Einzige unabhängige Tageszeitung Veutkchiands ^lr. 171— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, 27. Juli 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Wichtige eigene Meldungen, Mec.die folgen des national; sozialistischen fotsches Jjh Jjtnecn des J&laites Nacht Hitler unschädlich! Die Forderung der blutdrohenden Schicksalsstunde an alle Europaer „Wehallen,denenschuldlosBlutklebtan »enHenkers Händen!" 93or dem Leichnam des von Nationalsozialisten zu Tode gemarterten österreichischen Bundeskanzlers Dr. Dollfuk vergessen und beschönigen wir nichts. Als wir am Rundfunk die Reden der österreichischen •Minister hörten, in denen die Aufregungen des 25. Juli Zitterten und über denen die Sorgen einer gefahren- schweren Zukunft lagen, dachten wir an unseren Koloman Wallisch und an die Kameraden, die mit ihm durch Stand- recht starben. Dollfuß und seine Minister haben die Todes- urteile zu verantworten. Wir dachten an alle Kämpfer und Kämpferinnen des ^2. Februar in den Kerkern und in der Emigration oraußen und drin in Oesterreich. Es waren und sind Männer, die den evolutionären Aufstieg der von ihnen geführten Arbeiterklasse gewaltsamen Kämpfen vorzogen. Bis zuletzt haben sie dem Bundeskanzler Dr. Dollfutz die friedliche Verständigung angeboten. Er aber und seine Um- gebung lebten in dem verhängnisvollen Irrtum, der die gesamte Welt chaotischen Zuständen entgegenzutreiben droht. Sie verweigern diesem wundervoll disziplinierten, biesem von hohem Kulturstreben erfüllten deutscb-öster- reichischen Arbeitertum die Gleichberechtigung im Staate. Nur so konnte es zu der Erhebung des 12. F-kruor kommen. Die Schutzbündler verteidigten mit bewaffneter Hand die Gesetze des Landes und die beschworenen Frei- heitert des Volkes gegen eine Bundesregierung, die eid- brüchig und gesetzlos geworden war. Auf der Seite des Schutzbundes war der verfassungsmäßige Staat, auf der von Dollfuß die verfassungsmäßige Ursurpation. So ist es in den Monaten seither geblieben. Daran tpirb nichts durch das Ereignis geändert, daß unter dem Segen der politisierten Kirche dem österreichischen Volke eine Verfassung aufgezwungen wurde, die mit den Worten be- ginnt:„Im Namen des allmächtigen Gottes." Der österreichische Austrofaschismus machte einen ge- wichtigen Grund für sich geltend: den mit anarchischen Mitteln arbeitenden reichsdeutschen Nationalsozialismus, der dessen Totalitätsanspruch auf die Staatsführung, also die volle Entrechtung aller politischen Gegner und den unmittelbaren Anschluß an Deutschland unter Bruch aller Verträge und damit unter unmittelbarer Kriegsgefahr forderte. Statt das taktische Bündnis mit dem demokra- tischen Sozialismus zur Rettung des Landes und des Friedens zu suchen, führten Dollfuß und die Seinen den Zweifrontenkampf. Die Folgen sind unabsehbar. Der österreichische Nationalsozialismus, lediglich eine Filiale des deutschen und protegiert und finanziert, und Siehe Seite 2. Polizeikommissar fladits Amtliche Kundgebung! 8ur Aufrechtcrhaltung der Ordnung und Sicherheit bedarf jede Regierung einer pflichtbewußten und loyalen Polizei. Seit geraumer Zeit hat die Regierungskommigion zu ihrem Be- dauern feststellen müssen, daß neben Beamten, die ihrem Eide ge- i»aß aufrichtig und einwandfrei ihre Pflicht erfüllen, sich auch solche bejindea, die entgegen ihrem Diensteide unerlaubte Beziehungen zu »ewissen anderen Stellen ausgenommen haben. Ans diesem Zustand wüyen naturnotwendig für das von der Regierungstommißton ver- waltete Gebie, die größten Schäden, wenn nicht sogar ernste Ge- lohren, entstehen. .Um solchen Zuständen noch Möglichkeit vorzubeugen, hat die Re- 9'erungskommission sich veranlaßt gesehen, Kriminalbeamte zu suchen, 8>e in jeder Hinsicht unbefangen nnd an dem im Saargebiet be- stehenden Streite der Meinungen vollkommen uninterejfiert find. So kam es dazu, mehrere geeignete Beamte aus einem vollkommen neutralen Staate anzuwerben. Hierbei setzte fie voraus, daß diele Beamte keinem politischen Druck im Saargebiet unterworfen werden stinntcn und infolge ihrer Sprache und Herkunft allen an sie zu stellenden dienstlichen Anforderungen genügen würden. Kaum war die Absicht der Rcgierungskommission bekannt gewor- oen, als auch schon von einer gewissen Seite alles unternommen wurde, durch Presse- und Rundsunkkampagne die beabsichtigte An- Werbung der obenerwähnten Kriminalbeamten zu hintertreiben, was »eidrr auch gelaug. ..Inzwischen hatten Personen, die infolge der veränderten poli- "fchen Lage im Reich ihre bisherige Tätigkeit im Polizcidienst aus- sieben mußten oder freiwillig ausgegeben hatten, sich um Beschäs- ltgung im Saargebiet bei der Regicrungskommissivn beworben. Venn auch diese Personen als ehemalige deutsche Beamte einer politischen Richtung angehörten, so war bei ihnen voran»zu- s'tzen. daß sie, als den politischen Machtmitteln unzugänglich, ?rnen gewisse saarländische Polizeibeamte unt"l«aen waren, 'Iren Dienst pjl'chtgcmäb ausüben würden. f ranbrcfrSi plant Intervention Gemeinsames Vorgehen mit hallen nnd Endland? Erstes Pariser Edio Ungeheure Erregung, Paris, 26. Juli. Die gesamte Morgenpresse ist angefüllt mit Berichten über die Vorgänge in Oesterreich. Die ersten Nachrichten darüber waren bereits am Mittwochabend in Paris durch eine Sonderausgabe des„Jntransigeant" ver- breitet worden und haben hier in allen politischen Kreisen eine ungeheure Erregung ausgelöst. Wenn stch auch die großen Zeitungen im Augenblick noch eines besonderen Kommentars enthalten, so lassen sie doch deutlich schon an den Ueberschristen, die sie den Berichten geben, erkennen, daß sie keinen Zweifel an der Mitschuld Deutschlands haben. Dabei flechten die linksstehende„Oeuvre" ebenso wie das rechtsstehende„Journal" eine Feststellung ein, die geeignet ist, die Borgänge in Wien schlagltchtartig zu beleuchten. Beide Blätter berichten übereinstimmend, daß man bereits seit Dienstag in Berlin mehr oder weniger offen von der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit gewisser Ereignisse in Oesterreich sprach, und daß die Ber- treter der Zeitungen diese Gespräche genau notiert hätten. „L'Oeuvre" fügt hinzu, man könne wohl an einen Zu- sammcnhang zwischen Berlin und den Wiener Putschisten glauben, denn man wisse ja, daß die Regierung zu allem sähig sei Sicher sei, daß ein Naziersolg in Oesterreich für Hitler eine sehr glückliche Ablenkung gewesen wäre. Er hätte ihn als Erfolg der Außenpolitik gebucht, den er sehr nötig brauchen könne, weil ihm der Erfolg aus dem wirt- schastlichen Gebiete sehle. Die Blätter beurteilen übereinstimmend die Jnter- vention des deutschen Gesandten zu Gunsten der Naziverbrecher als ein bedenkliches Symptom, das Berlin sehr stark belastet, und sie zögern nicht, den Umstand, daß Hitler diesen Schritt seines Gesandten zu diskreditieren suchte, als Heuchelei anzuprangern. Sobald die ersten Nachrichten aus Wien hier anlangten, konnte man am Ouai d'Orsay eine lebhafte Bewegung feststellen. Bereits in den Abendstunden hatte dann auch Außenminister B a r t h o u eine Unterredung mit dem italie- nischen Botschafter in Paris, dem Grafen Pignatti di Cu- stozza, in der die Wiener Ereignisse und ihre etwaigen AuS- Wirkungen ausführlich besprochen wurden. Man nimmt hier an, daß ein gemeinsamer Schritt Italiens und Frankreichs in Berlin bevorstehe, um gegen das Borgehen der österreichischen Nationalsozialisten zu pro- Unter den wenigen Personen, die die Reglerungskommission ouS diesen Bewerbern in ihren Dienst übernommen hat, befindet sich der Polizeikommissar Machts. Besonderen Wert wird daraus gelegt, festzustellen, daß der ehemalige preußische Polizeikommissar Machts nicht in das Saargebiet geflüchtet ist und daß bisher auch von keiner Seite bekanntgeworden ist, daß dieser Beamte wegen irgendwelchen Bergehen verfolg« werde. Aus den Personalien des Polizeikommissar» Macht», die amtlich belegt sind, geht u. a. folgendes hervor: Kommivor Machts war zunächst Berufsoffizier. Am 23. 8. 1Ö18 trat er als Fahnenjunker in die Armee ein. Im Juni 1914 wurde et zum Fähnrich, im Oktober 1914 zum Leutnant befördert. Bis September 191g war er aktiver Offizier, in den letzten Kriegs- jähren Führer einer Maschinenngewehrkompanie und einer Maschinengcwehr-Scharfschüyenkompagnie. Nachdem er bei seinem Stammregimcnt, dein Infanterieregiment 172, da» Eiserne Kreuz 2. Klasse erhalten halte, wurde ihm als Führer der 2. Maschinen- gewehrkompanie des Infanterieregiments 39S am 27. Januar 1918 das Eiserne Kreu, I. Klasse verliehen. Im Juni 1918 folgte die Verleihung des silbernen Verwundetenabzeichens für seine dreimalige Verwundung. Im Augyst 1919 wurde er in die neu ausgestellte Reichswehr übernommen. Im September 1919 erfolgt seine Ucbcrnahmc als Polizeiofsizicr in die neuausgestellte ftaat- lich preußische Sicherheitspolizei, spätere Schutzpolizei. Im Ok- tober 1919 wurde er zum Polizei-Oberleutnant befördert und im Juli 1929 zum Abteilungsadjutanten beim Stabe der Polizei- gruppe ON-Berlin ernannt. Am 1. März 1921 trat er als Referent zur staatlichen Außen- Handelskontrolle über und war al» solcher bei der Außenhandels- stelle Feinkeramik in Berlin tätig. Am 1. 4. 1928, mit Beginn der Auflösung der Außenhandelskontrolle ging er zur Industrie über »nd war daselbst bis zum 39 8. 1929 tätig. Er stellte dann einen Antrag auf Wiedereinstellung in die Polizei. Das Gesuch wurde genehmigt, und er wurde nach Ablegunq der erforderlichen Kom- missarprüfung aus der höheren Polizcischule in Eiche bei Potsdam und nach Absolvierung de» erforderlichen Lehrgange» am 1. 1. 1999 zum Kriminalkommissar beim Polizeipräsidium Berlin er- , nannt. gm i& 1833 wuM er infolge der UAMlölv!«>n wl testieren, an deren inniger Verbindung mit Berlin keiner- lei Zweifel zu bestehen scheinen. # „United Preß" schreibt, daß die französische Regierung die Haltung Italiens abwarten wolle, das entm-dcr allein in Berlin vorstellig werde oder die französische und die englische Regierung als Garanten der österreichischen Unabhängigkeit auffordern dürfte, eine gemeinsame Intervention in der Wilhelmstraße durchzuführen. Italienischer Profest in Berlin Die außenpolitischen Folgen sofort zu spüren Ein Telegramm der„United Preß" aus Rom sagt: Infolge der österreichischen Ereignisse wird die italienische Regierung in allernächster Zeit ihren Botschafter»« DeuNchland instruieren, i n« e rli n P ro t e st z« e r h eben. D»- Regierung hatte vor kurzem beschlossen, den Protestschritt aufzuschieben bis nach der Besprechung Dollsuß-Mussolinr. die am Freitag stattfinden sollte. Man betont, daß diese Besprechung nicht verschoben werden soll, es sei denn, daß Dollfnß unter keinen Umständen nach Riccione kommen könne. Mussolini ist be» reits in Riccione eingetroffen und wird dauernd telefonisch über die Ereignisse in Oesterreich aus dem lausenden gehalten. Ueber den ersten Eindruck über die heutigen Ereignisse in Wien erklärte ein Regierungsvertreter gegenüber der „United Preß", daß die Besetzung der Radiostation die letzte Geste der nationalsozialistischen Terroristen in Oesterreich darstelle, die alle Grenzen des internationalen Rechts überschritte. * Rom, 26. Juli. Der Eindruck, den in Rom die Wiener Borgänge hervorgerufen haben, ist außerordentlich lebhaft- Je mehr Einzelheiten über den Naziputsch bekannt wurden, umso mehr wächst das Interesse an den Ereignissen. Schon jetzt zweifelt man nicht daran, daß Deutschland für alles, was in Wien geschehen ist und noch ge- schehen wirb, verantwortlich sei. Man spricht hier nicht von einer Revolution, sondern von einer terrori- stischen Bewegung, wobei man das Eingreifen des deutschen Gesandten in Wien als sehr belastend für die Hitlerregic- rung wertet.„Gazetta di Popolo" gibt ihrem Bericht die siebenspaltige Überschrift„Deutschlands Mitschuld". Das Blatt prüft weiter die möglichen Auswirkungen ber Wiener Ereignisse und findet, daß Italien alle für die Zu- kunft etwa notwendigen Maßregeln ergreifen müsse. Führung der preußischen StaatSgeschäfte aus polltischen Grunde» zwangsbeurlaubt und am S. Oktober 1933 aus den gleichen Grün- den entlassen. Daß die Regierungskommission keine Bedenken zu haben brauchte, einen solchen Mann als zum Polizeidienst geeignet anzusehen, be- darf wohl keiner weiteren Ausführungen. Aus denselben«reisen, die die Anwerbung der Beamte« ans neu- tralem Staate hintertriebe« hatten, setzte sehr bald auch eine Kam- pagne gegen die ans Deutschland angeworbenen Polizcibeamteu, insbesondere gegen de« Polizeikommissar Machts ein. Die Bchaup- tungen, wonach Machts im Kriege ein Feigling gewesen sei, Selbst- Verstümmelungen verübt habe und dergleichen wiederholten st» so- wohl in der Presse als auch im Wege von Rundfunknachrichlen. Nie- malS sind aber der Rcgierungskommission irgendwelche zuverlässige Beweise für die Wahrheit der genannten Beschuldigungen zun>u>g- lich gemacht worden. Sie ist somit darauf angewiesen, den amtlichen deutsche« Dokumenten Glaube« z« schenken, die als Unterlagen zu den erstgenannten Personalien de? Polizeikommissars Machts ge- führt haben. Es ist für die Regierungskommission auch schwer, zu glauben, daß man einen Feigling im Felde zum Offizier befördert hat, daß man ferner einem Feigling da? Eiserne Kreuz 2. und 1. Klasse verleihen konnte. Die Rcgierungskommission glaubt viel- mehr, ernsten Anlaß zu berechtigtem Mißtrauen in die gegen Machts von politischer Seite erhobenen Vorwürfe zu haben. Zu welchen Verirrungcn die gegen einen Beamten betrieben« Kampagne letzten Endes führen kann, beweist das Attentat, das auf Polizeikommissar Machts am 21. Juli, vormittags 9 Uhr. verübt worden ist. Die moralisch« Verantwortung für solche bedauerliche« Vorfälle fällt denjenigen zu, welch« durch Angrisse in der Presse nnd ver- hetzende«ussührnngen im Rundjnnk unüberlegte Leute zu straf- bare« Handlungen verleiten. ES darf sich niemand wundern, wenn die Regierungskommission, die bereits in der Begründung ihrer zuletzt erfolgten Zeitung»- verböte auf die Folgen solcher Hetze gegen dienstausübende Beamte aufmerksam gemacht hatte, letzten EndeS gezwungen wird, zu noch teätirna M sii, 4» isiilss»^ Nadi dem Piord die tlcucSiclci Abberufung des deutschen Gesandten— Sperrung der Grenze Berlin, 26. Juli. Plötzlich hat die Hitlerrcgicrung Angst vor den Folgen des österreichischen Nazipulsches bekommen. Tie hat den deutscht» Gesandten in Wien ab- b e r u s e n, angeblich, iveil er den Ausständischen freie« Ge- leit über die deutsche Grenze zugesagt hat, ohne sich der Zu- stimmung der Berliner Stellen zu oersichern. Ferner wird amtlich erklärt, daß auf Anordnung der Reichsregierung die deutschen Grenzen gesperrt ivorden seien, um einen beschlossenen Uebertritt der Aufständischen zu ver- hindern. Selbstverständlich bleibt, was natürlich nicht gesagt wird, den Leuten unbenommen, einzeln die Grenze zu über- schreiten. Diese Maßregeln sind dazu bestimmt, der Welt vorzu- täuschen, daß mau mit dem Wiener Putsch und seinen Fol- gen nichts zu tun habe und es weit von sich weise, die Aufrührer unterstützen zu wollen. Das wird freilich nichts mehr Helsen. Ein erster Blick über die lwut« vorliegenden Pressestimmen des Auslandes beweist, daß man überall ge- nau im Bilde ist. Wenn es eines Beweises»och bedurfte, daß die österreichischen Nationalsozialisten von Nazi-Stellen in Deutschland unterstützt wurden, so hat die Entdeckung reich«deutscher Sprengstoffe auf schweizerischem Boden als Schmuggelware für Oesterreich die letzten Hüllen gelüftet- innerdeutscher Lfigensender Das muß man selbst gehört haben... Wer am Mittivoch am Mikrofon saß und sich durch die deutschen Sender über die österreichischen Ereignisse unter- richten ivollte, der hat selbst an diesem viclerfahrencn Justrn- ment eine solche Ansammlung von Lüge, Hetze und Erbärm- lichkeit noch nie erlebt. Bis zum späten Abend wurde die Behauptung ausrecht- erhalten, daß die„Volksbewegung", die jäh ausgebrochen sei, wegen der schlechten Behandlung der Gefangenen fließ: der Bombcnattentäters den Sieg davongetragen habe. Daß es Nationalsozialisten waren, die für ihren Gangster- Uebersall längst bcreitliegende Heeres- und Polizeiuniformen trugen, wurde beharrlich verschwiegen. Verlogen ivar auch die Behauptung, daß sich Teile des Bundesheeres, der Poli- zei und der Heimivehr dem„Volk" angeschlossen hätten. Immer wieder wurde nach einer Rechtfertigung des Putsche« gesucht, auch noch abends, als Dollfuß längst tot ivar. Als man in den Frühmcldungen etwas dazu sagen mußte, wurde erklärt, daß der Bundeskanzler nicht seigtn, nach festem Plan arbeitenden Meuchelmördern, sondern der jäh ausgebrochenen „Volkserhebung" zum Opfer gefallen sei... Wie aber gab der deutsche Rundfunk die allerersten Mel- dung weiter, daß Tollsuß tot sei? Abends um 10.30 Uhr tat es der Stuttgarter Sender in folgender Form: Bundeskanzler Dollfnß ist seinen schwere» Berlestnngen erlegen. Es folgt der Sportbericht... Die Gangster Regierung hat den ihr zukommenden Gaiigster-Nilndsunk. Seine Meldungen übernimmt er von Goebbels'„Drahtlosem Dienst", eine zur Rechtfertigung amtlicher Morde eingesetzte Propaganda mit dem Auftrag, dem deutschen Volke glauben zu machen, daß sich in der ganze» Welt die deutsche Treue und die deutsche Ehre gegen fremde Tücke und Brutalität im.stampfe befinden. Noch am Donncrstagmorgen wagt kein einzige? r e i ch S d e n t s ch e s Blatt seinen Lesern mitzuteilen, daß die Putschisten und Mörder Nationalsozialisten gewesen sind! Zwei Beispiele Das amtliche Deutsche Nachrichtenbüro brachte u. a. folgende Meldungen: Wien, 28. Juli. Der militärische Leiter der Wiener Heim- I m^ a' or Boor, teilt mit, daß die umliegenden Häuser des Bundeskanzleramts von Heimwehrleuten besetzt und in Verteidigungszustand gebracht ivorden sind. Im Hof des Bundeskanzleramts sind ctiva 180 vom Volk verhaftete Beamte versammelt und befinden sich in strengem Gewahr- sam. Wie soeben bekannt ivird, sind im Bundeskanzleramt neben dem schwer verletzten Dr. Dollsuß, dem Sicherheitsminister Fey. Staatssekretär st a r w i n s k y, auch eine ganze Anzahl höherer Heimwehrfunktionäre festgehalten, die beim Volk im Rufe besonderer Brutalität stehen. Wien, 28. Juli. Der in der ersten Sendung des Radio Wien um 13 Uhr als neuer Bundeskanzler genannte österreichische Gesandte in Rom Dr. Rintelen ist bereits in Wien ein- getrofsen. Er hat sich sofort in das HeereSministerium be- geben, wo er mit dem bisherige» Unterrichtsministcr Schuschnigg und den Vertretern des Bundesheeres sowie Ab- gesandten des Volkes über die Neubildung der öfter- reich ischcn Regierung verhandelt. Es steht nicht fest, ob Dr. Dollsuß nur für seine Person oder für das Gesamtkabinett den Rückritt erklärt hat. Beides frech erlogene Meldungen. Es ist von„180 vom Volk f!j verhasteten Beamten" die Rede, die in Wahrheit in der Hand schwer bcwassneter Aufrührer waren Ebenso dreist entstellt ist die zweite Meldung. Niemand hat mit Rintelen in dem hier geschilderten Sinne verhandelt. Sie trauern und kondolieren Ter Reichskanzler wird mit Rücksicht auf die traurigen Vorgänge in Oesterreich von einem weiteren Besuch der noch ausstehenden drei Aufführungen der Bayreuther Festspiele absetzen Der Reichsaußcnminister Freiherr v. Neurath hat der östvreich'schcn Bundesregierung zum Tode des Bundes- kanzlers Dollsuß telegrafisch das Beileid der Reichsrcgie- rung übermittelt. Zahlreiche Terrormorde Innsbruck, 25. Juli. Der Polizeihauptmann von Inns- brück. Hickl, wurde von zivei Nationalsozialisten erschossen. Die Attentäter konnten verhaftet werden. ttlagenfurt, 28. Juli. Am Dienstag abend um 10 Uhr wurde der Hrimiochrmann Jgnaz Rinner in Wcidmannsdorf bei Klagensurt davon verständigt, daß er sofort zu seiner Abteilung nach Klagensurt einzurücken habe. 20 Schritte von seinem Hause entfernt ivurde er von drei Revolver kugeln durchbohrt tof ausgefunden. In Weißenbach bei Liezen-wurde ein im Bahndienst stehen- der Schutzkorpsmann angeschossen und s ch w c r verletzt. Der Täter ist unbekannt. Drei Tote bei der„Rawag Wien, 25. Juli. Die Zahl der Toten bei der Säuberung»- aktion im Gebäude der„Ravag" wird mit drei angegeben, die der Schwerverletzten mit fünf. Tie Zahl der Berhastete» ist nicht bekannt. vie Mörder in Halt \y 1»V» WS mmm DNB. Wien, 26. Juli. Die an der Besetzung des Bundes- konzleramtes beteiligten Personen sind zunächst in der Polizeilasernc i» der Marokkanergaffc nntergebracht morde»' die drei mutmaßlichen Mörder des Bundeskanzlers befinde» sich dagegen in Sondcrhaft. * Nach einer von der Regierung ausgegebenen Mitteilung' sind sämtliche Putschisten, die das Bundeskanzleramt besetzt hatten, zur Zeit in Haft. Ueber ihr weiteres Schicksal wird folgendes mitgeteilt: Als im Auftrage der Negierung der Minister Nenstädter- Stürmer den Ausständigen das Angebot freien Abzugs unter der Bedingung machte, daß keine Todesopfer zu be- klagen feien, war der Regierung und dem Minister Neu- stäbter-Stürmer zivar bekannt, daß Bundeskanzler Tollsuß verwundet worden ivar. Es ivar ihnen aber nicht bekannt, daß der Bundeskanzler bereits meuchlings erschollen war. Es ist selbstverständlich, so ivird erklärt, daß die am Morde des Bundeskanzlers Beteiligten nicht unter das zugesagte freie Geleit fallen. Rintelen Er ist in Haft Nach der gewaltsamen Besetzung des Ravag-Tenders wurde der Sprecher mit vorgehaltenem Revolver gezwungen, die Nachricht durchzugehen, daß die Regierung Dollfuß zurück- getreten und der österreichische Botschafter in Rom Dr. Anton Rintelen zum Bundeskanzler ernannt ivorden sei. Damit sollte ein Signal gegeben werde». Aber es war bald daraus verhallt. Nach dem Scheitern des Putsche» wurde Rinielen. der sich„aktiousbereit" bereits in Wien befand, unter Hock- verratsbeschiildigung verhaftet. Rintelen hat in der österreichischen Politik seit jeher eine verhängnisvolle Zivile gespielt. Er stammt ans Westfalen, auS also katholischer, aber crzreaktionärer Familie. In der Seipel-Aera hat er seineu Herr» und Meister noch erheblich übertrumpft. Der früher christlich-soziale Abge"-'>nete ivurde 1010 Landeshauptmann von Steiermark. Er teiligte»ch führend bei der Gründung der stcirischen Heimivehren. A>n 8. Mai 1021 wurde er bei einer blutigen Auseinandersetzung von politischen Gegnern aus dem Fenster eines Bersainw- lungssaaleS gestürzt und schwer verletzt. Am 20. Mai 10^ trat er in das»eugebildete Kabinett Dollsuß als Unter- richtsniintster ei», welchen Posten er bis zum'23. Mai 1O8S bekleidete. Sein Amt als Landeshauptmann der Steiermark legte er erst nieder, als ihn der Bundeskanzler als öfter- reichischen Gesandten nach Rom entsandte. Rintelen galt als Begünstiger einer Berständi- g u n g mit den Nationalsozialisten. Sein Sohn, der Mitglied bei den Nazis war, wurde kürzlich bei einer Gehcimversammlung in Graz verhaftet. Nun dürfte es mit der politischen Karriere de? ehrgeizigen Rintelen wohl zu Ende sein. Er hat zu früh die Drähte gezogen, in falscher Einschätzung der Machtverhältnisse Oesterreich, vielleicht auch irregeführt durch diejenigen, die ihm die Krönung zum»Führer" versprochen hatten. Amerika- ernsl und besorg! Der Eindruck der Wiener Vorgänge in Amerika ®N8. Renyort, 26. Juli. Die gestrigen Vorgänge in Wien werden von sämtlichen Neuyorker'Morgenblättern groß ausgemacht. Nach Meldungen aus Washington betrachten die polllochen amerikanischen Kreise die weitere Entwicklung i? Oesterreich mit Ernst und Besorgnis. Fortsetzung von Seite 1 mit Waffen oersehen von amtlichen reichsdeutschen Stellen hat seinen Kampf für die Eroberung der totalen Staats- macht mit den Mitteln fortgesetzt, die der Parteiführer und Reichskanzler feit anderthalb Jahrzehnten oorgelehrt und vorgelebt hat: mit Terror und mit Mord. Der schlagartige Uebersall auf die Bundesregierung, die Ermordung von Dollfutz und das Hinschlachten weiterer noch unbekannter Opfer istgenaunachdemVorbilderfolgt.das der deutsche Reichskanzler und Parteichef am 3 0. Juni seinen besessenen Gläubigen in aller Welt gegeben hat. Nicht einmal die Ver- Weigerung der ärztlichen Hilfe und des priesterlichen Bei- standes an den Katholiken Dollfutz fehlt. Genau wie bei Klaufener und Probst. Nur die Einäscherung des Ermor- deten war den Nationalsozialisten nicht mehr möglich. Die deutsche Reichsregierung ist trotzdem an allein un- schuldig. Es liegen reihenweise Alibitelegramme aus Berlin vor. Allerdings sind sie sämtlich erst nach dein Niederschlagen des Aufstandes verfatzt. Solange der Macht- Kampf in Oesterreich gestern unklar blieb, überschüttete der deutsche Rundfunk die Welt mit unverhohlenen Sympathie- und Solidaritätslügen für das angeblich sich erhebende österreichische„Volk". In den letzten Tagen sind Sprengstoffe und Spreng- Körper zentnerweise nach Oesterreich geschmuggelt worden. Dafür liegt das amtliche Zeugnis der Sankt-Gallischen Kantonspolizei vor. Es sind in Deutschland lebende öfter- reichische Legionäre beim Transitschmuggel von Spreng- stoff durch die Schweiz nach Oesterreich verhaftet worden. Sie haben angegeben, daß die Spreng st offe aus den Magazinen der SA.- Leitung in Lindau stammen und datz sie die Spreng st offe in direktem Auftrag des dortigen SA.-Kom- mandos durch die Schweiz nach Oe st erreich bringen sollten. Die Sprengstoffe tragen amtliche deutsche Bezeichnungen. Wer die hervorragende Bedeutung der nationalsozialistischen Gauleiter im Auf- bau der Partei und im deutschen Staatsleben kennt, wird nicht daran zweifeln können, datz die Führung der deut- schen Regierungspartei und die Führung des deutschen Reiches an diesen Sprengstofslieferungen unter sehr unvor- sichtiger Tarnung beteiligt sind. Das ist auch die Auffassung der österreichischen und der schweizerischen Presse. Eine Demarche des schweizerischen Bundesrats„angesichts des aktenmätzigen Beweises" steht bevor. * Inzwischen hat dieser Mittwoch in Wien die Gefahren in Europa ins Riesenhafte erhoben. In Oesterreich be- rühren sich alle außenpolitischen Probleme unseres Erdteils. Rings um dieses kleine Land gruppieren sich die Fragen der Revision des Vertragswerks am Ende des Weltkrieges. Die staatlichen Erben der habsburgischen Monarchie außerhalb des engen Deutsch-Oesterreich wachen über ihre Grenzen und sind vor allein entschlossen, jede machtpolitische Verbindung zwischen Oesterreich und dem „dritten Reich" zu verhindern. Ein Sieg des National- sozialismus in Wien würde den Vormarsch'der ita- lienischen Truppen über den Brenner bedeuten und eben- sowenig die Tschechoslowakei unbeteiligt lassen. Italien. England und Frankreich haben sich in der klaren Erkenntnis der furchtbaren Möglichkeiten, die in dem österreichischen Problem schlummern, schützend vor die Selbständigkeit Oesterreichs gestellt und sind wieder- holt mahnend in Berlin vorstellig geworden. Die öfter- reichische Regierung hat mehrfach erwogen, gegen die reichsdeutschen Einmischungen durch die Gewalttaten der Nationalsozialisten den Völkerbund anzurufen. Noch in den letzten Tagen kamen solche Meldungen. Auch ivurde von dem Plan einer gemeinsamen Demarche der Mächte in Berlin geredet. Geschehen ist bisher nichts. Europa hat Furcht vor Entscheidungen, die es immer wieder aufschiebt, und es erreicht damit nur, datz die Konflikte, die es beschwören will, immer unlösbarer werden und Explo- sionennäherrllcken. Die europäischen Regierungen, in liberalen Grundsätzen denkend und nach parlamen- tarischen Methoden mit zivilisiertem Verhandeln und mit dem Witten zum Ausgleich arbeitend, scheinen den deut- schen Nationalsozialismus nicht begreifen zu können. Ob dieses Begreifen in letzter Stunde noch möglich ist. darin liegt das Schicksal über Frieden und Krieg in Europa, übe? Leben und Sterben von vielen Millionen Atenschen. DerdeutscheNationalsozialismus. seine Führer und seine Söldner, lassen sich in eine Gemeinschaft von Kulturnationen nicht eingliedern. Die europäischen Diplomaten träume i von Unmöglichkeiten. Der deutsche National- sozialismus kennt nur ein Recht: sich. Er kennt nur ein Mittel: die Gewalt. Er hat nur ein Ziel: die Machtbe- ha'iptung um jeden Preis. Er ist weder zu vergleichen mit dem reformistischen demokratischen Sozialismus, der seinen Klassenkampf mit leucktenden Humanitätsidealen verklärt, noch mit dem revolutionären proletarischen Kommunismus, der feine Klassendiktatur nur mit dem Ziele einer höheren und in der Idee friedlichen Menschheitskultur proklamiert. Noch nicht einmal auf das gewiß tiefe Niveau des bru- talen und kulturlosen Faschismus Italiens läßt sich der deutsche Nationalsozialismus hinaufschrauben. In Italien mag man immerhin mit den Problemen des Korporation?- ftaates ringen. In Deutschland hat der Nationalsozialis- niiis alle sozialen Ansprüche, so verworren sie gewesen sein mögen, mit denen er einst aufgetreten ist. in Blutsümpfen untergehen lassen. Er ist in Wahrheit jetzt schon a n a r ch i s ch. nur noch fähig zur Ausrüstung von Gewalt- Haufen, mit denen er seine Gegner niederhält. Er ist ohne inner- und außenpolitische Konstruktion. So ist er zer- störendes Dynamit inmitten Europas. * „M a ch t Hitler unschädlich!" Wir denken nickst an sein Leben, über das einmal das deutsche Volk durch freie Richter hart zu Gericht sitzen wird. Persönlich ist der deutsche Reichskanzler jetzt nur von Männern bedroht, die durch seine Mörderschulen gegangen sind. „Mach: Hitler unschädlich!" Wir fordern die Entmachtung einer anarchischen Systemlosigkeit. die das Verbrechen zur Staatsmoral, das Banditentum zur Staatsführung erhoben hat „Macht Hitler unschädlich!" Unser Ruf ergeht an alle im Re-che, die sehend geworden sind. Die Per- bindung alles Kräfte in Deutschland ist notwendig, die ge- willt und fähig sind, die heranziehende Katastrophe durch das Werk sozialistischen Ausbaus und nationaler Disziplin aufzuhalten. „M a di t Hitler unschädlich!" Es ist nicht die Aufgabe des in tausend Fesseln liegenden deutschen Volkes allein, das längst in seiner großen Mehrheit mit Hitler gebrochen hat. Im zwanzigsten Jahrhundert führt kein Volk ein isoliertes Leben. Das deutsche Problem ist eine europäische Schicksalsfrage. Europa mutz erwachen. Seine bedrohten Völker müssen sprechen. „Macht Hitler unschädlich!" Nicht durch einen Interventionskrieg. Aber Europa mutz den Wall von Lügen durchstoßen, den Hitler zwischen der deutschen Nation und der Welt aufgerichtet hat. Europa hat die Pflicht, dem dWtschen SBoÜte durch Taten zu zeigen und zu beweisen, datz es mit einem für jedes europäischen Staatensystem unmöglichen Regime klar und deutsick bricht. D'ceuropäischeAechtungHitlersund seiner blutigen Söldner durch die Kultur' weit ist notwendig, wenn diese Welt selbst sich retten will. Auf den Tag zwanzig Jahre nach dem Ausbruch de» österreichisch-serbischen Krieges durch Oesterreichs ultimo- tive Politik haben wir die neue Bedrohung Europas er- lebi. Zwanzig Jahre Weltkrieg mit allen seinen krisenhaften Folgen liegen hinter uns. Soll nun das dritte Jahrzehnt kriegerisch anbrechen? Die Antwort aus diese Frage ist so drohend wie drängend. Europa hat keine Zeit zu verlieren. Seine Völker müssen fordern. Seine Regierungen müsseß handeln. Wie rufe« m Deutschlands sa&em. Das umkämpfte saargebiet Französische Beobachtungen (Von unserem Pariser Korrespondenten) Paris, 25. Juki. Je näher der Tag der Saarabstimmung, der 13. Januar 1335, herankommt, um so gröber wird das Interesse der französischen Oeffentlichkeit an den Vorgängen im Saargebiet. Während die französische Presse in den ersten Monaten nach dem Antritt der Hitlerregierung nur in sehr bescheidenem Maße ihren Lesern darüber Aufschluß gab, wie sehr sich die Auswirkungen des neuen Regimes, und vor allem wie unlieb- sam sie sich im Saargebiet bemerkbar machten, ist das heute wesentlich anders. Kaum ein Tag vergeht, wo nicht die eine oder andere größere Zeitung dem Saarproblem ihre Spalten öffnet. Man ist sich, leider etwas spät, hier darüber klar geworden, welche unendliche Bedeutung es für Frankreich hat, ob dieses vor den Toren Lothringens gelegene Land in Zukunft ein Bollwerk des Friedens oder ein Aussallstor und Vorposten für Hitlers Revanchcpläne sein wird. Man hat anscheinend bisher zu sehr der Nazipropaganda geglaubt und deshalb resigniert damit gerechnet, daß die Saarbevölkerung sich mit überwältigender Mehrheit für das„dritte Reich" entscheiden wird. Der Irrtum war, daß man Hitler mit Deutschland verwechselte. Erst jetzt merkt man in Frankreich, daß zwar das Saarland deutsch ist und so gut wie alle Bewohner den Wunsch haben, ihr Deutschtum auch frei zu bekennen, daß aber sehr viele von ihnen, vielleicht schon jetzt die Mehrheit aus Liebe zu Deutschland nicht die Rückgliederung in ein Deutschland wünschen, in dem'der wahre deutsche kreist tagtäglich von den braunen Machthaber» geschändet wird. Zwei große Pariser Tageszeitungen sind es, die, in der Er- kenntnis, wie viel am Abstimmungstage von der Haltung der katholischen Bevölkerung abhängen wird, auf die Wandlung hinweisen, die man gegenwärtig bei den Katholiken an der Saar feststellen kann. Im„Petit Parisicn" führt Jean de Pange an leitender Stelle in einem„die Ab- Neigung der Saarkatholiken gegen Hitler" überschriebenen Artikel aus, daß sich entschieden etwas im Taargebiet ge- ändert habe. Im Gegensatz zu früher sehe aber man auch jetzt große Menschenansammlungen vor den Schaufenstern der naziseindlichen Zeitungen, und die dort ausgehängten Artikel würden sehr aufmerksam gelesen. Aus die Begeisterung für die nationalsozialistische Revolution sei eine gewisse Jnter- effenlosigkeit gefolgt, die nun einer Abneigung Platz gemacht habe, für die man täglich neue Beweise bekäme. Seit einigen Wochen überstürzten sich diese Beweise sogar. Das entsetzliche Blutbad vom 80. Juni, diese Hinrichtungen ohne richterliches Urteil oder vielmehr dieser Massenmord, bei dem viele Per- sonen umgekommen seien, weil sich ihre Mörder nur hätten an ihnen rächen wolle, hätten diese im tiefsten Innern gläu- bige Bevölkerung, für die Gerechtigkeit und Religion Ideale seien, geradezu ausgepeitscht. So wie es in Lothringen üblich sei, sei der Protest lautlos, aber doch nicht weniger wirksam erfolgt, indem man in erhebender Weise die beiden großen Katholiken geehrt habe, die Hitler habe ermorden lassen. Und nun erzählt der Verfasser, welche Macht das Zentrum früher im Saargebiet gehabt habe, wie die„Landeszeitung" immer mehr von Berlin abhängig geworden sei und schließ- lich die aktivsten Kräfte, die hinter dieser Zeitung gestanden hätten, sich von ihr losgesagt hätten, um ein neues kathc- lisches Blatt zu schassen. Er berichtet dann von der Gründung der Saarländischen Wirtschaftsvereinigung, deren Mitglieder an die Stelle des Teutschland aufgezwunge- nen Heil-Hitler-Grußes den Ruf„Frei Saar!" gesetzt hätten. Es werde oft gesagt, daß französisches Geld in den Hitler- feindlichen Parteien rolle. Das sei falsch. Hitlers Parteigänger zahlten für ihre Propaganda ungeheure Bei- träge, wie der Verfasser habe persönlich feststellen können. Man könne nur lachen und vielleicht be- dauern, wenn man wüßte, wie wenig Geld die Franzosen dafür ausgeben. In Wahrheit könnten die Saarländer nur auf sich selb st zählen, um ihre Sache triumphieren zu lassen. Die Anhänger der Status quo hätten nur einen Wunsch: Meinungsfreiheit. Die„deutsche Front" habe bis Jahres- ende alle größeren Säle ihren Gegnern abgetrieben. Nu» erwarte man von der Abstimmungskommission, daß daß sie die Säle unter die Parteien verteilt. Besonders dringend sei der Kampf gegen den Hitlerterror. Dieser Terror nehme gefährliche Formen an. Eine wahre Saarplage sei die Spitzelei der Nazis. Ueberall fühle man sie: in den Zeitungsredaktionen, wo man feststelle, daß die Telefon- gespräche von Hitlerhorchposten überwacht würden: in den öffentlichen Gebäuden, wo man bitte, leise zu sprechen, wenn es sich um Politik handele, und sogar— in den Kirchen. Stenogramme der Predigten schicke man nach Berlin. Bischof Borne wasser von Trier be- achte wenig die Neutralität, zu der im Saargebiet verpflichtet sei, wenn er dort die ihm unterstellten Geistlichen besuche. Am Ende einer seiner Predigten habe sich ein saarländischer Pfarrer nicht gefürchtet, ihm zu sagen:„Es scheint, daß die Herrschaft Christi er st hinter Hitlers Herrschaft kommt." Aber, so schließt der Verfasser, man rühre da an dem ernstesten Problem, das zwischen Saar- brücken und Rom zur Diskussion stehe. Man müsse sich heute Zurückhaltung auferlegen.„Erklären wir kurz, daß in seiner gewaltigen Mehrheit der katholische Klerus an der Saar hitlerfeindlich ist. Wenn wir es verstehen, ihm die Freiheit zu sichern, die er braucht, dann werden wir die Folgen am Abstimmungstage sehen." Im„Iour" läßt sich Georges Marcenay über die gleiche Frage vernehmen. Da heißt es unter anderem: die saarländische Geistlichkeit sei verfassungsmäßig den deutschen Bischösen in Trier und Speyer Untertan. Bischof Borne- wasser von Trier sei immer ein Nationalsozialist gewesen, Bischof Sebastian von Speyer sei zu müde und zu schüchtern — er sei ja schon ziemlich alt— und deshalb nicht geeignet, die Rechte der Geistlichen zu verteidigen. Diese ständen unter dem Terror der Nationalsozialisten. Bischof Bornewasser habe schon verschiedentlich sich feindlich gegen die„Neue Saar-Post" der unabhängigen und freiheitlich gesinnten Katholiken aus- gesprochen. Er habe sogar die Geistlichen ausgefordert, in Massen der„deutschen Front" beizutreten. Es sei, so schließt Marcenay. wünschenswert, daß die Regierungskommission den Vatikan auffordere, für die Zeit bis zum Abstimmungs- tage einen Sonderbeauftragten des Vatikans nach dem Saar- gebiet zu entsenden. An die Reglerongskominlsslon Dödisle Gefahrenstufe für das Saargebiet! Jeder Tag bringt neue blutige Beweise für die Barbarei des Nationalsozialismus. Nach dem 30. Juni des Moldens in Deutschland, nach der feierlichen„Legalisierung" aller Untaten durch die Reichs- rcgicrung, nach der Erhebung der Mörder zu Heroen und Rettern des Vaterlandes, nach der langen Reihe von Atten- taten mit Sprengstoff und Revolver, die seitdem erlebt worden sind, nunmehr der wilde nationalsozialistische Aus- stand in Oesterreich, die Ermordung des Bundeskanzlers Dr. Dollsuß durch bestialischen Wahn. Die Schuld des Nationalsozialismus, seine Verbindung mit den Zentralen im Reiche und seine Belieferung mit Mord- waffen durch amtliche deutsche Stellen steht fest. Was in Oe st erreich geschah, kann in jeder Stunde sich im Saargebiet ereignen. Eben erst hat der sogenannte Landesleiter der„deutschen Front" am rcichseigenen deutschen Rundfunk alle, aber auch alle deutschen Gegner des Nationalsozialismus im Saargcbiet als korrumpierte, käufliche, landesvcrräterische, aus der deutschen Gemeinschaft auszustoßende Elemente beschimpft. Das ist die Sprache, die allen national- sozialistischen Morden— diesen taufenden und abcrtauscnden— vorausgegangen ist. Das sind die Worte, duärch die alle politischen Gegner des Nationalsozialismus von jeher diffamiert und für vogclsrci erklärt worden sind. Das ist der rohe, von keiner zivilisierten politischen Uebcrzeugung durchleuchtete Wahnwitz, der von den Nationalsozialisten gepredigte, geschürt« und verherrlichte Fanatismus, der stets zu Erplosionen geführt hat, zu blu- tigen Ausschreitungen führen muß. Stets und immer sind solche Aufreizungen von den nationalsozialistischen Führern mit Bekenntnissen zur Legalität, m> t Mah- nungen zur Disziplin umkleidet worden. Umso mehr,jcnähcrillegale Aktionen waren. Stets aber auch sind Mörder nach gelungenen Attentaten zu Nationalheiligen erklärt, stets sind chrcnwörtliche und Jlehr als fragliche Mehrheit' Wenn heute abgestimmt würde... Saarbrücken, 20. Juli. Die lothringische„Forbacher Bür- gerzeitung" ist von den Naziblättern im Taargebiet und im deutschen Rundfunk oftmals als Kronzcugi» für die„Hitler- treue Stimmung" an der Saar zitiert worden. Dieses Blatt veröffentlicht nun einen Artikel unter der Ucberschrift„Eine deutsche Niederlage im Saargebiet". Es schreibt über die Stimmung der Taarbcvölkerung, daß der Kulturkampf Hit- lers gegen die katholische und protestantische Kirche in den Köpfen und Herzen der Saarländer verheerend gewirkt habe. Die Mißstimmung der christlich eingestellten Volks- schichten des Saargcbietes habe sich in der letzten Zeit fast mit elementarer Wucht gebildet. Das Blatt schließt seinen Artikel:„Wenn heute abgestimmt würde, dann ist es mehr als fraglich, ob sich eine Mehrheit für die Rückgliederung an das Deutsche Reich ergäbe." Massensdiladifungen von Vieh Wir berichteten bereits vor einigen Tagen, daß die Futter- mittelknappheit die Bauern in verschiedenen Gegenden Deutschlands zwingt, ihr Vieh abzustoßen und schlachten zu lassen. Solange sich diese Informationen auf ausländische Quellen oder auf unsere eigenen bezogen, waren es selbst- verständlich alles„Greuelmärchen" und„Lügenmeldungen" der Emigrantenpresse. Aber immer deutlicher zeigt es sich, daß die Nazibonzen und die gleichgeschalteten Schreiberlinge nicht mehr in der Lage sind, aus die Dauer die Wahrheit zu verheimlichen, daß sie sich im Gegenteil gezwungen sehen, unsere„Greuelmärchen" als Grundlage zu ihren eigenen Mitteilungen zu machen. So ist es auch mit unserer Mel- dung über das Massenschlachten von Vieh in Deutschland. Der Landesbauernfllhrer in Hessen-Nassau hat eingehende Erhebungen über die bäuerliche Notlage durchführen lassen und in der„Baucrnzeitung Rhein-Main- Neckar" darüber wie folgt berichtet: „Die Schäden infolge der Trockenheit und des Minder- ertrages der Ernte sind im Gebiete der Landesbauernschaft Hessen-Nassau außerordentlich groß. Als Folgeerschei- nung zeigt sich vor allem eine Futtermittelknappheit in höchstem Ausmaß. Infolgedessen sind die Bauern ge- zwungen, ihr Bich auch dann, wenn es noch nicht schlacht- reis ist oder wenn es sich noch um Milchvieh handelt, ab- zustoßen." So wird deutsches Nationalvermögen vernichtet. Dabei handelt es sich gar nicht um die Schäden infolge der Trocken- heit. Man kann nicht immer nur den lieben Gott für alle Schwierigkeiten des Naziregimes verantwortlich machen. Selbstverständlich spielt die Dürre eine große Rolle. Aber Dürreschäden gab es auch in früheren Zeiten. In solchen Fällen konnte ein Ausgleich durch Einsuhr von Futter- Mitteln herbeigeführt werden und das Vieh brauchte nicht geschlachtet zu werden. Außerdem konnte durch die Einsuhr von Futtermitteln ein sprunghaftes Steigen der Futter- mittelpreise verhindert iverdcn. Heute aber, wo infolge des finanziellen Bankrotts des Reichs die Einfuhr gedrosselt werden muß, fehlt es an Futtermitteln und die Preise werben von den Großagrariern in geradezu schamloser Weise in die Höhe getrieben, ohne daß der sogenannte Bauern- führer Darre dagegen einschreitet. Aber noch andere interessante Dinge erfahren wir vom Bauernsührer in Hessen-Nassau. Er schreibt: „Der ungenügende Futtcrzustand der Tiere einerseits und die angebotenen großen Mengen andererseits drücken naturgemäß auf die Preise. Hinzu kommt, daß unglück- licherweise bei der Bcrbraucherschaft auch noch ein geringer Bedarf an Fleisch vorliegt." Sieh mal einer an! Unter Hitler ist das deutsche Volk plötzlich unter die Vegetarier gegangen. Wahrscheinlich dient der Führer dem Volke als Vorbild. Nur, daß leider der ver- armte deutsche Volksgenosse nicht in der Lage ist, wie sein Führer zwanzig Mohrenköxle ouj eine» Sitz herunter- eidesstattlichc Erklärungen von den Nationalsozialisten ge- brachen worden. Von der Tribüne des Reichstages wurde parteiamtlich gerühmt, Wortbruch gegenüber jedem den Nationalsozialisten nicht genehmen Regierungswcsen sei Pflicht. Die neuesten nationalsozialistischen Untaten in Oesterreich erhöhen die Gefahr auch im Taargebiet. Selbst wenn man ausnahmsweise den guten Willen der nationalsozialistischen Führer voraussetzen wollte, muß man wissen, daß sie nicht die Macht hoben, die dunklen und zu allen Ausschreitungen bereiten Elemente zu zügeln, die infolge der wilde» haß- erfüllten Agitation ihre Scharen durchsetzen. Die Regierungskommission hat wiederholt amtlich an der Zuverlässigkeit entscheidender Teile ihrer Exekutive ge- zweifelt. Eine schwache Exekutive ist eine große Versuchung für gewalttätige Nationalsozialisten gegen den Frieden an der Saar vorzubrechen. Unabsehbare europäische Gefahren stehen im Hintergründe, wenn es im Saargebiet zu Ereignissen ähnlich denen in Oesterreich kommen sollte. Wir wenden uns an die Saarxegierung. Wir rufen die Abstimmungskommission aus. W c st e u r o- päischeMaßstäbcsindgcgcnübcrbarbarischcn Einbrüchen in die europäische Zivilisation nicht am Platze. Ma« sehe den deutschen National- sozialismus endlich wie er ist: anticuropäisch, unbeherrscht und gewalttätig. Wir fordern unverzüglich eine starke Regierungsautorität an der Saar, eine zuverlässige ausreichende Exekutive, die fest in der Hand der Regierung ist. Es geht uns nicht nur um das Schicksal einiger Personen, auch wenn es unsere nächsten Freunde sind. Das Saargebiet wird von Tag zu Tag mehr ei» Gcsahren- Herd für den Frieden Europas. Das ist die Lage. Sie erfordert rasche und energische Handlungen. zuschlingen. Der Grund dafür, daß der deutsche Verbraucher plötzlich Vegetarier geworden ist, ist natürlich nicht darin zu suchen, daß ihm Hitler als Vorbild dient, sondern weil in- folge des gesunkenen Volkseinkommens der deutsche Konsu- ment nicht in der Lage ist, Fleisch in bisherigem Umfang zu konsumieren, obwohl die Viehpreise angesichts der Maffcn- schlachtungen— wie der LandeSbauernsührcr selbst be- hauptet,— stark gesunken sind. So sehen wir, wie die Nazihäuptlinge selbst sich gezwungen sehen, nachträglich unsere„Greuelnachrichten" in Deutschland zu verbreiten. Sie tun das aber erst, wenns alle bereits ge- merkt haben. Die minderwertigen Inden Und die Rede eines hochwertigen Arierführers Laut der„Frankfurter Zeitung"(Nr. 371) hat der Staatsrat und Kauleiter Groh« in Aachen über die rassischen Grundlagen der deutschen Volkseinheit u. a. ausgeführt: Gauleiter Grohö sprach über die rassischen Grundlagen der deutschen Volkseinheit. Die Hitler-Jugend müsse sich dieser Grundlagen bewußt sein, die in erster Linie Bluts- qemeinschaft und deutsche Eigenart seien Wen» das deutsche Volk diese» Rassenstandpunkt veriechte. so betrachte es deshalb doch nicht die anderen Rassen als minderwertig. Die jüdische Rasse dagegen müsse es als minderwertig ansehen. Der Jude sei der Feind jeder anständigen Gemeinschaft in der ganzen Welt. Der Jude sei der Feind der Arbeit: er lebe vom Prosit, immer bestrebt, andere Völker zugrundezurichten. So war es schon vor tausend Jahren, so war es schon seit Christus, der ja behauptet hat, der Satan sei der Vater des jüdischen Volkes. Von dem Juden stamme alles Tcufelswcrk. Er habe den, deutschen Volke jeden sittlichen Halt nehmen wollen, und das sei ihm auch teilweise geglückt. Der Jude sei der Urheber des Klassenhasses, des Marxismus und der Dünkelhaftigkeit. So habe er Deutschland zum Spielball der Welt gemacht. Vor dem Kriege habe er die Welt gegen das friedfertige Deutschland aufgehetzt. Im Kriege habe er Greuelmärchen gegen das deutsche Volk verbreitet. Nach dem Kriege habe -er das Volk ausgebeutet, Wirtschast und Kultur vernichtet. Heute hetze er die Welt wieder gegen das friedliche Deutschland. Das müsse die deutsche Jugend wissen, daß ihr die Reinheit des Blutes und die Eigenart des Volks- tums über alles zu gehen habe. Die Jugend müsse wissen, daß sie ihr Blut sauder zu halten habe. Die Jugend sei verantwortlich für das Weiterleben der Nation. Jeder deutsche Junge und jedes deutsche Mädchxcn müsse sich schämen, einen Juden auch nur freundlich anzusehen. Wer bei einem Juden kaufe, einen jüdischen Arzt oder einen jüdischen Rechtsanwalt zu Rate ziehe, beschmutze die deutsche Ehre. Unsere Anständigkeit und unsere Menschlichkeit ge- bieten uns, so fuhr Gauleiter Grohs fort, den Juden als einen Feind zu behandeln. Wir befinden uns da in einer Gesellschaft mit Christus, der erklärte, daß der Satan der Vater des Judentums sei:«vir befinden uns in Gesellschaft aller großen Männer der Welt, insbesondere der deutschen. „Insbesondere der deutschen..." Grohss hoher geistiger Gedankenflug stieg im Laufe einer„Kultur woche der Hitlerjugend". Arier-Bestimmung hei Unehelichen Zur Beseitigung von Zweifeln, die sich bei der Auslegung der gesetzlichen Bestimmungen ergeben haben, verweist der Reichspostminister auf die Richtlinien, die für die Feststellung der arischen Abstammung bei Unehelichen gelten. Danach gilt das uneheliche Kind einer Arierin als nichtarisch im S'nne der Beamtengesetze, wenn sein Vater oder dessen Vater oder Mutter nichtarisch war Gehen standesamtliche Register. Gerichtsakten usw. keinen Aufschluß, und ist auch sonst nicht nachzuweisen, wer der Vater war, so wird ein uneheliches Kind bei arischer Herkunft mütterlicherseits bis zum Beweise des Gegenteils oder wenn nicht die besonderen Umstände des Falles dagegenjprechen. als arisch anzusehen sein. ,Deutsche Freiheit", Nr. 171' S«»rf>e»d»». Jee J7. Juli MS Ernährungssorgen und Mißernte in Deutschland Von Jan Severin Zu den außerordentlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, denen das Hitler-Reginie in den nächsten Wochen und Monaten entgegen geht, tritt neuerdings die große Gefahr einer Unterversorgung an Lebensmitteln. Bisher hatte die Ernährungsfrage dem Hitler-Regime von allen Problemen die geringsten Sorgen gemacht, da Deutschland in Getreide und Kartoffeln, sowie den anderen pflanzlichen Nahrungsmitteln durch die mit außerordentlichen Subventionen und handelspolitischen Opfern erkaufte Agrarpolitik der legten Jahre und besonders des Jahres 1933 von der ausländischen Einfuhr fast unabhängig war. Durch die Mißernte hat sich die Lage jetzt völlig geändert und die Hungerkrawalle, die aus einigen Teilen des Reiches, besonders aus dem westlichen Industrierevier und aus Berlin im Zusammenhang mit dem immer deutlicher hervortretenden Kartoffelmangel gemeldet werden, dürften nur die ersten Sturmzeichen sein, die die Periode einer neuen schweren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Belastung des Hitler Regimes in der Ernährungslage einleiten. In keinem Lande der Welt ist die Kartoffel in so hohem Maße die Grundlage der Volksernährung, wie in Deutschland. Von einer europäischen Kartoffelernte in Höhe von rund l 1 /» Milliarden Meterzentnern entfielen auf Deutschland 1932 zirka 410 Millionen, 1933 sogar 440 Millionen Meterzentner, also zuletzt mehr als ein Drittel der ganzen europäischen Ernte. Die deutsche Regierung ist ängstlich bemüht, jede Angabe über den Umfang des Minderertrages der diesjährigen Kartoffelernte zu vermeiden, aber die Tatsache, daß der Marktpreis, der noch im Mai in Berlin für je 50 Kilogramm 2,20 bis 2,40 Mark betrug, nach einer Steigerung auf 3,70 im Juni nunmehr im Juli auf 4,30 bis 4,40 Mark gestiegen ist, sich also ungefähr verdoppelt hat und die sich aus allen Teilen des Reiches häufenden Meldungen über das„Schlange-Stehen" der Hausfrauen vor den Kartoffelläden und die Rationierung der vorhandenen Ware beweisen deutlich, daß die Ernte in diesem Jahre außerordentlich schlecht ist und zur Versorgung der Bevölkerung nicht annähernd ausreicht. Bei den sehr schlechten Einkommensverhältnissen, die jetzt fn Deutschland herrschen und angesichts der kommenden neuen Welle einer verschärften Arbeitslosigkeit sind die Möglichkeiten, von der Kartoffelnahrung zum Brot überzugehen, schon aus Preisgründen außerordentlich gering. Läßt man aber selbst dieses wichtige Bedenken unberücksichtigt, so zeigt doch eine Ueberprüfung der deutschen Getreidelage schon jetzt, daß es ganz unmöglich für Deutschland ist, in diesem Jahre mit der eigenen Ernte auszukommen und auf fremde Getreideeinfuhr zu verzichten. Die letztere aber kommt schon deshalb nicht in Frage, weil die hierfür nötigen Devisen bekanntlich nicht zur Verfügung stehen. Den gleichgeschalteten deutschen Handelszeitungen war die Veröffentlichung von Saatenstandsberichten bereits seit vielen Wochen streng verboten, um eine Beunruhigung der Bevölkerung über die Sicherstellung der Ernährung zu vermeiden. Diese Beunruhigung ist jetzt aber doch im Zusammenhange mit den enormen Steigerungen der Kartoffelpreise und dem nicht mehr zu verschleiernden Mangel an Kartoffeln aufgetreten. Um diese Beunruhigung nun nicht weiter wachsen zu lassen, hat man sich zur Veröffentlichung von Vorschätzungen auf die Getreideernte entschlossen. Es ist nun zu berücksichtigen, daß Deutschland früher einen sehr großen Teil des Getreidebedarfes aus dem Auslande importierte und hierzu mit Rücksicht auf den großen Export von Industriewaren auch in der Lage war. Im Laufe der letzten zehn Jahre hat man die Getreideproduktion im In- lande durch ständige Heraufschrauhung der Schutzzölle und durch große Agrarsubventionen, wie die Osthilfe, immer weiter erhöht, so daß sie 1933 einigermaßen zur Deckung des Inlandsbedarfes ausreichte. Die amtlichen Stellen veröffentlichen jetzt eine Vorschätzung für die deutsche Getreideernte in Höhe von 11,37 Millionen Tonnen für Brotgetreide(Roggen, Weizen und Spelz). Statt dieser Ziffer nun aber die Erntemenge des Jahres 1933 gegenüber- zustellen, zieht man nur einen Vergleich mit dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre 1924 bis 1933. Dieser Durchschnitt ergibt für das genannte Jahrzehnt eine Brotgetreideernte von 11,40 Mi II. Tonnen, also nur unerheblich höher wie die für 1934 veröffentlichte Vorschätzung. Zur Erkenntnis der wirklichen Lage ist aber dieser Vergleich mit dem Durchschnitt des ganzen vergangenen Jahrzehntes ganz sinnlos, da Deutschland in diesem Jahrzehnt bis vor wenigen Jahren nur deshalb mit einer so geringen Getreidernte auskommen konnte, weil man alljährlich in der Lage war, gewaltige Getreidemengen aus dem Auslände gegen Devisen zu importieren.-> v * Viel wichtiger ist der Vergleich dieser Vorschätzung von 11,37 Mill. Tonnen mit dem Ernteertrage des Jahres 1933, der nicht weniger als 14,49 Tonnen beträgt. Deutschlands Ernte an Brotgetreide bleibt also nach den eigenen, jetzt von den amtlichen Stellen veröffentlichten Vorschätzungen um rund 22 Prozent hinter derjenigen des Vorjahres zurück. 1933 war es einigermaßen möglich, mit der eigenen Getreideernte die Volksernährung sicherzustellen. 1934 wird es unmöglich sein. Man muß also entweder mehrere Millionen Tonnen ausländisches Getreide zu den jetzigen hohen Weltmarktpreisen gegen Devisen einführen, oder aber man muß die vorhandenen völlig unzureichenden Erntemengen einschließlich der aus den letzten Jahren verbliebenen Vorräte, die aber nach den eigenen Angaben des Hitler-Regimes nicht ausreichen, um den Minderertag auszugleichen, rationieren. Die Situation wird weiter noch ganz erheblich dadurch erschwert, daß die Kartoffelernte viel zu gering ist und daß die vorhandenen Getreidereserven und ein erheblicher Teil der diesjährigen geringen Brotgetreideernte zum Ersatz der fehlenden Kartoffelmengen herangezogen werden muß. Noch ungünstiger liegen die Verhältnisse bei der Futtermittelernte, weil hier so gut wie überhaupt keine Vorräte aus früheren Jahren zur Verfügung stehen, so daß eine massenweise Absdilarhtung des Viehs und eine weitere Verarmung des Bauernstandes heute bereits als ganz unvermeidlich anzusehen ist. Nach den eigenen, wie üblich sehr optimistischen V orschätzungen der diesjährigen deutschen Ernte ergibt sich folgendes ungünstige Bild, das aber aus naheliegenden Gründen den enormen Minderertrag der au erwartenden Kartoffelernte nicht enthält(in 1000 Tonnen): ' 1934 1933 Roggen 7270 Weizen und Spelz 4100 Wintergerste 641 Sommergerste 2270 Hafer 5000 8727 5763 713 2754 6951 Bis auf den geringen Rest der jetzt noch verbleibenden Devisen hat Deutschland im ersten Halbjahr 1934 den Devisenbestand zur Vorversorgung in Rohstoffen unter nahezu völligem Verzicht auf jede Lebensmitteleinfuhr verwandt. Die jetzt etwa noch vorhandenen geringen Devisenreste stehen zur Einfuhr von Rüstungsrohstoffen usw. überhaupt nicht mehr zur Verfügung, da man sie zur Deckung des dringendsten Lebensmittelbedarfes unbedingt brauchen wird. Die Einführung von Brot- und Kartoffelkarten in Deutschland bleibt unter diesen Verhältnissen unvermeidbar. Die Verelendung der Konsumenten dürfte in verschärftem Tempo fortschreiten, während gleichzeitig die Notlage der Bauern, die ihr Vieh nicht durchfüttern können, sich automatisch verschlimmern muß. Mit dieser neuen und unvermeidlichen Verschärfung der wirtschaftlichen und sozialen Lage dürfte auch die politische Stellung des Hitler- Regimes infolge der Lebensmittelnöte bald eine neue und schwere Erschütterung erfahren. Sie ffexftiBisräiisfrie «*or Rohstoffmangel und Kurzarbeit Wir lesen in der„Frankfurter Zeitun g": Keine der großen Verbrauchsgüter-Industrien hat an den ersten Ansätzen zur Besserung im Jahre 1932 und an dem von kräftigem staatlichem Einsatz getragenen Aufschwung seit 1933 in solchem Maße teilgehabt wie das Textilgewerbe. Nirgends ist aber auch die Rohstoffabhängigkeit vom Ausland, die heute im Zeichen der Devisenknappheit das beherrschende Problem der deutschen Industriekonjunktur darstellt, so sehr gegeben wie hier: vier Fünftel des gesamten Rohst off Verbrauchs mußten bisher in der Regel importiert werden, von der Baumwolle sogar 100 Prozent, von der Wolle 90 bis 95 Prozent. Und deshalb sind in der Textilwirtsdiaft als einer Devisenverzehrerin ersten Ranges die Fragen der Vorratsbewirtschaftung, der Entwicklung der heimischen Rohstoffquellen und der gegebenenfalls notwendigen Anpassung der Produktion von besonderer Dringlichkeit. Die Lage, in der die deutsche Textilindustrie von der Einfuhrdrosselung betroffen wird, trügt also zahlreiche Merkmale einer Hochkonjunktur, und zwar, wie vorweggenommen sei, einer Inlandskonjunktur. Nach den Schätzungen des Instituts für Konjunkturforschung war Ende Juni der Bedarf aus Vorräten und Inlandsprodukten für 4 bis 5 Monate gedeckt. Bei dieser Vorratslage konnte der hohe Beschäftigungsstand bis heute aufrechterhalten werden, aber das bedeutet in erster Linie die Abwicklung des vorhandenen großen Auftragsbestandes^ z. B. in der Rohweberci bis weit ins vierte Quartal hinein. Neue Aufträge können bereits seit einiger Zeit an manchen Stellen nicht mehr oder nur unter Vorbehalt der Rohstoffbeschaffung angenommen werden. Die Weiter beschäftigung der Textilindustrie auf ihrem gegenwärtigen Stand ist also eine ernste Aufgabe. Die handelspolitischen Mög- 1 i ch k e i t e n, die Lieferländer der Textilrohstoffe, mit denen unsere Handelsbilanz durchweg passiv ist, zur Aufnahme deutscher Zusatzexporte zu bewegen und damit Deutschland zu vermehrten Rohstoffbezügen instand zu setzen, werden schnell genützt werden müssen. Daneben steht die Entwicklung der heimischen Rohstoffquellen. Unter ihnen ist die Förderung der Schafzucht seit dem Vorjahr eingeleitet, sie kann sich aber nur in begrenztem Umfang und vor allem erst auf lange Sicht auswirken. Die stärkere Entwicklung der Kunst- w o 1 1 erzeugung und eine entsprechende Umstellung der Verarbeitung von Kammgarn zum Cheviot ist in vollem Gange. Die Kunstseiden Industrie ist auf viele Monate hinaus voll beschäftigt, die Vorräte bei den Erzeugern haben sich gelichtet. Indes hat die Kunstseide nach Berechnungen von unabhängiger Seite bisher nur etwa 10 Prozent unseres Baum wo» Verbrauchs und etwa 2— 4 Prozent des Gesamtverbrauchs an Textilstoffjen decken können. Alle diese Möglichkeiten dürfen als unmittelbare Hilfe nicht überschätzt werden, zumal da die Preise vorläufig noch weit üksr(kflce sntsprfijhyiisB Ärtarpudukte liegen. Preiserhöhungen, die bei stärkerer Beimischung dieser neuen Erzeugnisse entstehen müßten, würden aber der großen Linie unserer Wirtschaftspolitik zuwiderlaufen. Die schon seit einiger Zeit im Gange befindlichen Erwägungen über die Konsequenzen, die aus der Rohstoffverknappung zu ziehen sind, bewegen sich deshalb nach unseren Informationen in der Richtung, eine weitere gleichmäßige Beschäftigung der Textilindustrie durch Verkürzung der Arbeitszeit sicherzustellen und so den Aufschwung in ruhigere Bahnen zu lenken. Unnahbar gewordene Lage Vor uns liegt folgendes vom 20. Juli datiertes Rundschreiben über die Folgen der deutschen Devisenrepartie- rung: Die Rotterdamer Getreide-Spediteure wenden sich an die Kundschaft, um sie auf die durch die Devisenbeschränkungen unhaltbar gewordene Lage hinzuweisen. Die Überweisungen der Vorlagen für Seefrachten, Umschlagskosten und Flußfrachten erfolgen in den letzten Monaten in einer vollkommen ungenügenden Weise. Die Ablösung von Bankgarantien, die normalerweise in einigen Tagen geschehen muß, hat sich derartig lang hingezogen, daß auch das finanziell stärkste Unternehmen nicht mehr in der Lage ist, die Verpflichtungen, welche sich darauf den Banken gegenüber ergeben, zu erfüllen. Die Empfangnahme gegen Bankgarantie und Sicherstellun? der Seefracht ist nicht mehr möglich, weil die Partien in Rotterdam zur Verfügung der Seekonnossements-Inhaber oder Seereedereien bzw. Banken solange liegen bleiben müßten, bis die Seedokumente zur Stelle und die Seefrachten bezahlt sind. Die Folgen dieses Zustandes sind deutlich. Es ist unseren Mitgliedern bei allem guten Willen nicht mehr möglich, weitere Vorlagen irgendwelcher Art zu machen und Bankgarantien zu stellen. Die Kundschaft wird also mit erheblichen Extrakosten zu rechnen haben, weil nichts anderes übrig bleibt, als in Hinkunft alle Partien, für welche die Seedokumente und die Deckung von Seefracht, Umschlagsund Transportkosten fehlen, in Cargadorslichter bzw. Dampferschuppen gehen zu lassen. Namens unserer Mitglieder bitten wir Sie daher in Ihrem Interesse, dafür sorgen zu wollen, daß bei Eintreffen aller Partien die Seedokumente, volle Dedcung für die Seefrachten und annähernde Deckung für die Umschlags- und Flußtransportvorlagen im Besitj der Spediteure sind, tcetl nur dadurch die glatte Abwicklung der Spedition und Weiterverladung gewährleistet wird. Hochachtungsvoll Verein Rotterdamer Getreidespediteur® (Graan-Expediteursbond) Karstadt wird saniert Die Naziagitation gegen die Warenhäuser hat bekanntlich den Warenhauskonzern Karstadt ruiniert. Der vollständige Zusammenbruch wäre zu einer solchen Katastrophe geworden, daß die öffentliche Hand eingreifen mußte. Das Aktienkapital des Konzerns umfaßt nun 28.8 Millionen RM. gegen früher 75 Millionen RM.; die Bilanzsumme verminderte sich von 279,6 Millionen RM. auf 193,6 Millionen RM. Zu diesen Zahlen ist zu bemerken, daß sie offiziell, also hitlerdeutsch frisiert sind! Die Sanierung wurde so durchgeführt, daß zunächst„eine Abstoßung vieler überflüssig angegliederter Fabrikbetriebe" erfolgte. Wieviel Arbeiter und Angestellte durch diese Maßnahme stempeln gehen müssen, wird verschwiegen. Es müssen aber sehr viele sein, denn dio Schließung der Handwerksbetriebe in den Warenhäusern Karstadt allein machte 274 Angestellte brotlos. Auch hier wird die Zahl der aufs Pflaster geworfenen Arbeiter nicht mitgeteilt. Die Bankschulden des Konzerns wurden zu 21,9 Millionen RM. in Aktien, zu 10 Millionen RM. in Genußscheinen bezahlt, das heißt für Geld wurde Papier gegeben- Der Name der Banken, die diesen schweren Verlust zu bezahlen haben, wird verschwiegen. Nach dem Zwangsreorganisationsplan erhält der größte Teil der Gläubiger fast keine Zinsen mehr. So sieht die Wirtschaftspolitik der Nazi aus. Niedergang der deutschen Porzeitaneusluhr Das Sinken der deutschen Porzellanausfuhr ist aus folgenden Zahlen ersichtlich: Gesamtausfuhr feinkeramischer Erzeugnis s< ?(in 1000 dz) Warenbezeichnung 1913 1930 1931 1932 1933 1934* Gesamtausfuhr 1446 1358 1168 788 821 314 davon: Wandbekleidungspiatten 145 494 458 288 353 166 Steingut(einfarbig) 122 155 155 136 131 55 Tafelgeschirr 352 230 163 122 IIS 40 * Für die ersten 5 Monate Januar/Mai. Wertmäßige Gesamtausfuhr feinkeramischer Erzeugnisse (in Mill. RM.) Warenbezeichnung 1913 1930 1931 1932 1933 1934« Gesamtausfuhr 86,7 118,7 88,7 52,7 48,2 17,0 davon: j Wandbekleidungsplatten 4,1 21 ,4 17,9 9,3 10,1 4 ,2 Steingut(einfarbig) 5,0 11,0 10,6 7,7 7,1 2,7 Tafelgeschirr 31,9 35,4 24,2 15,8 13.9 4,7 9 füg die e£it£a 5 Aypaj e Jfg&uar'Mai. „Dentscbe Dlamanfensocher' i Aus London wird uns geschrieben: ' Die Berichte, die in letzter Zeit aus Deutschland «ommen, zeigen mit aller Deutlichkeit, daß die Zeiten „Wirtschostsnnkurbelung" vorbei sind und daß im Gegenteil die Wirtschaft in einen Abgrund gestürzt wird, vimmer häufiger erfährt man, wie schlimm in Wirklichkeit oie Situation in Deutschland geworden ist. Es gibt aber Dinge, die vom großen Publikum unbeachtet bleiben und von denen nur Fachleute wissen, die aber besser als alle amtlichen Kundgebungen die wirkliche Lage in Deutsch- land beleuchten. Vor uns liegt der Bericht einer Londoner Spezial- Wirtschaftskorrespondenz, die lediglich dazu da ist, Ee- schäftsleute über Borgänge auf bestimmten Märkten zu informieren. . Diese Korrespondenz unterrichtet ihre englischen Leser m ihrer Ausgabe vom 18. Juli über die Bewegung an? Londoner Diamantenmarkt. Zunächst wird festgestellt, daß der Diamantenmarkt schon seit Iahren stagniert, daß das Interesse für Diamanten in den Krisenjahren außer- ordentlich gering war. Jetzt aber sei plötzlich ain Lon- doner Diamantenmarkt wieder eine Belebung zu ver- zeichnen. Diamanten werden in größeren Mengen ge- fragt und die Preise sind dementsprechend gestiegen. Kühl stellt die englische Korrespondenz fest, daß diese Ge- schaftsbelebung auf eine erhöhte Nach- Uage deutscher Käufer zurückzuführen sei. Jedesmal, wenn es sich um Kauf von größeren Posten Diamanten handele, war der Ursprung dieser Käufe immer »? Teutschland festzustellen. Die Korrespondenz bemüht sich auch einen plausiblen Grund für diese Käufe anzugeben. Sie weist daraus hin, daß man am Londoner Diamantenmarkt stets eine Ge- schäftsbelebung feststellen konnte, wenn in irgendeinem Lande eineRevolution oder Inflation herrschte. In den ersten Nachkriegsjahren waren es in der Haupt- fache Russen, die Diamanten kauften. In der Zeit der Inflation in Deutschland setzte eine Bewegung am Lon- doner Tiamantenmarkt durch zahlreiche deutsche Käufe ein. Als 1925 in Frankreich die Währung schwankte, waren es die Franzosen, die als Käufer am Diamanten- markt auftraten. Auch im vorigen Jahr im Zusammen- stang mit der Abwertung des Dollars konnte man eine ähnliche Erscheinung beobachten: die Amerikaner deckten sich mit Diamanten ein. Wenn also heute am Londoner Dia- vi antenmarkt plötzlich eine Geschäftsbe- iebung auf Grund zahlreicher deutscher Käufe eingesetzt hat, so sei das ein Beweis dafür, daß in Deutschland augenblicklich ein Mißtrauen entweder gegenüber der deutschen Währung oder dem jetzigen Regime herrsche. Wahrscheinlich sei ein Mißtrauen sowohl gegen die Währung als auch gegen das Regime vor- standen. Deshalb wollen sich die besitzenden KlasseninTeutschlandrechtzeitignlitDia- Wanten voreindecken, die ihrer Ansicht nach eine wertbeständige Kapitalanlage darstellen. Man bevorzugt §S.(rennt sidi von SA. Verschiebung des Nürnberger Parteitages? Die Reichspressestclle der NSDAP, gibt folgende Ber- fügung Hitlers bekannt: Im Hinblick aus die großen Verdienste der SS., besonders im Zusammenhang mit den Ereignissen des 80. Juni 1934, erhebe ich dieselbe zu einer selbständigen Organisation im Nahmen der NSDAP. Der Rcichsführcr der TS. untersteht daher gleich dem Ehcf des Stabes, dem Obersten SA.,Führer direkt. Der Ehef des Stabes und der Rcichssührer bekleide» beide den parteimäßigen Rang eines NcichÄeiters. München, den 20. Juli 1934. (gez.) Adolf Hitler. Damit ist die formelle Unterstellung der SS. unter die SA.-Leitung, die bisher immer noch bestand, aufgehoben. Nach dem 30. Juni, an dem die Lakaien ihre Herren ermor- beten, war es natürlich unmöglich, daß die Büttel weiter die Untergebenen ihrer Opfer blieben. Himmler hat durch den Mord an Röhm sich zugleich von einein Freunde getrennt und von einem Vorgesetzten befreit. Hitler dagegen hat durch das Band gemeinsam vergossenen Blutes die SS. noch fester als früher unmittelbar an seine Person gebunden. Es wird immer zweifelhafter, ob dem neuen Mann Lutze, einem an Starhembcrg gemahnenden Typ von umstrittenem Können, die befohlene Reorganisation, ö. h. Unterwerfung der SA. gelingt. Man spricht nach der „Times" bereits»vcgen ber ausgetauchten Schwierigkeiten von einer Verschiebung des Nürnberger Parteitags. Deshalb lvird die SS. jetzt vollkommen selbständig gemacht, damit nach der Zerrüttung der SA. dem Diktator ivcnigstenö eine mili- tärische Stütze verbleibt, nachdem die Reichswehr ziveifelhaft und die Polizei unheimlich fest in der Hand Görings ist. Eine gemisse Zuteilung des SS.-Führcrs Himmler unter den Befehl Görings, die bisher bemerkbar ivar, scheint wieder rückgängig gemacht zu iverdcn. Die Abberu- fung des Polizeigcncrals Taluege, einer Kreatur Görings, von der kommissarischen Führung der SA.-Gruppc Berlin, deutet in der gleichen Richtung. Es ist zu befürchten, daß eine der ersten Aufgaben der selbständig gewordenen SS. in der Ab-schlachtung neuer marxistischer Opser bestehen wird, von der wir an anderer Stelle sprechen. Diamanten auch deswegen, weil sie neben ihrer Wertbe- sländigkeit leicht zu verstecken und leicht mitzunehmen sind. Die Londoner Wirtschastskorrespondenz schließt den Aufsatz mit der Bemerkung, daß jedenfalls die Bewegung am dortigen Diamantenmarkt bezeichnend für den Geistes- zustand und das Mißtrauen in Deutschland sei. Gleichzeitig versucht diese englische Wirtschaftskorre- spondenz eine Erklärung dafür zu geben, woher eigentlichdieBeträ gekommen, mit denen die Diamanten für deutsche Rechnung bezahlt werden. Bei den strengen Devisenvorschriften können diese Beträge nicht auf normalem Wege aus Deutschland fließen. Tat- sächlich würden auch für die Diamantenkäufe teilweise die Gelder in Anspruch genommen, die aus Deutschland nach ivie vor geschmuggelt werden. In diesem Zusammen- hang teilt die Korrespondenz mit, daß es ihr gelungen ist, einen vertraulichen Bericht der deutschen Finanzbe- Hörden in Berlin zu erhalten. In diesem vertraulichen Schreiben werden die untergeordneten Organe aufge- fordert, nach Möglichkeit die Ausgaben der Steuerzastler zu kontrollieren und festzustellen, ob nicht größere Be- träge illegal nach dem Ausland gehen. Das Schreiben stellt dabei fest, daß nach Berechnungen amtlicher Stellen, trotz strengster Maßnahmen, wöchentlich zirka 5 Millionen Mark aus Deutschland ge- schmuggelt werden. So der nüchterne Bericht einer wirtschaftlichen Spezial- Korrespondenz, bestimmt für Geschäftsleute, ohne irgend- welche politische Tendenz. In Deutschland behaupten aber die Nazi-Führer, das Volk stehe geschlossen hinter ihnen und habe unbegrenztes Vertrauen zu ihrer Führung. Gymnasialdirektor in Lemberg ermordet Warschan, 26. Juli. In Lemberg wurde ber Leiter des staatlichen Gymnasiums mit ukrainischer Unterrichtssprache, Direktor Wabij, vor seiner Wohnung aus dem Hinterhalt erschossen. Der Täter versuchte nach dem Morde zu flüchten, wurde aber von der Polizei festgenommen. Bei der Verhaf- tung versuchte er Selbstmord zu begehen. Schwer verletzt wurde er in das Krankenhaus eingeliefert. Nach den bei dem Mörder vorgefundenen Pcrsonalpapiercn handelt es sich um einen gewissen Sawezuk. Politische Motive scheinen der Mordtat nicht zugrunde zu liegen. Leber 110V Opfer der Hitze in Amerika Ncuyork, 26. Juli. Die außerordentlich große Hitze in de« Vereinigten Staaten hat bisher in den mittleren und den Weststaaten über 1100 Todesopser gefordert, davon allein im Staate Missouri 312. Stellenweise ist Regen gefallen, der allerdings nur ivenig Erleichterung gebracht hat. Die jüdische Großmutter Berlin, 20. Juli(Jnpreß). Das Ancrbengericht in Sien- dal hat einem Landwirt die Rauernsähigkeit abgesprochen, weil seine Großmutter mütterlicherseits eine getaufte Jüdin war. Wer Hat dich, du schöner Wald... Die zahlreichen Waldbrände im Reich haben die Vermu« tung von Brandstiftungen austauchen lassen. In allen mög- lichen Städten wurden an der Peripherie unter Ausflüglern und Wanderern Razzien vorgenommen. In Berlin wurden 280 Anzeigen gegen Männer und Frauen erstattet, die durch Unvorsichtigkeit angeblich die Wälder gefährde». I ßeatsdies„Redil" Politische Bonzen sind immun Im NSK.-Sondcrdienst„D a s D e u t s ch e R e ch t" finden wir einen Artikel, der sich mit dem Begriff der Rechts- Sicherheit besaßt. In dein Artikel heißt es u. a., man habe früher unter Rechissicherheit die Normen und Formeln vcr- Uandc», die den einzelne» gegen Ausbeutung und Uebcrvor- leituiig schützen sollten, die aber auch diesen einzelnen'vor °en Nachteilen zu bewahren hätten, die ihm auS eigener Un- H'länglichkeit, aus selbstverschuldeter wirtschaftlicher und charakterlich«.'! Schwäche erwuchsen. Jene„Rechtssicherheit" sti also in Wirklichkeit nichts anderes gewesen als ein Draht- Lunchen um den Garten des wohllöblichen Staatsbürgers. Heute sei in gewissen Kreisen, die nicht vergessen können, sehr viel Geschrei um Rechtssicherheit. Man glaube dort, daß die "iechtsgestaltung des nationalsozialistischen Reiches„Ber- wirrungen" i» die Rechtssicherheit bringe. Solche Kreise, so i'enixrkt die NSK., hätte» nicht gemerkt, daß sich im Denken ^cs deutschen Volkes inzwischen ein Umwandlnngsprozcß vollzogen habe, daß das deutsche Bolk zwar nach wie vor das Recht des einzelnen Volksgenossen respektiere, es in seinen Auswirkungen aber in den Rahinen des höheren Rechts ein- fvanne, das der Gemeinschaft dcS ganzen Volkes zukomme. Tann heißt es ivörilich: ^„Die Rechtssicherheit des neuen nationalsozialistischen «laates ist, das sei mit aller Schärfe betont, immer und zu allererst die Rechtssicherheit der Volksgemeinschaft. Was dem Volke nützt, ist Stecht, was dem Volke schadet, Unrecht, und wen» tausend falsch verstandene„Ncchtsan- spriiche" des einzelnen dadurch nicht befriedigt werden können. Ten» wir find zuerst für öaö Volk und die Gemeinschaft ver- ü'lichtet. Nur ivcnn unser persönliches Interesse gleichläuft wit dem Interesse, des Volkes, kann dieses persönliche In- tcresse einen Rechtsanspruch begründen." In derselben Nummer der NSK. ivird ein Artikel zu- ni»,inend abgedruckt den Landrichter Dr. H. Schwabe im üeuxstx,, Hell der„Juristischen Wochenschrift" veröffentlicht, dieser Artikel beschäftigt sich mit den Klageanträgen üegcn politische Leiter, mit denen immer wieder die deutschen Gerichte behelligt werden. Dr. Schwabe stellt die Unzulänglichkeit deS Rechtsweges gegen- über politischen Entscheidungen fest und weist voran» hin, das; daS Verhältnis zwischen Staat und national- sozialistischer Vcivegnng eine völlig neue volksrechtliche vrobleinreihe eröffnet habe. Mit aller Deutlichkeit»vird festgestellt, baß den Gerichten heute keinerlei Möglichkeit mehr gegeben sei, unter dem Borwcnd, daß es sich um reine Rechtsfragen bandele, in die der Staatssiihrung vorbehalten? politische Sphäre einzudringen und deren politische Entscheidungen nachzu- prüfen oder zu durchkreuzen. Im neuen Staat sollte der Grundsatz selbstverständlich sein, daß sich die Gerichte unter keinen»vie immer gearteten Vorwand in die politischen Entscheidungen der Parteiorgan!- sation einmischen, und deren Führerprinzip von außen durch- brechen dürsten. Alan könne dabei nicht anerkennen, daß diese» Nichleinmiichcn nur aus die„inneren" Kragen und Entscheidungen der Parteiorganisation begrenzt sei. Streng benommen gebe cS derartige rein„innere" Entscheidungen, Re nur die Organisation der Partei beträfen, nach der Machtergreifung durch die Bewegung überhaupt nicht mehr. Es werde der Gesetzgebung vorbehalten sein, die Abgrenzung der verschiedenen Wirkungsgebiete zu sichern, daß Zweiselssälle nicht entstehen könnte». Daher würben die Gerichte gut daran tun, die Zutässigkcit des Rechtsweges in allen den Fällen zu vermeiden, wo sie mit ihre» Urteilen in die Sphäre der poli- tischen, von den. verantwortlichen Partcisührern gefällten Entscheidungen vorstoßen würden. Wo das gesammelte Geld bleibt Hitlerführer vor Gericht Man hat nie etwas von einem der angekündigten Prozesse gegen die„korrupten marxistischen Bonzen" gehört. Wohl aber liest»»an beinah« täglich in der Presse des„dritten Meiches" Berichte ivie diesen: „Bor der Großen Strafkammer des Landgerichts OSna- brück hatten sich in zweitägiger Verhandlung der frühere Ortsgruppcnlcitcr der Ortsgrui'pe Altstadt der NSDAP., Neuhans, und der frühere Ortsaruppenkassenwart, big- h e, wegen Ve r u n t r c u u n g von P a r t c i g e l d e r n zu verantworten. Das Urteu lautre gegen den einen An- geklagten auf eine Gckam'*&■ Freiheit! * Tie zweite Arbeitsschlacht ist pleite. Ter Hunger plagt die kleinen Leute. Es praßt und schivelgt dl«% braune Meute. Freiheit! Hitlergruß— jauler Schmusj, .KreHeA Das bunte Blatt »Deutsche Freiheit" Nr. 171 Freitag. 27. Juli 1981 ©35 Attentat Bericht eines Der Ministerpräsident Montezza ermordet Der Ministerpräsident wurde heute nacht zwei Uhr in sei- nem Palais ermordet. Der Polizei ist es bereits gelungen, die Attentäter zu verhasten. Sie wurden unter starkem pol»- zeilichem Schutz in das Staatsgefängnis überführt. Die er- regte Menge versuchte, die Täter der Volksjustiz zu'i'bei- antworten. Die Mörder, zwei sanatisierte Studenten Wie behauptet wird, scheint hinter den Mördern eine inter- nationale Organisation zu stehen. Die Tat war kaltblütig und sachlich vorbereitet. Es ist nur der raschen Arbeit unserer Polizei zu danken, wenn die Mörder noch gesaßt werden konnten. Die Attentäter sind ein Chemie- und ein Medizin- student der Universität unserer Hauptstadt. Daß die beiden Beziehungen zu einer geivissen politischen Partei unterhiel- ten, ist sicher. Eine zugleich seige und raffiniert« Tat Nach den jetzt bekannt iverdenden Einzelheiten kommt ein Tötschlag im Affekt nicht in Frage. Tie Mordbuben haben den Ministerpräsidenten erst betäubt, ehe sie ihm die Schädel- decke zertrümmerten. Für die kaltblütige Roheit der beiden noch jungen Täter zeugt der Umstand, daß sie mit Gummihandschuhen und weißen Mänteln arbeiteten. Das mahnende Gewisse» der Geliebten Die rasche Entdeckung der grauenvollen Mörder ist, wie unser Berichterstatter erfahren konnte, aus eine anonyme Zuschrift an die Polizei zurückzuführen. Die Polizeidirek- tion erhielt einen Brief, ivorin die Befürchtung ausgespro- chen wurde, der Präsident könnte diese Nacht ermordet wer- den. Es»vurde rasches Einschreiten der Polizei gefordert. Durch Schriftvcrgleich ist inzwischen die frühere Studien- kollegin der Mörder als die Briefschreiberin festgestellt wor- den. Im Verhör gestand sie, daß sie als die Geliebte des Chemiestudenten Einblick in dessen ehrgeizige Pläne hatte. Vom mahnenden Gewissen gepeitscht hätte sie die Tat zu verhindern gesucht. Ein Anschlag zweier Wahnsinniger Wie sich bei der Untersuchung durch Sachverständige her» ausstellte, ist der- Schädel des Präsidenten kunstgerecht tre- paniert worden. Bei getrennter Vernehmung behauptet nun der eine Mörder, sie hätten mit Einverständnis des Prä- sidenten eine Verjüngung seines Gehirns vorgenommen. Die Operation sei im gefährlichen Moment durch das Eindrin- gen der Polizei unterbrochen worden. Der ziveite der Ver- hafteten will dabei noch zugeben, daß sie allerdings zugleich diese Anwendung ihrer Erfindung zu einem Gcsinnungs- Wechsel des Präsidenten Montezza hätten ausnutzen wollen. Das Gas Leziu 88 Einem unserer Mitarbeiter ist es gelungen, kurz nach dem Verhör die Mörder noch einmal zu sprechen. Er hat von ihnen einige aussehenerregende Mitteilungen erhalten, die nnr mit allem Vorbehalt wiedergeben wollen. Die Grundlage dieses„sogenannten Attentats" bildet das Gas Lezin 88. Das Lezin wurde vor nunmehr zwei Jahren von uns entdeckt. Seine Eigenschaften eröffnete phantastische Perspektiven. Lezin konnte phosphorhaltiges, lebendes Gc- lpörucks in Zeitungsausschnitten webe, plastisch weich machen. Das Gas 88 ist das Endprodukt einer langen Versuchsreihe. Es ist jetzt ohne biologisch schä- digende Nachwirkungen. Unter seiner Einwirkung verjüngt sich der spröde und alt geworbene Zellenausbau rasch. Nerven und Gehirn reichern sich hochprozentig mit Lezithin an. Die geistige Elastizität vervielfacht sich. Wir hatten dem Präsidenten Beweise für die Wirksamkeit unseres Gases erbracht. Er hat sich selbst bereit erklärt, die Operation an sich in aller Stille vornehmen zu lassen. Wir haben allerdings, das müssen wir bekennen, nicht gesagt, daß während der Einwirkung des Gases eine soge»»annte„mecha- nische Suggestion" möglich wird. Wir konnten dem Patienten zugleich eine neue Willensrichtung in die Hirnwellen diktie- ren. Das war unser« geheime Absicht. Die Polizei»nd der Tod des Präsidente« Zu den von der oppositionellen Presse gebrachten Schlag- zeilen wird amtlicherseits scharf Stellung genommen. Wenn auch jetzt feststeht, daß der Präsident die beiden Männer zu ungewöhnlicher Nachtzeit empfangen und danach den Tekre- tären jede weitere Störung streng untersagt hatte, so ist bar- aus lediglich zu entnehmen, daß Montezza einer Mystifika- tion zum Opfer gefallen ist. Wenn sich eine geivisse Presse dazu versteigt, zu behaup- ten, die Polizei hätte durch Festnahme der beiden Studenten den Präsidenten fahrlässig getötet— wenn man weiter an- deutet, man wollte lieber einen toten statt einen mit geänder- ter Gesinnung lebenden Montezza— so sind das nichts als infame und leere Beschuldigungen. Wie durch medizinische Sachverständige einwandfrei festgestellt wurde, dürfte der Tod des Präsidenten bereits einige Minuten vor dem Ein- dringen der Polizei eingetreten sein. Haltlose Behauptungen der Attentäter Wie die beiden Mörder behauptet hatten, sollten alle Be- rechnungen und Formeln in einem Tresor ihrer gemeinsamen Wohnung zu finden sein. Bei den Nachforschungen der Polizei stellte sich heraus, daß der Tresor nichts enthielt, als politisch komprimittierendes Material und Pfandscheine. Der mit den beiden länger in häuslicher Gemeinschaft lebenden Studentin ist von solchen Formeln und Bescheinigungen überhaupt nichts bekannt- Sie behauptet, daß die Attentäter in erster Linie nicht wissenschaftliche, sondern politische Ar- beit geleistet hätten. Desivegen sei es auch zwischen ihnen zum Zerwürfnis gekommen. Die von den Mördern benutzte Stahlflasche, die angeb- lich dieses sonderbare Gas enthalten sollte, ist den staatlichen Laboratorien zur Untersuchung überwiesen worden. Dort hat sich herausgestellt, daß die vorhandene Gasmenge zu einer quantitativ exakten Untersuchung nicht ausreichte. Man kann es aber als erwiesen betrachten, daß das Gas diese so phan- tastisch geschilderten Eigenschaften nicht besessen haben konnte. Die Mörder auf ihr«« Geisteszustand beobachtet Die beiden Studenten werden in den nächsten Tagen auf längere Zeit zur Beobachtung ihres Geisteszustands in die Landesirrenanstalt eingeliefert werden. Man glaubt an pathologische Veränderungen ihrer Gehirnrinde. Heute Urteil über die Präsidenteumörder Nachdem die klinische Untersuchung die beiden Attentäter als normal erscheinen ließ und die Verhandlung auch sonst Unsere Töchter, die Seinen Roman von HcrmyniaZur Mühlen. zz Meine liebe Lieselotte bekam eine Aussteuer, wie es sich für eine künftige Aristokratin schlckt. Selbstverständlich müssen wir, was die Einfachheit des Lebens anbelangt, mit gutem Beispiel vorangehen, aber eine junge Frau hat dennoch das Recht auf schöne Wäsche und Kleider. Und daß wir jetzt ein Auto beytzen, sind wir Arthurs Stellung schuldig. Ver- tritt er doch einen Teil des neuen Deutschland,' da darf er sich nicht lumpen lassen. Das neue Deutschland. Ich kann die Worte immer nur mit tiefster Ergriffenheit aussprechen. Nun erst weiß ich, was mich all die Jahre hindurch bedrückt und geschmerzt hat: Teutschlands Schmach, Deutschlands Erniedrigung. Aber jetzt ist diese Last von uns abgefallen, der innere Feind ist vernichtet, wir sind ein einig Volk von Brüdern, die Novemberverbrecher iverden zur Rechenschaft gezogen. Was sich unter unsere Fahnen schart, ist das ivahre Deutschland. Wir haben den verruchten Klassenkampf aus der Welt ge- schafft. Am 1. Mai wird ein herrliches Fest alle vereinigen, und an Stelle der roten Fahnen, die ich immer so sehr ge- haßt habe, wird über unserer Stadt die Hakenkreuzfahne wehen, dieses deutscheste aller Symbole. Wir»Verden auch die Arbeiter, die zu uns stoßen, als vollwertige Menschen behandeln: freilich nur dann, wenn sie erkennen, ivohin sie gehören. Es kommen ja manchmal unter der SA. Ungebührlichkeiten vor. Als die jungen Burschen neulich Kommunisten jagten, achteten sie gar nicht darauf, daß auch ich mich auf der Straße befand. Und wenn ich nicht schleunigst in ein Haustor geflohen»väre, hätte ich etivas mit dem Gummiknüppel abgekriegt. Ich muß gestehen, daß ich es damals mit der Angst bekam. Es sah aber auch wirk- lich bedrohlich aus. Etiva zivanzig Burschen jagten mit erhobenem Knüppel dem Kommunisten nach, der, feig»vie alle Marxisten,»vie ein Hase davonrannte. Der ganze Platz vor dem See war erfüllt von laufenden, schreienden Menschen. Sobald ich mich jedoch in Sicherheit gebracht hatte, sah alles anders aus. Mein Gott, man muß eben Verständ- nis für die kochende Volksseele aufbringen. Und eigentlich war es ein drolliger Anblick. Der Kominunist entkam leider: aber das war nur die Schuld dieser verrückten Claudia, die sich laut schreiend den wackeren Burschen entgegenstellte und etwas von der Würde der Bewegung brüllte. Einen Augen- blick machte sie die Hungens stutzig. w»d hteser NugeMick genügte, um dem Marxisten einen Vorsprung zu geben. Claudias Geliebter kommandierte die SA.-Leute: er lachte laut über die Aufregung der alten Jungfer und schob sie dann, sanit aber energisch beiseite, so daß sie gegen eine Hausmauer taumelte. Ich machte mir nachher Gedanken über den Vorfall. Wie kam Claudia dazu, der Gerechtigkeit in den Arm zu fallen? War es möglich, daß diese manns- tolle Person auch mit dem Kommunisten etwas hatte? Die Calderns sind katholisch, und man kennt ja die Unmoral dieser jesuitisch verseuchten Menschen. So hat zum Beispiel in einer Nachbarstadt ein Pfarrer gewagt, von der Kanzel unseren herrlichen Führer zu beschimpfen. Ein alter Mann, der es wirklich besser wissen müßte. Aber natürlich, diese internationalen Gesellen, die sich von einem Fremden vor- schreiben lassen,»vie sie tun sollen, die in Sünde mit ihrer Wirtschafterin leben, die fast ebenso undeutsch sind wie die Juden... Der Alte sitzt heute im Konzentrationslager, und es geschieht ihm ganz recht. Weshalb folgt er nicht dem Beispiel des braven Herrn von Pape«, der sich in allem unserem Führer unterwirft? Freilich ist der Alte ein Bauernsohn, der nichts von Kultur und Verfeinerung ver- steht, ein Bayer, die ja immer so gemein sind, und Herr von Papen gehört einem altadeligen Geschlecht an und hat sich schon während des Weltkrieges in Amerika durch seine Klugheit ausgezeichnet. Er begreift, als Deutscher und Edel- man»», baß man nicht der Hure Babylon dienen darf. Wenn- gleich es ihm schiver fallen muß, hat er doch nicht Luthers leuchtendes Vorbild vor sich. Wenn ich bedenke, wie unser Luther mit den aufrührerischen Bauern fertig wurde, mit den Menschen, die das heilige Evangelium fälschen und sich zu Herren machen wollten. Ich danke Gott alle Tage meines Lebens, daß ich im evangelischen Glauben aufgewachsen bin. Dieser verderbte junge Leutnant von den Kaiserjägern, der meiner Tugend als beutscher Frau und Mutter Fallen stellen ivollte, was ihm selbstverständlich nicht gelungen ist, war ja auch ein Katholik. Es ist eigentlich schrecklich, wenn man überlegt,»velchen Gefahren eine reine Frau von feiten der Juden und der Katholiken ausgesetzt ist. Aber Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun:«nd was schaut schon bei so etwas heraus, außer Unannehmlichkeiten und Gefahren? Ich bin ja so froh, daß meine liebe Lieselotte in allen Ehren den Brautschleier wirb tragen dürfen, wie es ihre Mutter vor ihr getan hat. Die Hochzeit soll mit allem Prunk gefeiert werden. Ich habe auch die Frau Major dazu ein- geladen: wenn ich bedenke, wie großartig sie immer mir gegenüber getan hat, so wunhere ich mich fast über mein« keine neuen Gesichtspunkte ergab, dürfte das Todesurteil für die Mörder heute mit Sicherheit zu erwarten sein. DaS Verfahren gegen die Geliebte des Chemiestudenten wird ei»' gestellt. Begnadigung zur Zwangsarbeit Der König hat nun die beiden Mörder zu lebenslängliche? Zwangsarbeit begnadigt. Sie»verden in die Strafkolonie verschickt. In dem Gnadenerlaß wird auch das korrekte Ver- halten der Studentin besonders anerkannt. Aufseheuerregeude Promotion Marion Alcas, deren Namen durch ihr tapferes Verhalte» im Mordprozeß Montezza vor einigen Jahren in aller Munde»var, konnte als Studentin der Chemie die beste Doktorarbeit des Jahres einliefern. Ihre Arbeit über&' e Entwicklung der Gase als Augriffswaffen zeigt überraschende neu« Gesichtspunkte und eine erstaunliche Sachkenntnis. Der Kriegsminister hat sich die Arbeit bereits vorlegen lassen. Neue Entdeckuug in der Kriegschemie Eine noch junge Assistentin der staatlichen Laboratorie» soll ein Giftgas mit besonders gefährlichen Eigenschaften ent- deckt haben. Das Amorphan, wie dieses Gas genannt wurde, nimmt bei stärkerer Konzentration den organischen Geweben ihre natürliche Elastizität und läßt sie zu formlosen Klumpe» zusammensacken. Das eigenartig grauenhafte an dieser Eigenschaft des GastS ist, daß diese neuen Gebilde weiter lebendig bleiben und dann nur durch ihre Hilflosigkeit zu Grunde gehen. Auch schon bei geringer Gasdichte soll der verändernde Einfluß von Amorphan aus die lezinhaltigen Gewebe, wie Gehirn und Rückenmark, katastrophal sein. Wie versichert wird, sinken die Bergasten in den Geisteszustand von New geborenen zurück, sie verkinden. Bcrbrecher«»erden unschädlich Wie mitgeteilt wird, soll das Amorphan, neben seiner gentlichen Verwendung als Kriegswafse, auch dazu benutzt werden, den zur Zivangsarbeit deportierten Verbrechern ihf* besondere Gefährlichkeit zu nehmen. Unter anderem find die Mörder des Präsidenten Montezza für daS Verfahren'» Aussicht genommen. Kurt Doberer. Feuerwehrmanns-Ssttin als Brandstifterin Um ihren Man« zu bef» Herzen, da er dies erklärte. Und ich empfand tiefes Mitlei» mit der armen Frau, die aus finanziellen Gründen zu de< Ehe mit dem Fremdstämmigen gezivungen, ben Mut besesse» hatte, das adelige Blut der Familie durch einen Ehebruch retten. Ich fühlte auch Beivundcrung für ihren Heldenmut' denn eigentlich ist Ehebruch eine schivere Sünde. In diese»' Fall jedoch»var es eine Tat, die nur Lob und Anerkennung verdient. Eberhard war dermaßen über unsere Nachsicht(£' rührt, daß er alles daran setzte, um Arthurs Wirkungskreis zu vergrößern,»vas ihm auch gelungen ist. Und ich darf n»i® ohne Nebengedanken auf die Kinderchen freuen, die mei»^ Lieselotte ihrem lieben Mann schenken wird. Freilich hauptet sie jetzt noch, wie das so viele junge Mädchen Schamhaftigkeit tun, daß sie keine Kinder haben wolle, o^ ct ihr Bater hat schon erklärt, das ginge nicht an: die beutsä»r Frau müsse vor allem Mutter sein, und jetzt gebe es kei»r milden Urteile mehr für jene pflichtvergessenen Weiber, sich dieser heiligen Pflicht entziehen wollen. UortstMa Oesterreich 1 25. Jui Die Chronik des blusigen Tages Als Soldaten und Polizisten... Das Sfandredtf Die Darstellung der Minister Fey und Schuschnigg Wien, 25. Juli. Um 10 abends hielten der Minister Fey und der Minister Schuschnigg durch das Radio Ansprachen an die öfter- rcichischx Bevölkerung. Minister Key. der im Bundeskanzler- nmt mit eingeschlossen gewesen war, liest'in seiner Dar- stellung noch deutlich die Erregung und Berwirrung crtcn- ucn, die er an diesem Rachmittage durchlebt hatte. Schuschnigg hatte sich den Tag über in Freiheit besunden. 'ins den Redenderbeiden Minister ist folgende Dar- stcllnng der Borgänge dieses Nachmittags zu entnehmen: Gegen 1 Uhr fuhren vor dem Scndehaus in der Johannis- ftraste'n Wien Autos mit uniformierten Bewaffneten vor. Tie stürmten in den Senderaum und zwangen den Sprecher mit vorgehaltenem Revolver, die Meldung durchzugehen, baß die Regierung Dollsust zurückgetreten sei. Der öfter- teichische Gesandte in Rom, Dr. Rintclen, sei vom Bundes- Präsidenten mit der Reubildung der Regierung beauftragt worden. Diese Meldung war ein ausgelegter Schwindel. Der Bundespräsident befindet sich aus Urlaub fern von Wien «nd wustte von diesen Vorgängen nichts. Bald daraus drangen 144 Bewaffnete in Uniform des Bun- dcshecres und der Polizei unter Befehl eines Mannes in Majorsuniform in das Bundeskanzleramt am Ballhaus- . tst ein. Das war dadurch möglich, dast die Eindringlinge sich in Hecresunisorm befanden und deswegen ohne weiteres Ein- last erhielten. Sie setzten die im Haus befindlichen Minister, darunter deu Bundeskanzler Dollsust und Fey fest. Der Bundeskanzler wurde von Bewaffnet«,, in ein besonderes Zimmer gebracht. Räch einer Seit wurde Fey gesagt, der Bundeskanzler wolle ihn sprechen. Fey fand den Bundes- kanzler auf einem Diwan liegend schwer verletzt. Der Bun- deskanzler bat den Minister Fey, für seine Familie zu sor- gen, falls ihm etwas Menschliches zustostcn sollte. Inzwischen hatte Minister Schuschnigg de» Bundespräsidenten über den Ausstandsversnch telefonisch informiert und telefonisch vom Bundespräsidenten, der zugleich Befehlshaber des Heeres ist, alle notwendigen Bollmachten erhalten. Es wurden Truppen, Polizei, Heimwehrcn, Sturmscharen, Turner mobilisiert und leisteten, wie der Minister Schu- schnigg sagte, der Aufforderung sofort Folge. Die Regie- rung sei in diesen Minuten Herr der Lage gewesen. Um im Bundeskanzleramt die Minister und die cingc- schlössen«» Beamten nicht der Gefahr auszusetzen, ermordet zu werden, wurde den Meuterern der freie Abzug angeboten, wenn sich unter den im Bundeskanzleramt Gefangenen keine Todesopfer befänden. Die Meuterer, deren Anführer in ^ Majorsuniform ein früherer Gefreiter des Bundeöhcercs s^lvar, nahmen, das Angebot an und verlangten, an die. deut- V.Ufte Grenze gebracht zu werden. Inzwischen erhielt die Regierung die Nachricht, dast der Bundeskanzler von den Mcu- terern ermordet worden ist. Die Meuterer haben sich an den deutschen Gesandten in Wien mit der Bitte um die Bermittlung gewendet. Als aber der deutsche Gesandte sich auf dem Ballhausplatz einfand, um mit der Regierung zu verhandeln, war der Bundeskanzler schon tot. Minister Schuschnigg rief die Welt zum Zeugen dafür aus, dast die österreichische Regierung alles getan habe, um das furchtbare Verbrechen dieses Tages zu verhindern. Er rief serner das österreichische Boll aus, dem Bcrmächtnis Dollsust' und Deutsch-Oesterreich die Treue zu halten. Nach einer weiteren Meldung ist in Oesterreich das Stand- recht verhängt worden. So stellt der Deutsche Nachrichtendienst die österreichischen Vorgänge dar: loa im veisein der Mörder Wie Dollfuß starb Ueber die letzten Stunden des Bundeskanzlers Dollsust gab der österreichische Propagandaministcr Adam in später Nachtstunde am Rundkunk folgende Schilderung: Auf dem Wege z» den Räumen des Präsidenten liegt ein Äongrcstsaal. Dieser hat auch einen unmittelbaren Ausgang auf den Korridor. Als der Kanzler den Saal erreicht hatte, drang eine Gruppe von 10 bis 12 Mann ein. Der entmenschte Anführer stürzte mit erhobener Pistole aus den Kanzler zu und gab zwei Schüsse auf ihn ab. Der eine traf ihn in den Hals, der andere unter die Schulter. Der Kanzler hob beide Hände vor das Gesicht, drehte sich um und siel. Er rief noch zweimal Hilfe, Hilfe! Dann verstu..mte er. Die Putschisten stellen einen Diwan an die Wand. Der sterbend« Kanzler > blieb mit seinen Mördern allein. Staatskommissar Fey wurde durch einen Puthyssten zum Kanzler geführt. Dieser lag'us dem Diwan, hatte über den Kopf ein Tuch gebreitet und am Hals einen Notverband, der durchblutet war. Mit 'Mwachcr, jedoch fester Stimme bat Dr. Dollsust Fey, er möge sich seiner Frau und seiner Kinder annehmen. Recht dringend bat er, es möge seinetwegen kein Blut vergossen werden. Eine weitere Aussprache zwischen dem Kanzler und dem Minister duldeten die Terroristen nicht. Wir wissen nicht, um welche Stunde der Kanzler seine Seele ausgehaucht hat. Aber wir wissen, dast ihm die ärztliche Hilfe versagt wurde und ebenso der priesterliche Beistand. Wie einer der Putschisten erzählte, soll der Kanzler nach einem Priester verlangt haben. Geholt wurde keiner. So ist Bundeskanzler Dollsust einsam gestorben. Seinen letzten Seufzer hörten seine Peiniger. Die Ereignisse des heutigen Tages kann man nicht als Revolte größeren Stils bezeichnen. Wohl war es eine sehr wohlüberlegte und planmästige Aktion von Verbrechern. Sie hatten es vor allem aus zwei Objekte abgesehen: auf den Ravag-Sender und das Bundeskanzleramt. Die ganze Re- volle hätte keine zwei Stunden gedauert, wenn nicht aus so- viele Menschenleben hätte Rücksicht genommen werden müsse». Im Einvernehmen mit der Regierung hat der Polizei- Präsident um 22 Uhr abends das Standrecht für die Gebiete der Bundeshauptstadt Wien erklärt. Ab morgen, 2V. Juli, sind von 20 Uhr ab alle Haustorc zu schliesten, ebenso müssen um diese Zeit alle Gaststätten ge- räumt und geschlossen sein. Wer irgendwie in Verbindung mit Aufrührern oder aufruft->chen Bewegungen getroffen ivird, hat die schwersten Strafen des Standgerichts zu er- warten. Alle Ansammlungen und Zusammenrottungen sind verböte... Anhlage gegen die To'en Dollfuß'„unbegreiflicher Langmut" Die„Basler Rationalzeitung" schreibt: „Welchen Umfang die Wiener Unruhen haben und welchen sie noch annehme» werde», weist man im Augenblick nicht. Aber eines wissen wir: Viele Monate gehen nun diese Terrorakte vor sich. Die Beweise, dast sie von natio- nalsozialistischer Seite a n g c z e t t c l t, o r g a u i- sicrt und durchgeführt werden, sind erdrückend und sogar durch die Rorschacher Schmuggelastäre im neu- traten Ausland erbracht. In ungezählten Fällen waren die Täter Nationalsozialisten. Unter den in diesen Tagen ver- hasteten Terroristen ist ein ehemaliger sozialistischer Tchutzbündler. und ihn hat als ersten die T o d e s st r a i e g e t r o k I e n. Kein Wort ist über die Rot- iveudigkcit dieser scharfen Gesetze zu verlieren: denn anders konnte sich die österreichische Regierung njchi mehr Helsen. Aber wie lange wird sie sich überhaupt noch Helten können? Sie hat in de» verhängnisvollen Februartagen Vieles Jahres 'ein innenpolitisches, von Otiiziere» ansqedachtes Ariegsfpiel inszeniert, indem sie den Austro-Marxiswus zum Kampf« herausfordert«, um ihn niederzuschlagen und beide Hände freizubekommen gegen den Rationaliozialismus. Dr. Toll- just hat damit die beiden feindlichen Flügell den marxistischen und den nationalsozialistischen, zusammengebracht und die Ovvosition gegen sich verstärkt. Aus diesem dunklen Weqe ging die österreichische Regierung in ü n b e g r c i fi ch e r K u r z s i ch t i g k e i t einen w c i- tercn Schritt. Sie brachte dem Henker als erstes Opfer ihrer gegen den nationalsozialistischen Terror gerichteten Gesetze einen Sozialisten. Zwar lieht die Justiz, die mit einer Binde vor den Augen dargestellt wird, den Täter nicht. Hier aber scheint sie aus dem linken Aua« zu schielen, denn sonst hätte sie sobald sie zugriss, nicht ausgerechnet zuerst einen Sozialisten gepackt, nachdem sie die anderen in u n b c g r e i s- l i ch c r Langmut laufen liest." Jose! Gerl Allgemeine Empörung— weit über Oesterreich hinaus Wien, 26. Juli. TJnprest 1 Die Hinrichtung des jungen Sozialisten Joses Gerl hat in Oesterreich eine» n g e h ni r e Erregung hervorgerufen. Allgemein ist die Aufsafiunq. dast die Hitlcrfuriftrn in Oesterreich würdige Schüler ge- fünfte« haben. Tie beiden Augeklagten Gerl und Anzbock, die beide zum Tode verurteilt wurden und von denen Anzbock zu lebenslänglichem Zuchthaus„begnadigt" wurde, erschienen vor Gericht mit sichtbaren Spuren schwerster M i st h a n d l u n g c n; Gesicht und Hände waren mit blauen Flecken übersät: Anzbock trug einen Kovivcrband und er- klärte dast sie beide solange geschlagen worden seien bis sie das Bewusttsein verloren. Die Polizisten hätten»ersucht, ihnen Geständnisse zu erpressen. Als Gerl. der nur mit Muhe die verauollcnen Augen«tff*en konnte. ,igte:„Wer unter der gegenwärtige» Regierung versucht, polimche,«ragen i' tcn zu diskutieren, wirb mit Gummiknlivpeln geschlagen, erwiderte der Richter:„D a s ist gut s o. M> t 2 0 I a h re n ha b e n Sie sich nicht in die Politik e,nz» mischen. Gerl wurde bereits vor einige» Monaten zn einer Ge- sängnisstrase verurteilt, wril er eine lailiche Auseinander- setzung mit einem Rationalgeyalit hatte. „Besorgniserregend" Eindruck der österreichischen Ereignisse in England x DNB. London, 20. Juli. Tie aufregestern Ereignisse in Oesterreich und der jähe Tod des VuudesX'?^^^s-i. outntt haben die englische Ocfscntlichkeil auss fjücljy. tc erregt. bildeten Mittwoch nachmittag und abends d?K aus'chlien- lichcn Gesprächsstoff aller an politischen und jnisrualionalen Borgängen interessierten Perionen. Tie meisten heutigen Morgenblätter widmen den Wiener Meldungen mssbr als eine volle Seite ihrer Ausgabe, d. h. über sieben TruckipFlien. In parlamentarische» Kreise» ivird erklär», die Arfts».er- opposition«m Unterhaus werfte sich bestimmt der tür Dien».- tag vorgesehenen Vertagung des Parlamentes m>derjetze>si, falls die Lage besorgniserregend bleibe. Bei Beginn der Sitzung werden am Donnerstag die Minister gelegentlich der kleinen Antragen um Auskunft über die österreichische Lage ersucht werden. „G i o r n a l e d' I t a l i a" schreibt, dast über Deutschlands Berontwortlichkeil für die Terrorhau!»lu»«eu gar kein Zweifel bestehen könne. Gewisse politische Kreise wollen tu dieser Bemerkung des offiziösen Blattes die A» k L n d t- gu»g eines amtlichen italienischen Schrittes in Berti» sehen. Doch scheint es nicht, als ob ein solcher Schritt im Augenblick schon geplant sei. Er wäre auch für Italien allein sehr schwierig, da Italien seinerzeit ge- m«infam m>i Frankreich und England die Erklärung über die Unabhängigkeit Oesterreichs der Berliner Regierung zu- geleitet ha« nnd nun nicht ruht, ohne feine Partner eine eigene Attion unternehmen zu lassen. Der„Figaro" nimmt zu den Vorgängen in Oesterreich in besonders entschiedener Weile Stellung und stellt die Verantwortlichkeit Deutschlands»est.„Iour- nal" fordert eine sofortige Intervention zur Rettung der Unabhängigkeit Oesterreichs. Das Vlatt fordert Italien unverblümt auf. tu I n u s b r u ck e t u z u in a r- ich ix reu. ,,Petit Parisieu" ist in einem Gegensatz dazu der Meinung, dast zunächst noch keine Intervention in Frage fomme» könne. Der Völkerbund müsse die Entwicklung ausmerklaM beobachte» und Im gegebenen Augenblick aller- diiigs entschieden handeln. ScM im MZm mlia? Aus drei von einander unabhängigen Ottessen gehen uns Nachrichten über eine geplante Aktion der deutschr» Gestapo zu, die. wen» sie zutresscn, aus die ganze Welt alarmierend wirken müssen. Um be'- der?A. die Erinnerung an ftrn 31). Juni in den Hinlergrnnd treten zu lassen, ist ein neuer grosser Schlag gegen die gesamte Linke beabsichtigt. Dabei wird kein U»ter- sch'ed zwischen illegal Tätige» und andern gemacht. Es sollen zahlreiche Persönlichkeiten, die seil langem beobachtet werden, verhastei werden. In Betracht kommen vor allem solch« Per- sonen, die ans ihrer ehemaligen Zugehörigkeit zu sozial- demokratischen, lommnnistischen oder pazifistischen Organisa- tionen bekannt sind. Doch scheint auch an Angehörige des ehe- massigen bürgerlich-demokratischen Lagers gedacht zu werden. Für das Schicksal dieser neuen Opfer mnss man eftrnlo wie für zahlreiche Insassen der Konzentrationslager leider das Schlimmste befürchten. Es ist offenbar eine„Bartholomäus- „acht"— das Wort kommt in allen drei uns zugegangenen Meldungen vor— geplant, die mindestens ein Gegenstück zu den Morden des 31). Juni bilden, sie in den Ausmassen aber wahrscheinlich noch übertreffen würde. Zur Begründung soll durch sogenannte„Dokumente" der Nachweis erbrocht werden, dass die Berhasteten im Zu- sammenhang mit dem sogenannten„Komplott" des 3». Juni gestanden hätte«, dessen„bolschewistischer" Eharatter dadurch glaubhas, gemach, werden soll. Die Ermordung Klauseners Authentischer Bericht des„Osservatore Romano" Rom, 25. Juli. Der„Osservatore Romano" veröffentlicht folgende authentische Angaben über den Tod de» Präsidenten der Katholischen Aktion in Berlin, Dr. Klausener. Ein Be amter der Geheimen Staatspolizei und ein höherer SS.- Mann sprachen in Begleitung zweier mit Gewehren be wafftzeter Polizisten im Vertehrsmintstertum vor nnd ver- langten Dr. Klausener zu sprechen. Tie beiden Polizisten »ahmen vor der Tür seines Büros Aufstellung, während der Geheimpolizist und der SS.»Mann eintraten. Kurz dar- auf siel ein Pistolenschuß. Die beiden national- sozialistischen Funktionäre verließen alsdann den Raum und befahlen den Polizisten, niemand hereinzulassen. Einigen Beamten erklärten sie, Klausener hätte Selbstmord verübt, .um sich seiner Verhaftung zu entziehen. Als sie ersucht wur- den. sich zum Minister zu begeben, erklärten sie:„Wir haben keine Zeit." Der Zugang zum Büro Klauscners wurde jedem verwehrt, so dass weder die Witwe,»och der Sohn, noch die Freunde und Kollegen Klauseners die Leiche sahen. Frau Klaujener bejsauLtet entschieden, daß ihr Mas» leis» Waffe besaß und sich in den letzten Tagen auch keine angeschafft habe. Fünf Stunden nach dem Tode Klauseners erschienen im Berkehrsministcrium Leute, die den Auftrag hatten, die Leiche wegzuschaffen. Klausener lag am Boden, das Gesicht nach unten. Sein Hut lag zwischen den Beinen und neben ihm befand sich eine Pistole. Die Leiche wurde in einem Pvlizeiautv nach dem polizeiivissenschaitlichen Institut gebracht und sodann kreniiert. Bermntl'ch glaubt man, dass I die Person, welche die Leiche, den Hut»nd die Pistole gesehen hatte, auch die tödliche Wunde bemerkt habe, und deshalb wollte man durch die Verbrennung der Leiche jede Spur der Mordtat auslöschen. Klausener war durch eine n Schuß in den Nacken getötet ivorden. Was alles möglich isl Der Führerfimmel im„dritten Reich" Die Führung des Gebietes 10, Sachsen, der Hitler-Jugend hat über die Begrüßung von Hitlerjugend- und Deutsches- Jungvolk-Führer» eine Anordnung erlassen, in der es». a. heißt:„Wenn der Gebietsführer Veranstaltungen der Hitler- Jugend oder des Deutschen Jungvolkes besucht, so wird er oft eigenartig begrüßt, zum Teil noch mit schwülstigen * Ansprache» a la K r i e g e r v e r e i n 1913, zum Teil mit K a n z e l r c d e n usw. Es gilt daher von jetzt ab folgendes: HJ.- und DJ.-Führer, anßer dein Reichsjugendführer. wer« den nie mit einem dreifache« Steg-Heil! begrüßt. Eriche nt z» Veranstaltungen der HJ. oder des DI. ein hö- herer HI-Führer, so wird diesem vrdaungsgeinäss gemeldet, und er wird dann die Mannschaft mit„Heil Kameraden" be- grüßen und die Mannschaft mit„Heil Hitler" anivortcn. Sind bei einer Veranstaltung der HI. oder des DI. in einem Ta.il oder Vercinszimmer alte Parteigenossen, Eltern irkw.>n- mesend, und es erscheint ein höherer HJ.- oder DI.-Führer, dann geht es einfach nicht an. daß der dortiqe HI.» oder DI- Führer in den Saal hinein„Achtung" brüllt, so daß sämtliche Anwesende, unter denen sich womöglich noch Veteranen von 1870 befinden, wie elektrisiert von ihren Plätzen hochfahren. Bei diesen Veranstaltungen stehen lediglich die ansgestessteil HJ.- oder DJ.-Formatioiicn still und der diensthabende Fuss- rer erstattet am Eingana des Saales Meldung. Im Znsam- menhang mit Begriistungsformcn und Meldungen muß noch erwähnt werden, daß es an Größenwahn grenzt, wenn ein Schar- oder Jnngzugftther oder auch ein Gefolgfchafts- oder Fähnleinführer nach einem kleinen Sonntaasdsi'nst kein Grüvvlein an sich vorbeiziehen läßt und als„großer Führer" den Borbeimarsch abnimmt." Mi liir die..MW AA!l"! Die Rechte retirlert Yardseus Mißerfolg und faschistischer Riichschlag A. Sdi 2113 Tardieu vor Sern Untersuchungsausschuß der Hammer seine Nede gegen Chautemps hielt, hat er dadurch zweifellos eine politische Aktion großen Stils geplant. Die Radikale Partei sollte durch diesen Angriff getroffen werden, die Regierung der„Nationalen Einheit" sollte einer aus- gesprochenen Rechtsregierung den Platz räumen. Der Schuß ist nach hinten gegangen. Tardiens Porstoß, der einen groß- angelegten Angriff der Rechten einleiten wollte, hat Plötz- lich enthüllt, daß die französische Rechte in einer Per- teidigungsstellnng kämpft. Innerhalb der Regierung blieb Tardieu beinahe isoliert, die große bürgerliche Presse wandte sich von ihm ab. Als infolge seines Porstoßes die Staats- popiere in Erwartung einer Regierungskrise sielen, machten die Rechtskreise ein vergrämtes Gesicht und versagten ihm die Unterstützung. Die Stellung der Radikalen in der Re- eierung ist nach dem Husarenritt Tardiens gestärkt worden. Tardiens Rückzug bedeutet mehr als sein persönliches Pech. Er signalisiert, daß die große Offensive der Rechten, in deren Zeichen Frankreich Anfang 1934 stand, die das Land beinahe überflutete, am Ende ist. Sowohl die reaktionäre Rechte als auch der Faschismus haben das Tempo verloren. Die Hoch- saison ist für beide vorbei. Wenn Tardicus eigene Gesolg- schaft ihm den Rückzug empfiehlt, so bedeutet das, daß die französische Rechte Angst vor den gewaltigen Unkosten einer echten Gegenrevolution gekriegt hat. In einem gewissen Sinne kann mau wohl sagen, daß die Faschisierung der bürgerlichen Rechten zum Teil aufgehört hat. Das Spiel Tardiens und mit ihm sämtlicher politischen Scharsmacher der Rechten ist wohl durch Hitler gründlich verdorben worden. Der 30. Juni hat das französische Bürgertum mit Ekel, aber auch mit Unruhe um die eigene politische Zukunft erfüllt. Her Faschismus hört auf, eine Modeware zu sein, selbst dort, wo er noch vor kurzem gepriesen wurde. Der taten- tiertcste und temperamentvollste Publizist der französischen Rechten, de Kerillis vom„Echo de Paris", hat nach dem All. Juni plötzlich entdeckt, daß die Demokratie die alleinige menschenwürdige Form der Regierung ist. Hitler hat in Frankreich den Faschismus unpopuläre gemacht. Gewiß würbe der 80. Juni sich für die französische Innenpolitik nicht so stark auswirken können, wenn er mit der Grundtendenz der innenpolitischen Entwicklung Frankreichs in der letzten Zeit nicht zusammenfallen würde: nämlich damit, daß die Offen- sive der Rechten sich totgelaufen hat. Seit einigen Monaten wird von der Rechten die Auflösung der Kammer nicht mehr verlangt. Gleichzeitig verstummt die Forderung der Rechten nach der Versassnngsrevision, man spricht nur sehr vorsichtig von einer produktiven Staatsresorm. Nach der Rede Dar- dieus schrieb der„Matin", das Blatt des Pariser reaktiv- nären Kleinbürgertums:„Zunächst Wirtschaft, erst dann ... Und Deutschland lacht dazu Mit einer Träne im Auge Paris. 25. Juli. Der Züricher Korrespondent des„PariS-Soir" erzählt, wie das von Göring ausgesprochene Verbot, Hitlers Blut- taten vom 30. Juli zu kritisieren, in Deutschland wirke.„Die große Schnauze", die bei den Deutschen sonst keine Selten- heit gewesen sei, sei jetzt geschlossen. Man dürfe sie nur noch aufmachen, um den neuen Cäsar mit den Worten zu be- grüßen:„Heil Hitler!" Aber der Deutsche wolle doch nun einmal etwas zu meckern haben, und da helfe man sich mit dem Witz. Der sei die letzte Hilfe der Opposition. Und nun zählt das Blatt einige dieser Witze auf: Hitler, Göring, Goebbels beraten mit einander, was sie tun sollten, itt'nt eine Gegenrevolution das Regime stürze. „Das ist doch ganz einfach," sagt Göring,„ich würde schleu- nigst davonfliegen..."„Ich werde noch besser daran sein," bemerkt Goebbels,„man wird mich in Ruhe lassen. Ich sehe ja so jüdisch aus."„Und ich," meint Hitler,„ich bin noch ruhiger: Ich bin ja Ausländer!" Nach seinem Tode kommt Hitler natürlich ins Paradies. Aber wie auf Erden, so will er auch im Himmel alles resor- mieren. Petrus ist damit einverstanden und beauftragt ihn, eine neue Verfassung für den Himmel zu schassen. Der Fllh- rer erledigt im Handumdrehen diese Ausgabe. Petrus macht nur einen einzigen Einwand gegen die neue Verfassung: Es wird doch selbst für den alten deutschen Gott nicht leicht sein, den Vizekanzlerposren anzunehmen, den bisher Herr von Pape» innegehabt hat. Die„Deutsche Freiheit" Einzig« unabhängige Tageszeitung Deutschlands mulj man regelmäßig lesen Bestellschein Ich ersuche um regelmäßige Zusendung der„Deutschen Freiheit" Namei—- Straß«!... Orti....... ., den Unterschrift Verlag der„Deutschen Freiheit" Saarbrüchen?» Schützenstraß« 5« Pesf»chli«ßl«sek- tion Frankreich, eine Gedächtnisfeier für den ermordeten C r i ch M ü h s a rn, die zu einer großen und starken Anklage gegen das Mörderregime des„dritten Reiches" wurde. Es sprachen Anna Seghers, Egon Erwin Kisch sowie zwei persönliche Freunde des Toten: Souchy und An- s e l m R ü st. Der Porsitzende des SDS., Rudolf Leonhard, verlas zunächst eine Reihe von Aeußerungen deutscher und aus- ländischer Schriftsteller, die gegen den barbarischen Mord an Mühsam, der eine monatelange unsägliche Quälerei abschloß, protestierten. Ernst Toller schrieb:„Einen unserer tapfersten Kameraden haben sie getötet, Erich Mühsam. Sie haben ihn gequält und gefoltert, er konnte kaum mehr sehen, er war taub, der Haß seiner Henker kannte kein Erbarmen. Hier war einer, den nicht Mißhandlung, nicht Todesdrohnng beugte, der ausrecht bis zum letzten Atemzug der Idee diente. Er kannte nur ein Gebot: Solidarität mit allen Unterdrückten." Zu der Behauptung des Herrn Goebbels, daß Mühsam Selbstmord verübt habe, erklärt Toller:„Das ist eine Lüge! Der NamedesMördersi st bekannt. Herr Hitler wird ihn nicht zur Rechenschaft ziehen. Das Deutschland von morgen wird es tun." Alfred Kerr schrieb:„Erich Mühsam, ums Leven gebracht durch die schmierigsten Banditen, welche die Ge- schichte kennt, war in diesem Leben ein unerschrockener und gütiger Sohn der Erde: ein seelischer Kriegsmann, der hohe menschliche Ziele verfolgt und verfochten hat, bis zum schweren Schluß. Wir können seiner gedenken— das ist wenig. Aber den Mit-unS-Lebenden, den Nach-uns-Lebenden einhämmern: seiner sund der anderen Toten) durch Hand- lungen zu gedenken. Daß allein ist die Ausgabe." „Mühsam," sagte Henri Barbusse in einem Schrei- ben an den SDS.,„ist— bis heute— das letzte Opfer, der letzte Märtyrer seiner Ueberzeugung. Der Hitlerismus macht die größte Anstrengung, um, koste es, was es wolle, sein faules Regime durch neue Verbrechen ausrecht zu erhalten. Aber er trifft sich selbst, er verliert sich selbst in dem Wahn- sinn seines Blutrauschcs." Weitere Proteste gegen Hitlers Mordsystcm waren von der Deutschen Liga für Menschenrechte. Sektion Paris, dem französischen Schriftsteller Aragon und dem Bund pol- nischcr proletarischer Schriftsteller eingegangen. Souchy teilte mit. daß Mühsam am Abend des 27 Februar bereits eine Fahrkarte nach Prag in seiner Tasche hatte, um am nach- sten Morgen Berlin zu verlassen. In dieser Nacht wurde er verhaftet. Anna Seghers und Egon Erwin Kisch riefen dazu auf, das Vermächtnis des heroischen Lebens Erich Mühsams durch ben Kampf um die Lebenden, um Ostietzky. Renn, Thälmann. Torgler und alle Eingekerkerten— durch den ununterbrochenen Kampf gegen den Faschismus lebendig zu erhalten. Kisch erwähnte in diesem Zusammenhang Stefan Zweig, der es abgelehnt habe, seine Stimme für die Be- freiung Thälmanns zu erheben. Als er weiter davon sprach, daß nach den Berichten von Frau Mühsam die unmenschlichen Folterungen des jetzt Ermordeten durch beauftragte rnffttefie Weißgardisten verübt worden sind, wurde eine Störung der Kundgebung versucht von Elementen, die der russischen Enn- gration angehören. Pas Neueste Nach einer Times-Meldung aus Tokio hat Außenminister Hiroxta dem Towjetbotschaster in der Frage der Uebernahme der chinesischen Ostbahn durch den Staat Mandschukuo e«n endgültiges entgegenkommendes Angebot gemacht. Es w>ro mit einer baldigen günstigen Antwort aus Moskau ge- rechnet. Falls die Somjctregierung eine ablehnende Haltung zeigt, werden die Verhandlungen sofort abgebrochen werden, lieber den vorgeschlagenen»ausprcis ist bisher nichts be- kannt geworden. Wie der Schlichtungsausschuß mitteilt, haben die Hafen- arbciter in San Franziska mit überwältigender Mehr- heit für eine schiedsrichterliche Entscheidung ihres Streites mit den Arbeitgebern gestimmt. Nach einer Mitteilung der estländischen Telegraphen- agentur ist bei den am Mittwoch abgeschlossenen Besprechungen zwischen dem polnischen Außenminister Beck und dem estländischen Außenminister Scljamao völlige Uebcrein- stimmung erztelt worden. Der bekannte Zeitungsherausgcber und Parfümsabrikaut Coty ist am Mittwochabend gestorben. Die Gesamtzahl der Hitzewelle in den Vereinigten Staaten beträgt jetzt 1012. In Missouri allein starben 231 Personen, in Illinois 251 und in Ohio III Personen. BBIEFKflSTEM An mehrere in Saarbrücken. Sie erinnern sich des Treuetelegramms, das der Parteiführer Adolf Hitler im Jahre 1932 an seine Pgs. und lieben Kameraden in Potcmpa geschickt hat, als diese für das Abschlachten eines Kommunisten zum Tode verurteilt wurden, und Sie fragen uns, ob nicht auch der Pg. Baumgärtner sür sein Altentat auf den Polizcikommigar Machts ein ToltdaritälStele- gramm des„Führers" zu erwarten habe. Wir glauben das nicht, da er kein erfolgreicher Mörder ist. Cr hat jämmerlich versagt und ist so stümperhaft hinter den großen Vorbildern des 80. Juni und des 1. Juli zurückgeblieben, daß die„deutsche Front" mit vollem Recht sich seiner schämt und erregt dagegen protestiert, daß ein so schlechter Schilpe sich in ihre Reihen einschleichen konnte. Der„Führer" und deutsche Reichskanzler hätte nie die weltgeschichtlichen Großtaten des 39. Juni und des l. Juli zur Rettung des Vaterlandes und zum Weltruhme des deutschen Volkes verrichten können, wenn er lauter Saorbrückencr VaumgärtncrS zur Verfügung gehabt hätte. Ins- besondere würden dann Volks-, Hoch- und Landesverräter, Meuterer und Umstürzler wie der Reichskanzler a. D. Schleicher und seine Frau, und die Katholikcnsührer Dr. Älausener und Probst noch leben. Für deren Abschießen und das Abknallen von einigen hun- dert anderen Untermenschen ist der Reichskanzler durch den Reichs- wehrminister und den Reichspräsidenten beglückwünscht worden. Also sür treffsichere Schüßel Von Glückwünschen sür einen so miserablen Schützen wie den Pg. Baumgärtner darf schon im Hinblick aus die Erziehung der Hitlcrjugznd zu richtigem Entfernungsschätzen und sichcrem Zielen nicht die Rede sein. Hingegen hören wir, daß „Deutsche Christen" des Saargcbietes„gebunden an Gottes Wort und an die Bekenntnige der Väter" ein Protesttelegramm an den Ockumenischcn Rat in Genf zu richten beabsichtigen. Darin soll gegen die Regierungskommission der Vorwurf erhoben werden, daß ihre ebenso so undeutsche wie unchristliche pazifistische Einstellung die Wchrhaftigkeit der waffenfähigen Männer in der„deutschen Fronst zersetze. Das habe in erschreckendem Maße der beschämende Ausgang des Kugclwechscls in Saarbrücken bewiesen. Obwohl der Pg. und Kamerad Baumgärtner als Vertreter des deutschen WehrgcdankenS mit mehreren Schüssen im Vorsprung war, hat er den Polizeikom- migar Machts verfehlt, während dieser Kriegsdienstverweigerer seinen Gegner gleich mit der ersten Kugel niederstreckte. Der Oekumenische Rat soll in dem erwähnten Telegramm ersucht werden, auf den Völkerbund einzuwirken, dieser möge von der Rcgierungs- kommission den Erlaß einer Verordnung verlangen, die bestimmt: in Zukunft dürfen Antifaschisten erst dann sich gegen die Schüsse eines Mitglieds der„deutschen Front" wehren, wenn sie in iedem einzelnen Falle die schriftliche Erlaubnis des LandcslciterS Ptrro eingeholt haben., Jnngsozialiften. Auch wir glauben, daß Erich Mühsam nicht freiwillig aus dem Leben geschieden ist, sondern von Hitlers Bestien ermordet wurde. Charakteristisch für den ganz und gar antibllrgcrlichen revo- lutionären Dichter sind Verse wie diese: Kein Schlips am Hals, kein Geld im Tack, Wir sind ein schäbiges Lumpenpack, Aus das der Bürger speit. Ter Bürger, blank von Stiebellack, Mit Ordenszacken auf dem Frack, Ter Bürger mit dem Chapeau claque Fromm und voll Redlichkeit. Und ferner: Wenn Gott mich so verstände. Wie ich sein Werk versteh, Er gäb in meine Hände Den Segen sür das Weh. Ich sah auf Feld und Weide Das Glück der Welt gedeih». Für mich wächst kein Getreide, Am Rebenstock kein Wein. Ich möcht die Menschen lehren. Wie man das Leben lebt, Kann selbst mich nicht erwehren Des Leids, das an mir klebt. Für den Gesamtinhalt verantworlllch: Johann Pitz In Dut- weiter: sür Inserate: Ctto Kuhn In Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der VolkSsttmme GmbH, Saarbrücken& Schützenslraße 6,— SHItehsaH 776 Saarbrücken- J