Sinzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr- 161— 2. Jahrgang Saarbrücken, Sonntag Montag, 13. 16. Juli 1934 Chefredakteur: M.Braun Aas dem Inhal! Sie Auslandpcesse ütec die JCanileccede Seil« 3 Banditentum als Staatsmoral Selbstporträt des deutschen Reichskanzlers und seiner Horden— Die Kluft zwischen ihm und der Kulturwelt Sein Greueiberidif Berlin, den 14. Juli 1934. »Ein Meister kleiner Staatsschusterei, ein Virtuose des Meineids und Verrats, ausgelernt in allen Nied- rigen Kriegslisten, heimtückischen Kniffen nnd gemei- nen Treulosigkeiten des... Parteikampfes: stets de- reit, wenn... bedrängt, eine Revolution anzufachen, nnd sie im Blute zu ersticken, wenn er am Staatsrudcr? mit Slasscnvorurteilen an Stelle von Ideen? mit Eitelkeiten an Stelle eines Herzens? sein Privatleben so infam, wie sein öffentliches Leben niederträchtig— kann er nicht umhin... die Scheußlichkeit seiner Taten zu erhöhen durch die Lächerlichkeit sei- uer Großtuerei..." Karl Marx„Bürgerkrieg in Frankreich". War das nun die von der ganzen Welt erwartete politische Siede des deutschen Reichskanzlers? Nein, es brüllte ein Räuberhauptmann vor seinen mitver- ichworenen Horden und rühmte st-*, untreue Spießgesellen trschossen und nebenher noch einige Dutzend Morde besohlen in haben. Die vereinte Phantasie eines Edgar Wallaee und eine« Karl May, des Lieblingsschriftstellers Adolf Hitlers, reichen Nicht au", um einen Banditenroman zu erfinden, wie ihn der deutsche Reichskanzler dem Deutschen Reichstag erzählt hat. Da hat sich nach dem Bericht des Staats- und Parteifüh- seit Jahr und Tag in der NSDAP, eine päderastische S>tännersekte gebildet, die ihre Tage und ihre Nächte in Reichem Wohlleben und wüsten Orgien hinbrachte. Der Füh- ^er kannte das alles genau, denn er sagte gestern, daß er deshalb das luxuriöse Haus des Stabschefs in Berlin nie betreten habe. Nichts von seiner vielberufencn Energie wer- wandte er aber darauf, Ordnung und Säuberung zu schaffen, «r sah sogar, immer nach seiner eigenen Darstellung, jähre- lang zu, wie Röhm und seine Obersten ihre Bettschätze und Lustknaben in leitende Kommandostellen über deutsche Jugend brachten, während angeblich gute und treue alte Kämpfer Zurückgesetzt wurden. So der jetzige Stabschef Lutze, der sich wr gekränkten Ehrgeiz zu rächen beschloß und sich daher den Hitler, Göring und Goebbels als Spitzel und Provokateur An? Verfügung stellte und sich so unter die Päderasten und ^vikuräer mischte. Wie weit sein persönliches Opfer ging, verschweigt des Reichskanzlers Groschenroman, denn„das Gefühl der Schande" hat ihm Grenzen gezogen. Er schämte l>ch allerdings nicht, seinen Spion zum Nachfolger des er- lchosienen Duzfreundes zu ernennen. Die Tage und Nächte der braunen Generäle mit ihren Freuden der Tafel und der pervertierten Liebe wären auch in aller Zukunft von dem großen nnd gütigen Führer zwar mit wundem Herzen aber immerhin gednldet wor- de«. Er hätte die Röhm und Heines nnd Ernst dem deut- scheu Volke und der deutschen Jugend auch weiterhin als heldische Vorbilder und als Beispiele deutsch-spartanischer Jugend gerühmt beinahe wie sich selbst, wenn nicht die Stimmung in den Massen sich bedenklich getrübt hätte. Dieser Unzufriedenheit aus Enttäuschung und Hunger hatte ber Reichskanzler nach seinen eigenen Worten nichts zu bie- len als eine„neue Propagandawelle", die weltberühmte Schlacht gegen die Miesmacher, Nörgler und Kritikaster. Ausgerechnet seine Luxusgenerale mit ihren entnervten Lüst- l'Ngen sollen, wie der Reichskanzler geglaubt wissen will, °u« maßlosem Machtstreben mit unzufriedenen Volksteilen °ben und unten, von rechts und links und aus der Mitte *>»e Empörung vorbereitet haben, die schon vor einem Jahr burch Hitler in Reichcnhall totgeredete„zweite Revolution". * Was tut nun ein Mann von der politischen und mensch- "che» Größe des deutschen Führers? Er jagt nicht etwa den Reichsminister und Stabschef Röhm, die SA.-Führer und Polizeipräsidenten, die nach seinen schlüssigen Beweisen eine Staatsverschwörung nnd einen blutigen Aufstand vorzu- bereiten und anzuzetteln beginnen, zum Teufel, um sie durch »uverlässige Staatsstützen zu ersetzen! Nein, hier beginnt b»s in keinem echten Schayerroman fehlende Kapitel der ewigen Freundschaft und Liebe, der harten Männerworte Und der gebrochenen Herzen. Immer wieder bittet er den lieben Stabsch ef Einst, Aöhm M sich und fleht ihn an, von seiner frevlen Auflehnung gegen den Gottgesandten abzulassen. Fünf Stunden beschwört er ein- mal seinen Stabschef, aber leider versagt gerade bei dem die sonst unerschöpfliche Suggestivkraft des-Hitler. Der aber ist und bleibt ein positiver Christ.„Ist es genug, wenn ich siebenmal vergebe? Nein, siebenzig mal sieben mal sollst Du vergeben." Ueber solchem Tun des reinen Heiligen in der Reichskanz- lei verrann die Zeit und ging die Miesmacherschlacht ver- loren. Ernst Röhm und seine Verschworenen setzten sich nun teils in den Kellern der Braunen Häuser, die vorübergehend von zu folternden Marxisten geräumt wurden, zu finsteren Revoluzzerplänen zusammen, teils sagten sie in hehrer Mannentreue dem Führer genau, was sie wollten. Ter Stabschef wollte Reichswehrminister werden und seine SA. sollte irgendwie noch mehr als vorgesehen aus den reichen Finanzquellen des Heeres gespeist werden. Soviel wußte Röhm, daß so die Miesmacherei in der SA. am besten zu beheben sei. Hier aber wächst der Staatsmann Hitler über den Freund und Bruder hinaus. Er weiß, daß die Reichswehr tausenv- mal besser bewaffnet, disziplinierter und zuverlässiger ist als die von ihm nominell geführte, tatsächlich von Röhm befeh- ligte SA. Die Reichswehr kann die SA. erschießen, wenn es ernst werden sollte, nicht jedoch die SA. der Reichswehr eine Schlacht liesern. Was ist aber ein Diktator ohne Kanonen und Maschinengewehre? Also desertiert der Führer von „seiner" Ml. zn„seiner" Reichswehr, und die hat nur daraus gewartet, daß der Staatsches von den verachteten Randen der SA. an die Seite der Staatstruppe tritt. Grollend zieht sich der tn Ungnade gefallene Stabschef in seine oberbayrische Villa zurück. Dort zählt er zunächst sein Geld. Zwölf Millionen Reichsmark, die für Stiesel, Unisor- men und Erbsen mit Speck zugunsten der armen SA. gesam- melt waren, hat er beiseite geschafft. Das weiß der Führer und Reichskanzler genau, denn er liest aufmerksam bie„Emi- grantenpresse", und wenn er aus Staatsräson auch manchmal gegen sie polemisiert, so ist er doch durch uns allmählich davon überzeugt worden, daß er korrupte Halunken, Diebe und Defraudanten zu Spießgesellen hat. Daß der größte Spitzbube und Lump, den ber deutsche Reichskanzler über das deutsche Volk a^s Fronvogt gesetzt hatte, allerdings der Herr Reichsminister und Stabschef Ernst Röhm selber war, ist erst durch Hitler der Welt bekannt geworden. Soweit hatte sich unsere Greuelphantasie nicht verstiegen.* Was macht man mit 12 Millionen Mark? Das wußte Ernst Röhm als Freund und Bruder Adolf Hitlers genau. Man kauft sich Räuber, Mörder und Zuhälter„m i t s u r ch t- baren S t r a f l i st e n", wie ber Herr Reichskanzler jetzt zugibt, bildet sie zu Terrorgruppen aus, schlägt Gegner und renitente Gesinnungsgenossen krumm und lahm, mordet an- gebliche Verräter durch die Feme, erpreßt Zeugnisse, ver- breitet Todesschrecken und macht die Politik zu einem Räu- berhandwerk. So bereitete Ernst Röhm, wie der Reichskanz- ler bekundet, seine„zweite Revolution" vor, und wer wollle da dem Gründer der NSDAP, und Führer der SA. Adolf Hitler reiche Erfahrung und genaue Kenntnis aller Details bestreiten? Seine eigene Laufbahn ist das genaue Vorbild dessen, was er nun dem Reichsminister und Stabschef Ernst Röhm für die letzten Wochen aus dessen Banditendasein nach- gesagt hat. Nun beginnt die Phantasie des Epikers auf dem Kanzler- stuhle zu rasen, und es ist für den nüchternen Durchschnitts- leser schwer, ihr zu folgen. Mit den luxuriösen,ihreJttnglinge liebendenSA.-Komman- deuren, die der Parteiches und Reichskanzler leider nicht der Behandlung des Dr. Magnus Hirschfeld übergeben kann, weil er diesen unvorsichtigerweise verjagt hat, ssonst hätte der nazibeutsche Liebes- und Schauerroman möglicherweise einen ganz anderen Verlauf genommen), verbünden sich zur Herbeiführung der zweiten, der proletarischen Revolution adlige Nichtstuer, die aus purer Langeweile und aus Sen- sationskitzel den Nationalbolschewismus wollen. Das sind mit den Kavalieren des Herrenklubs, die General v. Schleicher, General von Bredow und das früher schon gebrochene Freun- desherz Gregor Strasser. Schleper als schlau beschlossen die Verschwörer, den Haupt, m qnp gyn Höpenikl 42 ijUV 4» ernenne«. Mordopfer ohne Sühne Die verräterische Todesanzeige Die„Deutsche Freiheit" brachte am Freitag die Nachricht, daß in Berlin im Zusammenhang mit der„Säuberungs- aktion" auch der einzige Sohn des Justizrats Dr. Maximilian Stein ermordet worden sei. Polizei habe den verstümmelten Leichnam des jungen Mannes den Eltern zurückgeschickt mit der Erklärung, daß er sich im Polizeigebäude aus dem Fenster gestürzt habe. Die Bestattung des jungen Stein mußte in aller Stille stattfinden. Die Eltern sind vollständig gebrochen. Jetzt finden wir in der„Jüdischen Rundschau" vom 10. Juli (Nr. 55) diese Todesanzeige: Am 2. Juli 1934 entriß uns ein trag sehen Geschick unseren einzigen geliebten Sohn und Bruder Leo Stein im 32. Lebensjahr. In tiefer Trauer Maximilian Stein und Frau Roiia geb. Stein S'ddy Kallmann geb. Stein Arthur Kallmann Die Beisetzung hat bereits stattgefunden, Beileidf« Bezeugungen dankend verbeten. Berlin W 10, Rauchstraße 6 Die Ermordung Leo Steins, über deren Ursache wir nichts wissen, ist am 2. Juli erfolgt. War dieser junge Jude mit Röhm, Heines oder Schleicher im Bunde? Werden seine Mör- der dem„ordentlichen Gerichtsverfahren" übergeben werden, wie Hitler in seiner Reichstagsrede ankündigte? Niemals wird man eine Antwort erhalten. Es sollte unter dem Namen Adols Hitlers eine Revolu, tion gegen Adols Hitler durchgeführt werden. Da fehlt nichts an den Requisiten eines BarrikabenbramaS. Um 4 Uhr nachmittags sollte Alarm geblasen, um 5 Uhr sollten„slyragartig"(Hitlers Lieblingswort) und Überfalls- mäßig die Regierungsgebäude besetzt, teils sollte den harm- losen SA.-Leuten und noch harmloseren Polizeioffizieren gesagt werden, das geschehe im Auftrage Adolf Hitlers, um ihn aus den Klammern der Reaktionäre ziz befreien. Teils sollte besagter Adolf Hitler 24 oder 48 Stunden verhaftet werden, damit er das große nun endgültig beginnende Werk des nationalen Aufbruchs zur nationalsozialistischen Revo- lution nicht hindern könne. Andererseits war aber auch schon ein Meuchelmörder gedungen mit dem Dolch im Gewände, der Herrn Hitler abmurksen sollte. Ob dieses tragische Ende dem deutschen Volke als Selbstmord oder als„auf der Flucht erschossen" schonend beigebracht werden sollte, stand allerdings noch nicht fest. Ahnungslose Polizeioffiziere, blondblaue treue Seelen, nordische Recken, aber dumme Luder hatten sich von den Re- bellen schon Panzerwagen abschmätzen lassen, schon begannen die Motore zu rattern, da kam Einem ber Gedanke:„Das ist ja Meuterei!" Blitzschnell und blutig griff Adolf Hitler zu, 77 Verschwörer lagen im Sand, das Baterland war gerettet und ein Band des vieljährigen nationalsozialistischen Schund- romans war zu Ende. * Es ist zwecklos, sich mit dem verlogenen Unsinn, den der deutsche Reichskanzler einem seiner würdigen Parlament vorzutragen beliebte, auseinanderzusetzen. Notwendig ist aber die Feststellung, daß er nichts, nicht einen einzige» Beweis für die Richtigkeit auch nur einer seiner Behauptungen vorbrachte. Kein Zeugnis und kein Dokument. Ein einziges Mal schien er konkret werden zu wollen, als er sagte, einer der Verschworenen habe ein genaues Tage- buch geführt, aber nicht ein einziger Satz wurde aus diesem geheimnisvollen und angeblich so beweiskräftigen Tagebuch verlesen. Nichts, nicht das Geringste wurde als Beweis für das „Komplott" mit dem Auslande vorgetragen. Nicht einmal das Land wagte der Reichskanzler zu nennen. M MÜ iairatu Wittben trägein gegx« die deutsch e Gerung verbündet haben soll. Nicht einmal den Diplomaten nannte er, mit dem die hoch- und landcsverräterischen Pläne erörtert morden sein sollen. Kein Wort des Bedauerns fiel, das; die mit der Ermor- düng Schleichers, für die der Reichskanzler schreiend und unter tosendem Beifall des Reichstags die Verantwortung übernahm, beauftragten Banditen auch die Frau v. Schleicher erschossen haben. Nicht die leiseste Andeutung gab es über das Hinschlachten der K l a u s e n e r, v. Kohr, Prob st und ungezählten anderen, deren Namen der Reichskanzler wohl- weislich verschwieg. Das dies weder„Meuterer" waren, noch Leute, die einer Verhaftung Widerstand leisteten, weih der Reichskanzler genau. Er hat aber nicht soviel Macht und nicht soviel Mut, die Schandkerle auch nur leise zu tadeln, die diese Bestialitäten verübten und nachher die Leichname einäscherten, um die Spuren der Folterungen für immer zu vernichten. Es bleibt die furchtbare Last auf dem Reichskanzler, daß er gefährliche Gegner, daß er vor allem Mitwisser seiner dunklen Ansänge, durch die ausländisches Geld rollte, beseitigen lieh, wie den 72jährigen Herrn von Kohr, den niemand der Verschwörung beschuldigt hat. Nicht einmal die Totenliste wagte der Reichs- tanzler bekannt zu geben, die seit zwei Wochen die ganze Welt von ihm fordert. Nur die„Meuterer" summierte er rasch und ungenau auf 77. Was an Katholiken und Juden, an Konservativen und an- deren Kritikern des Systems umgelegt worden ist, verschroten der Reichskanzler schuldbewußt. Mit absichtlicher Unklarheit deutete er an, daß die Urheber von Gewalttaten nach dem l. Juli den ordentlichen Gerichten zugeführt werden sollen. Ob je einer dieser Prozesse stattfinden, ob je darüber berich- tct werden wird, steht dahin. Die bestialischen Morde, die am 3». Juni und am t. Juli begangen worden sind, werden samt und sonders vom Reichskanzler gebilligt oder doch amnestiert. Darunter fallen auch die Morde an den Katholiken- sührern. * „I ch habe den Befehl gegeben, die Hauptschuldigen zu er- schieben"—„Ich habe den Befehl gegeben, die Geschwüre auszubrennen bis auf das rohe Fleisch."—„Ich unterhalte niich mit niemandem darüber, ivas politisch harmlos ist oder nicht."—„Die Männer, die an verborgenen Beratungen beteiligt sind, lasse i ch totschiehen."—„Ich bin verantwort- lich für die deutsche Nation und bin daher der Oberste Ge- richtsherr." Das ist mehr als Zäsarenwahnsinn Das ist das unzwei- selhastc klinische Bild eines von Größenwahn Besessenen, eines Rerrückten. Eines atavistischen Menschen, mit un- gebändigten tierischen Trieben aus der Urzeit. Bon bru- taler Energie und doch feige. So deutlich wurde das, als er plötzlich die Stimme senkte und peinlich rasch über die Zahl der Ermordeten hinglitt. Daß noch immer Millionen von Deutschen sich dieser Füh- rung anvertrauen, andere Millionen aus Furcht sich fügen, ist nur möglich, weil wir ein in zwei Jahrzehnten der Not und der Verwirrung krank gewordenes Volk vor uns haben. Die Gesunbungskrise der Nation steht noch bevor, und wer wollte nach dieser Reichstagsrede und dem, was sie den Mas- sen bietet, noch zweifeln, dah die kommende Abrechnung unter furchtbaren Eruptionen vor sich gehen wird? In Deutschland regiert der Schrecken. Das wissen nun alle in der Welt, die noch immer an der Wahrheit unserer Schilderungen gezweifelt haben. Einer Regierung, die sich so wie der Reichskanzler zum Mord gegen alle ihre Gegner entschließt, auch wenn nichts als kritische Stimmung gegen sie vorliegt, ist jedes inner- und außenpolitische Verbrechen zuzutrauen. Für eine solche Sorte Ttaatösührer und Obersten Ge- richtsherrn gibt es kein Gesetz und keinen Bertrag, kein Recht und keinen Pakt und keinen Eid, die nicht ge- brachen werden dürfen. Und der Reichskanzler hatte die Schamlosigkeit, den Mord als deutsche Staatsmoral zu proklamieren für jetzt und alle Ewigkeit. Er und alle seine Nachfolger, so überschrie er sich, mühten zu allen Zeiten so handeln, wie er jetzt blutig durch- gegriffen habe. Im Namen der Nation und zum Besten der Nation. Zum Schaden und zur Schande der Nation! In Ansätzen menschlicher Vernunft spürt das sogar dieser Neichskanz- ler. Er wagte nicht, seine blutschmatzende Mördcrrcde mit außenpolitischen Ideen zu verbinden. Es blieb bei dem Parteirapport über die Parteimorde vor den Partei- bonzen. * Und die Welt außerhalb der Krolloper Berlins? Die deutsche Presse weih schon wenige Stunden nach der Führerrede zu berichten, daß die Deutschen fast ohne Ausnahme in Ver- zückung zu ihrem großen Führer emporblicken. Im Aus- lande aber? Überwältigender Eindruck und llellodernde Entrüstung, daß„eine gewisse Presse" die lauteren und menschlich so gütigen Beweggründe des Führers wieder ein- mal verzerrt hat. Nun, da sie die volle Wahrheit erfahren hat, ist die Welt tief gerührt und beneidet Deutschland wie- der einmal, dah es den bedeutendsten Staatsmann und gröh- ten Menschen hervorgebracht hat. Nur die hohe Tugend der Bescheidenheit verbietet es dem deutschen Reichskanzler diese Lobsprüche rings um den Erdball seinem Volke bekannt zu geben. Darum wird die Einsuhr ausländischer Zeitungen möglichst verboten. In Wahrheit zeigen schon die allerersten Pressestimmen aus den fremden Ländern, dah diese Kanzlerrede Deutsch lands außenpolitische Lage noch mehr verschlechtert hat. Ein- zclne Zeitungen schreiben offen, was andere nur andeuten: daß ein unzurechnungsfähiger Wüterich an der Spitze einer großen Nation inmitten des von Gefahren umdrohten, mit Spannungen geladenen Europa steht. Die Folgerungen er geben sich von selbst. Der Ring um Deutschland schließt sich eisern, und die französisch-englische Entente macht ihn unzer- reißbar., Ras Hilst es, wenn Hitler so gründlich nnd demütig vor dem Auslande kapituliert, wie er es beabsichtigt? Das Ausland glaubt diesem Manne, seinem System und sei- nen Kreaturen nichts. Die Diplomaten blickte» auS ihrer Loge aus den leeren Stuhl des Vizekanzlers und wußten, baß die innerpolitischc Krise nicht gelöst ist. Sie hörten den Schwur des ReichSkanz- lers an die Reichswehr und sahen gerade bei dieser Szene die ekstatische Raserei der militanten Parteivertretung, die /ich Deutscher Reichstag nennt. Die Geheimberichte der Bot» schafter und Gesandten werden darlegen, daß aus militari- stischcm Geist ein Militärregiment in Deutschland regiert, das die deutsche Nation zu einem einzigen Kriegsinstrument zusammenrafft und allen mit Tod und Verderben droht, die andere politische Linien betreten möchten. Die Reichskanzlerrede hat nichts geklärt und nichts ge- ändert. Die a u ß c n p o l i t is ch c Isolierung bleibt und d i e innere Zersetzung Deutschlands und die u n g e h e u- ren sozialen Spannungen bleiben auch. Die wer- den von dem Abschießen einer Dutzend TA.-Bonzen nicht berührt. Der Führer kann morden lassen. Das hat er tausendfach bewiesen. Auch schon vor dem 80. Juni, und er wird es noch einige Zeit durch seine Blutbestien unter Beweis stellen. Mehr kann er nicht. Er löst keines der deutschen Pro- blcme. Er ist nicht einmal fähig, eines dieser Probleme richtig z« sehen und verständig zu analysieren. Seine Ter- rorrcde ist das Eingeständnis seiner Hilflosigkeit und der Ratlosigkeit des ideenlosen Nationalsozialismus. Ein Despot hat Cliquen, die er fürchtete, durch Mord besci- tigt und dabei auch reihenweijc Unschuldige ermorden lassen. Das ist nach dem eigenen Bericht des Reichskanzlers die Geschichte des 80*. Juni. Und das deutsche Volk? Mit unverhohlener Schadenfreude hat es die Füsilierung von Nazis durch Nazis begleitet. Mit Granen und innerer Empörung hat es nach und nach das Hinschlachten von ehrenhaften Volksgenossen erfahren. Tatsachen, die auch der Reichskanzler verlogen und hinter- hälttg verschwieg. Dieses Volk wird sich nicht ewig täuschest lassen. Der Kanzler und seine Banditen werden den„hundertjährigen Krieg",».en er gestern ankündigte, verlieren. Das deutsche Volk wird an einem kommenden Tag sich erheben und sich von der Schmach dieses Kanzlers und seiner Horden befreien. # Die Entschließung der Reichtstagsmarionetten Berlin, 13. Juli. Die vom ReichStagspräsidenien Göring vorgelegte und vom Reichstage unter stürmischem Jubel angenommene Entschließung Dr. Frick und Genossen hat folgenden Wortlaut: Der Reichstag wolle beschließen: Der Reichstag billigt die Erklärungen der Reichsregierung und dankt dem Reichs, kanzler für seine tatkräftige und entschlossene Rettung des Baterlandes aus Bürgerkrieg und Chaos. Fragezeichen um Papen Wo ist er eigentlich? Der Vizekanzler von Papen, der von Hitler eine „ehrende Erwähnung" erhielt, wohnte der Reichstagssiyung nicht bei. Keiner iveiß überhaupt, ivo er sich aufhält. Tic Bailer„National-Zeitung" läßt durch ihren Berliner Kor- respondenten einige Fragen stellen, die charakteristisch für die Position des Vizekanzlers sind: „Ist er frei, ist er verhaftet? Ist er wirklich von der Ge- Heimen Staatspolizei lange verhört worden und hält ihn diese allmächtige Instanz etwa fest? Seine Wohnung an der Lennestraße wirb»ach wie vor von de» TS.-Leuten bewacht. Aber der Hausherr ist nicht zu Hause. Tie einen wollen wissen, Papen weilte unbekannten Aufenthalts in Berlin und habe sich in der P o t s d a m e r st r a ß e ein Büro ge- mietet. Aber ein Büro wofür? Andere wiederum melden Papens Auftauchen in seiner saarländischen Heimat. Dritte wollen ihn in der T ch w e i z gesehen haben und vierte munkeln sogar, der Vizekanzler habe nicht etwa abgewirt- schastet, sondern sei zu n e u e n g r o ß e n T a t e n bestimmt." Wie er log Der Hauptschuldige an der unheilvollen Entwicklung London, 14. Juli. sJnprcßj: In„New Statesman aud Nation" wird der Bericht eines Engländers veröffentlicht, der mit Schleicher sehr eng befreundet war. Schleicher sagte seinem englischen Freund im März 1933 folgendes:„Vor Hitler hatte ich keine Angst, seine Wählerschaft war bei den Novcmberivahlen um 2 Millionen gesunken, und ehrliche Wahlen im März, die unter meinem Programm gestanden haben würden, hätten ihm weitere Millionen genommen. Sein Spiel war Blusf, und meiner Ansicht nach hätte er ver- Heraus mit«ler Mord Ii sie! Hitler ist zu feige, die vollständige Mordliste mit Name« bekanntzugeben. Aber der Schrei der gesamten Oessentlich- keit des In- und Auslande« hat ihn dennoch gezwungen, eine Zahl zu nennen. 77. Morde sind von ihm zugegeben worden, während noch vor wenigen Tagen das Propaganda- Ministerium von 41 sprach und alle höheren Zahlen als Lügen bezeichnete. Es unterliegt aber gar keinen Zweifel, daß auch die von Hitler angegebene Zahl von 77 mit den Tatsachen in keiner Weise übereinstimmen. Vielleicht weis er in diesem Augen- blick selber noch nicht, wieviel Morde aus eigene Fanst»er- übt wurden. Trotzdem ist die zugegebene Zahl von 77 ungc- heuer bezeichnend. Sie ist wesentlich größer als eine Liste sein würde, die alle Namen enthält, die von allen Zeitungen berichtet worden sind. Schon heute läßt sich klar erkenne», daß selbst, wenn nur die Liste der 77 Ermordeten verössent- licht wird, sie viele Namen enthält, die bisher nirgends ge- nannt wurden. Wir fordern die Herausgabe der lücken» losen M o r d l i stc! loren. Da griff von Papen in das Spiel ein. Er war einer meiner ältesten Freunde, und obwohl ich verschiedentlich vor ihm gcivarnt worden>var, glaubte ich, seiner persönlichen Loyalität vertrauen zu dürsen. Er erwies sich als ein Ver- räter, neben dem Judas Jschariot ein Heiliger war. Meine Mitarbeiter, die ihm ganz und gar nicht trauten, ließe» ihn beobachten. Auf diese Weise habe ich und hat später die Well von Papens geheimem Gespräch mit Hitler in Baron von Schroeders Villa erfahren. Ich lieh Papen sofort kommen und fragte geradeaus: Im Namen unserer alten Freund- schaft beschwöre ich Dich, offen zu mir zu sein. Was bedeutet dieses Gespräch mit Hitler? Was für eine Intrige steckt dahinter? Papen ergriff meine Hand, schüttelte sie. sah mir fest in die Augen und antwortete:„Kurt, im Namen unserer alten Freundschaft und auf mein Ehrenwort als L.'!A ,e l und Mann schwöre ich Dir. daß ich eine» Schritt gegen D'M oder die Regierung, an deren Spitze Du stehst, niemals unternehmen oder gutheißen werde." Die I....... Ofthilfe- kauft ha hüllung zu verhindern,—„...„.... ler zu machen. Sie ihrerseits halsen ihm. de» alten Prag- dente» zu überzeugen.. Und um der Wirkung ihres An- griffes sicher zu sein, löge» sie ihm vor. ich hatte eine» Staatsstreich mit Hilfe der Reichswehr geplant. ver Dlulpiaffe Hitler—„von Gott geschenkt" Darmstadt, 12. Juli. Der Landesbischof der Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen, Lic. Dr. Dietrich, erläßt folgen- den Aufruf nebst Anordnung: „Tie Ereignisse des 30. Juni 1934 haben auch den Blinden die Augen geöffnet und die einzigartige Größe des Führer», die immer feststand, aller Welt gezeigt. Er ist uns von Gott geschenkt. Und wer jetzt nicht vorbehaltlos aut seine Seite tritt, ist böse» Willens: reaktionär. Ich ivende mich an die mir unterstellte» Geistlichen unserer Landes- kirche. Es ist der Wille des Führers, daß eine Deutsche Evangelische Kirche wird. Er wartet seit den Julitagcn des Jahres 1933 daraus. Theologische Streitigkeiten der Pfarrer haben es bis zur Stunde nicht dazu kommen lassen. Der Führer hat lange genug gewartet. Ich verbiete daher für den Bereich der Evangelischen Landes- kirche Nassau Hessen jede Zugehörigkeit der G e i st l i ch e n zum Psarrernotbund oder einer Psarrerbruderschast oder die Mitwirkung an der Bildung und Teilnahme an sogenannten Freie» Synoden. Geistliche, welche bisher dazu gehörten, haben die Verbindung sofort zu lösen. Ich wiederhole zum letzten Male, daß Bibel und Bekennt- nis bis zur Stunde keinen Augenblick in unserer Landes- kirche in Gefahr waren, höchstens bei jenen vermeintlichen Tchntzherren einer„theologischen Eristenz heute". lGcmcint ist der berühmte protestantische Theologe Barth. D. Red. d. „D. F."> Geistliche, welche dieser Verordnung nunmehr nicht nachkommen, machen sich nach 8 2 des Kirchengesetzes über Dienstvergehen der Geistlichen und Kirchenbcamten vom 22. März 1934 eines Dienstvergehens schuldig. Gegen sie ivird ein Disziplinarverfahren eröffnet mit deni Ziele der Entfernung aus den« Kirchen- a m t. Darmstadt, den 4. Juli 1934 Der Landcsbischof'. Lic. Dr. Dietrich." Sie grüßen letzt mit beiden Händen Hohn Ober die Krolloper Erster Vilm in die Auslandspresse Frankreich Die Pariser Morgenblätter aeden ausnahmslos die Hitlerrede zum Teil ganz, zum Teil in ziemlich um- langreichen Auszügen wieder. Stellung nehmen nur wenige Zeitungen, weil die Rede erst vor Schluß der Redaktionen eingetroffen ist. Aber schon die Ueber- schriften lassen erkennen, wie sehr man in Frankreich von dem Inhalt der Rede, die auf außenpoli- t i s ch e m Gebiete nichts gebracht hat, enttäuscht sei. . Das.Journal" will aus dem Umstand, daß Vize- ' a n z l e r v. P a p e n nicht zugegen w a r, die Schluß- mlgerung ziehen können, daß er nicht mehr als Mitglied der Regierung zu betrachten sei. Im„F j g a r o" erklärt d' O r m e s s o n, gefährlich sei aber der Ton gewesen, den Hitler angeschlagen habe. Wenn oer Ehes der Regierung eines mächtigen Landes, das sich mitten in Europa befinde, in einem solchen Ton, mit solcher Leidenschaft und Nervosität— ja man könne sogar sagen, Wut— die Maßahmen erläutere, die er zu ergreifen ge- jungen gewesen sei, so deute das aus ein undefinierbares Unbehagen hin. Wenn man die Stimme Hitlers höre, frage man sich mehr denn je: Wohin geht Deutschland und wohin geht Europa? „"ietit Parisien" betont, daß aus der Tiplomatentribüne i^ amerikanische, englische und französische Botschafter gefehlt hätten. Der Führer hätte ein langes Plädoyer gehalten Aver das Thema:.Ich habe noch mal Deutschland vor dem Ehaos gerettet". Den Erklärungen Hitlers sei zu wieder- vollen Malen lebhaft Beifall gezollt worden von einem Auditorium, das man ausgezeichnet eingespielt habe(..Kien faite"). .Journal": Hitler habe enttäuscht. Er habe kein Wort von der Außenpolitik gesagt. Hitler habe sich darüber ausgeschwie- gen, welches nun eigentlich diese ausländische Macht sei, in der Röhm, Schleicher, von Bredow, Gregor Straßer die Bahn für die gemeinsame Sache gegraben haben sollen. „Hitlers Rede war nur ein Plädoyer pro domo" sagt der „M a t i n". Kein Wort sei über die Außenpolitik gesprochen worden. Der Berliner Korrespondent dieses Blattes meint, es habe sich nur um eine verkürzte Rede gehalten. Der Teil, der sich aus Außenpolitik beziehen sollte und wohl vorbereitet gewesen sei, sei wohl im letzten Augenblick beiseite geschoben worden als Folge der englischen Demarchen in Berlin und der von Mussolini neuerdings eingenommenen Haltung. Eine Rede, so heißt es weiter, die nur mit Deutschland, nichts mit der übrigen Welt zu tun habe,„voll von Nebel und Donner wie eine Wagneroper". Blomberg habe bescheiden in der zweiten Reihe gesessen. Aber der meist gesehene von allen Ministern sei einer ge- wesen, der gar nicht da gewesen sei, und von dem jeder gesprochen hatte, der Vizekanzler von Papen. Der Korrespondent erzählt bann, wie er, der Korrespondent, den Sitzungssaal während der Rede Görings verlassen habe. Als er nach dem Ausgang gefragt habe, hätte ihn ein SS.- Mann angeschrien:„Sind Sie verrückt?!" Wie konnte er denn auch die Göring-Redc nicht hören wollen. Hitler plädiert für seine Schuldlosigkeit.„Der Führer kün- digt dem Reichstag das baldige Wiedererscheinen der SA. an", so überschreibt der„I o u r" seinen Bericht von der Kanzlerrede. In einem besonderen Artikel nimmt Georges M a r c e n a y zu der Rede Stellung. Er sagt:„Hitlers Rede beweise, daß er weder überanstrengt noch krank sei, er habe anderthalb Stunden lang genau so laut gebrüllt, wie man das von ihm schon kenne. Aber die Begeisterung der Massen sei dafür geringer gewesen. Die Heilrusc auf dem Wege, den der Kanzler zum und vom Reichstag passiert habe, hätten recht dünn geklungen. Ueber die Außenpolitik habe Hitler nichts gesagt. Vielleicht wolle er mit diesem Schweigen die Aufmerksamkeit gerade auf sich lenken, möglicherweise habe er erst reden wollen, dann aber vorgezogen zu schweigen. Vielleicht habe er gerade deshalb so gehandelt, weil die ganze deutsche Presse von Frankreichs Sieg in London, von der französischen Hege- monie angefüllt sei. Aber der Tag der Hitlerrede habe drei gleichartige außenpolitische Demarchen gebracht. Die Rede von John Simon, die ein Bekenntnis zu Frankreichs Sicherheit bedeute, Mussolinis Verlautbarung, die sich zu den gleichen bekennt, schließlich den Schritt des englischen Botschafters in Berlin. Es sei wohl möglich, daß diese„neuen Tatsachen" dazu geführt hätten, daß man in Berlin die Auffassung über die Politik der Pakte geändert habe bzw. die Entscheidung über eine Stellungnahme dazu noch hinauszögere. Vielleicht hätten Hitler und Neurath nur Zeit gewinnen wollen, um gar noch lieber an den Spieltisch mach Genf. D. R.) zurückzukehren. Die kommunistische„Humanite":„Der Kanzler spricht vor seinem Reichstag": Dimitrofs und Thälmann seien stär- ker als Göring und sogar Hitler. Vor einem Jahr habe Hit- ler davon gesprochen, daß er in inigen Wochen die marxi- stische Pest ausrotten wolle. Jetzt habe er von hundert Iahren geredet. Wichtig sei das Eingeständnis, daß der Marxismus die Reihen der SA. zersetzt habe". „Die Krise sitzt fiel" Die Gefahr: daß sich die Führerschicht selbst aufreiben könnte Die Basler„National-Zeitung" schreibt:„Die Ruhe ist nicht immer erste Bürgerpflicht! Fast jeder Ausländer, der in diesen Schicksalstagen Deutschland aussucht, schüttelt den Kops über die scheinbare öffentliche Teil- nahmslosigkeit gegen so schwereEreignisse, wie sie der 3l>. Juni entfesselte. Aber die Deut- schon sind ein geboren ruhiges Volk, dazu sind sie noch im Banne einer weitverbreiteten Resignation. Doch in vielen Seelen welche Zweifel und welcher Aufruhr! Der 311. Jnni brachte die Wende. Ein Star wurde gestochen. Jtlnsionen sind dahin, Nimbusse ausgeblasen. Der Glaube an die Kraft des neuen Staates, an die Daner des„dritten Reichs"(1000 bis 10 000 Jahre!», die Volkstümlichkeit Adolf Hitlers sind schwer getroffen. Die Zweideutigkeit dieser Methode« steht aus einmal da als die große und furchtbare Tatsache, die das Mißtranen, das unheimliche bodenlose Ge- kühl und jene Angst aller vor allen erzeugt, die das Volk mit jedem Tage mehr in ihre gespenstischen Fangarme nimmt. Die moralische, seelische Krise sitzt tief? sie aber schon als Krifis zu bezeichnen, die dem Regime Lebens- gesahr brächte, wäre durchaus falsch. Diese Männer, das zeigte der 33. Juni, sind um etwas Wesentliches, um Energie, nicht verlegen. Falsch dürfte spekulieren, wer serner mit einem ftoatsgcsährdenben Gegensatz etwa zwischen Reichswehr und Hitler rechnet. Nur eine Gesahr besteht vorläufig für das „dritte Reich": daß sich die Führerschicht— das bewies der 33. Juni gleichfalls— durch Spannungen inner- halb ihres Geiüaes selbst aufreibe» 5 öunte." Pressestimmen an der Saar Gleichgeschaltete Begeisterung „Werden die hämischen Bonzen im Ausi o*Wt auch heute noch mit Schauermärchen und mit schmutzigen Angriffen gegen die höchste Führung des Reiches zu operie- ren wagen nachdem sie hier aus dem berufensten Mund die ganze Größe der Teutschland drohenden Gefahr, die Gemeinheit des Treubruchs und die geheimnisvolle Ver- zweigung dieses Anschlags gegen das Reich gehört haben? Kein Staatsmann weder in Spanien noch in England an- läßlich der Niederschlagung des irischen Freiheitskampfes, geschweige in Rußland, hat mit der Wahrheitsöru- talität wie Adolf Hitler vor dem Volk und der Welt Rechenschaft abgelegt. Sollten die internationalen Drahtzieher und verantwortlichen Journalisten nicht schwei- gen, so könnte das deutsche Volk aus der Fortsetzung der Hetze nur den Beweis entnehmen, daß diesen Leuten der Sieg Adolf Hitlers nicht gelegen kam--•" „Saarbrücker Zeitung" Ergreifendes Bild „Noch einmal bot sich dem Zuschauer ein ergreifendes Bild, als der Führer, nachdem Reichsminister Göring den Dank des Hauses und damit des ganzen deutschen Volkes in besonders markanten Sätzen zum Ausdruck gebracht hatte, jedem einzelnen seiner Minister der Reihe nach die Hand drückte. Der Beifall, der diese symbolische Handlung unter- strich, schwoll zu einer gewaltigen Kundgebung an, als der Führer dem Reichsminister Göring die Hand drückte. Spontan stimmte das ganze Haus das alte Lied der SA., das Horst-Wesiel-Lied an... Die politische Bedeutung dieses Abends wird noch lange besprochen werden. Als erster Ein- druck ist festzustellen, daß der Bann einer großen Beklem- muna von allen gerissen ist. Von Straße zu Straße eilt das Gefühl der großen Befreiung der Menschen, die durch die Gerüchtemachern der letzten Tage von einer großen inneren Unruhe ersaßt waren. Der Abend hat die Klarheit gebracht, aus die wir alle bis zur Stunde warteten." „Deutsche Front"' Die andere Leite „Die eigentliche Krise der Bewegung hatte ihren Ausgangspunkt in dem Wortbruch des Führers. Hätte Hitler nur den Versuch gemacht, einen Teil seines Programms durchzuführen, hatte er gezeigt, daß er deutscher Sozialist war, wie er es vierzehn Jahre lang behauptet hatte diese SA. Führer-„Revolte" wäre nie gekommen, weil diese„Rebellen" niemals zuverlässige An- Hänger gesunden hätten. So aber wird der Geist der Unzu- sriedenheit durch die Mordschützen des 33. Juni in der SA. nicht getötet worden sein." „General-Anzeiger für das Saargebiet" Ausl&ndisdie Presse Segen Goebbels Der deutsche Informationsapparat versagt... Der Verein der ausländischen Presse zu Berlin nahm zu der Rundfunkrede Dr. Goebbels Stellung in einer Resolu- tion, in der festgestellt wird,„daß eine Antwort durch die öffentliche Meinung der Welt bereits erfolgt ist". Darüber hinaus betont die Resolution, daß die im Verein der ausländischen Presse vereinigten Korrespondenten in Erfüllung ihrer Berufspslicht und der Tradition ihrer Be- russorganisation getreu sich immer bemüht haben und be- mühen, der Wahrheit gerecht zu werden. Die Resolution weist ferner aus das Versagen des amtlichen In- formatio n sapparates in Deutschland hin, indem sie richtige, zuverlässige und schnelle Auskünste als eine der Voraussetzungen für eine sachliche Berichterstattung be- zeichnet. -I- Der„Petit P a r i f i e n" ist heute in Berlin polizeilich beschlagnahmt worden. In Kreisen der hiesigen französischen Kolonie, die mit Paris in Verbindung stehen, verlautet, daß die erste Ausweisung eines französischen Zeitungskorrespon- denten aus Deutschland französischerseits mit der Aus- Weisung sämtlicher deutscher Pressevertre- ter in Paris beantwortet würde. England fflr Eranhrcldis Ostpatt Denfsdiland soll zum beitritt angefordert werden- als Probe seines rrledenswlilens... Große linferhaus-Ausspradie Für Rußlands Eintritt in den Völkerbund London, den 14. Juli. Die große Unterhausdebatte über die Frage der englischen Außenpolitik und der Abrüstung wurde von dem Führer der Oppositionsliberalen Sir Herbert Samuel er- öffnet. Mehrere ausländische Diplomaten sowie der deutsche Botschaftsrat Fürst Bismarck waren anwesend. Sir Herbert Samuel betonte seine Beunruhigung über die neuerliche Erklärung des Luftfahrtministers Lord London- Terry, wonach die englische Regierung eine befriedigende Abrüstungsvereinbarunq nicht mehr erwarte und daher ge- eignete Maßnahmen für die Verteidigung Englands zur Lust ergreisen müsse. Wenn man von Rüstungserweite- rungen spreche, so müsse man stichhaltige Gründe dafür an- führen. Im englischen Volk bestehe die größte Abneigung gegen ein Bündnis mit einer europäischen Macht, denn Bündnisse könnten England in die größte Verlegenheit bringen. England dürfe keine weiteren automatischen Ver- pflichtungen in Europa außer dem Loearnovertrag eingehen. Das englische Volk würde keiner Verpflichtung der Regie- stcung seine Zustimmung erteilen, die daraus hinauslause, englische Streitkräfte zur Beteiligung an einem Streit auf das Festland zu entsenden. Auch der stellvertretende Oppositionsführer Attlee wollte die Gründe für die englischen Aufrüstungsmaß- nahmen wissen. Die Arbeiterpartei begrüße den französi- sehen Plan eines Ostloearno und unterstütze ebenfalls die Zulassung Rußlands zum Völkerbunde. Der englische Außenminister Lir John Simon erklärte dann u. a.. die englische Regierung habe sich außer- ordentlich gefreut, den sranzösischen Außenminister Barthou in London zu begrüßen. Barthou sei hauptsächlich gekom- men, um über die mögliche Schaffung eines gegenseitigen Hilseleistungspaktes zu sprechen, der eine Anzahl von Län- dern in Osteuropa umfassen würde. Der zur Erörterung stehende Plan enthalte in erster Linie einen gegenseitigen Hilseleistungspakt zwischen S o w j e t r u ß l a n d und den Baltischen Staaten. Polen, der T s ch e ch o- slowakei und Deutschland. Der Pakt würde dem Beispiel von Loearno folgen. Ein weiterer Punkt gehe dahin, daß R u ß l a n d in gewisser Hinsicht mit Loearno in Verbindung gebracht würde. Dies würde in der Form einer Garantieverpflichtung an Frank- reich auf der einen Seite und an Deutschland aus der an- deren Se te geschehen, falls sich eine Lage ergebe, die den ursprünglichen Loearnovertrag wirksam werden lasse. Ferner werde es eine von Frankreich angebotene Ver- sicherung geben, die sich sowohl auf die russische Grenze als auch auf die Ostgrenzen Teutschlands beziehe. Das sei ein Pakt der regionalen Garantien. Sir John Simon erklärte dann, England könne einer neuen Abmachung zwischen europäischen Staaten, die daraus abziele, einen Kontra- henten gegen einen anderen aufzuhetzen, nicht durch seine moralische Unterstützung ermutigen. England übernehme keine neuen Verpflichtungen. Es sei wichtig, daß Sowjetrnßland unter dieser Abmachung in den Völkerbund eintrete. England sei bereit, Rußlands Eintritt in den Völkerbund zu begrüßen. In Zusammenhang mit dieser neuen Ab» machung bleibe das eine weitere notwendige Angelegen- heit, der die englische Regierung die größte Bedeutung bei, messe. Wenn durch die neue sranzösisch-fowjetrusfische Jni- tiative ein neuer Pakt der gegenwärtigen Hilfeleistung er» reicht werden soll, an dem Deutschland teilnehmen würde, dann erscheine es der englischen Regierung außerordent- lich notwendig, sich folgendes vor Augen zu führen: Der Abschluß eines solchen Paktes mit Deutschlands Be- teiligung in dem System der gegenseitigen Garantien, die geleistet werden könnten und die sowohl für die Sicherheit Dsutjchlayts als für die»einer Nachbarn uurjen wurden, würden den besten Grund für die Wiederaufnahme der Ver- Handlungen zwecks Abschlusses eines Uebereinkommens dar- stellen. Dieses Uebereinkommen sollte eine vernünftige An- oendung des Grundsatzes der deutschen Gleichberechtigung in ein.m System der Sicherheit für alle Nationen vorsehen. Deutschland müsse ein Mitglied dieser neuen Kombination werden, wenn sie znstandekomme. Sir Iobn Simon sagte dann, er sei glücklich, im Unter- Hause mitteilen zu können, daß anläßlich der französisch eng- tischen Besprechungen die französische Regierung mit der englische ii dieser Hinsicht übereingestimmt und ihn er- r""igt habe, dies der deutschen Regierung mitzuteilen. Der englische Reaierung habe daher beschlossen, ihre Ansicht be- kanntzugeben, daß ein Ostpakt der gegenseitige» Garantien, begründet auf den strengsten Grundsätzen der Rezi- prozität und abgefaßt mit dem echten Ziele, die Grundlagen des Friedens der Welt durch Schaffung einer weiteren Basis der gegenseitigen Garantien zu stärken, die Unter- stützung des englischen Volkes und der eng- l i s ch e n Regierung wohl verdiene. Er freue sich, mitteilen zu können, daß er heute «ine Verlautbarung von Mussolini erhalten habe, die heute in Italien veröffentlicht werde. Darin heiße es, daß die Stellungnahme Italiens als eines Unterzeichnerstaates von Loearno der Stellung- nähme Englands ähnlich sei. Der Außenminister wandte sich dann der Frage der Ab- rüstung zu. Die englischen Bemühungen würden auf die Abrüstungsarbeiten in Genf gelenkt, aber man dürfe sich nicht mit einer Wahnidee abfinden, wenn keine Berein- barnng zustandekomme. Der konservative Abgeordnete Mollisson erklärte, er sehe keine Aussicht für eine Rückkehr Deutschlands zum Völker- bund. In Deutschland, so behauptet der Redner, stünden zwei oder drei Männer an der Spitze der Politik, es gebe keine öffentli^e Meinung und kein Parlament. Nach seiner Meinung kennte ein Land sich aus einer solchen Lage nur befreien wenn es sich in ein ausländisches Abenteuer ge- fährlichster All stürze. Es bestehe kein Zweifel, daß in Deutschland sehr feindselige Gefühle gegenüber England herrschten. England müsse aufrüsten und dürfe nicht von der Unter st ützung Frankreichs ab- h ä n g i g sein. Lir Austen Charnberlain begrüßte die Erklärungen des Außenministers. Auch er sagte, daß das Unterhaus die Regierungspolikik noch nie- mals so einmütig unterstützt habe und daß eine Einladung an Rußland, in den Völkerbund einzutreten, zu begrüßen sei. Eordsiegelhesvahrer Eden schloß die Aussprache mit einem Hinweis aus die Gerüchte von einer neuen militärischen englisch-französischen Zusammenarbeit. Die Antwort auf die Frage, ob vor oder während der Besprechungen zwischen den englischen Mini- stern und Barthou zu irgendeiner Zeit militärische VerHand- lungen stattgefunden hätten oder ob solche Besprechungen überhaupt durchgeführt worden seien, müsse ein bestimmtes Nein sein. Die gegenwärtige R ü st u n g s l a g e sei Spezialkurse der französischen Sprache für Ausländer. Konversation, Korrespondenz, Ortho« graphie u Grammatik Methode Pigisr Neu und schnell, am Platz und durch Fernunterricht. 45 u. 53, rue de Rivoli 19, Bd. Poissoniudre Paris keineswegs befriedigend und man müsse hoffen, daß sie in ihrer gegenwärtigen Lage nicht bestehen bleibe. Man in Ii ff c der Wahrheit in» Gesicht sehen, da gegenwärtig eine Anzahl von Staaten, deren Mitarbeit wichtig sei, wenn eine Ab- rüstungsvereinbarung erzielt werden solle, eine andere Be- schäftigung hätten. Die internationale Lage sei nicht ver- zweifelt, sondern sie befinde sich„in flüssigem Zustande". Aus eine Anfrage, ob irgendeine bestimmte Daner für einen Ostlocarnopakt vorgesehen sei, antwortete der Lordsiegcl- bewahrer mit Nein. Italien stimmt zu Rom, den 13. Juli. Tie Agcncia Stefani verbreitet folgende amtliche Ver- lautbarung: In verantwortlichen italienischen Kreisen bemerkt man in bezug auf den Ostpakt zur gegenseitigen Sicherheit folgen- des: Dieser Pakt hat in den Londoner Unterhaltungen zwischen Barthou und Sir John Simon eine große Aenderung erfahren. Nachdem er vielleicht zu einer antideutschen Funktion erdacht war, ist er heute in den neuen Vorschlägen so gefaßt, daß er diese Gefahr vermeidet, indem er an der W e st g r e n z e Deutschland und Frank- reich auf dieselbe Stufe der Gegenseitigkeit stellt, wie dies bereits im Locarnopakt ersolgt war und an der Ostgrenze Deutschland und Nußland. Dieses Protokoll hat außerdem den Wert einer ausürllck- lichen Anerkennung der von Deutschland verlangten Gleich- berechtigung, eine Gleichheit, durch die allen noch möglichen Vorbehalten der Boden entzogen wird. Englische? Botschafter bei Neurath London, den 13. Juli. Der Berliner Berichterstatter des„News Chroniclc" meldet, der Berliner englische Botschafter Sir Eric Phipps sei am Donnerstag an die deutsche Negierung bezüglich ihrer Stellungnahme zu einem Ostlvcarnopakt heran- getreten. In seiner Unterredung mit dem deutschen Außen- minister habe er der Meinung seiner Regierung Ausdruck gegeben, haß Deutschlands Beitritt zu einem solchen Pakt den Frieden Europas weitgehend fördern würde. Hitler Denlsdiland leimt sd England sieht auf Belgien London, 14. Juli. Der Plan des Ostlocarno-PakteS in der von Sir John Simon im Unterhaus dargelegten Form wird von der großen Mehrheit der englischen Presse sreund- lich begrüßt. Gleichzeitig wird die ablehnende Stel- lungnahmeDentschlands und ihre Begründung ans- ftthrlich und an hervorragender Stelle wiedergegeben. Die der englische« Regierung übermittelte italienische Haltung wird allgemein als„dramatischer Frontwechsel" bezeichnet. Besonderes Gewicht legt die Presse ans die Mit- teilung, daß der Pakt unter der Voraussetzung der völligen Wechselseitigkeit und der Anerkennung der dentschen Gleich- bcrechtigungsansprllchc in Lrast gesetzt werden solle. Die „Times" schreibt in einem Leitartikel, man müsse der eng- lischen und der französischen Regierung großes Lob dafür zollen, daß sie den Grundsatz der Gegenseitigkeit in den Bor» dergrund gestellt und angenommen hätten. Die Mitteilung Mussolinis, daß der Paktvorschlag nene Möglichkeiten aus dem Gebiet der Begrenzung oder Herabsetzung der Rttstun- gen biete und die Anerkennung der dentschen Glcichbercch- tigung umfasse, sei auch die Ansicht der englischen Regierung. Die Unterhausauösprache habe klar gezeigt, daß die englische politische Meinung sich mehr und mehr von dem Gedanken der reinen Isolierung entferne. Der Isolier nngsgedanke, so behauptet das Blatt, habe niemals tiefe Wurzeln in der englischen Geschichte gefaßt. Die„Times" sagt, daß B e l g i e n und die Kanalhäfen nie- mals ein so wichtiges Element in der englischen Sicherheit gewesen seien wie im jetzigen Zeitalter der Bombenslug- zeuge und weitreichenden Geschütze. Diejenigen, die noch da- von sprechen möchten, daß England nur aus englischem Boden verteidigt werden solle, müßte» als Hinterwäldler betrachtet werden und es sei gesunder Menschenverstand und nicht AI, truiömus, daßEngland mit einem allgemeine» System für die Verhinderung eines An- grisss verbunden sei und den Aktionsradius seines eigenen Vertcidigungssystcms auS- dehnen müsse. Pas neueste Im Prozeß gegen den früheren Reichsernähruugsminister Dr. H e r m e s, der am 9. Mai begonnen hatte, wurde heut« von der 11. Strafkammer des Berliner Landgerichts das Urteil gefällt. Der Angeklagte wurde wegen Untreue zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, die durch die Untersuchnngshast als verbüßt gelten; im übrigen wurden ihm die Kosten des Verfahrens auferlegt. Der Sowjetbotschafter in Paris, Dowgalewski ist in den Morgenstunden deS Samstag gestorben. * Am Donnerstag versuchte eine Schar von Kommunisten einen Ucberfall auf die deutsche Gesandtschaft in Prag. Eine ganze Schar von ihnen drang von zweiten Sei- ten her ans den Platz vor der Gesandtschaft ein und stieß Schmäh rufe aus. Tie Polizei griff sofort ein, und es gelang, die Schar zu zerstreuen. Sechs Kommunisten, die versucht hatten, Widerstand zu leisten, wurden verhastet. * Der schweizerische Bundesrat hat einen AusweisungSve- fchluß erlassen gegenüber der reichsdentschen StaatSangchöri- aen Hildegard R i e t h m ii l l e r, geb. 1011 in Hannover. Fotografin, Kontoristin, Tänzerin, wohnhaft in Lörrach, zur- zeit in Basel verhaftet. Sie hat in Basel im Auftrage der deutschen Polizeibehörde Erhebungen durchgeführt und ins- besondere einen politisch verdächtigen Deutschen von Lör- räch nach Basel begleitet, um seine Verbindungen festzustellen. Wieder einer! Die„Säuberung" in der Wirtschaftsführung Berlin, 13. Juli. Der Präsident der Handelskammer in München. Albert P i e tz s ch, hat. wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, den Wunsch geäußert, von seinem Amt als Führer der Hauptgruppe V der Wirtschaft befreit zu werden. Der Rcichswirtschaftsmlnister hat diesem Wunsche im Einvernehmen mit dem Stellvertreter des Führers der Wirtschaft, Grafen von der Goltz, entsprochen. „Riditer' des folksderidstsiiofs Ans den Allergefreuesfen ausgesiebt „• dnb. Berlin. 13. Juli. Amtlich wird mitgeteilt: Der Herr Reichskanzler hat auf Vorschlag des Herrn Reichsministers der Justiz gemäß Art. 8§ 2 des Gesetzes zur Aenderung von Vorschriften des Strafrechts und des Strafverfahrens vom 24. 4. 1334 sNGBl. 1, Seite 341) auf öl; Dauer von fünf Jahren zu Mitgliedern des Volksgerichtshofes ernannt: 1. Senatspräsident beim Kammergericht Dr. Fritz Rehn, Berlin. 2. Sciiatöpräsident Wilhelm B r u n e r, München. 3. Senatspräsident Eduard Spring mann, Düsseldorf- Wuppertal. 4. Landgerichtsdirektor Erik Schauwecker, Breslau. S. Landgerichtsdirektor Dr. Friedrich S ch a a d, Düsseldorf. 6. Landgerichtsdirektor Dr. Johannes Merten, Kiel. 7. Amtsgcrichtsrat Dr. Georg Zieger. Altona. 8. Landgerichtsdirektor Dr. Alfred Köhler, München. 9. Landgerichtsdirektor Emil Walter Hart mann, Dresden. 10. Landgerichtsdirektor Paul Lämmle, Stuttgart. 11. Landgcrichtsrat Ludwig L u g e r, Karlsruhe. 12. Landge- richtsdirektor Dr. Günther Löhmann, Hamburg. 13. Oberst Busch, Kommandeur des Jnf.-Regts.' Nr. 9, PotS- dam. 14^ Oberstleutnant R e i n e ck e, im Reichswehrministerium. 15. Fregattenkapitän Fö r st e, im NeichSwehrministe- rium. 16. Korvettenkapitän R o l l m a n n. im Reichswehr- Ministerium. 17. Dr. Herz lieb, im Reichswehrministe- rium. 18. Flieger-Commodore Christiansen. 19. Flieger- Commvbore F e l m y. 29. Flieger-Commodore Wenn in- g e r. 21. Flieger-Commohore Stumpfs. 22. Flieger-Com- modore W I m in e r. 23.'Obergruppenführer Staatsrat v. Jagow. 24. Gruppenführer Frhr. v. Eber stein. 26. Gruppenführer M e y e r- O n a d e. 26. Gruppenführer Staatssekretär H o f m a n n, München. 27. Gruppenführer Hauptmann a. T. W e i ß. Berlin. 28. Regierungsrat K l i tz i n g, Schwerin lMecklbg). Gaulcitung. 29. Landes- bauernführer Bredow, M. d. R., Manichnow-Odcrbruch. 39. Kreisleitcr W o r ch, Brauer und Mälzer, Karls- ruhe. 31. Flugleiter H a r t m a n n, Dessau. 32. Justizinspck- tor Angermann, Breslau, Gauleitung. Ferner hat der Herr Reichsminister der Justiz gemäß 8 2 der Verordnung über den Volksgerichtshof vom 12. 6. 1984 tRGBl. 1, S. 492) den Senatspräsidcnten beim Kammerge- richt Dr. Fritz 9t e h n zum Präsidenten des BolksgerichtS- Hofes und Vorsitzenden eines Senats und die ScnatSpräsi- denten Wilhelm B r u n c r und Eduard S p r i n g m a n n zu Vorsitzenden eines S:nats des Volksgerichtshofes bestimmt. * Tiefe„Vokksgerichte" sind selbst gerichtet. Sie haben sich zur blutigen Arbeit gegen die Feinde des Mordregimes und gegen alle, die den Führer als„obersten GerichtSherrn des dentschen Volkes" nicht anerkennen, zur Verfüung gestellt. Man muß sich diese Liste gut einprägen— für die Stunde der Abrechnung. * United Preß schreibt: Die Zusammensetzung de? Volks- gerichtshofes hat in der Bevölkerung einiges Er st au- n e n ausgelöst, da alle Bcriifsständ.e, dieman mitVolk b e z e i ch ne t, darin nicht vertreten sind. Merk- würdig ist auch die Zahl der Flieger-Commodore, worin man den Einfluß d:S preußischen Ministerpräsidenten Göring zu sehen glaubt, der ja auch Lustsabrtminister ist. Bemerkens- wert ist ferner, daß kein einziges Mitglied des Reichsgerich- teS im Volksgerichtshof sitzt. ch Pariser„Humanitc' läßt sich an? Berlin melden. Saß nunmehr, nachdem Hitler die 5 Richter als sogenanntes „Volksgericht" ernannt habe, es endgültig entschieden sei. Sfraßhurger Wodtensdian Wenn jemand eine Reise tut... _ Straßburg, den 13. Juli 1934. Elnässer. die wegen Devisenvergehens voh der deutschen Polizei geschnappt werden, im gelobten Land der .Sperrmark dann Wochen oder Monate Gefängnis abmachen müssen, gehören schon nicht mehr zu den Seltenheiten. Die Zeitungen halten es kaum mehr für nötig, über diese Fälle im einzelnen zu berichten, so häufig sind sie. Heute aber verdient ein Fall Erwähnung, der um so grotesker die Zustände im„dritten Reich" kennzeichnet, als es sieh bei dem Opfer weder um einen Devisenschieber, noch um einen sogenannten„Französling" handelt. Ein junger Sportflieger namens I h o m a s, der aus Verärgerung über die mangelnde Anerkennung, die seine Leistungen hier fanden, sich ins Lager der Autonomisten schlug, später sogar In Saarbrüchen eine Vertretung für deutsche Flugzeuge leitete, unternahm vor mehreren Wochen einen Ausflug ins„dritte Reich"'. Dabei sollte es ihm übel ergehen. Er schildert in der„Basler Arbeiterzeitung" seine Erlebnisse. Nachdem er sich schon mehrere Wochen in Baden-Baden aufgehalten hatte, wurde er, als er seine Bank besuchte, unter dem Verdacht des Devisenvergehens verhaftet. Obwohl er nachweisen konnte, daß er sich des ihm vorgeworfenen Vergehens nicht schuldig gemacht hatte, wurde er über vier Wochen in Haft behalten. Man schnüffelte seine ganzen Papiere durch, faßte seine Korrespondenz ab, bestahl ihn— wie er selbst sagte— und ließ ihn—, nachdem man ihm beinahe 700 Mark abgeknöpft hatte—-wieder laufen. In Kehl setzte man ihn aber nochmals siebzehn Tage fest, was seinen guten Vater wiederum eine schöne Stange Geld kostete. Der also Behandelte mußte, wie er selbst mitteilt, seine„Deutschfreundlichkeit", wegen der er Frankreich verlassen hatte, teuer bezahlen. Ein Erlebnis, das sich in nichts von vielen anderen unterscheidet, die schon so mancher Straßburger im„dritten Reiche" hatte. Immerhin bleibt bemerkenswert, daß es sich hier um einen Mann handelt, dessen„Deutschfreundlichkeit" ihn zu der Reise über den Rhein verlockte. Wenn es im Elsaß wirklich noch Autonomisten gibt, die deutschen Behörden sorgen dafür, daß sie bald gute Franzosen sind. Wie Beispiel zeigt! Kein Uebertritt von SA.-Leuten in Kembs Vor einigen Tagen ging durch die elsässische Presse die Nachricht— auch in der„Freiheit" war sie wiedergegeben —, daß bei Kembs etwa sechzig SA. Leute in voller Uniform die Grenze überschritten hätten. Es stellt sich nun heraus, daß die Nachricht in dieser Form nicht richtig ist. Es sollen zwar vereinzelt Grenzübertritte vorgekommen sein, jedoch war bei den Behörden keine Bestätigung der Nachricht zu erhalten, daß an einer Stelle ein Massenübertritt erfolgte. Die Nachricht entstammte einer privaten Quelle, die wahr- scheinlich das Opfer einer falschen Beobacht u ng wurde. der Führer der kommunistischen Partei, Ernst T h ä l m a n n, und der ehemalige Vorsitzende der kommunistischen Reichs- tagssraktion, Ernst T o r g l e r, in der nächsten Woche vor diesem Volksgericht als Angeklagte erscheinen werden. Das Blatt erinnert daran, daß es gegen ein Urteil dieses Ge- richtes keinerlei Berufung gebe und daß auch der Ministerpräsident keines von diesem Gericht ausgesprochenen Urteil durch einen Gnadenakt mildern könne. 4Z Verhaftungen In der Hauptstadt der Streicherei Nürnberg, 14. Juli. Die Polizeidirektion Nürnberg gibt bekannt, daß sie in der vergangenen Woche 4 5 Per- sotten wegen übler Nachrede und Verleum- dung habe festnehmen müssen, von denen der größte Teil bis zur gerichtlichen Aburteilung in Hast bleibe. Schüsse auf katholische Jugend Essen, 14. Juli.(Jnpreß): Auf einer Wallfahrt Esse- ner Katholiken nach Gravenwege bei Neviges kam es zu Zusammenstößen mit der Hitlerjugend und Polizei. Eine Gruppe von Mitgliedern der Hitlerjugend verlangte die Heransgabe der bei der Wallfahrt mitgefllhrten Fahnen der katholischen Jugend. Es kam zu tätlichen Auseinander- setzungen, in deren Verlaus die Polizei eingriff und die Fall- neu zu beschlagnahmen versuchte. In dem Handgemenge gab die Polizei mehrere scharfe Schüsse ab: der größte Teil der Anhänger der katholischen Jugend wurde verhaftet. Iva für Sprengslofivergetien Scharfes Ausnahmegesetz in Oesterreich Wien, 13. Juli. Amtlich wird mitgeteilt: Am Donnerstag war unter Vor- sitz des Bundeskanzler Dr. Doli fuß ein mehrst ü n d i- g e r Ministerrat. Der Ministerrai beschloß das bereits au- gekündigte Gesetz zur Abwehr politischer Gewalttätigkeiten. Nach diesem Gesetz wird für die Dauer der Aufrechterhaltung des standrechtlichen Verfahrens bzw. bis zum 31 Januar 19>.» für alle Spreng st off verbrechen, somit einschließ-- lich des bloßen unbefugten Sprcngstofsbesiyes sowie für ein» Reihe weiterer, besonders schwerer Verbrechen gegen die Sicherheit der Verkehruntcruehmungen und Anstalten sonne» der lebenswichtigen Betriebe im standrechtlichen als auch im ordentlichen Verfahren ausschließlich die Todesstrafe verhängt werde» können. Nach Kundmachung des Gesetzes wird eine Frist von flluss Tagen zur freiwilligen Anzeige und Ablieferung vor Sprengstoffen eingeräumt bei gleichzeitiger Zusicherung den Straflosigkeit unter gewissen Voraussetzungen, die in einer Kundmachung der Bundesregierung festgestellt werde. In diesem Zusammenhang wird ferner ein Ministerausschust hat mit der Frage weiterer erforderlicher außerordentlichen Maßnahmen betreffend die zu verbrecherischen Zwecken mißbrauchten Wohnungen und Geschästslokale besaßt. Verächtlicher Gruß lJnpreß): Das Marbnrger Schöffengericht verurteilt: deck 28jährigen Schultheiß zu ß Monaten Gefängnis, weil er den Hitlergruß„in nicht wieder zu gebender Weise verächt- lich gemacht" haben soll. Oer böse Bruder In Kolmar versuchte kürzlich ein gewisser Herr Edouard Ernst aus Berlin um die Anerkennung der französischen Staatsangehörigkeit. Er erklärte sich bereit, seiner Dienstpflicht im französischen Heer genügen zu wollen und ein Engagement für drei Jahre in den Kolonien zu unterschreiben. Der Fall gewinnt an Bedeutung und Pikanterie, wemi man weiß, daß es sich bei diesem Herrn Ed. Ernst um niemand anderes handelt, als um den leibhaftigen Bruder des Berliner Dr. Robert Ernst, der in Deutschland al# Herausgeber einer Zeitschrift der sogenannten vertriebeneu Elsaß-Lothringer die Agitation für die Zurüdcgewinnung der ehemaligen„Reichslande" leitet. Es ist schlimm, wenn mau durch den eigenen Bruder Lügen gestraft wird. Herr Goebbels macht Reklame für die„Freiheit" In einem bekannten Straßburger Restaurant ereignete sich! am Mittwochabend folgendes erheiternde Vorkommnis, Einer unserer Zeitungsverkäufer wurde von einem gut gekleideten Herrn nach der„Freiheit" gefragt. Er habe diese Zeitung bisher nicht gelesen, meinte er, aber nachdem sie auch zu jenen Blättern gehöre, die Herr Goebbels in seiner bekannten Rundfunkrede zitiert habe, möchte er sie doch einmal lesen. Schon deshalb, weil er grundsätzlich alle Zeitungen lese, die Herr Goebbels der Verleumdung bezichtige. Unser Verkäufer meinte offenherzig, dann müsse er wohl an Herrn Goebbels auch die Provision für diesesGeschäft schicken. Darauf der Straßburger:„Schicken Sie ihm lieber einenStrick!" Woraus wieder einmal hervorgeht, wie populär der deutsche Lügenminister im Ausland ist. Generalratswahlen im Bas Rhin Bei den im Herbst bevorstehenden Gcneralrats» ahlen stehen im Departement Bas-Rhin von 35 Kantonen 13 zur Wahl. Die Kantone haben gegenwärtig Vertreter folgender Parteirichtungen: UPR. 5, Apna 3, Demokraten 2, Radikale 1, Autonomisten 5, Kommunisten 1 und Unabhängige 1. Der Hauptkampf bei den herbstlichen Wahl wird um die von der Apna und den Autonomisten gehaltenen Sitze entbrennen. Für die Befreiung der politischen Gefangenen In Straßburg hat sich zur Führung des Kampfes für nie Freilassung Ernst Thälmanns, Paula W a 11 i s c h s und aller anderen politischen Gefangenen in faschistischen Staaten ein Komitee gebildet, dem bis jetzt angehören: Liga für Menschenrechte, Liga gegen Antisemitismus, Rote Hilfe, Kommunistische Partei und Jugend, Union föderale des Etudiants, Sozialistische Partei, Association republicaine des anciens Combattant, CGTU. und FST. Mehrere Persönlichkeiten d>-s öffentlicb yp Le begg haben sich ebenfalls schon snges-blossen. Erziehana zor Anarchie Ein Wort zur saarjnsflz Am Untergang des Tempels sind die Hüter, Am Fall des Glaubens sind die Priester schuld. Gutzkow. Ein alter deutscher Jurist schreibt uns: Was würde man von einem Arzte sagen, der bewußt l^'-nen Kranken statt Heilmittel Gift verabreichte? schlimmer ist der Richter, der statt des Hechtes mit Bewußtsein Unrecht spricht! Tsnn er zerstört nicht nur Einzelleben— er vernichtet w>t der Gerechtigkeit den Glauben an das Gesetz, löst die ^sellschaftliche Ordnung, der zu dienen er geschworen i>at, in Anarchie auf. Dieser Zustand bestellt heute von Staats wegen im putschen Reich. Durch Parteifanatismus und Charakter- Ichwache herrscht er im S a a r g e b i e t. Einen tiefen Eindruck hat es mir in meiner Kindheit Lfmacht, mit welcher Achtung, ja Verehrung mein Vater, *"?. Demokrat und geschworener Feind Bismarckscher Be- ^rückungspolitik, von einem streng konservativen adligen Achter sprach, den seine Gesinnung nicht abhielt, in lrengster Gewissenhaftigkeit der Gerechtigkeit ohne An- I^hen der Person und der Partei zu dienen. Damals ivurde es mein Ideal, ein solcher Richter zu werden. Ein tätige Leben hat mir gezeigt, wie wenige seiner Amts- Genossen diesem Borbild glichen. Daß aber an die Stelle Klassenjustiz, d. h. der meist ungewollten Ver- Irrung des Rechtsgedankens durch gesellschaftliche Vor- ! rteile und politische Stimmung die gewollte und I'lstematische Unrechtsprechung getreten ist, die mit vollem Bewußtsein im Dienste der Partei Unschuldige .verurteilt und Verbrecher freispricht, das ist eine Er- ^sngenschaft der neuesten Zeit: der Erweckung des beut- scheu Geistes, der Rettung der Ehre des deutschen Volkes im„dritten Reich". „ Ich weiß, daß ich damit den schwersten Vorwurf aus- freche, der gegen Richter, die geheiligten Träger der »lügensreichen Ordnung", erhoben werden kann. Be- Deutet er doch die Beschuldigung einer Mehrheit zum .verantwortungsvollsten Dienst berufener Amtsträger, daß schwerste Pflichtverletzung, ja das Ver- Drechen der Rechtsbeugung begehen. Schlimm, )vß das keine gehässige Verdächtigung ist, sondern lauere. bittere Wahrheit! . Jede Woche erlebt man hier, wie die Parteiwillkür, die Hitlerreich schamlos und amtlich als Grundgesetz der »Rechtspflege" vorgeschrieben ist und anstandslos geübt Mrd. im Saargebiet, sobald es sich um Dinge handelt, we irgendwie mit den Interessen der deutschschänderischen sironl zusammenhängen, auf dem Wege der Zurecht- viegung. ja der offenen Preisgabe des Gesetzes sich aus- wbt. Ter P o l i z e i, die zur willfährigen Dienerin eines Penzenlos herrschsüchtigen, kein Gewissen und kein Ge- wtz kennenden Parteiapparats geworden ist, gesellt sich hie Macht, die, über allen gesellschaftlichen Mächten gehend, nur das Gesetz, nur die Gerechtigkeit kennen Dürfte: die Justiz. Ein Bild politisch bedingter Ent- artung. das Entsetzen einflößt. Zugleich auch ein ge- Ichichtlich und psychologisch überaus lehrreiches Beispiel, Jvie seit Jahrhunderten anerzogene und geheiligte Sitten- begriffe im Nu durch eine neue politische Konstellation Zerstört werden können. Die bürgerliche Kultur sitzt eben Mr„Handtief". Kratzt sie ab, und die Bestie, der unbedenkliche Diener der jeweiligen Macht, des jeweils stärksten Fanatismus, tritt unverhüllt zutage. Wenigstens >n den Ländern faschistischer„Kultur". Wenn sich zwölf Geschworene— sie haben geschworen, Recht zu sprechen,„so wahr Gott helfe"!— finden, die bem klar erwiesenen Tatbestand entgegen, einen schweren Verbrecher freisprechen, weil er im Dienste ihrer Partei bearbeitet hat und der Angegriffene verhaßt ist, dann war es Pflicht des Präsidenten, diese auf frischer Tat er- tappten Meineidigen und Amtsverbrecher sofort zu ver- haften und gegen sie ein Strafverfahren, wie gegen den Täter ein zweites Verfahren vor gerechten und von Parteihaß und Parteiangst unabhängigen Volksrich- tern in die Wege zu leiten. Woher hätte er freilich— wenn der Wille dazu bei ihm vorhanden war und der Gerichtshof nicht„im selben Spittel krank lag", wie der Schweizer sagt— diese wirklichen, freien und ehrlichen Volksrichter nehmen sollen? Besteht doch heute unter den „Stützen der Gesellschaft", die zugleich die Organisation des fanatischen, die Gerechtigkeit aufzehrenden Partei- fanatismus und die für die Bestellung der Volksrichter zuständigen sind, ein Komplott, das nur noch M i t v e r- schworen en den Zutritt zur Geschworenenbank frei- gibt. Dazu kommt noch das geschichtlich verständliche, aber unter normalen und gesunden Rechtsverhältnissen sinnlose Recht der Ablehnung von Geschworenen ohne Grundangabe, so daß tatsächlich, wenn eine Gesinnungs- gemeinschaft zwischen Angeklagten und ihren Richtern be- steht, das Verbrechen straflos bleibt. Zumal, wenn ein Verbrecher die Robe des Verteidigers schändet. Dieses ungeheuerliche Fehl-, d. h. hier nicht irrige, fon« dern Wahrheit und Gerechtigkeit böswillig verfälschende Urteil steht natürlich nicht vereinzelt da. Es ist die Krone eines ganzen Systems parteimäßiger Justiz, dazu im Sinne einer Partei, die wie nie eine zuvor planmäßig Ungerechtigkeit und Verbrechen zu Regierungsmitteln ge- macht hat. Darf das so bleiben?— weiter gehen kann es ja nicht mehr, schlimmer kann es nicht mehr werden. Es darf nicht so bleiben, wenn nicht auch das Saargebiet nach dem Vorgang des„dritten Reiches" aus den Reihen der Kultur-, der menschlichen Länder ausge- strichen sein soll. Ich empfinde als Deutscher tief den Schimpf, gegen solche amtlich gestempelten Verbrechen von Deutschen— das Wort„Volksgenosse" hat gegenüber solchen Klassen- und parteimäßig Verhetzten ja den Sinn verloren— eine internationale Regierung um Beistand anzugehen. Aber was bleibt sonst übrig? Wenn der Fanatismus das Wort „deutsch", einst Inbegriff alles Großen im Denken, alles Hohen und Streben der Menschheit, zum Inbegriff von Unrecht, Verlogenheit und Grausamkeit in der Welt ge- macht hat, so sind die Volksschichten, die darunter leiden — zur Ehre des Deutschtums die große Mehrheit, die von einer schwerbewaffneten Minderheit geknebelt wird—, gezwungen, die Hilfe dort zu suchen, wo sie vielleicht noch zu finden ist. Wo nach dem Wortlaut des Vertrages die Sicher st ellung der Rechte und Wohlfahrt der Bevölkerung Amtspflicht ist. Trotz dieser Amtspflicht sage ich nur: vielleicht! Denn die bisherige Haltung der Regierungskommission gegenüber den Uebergrisfen und Rechtswidrigkeiten der „Deutschen Front" läßt starken Zweifeln Raum, ob sie sich hier zu ernsthaftem Eingreifen aufraffen wird. Schließlich ist es nicht jedermanns Sache, nur um der Gerechtigkeit willen den Kampf mit einem Gegner auf- zunehmen, dem kein Mittel zu schlecht ist. Aber dieser Anruf ist eben die letzte Möglichkeit. Und man soll den Glauben, daß Pflichtbewußtsein stärker sein muß als Be- quemlichkeit und Rücksichtnahme, nicht aufgeben. Was kann in diesem Fall geschehen? Daß Revision gegen das unglaubliche Urteil eingelegt ist, halte ich für selbstverständlich. Ob sie zum Ziel der Aufhebung des Urteils führt, scheint mir bei der engen Begrenzung dieses Rechtsmittels zweifelhaft. Und wenn die Zurückweisung an ein anderes Schwurgericht erfolgte und dort dieselben Machenschaften zum selben Ziele führten— was wäre gewonnen, zumal der Täter wohl schon dafür gesorgt haben wird, unter seinen Gleichgesinnten im Reich mit gebührenden Ehren aufgenommen zu werden. Hier Helsen nur durchgreifende Maßnahmen allgemeiner Art. Jede Gerichtsverfassung hat zur Voraussetzung den guten Willen der Beteiligten, nach bestem Wissen und Ge- wissen das Recht zu verwirklichen. Fällt dieser Wille weg, so muh entweder der Willkür der im Besitze der Macht Lebenden freies Spiel gelassen werden— bis die Machtverhältnisse sich ändern und an die Stelle einer scheingesetzlichen Willkürherrschaft die offene, unver« brämte, durch jene großgezogene Anarchie der bisher Ent- rechteten tritt. Ein Sachverlauf, der nirgends zu wün- schen, den nach Möglichkeit zu verhüten, durch ordnungs- mäßigen Lauf der Entwicklung zu ersetzen Pflicht jeder gewissenhasten Regierung ist. Oder es müssen, so lange es noch Zeit ist, die Nüttel angewendet werden, die ge- eignet sind, dem schimpflichen, für die Gesellschaft lebens- gefährlichen Zustand, der jetzt besteht, ein Ende zu machen. Mittel, die unter normalen Verhältnissen aufs schärfste abzulehnen wären, aber unter den derzeit be- stehenden anormalen die einzige Möglichkeit bieten, die Gerechtigkeit zu achten. Für den Augenblick wäre es notwendig, alle irgendwie politisch gefärbten Straftaten der ordentlichen Justiz zu entziehen und an ein Organ des O b e r g e r i ch t s zu verweisen. Schlimm genug, daß das deutsche Bürger- und Beamtentum eine solche Degradierung notwendig gemacht hat. Als dauernde Reglung nach Ueberwindung der jetzigen Welle eines gewissenlosen Fanatismus müßte 1. an die Stelle des jetzigen Systems verbrämter Willkür bei der Bestellung von Volksrichtern deren W a h l d u r ch d a s V o l k selbst oder seine Vertreter in den Gemeinden nach dem System der Verhältniswahl erfolgen. Besser offene Parteiwahl mit Berücksichtigung aller Richtungen, als die Monopolisierung einer einzigen, dazu noch der gerechtigkeitsfeindlichen Richtung. Die Wahl wäre vom Obergericht zu b e ft ä t i g e n, wobei gehässige Fanatiker oder charakterlose Liebediener auszuscheiden wären. 2. An die Stelle der willkürlichen Ablehnung der Geschworenen müßte der Nachweis der Befangenheit im einzelnen Fall treten, wie es bei sonstigen Richtern gilt. 3. Durch ein Gesetz muß die Möglichkeit geschaffen und ausgeübt werden, B e r u f s r i ch t e r, die sich lauch bis- her noch) als Diener nicht des Rechts, sondern des Partei- fanatismus erwiesen haben, in den Ruhestand zu ver- setzen bzw. wo die offenbare Ungerechtigkeit erweisbar ist, strafweise zu entlassen. Die Empörung der Opfer des jetzt noch herrschenden Systems und auch anderer über ihr Parteiinteresse hin- aus denkenden Vertreter des Rechts und gesunder Ent- Wicklung ist ungeheuer. Man warte nicht, bis der Damm bricht und die Anarchie, die heute von obenher groß- gezogen wird, in verheerender Sturmflut alle Rechts- ordnung vernichtet. Man schaffe geordnete Abzugskanäle, ehe es zu spät, ehe Unersetzliches zerstört ist. vrohnngen für die Saar Abstimmungskommission höre! (QfnprcK): Die Essener„National-Zeitung", die Görtng immer noch nahe steht, erklärt zur Saarabsttmmung in einem Leitartikel:„Was deutsch ist an der Saar, steht heute in der„deutschen Front". Und was deutsch war uud der deutschen Sache noch nicht hoffnungslos verloren ist, soll und muh in den kommenden Wochen und Monaten dazu ge- ivonnen nwrden. Das wird nach Abschluß des politischen Großkampfcs die eine Aufgabe der deutschen Organisation im Saargebiet bis zum Abstimmungstage sei». Die andere, sicher noch wichtigere, liegt darin,...gewisse Funktionen zu erfüllen, die an sich Sache einer pflichtbewußten Regierung wären, die aber die der deutschen Bevölkerung ohnehin nicht gewogene RegierungSkommission bestimmt vernachlässigen wird." Wenn das Blatt weiter schreibt:„Das soll— wohl- gemerkt— keine Aussorderuug zur Amtsanmaßung sein", so soll mit diesem Satz nicht eine solche Auslegung verhin- dert, sondern gerade aus sie hingewiesen werden. Andernfalls hätten die Ausführungen überhaupt keinen Sinn. fterlln meckert Man schreibt uns aus der ReichShauptstadt: Wie überall in Berlin war am Sonntag, dem t. Juli, fach in Neukölln die Bevölkerung auf der Straße. Ueberall Mdeten sich starke Gruppen von Diskutierenden. Vor den <-eitungsfilialen gab es regelrechte Volksversammlungen, ^ie Verkäufer von Extraausgaben deS„Angriffs" und deS »Völkischen Beobachters" machten trotz der großen Neugier seine besonders großen Geschäfte. Man begnügte sich mit iem Lesen der ausgehängten Zeitungen. Der Inhalt wurde '«'t schärfstem Zynismus ganz offen diskutiert. Die vielfach ^beistehenden SN.-Leute waren in ihrer großen Unsicher- ' e U zu bescheidensten Zuhörern geworden, ab und zu auch J" offenen Kritikern gegen ihre Bonzen. Von den Gesprächen "ersuche ich einige in ihrer ganzen drastischen Berliner Art berichten.„Wat sagen Se nu, der Röhm tS bodgeschosscn." «Ja. uff A steht jetzt Todesstrafe."—«Mensch, «es jz de reinste Liebesasiäre. Denke Se ma, wenn Sie ma Mch Hause kommen und es liegt bei Ihrer Alten en anderer Bett."— Aber bei'n Führer kommt det nich uff de platte. Der kann ja so vill Frauen hab'n, wie er will."— »sa, wenn er will."—„Ach, meine Herren, daß tS doch i* politische Sache. Der Röhm wollte nämlich selbst Adolf Wielen: von wegen de»weete Revolution."—„Die Bande ooch Gastmähler gegeben. In Luxuslimousinen sind se Diahren. Riesig Geld haben se ooch verjuxt."—„IS deS Möglich, davon hat man doch ni« was gemerkt. Mindestens Pcht in Berlin. Unser Hermnn lebt so bescheiden und der '"ihrer ooch. Dcnkense doch an das Eintopfgericht."— Aber ?erade in Berlin, steht doch alles drin, der Führer hats *vch ufsgedcckt. Der muß eS doch bestimmt wissen."— ?Tchade um die schönen Limousinen, da hat man doch schließ- "ch de Wirtschaft mit angekurbelt." , Dder ein Dialog mit einem SA.-Mann:„Junger Mann, luchen se sich ein richtiges Mädchen als Braut. Röhm is ssiimlich schon erschossen. Habt ihr denn für euren General lernst schon Ersatz? Halten se sich man ran, junger Mann. Vachher iS es zu spät."— SA.-Mann:«Sie können mich swch nich uss'n Arm nehmen. Wir wissen schon lange, daß unsere Bonzen bloß sausen und huren. Die sollen sich jetzt f"ch so nfsregen, das mit Rökm hat früher die SPD. schon 'KttNer gesagt."—„Aber als SA.-Mann dürfen sc nich mies wache«. Im totalen Staat is alles richtig, was der Führer Aacht. Immer Führerprinzip, mein Freund. Alles vor Deutschland." SA.-Mann:»Scheiß Deutschland. Wir kriegen Hungergroschen, die Großen saufen und huren. Im Kameradschaftsabend heeßts bloß immer„Betträge zahlen". Jetzt sollen wir de Lumpen ooch»och ausziehn, dabei hab'n de meisten gar kccn Zivil mehr. Tie können sich uss'n Kopp stellen, die SA. werden se nich wieder los. Wenns man erst knallt, wir kennen unsere Pappenheimer." Dieses Gespräch führte unser Gewährsmann mit einem SA.-Mann. So soll aber im allgemeinen nach den Morden die Stimmung bei den zahlreich proletarischen SA.-Leuten Berlins sein. Wie Ernst starb Er flehte um Gnade Berlin, 18. Juli 1084. Webet die Art 6er Erschießungen von.SA.-Rebellen" in der Kadettenanstalt Lichterfelde erfahren wir durch einen Mittelsmann von einem an der Ausführung der Exekution beteiligten SS.-Mann: Die Erschießungen haben mit kurzen Unterbrechungen fast drei Tage gedauert. Zur Ausübung der Exekution wurde nach Erschießung von zehn bis zwölf Per- soncn die feuernde SS.-Gruppe von 8 Mann ausgewechselt. Diese 8 Mann bekamen zu jeder Füsilierung 8 Karabiner, von denen 4 mit scharfen und 4 mit Platzpatronen geladen waren. To sollte niemand wissen, ob er einen tödlichen Schuß abgegeben hat. Trotzdem stand das für jeden fest, da der Rückschlag des Karabiners bei den scharfen Patronen viel stärker ist. Der Obergruppenführer Ernst ist durch Miß- Handlungen schwer verwundet zur Exekution geschleppt worden. Er hat sich vor den Schüssen auf die Knie geworfen und seine Kameraden um Gnade angefleht. Dabei beteuerte er schrei- end seine Treue zu Hitler. Fast durchweg seien die Füsilierten mit Treuebekenntnissen für Hitler gestorben. DaS Kommando zum Feuern hieß:„Der Führer will es! Alles für Deutschland! Feuer!"■ Frei nach Karl nag Aus dem Leben eines großen Häuptlings Um das Arbeitstempo des„Führers" zu zeigen, zählt die deiUlche Presse auf, was der Ogaf lOverganüsierMrer) vom Donnerstag bis zum Dienstag alles geleisttet hat. 1. Der Herr Adolf Hitler fliegt nach Essen, wo Terboven hei- ratet. Hitler ivar bekanntlich auch bei der Hochzeit von Ernst, wird also Terboven auch...? 2. Besichtigt Krupp- werke. 8. Hai eine Unterredung mit rheinischen Wtrtschafts- sührern. 4. Besichtigt FAD.-Lagcr. 5. Besucht Godesberg und begrüßt die Saarländer.«. Empfängt Nachrichten über den Stand der.LZerschwvrung". 7. Fliegt nach München. 8. Fliegt nach Berlin zurück:„Nach den nervenausreibende» Stunden von- München nach Wieske..." 0. Wichtige Besprechungen und Ansprachen in Berlin. 10. Empfängt den Führet von Eiam. 11. Hält stundenlange Beratungen ab. 12. Ist eine Stunde lang bei dem schwerkranken Reichswirtschaftsmini- ster. 13. Erstattet Hindcnburg Bericht. 14. Legt dem Reicks- kabinett 27 äußerst wichtige Gesetze zum Beschluß vor.„Das ist eine solche Summe von Last und Arbeit, daß man nur staunend und bewundernd in alle» eingeweihten Kreisen von der konzentrierten Energie, der Gesundheit und der Uttel- müdlichkett dieser Führerpersönlichkeit spricht." Iran- schau- wem? Der„Volkskanzler" r:'' f' Immer wieber hat man gehört, baß die friedlichen beut« schcn Bolksgenossen gebeten wurden, doch endlich die ano- nymen Beschwerden über Mißstände oder umiereclttc Be* Handlung zu unterlassen. Wer Beschwerden habe, könne sick ohne Gefährdung unter voller Namensnennung Vertrauens- voll an die Führerschaft des„dritten Reiches" wenden. Aver webe denen, die anonym usw.... Ein biederer Landbewohner namens B. aus Lägerborf (Schlesw.-Holst.) hatte Beschwerden. Der AmtSvorsteher hatte ihn trotz polizeilicher Ablehnung in ein Konzeutra- tionslager bringen lassen. Um seiner Sache recht sicher zu sein, wandte er sich mit seiner Beschwerde an den„Führer' Adolf Hitler selber. Der Erfolg war— eine Beleidigungsklage, die dem Be- schwerbeftthrer nach Lage der Dinge teuer zu stehen kommen wird. Diktatorenworten soll man nicht trauen. »»mw* Mutige Männer In Barmstedt sTchleSw.-Holst.l wurden die Arbeiter Wik» beim Hermsdorf, der Zimmermann Karl Mohr und der Arbeiter Wiuterberg in Schutzhaft genommen, weil sie eS bei einem Fest der Arbeitsfront ablehnten, während des Ab- singens des Horst-Wesiel-LieöeS.die. Ha nd zuux.Hitlcrgriiß zu erheben. „Deutsche Freiheit", Nr. 1S1 Das bume Matt Sonntag/Montag, 15.16. Juli 1934 J Chaplin und das Maschinen-Zeitalter Charlies neuer Film Halsketten aus Eis Hollywood, Anfang Juli. Das Geheimnis, das seit Wochen und Monaten über Chaplins Filmatelier lag, beginnt sich jetzt zu lüften. Der größte Filmschauspieler hat das Stillschweigen gebrochen, in das er sich so lange gehüllt hat. Man hat in Hollywood so viel über seine Pläne gesprochen, man hat erzählt, er bereite seinen schon seit langem geplanten Napoleonfilm vor, man erzählte von vielen anderen Projekten, Chaplin selbst ober schwieg, und gleich wollten manche Leute ivissen, daß er sich endgültig vom Film zurückziehen wolle. Hollywood ist nicht nur das Paradies der Filmleute, es ist auch das Para- bies der Gerüchtemacher. Jetzt hat Chaplin einigen Journalisten seine Pläne an- vertraut, er hat ihnen Einzelheiten seines neuen Films erzählt, den er gerade in diesen Tagen beginnen wird. Sein neuer Film hat den vorläufigen Titel„Weltbürger", und das Problem, das er behandeln wirb, ist wahryast interessant und aktuell. Es wird eine Satire aus die Gesellschaft der Zukunft sein, und es wird gewiß nicht nur eine sinnlose Spaßmacher« sein, sondern ein Spiel mit Hintergrund. Chaplin wird in seinem neuen Film alle Auswüchse des Maschinen-Zeitalters zeigen, das den Menschen zur Nummer macht und das die menschliche Arbeit mehr und mehr zur Mechanisierung treibt. Massenproduktion, laufendes Band, Schematisierung, alle Anzeichen dieser mechanisierten Welt bilden das Thema des Films, und Chaplin allein wird in dieser Welt als einsames menschliches Wesen umherirren. Der wandelnde ÄpotheKerladen Dem Volksglauben zufolge soll die Kröte einen Edelstein im Kopfe tragen,' auch Shakespeare spricht von dem„Kost- baren Juwel" im Haupte dieses häßlichen Tieres. Wie so oft, steckt auch in diesem Aberglauben ein Körnchen Wahrheit; denn es sind wirklich Kostbarkeiten in Gestalt wertvoller Heilmittel, die die Kröte in einer Kopfdrüse mit sich umher- trägt. Den Chinesen war schon im frühen Altertum der hohe medizinische Wert der Kröte recht wohl bekannt; sie drückten die Kopfdrüse aus oder steckten den Kröten Pfeffer ins Maul, um sie zur Ausscheidung des Drüsensekrets zu veranlassen. Aus der gewonnenen Flüssigkeit bereiteten sie zwei starke Heilmittel, nämlich„Senso", ein Digitalisähnliches Produkt, dem jedoch die 50- bis 100fache Wirksamkeit innewohnte, und „Ch'ansu", das sie gegen Nasenbluten und allerlei Schmerzen anwandten. Tatsächlich enthält das Drüsensetret der Kröte, das sogenannte Krötengift, Digitalis, Adrenalin, Ergosterol und andere medizinisch wichtige Ingredienzien; ja, man lönnte die häßliche Amphibie mit Fug und Recht als wan- delnden Apothekerladcn bezeichnen. Die Kröte benutzt diese verschiedenen Substanzen zur Selbstverteidigung; wenn sich ein Feind nähert, hüllt sie sich in ihr Sekrbt ein, und der Geschmack des Adrenalins und des Digitalis schützt sie vor dem Gefressenwerden. Schon vor zwanzig Jahren hat Pro- fessor Abel von der Johns Hopkins-Universität Adrenalin in reinster Form aus der Krötendrttse erhalten; später gelang es ihm und Dr. Macht, aus der Drüse einer tropischen Krötenart das sogenannte Bufagcn zu produzieren, das neben einer kräftigen Wirkung auf das Herz auch die Nieren- sekretion vermehrt und daher ein wertvolles Mittel gegen Wassersucht barstellt. Neuerdings konnten die Doktoren Chen und.Jensen nicht weniger als sechs verschiedene Heilmittel Charlie widersetzt sich mit aller Geivalt, sich dem üblich gewordenen Schema unterzuordnen, er will kein Maschinen- mensch sein, kein Robotter, der zur Seelcnlosigkeit verdammt ist.( Aber was kann ein Einzelner gegen eine ganze Welt machen? Charlie ist in dieser Welt zur Machtlosigkeit ver- urteilt, und so wird er, wie immer, nicht etwa nur eine komische, sondern auch eine tragische Figur sein. Da er seine Machtlosigkeit erkennt, beschließt er, aus dieser mechani- sierten Zeit zu fliehen, und zwar ins— Gefängnis. Aber es ist nicht einmal leicht, ins Gefängnis zu kommen, wenn man eigentlich gar nichts verbrochen hat. Charlie kurbelt nun einen Wirrwar lustiger Szenen an, um ans Ziel seiner Wünsche, ins Gefängnis, zu gelangen, endlich gelingt es ihm, und erst in seiner engen Zelle findet er ein wenig Ruhe und Trost von seinen Enttäuschungen in der Maschinenwelt. Eine Liebesgeschichte geht natürlich auch durch den Film. An Chaplins Seite erscheint ein Mädchen, das ihm liebevoll immer wieder aus seiner Not heraushilft, und dieses Mäd- chen wird die schöne Paulette Goddard spielen, die vor einiger Zeit, wie man zu wissen glaubt, die Gattin Chaplins geivorden ist. Interessant ist vor allem noch, daß Chaplin nach wie vor den stummen Film verteidigt, womit aber, wie er selbst betonte, noch nicht gesagt ist, daß sein neuer Film ganz ohne Dialog erscheinen wird. Aber, ob stumm oder sprechend, man darf aus diesen neuen Chaplin-Film wahrhaft gespannt sein. in der Krötendrüse nachweisen. So erfolgte also die vielfache Perivendung der Kröte in den mittelalterlichen Apotheken und Hexenküchen mit sehr gutem Grunde, und man kann sich nur darüber wundern, woher die Quacksalber jener dunklen Zeiten Kenntnis von den medizinisch so wertvollen Eigenschaften dieses Tieres bekamen. Der Mord von Vrighton macht Achule Wie man sich erinnert, wurde vor drei Wochen im Gepäck- räum des Bahnhofs von Brighton ein Koffer ausgesunden, der die Gliedmaßen einer weiblichen Leiche enthielt. Die Erfolglosigkeit der Untersuchungsbehörden, die damit be- austragt sind, das Mysterium dieses Koffers aufzuklären, beginnt das englische Publikum umso stärker zu beunruhigen, als diese Art von hundertprozentigem Mord offenbar zu Nachahmungen verleitet. Bor einigen Tagen hat man auf dem Untergrundbahnhof Piccadilly Zirkus einen Koffer gefunden, der den teilweise zerschnittenen Körper eines weiblichen Babys von sechs bis sieben Monaten enthielt. Der Tod des Kindes muß ein bis zwei Wochen zurückliegen. Der Koffer war am vergangenen Montag bei der Auf- beivahrungsstelle der genannten Station abgegeben worden. Auch hier fehlt vom Täter jede Spur.— Was das Verbrechen von Brighton anbetrifft, seit dessen Entdeckung nunmehr drei Wochen vergangen sind, so scheint es, daß die Nachforschungen bisher zu keinem Ergebnis geführt haben. Die Polizei, die alles getan hat, was sie tun konnte, erklärt, daß es jetzt am Publikum selbst sei, das Geheimnis zu entschleiern. Man hat die Personen, denen die Identität des Mörders oder seines Opfers bekannt sein könnte, noch einmal in aller Form aufgefordert, die nötigen Aussagen zu machen. Ohne diese Mitarbeit wird die Untersuchung kaum fortschreiten können. Seit zwei Wochen leidet Amerika unter einer furchtbaren Hitzewelle. Nach Geschäftsschluß fliehen die Neuyorker aus der Stadt, um am Meer ein wenig frische Luft und Erholung zu suchen. An einem Abend sollen nicht weniger als zwei Millionen Menschen am Strande von Coney Island Küfst lung gesucht haben. Da Not erfinderisch macht, hat man jetzt eine tragbare Kühlvorrichtung in den Handel gebracht, die umso besser einschlägt, als sie das Nützliche mit dem Mo- dischen verbindet. Es handelt sich um Ketten, Armbänder und Gürtel aus„trockenem Eis", deren schnelles Verdampfen eine angenehme Erfrischung bereitet. Die„ScMuckstücke" zergehen ungefähr in anderthalb Stunden, aber da sie billig find, kann man sich ruhig immer wieder neue kauien. Die Annehmlichkeit dieser Eisperlen, die übrigens ungemein echt wirken, steigert ihre Beliebtheit von Tag zu Tag. Ein Gottesurteil In einem Dorfe in der Nähe von Bihatsch stritten sich zwei Nachbarn seit langem über die Grenzen ihrer beiderseitigen Grundstücke. Nun hat es dieser Tage ein heftiges Gewitter gegeben. Hierbei schlug der Blitz auf den Grundstücken der beiden Bauern ein. Er zog eine lange gerade Furche, die von den beiden Parteien als Urteil des Himmels ange- nommen worden ist.— Im deutschen Mittelalter hat man bekanntlich den Ausgang von Prozessen stets von sogenanu- ten„Ordalen" abhängig gemacht. Recht behielt etwa der, der unversehrt über eine Reihe glühender Kohlen schritt oder gefesselt ins Wasser geworfen wurde, ohne zu ertrinken. Das Gottesurteil, das hier gefällt wurde, unterscheidet sich von diesen aber dadurch, daß es ohne menschliches Zutun gerade- wegs aus dem Himmel kam. Die Memoiren eines Neklamefschmanns Claude C. Hopkins, einer der gewiegtesten Propagandisten Amerikas, der zum Reichtum von Dutzenden von Weltfirmcn beigetragen hat, veröffentlicht jetzt seine Erinnerungen. Er schildert darin, wie er Seifenmarken, Zahnpasten, Autoreifen, Suppenwürfeln, pharmazeutischen Produkten usw. zum Er- folg verholfen hat. Die amerikanische Industrie gab Mil- lionen aus, um in Zeitungen und Zeitschristen die Inserate zu veröffentlichen, die C. C. Hopkins sich ausdachte. Er selbst hat Hunderttausende dabei verdient. Sein Buch wird mit der Bemerkung verkauft:„Lesen Sie die ersten 150 Seiten dieses Werkes, ohne die anderen aufzuschneiden. Wenn es Ihnen bis dahin nicht gefällt, bringen Sie es innerhalb von füns Tagen zurück und Ihr Gelb wird Ihnen ohne weiteres wiedererstattet werden." Was ein Mensch in 50 Fahren ißt Ein englischer Hygieniker hat nach langwierigen Studien eine Rechnung ausgestellt, wonach ein normaler Mensch in 50 Jahren 25 Tonnen Nahrung verschiedenster Art in sicst ausnimmt. Er behauptet, da ein starker Esser in derselben Zeitspanne 10 Tonnen mehr ißt als ein Mann mit gewöhn- lichem Appetit. Die Frauen sollen nach den Berechnungen dieses Arztes einen fünfzigsten Teil, das heißt also, eine halbe Tonne in fünfzig Jahren weniger essen als die Männer. Was die Verteilung der Lebensmittel anlangt, so ist die männliche Nahrung hauptsächlich aus Fleisch, Gemüsen und Früchten zusammengesetzt, während man für die Frauen außerhalb der gewöhnlichen Mahlzeiten eine große Menge Süßigkeiten und Kuchen zählen muß. Unsere Töchter, öie KaJnen Roman von HermyutaZurMühle«. 23 „Nicht wahr, liebe Frau Doktor, Sie nehmen es uns nicht fibel? Der Doktor Bär hat uns behandelt, lange ehe Sie und Ihr lieber Mann herkamen. Er hat schon meine Schmie- gereltern behandelt. Und da, nicht wahr..." Ich war damals noch neu in ihrem Kreis und heilfroh, endlich in der guten Gesellschaft zu verkehren. Ich stimmte ihr zu. Jetzt jedoch glaubte ich, sei der Augenblick gekommen, auch finanziell etwas für uns zu erreichen. „Darf ich ganz aufrichtig sein, liebe Frau Major?" fragte ich. „Aber natürlich, ich bitte Sie darum." „Sehen Sie, mein Mann ist in keiner Partei, er findet, daß ein Arzt nur den leidenden Menschen sehen muß. Aber ich weiß genau, wie sehr er mit Ihrer Partei sympathisiert. Er hat häufig zu mir gesagt: wäre ich doch Rechtsanwalt, oder Architekt, oder irgendetwas, nur nicht Arzt. Dann könnte ich meine Gesinnung frei vor aller Welt verkünden. Aber als Arzt hat man die Pflicht, nach außen hin neutral zu sein. Der Menschheit zuliebe. Trotzdem, das darf ich Ihnen nicht verhehlen, liebe Frau Major, hat es ihn ties gekränkt, daß gerade Ihr Kreis, die Menschen, zu denen wir gehören..." „Ich oerstehe," sagte die Frau Major.„Aber Sie, liebe Freundin...?" „Ich muß natürlich erst die Erlaubnis meines Mannes haben. Wenn er es gestattet, und er wird es tun, so oürfen Sie auf mich zählen. Und auf meine Tochter," fügte ich etwas unvorsichtig hinzu. Die Frau Major lächelte. „Das ist recht." Und dann redeten wir von gleichgültigen Dingen. Als ich'Arthur von unserem Gespräch erzählte, meinke er: „Du hast dich ja ausnahmsweise ganz intelligent benom- üien. Ich habe auch nichts dagegen, daß du dem Luisenbund beitrittst. Aber mich laß aus dem Spiel. Man kann ja nie wissen. Abwarten." Bei Liselotte Kingegen kam iH Mvn an. „Was soll ich bei den alten Weibern?" fragte sie unge- duldig. „Es sind auch junge Mädchen dabei." „Aber was für welche. Ich kenn doch den Zauber. Man hockt zusammen, trinkt schlechten Kaffee, macht Handarbeiten, jammert über den Umsturz und versaßt Glückwunschtcle- gramme an den Kaiser und seine Frau. Danke, da passe ich nicht hin." Ich wurde ärgerlich. „Es sind die Frauen und Töchter der besten Gesellschaft," sagte ich.„Und es kann dir gar nicht schaden, mit ihnen umzugehen." Lieselotte zog die dunklen Brauen hoch; das hat sie von ihrem Vater, und ich werde jedesmal wild, wenn sie es tut, weil es mich an Arthur erinnert, an seine gräßliche Ueber- legenheit, seine Einbildung. Worauf bildet er sich eigentlich etwas ein? Auf seine Praxis, das wäre ja gelacht; er hat ja doch nur jene Patienten, die aus irgendwelchen Gründen nicht zu einem jüdischen Arzt gehen wollen. Und das sind herzlich wenig. Auf seine Klugheit, die ihm nichts, aber auch gar nichts einträgt? Was Klugheit? Auch die ist nicht echt! Echt an ihm sind nur der Ehrgeiz und der Haß gegen jene, die mehr erreicht haben. „Zieh die Brauen nicht so hoch," schrie ich Lieselotte an. „Du weißt doch, daß ich es nicht leiden kann." Sie lachte, frech, spöttisch.„Ach, Mutter, du mit Heiner guten Gesellschaft. Zuerst bist du der Gräsin Agnes nachge- laufen und hast verlangt, ich soll mich mit der alten Jungser, der Claudia, anfreunden. Und wie das nicht gelungen ist, hast du in Bürgerstolz gemacht und über die Aristokraten geschimpft. Später, nach der Revolution hieß es dann immer: Lieselotte, sei nicht so hochmütig, sprich doch mit dieser lieben kleinen Toni. Ueberhaupt hat sich jetzt alles verändert. Wir müssen sehen, daß wir in die besseren sozialdemokratischen Kreise gelangen. Aber du hast auch bei den besseren sozialdemokratischen Kreisen kein Glück gehabt. Und jetzt kommst du mir mit dem Luisenbund. Ich werde dir etwas sagen: Ich pfeif auf die Parteizugehörigkeit der Leute, ich will mich unterhalten. Ich bin nicht dazu da, um dich in die bessere Gesellschaft einzuführen. Außerdem weiß kein Mensch, wie die Dinge sich entwickeln werden. Es fällt mir nicht ein, wich festzulegen," Damit war für Lieselotte die Angelegenheit erledigt. Ich aber mußte der Frau Major erklären, Lieselotte bete ihren Vater dermaßen an, daß sie in allem seiner Ansicht sei und das Gefühl habe, sie müsse als Tochter eines Arztes üb£& den Parteien stehen. „Schade," sagte die Frau Major etwas spitz.„Es hätte Ihrer lieben Tochter bestimmt gut getan, mit gediegenen Menschen zu verkehren. Aber ich freue mich, baß wir wenig- stens Sie zu den Unseren zählen dürfen." Ja, sie freute sich, als jedoch der Herr Major einige Tage später wieder einmal seinen Gichtanfall hatte, ließ er nicht Arthur rufen, sondern den Doktor Bär! Es ist wirklich schwer für mich, unsere gesellschaftliche Position aufrechtzuerhalten, bei diesem Mann und dieser Tochter. Daß ich auf Arthur nicht zählen konnte, erfaßte ich schon im ersten Jahr unserer Ehe. Aufrichtig gesagt, ver- stehe ich es ja. Er ist ein bösartiger, heimtückischer, selbst- süchtiger Mensch, und irgendwie fühlen die Leute das unter seinem glatten Aeußeren. Er hatte mich ja auch nur geh«- ratet, weil es ihm, dem Krüppel, schmeichelte, die schönste Schwester des Krankenhauses zur Frau zu bekommen. Was habe ich an seiner Seite für ein Leben gehabt! Diese schreck- lichc Kleinstadt, wo jeder alles von jedem weiß, dieser lang- weiligc See, diese tödlichen Winter, wenn es keine Fremden gibt. Ich hätte in eine große Stadt gehört, in einen lebcns- lustigen, vornehmen Kreis, zu einem tüchtigen Mann, der es versteht, vorwärts zu kommen. Lange Zeit hoffte ich- meine schöne Tochter werde mir zu dem verhelfen, wozu Arthur mir nicht verhelfen konnte, oder wollte. Aber nocv jener unglückseligen gelösten Verlobung war mit ihr nichts mehr anzufangen. Sie spottete über alles, was mir heilig und wert ist, sie weigerte sich, in die Kirche zu gehen,— und gerade das macht einen so schlechten Eindruck auf die älteren Damen, besonders hier, wo die evangelische Gemeinde ganz klein ist, so daß man genau feststellen kann, wer beim Gottesdienst fehlt. Wie oft habe ich ihr gesagt:„Lieselotte, wir gehören zu den vornehmsten Familien der Stadt, wik müssen ein gutes Beispiel geben. Neulich hat die Baronin Hellsdors mich gefragt:„Weshalb sieht man Ihre liebe Tochter nie in der Kirche? Und auch Gott wird es dir übel- nehmen. Außerdem kann man nach der Kirche so gut Be- ziehungeu anknüpfem' (Fortsetzung folgt.! üj Die Rede des Dlutbanzlcrs Nack« einer langen Einleitung, in der er zugab, daß Fehler gemacht ivorden seien, im übrigen aber die angeblichen Leistungen seiner Regierung rühmte, kam er zu der eigent- lichen Verschwörung. Seit einigen Monaten habe mau von einer zweiten Revolution gesprochen und zivar so intensiv, fraß eS unmöglich gewesen sei, darüber hinwegzusehen: Noch vor drei Monaten war die Parteiführung überzeugt, fraß es sich einlach um haltloses Geschwätz handelte. Bon März ab habe ich veranlaßt, Vorbereitungen zu treffen sür eine neue Propagandawell:. Es ergab sich, daß in den Reihen einiger höherer TA.-Führer Tendenzen auftraten, fr:e zu ernsten Bedenke» Anlaß geben mußten: «.Entgegen meinem Befehl... 1. Entgegen meinem ausdrücklichen Befehl und entgegen nur gegebenen Erklärungen durch den frühere» Stabschef Röhm war eine Ausfüllung der SA. in einem Umfang ein- betreten, die die innere Homogenität dieser einzigartigen Organisation gefährden mußte. 2. Die weltanschauliche Erziehung trat in den erwähnten Berichten einzelner höherer TA.-Dienststellen mehr und mehr zurück. 3. Das naturgegebene Verhältnis zwischen Partei und SA. begann sich langsam zu lockern. 4. Die Beförderung von SA.-Führern ließ eine vollständig einseitige Bewertung, ein rein äußerliches Können oder oft auch nur eine vermeindliche intellektuelle Befähigung er- kenne». Die große Zahl alter und treuester SA.-Männer trat immer mehr bei Führerernennungen zurück, während der in der Bewegung nicht sonderlich hochgeachtete Jahrgang 1833 eine unverständliche Bevorzugung erfuhr. sStarker Bei- falls. 5. Das Betragen dieser zum großen Teil mit der Be- wegung überhaupt nicht verwachsener einzelner SA.- Führer war ebenso unnationalsozialistisch wie manches Mal geradezu abstoßend April und Mai nahmen diese Klagen ununterbrochen zu. Zum erstenmal erhielt ich in dieser Zeit aber auch aktcnmäßlg belegte Mitteilungen über Be- Iprechungen, die von einzelnen höheren SA.-Führern abge- halten worden waren, und die nicht anders als mit„grober lingehörigkcit" bezeichnet werden müßten. Zum ersten Male >v»rde in einigen Fällen unableugbar bestätigt, daß in sol- che» Besprechungen Hinweise aus die Notwendigkeit einer -neuen Revolution gegeben wurden. f Die Entschlossenheit der nationalsozialistischen Staats- führung, Exzessen vereinzelter unwürdiger Elemente ein Ende zu machen, führte zu sehr heftigen Auseinander- setznngen von Seiten des Stabschefs. Erste national- sozialistische Kämpfer, die zum Teil fast IL Jahre lang für den Sieg der Bewegung gekämpft hatten und nun als hohe Beamte an führenden Stellen unseres Stellen unseres Staates der Bewegung dienten, wurden wegen ihres Vor- gchens gegen solche unwttrdien Elemente zur Verantwor- tung gezogen, das heißt Röhm versuchte, diese leitenden Stretter der Partei durch Ehrengerichte, die zum Teil aus jüngsten Parteigenossen oder sogar aus NichtParteigenossen sich zusammensetzten, maßregeln zu lassen. Diese Auseinandersetzungen führten zu sehr ernsten Aus- iprachen zwischen dem Stabschef und mir, in denen mir zum ersten Male Zweifel in die Loyalität dieses Mannes auf- stiegen, nachdem ich viele Monate lang jeden solchen töe- franken von nttr gewiesen hatte, nachdem ich vorher jähre- lang mit meiner Person diesen Mann in unerschütterlicher treuer Kameradschaft gedeckt hatte. Der widerspenstige ROtan Warnungen, die vor allem auch von meinem getreuen Mitkämpfer Rndols Heß ausgingen, begannen Gestalt anzu- Nehmen, die ich selbst beim besten Willen nicht mehr zu ent- kräftigen vermochte. Es konnte von Monat Mai ab keinen Zweifel mehr geben, daß Stabschef Röhm sich mit ehr- geizigen Plänen beschäftigte, die im Falle ihrer Verwirk- lichung nur zu schwersten Erschütterungen führen konnten. Das Leben, das der Stabschef und mit ihm ein be- stimmter Kreis zu führen begann war für jede national- sozialistische Auffassung unerträglich. Es war nicht nur furcht- bar. daß er selbst und ein immer zunehmender Kreis alle Ge- setze von Anstand und Sitte brachen. Das Schlimmste war. daß sich allmählich aus einer bestimmten gemeinsamen Ver- anlagung heraus in der SA. eine Sekte zu bilden begann, die de» Kern einer Verschwörung nicht nur gegen die nor- male Auffassung eines gesunden Volkes, sondern auch gegen die staatliche Sicherheit abgab. Tie im Mai vorgenommenen Durchprüfungen der Be- förderungen in einigen bestimmten TA.-Gebieten führte zu dem schrecklichen Ergebnis, daß Menschen ohne Rückficht aus Fähigkeiten und national- sozialistische Verdienste in SA.-Stcllungcn befördert wor- de» waren, nur weil sie zum Kreise dieser besonders Ver- anlagten gehörten. Einzelne dieser Fälle, zum Beispiel der des Standarten- iührers Schmitt in Breslau enthüllten Zustände, die als unerträglich angesehen werden mußten. Allmählich entwickelten sich aus der Führung der SA. drei Gruppen: eine kleine Gruppe von gleicher Veran- lagung zusammengehaltener Elemente, die zu jeder Hand- lung fähig sich völlig in der Hand des Stabschefs Röhm befanden. Es waren dies in erster Linie die TA.-Führer Ernst in Berlin, Heines in Schlesien. Hayn in Sachsen. Hcndebrcck in Pommern. Neben diesen stand eine zweite Gruppe von Führern der TA., die innerl'ch nicht zu diesem Kreise gehörte», aber aus einfacher solda- tischer Auffassung sich dem Stabschef Röhm zum Gehorsam verpflichtet fühlten. Diesen gegenüber stand eine dritte Gruppe von Führern, die aus ihrer inneren Abneigung und Ablehnung kein Hehl machten und daher zum Teil entfernt, zum Teil bewußt beiseite geschoben wurden. An der Spitze dieser abgelehnten SA.-Führer stand der heutige Stabschef Lutze sowie der Führer der ST., Himmler. Die Räuberpistole Ohne mich jemals davon zu verständigen und ohne daß ich zunächst auch nur ahnte, hat Röhm durch Vermittlung eines durch und durch kor- rupten Hochstablers. eines Herrn o. A.. die Beziehungen zu General v. Schleicher ausgenommen. General v. Schleicher war es, der die Auffassung vertrat, fraß erstens das heutige deutsche Regim unhaltbar sei, daß zweitens vor allem die Wehrmacht und sämtliche nationalen Verbände in einer Hand zusammengefaßt werden müßten, daß drittens der dafür allein gegebene Manu nur Stabs- chef Röhm sein konnte, daß viertens Herr v. Pape» entfernt iverdcn müßte und er bereit sein würde, die Stellung des Vizekanzlers einzunehmen, daß weiter auch noch wesent- liche Aendcrungen im Reichskabinett vorgenommen iverdcn müßten. Wie immer in solchen Fällen, begann nunmehr die Suche nach de» Männern dieser neuen Regierung immer unter der Annahme, daß ich selbst in meiner Stellung— ivenigstens vorläufig— belassen würde. Die Durchführung dieser Vorschläge mußte schon in Punkt 2 ans meinen nie zu überwindenden Widerstand stoßen. Oberste Sp'tzc der Armee ist der Generalseldmarschall und Reichspräsident. Ich habe als Kanzler in seine Hand meinen Eid abgelegt. Seine Person ist sür uns alle unantastbar. Mein ihm gegebenes Versprechen, die Armee als unpoli- tisches Instrument des Reiches zu bewahre», ist für m'ch bindend aus innerster Ucberzeugung und aus meinem ge- gebenen Wort. Jeder Gedanke eines Eingehens aus die Pläne des Gene- rals v. Schleicher wäre meincrjcits aber nicht nur eine Treu- losigkeit gegenüber dem Generalfeldmarschall und dem Reichs- .wehrminister gewesen, sondern auch eine Treulosigkeit gegen- über der Armee. Weiter aber konnte ich nickt ohne zwingend- stcn Grund die Männer entfernen lassen, die am 811 Januar mit mir zur Rettung des Reiches und Volkes das Ver- sprechen gegeben haben. Da Stabschef fltöhm selbst unsicher war, ob Versuche in der bezeichneten Richtung wohl in mir auf Widerstand stoßen würden, wurde der erste Plan fest- gelegt zur Erzwingung dieser Entwicklung. Die Vorbcrei- tungcn dazu wurden umfangreich getroffen. 1. Planmäßig sollte die psychologische Voraussetzung für den Ausbruch einer zweiten Revolution geschaffen werden. Zu diesem Zweck wurde selbst in die TA. die Behauptung hineinnerbrcitet, die Reichswehr beabsichtige eine Auflösung der SA., und später wurde ergänzend hinzugefiigt, ick selbst sei leider für diesen Plan persönlich gewonnen worden. Eine ebenso traurige wie niederträchtige Lüge! 2. Die TA. müßte nunmehr diesen Angriffen zuvorkommen und in einer zweiten Revolution die Elemente des Wider- stavdes beseitigen, die Staatsgewalt aber der Führung der SA. selbst anvertrauen. 3. Zn diesem Zweck sollte die TA. in kürzester Frist alle notwendige» sachlichen Vorbereitungen treffen. Es ist dem Stabschef Röhm gelungen, unter Verschleierung— unter der lttgenhajte» Angabe, soziale Hilfsmaßnahmen für die SA. durchführen zn«ws«Zweck zuzuführen. „Ple'n Wörter war gedungen" 4. Um die entscheidenden Schläge zu führen, wurde die Bil- dnng bestimmter, nur hierfür in Frage kommender ringe- schworener Terrorgruppcn unter dem Titel„Stabawachen" vorgenommen. Die Notwendigkeit des eigenen Vorgehens der SA. wurde begründet mit dein Hinweis auf meine Entschlußunfähigkeit. die erst dann werde zn beheben sein, wenn eine Tatsache geschaffen würde. Vermutlich unter diesem un- wahren Vorwanbe wurde die politische Vorbereitung dieser Aktion Herrn v. Dette» tibertragen. General v. Schleicher nahm das außenpolitische Spiel, teilweise persönlich, ivahr, bziv. ließ er es durch seinen Kurier v. Bredow nraktisck be- treiben. Gregor Straßer wurde beigezogen. Anfang Juni ließ Ich zu einem letzten Versuch Stabschef Röhm noch einmal kommen zu einer fast fünfstündigen Besprechung, die si-b bis Mitternacht hinzog. Ich versicherte Röhm, daß die Behanp- tung, die SA. solle aufgelöst werben, eine niederträchtige Lüge sei, daß ich aber jeden Versuch, in Deutschland ein Ehaos entstehen zu lassen, augenblicks persönlich abwenden iviirde, und daß jeder, der den Staat angreise, von vornherein mich zu seinem Feinde zählen müsse. Ich führte erneut schärfste Beschwerde ivegen der>o häutigen Exzesse und tt>r- derte die restlose Ausmerzung dieser Elemente aus der TA. Röhm verließ mich mit der Versicherung, diese Gerüchte wären teils unwahr, teils übertrieben. Er«verde im übrigen alles tnn, um nunmehr nach dem Rechten zu sehen. Das Er- gebnis dieser Unterredung aber«var, daß Röhin in der Er- kenntnis, auf meine Person bei den« geplanten Unternehmen unter keinen Umständen rechnen zu können,«»mehr die Be- scttigung meiner Person selbst vorbereitete. Zu diesem Zweck wurde dem größeren Kreise der hinzugezogenen TA.-Führer erklärt, daß ich selbst mit dem in Aussicht genommenen Uiitcr- nehmen wohl einverstanden sei, aber persönlich davon nichts ivissen dürfe bziv. den Wunsch hätte, zunächst an« 24 oder 48 Stunden bei Ausbruch der Erhebung in Haft genommen zu«verde»«, um so durch die vollzogenen Tatsachen der un- angenehmen Belastung enthoben zu sein, die sich in anderem Falle sür mich außenpolitisch ergeben hätten. Diese Er- klärnng erhielt ihren letzten Ausdruck durch die Tatsache, da» unterwegs vorsorglichcrweise bereits der Mann gedungen war. der meine spätere Beseitigung durchzuführen hatte, Standartenführer Nhl. Er gestand noch«vcnige Stunden vor seinem Tode die Bereitivilliakcit zur Durchführung eines solchen Befehls. Der erste Plan zun« Uinsturz basierte aitt den« Gedanken einer Beurlaubung der SA. In dieser Zeit sollten mangels greifbarer Verbände unfaßbare Tumulte ausbrechen, die mich zivingen sollten, den Stabschef zn ritten, um ihn mit der gesetzgebenden Geivalt zu betrauen. Nackdein sich unterdes einwandfrei ergeben hatte, daß mit einer solche«, Bercitivilligkeit mit mir unter keinen Umständen gerechnet iverdcn konnte, wurde dieser Plan«vieder verworfen und die direkte Aktion ins Auge gefaßt. Sic sollte in Berlin schlagartig einsetzen mit einem lieber- fall auf die Regierungsgebäude, mit einer Verhaftung «««einer Person, um dann die«vettere Aktion als in meinem Austrage stattfindend abrollen lassen zu können. Die Ver- schivörer rechneten damit, daß in meinem Namen an die TA. gegebene Befehle im gesamten Reich die TA. nicht nur sofort aus den Plan rufen iviirde», sondern daß damit auch eine Zersplitterung aller dagegen eingesetzten sonstigen Kräfte des Staates automatisch eintreten iviirde. Ausland Im Hintergründe... Die Größe der Gefahr«vurbe aber erst recht erwiesen durch die Feststellungen, die nun vom Auslände nach Deutsch- land kamen. Englische und französische Zeitungen begannen immer häusiger von einer bevorstehenden Umivälzung in Deutschland zu reden, und immer mehr Symptoine ließen erkennen, daß von den Verschivörern eine planmäßige Bear- beitung des Auslandes in dem Sinne vorgenoinmen wurde, daß in Deutschland die Revolution der eigentlichen National- sozialisten vor der Tür stände und daß bestehende Regime nicht mehr zum Handeln fähig sei. General v. Bredow, der als außenpolitischer Agent des Generals v. Schleicher diese Verbindungen besorgte, arbeitete nun entsprechend der Tälig- keit derjenigen reaktionären Zirkel, die, ohne mit dieser Ver- schwörung vielleicht direkt im Zusammenhang zu stehen, sich zum bereitwilligen Werkzeug mißbrauchen ließen. ver 30. lunl Ich entschloß mich daher am Samstag, dem 3k>. Juni, den Stabschef Röhn« seines Amtes zu entheben, zunächst in Ver- «vahrung zu nehmen, und eine Anzahl von SA.-Führer, deren Verschulden klar zutage lag, zu verhaften. Da»>ve«sel- hast«var, ob angesichts der drohenden Zuspitzung Stabschef Röhn« noch nach Berlin oder anderSivohin gekommen>v>«rc, entschloß ich mich, zu einer nach Wiessce angesetzte». Zweitens wurde für München die Alarmierung der SA. bereits sür0 Uhr angeordnet. Die SA.-For- mationen wurden nicht mehr nach Hause entlassen, sondern in die Alarmguartiere gelegt. Unter diesen Umständen konnte es für mich nur noch einen einzigen Entschluß geben. Wenn überhaupt daß Unheil noch zu verhindern«var. dann mußte blitzschnell gehandelt werden. Nur ein rücksichtsloses Zugreisen«var vielleicht noch in der Lage, die Ausbreitung der Revolte zu ersticken. Es konnte dann keine Frage sein, daß entiveder hundert Meuterer und Verschwörer vernichtet «vurdcn oder zehntausend auf der anderen Seite. Wenn die Aktion des Beibrechens erst in Berlin abzurollen begann, «vnren die Folgen nicht abzusehen. Wie diese Meuterer vor- gesorgt hatten, ergab sich aus der beklemmenden Tatsache, daß es ihnen zum Beispiel gelungen«var, in Berlin unter Berufung auf mich von ntchtsahnenden Polizciofsizieren sich sür ihre Aktion vier Panzerivagen zn sicher««, und daßweiter schon vorher die Verschivörer Heines und Hayn« in Sachsen und Schlesien die Polizeikrätte unsicher machten mit der Auf- fordern»««, sich zwischen TA und Hitlersreunden zu ent- scheiden. ES«var mir endlich klar, daß dem Stabschef nur ein einziger Mann entgegentreten konitte und entgegentreten mußte. Mir brach er die Treue und ick allein konnte ihn dafür zur Verantivortung ziehen. Um 1 Uhr nachts erhielt ich die letzten Alarmdepesche», um 2 Uhr morgen? slvg ich nach München. vas Mortfge«*ändnfs Die Sühne für ese Verbrechen war schwer und hart: l» höhere SA-Führer,«1 TA.-Führer und SA.-A,«gehörige wurden erschossen, ebenso 3 SS.-Führcr als Mitbeteiligte an, Komplott, t 3 T A.- F ii h r c r und Z i v i l p c r s o n e». die bei der Verhaftung Widerstand versuchten, mußten dabei ihr Leben lassen, 3 weitere endeten durch Selbstmord.:> Nicht« SA.-Angehörige. aber Parteigenossen, wurden wegen Be- tciligung erschossen, endlich«vurdcn noch erschossen drei ST.- Angehörige, die sich eine schändliche Mißhandlung gegenüber Schutzhästlingen zuschulden kommen ließen. . Des deutschen Vo'fces oberster tierlch'ftcrr Wenn mir jemand den Vorwurf entgegenhält, weshalb wir nicht die ordentlichen Gerichte zur Aburteilung brian- gezogen hätten, dann kann ich ih'«« nur'agen:^« dreier Stunde war ich verantwortlich sur das-chickial der deutsche«« Nation und damit des beut,che» Volkes oberster Gcrlchtherr. Meuternde Divisionen hat man zu allen Zeiten dura) Dezimicrung wieder zur Ordnung geritten. Ick habe den Befehl gegeben, die Hauptschuldigen an dielen« Verrat z» er« schießen,»nd ich gab«veiter den Befehl. d»e^schwüre unse- rer inneren Brunnenve-rgistung n»d der Vergiftung des Auslandes auszubrennen, bis aufs rohe Fleuch, und ich gab «veiter den Befehl, bei jedem Versuch des Widerstandes der Meuterer gegen ihre Verhaftung diese sofort. mit der Watte niederzumachen. Ein ausländischer Journalist, der bei un- das Gastrecht genießt, protestierte in« Namen der Frauen »nd Kinder der Erschossenen»nd erivartet aus«Kren Reiyen die Vergeltung. Ich kann diesen, Ehrenmanne nur eins zur Antivort geben: Frauen»nd Kinder sind stets die uittchul- digen Opfer verbrecherischer Handlungen der Männer gewesen. Auch ich empfinde mit ihnen Mitleid, doch ich gwube, daß das Leid, das ihnen zugefügt ivorden ist durch die schuld dieser Männer, nur ein winziger Bruchteil«st gegenüber dem Leid, das vielleicht Zehntauscndc deutscher Frauen ge- troffen hätte, wenn diese Tat gelungen wäre. Ein ausländischer Diplomat erklärt, daß die Zusammenknntt mit Schleicher und Röhn« selbstverständlich nur ganz harmlmer Natur war. Ich habe mich darüber mit niemand zu unterhalten. Die Auffassungen über das. was harmlos ist und «vas nicht, werden sich aus politischem Gebiet niemals decken. Wen» aber drei Hochverräter in Deutschland mit einen« aus ländische» Staatsmann eine Zusammenkunft vereinbaren und durchführen, die sie selbst als„dienstlich" bezeichnen, unter Fernhaltung des Personals durchführe»»nd»ur durch strengen Befehl verheimlichen, dann lasse ich solche Männer totschießen, auch«venu es zütrefsen sollte, daß bei einsr vor mir so verborgenen Beratung nur über Witterung, atte Münzen und dergleichen gesprochen ivorden sein sollte. Er s:redri Ihnen die hlnllge Band entgegen... Ich hoffte daß es nicht mehr nötig sei» würde, di sei« Staat noch einmal mit der Waffe in der Hand zü verteidigen. In- dem das Schicksal uns diese Prüfung dennoch auferlegt hat, «vollen«vir um so fanatischer festhalten an dem,«vas mit dem Blut unserer besten Männer erkämpft und heute«vieder durch das Blut deutscher Volksgenossen gehalten«verde«« mußte. To«vie ich vor anderthalb Jahren unseren damaligen Gegner» die Versöhnung angeboten habe, so möchte ich ancf allen denen, die mitschuldig«varen an diesem Vertrauens, bruch von jetzt ebenfalls das Vergessen ansagen. Mögen sie alle in sich gehen und in Erinnerung an diese traurige Not unserer neuen deutschen Geschichte sich mit aller Kraft der Wiedergutmachung ividmen. Mögen sie sich alle verantwort- lich fühlen für das kostbarste Gut. das es kür das deutle Volk geben kann: die innere Ordi'iina und den inneren und äußeren Frieden. So wie ich bereit bin. vor der schielte die Verantivortung zu übernehmen für die LI T'nnden der b.ittersten Entschlüsse meines Lebens, in banger Sorge mit jedem Gedanken das Höchste zu umkralle»,«vas uns in dieser Welt gegeben ist: das deutsche Volk und das Deutsche Reick». Pariser Berichte 14. lull Frankreich, und vor allem seine Hauptstadt Paris, stehen fm Zeichen des 14. Juli, d. h. des Jahrestages des Sturms auf die Bastille, mit dem am 14. Juli 1789 das Signal zur großen französischen Revolution gegeben wurde. Ueberall werden schon seit Tagen die blauweißroten Trikoloren angebracht hier kennt man nur diese Fahne, die Fahne der Revolution—, Häuser werden geschmückt, auf den Plätzen werden Tribünen für die Musikkapellen errichtet; hier und da baut man an einer Straßenecke ein Podium für ein halbes Hutzend„Stadtmusikanten". Große Transparente, die die Straßenkreuzungen überspannen, verkünden, daß an diesen Stellen öffentlicher Ball stattfindet, d. h. mit anderen Worten, man durchtanzt die Nächte von Freitag bis zum Montag, man durchsingt sie und durchzecht sie und ist stolz im Hochgefühl, ein Glied der Nation zu sein, die vor fast 150 Jahren schon die Menschenrechte verkündet hat. Die Staatstheater und alle die Bühnen, die aus öffentlichen Mitteln Zuschüsse erhalten, geben am Samstag nur Freiplätze aus, und wenn man sich vergebens vor dem Theater gedrängt hat, weil man keinen Platz mehr bekommen konnte, dann sucht man die Schaubuden auf den Boulevards, am Platz der Republik, am Bastilleplatz und an zwanzig anderen Punkten der Stadt auf, um sich dort nach Herzenslust zu amüsieren. Dann trinkt man im Vorbeigehen in irgend einer Bude ein Glas Sekt für einen Franken oder man delektiert sich an Pfefferkuchen und anderen Süßigkeiten. Parade und öffentliches großes Feuerwerk geben den Augen genug zum Schauen. So ist Paris an„seinem" 14. Juli ein einziges Meer von fröhlichen und vergnügten Menschen.-rn. lociennes Erieänls Eine Lyzeumsschülerin frühstückt beim französischen Staatspräsidenten Am Mittwoch fand in Paris in Gegenwart des Präsidenten Lebrun und des Unteirichtsministers die alljährliche Preisverteilung an die besten Schüler der höheren Schulen von ganz Frankreich statt. Präsident Lebrun freute sich wohl ganz besonders, daß ein junges Mädchen aus Nancy, seiner Heimatstadt, den ersten Preis für den besten französischen Aufsatz erhalten konnte. Was Wunder, daß der Präsident unter dem Jubel des zahlreich erschienenen Publikums seine beglückte Landsmännin auf beide Wangen küßte. Lucienne Vitrey— so heißt das junge Mädchen, ein Waisenkind, das die erste Lyceumsklasse in Nancy besucht — war noch ganz im Banne der ihr zuteil gewordenen Auszeichnung, als sich ihrem Platz ein Beauftragter des Staatsoberhauptes nahte, um sie für Donnerstag zu einem Frühstück im Elysee einzuladen. Sie war kaum imstande, ihre Zusage zu stammeln, und am Donnerstag erschien denn auch wirklich das junge Mädchen im einfachen hellen Sommerkleide im Präsidentenpalais, wo sie im engsten Familienkreise als Gast vom Präsidenten Lebrun selbst bewirtet wurde. So zeigt Frankreich schon den jungen Schülern und Schülerinnen, welchen Wert es auf geistige Gaben legt. Redekunst Der Bürgermeister eines kleinen Städtchens in der Nähe von Orange war ein sehr geiziger Herr, und schon seit längerer Zeit raubten ihm die rednerischen Lorbeeren des Herrn Stadtgeistlichen den Schlaf. Gelegentlich der Hochzeit eines jungen Schloßherrn nahm er sich nun vor, die eklesiastische Dialektik durch die behördliche Beredsamkeit zu überstrahlen. Er wählte sich für seine Tischrede einen großen Stoff: die Fahne Frankreichs, die er den Jungvermählten als Symbol empfahl:„Das Weiß," rief er aus,„stellt die Unschuld der jungen Braut dar; das Rot, das Blut, das der tapfere Bräutigam im Kriege vergossen hat, und das Blau, wenn es grün wäre, sichert dem jungen Paare das Glück!" Oh, welche Redekunst! Die Unglücksfahrt Zwei Frauen aus Libourne, in der Umgegend von Bordeaux, hatten in Begleitung zweier zehn- und dreizehnjähriger Mädchen eine Autofahrt unternommen. Unterwegs verlor der Fahrer die Gewalt über den Wagen. Dieser wurde zuerst gegen zwei Bäume, dann gegen einen Telegrafenmast geschleudert. Dabei wurden alle Insassen des Wagens schwer, eine der Frauen sogar tödlich verletzt. Zwei Aerzte, die ebenfalls in ihrem Kraftwagen die Unglücksstelle passierten, leisteten den Verunglückten die erste Hilfe und veranlaßten ihre Ueberführung in das nächstgelegene Krankenhaus. Dann setzten sie ihre Fahrt fort. Aber schon wenige Minuten später verunglückten sie selber mit ihrem Wagen. In bedenklichem Zustande liegen sie jetzt im Krankenhaus in Libourne. 300 Meter Hitze Wie man weiß hat der Eiffel-Turm, der höchste Turm der Welt, als Zierwerk nicht nur die größte Uhr der Welt, die nachts über ganz Paris leuchtet, sondern auch das größte Thermometer, damit die Pariser noch zur Mitternafhts- stunde wissen, wie warm es in ihrer Stadt ist. Das Thermometer, das längs des ganzen Turmes angebracht ist, geht von vier Grad unter Null bis zu zweiunddreißig Grad über Null. Es ist noch nicht lange her, als man sich darüber lustig machte, daß die vier Grad unter Null für die in Paris im letzten Winter herrschende Kälte bei weitem nicht ausgereicht haben. In diesen Tagen müssen wir nun die Feststellung machen, daß für eine derartige Hitzewelle der Eiffelturm einfach zu niedrig ist. Selbst wenn das Licht erst um sechs Uhr abends eingeschaltet wird, zeigt das Thermometer noch gut und gerne 32 Grad und würde vielleicht noch mehr zeigen, wenn die Skala länger wäre. Denn die große Hitze des Tages wird von der Eisenkonstruktion des Turmes aufgespeichert und trägt dazu bei, daß das Thermometer sobald nicht fällt. So hat man oft in diesen Tagen Gelegenheit, das die ganze Stadt überragende Thermometer noch zu nächtlicher Stunde auf einer Höhe von 30 Grad über Null zu sehen.-Die Pariser fragen sich, wie dem Abhilfe zu schaffen sei. Der Eiffel-Turm ist nicht zu verlängern. Also ■wird wohl die Temperatur f allen miijsen,,, Die Muse von Paris Was in Paris in diesen Wochen an jungen Damen zu „Königinnen" gewählt worden ist, dürfte eine ganz stattliche Truppe von Schönheiten darstellen. Die Venus von Paris, Miß France, die schönste Midinette,— kein Tag vergeht, ohne daß nicht an irgendeinem Ende dieser Stadt eine neue Königin gekrönt würde. Jetzt hat das Volk von Paris im Saal Gaveau seine Muse erkoren. Es ist eine junge Verkäuferin aus den Galeries Lafayette, dem großen Pariser Warenhaus. Ihre Krönung fand am 8. Juni im Tuilerien- Garten statt. Vorher aber haben gewiß schon viele neugierige Pariser zwischen den Ständen des Warenhauses nach ihrer neuen Muse gesucht, um ihr einen Toilette-Artikel oder ein Sommerkleid abzukaufen. Briefe aus Palästina Am letzten Mittwoch fand in der Association des Emigtes Israelites d'Allemagne en France in Paris ein Vortragsabend statt, bei dem der Vorsitzende Adolf Philippsborn„Palästina- briefe eines jungen deutschen Arbeiters" verlas, die außerordentliches Interesse unter den zahlreich erschienenen Zuhörern erweckten. Ein neunzehnjähriger Arbeiter, der eine mehrjährige Schulung im deutschen Metallarbeiterverband und in der Sozialistischen Arbeiterjugend hinter sich hat, und den der politische Umschwung in Deutschland im Frühjahr 1934 nach Palästina getrieben hatte, berichtet da von seinen Eindrücken. Mit der Schilderung des Landes selber, der Sitten und Gebräuche seiner Bewohner ging einher eine scharfe Beobachtung der wirtschaftlichen Struktur Palästinas, ebenso wie eine Kritik an der Tätigkeit der palästinensischen sozialistischen und gewerkschaftlichen Organisationen. Liebesdrama an der Cote d'Azur Eine der hübschesten und elegantesten jungen Frauen, die zur Sommersaison nach Cannes gekommen waren, hat vor einigen Tagen versucht, ihrem Leben aus Liebeskummer ein Ende zu bereiten. Täglich konnte man Frau Fritzia Cavallero bewundern, wenn sie am Steuer ihres weißen Wagens über die Croisette fuhr. Ihr blondes Haar wehte im Winde, und unzählige Männer umschwärmten sie. Die schöne Frau aber hatte sich in einen Herrn verliebt, der in einem Hotel neben ihr abgestiegen war. An einem Abend dieser Woche ging sie auf ihr Zimmer und bat einige Minuten später den Hotelportier, heraufzukommen. Als er eintrat, fand er sie leblos auf. Ein Revolver lag auf dem Fußboden. Sie hatte sich eine Kugel in die rechte Schläfe geschossen, die an der Nasenwurzel wieder herausgetreten war. In ihrer Hand hielt sie das Bild des geliebten Mannes. BRIEFKASTEN A» mehrer«. Wir danken für die Informationen, die unS joGf' reiche Leser und Leserinnen aus Privatbriefen, aus deutschen und ausländischen Zeitungen und auf Grund eigener Beobachtungen i« Reiche übermittelt haben. Solche Mitarbeit ist uns eine wertvolle Hilfe, zumal wenn die Ereignisse sich überstürzen und eS schwer ist, einen vollkommenen und klaren Ueberblick zu gewinnen. Da kann auch das kleinste Mosaikstückchen, das herbeigeholt wird, eine wich« tige Ergänzung für das Gesamtbild sein. Wir bitten alle unsere Freunde und Freudinnen dringend, diese Mitarbeit fortzusetzen, sedoch bitten wir eben so sehr, möglichst selbst schon Wahres von Falschem zu scheiden. An haltlosen Gerüchten ist uns nichts ge- legen. Wir prüfen sede Mitteilung, so genau es uns möglich ist, da wir sehr besorgt sind, den regierenden, mordenden und rauben- den Gangsters nicht den Triumph eines Dementis zu gönnen. Unsere genaue Kenntnis der innerdeutschen Verhältnisse und der allermeisten im Vordergrunde stehenden Persönlichkeiten ermöglicht uns, mit großer Zuverlässigkeit zu arbeiten. Wenn ein« der uns aus dem Leserkreis übermittelten Meldungen nicht gebracht wird, so geschieht dies, weil wir an ihrer Richtigkeit zweifeln. Wir bit- ten, diesen Willen zur Gewissenhaftigkeit nicht als ein persönliches Mißtrauen gegen den Einsender auszusagen. In unserer Redaktion laufen täglich so viele Berichte, nicht zuletzt auch unserer illegalen Freunde im Reiche ein, daß wir größere Möglichkeit zur kritische« Nachprüfung der Mitteilungen haben als die meisten unserer Mit- arbeiter. Wir wiederholen aber, daß trotzdem sede auch zunächst als weniger wichtig erscheinende Mitteilung bedeutsam sein kann, weil sie uns Fingerzeige zu weiteren Nachforschungen oder zur genaueren Nachprüfung gibt. Nur mit wilder Gerüchtemacher«! wolle man uns verschonen. Zweckmäßig ist es, in gewissen Fällen anzugeben, woher die Einsender ihr Wissen haben. H. K, Brüssel. Ihnen und einigen anderen Fragestellern: Tie Mitglieder des Deutschen Reichstags erhalten eine monatliche Auf« wandSentschadigung von 600 Mark. Diese wird gezahlt, auch wenn, wie es setzt der Fall ist, monatelang keine Sitzung stattfindet. I« den berüchtigten„vierzehn Jahren" wurde jedem Abgeordneten, der eine Sitzung schwänzte oder auch nur bei einer namentlichen Ab- stimmung fehlte, der volle Diätensatz eines Tages, also 20 Mark, abgezogen. Das ist setzt nicht mehr zu befürchten, da im ganzen Jahre nur drei oder vier Sitzungen sind. Tie deutschen Reichs- tagsdiäten sind die höchste Arbeitslosenrente, die es je in der Welt gegeben hat. Nur die preußischen Staatsräte mit 12 000 Mark im Jahre erhalten noch mehr, aber da wird wohl der rätliche Titel mitbezahlt. Natürlich ist das ganze eine stinkende Korruption, ein Teil der Bolksauspowerung, die von der braunen Bonzokratie ge« trieben wird. Für den Mesamtinhalt verantwortlich: Johann Pitz tn Dud« weiler: für Inserate: Otto Kuhn tn Saarbrücken Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstlmme GmbH„ Saarbrücken s» Schützenstraße 5.— Schließiach 776 Saarbrücken. Rezept des Dr. Alfred CURIE CREME und PUDER Radium und Thorium.- Topf 15,00 Fr.. Tube 10,00 Fr. 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