Einzige unabhauglge Tageszettung DeuischZands hir. 17t)— 2. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, 26. Juli 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Die Schüsse xLec „deutschen JxotU" -leite 3 SA-Mann Kruse und der Reidistagsbrand Die Anklage gegen die deutsdie Reldisregierung c ®er Brief des SA-Mannes Kruse» Nr. 134 522, vom «lobe Röhms an den Zleichspräsidenten Hai durch die Veröffentlichung in der„Deutschen Freiheil" weiteste Ber- breitung gefunden. Wie wir zahlreichen Zuschriften an uns entnehmen, hat das Dokument großes Aussehen erregt und stark überzeugend gewirkt. Da die Welt seit dem 8(1. Juni weiß, daß die nationalsozialistische Führung durch Mord sich der Mitwisser ihrer Verbrechen entledigt, wird auch allgemein begriffen, daß der SA-Mann Kruse, der sich selbst der Beteiligung an der Reichstagsbrandstistung be- schuldigt, seinen Aufenthalt verheimlicht. Aus eine Stellungnahme der nationalsozialistischen Füh- rung im Reiche hat man bisher vergeblich gewartet. Der amtliche Dementierapparat, der sonst sehr rasch funktioniert, schweigt. Mit einem einfachen Ableugnen wäre es auch nicht getan. Hitler, Göring und Goebbels müssen, wenn sie Su den tatsächlichen Angaben des SA.-Manncs Kruse Stellung nehmen wollen, an die vielen ungeklärten Fragen des RcichstagSprozesscs herangehen, die man im geheimnis- vollen Dunkel ließ, und die durch den Brief Kruses mehr beleuchtet werden als durch alles, was Untersuchungs- richter und Gerichtshof zur Ausklärung oder richtiger zur Vertuschung der Vorgänge in der Nacht vom 27. zum 28. Februar 1988 getan haben. Greifen wir einige dieser Fragen heraus. und die Richter ausgeübt worden ist, läßt sich die Ausschaltung des Komplexes der Homosexualität van der Lübbes und seiner behaupteten Beziehungen zu Röhm nur dadurch er- klären, daß Parteiführer, Oberreichsanwalt und Richter die Durchleuchtung der Beziehungen fürchteten. Oer I«. fehrnar SA-Mann Kruse nennt den van der Lübbe einen„ganz verrückten Streber". Der holländische Polizeibericht, der im Reichstagsprozeß verlesen worden ist, sagt über van der Lübbe wörtlich: „Van derLubbewollte immerFührer sein. Doch fehlten hierfür alle Voraussetzungen. Er ist von krankhaftem Geltungsbedürfnis erfüllt." Der SA.-Mann Kruse behauptet, daß van der Lübbe zu den Vorbereitungen, die am in. Februar 1933 begonnen hätten, zugezogen worden sei. Feststeht, daß van ber Lübbe bereits zwischen dem 5. und(5. Februar die deutsche Grenze passiert hat. Es ist nie geklärt worden, wo er sich zwischen dem 6. und dem 18. Februar aufgehalten hat. Mit wem stand er in dieser Zeit in Verbindung? Das Gericht hat keinen Versuch gemacht, diese wichtige Frage aufzuhellen. Aus dem Briefe Kruses wissen wir nun, daß gerade in diese Zeit seine Hinzuziehung zum Komplott der Reichstagsbrandstifter erfolgt ist. Daß van der Lübbe bei seiner Abreise aus Holland wußte, er werde im Reiche zu wichtigen Dingen hinzugezogen, geht aus einer Aussage vor dem Untersuchungsausschuß in Holland hervor: Ein Zeuge hat bekundet, daß van ber Lübbe vor seiner letzten Reise nach Deutschland zu Frau van Zijp gesagt habe, daß er seinen Paß zum letzten Male brauche, und daß etwas Großes in Deutsch- lanö bevor st ehe. DSeFllftälerunddasReldisgeridit Aus der Art und dem Umfang des Reichstagsbrandes und aus den Zeugenaussagen vor dem Reichsgericht ist all- gemein die Ausassung erwachsen, daß van der Lübbe nicht der einzige Brandstifter gewesen sein kann. Es haben ihm 11 bis höchstens 11 Minuten für daö Anlegen von Feuer zur Verfügung gestanden. In dieser Zeit hätte er, die Wahr- heit der Aussagen in Leipzig vorausgesetzt, 167 wohlüberlegte Handlungen vornehmen müssen. Unter der Wucht der Tat- Fortsetzung siebe 2. Seite. ässs Der Unruheherd an der Saar I SA-Mann Kruse geht davon aus, daß van ber Lübbe Stabschef Röhm hörig war. Die Untersuchungskommission des Gegenprozesses, die in Holland tagte, hat erklärt:„es wurde einwandfrei festgestellt, oaß van der Lübbe homosexuell ist. Diese Feststellung basiert «uf einer dramatischen Vernehmung des holländischen Schrift- »ellers F r e e k v a n L e u w c n. der vor der Untersuchungs- Kommission einwandfreie Aussagen über die homosexuelle Veranlagung van der Lübbes S e m a ch t hat." ^Fn dem ersten Band de?„Braunbnchs" werden zwei "eugenberichte aufgeführt, die aussagen, daß van der » Zwischenfall Tardieu-Ehautemps erzielt. Sowohl die radikal- sozialistischen Minister wie auch Tardieu werden auf ihre» Posten verbleiben. Aus den Berichten der Morgenprcsse gewinnt man de» Eindruck, daß bei dem Kabincttsrat am Dienstag nachmittag, der den Konflikt Tardieu beilegte, die Entscheidung aus des Messers Schneide stand. Der Ministerpräsident war entweder tut unveränderte Beibehaltung des Ministeriums oder iü* Gesamtrücktritt mit endgültigem Charakter. Nachdem Ministerpräsident Doumergue das gesagt hatte, soll Staats- minister Hcrriot im Kabinettsrat erklärt haben, er müsse erst seine Parteifreunde befragen. Doumergue habe ihm daraul das Wort abgeschnitten und Anstalten gemacht, das Rück- trittsschreiben auszusetzen. Diesen Augenblick benutzte Kolonialminister Laval, der schon im Februar die größte» Anstrengungen gemacht hatte, damit das Kabinett Doumergue zustandekam, um vermittelnd einzugreifen. Es wurde ei»e Sitznngspause eingelegt, und die iünf radikalsozialistischeu Minister besprachen sich unter sich über eine Stunde lang u»b kamen dann mit einer kurzen Erklärung zurück, die ei» Weiterbestehen des Ministeriums in der bisherigen Gestalt erlaubte. Doumergue war dann so gerührt, daß er»V Tränen in den Augen Tardieu und Hcrriot umarmte. beiden Staatsmänner schüttelten sich dann herzlich die Hä»^- In der Presse ist man zufrieden, daß eine Regierungskrist vermieden werden konnte. Es wird allgemein hervorgehoben, daß die persönliche Stellung Doumergues durch den Gans der Ereignisse verstärkt worden ist. tondons Luitverteidigung „Unzulänglich" London, 25. Juli. Nach den Luftmanövern, die sich in London in der Sonntag' nacht abspielten, hat sich herausgestellt, daß all« Maßnahme», die zum Schutze Londons gegen Luftangriffe getxofsen wor- den sind, vollkommen unzulänglich scheinen. England i»' r> seine Luftslotte bedeutend vermehren müssen, wenn es»><&* Gefahr laufen will, bei einem feindlichen Angriff London in ganz kurzer Frist zerstört zu je he». Die Schüsse der„deutschen Front" Die Erregung an der Saar dauert fort- Tag der Haussuchungen und Beschlagnahmungen- Der Attentäter schreibt Briefe- Die Regie* rungskommission unter dem Druck europäischer Verantwortung «eit Monaten befindet sich das Saargebiet in einem Au- stände^ politischer Ueberhitze. Der Terror der„deutschen Front«, verschärft durch die von Goebbels dirigierte funkpropaganda, hat in diesem kleinen Lande Leidenschaften erzeugt, die das allerschlimmste erwarten lassen. Augeryaro des Saargebiets kann man sich kaum eine Borstellung davon machen, welche Erregung das Revolverattentat aus den Fuhrer der Saarbrücker Polizei, den Polizeikommissar Dochts, hervorgerufen hat. Es mag sein, daß auch in anderen Ländern ähnliche Vorgänge sich ereignet haben. Aber das Saargebiet ist heute ein europäischer Brand- b e r d. Es befindet sich in einem seelischen Ausnahmezustande mit schwelenden Feuern und dauernder Explosionsgefahr. »° Der Attentäter Baumgärtner ist immer noch ver- Aehmungsunsähig. Seine Verwundung ist schwer. Gab es «och Zweifel über seine Persönlichkeit, so sind sie jetzt ge- lichtet. Am Montagabend hat er bei einem Möbelhändler ferne Möbel zum Berkauf gestellt. Er ist ein Mann der „deutschen Front«. Aus seinem Kopse fast die schwarze ST.- Mütze. Er trug am kleinen Finger jenen SS.-Ring, der die Angehörigen von SS.„zur besonderen Verwendung« kennzeichnet. Die mit diesem Ringe versehenen SS.-Leute im Reiche tragen auf Grund genereller Anweisung keine an- deren Abzeichen außer diesem Ring, der ihnen die Le- grtimation„zu Aktionen« gibt. Im Augenblick des Attentats hatten sich neben B. außer dem verdächtigen Auto aus dem Reiche einige Vertraute eingefunden, die ihn genau kontrollierten. Schon seit Tag-en wurde von einem gegen Machts einzusetzenden Rollkommando gesprochen. Es besteht die größte Wahrscheinlichkeit, daß Baumgärtner der Braus- fragte war, derdenihmgegebenenBefehlfolgen mußte, wenn er nicht selber„umgelegt« werden sollte. Augenzeugen haben beobachtet, in wel- cher Erregung er sich befand, und wie die Hand, die den Revolver führte, zitterte. Man weiß nicht, ob seine Furcht um das Gelingen des Attentats größer war als diejenige vor den ihm genau beobachtenden Kumpanen. Sie stieben davon, als der Anschlag mißlungen war, und das Auto aus dem Reiche raste durch die Trierer Straße. Seine Aufgabe war vermutlich, Baumgärtner sofort nach dem gelungenen Schlage ins Reich zu bringen, wo er zum Nationalhelb proklamiert worden wäre. * Man kennt die Taktik der Nationalsozialisten. Nachher wirb„abgerückt«. Nachher werden Briefe vorgelegt, aus denen hervorgehen soll, daß der Attentäter mit der Partei nichts zu tun gehabt habe, ei» Wahnwitziger oder ein Lock- spitzet von der anderen Seite. Genau so ist es auch hier. Die „deutsche Front« hängt einen angeblichen Brief des Alten- täters aus, wonach er sich abgemeldet haben soll, angeblich, weil die„deutsche Front« allzu große Disziplin halte. Der Landesleiter der„deutschen Front", Herr Pirro, spricht von einer„unverantwortlichen Tat eines Menschen, der ent- weder geisteskrank oder ein Spitzel sei". Die Zeitungen, die monatelang gegen den„Emigrantenkommissar« Machts ihre Hetzhunde losgelassen hatten, werden aus einmal still und bescheiden und tut empört. Die gleichgeschaltete katholische „Saarbrücker Landeszeitung" schreibt, daß„alle anständigen und sauberen Menschen sich darüber einig seien, es handele sich um eine nichtswürdige Tat, die, auch wenn sie für den Betronenen erfreulicherweise ohne ernste Folgen blieb, in jeder Hinsicht zu verdammen ist«. Dieselbe„Landeszeitung« hat noch vor wenigen Tagen die„Beseitigung des persönlichen Anlasses« nämlich des Kommissars Machts gefordert— mit Worten, die zu jeder Ausdeutung fähig waren. Immerhin rückt die„Landeszeitung« jetzt ab. Die„Saarbrücker Zeitung«, deren Chefredakteur August Hellbrück am Sonntag dreimal am deutschen Rundfunk eine wilde Kampfrcde gegen die Regierungskommission und gegen Machts vortrug, hüllt sich in Schweigen. Kein Wort zu den Vorgängen, die die ganze Saarbevölkerung aufgewühlt haben! Das liberale Geschästsblatt hält Vorsicht für den besseren Teil der Tapferkeit oder es wittert bereits kommende Entwicklungen. Schon einmal war man Hoser sr6res— man weiß nicht, was an der Saar noch werden kann. * Wie sie wühlen und hetzten und aufpeitschten, dafür noch einige Beweise. Am AI. Juli veröffentlichte die„Deutsche Front« eine Notiz, wonach sich der Landesführer Pirro mit dem Präsidenten Knox wegen des angeblich skandalösen Ver- halten des Herrn Machts in Verbindung gesetzt habe. Pirro erklärte vor Knox:„Wenn Blut vergossen wird, muß ich jede Verantwortung ablehnen. Die„Junge Saar- front« der Hitlerjugend des Taargebiets erinnerte am 22. Juli an die Ermordung des pfälzischen Tepa- ratisten Heinz-Orbis.„Wir dulden die Schande nicht mehr in unserer, uns gehörigen Heimat.« Schlimmer natür- lich die reichsdeutschen Naziblätter. Am 24. Juni schreibt die „National-Zeitung" von Birkenfelb, daß Machts„widerrecht- lich seine schmutzigen Finger in Angelegenheiten des Saar- Volkes steckt«. Ende Mai gab der Oberbürgermeister Ret- kes dem Vertreter der„Baseler Nationalzeitung« ein In- terview, in dem er von der Möglichkeit sprach, daß die Er- regung der Saarbevölkerung zu einer„Explosion« führe. ♦ So hat man die Attentatsstimmung im Saargcbiet vorbereitet. Es ist schon richtig, daß in den Büroräumen der„deutschen Front« der Revolver geladen wurde, mit dem Boumgärtner geschossen hat. Wenn die Nazipresse und der deutsche Rundfunk sich über Herausforderung beschweren, so muß man daran erinnern, daß keinem der repräsentativen Führer der^deutschen Front« jemals ein Härchen gekrümmt wurde, jemals das geringste gegen einen von ihnen unter- nommen wurde. Wie aber ist es der anderen Seite? Wer zählt die Todesdrohungen, die gegen Max Braun ausgestoßen wurden? Schon im vorigen Jahre, auf der großen Nieder- waldkundgebung. mit Hitler als Sprecher, hat man eine Puppe aufgehängt, die Max Braun darstellen sollte und zum Gaudium der Festteilnehmer konnte jeder an dem Strick ziehen. Wir erinnern an die Höllenmaschine in der Arbeiter- wohlfahri und jetzt an das Attentat gegen Machts. Wer etwa die Illusion haben sollte, daß die Hetze gegen diesen Mann eingestellt werden würde, dürfte sich täuschen- Uns liegt Nr. 340 des„Berliner Lokal-Anzeigers« vor, in dem von dem„kriminell belasteten Herrn Machts« die Rede ist, der„ein in Deutschland steckbrieflich wegen gemeinen Ver- gehens gesuchter Ehrenmann« sei... * Wie aus den heutigen amtlichen Kundgebungen der Regie- rungskommission hervorgeht, zu deren Abdruck wir verpslich- tet sind, ist man ernstlich zu schärferem Vorgehen entschlossen. Die Räume der„deutschen Front« wurden versiegelt. Sämtliche Akten wurden unter Verschluß gebracht, und die Büros geräumt. Haussuchungen fanden in den Geschäftsräumen des„Saarbrücker Abend- blatt« und in der Wohnung des Chefredakteurs Schlemmer statt. Unter Leitung des neuen Inspekteurs der gesamten Poli- zeikräfte des Saargebiets, des Engländers Helmsley, wurden bei weiteren Beschlagnahmungen mehrere Straßen- züge abgesperrt. Es kam dabei zu Z u s a m m e n st ö ß e n, bei denen ein nationalsozialistischer Zeitungsverkäuser ver- hastet wurde. Ein Extrablatt der„Saarbrücker Zeitung«, das mit„Sabotage an der deutschen Front« überschrieben war, wurde von der Pglizei beschlagnahmt, weil es eine tenden- ziöse Darstellung der Vorgänge war. Haussuchungen fanden bei den beiden nationalsozialistischen Presseagenturen„Deut- sches Nachrichtenbüro« und„Saarkorrespondenz« statt- An diesen Aktionen nahm teilweise auch Polizeikommisiar Machts teil, der seine Ruhe und Kaltblütigkeit trotz des Attentats keinen Augenblick verloren hatte. Der Engländer Helmsley bekam, wenige Tage nach Beginn seiner Tätigkeit gleich eine Probe nationalsozialistischer Disziplin. Als er sich nach Beendigung der Aktjon zu seinem Hotel begab, wurde er von einer johlenden Menschenmenge begleitet... .* Und die Regierungskommission? Hält sie die„deutsche Front« noch immer für eine legale Partei? Sieht sie noch immer nicht, daß sie eine gewaltige Verantwortung auf sich nimmt, wenn sie scharfe Maßregeln nur ankündigt und nicht durchführt? Am vergangenen Samstag schrieben wir:„Die Rcgierungskommission und die Welt müssen es endlich, end- lich begreifen: im Saargebiet regiert zwar formal der Völ- kerbund, aber eS herrscht die Angst vor einer Parteiführung und Parteihordcn, denen jede bestialische Vergeltung, alle nur denkbaren Greuel zuzutrauen sind. Seit dem 30. Juni kann das nur noch die'Leichtfertigkeit bezweifeln.« Am Montag darauf schrieb die„Deutsche Freiheit« anläß- lich der Rundfunkrede des Chefredakteurs der„Saarbrücker Zeitung«, daß sie„eine Verneinung des Autoritätsrechts der Regierungskommission, die Aufforderung an die Saardcut- schen, die Maßnahmen der Regierungskommission zu sabo- tieren, gewesen sei:„Ein Bekenntnis zur Illegalität, die ja ohnehin längst in den getarnten SA.- und SS.-Kolonnen und in der Verbindung mit den Parteiorganisationen und mit den Reichsämtern geübt wird.« Am Bormittag danach knallten die Schüsse auf der belebten Saarbrücker Bahnhofstraßc. Sie sind ein Signal. Es geht nicht mehr um die Autorität der Rcgierungskommission, nicht mehr um den Schutz ihrer Beamten. Das Taargebiet ist heute ein Sammelpunkt von Gefahren für ganz Europa. Wer hier an verantwortlicher Stelle steht und gegenüber den braune» Brandstiftern vertagt, wird eines Tages vor das Forum von ganz Europa geladen werden. Polizeihommissar Madifs Das Opfer des feigen Mordanschlags, Polizeikommissar Machts, ist eine der von den Nationalsozialisten meistge- haßten Persönlichkeiten des Saargebiets. Nichts könnte mehr für ihn sprechen. Der Haß des Nationalsozialismus hat ihn auf seiner ganzen Laufbahn begleitet. Vor mehr als vier Jahren trieb ihn Frick, damals nationalsozialistischer Innen- minister von Thüringen aus dem Amte,' 1033 tat es Göring als preußischer Ministerpräsident. In den Polizcidienst des Saargebiets überwiesen, hat Machts, soweit ihm das mit der unzulänglichen Polizeitruppe möglich war, die Staats- autorität gegenüber Nazis enerigsch zur Geltung gebracht. Die widerlichsten Intrigen und Verleumdungen hat man deswegen gegen ihn mobil gemacht. Bald mußten Untergebene aus Geheiß der braunen Front in offenem Disziplinbruch Resolutionen gegen ihn fassen: bald schrieben Leute aus dem Reich offene Briese mit ver- leumderischen Anschuldigungen. Aber Machts verlor die Nerven nicht: er tat weiter seine Pflicht. Und er verlor sie auch nicht, als er die Schüsse in seinem Rücken knallen hörte. Blitzschnell griff er zur Waffe, und während die Schüsse weiter auf ihn losklatschten, zielte er ruhig und streckte den Meuchler nieder. Das eine werden auch seine Gegner zu- geben müssen: Polizeikommissar Machts hat heute gezeigt, wie ein tapferer Mann, der Herr seiner Nerven ist, sich in Gefahr benimmt. Erste Stimmen aus Paris Paris, 25. Juli. Ueber das Attentat gegen Polizei- kommissar Machts bringt fast die ganze französische Presse ausführliche Berichte. Wenn auch diese vorläufig noch keine Kommentare enthalten, weil man sich anscheinend hier noch nicht klar darüber ist, welche Folgen der Anschlag auf den Exekutivbeamten der Saarregiernng haben kann, so lasten doch schon die Ueberschriften deutlich erkennen, daß für die Schuld der„deutschen Front« an dem Mordanschlag aus Mach's keinerlei Zweifel in der französischen Öffentlichkeit besteht. Bezeichnenderweise bemerkt das„Journal«, der Mrdbur>che habe seinen Austritt aus der„deutschen Front« durch B..f 24 Stunden vor seiner Tat schriftlich angezeigt. Damit fc: deutlich dokumentiert, daß die Tat mit aller Ueberlegung und mit Borsatz begangen worden sei. Wie wir kören, werden nicht zuletzt infolge des Anschlags aui Kommissar Machts die Vorgänge im Saargebiet und das Treiben bzw. das der„deutschen Front« von fran- Zöllschen Rcgierungskreisen sehr aufmerksam ver- folg t. Bürgermeister verhaftet Wieder frei In den Räumen der„deutschen Front« befand sich auch der nationalsozialistische Bürgermeister. von Homburg, D r. Ruppersberg. Als die Landjäger erschienen, stellte er sich an ein Fenster und schrie den ihre Pflicht erfüllenden Be- amten die schwersten Beleidigungen und Schimpfworte ins Gesicht. Sofort wurde zu seiner Verhaftung geschritten. Aber Herr Ruppersberg leistete W i d e r st a n d, so daß die Land- jäger schließlich mit Brachialgewalt gegen ihn vorgehen mußten. Er wurde sofort ins Gefängnis abgeführt, nachher aber wieder sreigc.aßcn. Wahrscheinlich wird er sich am Mitt- «ooch vor den. Schnellrichter wegen Bcamtenbeleidigung und Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu verantworten haben. ♦ In Erbach bei Homburg haben 2 5 Prozent der Mit- ql'.cder die„deutsche Front« verlassen. Warnung für Saarsfüdte Die Finanzen Zweibrückens An der Grenze der bayerischen Pfalz und der Saarpialz liegt Zweibrücken. Diese Grenzstadt des„dritten Reiches« hat in den ersten Monaten des großen und großartigen„Um- bruchs" zahlreiche Feste und Massenkundgebungen ver- anstaltet, um die Saarländer von den wundervollen Zu- ständen in Nazideutschland zu überzeugen. Massenbesuche kamen aus dem Saargebiet, und man hätte eigentlich an- nehmen sollen, daß Zweibrücken nun in Geld schwimmt. Herausgekommen ist aber nur ein riesiger Katzenjammer, wie folgender kleinlauter Bericht in der gleichgeschalteten Presse beweist: In der am Freitag abgehaltenen Stadtratssitzung teilte Bürgermeister Dr. Collosong mit, daß die Einnahmen im ersten Viertel des Rechnungsjahres 1034 42« 03« RM., die Ausgaben 51« 670,— RM. betragen hätten, somit eine Mehransgabe von rund SN(INN RM. entstanden sei. Da- dnrch steigt der ans den Vorjahren übernommene Fehl- betrag von 8«0 0(10 RM. aus nahezu eine Million. Die Kassenlage ist ungünstig, so daß an Lastensenkungen oder Tarisminderungen nicht gedacht werden kann, strengste Sparsamkeit in allen Berwaltungszweigcn ist sehr not, wendig. Pässe für Emigranten In allen Ländern, auch im Saargebiet London, 22. Juli. Nach einem Bericht des Hohen Kommis- sars für das deutsche Flüchtlingswesen, MacDonald.be- trägt die Gesamtzahl der deutschen Emigran- t e u rund«0 000, von denen etwa 20 000 einen Wohnsitz in der Fremde gesunden haben. P a l ä st i n a hat etwa 12 000 Flücht- linge ausgenommen. Die in der Völkerbundskommission vertretenen Staaten haben sich damit einverstanden erklärt, daß diejenigen Deut- schen, die staatenlos geworden sind oder denen die Pässe ab- genommen wurden, einen„I d e n t i t ä t S- und Ar- beit sausweis" erhalten. Die Reichsregierung soll sich bereit erklärt haben, keine Schwierigkeiten zu machen, ,'on- der» bei denjenigen Emigranten, die keine gültigen Pässe mehr besitzen, die für einen neuen Ausweis notwendigen deutschen Auskünfte durch die Konsulate zu geben. In die Zahl von 00 000 ist die neue Emigralionswelle nach dem 30. Juni nicht einbegriffen. Die Anhurbelung In einer Baumwollspinnerei Tie„Pfälzer Zeitung« vom 12. Juli 1034 bringt einen sehr ausführlichen Bericht über eine Versammlung der früheren Belegschaft der Baumwollspinnerei in Speyer. Dieser wurde verkündet, daß es nach langwierigen Verhandlungen und nach Uebermindung größter Schwierigkeiten gelungen ist, das Werk, das über 2 Jahre stillgelegt war, wieder in Betrieb zu setzen. Im Kreise der Versammelten gab es freudige Ge- sichter. Die Zeitung schreibt unter anderem wörtlich:.„Kreis- betriebszellenleiter Busch, Kaiserslautern sprach sehr tem- veramentvoll und volkstümlich zu seinen Mitkameraden. Für den neu zu eröffnenden Betrieb proklamierte er 100prozentige Kameradschaft. Wen» eine Klatschbiene oder ein Schweine- Hund Zwietracht zu säen versuchten, so fliege er oder sie hinaus und gehe der Unterstützung verlustig. Milliarden auf Milliarden seien in der Vergangenheit von Deutschland ge- pumpt worden, die nun dem Volk an den Beinen hängen. Die feinen Herrschaften hätten sich ins Ausland verzogen und einen Saustall zurückgelassen. Wenn Deutschland nun wieder gesunden solle, dann müßten Pfennige zusammen- getragen werden. Wir müssen noch jahrelang opfern, um wieder einmal leben zu können! Und deshalb, so führte der Redner aus, müsse er der Belegschaft eine bittere Pille ver- abreichen: In der Baumwollspinnerei müsse von der Er- össnung ckb 0 Monate lang 10 Prozent unter Tarif gearbeitet werden. Die Maßnahme sei unumgänglich notwendig. Auch Angestellte und Führer müßten sich die Kürzung gefallen lassen. Nur unter dieser Bedingung sei es möglich, das Werk anlaufen zu lassen.« Nun gab es rundum im Kreise keine freudigen Gesichter mehr. Die Versammelten stimmten„begeistert« in das drei- lache Sieg-Heil auf das deutsche Volk und den Reichskanzler ein und die Baumwollspinnerei liegt noch immer still. 10 Frauen sind vorerst mit Maschinenputzen beschäftigt und verdienen bei dieser schweren und schmutzigen Arbeit in 48 Stunden 10 Mart (Deutsche Freiheit'", Nr. 170 HÜi^ Saarbrücken, den 26. Juli 1934 Zusammenbruch der Retter Neue deutsche Wirtschaftskrise im Anzug- Wirtschaftsdiktatur gegen die Arbeiter- Sie Bilanz des Systems Die abgrundtiefe Unwissenheit Hitlers in Wirtschaftslagen nat sieh in seiner Reichstagsrede herrlich offenbart. Da wagt dieses Individuum, das in kaum eineinhalb Jahren Deutschland in den finanziellen, wirtschaftlichen und Währungsbankrott hineingesteuert hat, davon zu reden, daß er„nicht einen politisch in Ordnung befindlichen und wirtschaftlich sanierten Staat übernommen habe, sondern ein politisches und wirtschaftliches Chaos". Eine faustdicke Lüge! Deutschland hatte wie alle anderen Länder unter der Krise schwer gelitten, die Massen litten unter den Sanierungsversuchen, die seit dem Sturz der Regierung Hermann Müller nach rein kapitalistischen Methoden erfolgten. Die Löhne gingen zurück und zeitweise stärker, als es dem Preisrüdegang entsprach, die Unterstützungen wurden reduziert. Aber die Arbeitslosen hatten den Rechtsanspruch auf ihre Unterstützung, die Arbeiter konnten durch ihre Gewerkschaften dem Lohnabbau Widerstand entgegensetzten. Das Budget des Reiches war annähernd im Gleichgewicht, die Handelsbilanz wies 1932 einen Ueberschuß von 1073 Millionen und 1933 von 667 Millionen aus, während die ersten fünf Monate von 1934 ein Passivum von 178 Millionen ergeben! Die Diktatur hat mit ihrer irrsinnigen Finanzwirt- schjft die ungeheuerliche Summe von acht Milliarden s ch-w e b e n d e r Schulden aufgehäuft, sie hat damit eine Inflationswirtschaft angefangen, deren Ende nicht abzusehen ist, sie hat die Milliarde Gold, die sie in der Reichsbank vorgefunden hat, bis auf 75 Millionen vergeudet; sie hat die Zahlungen zum Teil eingestellt und kann trotzdem nicht mehr die nötigen Zahlungsmitteln auftreiben, um die notwendigen Zufuhren von Lebensmitteln und Robstoffen zu sichern! Massenelend! Im Innern aber ist diese Bankrott- und Inflationswirtschaft herleitet von einem ungeheuerlichen Lohndrurk auf die entrechteten Arbeiter, von Raub oder maßloser Kürzung der Unterstützungen. Erinnert man sich noch, mit welchem Lärm die Nationalsozialisten die Aufhebung der Notverordnung Papens mit ihren Einschränkungen der Unterstützungen gefordert haben, wie Goebbels zum Kampf gegen die„feinen Leute" aufgerufen hat? Nun, Hitlers Lohnpolitik verfolgt heute das Ziel, die Löhne auf das Niveau der Papensrhen Arbeitslosenunterstützungssätze herunterzudrücken, den Arbeitern das „eherne Lohngesetz" aufzuerlegen, das den Lohn auf das physische, zum nackten Lebensunterhalt nötige Existenzminimum bemißt. Der Arbeitslose aber ist zum Zwangsarbeiter geworden, der zum Arbeitsdienst gepreßt oder als Höriger Bauern und Großgrundbesitzern zugewiesen wird. In den Betrieben wächst die Unsicherheit, da kein Beschäftigter weiß, ob er seinen Arbeitsplatz nicht einem Begünstigten räumen muß, nm selbst der Landverschickung oder anderer Zwangsarbeit zu verfallen. iTeuerung? Dieses Massenelend wird gesteigert durch die Preispolitik, die der Hitler seinen„Wirtschaftsführer" betreiben läßt. Alle Unternehmer, vom kleinen Handwerker bis zum größten Kapitalisten werden in Zwangsorganisationen zusammengefaßt. Das nennt man ja wohl ständischen Aufbau. Die Wirkung ist nur die, daß alle diese Organisationen sofort zu Preiskartellen werden. Erschreckt schrieb kürzlich sogar die gleichgeschaltete und in ihrer Wirtschaftspolitik zur reinen kapitalistischen Interessen Vertreterin gewordene „Frankfurter Zeitung": „Die Vermengung des Zieles einer D u r ch- kartellierung" mit dem Ziel eines ,,» t ä n d i s ch e n A u f b a u s" durch die Interessenten hat sich bisher leider immer noch als unausrottbar erwiesen, obwohl vom Reichswirtschaftsministerium früher gegen eine solche Vermengung gelegentlich Front gemacht worden ist. Troff dem sprechen manche Anzeichen dafür, daß es praktisch immer schwerer wird, gewisse Fachverbände vpn Kartellen zu unterscheiden, und zwar selbst in solchen Wirtschaftsgruppen, die bisher als für eine Kartellierung nicht geeignet galten; so erfuhr man kürzlich von der vollzogenen oder beabsichtigten Kartellgründung bei den Glaser- meistern und bei den S ch m i e d e n." Diese sich immer mehr durchsetzende, durch die staatliche Zwangsorganisation geförderte Monopolwirtschaft bewirkt, während sonst in der Welt die Preise der Industrieprodukte noch zurückgehen, in Deutschland einen Preisauftrieb auch auf industriellem Gebiet, während gleichzeitig der irrsinnige Agrarprotektionismus die Preise aller Lebensmittel immer höher treibt, Fleisch und Fett unerschwinglich macht, die Eier, die Milch, Kartoffeln und Früchte um 50 bis 100 Prozent in Jahresfrist verteuert hat. Die Reichsindexziffer für die Lebenshaltungskosten, die im April 1933 noch 116.6 betrug, ist ununterbrochen gestiegen und betrug im Juni 121,5. Aber diese Steigerung ist nur ein schwaches Abbild der Wirklichkeit? mit verringertem Lohn muß der Arbeiter alle seine Bedürfnisse weit teuerer bezahlen. Massenentrechtung und Massenverelendung sind die Mittel der Krisenbekämpfung Hitlers. Und auf die verelendeten Massen sind auch die Kosten der Arbeits- Beschaffung abgewälzt! Die Unternehmer stellen mehr Arbeiter ein, aber die Gesamtlohnsumme bleibt unverändert oder sinkt gar noch. Mit der Kürzung der Unterstützung und der Löhne wird die Neubeschäftigung zu einem Teil finanziert, während der andere Teil der Finanzierung mit den inflationistischen Notenbankkrediten so lange erfolgt, bis das Ende mit schrecken eintritt. Nein, freche Lüge ist es. wenn Hil ler davon spricht, eine Mao Iis che Wirtschaft übernommen zu haben. Wahr ist, daß er ein Ghaos heraufgeführt hat, dessen Ueberwindung mit jedem Tage, den die Diktatur fortdauert, immer schwieriger wird. Chronische Pleite! Und vom Chaos kann fürwahr gesprochen werden! Der Reichsbankausweis vom 7. Juli zeigt zwar eine ausgeglichene Devisenbilanz; der Gold- und Devisenbestand beträgt fast unverändert 77 Millionen. Die Reichsbank hat aber nicht mehr Devisen den Importeuren zur Verfügung gestellt, als ihr selbst aus der Ausfuhr zufloß. Aber unterdessen „häufen sich inzwischen die nicht bezahlten Devisenforderungen lawinenartig auf allen Seiten an und drohen den zusammengeschrumpften Geschäftsverkehr mit dem Auslande und die Rohstoffversorgung immer weiter zu erschweren", bemerkt zu dem Reichsbankausweis die„Neue Züricher Zeitung". Aus England kommen immer neue Klagen über die Nichtbezahlung fälliger Guthaben. Bereits auf eine Million Pfund wird der Betrag unbezahlter privater Handelswechsel geschätzt. Die gleichen Beschwerden kommen aus der Schweiz. Die Schwierigkeiten sind sogar bei Wechseln vorgekommen, für die die offizielle Devisengenehmigung vorlag. Es ist klar, daß solche Vorfälle allmählich zur gänzlichen Unterbindung aller Kreditlieferungen führen müssen. Der Wirtschaftsdiktator Kein Wunder, daß es bei diesem Zustand auch in den leitenden Kreisen drunter und drüber geht. Anfang Juli wurde vom Reichskabinett ein„Gesetz" angenommen, das den Reichswirtschaftsminister Schmitt zum unumschränk- t e n Wirts di aftsdiktator macht. Er ist ermächtigt, „alle Maßnahmen zu treffen, die er zur Förderung der deutschen Wirtschaft sowie zur Verhütung und Beseitigung wirtschaftlicher Schädigungen für notwendig hält". In der deutschen Wirtschaft wimmelt es aber von„Führern". Der oberste war anscheinend der„Führer der Wirtschaft", ein Generaldirektor Philipp Keßler. Ihn hatte Schmitt am 13. März dazu berufen. Jetzt hat er ihn plötzlich abberufen. Das„erforderliche Vertrauensverhältnis" zu dem Ministerium soll nicht mehr bestanden haben, so daß die Zusammenarbeit gefährdet war. Doch jetzt muß man den Offiziosus wörtlich genießen: „Ilerr Keßler entwickelte eine gewisse Selbständigkeit in der Wirtschaftspolitik, die der Grundlinie der Reichsregierung nicht entsprach. Wie es scheint, hat er es auch nicht immer verstanden, die jetzt mehr als sonst notwendige geistige Unabhängigkeit zu bewahren." Der Führer mit der„gewissen Selbständigkeit" und ohne „geistige Unabhängigkeit"— endlich haben die Nationalsozialisten das Ideal ihres Führers— und da wird er weggeschickt! In Wirklichkeit scheint Herr Keßler gewisse planwirtschaftliche Ziele verfolgt zu haben, die (IGB.) In seiner wirtschaftlichen Uebersicht des Monats Juni teilt der Amerikanische Gewerkschaftsbund(A. F. of L.) mit. daß der wirtschaftliche Aufstieg des Frühjahrs im April seinen Höhepunkt erreicht hat und im Mai und Juni die Geschäftslage wieder schlechter geworden ist: „Die Automobilerzeugung ging von 99 336 Wagen in der Woche des 28. April auf 54 185 Wagen in der Woche des 2. Juni zurück. Tausende von Arbeitern sind entlassen worden. Die Stahlproduktion ging von 61 Prozent der Produktionskapazität(Woche des 12. Mai) auf 59 Prozent (Woche des 26. Mai) zurück. Man rechnet damit, daß sie während des Sommers auf 35 bis 40 Prozent zurückgehen wird. Der Index für die Gesamtproduktion in der Industrie sank von 79,3 Prozent der normalen Produktion (April) auf 77,4 Prozent im Mai. Der Index für Produktion und Konsum der„New York Times" fiel von 88.7 in der Woche des 28. April auf 84,9 in der vierten Woche Mai. Ein Rückgang ist für die Berichtsperiode normal. Die wichtige Frage ist nun diese: wird der Rückgang nach der„kleinen Aufwärtsbewegung" im Frühling über das Normale hinausgehen? Die Experten glauben in der Tat, daß der Rückgang ein teenig über dieses Normale hinausgehen und daß er bis zum späten Sommer(schon wegen der großen Trockenheit, d. R.) anhalten wird. Die Produktion hat diesen Frühling die Kaufkraft wieder überflügelt. Obwohl die Differenz relativ klein ist und die Anpassung zwischen Produktion und Kaufkraft nicht genügt, um zur Zeit einen weiteren Antrieb zu erzugen." Da Roosevelt im Lauf seiner Amtszeit seine Maßnahmen nie in der Absicht eingeleitet hat, die ganze Wirtschaftsführung systematisch planwirtschaftlich zu gestalten, sondern in erster Linie darauf ausging, die Krise innerhalb der kapitalistischen amerikanischen Wirtschaft möglichst planmäßig, d. h. so planmäßig, als es eben der liberalistische Kapitalismus zuläßt, zu überwinden und so der kapitalistischen Geschäftstätigkeit einen entscheidenden Antrieb zu gehen, hängt natürlich das Gelingen seines Experiments vor allem auch davon ab, ob die kapitalistischen Unternehmer, für dh er im Rahmen der GeKmtwirtsch"ft j« viel füG ützM der Schwerindustrie nicht paßten und deshalb bat ihn Schmitt fortgeschickt.(Er ist weder eingesperrt, noch erschossen.) Schmitt selbst hat andere Pläne. Er will.den Folgen der Rohstoffknappheit dadurch begegnen, daß er die Wirt- srhaft auf Kurzarbeit umstellt, und es ist wahrscheinlich. daß diese Umstellung zuerst in der Textil- wirtschaft erfolgen wird. Neue Kurzarbeit— neuer Lohndruck! Denn was Hitler über die Rohstoffrage gesagt hat, ist ja unverantwortliches Geschwätz: „Wenn unsere Handelsbilanz durch die wirtschaftliche Sperrung ausländischer Märkte oder durch den politischen Boykott eine passive wird, icerden wir dank der Genialität unserer Erfinder und Chemiker und durch unsere Tatkraft die Wege finden, uns vom Import jener Stoffe unabhängig zu machen, die wir selbst zu erzeugen oder zu erseffen in der Lage sind. Aile diese Probleme werden wir mit unbändiger Entschlossenheit lösen... Es gibt kaum ein Gebiet unseres nationalen, politischen, wirtschaftlichen und sonstigen Lebens, auf dem t cir nicht Bahnbrechendes geleistet haben." Alle„unbändige Entschlossenheit" hilft über die Tatsache nicht hinweg, daß die Ersatzstoffe erstens schlechter, zweitens teuerer sind als die ausländischen Rohstoffe. Schon die Verarbeitung der Kunstwolle und die Mehrverwendung von Kunstseide haben die Qualität der deutschen Fabrikate verschlechtert. Die Verwendung der sogenannten Stapelfasern in größerem Umfange scheitert daran, daß die Preise weit über denen der entsprechenden Naturprodukte liegen. Nu i wird ja der deutsche Konsument sich vielleicht daran gewöhnen müssen, schlechtere Ware zu erhöhtem Preis in Kauf zu nehmen. Aber der ohnedies außerordentlich gesunkene Export von Textilwaren wird dann vollends aufhören. Und so rechnet man in Kreisen der Textilindustrie mit einer Drosselung der Produktion durch Verkürzung der Arbeitszeit, was zugleich für die beschäftigten Arbeiter eine neue Senkung ihres Einkommens bedeutet. Die Textilindustrie, die ja bei Baumwolle 100 Prozent, bei Wolle 95 Prozent ihres Rohstoffes vom Ausland bezieht, ist natürlich zuerst und am stärksten von der Wirtschaftspolitik des Diktators betroffen. Aber ihr Schicksal zeigt nur das Schicksal der deutschen Wirtschaft überhaupt. Noch sind die Rohstoffvorräte vieler Industrien bedeutend. Die letzte Zeit hat eine starke Lagerauffüllung gebracht; zum Teil war es auch eine gewisse Flucht in Sachwerte. Man wird also einige Zeit mit den vorhandenen Vorräten wirtschaften können. Aber auf die Dauer wird der Druck, der von der Einfuhr» seite kommt, zunehmen und den Beschäftigungsgrad der Wirtschaft vermindern. Die Scheinkonjunktur, die die maßlose Wechselreiterei in manchen Branchen erzeugt hat. wird schwinden und die„unbändige Entschlossenheit" der Falschspieler und Falschmünzer wird den Zusammenbruch nicht einen Monat lang verhindern! Dr. Richard Kern. ihrerseits ihre Pflicht erfüllen, d. h. ob sie die große Initiative unterstützen. Daran scheint es, dem Bericht der A. F. of L. nach zu schließen, gründlich zu fehlen! Auch wenn in diesem Bericht keine weittragenden Konsequenzen gezogen werden, gibt er auf alle Fälle den Tatbestand zu, indem er sagt: ,J)ie Regierung hoffte, daß im Frühling die private Initiative dem Anstoß der Regierung folgen werde. Nach Beendigung des Frühjahrsaufschwungs muß jedoch festgestellt werden, daß die Wirtschaft noch nicht bereit istc selber vorwärts zu schreiten, daß sie immer noch von a finanziellen Antrieb der Regierung abhängt. Die Ge* schäftswelt fühlt sich noch nicht veranlaßt, Geld zu leihe;» für die Erweiterung oder Verbesserung ihrer Anlagen, die Millionen von Menschen Arbeit geben und die Wirtschaft in Schwung bringen könnten. Die Banken ihrerseits sind ebenfalls noch nicht bereit, Geld vorzuschießen für solche Unternehmen." ,Die Geschäftswelt schiebt die geringste Ausgabe hinaus, da sie keine garantierte Aussicht für große Gewinne sieht." Man sieht: nicht der Wille zur Gesundung der Gesamtwirtschaft und damit der ganzen Nation ist maßgebend, sondern lediglich der Wille zum individuellen Gewinn. Da der Vorwurf des Mangels an Initiative insbesondere jene Industrien trifft, die bei jeder wirtschaftlichen Erholung den Toa angeben und angeben müssen(Produktionsmittelindustrie, Baugewerbe, Schwerindustrie usw.) stellt sich natürlich die Frage, ob Roosevelt nicht früher oder später gezwungen sein wird, da und dort einen gewissen Druck auszuüben(was ihm dann, besonders seitens der Faschisten, neuerdings den Vorwurf eintragen wird, er sei ein Diktator, obwohl man ihm beileibe nicht nachsagen kann, es nicht vorher gütlich und auf dem Wege der Freiwilligkeit versucht zu haben!). Auch die A. F. of L. stellt eine diesbezügliche Erwägung an, d. h. sie fragt sich ganz offen, ob vielleicht Roosevelt nicht genug Planwirtschaft betreibt, was heißt, ob nicht vielleicht halbe Maßnahmen auf wirtschaftlichem Gebiet ein schlechtes Geschäft sind, weil dadurch auf der einen Seite allem schlechten Willen freier Lauf gelassen und auf der anderen Seite der gute Wille in die Unmöglichkeit versetzt wird, duxchzugreitctzs Aussichten in SJ. S. A. Die Grenzen der teslweisen Planwirtschaft deutsche Stimmen»(Beilage zur..!Deutsdken Freiheit"• Ereignisse und Gesdkitfktesi »MWM«' X(8! Im Donnerstag, den 26. Juli 1934 „lüetut Qatt mich sa mestände" frich Tflühsam Er war der große Anti-Spießbürger, der ewige Literatur- *'geuner, der Ur- und Erzbohemien. Boheme war seine Art, eine Gesellshaftsordnung gründlich zu verneinen, die seinem weichen und gütigen Herzen verneinenswert schien, v- eil sie den dicken Geldsack ehrte und den armen Teufel schändete. Von Einordnung wußte er nichts, Max S t i r n e r leuchtete ihm mehr ein als Karl Marx, die Sozialdemokratie dünkte ihn ein geruhsames Philistertum, sein Appell erging sn die Unorganisierten und Unorgani^ierbaren unter den Proletariern, aber ob er hier skurrilen Ideen huldigte, ihm brannte eine Flamme in der Brust, deren Glut keineswegs "dt den Jahren abnahm. Der am 6. April 1878 in Berlin zur Welt gekommen svar und eine wohlbehütete Kindheit in Lübeck verbracht hatte, suchte, wegen„sozialistischer Umtriebe" vom Gymnasium geschaßt, erst als Pharmazeut in einem bürgerlichen Beruf unterzukommen. Aber bald gewann das Unbürgcr- 'iche in ihm die Oberhand, er überließ das Pillendrehen fnderen und schlug sich fortan als Dichter durch. Rasch war Mühsam in allen Berliner und auch Münchener Literaturkaffees eine bekannte Gestalt, auffallend schon durch das betont Ungepflegte des äußeren Menschen; einen so wüsten "aarschopf und einen so wild wuchernden Bart hatte nie- ®and, und niemand pumpte gleich unverdrossen und wie a uf ein Recht pochend die begüterten Zeitgenossen an. Daneben schrieb er Verse und trug sie in Kabaretts vor, Mori- 'aten, Großstadtstimmungen, Alkoholisches und Erotisches und vor allem schmissige Lumpenlieder:• Kein Schlips am Hals, kein Geld im Sack. Wir sind ein schäbiges Lumpenpack, Auf das der Bürger speit. Der Bürger blank von Stiebellack, Mit Ordenszacken auf dem Frack, Der Bürger mit dem Chapeau claque, Fromm und voll Redlichkeit. Aber hinter ihm, der oft nur wie ein grotesker Spässe- tnacher wirkte, steckte, unschwer zu erkennen, ein ringender fad leidender Mensch, und auf dem Grunde seiner zynischen Eoesien lagen Lebensangst, Schicksalsqual und Scheu vor dem -«schmutz der Welt". Eine anima Candida, eine reine Seele ■ v ar dieser Schnapstrinker und Schnapsdichter, ein ganz kindliches Gemüt, ein Suchender, ein Sehnsüchtiger, ein Träumer: Doch manchmal weiß ich meine Augen schön, Weiß einen weichen Klang in meiner Stimme. Dann seh ich dicht vor meinem Blick die Höhn, Zu denen ich in seltnen Träumen klimme. Dann tasten meine Hände, weiß und schlank. Zu Quellen, die aus Schaum und Silber steigen, Und meine Lippen neigen In heiligem Kusse sich dem reinen Trank. Und nicht nur der Befreiung des eigenen Ich galt seine Sehnsucht, sondern er fühlte zutiefst mit allen Unterdrückten, Hungernden und Leidenden. In seinem Wochenblatt„Der arme Teufel", dann in seiner Monatsschrift„Kain" Predigte er seinen anarchistischen Welterlösungs-Glauben, a ber wenn ihm die Worte der Beschwörung feurig vom i» fötick 4xuf. den Si£m Verboten! Der Film„Theobald, der Mandarin" von der Bavaria ■'® AG. wurde von der Filmprüfungsstelle unter Nr. 36638 Erboten. Darf auch nicht ins Ausland gebracht werden. 1'azimonopol . Durch einen Erlaß des Reichsministers für Wissenschaft, ^rziehung und Volksbildung, sowie des Reichsministers für 0'ksaufklärnng und Propaganda, sowie der Reihspropa- P J ndaleitung der NSDAP.(Abteilung Film) wird ausdrück- °b festgestellt, daß nur die Gaufilmstellen die Auf- Päbe haben, staatspolitische Filme für die Schulen zur Verjüng zu stellen. Für diese Filme erhalten die Gaufilm- ^; e llcn Leihgebühren, außerdem darf von den Schülern eine * e bühr von höchstens 15 Rpfg. erhoben werden. Am inter- j^santesten sind die Punkte 11 und 13 dieses Erlasses; sie äiten:„11. Privatunternehmer dürfen, ohne Rücksicht auf p. re Zugehörigkeit zur Filmkammer, zu Veranstaltungen von I'Im- und Bild Vorführungen für Schulen nicht mehr zuge- «ssen werden. Ausnahmen bedürfen der Genehmigung der "bersten Landesschulbehörden; sie darf nur an solche Privat- Personen erteilt werden, denen in einem Ausweis der ."'hsstelle für den Unterrichtsfilm der besondere unter- £jditliche Wert ihrer Veranstaltungen bescheinigt ist. 13. ,e vorstehenden Richtlinien, die hiermit zum Bestandteil p- r Dienstanweisung der Gaufilmstellen der NSDAP, erklärt ^ er den, treten an Stelle der Richtlinien, die die Unterrichts- J'srwaltungen der einzelnen Länder mit dem Reichsminister Ur Volksaufklärung und Propaganda abgeschlossen haben." Das sind feine Geschäfte, die diese dem Materialismus so '"holde Partei macht. Film— Hitlergebrüll» i Der weitaus größte Teil der Berliner Kinos mußte einen p"«eines Abendprogramms ausfallen lassen, damit das J'blikum die Uebertragung der Mordentschuldigungsrede Y'Uerg anhören könne. In den Ufa-Theatern wurde für ' e, es Theater kein Eintrittsgeld verlangt. ^ e uer Naziposten> , Hugtg Ministerium hat eine„Reithsstelle für den Unter- f'^'tsfilm" geschaffen. Mit der Leitung dieser Stelle soll I r'n Pädagoge, sondern der Kapitänleutnant von Vi erner p P'raut werden. Werner ist der richtige Parteibuchbeamte. w«r Angestellter des nazischen Bayrischen Schmalfilm- '"istes und nach dem Aufbruch der Nazis Leiter der baye- Sc ben Landesfilmbiihne, Verboten! Die Lichtbildbühne teilt mit:„Der Leiter der Filmprüfstelle gibt unter dem Datum des 10. Juli 1934 amtlich bekannt, daß am 16. Mai 1934 die öffentliche Vorführung des stummen Films„Das hohe Lied der deutschen Arbeit" unter Nr. 36248 verboten worden ist. Es handelt sich hierbei um einen Film mit drei Akten(1600 Meter); Antragsteller und Hersteller K. W. Film Kultur- und Werbefilm Ella Haase, Dresden.— Weiter wurde der Fox-Film„Just imagine" verboten. Militärische Filme Im„dritten Reich" werden immer mehr militärische Lehrfilme erzeugt. In einer Mitteilung der Filmprüfstelle finden wir die folgenden Filme verzeichnet; dabei handelt es sich lediglich um Filme aus dem Gebiet der Filmprüfstelle Berlin aus der Zeit vom 2.—7. Juli: 1. Die Grundlagen des Gasschutzes, 2. Luftkampf und Bombenwurf, 3. Manöver der Jagd- und Bombengeschwader des Auslands, 4. Menschen im Schatten(Deutscher Propaganda- und Werbedienst), 5. Moderne Luftwaffen, 6. Die taktische Verwendung des Flakregiments.-... Bec hiutdectlähcige Math Jmhuh Der hundertste Geburtstag Mark Twains, des großen amerikanischen Humoristen, ist zwar erst im Jahre 1935, aber schon jetzt beginnt man in Amerika mit den Vorbereitungen zu dieser Jahrhundertfeier. So hat die Mark-Twain Gesellschaft bereits ein kleines Buch herausgegeben, in dem Aeußcrungen über Mark Twain zusammengefaßt sind und das besonders interessant ist durch die Persönlichkeiten, die darin mit einer Aeußerung vertreten sind. Das Buch verzeichnet sieben Namen von Politikern und Schriftstellern, die eine wirklich sensationelle Zusammenstellung geben. Da stehen unter den Bewunderern Mark Twains: der Präsident Roosevelt und Mussolini, Bernard Shaw und der bereits verstorbene Galsworthy, Andre Maurois, G. K. Chesterton und John Drinkwater,— ein stattlicher Auftakt für die Jahrhundertfeier Mark Twains. Braunes Theater Den sogenannten Grenzlandtheatern wird besondere finanzielle Hilfe gewährt, so dem Tilsiter Stadttheater, das vom Reichspropagandaministerium einen Zuschuß erhält. Das Theater der Stadt Flensburg soll im Rahmen des sogenannten Arbeitsb escfaaffupisprogramms renoviert werden, ZeitbiCd Munde stoben, lachten ihn die Menschen aus oder drehten sich gelangweilt um: Ich will der ganzen Welt Gebresten heilen, Will aller, aller Arzt und Helfer sein, Doch wo ich nahe, seh ich flink enteilen Die kranken Menschen, und ich bleib allein. In Versen, deren Metall ganz rein und voll klingt, drückte er einmal seine Tragik aus, die Tragik dessen, der andere erlösen möchte und sich selber nicht zu erlösen vermag: Wenn Gott mich so verstände, Wie ich sein Werk versteh, Er gab in meine Hände Den Segen für das Weh. Ich seh auf Feld und Weide Das Glück der Welt gedeihn. Für mich wächst kein Getreide, Am Rebenstock kein Wein. Ich möcht die Menschen lehren, Wie man das Leben lebt, Kann selbst mich nicht erwehren Des Leids, das an mir klebt. Nachdem der Weltkrieg sein fühlend Herz mit tausend Nadeln durchbohrt hatte, glaubte Mühsam mit der Räterepublik München im Frühjahr 1919 seine Stunde gekommen, aber dieser romantische Dichtertraum zerrann noch häßlicher als viele andere, und die Verurteilung zu fünfzehn Jahren Zuchthaus war das Ende. Nach fünf Jahren Niederschönefeld wurde er„begnadigt", um, schwer an seiner ohnehin nicht robusten Gesundheit geschädigt, sich seinem Werke aufs neue zu widmen. Aber was immer seiner Feder entfloß, Dramen, Flugschriften, Erinnerungen„Von Eisner bis Levine", in seines Wesens Kern war und blieb er Lyriker: Wer fragt nach mir, wenn ich gestorben bin? Der trübe Tag nahm meine Jugend hin. Der Abend kam zu früh. Der Regen rann. Das Glück glitt mir vorbei, mir fremdem Mann. Mein armes Herz ist seiner Leiden satt. Bald kommt die Nacht, die keine Sterne hat. Die Nacht ohne Sterne brach für Deutschland wie für ihn an, als die Flammen des Reichstagsbrandes den Himmel über Berlin schauerlich erhellten. Unter den ersten, die den braunen Banditen in die schmutzigen Hände fielen, war Mühsam. Sicher hatten sie keine Zeile von ihm gelesen, aber die stumpfsinnigen Spießbürger, kulturfeindlichen Banausen und rohen Barbaren, die sich in die Macht gestohlen hatten, empfanden ihn mit sicherem Instinkt als ihren Antipoden. Grund genug, das„Pazifistenschwein" durch Gefängnis und Konzentrationslager zu schleppen, zu schlagen, zu treten und viehisch zu schinden. Und jetzt haben sie ihn zu Hunderten anderer in den Tod gehetzt, den armen Dichtersmann, ganz gleich, ob sie ihn mit Ochsenziemern und Revolver unmittelbar erledigten oder durch das Ueber- maß physischer und moralischer Qualen zum„Selbstmord" trieben. Auch für dieses vernichtete Leben wird Rechenschaft verlangt werden und rascher vielleicht, als mancher ahnt. Erich Mühsam wird uns unvergessen bleiben, aber seinen Mördern auch. M. K. Wenn ich nachts durch deine schneebedeckten Straßen streiche, träume ich vom Deutschen Reiche und ich weine. Wenn die braune wildegword'ne Bande Und betrogene Bestien laut an mir vorüberziehen, denk ich des Verrats am Vierten Stande, an die Herzen, die im Stillen glühen; an die Brüder, die im Zuchthaus leiden, an die Brüder, die im Glauben starben, an Millionen, die in Unschuld darben, doch die fest den Pakt mit„jenen" meiden. * „Bei Philipp! treffen wir uns wieder." Kennst du die geflügelten Worte, die der stolze Marc Antonius einst gesprochen haben soll? * Durch das nächtliche Berlin stampfen die gedrillten Horden Im Palast des Oberosafs schlägt ein menschliches Gewissen Und er freut sich, daß die lieben Volksgenossen dankbar winken; wenn sie donnernd Siegheil rufen, zeigt er mutig sich am Fenster. TJlax JStod: „Die Frau, die nicht enttäuacht" Ein merkwürdiges Buch und fast ein kühnes. Wer anders als dieser zeitgenössische Romancier großen Formats dürfte sich die Ironie des Titels erlauben? Diesen bewußt irreführenden Titel für ein Buch, das nicht etwa bedingungslos von einer Frau schwärmt, sondern von ganz Anderem handelt: Zerstörende Leidenschaft, platonische Liebesgestaltung und Austrag harter innerer Kämpfe eines deutschen Dichters jüdischen Blutes, alles findet auf den 370 Seiten dieses Romans harmonischen Platz. Wer anders dürfte diese Themen so miteinander verbinden, als dieser eben Fünfzigjährige, der außer tiefen Liebesbüchern und plastisch-dramatisch gestaltenden historischen Romanen schon Streit- und Bekenntnisschriften zum jüdischen Problem veröffentlichte, als dieses Thema weder aktuell noch beliebt war. Man liest Brods neues Buch in der Emigration. Neben der Welt, ausgehungert nach Lektüre, zerrissen, zwischen vielerlei Büchern. Liest es nach Heinrich Manns Dokument vom„Haß", nach Feuchtwangers aufwühlenden„Geschwister Oppenheim" und Heinz Lippmanns erschütterndem Anklagewerk„Vaterland". Und die„Frau, die nicht enttäuscht" hat einem etwas zu sagen und zu geben. Das bedeutet in dieser Nachbarschaft, viel für dieses Werk, worin sich der große Liebende dieser Zeit— schmerzlich auc seiner sinnlich-besinnlichen Schau aufgestört— mit dem Einsturz seiner glühend besonnten Welt auseinandersetzt. Neben der, wie immer, meisterhaften Darstellung und Analysierung modernpr Frauen bietet der Dichter diesmal das Schauspiel vom heftigen inneren Kampfe eines ausgestoßenen deutsch-jüdischen Geistesmenschen.(Der Kampf wurde von Brod ausgelohten und dichterisch gestaltet, ehe er in aller Oeffentlichkeit begann.) Wie einfach ist das geschrieben: Einer erkrankt an einer Frau und seinem Juden- turne. Und wie sich im Buh die andersrassige, schöne geliebte Frau und das schöne geliebte Land(Leasings und Stifters Land) gleihnishaft verweben. Unauflöslich und unauslöschlich. Fein sind die Nebenfiguren des Romans gezeichnet. Gnadenlos die berechnende Vorgängerin der zerstörenden Geliebten, ehrlich und fast selbstverleugnend der betriebsamgetriebene Zeit- und Glaubensgenosse Dr. Türk und mit herrlich saftigem hintergründigem Humor endlich der schwerfällig-pfiffige Verlagsvertreter.— Leuchtend, fiebernd, zum Greifen nah aber die verderbliche Brau.—. Der Dichtec im Buh wird von ihr gerettet, die ihn bald vernichtet hätte,— vor der Diffamierung in seines Geistes Heimat hat ihn nichts retten können. Er lebt künftig ohne die zerstörende Frau und ohne das zerstörte Vaterland. Wie, das müssen wir aus diesem Buh erraten, das da endet, wo die Barbarei in Deutschland begann. Der Dichter Brod wird uns, hoffen wir, in seinem nächsten Buh die Antwort geben. Es wird heißen„Heinrich Heine, das Leben eines deutschen Dichters", Charlie Kaschno Bas Jjheatec dec toten Atmet In Moskau, auf dem Roten Platz, ist der Bau einet Riesengebäudes begonnen worden, das gewissermaßen ein Denkmal für die rote Armee sein soll. Der Entwurf sieht die Form eines fünfzackigen Sterns vor, das Gebäude wird von einem Säulengang umgeben und mit Bildern und Skulpturen ausgeschmückt sein, die an die wichtigsten Episoden der revolutionären Kämpfe erinnern werden. Das Gebäude wird einen großen Theatersaal haben, der dreitausend Personen fassen soll, die Bühne wird mit den modernsten technischen Einrichtungen versehen sein. Das ganze Gebäude wird von einer vierzehn Meter hohen Statue gekrönt, die einen Soldaten mit einem flammenden Stern in der Hand darstellen wird. Pfui Teufel— für alle Zeiten Ein deutscher Journalist schreibt in der Korrespondenz des Deutschen Presseverlages:„Das JPfui Teufel', mit dem der Reihsminister Dr. Goebbels seine Rundfunkansprache schloß, wird für alle Zeiten in die Geschichte der internationalen Zeitungswissenschaft eingegraben sein als ein Dokument tiefsten Standes des Journalismus in weiten Teilen des Erdballs."—- Eine immerhin ein wenig zwei- dfiwtige Aeußerung. »Deutsche Freiheit" Nr. 170 Das bume Vlatt Donnerstag, 26. Juli 1984 Verdächtige Achiffe Die Liebesgaben des Orients Protestbewegung für die Oigger von Georgia •" Marseille. Im Laborat or i mm der Marseiller Hafen- quarantäne herrscht graste Aufregung. Soeben hat das Städtische Gesundheitsamt angeläutet, daß vor zehn Mi- nuten ein Mann mit vierzig Grad Fieber ins Hospital ein- geliefert worden sei, den man auf der Straße gesunden habe. Er habe am linken Oberschenkel ein riesiges Geschwür, das die Aerzte überaus beunruhige. Es ist ein Uhr nachts. Trotz- dem begibt sich der Leiter des Laboratoriums mit seinen Assistenten unverzüglich$11 dem Kranken. Er führt allerlei Apparate mit sich, darunter ein Mikroskop, ein paar leicht handliche Glasröhren und einen Behälter mit weißen Mäu- sen. Durch Punktierung ewtninrmt er dem Fiebernden Blut- proben, in denen alsbald das Vorhandensein von Kersin- Bazillen festgestellt wird. Sie werden den Mäusen einge- impft. 48 Stunden später liegen die Tierchen steif und tot in ihrem Käfig. Nun besteht kern Zweifel mehr. Die Regie- rungsbehörden werden unterrichtet. Entsprechend der Vcr- einbarung mit dem internationalen Hygiene-Amt vom 21. Juni 1926 benachrichtigten sie alle Staaten der Erde. Der Fieberkranke nämlich hat die„Krankheit Nr. 9", die schlimmste, ansteckendste und unheilbarste der Welt: die Pest! Einst faßte man uirter dieser Bezeichnung die verschieden- sten Seuchen zusammen: den Aussatz, die Cholera, den Typhus, das gelbe Fieber. Erst später lernte man den Aussatz, die eigentliche Pest, von den übrigen Krank- heiten zu unterscheiden.<Äe kamen alle aus den tropischen Gebieten, vor allem aus den orientalischen Ländern mit ihrer ebenso dichten wie schmutzigen Bevölkerung. Während des ganzen Altertums und noch weit herein bis in die so- genannte Neuzeit haben sie in Europa die verheerendsten Epidemien verursacht. In Frankreich wütete die Cholera noch im Jahre 1884. Der Aussatz wurde zum letzten Male 1729 durch ein großes Schiff namens„Saint-Antoine" aus dem Orient nach dem französischen Süden übertragen. Er forderte in wenigen Wochen so zahllose Opfer, daß sie von den Straßen aufgelesen und nur in Massengräbern be- stattet werden konnten. 80 000 Menschen gingen damals in der Provence zugrunde. Als erste hat die Republik Venedig, die im Laufe von sechs Jahrhunderten 63 Epidemien erlebt hat, wirksame Maß- nahmen gegen die Gefahr verdächtiger Schisse und Passa- giere ergriffen. Sie hat schon im Jahre 1348 die ersten Ueber- wachungsposten und isolierten Seuchcnlazarette eingerichtet. Es dauerte geraume Zeit, ehe" ihr Beispiel von der Mehr- zahl der anderen großen Seehäfen befolgt wurde. Ein bc- merkenswerter Fortschritt war schon erzielt, als man ent- deckte, daß die Seuchen von Milliarden winziger Wesen verursacht wurden, die ihrerseits durch Schmarotzer-Insekten über Land und Meer bis in unser Blut und unsere Lebens- mittel befördert wurden. Es erschien geradezu als eine epochemachende Erkenntnis, daß das gelbe Fieber durch Moskitos, der Typhus durch Läuse, die Cholera durch Flie- gen und die Pest durch die Flöhe unreiner Ratten über- tragen wurden. Trotzdem wurde erst im Jahre 1831 zu Paris durch zwölf Nationen eine Vereinbarung über die sanitäre Ueberwachung der Mittelmeerhäsen getroffen. Und erst 1912 wurde das internationale Hygiene-Amt gegründet, das die allgemeinen Verteidigungsmaßnahmen gegen Epi- demien ein für allemal auf wirklich wissenschaftliche Grund- läge festlegte. Wenn wir heute vor den furchtbaren Wir- kungen der feindlichen Bazillen einigermaßen gefeit sind, so nicht nur, weil wir mit Serums und Gegengiften gewappnet sind, sondern vor allem, weil ein gut organisiertes Vcr- teidigungssystem alle einlaufenden Schisse ständig überwacht, die Passagiere untersucht und jeden Krankheitsherd im Keime erstickt. Die Hauptträger der Pest sind die schwarzen Schiffs- rotten, auf deren Haut sich bazillenreiche Flöhe angesiedelt haben. Gegen sie vor allem richtet sich der Kampf der sani- tären Hafenämter. Jedes Schiff, auch das bestgehaltene, muß alle sechs Monate von Ratten gesäubert werden. Kein Dampfer darf in Verbindung mit dem Festland treten, be- vor sich nicht ein Offizier in Begleitung des Schisssarztes zur Kontrollstelle begeben und dort alle notwendigen An- gaben über Herkunft, Labung und Besatzung des Fahr- zeuges gemacht hat. Neuerdings genügt es auch, wenn die entsprechenden Aufklärungen durch den Funker gegeben wer- den. Kommt das Schiff aus einem unsauberen Hafen oder führt es einen zweifelhaften Kranken an Bord, so wird es sofort den Bestimmungen der internationalen Berein- barung über sanitäre Seepolizei vom 3. Oktober 1927 unter- worfen. Um die Einführung der Pest auf das Festland zu unterbinden, werden Besatzung und Passagiere ärztlich untersucht. Verdächtige werden ausgeschifft und isoliert, ihre Umgebung wird beobachtet und überwacht. Alle Gegenstände und Räumlichkeiten, welche die Gesundheitsbehörde nicht freigibt, werben desinfiziert. Wie trotz aller dieser Maßnahmen die Schranken gegen die Seuche auch heute noch nicht undurchdringlich sind, haben wir eingangs geschildert. Wenn es sich dabei auch um Einzel- fälle handelt, die durch unglückliche Verkettung von Um- ständen in der gemischten Bevölkerung der schmutzigen Hasenviertel auftauchen, so ist die Gefahr doch keineswegs gering. Im Jahre 1930 sind in Marseille vier Menschen an Aussatz gestorben. Das ist seit langem nicht mehr vorge- kommen. Nur durch sofortiges schärfstes Durchgreisen der Behörden konnte eine Verbreitung verhütet werden. In einem Falle, in dem sich bei einem dreizehnjährigen Mädchen Anzeigen der furchtbaren Krankheit zeigten, wurde in aller Stille ein ganzes Stadtviertel geräumt und abgeriegelt. Außer der unmittelbaren Nachbarschaft erfuhr niemand von diesem Vorfall. Die Zeitungen schwiegen, um keine Panik heraufzubeschwören. Hand in Hand mit dem Kampfe gegen die Lynchjustiz geht in Amerika zur Zeit ein Kamps um die menschenwürdige Behandlung der Neger in den Slldstaaten. Als Schulbei- spiel gilt Georgia, ein Staat an der Küste im Süden von USA. Hier machen die Neger etwa 38 Prozent der Gesamt- bevölkerung aus und führen in dem an sich schon armen Staate ein armseliges Leben. Unerträglich wird es aber für die Nigger, wenn sie aus irgendeinem Grunde straffällig werden und ins Gefängnis kommen. Wenn sie Pech haben, kommen sie in einer der berüchtigten Gefängniswagen, die ungefähr so aussehen, wie ein Löwenkäfig auf Rädern. Fest angeschmiedet an ihre Lager, rollen sie nun in die Wildnis, um Land zu kultivieren. Nie kommen sie von ihren Ketten los, im Gegenteil, manche Fesseln sind noch mit Stacheln versehen, damit sich die Mitgefangenen diesem Manne nicht nähern können. Hier in Georgia ist die Folter noch nicht abgeschafft. Graues Mittelalter taucht wieder aus, wenn man sieht, wie ein Sträfling, der sich etwas zuschulden kommen ließ, krumm geschlossen und in die glühende Sonne ge- worfen wird, wo er bis zur Ohnmacht liegen bleibt. Weiße Gefängniswärter schämen sich nicht. Gefangene in den Stock zu legen, sie zu prügeln oder die grausigste Art der Folter, die Beine an einen Pfahl zu binden und die Arme an einem etwa eineinhalb Meter entfernten Pfahl, so daß der Gefolterte in dieser unmenschlichen Stellung in gebückter Haltung in der Sonne viele Stunden stehen muß. Für alle diese Greuel sind Dokumente vorhanden. Foto? von ehrliebenden Amerikanern, die jetzt bei den maßgebenden Stellen vorliegen. .M Häufig geht der Tod knapp an uns vorbei, ohne, baß wir es ahnen. Vor einigen Jahren landete in Marseille ein Luxusdampfer, der aus dem Orient kam. Er hatte keinen Kranken an Bord. Trotzdem bat er um sofortige Entrattung. Die Mannschaft war im Laufe der Fahrt einer ungewöhn- lichcn Zahl von Ratten begegnet. Auch hatte sie beobachtet, daß einige dieser Tiere nur mit Mühe und Schwierigkeit vor ihr flüchteten. Ein schlimmes Zeichen! Das Schiff wurde hermetisch geschlossen und mit Schwefelsäure getränkt. Wo- raus man aus seinen Tiefen 300 Rattenkadaver ans Licht brachte! Einige wurden untersucht. Sie waren über und über mit Pestbazillen behaftet. „Blutspender' Der Schüler Bandi Bacskai der 4. Klasse des Real- gymnasiums der Pester Jsr. Religionsgemeinde war an einer Herzbeutelentzündung erkrankt. Als seine 47 Klassen- kameraden erfuhren, daß man sein Leben nur durch Blut- transfusion retten könne, meldeten sich alle wie ein Mann beim Spitalsleiter im Adele-Brody-Spital und boten ihr Blut an. Dieser Heroismus büßt nichts durch die Tatsache ein, daß dem Spital ständig kräftige Männer zur Ber- sügung stehen, deren Blut auch für die eben erforderliche Bluttransfusion benutzt wurde. (Bim Vlättermaschine für Vücher Die reichen Passagiere, die den Lurusbampfer mit ihrer Anwesenheit beehrten, werden niemals erfahren, daß in all den herrlichen Nächten ihrer Lustfahrt, iu denen sie aus Deck unter den Sternen tanzten, nur wenige Meter unter ihnen Horden von Lebewesen wohnten, die in ihrem un- reinen Blut die Keime eines entsetzlichen Todes trugen. Georges Guillaume. Wilsons Tochter läßt sich scheiden Der rasende Tod Nach- einer soeben veröffentlichten Statistik des„Ameri- konischen Sicherheitsrates" wurden im vergangenen Jahre in den Vereinigten Staaten 33 000 Menschen durch Auto- Unglücke getötet. Mehr als eine Million Personen wurden im Verlauf des Jahres von Krastwagenunsällen verletzt, da- von 83 000 so schwer, daß sie Krüppel geworden sind. Ein Neuyorker Bücherhändler ist auf einen„genialen Gedanken gekommen, wie man den Bücherabsatz heben und dabei der Bequemlichkeit der Leser entgegenkommen kann- Er hat einen hübschen kleinen Apparat konstruiert, der, wenn man auf einen Knopf drückt, die Seiten eines Buches von selbst umblättert. Den Knopf hält man in der Hand, und, wie der Buchhändler versichert, macht es bedeutend m«h* «paß, auf den Knopf zu drücken, als die Seiten anzufassen- Den Apparat gibt es als Gratiszugabe, wenn man^ Bücher auf einmal kaust. Mrs. Eleonore Wilson Mc Adoo, die Tochter des«er-, storbenen Präsidenten der Vereinigten Staaten: ist schuldlos geschieden worden. Als Gründe wurden ihrem Gatten„Grau- samkeit" und„Rücksichtslosigkeit" vorgeworfen. Ihr 9 e' schiedener Mann war Mr. William Mc Adoo, ehemaliger Schatzsekretär. Mrs. Wilson klagte besonders darüber, daß ihr Gemahl sich häutig auf Reisen begab und sie in Washing- ton zurückließ, obwohl ihr das Klima dieser Stadt gar niÄ bekam. Das Scheidungsurteil wurde von einem Sonde» gericht in Los Angeles gefällt. Unsere Töchter, die OsJnen Roman.von HermyniaZur Mühlen. zz Die Alte saß noch immer ganz ruhig da und lächelte. Wie eine Hexe, sagte mein künftiger Schwiegersohn, der Baron Hellsdorf. „Deine Freunde und Parteigenossen, liebe Claudia," sagte sie boshaft,„zeichnen sich nicht durch gute Manieren aus." Die SA.-Leute kamen zurück,' sie hatten niemand gefunden. Mein künftiger Schwiegersohn, der ein echter Kavalier ist, wollte sich bei der Alten entschuldigen. Sie wehrte ab. „Ich habe von Ihnen nichts anderes erwartet," sagte die unverschämte Person.„Aber es wäre mir angenehm, wenn Sie jetzt gingen. Ein Hakenkreuz im Hause genügt mir." Die arme Claudia schämte sich furchtbar über ihre un- mögliche Mutter,' sie vergrub das Gesicht in den Händen und wandte sich von Alten ab. Mein Schwiegersohn, der Baron Hellsdorf, kommandierte seine Leute ab und sie ver- ließen das Haus. Lieselotte lachte, als Eberhard ihr die Geschichte erzählte. Manchmal lacht das arme Kind an der unrechten Stelle. Ich war natürlich tief empört, wie wagte die Alte, sich so gegen unsere brave SA.— und vor allem gegen meinen künftigen Schwiegersohn, den Baron Hellsdorf, zu benehmen? Ich bin auch überzeugt, daß sie trotz allem den Bürgermeister ver- steckt gehalten hat. Einen Tag nachher fuhr sie in ihrem klei- nen Motorboot spazieren, ihr Gärtner, von dem die ganze Stadt weiß, daß er Kommunist ist, lenkte das Schiff. Sie fuhr an der Schweizer Grenze entlang: wer weiß, wo das Boot angehalten hat und wer ausgeschifft wurde? Aber sie ist ja so verlogen und heimtückisch: man konnte ihr nichts nachweisen. Und Claudia bedeutete für sie einen Schutz. Diese Claudia, die gehört wirklich nicht zu uns, man müßte sie aus der Partei ausstoßen. Aber ihr Geliebter gibt es nicht zu. Eine feine Familie, die Alte beherbergt einen Verbrecher, und die Junge, die nicht einmal mehr jung ijt, hat eine» Geliebten. Da lobe ich mir meine Lieselotte, die immer ein braves Mädchen gewesen ist und nun bald Baronin Hells- dorf sein wird. Mein Artur ist ein vornehmer Mensch: als ich ihm sagte, daß die Gräfin Agnes bestimmt jüdische Ahnen hat, schüttelte er den Kopf: „Sag das nicht, Martha. Ich habe ihren Stammbaum stu- diert. Reine Arier. Aber wenn dich diese Frage interessiert." Er holte aus dem verschlossenen Schreibtisch eine Menge Papiere hervor. Er hat schon seit Jahren Listen von Leuten aufgestellt, deren Ahncnreihe durch jüdisches Blut befleckt ist. Ich sah mit Freude und Staunen, daß die Urgroßmutter ber Frau Major eine getaufte Jüdin war und auch bei vielen, die sich jetzt deutsch gebärden, fand man den Rassen- makel. Artur und ich verbrachten zusammen einen schönen, harmonischen Abend. Ich fühlte mich dermaßen eins mit meinem lieben, klugen Mann. Wie schön ist es doch, wenn Ehegatten die gleichen Interessen und Ueberzeugungen haben. Wie schön ist es für eine Frau, sich von dem geliebten Mann lenken und führen zu lassen. Und wie glücklich ist der Mann, dem die Frau seiner Wahl Verständnis entgegen- bringt. Ich bin wirklich eine glückliche Frau. Die Tage fliegen nur so dahin. Nun ist bereits der 28. April. Ich habe aber auch schrecklich viel zu tun. Lieselottes Aus- steuer muß gekauft werden, und außerdem beschäftigt mich die Einrichtung meiner Villa in hohem Maße. Sie wird, Gott sei Tank, viel billiger kommen, als ich erwartet hatte. Zuerst wollte ich sie bei einem Parteigenossen kaufen, aber der brave Mann war dermaßen teuer, baß ich mir die Sache dann doch überlegte. Ich ging eines Abends, als es bereits ein wenig dunkelte, zu der jüdischen Möbelhandlung Kohn und sah mir die Waren an. Eigentlich tat ich es aus Mitleid, denn der alte Kohn ist fünfundsiebzig, und was soll so ein alter Mann tun, wenn niemand mehr bei ihm kauft? Natürlich versuchte der Jude zuerst, mich zu betrügen: er verlangte fast ebenso viel wie unser braver Parteigenosse, und das kommt einem Fremdstämmigen doch wahrlich nicht zu. Ich erklärte ihm das sanft, aber entschieden. Es ärgert» mich, daß der Manu meine Güte uicht zu Mäzen wußte „Ich habe immer feste Preise gehabt, Frau Doktor," sag^ er in seiner unverschämten jüdischen Art. „Ja früher," meinte ich nicht ganz milde. „Ich kann die Möbel nicht billiger hergeben." Da packte mich aber denn doch der Zorn. „Wissen Sie nicht, daß jetzt endlich mit den Wucherpreis" aufgeräumt wird!" rief ich.„Es wäre meine Pflicht, wegen Ueberschreitung der erlaubten Preise anzuzeigen." Der alte Mann wurde noch kleiner, als er von Natur aus ist. Seltsam, der liebe Gott selbst hat diese Juden gezeichnet- sie sind immer klein, haben irgendein Gebrechen, hinken- haben Plattfüße, wobei mir einfällt, daß ich mir neue Ei"' lagen in meine Schuhe kaufen muß. Nicht etwa, daß>®j Gott behüte, Plattfüße hätte, aber vom vielen Arbeiten h"^ ich eine kleine Senkung bekommen. Also, der alte Mann stand ganz jämmerlich und zitternd in einer Ecke und mich mit seinen großen schwarzen Augen an. Das rührte m>® sehr. Wenn er auch ein Untermensch ist, in der Bibel ste" ja, daß der Gerechte sich des Viehes erbarmt. „Also, Herr Kohn," sagte ich ermutigend,„wir werd^ uns schon einigen. Ich zahle die Hälfte von dem, was verlangen. Und Sie machen dabei bestimmt noch ein gu^ Geschäft." Er jammerte noch eine Weile: es war widerlich zu seb^' wie ein Mensch wegen des schnöden Mammons sich alle Würde begab. Tann nickte er: „Also gut, Frau Doktor." Auf diese Art bin ich billig zu einer Salon- uns ei»e' Speisezimmereinrichtung gekommen und habe außerdem ein gutes Werk getan. Damals wußte ich ja noch nicht, ich dem Juden überhaupt nicht würde zahlen brauchen.® lieferte die Möbel, aber noch ehe ich die Rechnung erhie'' wurde er wegen kommunistischer Umtriebe ins Konzens"' twnslager gebracht, so baß ich eigentlich meine Einrichtu" umsonst bekommen habe. Arthur erzählte ich nichts von Sache. Er hätte meinen Standpunkt vielleicht nicht begrifft Fortsetzung folg^ Arbeiter-Olympiade in Prag Von Emile Vandervelde 2TIs unsere Prager Freunde mich einluden, die Inter- nationale bei der Dritten Arbeiter-Olympiade zu ver- lreten, war ich darauf gefaßt. einer imposanten sozialisti- i?en Kundgebung beizuwohnen. Und diese Erwartung ist nicht enttäuscht worden. Seit den unvergeßlichen roten Tagen in Wien im Jahre 1931 hat man nichts gesehen, öos diesem gewaltigen Aufmarsch von 40 000 Sportlern 0leich käme, die, Männer und Frauen, von den Sport- organisationen aller Länder nach Prag entsandt worden sind— leider mit Ausnahme von Oesterreich. Deutschland und Italien. Was ich aber nicht vorausgesehen hatte, das war, daß diese Arbeiter-Olympiade, die im Zeichen der Internationale stattfand, zugleich ein großes Ereignis des ganzen Landes sein würde. * Das merkte man. kaum daß man. von Deutschland kommend, die Grenze überschritten hatte. Von dieser Reise quer durch das„dritte Reich", die zum größten Teil bei Nacht vor sich ging, ist natürlich nicht viel zu berichten. Vom Zug aus sieht man in Aachen rote Fahnen mit dem Hakenkreuz: feiert man die Hinrichtung der„Hoch- Verräter"? Ist es ein lokales Fest? Die zweite Annahme scheint wahrscheinlicher, denn in Köln oder Leipzig ist nichts dergleichen zu sehen. Im Bahnhof von Halle enl- decken wir ein Braunhemd, einen SA.-Mann, abgezehrt und zerlumpt, der wahrscheinlich die Uniformstücke be- halten hat, weil er keine anderen Kleider besitzt: zweifel- los ein ehemals Arbeitsloser, den nun der Urlaub der SA. m die Arbeitslosigkeit und das Elend zurückstößt, ein lebendes Zeugnis einer Zeit, die nun vergangen ist. Denselben Eindruck gewinnt man von den Gepäck- trägern: sie sind diszipliniert und höflich wie immer, aber man sieht, daß sie nicht alle Tage satt zu essen haben. * Welch ein Gegensatz, beim Verlassen dieses ungeheuren düstern und traurigen Landes die Lebendigkeit und Heiterkeit zu sehen, die die tschechoslowakische Republik, diese Insel der Freiheit belebt! Alle Bahnhöfe sind zu Ehren der Arbeiter-Olympiade beflaggt. In Prag er- fahren wir, daß der Bürgermeister der Stadt, der nicht der Sozialdemokratischen Partei, sondern der National- sozialistischen Partei des Dr. Benesch angehört, der Be- völkerung empfohlen hat. zu Ehren der sozialistischen Sportkundgebung die Fahnen zu hissen. ^ Von allen Seiten von Diktaturen eingeschlossen ist die Tschechoslowakei wie eine Festung, in der die Gegensätze der Parteien und der Klassen durch die Gegenwart gemeinsamer Gefahren gemildert wird. * Zum Andenken an die internationale Kundgebung von 1924 hatte die Internationale den österreichischen Sozialisten eine Fahne gewidmet. Sie ist nach den jüng- sten Ereignissen von der Polizei des Herrn Dollfuß mit «'.Beschlag belegt, aber von einigen Tapferen wiedererobert und jenseits der Grenze in Sicherheit gebracht worden. Jetzt, bei der Olympiade, hatten mich diejenigen, die sie gerettet haben, beauftragt, sie der tschechoslowakischen Sozialdemokratie zu treuer- Aufbewahrung zu übergeben bis zu dem Tage, da der Faschismus in Oesterreich niedergeworfen sein wird. Mit Julius Deutsch und unserem prächtigen Genossen Soukup. dem Präsidenten des Senats, begeben wir uns in das Stadion zu der Gruppe von hundert österreichischen Flüchtlingen, Kämpfern des Schutzbundes, die mit verschiedenen geretteten Wiener Parteifahnen nach Prag gekommen sind. Ein tiefergreifendes Bild: diese jungen Männer, deren Uniformen, gebleicht und fast in Fetzen, die ganze heroische Geschichte ihres Kampfes für die Freiheit erzählen. Sie können ihren tschechoslowaki- schen Brüdern die Fahne der Internationale mit der Gewißheit übergeben, daß sie am Ende ihrer Prüfungen ihnen zurückgegeben werden wird. Wer die Arbeiter- Olympiade gesehen hat, der weiß. daß. was immer qe- schehe, sie glorreich verteidigt werden wird. Schon in den Morgenstunden dieses schönen Sonntags ist die Bewegung in der Stadt ungeheuer. Ueberall saiw mein sich die Massen in freiwilliger Disziplin. Pünktlich setzt sich der Zug in Bewegung. An der Spitze marschieren die Legionäre— sozialdemokratische, wohlgemerkt. An ihrer Spitze, wie im Jahre 1917, Benesch, der Bruder des Ministers, der nicht wie dieser ein nationaler Sozialist, sondern in der Sozial- demokratischen Partei geblieben ist. Sie alle tragen noch ihre alten Uniformen aus dem Kriege, aus der Zeit ihres Heereszuges quer durch Sibirien, zu den fernen Ufern des Stillen Ozeans: die einen in feldblau, die anderen, wohl einzig auf der Welt, noch in den Militärblusen der Kerensky-Zeit. Ihnen folgen die Mitglieder des Partei- Vorstandes, die Abgeordneten und Senatoren, die soziali- stischen Minister. Mehrere von ihnen tragen, wie Soukup. das rote Seidenhemd mit der über die Achsel gehängten grauen Jacke, die die tschechoslowakischen Revolutionäre seinerzeit von den Garibaldianern entlehnt haben. Und dann beginnt, zur Moldau hinunter, der endlose Strom der ausländischen Gruppen, die Deutschen in der Tschechoslowakei In hellgrauen Gewändern, die Slowaken und Mährer, bei denen mitten unter die Sportdressen ab und zu Frauen im Nationalkostüm, in kurzen Ballon- rocken mit roten oder schwarzen Strümpfen, eine be- lebende Note bringen, endlich die Tschechen in unendlicher Zahl, die Mädchen fast eben so zahlreich wie die Männer: diese in schwarz und weiß mit Scharen von roten Fahnen voran: jene zierlich und kraftvoll mit nackten Beinen, kurzem blauen Rock, weißer Bluse und roter Mütze— es ist zweifellos kein Zufall, daß diese Tausende von Sozialisten ein Kostüm in den drei Landesfarbentragen. In der Menge, die den Zug umsäumt, scheint ganz Prag auf den Beinen: und unter den Papierfähnchen, die sie zum Zeichen der Sympathie und der Freude schwingen, sieht man vielleicht weniger rote als dreifarbige in den Farben der Republik. Auf der Höhe des Rathauses nehmen die Führer der Partei und die Delegierten der Internationale auf einer Estrade Platz, wo sich der Bürgermeister der Stadt Prag, Offiziere aller Grade, Generäle und Mitglieder des diplomatischen Korps be- finden. Niemand wundert sich freilich, daß die Gesandten Deutschlands, Oesterreichs und Italiens fehlen. Vor dieser offiziellen Gesellschaft ziehen durch mehr als zwei Stunden die sozialistischen Sportler vorbei, die Fahne der Inter- nationale an ihrer Spitze. Man bemerkt im Vorbeimarsch die Standarte der Außiger Genossen„Es lebe Masaryk"! Wer hätte vor zehn Iahren gedacht, daß der Tag kommen würde, an dem deutsche Minister in der tschechoslowakischen Regierung sitzen und deutschsprachige Sozialisten den Gründer der tschechoslowakischen Republik bejubeln! „Die Dinge lagen ganz anders in den Iahren 1927 oder 1928," sagte mir Benesch. Kein Zwelfel, daß heute Hitler und Dollfuh und nicht zu vergessen auch Gömbös, nach Kräften dazu beitragen, die Bestandteile eines Staates zusammenzuschweißen, in dem sich die deutschsprachige oder ungarische Minderheit mohler fühlt als in Deutsch- land oder Ungarn. * Es folgt der pathetische Vorbeimarsch von 700 oder 800 Oesterreichern: weniger Sportler als Kämpfer, gekleidet wie an dem Tage, da sie von einem übermächtigen Gegner mit Waffengewalt desiegt wurden. Jemand, der sich bei diesem Anblick der zehntausend österreichischer Genossen erinnert, die wir bei der Olympiade von 1931 in,dcn Straßen Wiens gesehen haben, sagt mir:„Dieses Aufgebot der tschechischen Sozialisten ist großartig— aber wird es ihnen nicht eines Tages gehen wie in Oesterreich?" Immerhin besteht ein wesentlicher Unterschied: In Ver- sailles haben die alliierten Regierungen die ungeheure Dummheit begangen. Deutschland und Oesterreich nur Freiwilligenheere mit langer Dienstzeit zuzugestehen, das heißt, Armeen von Söldnern, die sich, namentlich seit der Krise, aus dem Lumpenproletariat rekrutieren und zu allem zu gebrauchen sind. Hier in der Tschechoslowakei ist im Gegensatz dazu das Herr gleichbedeutend mit dem ganzen Volk. Diese tausende Sozialisten mit den roten Mützen waren gestern Soldaten. Sie würden es morgen wieder sein, wenn ihre Jahrgänge einberufen würden: und da versteht man den aus dem Herzen kommenden Ruf eines unserer tschechischen Freunde, der dein Vorbeimarsch der roten Legionen gilt:„Mit solchen Menschen ist der Faschismus in diesem Lund unmöglich." Nachmittags im Stadion dasselbe Bild. Fünfzehn- tausend Frauen führen Uebungen vor. hierzu zwanzig- tausend Männer, die in einer symbolischen Szene die rote Fahne, die Fahne der Kämpsenden und leidenden Inter- nationale vor dem Altar der Republik präsentieren. Die Musik spielt die„Internationale", aber auch die tschechoslowakische Hymne: und vor den roten Sportlern hat man im Stadion der regulären Armee Schießübungen vorführen gesehen. * Die Armee bei einer sozialistischen Kundgebung— das ist etwas, was sich unsere Freunde in Belgien und anders- wo sicherlich nur schwer vorstellen können. In den frei gebliebenen Ländern Westeuropas liegt die politische Revolution schon zu weit zurück als daß, wie hier, das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl— in Friedenszeiten— sich über die Klassen- und Parteigegen- sätze erheben könnte. Die Tschechoslowakei aber ist heute ein verschanztes Lager, umzingelt von drohenden Dik- taturen. Dort ist die Revolution noch etwas ganz Nahes. Dort bleibt man auf der Wacht. Man findet es ganz natürlich, nebeneinander die Fahne der Internationale und die' der Republik zu hissen. Trotz allem, was die slowakischen Bauern von den Industriearbeitern Böhmens oder Mährens trennen mag, gibt es etwas Gemeinsames, das sie vereint: sie sind„Patrioten", wie es die Patrioten von 1792 waren. Sie wissen, daß sie in diesem Mittel- europa, in dem so viele Reaktionen wüten, ein Schutzwall sind. Sie wissen, was sie die Eroberung der Freiheit gekostet hat. Sie sind bereit, bis zum Tode eine Demo- kratie zu verteidigen, die revolutionär geblieben ist. Verwirrung— werden diejenigen sagen, die nicht ge- sehen haben, was wir sahen. Wir sagen— wir alle, die in diesen Tagen in Prag gewesen sind—: unerläßliche ge- meinsame Front für die Verteidigung gegen den Fa- schismus. ..Steg dem Sozialismus" In England iJJ.) Unter der Parole„Sieg dem Sozialismus!" führst d>e englische Arbeiterpartei gegenwärtig eine große Propa- gandatainpagne im ganzen Land durch. Im Zusammenhang damit schreibt Herbert Morrison, der Führer der Arbeitersraktion im Groß-Londoncr Gcmcinderat und Organisator des Sieges bei den Londoner Gemeindewahlen: Bei den letzten Parlamentswahlen erzielte die Arbeiter- parte! unter außerordentlichen schwierigen Umständen rund sieben Millionen Stimmen. Bei der nächsten Wahl wollen wir fünfzehn Millionen Stimmen haben. Wir glauben, daß wir das erreichen Zäunen. Wir glauben, daß unsere Leute den festen Willen haben, zu vollbringen, was einer der größten politischen Triumphe in der Geschichte unseres Landes werden soll. Aber die Arbeiterpartei will nicht nur die Zahl ihrer An- bänger quantitativ erhöhen: sie will auch einen qualitativen Fortschritt in der Sache. Ein Sieg bei der nächsten Wahl, der lediglich auf bloßer Unzufriedenheit mit der anderen Seite, negativen Ansichten über politische Tagessragcn und dem persönlichen Wunsch des Einzelnen beruhte, von einem Re- gierungswechsel unmittelbare Vorteile zu erlangen, wäre kein dauernder Gewinn für die englische Arbeiterschaft und den Sozialismus. Tic nächste Arbeiterrcgiernng muß mit Entschlossenheit und aus breiter Grundlage die Sozialisierung der Wirt- schalt beginnen. Wenn aber die nächste Arbeiterregierung in ihrer Politik ausgesprochen sozialistisch sein sott, muß sie eine verständnisvolle sozialistische öfsentliche Meinung hinter sich haben. Denn, wenn uns das Volk nicht versteht, ivird es uns früher oder später daran hindern, jene grundlegenden ivirt- schaitlichen und sozialen Veränderungen durchzuführen, die auf lange Sicht allein der Muae wert sind. Vom neudeufscben Titelnfesen Rudolf v. Ihering hat in seinem„Zweck im Recht" an- 'chauiieh gezeigt, wie das Titelwesen Hand in Hand mit der despotischen Staatsform sich entwickelt und durch allmähliche Entwertung gangbar gewordener Titel zu immer höherer Steigerung geführt hat./War ursprünglich der Rat der Mann, der dem Landesherrn zu raten, also unmittelbar des- B en Ohr hatte, eine hohe und einflußreiche Persönlichkeit, 8° wurdf mit der Zeit aus dieser Amtsbezeichnung eine bloße Ehre, die auch anderen zuteil wurde, sodaß man zunächst den wirklidien von dem bloßen Titularrat schied, am Ende a ber auch dieses Wort seine Bedeutung verlor und zum Titel wurde. Kam dazu die Unterscheidung zwischen dem einfachen Rat, der etwa in offener Sitzung mitwirkte, und je- n ena. der in vertraulicher Aussprache als geheimer zur Geltung kam, dazu die Einfügung des ,. oberen" über die gewöhnlichen Räte Und immer wieder dasselbe Schauspiel der Ausleerung des Begriffs zum bloßen Worte. Am Ende war der„wirkliche geheime Oberregierungsrat" nur ein kleiner Mann gegen den„Wirklichen Geheimen Rat" mit dem Prädikat„Exzellenz", der aber oft genug auch nur ein gewöhnlicher hoher Beamter, vielleicht auch ein gefeierter Gelehrter war und mit„Raten" gar nichts zu tun hatte. Bekannt ist die Auszeichnung der Aerzte und Juristen, die nach 25jähriger Wirksamkeit, wenn gegen sie„nichts"(z. B. keine sozialdemokratischen Betätigung) vorlag, zu einfachen, nach 40 •fahren zu geheimen Sanitäts- und Justizräten ernannt wurden. Rührend war der Kampf der„höheren Lehrer um die gleiche Abstempelung, während ein alter Medizinprofes- aor sich den Glückwunsch eines Schülers zum„Geheimen Medizinalrat" mit den Worten verbat, er finde es taktlos, zur beginnenden Arterienverkalkung zu gratulieren. Im allgemeinen war es ja auch so, daß die neuen Entdeckungen und theoretischen Fortschritte von Privatdozenten und freien Gelehrten ausgingen, während die Geheimräte zu Hemmnissen der wissenschaftlichen Entwicklung wurden. Dieses Titelwesen war streng klassifiziert. In Preußen gab «s Vier Klassen vom Wirklichen geheimen bis zum gemeinen Regierunjzarat. Dazu noch die fünfte Klasse der Kanzlei-, Stelle lateinischer Schnörkel getreten waren, wieder dem Drang nach Hervorhebung weichen mußten. So wurde aus Kommissions- und Kommerzienräte, die schon fast zur Unterwelt gehörten. Erst der Geheime Kommerzienrat mit seinen Millionen rangierte dem gewöhnlichen Justizrat gleich. Der deutsche Oberlehrer hatte drei große Ideale: 1. natürlich Deutschland« Macht und Größe bis zu den fernsten Küsten— 2. Gleichberechtigung mit den Juristen in Rang. Gehalt und Titeln(selbst der hier blödsinnige..Assessor" wurde von jenen entlehnt)— 3 strenge, durch nichts zu verwischende Abgrenzung von den„gewöhnlichen"(oft bessergeschulten) Volksschullehrern. Die Verfassung der Republik hat versucht^, dieses Titel- Unwesen zu beseitigen. Unter Schonung der akademischen Grade wurden dre bloßen Titel verboten und nur noch Amtsbezeichnungen zugelassen. Die Folge war, daß es von„Amts- bezeichnungen" nur so wimmelte, während allerdings die Nichtbeamten ibre schönen Ratstitel nicht mehr ersitzen konnten: sicher ein Grund, der manchen ins feindliche Lager getrieben hat. Die bayrische Regierung freilich kehrte sich an diese Vorschrift der Verfassung so wenig, wie an so manche andere und machte fröhlich ihre Oekonomie- und Veterinär-Räte. Auch der Unfug des akademischen Ehrendoktors, der selten für außergewöhnliche wissenschaftliche Leistungen, aber häufig für Geld(Bauten oder Stiftungen) oder aus politischer Gefälligkeit verliehen wurde, blühte wie nur je. Der Fußtritt, den Hitler den devoten Fakultäten bei Ablehnung eines solchen Titels versetzt hat, war wohlverdient. Inzwischen hatte bei den Amtbezeichnungen jenes Ihering sehe Gesetz von der Entwertung der Titel sich weiter durchgesetzt. Was früher ein Polizeidiener oder Schutzmann und der Untergebene eines Wachtmeisters war, wurde nun selbst „Wachtmeister"(die Gerichtdiener sogar vornehme Justizwachtmeister), während der Vorgesetzte ein„Ober" wurde. Das alte System hatte sogar Oberbriefträger mit besonderen Litzen am Kragen geschaffen, die damit freilich keinen unter sich, nur die Quittung für längere Dienstzeit hatten. Merkwürdig auch, wie gutdeutsche Bezeichnungen, die an die dem ehrlichen Gerichtssdireiber vom Ende der siebziger Jahre wieder der„Sekretär" oder„Aktuar", damit ja niemand den gewichtigen Bürovorsteher mit dem kümmerlichen Schreib- gehilfen(„Diahar") verwechseln könne. Und Herr Göring, der Titelreiche, hat dem schlichten preußischen Landjäger dre Republik seine nationale Ehre wiedergegeben, indem er auf die„Gendarmen"(gens d armes hießen ursprünglich die Leibwachen der alten französischen Könige) zurückgriff. Auch sonst hat sich gerade in der Justizverwaltung der „Drang nach oben" eigenartig durchgesetzt. Ich kann mich noch der Zeit erinnern, wo der richtige Vollrichter Assessor hieß(Beisitzer: eine ebenso sinngemäße Bezeichnung für das Mitglied eines Kollegialgerichts, wie sinnlos für einen jungen Lehrer, der allein vor der Klasse steht). Nachher wurde die Amtsbezeichnung„Richter"(während der eben aus der Staatsprüfung gekommene Hilfsrichter Assessor hieß), im höheren Dienstalter aber Rat. Und nun ist man schon so weit, jeden jungen Amtsrichter gleich Amtsgerifhtsrat zu nennen, den alten schlichten Oberamtsrichter, den Vorsteher des Gerichts, aber Amtsgerichtsdirektor. Wenn diese Entwicklung Zeit'behielte, sich auszulaufen, dann würden unsere Enkel mit geheimen und wirklichen geheimen Amtsgerichtsräten und in jedem Marktflecken mit einem Amtgerichtspräsidenten zu tun haben. Hoffentlich wird ihr aber rechtzeitig der Weg verbaut. Besonders titelfroh hat sich überhaupt Herr Göring gezeigt. Er hat manchen neuen Titel geschaffen-— eben hören wir von„Commodori" der Lüfte, wohl einer Nachahmung eines italienischen Vorbilds, während man das Wort sonst für englische Marineoffiziere kennt— auch manchen Titel auf seinen verdienten Scheitel gehäuft. Der neueste ist Reichsjägermeister, offenbar ein Lohn für planvollen Wildschutz und für erfolgreiche Technik der Menschenjagd. Ein Titel aber fehlt noch. Nach den neuesten Leistungen möchte ich bescheiden empfehlen, dem Herrn Reichsjägermeister noch die weitere Amtsbezeichnung: Reidishenkermeister zu verleihen. Dem Führer aber, dem obersten Gerichtsherr des Deutschen Reiches, in schlichter Volksverbundenheit zum 3/nlkskanzler den Yolkshenkerf Parisei 1 Berichte Ein Sonntag der Verbredien Paris, den 24. Juli. Der Sonntag war in Frankreich ein an Kapitalverbrechen reicher Tag. In der Gasse des Jardins-Saint Paul in Paris hat der 35jährige polnische Arbeiter Dimitrov Stefanov, der mit der 39 jährigen Tschechin Veronina Dererova zusammenlebte, diese im Verlauf eines Streites durch Beilhiebe tödlich verletzt. Als die Frau sterbend am Boden lag, hat der Mörder in wilder Blutgier ihr noch vier weitere Schnitte, einen an der Halsschlagader mit einem Rasiermesser beigebracht. Dann ist er ruhig die Treppe hinuntergegangen und sagte im Fortgehen der Wirtin des kleinen Hotels, sie möge am Montagmorgen sein Zimmer, das voll von Wanzen sei, ausschwefeln. Am Montagmorgen entdeckte die Wirtin, als sie den Wunsch ihres Mieters erfüllen wollte, das Verbrechen und benachrichtigte die Polizei, M e 1 u n, den 24. Juli. Nicht weit von Melun dehnen sich die prachtvollen Wälder Ton Blandy, in denen eine bedeutende Pariser Gesellschaft seit vierzehn Jahren ein Jagdgelände von etwa 1400 Hekta? besitzt. Dem Jagdaufseher der Gesellschaft, Albert Boulin, einem dreiundfünfzigjährigen Mann, war unter anderem die Fürsorge für die jungen Fasanen, die irr einem Sondergehege im Walde gezüchtet wurden, übertragen. Er wurde auf seinem Dienstwege, als er sich am Fuße einer Eiche auf seinem Dienstwege ausruhte, von einem Unbekannten, der nach den Feststellungen auf dem Anstand sgß, erschossen. Der Mörder hat auf einem Fahrrad unter Hinterlassung seines Gewehrs nach vollendeter Tat die Flucht ergriffe. Da Boulin keinen Feind hatte, erscheint das Drama vollkommen unerklärlich, Nor<1 In der Nacht zum Dienstag ist in einer Automobildroschke in der Rue de Berry in Paris eine bisher noch nicht identifizierte junge Frau von etwa 20 Jahren von ihrem Begleiter, dem es zu entfliehen gelang, erschossen worden. Ueber die Beweggründe der Tat läßt sich vorläufig noch garnichts mitteilen, da der einzige Zeuge, der Chauffeur, vorläufig behauptet, nicht zu wissen, warum die Tat verüht sei. Der Täter hat im Fliehen aus der Handtasche der Ermordeten alle Paniere mitgenommen. * E p e r n a y, 25. Juli. Ein geheimnisvolles Verbrechen wurde Dienstag morgen auf dem Gutshof Moge-Turbanne in Moussy nahe bei Epernay entdeckt. Dort fand Fräulein Gisele Marcoux ihre 25jährige Schwester Frau Richard tot auf. Der Schädel der Unglücklichen war durch einen Hieb mit einem Gewehrkolben zerschmettert. Falschspieler Le Touquet-Paris-PIage, 25. Juli. Im Spielsaal von Touquet-Paris-PIage konnte ein Wiener namens Goldberger verhaftet werden, der mit falschen Spielmarken im Werte von hundert Franken spielte. Seine beiden Helfershelfer, der Italiener Moretti und der Franzose Tan- tault konnten entfliehen. Man wird nunmehr Kriminalbeamte an alle Badeorte Frankreichs senden, in denen sich Spielsäle befinden, denn man glaubt, daß die Fälscher ihr Unwesen fortsetzen werden. Wie Paris für die Schuljugend sorgt In der letzten Sitzung des Pariser Stadtrats wurden eine Reihe von Beschlüssen gefaßt, die das Schulwesen der Stadt betreffen. Acht Schulen werden durch Anbau von neuen Gebäuden erheblich erweitert werden, beziehungsweise aufgestockt. Außerdem soll in der Knabenschule in der Rue d'Alesia Nummer 12 eine Duschhalle und eine Werkstatt für Handfertigkeitsunterricht neu geschaffen werden. Die Schulen in der Rue de Longchamps werden unter anderem eine Küche, Zentralheizung und eine Terrasse in luftiger Höhe erhalten. Mit einem Baderaum wird man ebenfalls die Schulen am Boulevard Davout ausstatten. Im 18. Arron- dissement(Montmartre) wird ein ganzer Komplex von neuen Schulen entstehen, 12 Knaben- und ebenso viele Mädchenklassen, 6 Räume für noch nicht schulpflichtige Kinder wird man dort einrichten. ..Ecole Earopcenne" Flüchtlingsdebatte in Paris Draußen vor den Toren von Paris in Fontenay sous Bois eröffnete im Vorjahre ein deutscher politischer Flüchtling, der ehemalige Studienrat W i I d a n g e I von der Karl- Marx-Schule in Berlin-Neukölln eine Schule, die„Ecole Europeenn e"\ Sein Ziel war, deutsche Kinder mit französischer Sprache und französischem Geistesleben vertraut und allmählich in Frankreich heimisch zu machen. Die Unterrichtssprache wurde die französische Sprache. Wildangel stellte nun bei den Unterrichtsbehörden den Antrag, sein Institut als„ecole secondaire" anzuerkennen, ihm also das Recht zur Vorbereitung auf das Baccalaureat, das französische Abiturium, einzuräumen. Vor einigen Tagen nun beschäftigte sich der.' önseil superieur de l'instruction public", die Oberschulbehörde, mit diesem Antrage, der mit 28 gegen 19 Stimmen bewilligt wurde. Gegen diesen Beschluß polemisiert die rechtsstehende Pariser Tageszeitung„Le Jour" sehr scharf. Sie meint, man vermehre dadurch die Arbeitslosigkeit in den französischen Akademikerkreisen. Denn die deutschen Flüchtlinge— Aerzte, Zahnärzte, Apotheker, Rechtsanwälte usw.— die in Frankreich weilen, könnten nun schnell das Baccalaureat erwerben und dann ihre akademischen Berufe ausüben, und so für ihre französischen Berufskollegen eine unerwünschte Konkurrenz bilden. Man kann dem£,Jour" zu mindest entgegenhalten, daß das Blatt Beunruhigung in die französischen Akademikerkreise bringt, ohne sich genügend vorher orientiert zu haben. Zunächst einmal nimmt die Vorbereitung zum Baccalaureat mehrere Jahre in Anspruch. Die Prüfung selbst wird nicht von den übrigens französischen Lehrern der Wildangeischen Schule vorgenommen, sondern wie bei allen Reifeprüfungen in Frankreich von Professoren der Sorbonne, die ihre Prüflinge überhaupt nicht kennen. Nach bestandener Prüfung können nun aber z. B. deutsche Anwälte noch garnicht in Frankreich vor Gericht auftreten. Sie müssen erst das französische Recht studieren und bekommen unseres Wissens nach bestandener Prüfung die Zulassung als„avocat ä la courx" erst, wenn sie als Franzosen eingebürgert sind.. Dazu kommt, daß sie nach erlangter Naturalisation sogar noch eine Karenzzeit von zehn Jahren als„avocat stagnaire" durchmachen müssen, in der sie vor den höheren Gerichten über- Pas Neueste Erneute Vorschläge der kommunistischen Partei Grost- dritanniens zur Bildung einer Einheitsfront gegen Fafchis- mus und Krieg wurden am Dienstag vom gemeinsamen nationalen Ausschuß des Gewerkschastsrates, des Gewerk- schaftskongresses, des Vollzugsausschusses der Arbeiterpartei und des Vollzugsausschusses der parlamentarischen Arbeiter- partei abgelehnt. Es wurde erklärt, es bestehe kein Anlast, die bisherige Haltung zu ändern. In einem Dorfe bei Ora n tötete ein Eingeborener aus einem muselmanischen Tanssest aus Versehen einen 14 Jahre alten Jungen durch einen Revolverschust. Der Ein- geborene war über seine Tat so verzweifelt, dah er sich erdolchen wollte. Seine Freunde verhinderten ihn daran, so dast er sich nur eine Verletzung beibringen konnte. Er wurde ins Krankenhaus übergeführt, wo er leine Selbstmord- ablichten wahr machte, indem er sich an einem Querbalken im Krankenzimmer erhängte. Nachdem das Volksbegehren zur Ueberprüsnng der schweizerischen Bundesverfassung zustandegekommen ist, wird nnnmehr eine Volksabstim- m u n g über diese Frage in die Wege geleitet werden. Ein gröbliches Verkehrsunglück ereignete sich am Dienstag aus der Ehanssee von Rhede nach Borken C£in Kraftwagen aus Münster, der an der Gemeindegrenze Rhedebrttcke—Alt- Rhede die Eisenbahnstrecke überqueren wollte, fuhr gegen einen Personenzug. Durch die Wucht des Anpralls explodierte der Benzinbehälter und der Wagen stand sofort in Flammen., Es war nicht mehr möglich, den Wagenführer, der in dem zertrümmerten Wagen eingeklemmt war, zu retten, so dast er in den Flammen umkam. Die grasten französischen Zeitungen, mit Ausnahme des „Temps" sind für vierzehn Tage in Deutschland verboten worden. Auch die englische Zeitung„Sundan Times" ist bis I. August verboten, weil sie ungenaue Berichte über die hxntschey Borgänge veröffentlicht habe. haupt nicht auftreten können. Auch in den anderen akade" mischen Berufen bestehen für Ausländer ähnliche Erschwerungen. Aber abgesehen von allen diesen Tatsachen, die gegen die Bedenken des„Jour" sprechen, ist der Umstand nicht unwesentlich, daß in der Wildangeischen Schule überhaupt keine deutschen Akademiker, sondern nur Schulkinder unterrichtet werden. Ein Mitarbeiter des„Jour" hat nun im Unterrichtsministerium wegen der Entscheidung der Obersten Schulbehörde angefragt, wo man ihm aber keine Antwort erteilen konnte, weil das Ministerium noch garnicht mit der Angelegenheit noch gar nicht befaßt war. Eigenartig dagegen klingt eine Erklärung des Barons Edmond de Rothschild, des Vorsitzenden der„Comission interministerielle". Er sagte nach dem„Jour":„Ich bin der Ansicht, daß man die Zulassungen in Frankreich bremsen muß." Dieser Standpunkt des Führers der französischen Judenheit ist um so bedauerlicher, als Baron Rothschild wissen muß, daß die„Ecole Europeenne" gerade vorwiegend jüdische Zöglinge aufweist, deren Eltern Deutschland verlassen mußten, weil sie, wie Baron Rothschild selbst— Juden waren.—fp—" BBIBPKAST6W R B., Versailles. Ihnen wollen wir mit einigen Wedanken ant- werten aus„Heinrich Mann, Sinn einer Emigration, Verlag des Europäischen Merkur":„Die Emigration sollte heranbilden, um sie einst vorzuschicken, eine Aristokratie der Arbeiter und der Denker. ES handelt sich darum, eine Nation herauszuführen aus der Region der Katastrophen und die verlorene Verbindung mit der gesitteten Welt wieder herzustellen. Wer es noch erlebt, wird ein um ss besserer Führer sein, sc mehr er in der Zeit der Prüfung gelernt hat... Tie Emigration ist eingesetzt vom Schicksal, damit Teutschland das Recht behält, sich zu messen an der Vernunft und an der Menschlichkeit! Ohne die Emigration könnte es das heute nicht, sie allein ist übrig als ein Deutschland, das lernt, denkt und Zukunft erarbeitet. Eine Emigration, die sich behauptet, wird ihre leidvoll und kämpfend erworbene Innere Zucht einst übertragen aus t&r ganzes Volt, dem so sehr, so sehr zu gönnen wäre, daß es die Gegend der Katastrophen verläßt und seinen Frieden mit der Welt macht. Die Emigration lebt arm, sehnsuchtsvoll und von Zweifeln bedrängt. Wer setzt heimkehren könnte, fände das unlängst verlassene Land nicht mehr, es schiene ihm untergegangen, und nur im Verborgenen wären Hände, denen er die seinen reichen wollte, vielleicht noch aufzufinden. Aber diese Hände werden nicht sterben und auch das Land nicht. Behauptet euch und lernt, dann werden viele von euch es wiedersehen, und es wird das eure sein" Th. K., Zürich. Besten Tank. Ter Vorfall ist inzwischen von uns schon berichtet worden. R.?., Gent. Bringen Sie dem guten Mann diese Stelle aus Hitlers„Mein Kampf" In Erinnerung:„Erst wenn man den deutschen Lebenswillen zu einer endgültigen aktiven Auseinandersetzung mit Frankreich zusammenrafft und in einem letzten Entscheidungskampf mit deutscherseits größten Schlußzielen hineinwirst, erst dann wird man das ewige Ringen zwischen nnS und Frankreich zum Abschluß bringen, allerdings nur unter der Voraussetzung, daß Teutschland in der Vernichtung Frankreichs ein Mittel sieht." >>---1-1- L■ L Für den Gesamtlnhalt verantwortlich: Johann P l tz In Dudweiler; für Inserate: Otto Kuhn In Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH„ Saarbrücken llc. S^lltzenjlraß; g, SWMaH ZZ9 S aarbrücke n fieberhafte deutsche Kriegsrastungen? Enthüllungen des„Paris Soir— Stratosphären-Krieg Sensationelle Erfindungen für Bombenflugzeuge und Artillerie Paris. 25. Juli. „P a r i s- S o'i r" bringt geradezu aufsehenerregende Eni- hüllungen über die Fortschritte der deutschen Rüstungen. Das Blatt meint, es handele sich bei seinen Ausführungen nicht etwa um einen Abenteuererroman von H. G. Wells, srndern um nackte Tatsachen! Oberst Hesselbach, der in der Bewaffnungssektion der Reichswehr die Abteilung Fluggeschosse leitet, ist ein wütender Franzosen- und Polenhasser. Er hatte im Jahre 1923 mit dem General Watter den Plan geschmiedet, die französisch-belgische Besatzung zu überrumpeln und sie über den Rhein zurückzuwerfen. Sein Plan mistglückte bekanntlich und seitdem lebt er in der Hoffnung auf Revanche. Die- ser Offizier leitet seit Jahren die Versuche, die in München, in Britz bei Berlin, in Meppen lwo bekanntlich die ersten Versuche mit der„Dicken Bertha" stattfanden), in Ttolp und auf der Ostsee mit Ttratosphärengeschossen angestellt werden. Wer eine Entdeckung in dieser Richtung macht, soll sich an Oberst Hesselbach wenden, der Ausländer, der dem Oberst eine derartige Entdeckung zuleitet, wird baldigst deutscher Staatsbürger. Der Freund und engere Mitarbeiter des Oberst Hesselbach ist der Ingenieur Tilling. Er hat ein Geschah konstruiert, das durch eine Spreng- stosfladung, die regulär verbrennt, leicht eine Höhe von 201)00 Metern erreichen kann. In dieser Höhe wird das fragliche Geschah mit Hilfe eines Sendeapparates draht- los geleitet. Auch die Schwierigkeit, zu wissen, in welcher Stellung sich das Geschah befindet, da es ja nicht zu sehen ist, ist dank der drahtlosen Telegrafie gelöst. Im Innern des Geschosses befindet sich ein Sendeapparat, dessen Wellenlänge auf die des Empfängers an der Abschuststelle eingestellt ist. Dadurch kann von Sekunde zu Sekunde die Stellung des Geschosses im Weltenraum festgestellt werden. Das Geichost wiegt nur 100 Kilo. Man kann es mit Gas oder Sprengstossen laden. Um es abzuschieben, braucht man nur einen Betonsockel. Man hat derartige Sockel bei Freudenstadt im Schwarz- wald, in der Eiset, in den Thüringischen Wäldern und bei Küstrin konstruiert. Von hier aus kann man Paris, Brüssel, Prag und Warschau bedrohen. Man weist, dast das deutsche Unterseeboot Zähringen, das ohne Besatzung in der Nordsee drahtlos gelenkt, ähnliche Versuche machte, dabei zerstört wurde. Aber das ist nicht die einzige Tenfelserfindung, derer sich Deutschland für den Zuknnftskrieg bedienen will. Die Hczinkelwerft in Warnemünde hat ein neues Flugzeug gebaut,„HE. 70", das mit einer Geschwindigkeit von 300 Kilometern in der Stunde fliegt, 800 Kilo Brandbomben oder Gasbomben mitnehmen kann und innerhalb weniger Stunden je nach Bedarf in ein Jagd- und Bomben- oder ein Erkundungsslugzeug umgeformt werden kann. Dieses Flugzeug, das serienweise fabriziert wird, wird als Verkehrsflugzeug bei allen deutschen Lustlinien verwendet. Unter den 2100 Flugzeugen der deutschen Lufthansa befinden sich bereits ungefähr 300 Heinkel HE 70. Auch die Junkerwerke in Dessau, die vor der Httlerschen Machtergreisung dicht vor der Pleite standen und die heute sehr gut gehen, haben ein Ttratosphürenslugzeug im«au. Es handelt sich um einen Metallzweidecker von 28 Meter Flllgelbreite, der mehrere Tonnen Gas oder Sprengstott mit sich führen kann. Das Flugzeug kann ungefähr 12 000 Meter hoch gehen und in dieser Höhe beträgt die Geichwin- digkeit 000 Kilometer per Stunde. Ter Motor besteht aus einem neuen, ertra leichten Material aus der Basis von Aluminium und Magnesium, das man Elektron nennt. Der Propeller ist mit verschiedenen Gangarten versehen und die Kabine ist wasserdicht. Um aber noch einmal auf den Oberst Hesselbach zurück- zukommen, so ist er es. der die Versuche des Doktor Ger- l ich in JUel finanziert hat, dessen Entdeckung wohl geeignet ist. eine Umwälzung auf dem ganzen Gebiete der Flug- geschosse zu bedeuten. Er hat eine unmastig schnelle Kugel, ge- nannt»ralger-ultra erfunden, die das Doppelte an Gelchnnn- digkeit. zu erreichen vermag, was bisher erreicht worden t|t, nämlich 1700 Meter. Diese Kugel vermag die dichtesten Panzerplatten zu durch- dringen und sie vernrsacht noch viel schrecklichere Ber» letzungen, als die Dum-Dum-Gefchosse. Die Engländer, die hinter das Fabrikationsgeheimnis dieser Kugel gekommen sind, versuchen nicht nur sie nachzumachen, sondern sie versuchen auch neuartige Panzer zum schütze gegen diese furchtbare Waffe zu konstruieren. Derartige KU- geln werden gegenwärtig in Dänemark in der Fabrik von Schultz& Larien hergestellt, die von deutschen Häuptleuten beaufsichtigt wird und in de» deutschen Munitionsfabriken von Polte in Magdeburg. Demnächst sollen zwei weitere Filialen, eine in Berlin, die andere in Konstanz eröffnet werden. Die Ausgabe, die sich Oberst Hesselbach gestellt bat, ist in kürzester Frist ein Arsenal von 30 000 bis 40 000 Ttuck Ar- tillerie vorrätig zu habe». Krupp in Essen. Rhemmetall in Düsseldorf fabrizieren serienweise Kanonen von Kaliber er, 105 und 150 Millimeter und Minenwerser. Die„Diae Bertha" ist vervollkommnet. Rheinmetall hat eine Flugzeug- abwehrkanone mit fünf Schlünden konstruiert, die 1000«chust in der Minute abgeben kann. Die sensationellste Erfindung aus dem Gebiete der Feuer- wassen ist jedoch wohl die der Maschinengewehre S2—200. Vor der Hitlerschen Machtergreifung wurden diese Maschinen- gewehre in den Waffenfabriken von Solothurn in der Schweiz hergestellt. Heute werden sie in Düsseldorf, in Berlin und in Sömmerda in Thüringen, wo Rheinmetall ganz neue Fabri- ken besitzt, gemacht. Diese Maschinengewehre wiegen nur 8,5 Kilo und man kann mit ihm 000 Schüsse in der Minute abgeben. Sein Laus ist innerhalb weniger Minuten aus- wechselbar und kann wieder Verwendung finden, sobald er sich abaekühlt hat. Er ist anstergrdentlich leicht und ein ein-