Nr. 176— 2. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, 2. August 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Sie limiaandtunqskcise det deutschen Siktatuc Seite 4 und 5 sinzige unabhängige Tageszeitung Veutschkands Der Tod Hindenburgs Dring! tteidishrise Sdiichsalsstundcn in Nendedf- Das vcrlösdien einer großen nationalen Legende- Zusam- menbrudi einer pairiardialisdien Autorität— Das Dingen um die Deidisspitze beginnt Berlin. den 1. August 1934.(Eig. Bericht.) _ Anmittelbarnach dem 30. Juni konnte die«Deutsche Freiheit in einem Aufsah„Die Hindenburgkrise" auf Zvrund von Berichten aus führenden politischen Kreisen ^.eruns die akute Präsidentschaftskrise mitteilen. Der körperliche Verfall Hindenburgs und seine Erschütte- rung durch die Wucht der politischen Ereignisse, obwohl sie ihm nur sehr unvollkommen mitgeteilt worden sind, wachten einen Präsidentenwechsel durch die Demission ^er durch den baldigen Tod sicher. Eine Reise nach -verlin war nicht mehr möglich. Der König von Siam wußte sich entgegen der Etikette auf das Gut des Reichspräsidenten begeben. Alle Besucher, die in den letzten Wochen den Reichspräsidenten gesprochen oder auch nur gesehen haben, teilten die Meinung, daß dem Staatsoberhaupt nur noch eine ganz kurze Lebensfrist beschieden sei. Zu dem Blasenleiden kam Wassersucht hinzu. Pro- fessor Sauerbruch wurde wieder nach Neudeck berufen. 3» der Nacht zum 3t. Zuli nahmen die Schwächeanfälle so zu, daß jeden Augenblick der Tod eintreten konnte. Die behandelnden Aerzte, die Professoren Sauerbruch und Kauffmann, Dr. Kunitz und Dr. Adam sahen std) gezwungen, am 31. Juli vormittags durch ein erstes Bulletin die Öffentlichkeit zu alarmieren. Am Nachmittag erfolgte ein zweiter Krankheitsbericht, der feststellte, daß«keine Verschlechterung" eingetreten sei. 3n der Nacht zum 1. August verschlimmerte sich aber der Zustand derart, daß die Todesgefahr wieder unmittelbar wurde. Es war nicht mehr möglich, die Blase künstlich zu entleeren. 3m ganzen Reiche, auch im Saargebiet, war schon seit 31. Juli mittags das Gerücht verbreitet, Hindenburg sei tot, und das Ereignis werde aus Gründen der öffent- lichen Ruhe und Sicherheit noch einige Stunden oder Tage verheimlicht, bis Entscheidungen über die Nach- folgefrage getroffen seien. Diese Gerüchte, die das allgemeine Mißtrauen in die fernere Entwicklung kennzeichnen, gingen wohl von Reichswehr, und Schupokreisen aus, die schon seit Tagen an gewissen Vorsichtsmaßnahmen und Vorbereitungen erkannten, daß neue hochpolitische Ereignisse zu erwarten sind. 3n Berlin steigerte sich die Nervosität, als bekannt wurde, daß de? Reichskanzler alle Reichsminister aus dem Urlaub zurückberufen habe. 3n der Wilhelmstraße kam es zu Ansammlungen von Neugierigen, die von der Polizei geduldet wurden. Die politischen Sorgen werden bei einem großen Teile des Volkes überschattet von einem ehrlichen mensch- lichen Gefühl für den Generalseldmarschall des Welt- Krieges und das langjährige Staatsoberhaupt. Hindenburg ist für große unpolitische Massen eine legendäre Persönlichkeit, wie sie etwa«der alte Kaiser" gewesen ist, ein über die Tagesereignisse hinausgehobener uralter Mann, an den die Kritik nicht mehr heranreicht, eine monumentale Figur der Nation. Darum ist auch die Trauer bei sehr vielen Deutschen sehr echt, und in den Gesprächen, die man allenthalben in Gruppen auf der Straße hört, sind es zur Stunde noch rein menschliche Gefühle und nicht politische Erwägungen, die zum Aus- druck kommen. * Neudeck, 1. Aug.(8.30 Ahr vormittags.) Trog ruhiger Nacht nimmt die Schwäche zu. Der Herr Reichs- Präsident ist bei klarem Bewußtsein und fieberfrei. Puls schwächer. Für die behandelnden Aerzte: Tlros^ssor Kauerbruck. Wer wird Nachfolger? Nach einem Reichsgesetz wird der Präsident des Reichsgerichts bis zur Neuwahl mit der vorübergehen- den Ausübung der Reichspräsidentschaft automatisch be- auftragt. Reichsgerichtspräsident ist Herr Sumte, der vorher lange Jahre im Reichsjustizministeriuni als Ministe- rialrat und Ministerialdirektor tätig war. Ein hervor- ragender Jurist, ein sauberer Mensch, von wissenschaftlichem, aber nicht politischem Ehrgeiz, ein Beamter und nicht mehr. Daß er die zahllosen Rechtsbrüche der letzten Jahre wider- ipruchslos hinnahm und im Amte blieb, statt in Pension zu Sehen, löscht ihn als freien juristischen Charakter aus. Bei den gewaltigen inncrpolitischen Fragen, die der Tod Hindenburgs unmittelbar auswerfen wird, ist es noch nicht einmal sicher, ob man die Zwischenlösung Bumke duldet. Bienn ja, wird er nur ein Schatten sein, hinter dem sich das Sroße Ringen um die Rcichsspihe abspielen wird. Irgendein aktives Eingreifen ist ihm nicht zuzutrauen. Man muß bei der Erwägung über kommende Ereignisse in Teutschland ausgehen von den wichtigen Befugnissen, die von der noch immer in Kraft befindlichen Verfassung von Weimar ^em Reichspräsidenten zugewiesen werden. Diese wichtigen Rechte sind durch das sonst sehr weit gehende Ermächtigungs- äesetz an den Reichskanzler vom 23. März 1333 in den ent- scheidenden Positionen nicht angetastet worden. Man kann liier nicht nur von formalen Verfassungsbestimmungen sprechen, denn hinter ihnen steht in diesem Falle der zur stunde gewaltigster Machtsaktor des Reichs, die Reichswehr, °eren Oberbefehlshaber der Reichspräsident ist. Der sterbende Reichspräsident könnte unter bestimmten Einflüssen 5ur Durchführung hochpolitischer Entschlüsse Befehle an seine Generale gegeben haben, die diese, woran niemand zweifeln iiarf, durchführen würden. Die Reichswehr handelt aus Kom- Wando, und sie ist, wenn sie befehlsgemäß austritt, stark. Die wesentlichen Bestimmungen über den Reichspräsidenten in der Reichsversaffung lauten: A Der Reichspräsident wird vom ganzen deutschen Rolle gewählt. Wählbar ist jeder Deutsche, der das sünsund- dreißigste Lebensjahr vollendet hat. Der Reichspräsident leistet bei der Uebernahme seines Amtes vor dem Reichstag folgenden Eid; Der Kampf um die Reichsführung- Das Ringen militärischer und politischer Kräfte und persönlicher Intrigen- Und die Reichswehr? Alle Fragen der Reichskrise sind offen- Die ganze Welt blickt auf Berlin ich meine Kraft dem Wohle des Ich schwöre» daß in, nu-inc>«ra ,r oem?»oyie oes deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, die Verfassung und die Gesetze des Reichs wahren, meine Pflichten gewissen- Haft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. Das Amt des Reichspräsidenten dauert sieben Jahre. Wie- derwahl ist zulässig. Der Reichspräsident Reichstags sein. kann nicht zugleich Mitglied des Der Reichspräsident vertritt das Reich völkerrechtlich. Er schließt im Namen des Reichs Bündnisse und andere Ver- träge mit auswärtigen Mächten. Er beglaubigt und cmp- fängt die Gesandten. Der Reichspräsident ernennt und entläßt die Reichsbeamten und die Offiziere, soweit nicht durch Gesetz etwas anders bestimmt ist. Er kann das Ernennungs- und Entlassungsrecht durch andere Behörden »usüben lassen. Der Reichspräsident hat den Oberbefehl über die gesandte Wehrmacht des Reichs. Wenn ein Land die ihm nach der Reichöversassung oder den Reichsgesetzen obliegenden Pflichten nicht erfüllt, kann der Reichspräsident es mit Hilfe der bewaffneten Macht anhalten. Der Reichspräsident kann, wenn im Deutschen Reiche die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird, die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen treffen, er- sorderlich-nsalls mit Hilfe der bewaffneten Macht ein-, schreiten. Zu diesem Zwecke darf er vorüber- gehend die in den Artikeln 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 festgesetzten Grundrcchteganz oder zum Teil außer Kraft setzen. Ron allen gemäß Abs. 1 oder Abs. 2 dieses Artikel ge- trosseneu Maßnahmen hat der Reichspräsident unverzüg- lich dem Reichstag Kenntnis zu geben. Die Maßnahmen sind aus Verlangen des Reichstags anßer Kraft zu setzen. (Es iss dies der berühmte Diktatur-Artikel 48 t hxr schon unter Friedrich Ebcrt mehr ausgeweitet worden ist, als die Nationalversammlung gewollt hat. Hindenburg hgt dann mit den Sieichskanzlern Brüning, Pape« und Hitler aus Grund dieses Artikels mehr und mehr die ganze Reichsversassung ausgehöhlt.-Mit Ausnahme der Rechte des Reichspräsidenten. Sied. d.„D. F."j Der Reichspräsident übt für das Reich das Begnadigungs- recht aus. Alle Anordnungen nnd Verfügungen des ReichSpräsiden- tcn, auch solche auf dem Gebiete der Wehrmacht, bedürfen zu ihrer Gültigkeit der Gegenzeichnung durch den Reichs- kanzlcr oder den zuständigen Reichsminister. Durch die Gegenzeichnung wird die Verantwortung übernommen. Der Reichskanzler und aus seinen Vor» schlag die Reichsminister werden vom Reichspräsidenten ernannt und entlasse». In dem erwähnten Reichsgcsetz vom 23. März, das der Reichsregicrung ungeheure Befugnisse erteilt, weil es sie von gesetzgebenden Körperschaften unabhängig macht, wird aus- brücklich bestimmt:«Die Rechte des Reichspräsidenten bleiben unberührt." Zwar stimmt das nicht ganz, denn nach Art. 3 des Ermächtigungsgesetzes hat nicht mehr der Reichspräsident, sondern nur noch der Reichskanzler die Gesetze zu unter- zeichnen und zu verkünden. Nicht angetastet sind aber in der Tat die wichtigsten Rechte des Reichspräsidenten, so seine Kommandogewalt über die Reichswehr u»d die Berusung und die Entlassung des Reichskanzlers. Der Tod Hindenburgs wirft die gesamten ungelösten Pro- blcme um die Rcichsführung auf. Es geht nicht nur um die einfache Nachfolgeschast, sondern alle politischen Kräfte werden sich melden, die eine andere Machtverteilung in den Reichsspitzen anstreben, insbesondere die Monarchisten, die Zreunde einer RMsperwejeMajt und diejenigen National, sozi allsten, die nun die Totalität des Parteistaates von oben her vollenden möchten. Die Entscheidung über diese Fragen ist wichtiger als die Neuwahl des Reichspräsidenten, die unter dem jetzigen terroristischen Regime nur in der Prokla- mation eines einzigen Kandidaten zum Reichspräsi- denten bestehen kann. * machtvoll der dentsche Reichspräsident sein kann, s» ytig haben bisher die nationalsozialistischen Führer sich »Mch diesem Posten gedrängt. Die Kandidatur Hitlers im Frühling 1982 erfolgte noch vor der Machtergreifung und galt einem Staatsstreich durch Plebiszit. Seitdem sich in Hitler die Machtfülle des Regie- rungschefs in einem Diktaturstaate vereint, ist nicht mehr be- kannt geworben, daß er Reichspräsident werden möchte. Wenigstens nicht, wenn es bei der jetzigen Machtverteilung bleibt. Dagegen ist oft behauptet worden, daß Männer wie Göring ihren„Führer" Hitler im Reichspräsidentenpalais kaltstellen möchten, um so selbst entscheidenden Einfluß auf die Reichspolitik zu gewinnen. Hitler jedenfalls wird sich>.n diesem Augenblick von einem vielmaschigen Jntrigennetz umsponnen fühlen, an dem innerhalb und außerhalb seiner Partei fleißig gearbeitet wird. Bis zum SV. Juni wäre Hitler nicht nur der Reichswehr» sondern auch wichtigen sozialen Machtgruppe« als Reichs- Präsident sehr genehm gewesen. Ob das nun noch zutrifft, darf man bezweifeln. Auch die Bloßstellung des Reichskanzlers durch den national- sozialistischen Putsch— die Mörder des Bundeskanzlers sind soeben mit den Rufen„Heil Hitler" in den Tod gegangen— in der ganzen Welt sprechen gegen seine Prästdentschasts- kandidatur. In der Reichswehr stehen den hitlerischen Sympathien Blombergs, der nicht zuletzt im eigenen Interesse handelt, die Strömungen um den Chef der Heeres- leitung General von Frttsch gegenüber, die aus den Freundeskreisen des Generals von Schleicher kommen. Für diese Gruppen entwickelt sich die Präsidentschaftkrise, die sie erst für den Herbst gewünscht haben, zu rasch. Tie Stellung der Nationalsozialisten ist im Augenblick noch günstiger und fester, als sie einige Monate später gewesen wäre, jedoch läßt sich möglicherweise die Krise durch die Zwischenlösung Bumke einige Zeit hinschleppen. Wahrschein- lich ist das aber nicht. * Die Unruhe des Triumvirats Hitler-Göring-GoebbelS wird vermehrt durch die Haltung der S ch w e r i n d u st r i e, die trotz der Blutaktion vom 39. Juni noch nicht ausreichend zufriedengestellt ist. Noch immer ist nicht geklärt, ob der Reichswirtschaftsminister Schmitt zurücktreten oder auf seinem Posten verbleiben wird. Bereits am 6. Juli begab sich der frühere Direktor des Kalisyndikats, Diehn, nach Neudeck, um mit Hindenburg zu beraten. Bis heute ist die Entscheidung nicht gefallen. Es ist nicht nur diese, es ist in den letzten Wochen keine politische Frage gelöst worden. Drängend steht die inner- politische Krise» die sich durch den Tod Hindenburgs zu einer allgemeinen Staatstrise erweitert, drohend steht vor allem die außenpolitische Zuspitzung vor den Machthaber» des Reichs. Man überschätze die Pläne dieser verschiedenen Gruppen nicht. In Wirklichkeit sind sie alle ratlos. Klar ist nur die Machtbesesienheit der Nationalsozialisten, von denen jeder vom Reichskanzler bis zum lokalen Bonzen weiß, daß er mit der Macht alles verlieren würde. Nur noch die Staatswaffe schützt diese Tyrannis vor dem Zorn der Volkserhebung, die in noch zu schwachen illegalen Zellen mehr und mehr über das Land sich ausbreitet. Die Welt blickt mit angehaltenem Atem auf den Todes- kämpf de? 87jährigen Mannes in Neudeck. Längst sind ihm die Zügel der Regierung entglitten. Aber die Fiktion seines großen geschichtlichen Namens, die Autorität auch noch des Sterbenden im Volke hielten die Krise gebannt bis zu seinem letzten Hauch. Mit der Todesstunde Hindenburgs wird die seit Monaten latente Krise der nationalsozialistischen Partei und des natio- nalsozialistischen Staate? akut, und Deutschlands Schicksal fordert unerbittliche Entscheidungen. Paris sieht anf die Reichswehr Paris, 1. August. Die heutigen Morgenblätter sind angefüllt mit Berliner Telegrammen über den Gesundheitszustand des Reichs- Präsidenten. Viele Zeitungen bringen Bilder, die Hinden- bürg zeigen, wie er zum letzten Male die Parade des Wach- regiments vor dem Reichspräsidentenpalais abnahm. Alle Blätter sind sich darüber einig, daß Hindenburgs Ableben von ungeheurer Bedeutung sein und für Deutschland neue Wirre« nach sich ziehen könnte. Alle Zeitungen unterstreichen die Bedeutung des Reichspräsidenten als Chef der Reichswehr. Mit dem Journal" bezweifeln sie, daß, falls Hitler, unter Ausnützung der ihm gegebenen Vollmachten, es jetzt zu einer Reichspräsidentenwahl nicht komme und sich selbst als Hindenburgs Nachfolger ausrufen lassen würde, die Reichswehr bereit wäre, sich ihm zu unterstellen: der Reichswehr iverde wohl nur ein General als Reichspräsident genehm sein. Allenthalben wird unterstrichen, welche bedentende Rolle der Reichswehr gerade in den entscheidungsvollen Tagen zufallen dürfte, die einem etwaigen Ableben des Re chspräsidenten>olgen müßten.„Matin" meint, so wie Hitler keinem die Präsi- dentenschast überlasse, dessen er nichl sicher sei, so könne dieser Posten von keinem angenommen iverdcn. der nicht das Vertrauen der Reichswehr besitze. Das Blatt er- innert daran, daß zunächst nach der Reichsversassung Reichs- gerichtspräsident Bumke die PräsidentichastSgeschäste süh- ren müsse, ein Mann, dem nationalsozialistische Gedanken fremd seien, aber es sei ja überhaupt die Frage, wie weit man sich an die Bersassuna halten würde. Der Kamps um Hindenburgs Nachfolger iverde sich zweifellos in einem kleinen Kreise und außerhalb des öffent- lichen Blickfeldes abspielen. Dabei sei es nicht unwichtig daß gerade jetzt die Urlaubszeit der SA. zu Ende sei und diese ihren Dienst wieder ausgenommen habe. „Journal" spricht von der A u f r e g n n g. in der der Ber- liner Korrespondent des Blattes die Beamten des Aus- wältigen Amtes angetroffen habe, deren einer, ein alter Bekannter, ihm gesagt habe:„Wir haben schreckliche Angst, man hat uns erklärt, daß Hindenburg im Sterben liege." „Journal" wirst die Frage auf, ob vielleicht jetzt der Augen- blick einer Wiederherstellung der Monarchie in Deutschland gekommen sei. In diplomatischen Kreisen hält man das. wie der gutunterrichtete Tonderberichterstatter des Blattes, Georges Blun, berichtet, für möglich. Aber der Sohn des Exkronprinzeu, der Pr inz L o u i s F e r d i n a n d. den man schon lange als den ernsthafteste» Thronanwärter ansehe befinde sich in den Vereinigten Staaten- Außerdem seien die Vorgänge vom 39. Juni den Hohenzollern nicht sehr günstig. Man müsse auch daran denken, daß PrinzAugust Wilhelm, der in den nationalsozlalistischen Führer- kreisen gute Beziehungen hat. seit langem hoffe, einmal eine Art Statthalterschaft in Deutschland zu erhalten„in Er- Wartung eines Bessern". Am häusigsten spreche man in Berliner politischen Kreisen davon, daß Hitler die Absicht habe, eine Art Konsulat zn vereinigen, d. h. unter dem Titel„R e i ck s s tt h r e r", gleichzeitig Präsident und Reichskanzler zu sein. Aber auch das„Fournal" meint am Schlüsse seiner aus- fübrlichen Betrachtungen, alles werde von der Reichswehr abhängen. Die Rcichöivehr betrachte man als die T p b i n x, die Deutschlands Schicksal in den Händen hält krage ans der Schweiz „Was dann?" Die Basler„National-Zeitung" schreibt:„Wenn nun Reichspräsident von Hindenburg tot ist: W a s dann? Diese politische Frage überschattet jede andere. Lange Zeit wurde der Name des Nachfolgers genannt. Von General von E p p, des bayerischen Reichsstatthalters, war die Rede, von Gene- ral Göring, vom Prinzen Philipp von Hessen: aber diese Namen traten bald in den Hintergrund, als mit immer größerer Bestimmtheit verlautet. Hitler selbst wolle Neichsoberhanpt werden. Ein angeblicher Ausspruch des Führers wurde herumgebotcn: als nun historische Persön- lichkeit könne er sich wohl einen, Hindenburg, aber sonst keinem andern unterordnen. Es heißt, die Gesetze, wodurch Hitler nach dem Ableben des Feldmarschalls automatisch so- fort zum Reichspräsidenten und Reichskanzler in einer Per- son würde, seien längst fertig. Von anderer Seite wirb ver- mutet, die nationalsozialistische Führung werde den Reichs- präsidentenwcchsel zu einer neuen Volksabstimmung Vensitzen. Die romantische Person werde des Eindrucks auf die Masten gerade in einem solchen Fall nicht entbehren, und das Volk, dann von einer Propaganda bearbeite, wie nie, würde an- gesichts der neuen Situation die enttäuschenden Ereignrste der letzten Wochen vorübergehend vergessen und mit über- wältigenden Zahlen nochmals für den Führer stimmen. Entscheidender noch wird sein, wie sich die Reichswehr zu ihrem neuen Oberbefehlshaber stellen wird. Die Frage stand vor einigen Wochen noch weit offen. Damals wurde behauptet, einen Adolf Hitler als Oberbefehlshaber an der Spitze der Wehrmacht, würde mindestens die Generalität und das Offizierskorps nicht ertragen, und dann erst werde die große Staatskrise aufbrechen. Und endlich das von so vier Geringschätzung, Haß und Mißtrauen erfüllte A u s l a n d t Vom englischen König wird hier in Berlin der Aus- spruch erzählt, er. Georg V., werde Adolf Hitler, falls dieser Reichspräsident würde, sicherlich kein Gratulationstelegramm schicken... Verität der„Deutschen Zellunö" Das war die„Taktlosigkeit" Weil sie eine Taktlosigkeit geäußert habe, ist die„Deutsche Zeitung" sttr acht Tage verboten worden, und die an dem inkriminierten Artikel über Hindenburg betei- ligten Redakteure verlieren ihre Stelle und darüber hinaus die Ausweiskarte, von der die Zulassung zum journalistischen Berus abhängt. Die„Deutsche Zeitung" hatte erklärt, es se, müßig, Erwägungen über die eventuelle Nachfolge für den in unerwünscht greifbare Nähe gerückten Fall des Ablebens Hindenburgs anzustellen. Daran wurden die beiden folgen- den Sätze geknüpft:„Der Parteienstaat von Weimar mit seinem ränkevolleu Wechselspiel egoistischer Jnterestenbausen ist zerschlagen-. Das Schicksal des deutschen Volkes und da- m; t jede Entscheidung ruht in einer einzigen Hand, in der des Führers." Das hat genügt, um der„Deutschen Ze>- tung" eine empfindliche Strafmaßnahme aus den Hals zu ziehen. Auch Dr. Reim ermordet Das Ende des achtzigjährigen Bauernführers Wenige Tage nach dem großen Morde« des 89. Jn«k tauchte das Gerücht auf, daß sich auch Dr. Heim, der fast achtzigjährige bayerische Bauern führer, allgemein als„Baucrndoktor" populär, unter den Er- mordeten besinde. Wir gestehen, daß wir der Nachricht zunächst keinen Glau« den schenkten. Jetzt aber ist der Pressestelle der„Ostmärkischea Sturm-Scharen" aus Bayern brieflich die Mitteilung über» bracht worden, daß sich Dr. Heim tatsächlich unter den Opfer« der Hitler-Banditen befindet. Die letzten dreißig Jahre bayrische Geschichte sind mit der G-ktalt Dr. Heims eng verbunden. Ein wilder Sozialiften« Hasser und Pgrtikukarisi, war er unbeschränkter Führer des reaktionären bayerischen Bauerntum«. Er führte eine derbe Sprache in den ihm nahestehenden Zeitungen und in Ver- sammlungen ein kräitiges Wort, auch im Reichstage, dem er einige Zeit angebön/e. Auch gegen die Nazis! Sie konnten ibm nicht vergessen, daß er mit der Bayerischen Volkspartei bis znletzt erbittert gegen den braunen Terror gekämpft hatte,— eigentlich schon seit 1923. Seiner Popularität im Lande, aber zugleich dem nationalsozialistischen Hasse ist ictzt der streitbare greise Katholik zum Opfer gefallen. Plord und Rauh <10 ift Dr. Voß Prag, 1. Aug. lJnpreßj: Die von Otto Strasser herau?- gegebene„Deutsche Revolution" enthüllt einen Mordsall, der mit dem Raub von Parteidokumenten Gregor Strassers im Zusammenhang steht:„Dr. Voß war seit langem der Rechtsberater Gregor Strassers und sein persön- licher Freund. In dieser doppelten Eigenschaft übergab ihm Gregor Strasser alle Dokumente, die sich auf seinen Konflikt mit Hitler und der Partei bezogen... Auf diese belastende» Dokumente hatten es Göring und Goebbels abgesehen! Ein von Göring gesandtes Sonderkommando erschien in der Kanzlei des völlig überraschten Dr. Voß und forderte die Herausgabe dieser ihm beruflich zu treuen Händen über- gebcnen Dokumente Gregor Strassers. Als der korrekte Jurist das gesetzwidrige Ansinnen zurückwies, wurde er kurzerhand niedergeschossen, das Geheimsase erbrochen und die Dokumente geraubt. Den Auftraggebern der Diebe, Ein- brecher und Mörder mag ein Stein vom Herzen gefallen sein, als sie die belastenden Akten in Händen hielten. Isolierung nnd Abscheu Oesterreich im Mittelpunkt des Interesses 0. G. London, Ende Juli. Wieder stehen die österreichischen Ereignisse im Vorder- grund des Interesses, die Zeitungen füllen Spalten, ja Seiten mit Berichten. Alles andere tritt in den Hinter- grund. Die sonst nur auf Sport und Gerichtssensationen bedachten Abendzeitungen lassen Ausgabe auf Ausgabe mit Wiener Berichten folgen. Die Beurteilung der Er- eignisse ist nach der politischen Einstellung der Blätter natürlich verschieden, vor allem die Beurteilung der Per- sönlichkeit von Dollfuß. Dollfuß war vor einem Jahr eine der populärsten Persönlichkeiten Englands, während der Weltwirtschaflskonferenz hat man ihm sogar auf der Straße zugejubelt. Diese Popularität hat er seit den Februarkämpfen gegen die Sozialisten eingebüßt, bei der Linken restlos, aber selbst bei verantwortlichen und denkenden Kreisen der Konservativen. Dollfuß war nicht mehr unbedingt populär, nur als Gegner und Kämpfer gegen Hitler schätzte man ihn nach wie vor. Doch wenn auch überall die gesunkene Popularität des Bundes-. Kanzlers in den Pressekommentaren hervorgehoben wurde, die Art. wie man ihn langsam ohne ärztlichen und geistlichen Beistand hat verbluten lassen, hat die ge- samte englische Oeffentlichkeit ungeheuer empört. Nicht minder empört aber hat die Tatsache, daß das Hitler- regime jetzt dazu übergegangen ist, auch außerhalb der deutschen Reichsgrenzen zu morden. In diesem Punkte ist sich die gesamte englische Oeffentlichkeit einig: für das Morden in Oesterreich ist das Hitlerregime voll verant- wortlich. Die nachträglichen Versuche Hitlers, von dem ge- scheiterten Putsch abzurücken, erwecken hier nur ein Ironisches Lächeln. Man verweist aus die ersten deutschen Rundfunk- und Presseberichte, man verweist auf die dauernden Hetzreden der Habicht und Frauenfeld im Münchener Radio, man verweist auf die Dynamittrans- parte über den Bodensee. Nein, Versuche Hitlers, seine Hände in Unschuld zu waschen, bleiben vergeblich, zumal man ja seit dem 30. Juni das Regime erkannt hat. Am deutlichsten und zugleich am stärksten bringt wieder einmal die„Times", das angesehene konservative Blatt. di° englische Stimmung zum Ausdruck, das in einem von uns schon veröffentlichten Aufsatz sagt, der Name Nazi stinkt in den Nasen der Welt. Außenpolitisch tritt England kurz Der Mord an dem österreichischen Kanzler weckte natllr- lich überall die Erinnerung an den Mord an dem öfter- reichischen Thronfolger vor 20 Iahren. Die Ähnlichkeiten sind in der Tat verblüffend. Werden es auch die Folgen sein? Das war die Frage, die man sich überall in Eng- land stellt. Freilich die Zeitungen suchten sofort abzu- wiegeln. Wie auf Kommando waren-sie optimistisch, mit Ausnahme der Beaoerbrookpresse, die diese Gelegenheit einmal wieder benutzte, um Englands Ablösung von Europa zu fordern, da es sonst doch unvermeidlich in einen Krieg verwickelt würde. Nirgendwo sitzt wohl der Pazifis- mus— der oft freilich rein sentimental begründet ist— und der Abscheu vor dem Kriege so tief wie in England. Wenn jetzt die Regierung sich zu einer gewissen Aufrüstung in der Luft entschlossen hat, so hat sie es erst nach langem Zögern getan, und die Widerstände im Lande sind groß. Um den Frieden zu erhalten, wird England stets zu weit- gehender Nachgiebigkeit bereit sein. Nur eine kleine Gruppe sieht, daß eine klare Politik in festen Grenzen den Frieden eher zu sichern vermag, als ewiges Schwanken. Diese kleine Gruppe sitzt leider nicht im Lager der Labour Party, wo sentimentaler Pazifismus vor- herrscht. Mosley ist still geworden Sir Oswald Mosley hat sich scheinbar noch nicht von dem schweren— manche meinen sogar tödlichen— Schlag erholt, dem ihm sein faschistischer Bruder Hitler am 30. Juni zugefügt hat. Er ist in der letzten Zeit auffällig still geworden. Für den August hatte er eine große Kund- gebung im Londoner Stadion, das über 20 000 Menschen faßt, angesetzt. Der Direktor des Stadions bat ihn, den Termin zu verschieben, da sonst die Kundgebung gerade zwischen Sportveranstaltungen fallen würde. Mosley benutzte die Gelegenheit, um gekränkt die ganze Kund- gebung abzusagen. Warum wohl? Ein Grund mag sein, daß für seine bisherigen Kundgebungen die Rothermere- Presse die Reklametrommel gerührt hat und sogar in Massen Freikarten ausgegeben hat. Das gibt es jetzt nicht mehr. Rothermere hat sich in freundschaftlichen Forme» zwar, aber doch ganz eindeutig vom Faschismus getrennt. Die Rothermere-Zeitung„Daily Mail" hat in großer Aus- machuna die Abschiedsbriefe veröffentlicht, die sich diese beiden Männer geschrieben haben. Interessant ist der Brief Rothermeres, der erklärt in folgenden vier Punkte» Mosleys Programm abzulehnen: er lehne den Korpora- tiven Staat ab, er lehne den Faschismus ab, er lehne die Diktatur ab. er lehne den Antisemitismus ab. Nu? in der Indienpolitik und in der Frage der Aufrüstung feien sie nach wie vor einig. Immerhin, es scheint reichlich seltsam, daß Rothermere nicht vorher gemerkt haben soll, daß die British Union of Fashists faschistisch sei, daß Mosley tag' ein, tagaus vom korporativen Staat rede, daß er Parlament zugunsten seiner Parteidiktatur ausschalte» will, daß er seit Monaten schon auf die Juden hetzt. Wen" Rothermere dag plötzlich entdeck,t hat, so wird wohl die Konjunktur, die vor allem seit dem 30. Juni eingefetzt hat, entscheidend gewesen sein. Und Mosley weiß wohl auch« weshalb er für den Mom ent still ist. Der Strang in Oesterreich ie DoBlfua-Härder hingerichtet— Die Aufrührer vor dem Standgericht ttnh ie^f nr^! Vl C rL!'' S. C i® 6c Angeklagte baten um «östlichen Beistand und bald erschienen ein katholischer und "if'cftonttfthcr Geistlicher im Gefängnis. Holzweber ^eil Hitler!"^en Hals, immer wieder: Die Verhandlung Die Standgerichtsverhänolungen gegen die Aufständischen nom 25. Juli haben bereits am Montagnachmittag vor dem Milltärgerichtshof begonnen. Den Vorsitz führte der In- stinterieinspektor von Wien, Generalmajor Oberweger. Eine Kompanie Infanterie bewachte das Landesgericht, in dem die erHandlung stattfand. Aus dem bisherigen Verhör der Aus- Uandischen konnte noch nicht ermittelt werden, von welcher «eite der Auftrag zum Beginn des Aufstandes erteilt wor- en ist. Die Aufständischen erklärten in der Untersuchung, "arüber nichts zu wissen. Dann wurden die militärischen Sachverständigen vernom- wen. Generalmajor Pummerer sagte aus, daß insgesamt 69 Stück 6-Millimeter-Steyr-Selbstladepistolen Top 12, ein gewöhnlicher Trommelrevolver und 4666 Schuß 6-Millimeter- Munition im Bundeskanzleramt aufgefunden worden seien, ledoch könnten nur zwei Waffen mit Sicherheit als ab- aeschossen betrachtet werden, darunter die Waffe des Planetta. Bon einem anderen Sachverständigen wurde sodann die Todesursache des Bundeskanzlers mitgeteilt. Dollfuß ist danach durch zwei Schüsse getroffen worden. Der erste drang 6 Zentimeter unterhalb des Ohres in die Hals- llegend ein. Das Geschoß hat den Hals abwärts durchschlagen, drang durch de» Halswirbel durch, durchschlug das Rücken- wark und ist unter dem Scheitel der Achselhöhle ausgetreten. Die Verletzung war unbedingt tödlich. Hätte Dollfuß gerettet werden können? Auf die Frage des Borsitzenden, ob der Bundeskanzler bei entsprechend rascher Pflege hätte gerettet werden können, er- klärte der Sachverständige, daß der Bundeskanzler zwar tangsam verblutet und durch die hierdurch hervorgerufene Schwäche verschieden sei, baß jedoch auch bei sofortiger Pflege Uur das Leben verlängert, nicht jedoch hätte gerettet werden können. Der zweite Schuß drang durch einen Teil des Halses ein und habe kaum zum Tode beitragen können: es war ein sogenannter Prellschuß, bei dem durch eine Bewegung des Körpers das Geschoß wieder herauskam. Der zweite Schuß wurde aus eine Entfernung von einem halben Meter abgegeben. Mit der Verletzung war die Lähmung der Arme, Beine und des Rückens verbunden, über die sich der sterbende Bundeskanzler beklagte. Generalmajor Pummerer zeigte dem Gericht das tödliche Geschoß, das eine neunfach wirkende Energie gehabt habe. Der Sachverständige erklärte ferner, auf Grund der Pulver- Wirkung, daß der erste Schuß aus einer Entfernung von 13 bis 26 Zentimeter abgegeben worden sei. Der Ankläger Die Beweisaufnahme wurde dann geschlossen. Der Staats- anmalt Dr. Tuppy führte in seiner Anklagerede aus: Die Anklagebehörde legt den beiden Angeklagten das entsetz- "che Verbrechen des Hochverrats und einem von ihnen das entsetzliche Verbrechen des Mordes zur Last. Beide An- Beklagte sind angeklagt wegen des Verbrechens des Hoch- "errats, begangen dadurch, daß sie am 25. Juli etwas unternommen haben, was auf eine Empörung und einen Bürger- krieg angelegt mar, insbesondere durch Besetzung des Bundeskanzleramtes und die Gewalttaten, die dort verübt wor- ben sind. Die beiden Angeklagten haben in diesem Unter- Nehmen eine führende Rolle gespielt. Wir wissen ja, so und so niele Tote sind im Lande zu beklagen. Ein Fünkchen hätte genügt, und wir hätten fremdes Militär, fremdes Volk und fremde Mächte in unserem Lande. Ist der Bürgerkrieg nicht bas Furchtbarste und Schlimmste? Das aber haben diese Männer zu verantworten. Dem Angeklagten Planetta legt «ie Anklage auch das Verbrechen des Mordes an Bundes- kanzler Dollfuß zur Last. Planetta hat den tödlichen Schuß nbgeseuert. Die beiden Angeklagten haben mit besonderem Aachdruck darauf hingewiesen, daß ihnen gewissermaßen Ver- ^ihung zuteil geworden sei. Davon kann nicht die leiseste Aede sein. In der ganzen Welt gibt es kein Gesetz, das eine solche Verzeihung ermöglichen würde. Durch unsägliche Ge- walttaten ist dem Minister das Versprechen abgepreßt wor- den. Dieses Versprechen soll moralische Bedeutung und Kraft haben? Der Staatsanwalt beantragte sodann, die beiden An- geklagten schuldig zu sprechen. Letztes Wort Nach der Rede des Staatsanwalts ergriffen die beiden Verteidiger das Wort und suchten den Putsch vom 23. Juli als eine unschuldige Köpenickiade hinzustellen. Es liege ihres Erachteys kein Mord vor, sondern höchstens eine tödliche Verletzung. Für den Verteidiger Führer ist die Gewalt ein legitimes Mittel, um eine politische Ueberzeugung zum Ausdruck zu birngen(!). Dieser Anwählt ging sogar wweit, die Angeklagten mit Schlageter zu vergleichen. Seine Ausführungen riefen auf der Journalistenbank ein Gemur- wel der Entrüstung hervor.... ».Danach sprachen die Angeklagten einige Schlußworte. Planetta sagte: Ich bin kein Mörder, ich wollte Dr. Dollsuß uicht töten. Ich bitte Frau Dollfuß um Verzeihung. Holzweber sagte: Ich bin an dem Mord unschuldig. Wir glaubten, daß Dr. Rintelen sich im Bundeskanzleramt be- "nden werde, als wir eindrangen. So wenigstens war uns am Tage vorher gesagt worden. Ich kann nur noch sagen: Ich habe aus glühender Vaterlandsliebe gehandelt. Todesurteil! Das Standgericht sprach die beiden Angeklagten enk- 'brechend dem Antrage des Staatsanwalts schuldig und kam damit zum Todesurteil. Da nach dem geltenden Standrechts- "erfahren das Urteil drei Stunden nach der Berkünöung vollzogen merHen mußte, falls Begnadigung erfolgte, Die Hinister sagen aus... f" ßand die Hinrichtung unmittelbar bevor. Ein von der Verteidigung eingereichtes Gnadengesuch wurde von dem neuen Bundeskanzler Schuchnigg abschlägig beschieden. Daraufhin wurden die beiden Nationalsozialisten durch den Strick hingerichtet. * In der Presse hat sich ein Streit darüber entsponnen, welches die letzten Worte des Kanzlers Dollfuß gewesen sind. Die Zeitungen hatten melden müssen, daß die letzten, an Minister Fen gerichteten Worte gelautet hatten:„Kein Blutvergießen, es soll Friede gemacht werden." Dagegen sagte Minister Fen als Zeuge aus, die letzten Worte hätten gelautet:„Kein Blutvergießen. Dr. Rintelen soll Friede machen". * Großes Aufsehen erregt eine Mitteilung aus Wien, wo- nach die Aburteilung der übrigen Teilnehmer des Aufstandes nicht sofort erfolgen soll, sonder» auf spätere Zeit verschoben worden ist Mit Empörung wird die Welt von dieser Tat- fache Kenntnis nehmen. Die sozialdemokratische Arbeiter- schaft Wiens ist, ob verwundet, krank oder halbtot, vor die Standgerichte geschleppt und abgeurteilt worden. Viele der Besten mutzten das Leben lassen. Gegen die terroristischen Nationalsozialisten aber, die sogar den Bundeskanzler er- mordet hatten, wird eine unverständliche Milde an den Tag gelegt. Auf diese Weise kommt mau, das können wir mit allem Ernste sagen, mit der braunen Bande nicht zu Rande. »ie Vernehmung Oer Minister Ihr„Soldatenehrenwort" Von besonderer Wichtigkeit waren die Aussagen der ein- geschlossene» Minister vor dem Standgericht. Dabei spielte das den Ausrührern angeblich gegebene„Soldatenchrenwort" eine bemerkenswerte Rolle. Der Vorsitzende verivies den Angeklagten Holz weder auf seine Aussagen bei der Polizei, insbesondere inbezug auf seine Zugehörigkit zur TS. und auf die Funktion des beut- scheu Gesandten Rieth. Er fragte ferner, ob bei den Ueber- gabcverhandlungen im Bundeskanzleramt Minister Fey bereits von der Verletzung des Bundeskanzlers Kenntnis gehabt habe. Der Angeklagte bejaht. Auch Minister Neu- städter-Stttrmer habe von der schweren Verletzung Kenntnis erhalten. Fey habe um halb 1 Uhr vor Zeugen ins Heeres- Ministerium telefoniert, der Kanzler liege im Sterben. Fey habe sein Soldatenehrenwort für die Einhaltung des bedingungslosen, freien Abzuges gegeben. Irgendwelche Gewaltakte vonseiten der Aufrührer seien nicht erfolgt, während mit dem deutschen Gesandten Rieth um 16 Uhr verhandelt worden sei. Der Verteidiger fragt, wie oft Minister Fey gesagt habe:„Ich gebe mein Soldatenehrenivort dasür, daß Sie freies Geleite bekom- men." Der Angeklagte antwortete:„Zweimal." Nun wird unter größer Spannung Minister Fey vernommen, der zunächst die Schilderung über die Vorfälle im Bundeskanzleramt wiederholt. Er gibt dann Bericht über sein Erscheinen auf dem Balkon des Bundeskanzler- amles, wo er mit Minister Neustädter-Stürmer sprach und ihm die Wünsche der Eingeschlossenen übermittelte. Aus die Frage des Verhaudlungsleiters, ob das U e b c r e i n k o m- men dennoch abgeschlossen wurde, als bekannt worden war, daß Bundeskanzler Dollfuß tot sei, erwiderte Fey:„Nein, nein." „Staatssekretär Karwinsky und ich sind dann ausge- fordert worden, den deutschen Gesandten kommen zu lassen," fährt Fey fort„Minister Neustädter-Stürmer habe draußen den deutschen Gesandten von der Lage in Kenntnis geseßt und ihm erklärt, daß die Ausständischen die Gefangenen nicht freilassen würden, solange der deutsche Gesandte nicht interveniere." Fey erklärte weiter auf eine Frage des Vorsitzenden, er habe sich für die Einhaltung der Übereinkunft, die übrigens draußen abgeschlossen worden sei, nicht eingesetzt. Der Ver- teidiger weist darauf hin, daß nach der Darstellung des An- geklagten Fey schon um<4 Uhr 86 gewußt habe, der Kanzler liege im Sterben. Auf seine Frage, ob Fey nicht sein Wort gegeben habe, daß die Aufrührer freigelassen würden, er- widert der Verhandlungsleiter:„Diese Fragte, lasse ich nicht zu!" Minister Fey:„Ich habe keinen Grund, diese Frage nicht zu beantivorten. Bezüglich dieser Vereinbarung habe ich weder mein Wort, noch mein Soldatenehrenwort gegeben, weil ich keine Vereinbarung treffen konnte. Diese Ver- e i n b a i u n g wurde z iv i s ch e n M i n i st e r Neu- stäoter-Stürmer und den Aufständischen g e- troffen ich habe lediglich als Dolmetscher fungiert. Ich erkläre noch einmal, ein persönliches Versprechen nicht ge- geben zu haben, weil ich es nicht geben konnte." Als nächster Zeuge wird Staatssekretär Karwinsky einvernommen, der erklärt, von der Vereinbarung e r fr nachträglich erfahren zu haben. Es sei darin ausdrücklich die Einschränkung enthalten gewesen, wonach der Abzug nur dann zugebilligt würde, wenn kein im Haus befindliches Regierungsmitglied bedroht oder geschädigt worden sei. Eine formulierte Uebcreiukunft zwischen Fey und dem Gesandten Rieth habe nicht vorgelegen. Minister Neustädter-Stürmer erklärt bei seiner Einvernahme, er habe im Namen der Bundesregierung dem zwischen mehreren bewaffneten Auf- rührern auf dem Balkon des Bundeskanzleramtes erschie- neuen Minister Fey zugerufen, er sichere den Aus- ständischen freies Geleitc zu, wen» sie binnen 26 Minuten den Platz räumten und wenn niemand geschädigt werde.„Als uns der Tod des Kanzlers bekannt wurde, hat der mittlerweile erschienene Bundesminister Schuschnigg angesichts des vorliegenden Mordes erklärt, alle Auf- ständischen müßten bis zur Klärung der Angelegen- heit in Gewahrsam genommen werden." Auf eine Frage des Vorsitzenden erklärt der Minister, er habe den Gesandten Rieth nicht um seine Intervention ersucht, sondern im Gegenteil eine solche als unerwünscht bezeichnet. Polizeivizepräsident Skubel sagt aus. Planetta habe ihm erst am andern Tage ein Ge- ständnis abgelegt. Obwohl der Gerichtshof schon gestern Nacht einen Antrag auf Vorladung des Kanzlers Schuschnigg und des früheren deutschen Keiaildten Dl- Rieth Abgelehnt hatte. erneuerte die Verteidigung heute diesen Antrag und ver- langte auch die Borladung des Bundespräsidenten M i k l a s. Der Oberstaatsanwalt protestierte mit Entrüstung gegen dieses Ansinnen der Verteidigung und verlangte, daß die Anträge der Verteidigung abgelehnt werden. Der Gerichtshof lehnt sie tatsächlich auch ab und verkün- dete, daß für ihn die Frage des freien Geleits nicht in Betracht komme. Höchstens könnte dieser den Aufrührern versprochene Punkt beim Gnadengesuch Erwäb- nung finden. Drei Tage vorher: „Volkserhebung in Oesterreich" Der in Straßburg erscheinende„Elsässer" veröffentlicht folgende Notiz: „Die Mordtat von Wien war von der deutschen Naziregie- rung gewollt, vorbereitet und vorausgewußt... Diese Wahrheit wird gleichsam illustriert in der BildauSgabe eines deutschen Presseklischeedicnstes, die als Spätausgabe aus Berlin vom 22. Juli, also drei Tage vor dem Mord- tag, datiert ist unter dem Titel„Volkserhebung in Oester- reich". Die Ausgabe zeigt fünf Klischees mit folgenden Texten: 1.„Das Gebäude desWienerGroßsendersauf dem Bisambergc, der in die Luft gesprengt ivurde". lWas nicht ganz programmäßig verlausen ist.j 2.„Das Bundeskanzleramt am Ballhausplatz wurde von den Aufständischen besetzt". 3.„Bundeskanzler Dollsuß erlitt beim Kampf im Bundes- kanzleramt schwere Verletzungen, d e n e n e r e r l e g e n i st". 4.„Sicherheitsminister Major Fey wurde von den Aus- ständischen verhaftet". 3.„Dr. Rintelen, bisher Oesterreichs Gesandter in Rom, verhandelt in Wien über die Neubildung der Regie- rung". Dieser Text, der uns vorliegt und der am 22. Juli von einem deutschen Pressedienst drei Tage im voraus zur Veröffentlichung bereitgehalten wurde, spricht Bände und be- weist, wie sehr Rintelen noch angesichts des Todes die Un- Wahrheit sagte, wenn er erklärte:„Ich bin unschuldig." Er war seiner Berliner Komplicen würdig." solennste Wien, 31. Juli. Die H e i m w e h r l e i t u n g gibt ihre end- gültige Toten- und Verwundetenliste heraus. Danach sind 48 Tote und über 166 Verletzte zu beklagen. Ferner wird bekanntgegeben, daß das B u n d e s h c e r 2 Offiziere und 17 Mann verloren hat, während sich die Zahl der zum Teil Schwerverwundeten aus 4 Offiziere und 34 Mann beläuft. Von den A u s st ä n d i s ch c n wird amtlich angegeben: 16—12 Tote, 36—46 Verwundete, zumeist schwerverletzt. Neue Hassenverhaf hingen! Aber von Sozialdemokraten und Kommunisten Wien, 1. Aug. Die Nachricht, daß der frühere Staats- kanzler Renner erneut verhastet sei, bestätigt sich. Die Zahl der in Oesterreich zu Beginn der Vorwoche verhasteten Sozialisten und Kommunisten bet rLgt 8 0 6 0. In das Kon- zentrationslager Wölkersdorf sind anfangs der Woche 4 60 Sozialdemokraten eingeliefert worden, da- runter einige ehemalige Funktionäre der Sozialdemokrati- scheu Partei, die bereits verhaftet gewesen waren. Immer nodi schwere Kämpfe fn der Steiermark Belgrad, l. Aug. Die„Breme" veröffentlicht einen telefo- Nischen Bericht ihres Korrespondenten aus Unterdrauburg von der südslaivisch-österreichischen Grenze über die Lage am Dienstag. Danach dauerten die Kämpfe zwischen Au f- ständischen und BundestrUppen in Kärnten auch während des ganzen Dienstags an. Es soll sich dabei sogar um die blutigsten und verlustreichsten Kampshandlungen ge- handelt haben, die im Verlauf des ganzen Aufstandcs in Oesterreich zu verzeichnen waren. Die Ausständischen und die Bundestruppen hätten zahlreiche Tote und Ver- w u n d e t e zu beklagen. Der Berichterstatter der„Vreme" erklärt welter, daß die Aufständischen über keinen Nachrichtendienst verfügten, was ihr größter Nachteil gegenüber dem Bundesheer sei. Abtei- lungen, die im Laufe des Kampfes abgesprengt würden, müßten über die Grenze nach Slldslawien, um nicht in die Hände der Bundcstruppen zu fallen. Im Laufe des Montags und Dienstags seien etwa 336 Ausständische in kleineren Truppen nach Südslawien übergetreten, wo sich jetzt 126 6 Kärntner befinden. Sie seien in Kroatien auf drei Orte aufgeteilt, nämlich auf Warasdin, Belovar und Poschega. Sie könnten sich frei bewegen, dürften aber die Orte nicht verlassen. Sie hielten gute Disziplin, so baß sich das Leben in den Lagern und der Verkehr mit der Bevölkerung rei- bungslos abwickle. Die„Breme" berichtet ferner von der Grenze, daß am Dienstag im W e st e n Kärntens eine große Auf- standsbewegung begonnen habe. Es seien nunmehr auch dort heftige Kämpfe entbrannt. Die Aufständischen versuchten einen konzentrischen Angriff auf K l a g e n f u r t. Scharfe Verfügungen Wien, 1. Aug. Der Ministerrat beschloß grundsätzlich ein Bundesverfassungsgesetz betreffend die unverzüglich anzu- wendenden Maßnahmen gegenüber de» an den Umsturzver- suchen vom 23. Juli beteiligten Personen. Danach sollen Minderbeteiligte in Anhaltelager mit Schwerarbeit verbracht werden, anderseits die Einziehung der Ver, mö fi.fi n aller am Aufruhr beteiligten Perjonen erfolgen. „k. Die llmw&ndliiiigsKtfse der deufödien Diktatur Wir entnehmen diesen Aufsaß dem Juliheft der „Zeitschrift für Sozialismu s", die in der Verlagsanstalt„Graphia" in Karlsbad erscheint. Die Arbeit ist noch vor dem 30. Juni niedergeschrieben, behält aber in der Analyse und in den Grundzügen der politischen Folgerungen ihren vollen Wert. Redaktion der„Deutschen Freiheit". Diese Krise ist Tatsache und ihre Bedeutung darf nicht unterschätzt werden. Die Massenbasis der Diktatur ist in Auf- lösung begriffen. Den tiefsten Grund hat man wahrscheinlich gar nicht so sehr in den wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu suchen, die nach außen hin am deutlichsten sichtbar werben, auch nicht in den scheinbaren außenpolitischen Mißerfolgen des«dritten Reiches". ES hat in den ersten Monaten der Diktatur wirklich so etwas wie eine Belebung der Wirtschaft gegeben. Sie ist zum Teil auf rein psychische Ursachen zurückzuführen: auf die Hoffnungen all derer, denen die Errichtung des„dritten Reiches" die Gewähr eines öko- uomischcn Aufschwungs bedeutete. In der Woge der Be- geisterung, die durch das Land ging, sind echte und große Opfer gebracht worden. Maßnahmen der Diktatur selbst taten ein Uebriges. Sie hat den Deflationsdrnck gemildert. Tie war in der Lage, Verordnungen durchzuführen, die unter ihren Vorgängern von den Interessenten sabotiert worden sind. Sie hat die Entwicklung Deutschlands zum EinheitS- st a a t e angebahnt und manche Hemmungen beseitigt, die der trustkapitalistischen Entwicklung im Wege standen. Sie hat auch, solange ihre Mittel reichten, ihre soziale Dema- gogie nicht nur mit großen Worten, sondern auch mit Scheinmaßnahmen glaubwürdig erhalten. Weder der Abbau der Versicherungen noch der Lohndruck nahmen die Formen an, die von den Gegnern der NSDAP, vorausgesagt wor- den waren. Die Organisierung einer Caritas von bisher nicht erlebten Ausmaßen(Winterhilfe! hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Es wurden dem deutschen Volke nicht nur „eirecnses", es wurden auch einige„panes" gegeben. So künstlich die Mittel waren, mit denen die Arbeitslosigkeit verringert werden sollte, so sehr sie im Grunde nichts anderes als eine Umlngerung der Unterstützten bedeuteten, einige Hunderttausend sind wirklich in den Produktions- prozeß zurückgeführt worden. Es wurde auch Unternehmer- widerstand gebrochen und ein raffiniertes Tarnungssystem der sozialen Reaktion erfunden. Was Wunder, baß es gerade ein Teil der A r v e i t e r s ch a f t war, die, durch die Nieder- läge ihrer Parteien entmutigt, durch das Versagen ihrer Führer aufgebracht, durch den Bankrott der Gewerkschafts- taktik erbittert, sich entschloß, dem Hitler nun auch wirklich seine Chance zu geben. Der Terror erzwang die Gleichschaltung, der Mythos machte sie erträglich. Es war ja so einfach, sich von dem Millionenrausch mitreißen zu lasten, die bessere Einsicht zu unterdrücken und der Kapitulation nachträglich eine idcolo- gische Rechtfertigung zu ersinnen. Die nationalsozialistische Propaganda leistete in dem Punkt wieder einmal Großes. Sie gab den Kapitulierenden ein gutes Gewissen und gab Von Karl neinrichsen das Häuflein derer, die im Lande selbst ober in der Emigra- tion die Fahne des deutschen Antifaschismus hochzuhalten wagten, der Verachtung preis. Mit Anleihen in der ganzen Welt, beim verhaßten Bolschewismus, wie beim Vorbild Mussolini, wurden die Methoden gefunden, mit denen man die Ncuaufwärmnng der nationalsozialistischen Legende, die Verkllndung des Wesens, an dem„die Welt genesen" sollte, auch der„neuen" Jugend schmackhaft machte. Die Außen- polttik war aggressiv, aber sie war auch realistisch. Sie täuschte nicht ungeschickt eine Distanz zum wilhelminischen Imperialismus, eine Zurückbesinnung auf rein nationale Ziele vor. Sic machte die großen Gesten, die von ihr erwartet wurden— die Faust auf den Genfer Verhandlungstisch—, aber sie wurde immer nur bis zum Bruchpunkt hin, nie über ihn hinauSgetrieben. Sie vollzog sich in einer Einkleidung, die im Ausland, selbst in Frankreich, die ernstesten Zweifel weckte, ob es nicht doch eine Verständigungschance mit Hitlerdcutschlanb gebe. Ihre Ziele blieben ebenso im Dunkeln wie es das Verhalten der NSDAP, in der Innen- Politik vor der Ucbernahme der Macht gewesen ist. Wie man sich damals im unklaren war, ob der Totalitätsanspruch der Hitlerbewcgung nicht nur ein Propagandatrick sei, ob es nicht doch eine Möglichkeit gebe, sich mit ihr in die Macht zu teilen, so ist es heute im Verhältnis des„dritten Reiches" zu den außenpolitischen Gegenspielern. Mit großem Geschick hat die Diktatur von der Tatsache Gebrauch zu machen verstanden, daß ihr die Republik nicht nur die nationalistische Gewalt-, sondern auch die Ausgleichschance gelassen hat: im Verhält- nis zu Pole n. To rächen sich Versäumnisse noch nach der Niederlage. Internationale faschistische und„antimarxistische" Jnteressensolidarität droht den Gegensatz zwischen den impc- rialistischen Mächten ihrerseits in einen Ouotenkampf zu ver- wandeln. Nur so ist die Haltung Englands angesichts der russisch-französischcn Verständigung zu verstehen. Die unleugbare Vertrauenskrise der Hitlerdiktatur muß deshalb andere, tiefere Ursachen haben, als sie in der Finanz- katastrophe, die dem einzelnen Deutschen noch nicht fühlbar geworden ist, und im Ausbleiben vorausgesagter außenpoli- tlschcr Erfolge— Oesterreich, Legalisierung der deutschen Aufrüstung— haben konnte. Gewiß, der Punkt ist erreicht, an dem die inneren Widersprüche sich auswirken müssen. Die soziale Demagogie, die braune Scheinblüte der Wirtschaft lassen sich nicht aufrecht erhalten. Die Mittel zur Finanzierung der„Arbeitsschlacht" bleiben aus. Die Krise holt sich aufs neue ihre Opfer. Die Steigerung des Sozial- Produkts ist weit hinter den Scheinerfolgen im Kampfe zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit zurückgeblieben, die un- wesentliche Steigerung der Massenkauskraft wird durch die Preiserhöhungen fast ausgezehrt. Das Währungspro- b l e m ist mit der bloß technischen Manipulierung durch Schacht nicht mehr zu bewältigen. Deutschland ist hinter der leichten Erholung der Weltwirtschast zurückgeblieben, alle bisherigen Anstrengungen haben gerade ausgereicht, einen neuen schweren Einbruch der Krise zu verhindern. Am stärk- sten ist natürlich die Enttäuschung der Mittelklassen, denen die Rückkehr der Prosperität, die„gute alte" Vor- kriegSzeit versprochen worden war. Man hat die Kleinladner weder von der Konkurrenz der Warenhäuser— aus Rücksicht auf das Monopolkapital— noch der Konsumvereine— aus Rücksicht aus die Arbeiterschaft, der man nicht alles nch- wen durfte— befreit, man hat die Kaufkraft ihrer Kunden nicht gehoben. Der Anteil des Handwerks an der Belebung der Wirtschaft ist mehr als bescheiden geblieben und schon fehlen die Mittel zur Finanzierung weiterer Mittelstands- Programme tFinanzierung von Hausreparaturen usw.j. Die Bauernschaft ist zwar durch das„Erbhoigesetz" nur in ein- zelncn Landesteilcn revoltiert worden, sie hat auch von den Zollerhöhungen profitiert, aber die deutsche Agrarkrise ist mit der Politik der kleinen Mittclchcn nicht zu beheben. Sie verlangte Maßnahmen, die ein kapitalistisches Regime nie zu geben vermag, zumal wenn es sich von den Bindungen an den Feudalismus genau so wenig befreien konnte, wie die Weimarer Republik. Auch die„Siedelnng", wie sie von der nationalsozialistischen Diktatur bestenfalls betrieben wer- den kann, ist nur ein Mittelchcn. Die Arbeiterschaft schließlich beginnt einzusehen, daß eö mit dem deutschen Sozialismus nichts ist und nichts werben kann. Tie Wahlen der Vertrauensleute in den Betrieben haben bewiesen, daß sie sich anschickt, die Chance zurückzunehmen, die sie Hitler gebe» wollte. Diese Entwicklung, die Enttäuschung der Massen, die vom „dritten Reich" das Paradies erwartet hatten, mußte kommen. Sie war mit Sicherheit vorauszusagen. Soweit stimmt der oft angestellte Vergleich mit der Entwicklung während des Krieges und im Ruhrkampfjahr. Und mit dem Austrete» der ersten wirklichen Schwierigkeiten mutzte auch die Neu- aufläge des Ouvtenkampses kommen. Im Hochindustriali- üertcn Deutschland, in dem alle Schichten der Bevölkerung ihren sozialen Anspruch stellen, in dem die„antikapitalistiscke Sehnsucht" die Mittelklassen durchaus ersaßt hat, lassen sitb die Balancierkunststücke im Wirtschaftsleben nicht durch- führen, mit denen sich der italienische Faschismus am Ruder hält. Ter Versuch, es Mussolini auch in diesem Punkte gleich- zutun, mußte schnell zu einer Krise führen. Die Möglichkeiten der Hitlcrdiktatur, eine klare Entscheidung für ein Regime der sozialen Demagogie oder für eine echte trustkapitalistische- im Interesse des Großbürgertums ausgeübte Regelung des Wirtschaftslebens zu vermeiden, sind begrenzt. Es mußte also zu Auseinandersetzungen kommen, wie sie zur Zeit im Gange sind und neben der Zersetzung der nationalsozia- listischen Masscnbasis herlaufen. Aber die Gegenkräfte sind auch noch wirksam. Noch i't der Zauber des„dritten Reiches", noch auch die Opferbereit- schaft im Dienste des nationalsozialistischen Mythos nicht für alle Deutschen gebrochen. Die Jugend vor allem ist weitbin im Banne eines Systems, das an ihre heroische Sehnsucht- an ihre romantischen Gefühle und an die Totalität ihres B i t a l i S m u s, deS körperlichen wie des geistigen, zu appel- liercn weiß. Es sind nicht die schlechtesten Schichten des beut- scheu Volkes, die sich der„Miesmacherei" widersetzen. Das Argument, daß man nach vierzehnjähriger Mißwirtschaft ei» Trümmerfeld zu beseitigen und das Wachstum der Gene- ver Segen des FOiirerprinzips „Eine Kroßtat des Führers"— so begrüßte eine braune Zeitung Hitlers neueste Blutaktion. Hätte er seine Mutter lebend gebraten und aufgezehrt, sie würden es nicht weniger feiern. Wenn aber Röhm zuerst geschossen hätte, dann wäre ihm dieselbe Huldigung gewiß gewesen. Bismarck, der schon das Wort geprägt hat:„Anständige Leute schreiben nicht für mich," hatte es als Sohn eines libcralistischcn Zeitalters darin noch schwerer. Ihm bereitete die„Frankfurter Zeitung" schlaflose Nächte. Seine größeren Nnchiahrcn haben heraus- gefunden, wie einfach die Art ist, mit den Hexen, die össent- liche Meinung brauen, umzugehen.„Wir können sonst für Ihre Sicherheit nicht einstehen," erklärte im April 1938 der Willensträger des Führers den Eigentümern des„Dortmunder General-AnzeigerS"— und schon konnte er das ein- flußrciche Blatt für knapp vier Prozent des Wertes kaufen und die aus dem Kassenbestand des„Gekauften" begleichen. Wir leben eben in einer eisernen Zeit. Es regiert die schlichte Größe der erdverbundenen Söhne des Teut. Mussolini, der grandiose Schöpfer des Führertypus, hat jüngst in einer Rede, die eine Art Bilanz des Führcrgedan- kenö darstellt, seinem Volke eröffnet, daß die Zeit des guten Lebens— des italienischen Volkes!— vorüber sei und eine neue höchster Einschränkung kommen werde. Zugleich ver- herrlichte er den Gedanken des Krieges, des letzten Aus- ivegs erfolg- und gewissenloser Despoten. Das ist das Er- gebnis zehnjähriger Führerherrschaft. Die hohe geschichtliche Ehre, von einem verbrecherischen Talent hohen Ranges mit Hilfe eines gutdurchorganisierten, verbrecherischen Apparates beherrscht zu werden, muß ein Volk eben nach Gebühr mit Entrechtung und Hunger, schließlich dem Heldentod in Gift- gas und Ruhrkot bezahlen. Der Bankrott der öffentlichen Wirtschast ist nur ein Symptom tiefstgretsender gesellschaft- sicher und sittlicher Zerrüttung. Und in D e u t s ch l a n d? Hitler ist größer als Mussolini. Wozu jener zehn Jahre gebraucht hat, das hat dieser Größte der deutschen, also der Menschheitsgeschichte, in einem voll- bracht. Auch das deutsche Volk bezahlt einen hohen Preis sttr di- Segnungen des Führergedankens. In der armen und plumpen deutschen Sprache, die wir früher zu sprechen pflegten, konnte man es gar nicht aus- denken, in welch verworfenen Zuständen wir lebten und welch ein herrliches Zeitalter ein vom höchsten Wesen, heiße es nun Christengott, Odin oder einfach Naturgewalt, Begnadeter seinem auserwählten Volk bereiten werde. Heute wissen wir, in welches Meer von Schande liberalistisch verschrobene Geister und marxistische Untermenschen, Parlamentsschwätzer, die den echten Volksmillcn knebelten, und eine freche jüdisch- in^llcktualistische Journaille Deutschland gestürzt hatten. Wir wissen aber auch, daß ein neues Zeitalter im Zeichen des Führergedankens angebrochen ist: die Zeit nordtsch-bel- diichem Vvllmenschentums, erkämpft in verlassenem Trotz mit ungezählten Blutopfcrn unter der Parole: Autorität nach unten— Verantwortung nach oben, Taten statt Worte, Erneuerung deutschen Volkstums ans edelstem Blut. Wie das eherne Gesetz der Geschichte bietet, baß nur der Beste, zum Herrn Berufene die Geschicke zu meistern versteht, daß aber diele Kraft sich in Segen ohne Ende für sein getreues Gefolge auswirkt, ist nun das deutsche Volk begnadet, Früchte weitblickender Staatsmannskunst in unaufhaltsamem Ausstieg zu genießen— bis die geschichtliche Stunde kommt, in der das zum Heldentum hochgezüchtete und gezüchtigte deutsche Volk aussteht, seine Erbfeinde in Ost und West zu Boden tritt und mit dem gesinnungsgleichen Hclöenvolk japanischer Samurais die Weltherrschast teilt. Angelpunkt des Völkerlebcns ist nach dieser Lehre die Politik. Fort mit dem materialistische» Marxismus, der aus niederer Wirtschaftstätigkeit die Geschicke zu deuten ver- meint, dem schwächlichen Humanitätsdusel, der weichliche Kultur- oder gar Glcichheitsidccn an Stelle des ehernen Tritts der Eroberervölker als Sinn der Entwicklung zu erfasse» wähntI Nicht die auf das kümmerliche Leben des Tags gerichtete namenlose Masse— der außergewöhnliche Mensch, der Held und Führer bestimmt mit granitnem Willen den Gang der Menschheit. Treibende Krast ist die Außenpolitik, die Geltung des Volkes unter den Völ- kern, die Erhebung der Herrenrasse auf ihren Platz hoch über fronenden„Bedicntenvölkcrn".»! Ihr Werkzeug im Innern ist die heldische Erziehung und der Ausbau des Staatsrechts im Führergedanken, ein Volk,«in Führer, e! n Recht. Wie bewährt sich dieser Grundgedanke im Leben? Da suchen wir vor allem die E i n h e i t l l ch k e i t und die Stetigkeit. Ungehemmt durch das Vielerlei parlamentarischer Parteien, hat sich der neue totale Staats- gedanke durchsetzen können. Nur die Partei des Führers besteht als Verkörperung nordischen Volksgeistcs und edel- ste Auslese deutschen Mannestums, demütig und stolz dem Führer ergeben, der, ein nördlicher Talai Lama, als Träger des Asiatengeistes, selbst in die Gefilde des Göttlichen hinauf- ragt. So klingt die Weise der amtlichen Propaganda im Stil der alten Heldensage. In der Wirklichkeit aber sehen ivir die Gefolgschaft, von deren Lebensweise der Führer selbst ein grausiges Bild im Stil des sittlich verfaulten sin- kenden Römerreichs gezeichnet hat, zerrissen von innerer Zerklüftung, Liige und Intrige, äußerlicher Unterwürfig- keit und innerer Auflehnung, gleich dem kaum gebändigten Raubtier, da? den Augenblick abwartet, wo der Bändiger sich umdreht, um ihm dann in den Nacken zu springen. Die Stetigkeit, die im bunten Wechsel der Richtungen und Pa- rolen nicht zu erkennen ist, besteht politisch nur in der kon- scguenten Anwendung des Gangstergrundsatzes: Suche stets, zuerst z u m Schuß zu kommen! Schießt der andere vor dir, io wird e r Erbe des Reichs und von der gesinnungslosen Presse als der Große bejubelt. Und ist der Führer selbst, gut genug, auf Anweisung wie ein Ratten- pinscher einen Teil seiner minderwertigen Anhängerschaft abzutun, niehr als die Beute höherer Gewalten? Wie ein Gummiball treibt er in den Strömungen der mächtigen In- tcrcssen. wie ein Bravo stets dem Stärksten und Zahlungs- fähigsten zu Diensten. Schwerindustrie und Reichswehr- generale gebieten, und widerspruchslos opfert er sein tausend- mal beschworenes Programm, opfert er, schon immer eine Marionette des internationalen Rllstiingskapitals, seinen nationalen Sozialismus den Geldmächten, opfert die äl- testen Freunde, de mV er die Macht verdankte. Er besorgt die Geschäfte, die den Generalen und Generaldirektoren zu unsauber für ihre feinen Hände sind. Das ist der Füh- rerprinzip in der politischen Wirklichkeit! Wie es sich in der Wirtschaft, in den Staats- f i n a n z e n auswirkt, ist an dieser Stelle oft genug aus- gezeigt worden. Erinnert es nicht an das geschlagene Reichs- Heer, das aus dem Rückzug Kohlenbergwerke und Obst- Pflanzungen zerstörte, indem vorn der Hunger, im Haupt- *) Das edle Wort hat Hebbel 1848 für die slavischen Völ- ker Oesterreichs geprägt. guartier und der Etappe aber Völlerei und Raubgier tt> gierten? Wie ja dieser ganze Parteienstaat am ehesten einem Ervbcrcrheer zu vergleichen ist, das nach ttriegöbrauch■ giert und das Land aussaugt. So steht das deutsche®° lt heute vor dem Auge der Welt als betrügerischer Bankrott- machcr, ein Opfer der Unfähigkeit und Verantwortung^ soflgkeit seiner Führer. Aber entscheidend ist ja die Außenpolitik, die eher»® Angel, um die sich nach der Lehre der Geopolitiker alle G®' schicke drehen. Erfolge hier würden wenigstens vom eigene» Standpunkte der Gewalt aus alle ihre anderen Sünde- gutmachen. Wie steht es da? Im Jahre 1919 wurde' in, Lande Salzburg eine nichtamtliche BolksabstiM' muna veranstaltet, die fast 190 Prozent Stimmen für de», Anschluß an die deutsche Republik ergab. Bekannttt'" wurde damals der einmütige Anschlußwille des#f reichliche» Volkes nur durch den Zwang der Ententcpolin^ die den deutschen Nationalsozialismus großgezogen hat, g£> bändigt. Ob aber heute noch die Hälfte sich in freier At" stimmung für das Reich des blutigen Dispotismus aus- sprechen würde? Im Taargebiet gab es vor 1933 kei>^ Meinungsverschiedenheit der deutschen Bewohner— setzen die Knechte des Hitlertums, nachdem die flehentlich Bitte um Ausschaltung der Volksabstimmung keine Gnade vor Frankreichs Augen gefunden hat, Himmel und Hölle- Vapst und Mussolini, Geivalt und Angst, Fälschung»n» Bestechung in Bewegung, um den noch wachsenden Wider- stand des Saarvolks zu brechen. Im Osten sind die spräche Teutschlands, auf die in der Zeit der Schande kein® „artfremde" Regierung verzichtet hatte, unterwürfig prcik-. gegeben worden. Ueberall aber: in Lettland und Litauen, i'^ der Tschechoslowakei und Südslawicn, in den Bereinigte» Staaten und in Südafrika tragen die deutschen Minderheiten die Kosten der phantastischen alldeutschen Träume, zu dene» ihre bürgerlichen Schichten sich von der Hitlerpropagand» haben verleiten lassen. Und immer fester schließt sich» nI Deutschland der Ring aller Völker, die aus Furcht von neue» Weltkriegen bereit sind, den Friedensstörer zu erdrosselt Einem solchen Rausch folgt ein trübselig Erwach:^ Wilhelm U.. der auch Deutschland herrlichen Zeiten gcgcnsührcn und all« Widersacher zerschmettern wollte, b®" dreißig Jahre gebraucht, um das Erbe seiner Vorgänge» aufzuzehren. Nach seinem Versagen war die demokratische Republik eine Selbstverständlichkeit. Diese hat die üW nommene Bankrottmasse sorgsam nerivaltet, hat unter de» schwersten äußeren und inneren Nöten, stets gehemmt u»» giftig befehdet von den Schuldigen des Zusammenbruchs langsam und sicher das furchtbare Erbe der Vorgänger d» liquidieren gesucht, hat Schritt für Schritt das verloren® Vertrauen der Außenwelt wiedergewonnen, durch klug® Verhandlungen die Lasten erlcich:crt und mehr und mehr Rechte für das Reich und die deutschen Minderheiten in der Welt gerettet. Das war die Nacht der Schande. Ihr folgt® der rettende, gottheilverkörpcrnde Führer, der Deutschland seine Ehre in der Welt wiedergab. Er vermochte in eine'» Jahre, wozu Wilhelm dreißig gebraucht hatte. Vertan»ff nicht allein das Gold der Reichsbank— vertan ist alles, wa» seine Vorgänger an Weltgeltung und Achtung dem de»t' schen Volke wiedererworben hatten. Schon heute, noch vor dem unausweichlichen Ende bleibt ein eitler Schwätzer ohn® Bildung und Gewissen, als Kncchter und Verderber ei»® 1' dereinst großen und geachteten Kulturvolks. Das i" der Segen de. F"h'.er?rii'zips. lata Dienste der Freiheit Für die Verbreitung des.Neuen Vorwärts", der«Deutschen Freiheit" und der illegalen Zeitungen und Schriften der Sozialdemokratischen Partei wirken viele Tausende von Genossen und Genossinnen, verfolgt und bedroht von der Justiz des braunen Terrors. Bisher verhängten die braunen Sondergerichte wegen Verbreitung sozialdemokratischer Literatur 139 Jahre 6 Monate Zuchthaus, 136 Jahre 2 Monate Gefängnis! Kein Terror schreckt unsere Genossen! Ihr Mut, ihre Treue, ihre Opfer sind heldenhaft. „El» gcfährildier Plensdr Antrag auf Todesstrafe erwogen■*&' Der Sozialdemokrat Richard Loh mann aus Leipzig ist vom Sonbergcricht des Landes Sachsen zu zwölf Iahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust vcr- urteilt worden. Er wurde beschuldigt, Hunderte von Exem- plarcn der„Sozialistischen Aktion" in Leipzig ver- trieben zu haben. Der Staatsanwalt bezeichnete Lohmann als einen gefähr- lichcn Menschen, gegen den eine strenge Strafzumessung nicht nur als Sühne, sondern als Abschreckung zu erfolgen habe. Er habe deshalb reiflich erwogen, ob er nicht den Antrag ans Todesstrafe gegen Lohmann stellen solle! Schließlich beantragte er 12 Jahre Zuchthaus auf Grund des ReichSgesetzes vom 13. Oktober 1933. Das Gericht urteilte entsprechend dem Strafantrag. In der Urteilsbegründung heißt es: „Bei der Auswerfung dieses Strafmaßes fiel erschwerend ins Gewicht, daß Lohmann trotz der Schutzhaft, die über ihn einst verhängt war, und der von ihm bei der Ent- lassung abgegebenen eidesstattlichen Erklärung, weiter gegen die staatliche Sicherheit gewühlt hatte. Strafverschärfend war die Raffiniertheit des Angeklagten, der Umfang und Zeit- punkt der Verbreitung dieser Hetzschrift." Dies Urteil ist ein aufreizendes Terrorurteil! Der Vor- sitzende des Gerichts war der berüchtigte Landgerichtsdirektor Dr. Fries icke, der sich schon im Prozeß gegen die Dres- dener Sozialdemokraten als einer der schlimmsten Handlanger des braunen Terrors ausgezeichnet hat. Der Name dieses Blutrichters wirb nicht vergessen werden. Richard Lohmann, ein stiller, wortkarger Mann von fünf- zig Jahren, war einer der treuen, stillen, unbekannten Kämpfer für Freiheit und Sozialismus. Er hat vor Gericht ebenso treu und mutig zu unserer Sache gestanden wie in seiner Arbeit. Von ihm hat die braune Terrorpolizet nichts er- fahren. Er hat keinen Menschen verraten, sondern hat die oberste Pslicht aller illegalen Arbeit erfüllt: zu schweigen. Einer der wahrhaften, ausrechten Kämpfer für den Sozialis- mus geht ins Zuchthaus dcö braunen Terrors, ein Zeuge dafür, daß Mut, Gesinnung und Kampfwille der sozialdcmo- kratischen Arbeiterschaft ungebrochen sind. Der Zorn der nationalsozialistischen Justizkreaturen über die ausrechte Haltung dieses Mannes erklärt die H ö h e d e s Strafmaßes— zugleich aber die Niedrigkeit und Ge- hässigkeit dieser sogenannten Richterl Eines Tages wirb Lohmann als Held in die Freiheit gehen. Dann folgt das Gericht für die Richter. „Hochverrat" Karlsruhe, 28. Juli. fJnpreß.) Der Strafsenat des Ober- landesgerichts Karlsruhe verurteilte den früheren Redakteur der„Arbeiterzeitung" in Mannhelm, Gustav Adolf Süß aus Neustadt a. d. H., wegen„hochverräterischer Umtriebe" zu 2 Jahren und 6 Monaten ZnchthauS und Elsa Steidel aus Frankfurt(Main), die des gleichen Delikts beschuldigt war zu 1 Jahr und G Monaten Gefängnis. »crtore* me°® sun" lt* ett babe, hat seine Zugkraft noch nicht Vor allem aber: das Regime hat Millionen birek- 'er Nutznießer, Millionen, deren Existenz auf den Bc- I and des„dritten Reiches" und auf die Herrschaft der NSDAP, gegründet ist, die ihnen Stellung, Brot und soziale Geltung 9tot. In der Staatsverwaltung, der Partei, der SA. und SS.» der Arbeitsfront, in den kulturellen Organisationen, in «er Hitlerjugend ist ein Apparat aufgebaut, der sich mit allen Fasern an die Macht klammert und den Feldzug gegen °ie Enttäuschten mit ganzer Seele und mit Einsatz aller «raste mitmacht. Und auch die„Gleichgeschalteten", die rllc Rache ihrer ehemaligen antifaschistischen Gesinnungs- freunde fürchten müssen, sind eine treue Schutzgarbe der .Hitlerdiktatur. , Daß die Krise des Systems trotz diesen Gegenkräften so allgemein werden konnte, wie sie nach übereinstimmenden Verichtcn aller urteilsfähigen Beobachter aus den verschieden- sten Lagern der In- und Ausländer geworden ist, hat seinen Uessten Grund wohl in der Tatsache, daß alle Volksschichten Deutschlands nun erst, nachdem die Zeit des Festrausches vorüber und der Alltag des„dritten Reiches" angebrochen ist, das richtige Erlebnis ihrer neuen Herren haben konnten. Es ist weniger die politische und die ökono- vtische als die sozialpsychologische Enttäuschung, die sich nun auswirkt. Es ist die erste Reaktion auf den völligen Verlust vor Freiheit, der sich bei allen Betroffenen Luft macht. Die vtenschliche Minderwertigkeit der nationalsozialistischen Apa- vatschjki ivird jetzt so tief empfunden, weil die Blendungen voseitigt sind, die aus falschen sozialen Erwartungen sich er- Gaben. Die„Entzauberung" der Hitleröiktatur, von der die Person des„Führers" bezeichnenderweise in breiten Schich- t?n noch ausgenommen wird, hat jene Stimmung hervor- gerufen, die sich wieder einmal in der landauf landab gc- vturmelten Parole verdichtet:„Es muß anders werden." Und diese„Entzauberung" fällt, wie gesagt, mit den wirt- 'chaftlichen, politischen und kulturellen Besorgnissen der altenRcaktion zusammen, denen vor den Konsequenzen eines radikal nationalsozialistischen Kurses bange ist und verbindet sich mit den persönlichen Ressentiments der Kreise, ote mit dem„dritten Reich" die Wiederkehr ihrer früheren Privilegien erhofften. Daß sich das„dritte Reich" eine neue aus der NSDAP, aufgestiegene Führergarnitur zulegte und Vicht auf den Personenstand zurückgriff, den ihm die deutsch- rationale Partei, der Stahlhelm und die gesellschaftlichen Zusammenschlüsse der im Kaiserreich tonangebenden Schichten uefern konnten, hat ein Unmaß an Verbitterung geschaffen, ^se äußert sich in ähnlichen Formen(im Witz z. B.) wie sie seinerzeit gegen die Republik des„Sattlermeisters" geäußert tvuröe. Alle bei der Auswahl der neuen„Bonzokratie" Be- vachteiligten verstärken den Chor der„Miesmacher". Dem ^trom der Unzufriedenheit, der so ans bürgerlichen und reaktionären Kreisen ausgeht, begegnet die Enttäuschung der -.alten Kämpfer", die trotz der theoretischen Bevor- ähgung ihrer Kabers in der Konkurrenz gegen die Fachleute uus dem altbllrgrrlichcn Lager zu kurz gekommen sind. Die «-ozialistcn" in der NSDAP, glauben denselben Anlaß zur Kritik zu haben, den das Bürgertum für sich beansprucht. Und weil man die Beseitigung der Demokratie immer noch 'ür einen Ruhmestitel der„nationalen Revolution" hält, weil, im Augenblick wenigstens, zwar eine unklare Freiheits- fehnsucht und der Wunsch vorhanden ist, vom Staat nicht in »er bisherigen Weise geniert zu werden, sehnt man sich die Zustände zurück, die unter„Wilhelm" bestanden haben. Des- halb gilt die monarchistische Restauration als ein Ideal, vcr- Glichen mit der Herrschast der braunen Bonzen und ihrer Landsknechte in der SA. Deshalb setzt man Hoffnungen auf die noch nicht völlig gleichgeschaltete Reichswehr und den durch die Aussöhnung Schleichers mit dem Hause Hindcn- bürg wieder komplettierten Kreis um die Person des Reichs- Präsidenten. Deshalb sieht man in der Unruhe in großindu- strichen und großagrarischcn Kreisen, in der Stahlhelm- lronde und in den der theologischen Gleichschaltung wider- strebenden kirchlichen Kreisen die zur Ablösung der national- sozialistischen Diktatur bereite und fähige Macht. Man weiß, baß Hitler während seiner Flotteninspektion und seines Aufenthaltes-auf dem Kreuzer Köln„bearbeitet" worden ist, baß die Anstrengungen, ihn von dem radikalen Teil seiner Anhänger abzulösen, fortgeführt werden. Das Gerücht geht von Mund zu Mund, im Herbst spätestens werde die Partei- b'ktatur durch ein Direktorium ersetzt, das sich mit der 'ülfe der Reichsivehr von der SA. zu befreien wissen werde. Röhms Krankhcitsurlaub, sein merkwürdiger Erlaß an die >-A.. der wie der Ausruf zu einem Entscheidungskampf klingt, bie Rede Papens gegen die radikalen Tendenzen werden als erste Anzeichen einer Wandlung der Dinge begrüßt. So nährt man eine neue und vielleicht gefährliche Illusion. Mährend es fast sicher ist, daß die Vertrauenskrise der Tik- tatur nur zu einer Transformattonsperioöe des Regimes, nicht aber zu ihrem Sturz führen wird, erzählt man sich in Deutschland, in der Emigration und in den poli- tisch interessierten Kreisen des Auslandes, der Spuk sei dem Ende nahe. Teutschlands Rückfall in die Barbarei werde bald durch die Errichtung eines zwar reaktionären und öik- tatarisch regierten, aber doch nicht mehr wescnhaft faschi- stischen Staates abgelöst werden. Vor dieser Illusion gilt es zu warnen. Sie kann nur zu furchtbaren Enttäuschungen führen. Und sie kann die not- wendige antifaschistische Aktion wiederum auf Jahre zurück- werfen. Denn sie kann dazu verleiten, daß man jetzt die Hände in den Schoß legt und auf das„Wunder" hofft und dann, wenn die Krise der Diktatur in der vorauszusehenden Weise gelöst wird und einer scheinbaren Stabilisierung Platz wacht, endgültig auf die Arbeit verzichtet, die allein bie Ge- währ für ein künftiges besseres Deutschland schassen kann. Es ist ausgeschlossen, daß bie alte Reaktion an die Stelle der NSDAP, tritt. Es gibt vom„dritten-Reich" kein Zurück zu Weimar, es gibt ebensowenig ein Zurück zu Schleicher oder gar zum Kaiser Wilhelm. Aber eS ist sehr wahrscheinlich, daß sich die gesellschaftlichen Kräfte, die einmal geschlossen hinter der alten Reaktion standen, in der NSDAP, endgültig durchsetzen, baß mit Hilfe der Reichswehr, der „Wirtschaft", der Kirche und der„bürgerlichen" Ideologie, bie „R e i n i g u n g" b e r N S D A P. durchgeführt und bie Poli- tik des„dritten Reiches" in den Kurs gelenkt wird, der die unmittelbaren Gefahrenmomente— besonders in der Wirt- schaft und der Außenpolitik— beseitigt. Wir müssen uns vor dem Irrtum hüten, daß die Diktatur nur so regieren könne, wie sie bisher regiert hat, daß ihre Fehler unvermeidlich seien, und daß sie keinen Manövrier- räum besitze. Sie besitzt diesen Raum in der Wirtschaft, in der Innen- und Außenpolitik und auch im kulturellen Leben. Plarxlsfisdie Korruption Endlich ein Prozeß h. b. Zu den wenigen Fällen, wo sich die Staatsgewalt nach Hitlers Sieg entschlossen hat, gegen verleumdete sozial- demokratische Funktionäre ein Gerichtsverfahren wegen Korruption durchzuführen, gehört der in diesen Tagen vor der Hildesheimer Strafkammer durchgeführte Prozeß gegen den früheren Geschäftsführer der Hildesheimer Bauhütte, Senator Josef Wedekind. Dem Angeklagten wurde Korruption und Unterschlagung in 90 Fällen zur Last gelegt- Die Gesamtsumme seiner Ver- untreuungcn sollte angeblich 15 000 Mark betragen haben. Darüber hinaus wurde dem Angeklagten vorgeworfen, er habe sich bei feinem zwangsweisen Ausscheiden aus der Stel- lung unberechtigt«ine Hypothek von 5000 Mark eintragen lassen.. Während der zweitägigen Verhandlung wurden 32 Zeugen und ein Sachverständiger vernommen. Der Prozeß wurde ein hundertprozentiger Reinfall für die Hildesheimer Staats- Sie kann sich so verwandeln, daß die moralische Jso- licrung des„dritten Reiches" auch von der bürgerlichen Außenwelt durchbrochen wird. Daß die Angst vor dem deutschen Revanchckrieg verschwindet, daß Deutschland wirt- schaftliche Erleichterungen gewährt werden und daß ein Großteil der Mißvergnügten im bürgerlichen Lager aufs neue von Hitler-Begeisterung erfüllt wird. Aber sie kann diese Umwandlung vollziehen, ohne das Prinzip und bie Methoden des totalen Staates selbst auszugeben. Sie kann ihren Frieden mit der Kirche machen, kann die Narren und Banausen, die jetzt im„dritten Reich" Kulturdiktatur spielen, zum Teufel jagen. Sie kann auch die Auswüchse des Nassen- wahns sdcn sie theoretisch freilich ebensowenig preisgeben tann wie seine Spczialerscheinung, den Antisemitismus) be- schneiden, so daß man ihr auch in dieser Richtung Absolution spenden wird. Mit der Beurlaubung der SA., mit der Be- seitigung einiger der am meisten belasteten Unterführer kann eine neue Hitlerlegende beginnen. Der„Füh- rer" braucht nur wieder einmal ein wenig beim„Duce" in die Schule zu gehen. Gewiß, er sträubt sich, er hat eine primi- tive Vorstellung von„Treue", er weiß auch zu genau, daß Männer vom Schlage der Goebbels, Göring, Röhm, Darrs schon allein durch die Enthüllungen, die sie zu machen im- stand« sind, recht gefährlich iverden können- Aber im Bunde mit den Mächten der alten Reaktion hat er vorläufig nichts zu fürchten, am wenigsten den unklaren Sozialismus der SA. und der„alten Kämpfer". Der Apparat aber wird dem Inhaber der Staatsgewalt treu bleiben und damit seine Macht stabilisieren. Dieser Apparat wäre eine unüber- stcigliche Schranke, wenn er im Bunde mit der TA. und den „echten" Nationalsozialisten einen Versuch der alten Reaktion abwehrte, die Diktatur zu beseitigen. Er ist aber fürs erste eine ebenso nnübersteiglichc Schranke für jeden Versuch, das konterrevolutionäre Hitlerregime durch eine soziale Revo- lution zu beseitigen. Die Krise der Diktatur ist Tatsache, die Enttäuschung der breiten Massen wächst von Tag zu Tag, aber sie hat zunächst auf weite Strecke überhaupt noch keine politische Konsequenzen, geschweige denn, daß sie zu einer ein- heitlichen antifaschistischen Aktion befähigte. Eine breite Slimmungswelle ist für die alte Reaktion, selbst für bie monarchistische Restauration. Daneben ist die sozialistische Sehnsucht innerhalb und außerhalb der NSDAP, auch noch vorhanden. Hitler aber hat diesen oppositionellen Strömungen gegenüber den Vorteil der inneren Linie. Von rechts her kann er nicht gestürzt werden, weil das mißvergnügte Bürgertum keine politische Aktionskraft besitzt und weil es für die sozialreaktionären Mächte viel einfacher ist, sich inner- halb des Regimes durchzusetzen, als einen Putsch zu wagen, dessen Gelingen mehr als fraglich wäre. Von tints her aber? anwaltschaft. Wedekind wurde nicht nur die Berechtigung der hypothekarischen Eintragung seiner Forderung zuerkannt, sondern auch von allen andere» Anschuldigungen sreigc- sprachen. In der Urteilsbegründung stellte das Gericht fest, daß zwar fehlerhafte Buchungen vorgekommen seien, die sich aber ausschließlich zu Wedekinds Ungunsten ausgewirkt haben. Weiter wurde in der Urteilsbegründung festgestellt, baß die Bauhütte Hildesheim das persönliche Werk Wcde- kinds gewesen sei, der sich für dieses Werk mit ganzer Kraft und unermüdlicher Tätigkeit eingesetzt habe. Außerdem sei nachgewiesen, daß Webekind in den Zeiten, in denen es der Bauhütte schlecht ergangen sei. Monate lang auf wesentliche Teile seines Gehalts verzichtet habe. Aus diesen Gründen mußte daS Gericht zum Freispruch kommen und die Kosten des Verfahrens der Staatskasse auf- erlegen. Hoffentlich führen die deutschen Gerichte noch recht viele Korruptionsprozcsse gegen ehemalige marxistische Fnnktio- näre durch. Besser können nämlich dem deutschen Volke die Augen gar nicht geöffnet iverden. Die„sozialistische" Richtung in der NSDAP, ist nicht in der Lage, gegen den Besitzer der staatlichen Machtmittel anzu- rennen. Sie ist zudem so korrumpiert, daß sie wahrscheinlich im entscheidenden Moment von ihrer eigenen Führung ver- raten würde. Goebbels hat Uebung in der Preisgabe seier- lich verkündeter Grundsätze. Röhm und Göring sind reak- tionäre Bandenfllhrer, die nie in der Lage wären, eine selb- ständige politische Aktion siegreich durchzuführen. Und bie Brüder Straßer sind dem„dritten Reich" gegenüber doch in derselben Lage wie die Führer der geschlagenen antisaschi- stischen Parteien. Die echte sozialistische Opposition gegen die HitlerdiktatnS aber wird aus vielen Gründen von der Masse der Unpoli- tischen zur Zeit mit der KPD. gleichgesetzt. Zweifelt man, wo der Platz mißvergnügter Bürger sein wirb, wenn sie sich vor die Alternative Hitler oder der Bolschewismus gestellt glauben? Die alte Sozialdemokratie ist nach wie vor durch die Erinnerung an das Weimarer«System" belastet, vok dem man in Deutschland nichts mehr missen will, wenn auch Hitler und die NSDAP, noch so sehr enttäuscht haben. Mit anderen Worten: die Krise der Diktatur ist ausgebrochen, ehe bie ablösende politische Größe sichtbar wurde. Und deshalb kann das„dritte Reich" diese Krise überstehen, wenn auch mit wesentlichen Einbußen an seiner Masscnbasis. Das Mißvergnügen wird bleiben, aber es wird erst zur wirklichen politischen Konse- qnenz, das heißt zum Sturz der Diktatur führen, wenn es von links her, im echten revolutionären Sinne, aktiviert und vereinheitlicht werde» kann, wozu die KPD. nicht in der Lage ist. Es gibt eine richtige Lehre aus der Krise der Hitler» diktatnr: sie zeigt, daß die Erneuerung der sozia« li stischen Aktion aussichtsreich ist, daß wir viel» leicht doch mit kürzeren Zeiträumen zu rech- neu haben, als es die Schwere unserer Nie- Verlage scheinen lassen konnte. Aber es ist eine unerläßliche Voraussetzung dieser Aktion, baß man sich von Illusionen frei hält und sich statt auf den bevorstehenden Sturz des„dritten Reiches" auf eine Periode seiner Um- Wandlung, seiner Transformation einrichtet. Diese Wand- lung wirb die inneren Widersprüche nicht beseitigen können, an denen die nationalsozialistische Diktatur zugrunde gehen muß, es sind bie inneren Widersprüche des Kapitalismus selbst. Aber von unserer Arbeit allein hängt eS a b, wie lange die Leibe nszeit des deutschen Volkes dauern wird und ob statt eines Trümmerhaufens, unter dem sich die Diktatur begraben läßt« die Voraussetzungen für den sozialistischen Ausbau erhallen, bleiben.— 3>eutsdke Stimmen• Beilage zur..2>eu(s o£ 20. lüiedeckefic des 1. August 1914 Von F r i 5 Hoff die 8edl8te Abendstunde herrscht auf der Wilhelmstraße zu W. reges Treiben Es ist die Stunde, zu der die rlaneure aus den Kaffees aufbrechen, zu der die Gymnasiasten über die Straße schlendern, zu der wohl auch der eine oder der andere Arbeiter, von der Arbeitsstätte kommend, die Straße quert. So auch an jenem Abend, an dem sich das hier aufgezeichnete Ereignis abspielte. Es war kalt, ein schneidender Wind pfiff von Norden, und die eleganten Damen waren sorgfältig in dicke Pelzmäntel verparkt. Die Schaukästen der Läden waren festlich erhellt, geräuschlos liefen die teuren Wagen am Straßenbord ent- lang, und hie und da hielt eines der Fahrzeuge, wobei zuweilen die Bremsen sanft quietschten. Plötzlich stand erregtes Gebrüll über der Straße. Niemand wußte zunächst, woher es kam. Die Geeichter der Menschen waren gespannt; noch war das Gebrüll tierhaft, fast unverständlich und kaum wie menschliche Laute. Dann kam es näher, man sah seinen Urheber, auch wurde klar, daß es V orte und Wortfetzen waren, die er grellend schrie. Die Straße entlang schwankte ein älterer Mann, seine Kleidung war beschmutzt und zerrissen, die Haare hingen ihm wirr unter dem ramponierten Hut hervor, die Haut war faltig und voller Stoppeln, die blutunterlaufenen Augen quollen aus den Höhlen. Das Gesicht war verzerrt, irgend eine unbeschreibliche Wut hatte den Mann gepackt und ließ ^ orte, die zunächst noch unsinnig erschienen, aus ihm hervorbrechen. Kein Zweifel: der Mann war betrunken. Einige Passanten lächelten geringschätzig. Eine Dame wandte sich an ihren Begleiter: „Ein Betrunkener! Na, was ist das schon?!" Aber jetzt wurden die Worte, die der Mann brüllte, verständlicher. Er kam quer über die Straße auf einen wohlbeleibten Herrn zugestolpert, machte dicht vor ihm Halt und schrie, während er ihm seinen alkoholfeuchten Atem ins Gesicht stieß: „Dir werde ich die Eier schleifen, Kerl verfluchter!" Der Herr wich ängstlich zurück, man müßte die Polizei holen. Ein Kreis hatte sich schnell um die beiden gebildet, die in einem seltsamen Kontrast zueinander standen: Der Betrunkene, zerfetzt und alles in allem ein Bild der Armut und des Grauens, und der wohlbeleibte Herr, die ringgeschmückte rechte Hand abwehrend vor sich gestreckt, das Gesicht von Entsetzen gerötet. Dann trat der Betrunkene überraschend aus dem Kreis heraus, und ohne im geringsten Notiz zu nehmen von den umstehenden Gaffern, die hier eine billige Sensation, etwa gar eine Prügelei zwischen den beiden erwartet hatten, ging er ein Stück weiter Plötzlich blieb er wieder stehen, die Augen weiteten sich vor namenlosem Grauen, und während er beide Fäuste nach oben schüttelte, schrie er in irrer gepeinigter Angst: „Gas! Gaaas...! Kerls— setzt die Gasmasken auf Bajonette raus, raus aus den Gräben! Sturmangriff! Hurraaah! Hurrraaah!" Das alles brüllte er wie irre heraus, laut, peitschend. Dann sank seine Stimme wieder in ein klägliches Wimmern zusammen. Kein Zweifel: er glaubte sich im Schützengraben. Jetzt erst merkten die Herumstehenden, jetzt erst wurde ihnen klar, daß das nicht nur Trunkenheit war, daß es mehr war: Erinnerung an den Krieg, die den Mann da gepackt hatte, die ihn hin und her schleuderte, ihm die Worte aus dem Munde riß. Manchen erfaßte Schrecken. Der wohlbeleibte Herr, der den Zusammenstoß mit dem Irren gehabt hatte, wurde bleich. Eine der eleganten Damen sagte nervös zu ihrem Begleiter: „Warum muß man sich das denn antun? Komm weiter, sonst kann ich die ganze Nacht kein Auge zutun." Und sie verschwanden in der Drehtüre eines Kaffees. Ein großer, hagerer Mensch, im Knopfloch das Abzeichen eines politischen Leiters der NSDAP., konnte sich nicht enthalten, zu bemerken: „So ein dreckiges Frontschwein!" Als er jedoch bemerkte, daß keiner seine Bemerkung aufgriff, ging er weiter. Zwei Mädchen. Lyzeumfschülerinnen, hatten nicht begriffen, was hier vorgegangen war. Sie fanden die Sache belustigend und kicherten in sich hinein. Der Mann war weiter geschwankt. Immer noch schreiend und gestikulierend, Wortfetzen drangen zu uns: ,,....Ypern ... brav, Kerls... Handgranaten dazwischen ,,,!" Die Menge, die sich langsam verlief, atmete plötzlich erleichtert auf: ein Ueberfallkommando erschien. Zwei Beamte sprangen ab, rissen den Mann auf den Wagen, und während der Wagen in schnellem Tempo zwitschernd die Straße hinunter fuhr, brüllte dei Mann wieder, indem er mit der einen Hand den Wagenrand umklammerte und mit der anderen Hand einen jungen Schupo am Knopf festhielt, laut gellend sein:„Gas! Gaaas!" über die Straße. Zwei Minuten lag die Wilhelmstraße wieder ruhig wie zuvor. Flaneure kamen aus den Kaffees und gingen'in die Kaffees, Gymnasiasten bummelten mit ihren Mädchen, elegante Autos rollten über das Pflaster. An einer Ecke aber standen zwei Damen, die eine erzählte der anderen den Vorfall, und die schüttelte erstaunt ihren nach der neusten Mode frisierten Kopf: „Mitten im Kurviertel? Unerhört! Einfach unerhört...!" QentCeman JlicPiacd Strauß Er kapituliert vor Streicher Mitte Juli protestierte der„Stürmer", das Schandblatt Streichers, gegen die geplante Aufführung der neuen Oper von Richard Strauß, weil das Textbuch zu dieser Oper von dem„Juden Stefan Zweig" stamme. Der Angriff Streichers wurde von dem Dresdner„Freiheitskampf" aufgenommen; das Dresdner Parteiblatt forderte den Rücktritt des Dresdener Generalintendanten Adolph, der die Oper zur Aufführung angenommen hatte. Jetzt wird bekannt, daß Richard Strauß auf Grund der von Streicher eingeleiteten Kampagne seine neue Oper zurückgezogen hat. Sie wird also in Deutschland nicht gespielt werden. Die Militärschule Als Aufgabe des Unterrichts in der achtklassigen Volksschule bezeichnen die„Leipziger Neuesten Nachrichten" die „politische Erziehung im eigentlichen Sinne" durch„Geschichte und Leibeserziehung". Das Blatt gibt dazu folgende Erläuterung:„So verschieden Geschichte und Leibesübungen unterrichtstechnisch auch sein mögen, vom Ziel aus gesehen gehören sie zusammen. Sie sind mit ihrer gemeinsamen Richtung auf den nationalsozialistischen Staat die Kernfächer einer deutschen Staatsschule." Im übrigen soll die acht* klassige Volksschule den Vierzehnjährigen dazu erzogen haben, daß er„einfache Denkleistungen ausüben kann". Nordpol—Südpol durch Rundfunk verbunden Die Columbia-Broadcasting-Company hat einen Ingenieur nach Nordwest-Alaska zur Errichtung einer provisorischen Rundfunk-Sendestelle entsandt. Von dort aus will man einen regelmäßigen Sendedienst mit der Station der Byrdschen Südpolarexpedition in Little Amerika einrichten und somit zum ersten Male eine unmittelbare Verbindung zwischen den beiden Polargegenden der Erde schaffen. Die Wacht am Jlheiti- Alfons enfants Man macht jedem Volk aus lauten Trompeten ein Lied zurecht, das kriegerisch klirrt, man putzt seine Jacken mit bunten Nähten, damit der Mensch zum Soldaten wird; dann läßt man die Hymne recht häufig spielen, man wird auch trunken von Melodie, und im Rausch versöhnt man sich mit den Zielen der Stahl- und Rüstungsindustrie. So ist es gewesen und so soll es sein: Allons enfants,,. und: Die Wacht am Rhein. Die einen wollen das Elsaß haben, die andern geben es nicht mehr her, nur den Toten, auf Schlachtfeldern schleunigst begraben, fällt eine klare Entscheidung schwer; sie haben Erde in Herz und Mündern und modern langsam zu Krume und Staub, sie sind vergessen von ihren Kindern, denn Tote sind wehrlos, stumm und taub. Sie zu ehren, gräbt man in ihren Stein: Allons enfants.,. und: Die Wacht am Rhein. Man warte nach Kriegen so ein paar Jahre, dann klingt wieder neu die Melodie, damit auch der Sohn nach dem Vater erfahre den Segen der Rüstungsindustrie. Warum sich nur Völker betrunken machen mit Uniformen, Fahnen und Lied? Wär' es nicht traurig, es wäre zum Lachen, wie jeder Rausch die Vernunft noch verriet. So war es! Und soll es immer so sein? Allons enfants., J und: Die Wacht am Rhein? >. Wenzel Sladek ts geht weitet Die Ausschaltung der jüdischen Künstler und Schriftsteller Die Ausschaltung jüdischer Künstler und Schriftsteller ni Deutschland schreitet unter dem Terror der Nazi-Presse fort. In einer Mitteilung der Künstlerhilfe der Berliner Jüdischen Gemeinde heißt es, kaum ein Berufsstand, der von den Juden stark besetzt war, sei so sehr von der Umwälzung betroffen worden wie der der jüdischen Künstler. Während es bis vor einigen Monaten noch in einzelnen Ausnahmen Juden gestattet war, an öffentlichen Bühnen zu wirken, sei as jetzt kaum mehr möglich. In großen Scharen drängen die in Berlin ansässigen wie die aus der Provinz nach Berlin geströmten Künstler in die Gemeinde, um Unterstützungen un die Möglichkeit zur Fortsetzung ihres künstlerischen Daseiu» zu erbitten. Nur ganz wenigen könne geholfen werden. Unter dem Eindruck der Hetze des„Angriffs" und anderer Nazi-Zeitungen verschwinden immer mehr Bücher jüdischer Autoren aus den Schaufenstern der Buchhandlungen. Unter der Ueberschrift„Juden sehen dich an" brachte der„Angriff" in den letzten Tagen Fotografien von Büchern jüdischer Autoren, die noch in den Schaufenstern ausgestellt sind und appellierte an die Buchhändler, mitzuhelfen an der„endgültigen Säuberung des deutschen Schrifttums". Der Terror hatte den gewünschten Erfolg. „Angriff" erinnert an die Bücherverbrennungen im Mai 1933, stellt fest, daß„ein ansehnlicher Teil der volksfremden Literatur dem Scheiterhaufen entgangen ist" und deutet an, daß ein neues Bücher-Autodafe ihm nicht unerwünscht käme. Die Kulturpolitische Abteilung der NSDAP. Leipzig hat einen Sachverständigen für alte Dokumente und dergleichen ernannt, dem alle Fundstücke vorzulegen sind. Unsere Töchter, die Salinen Roman von Hermynia Zur Mühlen. z« »Ich habe einen alten türkischen Dolch, den ich als Papier- messer verwende. Bielleicht kann er Ihnen nützen?" „Ich meine Schießwassen," sagte der junge Mann un- geduldig. „schießwassen besitze ich nicht. Die Jagdflinten meines seligen Mannes habe ich nach seinem Tod seinem Bruder a*= schenkt." »Aber Revolver, haben Sie keine Revolver?" Ich blickte ihn erstaunt an. „Wozu sollte ich einen Revolver haben, ich kann doch Nicht schießen?", fragte ich unschuldig. „Ich weiß bestimmt, daß bei Ihnen Waffen versteckt sind." „Vielleicht," meinte ich nachdenklich,„hat meine Tochter Claudia, die Mitglied der Nationalsozialistischen Partei ist, eine Waffe. Das weiß ich nicht." Das Herz klopfte mir bis in die Kehle, aber ich konnte im Spiegel gegenüber sehen, daß mein Gesicht ruhig und freund- lich war. Eine Pause trat ein. Eine unheimlich lange Pause, wäh- rend der junge Mann sich im Zimmer umblickte. Wie lange werbe ich noch ruhig bleiben können?, fragte ich mich angstvoll. Solange der junge Mann redet, geht es noch, aber dieses Schweigen, diese Augen, die jeden Gegenstand im Zimmer abtasten, das ist unerträglich. Ich darf mit gutem Gewissen sagen, daß ich nicht um mich selbst Angst hatte? im Gegenteil, die Gefahr schien mich zu verjüngen? das war wohl die ewige unsterbliche Romantikerin in mir. Ich fühlte nur Furcht um die Waffen, die mir anvertraut worden waren, die ich hüten mußte. Wenn sie durch meine Schuld entdeckt würden... Aber der Zufall kam mir zu Hilfe. Bon der nahe gelegenen kleinen Kirche schlug es Mittag und gleich darauf läutete» die Glocken zum Angelus, Ich stand auf und sagte, noch immer lächelnd: „Nun werden Sie mich wohl auslachen, aber ich bin eine alte Frau, die treu an ihrem Glauben hängt." Und ich trat zu dem Betstuhl, öffnete ein wenig das Fach, holte ein Gebetbuch heraus, kniete nieder und begann'aut das Angelus zu beten. Ich betete lateinisch, auf diese Art konnte ich das Gebet zweimal sprechen, ohne daß der junge Mann es merkte. Und meine kleine List hatte tatsächlich Er- folg. Der junge Mann betrachtet mich ärgerlich, brummte dann etwas Unverständliches und verschwand. Mir aber machte es Mühe, vom Betstuhl auszustehen, so sehr zitterten mir die Knie. ," nb"b haben nachher sehr über die Geschichte ge- lacht. Fritz wollte die Waffen fortschaffen, aber ich ließ es nicht zu. Bei mir waren sie ja noch am sichersten aufgehoben. Aber ich wollte ja von Seppe! Schneider erzählen, der mich zuerst so mißtrauisch betrachtete. Erst als er die Revolver gesehen und die drollige Geschichte mit dem Spitzel gehört hatte, taute er auf." „Sie müssen jemand in Ihrem Motorboot über die Grenze bringen," erklärte er kurz. „selbstverständlich. Ich fahre ja jede» Tag spazieren, da fällt das nicht aus." Er runzelte die Stirn. „So einfach ist die Sache wieder nicht," erwiderte er.„Der Mensch, den Sie hinüberbringen sollen, will nicht." Ich blickte Fritz fragend an. „Du kannst ihr ruhig sagen, wer es ist," sagte er zu Seppel. „Es ist der alte Hoser, der sozialdemokratische Gemeinde- verordnete. Er ist schon einmal festgenommen und dann wie- der freigelafien worden. Nicht ganz so heil, wie er war." fügte er grimmig hinzu. „Ja," sagte Kati,„und wir wissen, daß er abermals ver- haftet und ins Konzentrationslager gebracht werden soll Der SÜ£ MlüydleMlgiaZng? Mann." „Worauf um Gottes Willen wartet ihr denn?', frage ich- „Bringt ihn heute abend her. Um Mitternacht kann er schon in der Schweiz fein, nicht wahr, Fritz?" „Er will nicht fort. Er sagt, daß er seine Leute nicht im Stich lassen kann. Seit einer Woche schläft er jede Nawl anderswo. Wir haben gedacht, daß er sich vielleicht doch z«' reden ließe. Aber er will nicht. Und wir wissen nicht, was wir mit ihm anfangen sollen." Mir kam ein Gedanke. „Wenn wir ihm einreden, daß er in meinem Motorboot übernachten soll? Dort sei er in Sicherheit. Und was will er tun, wenn das Boot dann auf einmal losfährt? Fritz, Ii« wissen ja, wie schnell es fahren kann. Wir sind, ehe er recht zu Bewußtsein kommt, an der Schweizer Grenze." Die beiden jungen Menschen begannen zu lachen. „Frauen haben doch manchmal gute Ideen," meinte Sep' pel.„Auf so etwas wären wir nie gekommen." „Gemacht," sagte Fritz.„Wir bringen ihn heute abend her/ Aber am Abend erschien Fritz mit langer Miene. „Heute will der Alt« nicht. Erst morgen." „Also gut, morgen," meinte ich. Morgen, das war der fünfundzwanzigste Mai. Marge«.' ich sagte es, als ob ein Tag wie jeder andere sein würde. Morgen... Die Sonne schien, als ich erwachte und gegen Mittag war es drückend heiß. Ich freute mich darüber. Wenn«in Ge« witter käme, so würde das für unfern Plan sehr günstig sei«- Claudia verbrachte den Vormittag mit mir im Garten. Es war«in stiller Tag. Wir sprachen zusammen von alte« Tagen, von Claudius Kindheit. Und als sie nach dem Mittagessen sagte: „Ich gehe i» die Stadt, Mutter, muß etwas besorgen/ küßte ich sie. jFortjetzung jolgLj 1 „Englands Grenze am Rhein Das außenpolitische Ereignis des Tages A. Ph. Paris, den 1. August 1984. (Bon unserem Korrespondenten Das große politische Ereignis des Tages ist hier Bald- wins Unterhausrede. Tie Bedeutung dieser Rede unter- streichen die Blätter jedoch durch Herausnahme der wichtig- iten Worte, die fast in der ganzen Presse sich als Ueberschrift wiederholen:„Englands Grenze i st a m R h e i n". Selbstverständlich findet diese Auffassung des stellvertretenden englischen Ministerpräsidenten hier überall einmütige Billigung und mit Genugtuung stellt >,Jour" fest, daß die klare Erkenntnis von der europäischen Gefahr England jetzt zu Maßnahmen zwinge, aus die man vor einigen Monaten noch nicht zu hoffen gewagt hätte. Tie Be- dcutung von Baldivins Rede liege vor allein darin, daß er von den Verpflichtungen gesprochen habe, die England auf dem Festland eingegangen sei. »»Petit Parisien" verzeichnet die Tatsache, zum ersten Male sei im englischen Unterhaus von der Regierungsbank aus der französischen -rhese zugestimmt worden, daß durch die Entwicklung der Luftwaffe Englands Grenzen auf das Festland hinaus- geschoben seien, ein Umstand, aus dem nun auch die englische Regierung nach Baldwins Worten angesichts der ganzen europäischen Lage die Konsequenzen ziehen wolle. „Einen Erfolg für die französisch-englische Freundschaff, nennt ..Pari» Midi" das Ergebnis der Abstimmung im Unterhaus, das sich mit der gewaltigen Mehrheit von 494 gegen 60 Stimmen für die Aufrllstungspolitik der englischen Regierung ausgesprochen habe: Etwas ironisch fügt das Blatt hinzu, Baldwin habe feine Ausführungen in einer energischen Sprache gemacht, wie man sie nicht im englischen Parlament gewohnt sei, seit- dem Macdonald bort im allgemeinen sich als Sprecher der englischen Regierung betätige. Endlich ösfne England die Augen, meint Gallus im »Intransigeant". Bäldwin habe genau das gesagt, was Frankreich seit langem vergeblich erklärt habe: Englands Grenze sei ebenso ivie die Frankreichs der Rhein. Abrüstung sei so lange unmöglich, wie die Sicherheit nicht gewährleistet sei. England brauche Zeit Um Begreifen, aber wenn es begriffen habe, dann gehe es mit Eifer und hartnäckiger Energie ans Werk. Man könne damit rechnen, daß es jetzt, wo es alarmiert sei. alle Maß- nahmen ergreisen werde, die erforderlich seien, um es Deutschland unmöglich zu machen, Schaden anzurichten. Bon tem Augenblick an, da England und Italien fest ent- schlössen seien, sich gegen jeden Angriff zu wenden und Hitler die Entfesselung eines Krieges nicht zu gestatten, werde es keinen Krieg geben. Aber schon jetzt, wo Frankreich und England einig seien, seien sie allein stark genug, um den Weltfrieden zu sichern. Gabriel Perreux kann es im „Pari» Soir" nicht unterlassen, dem englischen Ministerpräsidenten Mac» donald einen recht schmerzhasten Stich zu versetzen. Er meint, es märe von Maxdonald ganz klug gewesen, ein bißchen nach Kanada zu reisen. Er ivürde wohl kaum noch Eng- lanb beziehungsweise das von ihm geleitete Kabinett wieder- erkennen. Was habe man Macdonalb aber auch alles angetan! Erst einmal die Ueberraschung über den wundervollen Empfang, den Baldwin dem französischen Außenminister Barthou be- reitet habe. Dann die Zustimmung des englischen Kabinetts, ebenso wie des Ober- und Unterhauses zum O st l o c a r n o- Projekt, iveitcr die Rede, in der Baldwin im Untcrhause vor kurzem die Vermehrung der Luftflotte angekündigt habe. Dabei hätte sich Macdonald wahrscheinlich leicht eine diplo- matischc Krankheit holen können. Aber der Gnadenstoß wäre ihm wohl durch Baldwins letzte Rebe versetzt worden, wo Englands stellvertretender Ministerpräsident klipp und klar gesagt habe, England müsse imstande sein, an jedem Kollektiv- sicherheitssystem mitzuwirken, das vom Völkerbünde organisiert werde. Zur jüngsten Balbwinrcde selbst meint der Mitarbeiter des „Pari» Soir" man habe nicht deutlicher sagen können, baß an dem Tage, wo Frankreichs Grenze, die nach Baldwins Worten nun auch die Englands sei. bedroht sei, England an Frankreichs Seite sein würbe. Um zu diesem Ergebnis zu kommen, habe Deutschland erst fünfzehn Jahr long ungestraft alle Verträge verletzen dürfen, habe es der Schandtaten und des Blut- bades vom 30. Juni, habe es des gemeinen und niedcrträch- tigen Verbrechens von Wien bedurft. Froh darüber, daß Hitlerdcutschland sich jetzt völlig de- maskiert habe, schließt Perreux, man schaudere bei dem Gedanken, daß Hitlerdeutschland sich weniger ungeschickt oder zivilisiert hätte zeigen können. Des„Führers" Gcburlslagsaulo Und die verangMhftie Scüröpfang der„Gelolgsdiah" Aus Sachsen wird uns-geschriebene Zum Geburtstage des herrlichen Führers aller deutschen Arier wurde ihm von der Kreisleitung der NSDAP. Zwickau ein hochkomfortables Auto zum Geschenk ge- macht. Der ehrgeizige Kreisleiter Ewald Dost, Zwickau, fuhr selbst nach Berlin, um dem herrlichen Führer das Auto höchstpersönlich zu überbringen. Er wurde jedoch abgefertigt von einem Adjutanten vierter Klasse, da Adolf bereits in einem Wagen hochwertigster Qualität und feinster Ausführung aus Berlin ausgerückt war. Wer das Geburtstagsgeschenk eigentlich bezahlen sollte, wurde nicht klar. Das einemal wurde geschrieben, die NSBO. und die NSDAP. Ortsgruppe, das anderemal die Kreisleitung, und eine dritte Lesart informierte in dem Sinne, daß es die Arbeiter der Horchwerke gespendet hätten. Ter Herr Kreisleiter Tost hatte persönlich den Wagen eingefahren, war mit den Herren seines Stabes durch Deutschland gereist, wobei auf Kosten des Werkes für 150 Mark Benzin verbraucht wurden. Schließlich hängen an diesen 150 Mark aber auch die Kosten für das muntere Trinkgelage daran, das die braunen Herren bei dieser Probefahrt arrangierten, denn sie sind, mit Herrn Dost an der Spitze, feste Trinker. Nun hat am Sonntag, dem 17. Juni, eine Versammlung der Arbeitsfront und der NSBO. des Wirtschaftsbezirks Zwickau stattgefunden, die einigermaßen Licht in die dunkle Autosache brachte. Herr Dost macht zunächst die Mitteilung. daß der Führer sich in einem persönlich ge- richteten Handschreiben für das Geschenk bedankt hat. Er brachte das Schreiben zur Verlesung. Es lautet: Sehr geehrter Parteigenosse? Ich komme leider erst heute dazu, Ihnen für das wertvolle Geschenk, daß Sie mir anläßlich meines Geburtstages im Namen der gesamten deutschen Arbeiterschaft der Werk- stadt Zwickau überreichen ließen, meinen ausrichtigen Dank auszusprechen. Die Treue und Anhänglichkeit, die damit zum Ausdruck gebracht wurde, hat mich ganz besonders gefreut und ich bitte Sie, allen Beteiligten meinen ausrich- tigen Dank und meine besten Wünsche zu übermitteln. Mit deutschem Gruß gez. Adolf Hitler. Der Kreisobmann rückte darauf mit einer gehörigen Beweihräucherung des trinkfesten Kreisleiters Dost heraus, indem er folgenden fertigen Ausruf zur Verlesung brachte: Der Gedanke, unserem herrlichen Führer ein Wertstück deutschen Könnens und Fleißes der Arbeiter der Stirn und der Faust zu seinem Geburtstage zum Geschenk zu machen, ist unserem Kreisleiter zu verdanken. Schon immer Jean Jaurfis Saarbrücken, den 1. August 1934. Niemand hat, mehr für die friedliche Verständigung Zwischen Deutschland und Frankreich gekämpft als Jean Jaures. Niemand hat mehr als er getan, um den Krieg Zwischen den beiden Ländern zu verhindern. Und als der Ausbruch des Weltkrieges sein Lebenswerk zerstörte, fiel er selbst einem abscheulichen Verbrechen zum Opfer. Am 31. Juli 1914 wurde Jean Iaurös, der größte Sozialist seiner Zeit, ermordet. Shakespeare hat im König Lear das Idealbild des Königs gezeichnet: Jeder Zoll ein König! Jean Iaurds war das Idealbild des Sozialisten: Jeder Zoll ein Sozialist! Sozialismus war nicht nur feine Ueberzeugung. auch mehr als sein Ideal. Der Sozialismus war sein Leben, sein Gehirn, sein Herz, sein Atem, sein Blut. Alles was er tat, war erzieherisch. Alles was er sprach, war sozialistisch. Jeder seiner Gedanken war sozialistisch. Als er lebte, haben das noch nicht alle Sozialisten verstanden. Jetzt wissen wir. daß es ein großes Unglück für die sozialistische Bewegung war. daß zwar alle den ruhmvollen Namen von Iaurss kannten und ehrten, aber nur wenige von seinem Geist erfüllt waren. Jean Iaurös war ein bedeutender Wissenschaftler, ein großer Historiker, dessen Geschichte der französischen Revo- lution neue Bahnen der Geschichtsschreibung eingeschlagen hat. Es fehlte ihm nicht an der Fähigkeit, feine sozialistische Ueoerzeugung theoretisch zu begründen. Er hat aber für sie auch eine andere Begründung gehabt. Er war der Sozialist aus der flammenden Freiheitsliebe, aus der titanischen Macht jeines Herzens und aus seiner tiefen moralischen Einstellung zum Leben. Er verkörperte in sich einen immer lebendigen und allumfassenden Sozialismus. Er erwiderte einmal den Kritikern, die in der fozialisti- schen Lehre eine moralische Fundierung vermißten:„Ter Sozialismus braucht keine Laterne, um auf die Suche nach einer Moral zu gehen. Er ist in sich selbst und durch sich selbst eine Moral." Das sozialistische Ideal entstand für Iaurös aus dem leidenschaftlichen Drang zur vollkommenen Freiheit. Er zeigte auf, wie dieser Drang zur sozialistischen Ueber- zeugung führen muß. Und deshalb war für ihn die große französische Revolution, als deren geistiges Kind er sich fühlte, in ihren tiefsten Regungen sozialistisch. Untren»- bar war für ihn der Sozialismus mit dem Kampf um die Freiheit, um das Recht verbunden. Er hat das gezeigt, als er in der Zeil der Dreyfuß-Affäre in der vordersten Reihe der Kämpfer gegen das Unrecht stand. Der Sozialismus war für ihn die Tat. Er war vom Willen zur schöpferischen Tat. zur Umbildung des Lebens geradezu besessen. Seine Kritiker innerhalb der inter- nationalen sozialistischen Bewegung haben in diesem Willen sogar einen bedenklichen Opportunismus gesehen. In der letzten Zeit haben viele von diesen Kritikern ein- gesehen, daß Iaurss in jenem alten Streit Recht hat. Iaurös war ein großer Freund namentlich der deutschen sozialistischen Bewegung. Er hat in einigen seiner Reden seiner Verbundenheit mit der deutschen Sozialdemokratie wundervoll Ausdruck gegeben. Er bewunderte die gran- diose Organisation der deutschen Partei und der deutschen Bewegung. Um so größer war auch seine Sorge, daß die deutsche sozialistische Bewegung viel zu sehr eine Organisation und viel zu wenig eine politische Macht bleibe, stand bei ihm der VolksgemeinschastSqedanke der Geschlos- senheit der Arbeiter der Stirn und Faust in seinem poli- tischen Wirken und Wollen im Vordergrund. Nichts lag darum näher, als daß er es ermöglichen wollte, jedem beut- schen Arbeiter der Stadt Zwickau Gelegenheit zu geben, seine Verbundenheit mit dem Führer zu beweisen. Mit emsigem Fleiß und unendlicher Liebe wurde mit diesem Wagen ein Stück wertvollster deutscher Konstrukteurkunst und deutscher Qualitätsarbeit geschaffen. Die Verbunden- heit zum Führer mit diesem Geschenk kommt noch einmal darin zum Ausdruck, daß jeder Arbeiter der Stirn und der Faust der Kreis- und Kohlenstadt Zwickau sein Scherslein zum Bau des Wagens beiträgt. Ter Dank des Führers ist uns schönster Lohn für unsere auch damit bewiesene unver- brüchliche Treue. Heil Hitler Kreisleitung Zwickau W. O p v c I t, Kreisobmann der NSBO. und DAF. Und was folgte nun? In den Betrieben, auf den Schächten, in den großen Fabriken kamen Anschläge heraus, mit denen jeder Arbeiter und jede Arbeiterin auf- gefordert wurde, die Verbundenheit mit dem herrlichen Führer unter Beweis zu stellen und freiwillig für Hitlers Geburtstagsgeschenk zu spenden. DieUnternehmer wurde»veranlaßt, von den Löhnen und Gehältern der Arbeiter und Ange st eilten entsprechende Beträge gleich in Abzug zu bringen, ohne etwa er st Umfrage zu halten, wer bereit ist, dafür zu opfern. Der gesamten Arbeiterschaft bemächtigte sich eine ungeheure Empö- rung. In vielen Betrieben weigerte sie sich, auch nur einen Pfennig für ein Privatvergnügen Hitlers und seiner braunen Trabanten zu spenden. Die Bergarbeiter rissen sogar die Anschläge von den Tafeln und zertraten sie. Selbst die in den Betrieben beschäftigten SA.-Leute. die Mitglieder der NSBO. und der NSDAP, gerieten in hellen Aufruhr gegen das Stückchen ihrer Kreisleitung. Der 5'.verstand und die Empörung nahmen ernste Formen an. T'ele Drohbriefe beförderte die Post in das Braune Haus an die Adresse der braunen Bonzen. Noch mehr gingen noch Berlin, an Hitler und alle möglichen anderen Instanzen. Ein solcher Brief lautete: An Ewald Dost, Kreisleiter der NSDAP. Sie haben Hitler zum Geburtstag ein Auto geschenkt, und jetzt wollen Sic uns, die Arbeiter, dazu zwingen, cht nnd Hitlers Privatvergnügen zu bezahlen. Da sind Sie allerdings schief gewickelt. Dieses Auto ist mit allem wog- lichcn Luxus ausgestattet und kostet wohl seine 40 000 Mk., wenn es langt. Nehmen Tie Ihre Ncichstagsdiätcn, Ihre Riesen- einkünfte als brauner Bonze, nehmen Sic Ihren Gau- 'eiter und Statthalter Mutschmann, der ein dreifacher -chwcrverdiener ist und bezahlen Sic gefälligst Ihr nnd Hitlers Auto selber. Uns Arbeiter bekommen Tie nicht äazu. Wir können kaum die Wochenendfahrkartc bezahlen, können uns kaum ein Fahrrad kaufen, höchstens einmal auf Stottern. Und jetzt wollen Sie uns unser Geld ans der Tasche stehlen für Ihr Hitleranto? Nee, lausen Sie und Ihr Adolf Hitler auf Euren arischen Füßen, wenn Ihr auch Hühneraugen davon bekommt. Keinen Pfennig für Greuel Hitler. d>'8. Dieser Brief ist auch an Ihren herrlichen Adolf nach Berlin gesandt worden. Ter Widersland der Arbeiter blieb nicht ohne Erfolg. Die Sammellisten mußten nach dem 30. Juni zurückgc- zogen und bereits abgezogene Beträge zurückgezahlt ivcrden Doch das Geburtstagsauto soll irgendwo in einem Schuppen stehen, da Adolf Hitler infolge der vielen Drobbr'efe die Freude an dem Geschenk verloren und das A> lo nach dem 30. Juni angeblich wieder zurückge- schickt hat. Wer es nun bezahlt? Vermutlich gar niemand. Es wird braun angestrichen werden und Dienstauto der NSDAP, werden. Vielleicht müssen die Privatkasscn der NSDAP.-Mitglieder dazu herhalten. Im ordentlichen Reichshaushalt betrugen im Juni die Einnahmen 478,8 und die Ausgaben 504,2 Millionen Reichsmark. Es ergibt sich somit eine Mehrausgabe von 30.4 Millionen. Die englisch- italienischen Besprechungen über die Flottensrage in London wurden nach einem um- fassenden Meinungsaustausch abgeschlossen. Rom. Zwischen Italien und Bulgarien wurde ein Ab- kommen zur Herbeiführung regerer Wirtschaftsbeziehungen unterzeichnet. Schon am Anfang des Jahrhunderts übte er in diesem Sinne die Kritik an der deutschen Sozialdemokratie. Er betonte die erstaunliche Tatsache, daß der französische So- zialismus mit feiner ganzen Zersplitterung und ohne fest- gefügte Organisation in viel stärkerem Maße der poli- tischen Entwicklung seines Landes sein Gepräge gibt, als die deutsche Sozialdemokratie mit ihrer musterhaften Organisation, mit ihren Millionen Wählern und Hundert- taufenden Mitgliedern. Nach den bitteren Erfahrungen wissen wir. wie berechtigt diese Kritik und diese Befürch- tungen waren. Das historische Unglück der deutschen sozio- listischen Bewegung sehen wir heute darin, daß ihr der Geist von Iaurss fehlte. Der deutsche Sozialdemokrat lächelte manchmal wegen der feierlichen Schönheit der Reden und Schriften von Iaurss. In seiner Nüchternheit blieb ihm die Intensität des Gefühlslebens eines Iaurös verborgen. Was die Seele von Iaurös war, war für die deutsche Bewegung ein nahezu verbotenes Wort. Das war das Pathos der Freiheit: Die Liebe zur Freiheit als der innigste Antrieb zum Handeln und als moralische Pflicht. Man hat öfters Marx und Iaurss gegenübergestellt. Iaurös selbst war ein großer Bewunderer von Marx und fühlte sich als sein Schüler. Er empfand keinen Widerspruch zwischen seinem sozialistischen Glauben und dem wissenschaftlichen Sozia- lismus von Marx. Er hat Marx nicht nur gelesen, son- dern miterlebt, und wußte, daß die sozialistische Theorie von Marx aus dem gleichen Ethos der Freiheit, das ihn selbst beseelte, geboren war. Heute geht das deutsche Proletariat den furchtbaren Leidensweg zu dieser Er- Kenntnis! Pariser Beridite Eine Aasstellung der deutsdien Emigranten in Paris Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, findet im Herbst in Paris eine Ausstellung von Erzeugnissen und Waren der deutschen Emigration aller Länder statt. Prominente französische und deutsche Schriftsteller und Gelehrte werden das Protektorat übernehmen. Nach 17 Monaten Emigration ist dieses der erste Weg, die gesamte Emigration wirtschaftlich zu erfassen und ihr in einem würdevollen Rahmen den Markt, der vielen durch Unkenntnis bishör verschlossen blieb, zu eröffnen. Es ist geplant, Teile der Ausstellung in den großen Städten Frankreichs und evtl. den anderen Emigiationsländern als Wanderausstellung zu zeigen, die dann jeweils durch örtliche Aussteller ergänzt werden kann. Jedenfalls zeigt die französische Presse großes Interesse für die gesamte Idee, so daß kein Emigrant auf der Ausstellung fehlen dürfte. Für die Pariser Herbstausstellung sind folgende Abteilungen vorgesehen: 1. Pro, czenten aller Länder, 2. Ausstellung von Großisten, Verlagsanstalten, Künstlern, freien Berufen, sämtlichen deutschsprachigen Zeitungen. 3. Adressenmaterial in übersichtlicher Anordnung von Aerzten, Rechtsanwälten, Kliniken, Kurorten und Kuranstalten, Res taurat ionshe trieben, Gaststätten, Hotels usw. 4. Verkaufsstände von Detaillisten und Händlern. 5. Eine ideelle statistische Uebersicht über den Verlauf der gesamten Emigration in ihren verschiedenen Stadien und Ländern unter Beteiligung aller bestehenden Verbände, Hilfskomitees, Ligen usw. Nach dem großzügig angelegten Programm zu schließen, handelt es sich um ein Werk, das in allen Kreisen größte Beachtung finden muß, um so mehr, als die Gastländer den wirtschaftlichen Erfolg dieser Ausstellung ebenso wünschen als die Emigration selbst. Die Ausstellungsleitung liegt in den Händen namhafter Fachleute. Wir von uns aus wünschen der Ausstellung den allerbesten Erfolg und werden mit Interesse den weiteren Verlauf derselben verfolgen. Zwecks aller weiteren Auskünfte, die bereitwillig erteilt werden, wende man sich an die„EPMA"(Exposition des produits et des marchandises de la totalite de l'emigration allemande), 11, Place de Vaugirard, Paris XVe. Totenmesse für DoHSuO in Paris Am Dienstagvormittag fand im Dom von Notre-Dame in Paris ein feierliches Requiem für den von den Nationalsozialisten ermordeten österreichischen Bundeskanzler Doli- ruß statt. Das gesamte diplomatische Korps nahm an der Trauerfeier teil, darunter auch neben dem italienischen Botschafter und belgischen Gesandten der deutsche Botschafter Dr. Köster. Der Präsident der französischen Republik hatte sich vertreten lassen, während für die französische Regierung Außenminister Barthou und Marineminister Pietri erschienen waren. Nachdem eine feierliche Messe zelebriert worden war, erteilte Kardinal Verdier, der Erzbischof von Paris, dem toten Kanzler Absolution, Deutscher Klub Am Samstag, dem 4. August, um 21 Uhr, veranstaltet der Deutsche»lub in seinen neuen Räumen in der Rue de Vivienne ein geselliges Beisammensein(mit Tanz). Gäste sind sehr gerne willkommen. Für Mitglieder Eintritt frei. Gastbeitrag: 3 Franken. Nazimärchen aus Paris Ein Nazi Dr. H. von Halden erzählt in der braunen Presse folgendes Märchen aus Paris. Titel:„In der Hochburg der Semigranten":„Gegen ein Uhr morgens suche ich mein Hotel BRIEKCASTEM E. B., Wie». Sie machen uns aus die„Wiener Politischen Blatter" aufmerksam, in denen Ernst Karl Winter, der jetzige Vize» bürgermcister von Wien, schreibt:„Als Historiker wird man fest- stellen müiien, daß die sozialdemokratische Führung längst bereit war, ihre Macht über die Massen für eine Verständigung selbst um ein Linsengericht einzusetzen. Man war bereit, alle faktische Macht und selbst alle Errungenschaften hinzugeben, um die formale Mög- lichkeit, diese Verzichte irgendwann einmal wieder aufzuholen, d. h. um die Anerkennung daß das Parlament des allgemeinen Wahl- rechts nach Ablauf einer weitgehenden Ermächtigung für die Bundesregierung wiederkehren würde... So nahe war die Ar- beiterbewegung dem österreichischen Staatsgedanken und selbst der christlichen Denkweise noch niemals als vor dem 12. Februar... Ich, der konservative Denker, habe in dieser Zeit mit Otto Bauer kaum über ein Thema öfter diskutiert als über— die konstitutionelle Monarchie. Die Sozialdemokraten wären sehr weit mit- gegangen, wenn man sie hätte mitgehen lassen." Auch wir haben selbstverständlich Zweifel, ob Winter, der die österreichische Arbeiter- klage mit dem Regime Dollfuß aussöhnen will, die Stimmungen und Absichten der Führer der österreichischen Sozialdemokratie völlig rich- tig wiedergibt. Aber daß die österreichische Sozialdemokratie alles vcisucht hat, um einer blutigen Auseinandersetzung aus dem Wege zu gehen, bezeugt kein Geringerer als Otto Bauer. In seiner nach den Februarkämpscn erschienenen Broschüre„Der Aufstand der österreichischen Arbeiter" schreibt er:„Erstens haben wir uns ein Jahr lang bemüht, zu einem Kompromiß zu gelangen, um die Situation zu verhüten, die uns nur noch die Wahl zwischen Kapi- tulation und den Aufstand ließ. Die Versuche, zu einer Verstän- digung mit den Herrschenden zu gelangen, seien ein„Verrat" an den Arbeitern gewesen. In der Tat haben wir gewußt, daß, um mit Engels zu reden,„ein wirklicher Sieg des Aufstandes zu den größten Seltenheiten gehört", haben gewußt, wie gering die Aus- sichten eines solchen Sieges unter den gegenwärtigen Umständen waren, wie furchtbar die Gefahren einer Niederlage. War es nicht Pflicht, alles Erdenkliche zu versuchen, um die Lage, die die Arbeiter zu einem Verzwciflungskampf unter ungünstigen Umständen zwänge, zu verhüten?" Kamerad, Haisa. Sie, einer der ältesten, treuesten und selbstlose- stcn Mithaber, gehören nun auch zu den Akademikern, die„drüben" Existenz und Lebcnsraum suchen. Sie schreiben uns:„Ich hoffe, bald wieder etwas Zeit für die Mitarbeit zu haben, denn ich will auch weiterhin Ihr Mitarbeiter bleiben. Das ist mir nicht nur eine Freude, sondern ich betrachte es auch als meine Pflicht als beut- scher Sozialist, meine schwachen Kräfte nach wie vor in den Dienst des Befreiungskampfes für unser armes Vaterland zu stellen. Sie werden also hoffentlich bald wieder von mir hören. Einstweilen danke ich Ihnen herzlich für die prompte Zusendung Ihrer Zei- tung hierher. In diesem fernen Lande ist mir Ihre Zeitung noch in viel höherem Maße notwendig, sa unentbehrlich geworden, und ich stelle jedesmal mit freudiger Genugtuung fest, daß das Blatt sich in jeder Beziehung in aufsteigender Linie bewegt, so daß ihm der erste Platz in der gesamten Emigrantenprege gebührt. Es würde für mich ein unersetzlicher Verlust sein, die„Deutsche Freiheit" entbehren zu müssen." Gewandter deutsch-französischer Stenotypist 3i lahre, Anfanger für Englisch und Italienisch; perfekt amerik. hudi- haltung. sucht neue Sielhing. Angeb. an Erich G ese, 59 tiu. de Stras- bjurg, Aulnay slBois IS