid bereits drei Stunden vor b^er Er- tchteßung Dr. Schmjds»isLXßta war! Um Dr. Schmid trauert eine Witwe mit drei Kindern, von denen das jüngste ein Jahr alt ist. Das fatale Vorkomm- nis wurde in der Presse als Unglücksfall bezeichnet, und sogar die„Münchner Neuesten", das Leibblatt Schmids, schwiegen über den wahrhaften Hintergrund ihres Mitarbeiterverlustes. Trotzdem sickerte die Wahrheit durch..." Friedrich Bede Zu den Ermordeten in München gehört, wie wir schon kurz berichteten, auch Dr. Friedrich Beck, der Direktor des Studentenhauses München und des Deutschen Akademi- schen Austauschbienstes München. Becks Lebenswerk war die sozialstudentische Arbeit. Er war während des Krieges der Gründer des deutschen Landesverbandes der Europäischen Studentenhilfe, der sich später zum großen Deutschen Stu- dentenwerk umwandelte. Dem entscheidenden Einfluß.Becks, des strengen Katholiken, war es zuzuschreiben, daß diese wirtschaftliche Selbsthilfeorganisation für deutsche Studenten von allem Anfang an auf überkonfessioneller Grundlage er- richtet wurde. Als Vertreter des Deutschen Stubentenwcr- kes war Beck Vorstandsmitglied und in den letzten Jahren noch Vorsitzender des sozialstudentischen Ausschusses des Weltstudentenwerkes. In dieser internationalen Körperschaft wurde seine reiche Erfahrung und sein kluger Rat hoch ge- schätzt. Er vertrat die Interessen seiner deutschen Organi- sation und des Deutschtums überhaupt in einer äußerst an- genehmen und erfolgreichen Weise. Bielen jungen auslän- dischen Studenten erschloß er Deutschland. Seine ihm liebste Arbeit aber leistete Beck in München. Mit ganzer Seele hing er am Studentenhaus, im Wesentlichen sein Werk. Lagen die Gründe für seine Ermordung in der Tatsache, daß Beck intensiv die internationalen studentischen Bezie- Hungen pflegte? War es seine intensive Arbeit im katholischen Organisationsleben? Man weiß nichts darüber. Beck, ein stets Gütiger und Hilfsbereiter, besaß keine Feinde. Das sture akademische Braunhemdentum hat allerdings seine auf Ausgleich gerichtete Arbeit unter der Studentenschast heftig bekämpft. Mußte darum Beck ermordet werden? War es auch nur ein„Mißverständnis"? Hitler-Deutschland wird die Wahr- heit nicht sagen. Aber einmal wird sie sich, verbunden mit dem jxoAtu aifäi&vaibL Mua Weg batzneu.- Das blusige Ende James Gerard prophezeit die Ermordung Hitlers Neuyork, 12. Juli. Gestern abend sprach anläßlich eines Banquetts der ehemalige amerikanische Botschafter in Berlin, JamesGerard. Er prophezeite die Ermordung Hit» lers. Gerard führte aus, Hitler lebte vom Schwerte und werde durch das Schwert fallen. Es hänge nur an einem Faden über seinem Haupte. Der Mörder werde sich an ihm für die zahlreichen Morde rächen, die gerade jetzt in Deutsch- land begangen worden sind. Die ungelöste Krise Papen und Eitz von Rübenach Berlin, 12. Juli. Wie United Preß aus guter Quelle er- fährt, wirb Vizekanzler Papen sich in den nächsten Tagen zum Reichspräsidenten nach Neudcck begeben und dann wahr- scheinlich eine Reise nach der Schweiz antreten, wo er mehrere Wochen verbringen dürfte. Es gilt als sicher, daß er nach seiner Rückkehr das Bizekanzleramt nicht mehr aus» üben wird. Auch der Rücktritt des Reichsministers Eitz von Rübenach, in dessen Ministerium Ministerialdirektor Klau- sener am 30. Juni erschossen wurde, erscheint als so gut wie sicher. Diisferberg Ist der Präsidentschaftskandidat im Konzentrationslager? Berlin, 12. Juli. Immer bestimmter wird behauptet, daß der frühere zweite Bundesvorsitzende des„Stahlhelms", Oberst Düsterberg, in ein Konzentrationslager gebracht wor- den sei. Ein amtliches Dementi liegt bisher nicht vor. Düsterberg war bei den letzten Reichspräsidentschafts-Wah- len Kandidat der Deutschnationalen. Ein anderer Präsident- schaftskandidat, Ernst Thälmann, sitzt seit 16 Monaten im Gefängnis, ist schwer mißhandelt worden und erwartet seinen Prozeß. Ein dritter Präsidentschaftskandidat, Otto Braun, lebt als Emigrant in der Schweiz. * Paris, 12. Juli. Die Verhaftung Düsterbergs wird in einer Havas-Melbung bestätigt. Anno 17 Schlangestehen Berlin, 12. Juli. Die Kartoffelknappheit hält noch immer an. Auf den Märkten und vor Geschäften steht man lange Reihen von Frauen, die auf ihre Ration an Kartoffeln war- ten. Die Behörden lassen erklären, daß der Mangel in weni- gen Tagen behoben sein werde, aber sie begegnen allgemei- nem Mißtrauen, zumal auch Fett seit Wochen knapp ist. Rimlos unerwünscht Eine Teilauslage des„Illustrierten Beobachters", der gro- ßen offiziellen illustrierten Zeitschrift des Regimes, wurde wegen des Abdrucks unerwünschter Fotos über die Hinrichtungen beschlagnahmt. Eiughuiie gesprengt Attentat in Swinemünde Wien, 12. Juli. Aus Berlin wird der„Reichspost" gemeldet, daß in der Nacht zum Mittwoch die Flughalle von Swine- münde durch ein Attentat in die Lust gesprengt worden sei. Die zwölf darin befindlichen Flugzeuge seien vernichtet worden. Antisemiten werden eingesperrt in Polen Warschau, 12. Juli. Die polnischen Behörden haben soeben die Auslösung der nationalradikalen Partei angeordnet, die vor allem durch ihren scharfen Antisemitismus sich auszeichnet. Als offizieller Grund für diese Maßnahme wird angegeben, die Partei bedrohe die öffentliche Ordnung. Ferner wird gemeldet, daß Mitglieder dieser Partei ebens» wie 130 Ukrainer und 40 Kommunisten in einem neuerdings in Bereza Kartuska in Polen errichteten Äonzentrations- jntWlizrt svYsdeK iei$u. v J.VW ---.V, fc..w» , A. r V Die„Wirtschaft" siegt Der Nationalsozialist Keßlt DNB. Berlin, 11. Juli. Der Reichswirtschaftsminister hat den bisherigen Führer der Wirtschast, Generaldirektor Philipp Keßler, von seinem Posten als Führer der Wirtschast mit sofortiger Wirkung abbcrusen. Bis zur end- gültigen Reglnng ist der stellvertretende Führer der Wirtschast Gras v. d. Goltz mit der alleinigen Wahr- nchmung der Führung der Geschäfte beauftragt worden. * Das offizielle Nachrichtenbüro deutet mit keinem Wort an, ivorauf die plötzliche Abberufung des Neichswirtschasts- sührers zurückzuführen ist. Zweifellos handelt es sich um die Lösung eines tiesgehenden Konfliktes in der Wirtschaft- sührung des„dritten Reiches". Es hat großes Aufsehen er- regt, daß Rcichsivirtschastsminister Schmitt einige Tage vor der Blutnacht„krankheitshalber" aus Urlaub ging. Mit Recht vermutete man eine tiefgehende Verstimmung zwischen ihm und den maßgebenden nationalsozialistischen WirtschaftsfttHrern. Nur so ist auch die in den letzten Tagen herausgekommene Meldung zu verstehen, daß Neichswirt- schaftsminister Schmitt nicht zurückkehren werde, sondern durch den Leiter der Hago von Nintelcn ersetzt werde. Gegenspieler des RelchswirtschaftsministerS Schmitt war der Reichswlrtschaftsführer Keßler. Die Niederschlagung der „zweiten Revolution" mußte die Position des Dr. Schmitt stärken. Hitler erschien unmittelbar nach den blutigen Tagen bei Schmitt am„Krankenlager". Schmitt hatte ge- siegt. Keßler muß das Feld räumen. Worum sachlich der Streit gegangen ist, läßt sich mit Sicherheit noch nicht sagen. Das Eingeständnis Die„Frankfurter Zeitung" schreibt: Zu den Gründen der Abberufung wird man sagen können, daß das erforderliche Vertrauensverhältnis zu dem überge- ordneten Ministerium nicht mehr bestand, so daß die Zu- sammcnarbeit gefährdet war. Herr Keßler ent- wickelte eine gewisse Selbständigkeit in der Wirtschaftspolitik, die der Grundlinie der Reichsregierung nicht entsprach. Wie es scheint, hat er es auch nicht immer verstanden, die jetzt mehr als sonst notwendige geistige Unabhängigkeit zu bewahren. »er vrek marschier!... Das Deutsche Nachrichten-Büro verbreitet folgende Meldung: Berlin, 11. Juli. Obwohl der Reichswirtschastsminister bereits in mehreren Verlautbarungen vor unberechtigten Preiserhöhungen nachdrücklich gewarnt hat. find in letzter Zeit doch erneut Klagen über Preiserhöhungen in einigen Wirtschaftszweigen laut geworden. Diese Fälle werden zur Zeit nachgeprüst. Sollte sich erweisen, daß unberechtigte Preissteigerungen vorgenommen wurdcn, so wird mit aller Strenge eingegriffen. Solche offiziellen Meldungen können nicht als Greuel- märchen geweitet werden. Wie schlimm muß es in der Wirt- schaft des„dritten Reiches" aussehen, wenn der allmächtige Staat sich zu solchen Verordnungen gezwungen sieht. „Juden nicht erwünscht" Wie uns aus Kissingen geschrieben wird, ist dort kürz- lich durch Anschlag bekanntgegeben worden, daß der Besuch des städtischen Schwimm-, Luft- und Sonnen- bades durch Juden nicht erwünscht sei. kr redet and sagt nichts interview mit einem Amerikaner Neunork, 12. Juli. Der„New Bork Herald" veröffentlicht heute morgen ein Interview, das Reichskanzler Hitler am letzten Freitag Pros. Alfred I. Pearson von der Universität in Des Maines(Iowa» und ehemaligen amerikanischen Ge- sandten in Polen und Finnland gewährt hat. Dieses Jntcr- view findet deshalb besonderes Interesse, weil eS das erstemal ist, daß der Reichskazler sich nach den Ereignissen vom 80. Juni öffentlich geäußert hat. Nach den Ereignissen befragt, sagte der Reichskanzler: „Seit einigen Monaten bestanden Meinungsverschiedenheiten innerhalb unserer Reihen. Menschen, zu denen ich das größte Vertrauen hatte, sind als Verräter entlarvt. Diese Leute, die die höchsten Aemter in der Regierung bekleideten, haben ein Komplott zn dem Zweck geschmiedet, um diese Re- gierung zu sprengen. Ich hatte keine Wahl. Um meinem Eid treu zu sein und das Vertrauen meines Volkes zu behalten, dem ich verantwortlich bin, hatte ich nur eine Wahl, nämlich die Verbrecher zn bannen, so zu behandeln, damit fie nicht Schaden anrichten und so das deutsche Volk z« retten vor dem Schrecken eines Bürgerkrieges, der zn einem Chaos geführt hätte, nicht nur für Deutschland, sondern auch sür ganz Europa. Da» hängt mit Deutschlands geographischer Lage zusammen. Ich mußte schnell und hart handeln. Natürlich mußte ich mir dadurch die schärfste Kritik von verschiedenen Seiten zuziehen. Ich wünsche nur, daß diejenigen, die geneigt sind, mir meine Handlungen vorzuwerfen, ihr Urteil wohl aussparen möchten bis zu dem Zeitpunkt, wo sie genau wisien, wa« eigentlich los gewesen ist. Meiner Ansicht nach ivar es meine erste Pflicht, das Leben einiger Verräter zu opfern, die aus rein persönlichem Ehrgeiz und aus Machthunger handelten, che ich das Land den Qualen eines Bürgerkrieges zur Beute überließ, bei dem Hunderte von unschuldigen Menschen ge- opfert werden mußten." Als der Interviewer Richtlinien der deutschen dann den Kanzler nach den neuen Politik fragte, erklärte Hitler, die deutsche Politik«verde sich in keiner Weise ändern. Sic werde weder eine Rechts- noch eine Linkstendenz einnehmen. Die Regierung werde weiter den Weg verfolgen, den sie bisher gegangen sei... Pas Neueste Die Hitzewelle in Frankreich hat am Mittwoch ihre» Höhepunkt mit 81 Grad im Schatten erreicht. Zugleich ist in PariS auch der Rekord des Wasserverbrauchs gebrochen worden. Nicht weniger als 8kl«00 Kubikmeter Trinkwafier wurden am Mittwoch»erbraucht. In der Seine treiben Tau- sende und Abertausende toter Fische. Man vermutet, daß das Massensterben aus den Mangel an Sauerstoff in dem sehr warmen Waffer zurückzuführen ist. In Ln o n tötete ein dreijähriger Junge seine drei Monate alte Schwester, indem er ihr während der Abwesenheit der Eltern den Schädel einschlug. Der deutsche Gesandte in Mexiko hat im Außenministe- rium nachdrücklich gegen dicdeutschseindlichenKund- gedungen mexikanischer Kommunisten protestiert.— Man sieht, das„dritte Reich" erobert fich überall Sympathien, Der französische Kriegsmarine mini st er Pte- t r i, der mit Außenminister B a r t h o u nach London gereist war, um mit den zuständigen englischen Stellen über die Borbereitung der Flottenkonscrenz zu verhandeln, fährt am heutigen Donnerstag nach Paris zurück. Der Londoner Von» derberichterstatter des„Matin" erklärt, daß man noch nicht über die Frage schlüffig geworden sei, ob Deutschland zu den Borbesprechungen eingeladen werden solle oder nicht. Abortus in der sdiweiz Aus dem neuen Strafrecht Im Zuge der Beratungen über das einheitliche gesamt schweizerische Strafgesetz, das an die Stelle der gegen- wärtig geltenden 22 kantonalen Strafgesetze treten soll, hat der Nationalrat folgende Fassung der vielumstrtttenen Paragrasen angenommen: 1. Eine Abtreibung im Sinne dieses Gesetzes liegt nicht vor, wenn die Schwangerschaft mit{christlicher-s"' 1' 1"" mung der Schwangeren durch Handlungen unterbrochen wird, die ein patentierter Art nach Einholung eines von einem zweiten patentierten Arzt erstatteten Gutachtens vorgenommen hat, um eine nicht anders abwendbare Lebensgesahr oder große Gefahr dauernden schweren Schadens an der Gesundheit von der Schwangeren abzu- wenden.. Ist die Schwangere nicht urteilsfähig, so ist die schritt* liche Zustimmung ihres gesetzlichen Vertreters erforderlich. 2. Die Bestimmungen über den Notstand jArtikel 88 Ziffer 2 Absatz 1) bleiben vorbehalten, soweit anders ab- wendbare Lebensgefahr oder Gefahr dauernden schweren Schadens an der Gesundheit der Schwangeren besteht und die Unterbrechung der Schwangerschaft durch einen paten- tierten Arzt vorgenomemn wird. Der Arzt hat in solchen Fällen immer 24 Stunden nach dem Eingriff Anzeige an die zuständige Behörde de» Kantons, in welchem der Eingriff erfolgte, zu erstatten. 8. In den Fällen, in denen die Unterbrechung der Schwangerschaft wegen einer anderen schweren Notlage der Schwangeren erfolgt, mildert der Richter die Strafe nach ireiem Ermessen«Artikel 681. Artikel 107 bis. Der Arzt, der bei einer von ihm gemäß Artikel 107 Ziffer 2 vorgenommenen Unterbrechung der Schwangerschaft die vorgeschriebene Anzeige an die zu- ständige Behörde unterläßt, wird mit Hast oder mit Buhe bestraft." Diese Bestimmungen treten aber erst in Kraft, bis das gesamte neue Strafgesetz angenommen ist. Getreue Freunde, Nndibarn... „Hakenkreuzbanner", Mannheim, berichtet: Das nationale Gefühl ist oft gar nicht so stark ausgeprägt, o nein! Wenn eine abfällige Bemerkung über die heutige Regierung da und bort fällt, so ist man nicht empört und läuft zur Polizei, wenn nichts anderes Hilst. Vorerst berührt einen das gar nicht. Erst wenn einen der andere an den Wagen gefahren ist, denkt man an Revanche und erinnert sich plötzlich einer Bemerkung, die vor soundsovielen Monaten gefallen sein soll. Man muß sich immer wieder fragen: Warum denn nicht gleich? To liegen auch die Dinge im Prozeß gegen die 10 Jahre alte verheiratete Josefa L. aus Triberg, die in der Wohnung der Nachbarsleute Sch. im Herbst 1083(?» gesagt haben soll, Göring habe den Reichstag angesteckt. Frau L. ist Kommunistin gewesen, war auch in den Stadt- rat gewählt worden, will aber schon ein Jahr vor der nationalen Erhebung aus der Partei ausgeschieden sein. Auch bei der Roten Hilse ist sie Mitglied gewesen. D i e Aeuße- xung getan zu haben, bestreitet sie. Das Ehepaar Sch. bleibt vor Gericht bei seinen Aussagen. Ihre weitern Angaben, daß Frau L. auch über das WHW. Aeußcrungen getan haben soll, widersprechen den Aussagen de« Blockwarts in Trtberg. der von Frau L.(selbst in ärmlichen Verhältnissen lebend» bei allen Sammlungen ein Tcherslein erhält, ohne daß sie. im Gegensatz zu vielen anderen der Gegend, schimpft. Da» Sondergericht verurteilte Frau L. zu fünf Mo- naten Gefängnis, wobei berücksichtigt wurde, daß die Bemerkung nicht in der Oeffrntlichkeit ge- fallen ist. Ter Antrag des Staatsanwalts lautete auf 10 Monate. * Ein französisches Militärflugzeug, in de« ausser dem Führer noch ein Beobachter Platz genommen hatte, ist in der Nähe von Etampe» abgestürzt. Während der Führer mit leichten Verletzungen davonkam, wurde der Be- obachter ans der Stelle getötet. Für den Nclamllnhalt veroniivorlltch: Johann Vl| In Sud« tot!!«: für Inserate: Cito Kuhn tn Saarbrücken Roiationddruck und Verlag: Verlag der Volksslimme AmbH„ Saarbrücken«, Echützensirahe».— Schließfach 77« Saarbrücken. Ehrldi Pliihsams Tod Das Deutsche Nachrichten-Büro verbreitet folgende Meldung: Der linksradikale Schriftsteller Erich Mühsam hat seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht. Mühsam, ein geborener Berliner, stand im 57. Lebensjahre und wurde 1010 zu 13 Jahren Festung verurteilt, 1021 aber begnadigt. Nun haben sie ihn in den Tod getrieben, den Sänger und Dichter der Boheme, den sozialen Ankläger, den Friedens- bekenner. Erich Mühsam liegt erschlage» auf der Walstatt neben seinen unzähligen Brüder», die er in seine Lieder eingeschlossen hatte, bis ihn die Büttel Hitlers zuerst ins Gefängnis und dann ins Konzentrationslager schleppten. Welches Martyrium der kleine und schwächliche Mann hier erleiden mußte, blieb nicht ganz verborgen. Sie haben ihn getreten und geschlagen, verhöhnt und erniedrigt, sie haben hin zu Arbeiten im Sumpf gezwungen und zum Exerzieren kommandiert. Es ist ein Wunder, daß er den Peinigungen nicht längst erlegen ist. Nur eine unbezähm- bare Willenskraft im Widerstände hat ihn ausrecht erhalten. Aber nun ging eS wohl nicht mehr länger. Bielleicht kommt die Stunde, in der man erfährt, warum er sich den Tob gab. Wenn es überhaupt wahr ist, daß er Selbstmord ver- übte! Wenn sie ihn nicht im Verlauf des großen Moldens gewaltsam niederlegten, in feigem Mord, in dem die braunen Henker groß, bewährt und unerreicht sind! Das amtliche Nachrichtenbüro verschweigt, daß sich Erich Mühsam im Konzentrationslager befand, als er starb. Das ist ver- dächtig. Noch vor ihren Opfern pflanzen sie die Heuchelei auf. Wir rufen: Mord! In der gesamten Kulturwelt wird sich die Abscheu vor dem Mörberlande, zu dem Hitler und die Seinen Deutschland erniedrigt haben, noch verstärken und neue leidenschaftliche Proteste hervorrufen. « Die Nachricht vom Tode Erich Mühsams hat unter seinen zahlreichen Freunden ungeheure Bestürzung und Trauer hervorgerufen. Keiner glaubt, daß Mühsam Selbstmord verübt hat. Er hatte um so weniger Grund dazu, als er mit tiefster innerer Spannung auf die ersten Zeichen der Wende gewartet hatte. Die Zeichen aber waren jetzt da! Alles spricht dafür, daß er im Verlaus der„Aktion" gemordet wurde. Und nun fürchten die Freunde um so mehr um Ossietzky, der körperlich erledigt, aber seelisch ungebrochen noch im Konzen- trationslager ist... * Erich Mühsam, geborener Berliner, ist 56 Jahre alt geworden. Dichter, Kabarettist, Rezitator, ans dem Podium ein- drucksvoll mit seinem dunklen Vollbart und der wilden Kühn- Heit seiner Sprache: so kannte man ihn schon vor dem Kriege. Ein Edelbohemien und Edelanarchist, radikal und revolu- tionär, oft in Konflikt mit Polizei und Gerichten. Er besaß das Herz eines guten Jungen, der es eigentlich gar nicht so schlimm meinte, und mit dem man am Wirtsstubentisch über Gott und die Welt plaudern konnte. Bekannt wurde er durch seine Beteiligung an der M ü n- ch e n e r Räterepublik im Jahre 1010. Für diese Betei- ligung erhielt er wegen Hochverrats im Juli 1010 eine Strafe von 13 Jahren Fcstungshast, deren weitere Verbühung in Niederschönenield ihm aber im Frühjahr 1023 erlassen wurde. Im Grunde aber war er ein unpolitischer Mann. Er lebte im Bezirk der Literatur, wo er freilich die Wände einriß und die Spießerseele erzittern machte. Die Spießer in braun, die Pseudorevolutionäre des„dritten Reiches", haben ihn ge- mordet, weil er ihnen oder ihren Vätern die Faust vor den Bauch gestoßen hatte. Noch in ihrer Gewalt erschien er ihnen gefährlich. An die Soldaten von Erich Mühsam Sauft, Soldaten! Daß das Blut heißer durch die Adern rinnt! Saufen macht zum Sterben Mo Sauft! Die Zeit der Heldentaten fordert sastige Teufelsbraten. Sauft! Der heilig« Krieg beginnt. Sauft und betet! Gott erhört liebevoll der Gläubigen Ruf. Wünscht, daß er den Feind zerstört! Wenn ihr über Leichen tretet. Dankt dem Herrn, zu dem ihr flehte daß er euch zu Mördern schuf. Feindeskissen bettet weich. Wo des Feindes Witwe weint, ist des Siegers Himmelreich. Fremde Weiber— Leckerbissen— Schnaps. Gebet und kein Gewissen— Krieg ist Krieg und Feind ist Feind Tapfrer Krieger, der vergißt, daß ein Her, im Leibe schlägt, daß er Mensch gewesen ist, eh' er Kämpfer war und Sieger. Edler Held, der gleich dem Tiger blutige Beute heimwärts trägt! Helbenscharen kehrt ihr heim, fielt ihr nicht in Feinde, Land. In der Brust den Todeskeim, Krüppel mit gebleichten Haaren sucht, wo eure Stätten waren im zerwühlten Vaterland. Qual und Lasten sind der Dank. Weib und Kind in bittrer Not. Euer Heldentum versank. Darben lernt ihr nun und fasten Bettelnd mit dem Leierkasten winselt ihr ums Gnadenbrot. Frankreich und Deutschland Die Wirkung der Heß-Rede . Vorgeschickt von seinem„Führer", der in der Einsamkeit über die befohlene Ermordung seiner Freunde und ihre Be- gründung vor seinen Reichstagspalabinen nachsinnt, hat der Herr Stellvertreter am vergangenen Sonntag eine merk- würdige Rede gehalten. Er appellierte an Frontkämpfer- «esinnung hüben und drüben. Er pries den Frieden und die Friedensgesinnung, die er ebenso sorgfältig wie gehässig von verweichlichtem Pazifismus unterschied. Zwei Tage, nachdem die deutsche Presse Frankreich wegen seiner angeblichen Be- Ziehungen zu Schleicher auf Anordnung des Propaganda- Ministers heftig angegriffen hatte, sprach Hetz betörend von Einigkeit und Verständigungsbereitschaft. Die Rede zeigte zweierlei: wie isoliert sich die Hitler-Regie- rung fühlt und zugleich, datz ihr infolge ihrer politischen, rechtlichen und moralische» Isolierung jedes Fingerspitzen- gefühl für die Denkweise der anderen Völker fehlt. Sie gab der Presse Frankreich nur ein Stichwort: Ihr seid durch- schaut! Wir glauben euch nicht! Ja, die Rede von Rudolf Hetz wurde zum unmittelbaren Anstoß zur verschärften Anklage gegen das„dritte Reich". . Geben wir einige Stimmen wieder: An leitender Stelle äußert sich der„T e m p s". der der französischen Regierung sehr nahe steht. Das Blatt meint. Hetz, der nicht wie Hitler, Göring und Goebbels durch die Vorgänge des 80. Juni belastet sei lWir sind anderer Mei- vung. Red. der„D. Fr."), habe die Aufgabe gehabt, nach Möglichkeit das Vertrauen des deutschen Volkes in den Nationalsozialismus zurückzugewinnen. Deutschlands sinan- zieller Bankrott, der übrigens betrügerischen Charakter habe, springe allen in die Augen. Seine wirtschaftlichen Nöte seien eine Tatsache,' die politische Verwirrung, in der sich das Reich befinde, gestatte niemanden, sich noch über die tatsächliche Lage im„dritten Reich" zu täuschen. Dentschland lebe in Unord- nung und Schrecken. Der wichtigste Absatz in der Rede sei der Appell des Reichs- Ministers an Frankreich gewesen. Frankreich habe die Eini- gung mit Deutschland immer gewollt. Die Königsberg«! Rede zeige in gewissem Ausmatze neue Tendenzen der Reichspolitik. Man müsse sehen, wie die Worte sich in T a t e n umsetzen würden... Das ist zart und vorsichtig ausgebrückt. Schärfer ist der vielgelescne„I n t r a n s i g e a n t", der nicht weniger als der „Temps" die Auffassung maßgeblicher Regierungskreise rviedergilbt. Die ehemaligen Kriegsteilnehmer, so schreibt das Blatt, seien gern bereit, di« Hand zu ergreifen, von der Hetz gesprochen habe. Aber leider dürfe man nicht vergessen, daß Sie Franzosen zu oft die geschlossene und brutale Faust der Deutschen kennen gelernt hätten. Deutschland sei sich ja immer gleich geblieben. Wie plötzlich seien doch die blutigen Ereig- Visse des 30. Juni hereingebrochen, genau so plötzlich und so brutal sei es 1314 zum Kriege gekommen. Man denke nur an die blutigen Ereignisse in der Pfalz im Jahre 1930, an die Nacht von Kaiserslautern! Ueberall beobachte man dasselbe Charakteristikum: das schnelle Tempo der Handlung, die Bru- talität der ausgeteilten Schläge. liebertrage man die Tätig- keit, die die innerdeutsche Polizei in der Nacht des 30. Juni ausgeübt habe, auf den Plan einer Tätigkeit der äußeren Polizei, d. h. aus den Kriegsfall, dann habe man das traurige und schreckliche Schema für einen neuen Konflikt. Die beste Friedenssormel sei die, den Angreifer zu entmutigen, wenn er weiß, datz er riskiert, im Herzen des alten Deutschland abgewehrt zu werden. Das beste Mittel, die Deutschen zu hindern, London zu überfallen, sei, sie an einem Uebersall von Paris zu hindern und umgekehrt. Daran müsse man denken, so lange eS noch Zeit ist.... Immer wieder zeigen diese Stimmen das nicht zu über- brückende Mißtrauen. Sie stützen sich dabei als? keineswegs auf die heroischen Gesten der Kriegsverherrlicher und der Wehrwillensmänner im Hitlerreiche. Man erkennt vielmehr in Frankreich sehr tief die Zusammenhänge zwischen der innerpolitischen Verzweiflung Hitler-Deutschlands und feiner neuen Außenpolitik. Wenn man im Innern am Ende des Lateins ist. mit Vertrauensschwund, verstärktem sozialem Druck und der Brot- und Fleischkarte im Hintergrunde: dann will man wenigstens nach autzen„rein" dastehen. In einer solchen Lage, so sagt Gallus im„Jntransigeant", will Hitler sagen können, er habe ein Freundschaftsbündnis angeboten. Wenn die anderen nicht wollten— nun, so sei es nicht seine Schuld. Aber am stärksten bricht doch in Frankreich immer wieder der innerliche Gegensatz zur herrschenden deutschen Anschau- ung durch. Politik hat an sich keineswegs etwas mit Moral zu tun. Aber der„mittlere" Franzose, der die Idee der Menschenrechte nicht preisgibt, begreift nie, daß ein„Führer" mitten im Frieden das Recht haben soll, nach Kriegsrecht „Meuterer" ohne Anklage und Urteil niederzuschießen. Er wird nie verstehen, datz eine Regierung über ihre Motive wochenlang schweigt, und er versteht noch weniger, datz die Presse von den Opfern des staatlich befohlenen Gewaltaktes nichts schreiben darf. Hier ist ein breiter Trennungsgraben da. Er ist geschaffen durch einen grundsätzlich verschiedenen Begriff von Recht und der Einschätzung deS lebendigen Menschen. Darum„versteht" der Franzose die deutschen Gewalthaber nicht und auch nicht das deutsche Volk, das sie sich gefallen läßt. Aber wenn schließlich Hetz noch leidlich ernst genommen wurde: Zwei Tage später ist der kleine Polterer Goeb- bels mit dem Rutenbündel gekommen und hat den bösen Pressebuben wild über die Grenze gedroht. Soweit man nicht lachte, hat man in seiner Rede nur gesehen, datz es vergeb- liche Liebesmühe ist. Man ist zu höflich, um„Pfui Teufel" zu sagen. Aber man sagt: welche Dummheit! Blind war der Hetz, aber zerstörerisch Goebbels, für den Mord kein Mord mehr ist. wenn er sich nur„ordnungsgemäß" vollzieht. Frankreich mag nicht so ordentlich sein. Aber seine besten Geister möchten lieber in Cayenne leben, als unter der Propaganda des Herrp Goebbels. Niehl Herr seiner Nerven Goebbels-Rede in der Auslandspresse Am Sonntag hielt Hetz in Königsberg eine Friedensrede, um die Londoner Besprechungen Barthous zu beeinflussen. Und gestern abend blies Goebbels in die Trompete. Wenn uns die Krise des Hitlerrcgimes seit dem 30. Juni noch irgendwie zweifelhast gewesen wäre, das Gepolter von gestern abend hätte uns eines besseren belehrt. Noch niemals hat man aus dem Munde eines verantwortlichen Reichs- Ministers solch unsinnige Worte vernommen. Die Rede des Dr. Goebbels verriet einen Mann, der nicht Herr seiner Nerven ist. Sie müssen diese Rede kennen. Sie werden hören, datz der Tag des 30. Juni einer jener frohbeschwingten, heiteren Tage war, Ivo nichts Böses existiert, wo die Lebensfreude die Herzen überflutet, wo alles dem Schöpser. Verzeihung, ich wollte sagen dem„Führer", Hallelujah singt. Und während aus dem gesamten„dritten Reich" Freude, Dankbarkeit und Begeisterung dem Führer zuflog, erlauben sich diese Kerle von Auslandsjournalisten, den Freudentag Deutschlands so hinzustellen, datz die naiven Leser zu dem Glauben kommen mutzten, an diesem Tage seien in Deutsch- land verabscheuungswürdige Taten geschehen. Gott sei gelobt, datz wir im„dritten Reich" von dieser Pest befreit sind. Danken wir dem Schicksal, datz wir diese Journaille aus- rotten konnten, sagt Dr. Goebbels. Nur um diesen Preis haben wir unseren inneren Frieden gesunden, meint der Minister. Innerer Frieden? Halt, warum dann dieses„Komplott". Warum diese Unterdrückungsmatznahmen, warum diese Ber- brechen? Wenn man stolz sein darf, in einem freien Lande den Journalistenbernf ausüben zu können, so bestimmt nach Anhören der wutschäumenden Rede des Dr. Goebbels. Diese Rede beweist uns, auf welch ticfeS Niveau ein Mensch sinken kann, der von niemandem kontrolliert wird, nicht einmal von sich selbst. Die Rede Hetz, die Rede Goebbels! Kennen Sic sich noch aus? Vorgestern Friedenslächeln, gestern geballte Faust! Glauben Sie wirklich, datz es möglich wäre, mit solchen Typen eine vernünftige Verständigungspolitik zu machen?" „Le Journal": „Wir haben eine Rede des Herrn Dr. Goebbels gehört, dessen Erklärungen während der ganzen Nacht in allen Sprachen der Welt über alle Kontinente bis nach Asien ver- breitet wurden. Während dreitzig Minuten hat der Reichs- propagandaminister die Auslandskorrespondenten in Berlin als Lügner und hätzliche Verleumder beschimpft. Warum? Weil nach der Meinung des Herrn Goebbels die Weltpresse nicht an die iamose Verschwörung glaubte, die nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt in den furchtbarsten Abgrund gerissen hätte, wenn, ja wenn Hitler nicht so resolut eingeschritten märe, wie Goebbels liebenswürdigerweise be- merkte. Herr Goebbels hat einzelne Irrtümer in der Presse auf- gezeigt, hat seine Ausführungen aber durchaus negativ ge- halten. Er hat sich entschieden geweigert, endlich dem Wunich der Weltöffentlichkeit nachzukommen und die schon längst reklamierte genaue Liste der Todesopfer bekanntzugeben. In dem Punkte hat Goebbxls eisige? Stillschweigen gewahrt. Herrn Goebbels Uebelheifen „Werfen Sie alle ausländischen Journalisten hinaus!" „Herrn Goebbels Itebclfeite n", so überschreibt Galles im„Jntransigeant" seine Betrachtung der jüngsten Goebbels-Rede. Er kommt aus die Drohungen des Pro- pagandaministcrs gegen die Auslandspresse zu sprechen und meint:„Die Korrespondenten also, die sich erlauben werden, keine Loblieder ans Hitler zu singen, sollten ausgewiesen werden. Gewitz ein einfaches Mittel. Ob.aber auch gut? Es entspreche allerdings der deutschen Geistigtcit. Das Mittel habe Goebbels schon einige Male angewendet, indem er nicht- gefügige Journalisten ins Konzentrationslager gesteckt oder ausgewiesen habe. Die Berliner Presse habe sich gefügt, und Goebbels bescheinige ihr jetzt, sie habe bewiesen, datz die große Erziehungsarbeit, der der Nationalsozialismus sie unterworfen habe, nicht vergebens gewesen sei. Diese so große Erziehungsarbeit, so meint Gallus, bestände in Matz- nahmen, die sich aus Bajonette und Pistolen von vier Mann und eine», Unteroffizier gestützt hätten. Ohne es zu wissen, sei der Propagandaminister ein Humorist. Man rate»hm, alle ausländischen Berichterstatter hinauszuwerfen. Die ganze Welt werde dadurch davon unterrichtet, datz man den Nach richten werde keinen Glauben schenken können, die durch Goebbels Domestiken in die Welt hinaüsgesandt werden Alislandspresse gegen Goebbels Scharfe Entschließung vorbereitet Berlin, 12. Juli. Nachdem am Mittwoch der Vorstand des Vereins der Auslandspresse in Berlin sich mit der Goeb- belsrcdc beschäftigt hatte, ist für Freitag eine autzerordent- liche Generalversammlung der gesamten Vereinigung einbe» rufen worden. Es ist eine scharfe Entschließung vorbereitet, die sich gegen Dr. Goebbels richtet. Nur die italie- nischen und polnischen Mitglieder der Vereinigung haben gegen die Einberufung dieser Generalversammlung gestimmt. würden. Wenn er etwa französische Korrespondenten so be- handeln wolle wie die deutschen Journalisten, so sei es wohl besser, wenn er darauf verzichte." Abgelehnt- in Schweden und Norwegen Kopenhagen, 12. Juli. Laut„Ekstrabladet" hat die Leitung des dänischen Rundfunks und die Direktion des s ch w e- dischen Rundfunks das deutsche Begehren aus Verbreitung der von Dr. Goebbels am Dienstagabend gehaltenen Rede abgelehnt. Voll nnd Lamm „Gleichgewicht des Nationalsozialismus zerstört" Paris, 12. Juli. Der hochangcsehene Journalist, Chef- rcdakteur Lson Balby, nimmt in seinem Blatt, dem„Jour", unter der Ueberschrist„Immer wieder die Fabel vom„Wolf und dem Lamm" Stellung zu der Goebbels-Rede. Er meint, ivenn man die Hetz-Rede betrachte, dann werde es gauz deut- lich, datz der Nationalsozialismus in Deutschland seine ein- heitliche Linie verloren habe und hin und her schwanke: denn Goebbels tue alles, um die ausländische Presse gegen die deutsche Regierung einzunehmen, während Hetz um die Freundschaft mit dem Ausland und besonders der Franzosen werbe. Man könne nur sagen, der 30. Juni habe mit einem Schlage das Gleichgewicht zerstört, auf dem der Hitlerismus beruht habe. Das Ausland sei in seinem Recht, wenn es das feststelle, und die nationalsozialistische Propaganda habe bis- her noch kein Mittel gesunden, um dem Ausland den Mund zu stopfen. Absage der Schweiz Die schweizerische Rundspruchgesellschaft und einige ver schweizerischen Radiostudios waren ebenfalls von Berlin aus eingeladen worden, die Rede des Propagandaministers Dr. Goebbels vom Dienstagabend im schweizerischen Rundfunk zu verbreiten. Das Anerbieten wurde jedoch abgelehnt. ♦ Die Basler„National-Zeitnng" schreibt unter anderem: „Wenn der Minister am Schlüsse seiner Rede pathetisch die ganze Menschheit apostrophiert:„Ich frage die Welt, ob sie diese Methoden billigt!", so antworten wir offenherzig: nein, kein anständiger, gesitteter Mensch kann„diese Methoden" billigen, meinen aber damit nicht die aufgeregten und rat- losen Deutungs- und Erforschungsversuche der Weltpresse, die nichts als ihre in diesem Falle besonders undankbare Pflicht getan hat, sondern die Htnrichtungsmetho- den der deutschen Regierung und die sogenannte Ausklärungsmethoden des Propagandaministeriums ..Vereinsami" Neue Liebeserklärung an Frankreich Paris, 12. Juli. Der Berliner Sonderberichterstatter oeS „Paris-Soir" gibt seinen, Blatte einen Vorbericht über die Rede, die Hitler an, Freitag im Reichstag halten werde. Er werde hauptsächlich zur Außenpolitik sprechen. Man wisse heute in Berlin, datz Deutschland jede Hilfe von englischer Seite fehle. Diese Unterstützung aber sei bisher Deutschlands beste Karte im außenpolitischen Spiel gewesen. Man sei sehr entmutigt, weil Barthou zu einem großen Teil mit seiner Ausfassung in London durchgedrungen sei. Man fühle sich seit dem 30. Juni so vereinsamt, wie kaum je zuvor. Hitler werbe in recht sensationeller Form sein Freundschaftsangcbot an Frankreich erneuern. Er wolle damit seinem Volke eine Zukunftshofsnung in der jetzigen schwierigen Situation ge- ben und gleichzeitig seine diplomatische Lage verbessern. Er werde in seinem Angebot, wie man in recht gut informierten Kreisen behauptet, sehr deutlich werden, nachdem die Hetz- Rede in Königsberg einen solchen Widerhall in der Welt gefunden habe. England baut 1000 neue Flagzeige Das Weiiriislen ist im vollen Gang London, 12. Juli. Das Aufrllstungsprogramm für die eng- lische Luftslotte, das Baldwin vor der Sommertagung des Parlaments mitteilen wird, umfaßt Pressemeldungen zufolge u. a. folgende Matznahmen: Die Gleichheit der englischen Luftsahrtkräfte mit der fran- zöfischen Luftslotte soll durch ein FünsjahreSpro- g r a m m bis zum Jahre 1940 hergestellt sein. Bis zu diesem Zeitpunkt wird die englische Luftflotte etwa 43 bis 59 neue Geschwader, d. h. rund 500 neue Kriegsslugzeuge, in Dienst stellen, falls das Programm nicht durch eine Aenderung in der internationalen politischen Lage eingeschränkt wird. Die Erhöhung des englischen LustfahrthauShalts im näch- sten Jahre ivird voraussichtlich 1 Million Pfund betragen. Weitere Erhöhungen werden in den solgeiHen Jahren ein- treten. Die Luftstreitkräfte der englischen Hochseeflotte werden gleichfalls um etwa 400 bis 500 Flugzeuge verstärkt werden. Die genaue Zahl ist jedoch von dem Ergebnis der nächstjähri- gen Flottenkonferenz und davon abhängig, ob Amerika und Japan einer von England gewünschten Einschränkung ihrer Flottenluftstreitkräfte zustimmen. Etwa 12 bis 15 neue Kriegsflugplätze sollen in verschiedenen Landestcilen Englands errichtet werden, davon drei im Süden, Südosten und Osten von London und ein vierter stark geschützter Flugplatz für Bombenflugzeuge im Nordwesten der Hauptstadt. Gleichzeitig wird das Luft- fahrtministerium einen intensiven Rekrutierungsseldzug für die verstärkte Luftflotte durchführen. tt „Besonders herzlich Paris, 12. Juni. Es erscheint nur selbstverständlich, datz jetzt, nachdem Barthou aus London zurückgekehrt ist. die ge- samte französische Presse hinter das Geheimnis der Londoner Beratungszimmer zu kommen versucht und zu den Ergeb- nissew der Barthoureise Stellung nimmt. „Paris-Midi" zitiert eine Aentzerung Barthous:„Die At- mosphäre ist besonders herzlich gewesen." Das Blatt sagt, England und Frankreich erstrebten nur eines: Frieden! Beide wüßten, datz seine Verwirklichung von Deutschland abhänge. England glaube, datz Deutschland friedlich sein werde, wenn seine Forderungen erfüllt würden. Frankreich dagegen meine, von Teutschland drohe keine Kriegsgefahr, wenn das Kriegsrisiko für Deutschland zu grost sei. Locarno biete Sicherheit am Rhein, ein Ostloearno würde sie nach Frankreichs Ansicht an der Weichsel geivährleisten. lieber dieses Ostloearno habe Barthou in London freie Hand erhalten unter der Bedingung, datz England nicht an den Ostverträgcn teilnehmen und diese diplomatische Tätigkeit Frankreichs nicht auf den Widerstand Teutschlands stoßen würde. Man müsse abwarten, was Hitler am Freitag über die Außenpolitik sagen wtzrde. Die Londoner Gespräche gäben Ausschluß darüber, wie die französisch-cnglische Antwort lau- ten werde. Man werde von dem Führer verlangen, daß er den Beweis seiner Friedfertigkeit durch Teilnahm ean e i n e m O st l o c a r n o wie an jedem anderen Pakt gegen- leitlgek Hil^e erbringe. ARBEIT UMD WIRTSCHAFT Vor der deutschen „EMportschlacht" Von Jan Severin Von der Gesamtproduktion Deutschlands, die im Jahre 1933 ca. 20 Milliarden RM. betrug, entfielen damals 4,4 Milliarden RM., also etwa 22 Prozent auf den Export. Im ersten Quartal 1934 stellte sich dieser für die Rohstoffbe- schaffung und damit für die Durchführung des Rüstungsprogramms entscheidende Exportanteil nur noch auf knapp 14 Prozent. Um die Jahresmitte wird man vermutlich bei etwa 10 Prozent angelangt sein. Die einfache Betrachtung dieser kürzlich vom deutschen Arbeitsministerium angegebenen Ziffer und der Schlußfolgerungen, die sich zwingend aus ihnen ergeben, genügt, um zu verstehen, daß in wenigen Monaten gewaltige Betriebsstillegungen und noch größere Arbeiterentlassungen in Deutschland unvermeidlich sein werden, wenn es nicht auf irgend einem Wege gelingt, den Export wirksam zu heben und dadurch die Rohstoffeinfubr sicher zu stellen. Dieter Versuch wird jetft unternommen und die neue„Exportschlacht", die von der Hitler-Regierung jeQt angekündigt wurde, wird schon in sehr kurzer Zeit eine gewaltige Dumpinggefahr für die ganze internationale Konjunkturentwicklung darstellen. Bio riesige Erhöhung der Importe im ersten Halbjahr 1934 hat nicht wenig dazu beigetragen, den deutschen Außenhandel an den Rand des Abgrundes zu bringen und gleichzeitig eine fast einheitliche Front nicht nur der Gläubigerländer, sondern fast aller exportierenden Staaten gegen Deutschland aufzurichten. Auch wenn die eine oder die anders Transferverhandlung mit den Gläubigern Erfolge zeitigem sollte, wird man sich über diesen Tatbestand nicht hinwegtäuschen lassen. Die Zahlen sprechen hier eine allzu eindeutig klare Sprache. So hat Deutschland bereits im April 1934 seine Eisen-Einfuhr auf fast 76 000 Tonnen gegen ca. 14 000 Tonnen im Monatsdurchschnitt 1932 gesteigert. Die Einfuhr von Manganerzen hat sich von knapp 9000 auf fast 55 000 Tonnen, diejenige v'on Eisenerzen von 287 000 auf 731 000 Tonnen gesteigert. Unter diesen Verhältnissen ist es nicht grade merkwürdig, wenn die Times erklären, Deutschland habe„unter Benutzung nicht transferierter Gelder, die rechtmäßigerweise den Gläubigern gehörten, eine interne Inflation finanziert, die die Importe anschwellen ließ nnd gleichzeitig die Exporte erschwert habe". Das sonst so zurückhaltende englische Blatt erklärt bei dieser Gelegenheit ausdrücklich:„Das Schwergewicht des Vorwurfes ist darauf zu legen, daß die ganze Politik seit Hitlers Regierungsantritt darauf angelegt war, genau jene Unfähigkeit zu auswärtigen Zahlungen herbeizuführen, die Herr Schacht beklagt." Der Zusammenhang zwischen dem Zahlungswillen auf der einen und den Importsteigerungen auf der anderen Seite ist unleugbar vorhanden und es mag weniger aus logischen Gründen, als zur Beurteilung der ganzen augenblicklichen Geisteshaltung Deutschlands in den Fragen finanzieller und wirtschaftlicher Moral interessieren, wenn der der Regierung nahestehende„Wirtschaftsdienst" diesen einfachen Gedankengang der Times mit dem in seiner Empörung charakteristischen Satz zurückweist:„Also: um die ausländischen Gläubiger trotz ihrer Wäherungspolitik, ihrer Handelspolitik und ihrer Boykottmaßnahmen mit Renten zu füttern, soll Deutschland seine Bevölkerung weiterhin der Arbeitslosigkeit überlassen." Nachdem man also nunmehr die Zahlung von Kapital und Zinsen eingestellt hat, geht man zur„Exportschlacht" über. Es kann heute keinem Zweifel mehr unterliegen, daß die Zahlungseinstellung die wirtschaftliche und finanzielle Lage Deutschlands in der Welt nicht nur keineswegs gebessert, sondern neuerdings aufs äußerste erschwert hat. Es ist daher grade jetzt besonders interessant, sich ein Bild davon zu machen, ob denn diese„Exportschlacht" Aussicht auf ein besseres Resultat gewährt. Der Sinn des ganzen Dumpingvorstoßes soll darin liegen, zusätzlichen Export durch Schleuderpreise zu ermöglichen, um dadurch Devisen und Rohstoffe zu gewinnen, da man auf diese Weise das Arbeitsbeschaffungs- bzw. Aufrüstungsprogramm fortsetzen und die wirtschaftliche und politische Grundlage des Hitler- Regimes erhalten zu können glaubt. Bei einer näheren Nachprüfung der Herkunft der deutschen Rohstoffe zeigt es sich nun aber, daß diese ganz vorwiegend aus Ländern stammen, in denen eine Steigerung des deutschen Warenabsatzes unmöglich erscheint. So ergibt sich z. B. bei den T e x t i 1 r o h• Stoffen folgendes Bild der prozentualen Verteilung der deutschen Einfuhr der Rohmaterialen nach dem Durchschnitt der Jahre 1925 bis 1933: Lieferländer Vereinigte Staaten Brit. Empire Lateinamerika woll« 76,0 16,9 2,9 Voll, 0,5 57,7 18,5 Jut« Seid« Flachs Hanf 1,5 32,3 1,5 Zusammen 34,2 35,4 8,8 zusammen Andere Länder Frankreich, Italien, Belgien etc. 95,8% 76,7% 35,3% 78,4% 4,3% 23,3% 64,4% 21,7% Deut. Gesamteinfuhr von Text-Rohst. 100% 100% 100% 100% Zu annähernd 96 Prozent stammt also der deutsche Baum- woll import aus Ländern, mit denen die deutsche Handelsbilanz strukturell passiv ist und beim Wollimport ist dieser Anteil mindestens' 76 Prozent, in Wirklichkeit aber noch höher, denn auch die aus Frankreich und Belgien stammende Wolleinfuhr kommt schließlich aus Australien, Neuseeland und Südafrika. So besteht also bei den wichtigsten Textilrohstoffen—' bei zahlreichen Metallen, beim Kautschuk, Kolonialwaren usw. liegen die Dinge z. T. ganz ähnlich— keine Möglichkeit, durch den Export die notwendigen Einfuhrdevisen für die betreffenden Länder tu erhalten. Mit anderen Worten: Eine Steigerung der deutschen Rohstoffeinfuhr aus diesen Gläubigerländern würde keinesfalls die notwendige automatische Exportsteigerung für Deutschland hervorrufen. Eine Umlagerung der Rohstoffbezüge nach anderen Lieferländern ist bei den Textilfasern und bei vielen anderen Materialien auch völlig unmöglich, weil diese Länder gewissermaßen ein klimatisches und geographisches Monopol für die betreffenden Rohstoffe haben. Diese Länder aber sind in der Hauptsache Gläubigerländer und werden sich aller Voraussicht nach auch durch die schärfsten Vorwürfe, mit denen Deutschland sie moralisch verurteilt, wenn sie weiter darauf bestehen, sich„mit Renten füttern zu lassen", kaum davon abbringen lassen, ihr Geld zu verlangen, wenn Deutschland ihre Rohstoffe wünscht. Die neue„Exportschlacht" wird also, wie man Jetzt bei ihrem Beginn schon feststellen kann, nur den Erfolg haben, daß die durch die Zahlungsverweigerung Deutschlands hervorgerufene verständliche Mißstimmung noch weiter wächst, ohne daß man dem Ziel, durch eine neue Gefährdung des Wellhandels die Einfuhr der nötigen Rohstoffe zu erzwingen, wesentlich näher kommen kann. Im übrigen aber wird diese ganze Exportschlacht wahrscheinlich recht kurzfristig sein, denn die angehäuften Rohstoffe werden in relativ kurzer Zeit in der Form von Fertigfabrikaten zu billigen Preisen verschleudert sein. Et nähert sich also immer mehr der Zeitpunkt, an dem man in Deutschland gezwungen ist, schlechte und teuere Surrogate zu verarbeiten. Nach eigenen Angaben der maßgebenden deutschen Chemiker, Techniker und Industriellen stellt sich dieser „Ersatz" für die natürlichen Rohstoffe je nach den einzelnen Artikeln zwei- bis dreieinhalbmal so teuer, als das importierte ausländische Material. Was das aber für die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Exportwaren auf dem Weltmarkt bedeuten würde, braucht kaum näher dargelegt zu werden. Die neue Exportschlacht des Hitler-Regimes wird also an der Gewalt der Tatsachen ebenso scheitern, wie die„Arbeitsschlacht" bereits heute als gescheitert gelten kann. tiefreitfemonopol als Kriegswirtschaft Die Ernährungspolitik im„dritten Reich", die die Ernährung der Millionen Minderbemittelter nicht sicherstellt, ist durch ein neues Gesetz weitergeführt worden. Mit dem 1. Juli ist ein Gesetz zur Ordnung der Getreidewirtschaft in Kraft getreten. Es soll nicht nur der geordneten Abwicklung des neuen Getreidewirtschaftjahres dienen, sondern es soll ein Getreide-Grundgesetz sein, das auf Jahre hinaus die Voraussetzungen schafft, um den Bauern den Absatz der Ernte zu gerechten Preisen und der Bevölkerung die Versorgung mit Brot zu gewährleisten. Es handelt sich um ein Ermächtigungsgesetz für den Reichsernährungsminister, dem die Aufgabe zugewiesen wird, vorzuschreiben, welche Mengen von Weizen und Roggen die Erzeuger, Genossenschaften, Händler, sonstige Verteiler, Mühlen und sonstige Vorarbeiter zu festgesetzten Preisen abliefern, erwerben, weiterveräußern dürfen oder nicht. Diese Ermächtigung erstreckt sich darüber hinaus auch auf alle übrigen Getreidearten, insbesondere aber auch auf das Futtergetreide.— Der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft kann eine bestimmte Reichsstelle errichten und vorschreiben, daß nur durch sie Getreide und Getreideerzeugnisse in den Verkehr gebracht werden können. Zur Feststellung der Gesamtmengen an Brotgetreide, die zur Sicherung des Bedarfs für die menschliche Ernährung notwendig sind, soll das Reich in Liefergebiete eingeteilt und die entsprechende Liefermenge für Vitien Zeitraum festgestellt werden. Die Einhaltung der von dem Reichsernährungsminister zu erlassenden Anordnungen soll durch die Androhung schwerer Strafen gesichert werden. Das Gesetz ist zuerst diktiert von dem Bestreben, den getreidebauenden Agrariern einen Preis zu sichern, dessen„Angemessenheit" nach den bisherigen Erfahrungen die Ernährung von weiten Schichten der minderbemittelten Bevölkerung verteuert und zur weiteren Einschränkung des Konsums zwingt. Der Versuch einer teilweisen Planwirtschaft, der mit der Ermittlung des für die menschliche Ernährung notwendigen Bedarfs unternommen wird, muß solange scheitern, so lange Millionen von Menschen zur Unterernährung verurteilt sind, und nicht gleichzeitig unter gemein wirtschaftlichen Gesichtspunkten Maßnahmen zur Reglung der Produktion ergriffen werden. Dazu können die Nationalsozialisten bei ihrem konsequenten Festhalten an dem privatkapitalistischen Wirtschaftssystem nicht kommen. Das von Staats wegen zu errichtende Getreidemonopol hat darum auch nur die Aufgabe, die Verteilung des vorhandenen Getreides und der Getreideerzeugnisse vorzunehmen. So wenig damit die Ernährung des Volkes wirklich sichergestellt wird, so sehr ist dieses Gesetz mit dazu bestimmt, Deutschland für den möglichen Kriegsfall vorbereitet finden zu lassen. Es gleicht in der Tat den kriegswirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen viel mehr. Was vor zwanzig Jahren nach Ausbruch des Krieges überstürzt geschaffen wurde, wird jetzt schon vorher vorbereitet. Mit Sozialismus bat das nicht das geringste zu tun. DetHschlands Gold Deutschlands Goldausfuhr stellte sich in den ersten fünf Monaten 1934 nur noch auf 399,3(i. V. 560.4) Millionen RM-, während die Einfuhr in dieser Zeit auf 159,8(135,9) Mill. RM. gestiegen ist. Es verblieb somit ein Nettoverlust von 239,4 Mill. RM. gegenüber 424,5 Mill. RM. i. V, und dementsprechend sind die im Inland befindlichen Goldbestände der Reichsbank von Ende Dezember 1933 bis Ende Mai 1934 von 343,2(i. V. 762,6) Mill. auf 105,7(350,8) Mill. RM. zusammengeschmolzen. Seither ist ein weiterer Rückgang auf nur noch 48,4 Mill. eingetreten, wozu allerdings noch die im Ausland unverkauft befindlichen Vorräte von 24,1 Mill. RM. zu rechnen sind, ein an und für sich allerdings gänzlich ungenügender Bestand. Von der diesjährigen Ausfuhr von 148 247(216 071) kg entfielen 93 982(37 809) kg oder 63 Prozent auf Großbritannien, 28 429(114 920) kg auf Frankreich und 24 554(61 494) kg auf Holland, während die Schweiz mit 218(308) kg an vierter Stelle kam. Die Einfuhr stammte mit 88 Prozent oder 52 633(37 580) kg aus Rußland und mit 5297(10 041) kg aus Holland, während aus der Schweiz 223(717) kg stammten, Smrogalewlrfscliaff gefährde! deutsche Ausfuhr Die Spitzenorganisationen der deutschen Industrie haben sich in der Frage der industriellen Rohstoffbeschaffung in einer vertraulichen Eingabe an die zuständigen Reichsstellen gewendet. In dieser Eingabe besprechen sie die schwere Schädigung des Rufes der deutschen Waren, die daraus stammt, daß die Abnehmer der deutschen Waren allerorten im Ausland mit Nachrichten über Ersatzstoffe bombardiert werden, die die deutsche Industrie verarbeitet. Weiter wircl ausgeführt, daß der Ausdruck Ersatzstoffe bereits einen üblen Nachklang hat und Mitteilungen über verwendete Ersatzstoffe den guten Ruf der deutschen Industrie schädigen. Die Tatsache, daß Deutschland eine Reihe chemischer uncl metallurgischer Rohstoffe nicht mehr beziehen kann, macht sich, wie die Eingabe sagt, nunmehr in der Qualität der Erzeugnisse der deutschen Chemie und der M e t a 1 1 i n« d u s t r i e bemerkbar, die qualitativ nicht mehr auf jener Höhe seien als ehedem. Diese Erscheinung sei übrigens von ausländischen Abnehmern banstandef worden. Der Ruf dieser Erzeugnisse wird noch mehr beeinträchtigt, wenn sogar deutsche offizielle Stellen durch deutsche Blätter und Nachrichtenstellen immer von neuem Berichte verbreiten, wonach es der deutschen Industrie gelungen sei, diese oder jene Rohstoffe durch Ersatzstoffe zu ersetzen. Die Hauptkonkurrenten Deutschlands, sagt die Denkschrift weiter, benützen diese, ihnen von den deutschen Stellen mit Stolz gebotenen Nachrichten, um die Käufer deutscher Waren überall in Europa und insbesondere in den kleineren Ost- und Südoststaaten und am B a 1 k a n zu beunruhigen. Aus Rückfragen bei deutschen Unternehmungen der chemischen, elektrotechnischen und Metallbranche aus Ländern, die bisher treue Konsumenten dieser Waren waren, geht hervor, daß die Qualitäten dieser Erzeugnisse niedriger eingeschätzt werden. Die Denkschrift verlangt nun, daß alle Vorsorge getroffen werde, um der deutschen Industrie alle notwendigen Rohstoffe zur Verfügung zu stellen, da sonst die hohe Qualität der deutschen Ware nicht aufrecht erhalten werden könne. Darüber hinaus wird in der Eingabe die Unterdrük- kung solcher Nachrichten verlangt, die geeignet sind, die deutsche Industrie in den Ruf zu bringen, daß sie minderwertige Ersatzstoffe verarbeite. Das Dividenden jähr 1933 Von 234 deutschen Aktiengesellschaften, deren Kalenderjahr-Abschlüsse für 1933 bis jetzt bekannt geworden sind, und deren Aktien an der Berliner Börse notiert werden, haben 109^= 46,5 Prozent wieder keine Dividende verteilt, 44— 18,8 Prozent unveränderte Erträge gezahlt, 40— 17,1 Prozent die Dividendenzahlung wieder aufgenommen, 22= 9,4 Prozent die Dividende erhöht, 12= 5,1 Prozent die Dividende ermäßigt nnd 7=5 Prozent sie für 1933 ausfallen lassen. Auch Kunstseide knapp Zur Unterbindung ungerechtfertigter Voreindedcungen wird laut„Textilzeitung" im Einvernehmen mit dem Reicht- wirtschaftsministerium das Kunstseidesyndikat künftig nur. noch dann Aufträge ausführen, wenn die einzelnen Abneh« mer eine verbindende Erklärung über ihren Lagerbestand in Kunstseide aller Art, Stapelfaser und Stapelfasergarn abgeben. Zugleich sollen die infolge von Abschlüssen zu erwartenden Lieferungen der nächsten Monate sowie die tatsächlichen Gesamtbezüge im Jahre 1933 mitgeteilt werden. An unsere Bezieher und Leser! Wir erhalten In letzter Zeit Beschwerden darüber, daß die„Deutsche Freiheit" entweder verspätet oder auch gar nicht ankommt Wir bitten alle Beschwerdeführer, sich an ihrem Ort mit der Post oder der Bahn in Verbindung zu setzen, da von Saarbrücken aus die Zeitung nach wie vor pünktlich jeden Tag abgeht. An der Post oder Bahn des Autgabe-Ortes liegt die Verzögerung nicht, davon konnten wir uns überzeugen. Verlag der„Deufschen Freiheit" Die Zersetzung der deutsdien Diktatur Von Dr. Ridiard Hern Schneller als man erwarten konnte, vollzieht sich die Zersetzung der deutschen Diktatur. Noch kennt man nicht den Umfang des Gemetzels, aber deutlich erkennbar ist der Hergang und manche seiner folgen. Man soll nicht überflüssig tiefschürfende soziale oder politische Konstruktionen versuchen, sie führen nur in die lzrre. Bei dem Zusammenstoß zwischen Hitler und Röhm handelt es sich nicht um einen tieferen politischen Gegen- I?tz. revolutionäre Fortentwicklung, um Reaktion oder Sozialismus, um der Menschheit große Gegenstände über- Haupt. Die nationalsozialistischen Sturmabteilungen ®2l.) sind eine Landsknechtstruppe, zu tiefst demorali- stert, zu jeder Gewalttat bereit, vom Wunsche beseelt, die Stellung als Berufstruppe der Machthaber zu be- haupten. Deshalb sind sie jeder Stabilisierung abgeneigt und wünschen die Fortsetzung der Revolution, unter der sie sich nichts anderes als Gewalt und Beute vorstellen. Von diesen Haufen, die von Deklassierten übelster Art geführt werden, das Eintreten für irgend ein klares poli- tisches oder soziales Ziel zu erwarten, war stets eine vfllusion. Aber die SA. ist ein Herd der Unzufriedenheit, !te ist enttäuscht von dieser Diktatur, die ihnen zu wenig gebracht hat. Es ist aber persönliche Erbitterung, persön- ücher Groll des einzelnen enttäuschten Söldners. Weder durch gemeinsames Klasseninteresse noch durch gemein- same politische Ueberzeugung verbunden, sind sie unfähig, eine gemeinsame Aktion zu begreifen. Ihr Denken reicht bis zu einer neuen„Umbonzung", einer neuen Verteilung aller Stellen und Posten. Gewiß hassen sie die«feinen >eute" in der Generalität, in den Ministerien und der Wirtschast. Aber Haß der Reichen ist noch nicht Sozialis- Mus. Was von der nur durch den Sold vereinten Gefolg- sthaft, gilt in noch höherem Maße von den Führern. Nur daß diese gefährlich werden können, wenn sie über die Haufen ihrer Bewaffneten wirklich verfügen. Ihr Stre- den geht naturgemäß dahin, ihre Organisation zur allein entscheidenden zu machen und damit ihre Macht zur abso- luten. Zwischen Hitler und Röhm bestand kein Unter- schied in der politischen oder sozialen Anschauung. Der frühere Reichswehrhauptmann, dem Hitler mehr als ledem anderen den Aufstieg zur Macht verdankt, ist in genau demselben Maße„Sozialist" oder„Reaktionär" wie Hitler selbst. Es war nur ein Gegensatz zwischen Rivalen Um ö.e Macht.^ KW«Rj$r'*> Hitler und Döring, der als preußischer Ministerpräsi- bent selbst eine überaus starke Machtposition aufgebaut hat. glaubten sich durch das Machtstreben einiger SA.- Führer bedroht. Diese Bedrohung war noch nicht zur Vorbereitung einer wirklichen Aktion gediehen. Einer solchen Annahme widerspricht schon der Zeitpunkt des Geschehens. Am 1. Juli begann der Urlaub der SA. Mit b?r Aktion bis zum Anbruch des Tages zu warten, an bem die SA. ihren Urlaub antrat, dienstlich als Truppe also gar nicht mehr zusammenzufassen war, wäre un- sinnig gewesen. Daß die Führer eines so gefährlichen Unternehmens— gelernte Verschwörer und erfahrene Putschisten— statt an Ort und Stelle zu sein, in einer «leinen Sommerfrische Oxgien feiern, ist eine unmögliche Annahme. Daß die im ganzen Reiche aktionsfähige SA. allein in München eingesetzt worden sein soll, statt mit einem Schlage im ganzen Reich sich zu erheben, ist un- erklärlich. Die offizielle Erzählung stimmt nicht. Es handelt sich um einen Präventioputsch der Hitler und Göring gegen Röhm. Die Führer der Prä- sorianergarde, die augenblicklich das Deutsche Reich in Hren Fängen hält, waren anderer Führer nicht sicher. Vei der Beschaffenheit dieser Leute mußte man sich die Frage stellen: wer mordet wen. Hitler und Göring fan- öen die Antwort. Weil kein Komplott bestand, konnten die Röhm Und Konsorten auch nicht durch ein Gerichtsverfahren er- i?digt werden. Göring hat aus dem Reichstagsbrand- Prozeß gelernt. Es ging nur mit Mord— das liegt im Wesen solcher Diktaturen..^ Die Verschwörer sind längst tot, die„Verschwörung" >ebt, gedeiht, wird immer ausgedehnter, komplizierter und gefährlicher Denn die Konstruktion des Komplotts halte noch eine andere Funktion. In Berlin wurde gleich- Zeitig General von Schleicher ermordet. Das war, Mie im ersten Augenblick auch amtlich von einem Ministe- ^ialdirektor des„Propagandaministeriums zugegeben pjuide, zunächst nur ein„zeitliches Zusammenfallen". Göring fand aber rasch die Wendung. Am Nachmittag ^es Zg. Juni konstruierte er vor der Presse eine Perbin- ?hng zwischen der„zweiten Revolution" und der„Reak- hon": „Der HauptmittelSmann war der frühere Reichskanzler General Schleicher, der die Verbindung knüpfte zwischen Rühm, einer ausländischen Macht und zu jenen ewig un- zufriedenen, gestrigen Gestalten. Ich habe meine Auf- klabe erweitert, indem ich auch gegen diese Unzu- sriedcnen einen Schlag führte. ES war selbstverständlich, i>ah General Schleicher verhaftet werden mußte." Göring hatte also aus eigener Machtvollkommenheit üüne„Aufgabe erweitert". Hitler wußte nichts davon. h>ar nach München abgeflogen, ohne Göring die Aufgabe gestellt zu haben, Schleicher zu ermorden. Göring„er- weiterte" seine Aufgabe aber immer weiter; er ließ auch Herrn Klausen er, den Leiter der katholischen Aktion, ^er stets nur eine religiöse und nie eine politische Rolle gespielt hat. ermorden und Klausener hat bestimmt weder Git Röhm noch mit einer auswärtigen Macht konspiriert. Göring ließ die nächsten Mitarbeiter Popens selbst ver- haften— Papen, den Feind Schleichers. „ Auch Hitler erweiterte seine Ausgabe. Er ließ den s-jährigen politisch längst ganz bedeutungslosen Herrn Kahr ermorden, vielleicht auch den General von Lossow Und den ehemaligen Polizeipräsidenten Seisser. Er wollte °>e Rache an denen, die seinen Putsch von 1923 verhin- °ert hatten, kalt genießen— ein Charakterfehler, der Zum Regiefehler wurde. Daß Schleicher mit Röhnz in Verbindung getreten.^ F- wäre, ist nicht deshalb ausgeschlossen, weil Schleicher sittliche Hemmungen gehabt hätte. Schleicher hat mit Röhm zusammen, in voller Kenntnis der Eigenschaften dieses Banditen, gegen Brüning und gegen Gröner, seinen Chef und väterlichen Freund, seinen Verrat bemerk- stelligt. Aber ausgeschlossen ist, daß Schleicher jetzt mit Röhm gemeinsame Sache gegen die Reichswehr gemacht hätte. Die SA. und ihre Führung wurde von der Reichs- wehrgeneralität abgelehnt, von ihr wurde die geplante Ernennung Röhms zum Reichswehrminister verhindert. Schleichers Absicht ging stets dahin, mit der Reichswehr und durch die Reichswehr Politik zu machen, und er war zu klug, um einen Moment zu glauben, mit den richtungs- und gesinnungslosen Haufen der SA. gegen die Staatsmacht, gegen Reichswehr. Polizei und SS. einen Gewaltstreich durchführen zu können. Aber Göring be- freite sich und Hitler von einem Gegner, der gefährlich werden konnte und schuf sich mit der'„Erweiterung seiner Aufgabe" zugleich ein wertvolles propagandistisches Mittel. Die Metzelei wurde nicht nur ein„Schlag gegen Links", gegen die„zweite Revolution", sie war zugleich der Schlag gegen Rechts, gegen die„Reaktion". Vor kurzem erst hatte Hitler gesagt, seine Politik gehe weder nach rechts noch nach links, sondern geradeaus. Jetzt ist das Wort erfüllt. Es gab also kein Komplott, aber es gab wachsende Un- Zufriedenheit, zunehmende Enttäuschung, ansteigende Er- bitterung. Die Diktatoren wurden besorgt. Am gefähr- lichsten erschienen ihnen die, die ihre Nachfolger werden konnten, die Mitdiktatoren der SA., oder die, die auf die Reichswehr Einfluß nehmen konnten. Zwischen Röhm und Schleicher bestand keine Verbindung, aber verbunden waren sie in der Furcht der Diktatoren. Die erschreckten Terroristen verschärften den Terror, der Schrecken gebar den Schrecken. Erst in der Ermordung wur- den Schleicher und Röhm vereint, vorher hatten sie dies- mal nichts miteinander gemein. Bei der Beurteil ungderFolgen muß man sich eine grundlegende Tatsache vor Augen halten, um nicht Illusionen zu erliegen. Das Gemetzel ging vor sich o h n e Beteiligung des Volkes. Die Massen der SA. blieben anläßlich der Abschlachtung ihrer Führer völlig untätig; die Reichswehr blieb Gewehr bei Fuß, die An- gelegenheit konnte von den SS., der Mordorganisation Görings. mit der Polizei erledigt werden. Die SA. war in keinem Moment ein ernsthafter, oppositioneller Faktor. Aber auch die Volksmassen selbst griffen in die Aus- einandersetzung nicht ein. Die Gegner des Systems konnten an keine Einmischung denken und der schwere Konflikt konnte ausgetragen werden ohne jede spontane Betätigung der Massen. Das zeigt deutlich die Grenzen, die der Opposition gegen die Diktatur gezogen waren. Trotzdem bedeutet dieser Ausbruch des Kampfes zwischen den Gangstern ben Ausgangspunkt einer starken Erschütterung der Diktatur. Die Besonderheit der faschistischen Diktatur ist ihre Massenbasis und in Deutschland war sie am breitesten, folgten die Massen am begeistertsten. Die letzten Monate hatten bereits den Be- ginn einer rückläufigen Bewegung gezeigt. Der Versuch, durch eine umfassende Agitation die Begeisterung wieder zu erwecken, mißlang. Der Feldzug gegen die„Mies- macher" wurde zu einem Fiasko. Viele erwarteten des- halb eine neue Terrorwelle. Man dachte an einen Juden- pogrom oder etwas Aehnliches. Aber Hitler und Göring gingen aufs Ganze, um sich mit einem Schlag ihrer Gegner zu entledigen. Getroffen wurde aber das System. Hitler selbst läßt seine besten Mithelfer morden und schildert sie als Verräter, Prasser, Pä- derasten, lächerliche Affen. Es waren aber seine nächsten Freunde, die er intimer kannte als einer! Hitler wußte über Charakter und Aufführung der Röhm und Heines ebenso gut Bescheid an dem Tag, da er sie„seine lieben Freunde" nannte, als an dem, da er sie ermordete. Indem er den Röhm und seinen Kumpanen ihre sittliche Fäulnis vorwirst, ist es die eigene sittliche Fäulnis, die er bestätigt..^,, rt. Die sittliche Fäulnis ist nicht auf die Höhen der beut- schen Gesellschaft beschränkt. Mit dem Nationalsozialis- mus sind Lumpenproletarier, Deklassierte aus allen Schichten, geistig und sittlich Minderwertige zur Macht gelangt und beispielgebend geworden. Die Ley, Kube und Streicher und Hunderte ähnlichen Kalibers sind mit den Hitler und Göring oben geblieben und verpestende Wirkungen gehen von ihnen aus. Das alles hat auch den politischen Kampf furchtbar erschwert. Jetzt aber, nach der offiziellen Offenbarung dieser Zu- stände, wird eine Reaktion einsetzen. Hitler hat seine Bande demaskiert. Der Glaube an die Er- neuerer und die Erneuerung beginnt zu schwinden. Die Mystik, der religiöse Glaube an den Nationalsozialismus und seine Führer hat einen schweren Stoß erfahren. Die Autorität ist erschüttert, die Totalität existiert nicht mehr und die Opposition erscheint als sittliches Gebot. Hand in Hand damit geht die Erschütterung der mate- riellen Basis des Systems. Der Kampf der Gangster um die SA. endet auf alle Fälle mit einer Schwächung der bisherigen Sturmtruppe des Systems. Die SA. werden aus begeisterten Vorkämpfern in eine Art Arbeits- foldaten umgewandelt werden und zu mürrischen und aufsässischen Soldtruppen herabsinken. Die Erschütterung wird sich fortpflanzen auf die Hitlerjugend, deren Radi- Kalismus eine arge Enttäuschung erfährt, und auf die nationalsozialistischen, proletarischen und halbproletari- schen Elemente, denen die Hoffnung auf das national- sozialistische Wunder endgültig zerrinnt. Diese Veränderungder Massengrundlage bedeutet aber Erleichterung für die ern st hafte politische Arbeit der wirklichen Gegner der Dik- tatur, bedeutet den Beginn einer fortschreitenden Los- trennung und Gewinnung der noch nicht verfaulten Ele- mente aus dem nationalsozialistischen Lager. War bis- her jeder zweite Deutsche ein freiwilliger Hilfspolizist der Hitlerbande, mußte jede Betätigung in den Betrieben mit dem Widerstand dex Beschästi gten^elbst rechnen, so beginnt sich das jetzt zu ändern. Tie breite Massenorgani« sation der Diktatur, die das ganze Volk erfaßte, durch- drang und beherrschte, ist geschwächt, wird im steigenden Maße von Gegnern durchsetzt und verliert viel von ihrem Wert als Herrschaftsinstrument. Die Basis der Diktatur verengt sich, ihre Stütze wird die Polizei, die SS. und die Reichswehr. „' f t ♦* I* Das heißt nicht, daß Hitler der Gefangene der Reichs« wehr wird, daß diese ihm gegen seinen Willen eine reak- tionäre Politik aufzwingt. Gegenüber den Hitler und Göring ist selbst die deutsche Generalität nicht reaktionär. Gibt es doch kein sozialreaktionäres Interesse, dos nicht Hitler, der Freund Thyssens, von Anfang an vertreten hätte, er. der die Gewerkschaften vernichtet, die Arbeiter entrechtet, die Sozialpolitik verdorben, die Löhne ge- drückt, die Kartelle gefördert, den Großgrundbesitz un- angetastet gelassen hat. Wohl aber bedeutet es,' daß Hitler nicht mehr unabhängig von der Reichswehr- Generalität und der sozialen Schicht ist, der sie angehört, daß er nicht mehr g e g e n sie auftreten kann. An Stelle der Totalität tritt wieder der Dualismus von Militärherrschaft und Zivilregierung, wo- bei die letzten Entscheidungen bei den Militärs liegen. Diese Perengerung der Massengrundlage und Ein« schränkung der Machtbasis vollzieht sich in der Zeit einer finanziellen und wirtschaftlichen Krise, wie sie in solcher Schwere trotz Krieg und Inflation kein Industriestaat je erlebt hat. Die Diktatur hat für ihre Parteizwecke, für Prestigerücksichten, zur Begünstigung kapitalistischer, mittelständlerischer und vor allem agra- rischer Schichten eine wahnwitzige Finanzwirtschaft ge- trieben. Sie hat vor allem für Rüstungszwecke und die „Arbeitsschlacht" Milliarden direkter und indirekter Notenbankkredite in die deutsche Wirtschaft gepumpt. Sie hat dadurch den Einfuhrbedarf gesteigert bei gleichzeitig sinkendem Export. Die nächste Folge war die völlige Er- fchöpsung der Goldbestände der Reichsbank, der Staats- bankrott und die Unmöglichkeit, Zahlungsmittel für die Aufrechterhaltung der Einfuhr zu finden. Daher der Zwang zur Einfuhrdrosselung, der aber die bisherige Aus- gabenwirtschaft unmöglich macht. Einstellung der Aus- gaben für Arbeitsbeschaffung, der Subventionen, der Rüstungsaufträge, bedeutet Verschärfung der Wirt- schaftskrise, neue Arbeitslosigkeit, neuen Rückgang der Staatseinnahmen, wachsendes Defizit, vermehrte Inanspruchnahme der Reichsbank. Umschlag der latenten in die offene, kaum zu beherrschende Inflation. Dieser Zustand droht einem im Ausland der Verachtung anheimgefallenen, wegen seiner Kriegshetze gefürchteten, mit einer vertragsunfähigen Regierung behafteten Staat. Der Bankrott wird auf dem Gebiet am vollständigsten, wo die Diktatur die größten und überspanntesten Erwar- tungen erweckt hat— auf dem Gebiet der auswärtigen Politik. Die Diktatur hat den Versailler Vertrag zer- rissen, die Aufrüstung hemmungslos und fieberhaft be- trieben. Sie hat um der militärischen Aufrüstung willen sich ober wirtschaftlich kriegsunfähig gemacht. In diesem Punkt ist die Reichswehr empfindlich. Hier liegen in der Tat Konfliktsmöglichkeiten. Die Niedermetzelung der SA.-Führer ist sicher von der Reichswehr gut aufgenommen worden. Hitler und Göring erwarten gewiß von ihrem Putsch eine gewisse innerpolitische Stabilisierung, stärkere Stützung durch die Spitzen der Generalität, der Bürokratie und der Wirt- schaft. Wird die Erwartung in Ersüllung gehen? Wirtschaftliche Stabilisierung? Es sind gerade die kapitalistischen Führer, denen Hitler von An- sang an die Wirtschaftspolitik als ihre Domäne über- lassen hat. die das Reich in unglaublich kurzer Zeit an den Rand des Abgrunds gebracht haben. Und die Um- kehr bedeutet heute neues Elend und noch furchtbarere Enttäuschung der Massen. Politische Stabilisierung? Friede mit der Reichswehr gewiß. Aber das bedeutet keine Stabilisie- rung. Daß die Kapitalisten noch unumschränkter Herr- schen, daß jetzt auch der schmutzigste Ausbeuter vor einem Eingriff der Betriebszelle und der SA. geschützt bleibt, be- deutet keine Aenderung. Aenderung der auswärtigen Politik? Aber damit verfliegt nach dem Sozialismus auch der Nationalismus, zerfällt die Ideologie, die dem National« sozialismus den stärksten Auftrieb gegeben hat. Die Krise der deutschen Diktatur ist schwerer als die anderer Diktaturen, der Nationalsozialismus begann feine Herrschaft während einer schweren Wirtschaftskrise: die Mittel ihrer Bekämpfung haben eine neue gesähr- lichere, akutere Krise erzeugt. Die Diktatur begann mit einer nationalsozialistischen, mit Krieg drohenden Außen- Politik: sie hat nach anfänglichen Erfolgen zur Isolierung und Einkreisung geführt. Die Diktatur hat ihre Macht durch Verschärfung des Terrors zu stützen gesucht: sie hat damit die Grundlagen ihrer Macht noch mehr erschüttert. Die Diktatur hat auf die propagandistische Kraft der faschistischen Idee große Hoffnungen gesetzt, für ihre Aus- breitung große Mittel aufgewendet. Sie hat ihre eigene Dauer und Unerschütterlichkeit nicht genug anpreisen können. Der Nimbus ist gründlich dahin. Der inter- nationale Kampf gegen den Faschismus wird Zuversicht- licher, die Verteidigung der Freiheit leidenschaftlicher: die Befürworter des Faschismus find entlarvt als das, was sie sind, als Abenteurer und Perbrecher. Der Mordstahl des deutschen Faschismus hat den aufsteigenden Faschis- mus im Ausland tödlich getroffen. Die Diktatur besteht, aber Deutschland ist von der Fäulnis erfaßt. Die Diktatur besteht, aber ihreBasis ist geschwächt. Mit der Dauer der Dik- tatur ergreift das Chaos Deutschland immer mehr. Das Chaos kann nur überwunden, der Fäulnis nur Einhalt getan werden durch den Sturz der Diktatur. Dies kann aber nicht das Werk der Reichswehr oder sonst der Herr- schenken Kreise sein, die, von der Fäulnis angesteckt, kein Ziel und keine Lösung wissen. Erst wenn mit der grö- Heren Bewegungsfreiheit für die illegale Arbeit die Oppo- sition der Arbeiterschaft wächst, ihre Organisation sich ausdehnt, ihre Kampffähigkeit steigt, wenn der wachse'.de Druck von unten die herrschenden Oberschichten durch- einander wirst und die proletarische Revolution zur wirk- lichen Drohung wird, erst dann beginnt der Tag der Er« Neuerung, der Wiedergeburt des deutschen Volkes, rrt „Deutsche Freiheit", Nr. 15» Das bume Vlatt Freitag, 1». Juli ISN Atraßburger Chronik R.— Vor uns liegt ein schmales Büchlein„DieStraß- burger Chronik des Johannes Stedel", so- eben herausgebracht von Dr. Paul Fritsch im Sebastian- Brant-Verlag. Die Chronik berichtet über die Zeit von 1333 bis ISIS, die hier vorliegenden Teile über die stürmischen Jahre 1503 bis ISIS. Sie hat besonderen Wert, denn Hand- schriften und Chroniken des Landes sind rar geworden seit 1870 bei der Belagerung Unwiederbringliches verbrannte. Doch soll hier nicht gerechtet werden um ihre wissenschaftliche Bedeutung, ihren Tatsachenwert. Darüber mögen sich die zuständigen Gelehrten auseinandersetzen. Verzeichnet seien hier ein paar Streiflichter, die seltsam aktuelle Dinge zeigen, einige Sätze, die tief ans Herz greifen, Trauer und Stolz der fremden Vergangenheit beschwören. Straßburg war eine wohlbewehrte, feste, reiche Stadt, die sich gut zu halten wußte. War es nötig, so warb der Rat Söldner, die die Tore behüteten, Feinde verjagten, oder er kaufte sich los von fürstlichen Ansprüchen, feilschend, durchaus selbstbewußt. Deswegen spielten Kriegsgetümmel, Brand und Rot vor allem im Lande ringsum, vor den Toren der mäch- t,gen Stadt, in der von allen Stürmen der Zeit heimgesuchten Rheincbene. In die stille Stube des Chronisten kam nur das von Erregungen verzerrte, vergrößerte oder verkleinerte Spiegelbild, sobald die Dinge jenseits der Stadtmauern ge- schahen. Vieles wirkt sehr sagenhaft. Mancher tolle Aber- glaube ist ausgeschrieben. Nur aus der Stadt selbst wirb genauestens berichtet, Dokument um Dokument in Abschrift überliefert, Rechnungen, Prozeßakten, Spottverse, Gebete, Gesetze, Strafregister, Sterbeurkundcn... Aus derselben Zeit und demselben Land stammt eine Holz- plastik, die vor einigen Monaten in Basel zu sehen war, „Armer Mann" benannt, die man nicht wieder vergißt. Das ist die Stimmng der Chronik, die dieser von Leid, Trost- losigkeit, Gelassenheit umwitterte Kopf eindringlich bewahrt, die Haltung auch jenes kleinen Verses, der aufflog aus dem Untergang des großen Bauernkrieges wie ein verirrter Schmetterling: „Ich fahr, und weiß nit wohin, ich leb, und weiß nit wie lang, ich sterb, und weiß nit wann, mich wundert, daß ich fröhlich bin." Schon 1505 wird berichtet, daß in den elsässischen Dörfern „Ter Bundschuh" sich erhoben hat. Hier duckte man sich schon damals nicht lange, wehrte sich zähe, sank nicht so tief in Hunger und Untermcnschlichkeit wie die armen Brüder in Franken und Thüringen. Aus demselben Jahre notieren wir einen Satz:„Sie verloren Over weiß, in welchem Kriege) 87 000 Fußtruppen und der Papst verlor 800 zu Pferde und 7000 zu Fuß... und war ein wunderbarlicher Krieg." Ohne jedes Entsetzen, ohne Unruhe, ohne frommen Wunsch wird über hunderttausend namenlose Gräber die Ueberschrtft ge- setzt:„Und war ein wunderbarlicher Krieg..." Um 1513 heißt es, daß mehrere Ratsherren„ins Elend verwiesen wurden". Heute sagen wir anders. Damals sagten sie in dem einen Wort das ganze Schicksal von Heimatlosig- keit, Verbannung, Emigration. Monoton folgen einander Nachrichten von Schlachten. Hie und da fällt ein Schatten von den Schlachtfeldern auf das Pergament des Schreibenden, wo die Schreckensschreie des Berichtes zerrinnen zu würdiger Aufzeichnung, hie und da zittert das Entsetzen nach in einem schmückenden Zusatz. Doch war die Zeit von Sterben zu voll, die Toten der Kriege mußten schnell vergessen werden... Den Kriegen ohne Zahl folgte die Not, folgten die Not- Verordnungen. Das kennen wir alle. 1544 erließ der löbliche Rat der Stadt Straßburg die Anordnung, baß keine Hochzeit bei einem Wirt solle stattfinden, niemand dürfe mehr als vier Essen dabei geben und allgemein müsse gespart werden. 1552 heißt es über einen neuen Krieg, daß er geführt werde,„die unterdrückte Freiheit Deutscher Nation zu er- retten". Die Straßburger trauten dieser Parole nicht, sie schlössen die Tore. Krieg um„die unterdrückte Freiheit Deutscher Nation"? Was nicht alles erwecken diese alten Chronik-Säye an schweren Gedanken! Sogar eine Fremdenpolizci scheint es damals gegeben zu haben.„Wenn Fremde in die Stadt fliehen, so sollen ihre Namen gemeldet werden." Man möchte leise fragen: Hat man es dir, Fremdling, Flüchtling von 157» auch so schwer gemacht in der ruhmreichen Stadt Straßburg wie uns 1033, 1034? Eine Zensur hingegen scheint nicht gewaltet zu haben, da über Bischöfe, Regenten, Ratsherren mit allem Freimut be- richtet wird. Die Damaligen stritten sich um die Erhöhung der Ratsherrendiäten wie die Heutigen. Ueber den Bischof Erasmus wird ohne Umschweife notiert:„Sonderlich ist er gegen gelehrte Leute, auch Arme und Dürstige reichlich ge- , wesen, doch auch seine Mängel und Fehl gehabt, denn er hat viele unehliche Kinder verlassen..." Stedcl erzählt alsdann viel von Kometen, Mißgeburten, Naturzeichen, Bränden, damit schmückt er das Gemälde seiner Jahrhunderte, läßt das Leid geschehen aus dem Ueber- wirklichen, die Sterne sich wenden um der Menschen Ge- schick, glaubt fromm die ganze Summe von Blutvergießen und Unfrieden in eines großen Gottes Hand stehend... Solches Weltbild gibt Gelassenheit,„getroste Verzweiflung", wie Luther formulierte. Schließlich sei nicht vergessen, daß der Chronist auch mit- teilt, hie und da hätten Juden Christenkinber getötet oder die Hoftie gestochen: solches Verbrechen sei nach peinlicher Befragung aufs härteste mit Vierteilen und Verbrennen bestraft worden... Gegen unfern Zeitgenossen Streicher scheinen aber die Richter vor 400 Jahren menschliche Ge- stalten. Sie verurteilen, wen sie für tätlich schuldig halten, die andern aber taufen sie und nehmen sie in vollgültige Gemeinschaft auf. Streicher aber... Ich möchte meinen Kameraden empfehlen, die Chronik des Johannes Stedel zu lesen. Es ist gar nichts Langweiliges barin. Wer will, mag auf Schritt und Tritt„historischen Parallelismus darin erspüren. Es ist auch darin zu finden eine große Tröstlichkeit, so bewegt auch die Zeiten, von denen der Chronist schreibt. „Nun fliehe denn aus eurem Sinn Das traurige Seufzen und Klagen hin Und ziehet eure Straßen." Der Prin; und die Filmgesellschaft Die finnländische Polizei hat in Stockholm über eine Filmgesellschaft Erhebungen anstellen lassen, die sogenannte dokumentarische Filmstreifen herzustellen vorgibt, in Wahr- heit aber die Tpionagezentrale einer östlichen Großmacht sein soll. Prinz Lennart von Schweden soll diese Gesellschaft in Unkenntnis ihres wahren Charakters mit 80 000 Kronen unterstützt haben, um dort Regie führen zu können. Tie Inhaber der Firma sind jetzt nach London geflüchtet. Der finnländische Legationsrat, der den Fall entdeckt hat. ist zurückgetreten, da sein Chef ihn— offenbar aus Ehrfurcht vor der prinzlichcn Beteiligung— am Einschreiten hindern wollte. Ter Großvater des Prinzen, der König von Schwe- den, soll zu dieser Geschichte mit Recht bemerkt haben:„Das kommt dabei heraus, wenn sich Mitglieder meines Hauses in die Filmbranche begeben. Prinzen bleibt bei Euren Leisten!" Ammer noch Vootlegger Ein Volk läßt nicht ungestraft während 15 Jahren ein so demoralisierendes Gesetz über sich ergehen, wie das der Prohibition. Die Optimisten hatten sich eingebildet, daß die Amerikaner von einem Tag zum andern ihre schlechten Angewohnheiten ablegen werden. Jetzt, wo die erste Be- geisterung verloschen ist, bemerkt man mit Erstaunen, daß durch die Abschaffung der Prohibition sich nicht viel geändert hat. Die Verbraucher starker Getränke sind unfähig, zwischen einem alten Alkohol und den durch die Bootlegger verkauften Drogen zu unterscheiden, oder sie sehen vielmehr nur eins: der wahre Wihsky und der wahre Kognak sind teuerer als die verfälschten Spirituosen. Die Amerikaner trinken meist nicht, um aus Gastfreundschaft ihren Gästen etwas anzu- bieten, sondern um sich zu betäuben und sich die Türen zu einem künstlich geschaffenen Paradies zu öffnen. Allmählich haben sie den Weg zu den„speakeasies" wiedergefunden, den sie nur für einen Augenblick verlassen hatten, und die In- dustrie der Vootlegger hat wieder einen großen Ausschwung zu verzeichnen. Ja selbst die konzessionierten Bars füllen ihre Flasche mit geschmuggeltem Alkohol und verkaufen den- selben dann zu billigerem Preise. Die amerikanische Polizei, die schon zu Zeiten der Prohibition ihre Ohnmacht bewiesen hatte, ist heute noch entwaffneter. In sechs Wochen hat man 104K geheime Destillerien entdeckt, eine niedrige Zahl im Vergleich zu der Gesamtsumme der Alkoholfabriken, die unerlaubt arbeiten. Politik und Wetter Der Erfindungsgeist der Statistiker kennt bekanntlich keine Grenzen.„Der Pfadfinder", ein wissenschaftliches Magazin, das in Washington erscheint, hat lange und geduldige Stu- dien darüber angestellt, in welchem Zusammenhang die Ver- änderlichkeit der Temperatur mit der politischen Einstellung der jeweiligen Bewohner des Weißen Hauses miteinander stehen. Die Resultate dieser Arbeit sind kurz auf eine Formel gebracht: gewöhnlich beherrscht eine Kältewelle das Land, wenn die Demokraten das Szepter der amerikanischen Politik in der Hand halten: dagegen erwärmt sich die Atmo- sphäre auffallend, sowie ein Republikauer gewählt wird. Die amerikanische Zeitschrift beschränkt sich darauf, dieses an Hand von Zahlen festzustellen, aber sie macht es in einem so feier- lichen Ton, daß die Lektüre dieser etwas sonderbaren Sta- tistik einer gemissen Komik nicht entbehrt. Wissen gm schon... ...warum Thermometer statt mit Quecksilber oftmals mit Weingeist gefüllt werben?— Weil Weingeist einen nicdri- geren Gefrierpunkt als Quecksilber hat. ... wer zuerst die Purpurfarbe erzeugte?— Die Phönizier, die sie aus dem Saft der Purpurschnecke gewannen. ...von wem der berühmteste Totentanz ist?— von Hans Holbein d. I.«1407—1543). ...welcher Maler die meisten Bildnisse der Habsburger gemalt hat?— Diego Velasquez«getauft 1500, gestorben 1S60). ... wo das erste Sechstagerennen stattfand?— 18SS, in bet Halle des Masison Square Garden in Neuyork. ...woher der Satz stammt:„Nur die Lumpen sind be- scheiden"?— Aus Goethes Gedicht„Rechenschaft". ...was„mitteleuropäische Zeit" ist?— Die Zeit des 15- Längengrades östlich von Greenwich. ...wie die drei europäischen Vulkane heißen?— Aetna, Vesuv und Stromboli. Unsere Töchter, die Oswinen Roman von Hermynia Zur Mühlen. 21 Eigentlich habe ich mir, als ich Arthur heiratete, die Sache ganz anders vorgestellt. Ich war ein hübsches Mädchen, und eine Krankenschwester hatte damals noch Gelegenheit, eine gute Partie zu machen. Ich hätte auch viel lieber in die Jndu- strie geheiratet. Ich erinnere mich noch an den jungen Kurt Frankfurter, den Sohn schwerreicher Eltern, den ich nach seiner Blinddarmoperation pflegte. Er war ein schöner Mensch, liebenswürdig, großmütig, und er hätte mich auch geheiratet, wenn nicht seine Eltern gegen die Ehe mit einer Christin gewesen wären. Diese Juden sind ja so unduldsam. Es mar arg für mich, als ich erkennen mußte, daß ich nicht die reiche Frau Frankfurter werden würde. Und meine lieben Mit- ichwestern haben sich über mich lustig gemacht: Frauen sind ja so gemein. In meiner Verzweiflung habe ich dann Arthur genommen, der damals im Krankenhaus arbeitete. Es ist mir nicht gerade leicht gefallen: ein Krüppel, mit einem Klump- fuß, ein verbissener, ewig mürrischer Mensch und, das konnte ich als Schwester beurteilen, ein schlechter Arzt. Trotzdem schien er Aussichten zu haben. Er wollte sich in der kleinen Stadt am Bodensee niederlassen, wo es zu jener Zeit außer ihm nur noch einen Arzt gab, einen nicht mehr jungen jttdi- schen Arzt. Eines muß ich ja Arthur lassen: er sieht intelligent aus. Ob er es wirklich ist, habe ich während meiner ganzen Ehe nicht feststellen können. Ich kenne mich bei ihm über- Haupt nicht aus. Bisweilen, als ich noch eine junge Frau war, fragte ich mich angstvoll: was steckt hinter der bösen Maske seines Gesichtes? Ich weiß nur, daß er ehrgeizig ist, und eben mit diesem Ehrgeiz hatte ich gerechnet, als ich seine Frau wurde. Doch haben ihn die Schwestern und die Patien- ten im Krankenhaus nicht umsonst den„Doktor Abwarten" genannt. Er mar immer für das Abwarten, und das hat uns finanziell und gesellschaftlich sehr geschadet. Ich entsinne mich der Tage vor der Kriegserklärung. Wir waren alle empört über die Feindesmächte, alle begeistert für unser Baterland. Ich weinte, wenn ich die Nationalhymne hörte, und meine kleine Lieselotte sang mit ihrer hellen Kinderstimme so rüh- rend„Deutschland über alles". Nur Arthur hielt mit seiner Meinung hinter dem Berg.„Abwarteu" jagte er. Vielleicht kommt es doch nicht zum Krieg und dann stehen wir als Kriegshetzer da." Als es dann zum Krieg kam, war er, daS muß ich ihm lassen, ein ebenso patriotischer Deutscher wie alle andern. Nur keine Kriegsanleihe wollte er zeichnen. Dafür aber hielt er Reden, ausgezeichnete Reden über unser unbesiegliches Heer und Deutschlands Sendung in der Welt. Im Jahre sechzehn begann er sich abermals zurückzuziehen. Ich begriff ihn nicht. Es machte einen schlechten Eindruck, und das gerade jetzt, da es mir endlich gelungen war, in den Offizierskreisen zu ver- kehren. Nach Beendigung des Krieges, so hoffte ich, würde unsere Position hier gesichert sein: der alte Doktor Bär würde seine Patienten an uns verlieren, ich könnte endlich in der Stadt die Rolle spielen, die mir zukommt. Und auch diese hochmütige alte Frau, diese Gräfin Agnes, die in der Villa am See wohnt und sich mir gegenüber immer zwar liebenswürdig, aber ablehnend verhalten hat, wird mich einladen müssen. Ich sah bereits, wie wir aus unserer Wohnung in ein eigenes Haus übersiedeln, wie die beste Gesellschaft bei uns verkehrt, wie Arthur reich wird. Liese- lotte wird eine bessere Partie machen als ihre arme Mutter. Ich machte Arthur Vorwürfe, daß er durch sein Verhalten uns alles verderbe. Er warf mir aus seinen kleinen tief- liegenden Augen einen seltsamen Blick zu. „Abwarten," sagte er.„Nur nichts überstürzen." Im Sommer achtzehn begann er plötzlich pazifistische An- sichten zu äußern: selbstverständlich nur im intimen Kreise. Er sprach wehmütig von den vielen jungen Leben, aus allen Seiten, die geopfert werden, er, von dem ich genau ivußte, daß ihn aus der ganzen Welt außer seiner eigenen Person kein Mensch interessierte. Dann kam der Umsturz. Ich weinte schrecklich, als unser armer Kaiser nach Holland fliehen mußte. Unser ange- stammter Monarch. Als ich jedoch bemerkte, daß viele der Offiziersfamilicn und der vornehmeren Leute der Stadt über diese Flucht empört waren, begann auch ich sie mit anderen Augen zu betrachten. Und als dann die neue Regie- rung die Spartakisten niederschlug, fing ich an, für sie eine gewisse Sympathie zu empfinden. Es war ja peinlich, einen einstigen Sattler als Reichsoberhaupt verehren zu müssen, aber er schien ein braver Mann zu sein, und Mietzlich mußte man sich den veränderten Verhältissen anpassen. Wer weiß, ob man aus ihnen nicht einen Nutzen ziehen konnte. Ich bat Arthur, in die Sozialdemokratische Partei einzu- treten. Es gab ja unter diesen Menschen wirklich ganz vor- nehme Leute, man brauchte sich nicht zu schämen, wenn man mit ihnen in einer Partei war. Arthur jedoch erklärte: „Abwarten. Ich will keiner Partei angehören. Ich bin Pazifist. Das genügt." Und er fügte in dem unausstehlich herrischen Ton, den ich so sehr an ihm hasse, hinzu: „Ich bitte dich, Martha, tu keinen unüberlegten Schritt. Ich kann nicht dulden, daß du in eine Partei eintrittst, dich und dadurch auch mich festlegst." Sooft er so mit mir sprach, mußte ich mich zusammen- nehmen, um ihm nicht ins Gesicht zu schreien: „Du Krüppel, du Zwerg«ich bin fast einen Kops größer als er), wie wagst du, so mit mir zu sprechen?" Und ich fühlte dann immer den ganzen körperlichen Ekel, den ich vor ihm empfand und erinnerte mich an die Angst während meiner Schwangerschaft, daß auch mein Kind als Krüppel zur Welt kommen könnte. Dieser Kummer blieb mir aller- dings erspart. Lieselotte ist ein großes schönes Mädchen, ein wenig dumm, das muß ich leider zugeben, ein wenig zu un- beherrscht. Wenn ich daran denke, daß sie vor Jahren diese» Hungerleider von einem Ingenieur heiraten wollte. Aber damals hat sich selbst Arthur aus meine Seite geschlagen, und wir haben gemeinsam dem Mädel den Kopf zurecht- gesetzt. Es war eine merkwürdige Szene zwischen uns und ihr. Lieselotte ivar sehr ernst, und ihre klugen Augen blickten uns zornig an. „Gut," sagte sie.„Ich muß mich wohl fügen. Aber von jetzt an tue ich, was ich will. Ihr habt mir nichts mehr drein- zureden." „Lieselotte," rief ich entsetzt.„Wie kannst du nur so mit deinen Eltern sprechen? Vergiß nicht das Gebot: ehre Vater und Mutter." Arthur jedoch sagte eisig: „Solange du nicht meiner Praxis schadest, kannst du dick unterhalten, so viel du willst. Aber der Anstand muß ge- wahrt bleiben, verstanden?." jZoUjctzung jolgt.z „SA.-führer sammeln 4% Millionen flarh Und wo ist dos Geld geblieben? Man schreibt uns: Vor einiger Zeit erging an die gesamte Bevölkerung In Teutschland wieder einmal der Ruf zum Sammeln und Opfern.„Was sollen denn hier wieder für Bettelsteuern er- hoben werden?" So denkt die Bevölkerung, und viele be- Ichließen im Stillen, diesmal nichts zu geben. Wenige Tage darauf ist jeder im Bilde. In fetten Buchstaben steht in samt- lichen Zeitungen, daß SA.-Führer vom Sturmführer auswärts eine großangelegte Sammelaktion durchführen zu- Künsten ihrer arbeitslosen Kameraden. Wenn einer arbeitS- los ist. die Woche 4.20 Rm. Unterstützung bezieht, dann kann sich keiner eine Uniform kaufen, die etwa 60 Rm. kostet, und man kann nicht mehr mit ansehen, ivie die alten SA-Männer in zerrissenen Stiefeln mit schiefen Absätzen dahermarschieren, gerade so wie der Rest von Napoleons Armee, die aus Ruß- land flüchtete. Die arme Bevölkerung wurde noch besonders daraus aufmerksam gemacht, daß das Ergebnis einer Sa mm- lung unter keinen Umständen hinter dem des Winterhills- Werkes zurückstehen dürfe. Schon einen Tag früher als angekündigt, wurde die Tamm- lung begonnen. Die Sammler stürzten sich wie losgelassene Tiger auf die Leute und hielten jedem die Büchse solange unter die Nase, bis das„Opfer" darin klimperte. Wenn einer glaubte, unbemerkt sich durch irgendeine Seitengasse schleichen zu können, dann sollte er sich schwer getäuscht habe». Selbst in unbelebten Straßen standen die„TA.-Führcr" und sam- melten. Ein anderer Teil klopste die Häuser ab. Manchem siel es auf, daß es auf einmal so viele TA.-Führcr geben sollte, und er machte sich die Mühe, die Führer einmal näher in Augenschein zu nehmen. Dabei machte man die Entdeckung, daß unter sämtlichen Sammlern etwa der vierte Teil SA.- Führer waren, während der Rest aus lauter gewöhnlichen SA.-Leuten bestand. Wenn beim Sammeln schon Schwindel getrieben wird, wird mit dem gesammelte» Geld auch Schwindel getrieben, so dachten die mißtrauischen Leute. Der Ertrag der Sammel- tätigkeit stand aber keinesivegs hinter dem des Winterhilss- werks zurück. Es wurde auch hier mit der Methode der sanften Gewalt gearbeitet. Die armen SA.-Leute sahen sich schon Geiste in nagelneuen, blitzblanken Stieseln und einer lipp-toppen Uniform. Es vergingen vier, sechs und acht Wochen. Noch immer hörte man nichts von Verteilung von Uniformen. Die Leute kamen nicht mehr zum Dienst, weil keiner mehr etwas anzuziehen hatte. Aber was lange währt, wird endlich gut. Eines Tages erhielt ein Teil derer, die sich gemeldet hatten, unter folgen- den Bedingungen eine Uniform: Der SA.-Mann bekommt eine Uniform, die aus der Kasse des Sturmes, dem er an- gehört, bezahlt wird Der Empfänger hat jede Woche RM. 2,— an die Sturmkasse zu bezahlen, bis die Uniform bezahlt ist, und sie bleibt während dieser Zeit Eigentum des Sturmes. Die Enttäuschung der SA.-Leute kann man sich vorstellen. Rechnete doch jeder damit, die Uniform geschenkt zu erhalten, wo man sich das Geld dafür doch gesammelt hat. Wo bleiben die 4 ei»halb Millionen, welche durch die Sammlung ausgebracht ivurdcn? Die Antwort erteilen die Zahlungsämter f ü r K r a s t f a h r- zeuge. Nach diesen amtlichen Unterlagen haben 80 Prozent aller TA.-Führer vom Obersturmführer an fabrikneue Kraftwagen im Einzelwcrt von 8000 bis 20 000 Mark angemeldet. 50 Prozent dieser Kraftwagenbcsitzcr hatten persönlich nicht viel Einkommen, um einen billigen Volks- wagen, geschweige einen repräsentativen Luxuswagen zu kaufen. Rechnet man aber die Kaufsumme dieser sämtlichen SA.-Führcr-Wagen zusammen, die in den letzten 4 Monaten angemeldet wurden, dann bleiben von den 4 einhalb Mil- lionen keine 500 000 Mk. mehr übrig. Wer sich von dieser Tatsache oberflächlich überzeugen will, der braucht nur nach Deutschland zu fahren zu irgend einem größeren TA.-Appell. Dann kann er sehen, wie sich die Leute von den anbrauscnden Mercedes- und Wanderer-Wagen auf den Bllrgersteig flüchten. Denn die Straße gehört nur der SA., neuerdings sogar nur den SA.-Führern. Wer aber der Sache genau aus den Grund gehen will, der nehme einmal Einsicht in ein Kraftfahrzeugverzeichnis, welches man bei jeder größeren Bcnzinsirma bei(Shell) oder Deutsch-Amerikanische Petroleiimgcsclischafl Standard einsehe» kann. Tie Arbeiter opfern ihre letzten Groschen, die TA.-Führcr fahren dafür die teuren Luxusautos. Die Tragödie von Amsterdam Kämpfe mit schwerwiegenden Folgen R. Den Haag, tv. Z n Ii 1084. Tie Straßenkämpfe in Amsterdam nahmen schon im Lause des Samstagabend einen abflauenden Charakter an, da die Regierung ihrer Aktion einen Umfang gab, wie man das noch niemals in Holland gewohnt gewesen ist, ivie überhaupt dieser Aufstand alle bisher bekannten Unruhen an Umfang und Heftigkeit übertrifft. Es gab jedenfalls am Samstag „ keinen Teil der betroffenen Stadtviertel, der von Polizei, -.-Gendarmerie ud Militär nicht geradezu überschwemmt worden ist. An einen Widerstand ernsthafter Art ivar bei der Wucht dieses Vorstoßes der Exekutive überhaupt nicht zu denken, zumal den Aufständischen ja jede Kampfmittel lehlten. Die proletarischen Stadtviertel wurden durch un- unterbrochene Aktionen der Polizei ober des Militärs„rein- gefegt", auf alle Ansammlungen wurde ohne weiteres ge- schössen. Das Vorgehen der Exekutive nahm überhaupt eine Schärfe an, wie man es bei ähnlichen Gelegenheiten kaum in einem anderen Lande erlebt hat. Ohne Warnung ivurde in geöffnete Fenster geschossen, Personen, die die Häuser in einem Augenblick verlassen wollten, Ivo eine Patrouille die Straße passierte, wurden sofort unter Feuer genommen. Panzerwagen ratterten in großer Zahl durch die Stadt, Tanks polterten über die Pflaster, Reitcrkolonncn stürmten alle neu entstehenden Barrikaden und schlugen rücksichtslos nieder, was ihnen den Weg versperrte. An einer Reihe stra- logischer Punkte wurden Maschinengewehre postiert und in den Nachtstunden wurden alle betroffenen Straßen durch Pioniertruppen mit riesigen Militärscheinwerfern taghell bc- leuchtet. Am Sonntag ließ der Widerstand noch mehr nach, da die in Frage kommenden Stadtviertel regelrecht besetzt waren und jede auftauchende Zusammenrottung im Keim erstickt werden konnte. Auch in der Nacht zum Montag ließen die Zwischenfälle mehr und mehr nach und am Montag flackerten nur hier und dort noch kleine Kampihandlungen aus. Dabei handelte es sich durchweg nur um die Versuche, neue Vcr- barrikadierungen vorzunehmen und die Truppen mit primi- tiven Wurfgeschossen abzuwehren. Schließlich mußte am Montagabend der Widerstand als gebrochen gelten. Damit ist keineswegs die Ruhe wieder hergestellt, den die Erbit- terung der Erwerbslosen ist ungeheuer, zumal ein derartiges Passiver Widersland Von dreihundert Mitgliedern der„Gefolgschaft" kommen zehn Ein Roter Helfer, der bei Radio-Löwe beschäftigt ist, stellt uns folgendes Originaldokument zu. das eine Ergänzung zu der Tatsache der vernichtenden Niederlage des faschistischen Regimes bei den Vertrauensrätewahlen in den Betrieben darstellt. Es spricht für sich selbst. NSBO. und DAF.. Ortsgruppen- leitung Lichrerfcldc-Lankwitz den 22. Juni 19 o 4 Bekanntmachung für die Gesolgschaftsmttglieber der Firma Radio- aktiengesellschast D. S. Löwe Wir mußten in letzter Zeit feststellen, daß die Gelolg- schastsmitglicdcr der Firma D. S. Löwe bei den von uns festgesetzten Veranstaltungen eine Gleichgültigkeit an den Tag gelegt haben, wie wir es in anderen Betrieben auch nicht annähernd beobachten konnten. Wir machen aus- drücklich daraus aufmerksam, baß die von uns einberu- fenen Versammlungen und Veranstaltungen für die Mit- glieder der NSBO. und der DAF. als Dienst zu be- trachten^findiig^ Betriebszelle Radio-Löwe meldet zu dem von uns gemeldeten Ansmarsch(!) am Tonntag, dem 24 6. 84 nach dem Seebad Rangsdorf nur 4 0 Teil- nehm er. obwohl zirka»00 männliche Mitgl^dcr dem Betrieb angehören. Die abgegebenen schriftlichen Eni- Huldigungen sind von uns eingejehc» und zum größte» Blutbad und eine derartige Schärfe von Kampfhandlungen für die Einstellung eines Holländers unfaßbar ist. Die Zahl der Verletzten ist erheblich gestiegen, der amtliche Sanitätsdienst berichtet von über 120 Verletzten, die von ihm behandelt und transportiert morden sind. Darüber hinaus müssen zahlreiche Verletzte von den Aufständischen selbst vcr- sorgt und in Sicherheit gebracht worden sein. So ivurde bei einer Reihe von Kämpfen ein Auto mit TanitätSflagge bc- obachtet, das Verletzte aufnahm und mit unbestimmtem Ziel beförderte. Besonders tragisch ist, daß viele Verletzte mit den Kämpfen nichts zu tu» hatten und nur dadurch das Opfer der Pistolen und Gewehre ivurde, daß sie den Heimwen in ihre im Kampfgebiet liegenden Wohnungen antraten oder aber sogar von verirrten Kugeln in ihren Wohnungen selbst getroffen wurden. Acltere oder schwerhörige Leute, die sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnten, wenn eine neue Militärattacke erfolgte, sind zweifellos stärker bctrof- scn worden, als die Ausständischen selbst. Besonderes Aufsehen hat es erregt, daß die Negierung die Druckerei der kominunistischcn Zeitung besetzen ließ. Dabei ivurdcn sämtliche Unterlagen, alle Adressenltsten für Abon- nenten, das gesamte Rcdaktionsmaterial usw. beschlagnahmt. Die Rotationsmaschine und alle übrigen Druckmaschinen wurden soiveit demontiert, daß eine Inbetriebsetzung einfach nicht mehr möglich ist. Allgemein wird das Verbot der kom- milnistischen Presse und evtl. sogar der Kommunistischen Partei Hollands crivartet. Das würbe eine Maßnahme bedeuten, die bisher im politischen Leben Hollands vollkommen nnbc- kannt ist und aller Traditio» widersprechen würde. Es kann jedoch keine» Zweifel darüber geben, daß die reaktionären Kreise Hollands dir Vorkommnisse zum Anlaß nehmen wer- den, um der Regierung einen noch schärferen Kurs anfzu- zwingen und Maßnahmen durchzusetzen, die bisher von ihnen »och nie verivirklicht iverden konnten. Die Stimmung der Bevölkerung ist durchaus abwartend. Man macht der Regie- rnng wegen ihrer scharfen sozialen Abbaumaßnahmcn die schärfsten Vorwürfe, ohne daß man die Handlungen der Auf- ständischen billigt. Sicher werden die Auseinandersetzungen um den politischen Kurs dann erst richtig beginnen, wenn die Barrikade» ausgeräumt und die Kampfhandlungen längst eingestellt sind. Teil nicht anerkannt worden, da die hierin angeführten Gründe nicht im entferntesten als stichhaltig zu bezeichnen sind. Sie beweisen vielmehr ganz deutlich, daß unter den Gcsolgschaftsmitgliedern eine große Interesselosigkeit herrscht. Wir sehen uns daher leider gezwungen, schärfere Maß- nahmen zu ergreisen und zwar derart, daß die säumigen NSBO.- und DAF.-Mitglicder von uns dem Gau zum Ausschluß vorgelegt werden. Wir möchte» nicht verfehlen, aus die Schivere eines zwangsweisen Ausschlusses besonders hinzuweisen. Wir geben nunmehr allen männliche» Gesolgschaftsmitgliedern letztmalig Gelegenheit, ihre Teil- »ahme zum Ausmarsch nach Rangsdors der Betriebs- zellenleitung umgehend zu melden. Wir erwarten eine restlose Beteiligung an dem Generalappell im Adolf- Hitler-Stadion am Dienstag, 26. Juni 1984. NSBO. und DAF., Ortsgruppenleitung Lichterfelde-Lankwitz: gez. Mielke, Ortsgruppen-Betriebsobmann. Kein Wunder, daß der nationalsozialistische Betriebs- obmann über die„große Interesselosigkeit der Gefolg- schaft" klagt, wenn er im gleichen Rundschreiben die Eni- lassung von 280 Arbeitern ankündigt, denn das bedeutet praktisch den Ausschluß aus der Deutschen Arbeitsfront des Säufers Ley. Unser Gewährsmann teilte uns gleich- zeitig mit. daß zum nächsten..Ausmarsch" auch die letzten 10 nicht kommen werden, weil die Belegschaft weiß, daß die braunen Bonzen noch immer vor einer geschlossenen Haltung des Betriebes ihrs Drohungen jurüchgezogeu haben. Saarpolizei wird verstärkt Saarbrücken, den 11. Juli 1934. Die Regierungskommission teilt mit: In der Sitzung des VölkerbundsrateS vom 4. Juni 1934 wurde folgendes beschlossen: In Erwägung, daß die Regiernngskommission für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung im Saargebiet unter allen Umständen verantwortlich bleibt, ermächtigt der Rat die Regterungskommission, die örtlichen Polizei- und Gendarmeriekräste für die Zeit der Volksabstimmung zu verstärken, wenn sie es für notivcndig hält. Diese Ber- stärkung soll nach Möglichkeit durch Einstellung von Bewoh- nern des Saargebietes erfolgen. Falls die RegternngS- kommission es für notwendig halten sollte, zur Einstellung auswärtiger Kräfte zu schreiten, wird der Rat ihr zu diesem Zweck durch seinen Ausschuß jede Unterstützung leisten. Demgemäß hat die Regierungskommission in der letzten Zeit eine vorläufige Prüfung(die sich jedoch nur daraus bc- schränkt hat, die Personalien der Bewerber: Leumunds- zeugnis, Militärdienstzeit usw. festzustellen) der bei ihr ans dem Saargebiet selbst eingegangenen zahlreichen Beivcr- bungsgesuche vornehmen lassen. Zur endgültigen Prüfung der eingegangenen Bewerbungen hat die Regierungskommission eine besondere Kom- Mission eingesetzt, die an der Hand der Unterlage» und auf Grund eines ärztlichen Gutachtens die Entscheidung über die Anträge treffen wird. Weitere Bewerbungen können bis einschließlich 21. Juli 1984 bei der Abteilung des Innern zur Prüfung eingereicht iverden. Als Kandidaten kommen in Betracht: 1. Personen, die eine einwandfreie Führung nachweisen können: 2. Bc- werber, die eine ausreichende militärische Ausbildung zurück- gelegt haben:». Um eine objektive und unparteiische Wahr- nchmung der Dicnstgcschästc zu gewährleisten, sollen nur solche Kandidaten berücksichtigt werben, die sich für keine der Abstimmungsparteien erklärt haben. Mit Rücksicht darauf, daß die Anwerbungen der Polizei- kräfte nur für eine beschränkte Zeit erfolgen können, kann das Dienstverhältnis nur auf der Basis jederzeitigen Kttnd- barkeit sür beide Teile geregelt iverden. Dementsprechend wird die Einstellung auch ohne Pensionsberechtigung er- folgen. Jedoch werden die Leistungen, die sich aus der Sozial- Versicherung ergeben, gewährleistet. Lenin im Soorgebiet Saarbrücken als Zentrum der Weltrevolution Saarbrücken, den 12. Juli. Die„Saarbrücker Zeitung" bringt einen Lcitaufsatz„Wir möchten gewarnt haben". Nicht etwa warnt sie die Reichsregicrung, weitere Mordfestc zu veranstalten und dadurch Deutschland der allgemeinen Welt- Verachtung preiszugeben. Das Blatt hat viel größere Sorgen. Es muß Emigrantcnhetze betreiben, und zivar denunziert es den früheren kommunistischen Abgeordneten Ebcrlcin, der im Saargebiet als Emigrant lebe. Das Blatt weiß folgende welterschiitternde Einzelheit über diesen Schiververbrecher mitzuteilen: Eberlein ist als Kommun'st nnmiltclbar von Lenin selbst geschult worden, er hat längere Zeit mit Lenin zusammen- gearbeitet, es gibt aus diesen Monaten ein Photo, das ihn zusammen mit diesem Führer des russischen Kommunis- mus zeigt. Der Präsident der Regierungskomniission persönlich wird vor dem Leninschüler gewarnt. Wahrscheinlich stellt sich die Saarbrückerin nach den Taten des Karl-May-Reichskanzlers die Sache mit Ebcrlcin so vor, daß dieser eines Tages mit seinen roten Frontkämpfern der Regiernngskommission einen Besuch macht lind die Herren Minister der Reihe nach abknallt. Als„Täubcrungsaktivn!" Die Anweisung dazu ist in Lenins Werken genau nachzulesen. Uns ist nicht bekannt, ob Herr Eberleiu sich im Taargebiet aushält. Soviel aber wisse» wir, daß bübische Angebereien, wie sie die„Saarbrücker Zeitung" verübt, von jedem ehren- haften Politiker als schmachvoll empsunben iverden. Per bat es nötig l Einer, der mit blutigen Händen wallfahrtet Aus Wien wird berichtet: Bundeskanzler Dollsuß hielt aus Anlaß seiner Ernennung zum Ehrenbürger von Mariazell, wohin er gcwallfahrtet war, eine Rede, in der er sich vorwiegend mit Deutschland befaßte: „Tiefes Grauen ersaßt uns, wenn wir sehen müssen, zu welche» Ergebnissen i» kurzer Zeit eine Bewegung ge- langt ist, die sich eingebildet und die versprochen hatte, das deutsche Volk in eine glückliche Zukunft zu führen. Es ist aber nicht anders möglich. Menschen, die letzten Endes auf dem Standpunkt der Macht st ehe», die fern von allersittlichenPfltchteine m Höherengegen- über glauben, daß alles, was ihrer Macht dient und ihnen Macht zu verschaffen geeignet ist, recht ist, müssen ihr Land dem Abgrund zuführen. Ein Volk, das sich das sittliche Niveau seines Rechtsempfindens und seiner gesellschaftlichen Ordnung selbst zerstört, darf sich nicht wundern, wenn es aus sich selbst zugrunde geht." Ein Toter, der lebt Angst vor Wallisch Dem OND. wird aus Steiermark berichtet: Bei Paula Wallisch, der Witwe Koloman Wallischs, die bekanntlich Strafaufschub erhalten hat und jetzt schwerkrank in einem Erholungsheim liegt, erschien dieser Tage ein Vertreter der Behörde und stellte ihr die Freigabe ihrer beschlagnahmten Wohnungseinrichtung in Aussicht, falls sie zu- stimme, daß die Leiche des auf dem Lcobener Friedhof be- statteten Koloman Wallisch exhumiert und zur Einäscherung nach Wien gebracht werde. Wallischs Grab in Lesben ist zu einem Wallfahrtsort für die obcrsteirischen Arbeiter und Bauern geworden. Nicht nur Industriearbeiter suchen das Grab des Märtyrers der stcirische» Arbeiter auf, auch Holz- knechte kommen stundenweit her aus dem Gebirge und legen Alpenblumen auf Wallischs Grab.-Frau Wallisch gab ihre Zustimmung zur Exhumierung der Leiche ihres Mannes nicht. Da es aber möglich ist, daß die Behörden nicht einmal dem toten Wallisch Ruhe lassen und seine Leiche gegen den Willen seiner Frau exhumieren, wird das Grab ständig von Arbeitern bewacht. M U Die„Me zcWi"! Pariser Berichte Film-Paris bei den Fesfwodien Auch der Film hat«ich selbstverständlich an der„Grande Quinzaine de Paris beteiligt. Auf den Champs-Elysees gab es eine Ausstellung mit täglich oder vielmehr allabendlich neuen Attraktionen, wo der fremde und Einheimische nicht nur allerlei I ethnisches, sondern auch veritable Filmstars mit und ohne Probeaufnahmen bewundern konnte. Der Fachmann fand hier allerdings nicht allzuviel Neues. Er konnte sich an den Premieren dieser Woche schadlos halten, so z. B. im Mariveaux-Cinema den neuen Film„L e S c a n d a 1 e", den Marcel L Herbier nach dem Theaterstück Henry Batailles gedreht hat, bewundern. Heber diesen Film wäre nichts Besonderes zu vermelden, spielte nicht Gaby Morlay die weibliche Hauptrolle. Sie macht aus dieser nicht allzu interessanten Ehegeschichte, die schließlich noch ins Politische hinüberspielt, etwas Außerordentliches, wobei ihr Henri Rolland als Partner und zwei erstaunlich begabte Kinderdarsteller assistieren. Ein Schauspielerfilm, dessen Arbeit eines besseren Vorwurfs würdig gewesen wäre.— Es gibt auch im Tonfilm noch Ueberraschungen. Wer hätte geglaubt, daß ein Tenorfilm auch einmal ein Genuß sein könnte? Dieses Unglaubliche ist Ereignis geworden in den„Chansons de Pari s", in denen ein Opernstar(Georges T h i 1 1) und ein erstklassiger Komiker(Armand Bernard) friedlich nebeneinander wirken, und in dem die Geschichte eines Arbeitslosen, der vom Straßen- zum gefeierten Opernsänger aufsteigt, mit soviel Abwechslung und filmischem Humor gedreht ist, daß man eigentlich von keinem Gesichtspunkt aus gegen diesen Unterhaltungsfilm etwas einwenden kann. Wer Zerstreuung im Kino sucht, ohne sich über Blödheiten der Leinwand ärgern zu müssen, der sehe und höre sich diese— von Maurice Yvain auch musikalisch angenehm ausgestatteten—„Chansons de Paris" an.— Wer aber das Bedeutungsvolle auch im Filmtheater sucht, der pilgere ins Quartier Latin, wo im Cinema du Pantheon der bisher letzte Film S. M. Eisensteins„T onnerre sur le M e x i q u e" läuft. Der Eindruck dieses grandiosen Werks bleibt, da man auf Schritt und Tritt die Schere des Bearbei- . ters spürt, zwiespältig; aber es ist doch möglich, sich an Hand dieses Filmstreifens ein Bild von der neuesten Entwicklung Eisensteins zu machen. Was in diesem dreiteiligen Film, der mit einem Rückblick auf die Denkmäler aztekischer Kultur beginnt, dann eine Episode aus den mexikanischen Freiheitskämpfen des 19. Jahrhunderts gibt, um mit einem ziemlich unvermittelten Epilog, einem Querschnitt durch das industrialisierte und militarisierte„neue Mexiko" zu enden, erkennbar wird, das ist die neue Kunst Eisensteins, die Natur, die Landschaft zum Handlungsfaktor zu machen. Seit der Filmballade„Das Meer", der ersten amerikanischen Arbeit Eisensteins, ist dieser Zug in Eisensteins Kunst immer mehr hervorgetreten. Die Klaue des Löwen bleibt erkennbar; es gibt eine Hinrichtungsszene, die das grausigste und aufpeit- schendste ist, was wohl je auf der Leinwand gezeigt worden ist; und dann versagt leider der befreiende, revolutionäre Schluß, der Epilog, der angeklebt wirkt. Mag sein, daß dies die Bearbeitung verschuldet. Aber hat Eisenstein Moskau verlassen, um sich in Hollywood„bearbeiten" zu lassen?— Man vergleiche den neuen Russenfilm„O k r a i n a", der jetzt wieder im Studio Parnasse läuft, mit Eisensteins Mexikofilm, man wird den Mißklang erkennen, den diese Ehe Moskau- Hollywood in Eisensteins neuem Werk— oder in dessen hier gezeigter Bearbeitung— erzeugt hat. Man bewundert und bedauert diesen Regisseur in einem. Sein Film ist das aufschlußreichste, was man zur Zeit in Pariser Filmtheatern sehen kann. Das Wesentlichste aber bleibt jener russische Antikriegsfilm. Er hat die Einheit im Weltanschaulichen und Technischen zugleich, eben das, was man bei aller Bewunderung in dem neuen Werk des großen Künstlers Eisenstein vergeblich sucht. Trauerfeier für Einsteins Tochter Im Krematorium des Pere Lachaise in Paris fand am Mittwochnachmittag die Einäscherung von Frau Dr. Ilse K a y s e r, einer Tochter Albert Einsteins statt, die im Alter von 36 Jahren hier nach längerem, schweren Leiden verstorben war. Ilse Kayser war mit dem ehemaligen Redakteur der„Neuen Rundschau" verheiratet und unmittelbar nach Hitlers Regierungsantritt ihrem Gatten ebenso wie ihrem Vater in die Emigration gefolgt. Sie lebte in Paris mit ihrem Gatten im Hause von Dr. M a r i a n o w, dem anderen Schwiegersohn Albert Einsteins. Bei der Trauerfeier im Krematorium sah man neben dem Gatten Frau Professor Einstein, während der berühmte Gelehrte selbst zur Zeit in Amerika weilt. Neben den übrigen Leidtragenden waren zahlreiche Mitglieder der deutschen Emigration erschienen, darunter Hugo Simon, der ehemalige preußische Finanzminister, der Schriftsteller Alfred Kerr, die Schriftstellerin Antonia Valentin-Luchaire, Dr. Goldberg vom Siedlungswerk Renou- veau. Nachdem der Prediger der deutsch-israelitischen Gemeinde in Paris, Adolf Philippsborn, die rituelle Liturgie gehalten und der Toten einen herzlichen Nachruf gewidmet hatte, wurde sie unter Orgelklängen den Flammen übergeben. Die Aschenurne selbst wird in etwa vierzehn Tagen von Frau Einstein nach Amerika überführt werden. Association des Emigres Israelites d'Allemagne en France Freitag, den 13. Juli 1934, um 19 Uhr im Betsal„Chez Cohn", 17, Rue Beranger(Metro Republique), Paris. Sabbath- gottesdienst mit deutscher Predigt. Jedermann herzlich willkommen. Deutscher Klub Am Samstag, dem 14. Juli, um 21 Uhr, in der Taverne d'Hauteville, 5, Rue d'Hauteville(an der Porte St. Denis): Debatte über den 14. Juli.— Das Nationalfest in Frankreich und in anderen Ländern. Anschließend geselliges Beisammensein mit Tanz.— Orchester. Eintritt für Mitglieder frei. Gäste sehr gern willkommen. Unkostenbeitrag: 2 Fr. Schnappschüsse! Gin Arbeiter, frer vor kurzem eine Reise ins pren- ßische und pfälzische Gebiet gemacht hat, schickt uns nachstehenden Bericht: Einige Tage Urlaub gaben mir eine willkommene Gele- genheit, etwas Himer die Kulissen des Dritten Reiches zu schauen und Wahrheit und Dichtung, Theorien und Praxis an Ort und Stelle zu beobachten. Mein Weg führte mich in ein? bekannte Gegend, in die Pfalz. Mein Plan war, ganz Ohr zu sein, nur zu hören und keine Auskunft zu verlangen von irgend jemand, den ich nicht kannte. Grenzstation: Bahnpolizei und Zollbeamten treten ein.„Heil Hitler"! Eisiges Schweigen der etwa 13 Fahrgaste. »Verbotene Zeitungen oder Zeitschriften?, etwas zu ver- zollen? Die Kontrolle war nicht allzu scharf. Also wir sind "ii- c" Zch spähe»ach Uniformen, Partei- avzeichen. Nichts. Ein- und Aussteigende sagen„Guten Aufenthalt"" umsteigen und eine halbe Stunde Ä>0 r. r- e L a, fl l:'^ err Wirt, nehmen Sie auch Franken an? Sei unverständlich mit großem Vergnügen! Ein junger Mann Aeir fttfi. kommt herein:„Heil Hitler"! Ter Wirt sagt: «eHell Hitler und die etwa 25 Gäste hüllen sich in«chweigen. Station E., umsteigen und eine halbe Stunde Aufenthalt. Tie Jnnenräume des Bahnhofsgebäudes sind besät mit Pia- raten.„Warum hat Deutschland Schuh nötig im Osten, im Norden, im Westen?". Die Grenzen sind gruselig besät mit feindlichen Festungen und Flugzeuge». Station D.: Der Bahnbeamte grüßt„Heil Hitler". Bis dahin hatte ich ein Parteiabzeichen und eine Uniform ge- sehen und dreimal hörte ich„Heil Hitler" sagen und ich war 59 Kilometer in„Feindesland". Wahrhaftig, etwas spärlich gegenüber meinen Erivartungen. Ich gehe in den einige Tausend Einwohner zahlenden Ort. Es begegnet mir ein leibhaftiger SS.-Mann.„Guien Mor- gen' grüßte ich höflich und ich kam mir vor ivie ein Held—. Gr antwortete ebenso höflich„Guten Morgen". Ich war sprachlosen Meter weiter begegne ich zehn jungen Männern: »Zjuten Morgen—„guten Morgen". Etwas weiter vier SA.-Leuten„Guten Morgen". Ich traute meinen Ohren Nicht. Ich trete ein in das Hau? meiner Bekannten, ganze Fa- milie seit dem Umsturz Nazis, haben oft persönlich und brieflich versucht, mich zu bekehren.„Guten Morgen— guten Morgen".„Dounerswetter," sage ich,„wo bin ich denn hier hin geraten? Keine Uniform, leine Parteiabzeichen, kein „Heil Hitler", keine Fähnchen!" Plein Gesicht kann nicht sehr geistreich ausgesehen haben. Auf meine verwunderten Fragen, weshalb trotz des vorgesehenen Klimbims bei ihnen nicht geflaggt sei, wurde geantwortet:—„Ja, das ist heute Nach- mittag. Aber wir flaggen und grüßen nur noch, wenn wir müssen. TaS ist heute nicht mehr so ivie früher. Wir haben inzwischen alle eingesehen! Ihr an derSaar seid jetzt so verrückt, iv i e w i r es vor einem Jahr noch waren. Hier hat das alles aufgehört."—„Seid Ihr denn foo enttäuscht? Ich dachte, Ihr seid jetzt„restlos glücklich", jetzt habt Ihr doch den langersehnten Adolf Hitler?"—„O, das war einmal. Man steht nichts von Besserung, man hört nur davon am Radio. Heute abend wird da oben ein Holz- stoß verbrannt als Freudenseuer. Man würde besser tun, das Holz den arme» Leuten zu verschenken, um ihre Bettel- tuppe zu kochen." Ich war erstaunt über einen derartigen Gesinnungswechsel innerhalb einiger Monate. Am meisten wunderte ich mich, daß dieses vernichtende Urteil bei offenem Fenster und Türen gar nicht in das Bild, das ich mir von dem verschüchterten deutschen Volk gemacht hatte. Ist es der Mut der Ver- zweisluiig, frage ich mich? * Nach kurzer Rast begab ich mich wieder auf den Weg. Unterwegs machte ich die Bekanntschaft von zwei Ein- ivohnern, die die FAD.- und Pslichtarbeiterfrage besprachen: „Es ist ja ganz gut, daß die Buben etwas Ordnung bei- gebracht bekommen, aber man soll uns doch nicht weiß machen wollen, daß es zur Ankurbelung der Wirtschast geschieht." Was sagt der Bauer?„Jawohl, die Rodungen sind gut. Aber es gedeihen doch bei uns nur Kartoffeln und Roggen. Aber Roggen haben wir seit Generationen mehr, als ivir im normalen Handel absetzen. Seit Jahrzehnten geben die deutschen Regierungen Ausfahrtsprämien für Exporteure. Und Kartoffeln haben wir soviel, noch nicht einmal 2 Mark konnten wir deshalb im letzten Jahr erzielen. Die Früchte dieser Rodungen werden uns keine Hilfe, sondern eine Be- lastung sein. Vor einigen Tagen sah ich, ivie ein Trupp (besonders wertvoll zum Verständnis der letzten Ereignisse in Hitler-Deutschland. Ungewöhnlich interessant und aufschlußreich Konrad Heiden: Gebssri Geschichte des Nationalsozialismus bis in die neueste Zeit Hier hat wohl zum erstenmal ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus versucht, Entstehung und Aufbau des nationalsozialistischen Staates so zu sehen, wie sie sind; also weder so, wie die meisten Gegner des Nationalsozialismus ihn am liebsten sähen, noch so, wie er selbst gesehen zu werden wünscht. Es kam dem Verfasser in diesem Buch darauf an, in größtmöglichster nüchterner Klarheit die gewaltigste politische Suggestion zu schildern, die unser Zeitalter kennt. Niemand wird künftig über das Problem des Nationalsozialismus mitsprechen dür- den, der dieses Buch nicht gelesen hat. Preis des 272 Seiten starken Buches: Kartonierl 25,- fr. Leinenband 35,- fr. Buchhand ung der Volksstimme Saarbrücken 3 Bahnhofstraße 32 Neunkirchen Hüttenbergstraße 41 In unserem Ort hat man früher keinen einzigen bezahl- ten Partei- oder Gewerkschaftsbonzen gekannt. Alles wurde ehrenamtlich gemacht. Und heute haben wir in unserem Ort (8000 Einwohner! allein 8 bezahlte Bonzen. Das ist Wirt- schaftsankurbelung." * Im nächsten Ort treffe ich alte Bekannte. Früher vom Sozialismus angehauchte Zentrumsleute. Sie sind nicht mehr die allen. Ihre Ideen, ihre Reden sind radikalisiert. Ihrer Hoffnung auf Befreiung geben sie Ausdruck in For- tnen, die den radikalsten Kommunisten alle Ehre machen würden. Die Leute sind besser auf dem Lausenden, als ich gedacht habe. Daß Göring den Reichstag angesteckt hat, ist für sie keine Frage. Sie erkennen auch de» Hitlerkurs gegen- über der Kirche. Ausdrücke, wie: Wotans Micki-Maus für Goebbels sind an der Tagesordnung. Der Schwindel mit der Arbeitsschlacht, die Korruption, Bouzenwirtschaft, den Bettelsozialismus und den unvermeidlichen Bankrott sehen sie ja alle klar und sie können mir alle bestätigen, was ich bis dahin gesehen und gehört habe. DeS Abends sitzen wir am Radio. Sie suchen Anschluß au Moskau. Wen» etwas aus Deutschland kommt:„Schnell weiterdrehen. Ten Mist habe» wir lange genug gehört. Luxemburg und Straßburg werden sehr viel gehört. Große Hoffnung setzt man auf eine Niederlage Hitlers an der Saar. Man rechnet mit Bestimmtheit, daß auch das Taarvolk bis zur Abstimmung den Nationalsozialismus begriffen hat und ihm eine Ohrfeige gibt.„Bleibt so lang, wie es geht von Deutschland fern. Ihr wißt nicht, wie schön Ihr es habt!" Das kann man immer und immer wieder hören. Mein Weg führte mich zu einem anderen Ort, der als Hochburg des Nationalsozialismus bekannt ist. Ick trete in eine Gastwirtschast mit„Guten Morgen" ein. Ein paar Leute sitzen da. Tie Unterhaltung war nicht sehr lebhast, bis _.. U.„ v, tl w9T.=£eiite ctitc Mühle mit Holz-Handgranaten erstürmten. Aber das ist bei- eine Gruppe von 5 bis 0 jungen Leuten. 23 bis 2« Jahre alt, leibe keine militärische Uebung. Die Gemeinden haben für 5'""«Hinten..Heil Hitler", der Neu mit die FDA.-Lager aufzukommen: Die Gemeinde.* für 10 Jahre(?) lang. Die Gemeinde N. N. legt demnächst ihr Land zusammen. Die Arbeiten werden vom FDA. gemacht und die Gemeinde hat zigtausend Mark dafür zu zahlen. Wir haben Arbeitslose und andere Leute genug, die diese Arbei- ten gerne ausführen würden. Das Geld könnte im Dorf bleiben, aber so ist es einfach eine militärische Requisition." Im trage:„Habt Ihr wirklich noch Arbeitslose?" —„Arbeitslose genug und noch mehr Erwerbslose." —„Welcher Unterschied besteht denn zivischeu Erwerbs- losen und Arbeitslosen?" —„Wir haben bestimmt weniger Arbeitslose, als vor Hit- lerszeiten. Kunststück! Dadurch, daß man keine Unterstützung mehr bezahlt, schafft man die Arbeitslosigkeit ab. Man sucht nach Verwandten, die noch etwas besitzen und überläßt dann die Sorgen denen. Auf der Suche nach bemittelten Ver- wandten ist man beinahe so scharf, wie nach der Suche nach der arischen oder nichtarischen Großmutter. Alles nur Er- denkliche wird erfunden, um jemanden seiner Unterstützung eintraten. Zwei grüßten„Heil Hitler", der Nest mit „8 Liter"! Etwas Gelächter und Schmunzeln. Bisher glaubte ich, in Teutschland sei das„Heil Hitler" so heilig, wie das„Gelobt sei Jesus Ehristus" bei den Katholiken. Tie Ortsgruppe besteht aus 120 Mann. ES war Appen angesagt. Von 120 Mann erschienen 13. Der Führer macht einen schrecklichen Krach und befahl Strasappell für 12 Uhr nachts. Resultat 33 Mann. Ja, die Jungens haben den Kap- pes satt. Ick erkundige mich, wie es kommt, daß heute schon so viele Menschen ernüchtert sind. Am 12. November wurde doch noch sast einstimmig gewählt.„Da sind viele Ursachen," sagt ein Mann.„Die gewaltige Angst vor der Kontrolle ließ viele Leute, denen es anders ums Herz war, nationalsozialistisch stimmen. Man glaubte allgemein an eine Erfindung des Propagandaministeriums, die es ermögliche, jede Stimme zu kontrollieren. Mein Gewährsmann erklärt, daß in sei- uem Ort und bestimmt in vielen Orten während des Stim- zu berauben. Und wenn es dann nicht anders geht, beschäftigt menzäblens die Oeffeutlichkeit ausgeschlossen war. Polizei man ihn in NotUandsarbeiten zu einem Stundenlohn, der«?L hatten das Lokal abgesperrt.— Und wie kam es, ll-ö'lüRt.li.Plig ßc[ojti Lätzte fr- bei 40stündiger Arbeitszeit für Arbeiter ohne Familie eine Kleinigkeit(2—3 RM. die Woche) mehr ergibt als die Er- werbslosenuiiterstiitzuiig, während bei einem Mann mit großer Familie bestimmt weniger herauskommt, als die Er- iverbslosenunterstübung." Da ich daran zweifelte, hat man mir es dokumentarisch bewiesen. Allerdings können die Leute mit großer Familie von sonstivo unterstützt werden. —„Wieviel Leute mehr denke» Sie haben seit Hitler wirklich erwerbbringende Arbeit gesunden?" Erstaunte Ge- sichter.„Mehr? ES haben bestimmt heute nur noch wenige die Löhne, wie vor Hitler. Wirklich normal bezahlte Arbei- ter gibt es heute Millionen weniager, als vor Hitler und es sieht aus, als ob aber von Tag zu Tag diese Not schlimmer würde. Natürlich von den neudeutschen Bonzen müssen ivir absehen. Es handelt sich um etwa 2 bis 300 000. Diese haben Karriere gemacht in fast amerikanischem Tempo. Einen tnpi- scheu Fall will ich Ihnen erklären. Ein Eisenbahnarbeiter wird in einem Jahr in einigen Sprüngen Bau-Rat. Ein kleines Tchreiberlein wird Bürgermeister in einem größeren Ort. Befähigungsnachweis— Mitgliedsnummer unter 100 000. Sowas hat man früher Parteibuch- oder Bonzenwirtfchaft genannt, die unbedingt ausguM?! werden mußte. Wie ha t daß unzählige Neinwähler nach den Wahlen verhastet wurden?" Zum Schluß noch zwei Bemerkungen von einem fast 70- jährigen Bauern und einem kleinen Buben. Ich frage den Alten:„Also, wie solle» wir es denn machen an der Saar?" Er antwortete„Für lins Bauern wäre es ja besser, wenn die Saargrenze fallen würde, da wir dann unsere Erzeug» nisse besser los werde». Aber ich sehe nicht ein, daß Ihr ins Unglück kommen sollt, damit ivir unsere Kartoffeln besser loswerden. Ich will den Tag der Befreiung noch erleben und Ihr an der Saar könnt uns vielleicht viel helfen!" Der Kleine, ei» Kind aus der Stadt in Begleitung seiner Tante, begegnete einer Hakenkreuzfahne. Auf die Mahnung seiner Tante, auch die Hand z» heben, crividertc er im schön- sten Dialekt:„Aich sain doch keen Aas". Beide haben recht. Wir wollen an der Saar keine Assen sein und uns unnötig ein Hakenkreuzunalück aufbürden. Jeder Saarländer, der wirklich den Nationalsozialismus und seine verheerenden Erfolge kennen lerne» will, sollte einige Tage drüben bei bekannten Menschen zubringen. Aber nicht beim Kundgebiingsthcatcr und auch nicht als Fremder. Dann, würde er bestimmt die Losung begreifen; Gegen M J^" 5 Xj /LUil» 1 U».1 il.( f xJ K t-A^ AU.1 11 ,^1 V. v» , r I' I.* id! ki .» 1 U v»V, U! 1 l! 1 1 i i l