Sinzigs unabhängige Tageszeitung Veutschiavds l^r. 165— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, den 20. Juli 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inha lt Äie Jetqen des 30. Juni Seite 3 Jiohstofrnot dec Jextilindustcie Seite 4 „Sanktionen"-qeqen die französische Jkesse Seite 6 Jteichscegiecung. und fyändunq dec Jieichskassen Seite 7 SA. in Unriilie und Püning Der Osaf in Sorge um„seine" SA.— Der„Führer'' zum Nachgeben gezwungen Illegale Berichte an die„Deatsche Freiheit'* Urlaub abgebrochen! Berlin, 19. Juli.(©ig. Ber.j Die„Deutsche Freiheit" hat gestern an leitender Stelle geschrieben:„In der SA. gärt es". Meldungen, die wir jetzt aus Berlin erhalten, de- tätigen in vollem Umfange unsere Angaben, beweisen aber auch, daß Hitler alles versucht, um die SA. zu beschwichtigen. Bekanntlich waren die SA.-Leute besonders darüber empört, °aß man ihnen verboten hatte, während des sogenannten Urlanbsmonats die braune Uniform zu tragen. Hitler hatte bereits in seiner Reichstagsrede angekündigt, daß vom 1. August ab die braune Uniform wieder das Strahenbild beherrschen soll. Jetzt teilt die„©ssener Nationalzeitung"» b>e dem preußischen Ministerpräsidenten Göring sehr nahe- steht, mit, daß das Verbot, die braune Uniform zu tragen, >> on in den nächsten Tagen aufgehoben werden soll. Man hosst, daß die Erlaubnis, die Unisorm wieder zu tragen, viele SA.-Leute beruhigen wird. Die politische und kämpferische Moral der SA. hat in de» letzten Wochen im ganzen Reiche schwer gelitten. Am meisten aber in der Reichshauptstadt» so deshalb angeblich der„Ur- laub" noch eine Zeit aufrechterhalten bleiben soll. Die Unter- suchungen über die finanzielle Korruption, über Mjßbräuche bei den Beförderungen und über verheimlichte strafrechtliche Verfehlungen in der SA. dauern im ganzen Reiche an? diese Untersuchungen ver- wehren die Gerüchte und erhöhen das gegenseitige Miß- trauen in der SA. und die Zerstörung des Kameradschasts- vesühls. Ob der Abbruch des Urlaubs die Zersetzung aus- halten kau«, ist zweifelhaft. Wie die unvermeidliche Re- vrganisation durchgeführt werden soll, weiß die Führung an- scheinend selbst noch nicht. Sicher ist nur soviel, daß der„Führer", der durch die Zu- stände in der SA. zum Nachgeben in der Urlaubsfrage ge« »wungen worden ist, Deckung hinter der Reichswehr sucht. lag der Rose" Und andre Prosa Berlin, 19. Juli(©ig. Bericht). Außerhalb der Reichs- grenzen scheint uns die Bedeutung des Verbotes neuer Sammlungen nicht richtig erkannt worden zu sein. Diese Maßnahme ist eine der stärksten Beweise für den gewaltigen Stimmungsumschwung gegen das Regime und für die Tat- lache, daß der Massenterror mehr und mehr an Wirkung verliert. Vor einigen Monaten noch war es ausgeschlossen, daß jemand wagte, einer ösfentlichenTamm- lung seine Spende zu entziehen,- jetzt ist das ganz anders geworden, und die Reichsregierung muß befürchten, daß jede Sammlung mit einem Fiasko endet, das die zunehmende Verachtung des Bettelsystems in den breitesten Volksschichten offenbart. Das trifft übrigens schon für die Sammlungen am„Tag der Rose" zu, der aus bisher unerklärlichen Gründen als Ausnahme zugelassen war. Wir sind gespannt, ob man die Wahrheit über das zweifellos sehr geringe Ergebnis dieses Tages wahrheitsgemäß bekannt geben wird. Die Sammle- rinnen traten mit einer Höflichkeit und einer Bescheidenheit auf, die man sonst bei diesen Gelegenheiten nicht gewöhnt war. Jede grüßte höflich mit„Heil Hitler" und trat, wenn sie keine Spende erhielt, schweigend und höflich wieder zurück. Trotzdem mußten die Sammlerinnen manche bittere Be- merkung einstecken und viele wurden vom Publikum ge- radezu verächtlich behandelt. Nur ein kleiner Teil der von den Sammlerinnen Angesprochenen hat etwas gegeben. Das Resultat der Sammlung muß tief unter dem stehen, das krüher erreicht worden ist, und man kann sich daher ungefähr vorstellen, auf welchen passiven Widerstand die Reichsregie- rung stoßen wird, wenn sie zum Sammeln für ein neues Winterhilfswerk blasen sollte. Da wird man ganz andere Methoben als im vorigen Jahre anwenden müssen, wenn etwas erreicht werden soll, denn das Vertrauen in die rich- ttge Verwendung der gesammelten Summen ist nach den©nt- hüllungen über die Korruption in der Regierungspartei un- heilbar erschüttert. Sehr g.oß ist die Spannung, ja der Haß zwischen der SA. und der SS. und der politischen Organisation. Die SA.- Leute w.hren sich dagegen» daß allein Führer aus ihren Reihen als korrupt hingestellt werde« und infolgedessen die Volksmeinung sich vorwiegend gegen die SA. ge- wendet hat, was übrigens soweit geht, daß bekannte SA.- Leute aus offener Straße beschimpft oder sogar tätlich bc- lästig« worden sind. Die SA.-Leute sagen zur Verteidigung ihrer Organisation, bei der SS. und bei der PO. sei es auch nicht besser, was frei- lich die Volk-stimmung nicht bessert. Die Absperrung der Krolloper und die Sicherung des Sitzungssaales während der Kanzlerrede war beispiellos. Neben der SS., diese zum Teil in Stahlhelm, war fast die ganze Kriminalpolizei aufgeboten, und der Reichskanzler weiß wahrscheinlich selbst nicht, wieviele Polizeibeamte in Zivil sich in seiner Nähe befunden haben. Die Beifallsstürme während der Rebe waren auf den Tribünen echt. Im Parkett der Abgeordneten konnte man aber beobachten, wie die Her- ren sich gegenseitig kontrollierten, so daß keiner früher mit dem Beifallsklatschen aufhörte als der andere. Zur Zeit ist die Furcht vor den eigenen„Freunden" größer als vor den Feinden. Unzweiselhaft wirkte die Reichskanzlerrede zunächst aus die eingeschworenen Nationalsozialisten und einen großen Teil ihrer Mitläufer stark, aber der Eindruck läßt unter der unn einmal wach gewordenen Kritik und allgemeinen Fragerei schon nach. Tie Wahrheit über das, was am 39. Juni und am 1. Juli und später geschehen ist, dringt erst allmählich durch, am raschesten in den katholischen Kreisen, aber auch im Katholi- zismus wissen wohl noch nicht alle, daß der katholische Jugendführer Probst ermordet worden ist. Wir geben uns durch Vervielfältigung Mühe, immer größeren Kreisen von Volksgenossen die Wahrheit zu bringen, und in wenigen Wochen werden die Berichte sich allgemein durchgesetzt haben. Immer noch kommen Meldungen von Erschießungen auch in kleinen Orten, und es ist absolut sicher, daß allein schon die Morde in der SA. und in der SS wesentlich zahlreicher sind als der Reichskanzler zugegeben hat. AlleErmordeten sind eingeäschert worden, und zwar ist den An- gehörigen dies ohne Ausnahme erst nach der Einäscherung mitgeteilt worden mit dem Ersuchen, die Asche sei dort und dort zur Beisetzung freigegeben. Die Diskussionen über den 39. Juni und seine Folgen sind allgemein, besonders auch in den Studenten stürmen, die sich bei der nun recht ablehnenden Stimmung in großen Teilen der Studentenschaft nur schwer durchsetzen können. Charakteristisch ist, daß man nun von Nationalsozialisten immer wieder die lahme Verteidigung für Hitler hört: „Ach, die anderen hätten es außenpolitisch und wirtschaftlich auch nicht besser gemacht". Uns scheint, daß diese traurige „Parole" von Zentralstelle» durchgegeben worden ist. Für die weitere Entwicklung, deren Tempo wir nicht über- schätzen und deren Ziel zunächst ganz unklar ist, wenn man von uns illegalen Sozialisten und Kommunisten absieht, ist die Frage der persönlichen Vertrauenskrise um Hitler das Entscheidende, denn er ha! mehr noch als bisher alle Ver- antwortung auch für die Zukunft seiner sogenannten„Re- volution" auf sich genommen. Da ist wichtig, daß der Ver- trauenseinbruch nun von Kreisen ausgeht, die bis jwr kurzem immun waren: von beträchtlichen Teilen der SA. und kleineren der SS., die den Glauben an Hitler persönlich verloren haben. Wir glauben nicht, baß bei einer wirklich freien Wahl wesentlich mehr als 39 v. H. für die National- Sozialisten stimmen würden... Die illegale marxistische Arbeit wächst, und wir befürchten, daß eine der nächsten großen Terrorwellen, die bei den zu- nehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht ausbleiben werden, sich gegen uns richten wird. Reichswehr Ober alles Hitlers neues Lied Berlin, 19. Juli.„Ich weiß, daß ich Vertrauen zur Armee haben kann, die allein die Waffen des Staates führt, und ich verspreche ihr, bah sie immer Vertrauen zu mir haben kann." Diese Erklärung gab Hitler den Offizieren des 9. Reiter- regiments in Zossen ab, einer kleinen Garnison in der Um- gebung von Berlin. Der„Führer" hielt seine Rede von einer Ehrentribüne aus. wo an leiner Seite MichsweHr» Rußland und England Deutschlands Einkreisung London, 19. Juli. Der Sowjetbotschafter in England, M a i s k y, stattete am Mittwoch dem hiesigen Auswärtige» Amt einen Besuch ab, wo er sich längere Zeit mit dem Unter- staatssekretär unterhielt. In gut unterrichteten Kreisen er- fährt man, Maisky, habe die Zustimmung der russischen Regierung zu den Ausführungen erklärt, die Sir John Simon am letzten Freitag im Unterhaus über den Ostpakt gemacht hat. Die russische Regierung teilt vollkommen die Auffassung der englischen Regierung und ist der Meinung, daß unter allen Umständen Deutschland sich am Ostpakt beteiligen müsse. Außenpolitisches Todesurteil West Ost-BUndnls gegen Hitler Paris, Juli 1934. A. Sch. Während Hitler in Blut und Schmutz wühlte, sind in Europa weitgehende politische Wandlungen vor sich gegangen. Am 20. Juli sieht Europa anders aus, als am 1. I'-li. Inzwischen ist eine gigantische politische Mobilmachung durchgeführt worden, eine Kräfte- Verlagerung ist eingetreten. Wir haben früher davor ge- warnt, die außenpolitischen Schwierigkeiten des Hitler- Regimes als Isolierung zu bezeichnen: In zwei wichtigen Punkten, englischem und italienischem, klappte der Ring der Einkreisung nicht zusammen, hier war dem deutschen Faschismus die Auskreisung gelungen. Heute ist es anders. In 24 Stunden ist Hitler von England verlassen, durch Italien verraten worden. Indem England und Italien sich für das Ost-Locarno, für den von Frankreich und der Sowjetunion getragenen osteuropäischen Pakt der gegenseitigen Unterstützung einsetzen, wird Hitler im entscheidenden Punkt vernichtend geschlagen. Hitlers außenpolitische Niederlage ist eine doppeltet sie besteht einmal in der antideutschen Wandlung der englischen und der italienischen Politik; sodann in dem Gelingen der Ost-Locarno-Politik, die den deutschen Faschismus vor eine furchtbare Wahl stellt. Englands Wandlung kam nicht unerwartet. Unerwartet war indessen der Grad der Entschlossenheit, mit der Eng- land die russisch-französische Bündnispolitik billigte. Die Annahme von Ost-Locarno und die begeisterte Zustimmung zum Eintritt der Sowjetunion in den Völkerbund: diese Wendung der englischen Außenpolitik kam für Berlin sicher unerwartet. Aus Abneigung gegenüber Hitler- Deutschland ist auch der alte konservative Haudegen Churchill, noch vor kurzem Rußlandfeind und Internen- tionist vom Scheitel bis zur Sohle, ein Sowjetfreund ge- worden. Hitler.und Rosenberg glaubten, daß es genügt. Sowjetrußlands Feind zu sein, um England als Freund zu gewinnen. Das Gegenteil ist zur Wirklichkeit ge- worden. Es genügte für die Sowjet-Union als Feind Hitler-Deutschlands aufzutreten, um sogar einflußreiche englische Konservative als Freunde zu erobern. Noch unerwarteter war die Wendung Mussolinis. An einem Tag ist der Duce aus dem Gegner zum Anhänger, von Ostlovarno geworden und dadurch von der größten Hoffnung zu der größten Enttäuschung Hitlers. Der faschistisch-revisionistische Staatenblock liegt in Trüm- mern. Durch die Annahme von Ost-Locarno will Mussolini den Mittelmeer-Pakt entweder abwenden—> oder für sich möglichst günstig gestalten. Alles dreht sich um das Ost-Locarno. Auch das Ost-Locarno sieht heute anders aus, als vor einem minister und mehrere höhere Offiziere der Reichswehr Platz genommen hatten. Nach den warmen Lobsprüchen, die General Blomberg dem Kanzler während der letzten Kabinettssitzung, in der die Ereignisse des 39. Juni besprochen worden waren, brachte, zeigen diese Worte, welche herzlichen Beziehungen zwischen der Armee und Hitler bestehen, solange immlich, sie.Hitler goch braucht,'' yonat sein ursprünglicher Inhalt ausgedeutet wurde. Der neue Tatbestand ist durch gegenseitige Garantie ent- standen: während die Sowjetunion zum West-Locarno beitritt und Frankreichs Ostgrenze garantiert, garantiert Frankreich die Westgrenzen der Sowjetunion. Sämtliche Ostgrenzen, die Deutschland revidieren möchte, die der deutsche Faschismus als seine Einbruchsrichtung ausersah, werden nunmehr durch Frankreich und. den'mächtigen Ostblock gesichert. Soll der deutsche Faschismus sich mit diesem Wall abfinden und die Unverletzbarkeit der Grenzziehungen von Versailles durch seinen Beitritt zum Ost-Locarno als seine eigene Verpflichtung über- nehmen? Das ist die große Frage, vor die Hitler gestellt wird. Ost-Locarno wär m i t Deutschland ein Sicherheits- system auf Grund von Versailles und deshalb auf Kosten des deutschen Faschismus. Ost-Locarno ohne Deutsch- land wäre ein Militärbündnis gegen den deutschen Störenfried. Ost-Locarno m i t Hitler-Deutschland wäre eine Zwangsjacke mit Hitlers eigener Zustimmung auf den deutschen Faschismus aufgestülpt. Ost-Locarno ohne Hitler-Deutschland wäre ein eiserner Ring um den rauf- gierigen deutsch-faschistischen Imperialismus. Der deutsche Faschismus weiß, worum es geht. Tie weiterblickenden Kreise machen sich darüber keine Illusionen. Am 15. Juli schrieb das Organ, das dem Aus- wärtigen Amt am nächsten steht, die„DAZ.", über das Ost-Locarno: „Die französischen Pläne sollen Frankreich freie Hand und eine hegemoniale Stellung in Europa, Sowjet- rußlanb, gleichzeitig Freiheit des Handels im Fernen Osten sichern. Dieser Siebenmächte-Vcrtrag würde, wenn man es kraß ausdrucken will, ein Hegemonie- Komplott der beteiligten Mächte darstellen. Europa soll an die stärkste Militärmacht, an Frankreich, be- dingungslos ausgeliefert werden. Das ganze Vertrags- werk läuft letzten Endes darauf hinaus, Deutschland wiederum zum Objekt der Völkerbundspraktiken zu machen und Teutschlands Unterschrift dafür zu erhalten, womit dieses gewissermaßen sein eigenes Todes- urteil unterzeichnen würde." Bei den Herren von der Wilhelmstraße zittern die Hände. Niemand wird ihnen die Wahl zwischen Kapitulation und Niederlag?, abnehmen. Seldfe und der Teufel In der„Stahlhelm-Zeitung" äußert sich der Bundes- führer des NS. Deutschen Frontkämpferbundes(„Stahl- Helm", Herr Seldte, u. a.: „Unsere Aufgabe ist es jetzt, in aller Nuhe und Zielklar- hcit auch die Nachwirkungen dieser Spannungen be- fettigen zu helfen, die hier und dort noch übriggeblieben sein mögen, auch nachdem ihre Urheber verschwunden sind. Das bedeutet in erster Linie, daß überall dort, wo es bisher nicht geschehen ist, die persönliche Fühlung zu den örtlichen Führern, der anderen nationalsozialistischen Gliederungen — der TA. sowohl wie der TS.»nd PO.— ausgenommen und mit diesen ein kameradschaftliches Verhältnis und fach sich reibungslose Zusammenarbeit hergestellt wird. Wir dienen alle dem gleichen Ziele, der Nation, ivir arbeiten alle für ein Werk, das Werk Adolf Hitlers, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir uns in diesem Dienst und in dieser Arbeit nicht auch im kleinsten Dorf zusammenfinden sollten, wie mir uns in der Regierung und in den obersten Führerstellen längst zusammengesunden haben. Auf der Führertagung in Magdeburg habe ich schon ein- mal ausgesprochen und wiederhole es hier noch einmal: Der NS. Deutsche Frontkämpfer-Bund sStahlhelmj ist ein Teil der großen nationalsozialistischen Bewegung und dient allein dem großen Aufbauwerk Adolf Hitlers. Wer das nicht rück- haltlos und ohne Hintergedanken zu tun vermag, der gehört nicht zu uns, der mag, sollte er sich in unsere Reihen verirrt haben, schleunigst gehen. Wir haben den Bund im Sturm der marxistischen Nvvcmberrevolte aus den Trümmern des schwächlich verteidigten Kaiserreiches nicht gegründet als Ber- sorgungsanstalt und ganz bestimmt nicht als Hort oder Unterschlupf der Reaktion. Sondern wir haben ihn ge- gründet, um die ungeheure Kraft des deutschen Front- soldaten, die ihre sichtbarste Verwirklichung jetzt in Adolf Hitler gefunden hat, zu sammeln und einzusetzen für einen besseren und stärkeren Neubau des Reiches." vle Ermordung Leo Skeins Aus Berlin wirb uns über einen Umweg berichtet: Ihre beiden Artikel über den jungen Stein, der von TA. ermordet wurde, habe ich gelesen. Es sind kleine Ungenauigkciten dar- in, die an der Sache nichts ändern. Der Vater ist der Kom- merzienrat Maximilian Stein, der Generalvertreter der Pilsner Urquell-Brauerei. Der ermordete Sohn kam erst am 1. Juli aus Amerika nach Berlin zurück, wo er für die örauerei und den Vater den Verkauf des Pilsner Biers irganisierte. Am 2. Juli kaufte sich Stein eine Zeitung auf ber Straße cnd machte, da er sich»och im freien Amerika glaubte, eine ssemerkung. Einer der Spürhunde der Gestapo verhaftete hn sofort. Einige Stunden später wurden die Eltern an- cerufen und ihnen mitgeteilt, ihr Sohn habe sich zum Fenster hinausgestürzt. Den Eltern und- Verwandten ist trengstens verboten, den Sachverhalt zu sagen. Tic Wahr- seit wird bestraft, und so erzählen diese armen, geguälten Renschen, ihr Sohn sei seinem Hund nachgelaufen und von :inem Auto überfahren worden. Diese Mörder wissen, es passiert ihnen nichts. Vcrantwort- lich sind der Reichskanzler Hitler, seine Minister und Helfers- heiter. Sie alle wissen davon, sie alle kennen die Verbrechen ihrer Anhänger, sie haben gemordet, um zur Macht zn kommen. Tie morden jetzt weiter, weil es um ihren Kops geht, nni sich an der Macht zu halten. Sie morden, erpressen, peinigen in ganz Deutschland. Tie meisten Straftaten kommen wegen der Todesangst der Ver- wandten und Zeugen gar nicht an die Oessentlichkeit. Rettet SA. vor Denunzianten I Der neue Stabschof In großer Not tevre zur tieft! Berlin, 18. Juli.(DNB.j Die NTK. teilt folgende Be- kanutmachung des Chefs des Stabes mit: „Ich sehe mich veranlaßt, der Oessentlichkeit mit aller Deut- lichkeit folgendes zur Kenntnis zu bringen: Die TA.-Führer und-Männer, die im Zuge der Säube- rungsaktion innerhalb der SA. belastet sind oder waren, sind zum Teil beseitigt, zu einem anderen Teil schweben gegen sie Disziplinarverfahren. Aus zahllosen Zuschriften von Denunzianten habe ich er- sehen, daß innerhalb des deutschen Voltes eine ganze Reibe von Menschen sich bemüßigt fühlt, die Ehre der an- ständige» S A.-Männer anzugreifen. Als Chef des Stabes der TA. ist es meine Pflicht, mich schützend vor die Ehre der mir anvertrauten Führer und Männer zu stellen. Ganz abgesehen davon, daß mir als Soldat jegliches Ver- ständnis für Denunziantentum abgeht, bin ich nicht gewillt, da? Werkzeug kleinlicher, rachsüchtiger Menschen zu sein. Ich ersuche deshalb hiermit auf diesem Wege über die Prcsic alle diejenigen, die es angeht, haltlose Denunziationen zu unterlassen. Sollte dieser mein Hinweis nicht genügen, so iverde ich weitere Denunziationen der Staatsanwalt» s ch a f t übergeben. München, 18. Juli 1084. Der Chef des Stabes: Lutze. Man ivird die Sorge des neuen Stabschefs begreisen. Seitdem der„Führer" plötzlich leine allerbesten Kameraden als ehrlose und korrupte Leute demaskiert hat und umlegen ließ, möchte jetzt jeder kleine SA.-Mann dem hohen Beispiel folgen. Auf Grund der bekannten 12 Säubcrungspunkte Hitlers beobachtet er jetzt die Herrn Standarten- und Gruppenführer sehr genau. Die Folgen davon sind An- schuldigungen, die gewiß zum groben Teil den aller- besten Grund nicht entbehren. Das ist ein böses Dilemma. Ter Herr Stabschef kann sich nicht mehr Helsen. Er flüchtet vor den Anschuldigungen in die Arme des Staatsanwalt?, damit die fortschreitende sittliche Läuterung der SA.-Fllhrcrschaft einen sicheren Stützpunkt hat. Kircheneinigung ist„marschiert" Müller zum Rapport bei Hitler Die Vergewaltigung der protestantischen Landeskirchen hat in den vergangenen 11 Tagen große Fortschritte gemacht. Gegen die Beschlüsse der gesetzmäßigen Kirchcnvertretnngen, in denen nirgendswo die vor- geschriebene Zweidrittelmehrheit für den Anschluß an die Mllllersche Reichskirche zu erzielen war, wurde auf Befehl der„Deutschen Christen" einfach diktiert. Bon den 28 Landeskirchen sind auf diese Weise bisher 22 in die Reichs- kirche„ausgegangen",«ei drei Kirchen ist die Unterjochung noch nicht abgeschlossen, bei drei Kirchen bisher mißlungen. D>e Gemeinden sind still, die Pfarrer schweigen, vom Not- bund hört man nichts mehr. Meldete er sich: es würde ihm nichts nützen. Kirchcnvcrsammlungen, die sich mit innerkirch- lichen Konflikten beschäftigen, hat Herr Frick verboten. Keine Zeitung wird es wagen, einen Protest zu veröffentlichen. Die Kirchhofsruhe ist feit dem SV. Juni nahezu vollendet, auch in der Kirche. Nun aber lese man, wie man in Hitlerdeutschland die durch ungesetzlichen Druck erzielte Kirchenglcichschaltung erfährt! In einer halbamtlichen Notiz heißt es wörtlich: „Das stete Vorwärtsschreiten des großen evangelischen Einigungswerkes wird, ivie der Rcichsbischof auf eindrucksvolle Weise berichten konnte, gc- rade von den breiten Massen des Kirchenvolkes getragen. Es sei ein erfreuliches Bild der deutschen Einheit, daß auch auf kirchlichem Gebiete die mannig- saltigen Schwierigkeiten überwunden sind." Zum Rapport und Befehlsempfang beim„Führer" mcl- beten sich am Mittwoch Reichsbischof M ü l l» r und„Rechts- walter" der evangelischen Kirche Dr. A u g u st I ä g e r. Der Herr Reichskanzler war sehr zufrieden und sprach dem Stabschef der SA. Jesu seinen Dank und seine Anerkennung aus. Hitler druckte ihnen die Hand:„Zumal hiermit die zu- nehmende Bcsr'cdigung des kirchlichen Lebens marschiert". Es marschiert wieder etivas. Die ivahrhaft Gläubigen zrbcr machen kehrt und marschieren aus dieser Kirche heraus. Vle Terror-Kirche Ende der„offenen Abende" Berlin, 18. Juli.(United Preß.j Am Montag abend schloß Pfarrer N i e m ö l l e r aus Dahlem seine„offenen Abende" ab, die regelmäßig von mehreren Hunderl Man- nern und Frauen besucht wurden. Von nun an dürfen auf Grund der Verfügung des Innenministers Frick, die die Erörterung kirchcnpvlittscher Fragen in die Oessentlichkeit verbietet, nur noch Mitglieder der Bekenntniskirche, die mit einem entsprechende» Auswe's versehen sind, an diesen Abcn- den teilnehmen. zusammeabnidi eines Korrnpflons Prozesses Der Staatsanwalt beantragt Frefsprudi iOr Uirtsleler und Scheidt Berlin, 19. Juli. Im Prozeß gegen den früheren preußischen WohlsahrGminister Hirtsieier und fünf weitere Angeklagte kam der Staatsanwalt zur Stellung seiner Straf- anträge. Er beantragte gegen de» Angeklagten Gerltch wegen Untreue in zivei Fällen 300 Mark Geldstrafe»nd gegen den Angeklagten Peters wegen Anstiftung zur Un- treue in einem Falle 299 Mark Geldstrafe. Im Falle der Verleihung des Ehrendvktortitels an Hirtsieier bcan- fragte er die Einstellung des Verfahrens auf Grund der politischen Amnestie. In den übrigen Anklagcpunkten wurde Frcispruch mangels Beweises beantragt. Hier handelt es sich um den früheren Staatssekretär Scheidt, Geheimrat Tillich, Schneider und H i r t s i e f e r selbst. In seinem Plädoner erklärte ber Staatsanwalt, das setzt kurz vor dem Abschluß stehende Versahren habe sich mit Miß- ständen im preußischen Wohlfahrtsmini st eri um und im Verein„R e i ch s z e n t r a l e L a n d a u f e n t h a l t Wie da? städtische Presseamt Altona mitteilt, hat der .ühere Oberbürgermeister von Altona, Max Bräuer, der am SJ. April ergangenen Aufforderung, binnen 8 Monaten a ch D e n t s ch l a n d z n r tt ckz n k c h r e n, nicht Fo lg e e l e i st c t. Aus Grund des 8 2 des Gesetzes über Widcrrm on Einbürgerungen und Aberkennung der deutschen Staats- ngehörigkeit vom>4. Juli 1938 wurde sein Vermögen be- hlagnahmt, und ihm die deutsche R c i ch s a n g e h ö r l g- eit aberkannt. Brauer habe stch der Verantwortung iir seine Handlungsweise entzögen und für das. waS er in rster Linie betrieben habe, seine derzeitigen Mitarbeiter üben lassen f ü r K i n d e r" beschäftigt. Ein großer Teil des Versahrens sei niemals Prozeßgcgcnstand geworden, sondern sei schon vorher eingestellt worden. In längeren Ausftth- rungen beschäftigte sich der Anklagevertreter mit der Ber- leihnng des dritten E h r e n d o k t o r t i t e l s an Sirtstefer durch die österreichische Universität Graz. Die Kosten dieser von dem Angeklagten Scheidt angeregten Titelvcrleihung in Höhe von 221199 Mark seien aus dem Etat des Ministeriums unter der Bezeichnung..Förderung des deutsch-österrcichischen Kinderaustausches" gegeben worden. Anläßlich der lieber- reichung der Ehrenurkunde sei in Berlin ein Ehr'enfrühstück veranstaltet worden, das etwa 1899 Mark gekostet habe, dazu seien noch weitere Unkosten für die Ausstattung ber Räume und für zerschlagenes Geschirr gekommen.„Eine vollständige Klärung dieses Falles konnte," so führte der Staatsanwalt aus,„nicht erreicht werben, da den österrcichUchen Zeugen die Ansreise-i.'nehmigung verweigert worden'ist Einer der- artigen Klärung bedarf es aber auch nicht, da nach nicht zu widerlegenden Angaben der Angeklagten die Titclverlcilmng einen politischen Hintergrund'gehabt hat. Deswegen mußten die Angeklagten in diesem Punkt amnestiert werden." In den zwei, Hirtsieier zur Last gelegten B e st e chzi n g S- fällen beantragte ber Staatsanwalt Frcispruch, weil nicht erwiesen iv o r d c n sei, daß sich Hirtsiefer wegen einer als Minister von ihm vorgenommenen Handlung habe bestechen lasten. Hierbei handelt es sich um 199 Flaschen Wein, die Hirtsiefer von dem Düsseldorfer Oberbürgermeister Dr. Lehr erhalten hat. Der zweite Fall betrifft, wie berichtet, ein Gemälde und 199 Lotterielose, die Hirtsiefer von einer Dössel- . dorfer Künstlcrvcreinigung erhalten hatte. Wegen der A u t o k o st e n des früheren Staatssekretärs Scheidt müsse ebenfalls ein Frcispruch erfolgen, weil nicht festzustellen sei ob es sich um Dienst- oder Privat- fahrten gehandelt habe. Merkwürdig bleibe allerdings, daß die„Dienstreisen" nur bei schönem Wetter und am Wochen- ende ssattaesunden und daß an diesen Fahrten Verwandte und Bekannte des Staatssekretärs teilgenommen bätten. Eine Verurteilung der Angeklagten Gerlich und Peters beantragte der Staatsanwalt wegen zweiei Fälle unrechtmäßiger Verschickung auf Rosten der Reichs- zentrale. Das Urteil ist am Freitag zu erwarten. Unterschlagungen heim„Relaissender Köln" Der Privatsekretär des Intendanten fristlos entlassen— Glasmeier selbst belastet Köln, 18. Juli 1934. Seit kurzem ist die offenkundige Kor- ruption beim Westdeutschen Rundfunk, worüber schon vor vielen Monatett allerlei gemunkelt wurde, das Stadtgespräch. Der Adjutant und Privatsekretär des Intendanten und ST.- Führers Glasmeicr, Dr. Barlage, ist wegen großer Un- tcrschlagungen entlassen worden. Er hatte öffentliche Gelder für seine private Lebensführung verwendet. Im Funkhause wird behauptet, daß Glasmeier nicht nur von diesen Bor- gängen seit langem gewußt habe, sondern auch daran betei- ligt sei. Auch im Orchester des Herrn Dr. Buschkötter sind mehrere Entlassungen aus ähnlichen Gründen vorgenommen worden. Gegen den Buchhalter der NSBO., Obmann Ren- ncrt l^lift bereits ein Verfahren. * Diese Meldung kann niemand überraschen, der unsere Be- richte über die Zustände im Westdeutschen Rundfunk gelesen hat. Korruption und Mißbrauch der Amtsgewalt sind seit dem Dienstantritt des Dr. Glasmeier, der bis dahin ein un- beachtetes Dasein als kleiner Archivbcamter des westfälischen Adels geführt hatte, an der Tagesordnung. Zu seinen erste» Handlungen gehörte es daß er einen neuen Mercedcswagen für sich aus öffentlichen Mitteln anschaffte und im Kölner Stadtanzeiger eine Acht-Zimmer-Wohnung mit Garten, Ga- rage und allen Bequemlichkeiten suchte. Als er nichts fand, was seinen Ansprüchen genügte, wies ihm sein Pg. Oberbürgermeister Riesen die elegante Villa eines von den Nazis wegen Korruption gestürzten Syndikus für den billigen Mietzins von 299,— Mark zu. Glasmeier veranstaltete kostspielige Dienst- und Bcsichtigungsreisen mit festlichen Gastereien, die viele Tausende kosteten, ganz im Stile der braunen Bonzokratie in Berlin und München. Die von ihm berufenen leitenden Angestellten, die sich nicht durch Sachkenntnis, wohl aber durch Trinkfestigkeit und sonstige rauhen Sitten auszeichnen, konnte man oft genug betrunken und grölend in Kölner Weinkneipen beobachten. Tic Taus- schulden der Funkangcstellten in einer nahe beim Funkhaus gelegenen Wirtschaft haben eine phantastische Höhe erreicht. ver fetzte jQdisdie Schriftsetzer ... wandert aus der Streicherei aus „Der Stürmer" in Nürnberg.druckt ein Schreiben des Nürnberger jüdischen Schriftsetzers Philipp Lengvel an de» Fachverband der banerischen Schriftsetzer ab, in dem Lengvel, ber seit 1991. also seit 34 Jahren, dem Fachverband angehört und Beiträge leistet, bittet, ihm, der Anspruch aus Altersversorgung hat. ibn aber unter den heutigen Verhältnissen nicht geltend machen kann wenigstens die Reisespesen bis zur Grenze in Passan für sich und seine Familie zur Ver- fügung zu stellen.„Stürmer äußert seine große Freude, daß mit Leugnet der letzte jüdische Schriftsetzer Bayerns das Land verläßt, und fügt hinzu, die Pikanterie bestehe darin, daß der Obmann der Fachgewerkschaft der bayerische» Schriftsetzer, an den sich Philipp Lengyel gewandt hat, Julius Ztrcicher sei. Die Folgen des fasdiisflsdien Staatsstreichs DiskussionsDeifrag aos der Illegalen Gruppe, Der Dole Sloßlropp" Von Horst Kühn Vernichte mit einem Schlage drei deiner Gegner: das ist der erste Lehrsatz der politischen Strategie der Nazis, der uns in den letzten Wochen an einem blutvollen Beispiel illustriert wurde. Bei allen entscheidenden Aktionen der Nazis wurde die direkte Wirkung mit der indirekten verbunden und damit vorweg genommen. Den Reichstag ließen die Nazis zur Vernichtung der KPD. anzünden: mit dem damit erzeugten Bolschewistenschreck konnte man die Deutschnationalen aus Parlament und Regierung ver- drängen, den Stahlhelm entmachten, die„Gleichschaltung" erfolgreich durchführen. Ter Austritt aus dem Völker- bund wurde mit einem Friedensangebot an Frankreich und mit einer Terrorwelle im Inland, genannt Volks- abstimmung, verbunden: um dem inneren und äußeren Feind keine Möglichkeit zur Gegenaktion zu geben. In den Ereignissen vom 30. Juni finden wir das gleiche Prinzip: Die wahre oder vermutliche Opposition links und rechts wird enthauptet. Ob die SA. wirklich ein Komplott plante, Schleicher mit Röhm im Bunde war, sogar mit einer„ausländischen Macht" konspirierte— was schert es Göring und Goebbels? Beide behaupten es einfach: wenn es die Ausländer nicht glauben wollen ^ um so schlimmer für sie. Der Zweck heiligt die Mittel. Die Reaktion mußte gehindert werden, die blutige Operation Hitlers an seiner eigenen Partei auszunützen: deswegen mußten Schleicher und Klausener ihren Kopf verlieren. Die richtige„Begründung" liefert das Propagandaministerium. Was werden die Folgen dieses Blutbades fein? Alle Formeln:„Kampf der Gangster",„Sieg der Reichs- wehr",„zweite Revolution" usw.— sind unzureichend oder falsch. Daß die„Gangster sich gegenseitig er- mordeten", stimmt offensichtlich nicht, da von den Haupt- gangstern kein einziger daran glauben mußte. Auch die in vielen Formen auftauchende Vermutung, daß die Reichswehr nun Hitler zu ihrem Anhängsel mache, ist un- erwiesen. Weder hat die Reichswehr an den Kämpfen unmittelbar teilgenommen, noch konnte sie die Ermor- dung von Schleicher und der Papengehilfen verhindern. Ganz sinnlos aber ist das Gerede von der„zweiten Revo» lution". War Hitlers Revolution faschistisch, zugunsten der Großkapitalisten, so hätte die„Revolution" Röhms irgendwie„sozialistisch" sein müssen. Seit wann aber waren Röhm und seine„rauhen Kämpfer"— Sozialisten? Wie können diese unklaren, sich um ihre Beute betrogen fühlende SA.-Männer— eine sozialistische Revolution machen und behaupten? Ein SAg Röhms hätte nur zu einer Neubesetzustg der Aemter, zu einer neuen uner- hörten Terrorwelle, zu noch größerer sozialer Demagogie führen können— ohne die Grundlagen des Kapitalis- mus zu beseitigen. Die zweite, die sozialistische Revolution konnte Röhm weder führen noch verwirklichen: ein sieg- reicher Putsch der SA. hätte bestenfalls die Vorstufe zur sozialistischen Revolution werden können. Was ist nun in Wirklichkeit eingetreten? Die Mörderkugeln auf Röhm und Konsorten, sie sollten die radikalisierten unzufriedenen Massen in der SA., in den faschistischen Nebenorganisationen, in der Arbeiter- schaft treffen. Wenn der erste Schrecken des Blutbades verraucht ist, dann wird sich die Wirkung zeigen: die faschistische Massenbasis beginnt abzubröckeln, das Ver- trauen zu Hitler selbst und zur faschistischen Führung wird schwinden. Der Faschismus hat seinen Nimbus ver- loren: Das ist die erste Wirkung. Doch man darf sich nicht täuschen, daß es sich hier um komplizierte seelisch-politische Vorgänge handelt, die nicht ganz ein- deutig verlaufen. Die Nazis geben ihre Position bei den Massen nicht freiwillig auf, sie werden energisch darum kämpfen. Zunächst wird die SA. nicht aufgelöst, sondern reorganisiert. In ihr und in allen Nebenorganisationen wird nicht nur eine Verkleinerung an Zahl, sondern auch eine weitgehende Umgruppierung in persönlicher und politischer Hinsicht eintreten. Die Aktivisten werden durch die Bürokraten und Postenjäger verdrängt werden, das weitgehende Eigenleben der einzelnen Organisationen, vor allem ihrer Führer, wird man radikal ausmerzen. Insgesamt: Verkleinerung und Verschiebung innerhalb der Massenbasis: Das ist die zweite Wirkung. Das sinkende Vertrauen der Massen in das faschistische Regime wird die Arbeit der illegalen Marxisten weit- gehend erleichtern, ihrer Tätigkeit erst die richtige Reso- nanz verschaffen. Die Mehrzahl der Denunzianten werden aus den Arbeitervierteln verschwinden. Bisher mußten von den illegalen Kämpfern zwei Gegner beachtet, über- listet, bekämpft werden: Der faschistische Staatsapparat und die faschistisch beeinflußten Massen. Wenn die letzten auch nicht ganz verschwinden, Denunzianten sich noch immer finden werden, so werden jetzt viel mehr Proleten und Kleinbürger den sozialistischen Parolen Gehör schenken, sich in die illegale Arbeit einreihen lassen. Daraus ergibt sich die Möglichkeit— deren Durchführbarkeit natürlich an jedem Ort genau geprüft werden muß—, von der bloßen Arbeit innerhalb den zuverlässigen Kadern, zu einer mehr propagandistischen Arbeit inner- halb den sympathisierenden Massen überzugehen. Das ist die dritte, zweifellos wichtigste Wirkung der blutigen Ereignisse vom 30. Juni. Ganz unwahrscheinlich ist aber die Hoffnung, daß Hit- lers Blutbad die„Herrschaft des Faschismus in Deutsch- land erschüttert habe". Die Brutalität der Erschießungen geschah aus raffinierter, politischer Berechnung: Die un- zufriedenen„Nörgler" sollten eingeschüchtert werden. Nachdem der Versammlungskampf gegen die„Kritikaster" mißlungen ist, mußte das Standgericht die Mißmacher „überzeugen". Gewiß, der Faschismus hat die tumul- tarische Versammlung und den Mord immer gleichzeitig als politische Waffen benutzt und mit Erfolg durchgeführt. Das Schwergewicht wird sich in Zukunft noch mehr auf Terror und Mord verlegen. Ist es nicht verwunderlich, daß die SA. fast nicht auf die Ermordung ihrer Führer mit bewaffnetem Gegenangriff geantwortet hat? Uns scheint, das Standgericht hat die von Hitler gewollte Wirkung ausgeübt. Die faschistische Führung hat bei der ganzen Aktion eine große Wendigkeit bewiesen. Der Staatsapparat, die SS. und die Polizei sind noch völlig in der Hand der faschistischen Spitze und zu jeder Scheuß- lichkeit gegen die Massen fähig und bereit. Noch mehr, die Führung des Partei- und Staatsapparates hat ihre Macht noch ungeheuer verstärkt, jeden Eigenwillen in den eigenen Organisationen gebrochen. Der auf breiter Massenbasis herrschende Faschismus wandelt sich in einen blutigen, mit Terror und Mord regierenden Partei- und Staatsapparat, der jede oppositionelle Bewegung zu zer- malmen sucht. Das ist die v i e r t e schauerlichste Wirkung der Vernichtung Röhms und Konsorten. Und die Bourgeoisie, die Großgrundbesitzer, die Reichs- mehr, die oppositionellen Kirchen— wie wird sich ihre Haltung zum Faschismus wandeln? Man darf annehmen, daß auch diese Schichten einen Ekel über die Mord- Methoden Hitlers empfinden. Doch zugleich werden sie froh sein, daß man sie von der aufdringlichen SA.-Meute befreit hat, sie in ihren Betrieben wieder ohne Einspruch der NSBO. wirtschaften können. Vor allem aber wird man sich überzeugen, daß es nicht ratsam ist, es auf eine bewaffnete Auseinandersetzung mit dem Faschismus an- kommen zu lassen. So werden sie versuchen durch Hitler zu herrschen. Der Ausgang der Konkordatsverhandlungen läßt eine weitgehende Verständigung zwischen Faschismus und katholischer Kirche als möglich erscheinen. Die Er- Klärung des Reichsbischofs Müller, daß die neue Kirche nur das Werk von Generationen sein wird, kann einen Kurswechsel einleiten. Man dürfte die Führer der oppositionellen Pfarrer beseitigen, die Schar ihrer An- Hänger aber wieder in den Dienst der Kirche aufnehmen, die Wotansgläubigen zurückblasen. Die Schüsse in München und Lichterfelde, sie ermöglichen— fünftens — einen Pakt zwischen den beiden Kirchen und dem Faschismus. Das auffällige Eintreten Blombergs für Hitler ist auch kein Zufall. Die hohen Reichswehroffiziere freuen sich, daß die plebeische Konkurrenz beseitigt ist. Die Reichs- wehrführung läßt erkennen, daß sie hinter Hitler steht, ihn im Konfliktsfall unterstützt, während dieser die SA. anweist, den Reichswehrsoldaten den nötigen Respekt zu bezeugen. Faschismus und Reichswehr haben— als gleichwertige Partner— ein Bündnis geschlossen: beide werden in Zukunft sich weitgehend verschmelzen, wissend, daß der eine ohne den anderen seine Herrschaft nicht de- haupten kann. Der Stahlhelm wird wieder zum anerkann- ten, respektierten Kriegerverein werden. Die Groß- industriellen und Finanzkapitalisten werden sich allmäh- lich beruhigen, da sie mit Recht eine Aenderung der Ein- stellungs- und Entlassungsbestimmungen wie eine Reform der Arbeitsschlacht erwarten, die alle ihre diesbezüglichen Wünsche befriedigt. So können wir die ungeheuerlich wichtige sechsteWirkung festhalten: Bourgeoisie und Faschismus werden sich gegenseitig verständigen und vor- behaltlos anerkennen, ihr gegenseitiges Arbeitsgebiet genau abgrenzen: Der Bourgeoisie die Wirtschaft, der Reichswehr die Wehrmacht und dem Faschismus die Politik. Alle drei werden ihre Kräfte vereinen, um Kapitalismus und Faschismus gegen das unzufriedene Volk zu behaupten. So kommen wir zu dem, auf den ersten Blick erstaun- lichen Schluß, daß den Chef die Ermordung seiner Unter- gebenen zunächst nicht schädigen dürfte. Bei dem Bürgertum wird sich der Faschismus wieder relativ stabilisieren. Doch wi£ lange wird diese Atempause dauern? Das hängt vor allem von den weiteren wirt- schaftlichen und außenpolitischen Erfolgen des Fafchis- mus ab. Arbeitsschlacht und Rüstungskonjunktur müssen im Winter weitgehend eingeschränkt werden, wenn Ein- fuhrdrosselung und Devisenmangel nicht behoben sind. Das ist nur möglich, wenn das Ausland mehr deutsche Waren aufnimmt oder aber die nach Deutschland trans- portierten Rohstoffe durch eine große Anleihe finanziert. Deshalb ist— als siebente Wirkung— zu erwarten, daß Hitler wieder eine außenpolitische Kursschwankung vor- nimmt, politische Zugeständnisse anbietet— Verkleine- rung der SA., geringeren Ausbau der Luftflotte—, um dafür wirtschaftliche Vorteile zu erhaschen. Gelingt ihm dies, dann kann das Bündnis zwischen Faschismus und Bürgertum von längerer Dauer sein. Wenn nicht werden sich voraussichtlich im Frühjahr neue dramatische Ereig- nisse vollziehen, deren Umfang und Bedeutung heute noch niemand voraus sagen kann AsQlrcdrt bei diplomatischen Vertretungen Sorge für die in Deutschland Dedrohten An den Reidishanzler! Sie haben dem englischen Reuterbtiro mitteilen lassen, daß keine Toteulifte der Opfer Ihres Mordseftes vcrössent- licht werden wird. Sie haben ferner neuerdings wieder ganze Serien von Auslandszeitungen in Teutschland verbieten oder beschlag- nahmen lassen, weil sie Berichte über die Bluttage gebracht haben. Tic Fragen um die Geheimnisse Ihrer Morde werden dennoch nicht verstummen. Tie haben im Reichstage das deutsche Volk und die Welt srech angelogen. Nicht ein- mal die Zahl der erschossenen SA.- und SS.- Leute haben Sie richtig angegeben. Aus den Reihen Ihrer Banditen haben Sie viel mehr abknallen lassen, als Sie öffentlich zugeben. So find alle diejenigen SS.- oder. SA.-Lente erschossen worden, die am Sil. Juni und am t. Juli Täter oder Tatzeugen von Morden waren, die durch die PersönlickkcitderGetötetenAusschenaußcr» halb Ihrer Partei erregt haben. Erst haben Sie die Ermordung besohlen. Tann haben Sie die Leichen einäschern lassen. Schließlich haben Sie auch die von Ihnen gedungenen Mörder noch beseitigt. So glauben Sie, daß sich Schweigen über die Schandtaten breiten werde. Sie werden fich irren. Das Blutmeer wird Sie verschlingen. Man schreibt uns aus England: Mitte Juli befindet sich Deutschland in einer Lage, die jeden Augenblick zu einer Katastrophe führen kann. Hitler und Göring glaubten, das unvermeidliche Ende dadurch aufhalten zu können, daß sie sich der Reichswehr unterwar- fen und dieser eine Anzahl Oberführer der SA. opferten, vermehrt um einige Männer, die sie fürchteten oder an den«» sie sich rächen wollten. Das alles wird den eingetretenen Zersallprozek des Ratio- nalsozialismus nur beschleunigen. Stände er noch in zu- nehmender Macht, so würde er die innere Spannung in einem außenpolitischen Vorstoß abreagieren. Diese Gefahr ist aber noch immer sehr akut. Aber die sichtbare Schwen- kung Englands tut endlich die Wirkung, die gegenüber sol- chcn Landsknechlsnaturen allein am Platze ist: sie bekom- men Furcht. Um desto mehr wird sich die angesammelte Wut nach in- nen entladen. Allerlei Symptome lassen deutlich erkennen, daß Judenprogrome. Massaker gegen die Tausende in den Konzentrationslagern, gegen Christen, Marxisten und Pazifisten, serner Bluturteile der„Volksgerichte" vor- bereitet werden. Sodann auch weitere Attentate gegen ein- zdlne besonders verhaßte Personen, auch aus dem eigenen Lager. Da nicht zu erwarten ist. daß die Mächte der Welt ossl- ziell. einzeln oder gemeinsam, intervenieren, muß an das sittliche Gefühl der Menschheit, der Einzelnen wie der Völ- ker, appelliert werden Eridi liütisams Tod Die barbarischen Blutsäufer Für den Schutzverband Deutscher Schriftsteller übergibt uns der Vorsitzende des STS., Rudolf Leonhard, folgende Erklärung: „Mit Entsetzen und Empörung haben wir die Nachricht vom angeblichen Selbstmorde unseres Kollegen und Freundes Erich Mühsam zur Kenntnis genommen. Wir kennen Mühsam aus vieljährigcr Arbeits- und Kampf- gemeinschaft: wir wissen, wie heldenhaft er den unaus- gesetzten Quälereien, Erniedrigungen und Folterungen der Konzentrationslager widerstanden hat: wir kennen alle Einzelheiten seines Kamps- und Leidenslebens auch in den letzten Monaten: sogar einem glaubwürdigeren Regime als Vor allem wäre zu fordern, daß die Staaten von ihren Bürgern gezwungen werden, ihre diplomatischen und Kon- sular-Vertretungen anzuweisen, den politisch Verfolgten und den Juden in Fällen dringender Gefahr Asyl zu gewähren und sie auf Ansuchen durch Erteilung von Schutz- pässen unter ihren Schutz zu stellen. Es wäre dies nur die Wetterführung einer bereits im Sommer 1933 von Locker Lampson im englischen Unterhaus gemachten Anregung, daß England alle, in Deutschland ver- folgten Juden dergestalt unter seinen Schutz stellt, wie es als Mandatsmacht Palästina gegenüber handelte. Daß die Sowjetunion die gefährdeten Funktionäre der radikalen Arbeiterbewegung unter ihren Schutz nimmt, muß sich von selbst verstehen. Die übrigen Völkerbundsstaaten sollten veranlaßt werden, endlich den seit Herbst 1933 versprochenen Völkerbunds- Paß für die deutschen Emigranten herzustellen und ihn auch in Deutschland denen auszustellen, die darum nach- suchen. Es kommt alles darauf an, daß schnellstens gehandelt wird. Deshalb mögen sich in jedem Lande Männer und Frauen finden, die ihren europäischen Mitbürgern in Deutschland, schon aus prophylaktischen Gründen, helfen wollen, indem sie ihre Regierungen zum Handeln veran- lassen. dem deutschen Faschismus würden wir den Selbstmord unseres Freundes nicht glauben— diesen„Selbstmord", den er bis gerade nach dem 39. Juni hinausgeschoben haben soll! Wir protestieren nicht: wir wissen, daß diesen karbarischen Blutsäufern gegenüber„Proteste" wirkungslos und sinnlos sind. Aber wir werden nicht aushören, an das Wellgewissen zu appellieren, und es aufzurufen zum Schutze RennS und Ofsietzkys, Thälmanns und Neubauers, und zur Rache für unseren unvergeßlichen Erich Mühsam!" Abwärts! sJnpreßs. Nach Angaben des„Deutschen" haben im Mona Juni der„Völkische Beobachter" 2359, der„Sokalanzciger' 2600 und die„Moraenvost" 7399 Abonnenten verloren ^Deutsche Freiheit", Nr. 165 KJÜ■ I HM iTH MM MM B i# I MHlifHa B Saarbrücken, 18. Juli 1934 Textilindustrie ohne Rehstoffe Diktator des Monopolkapitals Die verzweifelte innere Lage des Systems kommt am ehesten zum Ausdruck in dem folgenden Ermächtigungs- «ese.tj für den Reichswirtschaftsminister: J. Der Reichsivirtschaftsminister wird ermächtigt, innerhalb seines Geschäftsbereiches alle M a ß n a h• m e n zu treffen, die er zur Förderung der deutschen Wirtschaft soivic zur Verhütung und Beseitigung wirtschaftlicher Schädigungen für notwendig hält. Soweit die Maßnahmen auch in den Geschäftsbereich eines anderen Reichsministers fallen, werden sie im Einvernehmen mit diesem getroffen. 3- Die auf Grund des Abs. 1 getroffenen Maßnahmen können von bestehenden Gesetzen abweichen. £* gibt keine Rechtssicherheit auf wirtschaftlichem Gebiete mehr, weder nach innen noch nach außen! Alle handespoli- tischen Bindungen schweben in der Luft. Der Reichswirtschaftsminister ist allmächtig. Vor seiner Macht zergeht das Gesetzgebungsrecht des Diktators Hitler in nichts; denn über dessen Gesetzen steht die Gewalt des Reichswirtschaftsministers. Die Monopolkapitalisten besorgen ihre Geschäfte selbst. Die Industriepresse erwartet außerordentliche Entscheidungen. Man ahnt, was sich dahinter verbergen kann: Die Inflation! Röchling für Textilersatz In der„Deutschen Rundschau" sagt Hermann Röchling: „Die schwierige Aufgabe, uns in unserer Bekleidung weitest' gehend.vom Ausland unabhängig zu machen, ist durch die Ausnutzung unserer leistungsfähigen Kunstseidenfabrikation, aber auch durch bessere Verwertung der W o 1 I a h f ä 1 1 e für den inländischen Bedarf der Lösung näherzubringen., Autarkie audi in derlabahwlrlsdiait? Die Deutschen verrauchen im Jahr durchschnittlich 1,25 Milliarden Reichsmark. Dieser Summe stehen 68 Millionen Mark für Einfuhr von Rohstoffen gegenüber. Zu diesen Zahlen bemerkt ein gleichgeschaltetes Blatt:„An der Aufrechterhaltung eines geregelten Tabakbandeis ist nicht nur der deutsche Verbraucher interessiert, sondern noch viel mehr der ausländische Rohtabaklieferant. Denn schließlich gehört Deutschland zu den wichtigsten Abnehmern von Tabak. Auch hier wird man auf die Dauer dem neuen Grundsatz jeder handelspolitischen Verständigung nicht aus dem Wege gehen können, daß derjenige Lieferant Aussicht auf Absatz hat, der sich dazu versteht, im entsprechenden Umfange deutsche Fertigerzeugnisse abzunehmen. Dieses Prinzip wird für die Tabak Wirtschaft von größter Bedeutung sein.'* Es ist also sehr leicht möglich, daß es in Deutschland auch Tabakkarten geben wird. Flachsautarkie Durch die Steigerung der Anbaufläche für Flachs ist es gelungen, die Flachsproduktion um 100 Prozent zu steigern. So lautet eine Triumphmeldung deutscher Stellen. Durch Meldungen dieser Art soll in den Deutschen die Meinung erweckt werden, man mache das Reich vom Ausland wirtschaftlich unabhängig und habe also das gesteckte Ziel der Autarkie erreicht. Der Schwindel der deutschen Stellen und die Trostlosigkeit der deutschen Wirtschaftslage aber erkennt man erst, wenn man die Triumphmeldung prüft. In Wirklichkeit gibt es vorläufig nur schätzungsweise Zahlen für Preußen über dei Flachsanbaufläche. Selbst wenn man die Schätzungen als richtig annimmt und die preußischen für das ganze Reich als richtig annimmt, dann kann Deutschland bei hundertprozentiger Steigerung seiner Produktion heuer eine Flachsernte von maximal 8000 Tonnen haben. Diesen achttausend Tonnen steht ein Bedarf von mindestens 35 000 Tonnen gegenüber. Die deutsche Eigenversorgung hat bisher rund 8 bis 10 Prozent des Eigenbedarfs zu decken vermocht und würde nach der Triumphmeldung heuer maximal 22 bis 25 Prozent zu decken imstande sein. Da der Bedarf im Inland nicht gedeckt werden kann, wird man sich mit Ersatzstoffen begnügen müssen.— So sehen deutsche Triumphmeldungen bei näherer Prüfung aus. Der Lebensmiffeldihfator Die Vollmachten für Darre Das Getreidegrundgesetz, das am 1. Juli in Kraft getreten ist, gibt in Darres Hände Vollmachten, wie man sie in Deutschland vordem nur im Kriege kannte. Von nun ab hat der freie Markt für den Bauern zu bestehen aufgehört; er hat seine Waren in„geregelten Zeitabschnitten und bestimmten Mengen" auf den Markt zu bringen. Den Preis bestimmt Darre. Falls die Bauern zu wenig Getreide bringen, ermöglicht das Gesetz Requisitionen nicht nur bei ihnen, sondern auch bei Händlern und Müllern. Damit hofft man der„Verknappung" zu begegnen. Weiters hat Darre die Möglichkeit, Verordnungen über die„Beschaffenheit der Bäcker- und Konditoreibackwaren" zu erlassen. In Kommentaren zu dem Gesetz, das die Kriegsernükrungswirtschaft für das Reich einführt, wird darauf hingewiesen, daß eine Getreideeinfuhr unmöglich ist und daß die Regierung alles tun werde, um sie zu verhindern. Darre verfügt über die Höhe der Zölle und erteilt die Ein- und Ausfuhrerlaubnis für Lebensmittel. Der Kriegswirtschaft zu! Der Reichsnährstand macht darauf aufmerksam, daß sich bis zum 15. August alle Betriebe des Landhandels und der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse bei den Dienststellen des Reichsnährstandes melden müssen. Hiervon sind ausgenommen: Mitglieder des deutschen Landhandelsbundes, der Wirtschaftlichen Vereinigung der Roggen- und Weizenmühlen, de« Reidwv.erbandeg deutscher Obst-, Gemüse- und Uns ließt folgendes Dokument im Original cor;< Meyer Kauffmann Textilwerke A.-G. Wüstegiersdorf, den 30. 6. 1934. L/H. An alle Herren Vertreter! RS. 216. Streng vertraulich! Nur zu Ihrer persönlichen Information! Die Situation in der Robstoffbeschaffung hat inzwischen eine solche Verschärfung erfahren, daß wir nicht mehr in der Lage sind, Aufträge für spätere Liefertermine entgegenzunehmen. Sie wissen, daß wir dies bisher noch unter gewissen Bedingungen und Vorbehalten getan haben, dies ist geschehen, um die Verbindung mit den Abnehmern nicht zu brechen und unsere Geschäftsfreunde nach Möglichkeit zufriedenzustellen. Wie eingangs gesagt, hat die Situation aber inzwischen eine solche Zuspitzung erfahren, daß wir es als ordentliche Kaufleute nicht mehr verantworten können, Aufträge— auch wenn wir durch alle möglichen Vorbehalte geschützt sind—, entgegenzunehmen, wenn wir nicht in hohem Maße der Ueberzeugung sind, diese Aufträge auch erfüllen zu können. Darum müssen wir den Verkauf beschränken, und zwar auf solche Waren, die am Lager oder bereits in der Fabrikation sind und deren Lieferung uns unbedingt gesichert erscheint. Aufstellungen über solche^ aren gehen Ihnen in der nächsten Zeit zu. Vom Verkauf ausgeschlossen sind also alle Aufträge für spätere Liefertermine, auch sofern sie eingestellt sind. Sofern einzelne Abnehmer gern kaufen möchten, oder Sie um Entgegennahme von Aufträgen drängen sollten, stellen wir anheim, uns solche Auftragsvorschläge zu überschreiben, wir werden sie gern behandeln und prüfen, ob sich eine Möglichkeit in nächster Zeit für die Uebernahme der Aufträge ergibt. Wir machen ausdrücklich darauf aufmerksam, daß die Entgegennahme solcher Auftragsvorschläge für uns in jeder Beziehung rechtlich und moralisch unverbindlich sein muß. Mit beängstigender Schnelligkeit mehren sich die Anzeichen der über Deutschland hereinbrechenden Hungersnot. Wir nennen ein paar der augenfälligsten Erscheinungen: Wochenlang waren die Großstädte und das rheinisch-westfälische Industriegebiet ohne Kartoffeln. Auf dem Lande herrscht wegen Futtermangels ein drückendes Ueberangebot an zum Verkauf gestelltem Vieh. Massenhaft werden Ferkel abgeschlachtet, weil ihre Mast bei den steigenden Futterpreisen unrentabel, wenn nicht wegen völliger Futterknappheit gar aussichtslos wird. Nach Meldungen ernsthafter Quellen(Reuterbüro) bereitet die Reichsregierung die Einführung von Brotkarten und Kartoffelkarten vor, also eine Rationierung wie in den Kriegsjahren. Wir stehen hier vor den unmittelbaren Folgen des Autarkiewahnsinns und der Devisenvergeudung, die— worauf schon hingewiesen wurde— sich in keiner Weise von den Folgen der Hungerblockade des Weltkrieges unterscheiden, nur daß es sich diesmal um die Selbstblockade eines von tollhüuslerischen Desperados geleiteten Landes handelt. Natürlich werden diese Regierenden mit heuchlerischem Augenaufschlag die große Trockenheit für das Unglück verantwortlich machen. Aber wir schreiben schließlich 1934 und nicht 934! Vor einem Jahrtausend war allerdings ein von Mißernte befallenes Land automatisch zum Hungern verurteilt. Aber bei dem heutigen hochentwickelten Verkehr der Neuzeit ist es technisch eine Kleinigkeit, die fehlenden Nahrungsmengen aus anderen, begünstigteren Ländern herbeizuschaffen. Und auch wirtschaftlich hat sich das in den vergangenen letzten drei Menschenaltern immer als durchführbar erwiesen, so daß von direkter Hungersnot in Deutschland— mit Ausnahme der Kriegszeit, in der Deutschland abgeschnitten war, seit fast einem Jahrhundert nicht mehr die Rede sein konnte. Erst durch die Beseitigung der liberalistischen und marxistischen„Mißwirtschaft" haben die Nazi das Kunststück zu- Lebensmittelhändler, des Reichsverbandes deutscher Süßwarengroßhändler und die in die Handwerkerrolle eingetragenen Bäcker, Schlächter, Müller und Konditoren. Auch Betriebe, deren Zugehörigkeit zum Reichsnährstand noch zweifelhaft ist, hah$u sich«tuf jeden Fall gu melden. Wir bitten Sie nochmals ausdrücklich, diese Zeilen streng vertraulich als zu Ihrer persönlichen I n f o r« m a t i o n bestimmt zu behandeln, es ist selbstverständlich, daß Sie Ihre Verkaufstätigkeit entsprechend einzurichten haben. Mit deutschem Gruß! Meyer Kauffmann Textilwerke A.-G. Im Juni ist die Rohstoffeinfuhr um rund 14 Millionen Mark gesunken, wobei Rückgänge von 10 bis 40 Prozent bei Wolle, Baumwolle. Häute und Kupfer zu verzeich- nen find. Die heutige rigorose Devisenbewirtschaftung wird sich in einiger Zeit ganz verheerend auf die Einfuhr auswirken müssen. Die Drosselung der Wolleinfuhr hat bereits ihren Einfluß auf die Beschäftigung der Woll- spinnereien ausgeübt. Jetzt schon ist bei verschiedenen Spinnereien die Kurzarbeit wegen Rohstoffmangels ein« geführt worden. Auch im letzten Bericht des Baumwoll- webeverbandes heißt es, daß die von der Devifenzutei« lung abhängige Rohstoffversorgung ihren Einfluß auszu, üben beginne, d. h. daß demnächst auch in der Baumwoll« spinnerei Betriebseinschränkungen zu erwarten seien. So wird das wirtschaftliche Leben im„dritten Reich" durch die völlig oerfehlte Wirtschaftspolitik des Regimes' systematisch, aber sicher erschüttert. Die Verschärfung der politischen Lage im„dritten Reich" ist im Grunde genom- men nur eine Widerspiegelung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Einen Beweis für die Richtigkeit unserer Darstellung liefert das nebenstehende Dokument. Das Original- schreiben ist in unseren Händen. Jedem Eingeweihten sind diese Tatsachen bekannt. Rur dem deutschen Volke und den Saareinwohnern wird diese Wahrheit syslema- tisch vorenthalten. weg» gebracht, mitten im Frieden eine k ü n s t< liehe Hungersnot zu erzeugen. Nachdem sie den Goldschatz, den die Regierungen der Nachkriegszeit angehäuft hatten— zu Hermann Müllers Zeiten betrug er noch drei Milliarden RM.—^für ihre Rüstungs- und Reklame« politik restlos vergeudet haben, stehen sie vor der nackteü Unmöglichkeit, die für die Volksernährung dringend« Einfuhr an Lebensmitteln zu finanzieren. Was nutzt es z. B., daß die Einfuhrkontingente für Früh« kartoffeln vergrößert worden sind, wenn den Importeuren zur Bezahlung der zugelassenen Mehreinfuhr keine Devisen zur Verfügung gestellt werden? Für die hungernde Bevölkerung bleibt es ein und dasselbe, ob die Kartoffeln wegen mangelnder Erlaubnis oder wegen Mangels an Be- zahlungsmitteln nicht hereinkommen. In Berlin ist es, wie der Korrespondent von„Het Volk 4* an sein Blatt in Amsterdam meldet, bereits zu Tumulten der empörten Käufer gekommen. Das im Erntemonat Juli. Es ist aber beinahe sicher, daß die Not nicht ab-, sondern zunehmen wird. Die Ernteaussichten sowohl für Futtergetreide wie für Heu wie für Kartoffeln sind miserabel und jeder Tag der Trockenheit verschlechtert sie noch. Um dem drückendsten Mangel abzuhelfen, müßte die Regierung wahrscheinlich für eine halbe bis ganze Milliarde Reichsmark Lebens- und Futtermittel über die normale Einfuhr hinaus einkaufen. Sie verfügt aber nicht einmal über Devisen für.die Einfuhr eines normalen Erntejahres! So werden sich denn mit ziemlicher Sicherheit in Deutschland die aus dem Kriege her bekannten Erscheinungen in diesem Winter von neuem zeigen, nachdem sie dank de« marxistischen„Mißwirtschaft" für immer beseitigt schienen* das Schlangestehen, das Hamstern, die Verkäufe„hintenrum", die Rucksackfahrten aufs Land. Die„herrlichen Zeiten'* Adolf Hitlers werden denen Wilhelms immer ähnlicher. Nur: Wilhelm hat fast dreißig Jahre" gebraucht, um das Volk in den Abgrund zu bringen. Für Hitler genügt wenig mehr als e i n e s! Julius Civilis, Von der siegreichen Arbeitsschlacht h. b.„Wer besitzt 5—600 Mark? Der findet reelle Arbeit, Angeb. V. 1819 Kiel. N. N." Dieses Inserat haben wir den„Kieler Neuesten Nachrichten vom 8. Juli entnommen, Deutsche Selbstblockade Berlins City verödet Der Besitzer eines bekannten Berliner Citylokals hat in einem Berliner Blatt ein Bild des absterbenden und von brauner Mißwirtschaft erdrosselten Berliner Zentrums gezeichnet, wie es grauer und deprimierender auch der beflissenste Miesmacher nicht fabrizieren könnte. „Die Betriebe", so sagt dieser verzweifelte Fachmann, ..drohen zu sterben. In leeren, unvermietbaren Räumen rufen die bekannten Schilder um Hilfe. Und in notvermieteten Läden bieten Würfelbuden und Schnellfotos, amerikanische Billards und„deutsche Roulettes", Mumelspielapparate und Kartoffelpufferküchen das Bild einer dürftigen Kirmes.„Eine so entstellte Gegend", ruft resignierend der Kenner aus, „mag nicht die nötige Zahl von Fremden anzulocken..." So sieht es, nach dem Urteil eines loyalen Bürgers des „dritten Reichs" in der Berliner City nach 17 Monaten nationalsozialistischen„Wirtschaftsaufschwungs" aus! Was dieser Mann zur Rettung der sterbenden City der Reichshauptstadt empfiehlt, ist nun typisch hitler„soziali- stisches" Rezept! Aufhebung des Siebenuhrladenschlusses, Wiederkehr der paradiesischen Zeiten also, da der Unternehmer seine rechtlosen Kulis im Stehkragen bis In die späten Nachtstunden schikanieren konnte. Während der bürgerliche Wirtschaftsfachmann sein Lied des Unterganges und des Zusammenbruchs anstimmt, projektieren die bankrotten Hochstapler lustig weiter. Die 'Essener nationalistische Zeitung läßt sich aus Berlin einen ganzen Blütenkranz knalliger„Pläne" servieren. Da spricht man geschwollen von der„Umformung" der deutschen Großstädte und stellt fest, daß die Reichshauptstadt zu einer„würdigen Repräsentantin des„dritten Reiches" ausgestaltet werden müsse. Da ist, im stürmischen Fantasieantrieb der Julihitze, von Sanierungsfeldzügen, von der „Schaffung weiter Blickfelder", von einer„durchgreifenden Belebung der Asphaltwüste" und ähnlichen Dingen die Rede. Inzwischen verfällt die Stadt, stirbt der Handel, verödet die City, wird die soziale Lage der breiten Masse von Woche zu Woche trostloser. Projektiert und schwadroniert wird.jedoch im alten Propaganda-ministeriellen Tempo, wenn auch den Preisfechtern von Schall und Rauch das Wasser bereits an der Kehle steht! Q Z »Deutsche Freiheit" 9lt. 165 Das bunte Blatt Freitag. 20. Juli 1984 Das Aonnmbaö steine Wohltaten und seine Gefahren To« F l o r e n c e Die eleganten Damen, die sich vor zwanzig Jahren zum «ommeraufenthalt ans Meer oder ins Gebirge begaben, Ersuchten mit allen erdenklichen Mitteln ein Braunwerden «er Haut zu verhüten. Den Kopf mit roten und grünen Schleiern verhüllt, vermieden sie sorgfältigst alle Angriffe t-er Sonnenstrahlen und wagten sich nur unter dem Schutze eines Sonnenschirms ins helle Licht. Die Badeanzüge be- deckten den ganzen Körper und der Strand in den Mode- badern war dicht mit Zelten und Strandkörben bedeckt, in denen man sich verstecken konnte. Heute hat sich alles geändert. Man hat nicht nur die Furcht vor den Sonnenstrahlen verloren, man sucht vielmehr unter Aufbietung aller Energie die wundervolle braune Hautfarbe ä» erwerben, die zum Zeichen wahrer Eleganz geworden ist. Man geht fast nackt zum Sonnenbad und das sachkundige Publikum kennt alle bräunenden Oele in ihren verschiedenen Donwirkungen... Ist nicht die Sonne das Allheilmittel, das alle und alles «eilt? Blutarme, Rheumatiker, Tuberkulose, junge und alte Menschen— alles setzt sich der Sonne aus, alle verlangen Heilung von ihren körperlichen Gebrechen, was es auch wmer fei.< In der Tat besitzt die Sonne gewisse physiologische Eigen- 'chaften, über deren Wert nicht zu streiten ist. Tie Hclio- tqerapie ist eine der glücklichsten Heilmethoden der modernen " hysiotherapie. Man braucht nur an die vielen Vorteile zu erinnern, die eine ganze Reihe von Kranken aus der Son- «cnbestrahlung zieht. Zuerst die Tuberkulosen. Man kennt Oft ist das Leben... die Bedeutung der Sonnenkuren in den Sanatorien und ihre großartige Wirkung,- für verschiedene Fälle der Lungen- tuberkulöse, der chirurgischen Tuberkulose, der offenenen oder geschlossenen, bedeutet die Sonnenbestrahlung eine unschätz- bare Wohltat. Dasselbe gilt für gewisse hartnäckige Rheuma- tismen u. a. m. Kurz, viele Leiben können durch eine ver- nünftig geregelte Sonnenkur geheilt oder doch beträchtlich gemildert werben.— Aber es wäre ein großer Irrtum zu glauben, daß man die Sonnenbestrahlung jederzeit und zur Heilung aller Krankheiten benutzen könne. DaS Sonnenlicht ist ein Medikament: als solches hat es seine bestimmten physiologischen Wirkungen, chronische Brandwunden und übermäßige Pigmentierung können sogar der Ausgangspunkt für eine Krebskrankheit bilden, und unter Umständen können die Reaktionen einer unsachgemäßen Sonnenkur tödlich sein. Tiere, die gewöhnlich im Dunklen leben, sterben, wenn man sie lange in die Sonne setzt.— Eine Sonnenkur, über deren medizinischen Wert nur ein Arzt entscheiden kann, soll nur mit bedecktem Kopf und mit bunten Gläsern vor den Augen durchgeführt werden.„Die Sonne soll den Pa- tienten sehen, aber der Patient soll die Sonne nicht sehen." Bevor man sich, gesund oder krank, einer längeren Son- nenbestrahlung aussetzt, sollte man sich von der Empfindlich- kett der eigenen Haut und des Nervensystems vergewissern und die ersten Male nur kurze Zeit in der Sonne bleiben. Nur wer mit Vorsicht und Ucberlegung handelt, darf, ohne unangenehme Ueberraschungen zu erlben, die gewünschten Ergebnisse erwarten. Auch hier bewahrheitet sich der alte Satz:„Das Gute liegt in der Mitte." Das Uoffergeheimnis von Vrighton gelöst London, im Juli 1934. \»^ an sprach von einem vollkommenen Verbrechen. Man ^atte schon alle Hoffnung aufgegeben, jemals den Kopf und tte Arme jener jungen Frau aufzufinden, deren restlichen Leichenteile vor ungefähr einem Monat in einem Koffer am Bahnhof von Brighton aufgefunden wurden. Weder kannte »tan das Opfer, noch den Mörder... Jetzt plötzlich ist alles Nar. Man hat nicht nur in einem dritten Koffer den ge- suchten Kopf und die Arme des Opfers, sondern noch die Deiche einer anderen Frau, einer seit zwei Monaten ver- schwundenen Tänzerin, aufgefunden: eS handelt sich um Violet Kaye, mit wahrem Namen Violct Saundcrs. Aber geht noch weiter, man kennt auch den Mörder: es ist ein italienischer Cafshauskellner, bekannt unter dem Namen ^oni Mancini, der Geliebte von Violet Kaye. Wie ist Scotland Aard dahinter gekommen? Wie immer bei so verwickelten Fällen. Durch einen Zufall. Da man die Identität des Opfers nicht hat feststellen können, beschäftigte wan sich mit allen jungen Mädchen, die als vermißt gemeldet toaren, und so fiel die Aufmerksamkeit der Behörden auch auf Violet Kaye, die in Brighton gewohnt hat. Tie Tänzerin sollte nach Frankreich gegangen sein, ein Indiz, das noch durch die Aussagen ihres Freundes Mancini verstärkt wurde. Also wurde der Fall wieder fallen gelassen, besonders da das Opfer höchstens 2? Jahre alt gewesen sein konnte, Violet ttaye aber schon 42 Jahre alt war. Jetzt bemerkte ein Maler, der das Haus einer Familien- Pension in Brighton anzustreichen hatte, einen besonders wissen sn'e schon... ... wofür man die Kartoffel bei ihrer Einführung in Europa hielt? Man hielt sie für eine Zierpflanze und zog sie in Blumentöpfen. ... was Papierweizen ist? Nicht wirklicher Wetzen, son- der» an der Börse gebändelter. ... was Ambra ist? Ambra ist eine Ausscheidung der Eingeweide des Pottwals,- eö wird zur Parfümierung ver» wendet. ... warum eine Kaulquappe unter Wasser leben kann und ein Frosch nicht? Die Kaulquappe hat noch Kiemen, der Frosch nicht. n,,> ' 4 jJ X A' nicht, starken Geruch. Man'öffnete ein Zimmer, das von Ton! Manzini bewohnt war, der aber nur sehr selten borthin kam, und fand dort den dritten Koffer. Es steht außer Frage, daß Manzini der Mörder beider Frauen ist, ober wo ist er? Am 18. Juli war er noch in einem Cafe in Brtgton tätig. Seit- dem ist er verschwunden. Man glaubt, daß er nach Frankreich geflohen ist. Ein großes Geheimnis ist gelöst. ES wird wohl jetzt nicht schwer fallen, die Identität des ersten Opfers festzustellen. Der Mörder, der es bis jetzt verstanden hat, unbemerkt zu bleiben, obgleich sein Verbrechen in aller Munde war und der noch ungefähr einen Monat lang sich offen zu zeigen gewagt hat, wird sich wohl nicht mehr lange vor den Detck- tiven verbergen könnem>> V v Von Hermann Hesse Oft ist daS Leben lauter Licht Und funkelt freudefarben Und lacht und fragt nach denen Die litten, die verdarben. Doch immer ist mein Herz bei denen, Die Leid verhehlen Und sich am Abend, voller. Sehne«, Zu weinen, in die Kammer stehlen. So viele Menschen weiß ich. Die irren, leidbeklommen./ All ihre Seelen heiß' ich Mir Brüder und willkommen. Gebückt auf nasse Hände, Weiß ich sie abends weinen, Sie sehen dunkle Wände Und keine Lichter scheinen. Doch tragen sie verborgen, Verirrt, und wissen'S nicht, Durch Finsternis und Sorgen Der Liebe süßes Licht. Eine Dschungel-Geschichte Baby von Löwin verschleppt Ein fürchterlicher Vorfall hat sich dieser Tage in Rhodos er- eignet. Wie durch ein Wunder ist er noch einmal glimpflich abgelaufen. Ein Kolonist namens Dechampcl kampierte mit Frau und Kind im Urwald. Sie hatten ihr Zelt für die Nacht in der Nähe des Flusses Kafne aufgeschlagen und waren friedlich eingeschlafen, als eine Löwin eindrang und sich des Kindes bemächtigte. Dechampcl wachte gerade in dem Augenblick auf, als das Raubtier mit seiner Beute durch die Zcltöffnung verschwand. Er schlug sofort Alarm und die Ein- geborenen stießen grauenerregende Schreie ans, um die Löwin zu erschrecken. Diese aber verschwand im Walde, daS Mädchen mit ihrem Gebiß festhaltend. Der verzweifelte Bater machte sich zusammen mit den Negern sofort auf die Verfolgung des Tieres und überraschte schließlich die Löwin in einer kleinen Lichtung. Das Kind lag neben ihr und schrie. Der Kolonist zögerte keinen Augenblick. Er befand sich in der Lage Wilhelm TellS, aber er war wie dieser ein ausgezcich- neter Schütze und traf die Löwin tödlich. Dann warf er sich auf sein Töchterchcn, das trotz»es Schreckens heil und gesund geblieben war._. Flugzeuge ohne Piloten Auf dem Flugplatz von Croydon werden zur Zeit interessante Versuche mit automatischen Apparaten vorgenommen, die in die Flugzeuge einmontiert, die Start- und Lande- manöver ohne Hilfe des Piloten vornehmen. Gerade jetzt in den stürmischen Tagen konnte der Konstrukteur I. Pollock Brown beweisen, daß seine Erfindung auch bei starken Wind- strömungen sicher arbeitet. .»*.».». Unsere Töchter, die Kapnen ^ Roman von Hermynta Zur Mühlen«^ 27 „Selbstverständlich." v... „Dann wirst du mir gehorchen." Lieselotte blickte ihren Vater lange an. Sie schwieg. „Habe ich mich je geirrt?" fragte Arthur.„Habe ich mich l>« fortreißen lassen und eine Dummheit gemacht?" „Nein." Lieselotte versuchte, spöttisch zu lächeln, aber ich merkte, ®aß eS ihr schwer fiel. »Ich bin seit Monaten in der Nationalsozialistischen Par- 'ei," erklärte Arthur.„Aber als Zlrzt, ich habe es dem Gauleiter klar gemacht, daß ich mich nicht öffentlich zu ihr ^kennen könne. Jetzt jedoch.... Jetzt ist alles anders. Und bu wirst gehorchen, Lieselotte." Sie zuckte mit den Achseln. „Meinetwegen." Dann fügte sie gemein hinzu:„Solange 'ch nicht mit den Proleten schlafen muß." Arthur lachte. Ich weiß nicht weöhalb, aber eö läuft mir kalt über den Rücken, wenn ich Arthur lachen höre. „Das ist nicht notwendig." meinte er.„ES könnte zwar sucht schaden, aber wenn du dich auf die Vornehmeren ver- ucisst ES wird sich schon ein SS.-Mann finden. Du bist ja immer noch ein hübsches Mädchen." Und nun lachte auch Lieselotte, wie ein Echo ihres Vaters. Ich natürlich war völlig vergessen. Keiner der beiden bachte an mich. Und dabei haben sie mir doch so viel zu "erdanken. „Und ich?" fragte ich heftig. Arthur sah mich an, als merke er erst jetzt, daß ich im Limmer sei. „Du? Du bleibst einstweilen ruhig in deinem Luisen- bund. Aber lege dich nicht fest, verstehst du? ES kann auch Uvch anders kommen." . Ich empfand eine große Beruhigung. Arthur ist noch Unmer der Alte,' er weiß, was er tut. Er hat alles berechnet, ^es in Betracht gezogen. Endlich, endlich werden meine Dünsche in Erfüllung gehen. Endlich wird Gott, dem ich ^vmer so treu gedient habe, mich belohnen. „DaS HauS," stammelte ich.., i„. i. „Ja, jetzt bekommst du dein Haus," erwiderte Arthur und fügte hinzu:„Wie würde dir Doktor Bärs Haus gefallen?" Mein Herz pochte heftig,- noch nie hatte ich mich so durch und durch deutsch gefühlt. Ja, so war es recht: der Jude macht dem Deutschen Platz, den er so lange verdrängt hat, wo früher die Jüdin herrschte, zieht nun die deutsche Frau ein. Fast empfand ich ein Gefühl der Liebe für meinen Mann. Er ist ja doch ein guter, kluger Mensch. Klüger alS ich. Jetzt soll die Frau Major noch wagen, den Doktor Bär rufen zu lassen! Jetzt soll die Gräsin Agnes noch wagen, auf der Straße mit einem kurzen Gruß an mir vorüber- zugehen! Jetzt, ich sah Arthur an, jetzt sind wir die Herren. Und wehe denen, die sich uns widersetzen! Bon der Straße her tönte Gesang, tönten Jubelrufe. Arthur ging ans Fenster und öffnete eS weit, so daß die kühle Märzluft ins Zimmer drang. Aber er, der sonst so leicht fror, schien das gar nicht zu bemerken. Er packte Liese- lottes Arm und die beiden standen, von der Deckenlampe erhellt, im dunklen Fensterrahmen. Unten machten die Vorbeimarschierenden Halt und schrien herauf:.. «Siegheill Deutschland erwache!" Und Arthur und Lieselotte hoben beide die Hand und grüßten hinunter:....^ „Heil Hitler!" i wich Es waren so viele, die da vorbeimarschierten, eS waren so viele Stimmen, die zu uns heraufriefen. Mein deutsches Herz erbebte,' auch ich mußte dabei sein, ich durste mich nicht abschließen. Ich mußte den Sieg mitfeiern. Und so trat ich denn neben meinen Mann und meine Tochter und hob gleich ihnen die Rechte zum Gruß und rief mit ihnen unserem großen Führer ein Heil zu. ?lls wir schlafen gingen, legte Arthur sich, ermüdet, gleich inS Bett. Ich aber blieb im Lehnstuhl sitzen und vergrub den Kopf in die Hände. Mein Herz war so voller Freude: ich mußte meinem Gott für seine Gnade danken. Arthur fragte ungeduldig:' „Was hast du denn? Verlösch das Licht und komm inS Bett." „Ich&ete£ Arthup.' Er zuckte die Achseln, und ich sah im Schein der Nacht- lampe sein graues, höhnisch lächelndes Gesicht. „Ueberlasse das den andern," sagte er spöttisch.„Die werden eö nötig haben." Damit verlöschte er daS Licht, und ich mußte im Dunkel ins Bett tappen. Frau Doktor Feldhüter erzählt laut Mein lieber Mann, mein guter kluger Arthur, wie recht hat er doch mit seinem„Abwarten" gehabt. Nur wer sich in Demut und Geduld in Gottes Ratschlüsse fügt, wirb belohnt, schon hier auf Erden. Ich habe ja nie etwas vom Leven ver- langt; mir hat es immer genügt, einen braven Mann und eine gehorsame Tochter zu haben, mein bescheidenes Heim, das ich mit so viel Liebe und Freude besorgt habe. Ich war nie wie andere, die große Ansprüche ans Leben stellen, und eben deshalb darf ich mich jetzt, da alles so herrlich ge- kommen ist, mit gutem Gewissen freuen. ES ist eine Lust zu leben, ein Glück, daß unS allen vergönnt wurde, das Werden des neuen Deutschland zu schauen, das Erwachen einer Nation. Wie schön war heute der Gottesdienst! Ich traf die Frau Major vor der Kirche, und sie hat mich, zum erstenmal seit unserer Bekanntschaft, schon von weitem gegrüßt» ohne meinen Gruß abzuwarten. Sie hat auch, daS sah ich genau, ihre Mutter, die Frau Generalin, am Aermel gezupft, sie möge ebenfalls grüßen, aber die alte Frau hat In die Luft gestarrt und sich nicht gerührt. Es ist doch traurig, wenn ein alter Mensch plötzlich schwachsinnig zu werden beginnt. Mein lieber Mann und meine gute Lieselotte waren mit mir in die Kirche gekommen, und der Pastor predigte so schön und erhebend, über die Mission der deutschen Christen. Ich mußte mir mehr als einmal die Augen wischen, so rührend waren seine Worte. Er sprach auch von der Sendung der deutschen Frau und Mutter, die allen als leuchtendes Betspiel voran- gehen muß, und ich fand mich wieder in seiner beredten Schilderung dieser hebren Gestalt. Die schmucken Uniformen der SA. und SS. verliehen allem eine wundervolle Feier- lichkeit. Ich fühlte aufrichtige Liebe für diese tapferen Burschen, die jahrelang verfolgt und von den Feinden meuchlings überfallen und ermordet worden sind, und die nun endlich als Sieger vor uns stehen. Ich mußte auch an den Tamötaa vor einer WoHe denken, an den Judenboykott." ^Fortsetzung folgt.) Berlins Verwirrung um den Osipakt Man nimmt die Ablehnung als wahrsdieinllch Palästinas jüdistiie Einwanderung ^. Paris. 19. Juli. Tas große Frage- und Antwortspiel, wie stellt sich Deutsch- land zum Ostpakt, wird in der französischen Presse weiter fortgeietzt. ohne daß es möglich ist, dabei Teutschlands end- gültige Entscheidung vorausjagen zu können. Ter Berliner Berichterstatter des„Journal", Georges Blun, will eine Unterredung mit einer deutschen politischen Persönlichkeit gehabt haben, die über die Auffassung der Wilhelmstraße ausgezeichnet orientiert sein soll. Diese Per- sönlichkeit erkläre, daß die Rcichsregierung aus mancherlei Erwägungen es ablehnen werde, dem Ostpakt beizutre- ten. Sie werfe den Bätern dieses Paktes vor, dast sie sich selbst nicht über die Tragiveite eines solchen Ostabkommcns einig seien, zumal über den genauen Zeitpunkt, zu dem die Gleichberechtigung Deutschlands auf dem*Rüstungsgebiele praktisch verwirklicht werden soll. Außerdem könne ein Ost- locarno von Teutschland nicht unterschrieben werden, weil es auf Grund des Vertrages im Ernstfälle unter allen Um- ständen zum Kriegsschauplatz würde. Man glaube, daß es bald gelingen werde, London und Rom von Paris zu tren- nen und dadurch auf einer neuen Grundlage eine Diskussion über das ganze Problem zu ermöglichen. Der„Matin" läßt sich von seinem Sonderberichterstatter aus Berlin melden, daß man dort immer mehr sich dem neuen locarno feindlich zeige. Man riskiere nichts, wenn man die sichere Ablehnung der Reichsregierung prophezeie. Man rechne aus die Unterstützung Polens und hoffe, daß auch die englische öffentliche Meinung allmählich sich dem Ostpakt feindlich zeige. Teutschlands Bemühungen, gewisse Gegensätze zwischen der französischen und englischen Auffassung zu konstruieren, wie weit vor oder nach Deutschlands Unterschrist unter den neuen Loearnovcrtrag eine Diskussion über seine Rüstungsgleich- heit möglich sei, werden im„Petit Parisien" zurück- gewiesen. Das Blatt beruft sich dabei auf die Ausführungen, die der Berliner britische Botschafter dem Außenminister von Neurath gemacht hat und in denen nur die Rede davon war, daß nach der deutschen Unterschrift man mög- licherwcise einen günstigeren Boden hätte zur Verhandlung über die deutsche Gleichberechtigung. „Petit Parisien" vertritt die Auffassung, daß Deutschland nicht gut abschneiden wird bei seinem Versuch,„die Ber- schiedenheit in dem englischen und französischen Standpunkt zu klären". Auch der Berliner Korrespondent des„P a r i s-- M i d i" hält Deutschlands Ablehnung für sicher. Er meint, niemals sei die deutsche auswärtige Politik in einem Zustande grö- ßcrcr Verwirrung gewesen als jetzt. Drohungen und Hofs- nungen wechselten in betäubendem Rythmus mit einander ab, und nur ein Schelm könne voraussehen, was das Reich morgen tun werde. An leitender Stelle läßt sich Henry de Korab im„M a t i n" über den„Stein des Anstoßes des neuen Locarno" aus. Er sieht eine Gefahr für den Pakt, weil das Eindringen Ruß- lands das ganze Abkommen zu Fall zu bringen drohe. Ruß- land bekäme durch ein Ostlocarno das Recht, sich in die eu- ropäischen Angelegenheiten in einer Art einzumischen, die schlimme Konsequenzen haben könnte. Es habe keinen Freund oder Verbündeten: jeder Konjlikt sei ihm nichts anderes als ein Mittel, um die Revolution zu fördern und den Zusam- menbruch der Zivilisation herbeizuführen. Rußland würde nicht eine einzige Kugel opfern, um den Status quo, das heißt den Frieden in Europa zu verteidigen. Den Sowjets seien die Bestrebungen der anderen Länder gleichgültig. Sie, die heute noch hitlerfeindlich seien, würden sich sofort mit dem „drillen Reich" verbünden, wenn dort etwa die„Einheits- front" triumphieren würde. Es sei nur schwer, zu fassen, daß Frankreich sich zur Hilfe für einen solchen Partner vcrpflich- tct, daß es einer Waffenbrüderschaft mit Truppen geneigt sei, die, so wie es Vorochiloss ausgesprochen habe, immer be- reit sein sollen ihre Bajonette gegen jeden, wann und wo das auch sein maa^ rieten, als Kämpfer für die Welt- revolution. 13 V00 im ersten Halbjahr 1934 (Z.T.A.l Laut einer Aufstellung des Einwanderungsbüros der Jewish Agency kamen im ersten Halbjahr 1934 mindestens 15 000 Juden als Einwanderer nach Palästina und siedelten sich hier an. Unter diesen waren etwa 8000 Kapitalisten. die mindestens 6 Millionen Pfund Kapital ins Land brachten. Kein anderes Land in der Welt, heißt es in der Mitteilung, hat in einem so kurzen Zeitraum einen solche» Einstrom von Einwanderern und Kapital zu verzeichnen. Laut Bericht der Haifaer Polizei wurden'29 Juden aus Polen in der Stadt Tiberias wegen illegaler Einwanderung verhaftet. „Erfolge" des„driften Reiches" Wie die Auslanddeutschen sie zu spüren bekommen Französisch-polnisches Bündnis Es bleibt unberührt Warschau, 19. Juli. Welche Wendung auch immer die Frage des Ostpaktcs nch- mcn werde, meint das hiesige„ABC", eine Zeitung, die die Interessen der Opposition auf der Rechten vertritt, das französisch-polnische Bündnis diirfe davon nicht berührt werden. Es gewähre die beste Sicher- heit für die Aufrechterhaltung des europäischen Friedens. SonhUoneir gegen französische Zeitungen Der Ooebbelskrieg gegen die Wahrheit n Paris, 19. Juli. Wie der„Jntransigcant" berichtet, wurde dem ständischen Vertreter dieses Blattes in Berlin mit- geteilt, daß das Blatt selbst für drei Monate in Deutsch- land verboten sei. Weiter habe Propagandaminister Dr. Goebbels die deutsche Botschaft in Paris angewiesen, dem außenpolitiichen Chefredakteur des„Jntransigcant", Jean -iyouvenin, in Zukunft ein deutsches Visum zu verweigern. Thouvenin habe sich während der kritischen Tage nach dem 30. Juni als Sonderberichterstatter in Berlin aufgehalten und seinem Blatt u. a. berichtet, bei dem Bankett der aus- ländischen Presse in Berlin am 3. Juli hätten sehr viele der geladenen Gäste gefehlt, wobei Thouvenin durchblicken ließ, daß diese wohl Opfer des 30. Juni seien. Eine ähnliche„Sanktion" sei gegen den Redakteur Tou- pauld vom„Ercelsior" ergriffen worden. Ter ständige Ber- liner Vertreter des„Jntransigcant", Henry Adam, setzte, wie er mitteilt, sofort den französischen Botschafter in Berlin Francois-Poncet von diesen Maßnahmen in Kenntnis, der die nötigen Schritte zu ihrer Aushebung bei der Reichs- rcgierung unternehmen will. der Beschlagnahme liege in dem Artikel über die blutigen Ereignisse des 30. Juni. Dann auch in ber besonderen Ttel- lung der deutschen Regierung zum Ostpakt. Eine britische Ohrielge In Panama London, 19. Juli. Die heftigen Angriffe, die der Propa- gandaminister Goebbels in seiner letzten Rundfunkrede ge- gen die Korrespondenten der ausländischen Presse in Deutsch- land gerichtet hat, waren am Mittwoch Gegenstand einer UlflnrM Frffcffiftf Anfrage im Unterhaus. Ein Abgeordneter wollte vom lAK-RI» RNSUVIFW, Außenminister Sir John Simon wissen, welche Maßnahmen er ergreifen wolle, um diese Angriffe abzuwehren. Der Staatssekretär im Außenministerium antwortete, der Ruhm und das Prestige der englischen Presse seien so fest begründet, daß die englische Presse keinen Anlaß habe, sich mit den Angriffen, die durch den deutschen Propaganda- minister gegen die ausländische Presse gerichtet seien, zu be- schästigen. Weder die offene Agitation der Nazi bei den Ausland- deutschen noch die VdA.-Arbeit oermochte auf die Dauer die auslanddeutschen Gruppen zu gewinnen. Immer deutlicher zeigt sich, daß der Hitlerismus das Auslanddeutschtum schwerster Weise schädigt. In Rumänien geht man nun, nack- dem man lange»unter dem Einfluß der rumänischen Fa- schiften, die Nazibewegung toleriert hatte, scharf gegen die braunen Faschisten vor. Unter den verschiedenen Bersügun- gen der Regierungen gegen den braunen Faschismus habe» aber die Deutschen zum Teil überhaupt zu leiden. Während man bisher nicht versucht hat, die Deutschen Siebenbürgens zu romanisieren, hat man nun mit derartigen Versuche» begonnen. Die Rumänen drohen offen, die Deutschen so z» behandeln, wie Deutschland die Juden behandelt: dabei sind die Rumänen bekanntlich alles eher als philosemitisch. Dazu kommt, daß zahlreiche Deutsche es ablehnen, sich nun, da Deutschtum scheinbar mit Hitlerismus identisch ist, als Deutsche zu bekennen. Aus den letzten Veröffentlichungen des rumänischen sta- tistischen Amtes geht hervor, daß die Banater Schwaben>w Rückgang sind. Das Teres-Torontaler Komitat weist bereits e-ne größere Anzahl von Todesfällen als von Geburten auf- Aber nicht nur in Rumänien steht es so. Die Hauptstadt Mährens, die Stadt Brünn, wird bei der nächsten Volks- Zählung nicht mehr die 20 Prozent deutscher Bevölkerung aus- weisen, die notwendig sind, um die Stadt zweisprachig zu machen. Bei den Einschreibungen in die Schulen zeigt st« deutlich, daß immer mehr Deutsche, und darunter ein großer Prozentsatz Nichtjuden, ihre Kinder tschechisch erziehen lassen, da auch sie die Identität von Deutschtum und Nazitum als Makel empfinden. Auch die neue Sprachenstatistik, die für die neuen Rekruten im Elsaß angestellt wurde, spricht eine\ deutliche Sprache. Im Bezirk Straßburg-Land legten vo» I 855 Rekruten 789 die französische Sprachprüfung in befrie- digender Weise ab. Von diesen Rekruten hatten 055 den Wunsch außerhalb das Elsaß zu dienen, um Frankreich ken- nen zu lernen und sich in der französischen Sprache zu ver- vollkommnen. Im Jahre 1933 betrug der Prozentsatz der französisch sprechenden Rekruten 83,8 Prozent: heuer 91,8. Die Abkehr vom Deutschtum ist bei allen auslanddeutschen Gruppen jetzt stärker als unmittelbar nach der Weltkriegs- katastrophe. So weit hats die Hitrerei gebracht. Journal »» Berlin, 19. Juli. Unter den ausländischen Zeitungen, die von den Maßnahmen des Propagandaministers betroffen worden sind, befand sich auch das Pariser„Journal", eine Zeitung, die im allgemeinen bis vor dem 30. Juni noch der Hitlerregierung nicht unfreundlich gegenüberstand. Das Pro- pagandaministerinm hat bisher keine Auskunft darüber er- teilt, aus welchem Grunde die Beschlagnahme erfolgte. Aber das„Journal" selbst teilt mit, daß es vermute, der Grund 'Trockener Boykott der ausländischen Presse Berlin. 19. Juli.(Jnpreß.) Der Präsident der Reichs- pressetammer hat angeordnet, daß sämtliche Zeitungshändler sich bei der Fachschast des deutschen Zeitungshandels anzu- melden haben. Mit dieser Maßnahme wird bezweckt, die Kontrolle der Händler mit ausländischen Zeitungen zu ver- schärfen: mau beabsichtigt, aus die Händler einen Druck aus- zuüben, damit sie„freiwillig" auf. den Handel mit auslän- dischen Zeitungen verzichten. Diese Methode des indirekten Verbots ausländischer Zeitungen wird aus außenpolitischen Gründen für tragbarer als ein direktes allgemeines Verbot gehalten. i von i. I« Zerso-» Post- dnb. Panama, 19. Juli. Panama wurde am Mittwoch von einem schweren Erdbeben heimgesucht. Innerhalb der letzten 24 Stunden wurden insgesamt neun Erdstöße verspürt, von denen auch die Inseln Coiba und Bariea betroffen wurden. Der Mittelpunkt des Erdbebens ist etwa 200 Meilen von den Balboa-Bergen entfernt in der Provinz Chirigui Davis, der Hauptstadt dieser Provinz, wurden vier Perso nen schwer verletzt. Mehrere Gebäude, darunter das amt, sind dem Erdboden gleichgemacht worden. Die Fern- sprech- und Telegrasenlinien sind unterbrochen. Da die Elek- trizitätsversorgung ausgesetzt hat, liegt die Stadt in völliger Dunkelheit. Flugzeuge mit Arzneimitteln und Nahrung sin» nach Davis geflogen. In Puerto Armuelles wurde das Dock teilweise zerstört, und die Oel^und Wasserleitungen sind an mehreren Stelle» unterbrochen. Im Fort Davis sprangen zwei amerikanische Soldaten aus einem Fenster der Kaserne: einer wurde getötet, der andere erlitt schwere Verletzungen. Platitüde am heiligen Quell Sollten Sie etwa nicht im Bilde sein, wer Mathilde ist? Mathilde ist die größte Frau Deutschlands, sie ist überhaupt die deutsche Frau, so stehts im„Heiligen Quell Deutscher Kraft" geschrieben, dem Hausblatt des Hauses Ludendorff. Ja, Mathilde, das ist die Frau Doktor Ludendorff. Die Hausdichterin des Hauses erzählt von ihr. erzählt von ihr, indem sie uns das Wesen des Deutschen Weibes enthüllt, welches also aussieht: „Wenn der Deutsche Bildhauer sein Vaterland feierte, uenn er ihm Ausdruck neben wollte, wie es in seiner Seele als Höchstes sich erlebt, dann schuf er ein heldisches Weib, verkörperte es so, wie seine Ahnen in der Vorzeit es umdichtet hatten— in der Gestalt der Walküre, mit dem Schwert und mit der Brünne, mit hellen, trotzigen, ins Weite gerichteten Augen, Adel und Stolz in der Haltung— die Germania. Das Weib— die Ehre und Größe seines Volkes, das war der Gedanke, der ihm den Meißel führte.— Und dieser Gedanke wuchs aus seinem deutschen Blut, aus seiner artechten deutschen Seele." Schön ist das. Ganz die Mathilde. Aber auch die anderen echten deutschen Frauen sollen heldischer, wehrhafter werden. „Wir leben heute in einer Zeit, die das Heldentum feiert, die sich seiner Bedeutung und seines Wertes fürs Ganze bewußt ist; aber es gilt nur der Mann als sein Träger, nur von ihm wird es gefordert und ist ihm Ehre.— Das Heldentum des Weibes— meint man— liegt auf ganz anderem Gebiet. Weitab liegt solche Wertung von deutschem blutsmäßigen Denken, von dem Rasseerwachen, das sonst heute deutschen Menschen so stolz den Kopf hebt. Sie ist traurige Mißachtung höchster Eignung des deutschen Weibes und schändet ein Zeitalter, das sich des nordischen Gedankens rühmt, seine Männer, die es künden, se ine Ftauen, die es dulden, Das deutsche Seelenerbgut des Künstlers war es, das die deutsche Frau als Heldin erlebte, das ihm sagte, daß zu ihr die Waffe gehört. Die Waffe, nicht um in den Krieg zu ziehen und ihre Kraft im Felde mit dem Feinde zu messen, aber um ihre Ehre zu schüren, um das Heim und die Brust zu verteidigen, wenn je ein Frevler sie bedrohte. Mehr noch als der Mann— das wußten die Ahnen— bedurfte der Waffe das Weib, einer Waffe, die seiner Kraft, sie zu führen entsprach.— Schon früh wurde darum auch das deutsche Mädchen mit ihr vertraut. Die Gattin empfing sie als Hochzeitsgabe, sie. schmückte den Platj der Hausfrau und Mutter im Heim, ja sie nahm sie mit in das Grab, so untrennbar waren sie beide. Waffe und Weib gehören zusammen. Das wußten die Ahnen. Ein„schivaches Geschlecht", Deutschlands Mütter, das war ihnen undenkbar. Wie sollten sie da wohl Helden gebären? Ja, wie denn auch? Ohne mit Waffen entsprechend ausgerüstet zu sein. Allerdings kann hier einem profanen Gehirn der Gedanke entsteigen: Mußten denn die alten Germanen mit der Waffe zu ihren männlichen Pflichten gezwungen werden? Wie es auch sei, wer konnte ein Interesse daran haben, daß die deutsche Frau keine Helden mehr gebäre? Sicherlich doch Juda und das immer mit ihm unter einer Decke stechende Rom. Das ist doch klar, wie die schönen Augen Mathildes. Und so wurde der teufliche Plan ersonnen: Die deutsche(nein, Entschuldigung!) die Deutsche Frau zu entwaffnen! Schrecklich wütete der Fremdgeist aus Rom über Germanien! Unzählige nordische Mädchen und Frauen wurden gefoltert, verstümmelt, zu Tode geschunden, weil sie die Waffen, die sie doch teils zur Ausschmückung ihres Heimes, teils zum Helden-Gebären so notwendig brauchten, nicht hergeben wollten. Aber es gelang Rom nicht, das Deutsche Weib unterzukriegen. JJnd als man ein J ahrtau send spätei audi den deutschen, Mann der Waffe beraubte, um auch ihn zu entehren und ihn zu knechten, und so furchtbare Todesgefahr über das Volk kam, wie es sie noch niemals erlebte, da erwachte mit Ut' gewalt die Deutsche Volksmutterseele, erwachte sie in einer Frau, die schon vordem ihr Sinnen und Sorgen nicht nu f den eigenen Kindern schenkte, die als Erzieherin und Aerzti" Hilfe dem Volk gewesen. Zur Erkenntnis wurde Mathilde Ludendorff, was die Ahnen in Artreinheit gefühlt hatten- Was der Künstler blutsmäßig geahnt, wenn er als Weib sein Deutschland verherrlichte,(ist das eigentlich vom Führer neuerdings nicht verboten worden?), das wurde Gewißheit. Das Deutsche Weib, die treue. Hüterin der Volksseele! We* wollte ihr da die Waffe wohl wehren! Ach, hätte Mathilde schon die Waffe gehabt, als Deutsch* Männer Deutschen Glaubens in Scharzfeld zusammentrafen, um den Deutschen ihren Deutschen Glauben zu geben! Dan»| hätten die Herren Professoren Hauer, Mandel, Günther»v>ch genug zu tun gehabt, über die Unruhen in Berlin zu schreiben, die sich ungefähr zu gleicher Zeit abspielten. Das bat man jedoch lieber unterlassen. Das erfahren wir aus ausländischen Zeitungen. So lesen wir darüber in„Hct Volk":„Der Mangel an Kartoffeln und Fett und die hohen wemüsepreise haben in Berlin Unruhen verursacht. In einer ckrbeitergcaend in Neukölln, wo zum grasten Teil frühere Sozialdemokraten wohnen, haben die aufgeregten Bewohner, o>c teils keine Kartoffeln kriegen und sie teils zu teuer ve- iioblen müssen, die Fenster von einigen Gcmüscgcschä'-cn angeworfen. Tie Polizei arretierte eine Anzahl Temon- »ranken." Dieüberschwemmung inGalizien 100 Tersonen ertrunken , Tsie Zahl der ertrunkenen Personen im polnischen U e b c r- l ch w e m m u n g s g c b i e t beträgt etwa lllü. Etwa zwei Millionen Menschen haben ihr ganzes Hab und Gut verloren. »iiae die normalerweise über Krakau—Lemberg gehen, werden über Kieler umgeleitet. Wie sich herausstellt, befanden sich im llebcrschwemmunas- kiebjxt insgesamt 83 Ferienlager der Pfadfinder. Die In- lassen sollen alle in Sicherheit gebracht worden sein. tage des Generalstreiks? Massenverse Dickungen aus Kalifornien? dnb. San Franziska, 19. Juli. Der Generalstreik geht in seinem allgemeinen Durcheinander seinem Ende entgegen. Von allen Seiten wird der Zusammenbruch der Streit- beivegung bestätigt, ein Ergebnis, das hauptsächlich aus de» energischen Selbstschutz der Bevölkerung zurückzuführen ist, durch den die Nahrungsmittelzufuhr mit Waffengewalt ge- sichert wurde. Einige Zusammenstöße, die sich in Seattle und Tpokane ereigneten, sind hauptsächlich auf kommunistische Anstiftung zurückzuführen. Das bei den in den letzten Tagen verhafteten Ttrciksüh- rern beschlagnahmte Matertal ergibt, daß die Kommunisten bereits seit Jahressrist einen allgemeinen Streik in sämtlichen Hafenstädten der Bereinigten Staaten planten. Als Ergebnis der Aufdeckung dieser Pläne werden Massenver- schickungen Mwartet. Generalstaatsanwalt Cummings teilte am Mittwoch mit, daß der Gouverneur von Calisornicn Rooiewelt auf drahtlosem Wege ersucht habe, Ausländer, die im Zusammenhang mit dem Generalstreik in San Franziska aus- wieglerische Tätigkeit verfolgten, aus Amer'ka a u s z u w c i- len. Tie Forderung ist an das amerikanische Arbeitsmini- sterium weitcrgeleitct worden. Die Pfändung der Reidiskasscn Ein Gegenzug der Reidisregierung Tic Sperre der Treuhänder über 200 Millionen Mark monatlich indirekte Reichssteueru als Sicherung für die Zinsen und die Tilgung der Dawes- und der?> o u n g- Anleihe beruht auf folgenden Garantiebestimmungen, durch die Zinsen und Tilgung der Dawes-Anleih: sicher ge- stellt werde» sollen: 1. durch die gesamten gegenwärtigen und zukünftigen V ermögensbe st ände und Einkünfte des Deut- fchen Reiches: 2. durch ein erstes P f a n d r c ch t an den von Deutsch- land zu leistenden Reparationszahlungen, und 3. m't der Bedeutung einer Zusatzsicherheit, durch ein erstes Pfandrecht an den Bruttoeinnah m c n des Reichs aus Zöllen und den Abgaben auf Tabak, Bier und Zucker, den Nettoeinnahmen aus dem S p i- r i t u s m o u o p o l... Tie Reichsregierung bestreitet dennoch die Rechtmäßigkeit des Vorgehens der Treuhänder und hat die Reichsfinanz- lassen bereits angewiesen, die Zahlungen aus den vcrpfän- dctcn Einnahmen nicht mehr wie bisher auf das Konto der Treuhänder der Tawes-Anleihe bei der Rcichsbauk zu lci- sten, sondern entgegen den vertraglichen Bestimmungen un- mittelbar auf das Konto der Reichsfinanzkasscn vorzuneh- inen, um sie auf diese Weise dem Zugriff der Treuhänder zu entziehen. Das verschärft und komplizcrt den Streitfall und wird im Auslande so aufgefaßt, daß Teutschland den zahlreichen Ver- letzungen vertraglicher Verpflichtungen eine weitere hinzu- fügt, durch die nun auch die feierlichen Vereinbarungen der durch dos gesamte Vermögen des Deutschen Reiches garantierten Anleihe außer Kraft gesetzt werden. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß die Treuhänder gegen ein derartiges Vor- gehen energisch Protest einlegen werden. Dffsjjeuwje Am Mittwoch wurden die angekündigten ersten Versuche unternommen, mit Sirenen die Bevölkerung aus dringende Lustangrisssgesahr aufmerksam z» machen. Diese Versuche haben sich als ziemlich wirkungslos erwiesen, da im Lärm der Straßen das Sirenengeheul fast völlig verloren ging, so dast beschlossen wurde, die Lautstärke zu erhöhen und demnächst die Versuche zu wiederholen Das Gesetz über die Flottenbautranche von l93t ist im „Journal Ossiciel" erschienen. Vorgesehen»st der Bau eines Großkampsschisscs, eines Torpedobootszerstörers und zweier U-Boote. Der neue Panzerkreuzer der Dllukirchcn- »lasse ivird den Namen Strastburg erhalten und dem- nächst aus einer Privatwcrft in St. Nazaire aus Kiel gelegt werden. Der Unterredung B a r t h o n s mit dem rumänischen Ministerpräsidenten T a t a r e s c u, der Mittwoch- abend nach Bukarest zurückgereist ist, galt in erster Linie, wie man erklärt, der Vorbereitung des offiziellen Besuchs des Königs Earol. Höchstwahrscheinlich wird König Earol in der ersten Oktoberhälste in Paris eintreffen Außenpolitisch hätten sich Barthon»nd Tatarescn nicht mehr viel zu sagen gehabt, höchstens fei die Frage des Osinaktes und die küble Aufnahme, die er in Deutschland und Polen gesunden habe, gestreift worden. In Epernan wurde der ungarische Ingenieur Kellner verhastet, der der Spionage beschuldigt wird. Er soll sich eine Reihe von Kricgsschissspläncn vcrschasst Kaden. lieber ganz England entluden sich am Mittwochabend schwere Gewitter mit Wolkcnbrüchen. Drei Personen wurden durch Blitzschlag getötet, und über 30 Personen erlitten Ver- letzungen. In vielen Ortschaften kam eg zu arosten lieber- schwcmmungcn. Ans der in privatem Besitz befindlichen Insel Rrownsca bei Poole Harbour ist ein riesiges Busch, seuer ausgebrochen, das bereits einen Teil der Insel ver- wüstet und zwölf Häuser zerstört hat. Die Flammen werden von T'Upven. Polizei und Arbeiterschaft bekämpft. Die Inicl ist als Schongebiet iiir Vögel und Tiere berühmt, von de» u Hunderte in dem Brand nins Leben gekommen sind. Der bekannte Zeitungsbesitzer Lord Rotbormere bat die weitgehende Unterstützung der Mosleq-Faschisten durch seine Das Verhalten der Reichsregicruug wird nicht gerade sör- derlich auf die schwebenden Transferverhandlungen einwir» ken. Mit Schweden sind sie ohne Erfolg geblieben. Nord- amerika hat Verhandlungen schroff abgelehnt. Die Verhaus- lungcn mit Frankreich dürsten zwar im Laufe dieser Woche zum Abschluß kommen. Allerdings verlautet, daß Frankreich keinen M i n d e st a u s f u h r ü b e r j ch u ß für Deutsch- land garantiert habe. Immerhin ivird man annehmen dürfen, daß beide Länder auch zukünftig die zollpolitischen Maßnahmen so handhaben werden, dast ein solcher Aktiv- saldo zugunsten Teutschlands aufrechterhalten wird. Durch das vorgesehene Clearing soll eine Weiterzahlung des vollen Zin cndicnstes für die Dawes- und Äsung Anleih.-,, gewährleistet werden, sür den im laufenden Jahre insgesa t 2t Mill. NM. benötigt werden. nie Reidisfinanzcn im Mai Mehr Ausgaben als Einnahmen Im M a> wurden Insgesamt 910,1 Millionen RM. verein- nahmt, wovon aus den Reichsanteil an Steuern, Zöllen usw. 440,4 Mill. entfielen. 11,4 Mill. gingen aus Anleihen ein, 8,8 Mill. aus der Auflösung von Vermögensbestände». Der Rest entfiel aus die Ueberschttsse der Post, Reichsbahn und aus son- stige Verwaltungseiiinahnieu. In den beiden er st e» M o- iiaten des EtatSfahres sind bisher aus Anleihen 47 Mill. und aus Vermögensauflösstngsn 199,0 Mill, vereinnahmt worden. Tie Ausgaben betrugen im Mai insgesamt 973,7 Mill.. so dast sich eine M e b r a u S g a b c von 03,0 Mill. ergibt. Im April war eine Mr..nähme von 249,8 Mill. vorhanden. „Vermögensauflösungen"— das ist die Vcrramschiing von Rcichsgut. Presseorgane eingestellt. Lord Rothermere sagt in seinem Schreibe» u. a., er fei niemals der Ansicht gewesen, daß eine Bewegung, die sich faschistisch nenne, in England Erfolg haben könne. Unter dem 13. und 14. Juli wurde u. a. die Verbreitung solgender Zeitungen sür die Dauer von 14 Tagen in Deutschland verboten:„The Daily Telegraph" lLondons,„Ob- ferner" lLondons,„Bohemia" sPragj,„Reichepost" fWicnf, „Pcster Llond" fBndapestj. Der Leiter der Rechtabteilung der Deutschen Arbeitsfront Dr. Bähren erklärt in einem Aussatz«. a., daß Ausnahmen von der Zuzugospcrre nach Berlin usw durch ein wesentliches Interesse der Allgemeinheit bedingt sein müßten. Solches Interesse werde angenommen werden können, wenn es sich um den Zuzug von Arbeitern und Angestellte» in Partei- dien st st eilen und Parteiorganisationen handele. Der Zuzug solcher Personen geschehe--niidsäst- lich im Interesse der Partei und somit im Interesse der All, gcmcinheit. Nach einer Mitteilung des dentschen Kriminalblatteo sind sämtliche von dem amerikanische» Schriftsteller Upton Sinclair verfaßten und in deutscher Sprach? erschienenen Druckschrift?" aemäst 0 7 de,- Ne'oidnuiia von, 4. Februar 1988 für den Bereich des Landes Preußen beschlagnahmt und eingezogen. Nach Blättermeldungen aus Moskau kommt ols Räch- folger sür den verstorbenen sowjctrnlsisch.>,i Bvtschgkier in Paris. Dowgalewski in erster Linie der bisherige Pariser Geschäftsträger Rosenberg in Frage. Die Streitlage in» a l i f o r n i e n hat sich von neuem dadurch kompliziert, dast die Reeder nur mit der Ho^uarbeitcr» gewerkschast, nicht aber mit den übrigen Gewerlichaktcn ver- handeln wollen FiinfamerikanischeFliegcr traten am Donners- tag einen Flug um die Welt an nnd stiegen mit ihrem Sikorlkp-Wafferslugzeug zur ersten Etappe nach'Neunork aus. Am Dienstag wird der Flug von Neuyork nach den Bermudas sortgesetzt. Als Ländeplätze sind bis fetzt noch die Azoren, Paris. Berlin und Moskau vorgesehen. Nach einer Meld»,ig ans Santiago de»khile sind in den Anden drei P e r s o n o n von einem Schneesturm überrascht worden und ums Leben gekommen. Her Herrenklub „Im Herrenklub sitzt ber Mann, der Hitler stürzen ivird." Diese Warnung und Drohung fiel von einem konservativen deutschen Staatsmann schon an dem Tage, als der politische Mcssianismus in die Macht einrückte. Und trotzdem diese meistgenannte und meistumstrittene gesellschaftlich-politische Vereinigung der Reichshauptstabt nach der„Revolution" des 00. Juni aufgelöst wurde, ihre prominenten Mitglieder ver- haftet und einige von ihnen, wie General v. Schleicher und Popens Mitarbeiter Jung und Bose, ermordet wurden, bleibt der Herrenklub eine Hochburg des Konservativismus, ein Sammelpunkt der Kräfte, die den entscheidenden Schlag gegen das jetzige Regime vorbereiten. Was ist nun dieser mächtige politische Klub? Wie ist er entstanden und wohin geht sein Weg? In der Sterbestunde des alten Preußen sammelte sich in der„Roten Bude" am einstigen Königsplatz ein Häuflein von Patrioten um den langen Tisch des nüchternen SaaleS, >n dem einst der alte Moltke den Führerbesprcchungcn des Großen Generalstabes präsidierte. Trotzdem in jenem Kreise die Uniform vorherrschte, fehlte es nicht an einem Bekennt- vis zum neuen Staat, dem man auch unter veränderten Ver- Hältnissen zu dienen entschlossen war. Bald fand man Gele- genheit, zu beweisen, dast man es ernst nahm mit dem Ver- zicht auf alte Vorurteile. Männer wie Harnack und Willa- mowitz, Delbrück und Hoetzsch. Kriegsakademiker, General- stäbler und Frontoffiziere, maßgebende Persönlichkeiten der Presse, Literatur und Kunst, Führer der Industrie, des Groß- Handels und der Großbanken schlössen sich einmütig der Parole der neuen republikanisch-demokraiischen Regierung an.„Friede, Freiheit. Brot!" Sie suchten die geistige Auseinandersetzung mit den Volksgenossen aller Stände, aller Richtungen. Zu den eifrigsten Vorkämpfern dieser neuen Aera gehörte Heinrich v. Gleichen. Rittergutsbesitzer aus Tannvoda an der Ilm. dem uralten thüringischen Geschlecht entsprossen, ein Vetter Alexanders V. GleiSen-RuZwurm, dejfen Urgroßvater einst Friedrich Schillers Tochter heimführte. Gleichens Ideal war, eine Art Kristallisationskern für die vaterländisch empfindende politisch interessierte deutsche Jugend zu schal'- len. Zunächst steckte cr»dic Grenzen für de» Zusammenschluß, aus dem eine neue hochwertige Ftthrerschicht-erwachsen sollte, nach rechts und links so iveit, daß dank seiner stets diskreten und taktvollen Betriebsamkeit vom alte» Iannschauer Groß- agrarier bis zum eingeschivorenen Gewerkschaftler, vom Bnnkherrn bis zu Stegermald, aus den Parketts geschickt ge- wählt« neutraler Salons alles, was ehrlich am Wiederauf- bau mitarbeiten wollte, Gruß und Händedruck tauschte. An seinen Familientisch in der Potsdamer Privatstraße zog Gleichen die erlesensten Elemente dieses Kreises. Immer stärker befestigte sich in ihm die Ucbcrzeugung, daß sich nur aus dem Bvden konservativer Weltanschauung jener tradi- tionsgebundeue Führertvv schule» lasse, der das Vaterland zu neuem Anstieg geleite» könne. Gleichens Ehrgeiz waik nicht der des Volkstribunen. Als der Mann der„lautlosen Konnexionen" wollte er hinter den Kulissen der deutschen Politik ungestört die Fäden so ziehen, wie sein mit laugen Fristen rechnendes Dessin eS erforderte. Eines TageS konnte man an einem Miethnnse in der Plötz- straße zum erstenmal auf einem kleinen Messingschild den Namen„Deutscher Herrenklub" lesen. Dort waren die Büros deS damals noch kleinen Gleichenschcn Stabes, die Redaktion seiner Zeitschrift„Der Ring" untergebracht. Eine Art Hör- faal diente der Geselligkeit sowie der Veranstaltung von Kur- sen, durch die eine sorgfältig auSgewäOtte Begabtenklasse zur politischen Führerschaft erzogen werden sollte. An jedem Freitag fprgch dort ein Prominenter zu einem geladenen Kreise, um sich hinterher in einer geschickt geleiteten Tis- kussion gutwillig„anSgnetschen" zu lassen. Hilgenberg und Stinnes, Enno, Luther, Teeckt, Teldte und viele andre haben dort gesprochen. Später konnte der Herrenklub in das Herr- liche Palais am Pariser Platz übersiedeln, wo man eine Weile in Wirtschaftsgemeinschaft lebte mit dem nur der ehe- maligen Hofgesellschaft und dem Gardcadcl zugänglichen „Großen Kasino". Als dessen Verwaltung selbtz durch de» Verkauf der köstlichen alten Weine die hohe Miete nicht mehr ausbringen konnte, fand der Deutsche Herrenklub und das aus dem Uinonklub vertriebene Gardekavallerickasino ein neues Heim in dem weiträumigen Micthause Friedrich Ebert-Straße 19. Eine jener herrschaftliche» Zwölfztmmer- wohnungen des alten Berliner Westens, die an Private heute überhaupt nicht mehr zu vermieten sind, wurde in Lesezim- wer, Gesellschaftsräume und einen großen Speisesaal einge- teilt, an den sich ein langer, dunkler Gang mit dem Büro schließt. Im ängstlich gehüteten Allerhciligstcn mar jene viel- berufene Führcrkartothek untergebracht, wo ein gewaltiges Material bereitgehalten wurde,»m im gegebenen Zeitpunkt für Berufungen zum Reichspräsidenten zn dienen Diese in Sicherheit gebrachte Kartothek dürfte noch eine Rolle in der deutschen Politik spielen. Präsident des HerrenklubS war zuletzt der älteste Sobu jenes Grasen v. Alvensleben, der»och als Greis eine der glänzendsten Erscheinungen der Berliner Hosgesellschaft mar und seine berühmten Viererzüge selbst fuhr. Graf Bodo v. Alvensleben, der die besondere Frenndschait HindenburgS genießt, ist heute, wie auch Iwan v. Radowitz. der Direktor des Klubs, in Hakt, aber Herr v. Gleichen, der eigentliche Führer des HerrenklubS, wartet in England aus den Ein- tritt von Ereignissen, die über Nacht kommen könnten, linier den rund fünfhundert Mitglieder» des HerrenklubS waren die bekanntesten: Vizekanzler v. Papcn, General n. Schleicher (die letzte Annäherung zwischen Papcn nnd Schleicher voll- zog sich unter dem Einfluß des HerrenklubS), der frühere ReichSminister Hilgenberg, Herr v. Oldcnlmrg-Januschau, der vertraute Freund HindenburgS, der frühere Chef der Heeresleitung General v. Hammerstein, Dncsterberg, Seldte und viele andre. Manche Fäden knüpfen sich zwischen den persönlichen Freunden des„Marschallpräsidcnten" nnd der Reichswehr, nnd man begreift, dast in diesen Kreisen die Ermordung Schleichers einen unversöhnlichen Hast gegen das nationalsozialistische Regime geweckt hat. Der Herrenklub ist aufgelöst, aber er arbeitet unterirdisch weiter. („Neues Wiener Tagblatt"Z «•Die Schweiz muß bereit sein" Im Falle eines Angriffs- Französische Perspektive An leitender Stelle veröffentlicht„Le Jour" aus der Heder von Francois d'Orval einen Artikel zu dem Thema „Die Schweiz muß bereit sein, sich gegen die deutsche Drohung zu verteidigen". Der Verfasser wirst die Frage aus, ob die Schweiz imstande sein würde, sich im Falle eines Angrisss von feiten Deutschlands hinreichend zu verteidigen. Er meint, daß die Ge- fahr eines deutschen Angriffs durchaus nicht gering sei, die Frage aber für Frankreich von besonderer Bedeutung sei. Augenblicklich denke man im deutschen Generalstab wohl kaum an eine neue Verletzung der belgischen Neutralität, um nicht dadurch die Engländer auf den Kriegsplan zu rufen. Frankreichs Befestigungen an der lothringischen und an der Rheingrenze seien zu stark, als daß man hier mit einem Angriff zu rechnen haben werde. Bleibe nur der Plan, die Schweizer Neutralität zu ver- letzen. Bedauerlicherweise werde in der Schweiz der General- stabschef immer erst von der Bundesregierung am Mobil- machungstage ernannt, dadurch leide die Schlagkraft des Heeres. Dazu komme, daß das Arsenal in Thun, das wichtigste Schweizer Vertcibigungszentrum, innerhalb einer halben Stunde von den Bomben heimgesucht werden könne, mit denen die Friedrichshasener Flugzeuge und Luftschisse es überschütten würden. Die Schweiz sei wohl kaum gegen Luftangriffe genügend geschützt. Weiter lasse die Lücke im Jura Raum für einen deutschen Ueber- fall, der nachts mit Hilfe von Panzerwagen und Lastautos sehr leicht in Richtung Neufchatel, Lausanne und Genf er- folgen und bis nach Frankreich hineingetragen werden könnte. Befestigte Vcrteidigungswerke müßte auf den Höhen von Ölten angelegt werden, um die Sicherheit einer Mobilisation zu verbürgen. Die dauernde Besatzung dieser Befestigungen könnte im Falle der Gefahr sehr schnell durch die Reservisten aus den Nachbarstädten vervollständigt werden. Pariser berichte Dl« Eiplosion von Maison lafllte Acht Opfer Die Zahl der Personen, die der Explos.on einer Granate im Truppenlager von Maison Lafitte am Dienstag früh zum Opfer fielen, ist nunmehr auf acht gestiegen. Leider muß man damit rechnen, daß das Leben noch anderer schwerverletzter Soldaten nicht zu retten sein wird. Der französische Kriegsminister Marschall Petain stattete den Verwundeten im Lazarett von St. Germain en Laye einen Besuch ab. GroOe Stromslöningen Welche Ursache? Paris, 19. Juli. In der Nacht vom Mittwocti zum Donnerstag trat in Paris zu wiederholten Malen eine Störung der elektrischen Stromzufuhr ein. Fünfzehn von den zwanzig Arrondissements(Verwaltungsbezirken) waren eine ganze Zeitlang vollkommen von der Strombelieferung mitten in der Nacht abgeschnitten. Gegen 2 Uhr morgens war die Störung behoben. Chautemps Nichte verübt Selbstmord Am Mittwochmorgen gegen 2.30 Uhr fand man im Flur des Hauses Rue de Vaugirard Nr. 95 in Paris ein junges Mädchen auf dem Boden liegend noch den Revolver in der Hand. Sie hatte sich wenige Minuten vorher eine Kugel in die Brust gejagt. Bald stellte man fest, daß es sich um Fräulein Jacqueline Chautemps handelte, eine Nichte des ehemaligen französischen Ministerpräsidenten, deren Mutter in dem Hause wohnt. Man schaffte die Schwerverletzte sofort in das Hospital Laennec, wo sie unmittelbar nach ihrer Ankunft starb. Wie sich herausstellte, litt die Unglückliche schon seit langem an nervösen Störungen und äußerte wiederholt die Absicht, aus dem Leben scheiden zu wollen. Der Präsident und die 407 goldenen Hochzeitspaare Der Präsident der französischen Republik, Albert Lebrun, ist in diesen Tagen nach Bordeaux gefahren, um persönlich die Messe von Bordeaux und das zu ihrer Eröffnung stattfindende„Fest des Weines" zu besuchen. Den ersten Nachmittag seines Aufenthalts im Weinzentrum Frankreichs benutzte Herr Lebrun zu einem Ausflug in die Weinberge um Bordeaux, die den weltberühmten Namen Medoc tragen. Hier, in dem Weinstädtchen Saint- Julien-Beychevesse, erwarteten ihn unter den vielen Weinbauern, die einmal in ihrem Leben den Präsidenten der Republik persönlich von Angesicht zu Angesicht sehen wollten, auch 150 goldene Hochzeitspaare. Die Greise und Greisinnen, deren Haut von der Sonne des Bordelais zu Leder gebrannt worden ist, aber die'sich klare Augen und wache Herzen bewahrt haben, jubelten dem Präsidenten zu. Sie ließen es sich nicht nehmen, an dem Diner teilzunehmen, das der Bürgermeister am Abend für seinen hohen Gast nahm. Und bei dieser Gelegenheit erfuhr der erstaunte Präsident von einem dieser über 50 Jahre Verheirateten, daß die 150 anwesenden goldenen Paare nur ein Bruchteil der tatsächlich in Medoc lebenden, über 50 Jahre glücklich Verheirateten sind: 407 solcher Paare leben in den 54 Gemeinden des Medoc, sie alle so gut wie ausschließlich von der Weingewinnung. Der Präsident erhob sein Glas Chateau Margaux und trank auf das Wohl des Medoc, das nicht nur einen der edelsten Rotweine der Welt hervorbringt, sondern auch— dank diesem guten Tropfen— seinen Bewohnern langes glückliches Leben gewährt. Halten alle diese 407 Paare ihr Leben lang D'Orval schließt seine Ausführungen mit der Bemerkung, zahlreiche Schweizer Offiziere, denen die gegenwärtige Lage in Deutschland sehr viel zu denken gebe, stellten die drin- gende Forderung, daß die nötigen Abwehrmaßnahmen schleunigst ergriffen werden. Provokation in Zürich Mordkreuz neben dem schweizer Kreuz Man schreibt uns: Ecke Bahnhosstraße und Rennweg, also an belebtester Stelle Zürichs, ist ein offizielles deutsches Reisebüro eröffnet wor- den. Das wäre ja weiter nichts Besonderes in einer Stadt mit so lebhaftem internationalen Reisendenverkehr. Das Besondere leistete sich diese Ablage Nazideutschlands darin, daß es nicht unterlassen konnte, das Mordbrennerkreuz" ne- ben die Schweizerflagge zu hissen. Kaum geschehen, großer Auslauf, der zu einem Verkehrshindernis auswächst. Polt- zei rückt aus, das Schandmal eines geknechteten Deutschlands zu schützen. Pfuirufe aus dem Publikum, Ausdrücke gegen die Mordsahne, Verwunderung darüber, daß die Stadt den Fetzen unbeanstandet hängen läßt. Die zuerst geöffneten Scheerengitter zu dem Reiseladen werden schleunigst wieder geschlossen. Und davor wacht der gutmütige Zürcher Polizist. Genau wie beim deutschen Generalkonsulat, das auch Nacht für Nacht unter dem Schutze der Polizei den Schlaf des Un- gerechten schläft. Bei der gegenwärtigen Stimmung hier- zulande, kann mit allerhand Ueberraschungen, trotz Polizei ziemlich bestimmt gerechnet werden. Daß diese herausfordernde Zurschaustellung des blut- getränkten„Eroip gamme" eine Propaganda für das Büro wäre, ist ein Fehlschluß. Ein anständiger Mensch wird nicht über die Schwelle gehen, zumal Zürich ja n'chi arm ist an Reiseagenturen. Tie Provokation der Stadtbevölkerung ist nur ein Zeichen mehr, daß die Nazioten von einer gottsträs- lichen Dummheit beseelt sind. Aber zuletzt ist das ja auch einerlei. Mit der Pleite des Reiches Adolf I. ist ja auch die Pleite des Büros sicher, wenn es mangels Kundschaft nicht schon früher die Türen schließt. I. Z. Rausmann in Ilbersee, 30J. wünscht Briefwechsel mit gebildeter, philosophisch interesieiter und von unseren sozialistischen Idealen begeisterter Genossin zwecks späterer Lebensgemeinschift. Tadellose Vergangenheit Vo. F.*' erbet«,. Wasser getrunken, hätten sie dann auch ein Halbjahrhundert in Harmonie miteinander leben können? Der Wein, der reine unverfälschte Wein, in mäßigen Mengen getrunken, hat ihnen die gute Laune erhalten. Und können ohne gute Laune Mann und Weib 50 Jahre in Frieden miteinander auskommen? Der Präsident hat auf dieser Reise viele Reden mitangehört und beantworten müssen, aber gewiß sind sie ihm leicht vom Herzen geflossen, da solche Weine sie begleiteten! Die Königin der Rosen— Aufregung in der Comedie Frangaise— Flucht in den Schatten Die Pariser Gesellschaft hat Sinn für Tradition, sie liebt es mitunter, den Geist der Geschichte zu beschwören, und wenn sorglose Leute so etwas tun, dann kann eine solche Geisterbeschwörung oft sehr scharmant sein. Und so erzählt man in Paris jetzt sehr viel von dem Abend, den Madame Rachel Boyer draußen in Malmaison gegeben hat, in jenem berühmten Schloß Malmaison, in dem die Schauspiele der Gesellschaft von Josephine Beauharnais vor sich gegangen sind. Die Linden rauschten wie damals, als die Gattin Napoleons ihre großen Gartenfeste gab, die Abendluft wehte so milde wie in vergangenen Tagen und die Gesellschaft, die sich im Jahre 1934 zusammengefunden hatte, konnte in ihrem Glanz gewiß den Vergleich mit der Historie bestehen. Sogar der Präsident der Republik, Herr Lebrun. war erschienen, denn es war ein Fest der Wohltätigkeit, die ganze vornehme Gesellschaft aber saß andachtsvoll in Erwartung des angesagten Schauspiels.„Die Kctnigin der Rosen", so nannte sich das Spiel, das im Garten von Malmaison vorüberzog, ein zierliches Spiel, das mehr das Puppenhafte als das ehern Großartige der Geschichte zum Vorschein brachte. Aber trotzdem sollen die schönen Frauen mit tiefem Respekt erfüllt gewesen sein, als die Kaiserin Josephine erschien, als Pauline Borghese sich zeigte, als die Tänzerinnen der Kaiserlichen Akademie heraustraten, als sogar Talma, der große Schauspieler, seine Auferstehung feierte... Ein Berichterstatter erzählte am Tage darauf seinen Lesern, daß er, als er die große Vorhalle des Schlosses durchschritten habe, wahrhaftig gemeint habe, den Kaiser zu erblicken— es sei allerdings nur der Darsteller des Kaisers gewesen, der rasch noch 'seine Rolle studiert habe, aber die Illusion sei glänzend gelungen gewesen. „Die Königin der Rosen" hüpfte also zierlich durch diese aufgeregte Welt, das schimmernde Kostüm der Geschichte beherrschte den Garten von Malmaison, aber war dieser Garten nicht abgeriegelt gegen allen Sturm und alle Aufregung der Zeit? Es war ein Triumph der Exklusivität, es war eine Welt, in der man ffich nicht langweilen will, eine Welt, die es sich leisten kann, spielend und tanzend einmal in das Vergangene zu fliehen. Diese Welt ist klein geworden, ihre Bürger sind nicht mehr sehr zahlreich, sie füllen gerade noch den Garten von Malmaison. Schön ist dieser Garten, herrlich schön, aber wer darf heute noch sorglos unter den Lindenbäumen wandeln, unter denen einst die Kaiserin Joesephine promenierte? Aber es war ja nur ein Theaterspiel, eine Spielerei mit dem Vergangenen, soweit es schön und leuchtend bleibt; also war es doch nur eine Täuschung, da in der Geschichte eben doch das Schöne und Leuchtende keinefalls überwiegt? Ach, Theater, Theater! BRIEFKASTEN Anonymus. Ihnen verdanken wir die Nummer de?„Der SA.« Mann" vom 23. Juni 1934. Da ist auf der Titelseite und auch noch im Innern des Blattes der Berliner Gruppenführer Ernst>n vollem Kriegsschmuck und in stolzer Pose zu sehen. Genau acht Tage später war er mausetot. Neben dem hochverräterischen und meute- rischen Gruppenführer, dessen leichtsinnigen, dummen und rohen Jugengesicht man die schwarzen Pläne gar nicht ansieht, steht strahlend der Prinz Auwi. Ernst hat an jenem letzten Sonntag Fahnen geweiht, und zwar mit den ahnungsvollen Worten:.Kämpft für die letzte Fahne, bis die letzte Klinge bricht". Die Menschen- menge war unübersehbar, die„den Gruppensührer bei seiner Ab- sahrt mit brausenden Heilrufen überschüttete".— Was an Treu« hinter diesen Heilrufen steckt, der Gruppenführer Ernst hat es in« zwischen erfahren. An mehrere. Ihr übersendet uns Bilder au? Nazizeitungen, unter denen steht:„Unter dem Jubel einer ungeheuren Menschenmenge verläßt der Führer nach der denkwürdigen Sitzung die Krolloper." Sieht man aber auch noch so genau hin, so ist von Ungeheuern Menschenniengen nichts zu sehen, sondern nur von menschlichen Ungeheuern in Braun und in Schwarz mit„Stahlhelmen" und mit Totenkopfmützen, mit Dolchen und Karabinern. Bielleicht standen die Menschen hinter den Waffenträgern, aber die Fotograsen durften nicht nahe genug heran, und so kamen die Menschenmasien nicht mehr auf die Platte. „Wiener". Sie schreiben uns:„Ich war jetzt als Oesterreicher l« Tage lang in Brüssel und habe die„Deutsche Freiheit" mit täglich wachsender Begeisterung gelesen. Nur um eins würde ich Sie bitten: Bringen Sie ein wenig mehr über die österreichischen Zu- stände." Wir wollen Ihren Wunsch zu erfüllen versuchen. Mit Ihrer anderen Bitte wird es schwieriger sein. Es wirb sich kaum ein Weg finden. Schweiz. Sprechen können Sie uns nur in unserer Redaktion, Saarbrücken, Schützenstraße. Wollen Sie uns nicht vorher schreiben, worum es sich handelt? Vielleicht können Sie sich die Reise sparen. An mehrere. Ihr dürft uns nicht Göring-Witze einsenden, die schon vor Monaten in der„Deutschen Freiheit" gestanden habe«. Gertrudis. Wir nehmen davon Kenntnis, daß in einigen deutschen Landesteilen verbreitet wird, die Ernährungsschwieriakeiten und die wachsende Teuerung beruhten aus Machenschaften der Juden. Solche Gerüchte werden, wie Sie uns schreiben, von den Behörden begünstigt— Aber die Zahl der Gläubigen dürste allmählich ge- ringer werden. H. B., Brüssel. Wir können nicht täglich ein Bulletin über da? Befinden Hindenburg? ausgeben. Unsere Meldungen über seinen schlechten Gesundheitszustand waren richtig. Auch jetzt noch ist sein Befinden unbefriedigend. Der Versall schreitet fort, da zu feinem Altersleiden noch Wajjersucht hinzugekommen ist. Die Präsidenten« lrise bleibt latent. Karl Mages, Saarbrücken. Sie schreiben In der„Deutschen Front" von dem Magenmord am 39. Juni:„Das kann nur der Führer". Da irren Sie sich wieder einmal. Kürten. Haarmann und andere Magenmörder konnten es auch, und zwar ohne Leibgarde und SS-- sondern ganz allein. H. K., Zürich. Brief und Inhalt sind angekommen. Ihr Bericht mag stimmen, aber er scheint uns zu wenig verbürgt zu sein. Wir möchten uns keine Berichtigung zuziehen. Alhei 74 9K3. Wir glauben nicht, daß die Schwierigkeiten zur Aus- Weisung führen. Ein Rat läßt sich von hier aus nicht geben. Dieselbe Sorge wie Sie haben sehr viele. Halten Sie mit den dortigen Be- Hörden Fühlung und sehen Siq zu, daß Sie in keiner Weise un- angenehm auffallen. Aus Schweden erhielten wir von einem sozialdemokratischen deutschen Bauarbeiter diesen Brief, der nachdenklich gelesen S U werden verdient:„Anbei folgende Geschichte von unserem Neubau. Ich arbeite auf einem großen Neubau als Fliesen- leger. Wir bekleiden einen Korridor mit Wandplatten. IN der einen Wand ist ein Rüstloch. Tort hat ein Vogel sein Nest gebaut und brütet unbekümmert. Was tun? Die Wand soll mit Fliesen bekleidet werden. Der Vogel soll seine Jungen haben. All« auf dem Bau wissen, daß ich Antifaschist bin. Aber sie wissen, ich bin Deutscher. Deshalb haben sie Angst, ich zerstöre das Nest. Ter Baumeister, der Polier, die Maurer, der Lehrjunge. Sie alle kommen zu mir und warnen mich. Sie sagen:„Tu Kamerad, Du bist nicht in Deutschland, bei Göring, wird sind in Schweden. Hier haben wir noch Kultur. Das Bogelnest muß geschont werden!"— Ich bin ein wenig traurig. Man traut mir eben, weil ich Deutscher bin, die Roheit zu, dos Nest zu zerstören. Ich spare fein säuberlich in einem llmkreis von ungefähr l Quadratmeter die Fliesen aus- Später, wenn die Jungen flügge geworden sind, wird das Stück Ar- beit nachgeholt werden. Hätten wir auf einem Bau in Deutschland dasselbe getan? Ja, hier in Schweden macht man Hit Recht da? ganze deutsche Volk verantwortlich dafür, daß es sich von irrsinnigen, sadistischen Verbrechern regieren läßt. Hier heißt e? Farbe be- kennen, wenn man Deutscher ist. Bist Du als Deutscher, der in Schweden lebt, nicht gegen die Nazipest, ja dann bist du eben als Hitleranhänger gestempelt. Und die schwedischen Arbeiter, ich möchte sagen, der größte Teil de? schwedischen Ariervolkes, betrachtet uns mit einem Gefühl, zusammengesetzt von Mitleid, Verachtung. Grauen und Entrüstung." Pfarrer Lehmann in Hinterweidenthal(Pfalz). Sie sind sa ein ganz stürmischer Umlerner. Noch 1932 waren Sie Mitglied der SPD. und der religiösen Sozialisten. Jetzt reden Sie wie der echteste Nazi und schließen„mit einem Sieg Heil aus unsern heiß- geliebten Führer". Sie sollten dakl Tempo Ihrer Entwicklung etwa? mäßigen:„Knecht der Zeit, o Knecht der Knechte!" „Keuer Vorwärts" Sozialdemokratisch«» Wochenblatt erscheint regelmäßig jeden Donnerstag seit Inn! 1&3S in Karlsbad, wird in Paris ab Freitag in Zeitungskiosken und Bahnhofs- und Untergrundbahnbuchhandlungen vor- kauft. Nummer 5 6 erschienen. Die Zeitung ist in folgeckben französischen Städten in den Zeitungskiosken und Bahnhossbuchhandlungen erhältlich: Air-leS-Bains, Ajaeeio, Amien», Antibes, Arra», Bagnolles-de- l'Qrme, Bar-le-Tue, Beaulieu s. M., Belsort, Biarritz, Bordeaur. Boulogne s. M., Brest, Eabourg, Ealai», Cannes, Chamonix, Chartres, Chatel-Guyon, Cherbourg, Clermont-Ferrand, Colmar, Contrepeville, Deauville, Dieppe, Dijon, Dinard, Tünkirchen, Svian- leS-Bains, Frejus, Grenoble, Houlgate, Juan-les-PinS, La Baule, La Rochelle, Le Bourget, Le Havre, Les Sablcs-d'Olonne, L« Treport, Limoges. Lyon. Marseille, Menton, Metz, Montpellier, Mülhausen, Nancy, Nantes, Nizza, Orleans, Pontarlier, Plom- bieres, Reims, Rennes, Roanne, Rouan, Roubair, Royon, Saint- Rasael, Saint-Malo, Sainte-Etienne. Ttraßburg. Toulon, Touguet- PariS-Ptage, Trouville, Verdun, Vichy, Vittel. Auch in Luxemburg, Monako, Algerien, Marokko. Annahme von Abonnements und Inseraten: BorisSkomorowskn— 141, rue Broca— Paris I8e Postscheckkonto: Paris 1266 86 Bezugspreis: 1 Fahr 65,— Fr., 6 Monate 35,— Fr., 3 Monate 18 Fr. Probenummern gratis. Für den Gelamttnhalt verantwortlich: Johann P t tz tn Dud- weiter; für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der VolkSsltmme GmbH, Saarbrücken t, Schützenstraße ö,« Schließjach 776 Saarbrücken,