Nr. 168— 2. Jahrgang Sinzigs uuabhSngige deutsche Tageszeitung Saarbrücken Dienstag, 24. Juli 1934| Chefredakteur: M. Braun Zusammenfallen dec Studenten fcout Seite 2 JMeqalität an dec Saac Seile 3 JConkocdat mit Mocdecn Seite 4 Martyrium icnst Ttlüfisams Seite 4 Äie fcanzäsiscfie JUgiecunqskrise Seite 7 Tödliche Waffe gegen Hitler Die Geheimakten der Reichswehr .o? Position neues Licht zu werfen. Der angesehene '"nzöstsch^ Journalist sagt unter anderem, gedrängt von f Ulenburg, gedrängt von der Reichswehr, herausgefordert urch Papens Marburger Rede, von dem Mussolinibesuch in Venedig mit i cren Händen zurückgekommen, habe sich Hitler ntfcheisett müssen, brutal vorzugehen. Aber seine Nerven oatteu ih„ im Stich gelassen und die beabsichtigten Maß- Ur tt wären nur in ei« für den Führer peinliches Ab- Achten ausgeartet. . Die persönliche Stellung des Kanzlers sei heute ge- lchtvächt. Sie sei aber noch nicht unmöglich. Die Situation sei «fach die: die Reichswehr brauche Hitler und 1 y Cr brauche die Reichswehr. T>»e Reichswehr brauche Hitler, weil bisher, und trotz des Juni.der Führer" der Führer bleibe, das heiße, jenseits es Rheins der einzige Mensch sei, der ein Prestige besitze, °s ausreiche, um ein Volk, ein Land zusammcnzuhalten, 'e angesichts eines wirtschaftlichen, sozialen, religiösen und Moralischen Chaos sonst nach allen Seiten auseinanderfallen würde. Sei Hitler nicht mehr, dann könne ihn niemand in Deutschland ersetzen. Seine Macht bestehe in der Tatsache, °B gegenwärtig niemand anders da sei, der an seine Stelle ret en könne. Das wisse die Reichswehr. Deshalb bediene sie sich seiner weiter. Aber sie halte ihn fest. Und sie halte ihn recht gut. Sic halte ihn aus zwei Gründen. Der erste sei, daß sie die Ordnung mit ihren Maschinengewehren und Bajonetten verkörpere. Der zweite, weil sie in ihren Geheimschränken Akten besäße, die unter Aus- schlutz jedes Zwciscls bewiesen, daß der berühmte Reichs- tagöbrand von A bis Z von den Nazisührern ins Werk gesetzt worden sei. sWir verweisen aus die vorige Ausgabe der„D. F." mit dem Brief des SA.-Mannes Kruses. Das deutsche Volk, leichtgläubig wie es sei, sei immer noch überzeugt, daß es sich um einen kommunistischen Anschlag gehandelt habe. Wenn man ihm von berusencr Seite das Gegenteil beweisen würde, dann würden ihm die Schuppen von den Augen fallen, und es würde sich darüber klar werden, daß es seit achtzehn Monaten in schlimmster Weise betrogen worden sei. Hitler wisse, daß die Reichswehr diese tödliche Waffe gegen ihn in Reserve halte. Das allein genüge, um die Zurückhaltung zu erkläre«, die er sich mehr und mehr der Reichswehr gegenüber auserlege. So werde aller Wahrscheinlichkeit nach das Bündnis Hitler—Reichswehr weiter das„dritte Reich" beherrschen bis zur Stunde, wo Hindenburg die Auge« schließen werde. An diesem Tage werde es zur Entscheidung ip Deutschland kommen. Wahrscheinlich sei, daß man diese Entscheidung schon jetzt vorbereite. „Rache 1935'' Friß fHussen gegen den„Führer "ebcraH Vordringen der Reaktion Ii<Ür'.Juli. Der Reichskanzler gibt sich die erdenk- «We Mühe, der Reichswehr, den Großgrundbesitzern und n deutschen Monopolkapitalisten zu gefallen. Reihenweise Acwt"&'£ nationalsozialistischen Radikalen auS ihren »a^t?burg, 21. Juli. Im Gebiet der Nordmark sind die annführer Georg Reepen tHamburg). Stammsührer Wolf- Ammermann(Wandsbeckl und Oberjungbannführer Krap(zuletzt Berlin) aus der Hitler-Jugend aus- Okichlossen worden. München. 21. Juli. Die Reichsprcssestelle der NSDAP, gibt n- r nt: Der Gauleiter vom Pommern, Wilhelm Kar- stein, wurde wegen wiederholter Nichtbefolguna von nordnungen der Parteiführung heute zum Führer seines Kostenz enthoben. Zum neuen Gauleiter von Pommern urdx ier PA Franz Schwede, der bisherige Oberbürger- von Koburg ernannt, der eben erst zum Regierungs- Präsidenten in Niederbayern ernannt war und nun schleu- "'Sit nach Pommern kommandiert wird. Karpenstein, ein erst Sliähriger Rechtsanwalt ist einer der jflNen Kämpfer". Herausgeber der„Pommerschen Zeitung", ^eichstagsabgeordneter seit 1930. Ein recht unbefähipter Schwätzer, der sehr gut zu brauchen war, solange radikale Hetzreden die nationalsozialistische Politik ausmachten, nun dber der„Reaktion", also in Pommern den Junkern geopfert werden muß. Die nationalsozialistische Pommersche Tages- pvst widmet ihre ganze erste Seite dem Kampfe gegen die "Zweite Revolution". In voller Angst wendet das Blatt so- 9ar folgendes Argument gegen Karpenstein an, Hitler könne leine Verpflichtungen gegenüber dem Ausland nicht erfüllen, wenn die Naziopposition nicht Ruhe gebe. Aber aller Uebereiser Hitlers beruhigt anscheinend die begleiche Reaktion nicht. Die schon seit Wochen kursierenden Gerüchte, daß Fritz Thyssen sich mit Hitler verkracht babe, verdichten sich nun zu der Meldung, Thyssen habe seinen Austritt aus der NSDAP, erklärt. Das DNB. dementiert. Wir haben Grund die Richtigkeil öes Dementis zu bezweifeln. Ob die Nachricht nun schon oder noch nicht zutrifft: wahr bleibt die Enttäuschung der Schwerindustrie stber die Entwicklung im„dritten Reiche". Sie bat mit Vergnügen die Subventonen und riesigen Rüstungs- auftrage entgegengenommen, nun aber will sie in ihrem kapitalistischen Herrentum durch keinerlei nationalsoziali- tische Romantik mehr gestört werden. Thyssen, der als erster Hochkapitalist sich zu Thyssen bekannt hat, nachdem cr die Bewegung täjog jahrelang vorher gekgujt hatte, Mint nun. auch als erster mit Hitler brechen zu wollen. Ist der Wirtschastsdiktatur im Westen der Meinung, daß Hitler jetzt schon entbehrlich ist? Rings um den großen„Führer" wankt der Boden. vllrlner verlang!,Udlding 4 Nämlich vor dem Gesetz Berlin, 22. Juli. Der ReichSsustizminister D. Gürtner hat an alle deutschen Justizbehörden einen Erlaß gerichtet, in dem darauf hingewiesen wird, daß durch die Niederschlagung der hoch- und landesverräterischen Angriffe auf die Volks- gemeinschaft vom 30. Juni bis 2. Juli die innere Kraft desReichesgefestigtundgesichertwordenset. Mehr denn je sei Voraussetzung für die weitere Arbeit der Reichsregicrung am Neuaufbau, daß die Achtung vor dem Gesetz, die der Reichskanzler von den SA.-Führern gefordert habe, auch sür alle Volksgenossen das höchste Gesetz des Handelns sei. Der Erlaß fährt dann fort:„Der Rechts- pflege erwächst die besondere Aufgabe, mit Nachdruck für die gewissenhafte Wahrung von Gesetz und Recht einzutreten und gegen jeden Rechtsbruch, insbesondere gegen jede straf- bare Handlung, entschieden vorzugehen. Die Rechtspflege darf sich dabei von keinerlei Rücksichten auf die Person des Beschuldigten leiten lassen. Sie dient allein dem Wohl des Volkes und der Gerechtigkeit. BersucheUnberufener, auf den Gang des Re^tsverfahrenS Einfluß zu nehmen, sind nachdrücklichst zurückzuweisen und alsbald den vorgesetzten Behörden zu melden. In keinem Falle dürfen sie den ordnungsgemäßen Fortgang des Versahrens, insbesondere die sachgemäße Durchführung der Ermittlungen, verzögern. Bei allen Maßnahmen ist eines besonders zu beachten: der gehobenen Stellung des Trägers eines beut- schen Amtes, eines Führers oder Unterführers, entspricht erhöhte Pflicht. Wer sie verletzt, wer insbesondere als Amtsträgcr oder Führer sich gegen das Gesetz auflehnt, Ausschreitungen begeht oder sich in ihn gesetztes Vertrauens unwürdig erweist, ist nachdrücklich und unnachsichtlich zu verfolgen. DieV olksgemeinschaft darf erwarten, daß die Strafe, die gegen ihn verhängt wird, nach Art und Höhe der gehobenen Stellung des Beschuldigten Rechnung trägt."* Die großen Morbserien vom 80. Juni bis 2. Juli hat im Reichsminister Gürtner einen unfreiwilligen Satiriker ge- funden. Ohne Rechtsgrundlagen hat der„Führer" des Herrn Gürtner Dutzende niedermetzeln lassen. Nachher wurde alle» auf Vorschlag des Herrn Reichsjustizmintsters für„rechtens" erklärt. Der verantwortliche Rechtszerstörer ruft jetzt zur aoj hxm Geletz auJJ Die Regierungskommission dcS SaargebieleS erläßt folgende Amtliche Kundgebung: Zu der von einem Teil der Presse gegebenen Darstellung der Borgänge bei den Haussuchungen in der Geschäftsstelle der„deut- schen Front" in Saarbrücken, Waterloostraße IIa, am 18. Juli 1831 wird folgende« scstgestcllt: 1. Aus Grund von Berstößen gegen die In 8Z 82a und 82e deS Strafgesetzbuches enthaltenen Bestimmungen, Verstöße, mit welchen der Herr General st aatsanwalt bereits besaßt ist, war von der Regierungskommisston«ine Durchsuchung der Büroräumlichkeiten des freiwilligen Arbeit»- dien st es in Saarbrücken, Waterloo st ratze, angeord- net worden. Di« Leitung der Durchsuchung hatte ein schon mehrere Jahre im Dienste der Rcgicrungskommission stehender saarländischer Beamter der Landcskriminalpolizei. Es ist somit unwahr, daß Polizei- kommisiar M a ch t d, der den Ordnungsdienst zu versehen hatte, die Leitung der Durchsuchung übernommen hätte. 2. Ucbcr die Borgänge bei der Haussuchung ist aus den amtlichen Berichten folgendes zu entnehmen: a) Die Durchsuchung verlief ohne wesentliche Störung und ohne Zwischenfall bis zu dem Augenblick des Abtransportes der bcschiag- nahmten Akten au« dem Büro in die vor dem Hause stehenden Kraftwagen der Polizeidirektton. b) Bei Ankunft deS Kommando» waren alle Beamten bis auf die Sraftwagcnsührer in die Büroräume hineingegangen. Die Straße war menschenleer. Nach einiger Zeit hatten sich einige Personen angesammelt, die lediglich aus Neugier stehen blieben. BS wurde beobachtet, wie die Angestellten der Geschäftsstelle der„deutschen Front" in großer Zahl an den Fenstern standen, ferner, wie von da au« durch Zurufe zwei Radfahrer Informiert wurden. Die beiden Radfahrer fuhren weg und alsbald setzte ein Zuzug von Jung und Alt, Frauen, Männern und Kindern ein. Einige Zeit später suhr auch ein Auto mit zwei Insassen vor, die sich ebenfalls mit den an den Fenstern stehenden Leuten verstän- digten. Da» Auto fuhr wieder weg und kurze Zeit später begann erneut«in starker Zuzug de» Publikum«. Die anwesende Jugend nahm förmlich Aufstellung. Tie Parole wurde durchgegeben, das Deutschlandlied und das Horst» Wessel-Lied zu singen, Fähnchen wurden von Kin- dern verteilt, Transparen te herumgetragen. c) AIS die Beamten in Erfüllung ihrer Dienstpflichten den ersten Posten der beschlagnahmten Akten in die Kraftwagen verbringen wollten, brach die Menge, die auf ungefähr 800 Personen geschätzt war, in wüste Beschimpfungen wie:„Landesverräter", „B o l k S v e r r ä t e r",„Lumpenpack",„Strolche",„Feig- linge",„Rache 188 5",„Eure Köpfe sind un», Ge» s i n d e l" usw. gegen die Beamten a»S. dl Ein Beamter, der bemerkte, daß von einem Fenster aus eine Person sich dadurch besonders bemerkbar machte, daß sie hinaus- schrie:„Hängt doch die Lumpen auf", eilte in» Haus, um den Betreffenden festzunehmen. Hierbei stellten sich ihm im Zimmer ungefähr 10 Personen entgegen und versuchten, mit Gewalt Ihn von der Amtshand- lung abzuhalten. Der Beamte berichtet, daß er dort un- wcigerlich zu Boden geschlagen worden wäre, wenn es ihm nicht gelungen wäre, rechtzeitig die Pistole zu ziehen. Kommissar Macht», der aus dem Rufe de« Beamten„Hände hoch" die gefährliche Lage erkannt hatte, eilte thm zu Hilfe, worauf die Täter au» dem Fenster und den Türen flüch- t e t e n. Als die Beamten sich dann au» dem Hause herausbegeben wollten, wurden sie von einem angeblichen Hausangestellten ein- geschlagen mit den Worten:„Hier kommt ihr nicht wieder heraus." Der Tumult im Hause setzte in verstärktem Maße ein. Etwa 40 Leute drangen da auf die Beamten mit Beschimpfungen und Drohungen ein. Die Situation war so bedrohlich, daß nach den Berichten der Beamten sie sich mit Fug und Recht gewaltsam den Ausgang hätten verschossen können. Nur die absolute Gewißheit, daß e» dann ohne den Gebrauch der Schußwaffe nicht abgegangen wäre, veranlaßt« die Beamten, von einem solchen Borgchen abzu- sehen. Erst nach wiederholten Aufforderungen, nach etwa zehn Minuten, wurde die Tür geöffnet. e) Nach der Freilassung der Beamten brach die Menge in ein Geschrei und Geschimpfe au». Ein Polizeiausgebot, da» inzwischen eingetroffen war, zerstreute die Menge. Zu Tätlichkeiten ist es nicht gekommen. Die Durchsuchung dauerte von 17.00 bis 18.10 Uhr. 8. Der Oberstaatsanwalt beim Landgericht Saarbrücken Ist an- gewiesen worden, die Eröffnung einer gerichtlichen Voruntersuchung zu beantragen. v Weitergeben! Weitergeben! Werfen Sie die„Deutsche Freiheit" nach dem Lesen nicht fort. Geben Sie das Blatt an Leute weiter, die der Aufklärung und Belehrung bedürfen 1 Zusammenbruch der Studentenfront Sied der Farben!rodenden- Beseitigung oller radikalen Nationalsozialisten- Dos Alte Kehrt wieder Mit dem revolutionäre» Getue der national- sozialistischen Studenten, der SA. und der Hitler- jugend gegen die alten Studenten-Korporationen ist eS zn Ende. Das Verbrennen von Studenten- und Schttlermützen hört ans. Wer fich nicht fügt, fliegt hinaus. Das hat zunächst der radikale Reichsführcr Stachel erfahren. Nun folgen alle seine Unter, führer nach. * Der neue deutsche Studentenführer, Andreas Feickcrt, hat nach seinem Amtsantritt sämtliche Hauptamts- leitcr und Amtsleiter der Deutschen Studentenschaft ihrer'Aemter mit sofortiger Wirkung ent- hoben. Sie führen ihre Acmter mit den alten Vollmachten bis zur Neubesetzung, die umgehend erfolgen wird, komissarisch. weiter. Die Führer der örtlichen Studentenschaft' und ihre Haupt- amtsleiter werden Ende August in Mittmarshausen bei Göttingen in einem ersten Reichssührerlager zusammen- gefaßt werden. Auf diesem Lager werden die Richtlinien für die Arbeit der nächsten Semester bekanntgegeben werden. -* In den vergangenen Monaten war ein großer Teil der deutschen Studenten von dem Gedanken eines neuen »Aufrufs" erfaßt. Zahlreiche junge Akademiker, und gerade die besten Elemente, waren von der Entwicklung des„dritten Reichs" enttäuscht, und darum fanden unter ihnen die Ideen einer„zweiten Revolution" mit endlicher Verwirklichung deS Sozialismus einen guten Nsshrbodcn. Junge Menschen, die an Parole und Ziele geglaubt hatten— sie wollten ihren Glauben nicht preisgeben und blickten auf neue Fahnen. Aber noch bezeichnender ist eine Bekanntmachung von Rudolf Heß, in der er proklamiert,„daß der RS.- Studentenbund im Einvernehmen mit dem Pg. von Tchirach ab heute m i r d i r e k t untersteht. Bis zur Ernennung eines neuen Ftthers des NS.-Studcntcnbundes, die ich mir selbst vorbehalte, beauftrage ich mit der Neuorganisation desselben meinen Vertrauensmann Pg. Dr. med. Wagner, München." Diese Neuorganisierung hat den Zweck, den Geist studentischer Rebellion gegen das braune Regiment zu zügeln und zu kontrollieren. Nabikalisierte Intellektuelle sind eine Ge- fahr für jedes Regime, heute bereits für das „dritte Reich". Es weiß keine andere Mittel gegen die jungen Akademiker als die der Reaktion: Unterdrückung und Kommandierung— eine Methode, die gerade gegenüber der radikalen intellektuellen Jugend zu allen Zeiten erfolg- los geblieben ist. Hier sind heute schon leidenschaftliche Wider- sacher vorhanden, die auf ihre Stunde harren. * Der Machtstreit innerhalb der Studentenschaft, vor allem aber der studentischen TA., geht nicht auf den SO. Juni 1934 zurück, sondern aus den Juni 1933. Damals kämpften Röhm und Fr ick um die Macht über die Studentenschast, wobei Röhm siegte. Im Juni 1983 fand in Berlin eine Tagung sämtlicher studentischer Funktionäre statt. Zu Beginn der Tagung ließ der Reichsminister Frick den stellvertretenden Führer der Studentenschaft Dr. Stäbel verhaften) in der gleichen Wie wenn's— niller wäre Verriicktheiteh nach der Erschießung Dillingers DNB. Ehikago, 28. Juli. An der Stelle, wo der Bandit John Dillinger erschossen worden ist, sammelten sich inner- halb von wenigen Minuten Taufende von Neugierigen an. Da der tote Verbrecher sehr schnell abtransportiert worden war und niemand an die Leiche herangelassen wurde, tauchten die vordersten in der Menschenmenge ihre Zeitungen in die Blutlache: andere wischte» das Blut mit ihren Taschen- tüchcrn auf. Achnliche widerliche Szenen wiederholten sich in der Leichenhalle, wo Andenkenjüger und Neugierige mit der Polizei um ihre Zulassung regelrechte Kämpfe ausführten. Die Polizei gestattete jedoch niemand den Eintritt. Das Justizamt in Washington drückte seine Genugtuung über das rasche und entschlossene Handeln seiner Beamten aus. Die Erschießung des Verbrechers bildet die Sensation des ganzen Landes, denn es gab während der letzten Mo- nate kaum einen Staat, wo dieser rücksichtsloseste aller ame- rikanischen Banditen nicht angeblich gesehen worden war. Unter Tausenden von falschen Fährten hatte die Bundes- Polizei jedoch kürzlich eine richtige gesunden, und, die Krimi- nalbeamten waren bereits in der Nacht zum Samstag dar- über unterrichtet, daß Dillinger den betreffenden Verbrecher- film ansehen wolle. So stand dieser bereits unter schärfster Kontrolle, als er seine Eintrittskarte kaufte. Beim Seraus- treten aus dem Theater hat Dillinger nach den Angaben einiger Augenzeugen Verdacht geschöpft und eine Bewegung nach seinem Revolver gemacht. Bevor er jedoch diesen zu ziehen vermochte, war er bereits durch die Schüsse der Krimi- nalbeamten niedergestreckt. Seine rasche Erschießung war die Folge eines Kongrcßaktes deS letzten Winters, der den Kriminalbeamten das Recht gab, Schußwaffen zu tragen. Dillinger hatte versucht, sein Aussehen möglichst zu vcr- ändern, so hatte er sich die Haare färben lassen und seine Gcsichtsnarben und seine Nase operativ verändern lassen. Auch die Hautlinien an den Fingerspitzen hatte er sich durch Säuren entfernen lassen. Antonnglüdc 10 loic Und 20 Verletzte Neu»ork, 28. Juli. Ein Autobus mit 49 Neunorker Fahr- gästen, die einer sportlichen Veranstaltung im Sing-Ting- Gefängnis beigewohnt hatlen, geriet während der Heimfahrt plötzlich ins Schleudern, rannte in ein Holzlager, stürzte um und ging in Flammen auf. Das Feuer griff sodann auf die aufgestapelten Holzmasscn über, sodaß die Feuerwehr große Mühe hatte, an das Wrack des Autobusses heranzukommen. Zehn Personen landen in den Flammen den Tod, 29 andere, die Brandwunden und sonstige Verletzungen erlitten, wurden ins Krankenhaus geschafft. Das Holzlager brannte völlig aus. Der Schaden wird auf 150 000 Dollar geschätzt. Weise verfuhr Röhm mit dem Rcichssührer der Studenten- schaft Gerhardt Krüger. Dadurch war die Tagung ge- stört: der Machtkampf endete damit, daß Röhm die Schlacht gewann. Krüger wurde abgesetzt, St ä b e l wurde Reichs- führer der Studentenschast und gleicherzeit Standarten- führer der TA. Innerlich tobte der Kampf weiter. Jedoch der Sieg R ö h m s hatte zur Folge, daß im November 1983 die gesamte Studentenschast Deutschlands in die SA. gegliedert wurde. Der Stahlhelm-Studentcnring wurde aus- gelöst, die katholischen Verbände wurden zerschlagen, von nun ab herrschte die SA. auf der Katheder sowohl wie im Hörsaal. Das groteskeste Beispiel von Gleichschaltung spielte sich in den Hörsälen ab, in denen die Dozenten nachzuweisen versuchten, daß sie immer nationalsozialistisch gefühlt und gedacht hätten. Wie diese Methode auf die Studenten wirkte, kann sich jeder vorstellen: der Wissenschaft wurde damit ein schlechter Dienst erwiesen. In der Studentenschaft selbst aber herrschte große Ver- bitterung. Man bedenke, daß jeder Student viermal in der Woche SA.-Dienst machen mußte, alle vierzehn Tage einen ganztägigen Ausmarsch, zwischendurch oft auch noch Nacht- alarm mit anschließendem Nachtmarjch. An jeder Universität befindet sich ein SA.-Hochschulamt. Die Leitcr des SA.-Hochschulamtes sind gleichzeitig Mit- glieder des Senats der Universitäten. Zweck des SA.-Hoch- schulamtes ist die Ueber wachung des Lehr- lörpers. Auch diese Institution ist durch die Beurlau- bung der SA. gefallen. Ebenso muß es dem TA.-Rasseamt und dem Wchramt ergehen. Um zu bemessen, ivas das bedeutet, muß man ivisscn, daß jeder Student, nachdem er ein halbes Jahr Arbeitsdienst- Pflicht geleistet hat, in ein Kamcradschaftshaus überführt wurde, um dort Vorlesungen über Rasse- und Wehrpolitik sowie über nationalsozialistische Weltanschauung zu hören. Die ungeheuren Summen, die dieser Appa- rat kostete, hatte die Studentenschaft selb st auszubringen. An einer Landesuniversität wurden pro Semester von den Hörern je 4.1ö Mark eingezogen. Somit verbrauchte an einer Universität das SA.-Hochschulamt mit der Führung der Studentenschaft jedes Semester z iv a n z i g t a u s e n d Mark. Der große Apparat der„Deutschen Studentenschaft" bricht in sich zusammen, weil er die geistige Situation verkannte, iveil die Studenten unzufrieden sind, nicht zuletzt jene Slu- denten, die, begeistert vom Nationalsozialismus, vor der Machtübernahme sür ihn gekämpft hatten. Wie auf allen Gebieten, so herrschte auch in der studentischen SA. die Gewalt einiger Führer über die freie Willensentscheidung der Studenten. Zu Anfang des Jahres kursierte an den deutschen Universitäten ein Witz: Die Führung der Stu- dentenschast sei zu veranlassen, ein Handbuch sür die studentischen SA.-Leute herauszugeben:„Wie läßt sich der studentische SA.-Mann vom Dienst beurlauben?", das heißt also, daß Tausende von Studenten krampfhaft nach Gründen suchen, um sich vom SA.-Dienst zu befreien. Das Vertrauen ist erschüttert. Dazu kommt, daß die Leute endlich studieren, sich ausbilden wollen und nicht exerzieren und in Gemein- schaftslagcrn herumlungern. Sie sickere Diagnose, des Selbsterhängens Die Wissenschaft im„dritten Reich" hat bekanntlich die Aufgabe, die„besten Methoden" der Menschenvernichtung zu erforschen für den Krieg»ach außen und für den Terror nach innen. Einen Beitrag liefert die Münchner Medizinische Wochenschrift 1934, Nr. 22, in der Professor Walcher die Frage auswirst:„Wie erleichtert der praktische Arzt die Ar- beit des GerichtSarztes?" Es heißt da:„Wenn der Arzt zn fraglichen Selbstmord- oder Unglücksfällen gerufen wird, so ist es oft recht wichtig, daß auch er die Situation ge- nau beobachtet Besonders wichtig ist das bei Er- hängungssällen. Ich darf wohl bemerken, daß bekanntlich die sichere Diagnose des Selb st erhängen s keines- ivegs so einfach ist, wie sie nach den meist ohne Sektion aus- gestellten Totenscheinen erscheint. Auch beim Aufhängen eines Leichnams erscheint eine Strangfnrche, und vitale Erscheinungen sind an der Strangfurchc nur in selteneren Fällen erkennbar. Insbesondere stellt die Rötung schon oberhalb der Strangfurchc keine beginnende reaktive Ent- zündung dar, die genau so entstehen kann, wenn der Leich »am eines eben verstorbene» oder umgebrachten Menschen zur Bortäuschung eines Selbstmordes aufgehängt wird Bekanntlich sind in den letzten Jahren eine Reihe von Fällen zur gerichtlichen und strafrechtlichen Verfolgung und Aburteilung gekommen, in denen Ermordete nachträglich ausgehängt wurden,»nd in mehreren dieser Fälle swic ich selber hier schon erlebt habe, hatte der die Leichenschau aus- übende Arzt ohne weiteres Selbstmord durch Erhängen be- kündet. Hier mahnt ein faschistischer Mediziner seine Kollegen, bei der Ausstellung von Totenscheinen geschickter vorzugehen, aber er gesteht auch unbewußt ein, daß die vielen„Selbst- morde durch Erhängen" vorgetäuscht sind. Ein Fachmann bestätigt die Feststellung der Roten Hilfe, da es sich bei wohl allen„Selbstmorden" im Gefängnis oder Konzcntrations- lager um feige Morde der Nationalsozialisten handelt. Die sichere Diagnose bei dem erhängten Eslener Streikagitator und bei Franziska Kessel lautet eben Mord. AmfswaKerinnenamlaniendenBand In Schloß Hohenfels bei Coburg wurde am 27. Mai 1938 eine Führerinnenschule eröffnet, die im ersten Jahr ihre Bc- standes von 2599 Amtswalterinnen besucht wurde. In zehn Tagen werden aus 89 bis 49 Frauen vollkommene Amts- walterinnen gemacht. Der Grundgedanke der Schule ist:„Er- ziehung zur Volksgemeinschaft". Immerhin geht das schnell, wenn man der Nazlstatistik trauen darf.— In Pommern bestehen 42 weibliche Arbeitslager und Arbeitsdienstheime, deren„Führerinncn" in Boock in einem befonbxren Lager .geschult" werden. Debatte um Osflocorno gebt welker Paris Über die„neue Taktik" Berlins Berlin, den 23. Juli. Die Hitlerregierung befindet sich in einer Zwangslage. Mit dem Ostlocarno will sie nichts zu tun haben, aber ein einfaches Nein erscheint ihr zu gefährlich, weil dann die deutsche Isolierung als Folge noch deutlicher in die Er- scheinung treten würde, als das schon jetzt der Fall ist. Man will jetzt darum die versöhnliche, friedliche Geste machen, die sich Hitler eigentlich für die ReichStagssitzung vorgenommen hatte, und die durch Englands Zustimmung zum Ostab- kommen vertagt wurde. Man will wieder das alte Angebot machen, das nur ein etwas verändertes, zeitgemäßeres Ge- wand bekommen soll: Verträge zwischen zwei Nachbarn! DaS heißt, so wie Deutschland mit Polen einen Vertrag aus Gegenseitigkeit geschlossen hat, will es ihn auch mit Frank- reich abschließen. Paris, den 23. Juli. „Paris-Midi" meint, man bilde sich in Berlin ein, durch einen direkten Bertrag mit uns das Recht aus Rüstungsgleichheit zu bekommen, da doch grundsätzlich öiq deutsche Gefahr dann an der Weichsel und am Rhein„be- schworen" sein werde. Das Manöver sei nicht ungeschickt. Es werde auch ganz fein eingefädelt. Zum ersten Male feit langer Zeit werde Baron von Neurath der Wortführer des Reiches sein. Das solle wohl zeigen, daß Berlin auf den diplomatischen Boden zurückkehren wolle. Aber das Reiche habe sich um eine große Wirkung gehracht dadurch, daß Frankreich und der Ostlocarnoplan ihm auf internationalen Boden zuvorgekommen seien. „Paris-Soir" sagt, erfreulich sei die Feststellung, daß in der deutschen Außenpolitik der Sieg der gemäßigten Ele- mcnte durch das neuerliche Auftreten des Außenministers von Neurath dokumentiert werde. Aber ob die neue Taktik von Heß, R Osenberg oder Neurath herrühre— sie sei nur ein Manöver, durch das sich Frankreich nicht täuschen lassen dürfe. Wenn Deutschland Ostlocarno ablehne, dann bekunde es damit, daß es in Wahrheit garnicht den Frieden wolle. Dann würden die Mächte, ivie es kürzlich Sir Austen Chamberlain im Unterhause aus- geführt habe, aus dieser Weigerung die Konsequenzen ziehen und diejenigen Maßnahmen ergreife» können, die erforderlich seien, um ihnen die nötige Sicherheit zu gewähren. Dolen und Frankreich Man bleibt sich treu Warschau. 23. Juki- In einem Artikel, der sich an die französische Presse und an gewisse Regierungsblätter wendet, protestiert das amtliche Nachrichtenbüro Jskra gegen die Alarmrufe, die in Frankreich wegen Polens abwartender Stellung zum Ostpakt lau» würden. Das amtliche Nachrichtenbüro erklärt, keinerlei diplomatisches Spiel könne die Stärke der franzöfisch-polnischen Beziehungen beei»- trächtigen, die die natürlichste und dauernde Grundlage der polnischen Außenpolitik bildeten. LufibOndnisrrarhre'cliFudtond?. London, 23. Juli 1934. „Sundan Times", daS große englische Tonntagsblatt, stimmt den Ausführungen, die Baldwin im Unterhaus über die englischen Luftaufrüstungspläne in der letzten Woche ge- macht hat, zu. Das Blatt meint aber, lieber noch würde nw» es in Großbritannien sehen, wenn die Regierungen> 9 Paris und London ein Abkommen schlössen, in dem ß"- sich verpflichten würden, ihre Streitkräfte gegen jede Mach» zu vereinen, die eines der beiden Länder durch ein Lust- bombardement bedrohen würde. Teutschland. Belgien uild Italien könnten dann an diesem Bündnis beteiligt sei»- Amerikas riottenrüslnngen Bis zur vertraglichen Höchstgrenze Nenqork, 23. Juli. Blättermeldungen zufolge versprach Präsident Roosevelt in einer vor der Mannschaft des Kreu- zers„Houston" gehaltenen Rede, daß die amerikanische Kriegsflotte im Lause der nächsten drei oder vier Jahre bis zu der vertraglich zugelassenen Höchstgrenze ausgebaut wer- den wird. Der Präsident erklärte, der Kongreß und das Land stünden hinter dem Flottenbanprogramm und erwarie- ten von den Seestreitkräften die allergrößte Leistungsfähig' feit. Der Kreuzer„Houston", auf dem der Präsident gegen- ivärttg eine Ferienreise unternimmt, ist jetzt auf dem WetE nach Honolulu, wo er am Donnerstag erwartet wird. Sprengstoff durch die Schweiz geschmuggelt Aus dem Hitlerreich für Oesterreich Zürich, 28. Juli. In Staad bei Rorfchach hat die st.-gallische Kantonspolizei am Samstagnachmittag ein Motorboot ab- gefaßt, das von Lindau her kam und Spreng in ine» in i t sich f ü h r t e, d i e für Oe st erreich bestimm» wäre n. Die beiden Insassen des Bootes sollte» die Spreng- körper zwei Männern übergeben, die von Rorfchach her 6 e' kommen waren, um sie dann über die österreichische Grenze zu schmuggeln. Drei der vier Männer konnten verhafte» werden, während einer entkam. Das Boot, das beschlagnahmt wurde, führte dreißig!Minen in der Höbe von 27 Zentimeter mit. Die Verhasteten sind geständig, Angehörige der ö st e r r e i ch i s ch e n Legion in Deutschland z 11 sein, und erklärten, auf Befehl d e r S A' Dienststelle gehandelt zu haben. Sie wurde» nach St. Gallen übergeführt und stehen zur Verfügung der Bundesanwaltschast. Durch die Ergreifung deS Schiffes ist der Beweis erbracht worden, daß von Deutschland aus versucht wird, Sprengkörper durch die Schweiz nach Oesterreich zu bringen. Hallen rüstet mm Bürgerkrieg Der Unterstaatssekretär»nd Führer der Balilla, daS ist die italienische HJ., hat kürzlich 40 900 junge Faschisten zwischen 7(!) und 18 Jahren besichtigt, die mit Gewehren aus- gerüstet waren. Innerhalb der Balilla werden eigene Tchützenlegionen gebildet. Bon den 27 Balilla-Legione» der Mailänder Provinz wurden zehn zu bewaffneten Schütze»- legionen gemacht. In Italien hat scheinbar der Morderfolg der SS.-Eindr»ck gemacht, so daß m« sich eine gtznMx Oraanilatio» für alle Kalle schafft Illegalität der„deutschen front Kampf um die Regierungsauforltfif an der Saar Saarbrücken, 23. Juli. 5>er organisierte aktive Widerstand der„deutschen Front" gegen gesetzliche Maßnahmen der Regierungs- Kommission tritt immer stärker in Erscheinung. Bisher stnd 26 Zeitungen der„deutschen Front", die zur Wider- setzlichkeit gegen die Exekutive anreizten, verboten worden. Allerdings erstrecken sich die Verbote, mit einer Ausnahme von einer Woche, nur auf je 3 Tage. Die Regierungskommission scheut offenbar den Vorwurf, die Pressefreiheit wesentlich eingeschränkt zu haben. Wegen der Berichterstattung über die Haussuchung der der Landesleitung der„deutschen Front" sind auch einige reichsdeutsche Zeitungen im Saargebiet be schlag- nahmt worden, so: Kölnische Zeitung. Deutsche All- gemeine Zeitung, Essener Nationalzeitung, Der Führer, Münchner Neueste Nachrichten, Leipziger Neueste Nach- richten. Der Tag und die Nachtausgabe. Die„deutsche Front" ist durch die unvermutete Energie der Regierungskommission, der man alles glaubte bieten zu können, in eine recht nervöse Stimmung geraten. Sie hat vom Reiche her, also außerhalb des Machtgebietes der Regierungskommission, eine offene Kriegserklä- r u n g an den Präsidenten der Saarregierung. Herrn Knox, ergehen lassen. Für diesen feindlichen Akt hat die Reichsregierung den deutschen Rundfunk, also «in reichseigenes Institut zur Verfügung gestellt. Die un- verhüllte Aufforderung zur Illegalität gegen die Re- gierungskommission an die Bevölkerung des Saar- gebietes wurde durch den Chefredakteur der„Saarbrücker Zeitung" vorgetragen. Er ist als Kämpfer gegen den »Terror" der Regierungskommission an der Saar beson- ders legitimiert, denn sein Blatt wird aus den politischen Korruptionskassen des„dritten Reiches" gespeist. Er zeigt sich dafür erkenntlich, indem er alle Bestialitäten der im Reiche herrschenden Gangsters verschweigt, oder wenn sie. wie am 30. Juni, nicht verheimlicht werden können, vls Ruhmestaten deutscher Führermoral verherrlicht. Dieser verhinderte Held und seinesgleichen, die sich aus Angst und um der Monatssilberlinge willen noch viel größeren Banditen gleichschalten würden, als sie es seit einem Jahre getan haben, diese Männchen, die im Reiche kein Hitlerbübchen scheel anzusehen wagten, werden frech und ungezogen wie Gassenjungen, wenn sie durch Oppo- sition gegen den Präsidenten der Regierungskommission glauben, im„dritten Reich" Ansehen gewinnen zu können. Es ist ja so gefahrlos, einem demokratischen Präsidenten Grobheiten zu sagen. Der arbeitet nicht mit Nilpferdpeitsche und Revolver wie der deutsche Reichs- Kanzler. Er hat keine Rollkommandos und Folterkeller zur Verfügung. Noch nicht einmal oerhaften läßt er einen deutschen Presseknecht, der von einer fremden Regierung Freiheiten verlangt, an die er gegenüber der deutschen ' ktatur sich auch nur zu denken fürchtet. Als deutsche Journalisten schämen wir uns vor den fremden Ministern, daß solche Kulis unsere Volksgenossen sind. Die Saarländer wurden durch den deutschen Rundfunk aufgefordert. Hörgemeinschasten zu bilden, damit mög- lichst viele die wiTben Oppositionsreden gegen die Re- gierungskommission anhören können. Wir haben nichts dagegen. Die Regierungskommission vermutlich auch nicht, obwohl ihren Ministern wohl bekannt ist. daß ihre regierenden Kollegen in Berlin den Untertanen das Hören fremder Sender sehr verargen und Widerspenstige für lange Monate einsperren, wenn sie etwa dem Moskauer Sender lauschen. Hörgemeinschaften aber? Das ist im Reiche Hochverrat und Verschwörung, und die Strafen sind entsprechend. Die Rede, die von dem journalistischen Führer der „deutschen Front" durch den deutschen Rundfunk der Regierungskommission zugemutet wurde, beschränkte sich nicht auf sachliche und scharfe Kritik, die ja die Herren noch üben dürfen, solange westeuropäische Zivilisation im Saargebiet regiert und nicht der Oberste Gerichtsherr jeden totschießen lassen kann, der ihm widerspricht. Diese Rundfunkaussprache war, wenn man hinter die kaum noch vorsichtig gedrehten Formulierungen sieht, eine Verneinung des Autor i t ä t sre ch t es der Regierungs Kommission, war die Aufforderung an die Saardeutschen, die Maßnahmen der Regierungskommission zu sabotieren, war das Bekenntnis zur Illegalität, die ja ohnehin längst in den getarnten CA.- und SS.-Kolonnen und in der Verbindung mit den Parteiorganisationen und mit den Reichsämtern geübt wird. Der verstärkte Wille zur Illegalität und die offene An- Kündigung, daß die Politik der„deutschen Front" mehr noch als bisher vom Reiche her inspiriert, betrieben der Amtswalterkonferenz, die am Sonntag, und geführt werden wird, äußerst sich in der Verlegung dem 22. Juli, in Saarbrücken stattfinden sollte, nach Kaiserslautern', also in diebayrische Pfalz. In Saarbrücken sollte diese Konferenz streng geheim sein. In Kaiserslautern wird sie auf alle deutschen Sender übertragen. Das hat unter anderm das Gute, daß man die unangenehmen kritischen Debatten über die Folgen des 30. Juni im Saargcbiet umgehen kann, denn man wird keinen der Unzufriedenen in den deutschen Rundfunk schimpfen lassen. Wer wollte überhaupt in Kaiserslautern, im Reiche des obersten deutschen Scharfrichters, Kritik zu üben sich herausnehmen? Also kann man vor dem ahnungslosen deutschen Volke die geschlossene Front der vom Terror des Präsidenten Knox bedrückten Saar- länder markieren, die unter einer gesicherten Rechts- ordnung und einer festen Währung vor seelischer Not nicht mehr aus und ein wissen. Für entscheidend und für den Abstimmungskampf wichtig halten wir die nun auch für den Harmlosteten er- kennbare Tatsache: die„deutsche Front" enthüllt nun selbst ihre Disziplinheuchelei. Sie ist entschlossen, sich den Gesetzen an der Saar nicht zu fügen und von einer schein- legalen Opposition zu illegalen Attacken überzugehen. Keine Regierung der Welt wird sich bieten lassen, daß eine große politische Gruppe außerhalb der Landesgrenze Beschlüsse faßt und Ak- tionen einleitet, die durch die Uebertragung auf zahlreiche Sender noch einen besonders provokatorischen Charakter erhalten. Alan braucht sich nur einmal vorzu- stellen, daß etwa eine Gruppe deutscher Katholiken in Wien oder im Vatikan zu oppositionellen Be- ratungen gegen die Reichsregierung sich versammelten und durch den österreichischen oder durch den vatikanischen Sender die Welt für ihre Forderungen mobilisierten. Was würde mit den Herren geschehen, wenn sie nach der Konferenz in das„dritte Reich" zurückkehrten? Die Opponenten von Kaiserslautern brauchen dank der z:vilisierten Regierungsführung in Saarbrücken für Leib und Leben nichts zu fürchten. Wohl aber muß man sich, wenn diese Zersetzungsarbcit auch nur eine Reihe von Wochen so weiter geht, ernste Sorgen machen um die ruhige und geordnete Entwicklung des Abstimmungs- Kampfes, der nur unter einer starken Regierungs- autorität friedlich bleiben kann. Die Regierungskommission muß wissen, wo die Grenzen der Zumutungen liegen, die sie sich bieten läßt. Wir haben nur die Gefahren aufzuzeigen, und die reden deutlich genug. Me Gefangenen In Lebensgefahr! lieberall große Profesthundgebungen Im Saargeblet Vorgestern und gestern veranstaltete die antifaschistische Front des Saargebietes eine Reihe von Kundgebungen, in denen sie die Freilassung der antifaschistischen Gefangenen aus den Konzentrationslagern, Zuchthäusern und Gesang- uissen des„dritten Reiches" forderten. Sämtliche Kund- gedungen waren brechend überfüllt und gingen unter stärkster Anteilnahme der Bevölkerung der betreffenden Orte vor sich. In mustergültiger Disziplin und Ordnung demonstrierten Tausende für die Freilassung ihrer Käme- raden und eine herrliche Kampfstimmung beseelte die Anti- Nationalsozialisten. Es sprachen Max Braun, Fritz Pfordt, Walter Sender, August Hey, Bern- hard Schneider und Peter Baumann. Die Ein- heitsfront marschiert stürmisch vorwärts! # Am Samstagabend sprachen in Burbach im„Deutschen Haus" Walter Sender und A u g u st Hey. lieber tausend Teilnehmer waren erschienen und stimmten begeistert den Parolen der Redner zu. Zu gleicher Zeit sprachen in Neunkirchen im Volkshaus Bernhard Schneider und Peter Baumann vor etwa 1500 Teilnehmern. Und auch hier fand die Stellungnahme gegen die Blutgerichte und für Freilassung der politischen Gefangenen einmütige be- geisterte Zustimmung. * Am Sonntag sprachen in Heiligenwald Max Braun und Fritz Pfordt vor über 850 Teilnehmern,— mehr als die zu gleicher Zeit in Heiligenwald stattfindende Versammlung der braunets Wackelfront aufzuweisen hatte. Zwei Stunden später sprachen dann beide Redner in Pütt- l i n g e n, wo sich über 20st0 Menschen eingesunden hatten, die sämtliche nur irgendwie verfügbaren Räume des Volkshauses füllten und ausserdem in den Straßen des Volks- Hauses Aufstellung genommen hatt^ An einigen der genannten Orte versuchten die Nazis Pro- vokationen. Aber sie hatten sich verrechnet: An der eisernen Disziplin, dem großen Verantwortungsgefühl und der gei- stigen Ueberlegenheit der Anhänger der Antifaschistischen Front scheiterten alle Bemühungen der braunen Front, Zwischenfälle hervorzurufen. Lediglich an einer Stelle brachten sie es fertig, daß das Uebcrfallkommando gegen sie vorgehen mußte, nämlich in B u r b a ch. In Burbach um- lagerten sie das Wirtshaus und den Garten, in dem der Freidenkerverband des Saargebietes sein Stiftungsfest ab- hielt, auf dem Max Braun eine Rede hielt für T o l e- ranz, Geistesfreiheit und Bekenntnisfrei- h e i t aller religiösen und philosophischen Weltanschauungen. Inzwischen hatten die Nationalsozialisten das gesamte Lokal und die Gartenanlagen umstellt und schrien über die Mauern und Bretterzäune dem Redner ihre Dummheit und Berständnislosigkeit entgegen. Aber das dauerte nur wenige Minuten. Dann fertige Max Braun sie so schlagend und unter stürmischer Heiterkeit der Versammelten ab, daß sie be- schämt schwiegen, dafür aber um so eifriger aus der Straße Händel suchten und die marxistischen Arbeiter provozierten. ..Polizei" im Saargeblet Scharfe Schüsse In Dudwciler im Saargebiet fand am Sonntag eine antifaschistische Sportkundgebung statt. Auf dem Sport- platz am Gehlenberg marschierten die Sportler zu turnerischen Vorführungen und ihren Spielen aus. Unter- dessen bemühte sich die Polizei um eine genaue Kontrolle aller Händler, ob auch alles den gesetzlichen Bestimmungen entsprach. Als der Festredner in seinen Ausführungen einige Bemerkungen gegen den Hitler-Faschismus und gegen den Kapitalismus machte, die in Deutschland den Arbeitersport niedergctrampelt haben, wurden einzelne Polizisten schon er- regt. Als aber der Redner die Tatjache festkeilt?- daß die Arbeiterschaft nicht zu dem Massenmörder Hitler zurückwolle, da drangen die Polizisten nach der Tribüne vor, anscheinend um den Redner zu verhaften. Bei dem sich anschließenden Geplänkel gab es einen Tumult und plötzlich fielen zwei Schüsse. Niemand anders hatte sie abgegeben als der Polizeiwacht- meister Rippbcrger, der anscheinend alles tun wollte, um hier so schnell wie möglich Schluß zu machen. Auch diese Vorfälle bewiesen, daß in Dudioeiler die Polizei mehr als zulässig aus die„deutsche Front" eingespielt ist. Sie sah zum Beispiel auf der Straße, wo sie nach den Zwischenfällen Ausstellung nahm, gar nicht, daß ein be- stieselter und besporntcr Nazikurier drei Meter von der sonst so genauen Polizei sein Motorrad anhielt, um Erkundigungen einzuziehen. IVO ist Ernst Thai mann? Frage an Hitler von der Saar Am 16. Mai dieses Jahres fuhren wir, ein sozialdemokra- tischer, kommunistischer und christlicher Arbeiter, als Delega- tion des Neunkircher Kohlenreviers, gewählt von den saar- ländischen Kumpels und auf Initiative der Roten Hilfe nach Berlin, um den Führer der deutschen Arbeiterklasse, Ernst Thälmann, zu besuchen und persönlich zu sprechen. Die Saararbeiterschaft legte Wert darauf, aus unserem Munde zu erfahren, ob es wahr ist, daß Ernst Thälmann in Ihren Gestapohöllen geschlagen und gefoltert wird, wie dies die antifaschistische Presse des Saargebietes und die Aus- landspresse behauptet. Bei unserem Besuch im Untersuchungsgefängnis Berlin am 10. Mai wurde uns durch den Arbeiterführer Ernst Thäl- mann selbst alles das, was Sie, Herr Hitler, als„Greuel- Märchen" bezeichnen, als blutige Wahrheit be- st St igt. Glauben Sie, Herr Hitler, daß Sie und Ihr Meister der Lüge, Josef Goebbels, auch wenn Sie in Ihrer gesamten Presse, Rundfunk u. a. m. Dementis bezügl. der Folterungen an Ernst Thälmann erlassen, Ihnen diese im Saargebiet kein Mensch mehr glaubt, außer denen, die sich hier als Ihre treuen Schüler in der Unterdrückung der Ar- beiter, der Lüge ynd Korruption erweisen! Dagegen haben die wenigen Worte, die uns Ernst Thälmann zurufen konnte: „Ich bin und werde mißhandelt", den Eingang in die Herzen der gesamten Saararbeitcrschaft gefunden und haben gewaltige Empörung ausgelöst gegen Ihre Lügen und Ihre mittelalterlichen Folterungsmethoden an dem Führer der deutschen Arbeiterklasse und der eingekerkerten Anti- saschisten. Taufende Morde an Arbeitern haben Sic begangen und Tausende deutsche Volksgenossen zu Krüppeln schlagen lassen. Für wen?— So fragen sich die Saararbeiter!— Für Ihre und Ihrer Bonzen Herrlichkeit, für die Erhaltung des kapi- talistischcn Staates und für bessere Durchführung der Aus- beutung der Arbeiterklasse, die Sie während Ihres Regimes versucht haben, zum willenlosen Sklavenvolk herabzudrücken. Mehr als 200 000 deutsche Arbeiter und Intellektuelle, die sich nicht zu Ihrem Blutregime bekennen wollen, Arbeiter, die treu zu ihrer Klasse stehen, haben Sie in Ihre in der Welt voller Abscheu bekannten Konzentrationslager gesteckt. Unzählbare Morde an Proletariern wurden auf Ihren direkten Befehl durchgeführt. Massenmord, Massenhinrich- tungcn, brutalste Unterdrückung jeglicher freiheitlichen Re- gung des deutschen Volkes kennzeichnet Ihre Herrschaft. Am 8». Juni dieses Jahres haben Sic durch Ihr Massen- morden an Ihren eigenen„Kameraden", denen Sie es zu verdanken haben, daß Sie als deutscher Kanzler Ihr ver- abschcuungswürdjgcs Hcnkerhandwcrk am deutschen Volk ausüben können, der ganzen Welt die Augen geöffnet. In derselben Blutnacht wurden aber auch auf Ihre» Befehl nicht nur eine Anzahl Ihrer Kameraden, sondern eine ganze Reihe unserer Klasscnbrüder meuchlings ermordet. Sie ließen den Schriftsteller Erich Mühsam ermorden. Sie ließen den früheren Oberleutnant Scheringer er- morden! Wir fragen Sie, Herr Reichskanzler: Wo ist Ernst Thälmann? Haben Sie auch ihn, den besten Sohn der deutschen Arbeiter^ flasse, in der bekannten Nacht ermordet? Wir verlangen von Ihnen, der Sie behaupten, daß nichts geschieht ohne Ihr Wissen, eine klare Antwort! Wo ist der Führer der deutschen Antifaschisten, E r n st Thälmann! I. A. des Ernst-Thälmann-KomiteeS: Kurt Thomas. Peinliche Worte „Hitler— Päderast und Mörder" Paris, 22. Juli. iJnprcßj: Viele Tausende von Personen versammelten sich gestern abend in dem Pariser Saal Wag- ram, wo auf dem von dem Internationalen Besreiungskomi- tee veranstalteten Meeting der große französische Advokat Moro-Giafferi gegen Hitler und für die Befreiung Ernst Thälmanns sprach. Moro-Giafferi bezeichnete Hitler als „Päderasten und Mörder". Weiter sprachen Henri Barbusse, Marcel Eachin und Robert Dupont. Die Versammlung nahm eine Resoution an, die gegen Hillers mörderische Projekte protestierte und konstituierte 2 Delegationen, die sich nach Deutschland begeben sollen, um die Freilassung Thälmanns zu fordern. Heimtückisch" h. b. Der bürgerliche Zeitungsverleger Hans Eckensberger aus Braunschweig wurde vom Braunschweiger Schössen- gericht zu einem Jahre Gefängnis verurteilt, weil er gesagt haben soll, wenn er nur eine genügend große Geldsumme hergäbe, so stände seiner Aufnahme in die NSDAP, nichts im Wege. Eckensberger ist Arier, aber seit Jahren mit einer jüdischen Schauspielerin verheiratet. Der Staatsanwalt hatte zwei Jahre Gefängnis beantragt. Die Verurteilung erfolgte wegen heimtückischer Angriffe gegen die nationale Regierung. Die Korruption steigt sJnpreß). Aus dem Tätigkeitsbericht des Polizeipräsidiums Stuttgart entnehmen wir. daß die Bctrugsfälle im Jahre 1083 auf 4537 gegenüber 4115 im Vorjahre gestiegen sind, die Ur- kundenfälschungen von 250 auf 313 Fälle, die Fälle von Un- treue von 32 aus 120. Aus dem gleichen Bericht geht hervor, daß 33 Vermißte nicht ermittelt werden konnten. Konkordat mit Mördern? Eine unmögliche Lage!0r Rom Seit Wochen verhandeln die drei Bischöfe von Berlin. Osnabrück und Frctburg, wobei der Freiburger Erzbifchof Tr- Gr ober die Führung hat. mit den Beauftragten Hulers. Es handelt sich um die„Auslegung" gewisser Kon- kordatsbestimmungen, die die Hitlcrregierung systematisch gebrochen hat. braunen Unterhändler waren neben dem Ministerialrat B u t t m a n n Dr. L c y und B a l d u r von Schi räch. Im Bordergrunde der Verhandlungen standen die katholischen Iugcndverbände und die katholischen Arbeitervereine, deren Mitglieder Herr Dr. Ley bekanntlich nicht in seine„deutsche Arbeitsfront" ausnehmen will. Jetzt kommt aus Rom die Meldung, das; man zu einem „positiven Ergebnis" gekommen sei. Hitler sei zu weitgehenden Konzessionen bereit gewesen. Wir stehen dieser Meldung mit äußerster Skepsis gegen- über. Wir können uns nicht vorstellen, das, die deutschen Kirchenfürsten nach den Erlebnissen dieses Konkordatsjahrcs, nach der Ermordung von Klaufener und Probst Aer- sprechungcn des„dritten Reichs" für(Garantien halten. Wie steht es um das voni Nationalsozialismus offiziell geförderte Ncuheidcntum? Wird Rosenbergs„Mythus" aus allen Bibliotheken entfernt? Das sind nur einige Fragen. Nichts läßt darauf schließen, daß der Kirchen- und Kulturkampf, der ein Wesensbcstandteil der nationalsozialistischen Welt- anschauung geworden ist, eingestellt wird. Rom kann sich nach den Erfahrungen des Konkordatsjahres keine Illusionen mehr machen. Ist Hitler scheinbar zu Eni- gcgcnkommen bereit, so geschieht es aus politisch-taktischen Gründen. Man ivciß, daß man von der Saar her den Reichskanzler beschworen hat. dem Katholizismus entgegen- zukommen, wenn das Reich nicht die Saar endgültig ver- licren will. Gewährt also Hitler Garantien, so gehören sie ins Reich der Abstimmungspropaganda der „deutschen Front", und darum verdienen sie nicht das mindeste Vertrauen. Eine Regierung, die gegenüber ihrem eigenen Volke alle Rechtsgaranticn beseitigt hat, wird keinen Vertrag innc- halten. Ein Kanzler, der seine Mitstreiter ohne Gerichts- verfahren morden läßt, und sich selbst zum„obersten Gerichts- Herren des deutschen Volkes" ernennt, ist kein Vertrauens- würdiger und kein honoriger Vertragspartner. Gewiß ist die römische Diplomatie zu vielen Konzessionen bereit: sie weiß manchmal auch vor Blutströmen noch die Fahne der Taktik auszupflanzen. Ein neues Konkordat mit Hitler wäre nicht nur auf Tand gebaut. Es würde das Ansehen des Hl. Stuhls in aller Welt außerordentlich schwächen wegen dieses Ver- tragspartncrs, den man mißachtet und dem man nicht glaubt. Das Martyrium Erich Mtthsams Die Witwe berichtet Pr aj, 22. Juli. Vor Prager Pressevertretern sprach heute die hier eingetroffene Witwe von Erich Mühsam über den Leidensweg ihres Mannes, der vor einigen Tagen einen solch erschütternden Abschluß gesunden hatte. Am 28. Februar 1083 wurde Mühsam von Kriminalbeamten verhaftet und nach dem Gefängnis in der Lehrter Straße gebracht, wo er bis zum 0. April 1088 blieb. Dort erging eS ihm noch gut. Am 8. April kam er mit 0» Prominenten nach Sonnenburg, wo sie von SA. erwartet wurden. Dort er- folgten die ersten Mißhandlungen und Verletzungen. Die Frau erhielt aber Sprecherlaubnis. Sie mußte feststellen, daß ihm die Zähne ausgeschlagen waren. Der Bart war abgeschnitten, damit der jüdische Typus mehr zum Vorschein käme! Am 10. April richtete sie an Staats- anmalt Mittelbach eine Beschwerde. Es wurde ihr gesagt, wenn sie nicht ruhig sei und das Gesehene etwa weiter er- zähle, insbesondere von den Mißhandlungen berichte, dann werde sie auch ins Konzentrationslager kommen. Frau Müh- sam betonte besonders, daß ihr Mann bei dem Münchener Geiselmord nicht dabei geivescn sei. Diese Erschießungen erfolgten am 2. Mai 1010, während ihr Mann bereits am 18. April verhaftet wurde und sich iveit entfernt von München befand. Vergeblich hatte Frau Mühsam in Berlin die Redak- tionen auf diesen Tatbestand aufmerksam gemacht, doch ivei- gcrten sich die Blätter, diese Richtigstellung zu bringen, da die Nachricht über Mühsams Beteiligung aus Regierungs- kreisen stamme. In dem Zusammenhang sei darauf verwiesen, daß Goebbels schon 1082 in den Marmorsälen Mühsam der Beteiligung bezichtigte und Drohungen gegen ihn ausstieß. Pfingsten 1088 kam Mühsam nach Plötzensee in Einzelhaft. Er blieb bort bis zum V. September. Auch hier erging es ihm gut. Er bekam Pakete und hatte die Erlaubnis, an seinen Manuskripten zu arbeiten. Am 5. September erfolgte eine Haussuchung. Es wurde ihm alles weggenommen und die Sprecherlaubnis entzogen. Am 8. September kam er nach Brandenburg. Dort war er den größten Mißhandlungen ausgesetzt, und leine schlimmste Leidcnszeit begann. Er trug damals seine Ohrenverletzungen davon. Tie Ohren waren völlig vereitert. Bei einem Besuch erklärte er jedoch seiner Frau, niemals werde er Selbstmord begehen. Sie könne sich darauf verlassen, daß er sie nie allein lassen werde. Inzwischen war nach Mittelbach Dr. Eonradi als Staats- anmalt für die politischen Gefangenen verantworalich ge- worden. Das Lager in Brandenburg wurde am 1. Januar 1081 ausgehoben, und Mühsam kam nach Oranienburg. Er wurde der 0. Kompanie, 2. Zug, zugeteilt, der der „I u d c n z u g" genannt wurde. Tie Angehörigen dieses Zuges wurden völlig rasiert und bekamen weiße Binden. Die SA.-Leute gaben ihnen, da sie zum Reinigen der Aborte bestimmt waren, die Tttulierung„Sch... Haus-Kompanie". Die Schrcibcrlanbnis wurde ihm entzogen. Als er ein Gesuch um Schrcibbewilligung einreichte, wurden ihm beide Daumen gebrochen und er gefragt, ob er jetzt noch schreiben wolle. Damals wurde er, was auch aus der Presse bekannt ist, als Tanzbär benutzt, und man erschoß vor seinen Augen das Aesschen, an dein er seine Freude hatte. Bei einem Besuch sagte er zu seiner Frau, man müsse durchhalten, denn jetzt wisse man, was Faschismus sei, und müsse diese Kenntnis weiter ver- breiten. Der Kommandant, der ihn und alle Inden miß- handelte, hieß Stalkopf.' Als eine Kommission mit Knicker- bocker ins Lager kam, wurde allen furchtbar gedroht, wenn sie das Geringsie aussagen sollten. Als das Seger-Buch über Oranienburg erschien und Schäfer seine Gegenschrift veröffentlichte, ivar die Behandlung eine Zeitlang besser. Am 22. Juni 1084 bekam Frau Mühsam ein Sprechverbot. Trotz- dem fuhr sie am 8. Juli nach Oranienburg und erwirkte nach langem Verhandeln die Erlaubnis, dennoch mit ihm 10 Mi- nulen zu reden. Mühsam war guter Dinge, sprach erfreut mit ihr und verlangte Taschengeld. Danach hat sie ihn nicht mehr gesehen. Am 0. Juli kam Mühsam um. Sie erhielt die Bcnachrich- tigung durch die Polizei. Die Beamten waren sehr verlegen, als sie ihr mitteilten, daß Mühsam„gestorben" sei. Sic eilte ins Lager. Niemand wußte, wo die Leiche sei. Anfang Juli war die SA. schon durch die ST. abgelöst worden. In einer Wirtschaft in der Nähe des Lagers traf sie jedoch Stalkopf mit einigen betrunkenen SA.-Leuten. Stalkopf sagte wörtlich: „Machen Tie nie die SA. dasür verantwortlich, sondern die SS.!" Daraus geht glso unzweideutig hervor, daß Mühsam ermordet worden ist!! Stalkopf stellte sich sehr feindselig gegen die SS. Frau Müh- sam hörte weiter, daß an der Tat ein Sturmführcr Werner Wann kehrt Dalder heim? Brief einer deutschen Frau an die„Deutsche Freiheit" Ist eine gelungenere Ucberraschung denkbar als der ver» zweifelte Aussall, mit dem Hitler der eigenen Sache und Deutschlands Rettung zu dienen meinte? Gewiß nicht! Er- starrten wir nicht alle ungläubig bei den ersten Nachrichten wie geblendet von einem grellen Blitz, ivie betäubt vom Krach eines gewaltigen Tonners? Und doch schickte auch dieses plötzliche Unwetter seine Windstöße voraus, und wir hätten sie spüren und das kommende gesaßt erwarten können, hinderte uns nicht immer noch unsere begreifliche Begriffsstutzigkeit angesichts des seltsamen deutschen Phäno- mens, das sich Nationalsozialismus nennt, obwohl der Name Nihilismus sein Wesen entschieden vollkommener und ein- deutiger ausdrückt. Immer noch täuschten wir uns über das Maß oder Un- maß seiner elementaren Kräfte, immer noch verkannten wir den Abgrund seiner Entstehung, bezweifelten wir die Un- beirrbarkeit seiner Zielsetzung, und wollten es nicht wahr haben, daß er tatsächlich unwiderstehlich aufs Ganze geht. Wir, denen er den frommen Glauben an die Möglichkeit der gewaltloscn Schaffung eines freien deutschen Recht- staates gewalttätig raubte: wir, die wir ihn anfangs für einen genau so geduldigen Lastescl zu halten geneigt ge- wesen waren, als welcher sich der ebenso erbarmungslos wie widerstandslos niedergeschmetterte deutsche Demokratismus erwiesen: endlich haben wir erfahren, woran wir sind: endlich erkennen wir unseren Verderbe»- ganz— jetzt in der Raserei seiner Tclbstcnthüllnng und Tclbstzersleischung. Viele seiner Anhänger müssen ihn aus andere Weise und dennoch uns ähnlich mißverstanden, sein wahres hinter- gründiges Gesicht nicht geschaut noch geahnt haben, sonst hätten sie ihn nicht so blöde zu versauen gewagt wie R ö h m und Heines, aber auch nicht ihn derart vertrauensselig zu zähmen versucht wie Schleicher und Strasse?: sie hätten sich warnen lassen. Es war ausnahmsweise keine Lüge, als Goebbels im Rundsunk von„in den Wind ge- schlagcnen Warnungen" redete. Dem aufmerksam rück- schauenden Betrachter bieten sich vor allem zwei bcmerkcns- werte Beispiele ernstlich besorgter Winke, die von jedem, den sie angingen, hätten wahrgenommen werben müssen, schlagen die Götter nicht jeit je mit Blindheit, die jie per- derben wollen. Als Hermann G ö r i n g sich die Leiche der vor Jahren verstorbenen Gattin mit feierlichem Pomp aus ihrer schwe- dischen Heimat ins„dritte Reich" holte, verkannten auch wir den eigentlichen Sinn und die tiefe Bedeutung dieser dem oberflächlichen Blick sehr überflüssig erscheinenden kost- spieligen Geste. Heute jedoch kann ihr niemand mehr die volle Anerkennung ihrer Zweckmäßigkeit versagen, tat sie doch gerade noch zu rechter Zeit die vielbcstrittcne Hetero- sexualität eines Mannes kund, der leicht das tragische Schicksal RöhmS hätte teilen müssen, hätte er es fehlen lassen an solch aufdringlicher öffentlicher Kundgebung seines gram- verzehrten Witwenherzen. Diese fast ttberehemännliche Kundgebung legte nicht nur Balsam auf die schmerzenden Wunden, welche der unverschämte soldatfsche Supervirilis- mus des gewesenen TA.-Stabschefs und seiner Kameraden dem ohnehin vom Nationalsozialismus hart geprüften beut- schen Frauentum geschlagen,— worin sonst konnte dessen Selbstgefühl noch wurzeln als im Bewußtsein seines ewigen GattnngswerteS?— diese Kundgebung schob sich auch wie ein Schutzwall zwischen Göring und die Flut seiner Rivalen und bewahrte ihn vor Standgericht und schlimmem Nachruf. Göring wußte wirklich, warum er sich in so hohe Kosten stürzte: seine Parteigenossen hätten es auch missen können. Daß sein lärmender Wink unbeachtet blieb, selbst im Kreise der Wissenden, ist ebenso merkwürdig wie das irreführende Echo der„verbotenen" Marb Niger Papen-Rede. Selten hat man einen Redner so gründlich mißverstanden wie den Vizekanzler von Papen. Heute erst, wo der-voll- ständige Text seiner Rede unserer Beurteilung vorliegt, er- kennen wir mit. Staunen und Bestürzung, daß diese Rede nicht einmal nur Kritik und Warnung bedeutete, sondern sogar schon vorsorglich darbot die unbedingt w ü n- schens werte moralische Rechtfertigung all der heimtückischen Exekutionen, die als Akte der Staatsnotwehr im„dritten Reich" nunmehr offiziell rechtens befunden worden sind. Der literaturkundigc Katho- lik Papen, um eine passende Phrase noch nie verlegen, bc- mühte als guter Kenner des neudcutschen Protestantismus, den zu beschwichtigen es galt, ein Zitat aus einem Luther- Drama von C. F. Meyer, um das geplante Blutgericht den schwächlicheren Gewissen leichter verdaulich zu machen: er sprach:„Ein weltbwegender Mensch hat zwei Aemter: er vollzieht, was die Zeit erfordert, bann aber— und das ist sein schwereres Amt— steht er wie ein Gigant gegen den ausspritzenden Gischt des Jahrhunderts und schleudert hinter sich die aufgeregten Narren und die bösen Buben, die mittun beteiligt war, daß die Häftlinge an dem Abend früher ins Bett mußten und daß ihr Mann im Abort aufgehängt gefunden wurde. Stalkopf verriet ihr auch, daß sich die Leiche aus dem Friedhos befinde. In der Halle konnte sie die Leiche noch einmal sehen. Sie wies sonst keinerlei Verletzungen auf, jedoch die Male des Strickes um den Hals. Eine Obduktion ivnrde vcriveigert. Die Beerdigung erfolgte am 10. Juli auf dem Waldsricdhos in Dahlem. Ans dem Nachlaß erhielt sie nichts. Auf Warnungen von Freunden verließ sie Deutsch- land. Frau Mühsam wiederholt, daß Selbstmord aus- geschlossen sei und sich Ossictzky und die anderen in gleicher Gefahr befänden. Ossietzky Der pazifistische Schriftsteller Ossietzky befindet sich seit 27. Februar 1033 in Hast. Er ist schon mehrfach schwer miß- handelt worden. In der letzten Zeit wird Ossietzky wiederum fürchterlich gequält. Es wurde schon gemeldet, daß er den Verstand verloren habe. Größte Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß ein neuer„Selbstmord" in Vorberei- tung ist. Dieses grauenhaste Schicksal droht jetzt vielen sozialbemo- kratischen, kommunistischen und pazifistischen Gefangenen. Wir haben darüber aus dem„dritten Reiche" äußerst be- unruhigende Nachrichten erhalten. Man rechnet damit, daß nach den Morden an de» SA.-Fllhrern und den rechtsstehen- den Politikern demnächst durch die Ermordung von links- gerichteten Gefangenen eine Art Gleichgewicht wieder berge- stellt werden soll. Mit größter Sorge wird namentlich daS^ „Volksgerichtsverfahrcn" gegen Thälmann erwartet. Die Welt darf nickt schweigen. Es muß jetzt, vielleicht schon in der letzten Stunde mit aller Kraft für das Leben und die Freiheit der Gefangenen des blutigen Terror- rcgimes gekämpft werden. Einer, der sieh Irrte Er glaubte, daß er frei reden könnte Wir lesen in Streichers„Fränkischer Tagespost" diese er- bauliche Geschichte: In der Nacht vom 30. Juni ans 1. Juli, also in jenen Stunden, da das ganze deutsche Volk unter dem Druck der kaum saßbaren Ereignisse stand, und erneut in dank- b a r e m V c r t r a u c n zu Adolf Hitler aufsah, der in der Stunde höchster Gefahr durch seinen entschlossenen Einsatz Volk und Vaterland vor ungeheuren Schädigungen bewahrte, saßen in allen Lokalen dicht gedrängt die Volksgenossen, in der Erwartung, Näheres über die Pläne der Revolutionäre zu hören. Auch im„Mantkellcr" horchte man aufmerksam auf jedes Wort, das zur Lage geäußert wurde. Man soll es nicht für möglich halte», daß sich da ein Nürnberger S t u d i c n r a t bemüßigt sühlte, zu erklären, daß jetzt die Zeit angebrochen sei, in der man wieder frei reden könne. Was dieser saubere Studienrat, der im„dritten Reich" eine Beamtenstellnng bekleidet und eine auskömmliche Existenz hat, unter Redefreiheit verstand, das sagten seine weiteren Worte, in denen er in den unglaublichsten Redewendungen über Ministerpräsident Göring, den Franken- sührer Julius Streicher, führende Männer der fränkischen SA. und ganz allgemein über die TA. Herzog. Mit der Geste des Mitleidigen erklärte er. daß es sehr zweifelhaft sei, ob der Führer mit seinen nationalsozialistischen Ansichten durch- dringen könne. Wer hat Verständnis für einen solchen Zeitgenossen? Für einen Nienschen, der in kritischen Stunden diejenigen in den Schmutz zieht, denen auch er vieles zu verdanken hat, der selbst gegen den Führer Zivcifcl hegt, von dessen Größe in der gleichen Stunde das deutsche Volk und das gesamte Aus- land wieder mit Bewunderung erfüllt war, haben wir kein Verständnis. Und auch die Polizeidircktion erblickte in dem Handeln des Studienrates gewiß wie wir eine üble Stim- mungsmache, denn sie hat den sauberen Herrn Studicnrat in Schutzhaft genommen. Der Gipfel der Gemeinheit aber ist, daß er sich bei seiner Verteidigung darauf beruft, selbst früher eifriges Mitglie eines vater- ländischen Verbandes und Frontkämpfer gewesen zu sein. Er hat wahrlich nichts vom Frontsoldatengcist übernommen, sonst wüßte er, daß in der Stunde der Gefahr alles gehorcht und dem Kommando des Führers folgt! In Dachau wird ihm der Begriff des Zusammenstchcns hoffentlich im Laufe mehrerer Wochen wieder geläufiger werden! wollen, das vollbrachte Werk übertreibend und schändend." Und damit auch ja niemand im Unklaren bleiben konnte darüber, daß zwischen den der Uebertreibung verdächtigen ausgeregten Narren und den der Schändung schuldigen bösen Buben keinerlei Identität besteht, goß er noch all seinen konservativen Jammer über Schleichers und Straßers wirt- schaftSpolitischcn UtopiSmus in die eniriistete Frage: „Haben ivir eine antiniarxistische Revolution erlebt, um das Programm des Marxismus durchzuführen?" Also dürste Popens intellektuelle Miturheberschaft an der fürchterlichen doppelgesichtigen Ab- rcchnung Hitlers mit den Frondeuren und Lotterbuben in seiner Bewegung hinreichend bewiesen sein: bewiesen ist aber auch wieber einmal Hitlers innere Schwäche: Auch diesmal hat der Gigant es klüglich nicht verschmäht, das ethische Risiko, die ungeheure Last der sittlichen Verantwortung für sein übermenschliches Handeln frühzeitig auf hilfsbereite Zwergenschultcrn abzuladen: auch diesmal offenbarte sich sein Herrentum als bloßer Kulissenzauber, auch diesmal bluffte er die Welt. Gut, daß Papen dem Zwie- licht entrissen ist, das ihn solange barg! Endlich ist er be- stimmbar als Hitlers vornehmster Helfershelfer, derselbe Papen, dem zur billigen Märtyrerkrone nicht viel mehr gefehlt. Das Verbot der Berb reitung seiner Rede war nur ein Trick: die über ihn verhängte Schutzhaft, der drohende Verlust seiner Bizckanzlerschaft, all das ist nur künstliche Mache, Theaterdonner fürs gleichgeschaltete katholische Volk.„Durch Sumpsströme sah ich waten Meineidige und Mordtäter!" Diesen BerS der Edda auch Herrn von Papen ins Stamm- buch! Und um gleich im urmütterlichen Pathos weiter zu predigen:„Windzeit, Wolfzcit, bis die Welt vergeht— nicht einer will des andern schonen!" So klagten sogar die knmmergewöhntcn germanischen Seherinnen angesichts ähn- licher Zustände wie derjenigen im„dritten Reich". Sic durften so klagen, wahrscheinlich weil damals weder Druck- Maschine noch Rundfunk die Weiterverbreitung besorgte. Welche Germanin dürfte das heute, die nicht in der Eint- gration lebt? Ach—wie sind wir eures Treibens müde, eures närrischen, bübischen und wölfischen Treibens! Wir haben keinen Ge- fallen an euch, mögt ihr Führer ober Trottel, Mädchensänger oder Knabenschänder sein? wir träumten uns andere Helden. Wann endlich wird die Norne Tkuld ihren Schild hochheben? Wann wird unserer Söhne spielende Unschuld die goldenen Gesetzestaseln aus befreiter, neugrünender Erde wieder-, finden? Wann kebrt Balder beim?, Eine Teullche. deutsche Stimmen•(Beilage zux„(Deutschen Ja ei fielt ff Ereignisse und QestAitAieti Dienstag, den 24. Juli 193a Martin, A lecsen=Tlexä Höhepunkte- Arbeiterdichtung: das Werk der Epiker "axim Gorki uuu Martin Andersen-Nexö, das bei beiden aus einem sorgenvollen Dasein, einer leeren Kindheit, freudloser Jugend emporgebliiht ist. Wie Gorki ist Nexö mit dem Kleinbauerntum und der Arbeiterschaft verbunden; und auch seine Kraft ruht in dieser Verwurzelung, und auch er gehört zu denen,„die— wie tt'eit sie fliegen— doch immer zu dem ersten Heimatsort zurückkehren". Wo finden wir den Heimatsort Nexös?— Sein Vater stammte aus einer Bauernfamilie. Als der karge Boden nichts "lehr hergeben wollte, zog er in die Stadt, reibte sich ein in das Proletariat. Die Mutter: Tochter eines Schmieds. Im Kopenhager Arbeiterviertel wird am 26. Januar 1869 Martin Andersen-Nexö geboren.„Armut und angestrengte Arbeit sind die herrschenden Mächte in der Welt meiner Kindheit..." Der Fünfjährige sieht, wie die Mutter frühmorgens das Haus verläßt, mit Obst und Fischen im Handkarren herumzieht, um für ihre elf Kinder Brot herbeizuschaffen; die Paar Pfennige, die der Vater— als Pflasterer und Steinbrucharbeiter— verdient, reichen nicht für das Notwendigste aus. Die Armut wächst, treibt die Familie in ihre Heimat Bornholm zurück. Auch hier müssen Frau und Kinder mitarbeiten. Martin, der als Hirtenjunge dient, wird wie ein Sklave behandelt; er hält's nicht lange aus, geht zu einem Schuhmacher in die Lehre, bei dem er— sechs Jahre lang— tagtäglich vierzehn Stunden im stickigen, dunkeln Keller arbeitet. Schließlich wird er Maurergeselle; um ihn Sonne und Wind, neben ihm freie und starke Menschen, denen er die entscheidende Wendung in seinem Leben zu verdanken hat. Ein Kollege, kluger, klassenbewußter Arbeiter, mit dem der junge Nexö sich befreundet hat, öffnet ihm die Augen für die Erkenntnis, daß jeder einzelne Proletarier große Aufgaben zu erfüllen habe, zum Wohl seiner selbst, seiner Klasse, der Menschheit."| Nun hat Nexös Leben einen Sinn bekommen. Er erkennt, •t*ie wenig er weiß, wieviel er noch zu lernen hat, um den Ihm zugewiesenen Platz ganz ausfüllen zu können. Eine der vorbildlichen dänischen Volkshochschulen nimmt ihn auf. Tag und Nacht: körperliche und geistige Arbeit. Er gönnt «ich keine Ruhe, bis sein Körper nicht mehr mitmacht und schwere Krankheit ihn niederwirft. Er entflieht dem Tode, wandert nach Italien und Spanien, in Länder der Sonne und Schönheit. Von den Erlebnissen •einer Wanderschaft erzählt er in ersten kleinen Aufsätzen, die von dänischen Zeitungen veröffentlicht wurden. Was einst, in den Fesseln der Knechtschaft, unterdrückt ^ar und nicht wachsen konnte, bricht nun, in der Freiheit, in der durchstrahlten Natur des Südens aus Nexö hervor. Er bekennt:„Jetzt ging der Segen der Sonne richtig für mich auf; und ich litt bei dem Gedanken an alle diejenigen, die da frierend saßen, daheim in der Kälte und Dunkelheit. Ihr bitteres Dasein kannte ich nur zu genau und ich machte mich daran, es in einigen Erzählungen auszuformen..." Zunächst ringt er noch um die„Form". Charakteristisch für seine erste Schaffensperiode ist das Buch„Schatten", das er im Alter von 29 Jahren herausgab. Und seit dieser Zeit bat Martin Andersen-Nexö ein Werk von höchster Einheit Und Geschlossenheit geschaffen. Nexö nimmt sich in seinen Büchern des Menschen an, des Enterdrückten, unschuldig Leidenden, des wahrhaft heiligen Menschen. Er schmettert keine hohlen Agitationsphrasen. Gerechtigkeit und Menschlichkeit für jedes Leben! — das sind die Forderungen und letztn Konsequenzen seiner Dichtung. In die tausend und abertausend Dinge des Alltags sieht der Dichter tief hinein; nichts ist ihm unwesentlich und unbedeutend. Aus der Tiefe holt er sie ans Licht, fädelt sie aneinander, und... vor unsern Augen wächst das Schicksal eines Menschen, einer Familie, einer Generation, wächst Trauer und Freude, Weinen und Lachen, Kraft und Feigheit. Eines der stärksten Kindheitserlebnisse Nexös: Bornholm — das Meer. Gewalt des Meeres, Gewalt des Menschen, dies >>ind Motive, die den Dichter anfeuern und aus vielen seiner Erzählungen und Romane aufleuchten. Von Verbundenheit des Arbeiters, des Dichters Nexö mit seiner Klasse, mit Natur und Tier zeugen seine farbigen Schilderungen der Rußland- und Andalusienreise, seine urwüchsigen„Proletariernovellen", die erd- und wurzelverhafteten„Bauernnovellen", der flammend-leidenschaftliche Roman„Ueberfluß", die Erzählungen„Lobgesang aus der Tiefe", der schalkhafte„Lotterieschwede", der innig-dankbare Roman„Mutter", das Buch vom„Gottesland", ein in seelische Tiefen hineinleuchtendes, von philosophischem Humor durchtränktes Werk. Boch über diesen Nexö-Büdbern stehen zwei Werke: „Pelle der Eroberer" und„Stine Menschen- k i n d". Pelle, dessen Wachstum von umhertappend-qualvoller Jugend bis zur höchsten Reife und Lebensgestaltung wir erleben, dessen Entwicklung vom Dorfarmen zum bewußten Industriearbeiter wir verfolgen, ist der Verstoßene, Verzweifelnde und Suchende, der in sich dumpf Kraft zu eigener Sinngebung und Formung fühlt, sich durch alles Leid des Ich und der Umwelt hindurchkämpft und schließlich— auf auderm Weg und mit andern Zielen als der Pfarrer des „Gotteslandes" siegt, zum Eroberer wird. Die neue Dichtung hat nicht viele solcher wahrer„Helden", wie es dieser Arbeiter Pelle ist. In dem breit angelegten, fünfbändigen Werk„Stine Menschenkind" öffnet sich uns der Golgothaweg des proletarischen Weibes. Im Gegensatz zu andern— robusten— Frauengestalten, die uns in Nexös Werk entgegentreten, steht Stine Menschenkind einsam und hilflos da. Das arme, geplagte Menschenkind, das Mütterchen Stine, der es höchstes Glück bedeutet, Kinder um sich haben zu dürfen, zerbricht an dieser Zeit, die hart und grausam und so wenig mütterlich ist. Die Arbeitermutter Stine opfert und dient. Sie opfert Stück für Stück ihres großen Herzens und ihres schmächtigen Körpers. Ihr Leben, das sich mit fünfundzwanzig Jahren schließt, besteht aus immerwährendem Geben. Ihr, der zutiefst Demütigen und Gläubigen, hat niemand je gegeben... „Deutschland habe ich als mein geistiges Vaterland betrachtet," schreibt Martin Andersen-Nexö in einem Privatbrief.„Jetzt ist das alles vorbei..." Der fünfundsechzig- jährige Dichter steht in der vordersten Kampffront gegen l'aschismus und Reaktion. Viele Zeitschriften und Zeitungen der deutschen Emigration können mit Stolz Andersen-Nexö zu ihren Mitarbeitern zählen. Ach, wie viele Dreißigjährige nennen sich„jung" und noch, noch einmal„jung". Sie lärmen und schreien und schlängeln sich immer in den Vordergrund. Der fünfundsechzigjährige Kämpfer Martin Andersen- Nexö ist wahrhaft jung! Wie gern hätten die Braunarier ihn gleichgeschaltet gesehen! Wie würden sie mit ihm, dem nordischen Dichter, Protztouren unternehmen! Wie oft würde der Goebbels ihn in amtlichen Lobeshymnen erwähnen!... Der Sozialist Andersen-Nexö erhebt im„Braunbuch" seine Stimme:„Der Faschismus ist der Kapitalismus, im Moment, da er sich als Bestie enthüllt. Unser heutiger Kampf ist wie jeder Kulturkampf der Kampf für den Menschen gegen die Bestie. Wer noch darüber im Zweifel ist, schaue sich das heutige Deutschland an." Kamerad Andersen-Nexö, wir danken Dir. Zu Deinem Geburtstag, den keine teutsche Zeitschrift, kein teutscher Sender erwähnen wird, geloben wir Dir, mit Dir zu streiten gegen die alte Welt, die reif ist für den Schmclztiegcl. Heinz Wiclek Englisches Theater in Salzburg Die Salzburger Festspiele werden in diesefh Jahre eine interessante Belebung ihres Programms durch das Gastspiel einer englischen Theatergruppe erfahren. Auf Veranlassung von Max Reinhardt ist die„Oxford University Dramatie Society", die berühmte Gesellschaft von Amateurschauspielern, zur Teilnahme an den Festspielen eingeladen worden. Die englische Truppe wird im August„Richard III." spielen, und es ist bereits in Aussicht genommen, daß sie auch noch ein zweites Stück in Salzburg zur Aufführung bringen wird. (hidwängtccs JUuisec Wir haben hier kürzlich über die„Bayreuther Abende", die mit einem deutschen Sängerensemble und in deutscher Sprache in der Grande Opera unter Herrn Furtwänglers Führung stattfanden, berichtet. Wir haben uns, um nicht in den Verdacht zu geraten, aus politischem Ressqntiment eine künstlerisch einwandfreie Leistung herabzusetzen, jeder eigentlichen Kritik enthalten, lediglich die barbarischen Striche, die jeden Kenner der Wagnerschen Werke empören mußten, und die der Herr Vizepräsident der Reichs- Utusikkammer trotz ausgiebiger Probemöglichkeit eingeführt °der doch übernommen hatte, festgestellt. Nunmehr hat die pariser Theater-Tageszeitung„C o m o e d i a" im Verfolg ihrer Festwochenberichte auch zu den deutschen Galaabenden nochmals ausführlich Stellung genommen. Wir zitieren dieses Eachblatt, weil es bekanntermaßen gerade bei internationalen Gastspielen oft mehr höflich als kunstkritisch in seiner Beurteilung ist. Der Kritiker Gh. Tenroc, der die darstellenden deutschen Kräfte mit Ausnahme der Herren £itnmerman, Jannsen und Kipnis(der soeben als Nicht- Srier aus den Kunstdiensten des„dritten Reiches" freiwillig ausgeschieden ist), als„mittelmäßig" bezeichnet, sagt dann ^örtlich über Herrn Furtwänglers Meistersinger-Interpreta- tion:„Sagen wir es frei heraus, auf die Gefahr hin, jene «Galaphilen", die ihr ästhetisches Vergnügen vom glänzenden äußeren Anlaß abhängig machen, zu entsetzen: es war eigentlich eine Enttäuschung, zumindest für lateinische Augen und Ohren. Ich will gerne glauben, ohne daß ich es beweisen könnte, daß diese Aufführung den deutschen Traditionen gemäß war, d. h. denen der Mottl und Richter vielleicht, keinesfalls denen eines Nikisch. Wie dem auch sei. Man muß erstaunt sein über den Mangel an Leben, Relief und Kontrast in dieser W ieder g abe. Vom Vorspiel an, das in einem schnellen Tempo das feierliche Gehabe und die Karikatur der„Meister" entstellt, ist man etwas verwirrt. Und im ersten Akt bleibt alles flach, scholastisch, oft langweilig. Im zweiten hat weder der Sachs-Monolog, noch die wunderbare Nürnberger Nachtstimmung, noch auch das entfesselte Finale den eigentlich Wagnerschen Charakter. Und im dritten wird wohl das Vorspiel von Herrn Furtwängler sehr schön wiedergegeben, aber eben doch mehr konzert- als opernmäßig. Das Quintett, das den ersten Teil dieses Aktes beschließt, erscheint durchsichtig und zart. Aber die Gesamtdarstellung ist kalt, wohl vorbereitet, aber ohne Seele, und hundert Details gehen verloren. Man erwartete viel von Furtwängler. Dieser Dirigent, der Augenblicke hat, in denen er genial anmutet, schien in seiner Entfaltung gelähmt zu sein. Vier Stunden lang hoffte man vergeblich, ihn aus sich herausgehen zu sehen, wie es ihm doch gegeben ist. Er gibt Zeichen wie dieser oder jener Orchesterpraktiker auch, ohne jene unwiderstehliche Begeisterung, mit der etwa ein Messager alles beseelte." Soweit„Comoedia". Die Beurteilung anderer Pariser Blätter war nicht viel besser. Aber was liegt schon daran. Hauptsache ist, daß das mit Recht kaum noch gelesene„Berliner Tageblatt" über 4 Spalten weg von dem Pariser Sieg des deutschesten aller Musikherolde berichten konnte. Die Reichsmusikkammer hat zwar das Spielen von„Potponrris" in Deutschland untersagt. Um jenes Potpourri, das ihr Vizepräsident Furtwängler aus Wagners Meisterwerk mit Rotstift und Primadonnenallüren verfertigt hat, wird sie sich kaum kümmern. Ein Glück, daß es wenigstens außerhalb Deutschlands noch hie und da eine Kunstberichterstattung gibt, die sich durch keipen Ejopaganda-Nebel ihr gesundes JJrtei! trüben läßt. J\ W. (Den deutschen cKmkew Hebt hoch das Beil! An euren blutigen Händen klebt noch das Hirn vom Vordermann. Hebt hoch das Beil! Da euch kein Gott mit Feuerbränden vertilgen kann!. Wenn ihr zu euren Huren geht, wascht euch gut ab. Es könnte sein, daß sie ein Schauder packt und sie den Inhalt ihres Magens auf den Teppich brechen. Könnt ihr noch essen, schlafen, ruhig sprechen, nachdem ihr unsre Köpfe abgehackt— so nahe unserm Grab? fU, Ihr könnt es noch. Denn ihr seid deutsche Männer. Ihr seid der Menschheit Spitzenfabrikat. Ihr seid die Frucht, erwachsen aus der'Saat, die ausgestreut vom Rhein-Ruhr-Syndikat— Ihr siegfriedhaften Kopfabtrenner! Schlaft gut! Denn ihr braucht Schlaf. Wir werden euch in keinem Traum erscheinen. Ihr sollt auch nicht hinhören, wenn die Frauen weinen, deren Geliebte euer Fallbeil traf. Und grüßt uns die Minister, die das Urteil fällten. Wir wünschen ihnen alles, alles Beste für jeden Tag, der kommen wird und muß: Den Tag, an dem sie unser Blut entgelten bis auf die letzten, kleinsten Tropfenreste! Hebt hoch das Beil! Macht Schluß! Sie verstehen keinen Spaß Auch im Sommer nicht „Der Deutsche", das Organ der Deutschen Arbeitsfront, veröffentlicht am 3. Juli unter der Ueberschrift„Judenfilme sollen wiederkommen" folgende Notiz: „Die„Bayerische Filmgesellschaft" will aus ihren in der Systemzeit gedrehten Judenfilmen heute noch Kapital schlagen! Sie schickt uns eine Einladung zu einer Reihe von Wiederaufführungen, die im Mozartsaal stattfinden sollen, und darunter steht frech und munter jener schmacht fetz igst« aller Kitschfilme:„Der träumende Mund". Mit niemand anderem als der jüdischen Emigrantin Elisabeth Bergner! Sollte es möglich sein, daß die„Bayerische Filmgesellschaft" seinerzeit nichts von dem Empörungssturm gehört hat, der eine nationalsozialistische Ouvertüre und zugleich ein rauschendes Finale zu dem Bergner-Film„Katharina die Große" war? Dann raten wir den seltsamen Herren, den „Deutschen" vom 10. März d. J. nachzulesen und einmal in den Kalender zu sehen, der nämlich das Jahr 1934 schreibt! Das ist aber noch nicht alles. Außer dem genannten Film ist noch„Die Privatsekretärin" vorgesehen. In ihm spielt — das scheint man vergessen zu haben, denn es steht nicht gedruckt— der vor einem Jahrzehnt eingewanderte, jetzt aber längst getürmte Ostjude Felix Bressart(ursprünglich Breslauer geheißen) eine der Hauptrollen! Wir nehmen Gelegenheit, der— medizinisch bei der Hitze vielleicht erklärlichen— Gedächtnisschwäche der Bayerischen Filmgesellschaft nachzuhelfen. Hoffentlich weiß man im eigensten Interesse, was zu tun ist, sonst wird man es schnell dazulernen müssen. Auch im Sommer versteht das deutsche Volk des„dritten Reiches" nun mal keinen Spaß!" Jiacoline ßioecnson Karoline Bjoernson, die Witwe des berühmten norwegischen Dichters, ist in Oslo im Alter von 98 Jahren gestorben. Ein außerordentliches Leben hat sich damit erfüllt, ein Leben für den Geist und für die Kunst. Diese ungewöhnliche Frau stand in einer Zeit großer literarischer Umwälzungen an der Seite eines Mannes, der an dieser Bewegung, der Bewegung des Naturalismus, führend mitwirkte. Sie war nicht nur die Gefährtin Bjoernsterne Bjoernsons, sie war auch seine Mitarbeiterin, und sie war vor allem in jener großen Zeit der skandinavischen Dichtung, die für immer mit dem Namen Ibsens verbunden bleibt, eine Mitkämpferin für die neuen Ideen, die in das damals müde gewordene Leben der Literatur hineingetragen wurden und die den Dichter aus seiner lebensfremden Isolierung herausreißen, ihn wieder in einen nahen Kontakt mit den lebendigen Problemen des modernen Menschen drängen sollten. An dieser literarischen Bewegung, deren Ausstrahlungen fortwirkten, auch als der„offizielle" Naturalismus längst abgeblasen war, hat Karoline Bjoernson denkwürdige Verdienste. Sie war eine schöpferische Frau im Kreise schöpferischer Männer. Ihr Name wird in der Literaturgeschichte stets genannt werden, wenn man von diesen Männern spricht. Nach dem Tode Bjoernsons war sie die treue Hüterin seines Werkes, und ihr Haus in Norwegen wurde fast zur Pilgerstätte. Dort lebte sie in stiller Zurückgezogenheit, aber immer bewegt von den Problemen des geistigen Lebens, in einer Rüstigkeit, die für eine Greisin bewundernswert war. Jemand hat sie einmal die Mutter der Literatur genannt. An ihrem Grabe weinen viele Kinder, M. R. Stil In der Zeitschrift„Die Literatur", Deutsche Verlags» anstalt Stuttgart, lesen wir: „Der Stilwille des Nationalsozialismus ist moderner, weil er unseren Einsichten vom Leben, nämlich, daß Leben einen ,viel größeren(lieferen) Raum umspannt, als der historische Materialismus wahr haben will, in einer umfassenden Weise entgegenkommt. Nationalsozialismus, oder genauer die or- ganische Verschmelzung der himmlischen und irdischen Gegensätze auf einer neuen Stufe, ist mit seiner endlichen Versöhnung von Glauben und Wissen zwar noch nicht der, Stil, aber das Stilverlangen untrer Zeit^ Das bunte Vlatt Malaga, Var International Ein Schaufenster mit Meeresgetier, Fleisch und Fisch, eine niedrige Tür— dahinter ein Vorhang, um das Sonnenlicht abzuhalten,' ein weitzgetünchter niedriger Raum voll rost- schutzsarbener Eisenträger und an der Theke der Wirt, dick, schielend, mit einer ewig schmutzigen Schürze— das war die Bar Jnternacional in Malaga. Ein guter Aufenthalt? Si, Senor, das will ich meinen. Besonders abends, wenn die Freuden beginnen. Zuerst zieht die Vorsteherin eines Mädchenpensionats ein— wirklich, sie hat so ausgesehen, in ihrem streng hochgeschlossenen schwarzen Seidenkleid mit ebenso streng zurückgekämmten Haaren und einem Kneifer auf der Nase. Diese ehrwürdige Dame arbeitet auf dem Klavier. Einfache Kinderlieder spielt sie und Volksweisen, und ebenso einfach ist die Kleidung der Sängerinnen, die sie zum Vortrag bringen: ein Schal um die Hüften.— Sonst nichts? Nein, sonst nichts, und auch seiner entledigen sie sich im Eifer des kindlichen Sinkens. Dann schwenken sie die Schals wie die Stierkämpfer ihre roten Tücher und das kafseekonsumierende begeisterte Publikum schmeißt Hüte auf die Bühne, die die Künstlerin zum Dank für die empfangene Huldigung graziös aufsetzt und kokett wieder zurückwirft. Das beißt in den Augen, caramba, wie das Licht, das über der Stadt steht. Aber nicht das war es, was mir die Bar so teuer machte. Ich will nichts verschweigen, oder durch schöne Worte be- Mänteln, dies ist eine Geschichte ganz ohne jede Shinft und eigentlich müßte sie wahrheitsgetreu in Madrid beginnen, im Sprechzimmer eines Arztes, und mit dem, was er gesagt hat: Gehen Sie nach dem Süden, um sich vom Madrider Klima zu erholen: So kam ich nach Malaga. Und über die Hauptpost dort ohne weitere Umwege in die Bar Jnter- nacional. Denn die Jungs auf der Hauptpost geben immer die besten Ratschläge. ^Täglich punkt 12 Uhr versammeln sich in allen spanischen Städten die deutschen Tippler auf der Hauptpost,' dort muß man vorbeikommen. Mich haben sie in Malaga in die Bar Jnternacional geschickt,' dort ists richtig, haben sie gemeint, offenbar meiner langen Hosen wegen und weil ich überhaupt städtisch gekleidet bin. Die Sonne glänzt und das Meer, und Malaga ist die wichtigste Hafenstadt Südspaniens: ihre Lage ist herrlich und ihr Klima ist herrlich, und Preise macht man dort— Preise, wie nirgends so billig. Dafür ist sie auch das Eldorado gescheiterter Existenzen. Si Senor. Ich habe sie kennengelernt und drei von ihnen wurden sogar meine Freunde: sie tragen fa Schuld daran, daß mein Aufenthalt im Süden ein so schnelles Ende fand. Sie sind noch neu im Lande, Herr: Ihnen muß man ein- mal ein Kolleg über die soziale Anatomie Spaniens lesen— sonst werden Sie mit Ihren transpyrenäischen Ansichten hier sehr bald Bankrott machen. Hier hat alles ehrwürdige Ver- gangenheit, das ist die Hauptsache. Gegenwart und Zukunft zählen nicht. Schauen Sie sich einmal den spanischen Adel an. Die Granden, die einst ein Reich beherrscht haben, in dem die Sonne nicht untergegangen ist. Heute hat man Lust, ihnen zehn Centimos und eine Zeitschrift für Kultur zuzu- werfen, ists nicht so? Bien, und jetzt wundern Sie sich bitte nicht über meine Freunde: Der eine war Bankdirektor: gewesen natürlich. Und nach dem sonnigen Süden hat es ihn schon deshalb gezogen, weil er wegen kleinerer geschäftlicher Vergeßlichkeiten das Sonnenlicht seiner Heimat einige Jahre nur durch Gitterstäbe gebrochen genießen durfte. Jetzt ist er Kohlenschipper in Malaga in seiner freien Zeit: im Haupt- beruf präsidiert er die Stammrunde in der Bar Jnter- nacional. Der andere aus der Bar war einmal Mönch— jetzt lebt er mit drei Frauen. Oder von ihnen? So genau habe ich das nie herausgebracht. Aber da war noch der dritte, der Rechtsanwalt— auch ein gewesener— der hatte seine Mädel, die für ihn arbeiteten, das war eindeutig. Eine feine Gesellschaft? Si, Senor, das will ich meinen: Ich habe mit den Caballeros Karten gespielt, drei Tage und drei Nächte— des Morgens voller Witz, des Abends toll und voll— und es gab keine Differenzen. Na also. Natürlich waren die Karten gezinkt— sie hatten keine anderen. Dafür hatten sie sich aus der verklungenen Ver- gangenheit schöne Reden bewahrt und allegorische Bilder: Der„Doktor" zum Beispiel— ich sage das nur, um zu zeigen, wie förmlich es herging— wurde immer vor Spiel- beginn gefragt, ob er auch„ein Pferd laufen" habe. Denn der Doktor besaß eine unglückliche Hand, und es wäre sehr pein- lich gewesen, hätte er Spielschulden machen müssen. Hatte er jemanden„lausend, dann war alles sehr einfach: dann brauchte er bloß vor die Türe zu treten und auf seinem Haustorschlüflel pfeifen, worauf sich aus dem Lichtkreis der nächsten Laterne eine weibliche Gestalt löste, heranstakte und stumm ihre Handtasche überreichte. Und das Spiel ging weiter. Ihr deutschen Maler haben die Entdeckung gemacht, baß Sonnenlicht silbern tönt. Mag sein im Norden oben. In Malaga ist die Sonne Gold, und das Meer ist Gold, und der Wein ist auch Gold, purstes Gold. Und wie haben wir ihn genossen! Allerdings nur, wenn der Wirt betrunken war, bann konnte man ihn umsonst haben. War er nüchtern, hat er höllisch scharf aufgepaßt, immer mit einem Auge auf das Spiel geschielt und mit dem andern den Betrieb überblickt. War er betrunken, dann schielte er noch stärker, aber er sah nicht mehr so klar. Das ging leider sehr rasch vorüber— Orgien mußte man deshalb im tempo furioso feiern, denn im tempo furioso kam gleich sein Katzenjammer nach. Und im Fluchen war er nicht knauserig: noch brannte der Wein und schon entflammte sein Haß gegen alles, was sich in- zwischen an seinen Vorräten gütlich getan hatte. Ueber die Gäste, die Kellner, die Mädchen und die Fremden, die von der Straße hereingeholt wurden, fiel er her, in allen Sprachen der Welt: spanisch, englisch, deutsch, französisch, arabisch konnte man dabei lernen. Da haben Sie die Erklärung für den Namen des Etabliffe- ments.— Die Stunden schwankten dort wie die Barken im Hafen, die dem Rollen des Wassers nachgeben. Und jede dehnte sich und schillerte und bot immer wieder neue Ueber- raschungen. Am schönsten war es immer, wenn einer der Spieler schreckensbleich aufsprang und stammelte, man habe ihm seine Briestasche gestohlen. Da schmissen die andern die Karten hin— wie könne man ihnen als Ehrenmännern zu- muten, unter solchen Umständen weiter zu bleiben? Das knallte schlimmer als eine Ohrfeige und dabei war das ganze nur ein kleiner Scherz— die Briestasche hat sich stets wiedergefunden. Lediglich ein einziges Mal nicht, und da war es die meine. Das geschah am dritten Tage meines Aufent- Haltes in Malaga— für drei Wochen hatte ich mich gerüstet. Und so fuhr ich am Abend dieses dritten Tages wieder nach dem Norden. Im Zuge habe ich gelesen, daß Malaga,„die schöne", in eine prächtige Bucht des Mittelländischen Meeres gebettet ist, daß sie überreich ist an immerblühenden Gärten, baß wie ein Berg aus ihrem Häusermeer die Kathedrale Santa Maria de la Encarnacion emporragt, ein herrlicher Re- naissancebau, der heute noch nicht fertig ist, und daß man von seinem Glockenturm einen entzückenden Rundblick über die Stadt und ihre reizvolle Umgebung genießt. Was ich noch sagen wollte, da man von mir immer Reiseschilderungen verlangt. Frck. Ist Eifersucht heilbar? Wir können von einer neuen und überraschenden wissen- schastlichen Entdeckung berichten. Und wir entnehmen unseren Bericht einer französischen. Aerztezeitung von wissenschaftlichem Rang, nicht etwa einer„populären" Dar- Julikinder Wir Kinder im Juli geboren Lieben den Duft des weißen Jasmin, Wir wandern an blühenden Gärten hin Still und in schwere Träume verloren. Unser Bruder ist der scharlachene Mohn, Der brennt in flackernden roten Schauern Im Aehrenfeld und auf den heißen Mauern, Dann treibt seine Blätter der Wind davon. Wie eine Julinacht will unser Leben Traumbeladen seinen Reigen vollenden, Träumen und heißen Erntesesten ergeben, Kränze von Behren und rotem Mohn in den Händen. Von Hermann Hesse. Gefahrliche Freudenfeuer Am letzten amerikanischen Unabhängigkeitstag ist in den Vereinigten Staaten ein neuer wenig erfreulicher Rekord geschlagen worden: ein Rekord der tödlichen Unfälle. I» ganz USA. wurden 175 Personen gezählt, die bei unvor- sichtiger Entzündung von Raketen und Knallbonbons ums Leben gekommen sind. Allein in Neuyork erhebt sich die Zahl der Verwundeten auf 2600. Alle Krankenhäuser sind überfüllt mit Unglücklichen, die am 4. Juli Entstellungen oder zahlreiche Quetschungen erlitten haben. Es wird im kommenden Jahr untersagt werden, gewisse Feuerwerks- körper ohne behördliche Genehmigung abzubrennen. stellung für Laien. Es handelt sich um nichts Geringeres, als wie um ein Mittel zur Heilung der Eisersucht, und der Entdecker dieses Mittels ist der französische Arzt Dr. Paul Farez. Wenn die Eifersucht„heilbar" ist, so ist sie also nicht ein Charakterfehler, ein„Laster", sondern eine Krankheit. Es ist zu bemerken, daß diese Auffassung vom Wesen der Eiser- sucht vielleicht ungewöhnlich ist und befremdend erscheinen mag, aber keineswegs als neu und„noch nie dagewesen" angesprochen werden darf. So unterscheidet z. B. schon Freud, der Begründer der Psychoanalyse eine gewöhnliche und sozu- sagen„gesunde" Form der Eisersucht, von der krankhaften; Eifersucht, der„wahnhasten" Eifersucht oder dem Eifersucht»-' wahn. Die gewöhnliche Eifersucht gehört zu den Affekt- zuständen, die man, ähnlich wie die Trauer, als normal be- zeichnen darf. Anders verhält es sich mit der wohnhaften Eifersucht. Sie ist nicht mehr normal, ja sie ist krankhast. Sie ist eine Geisteskrankheit, die mit Recht ihren Platz unter den klassischen Formen der Paranoia ldes„Irreseins") be- hauptet. Der französische Arzt Dr. Paul Farez sieht nun gleichfalls die anormale Eifersucht als eine Krankheit an. Aber nicht als eine Geisteskrankheit, sondern als wesentlich körperlich bedingte Krankheit, der man also auch mit körper- lichen Heilmitteln zu Leibe rücken kann. Das Heilversahren besteht hier in einer Hormonkur. Diese Kur dauert längstens zwei Monate, während welcher der„Patient" einen be- stimmten Hormonextrakt verabreicht erhält. Nebenher geht eine Behandlung der Galle. Schon Aristoteles unterschied eine schwarze Galle, deren Ueberwiegen in den Körper- sästen eine„schwarzgallige" d. h. melancholische Gemütsart erzeugt, während ein Ueberschuß der von der Schwarzgalle verschiedenen„gelben Galle" ein cholerisches und eifersüch- tiges Temperament erzeugt. Auch Dr. Farez ist überzeugt, daß die„gelbe Galle" etwas mit der Eifersucht zu tun haben müsse und er will diesen seelischen Asfektzustand durch eine kunstvolle körperliche Umstimmung beseitigen. Er betont da- bei ausdrücklich, daß es sich hier nicht um eine bloße Theorie handle, sondern daß durch seine Hormonkur und Gallen- bchandlung schon schwerste Fälle wahnhafter Eifersucht er- folgreich behandelt worden seien. R. H. in der„Basler National-Zeitung". Unsere Töchter, die Oswinen Roman von Hermynia Zur Mlihlen. zy „Ja, Arthur, möge es allen Feinden unseres Vaterlandes so ergehen." Mir war ganz feierlich zumute. Gott selbst hatte sich in diesem Fall auf meine Seite gestellt. Wer konnte wissen, was für Verbrechen der Doktor Bär in seinem langen Leben be- gangen hat? Unerlaubte Eingriffe und derlei Dinge. Ich weiß ja, daß er immer gegen den Paragraph 218 war. Nicht wie mein Arthur, dem sogar das keimende Leben immer heilig gewesen ist. Seit dem Tod deS Doktor Bär grüßt mich die Gräsin Agnes überhaupt nicht mehr. Aber die wird schon noch klein werden, genau wie die Frau Major, die noch nie so liebens- würdig zu mir gewesen ist, wie jetzt. Es wirkt fast wie Angst. Doch wovor sollte sie sich fürchten? Sie hat einen Sohn beim Stahlhelm, und der Stahlhelm gehört doch zu uns. Natür- liuj schadet es gar nichts, wenn diese feinen Damen ein wenig bescheidener werden. Wir haben die Macht errungen, in vielen heißen Kämpfen, in langen qualvollen Jahren, selbstverständlich stehen nun wir an erster Stelle. Ich merke das jetzt immer. Sooft ich ein Geschäft betrete, kommen die Leute gelaufen, und es ist ein Getue um mich, wie nie zuvor. Nur der Apotheker vom„Blauen Engel" macht ein mür- risches Gesicht: ich ginge ja nicht in sein Geschäft, wenn der andere Apotheker französischen Puder hätte. Aber so bin ich gezwungen, bei diesem Demokraten, diesem Mann einer Jü- din einzukaufen! Der Besitzer der Seeapotheke machte mir und meinem Mann natürlich Vorwürfe: aber warum hat er keine besseren Waren im Geschäft? Man muß doch mit der Zeit gehen. Selbstverständlich bin ich für die Autarkie: das Volk muß den Grundbesitz unterstützen, auch wenn die Nah- rungsmittel dadurch etwas teurer werden. Wahrer Patrio- tismus fordert immer Opfer, und wir Deutschen waren seit jeher eine opferfreudige Nation. Früher bin ich immer über die Schweizer Grenze gegangen^ etwas konnte man ja jedesmal herüberschmuggeln, und wir mußten doch sparen. Jetzt jedoch hat Arthur es mir verboten. Dabei ist es eine Frech- heit, was die Bauern für Milch und Butter und Eier ver- langen. Aber denen wird das Handwerk auch noch gelegt werden. Die Hauptsache ist, daß wir die Juden aus der deut- schen Wirtschaft ausschalten, dann wird alles gleich billiger iverden. Wenn ich bedenke, wie diese Bärs gelebt haben! Ein eigenes Haus, acht Zimmer, und die Mädchen haben sie noch immer nach dem alten Tarif bezahlt, den heutzutage ja kein Mensch mehr gibt. Wo käme man denn da hin? Außer- dem muß man dem Hauspersonal den Standpunkt klar machen: wir sind die Herren, die andern haben sich zu fügen. Was unser neues Haus anbelangt, hatte ich für den Salon eine so sinnige Idee: ich wollte ihn schwarzweißrot tapezie- ren und auch die Einrichtung in diesen uns Deutschen so teuren Farben halten. Aber Lieselotte lachte mich aus: das arme Kind hat keinen Sinn für Innendekoration, und Arthur schob die Brauen hoch und meinte: „Lieber nicht, Martha. Ich würde an deiner Stelle eine Neutrale Farbe wählen." Trotzdem wird mein Salon entzückend. Altdeutsch, mit Butzenscheiben, und im Erker werde ich ein Spinnrad auf- stellen, als Symbol trauter deutscher Häuslichkeit. An der Wand soll ganz groß das Bild des Führers hängen, in Gold gerahmt. Nur mit dem Bücherschrank habe ich meine Last. Es heißt, daß alle zersetzenden, fremdrassigen, undeutschen Bücher verbrannt werben sollen, und nun weiß ich noch nicht, welche Bücher unter diese Kategorie fallen. Selbstver- ständlich die jüdischen Autoren. Doch sollen auch einige Chri- sten, verjudete Christen, dazu gehören. Und auch unsittliche Bücher. Ob wohl Hans Heinz Evcrs herrlicher Roman„Al- raune" ebenfalls verbrannt wird? Ich muß ja zugeben, daß er ein wenig gewagt ist: dennoch schildert er so wunderschön die verderbten Sitten gewisser, zweifellos jüdischer Groß- stadtkreise. Man kann so viel aus dem Werk lernen: ich habe eS schon fünfmal gelesen. Eigentlich muß ja die rein« deutsche Frau wissen, welche Gefahren ihrer Unschuld und der Un- schuld ihrer Töchter drotzeni wie kann sie sich sonst schützen?. Aber jetzt ist es für Immer vorbei mit dieser Sittenverderb- nis: unsere Führer wachen über die Keuschheit der heran- wachsenden Jugend: die geile Jazzmusik wird verboten und durch Richard Wagners herrliche urdeutsche Revolution ist nicht nur etwas Aeußerliches, nein, sie dringt auch in die Seelen ein und reinigt sie von allem Bösen. Jetzt wirke ick mit meinem langen Haar nicht mehr altmodisch und brauche auch nicht länger diese schrecklichen kurzen Röcke zu tragen. Nach einem gewissen Alter werden die Beine ja doch dicker, und es ist besser, sie zu verdecken. Außerdem wirken, das habe ich immer wieder gesagt, die kurzen Röcke direkt unan- ständig. Das sagte auch neulich der Herr Pastor zu mir. Wir hatten eine wundervolle erhebende vaterländische Feier. Aus München war der Hauptmann Röhm gekommen, der eine erschütternde Ansprache an unsere Jugend hielt. Er sprach zu den jungen Menschen wie ein treubesorgter Vater, i nd mir traten die Tränen in die Augen, als ich sah, mit welch liebevollen Blicken er die Jünglinge betrachtete. Aus seinen Worten und seiner ganzen Art strömte eine rührende Herzlichkeit. Wohl uns, daß unsere Jugend solche Führer und Erzieher besitzt. Die Jugend der andern Länder kann uns um sie beneiden. Ich weiß nicht, weshalb meine Liese- lotte während der ganzen Rede mit dem Lachen kämpfte: aber sie ist eben noch jung und übermütig. Uebrigens bin ich jetzt mit ihr außerordentlich zufrieden. Sie fügt sich in allem den Wünschen ihres lieben Vaters, und er und ich, wir beide, sind ja so glücklich über ihre Verlobung. Mein künftiger Schwiegersohn, der Baron Hellsdorf, ist ein reizender fein- fühlender Mensch, und hat einen goldenen Humor. Unlängst beim Abendessen schilderte er uns, wie es in den Konzentra- tionslagern zugehen würde. Die Asphaltliteraten, die Par- teibonzen der Kommunisten und der Sozialdemokraten, die Juden, die unsere Gastfreundschaft nicht zu würdigen ver- standen haben, werden ertüchtigt. Sie werden turnen und exerzieren müssen. Er spielt unS eine ganze Szene vor, wie ein alter dicker Jude zu turnen versucht. Lieselotte und ich lachten Tränen darüber. Es war aber auch wirklich z» drollig. Uorjjetzu«s jolgt/ Krise Bonmcrguc-Tartiäcu-ficrriol Der greise Ministerpräsident als Sdiiedsriditer Paris. 28. Juli, a. PH. Ueber Nacht ist es zu einer Krise der Regierung Toumergue gekommen, man kann fast sagen, gerade in dem Augenblick als der Ministerpräsident den Zug bestieg, der Mm in seinen Heimatort Tonrnefeuille bringen sollte, Ivo er sich einmal 14 Tage lang von den Regierungsgeschäslen er- holen wollte. Doch mit des Geschickes Mächten!... Bielleicht sitzt, wenn diese Zeilen im Druck erscheinen. Don- mergue schon wieder im Zuge, der ihn nach Paris zurück- führt, nach Paris, wo, wie ein hiesiges Blatt ichreibt, die Kin» herchen recht ungezogen wurden, kaum daß Mütterchen ihnen den Rücken gekehrt halte. Keinem, ob er im Lager Dar dien, der den Streit vom Zaun brach, oder in dem H c r r i o t s steht, der jetzt als treuer Sekundant für seinen Freund Chautcmps i» die Bresche springt, keinem ist recht wohl bei dieser Krise. Denn keiner ivill die Berantivortung vor dem Volke dafür tragen, daß eine Regierung gestürzt werden soll, die wirkliche positive Erfolge in der Innen- und Außen-, in der Finanz- und Wirtschaftspolitik aufzuweise» hat, aus deren Konto eS zu schreiben ist, daß die Gemüter sich nach dem kritischen 6 Februar mit dem beabsichtigten Sturm der Rechlsbünde auf die Kammer wieder beruhigt haben— vor allem will kei- »er den Manu am Staatsruder missen, dessen Autorität in ganz Frankreich unbestritten ist: Toumergue. Er soll jetzt das Amt des Schiedsrichters verschen, zu dem ihm mit den Minister» seiner Regierung die gesamte sranzö- fische Ocfscntlichkeit aufruft. Man hat das Vertrauen zu ihm, daß sein Spruch, wie immer er auch aussallen möge, die Lage entspannen ivird. Wird Tardieu gehen und damit dem Rate folgen, den Herriot in der Kabinettssitzung am Freitag erteilte und der in kurzen Worten lautete: Tardieu und Herriot scheiden aus der Regierung aus. Tardieu als Ttörer des Burgfriedens, Herriot als Führer der Partei, die in der Person ihres Fraktionsvorsitzenden Chautcmps sich von Tardieu angegriffen fühlt. Alle übrigen Minister, auch die radikalsozialistischen behalten ihre Aemter weiter, um dem Land neue Ausregungen zu ersparen. Mit Tardieus Ausscheiden aus der Regierung rechnet man all- Zell? im Herker Vandervelde darf ihn nicht besuchen Der OND. erfährt: Der Vorsitzende der Sozialistischen Ar- beiterinternationale Emile Vandervelde wollte aus sei- »er Reise zur Arbeiter-Olympiade nach Prag über Wien sah- ren, um seinen alten Freund den Wiener Bürgermeister Karl Teitz im Gefängnis, in dem er, obwohl schwer krank, seit fünf Monaten geHallen wird zu besuchen. Tie Regierung Tollfuß hat Vandervelde nicht erlaubt, Scitz einen kurzen Besuch abzustatten. Der Landesrat der Sozialistischen Partei Frankreichs hat folgende Kundgebung beschlossen: »Der Landesrat lenkt d'e Aufmerksamkeit der Welt auf die Tatsache, daß Karl Scitz, Bürgermeister von Wien, früherer Der Landesrat brandmark! d'e Barbarei. mit der Dollfuß einen schwerkranken Mann und zivei Frauen, die kein an- deres Verbrechen begangen haben, als Sozialisten zu sein, gefangen hält, ohne sie vor Gericht zu stellen. Ihr Leben ist in Gefahr, Pflicht der Arbeiter. P'licht der Weltöffentlichkeit ist es. sie zu retten!" Die Auslandskorrespondenten Beschränkt und bösartig Durch die deutsche Presie geht ein Artikel„Augen, mit denen die Welt uns ficht", in dem die Orrganisation der Auslandspresse in Teutschland oberflächlich beschrieben wird! dennoch ist einiges an dem Artikel interessant, dadurch da» hier die einzelnen Korrespondenten und Zeitungen einer Kritik unterzogen werden. Am wenigsten paßte dem Regime Mr. Mowrer, der Vertreter der»Chicago Dailn News", mit Vergnügen wird seine Ausweisung wie die der Engländer Noel Panier und Pembroke Stephens vom„Dailn Tele- graph" und»Dailn Erpreß" zitiert. Als verständnisvoll für das„neue" Teutschland gilt der Rothermercmann Ward Price. Ueber den Vertreter der„Times", Ebbut. wird vielgemein daß Herriot gehen darf, glauben viele nicht. Will Herriot nur deshalb gehen, so fragen sie, um für die Zukunft Handlungsfreiheit zu haben, um vielleicht nach den Sommer- serien beim Wiederzusammenlritt der Kammer der Regie- ruug dann Schwierigkeiten zu bereiten!' Soll die Krise also nur vertagt nicht aber beendet werden!' Eine Regierung ohne die Radikalsozialisten ist unter den gegenwärtigen Parteioerhältnisfen in Frankreich unmög- tich, würde keine tragsähige Basis haben. Das ist auch die Auffassung, die in den Blättern fast aller Richtungen immer wiederkehrt. Nur wenige schüren das Feuer. Fast ausnahmslos wünschen sie eine friedliche Bei- legung des Konflikts in: Schöße der Regierung.> Tic Meinung der Mehrheit der Blätter ist im„Jntran- sigeant" wiedergegeben, wenn es da heißt, am Dienstag- oder am Mittwochmvrgen werde Toumergue in Paris mit sei- nen Minlstern beraten. Daß:o lange die Streitigkeiten im Schöße der Regierung ruhten, sei nur zu begrüßen. Während der Pause dürften sich die Geister völlig beruhigen, und die erwartete Lösung werde sich dann auch in einer reineren Atmosphäre vollziehe». Auch ein ausgesprochenes Rechtsblatt wie der„Matin" gibt der Ucberzeugung Ausdruck, daß es bei etwas gutem Wil- len möglich sein müsse, eine Lösung zu finden, von der das Kabinett Doumcrguc unberührt bleibe. Eherons Besuch in Tonrnefeuille hat die beginnende Klärung vorbereitet. Er hat dem Ministerpräsidenten Vortrag über die Freitag- sitzung des Kabinetts gehalten, und nun bereitet Toumergue die Entscheidung vor. Am Dienstag ivird er selber mit dem Kabinett beraten und am Mittwoch wird unter dem Vorsitz des Staatspräsidenten Lebrun der entscheidende Ministerrat stattfinden. Lebrun selbst sprach am Sonntaq in seiner Gedächtnisrede für seinen Amtsvorgänger, den ermordeten Präsidenten T o n n, e r in Aurillac das aus. was einmütig mit ihm ganz Frankreich empfindet:„Die Oeffentlichkeit würde nicht zulasse», daß der Gesundungsprozeß, den Don- mergue eingeleitet habe, unterbrochen werbe. Sie würde streng mit denen ins Gericht gehen, die nicht alles tun. um für die Folgezeit das zu sichern, ivas Weisheit und Mühe in der letzten Zeit schon in der Ferne zu sehen gestatten." sagenderweise keinerlei Werturteil ausgesprochen. Bon Noung, Reuterbüro, wird festgehalten, daß er auch China bedient:»So kommt es, daß uns ein Riesenvolk wie das chinesische mit denselben Augen betrachtet, mit denen uns Mr. Aoung von seinem Büro in der Zimmerstraße ficht." Die sonstigen Korrespondenten sind weniger interessant als der Schluß des Artikels:„Der eigentliche Wert eines Be- richterstatters wird jedoch durch feine persönlichen Be- ziehungen bestimmt, die ihn mit den Kreisen der Politik und Diplomatie verbinden. Für alle ist Dr. H a n f st ä n g l, der Reichspresseches, ein immer auskunftsbereiter und ver- ständnisvollcr Berater. Dennoch gab es einige Bericht» erstatter, die nicht ohne eine Art privater Spionageorgani» fation auszukommen glaubten Leider fehlte es nicht an dunklen Zwischenträgern, die bereit waren, gegen klingende Münze allerhand Sensationen zu verkaufen. Ein geivifsen- hakter Berichterstatter— die von Dr. Goebbels letzthin ge- geißelte Verwilderung der journalistischen Sitten hat ia nur einen Teil der Korrespondenten infiziert—'wird aber bald die Er'ahruna machen, daß er Sensationen viel billiger und ganz ofken erhalten kann— wenn sie au»' Wahrheit beruhen. Die„zuverlässigen Quellen", aus die viele nicht verzichten zu können glauben, enthalte» meist nichts als Gift und Galle." Also iväre ein telefonischer Anruf bei Hanfstängl, wieviel SA.-Führer umgebracht wurden und wie sie heißen, daß An- gebrachte. Wieso eigentlich die dummen Korrespondenten nicht aus diesen Gedanken gekommen sein mögen? Nazi In Kanada Die getarnte Naz'agitation in Kanada geht nunmehr nicht mehr vom BdA. allein aus. eine zweite Organisation hat sich ihm angeschlossen, die:„Forschungsstelle über(!) das Nieder- sachscntum im Ausland". Diese Stelle versendet einen Aussatz an die Zeitungen, in dem sie die deutsche Kolonisierung Kana- das darstellt. Die Deutschen in Kanada sind nach dieser Dar- stellung„im fremden Volkstum" untergegangen. Die For- fchungSstellc fordert auf:„zu retten, was noch zu retten ist." Tie Nazi erfinden immer mehr Tarnungen für ihre Aus- landsagitation. Reldismlnisker Heß Ein Sadist, der— genau wie Hitler— den anständigen Mann markiert Man schreibt dem„Volksrccht" in Zürich: Reichsminister»Rudolf Heß, der„Stellvertreter des Führers", ist durchaus nicht der harmlose Biedermann, als der er sich in seiner süngsten Rede dem Auslande gegenüber gegeben hat. Wir schöpfen aus Gerichlsaktc», um zu zeigen, welcher sadistischen Schandtaten dieser Mann fähig ist.- Beim Hitlervutsch im Münchener Bürgerbräukeller am Abend des 8.»November 1928 ivaren auch die bayerischen »Minister Knilling, Gurtner, Dr. Schiveyer und»Wutzelhofer verhaftet und in die Villa des alldeutschen»Vcrlagsbuch- Händlers Lehmann verschleppt ivordcn. De» Oberbefehl über die Bewachungsmannschaft führte der spätere»Privat- fekretär Hitlers Oberleutnant Rudolf Heß. Er tat alles, um die Hast deS bei den Hitlerleuten besonders oerhaßten Mitgliedes der Bäuerischen»Volkspartei möglichst unange- Nehm zu gestalten.. Auf Befehl de« Heß verlangte die Wache in der Lehmannvilla vo» dem Minister Dr. Schweyer, daß er während der Nacht seine Zimmertür offenhalte. Gleich- zeitig wurde ein Maschinengewehr mit Lauf gegen sein»Nachtlager postiert. Der im Zimmer befindliche Ofen durste nicht angeschürt werden. Am anderen Morgen wurden die Minister Dr. Schweyer und Wutzelhofer aus»An- vrdnung des Heß in einen Kraftwagen verladen und dem Gebirge zugefahren. Heß machte die Fahrt mit.. Um die Todesangst der Minister zu steigern, ließ er den Kraftwagen wiederholt in den»Wäldern anhalten, die Begleitmannschaft aussteigen und im»Walde nach geeigneten Plätzen zur Er- i'ichUuuj von Galgen hcrumsuchcn. Es ivaren qualvolle Augenblicke fiit die verhasteten Minister, sie standen beide unter dem festen Eindruck, daß ihr letztes Stündlein ge- ichlagen hätte. In den Kreuz- und Quersahrlcn verloren ke jede Orientierung. In Tölz begab sich Heß i» das HauS eines Nationalsozialisten und erkundigte sich nach dem Stand der Dinge in München. Schließlich ließ Heß die »Minister mit zwei verwegenen SA.-Kcrlen allein, die, wie sich iväter herausstellte, ganz erhebliche Vorstrafe» wegen gen,einer»Verbrechen hatten. Wieder ging die Fahrt kreuz und aucr weiter. Dr. Schwever verlor völlig die Nerven und drohte zusammenzubrechen. Am späten»Abend wurden dann die beiden Minister von ihren Begleitern nach»München zurückgebracht. In der Hauptverhanblung. in der Heß nur zur Festungshaft verurteilt ivurde, bedauerte er, daß seine Untergebene» die Minister nicht noch länger festgehalten hätten. Er selbst hätte dies getan. Das Gericht hat fest- gestellt, daß Heß die beiden Minister aus eigenem Entschluß ins Gebirge verschleppte und als Geiseln auf einer Skihütte festhalten lassen wollte. Minister Dr. Schiveyer hat aus- drücklich erklärt, daß dieses Unternehmen„zu Lasten des Lbepleutnants Heß lallt und insofern eine besondere Ge- mcinlicit darstellt als es geradezu in sadistischer Weise darauf angelegt war, die Minister stundenlang in peinliche Todesangst zu versetzen". Er hat vorausschauend auch ge- sagt, daß die Anhänger einer solchen Bewegung imstande sind, die größten Verbrechen des Terrors zu verüben. Das ist inzwischen in Deutschland längst Tatsache geworden und einer der Rührenden dabei ist der„Stellvertreter des Führers",»Rcichsminister Rudolf Heß. Kantänil-Sänger" Unter der Schlagzeile„Verstummt sind die Kantönli- Sänger" schreibt ein braunes Blatt u. a.:„Mit einer Findig- keit sondergleichen wußten sich die schiveizer Zeitungsver- tage auf ihr neues ständiges Publikum in Deutschland einzu- stellen. Wie die»Pilze schössen die Stände mit ausländischen Zeitungen aus dem»Boden. Da lockte man mit alarmierenden Ueberichrjsten. Da gab man Gerüchte als Tatsachen wieder. Und der gutgläubige Zeitungöleser nahm s e l b st v e r- st ä n d l i ch an, daß eS in der Tat um da« neue Deutschland schlecht bestellt sei. Das Gras hö.rt«n die schwedischen gorrr- Ungarn wird reserviert Abkühlung gegenüber dem„dritten Reich" A. P. Budapest. 21. Juli. Seit einigen Tagen ist in der Haltung der ungarischen»Presse gegenüber Deutschland eine deutliche Aenderung zu konstatieren. In der früher gegen Deutschland übcrschwänglich freundlich gesonnenen »Presse vernimmt man feindselige Stimmen, vielfach wird sogar„Greuelpropaganda" getrieben, d. h. es wird die »Wahrheit geschrieben, und nur die Blätter, die sich ausge- sprochen im Besitz der Regierung befinden, nehmen eine kühl reservierte Haltung ein. Die liberalen Blätter, wie„Pester Llond".„Az Est".„Pesti Naplo",„Magnaroszag".„Pcsti Hirlap".„Az Ujsag"-- einige darunter sind halbossiziösc der Regierung—, veröttcntilchen sehr pessimistisch gefärbte Artikel über die katastrophale deutsche Wirtschaftslage. Es ist wahrscheinlich, daß diese»Be- richte aus einer gemeinsamen Quelle stammen. Alle ziehen aus dieser Lage den Schluß, daß das Regime die«chivicrig- leiten im Herbst und Winter nicht mehr werde meistern können. Ausgesprochen deutschfeindlich sind die Zeitungen der Ehristlich-Tozialcn, Uj Nemzedek. Nemzeti U> ag und die zahlreiche Provinzprcssc.»Ncmzcti Ujsag schrieb über den 80. Juni eine Leitartikel, in dem die Hinrichtungen als gcioöhn- liche»Morde bezeichnet werden. Es sei gleichgültig, ob man aus'Beseht von Bela Kun oder von Hitler morde. Die christliche Moral könne diese Mordtaten nicht gutheißen. El» Regime, das sich mit solchen Greueltaten belaste, muise aus der Gemeinschaft der zivilisierten Völker verschwinden. Im Organ der legitiviistische» Nationalisten bezeichnen trotz aller Sympathien für die Rechtsdiktatnr der Ebesredaktcur Abg. Milotay und der Hanptschriftleitcr»Pethö den 80. Juni als eine Verzweiflungstat des HitlcrregimeS. Hitler wird mit dem Robcspierre verglichen, der seine rechte» und linken Feinde köpfen ließ, um nachher selbst vom siegreichen»Nach- folger geköpft zu werden »Von de» ausgesprochenen Regierungsblättern sind 8 Qraj Ujsag und Fügqctlenseg absolut hitlcrseindlich. Budapests Hirlap bleibt kühl, findet jedoch auch kein'Wort zur»Ver- teidigung Hitlers. Die»Volkszeitungeii und die Boulevard- preise sind ebenfalls klar und deutlich antihitleriich. Dos Publikum ivurde sonst die Zeitungen gar nicht kaufen. Die sozialdemokratische»Nepjzava findet jetzt reißenden»Absatz, da sie seit Beginn des Hitler-Regimes am schärfsten gegen den Hitlerismus Stellung nahm und seit dem 8(i. Juni ungehindert die wahrheitsgetreuen Berichte aus Deutschland bringt. »Man glaubt, daß Gömbös dem Druck der Stinimnng des Landes Rechnung tragen mußte und sich von DcutschlaiG ganz losreißen möchte. Ob dies ohne den Zusammenbruch seiner ganzen politischen Konzeption und ohne eine Krise der Regierung möglich ist, bleibt noch eine ungelöste Frage. In der letzte» Zeit setzten starke»Angriffe auch von solchen einflußreichen politischen Kreisen, die bieder Gö'"bös iiit'er. stützten, gegen Gömbös wegen seiner»Rede in Sopron ein. »Magyarsag schrieb offen, daß. wenn Gömbös die nnuver- legte, Frankreich reizende Rede nicht gehalten hätte und wenn er Barthou bei der Durchreise besucht hätte, die für Ungarn katastrophale Barlhourede milder ausgefallen wäre. '.Umdruck" der Geograpk'e Atlas des deutschen Lebensraums Im Gcografischcn Seminar der Universität Berlin wird a» einem„Atlas des deutschen Lebensraums" gearbeitet. Be- tvnueren sveri ivird dieser Atlas auf die politisch iL cht zu Deutschland gehörigen Deutschen legen.„Dieser Atlas", sagte der Letter des Geografischen Instituts Pros. Norbert Krebs zu einem Ausfrager„geht allen wesentlichen Beziehungen zivischcn Natur und Mensch ans dem Raiini des ganzen dcut- schen»Volkes nach— von Dänemark bis zum Banal, von der Adria b:S Flandern". Selbstverständlich bezieht der Atlas auch jene Deutschen ein, die politisch absolut selbständig sind und nicht zum Reich gehören wollen, ivic die Schweizer. Im übrigen ivird der Atlas geeignet sein, den Rassenwirrwarr zu vermehren. Bekanntlich gibt« nach Günthers heiliger Lehre osttsche, westliche, dinarischc und sonstige Deutsche: der Atlas wird eine Rassekarte enthalten, ans der die Rassen wie- der cinnial nach anderen Grundsätzen eingeteilt werden: der Atlas wird„drei Hauptlypcn des deutschen Menschen" fest- stellen:„den niederdeutschen blonden, den oberdeutschen brü- netten und den mitteldeutschen gemischten Typ." Dieser Atlas zeigt wie selbst die ernsteste deutsche Wissen- schast unter dem»Naziiinwcscn Schaden gelitte,i hat.»Professor Krebs, der an dem Institut des berühmtesten deutschen Geo- grasen»Pcnß lehren darf und der selbst bisher einen gute» 'Namen zu verlieren hatte, ivird mit diesem Atlas vielleicht auf die Gauleiter, nicht aber auf die gelehrte»Welt Eindruck machen. Der geistige Zusammenbruch des offiziellen Deutsch- land wird immer deutlicher. spondenten In Berlin wachsen. Alles entschleierte sich Mircm durchdringenden Auge. Als gar die SA.-Meuterei am 89. Juni das allgemeine Bedürfnis nach Zeitungen ants»ochste steigerte, ginge» die schweizerische» Zeitungen erst auis Ganze. Ihre nnfachttche»Berichterstattung über dieie Ereignisse machte daraufhin das langfristige Verbot notwendig." Das heißt kurz und bündig: der Wahrheit dienen und dem deutschen Ansehen im Auslände. Um Lord HKckeners Iod Merkwürdige Geschichtswissenschaft Der Deutsche»Presseverlag versendet am 12. Juli in seiner Beilage„Die illustrierte Magazinseile" einen auonymen Ar- tikel, in dem behauptet ivird, daß der Untergang der„Hamp- shirc", aus der bekanntlich Lord Ki ich euer zu Grunde gegangen ist. aus eine Anzahl schwerer Kisten zurückzuführen ist, die das Jnteltigenee Service vor der»Abfahrt des Dampfers an Bord gebracht habe. Weiters behauptet der»Artikel, daß erst fünf Stunden nach Benachrichtigung der Küstenwache Hilfe gesendet wurde, daß das»Rettungöschifs kurze Zeit später zurückgerufen wurde und daß man erst viel später die Ber- gungsarbeiten begonnen habe. Der Artikel.schließt:„Wenn jetzt die Meldung kommt, daß die Berglingsarbeitc», die sei! drei Jahren unter»Beschäftigung der besten Taucher der Welt vorgenommen wurden, abgebrochen werden, so werden mit »Rücksicht auf die mannigfaltigen Geheimnisse um die„Hampshire" wieder Zweifel an den Gründen laut werden, die die- ses Vorgehen diktierten." Der deutsche Presseverlag hat besondere Beziehungen zum Propagandaministcrium: es ist hei de,, heutige,i Presseper« liältnisjcn nicht anzunehmen, daß ein so schwerwiegender Ar- tittl wie der vorliegende, der mit kaum verhüllt"» Worte» die englische Regscruna beschuldigt, ihre,, Nriegsminister umge- bracht zu hoben, ohne Wisse» des Ministeriums erschienen ist. Offensichtlich will dieser Artikel sagen: so wie Hitler seine Sumpane«mhracht«^ feitot bereits früher R-gieru»^» ge, fcSMfc Pariser Berichte Marie Ironie Vanhoutte Mit dem Kreuz der Ehrenlegion Paris, 21. Juli Das Kreuz der Ehrenlegion dürfte sicher kein alltäglicher Brautschmuck sein. Mit dieser hohen Auszeichnung geschmückt trat Fräulein Marie Leonie Vanhoutte am Donnerstagvormittag in der kleinen erzbischöflichen Kapelle im Stadtviertel Barbet de Jouy von Paris vor den Traualtar. Sie heiratete den bekannten Schriftsteller Antoine Redier, den gleichfalls die Rosette der Ehrenlegion schmückte. Der Erzbischof von Paris, Monsignore Verdier nahm die Trauung vor. Trauzeugen waren u. a. der General Weygand und Minister Tardieu. Die junge Frau trägt das Kreuz der Ehrenlegion als Belohnung für besondere Tapferkeit, die sie während des Krieges bewiesen hatte. Sie war als Krankenpflegerin in einem Lazarett von Roubaix tätig, das sie gemeinsam mit ihrer Freundin Louise de Bcttigny leitete. Als die deutsche Besatzung nun auch nach Roubaix kam, geriet neben vielen anderen auch der Bruder von Louise de Vanhoutte in deutsche Kriegsgefangenschaft. Um ihn zu befreien und um auch noch andere zu befreien, die das gleiche Schicksal hatten, unternahmen die beiden mutigen Frauen unter dem Schutze ihrer Krankenpflegerinnen tracht abenteuerliche Reisen durch die deutschen Patrouillenketten. Es gelang ihnen, nicht nur den Bruder von Fräulein Vanhoutte, sondern auch noch verschiedene andere Franzosen durch die deutschen Postenketten nach Holland zu bringen. Bei einer Wiederholung dieses gefährlichen Abenteuers wurden die beiden Frauen verhaftet, vor ein deutsches Kriegsgericht gestellt und als Gefangene in das Militärgefängnis in Siegburg bei Köln eingeliefert. Louise von Bettigny starb in der Gefangenschaft. Die zu fünfzehnjähriger Zwangsarbeit verurteilte Marie Leonie Vanhoutte aber wurde durch den bald darauf erfolgenden Friedensschluß aus der Gefangenschaft wieder befreit. Ueber ihre tapferen Taten hat der glückliche Bräutigam Antoine Redier in seinem Buche„Der Krieg der Frauen" spannend berichtet. fifriol Gegen ein Kind Eine Tragödie menschlicher Gemeinheit spielte sich am Donnerstag in dem Vorort Saint-Maur-des-Fosses bei Paris ab. Dort wohnte die mehrfach geschiedene Jeanne Tellier, eine ältere sehr verbitterte Frau, mit einer Familie Fany auf dem gleichen Flur des Hauses der Rue des Abeilles 11. Obgleich die junge Frau Fany alles tat, um das Leben der einsamen Nachbarin ein bißchen freundlicher zu gestalten und sie oft in ihr Haus einlud, verfolgte Frau Tellier ihre Nachbarsleute, denen sie weder ihr Eheglück, noch das Glück ein reizendes Mädchen von 13 Jahren zu besitzen, gönnte, mit wütendem Haß. Dieser Haß entlud sich nun am Donnerstag in furchtbarer Weise. Die kleine Louise-Marie Fany war im Begriff die Treppe hinunterzugehen, als Frau Tellier das Kind anrief. Das kleine Mädchen drehte sich nach der Nachbarin um und erhielt im gleichen Augenblick eine Flasche Vitriol ins Gesicht geschleudert. Der Zustand des sofort in das Krankenhaus Trousseau gebrachten Kindes ist außergewöhnlich ernst; das reizende kleine Gesicht des Mädchens ist zerstört und sie wird für ihr Leben entstellt bleiben. Frau Tellier aber, die auf ihren Geisteszustand untersucht werden wird, hat Gelegenheit, im Gefängnis über ihre Bosheit nachzudenken. Die bedauernswerten Eltern des Opfers der Verhrecherln ater können nicht hegreifen, daß sie, die der Nachbarin nur Gutes taten, von dieser in so grausamer Weise ins Unglück gebracht worden sind. Von der Bühne ins Kloster Zum dritten Male innerhalb weniger Jahre hat jetzt eine junge Schauspielerin das Theater verlassen, um sich aus dem Lärm der Welt in die Stille des Klosters zurückzuziehen. Nachdem Yvonne Hautin und Suzanne Delorme ihr damit vorangingen, will nun auch Maryse Wendling den Schleier nehmen. Vor einem Jahr erst trat sie in der„Comedie des Champs Elysee" in Paris auf und fand damals freundliche Kritik von Seiten der Presse, die ihr Talent rühmte. Maryse Wendling, Elsässerin von Geburt, aus einer Groß- brauerfamilie in Straßburg stammend, zeigte sich schon in jungen Jahren für die Bühne begeistert. Nur ungern gaben die Eltern ihr den Weg frei zu den Brettern, die die Welt bedeuten. In Paris besuchte sie zunächst eine Bühnenschule, dann trat sie im Theater Pigalle, in der Comedie des Champs Elysee und im Theater Michel auf. Ihr Traum, die„Comedie- Fran;aise" erfüllt sich nicht, auch ein Neuengagement am Ende der letzten Spielzeit blieb aus. Sie begann nun das Gesangsstudium, aber auch hier zog sie nicht mit einer großen Rolle das ersehnte große Los. Verbittert und enttäuscht suchte sie nun Aufnahme in einem Kloster in der Nähe von Lyon, wo sie zunächst als Novize leben wird, um dann in einem Jahr den Schleier zu nehmen. Der vergessene Dldifer Anatole Frances Grab ohne Pflege Als die Gattin von Anatole France im Januar 1930 starb, hinterließ sie ihr Vermögen der Stadt Paris mit der Maßgabe, auf dem Friedhof in Neuilly das Grab ihres im Tod vorangegangenen Gatten, des großen französischen Dichters, zu pflegen. Das Legat wurde von der Stadt angenommen, die sich zur Erfüllung dieser Bedingung verpflichtete. Aber seit 1930 hat sich die zuständige Friedhofsverwaltung nicht um die letztwillige Verfügung der Erblasserin und die ihr daraus erwachsene Verpflichtung gekümmert. Jetzt fordert nun das Mitglied des Pariser Stadtrats Paul Fleurot den Seinepräfekten auf,„Anordnungen zu treffen, damit dieser unwürdige Zustand schleunigst beendigt und der Willen der Verstorbenen geachtet wird" Vorführung eines unsinkbaren Bootes DNB. Paris, 23. Juli. Wie„Echo de Paris" berichtet, hat ein Seemann namens Julien Guilleaume in Boulogne-sur-mer eine von ihm erfundene Vorrichtung vorgeführt, die mit Erfolg das Sinken von Schiffen unmöglich machen soll. Der Erfinder ließ sich mit seinem mit der Vorrichtung ausgestatteten Boot bis auf vier Meter Tiefe versenken und stieg nach einigen Minuten wieder an die Oberfläche. Trotz dem Wasser im Boot blieb dieses an der Oberfläche. Das Gewicht der Vorrichtung zur Verhinderung des Sinkens, die an dem Boot angebracht war, betrug 25 Kilogramm. Das Gewicht einer entsprechenden Schutzvorrichtung für einen Ozeandampfer soll etwa 10 Tonnen betragen. Die Erfindung, über die Näheres nicht bekannt geworden ist, soll in der Anwendung des Archimedischen Prinzips beruhen. Association des Emigres Israelites d'Allemagne en France Mittwoch, 25. Juli, 21 Uhr, im Restaurant„Cher Cohn", 17, Rue Beranger(Metro Republique) in Paris, Liederabend (deutsch, hebräisch, jiddisch). Eintritt frei. Gäste willkommen. Die SfraßenKämpfe in Amsterdam Ein notwendiges Nachwort Aus Amsterdam wird uns geschrieben: Blutbäder werden vom honetten Bürgertum immer nur dann als barbarisch empfunden, wenn sie aus der Ferne betrachtet und mit dem ethischen Kodex des Unbeteiligten gewertet werden. Wenn diese Biedermänner aber von irgendeinem armseligen Köter einmal dreist angekläfft werden, dann greifen sie selbst so schnell wie möglich zu Schießeisen und Säbel. Dafür hat Holland jetzt ein klassisches Beispiel geliefert. Es hat kaum ein anderes Land gegeben, das sich über das Kartätschenregiment des Herrn Dollfuß mehr empört hat, als das schied lieh-friedliche Niederland, das es mit den Gesetzen der Humanität und der Zivilisation des 20. Jahrhunderts für unvereinbar hielt, als Dollfuß und Fey wehrlose Kinder und Frauen niedermetzeln ließen. Ja, als vor zwei Wochen Hitler seine Bartholomäusnacht veranstaltete, gellte ein Schrei des Entsetzens und der Empörung durch die Reihen der braven Holländer. Acht Tage später aber ließ man seelenruhig eine Kürzung der Unterstützungssätze für die holländischen Erwerbslosen in Kraft treten. Und als dann am Anfang der betreffenden Woche Stimmen des Protestes aus den Reihen der Erwerbslosen laut wurden, setzte es in der Presse der Saturierten ein mißbilligendes Stirnrunzeln, denn gegen die Obrigkeit randalieren, das tut man doch nicht. Aber die Verzweiflung sprengt auch dort die Ketten der Ordnung, wo ansonsten Ruhe als die höchste Bürgerpflicht gilt. Junge Erwerbslose, die ein Leben der Hoffnungslosigkeit führen, mit Gott und der Welt hadern, lehnten sich auf gegen die von der erzreaktinären Regierung Colijn dekretierte Dezimierung ihrer ohnehin schon unerträglichen Lebensbasis. Von primitiver Revolutionsromantik radikaler Kreise angespornt, demonstrierten die Erwerbslosen— und wieder vorwiegend die Jugendlichen unter ihnen— auf eine gewiß sonderbare Art. Aus altem Baumaterial, Handkarren und Gerümpel wurden primitive Barrikaden gebaut, wie sie von den alten 48ern vielleicht schon mitleidig betrachtet worden wären. Und dann warteten die„Aufständischen" in aller Ruhe der Dinge, die da kommen sollten. Eigentlich glaubten sie wohl ihrer Revolte schon genug Ausdruck gegeben zu haben. Anders dachten aber die Hüter der Amsterdamer Ordnung. Barrikaden in der Stadt, die als Wahrzeichen bürgerlicher Würde und Tradition galt? Unmöglich! Das mußte ja gleichbedeutend mit dtffl ynterpnp