Sinzigs unabhängige Tageszeiiung Veuischiands l^lr. 180— 2. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, den 7. August 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Der Mensch ist sehr stark, sobald er sich damit begnügt, nur das zu sein, was er ist; er ist sehr schwach, wenn er sich über die Menschheit erheben will. i.. Wenn man stets sein will, was man nicht ist, gelangt man schließlich wirklich dahin, sich für etwas Anderes zu halten, als man ist, und wird ein völliger Narr. Jean Jacques Rousseau. Tor den Winfcrsdiladitcn des dritten ßeidies Die Plane des Wirfsdiaflsdlhlolors Dr. Sdiadif Berlin. 6. August. Von besonderer Seite erfahren wir: Die Betrauung des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht wit dem Reichswirtschastsministerium ist der Sieg aller der Gräfte, die aus wirtschaftlichem Gebiete der sozialen Demagogie praktisch einstweilen keine Zu- geständnisse mehr machen wollen. Hitler selbst ist in der Wirtschaftspolitik vollkommener Laie und seine Entscheidungen werden stark von dem Grade Persönlichen Vertrauens beeinflußt, das er seinen Wirtschaft- lichen Beratern, entgegenbringt. In dem Kampfe, der schon seit längerer Zeit zwischen dem Reichswirtschastsminister Schmitt und Schacht sich um Währung und Wirtschaft ent- wickelt hat, siegte Schacht, weil er seit Jahren großen Ein- sluß auf Hitler zu gewinnen wußte. Schmitt ist keineswegs so leibend, wie behauptet wird. Er reist und ist sogar auf die Jagd gegangen: Sein Gegensatz zu Schacht ist das seit langem dauernde Ringen zwischen den Wirtschaftern, die eine Kreditaus weitung zum Weitertreiben der„Ankurbelung" und Scheinkonjunktur anstreben, und denen, die durch eine deflationistische Drosselung der öffentlichen Ausgaben Rettung suchen. Dr. Schacht vertritt mit großer Entschiedenheit diesen Weg. Er will insbesondere die Ausgaben für Arbeits- b e s ch a f f u n g und die Rüstungsindustrie abstoppen und handelt damit nach demselben Grundsatz wie im Winter 1923/24, als er durch rücksichtslose Drosselung der öffentlichen Ausgaben die Währung stabilisierte. Allerdings ist das eine Politik, die nun viel schwieriger ist als damals. Die deutsche Wirtschaft ist von der Weltwirt- schast auf sehr weiten Gebieten abgehängt. Auch bei rück- i sichtslosem Lohndruck ist an Rückeroberung des Exports 1 nicht zu denken. Die Kaufkraft im Innern aber ist kaum gestiegen, wie die seit dem vorigen Jahre trotz angeblich Millionen Neubeschäftigter kaum erhöhte Lohnsumme be- weist. Das Hamstern zahlungsfähiger Kreise kann nur in einigen Industrien einen vorübergehenden Ausgleich schassen, der z. B. in der Textilindustrie jetzt schon durch den Rohstoffmangel zerstört wirb. Infolgedessen muß die Poli- tik Schachts zu baldigen großen Arbeiter- entlassu ngen führen. Wo das nicht geschieht, muß^eine weitere Streckung der Arbeitszeit oder eine weitere Ten- kung der Löhne eintreten, um den Unternehmern das Durch- halten größerer Arbeiterzahlen zu ermöglichen, als die Be- schästigung des Betriebes erfordert. Eine Erhöhung der sozialen Spannungen und ein weiteres Anwachsen der Ent- täuschungen ist also unvermeidlich. Das ist keine schwankende Perspektive, sondern Gewiß- h e i t der Entwicklung und auch Dr. Schacht rechnet damit. Daher die Pläne einer„Arbeitspflicht", die sehr weite Schichten der Erwerbstätigen um- fassen und unter„s o z i a l i st i s ch e r" E t i k e t- tierung eingeführt werden soll. Von der wachsenden Nivellierung der Einkommen in den Masienschichten, die natürlich nach unten geht, erwartet man gewisse demagogische Wirkungen, weil die Arbeiter und Angestellten sehen würden, daß es Millionen Volksgenossen, die sich früher sozial über sie erhoben, nun auch nicht besser geht. Zwang und gesteigerte Propaganda sollen das übrige tun, um den gewaltigen Druck nach unten nicht zu Explo- sionen führen zu lassen. Dennoch wissen alle Unterrichteten, baß es sich um schlecht- hin lebensgefährliche Experimente für das„dritte Reich" handelt, um Maßnahmen, die aus reaktionären Absichten in revolutionäre Dynamik sich verwandeln können. Die Sorgen gelten vor allem den Bauern und dem Mittel- stand, denen das System nichts zu bieten hat, während es die Arbeiter immerhin glaubt darauf hinweisen zu können, baß sie bei niedriger Lebenslage doch ein gewisses Existenz- Minimum im Betrieb oder im Arbeitsdienst garantiert erhalten. Die Aera der Wirtschaftsbiktatur Schacht wird jedenfalls bald sehr tiefgehende Wirkungen haben. Nicht zuletzt wird sie für die soziale Demagogie Hitlers eine starke Belastungsprobe sein. Beldisführer gibt Interview frledensschalmelen nadi allen Windrichtungen 8 ondon, 6. August. Der bekannte englische Journalist, Ward Price, Berliner Berichterstatter der„Daily Mail", hatte am Sonntag mit dem„Reichssührer" eine lange Unterredung, im Lause deren Adolf Hitler wichtige poli- tische Erklärungen über die gegenwärtigen großen cnro- päischen Fragen macht, über Kriegsdrohungen, das deutsche Flugwesen, die österreichische Lage, die Wirtschaft- lichen Schwierigkeiten des Reiches. In der Reichskanzlei, von Adolf Hitler empfangen, kam Price sofort auf die Politik zu sprechen. Er bemerkte: vor Jahren hatten wir Krieg. Man kann eine Parallele zwischen der Situation 1914 und von 1984 ziehen.„Ew. Exzellenz ist vielleicht der Mann, der berufen sein wird, am stärksten den Laus der Ereignisse zu beeinflussen. Wie öenkcn Sie darüber?" „Wenn es nur, auf Deutschland ankommt" erwiderte Hitler, bann wird es keinen Krieg geben.„Mein Land ist Uefer als je durch den Weltkrieg beeindruckt. 95 Prozent a«r Mitglieder der nationalen Reichsregierung hat periön- l'ch alle Schrecken des Krieges erlebt. Sie wissen, daß er kein romantisches Abenteuer ist, sondern eine schreckliche Katastrophe. Die ge enwärtigen Probleme Deutschlands können durch keinen Krieg gelöst werden. Wir verlangen aur eins: daß unsere gegenwärtigen Grenzen aufrecht- Erhalten bleiben. Glauben Sie mir, wir werden nur die Waffen ergreifen, um uns zu verteidigen. Hitler macht dann eine Anspielung auf Baldwins Worte »Englands Grenze ist jetzt der Rhein", und sagte weiter:„Wenn man sich an Baldwins Worten ein Beispiel nimmt, dann könnte irgendein französischer Staatsmann dazu kommen, zu erklären daß Frankreichs Grenze an der Oder sei oder daß Rußland die Donau als seine nationale Berteidigungslinie ansehe. Man kann unmöglich Deutsch- kand einen Vorwurf daraus machen, wenn es seine Landes- grenzen, die im Innern Deutschlands liegen, verteidigt. £*> EliMA daraz dMt, uns anjugr.?ijest, Je werben wir jemals mit ihm am Rhein oder anderswo eine Auseinandersetzung haben. Wir haben nichts von England zu fordern." „Auch nicht, soweit es die Kolonien angeht?" „Wegen der Kolonien schon ganz und gar nicht," erklärte Hitler ganz trocken. Price kam nun auf die für Deutschland peinliche Frage des Flugwesens zu sprechen und erwähnte die erstaun- liche Zahl von Flugzeugen, die aus Befehl der national- sozialistischen Regierung erbaut worden seien. Mit über- zeugender Offenheit erklärte Hitler, England hätte deshalb keinen Anlaß, unruhig zu sein. Er fuhr fort, die Maßnahmen, die wir ergreifen, ergeben sich aus den Tatsachen, daß wir aus dem Festland von einem Kreis von Mächten umgeben sind, die vielleicht einmal unsere Freunde sein könnten, die aber eines Tages an uns Forderungen rich- ten könnten, und die wir nicht unterwerfen könnten. Nachdem Price diese Worte aufgezeigt hatte, kam er nun darauf zu sprechen, wie sehr das Ausland wegen der Haltung der Nationalsozialisten gegenüber Oester- reich beunruhigt sei. Hitler antwortete bei diesen Worten etwas gereizt.„Wir werden Oesterreich nicht angreifen," sagte er energisch.„Aber wir können doch nicht hindern, daß die Oesterreich«: ihre alten Rezichnngen zn Deutschland wiederherstellen wollen. Diese Staaten sind nur durch eine in Wirklichkeit nicht exi- stierende Grenze getrennt. Wenn ein Teil Englands von dem übrigen getrennt wäre, wie wollte man die Einwohner an dem Wunsch hindern, in den Schoß des Mutterlandes zurückzukommen?" „Aber Oesterreich war niemals ein Teil Deutschlands!" „Im Jahre 1896 waren beide Länder zusammengeschlossen km Deutsch en M/ 1 Das feudale Konzentrationslager Von Alvensleben bis Düsterberg Berlin, 6. August.(United Preß.) In Lichtenburg bei Torga», wo vor dem Kriege ein großer Truppenübungs» platz war, ist Deutschlands ncnrsteS Konzentrationslager. Es ist eine größere Anzahl von Personen, meist SÄ.- Führer, dorthin gebracht worden, die im Verdacht stehen, mit der Röhm-Revolte irgendwie zu tun gehabt zu haben. Das Lager Lichtenburg wird besonders streng bewacht, und das Schicksal der Insassen ist noch völlig ungewiß. Unter den in das Konzentrationslager eingelieferten„Verdächtigen" befindet sich eine ganze Reihe bekannter Persönlich- leiten, so u. a Werner von Alvensleben. ein ehe- maliger Armceosiizier, der kurz vor Hitlers Macht- ergrcifnng eine Art Vermittlerstelle zwischen von Papen und Hitler einnahm. Ferner befindet sich unter den In» fassen des Konzentrationslagers Lichtenburg der frühere Leiter des Berliner Büros des akademischen Austausch- dienstes, Adolf M o r s b a ch, der beiannte Rechtsanwalt und Verteidiger Ludcndorfss im Hochverratsprozeß, der Hitlers Münchener Putsch vom Jahre 1928 folgte, Walter Luetgcbrnnc, der aus den Baltiknmkämpsen her be« kannte Truppensübrer Baron von Medem, der frühere stell» vertretende Stahlhclmsllhrcr, Theodor Duesterbcrg u d andere. Die Zahl der Anfallen des Konzentrationslagers Lichten» bnrg dürste 299 überschreiten. „Denkt Ew. Exzellenz an die Wiederherstellung deS Heiligen römisch en Reich S?" Hitler vermeidet darauf die Antwort.„Das Anschluß- Problem ist im Augenblick nicht aktuell. Ich bin überzeugt, daß, wenn man heute in Oesterreich eine geheime Abstim- mung einleitete, die ganze Lage sofort klar werden würde. Oesterreichs Unabhängigkeit steht auf jeden Fall außerhalb der Diskussion." Nunmehr kommt der Interviewer auf die Wirtschaft- licnc Lage des Reichs zu sprechen. Hitler schien ganz optimistisch und machte den andern Ländern, die nicht in Deutschland kaufen wollen, für die gegenwärtige Lage mit all ihren Gefahren verantwortlich. Er versicherte, die deutschen Techniker würden das Land unabhängig von allein Rohstoffbezug machen:„Die Welt kann lachen, wenn sie eine solche Erklärung hört," meinte der Reichssührer,„aber sie w-ld vielleicht in zwei Jahren erstaunt sein, zu entdecken, daß es uns glänzend gelungen ist, Baumwolle, Wolle und die anderen Rohstoffe uns selbst zu beschaffen." „Soweit es im gemeinsamen Interesse aller Länder liegt, baß Deutschland weiter internationaler Käufer und Ber- käule bleibt, so müssen darüber die anderen Nationen ent- scheiden." Während Hitler seinen Besucher hinausgeleitete, appellierte er an die angelsächsische Sympathie und wies darauf hin, daß beide Völker der germanischen Rasse angehörten. kill den«enerSlen Des geheimnisvolle Hindenburg-Testament Hitler drohte... . Paris,«. August. Charles S i c c a r b, ber mitteleuropäische Sonder- bcrichter'tatter des„Paris Soir" macht seinem Blatt auf- sehcnerregende Mitteilungen, die, wie er behaupiet, aus best- informierten Kreisen stammen. „In der Nacht vom 39. zum 81. Juli hat eine geheime Be- sprcchnng stattgefunden, an der Hitler, Göring, F r i ck, Heß, Darre, Rosenbcrg, General v. E p p, Lutze und Himmler teilnahmen. Aus dieser Konferenz wurde be- schloffen, die Reichswehr durch die Ernennung Hitlers zum Reichssührer voreinevollendeteTatsachezu stellen. General von Epp machte einige Einwendungen hinsichtlich der Stellung der Reichswehr, auf die Hitler erwiderte, daß er selbst die Lage den Generälen auseinandersetzen und bei etwaigem Widerstand vor Verhaftungen nicht zurück- schrecken würde. Göring machte auf das politische Testament des Reichsprä- sidentcn von Hindenburg aufmerksam, das die Empfehlung eines Hohenzollern zum Nachfolger enthalten sollte. Nach dem Bericht der Gestapo soll ins geheim eine Abschrist des Testa- «xtzts.»°jch Dyyrn qesnw&l WrdM M». Das Original so? 96 Sei dem Rittergutsbesitzer von Oldenburg-Januscha« de- finden. Auch diese Bedenken beeindrucken den Führer nicht, «««eint. Oldenbnrg.Jannschan könnte man„das Maul stopfen, der im Falle eines Bruches des Schweigens durch die Hohenzollern diesen mit der Ausweisung und der Beschlagnahme ihrer Güter drohte. Am Borabend des TodeS Hindenburgs empfing Hitler dann die Generale von Blomberg, von Gritsch und von Reichenau, denen er erklarte, daß er allein in der Vage sei, das Land vor bewahren. Hitler erklärte sich bereit, schriftliche Garantien dafür zu geben, bah er niemals etwas jnm Bachteil der Reichswehr unternehmen und die sozia- UsUlchen Tendenzen innerhalb seiner Partei beseitigen werde. Diese Versicherungen wurden beim Protokoll niedergelegt, das e'nen richtigen Bündnisvertrag zwischen Hitler und der Reichswehr darstellt.« * Auch von anderer Seite kommen ähnliche Details über den »Pakt mit den Generälen«. Ob die Mitteilungen des„Petit Tair« in allen Einzelheiten stimmen, ist schwer zu ermitteln. Sie haben einen großen Grab von Wahrscheinlichkeit für sich. Bleib! Papen noch eine weile? Das Pflästerchen Berlin, 6. August. Nach dem Gesetz über die Nachsolgcschast des ReichSpräsi- oenten bestimmt Adolf Hitler selbst seinen Stellvertreter. Der Stellvertreter des Reichskanzlers heißt: Vizekanzler! Der bisherige Vizekanzler, Herr von Papen, ist von Hitler zum Gesandten in Wien ernannt worden. Gleichzeitig wurde er ausdrücklich„von seinem Amt als Stellvertreter des Reichskanzlers« entbunden. Jetzt wird Herr von Papen wiederum offiziell als Vizekanzler bezeichnet. Unter den Gesetzen über dir Rachsolgeschaft de« Reichspräsidenten und über den Volksentscheid am 10. August, die von allen Minister» unterzeichnet sind, steht auch die Unter- schrist von Pape» in seiner Eigenschaft als Vizekanzler. ES ist aber nicht mitgeteilt worden, daß die Amtsenthebung von Popens als Vizekanzler rückgängig gemacht wurde. Aus der anderen Seite verschärst sich die Opposition gegen die Ernennung des Herrn von Papen zum Gesandten in Oesterreich in Wien selbst sowie in Rom. In politischen Kreisen wird damit gerechnet, daß dix neue Er- Nennung von Popens rückgängig gemacht wird unter dem Vorwand, daß nach dem Tode HindenburgS das Verbleiben des Herrn von Papen im Amte deS Vizekanzlers notwendig geworden sei. * Am 30. Juni und an den Tagen nachher ivar Herr von Papen zugleich verhaftet und mcht verhastet, sein Leben bc- droht und geschützt. Dann blieb er wochenlang Mitglied der Rcichsregierung, ohne an ihren Beratungen teilzunehmen. Er ist als Vizekanzler entlassen und heißt trotzdem Vize- kanzler. Der Reichskanzler Hitler soll seinen Stellvertreter noch ernennen, und Herr von Papen ist»och sein Stellver- treter. Eine ganze Kette von Geheimnissen und Rätseln. Man gewinnt beinahe den Eindruck, daß Hitler, der mit einer Handbewegung seine ältesten Freunde ermorden ließ, selber nicht weiß, was er mit Papen anlangen soll. Httler ist in größter Verlegenheit, und Herr von Papen wird zur Ver- körperung dieser Verlegenheit. Storni gegen den„Stornier? Nürnberg, 5. August 1034. Die Nr. 31 der Wochenschrift„Der Stürmer« wurde wegen der darin enthaltenen Beleid gung eines fremden Staats- oberhaupieS polizeilich beschlagnahmt und eingezogen. Die Wochenschrift„Ter Stürmer« wurde aus die Dauer von 1<1 Tagen polizeilich verboten. Streicher, Besitzer und Herausgeber des„Stürmer«, ist bekanntlich ein L'eblingsjreund deS Herr» Reichspräsidenten Adolf Hiilcr, der sich»och vor kurzem mit ihm in zahlreichen Posen fotografieren lieft. Sollte Streicher dem gekrönten Freunde nicht mehr gut genug sein? Solange wir die inkrim niertc Stelle im„Stur- mer« nicht kennen, läßt sich nichts darüber sagen. Man weiß vor allem nicht, ob nicht»nr eine G ite für das Ausland dahinter steckt— ähnlich iuw beim Verbot der Ritualmord- Nummer. Oöslcrreldis Unruhe Wien, 6. Aug. Die Rolle der Alpinen Montan- Gesellschaft, die den braunen Putsch finanziert hat. soll jetzt gründlich durchleuchtet werdxn. Der Ingenieur Josef Oberegger in Donawitz wurde zum Reglerungskom- misiar flir sämtliche Konzernunternehmnngen der Alpinen Montangefellschast bestellt. Der Vorstand der Alpinen Montan-Gesellschait hat eine eingehende Untersuchung der Vorfälle, die sich am 35. Juli und seither aus den Gesellschastswerken ereigneten, eingeleitet, In Frei st ad! wurden 45 Personen des deutschvölkischen Turnvereins verhaftet, die Turnhalle behördlich gesperrt und der Hcimwehr als Kaserne übergeben. Auch die Turnhalle in Ried wurde gesperrt. Räch einer Mel- dung der„Rcichspost« aus Linz wurde dort eine Nachrichten- zentrale ausgehoben und ein,ausländischer Kurier verhaftet. Eine Reihe von wetteren Verhaftungen ist»wrge- nommen worden In Alm bei Salzburg wurden 13» Stiel- Handgranaten gesunden-und neun Personen verhaftet. Die Slandgerichtsanzeige wurde erstattet. Das Befinden Dr. R t n t e l e n s, der im Spital liegt, hat sich verschlechtert Es besteht die Gefahr einer Herzcmbolie. Der verhaftete Polizeidirektor Stcinhäusl und der ver- hastete Poltzeioberkommisfar G o t t s in a n n, deren Namen bei der Besetzung des Kanzleramtes in verdächtiger Weise genannt wurden, sind dem Landesgericht eingeliefert worden. Mc Beiden stihtotoren Hiller und Sdiadil: beide in Nol Die Bombe Von unserem Korrespondenten A. Ph. Paris, 0. August. Niemand neidet hier Deutschland die Lage, in der es sich zur Zeit befindet. Niemand neidet auch Deutschland seinen „Reichsführer aus eigene» Gnaden". Wenn man alles das zusammensaßt, was die französische Presse in den letzten Tagen über die politische Entwicklung äußerte, dann kann man, so iveit es die Person Adolf Hitlers anbetrifft, wohl sagen, daß das Urteil der französischen Oeisentlichkeit dahin lautet: Deutschland h a t den Reichsführer, den es verdien!. Dabei muß man feststellen, daß der weit- aus größte Teil der Preise ein solches Urteil mit ehrlichem Bedauern fällt und a u ch n u r m i t d e r E i n s ch r ä n k u n g. daß eben das deutsche Volk durch sein Ver- halten diesen Führer verschuldet hat. Immer wieder wird ausgesprochen, daß trotz aller M'acht, die Hitler heute in sich vereint, etwas stärker ist als er: das ist die W i r t s ch a f t des„dritten Reiches«. Darum spricht auch das„Journal« von den zwei Dikla- turen, die heute iiber Deutschland Gewalt haben, von der Hitlers und der Schachts. Hitler habe sich in seiner letzten Rede gerühmt, die Wirtschaftskrise niit Hille des deutschen E r f i» d e r g c i st c S zu lösen, der sa in der Kriegszeit gc- radczu Wunder aus dem Gebiet der Ehemie hervorgebrachi habe. Bei aller Achtung vor der deutiche» Wissenschaft müsse man über ein solches autarkijchcs Glaubensbekenntnis lachen. Doch die deutschen Staatsmänner lachten nicht. Sie wüßten, daß das Reich nicht ohne Rohstoffe bleiben könne. Tie wüßten auch, daß man eine Wirtichaits- und Geldkrise nicht mit Reden lösen könne. Schacht habe schon das gefährliche Vergnügen gehabt, Deutschland nach einem Bankrott wieder ans die V-ine zu bringen. Was erwarte man nun eigentlich von ihm? Solle er einen zweiten Bankrott verhüten oder die Liqui- dation beschleunigen? Dr. Schacht steht auch im Mittelpunkt der Ausführungen, die Gallus im„I n t r a» s i g c a n t« unter der be- zeichnenden Ueberschrift„Der andere Diktator« macht. Tresse Schacht Anordnungen, die in der Richtung zum Staatsiozialismus sich bewegten, dann werde er mit dem W i d e r st a n d der konservativen Kräfte in der Wirtschaft zu rechnen haben. Hitlers Diktatur würde für die Deutschen leicht sein wenn sie gut leben und ihren Hunger stillen könnten Schachts Diktatur habe mit diesen rein materiellen Problemen zu tun. Auf diesen Ministe»', auf seine Entscheidungen werde sich die Aufmerk- samkeit der Welt richten müssen. Hitler führe sei» Theater vor» im Rampenlicht ans Aber man achte aus den revolntionären Schatzmeister im Hinter- gründe, der wohl den Ztaatssoztalismus vorbereite. Wladimir D' C r m e s s o n meint im„F i g a r o". jetzt sei die Entscheidungsstunde für Hitler gekommen. Bisher habe er immer tagen können, Hindenburg habe ihn ge- hindert, die 3.'» Punkte des nationalsozialistischen Pro- gramins zu verwirklichen Diese Ausrede habe er nicht mehr. Wenn er jetzt Deutschland dein revolutionären Sozialismus auSl efern wolle, dann fei er gerichtet. Mit Hindenburg sei die beste Rückendeckung für die Konservativen verschwunden. Aber Gehcimkräfte seien noch da. In der Rächt vom 3». Juni habe man zahlreiche Arme bewaffnet zur Rettung des Vater- landes. Wenn aber das„dritte Reich" nun nicht endlich be- ginne, ivenn man nur so radikal spreche, u»n für eine Schein- abstimmung am 10. August die Massen einzusaugen, dann werde man neue und gefährliche Dinge erleben. Im„I o u r" entwickelt Georges Mareen an ähnliche Gedanke», wenn er tagt, seit ein und einem halben Jahre habe Hitler entgegen seinen Versprechen iveder Europa beruhigt noch Dein.chlands Wiedergefundung herbe. geführt. Werde man sagen daß er bis jetzt nichi allein regiert habe und daß er erst jetzt selbständig handeln könne? Tat- sächlich behauptet das die liattonal»ozialistt>ck»c Presse. Aber wem wolle man einreden, daß alle Fehlschlage in Hitler» Werk auf das Konto jenes„Andere n", des„Brem- I c r s". des großen Toten von Tannenberg zu setzen seien? In der Sonntagausgabe des„Figaro" meint Wladi- mir d'Orniesso». au, 10 August werde» ivohl 34 bis 33 Millionen Deutsche den„Reichssithrer" in seiner über- natürlichen Sendung bestätigen Am Tage daraus»verde man in der Rrolloper eine große Hitler-Rede hören, die diesmal be anders an Europa und die Welt gerechtet werde. Deutschlands inneres Leben»verde»vieber seinen alten Lauf gehen, nichts werde sich ändern. Aber, sagt der Verfasser, ich»vürdc mich sehr täuschen, wenn »vir nicht e nc neue Aktivität in der Außenpolitik des „dritten Reiches" erleben»Verden. Man wird iviedcr von Pakt, Vertrag und Genua reden— Fragen, die seil dem 3». Inn» elivas vernachlässigt wurden. Und Hitler»vtrd sich von neuem als Fiiedcnsengel auf Tollfuß kaltem Leichnain präsentieren. 200090 Loufepretircr sollen sdimcftern Bas den»die Volk Im ParadesdirlK an d e Urne Die„Wahl"-Kampagne, wird von dem Propaganda- ministe« Goebbels fieberhaft vorbereite». In den zwei Wochen, die noch bis zum 1». August bleiben, toll das deutsche Volk aus neuinstallierten£(J0 0U0 Lautsprechern mit einer Propagandaslut überschüttet werden. Hunderte von SA.-Ausmärschen werden organisiert. Die Gewalt- wähl des 13. November wird»viederholt: wer nicht frei- willig abstimmt, wird durch SA. und SS. zur Wahlurne geschleppt werden. „Manchester Guardian", das angesehene englische Blatt, sagt zur Komödie des deutschen Plebiszit?:„Der kleine Rest der deutschen Verfassung, der noch in Kraft geblieben ist. bestimmt, daß„der Reichspräsident von der ganze» Station geivählt ivird". Das neue Reick» Hai diesen Para- grase» bestehen lassen: die Machthaber Teutschlands haben keine» Grund, ihn abzuschafsen. Sie sind Meister in der Kunst, eine Volksabstimmung zu organisieren. Das Vlait erinnert an die„Wahl" von» 13. Rovcinber und iährt»ort: „In einer neuen Krise, in der sich die Machihaber heute befinden, gibt ihnen ein Plebiszit»nieder Gelegenheit, zu beweisen, daß die Deutschen wie ein Regiment zu den Urnen inarichieren können. Aber von diesem Augenblick, in dem sie»vie ei» Regiment defilieren, wird die Welt»venig bcein- druckt sei»" Die Baste». National-Zeitung" schreibt:„Damit die Ptackit»on» Volke a saeht,»vie der Führer erklärt, wäre noiwendia. daß es mehrere Parteien und K a n d i- da teil gibt, Ilickit bloß einen einzigen, der sich die Macht bereits a--nommen Hai So icdock» ist ein Rein der Wähler a»n 10. August nick'« bloß praktisch»vertloS, sondern auch psychologisch undenkbar. Denn es könnte ja nichts ändern, und da die WäMer»s-ht eriabren dürfen, inas ist daß sie gleichgeschaltet sind, ihre Presse aeknebelt sst, kein freies Wort aelproche». fnivt Versammlung abaebalte» werden darl, da auch keine d'» Abbin»"»>»«-> en-,trn»»»erau dürfen, da niemand sestst-llen r-n>„ was«rf,»„ boii Wahl nrne» befindet»"•ich- a-be»me Kelchen de>' Stij»»i»zcH»f ent Hüsten man und erblich iederma,,» npr Furch- ha»'n l>edei>-e-»Ik.it„ich' dns- ds<> drn-tche •Volk»einen Wicken h-'n"dä» i*nr r... linier ioi-'"N Ilm- stäuben m-rd n!e,i>a"d dein Plebikzil elna am'lscho Slk- den'»»»Ig beim"""-•»»'- dsn Mlbei-a» Ra'. 1 Pseblszs-en sind Wähler, die als Neinslimmer verdächtig waren, s ch iv e r bestraft und Orte mit relativ vielen Neinstiinmen emp- findUch. heW!.nv»»»»en worden. Wieder einuial wird der Parademarsch der SiiiNmzeitdl veräüstalkel. Kein Zweife», daß er klaglos ausfallen-wird. Rur wird nichts bewiesen als Verfälschung der Demokratie"und Angst des Systems.« * „Das ist unser.Gottesgeschenk!«, hat Göring ausgerufen, als er erfuhr, baß Hindenburgs Erkrankung so schlver sei, daß an ein Auskommen nicht mehr gedacht werden tonnte. Mit 4» Millionen oder mehr Stimmen für die„Voltsabstim- iniing" sollen die Diplomaten der Länder bearbeitet»ver- den: mit ihnen ivird Goebbels eine neue Aktion in der z eltpressc zu entsachen versuchen. Mit ihrer Hilf« ivird das Regime den Versuch unternehmen, über den gesürchtcten Winter hinwegzukommen. Alle Berechnungen der Nazis » erden über den Hausen geivoricn, wenn das deutsche Volk und die Welt sich daran erinnern, welche nach- gewiesenen Betrügereien die Wahl vom November des vorigen Jahres mit sich brachte. Hier versagt die Regie- kunst der Herren des„dritte- Reiches«. . tiarnfs'ci" Man berichtet uns aus Berlin: Vor einigen Tagen bildete im deutschen Rcichsivehrministerium die Schreib- »vcise der Weltpresse aegen da-'-„dritte Rei-ß« den Gesprächs- stiff. Die einmütige Verurteilung des Naziregimes löste in- dessen durchaus keine Empörung aus. Vielmehr»vurde jede tiessende Bemerkung mit Schmunzeln zur Kenntnis gc- nommen. Eine lange Debatte entfachte das Schimpfwort „Gangster", mit dem die deutsche Regierung seit Wo-ben in der Welt belegt»vtrd. „Wissen Sie aber auch, fragte da plötzlich der Oberst v. V- daß dieses Sck'imviivort eine deutsche Erfindung ist? In Stockholm hat vor längerer Zeit eine Konferenz de» deutick-en volkskaiserlichen Opposition stattgefunden und dort hat Erzcllcnz v..* die deutsche Politik als das Ergebnis einer Philosonhie politischer Gangsters bezeichnet. AM Abend danach fand eine Unterhaltung mit Vertretern der Weltpreise statt, wobei das Wort wieder gebraucht»vurde. Es hat dann seinen Runblauf durch die Welt angetreten. SA. wird liquidiert Die Wirkung des Pakts mit der Generalität- Nack der B'mordunSi Rökms ist die Bahn frei- Tiefgreifende wirtschaftliche Wirkung Basel, 5. Aug. Die„Basler Nachrichten« melden aus Berlin:„In der Universitätsbibliothek explodierte nach 12 Uhr eine Bombe, die mit Zeitzünder ausgestattet ivar. Diese Explosion brachte eine Anzahl tlelnerer Flugblätter zum Vorschein die in den Saal flatterten und folgenden Text ausiviesen:«Heute wie 1014 sind die Brandstifter an» Werk. Kameraden, nur Räte-Deutschlanb bringt uns Frei- heit, Friede, Brot.« Die Flugblätter trugen über dem Text Hammer und Sichel. Berlin, 6. August. Mit fieberhafter Eile ivird an der Re- duktion der SA. gearbeitet. Die 3,5 Millionen starke SA. soll auf 320 000 Mann reduziert»verde». 150 000 SA.-Führer ein- schließlich Unterführer und Büroangestellte»verde» dadurch arbeitslos. Eine solche Reduktion niun eine unerhörte Steige- rung der Erivcrbslosenztsser bedeuten. Die Er-chüttcrung der Wirtschast ist daraus zu ersehen, daß die Gehalte für 150 OnO Führer und Unterführer»vegsallen. Dadurch»vtrd die künstliche Verminderung der Eriverbslosig- keit zum Teil ivieder ausgehoben. Ganz abgesehen davon, daß die Reduzierung der SA. auch auf die Uniformsabriken und ähnliche Institutionen Einfluß hat. Nachstehende Gehalts- aufstellung der TA.-Führung ohne Spesen mag zur Ncbersicht dienen. Vom Sturmsührer aufivärts stufen sich die Gehalte wie solat: Sturmsührer erhält Monatsgehalt von 40 Mark Obersturmführer„.„ ISO„ Sturmbannführer„.» 250„ Standartenführer erhält Monatsgehalt von 400 Mark Brigadeführer„„„ 600„ Untergruppenführer.„„ 700„ Gruppenführer„ 800„ Obergruppenführer„ 1000„ Zu diesen Funktionären kommen noch die Sonderbevoll- niächtigten bei den Behörden, die ebenfalls besoldet werden- Fernerhin soll das 80 000 Mann starke SA.-Lanbsägertorps auf 40 000 Mann reduziert»verde». Was das bedeutet,»nag man daraus ersehen, daß in diesem Korps der einfache Man» 36 Mark monatlich bei freier Verpflegung und Unterkunft erhielt. Zu diesen Tatsachen kommt noch die AuSwirkuna der Re' duzierung auf die einfachen SA.-Leute. Ob das„dritte Reich zu den sonstigen Schwierigkeiten diese Erschütterung ertragen kann, ist ziveisethast. Zwar ist die SA. äußerlich zusammen' gehalten, aber das Mißtrauen ist so groß, daß sie nie mehr schlagkräftig werdey kann. Tara» wixtz auch hi§ SS. nickt» ändexp könne» Saar-Kundgebung der Internationale Eine wichtige Forderung: Festlegung der Rechte der Bevölkerung für den Fall des Status quo Im Sitzungssaal der„Prevoyance Sociale" in Brüssel tagte am 3. und 4. August unter dem Vorsitz von Emile Vandervelde das Büro der Sozialistischen Arbeiter- Internationale. Es waren anwesend: Aising Andersen (Dänemark), Otto Wels(Deutschland), A. Bracke(Frankreich), W. Gillies(Großbritannien), I. W. Albarda(Hol- land), G. E. Modigliani(Italien), ein Vertreter der öfter- reichischen Sozialdemokratie, R. Abramowitsch(Rußland), R. Lindström(Schweden), R. Grimm(Schweiz), F. Soukup (Tschechoslowakei), Van Roosbroek, Kassierer, und Friedrich Adler, Sekretär der SAJ. Das Büro beschäftigte sich mit der allgemeinen politischen Lage und nahm einen Bericht von W. Gillies(Großbritannien) entgegen. Auf Antrag des Vorsitzenden hat das Büro einstimmig folgende Entschließung über die Volksabstimmung im Saargebiet gefaßt: Der Völkerbund hat einmütig seinen Willen bekundet, die höchstmögliche Sicherheit der Stimm- f r e i h e i t bei der Volksabstimmung im Saargebiet zu gewährleisten. Das Büro der SAF. ist der Meinung, daß diese Frei- heit nicht vollständig wäre, wenn die Bewohner der Saar keine andere Wahl hätten, als die zwischen der Unter- wersung unter die Tyrannei Hitlers oder der endgül- tigen Trennung von Deutschland. Es wäre im Gegenteil eine wertvolle Garantie der Freiheit der Abstimmung, wenn von maßgebender Seite eine Erklärung abgegeben würde, wonach im Falle sich die Mehrheit der Bevölkerung des Saargebiets für die Beibehaltung des gegenwärtigen Zustandes entscheiden sollte, diese Entscheidung nach gewisser Zeit durch eine neue ersetzt werden könnte und wenn indessen der Bevölkerung des Saargebietes die Sicherheit gegeben würde, daß sie in demokratischer Weise an der Verwaltung des Gebietes teil haben werde. Das Büro fordert die Parteien der SAJ. auf, in diesem Sinne aus ihre Regierungen einzuwirken. 22000 Saar-Arbeitersporttag Völklingen, 5. August 1934. In der Hochburg des Saarkapitalismus in Röchlings Reich marschierten gestern die Arbeitersportler und ihre Gesinnungsfreunde auf. Obgleich der Umzug ver- boten worden war und obgleich viele Teilnehmer aus den entfernteren Teilen des Saargebietes wegen der Höhe der ihnen entstehenden Unkosten nicht teilnehmen konnten, war die Veranstaltung ein großer und durch- schlagender Erfolg. 2150 Aktive marschierten im Stadion auf und rund 22 000 Zuschauer besetzten die Terrassen rund um das Stadion. Es war ein erhebender Anblick, als die Sportler, Naturfreunde und die Jugend des saarländischen Prole- tariats in geschlossenen Formationen unter Vorantritt ihren Kapellen und Spielmannszüge mit wehenden Ban- nern auf dem Hauptplatz des Stadions aufmarschierten. Stürmisch begrüßten die Tausende Zuschauer ihre aktiven Genossen und Freunde und brachten begeisternd zum Ausdruck, daß die Einheitsfront gewaltig marschiert und zum leuchtenden Symbol des Freiheitskampfes wurde. Die machtvolle Kundgebung war ein neuer Erfolg der Einheitsfront und ihres in frohem Eifer gesteigerten Freiheitskampfes an der Saar. vle Saar-Polizei Von unserem Korrespondenten Paris, fl. August. „Petit Parisien" und„Jour", beides weit verbreitete Pariser Tageszeitungen, drucken an auffallender Stelle die Eingabe ab, die die Saarländische Wirtschastsvereinigung über den Präsidenten der Regierungskommission in diesen Tagen dem Völkerbund zugeleitet hat und in der unter Be- ruiung auf die Ereignisse, die sich am 4. Juni in Saar- brücken zutrugen, die Schaffung einer Polizei gefor- dert wird, zu der die Saarbevölkerung Vertrauen haben könne. Saar-Arbeifsredit Im Gegensatz zu Hitler Während im„dritten Reich" die berühmte Tarisverordnung vom 23. Dezember 1918 ausgehoben, das Recht zum Tarif- abschluß den Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen genommen worden ist, hat die Regierungskommission des Saargebiets jetzt dem jahrelang gehegten Wunsche der Arbeit- nehmerschaft nach Schaffung eines Tarifrechts stattgegeben. Die Regierungskommission hat dem Landesrat einen Ber- ordnungsentwurf zugeleitet über die gesetzliche Reglung des Tarifrechts im Saargebiet. Der Entwurf, den wir ungekürzt veröffentlichen werden, bedeutet eine arbeitsrechtliche Lei- stung von außerordentlichem Wert. Das Gesetz macht sich die modernen Anschauungen auf dem Gebiet des Tarifrechts zu eigen. Es sieht die Unabdingbarkeit der Tarifverträge vor und regelt die Allgemeinvcrbindlichkeit. Besonders dankens- wert ist die klare und eindeutige Abgrenzung der taris- fähigen Arbeitnehmergruppen. Die sogenannten gelben Orga- nisationen und die NSBO. sind nach dem Entwurf nicht tariffähig. Die Tariffähigkeit wird denjenigen Organisa- tionen nicht zuerkannt, die Unternehmer in ihren Reihen dulden, von diesen abhängig sind, und solchen Organisationen nicht, die mit politischen Parteien verbunden sind. Das Institut der Allgemeinvcrbindlichkeit ist ähnlich ge- regelt wie in der Verordnung der Volksbeauftragten vom 23. 12. 1918. Oberste Instanz ist ein Tarifamt, das aus einem Vorsitzenden, der die Befähigung zum Richteramt hat und zwei Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeisitzern besteht. Wir werden in den nächsten Tagen das Gesetz ausführlich be- sprechen. legende Tannennerg Mit dem großen Trauergepränge am Feldherrnturm des Tannenbergdenkmals empfängt eine Legende ihren symbolhaften Abschluß. Morgen wird Hindenburg im Feldherrnturm des Tannenbergdenkmals beigesetzt werden. Eine Legende empfängt damit ihren symbolhaften Abschluß. „Wohl selten sind über eine Schlacht soviele Märchen erzählt worden wie gerade über Tannenberg. General- feldmarschall v. Hindenburg sollte nach den Erzählungen im Volksmunde schon vor einem Menschenalter die Pläne dieser Schlacht erwogen haben. Er sollte bereits als Generalstabsoffizier der 1. Division das Gelände er- kündet und Pläne für eine Trockenlegung von Seen und Sümpfen erfolgreich verhindert und auf Grund dieser seiner langgehegten Pläne die Russen bei Tannenberg in See und Sumpf getrieben haben. Eine andere Version schildert, wie er im Sonderzug von Hannover nach dem Osten eilend, von Station zu Station die Meldungen über die Lage empfing und seine Befehle dementsprechend zurücksandte. Alle diese Erzählungen sind frei erfunden. Tannenberg ist nicht das Werk eines einzelnen Mannes." (General Hoffmann, Aufzeichnungen Bd. II, S. 33). Während Hindenburg im Extrazug ruhig seiner Aufgabe entgegenschlief, vollzog sich der Aufmarsch zur Schlacht von Tannenverg bereits in allen Einzelheiten. Darüber hat General Hoffmann, der vielleicht fähigste Kopf der deutschen Armee des Weltkrieges, eine ausgezeichnete Studie geschrieben, die, aus der Feder dieses ersten Generalstabsoffiziers stammend, unwiderlegbar dargetan hat, daß der Entschluß zur Schlacht von Tannenberg ge- faßt und der Aufmarsch bereits durchgeführt wurde, als noch der Vorläufer von Hindenburg, Generaloberst von Prittwitz, das Oberkommando innehatte. Hindenburg und Ludendorff haben während ihres Anmarsches zwei telegrafische Befehle gegeben. Beide waren taktisch falsch und gegenstandslos. Als Hindenburg mit Ludendorff in Marienburg eintraf, legte ihm General Hoffmann die Aufmarfchplüne vor, nach denen bereits marschiert wurde. Ludendorfs hat keine Aenderung mehr vorgenommen. Das einzige Kommando, das Hindenburg zu geben brauchte, war:„Ohne Tritt marsch!" Man muß bei General Hoffmann nachlesen, mit welcher Selbständigkeit die verschiedenen Untersührer. u. a. von Francis. Gene- ral von Morgen und General van Mackensen gehandelt haben, wie sie Befehle Hindenburgs und Ludendorffs mißachteten und auf eigene Faust andere Wege gingen. General Hofsmann hat recht, wenn er feststellt:„Keiner hat die Schlacht gewonnen. Das hat sich alles ganz von selbst entwickelt." Einen ganz besonderen Anteil an dem deutschen Er- folge hat das Verhalten der russischen Heerführer. General Rennenkampf hat aus alter Feindschaft gegen General Samsonow diesen in der Patsche sitzen lassen und ihm die mögliche Unterstützung nicht gewährt. Der deutschen Führung wurde die Arbeit sehr erleichtert durch das Auffangen der russischen Funksprüche. Unbegreif- licherweise sandten die Russen ihre Gefechtsbefehle durch die Funkstation in Klarschrift in die Welt, ohne daran zu denken, daß die deutschen Stationen, vor allem die Großstation Königsberg, alle diese Befehle mitlasen und sie dem Oberkommando weitergaben. Hindenburg hat an dem nervenaufreibenden Geschehen in den Tagen des Tannenbergkampfes den geringsten Anteil. Nach Hoffmann besteht Hindenburgs Verdienst vor allem darin, daß er ohne tiefere Erkenntnis der Ge- samtlage in Ruhe und Gleichmut verhinderte, daß einmal getroffene Anordnungen umgestoßen wurden. Hofsmann sagt darüber(Band IIS. 29): „Tatsächlich gab es im Fortgang der Schlacht einen bestimmten, entscheidenden Augenblick, in dem General Ludendorfs, von allen Nerven im Stich gelassen, die aus- gegebenen Befehle noch einmal umstoßen wollte. Hier schuf der alte Generalfeldmarschall von Hindenburg. un- erschütterlich in Ruhe und Gleichmut, sich seinen bleiben- den Ruhm: Durch Nichtzulassen irgendeiner überhasteten, alles durcheinanderwirbelnden Abänderung dessen, was einmal nach ordnungsgemäßer Arbeit von ihm beschlossen, genehmigt und jetzt im Durchführen war." Also auch hier das wesentlichste der Tätigkeit Hindenburgs: Die Wir- kung als Bremser. Als Bremser wird er in die Geschichte eingehen, so- wohl für die Soldatenzeit wie für seine politische Tätig- keit. Nur einmal hat er im Bremsen gänzlich versagt, als er Papens Drängen nachgab und Hitler zum Kanzler bestellte. Dieses Versagen hat dem Vaterlande, dem er zu dienen glaubte, unermeßlichen Schaden zugefügt. Wir stehen erst am Anfang des damit b°ra"k''7s^moreyen Leidensweges. vle Kleinen hängt man... Hitler hat kürzlich zur Theaterwoche in Dresden allerlei wertvolle Geschenke bekommen. Auch andere Nazigröhen haben bereitwilligst kostbare Geschenke angenommen, ohne daß ihnen deshalb der Prozeß gemacht worden wäre. Anders allerdings ist es, wenn ein paar arme Teufel, seit Jahren aus Erwerbslosenpsennigc angewiesen, versuchen, sich ein paar Groschen nebenbei zu verdienen. Dabei handelt es sich also nicht um Geschenke, die viele Tausend Mark Wert repräsentieren, sondern um schwere Arbeit, die für wenige Groschen geleistet werden muß. So nahm das Arbeitsamt Dresden aus der Dresdner Vogelwiese eine durchgreifende Kontrolle vor, um etwaige Schwarzarbeiter festzustellen. Diese Maßnahme führte dazu, daß 182armeSchlucker, die einmal zu ihrer Arbeitslosenunterstützung ein paar Gro- scheu dazu verdienen wollten, gestellt und verhaftet wur- den. Ihnen wird nicht nur eine empfindliche Strafe auferlegt, sondern sie müssen obendrein noch mit dem Verlust der Unterstützung auf längere Zeit rechnen. 182 arme Teufel, die die Furie Arbeitslosigkeit furchtbar peitscht, bei denen zu Hause die Kinderchen vor Hunger nach Brot schreien, werden wegen ein paar Groschen Nebenverdienst hinter Gitte-stäbe gebracht. Das ist der soziale Geist des„dritten Reiches". Die Groden beschenkt man, die Kleinen hängt man. Vom Führer persönlich Die««verschworene Ciiaue" Es wird in den Kreisen der braunen Bonzokratie weiter gemaßregelt, abgesetzt, eingesetzt, strasversetzt und kaltge- stellt. Auch der Gauleiter von Pommern, Karpen st ein, hat unlängst daran glauben müsse.n, er wurde, wie der „Völkische Beobachter" mitteilt,„vom Führer persön- l i ch g e m a ß r e g e l". Nach welchen Gesichtspunkten solche Maßreglungen freilich erfolgen— das weiß der liebe Gott. Das Unternehmertum weiß es allerdings auch, es führt dem großen Staatenlenker sogar die Hand, wenn er allzu „radikalen Elementen" einen Scheidebrief schreibt, aber die Lautsprecher des„dritten Reiches" tun noch immer so, als werde einzig um der Moral willen„gereinigt". Und ein Teil der Bevölkerung glaubt das, hat noch immer nicht begriffen, daß bei einer ivahren Generalreini- gung die ganze braune Führergarnitur verschwinden müßte, von der Reichsspitze bis hinunter zum kleinsten Gemeinde- bullen. Jeder gutgläubige Bürger sieht und riecht nur den braunen Sumpf in seiner allernächsten Nähe, und viele tausende setzen sich hin, um dem vermeintlich gar so sitten- strengen Führer Adolf Hitler ihre Beobachtungen mitzu-. teilen. In der Reichskanzlei häufen sich die Beschwerde- briese, schmutzige Korruptionsfälle, schwere Roheitsexzesse, ekelerregende Vergehen an Jugendlichen werden ange- prangert und der Führer? Verbittet sich durch seinen Stellvertreter dieses„Denunziantcnunwesen" aufs schärfste. Heß gibt offen zu, es liege„eine große Anzahl Beschwerden vor", droht aber gleichzeitig: «Ich bin entschlossen, mich schützend vor jeden treuen «nd sauberen Führer der NSDAP, zu stellen, der als Ber- treter der Bewegung zu Unrecht verleumdet wird und künftig böswillige und leichtfertige Verleumder und Ehr- abschneider sowie nach Möglichkeit auch allen feigen/ ano- nymen Denunzianten durch das öffentliche oder Partei- gericht zur Rechenschaft ziehen zu lassen." Nun, bei dem herrschenden Terror in Teutschland wird kein normaler Mensch sich beschwerdeführend an die Reichs- kanzlei wenden, ehe er nicht stich- und hiebfestes Material beisammen hat. Das wäre Selbstmord. Dir Behauptung, die immer wieder durch die braune Presse geht, von den Beschwerdeschreiben, die bis in die höchsten Staatsspitzen gehen, seien 9ö bis 98 Prozent unrichtig und SS Prozent seien auf Böswilligkeit zurückzuführen, ist ausgekochter Blödsinn.— Aber was Hilsts, ob ein Unterführer„treu un) sauber" ist, das kann kein Laie beurteilen, das hat m>t moralischen Qualitäten gar nichts zu tun, das hängt allein von der Verwendbarkeit, Verdorbenheit, Kriechbereitschasi und Verschwiegenheit des braunen Würdenträgers ab. Wehe den gerechten Anklägern! Rudolf Heß befleißigt sich in seiner Bekanntmachung immerhin des üblichen, stubenreinen Tones, denn seine Worte könnten auch im Ausland beachtet werden. In der Provinz hingegen pfeift es anders, in der Provinz wird ganz unverblümt zugegeben, daß jede Kritik verboten ist. Genau wie zu Röhms Lebzeiten. Da berichtet z. B. die „Nordhäuser Zeitung" über eine„Mitgliederversammlung" des Kreisabschnittes der NSDAP. In dieser Versammlung wurden laut Bericht des nationalsozialistischen Blattes von den führenden Nordhäuser Braunen folgende Aeußerungen getan: „Es gibt auch in Nordhausen noch Kreise, die gegen uns arbeiten und sich sogar bemühen, unsere Ehre abzu- schneiden. Wir werden es aber verstehen, die Gerüchte- macher verdientermaßen zur Rechenschaft zu ziehen. Wir haben nichts anderes zu tun, als zu arbeiten für die Be- wegung, den Mund zu halten und keine Gerüchte zu ver- breiten. Und weil dem so ist, muß ich mir für mich und alle meine Kameraden verbitten, daß uns nur noch irgend- wie hier etwas angehangen wird... Wir brauchen keine Debatten, sondern es kommt allein daraus an, daß jeder. Befehl der Gauleitung sorgfältigst ausgeführt wird... Unsere Zeit braucht keine Kritiker, sie braucht nur Volksgenossen, die ihre Pflicht erfüllen... Es gibt nur eine Forderung: weg mit der Kritik, hinein in die Arbeit.. Wir von der Bewegung sind eine ver- schworene Clique. Keiner darf den anderen angreisen lassen." Und wer sich gegen die„verschworene Clique" von Gangstern, die sich des deutschen Staates bemächtigt hat, Klage zu erheben wagt, der wird gefoltert, gekillt, zer- trampelt. Nicht einmal die Namen der Abgeschlachteten werden mehr bekanntgegeben.— Dennoch häufen sich die Beschwerdebriefe zu Bergen— und eines Tages wird sich das Volk die Antwort darauf holen! „Heil Deutschland!" Frankfurt Oder, 3. August.(Jnpreß): Ein Bauer auS Schneidemühl, der am 1. Juli, nach dem Blutbad des 39. Juni. Bekannte mit„Heil Deutschland" begrüßt hatte und aus die Fraae warum er nicht„He'l Hitler jage, sich in be leidigendni Äußerung«! über Hitler ergangen haben soll wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Arbeite, erhielt fünf Monate Gefängnis, weil er über die Einkünfte von Goebbels„falsche Behauptungen" aufgestellt haben soll. .Deutsche Freiheit", Nr. 180 AKB8IT UMD WIHSOMI• Wirtschafts-Ruin I Was die Gangsters aus Deutschland gemacht haben Die Transferverhandlungen nähern sich allmählich ihrem Abschluß. Am 26. Juli ist der Vertrag mit der Schweiz zustandegekommen. Während das Abkommen mit England deshalb von Bedeutung war, weil es die Reichsschulden regelte und die Fortzahlung der Zinsen auf die Dawes- und Voung-Anleihe bedingte, ist die Schweizer Vereinbarung deshalb wichtig, weil sie die Reglung der Privatschulden enthält. Ebensowenig wie für die Reichsschulden hat Hitlerdeutschland für die Privatschulden das beabsichtigte Voll» moratorfum, den vollständigen Zahlungsaufschub erreichen können. Ja, die Schweiz hat sogar die Einräumung irgend einer Schonfrist strikt abgelehnt! Deutschland zahlt die Zinsen auf die Privatschulden fort und zwar in der Höhe von 4'/» Prozent. Da der durchschnittliche Zinssatz zirka 6 Prozent betrug, so bedeutet das an sich eine Erleichterung. Aber auch die Differenz bleibt nicht etwa Deutschland, sondern fließt in einen Amortisationsfonds, aus dem deutsche Schuldtitel, die Schweizer Bürgern gehören, zurückgekauft werden. Die Schweizer Besifter der Dawes- und Young-Anleihen werden ebenso befriedigt wie die englischen, das heißt, sie erhalten die Zinsen unverkürzt, während die Tilgung gestundet wird. AJttienbesißer erhalten die Dividende bis zu 4'ls Prozent voll, den Mehrbetrag zur Hälfte ausbezahlt. Um die deutschen Zahlungen zu sichern, wird ein Verrechnungsabkommen abgeschlossen. Alle für Deutschland bestimmten Zahlungen— zum Beispiel der Schweizer Exporteure— werden bei der Schweizer Nationalbank eingezahlt, die deutschen für die Schweiz bestimmten Zahlungen bei der Reichsbank. Da die Schweizer Handelsbilanz gegen Deutschland stark passiv ist— im Jahre 1933 hatte der Einfuhrüberschuß der Schweiz aus Deutschland 270 Millionen RM. betragen, während der Zinsendienst nach der neuen Vereinbarung auf zirka 100 Millionen zu schätzen ist —, so hat die Schweiz jederzeit die Summen zur Verfügung mit denen sie ihre Gläubiger befriedigen kann. Erlangung dieser Sicherheit bildete für die Schweiz auch den Grund, für den Abschluß des Abkommens den Nachlaß an den Zinsen zu gewähren. Denn, wie der Schweizer Verhandlungsführer sagte, einen„Zins von 4'/ j Prozent, für den innerhalb der Schweizer Grenzen ein Pfand besteht, zu bekommen, ist vorteilhafter als ein solcher von 6 Prozent zu- gut zu haben, dessen Transfer sehr unsicher ist". Aus den bei der Schweizer Nationalbank eingezahlten Beträgen werden demnach erstens die Warengläubiger, die Exporteure nach Deutschland, befriedigt, zweitens die Zahlungen aus dem Fremdenverkehr, drittens die Zinsgläubiger. Ein weiterer Betrag von monatlich 5 Millionen Franken wird zur Verfügung gehalten, um daraus die Zinsen für die(kurzfristigen) Stillhalteschulden zu decken und ein weiterer Devisenüberschuß wird für den erwähnten Amortisationsfonds reserviert. Das Abkommen ist dabei langfristig, grundsätzlich auf fünf Jahre, abgeschlossen. Allerdings sollen Revisionsverhandlungen gefordert werden können und äußerstenfalls auch eine vorzeitige Kündigung zulässig sein. Mit dem Abkommen wurde auch zugleich beiderseits eine kleine Anzahl von Zoll- und Kontingentserleichterungen zugestanden. Man sieht, statt des von Deutschland ursprünglich geforderten völligen Zahlungsaufschubs ist nur eine Zinserleichterung um etwa 25 Prozent erreicht. Nach dem Schweizer Vorbild wird auch die Reglung mit Holland, mit dem eine grundsätzliche Einigung bereits erzielt ist, und wahrscheinlich auch mit Frankreich erfolgen, während Vereinbarungen mit Schweden und vor allem mit dem wichtigsten Gläubiger, den Vereinigten Staaten, noch ausstehen. Die amerikanische Regierung hat Verhandlungen überhaupt schroff abgelehnt, gleichzeitig aber gegen jede Schlechterstellung ihrer Gläubiger protestiert. Die deutsche Regierung hat darauf zugesagt, daß eine Diskriminierung unterbleiben werde Die Devisenbilanz Wie immer aber schließlich die Einzelheiten der verschiedenen Abschlüsse endgültig aussehen werden, die Hauptfrage bleibt, ob und wie lange denn diese Verträge gehalten werden. In einer Zeit, wo es noch mit dem völligen Zahlungsaufschub rechnete, hat das Konjunkturinstitut geschrieben, auch dies genüge nicht, um die Devisenbilanz in den kommenden Monaten völlig auszugleichen; es bedürfe vielmehr außergewöhnlicher Maßnahmen, um ein weiteres Absinken der Ausfuhr unter die Einfuhr zu vermeiden. Diese Maßnahmen— Drosselung der Einfuhr durch Einfuhrverbote und Beschränkungen, durch äußerste Verringerung der Devisenzuteilung— sind bereits getroffen worden und haben den ganzen deutschen Außenhandel in zunehmende Verwirrung gestürzt. Trotzdem ist es der Reichsbank bisher nur gelungen, ihre Goldreserve von zirka 77 Millionen gerade noch zu behaupten! Das Konjunkturinstitut rechnete beim Vollmoratorium mit einer Ersparnis für das Halbjahr vom 1. Juli bis 31. Dezember 1934 von rund 250 Millionen. Davon ist aber jetzt keine Rede mehr. Die Ersparnis wird sich etwa um 75 Millionen bewegen. Dazu kommt aber infolge des schlechten Ernteausfalls eine ErhöhungdesDevisen- bedarfcs um schätzungsweise 100 Millionen, die größtenteils noch dieses Jahr belasten werden. Die Drosselungsmaßnahmen werden also noch über das in Aussicht genommene Maß verschärft werden müssen. Gleichzeitig bedeuten aber diese komplizierten Verrechnungsabkommen die ungeheuerliche Erschwerung der Zahlungsabwicklungen überhaupt, geradezu eine Abschreckung der ausländischen Käufer, d. h. eine weitere Verringerung des Exportes. Nun bestehen ungefähr jetzt schon 40 Prozent der deutschen Ausfuhr aus Zusatzexporten, die zu einem erheblichen Teil nicht Devisen bringen, sondern mit Scrips und Sperrmark bezahlt werden. Sinkt aber der devisenbringende Export, so erzwingt dies neue Drosselung der Einfuhr. Diese findet aber ihre Schranke an der politischen und sozialen Notwendigkeit, die Beschäftigung der deutschen Industrie, die Ernährung der Bevölkerung und die Erhaltung des Viehbestandes einigermaßen zu sichern. Und so scheint uns die deutsche Unterschrift unter den Verträgen, die jetzt geschlossen werden, recht unsicher zu sein. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß die Schweizer sich ihrer Erfolge fünf Jahre lang erfreuen werden! Produktionseinschränkung Unterdessen macht sich die Wirkung der Verringerung der Rohstoffeinfuhr auf die Beschäftigung der deutschen Industrie immer stärker geltend. Wir haben bereits über die Reduktion der Arbeitszeit in der Textilindustrie auf 36 Stunden berichtet. Diese Maßnahme wird jetzt dadurch ergänzt und verschärft, daß vom 1. August an jeder deutsche Vorarbeiter von Rohbaumwolle monatlich höchstens 70 Prozent derjenigen Menge verarbeiten darf, die er im Durchschnitt der ersten drei Monate 1934 verbraucht hat. Da die Beschäftigung der Baumwollspinnereien in den letzten Wochen den Stand des ersten Quartals in erheblichem Maß überschritten hatte, geht die Produktionseinschränkung wesentlich über eine Einschränkung von 30 Prozent hinaus. Ebenso sind bei den Nichteisenmetall Walzwerken die Verarbeitungskontingente auf den Stand des Rohmaterialverbrauches des ersten Quartals reduziert worden. Flucht in die Sachwerte Die Furcht vor der Verknappung der unentbehrlichen Rohstoffe und die zunehmende Angst um die Währung führen trotz aller Strafandrohungen der Regierung zu Preissteigerungen. Wir reden hier nicht von dem Ansteigen der Lebensmittelpreise, die ja die Hitlerdiktatur bisher mit allen Mitteln gefördert hat, noch von dem Steigen der Preise der Fertigwaren, das einerseits durch die fortschreitende Kartellierung, in letzter Zeit aber durch das Hamstern von Anzügen, Kleidern, Wäsche und Haushaitungsgegenständen jeder Art hervorgerufen ist. Interessanter noch sind Preissteigerungen, die die Flucht in die Sachwerte auch bei den Besitzenden erkennen lassen. Die Hüuserpreise z. B. sind innerhalb des legten Jahres etwa im Ausmaße einer Jahresmictc gestiegen. Für Nichteisenmetalle liegen die offizielen Preise um zirka 20 bis 30 Prozent über der Londoner Parität und die „schwarzen Preise"— denn das gibt es auch wieder— noch höher. Nach Silber— verarbeitet und unverarbeitet — wächst die Nachfrage. Für Platin aber werden etwa 4 RM. per Gramm bezahlt, etwa 1 RM. mehr als dem Londoner Preis entspricht. Die Preise für große Diamanten haben seit den letften Monaten um etwa ein Viertel angezogen; große Diamanten liegen in Berlin um 25 Prozent, kleine Diamanten um etwa 20 Prozent über der Amsterdamer Parität. Wir haben schon einmal gesagt, daß eine Inflation in Deutschland nicht mit dem Anfang, sondern sozusagen mit dem Ende beginnen würde. Am Anfang der Inflation steht sonst zunehmende Beschäftigung, allmählich steigende Preise, wachsender Export, kurz eine Zeit der Scheinblüte, die mit dem Schrecken der Stabilisierungskrise ihr Ende findet. Die deutsche Situation ist dadurch charakterisiert, daß die Rohstoff Schwierigkeiten bei schon völlig erschöpften Goldreserven eingetreten sind, die Beschäftigung der Industrie nicht zunehmen, der Export sich nicht ausdehnen k?nn, die Preissteigerungen infolge der sehr berechtigten Furcht vor dem völligen Zusammenbruch rasch zunehmen und der Schrecken nicht am Ende, sondern am Anfang steht. Wie diese Kerle die deutsche Wirtschaft ruiniert haben! Dr. Richard Kern. „Einesteils" der Eier wegen" h. b. Die Bestimmungen zur Eierbewirtschaftung im „dritten Reich" können bald Jubiläum feiern, so oft werden sie geändert. Während es bisher den Hühnerhaltern ohne große Umstände erlaubt war, die von ihren eigenen Hühnern gelegten Eier im eigenen Haushalt zu verbrauchen oder an Selbstverbraucher abzugeben, hat mau jetzt auch für diese Eier den Stempel- und damit den Gebührenzwang eingeführt. Man beruft sich bei dieser Maßnahme darauf, daß sich durch die Möglichkeit des Verkaufs ungestempelter Eier ein reger Schwarzhandel entwickelt habe, der unbedingt unterbunden werden müsse. Jeder Hühnerhalter, der künftig ungestempelte Eier verbrauchen oder abgeben will, muß im ße- sihe eines polizeilichen Erlaubnisscheines sein, Wir schlagen dem Eierverwertungsverband Nordmark, der diese Bestimmungen herausgegeben hat, vor, die Hühner zu plombieren, um so die Möglichkeit nicht gleich geschalteten Eierlegens überhaupt zu beseitigen. In Bad Segeberg(Schlesw.-Holst.) wurde ein Eierhändler zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt, weil er von ausländischen Eiern den Stempel entfernt und die Eier als deutsches Produkt verkauft hat. In der Urteilsbegründung wurde ihm attestiert, daß er ein Volksschädling sei. Japans Vordringen in Amerika Die japanische Warenoffensive kann in letzter Zeit neue Fortschritte verzeichnen, indem über das Hafengebiet von Saloniki und über Südserbien eine ganze{leihe japanischer Produkte im Vordringen ist. Die japanischen Vertreter bieten in Saloniki und bereits auch in Skoplje(Uesküb) hauptsächlich Woll- und Seidengewebe, Baum- und Schafwollstoffe, Porzellan- und Glaswaren, ferner Bleistifte zu ungewohnt billigen Preisen an und kommen mit ihren Produkten, außer der Schafwolle überall ins Geschäft. Am leichtesten werden hierbei laut der bezüglichen Estrop-Information die• Baumwollstoffe abgesetzt, die die Japaner franko Skoplje zu einem Meterpreis von 3,5 bis 4 Dinar verkaufen. Hatte Japan an Baumwollstoffen im ganzen Jahr 1933 in Jugoslawien 13 900 kg abgesetzt, so ergab schon das erste Semester d. J. einen Absatz von 22 000 kg, wobei sich der Erlös von 406 000 Dinar auf 800 000 Dinar erhöhte. Veniger Glück haben die Japaner mit ihrem Baumwollgarn, das sie auf dem südserbischen Markt gegenüber d?n griechischen und italienischen Lieferanten bisher noch nicht plazieren können. Trotzdem hat Japan seinen Gesamtabsatz von 19 200 kg des ganzen Vorjahres heuer allein im ersten Halbjahr auf 30 000 kg und den Erlös gegenüber dem 323 000 Dinar betragenden Halbjahresdurchschnitt 1933 auf rund 1 Million Dinar vergrößert. In diesen Summen und Mengen sind jedoch nur jene Waren inbegriffen, die über Saloniki und Jugoslawien gelangen. Was sonst an japanischer Ware in allen Gegenden des Landes abgesetzt wird, kann nicht einmal schätzungsweise angegeben werden, weil die'japanische Ware aus verschiedenen Nachbarländern, und zwar sehr häufig ohne Ursprungsbezeichnung oder falsch deklariert über die Grenzen gelangt. Deutlichen Spuren des Japandumpings begegnet man bereits in allen größeren Städten Jugoslawiens, hauptsächlich in Belgrad, Zagreb, Sarajevo und Subotica, ob man nun Textilien oder aber Glühlampen, Porzellane oder Spielwaren kaufen will. Aach die Padiokonjankfur vorüber Ueberproduktion Die Lage in der deutschen Radioindustrie hat in der letzten Zeit in steigendem Maße unter der Ueberproduktion zu leiden, die nicht zuletzt eine Folge der Schaffung de» sogenannten„Volksempfängers" ist, da dieser infolge seine« niedrigen Preises von 76 Rm. pro Apparat etwa 25—39 Prozent des Gesamtumsatzes an sich gerissen hat. Von diesem Volksempfänger sind bisher etwa 700 000 Stück hergestellt worden, wovon schätzungsweise aber nur 600 000 verkauft sein sollen. Seit 1. August 1933 sind bis jetzt annähernd 1,6 Millionen Radioapparate verkauft worden. Außer dem großen Lager an Volksempfängern mußten aber noch schätzungsweise weitere 270 000 Apparate auf Lager genommen werden, insgesamt also etwa 370 000 Stück, was von der Industrie selbst als außerordentlich hoch bezeichnet wird, betrugen doch die Lager in früheren Jahren nur etwa 90 000 bis 100 000 Geräte. Infolge dieser außerordentlichen Belastung für den Markt ist eine starke Produktionsein- schränkung zu erwarten. Für Ausmerzung der jüdisdien Handelsvertreter (Z. T. A.) Der von den reirhsdeutschen Nazizeitungen immer wieder aufgestellten Forderung nach Ausmerzung der jüdischen Vertreter aus dem Handel schließt sich nun auch die Berliner Wochenschrift„Fridericus" an und schreibt: „Die deutschen Handelsvertreter und Geschäftsreisenden haben noch immer unter der Vorherrschaft der jüdisdien Textilvertreler schwer zu leiden. In Zusammenarbeit mit arischen Kleiderfabrikanten war schon erreicht worden, daß diese in ihren Einkauferäumen Schilder anbrachten mit der Aufschrift:„Besuche nichtarischer Vertreter unerwünscht! Da aber die guten und leistungsfähigen arischen Lieferanten überwiegend durch Juden vertreten sind, waren viele Kleiderfabrikanten benachteiligt, viele von ihnen sahen sich veranlaßt, den Aushang wieder zu entfernen und die Juden wieder zu empfangen... Leider können sich gerade die bedeutenden arischen Webereien nicht von ihren jüdischen Vertretern trennen. Das ist ein Zustand, der nicht so bleiben kann. Die deutschen Handelsvertreter haben, wie durch den „Handelspionier" vom 7. Juli bekannt wird, durch ihre Organisation die Aufmerksamkeit der Behörden auf diesen unhaltbaren Zustand gelenkt.— Um den Erfolg braucht mau wohl nicht besorgt zu sein." Der sparsame Diktator Im eben erschienenen Halbjahrsbericht der Reichskredit- geselUchaft wird die öffentliche Finanzlage besprochen. Man findet da eine Tabelle der Reichsausgaben, die besondere Beachtung verdient: Rechnungsjahr Reichsausgabe Volkseinkommen I. April phne äuß. Kriegs- in bis lasten in Rauf- Kaufkraft vol 31. März kraft von 1933 1933 in Milliarden Reichsmark 1929/30 4,70 57,9 1930/31 5,08 56.7 1931/32 5,30 50,0 1932/33 5,42 45,7 1933/34 5,42 47,5 1934/35 5,96 Seit 1929, dem verstärkten Abbau der Weimarer Demokratie, steigen die Ausgaben des Reiches fortgesetzt,— und zwar insgesamt in umgekehrter Relation zur Entwicklung des deutschen Volkseinkommens. Dabei wurde Ende 1930 der Etat der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung vom Reichsetat abgehängt; die Gesamtausgaben des Reichs(also speziell die Heeres- und Verwaltungsaufwendungen) sind trotz den fortgesetzten und starken Abstrichen vom Sozialetat gestiegep(„Europäische Hefte", Prag-) ®eutsdke Stimmen• Seilet« zur..Deutfstfien&reifkelt"•£rei&nisse und Qesdkidkten Dienstag, den 7. August 1934 Abschied, von JCwti lOeCtyecicht Knut Hamsun, der norwegische Dichter, beging am 4. Ausist seinen 75. Geburtstag. In die Glückwünsche, die ihm v°n den Freunden seiner Bücher dargebracht wurden, mischte "leb leider ein Vorbehalt: vor einem halben Jahre berichteten Reichsdeutsche Blätter, darunter die„Rheinisch-Westfälische Zeitung", aus Oslo, daß der Dichter sich als überzeugter 'reund des Faschismus bekannt und bei einer Befragung nach seiner Meinung gesagt habe:„Einmal wird der Faschismus >n der einen oder anderen Form auch in Norwegen seinen Einzug halten. Es sind nur die Stockblinden, die noch nicht den Unterschied in der Politik vor und nach dem Weltkriege sehen. Es sind Politiker von der Sorte Austen Chamberlain, Herriot und Benesch, die finden, daß alles gut geht, wie es geht. Die Gegner des Faschismus behaupten, daß ein Diktator unabsetzbar ist, während untaugliche demokratische Politiker durch andere ersetzt werden können. Wir Norweger liefern aber den Beweis dafür, daß sie nicht entfernt werden können. Politische Anständigkeit plagt den demokratischen Politiker nicht; sie sitzen unentwegt Jahr für Jahr. Zu ihren politischen Charaktereigenschaften gehören bei Gott Weder Tugend noch Bescheidenheit." Es liest sich wie eine grimmige Satire auf die braune Spielart des Faschismus: Benesch im Vergleich mit Hitler als Huldigung für den letzteren! Läßt sich ein Vergleich vernichten- der für Hitler denken? Aber es wurde berichtet als ernstgemeinte Worte gegen die Demokratie, als Worte eines der bedeutendsten Dichter der gegenwärtigen Weltliteratur. Daß reichsdeutsche Blätter es berichten, würde noch nicht beweisen, daß Hamsun diese in ihrer bestürzenden Blindheit kaum faßbaren Worte auch wirklich gesprochen oder geschrieben hat(was er gelegentlich der Eröffnung des damals neugewählten Storthings, des norwegischen Parlaments, getan haben soll); es sind im braunen Deutschland noch ganz andere Fälschungen zuwege gebracht worden. Aber wenn es eine Fälschung wäre, so kann man sich nicht denken, daß sie— bei der Weltgeltung Knut Hamsuns— von ihm selbst und in der Presse des Auslandes unwidersprochen gelassen worden wäre. Jene Worte sind jedoch seither weder ausdrücklich bestätigt noch widerrufen worden. Gewisse antidemokratische Neigungen, die in der Haltung des Dichters in den letzten Jahren spürbar waren, lassen leider den Schluß zu, daß es mit der Sympathie Knut Hamsuns für den Faschismus seine Richtigkeit hat— wenn sie ihm angesichts der Barbarei des„dritten Reiches" seitdem nicht wieder vergangen sein sollte. Besteht *ie aber noch, so fällt dieser Schatten auf sein Bild. Nicht auf sein Werk. Dieses löst sich vom Schöpfer und lebt nach eigenem Gesetz. Es schiert uns heute wenig, was Shakespeare in den einzelnen Lagen seines Lebens als Mensch gedacht und getan haben mag: unsterblich leben Romeo und Julia, Hamlet und Shylock und alle Schicksalsträger seiner Dramen in unserer Vorstellungswelt. Oder, um ein Beispiel aus unserer Gegenwart zu wählen: auch Gerhart Hauptmann als devoter Diener des„dritten Reiches" ist unserer mensch- liehen Neigung verloren gegangen, aber seine Weber, sein Fuhrmann Hentschel, sein Florian Geyer, Hannele und Rose Berndt, Crarapton und Michael Kramer werden ihn und die Verirrungen seines Alters überdauern. Der Mensch Gerliärt Hauptmann aber lebt in der Gegenwart, und von ihm wenden sich alle ab, die sich nicht verkauft haben. Schlimmer kann ein Gestalter sich nicht verlieren, als daß zuletzt seine Gestalten gegen ihn zeugen und sein Werk den noch Lebenden überlebt. Als Selma Lagerlöf, die schwedische Dichterin, die im November vorigen Jahres ihren 75. Geburtstag feiern konnte, , den Erlös ihres letzten Werkes dem Genfer Komitee für deutsche Flüchtlinge zur Verfügung stellte, hat sie der Kulturwelt ein Beispiel dafür gegeben, wo der menschlich gesinnte Dichter angesichts der Barbarei des„dritten Reiches" zu stehen hat. Knut Hamsun scheint, wenn die Nachricht stimmt, andere Wege gehen zu wollen. Wege, auf denen er sich von uns entfernt. So versiegen die Glückwünsche auf den Lippen derer, die er in seinen Alterstagen menschlich enttäuscht.- Um den Hamsun wiederzufinden, den sie lieben, wenden sie sich seinen Büchern zu, diesen magischen Büchern, in denen ein Menschendeuter mit zauberischer Klarheit in die geheimen Kammern des menschlichen Herzens hineinleuchtet und in denen das Eigentliche, Wesentliche doch immer nur angedeutet erscheint; die letzte Erkenntnis steht in Hamsuns Büchern verschwiegen und doch bezwingend immer zwischen den Zeilen. Die Beziehungen der Menschen untereinander, Jlasse&astacd Trotzdem leuchtet das Nordische... Im Feuilleton der„Düsseldorfer Nachrichten" vom 16. 7. wird den erstaunten Lesern„Beethoven im Licht der Rassen- künde" vorgeführt. Man scheut sich nicht, diesen genialsten Musiker und großen Menschen zu niedrigsten Zwecken der verlogenen Rassenanalyse zu unterziehen. Mit demselben Kunstgriff, mit dem man aus Hitler, Goebbels und anderen Führern urgermanische Gestalten macht, wird auch hier Beethoven plötzlich zum absolut nordischen Menschen. Wir lesen:„Beethovens Einzigartigkeit prägt sich auch in seiner äußeren Erscheinung aus. Er war klein, stämmig, hatte schwarze oder schwarzbraune Haare und eine so dunkle Gesichtsfarbe, daß man ihn in seiner Jugend den„Spangol", d. h. Spanier nannte. Die blauen Augen waren klein, weit auseinanderstehend, tiefliegend, leuchtend, die Nase breit, kurz und eckig, ebenso das ganze Gesicht und die Finger ziemlich breit.... Diese vielfach unharmonische Bildung weist auf eine starke Rassenmischung hin, und diese ist tatsächlich vorhanden...." Da wäre also ein solcher Bastard aus dem nordischen „dritten Reich" zu verbannen oder nur als Gast zu dulden? Unmöglich! Denn:„Beethoven ist ein ausgesprochener Vertreter niederdeutschen Volkstums, und so wurde er der einzige große deutsche Künstler, der hochdeutsches und nieder- ihre Tugenden und Laster, ihre Kräfte und Schwächen sind das unerschöpfliche Thema seines Schaffens. Und immer wieder ist die mit starker dichterischer Kraft empfundene Natur der große, einsame Hintergrund menschlicher Schicksale. Fünfzehn Bände umfaßt sein Werk in der deutschen Gesamtausgabe, wobei mehrfach zwei und drei Romane in einem Band vereinigt sind. Mit dem„Hunger" begann es, jener packenden Beichte und Anklage eines hungernden und leidenden Menschen, der seinen Passionsweg geht in der unbarmherzigen Stadt,„die keinen läßt, den sie nicht gezeichnet hat". Es war der erste und sofort große und unbestrittene Erfolg des Dichters nach jahrzehntelanger Irrfahrt, auf der Hamsun als Hirtenbube und Schuhmacherlehrling, Schiffsjunge und Minenarbeiter, Fischer und Straßenbahnschaffner, Händler und Farmarbeiter, Volksschullehrer und Journalist in der Heimat und in Amerika das Leben und die Menschen kennengelernt hatte. Als das Buch 1890 erschien, war der am 4. August 1859 in Gudbrandstal geborene Dichter 31 Jahre alt. Von da an entstand sein umfangreiches Werk, Romane, Novellen, Gedichte, einige Dramen auch, die aber die bezwingende Kraft seiner Romane nicht erreichen. Eines seiner schönsten Werke, der Roman „Segen der Erde", den er während des Weltkrieges schrieb, hat ihm den Nobelpreis für Literatur eingetragen. In diesen Romanen, in„Hunger" und„Pan", in„Victoria" und„Mysterien", in„Weiber am Brunnen"„Gedämpftes Saitenspiel" und„Letzte Freude" lebte jener Knut Hamsun, den wir lieben. Ein Menschendeuter von bezwingender Eindringlichkeit. Und in seinem Wissen um die Abgründe hinter blühendem Schein ein ewfg Einsamer, ein Einzelgänger in menschenfernen Wäldern, von dem man es nicht fassen kann, daß er jetzt im Altersbesitz seiner Weisheit der plattesten Uniformierung des menschlichen Daseins, dem gedankenfeindlichen, kulturvernichtenden Hitlerismus seine Sympathie schenken soll. So wäre er als Mensch seinem Werke und den Freunden seines Schaffens untreu geworden. Aber sein Werk lebt losgelöst vom Schöpfer. Kein Irrtum seines Alters vermag es zu überschatten; dort ist er unsterblich. Man j red. Ufa wick Internationale Agenten In Berlin fand kürzlich eine Tagung der Auslandsvertreter der Ufa statt. Der Zweck der Tagung wird so angegeben: ,Zweck dieser Tagung soll die Erkenntnis der Geschäftsnotwendigkeiten, die Festlegung und Vermittlung der großen Richtlinien für das beginnende neue Geschäftsjahr und die Durchdringung mit dem alle Mitarbeiter in einer Einheit> sammenfassenden Ufa-Geist sein". Damit auch jeder versteht, was mit diesem sauberen Ufa-Geist gemeint ist, wurde der chauvinistische Film„Ein Mann will nach Deutschland" vorgeführt. Der moderne Film ist eine Einrichtung anonym wie der Großkapitalismus überhaupt. Aus diesem Grund ist es um so interessanter, die Namen jener Leute festzustellen, die als ausländische Agenten der getarnt nazischen Ufa- Agitation auftreten; es ist bezeichnend, daß die Liste nicht rein arisch ist: die französischen Ufa-Agenten heißen: Wolfgang Schmidt, Henri Chuchetet, Fernand Dornois, Rene Halter, Andre Chuchetet, Fernand Segret, Auguste Lotehie, Barocke; die holländischen: Franz Diwell, Charles van Biene; die belgischen: Erncst de Thoran, Ren£ L'Hoest; die. englischen: Wainwright jun.; Skandinavien: Elis Sundell; Polen: Ludwig Tunis; Tschechoslowakei: Marie Popper, Z. Reimaun, W. Czech, Georg Frank; Oesterreich: R. Strauß, F. Brandt, Hans Martin, Karl Mayrhofer, Hugo Weber; Ungarn: Virgil Hubrich, Ernö Trutzer. Dieser biederen Geselligkeit verdankt der Nazismus mehr als die von ihm betroffenen Völker noch wissen. All die Ufa-Agenten kümmerts nicht, ob rein- oder nichtreinrassig, sie wollen verdienen und sie dienen auch dem „dritten Reich". Sie haben recht, wenn sich» die Völker gefallen lassen! Ein Lehrstuhl für Polarwissenschaft Die geografiiche Fakultät der Leningrader Universität erhält einen neuen Lehrstuhl für Polarwissenschaften. Den Lehrstuhl übernehmen die bekannten russischen Polarforscher Professor Samoilowiteck und Professor Wiese» deutsches Wesen und Blut In sich vereinigt." Trotz der starken Rassenmischung, die tatsächlich vorhanden ist? Man sollte annehmen, daß es entsetzlich schwierig sei, nach all den Bildern nordischer Gestalten mitsamt ihrer angeblichen Seelenstruktur, die von nationalsozialistischen Wcltan- schauern und Ideologen dem Volke laufend vorgeführt werden, aus Beethoven einen garantiert deutschen, d. h. nordischen Menschen zu machen. Aber bei Hitlers Rassenforschern ist kein Ding unmöglich.„Das Nordische leuchtet aus der Großartigkeit und Tiefe seines Gefühls hervor, aus der weltentrückten Erhabenheit und Geistesfreiheit seines Schaffens, aus dem heldischen Zug, der durch seine Kunst geht, und ans ihrer völligen Selbständigkeit. Nordisch sind auch die sachliche Leidenschaft.... und die schonungslose Wahrheitsliebe seiner Natur." Ganz abgesehen davon, daß alle diese„nordischen" Eigenschaften im„dritten Reiche" strengstens verboten sind, tritt uns in diesem einen Aufsatz die ganze Verlogenheit der sogenannten Rassenforschung des„dritten Reiches" vor Augen. Versagt der äußere Mensch, so muß der innere herhalten; bewiesen wird aber auf jeden Fall, daß jeder große Mann „nordischer" Herkunft ist. Ich sage mit Friedrich Nietzsche, den man im Reich fälschlich so gern für sich in Anspruch nimmt: Geht all denen aus dem Weg, die mit dem verlogenen Rassenschwindel zu tun haben, Wer freie Menschen unterjocht, teer mit dem Beile herrscht und henkt wer blutig auf Kanonen pocht, der wird vernichtet, eh er denkt. Er wird aus seiner Macht entfernt durch jene, die von ihm gelernt. Er stirbt am eigenen Prinzip, das ihn voll Tücke aufwärts trug. Das Recht, das er sich selber schrieb, zerschmettert ihn. Das ist sein Fluch. Da hilft kein friedliches Geschwäß. Blut fordert Blut! Das ist Geseß. Klar schreibt der Rache hartes Blei. Gestreng und redlich führt es Buch. Das Weltgericht spricht keinen frei, der Menschenrecht zuschanden schlug. In Oesterreich hielt es sdion Termin. Von dort aus wird es weiter ziehn. Der rote Hans. &ec thceinHann „Botho von Schmettow war einen Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle," dichtete die Courths-Maler, aber schon vorher gehörte der Ehrenmann zu jenen deutschen Vokabeln, die -der Mensch mit auch nur mittlerem Sprachengeschmack nicht ohne komische Absicht anwenden konnte. Dafür hat der Portokassenjüngling gesorgt. Keinen Tag kommt er aus, ohne sich und anderen den Titel Ehrenmann beizulegen. Zu den wenigen, die es immer noch nicht gemerkt haben, gehört natürlich er— der Rhetor des kitschigen Tones! Im Herbst vorigen Jahres brachte er es fertig, in einem Appel! an die Regierungen des Auslandes zu erklären, daß sein Kabinett aus Ehrenmännern bestünde,„die sich als solche freuen würden, mit anderen Ehrenmännern verhandeln zu können..." Das Gegriene im Ausland kann man sich vorstellen! Und in seiner defensiven Henkerrede vom 13. Juli kleckerte er den General von Blomberg wörtlich also an: „Ich und wir alle sind glücklich, in ihm einen Ehrenmann sehen zu können.." Blomberg soll etwas säuerlich gelächelt haben, denn selbst ein Quartaner weiß heute, daß es eine Beleidigung ist, wenn man jemanden ausdrücklich als Ehrenmann deklarieren muß. Morgen wird Hitler auch Jesus, Luther oder den König von England zu Ehrenmännern ernennen, denn er kann wirklich nichts dafür. Wie jeder Heuchler redet dieser Champion des Wortbruch» gern von dem, was er nicht ist und nicht kennt„deutsche Treue...",„deutsche Ehre...",„deutsche Wahrhaftigkeit...". Und zweitens hat dieser mehr als dunkle Ehrenmann die deutsche Sprache nie ganz begriffen und wird immer ein Jünger jeglicher Courths-Malcrei bleiben. So etwas Kitschiges und Verkorkstes von„Staatsmann" liefert kein europäisches Land wieder. Qeoycafie- heute Wissenschaftlicher Beirat des VdA. in Stuttgart In den wissenschaftlichen Beirat des VdA. wurde Professor Erich Obst berufen. Er erklärte:„Das Wichtigste, worauf es uns im Geografischen Seminar ankommt, ist, daß die wissenschaftliche Erforschung der verschiedenen grenz- und auslandsdeutschen Fragen durch die Studierenden stets Hand in Hand geht mit der unmittetlbaren Anschauung in den Grenzgebieten selbst." Und weiter:„Wir begrüßen es als Geo- grafen, daß wir überall in der Welt unsere deutschen Volksgenossen leben haben. Sie sind für unsere wissenschaftliche Arbeit stets wertvolle Stützpunkte.,.." Mit einem V ort: von„Wehrwissenschaft redet man nicht mehr, ebensowenig wie von Banse selbst. Aber es gibt kaum irgend ein wissenschaftliches oder pseudowissenschaftliches Institut im Reich, das nicht in den Rahmen der Wehrwissenschaft eingespannt wäre. Besondere Aufmerksamkeit verdient der VdA. Antikes Theater in Athen Im Stadion von. Athen sollen im Monat August mehrere Aufführungen antiker Tragödien veranstaltet werden. Auf dem Programm stehen:„Die Phönizierinnen" von Euripides und„Elektra" von Sophokles. Die Darsteller dieser beiden Dramen werden, wie im antiken Theater, mit Masken auftreten. TlUm(iüsteet... Neulich hielt der Reichspropagandaminister Dr. Goebbels dem Reichspräsidenten von Hindenburg einen Vortrag über die Aufgaben seines Ministeriums. Goebbels kam und kam nicht zum Schluß. Endlich schlief der alte Herr fest ein. Goebbels redete und redete weiter. Als er an einer schwungvollen Stelle in besonders lautes Pathos gerät, wacht der Reichspräsident aus tiefen Träumen auf. Er fährt hoch, sieht Goebbels, der sich einen Augenblick unterbricht, an und sagt:„Ich bedauere sehr, aber ich kann für Ihre Glaubensgenossen leider nichts tun" Wer ist das?* Er zieht sich viermal am Tage an und aus. Er ist sehr bekannt, und die ganze Welt lacht über ihn. Nun, wer ist das?... ' Natürlich der Komiker Grock An wen dachten Sie? Zwei Bekannte begegnen sich im„dritten Reich „Wie geht es Ihrer Familie?" „Das weiß ich nicht." „Wieso wissen Sie das nicht." „Na, wir sind alle Pgs. Mein Sohn ist Scharführer, meine Tochter ist im BdM., meine Frau Ist In der NSV. und ich bin Betriebszellenobmann. Wir treffen uns jedes Jahr auf dem Parteitag in Nürnberg,"- »Deutsche Freiheit", Nr. 18» Das bunte Vlatt Dienstag, 7. August 1SS4 smbsmerikamsche Liebeskrauter Seit undenklichen Zeiten ist es einer der eitelsten Träume der Menschheit, die geheimnisvollen Kräfte meistern zu kön- nen, welche Zuneigung zweier Wesen zueinander entfachen, wachhalten und zerstören. Nirgendwo hat der Aberglaube größere Triumph: gefeiert als auf diesem Gebiete. Was hat nicht allein das Mittelalter an Zauberformeln und Sympa- thiemitteln hervorgebracht? Auch heute noch gibt es mitten in den Zentren des modernen Lebens Alchimisten der Liebe, die gegen bares Geld die geheimnisvollsten Tränke zu brauen verstehen. Sie ernähren sich vorzüglich damit. Ihr Kunden- kreis entstammt den vornehmsten Gesellschaftsschichten. Wenn somit selbst die ausgeklärtesten Menschen an die unfehlbare Wirkung solcher Cocktails glauben, kann man sich ungefähr vorstellen, mit welcher Inbrunst erst primitive Geschöpfe aus sie schwören. Bei den Indios Südamerikas gehört die Verwendung von Liebeskräutern gewissermaßen zum täglichen Bedarf. In Bo- livien werden sie gnacanki genannt, in Peru heißen sie pu- sanga, in Columbien und Venezuela pusana. Die Rezepte, nach denen die pusana zubereitet werden, sind nicht etwa nur gewerbsmäßigen Hexen bekannt, sondern werden von den Müttern ihren Töchtern mit auf den Weg gegeben. Die Liebeskräuter werden gewöhnlich in ganz bestimmten Dosen mit tierischen oder sogar mineralartigen Ingredienzien ge- mischt. Ihre Wirkung entfalten sie mit der Verspeisung, teil- weise auch durch bloße Berührung. Beruht diese Wirkung auf realer Grundlage? Wie bei allen derartigen Künsten, wird auch hieran etwas Wahres sein. Daß gewisse exotische Pflan- zen und Bohnen auf die schöpferischen Organe des Menschen belebnd wirken, ist ja bereits wissenschaftlich nachgewiesen. Daß sie aber seine Triebe auf eine ganz bestimmte Person konzentrieren können, dürfte der Skeptiker nach wie vor be- zweifeln. Bei der Magie der Liebe spielt gewiß, wie bei der Liebe selbst, der gute Glaube die ausschlaggebende Rolle! Den Indios darf man das freilich nicht erzählen. Auch nicht den Mestizen, Negern und zahlreichen Weißen, die hier felsen- fest von der Zauberkraft der pusana überzeugt sind. Sie er- klären mit ihr auf die natürlichste Weise der Welt alle ver- wirrenden und dramatischen Liebesabenteuer, die sich in ihren Landen abspielen. So geht hier immer noch die Geschichte von dem venczue- tischen Ingenieur um, die sich vor einigen Jahren während des Kautschukrauschcs am oberen Orinoco zugetragen hat. Am User dieses Flusses hatte sich eine ganze Kolonie von Kautschuksuchcrn niedergelassen, auch ein Ingenieur aus Caracas, der die Arbeiter beaufsichtigen sollte. In seiner Be- gleitung fand sich eine schöne Frau von sehr lockeren Sitten, an der er in geradezu unerklärlicher Weise hing. Sie nahm ihn so gefangen, daß er darüber die Arbeiten vergaß und in Die Zäunst, alt;u werden In einem der so beliebten Pariser Salons begegnete dieser Tage ein Herr, der sehr viel auf Reisen ist, sich aber aus dem mondänen und blasierten Leben wenig machte, einer ihm bekannten Dame, die er aber seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hat.„Oh, ich bin glücklich Sie wiederzusehen!", rief er aus und war wirklich erfreut.„Wie sind Sie alt ge- worden!", fügte er mit der ernstesten und liebenswürdigsten Stimme hinzu... Die Angeredete blieb lange wie erstarrt. Diese Art Höflichkeit war ihr unbekannt.„Oh, verzeihen Sie mir", begann der Herr wieder,„meine Bemerkung über- rascht Sie zweifellos. Ich komme eben aus Aethiopien. Dort ist es ein Kompliment, das man Freunden macht, wenn man sie lange Zeit nicht gesehen hat, daß sie zusehends gealtert sind." Weisheit des Orients! Alt werden können und mit Würde altern, welche große Kunst! seinem Ueberwachungsdistrikt bald gar keine Ordnung mehr herrschte. Seine Kameraden redeten vergeblich auf ihn ein. Als gar nichts mehr half, sagten sie ihm eines Morgens glatt ins Ge- stcht:„Dieses Mädchen ist Deiner nicht wert. Sie hält Dich mit dem ersten Besten zum Narren. Wenn Du es nicht glau- ben willst, gib vor, eine Inspektionsreise anzutreten und komme an demselben Abend unvorhergesehen zurück. Wähle vorher den, mit dem Du sie überraschen willst. Du wirst sie zusammen finden. Sie hat bestimmt nur solchen unheilvollen Einfluß auf Dich, weil sie Dir pusana einflößt. Laß ihr Ge- päck untersuchen, und Du wirst sehen!" Der Ingenieur befolgte den Ratschlag und ertappte auf diese Weise das in wahrem Wortsinn„bezaubernde" Weib mit dem Mann seiner Wahl. In ihrem Koffer entdeckte man verschiedene Fläschchen mit unbestimmbaren Flüssigkeiten. Der Ingenieur schickte die Frau mit dem nächsten Floß nach Cindad Bolivar zurück. Sie weinte, schrie, flehte, drohte, aber er blieb unerbittlich. In ben Clanos, den weiten Sandebencn, die sich zwischen Columbien und Venezuela erstrecken, spricht man überall von den pusanas. Die Indios sind in ihrer Zubereitung sehr bewandert und befolgen dabei tausenderlei Ritualien- So fasten sie und enthalten sich jeder Berührung von Salz an dem Tage, an dem sie die Mittel benutzen. Sie unterscheiden gute und schlechte pusanas. Schlechte sind diejenigen, welche die Frauen gebrauchen, um sich die Männer unterwürfig zu machen. Eine etwas einseitige Betrachtungsweise! Zwar ge- nügt eine gewisse, ganz winzige Dosis, um mehrere Frauen zu erobern. Manche pusanas sind aber für diesen Zweck gar nicht gedacht, sondern sollen ihre Zauberkräfte nur aus ein bestimmtes weibliches Wesen auszuüben, das der Benutzer zu seiner ständigen Gefährtin machen will. Werden sie in regelwidriger Weise verwandt, so richten sie Unheil an. Für mehrere vorübergehende Abenteuer stehen andere Arten von pusanas zur Verfügung. Wenn man zuviel von den Zauberkräften nimmt, wird man — verrückt. Der Fall eines Weißen, der am Orinoco wohnte und von seiner Frau durch Liebeskräuter ums Leben ge- bracht wurde, wird von einwandfreier Seite als wahr be- stätigt. Auch von einem Neger wird berichtet, der sich durch die erprobten Mittel ein weißes Mädchen zu Willen machte. Die Geschichten um das pusana nehmen kein Ende. Auf alle Fälle müssen die Indios als erfahren« Giftmischer ange- sehen werden. Es wäre interessant, wenn sich ein chemisches Laboratorium einmal ein paar Proben von pusana verschassen könnte. Das Ergebnis ihrer Untersuchung würde vielleicht ausklären, was hinter diesen Hexenkünsten steckt und wie weit sie lediglich fauler Zauber sind. RogerKersten. Hier wohnte Richter Lynch Dem Magistrat von G a l s w a y liegt der Antrag vor, das Haus des Richters Lynch zu renovieren, damit es der Stadt als Sehenswürdigkeit erhalten bleibt,' denn auf dieses Haus sind die Leute von Galsway sehr stolz. Der Richter Lynch gilt ihnen als Sinnbild der Gerechtigkeit. Der Richter, der einer grausamen Justiz seinen Namen gab, war ein von der Gerechtigkeit besessener Mann. Im Laufe der Jahre hat das Wort eine andere Bedeutung bekommen, heute ist es nicht mehr Sinnbild für Gerechtigkeit, sondern für aufgepeitschten Haß.— Der Sohn des Richters Lynch hatte einen Mord be- gangen und war zum Tode verurteilt worden,' aber niemand fand sich, der wegen der hohen Stellung des Vaters des Ver- urteilten dieses Urteil zu vollstrecken wagte. Da ergriff der Vater eigenhändig den Verurteilten und hängte ihn ans Fensterkreuz seiner Wohnung, allen Bürgern zu Schau. Die Vlumenvase auf dem Topf In Paris findet eine neugegründete Gymnastikschule starken Zulauf. Ihr Leiter. Monsieur Alphonse Cruconnet, behauptet, den einzigen richtigen Weg zur Schönheit ge- sunden zu haben:„Meine Damen," sagte er bei der Ein- führungsansprache,„weshalb haben die Wilden einen so stolzen Gang?— Weil sie schwerste Lasten auf dem Kopfe tragen und dadurch ihren Körper aufrecht erhalten. W«r Europäer in unserer meist sitzenden Lebensführung müssen diesen freien Gang der Wilden wieder erlernen." Und so gehen, oder besser gesagt, schreiten die elegantesten Dame» der Pariser Gesellschaft mit Lasten aus dem Kopf durch die Räume— aber aller Anfang ist schwer, und wenn diese Krüge nicht aus festem Material wären, so würben sie oft zu Bruch gehen. Diese Gymnastikmethode ist auch zum Selbst- Unterricht sehr zu empfehlen: Bitte, meine Damen, versuche» Sie es, das Tablett mit dem Mittagessen aus dem Kops ins Eßzimmer zu bringen. Im Anfang ist Hilfsstellung durch die Hände erlaubt. Der rasende Klavierspieler John Strickland hat dieser Tage in Blackpool eine« Klavierspiel-Rekord ausgestellt. Er hat,122'/, Stunden lang ununterbrochen die Tasten geschlagen. Der spielende Narr brach nach Ablauf dieser Zeit völlig erschöpft zusammen. Selbstverständlich beweist seine Leistung in musikalischer Hin- ficht überhaupt nichts. Wie überall kommt es beim Klavier- spiel ja bekanntlich weniger auf die Quantität als auf die Qualität an. So lange zu klimpern, wie Mr. Strickland, ist keine Kunst, sondern höchstens eine Plage für seine Nach- barn! Eine Römerssule in Chikago Zur Feier des italienischen Transatlantikfluges unter Führung des Marschalls Balbo ist am 15. Juli in Chikago, an den Usern des Michigansees, nicht weit von der Landungsstelle der Italiener, eine Römer- säule aufgestellt und eingeweiht worden. Die Säule ist ein Geschenk von Mussolini: sie ist aus grünem Marmor, fünf Meter hoch und 1,70 Meter Umsang, und stammt aus den Ausgrabungen von Ostia.— Nach der EinweihungS- zeremonie wird die bisherige IS. Avenue„General-Balbo- Avenue" getauft werden. Die Göttin aus der S>tein;eit Bei Ausgrabungen, etwa sieben Meilen von Glasgow ent- fernt, hat man den Torso einer Frauenfigur, einer Skulptur von großem künstlerischen Wert zutage gefördert. Di« Sach- verständigen sind der Ansicht, daß es sich um die Statu« einer Göttin handelt, und zwar wahrscheinlich der Göttin der Fruchtbarkeit. Die Hände und die Füße sollen mit ganz be- sonderer künstlerischer Meisterschaft ausgearbeitet sein, und die Archäologen halten dieses Werk für eine der bemerkend- wertesten Reliquien der Steinzeit. Nach ihrer Schätzung muß das Werk vor nicht weniger als dreißigtausend Jahren ent- standen sein. Der letzte Mohikaner gestorben Der letzte Mohikaner ist vor kurzem in Greisange iw Staate Milwaukee UTA. verstorben. Bei seiner Geburt hatte er den Namen„Drei Pfeile" erhalten. Später hatte er diese Benennung gegen den alltäglichen Namen William Dick ein- getauscht. Er führte in seiner Stadt das beschauliche Leben eines amerikanischen Spießbürgers und wurde auf diese Weise hundert Jahre alt. Hätte sich das der alte Fenimore Cooper träumen lassen?! Statt im Kampfe gegen die Jro- quois stirbt der letzte Mohikaner im Schlasgemach seiner' Sechs-Zimmer-Wohnung! Unsere Töchter, die Kannen Roman von HermyntaZur Mühle«. 42 Wenn ich doch nur um zehn Jahre jünger wäre, damit auch ich an dieser Arbeit teilnehmen könnte. So sitze ich hier, eine unnütze alte Frau, und zittere um das Leben der mir lieben Menschen, und sie sind mir alle lieb geworden, die verfolgt werden, die leiben, die sterben. Einmal durste ich etwas tun, durste mit dem Motorboot Nachricht hinaus- bringen, in die Schweiz, und einen Menschen konnte ich noch über die Grenze retten. Jetzt jedoch, vor einer Woche, haben sie mir das Boot beschlagnahmt. Ich sehe es bisweilen unter der Hakenkreuzfahnc über den See dahinrasen und frage mich, für wen es, das zum Retten ausersehen war, Unheil bedeutet. Sonst freilich lassen sie mich in Ruhe. Und das ist gut. Habe ich doch immer von neuem etwas zu verbergen: Flug- schritten, verbotene Zeitungen, hin und wieder auch in der kleinen, fensterlosen Kammer hinter dem großen Schrank einen Menschen, auf den Jagd gemacht wird. Neulich, wie gerade so ein Mensch bei mir war, erschien freilich ein SA.- Mann und wollte Haussuchung halten. Ich war ein nltznig zermürbt von den Ereignissen der letzten Woche, ich hatte Angst, daß ich die Fassung verlieren könnte..Der SA.-Mann sah nicht sonderlich bedrohlich aus. Ich merkte, daß er mit gierigen Augen die Zigaretten auf meinem Tisch betrachtete. Ich überwand mich und bot ihm eine an. Er rauchte die eine und bann eine zweite. Schließlich brummte er: „Ein gutes Kraut, das können wir uns nicht leisten." „Bei Ihrer Löhnung?" fragte ich harmlos. Er machte ein wütendes Gesicht: „Was, Löhnung! Wir haben seit vierzehn Tagen keinen Pfennig erhalten." Ich hatte meine Börse neben mir liegen. Nun entnahm ich ihr einen Hundertmarkschein und spielte damit. Der SA.- Mann starrte mit den gleichen Blicken auf das Geld, mit denen er vorher aus die Zigaretten gestarrt hatte. Ich öffnete die Hand, und der Schein siel aus den Boden. Der Mann hob ihn auf und zögerte einen Augenblick. Dann reichte er ihn mir. Ich lächelte. „Der ehrliche Finder," sagte ich und drückte ihm das Geld in die Hand. Gerade noch in der letzten Sekunde, denn gleich daraus trat ein zweiter SA.-Mann ein: sie dürfen anscheinend nie allein Haussuchung machen. „Nichts gefunden," brummte der erste.„Ich weiß gar nicht, was man bei dem alten Weib, das sich kaum rühren kann, immer sucht. Dieses blöde Herumhetzen. Wir haben doch wirk- lich Wichtigeres zu tun." Er wandte sich an mich. „Geben Sie dem Kameraden ein paar Zigaretten. Was brauchen Sie in Ihrem Alter noch zu rauchen." Der„Kamerad" erhielt eine ganze Schachtel, und ich machte mich ganz klein und wackelte mit dem Kopf, damit das«alte Weib" stimme. Als die beiden gegangen waren, wurde ich nachdenklich. Sie haben seit vierzehn Tagen keine Löhnung erhalten... Was bedeutet das? Und wie werden Menschen, die nur um der Löhnung willen zur SA. gegangen sind, daraus reagie- ren? Und wenn sie keine Löhnung erhalten, bedeutet dies, daß kein Geld mehr da ist? Weiß Gott, sie haben für ihre Feste genug und übergenug verpulvert. Und auch mit dem Export soll es hapern. Wird die Rettung von dorther kommen? Wir wissen ja, was Entsetzliches geschieht, wenn auch nicht alles, aber wie es wirklich um die Wirtschaft steht, das wissen wir nicht. Wir lesen von neue» Einstellungen, aber wir lesen auch von vielen, vielen Kündigungen, und ich weiß, daß selbst in unserer kleine» Stadt eine große Anzahl Menschen erwerbslos ist, eine noch größere als früher. Wie mag es in den groben Städten, in den Jndustriebezirken wirklich aus- sehen? Und auch die Fremden, die Ausländer, kommen nicht. Die Promenade am See ist ganz leer, die Hotels und Gast- Höfe, die sich so viel von der Tausendmarksperre versprochen haben, erwarten vergeblich Gäste. Und die Preise der Lebens- mittel steigen. Das„dritte Reich": die Armen sind noch, ärmer als zuvor, und sie müssen schweigen. Und jeder, der ein menschliches Herz hat, muß schweigen. Und jeder, der nicht zu den neue» Herren geht, ist verloren. Das„dritte Reich": es ist ein Höllenkreis, der Kreis des Eises, in dem alles erfriert und stirbt. Nein, das ist nicht wahr. Nicht alles, das Gute und die Gerechtigkeit können nicht sterben. Irgendwo verborgen leben sie weiter, wirken sie weiter. Wir wissen es. Wir glauben fest daran. Was immer geschieht, was wir jetzt erleben müssen, ist nicht das Ende. Ist vielleicht ein grauenvoller Anfang. Ich blicke auf die Jahrhunderte zurück und sehe in ihnen die gleichen Verfolgungen und die gleichen Qualen Unschuldiger. Aber ich sehe auch, wie die Ungerechtigkeit und die Grausamkeit zusammenbrechen und einer neuen Zeit Platz machen. Inmitten dieser wilden Horde, die si«h „Deutsche" nennt, lebt ein anderes Volk, das wahre Deutsch- land. Und weil es wahr und echt ist, wird es siegen. Und olles, was in den andern Ländern wahr und echt ist, wird ihm Helsen. Muß ihm helfen-Wir dürfen nicht unsere Stimme erheben, wir dürfen nicht nach Hilfe rufen, aber eines schreit lauter als unsere erzwungene Stummheit: die Toten, die Gefangenen dieses schauerlichen„dritten Reiches". Die Steine schreien, auf die ihr Blut geflossen ist. und der blaue Himmel, der ihre Leiden gesehen hat. Und diese Stimmen werden immer lauter und lauter. Sie dringen über die ganze Welt- Die Welt muß sie hören. Wir aber, die Gefangenen dieses Landes, wir warten. Wir warten auf die Rettung. Wir warte», wir warten... Fortsetzung folgt.) 1 Etappen einer Freundschaft In den Jahren vor dem Machtraub hat der deutsche'Rationalsozialismus gern seine Freundschaft zu dem saschisti- scheu Italien und die Ucbcreinstimmung mit den Ideen de» Tuce betont. Diese Freundschaft, sogar Südtirol, wurde dem guten Verhältnis geopfert und hat nach dem 80, Januar 1988 einige Trübungen erfahren. Die„Unabhängigkeit" Oester- reichs war sehr bald für das erpansionSlllsterne„dritte Reich" zu einem Prüfstein für das„weltanschaulich" begrün- bete SympathieverhaltniS zu Italien geworden. Immerhin wurde die erste Zusammenkunft zwischen dem deutschen Reichs- Kanzler und dem italienischen Regierungschef, die Mitte Juni >n Venedig stattfand, in der Presse beider Länder als ficht- barer Ausdruck der die Beziehungen zwischen Italien und Teutschland beherrschenden Freundschaft angesprochen. Wo- bei vielleicht nur auffiel, daß die nationalsozialistische Presse, dem Bedürfnis der Hitlerregiernng nach einem nußenpoli- iischen Erfolg entsprechend, in- der Bewertung dieser Zu- lammen knnft enthusiastischer war als die faschistische. .So machte die„S t a m p a" damals bereits deutliche Bor- behalte.„Die Beziehungen zwischen Italien und Deutschland sind nicht einfach und nicht auf Rosen gebettet. Im Gegenteil, selbst auf dem ideologischen Gebiet waren gerade in letzter Zeit Polemiken ausgekommen, die manchmal absurd, immer aber peinlich waren, und die um jeden Preis die Originalität erweisen sollten. Man muß zugeben, daß diese Sprache eini- germasten verständlich war. Die Zeltung spielte dabei auf jene ekelhafte Ucbcrheblichkeit an, die die Ideologen des „dritten Reiches" in der Lobpreisung des Nationalsozialis- mus an den Tag gelegt hatten. Indes: es gab auch freundlichere Stimmen.„Vavoro Fasctsta" lieh sich anläßlich des Hitlerbesuches so ver- nehmen: Die Tatsache, daß der Faschismus und der Ratio- UalsozialtSmus die Samenkörner einer neuen Kultur auskeimen lassen, ist die beste Garantie für den Friedenswillen des faschistischen Italiens und des national- sozialistischen Deutschlands." Doch auch dieses Blatt flocht eine Einschränkung ein:„Um es klar auszusprechen, wirb der Faschismus in aller Welt heutzutage als ein wichtiger Frie- densfaktor betrachtet, während man nicht behaupten kann, bah der Nationalsozialismus in allen Ländern ebenso beurteilt wird." Wie unvergleichlich unkritisch und vorbehaltlos war da- gegen das Echo in der deutschen Presse! Die„Franksur- t e r Z r i t u n g" unterstrich die Bedeutung der Tatlache, dah durch den Hitlerbesuch in das deutsch-italienischc Verhältnis „nunmehr ein wichtiges persönliches Element getragen wor- den" sei.„Die geistige Verwandtschaft zwischen Faschismus und Nationalsozialismus verspricht aus diese Weise auch in austenpolitischcr Beziehung stärker fruchtbar zu werden." Knapp sechs Wochen später knallten in Wien die Re- vclverschüffe. die den Bundeskanzler D o l l f u st tödlich ver- mundeten. Und von der geistigen Verwandtschaft, der so kurz vorher die Venezianer durch begeisterte„Evviva"-Rule aus -Hitler Ausdruck glaubten geben zu müssen, ist plötzlich nichts mehr zu spüren. Garnichts mehr? Doch, in hohem Mäste so- -Kar. Nur-da» Gesicht der geistige» Verwandtichast hat sich «geändert. ,^ebsro^i<.Aiprm h«^ stpingt^ine, Welte vo» Hast pnd Abscheu herüber gegen dn» nationalsozialistische Deutsch- band, und zurück slutct ein Strom von Beschimpfungen und ^Verdächtigungen. Zwei Räuber streiten sich um die Beute. Das ist die geistig« Verwandtschaft zwischen Faschismus und Nationalsozialismus. Wir vürien keine der blutigen Tchänd- taten vergessen, die von den jetzigen Rivalen im Lauie ihrer kurzen Geschichte gegen Andersdenkende verübt wurden. In ihrer.Presse spiegelt sich ihr. Wesen. Denn diese Presse ist a b h ä n g i g und g e h o r s a m, und sie spricht nur aus, was die Diktatoren auszusprechen wünschen. Einige Zitate geben ein vollkommenes Bild!.. Die faschistische Presse stellt die Verantwortung Deutschlands an den Ereignissen in Oesterreich allen Erwägungen voraus. Schuld und Drohung „Gazetta del Popolo": Deutschlands Mittäterschaft an den öst-rreichischen Ereignissen sieht fest. Wir wollen nicht vergessen, dag der Krieg 1914 mit einem Attentat begann. „Giornale d'Jtalia": Deutschland must mehr denn je überwacht werden. Heute sucht es nach einem Alibi, aber nichts beweist, dag es seine Absichten geändert hat. „Popolo di Roma": Wir wissen, daß die Reichsrcgierung versprochen hat, sich nicht in die inneren Angelegenheiten Oesterreichs zu mischen. Man weist aber auch, daß sie ihr Versprechen nicht gehalten hat. Man kann daraus nur eine einzige Schlußfolgerung ziehen: entweder hat Hitler sein Wort nicht halte» wollen oder aber er hat es nicht halten können. Beide Hypothesen sind kompromittierend. Wir gehen von dem Standpunkt aus, daß die Welt Diktatoren benötigt, aber nicht Männer, die lügen. Alle wissen in Europa, von ivem und wie der Reichstag angezündet wurde. Nur Hitler weiß es nicht. Alle wußten um das Gebaren Röhms. Nur Hitler nicht. Eines schönen Tages wird Hitler um die frühere Behandlung Görings als Morphinist in einem Sanatorium erfahren, was er heute noch nicht weiß. Man muß zittern darüber. ivaS ge- schehen wird an dem Tage, an deni er es endlich erfährt... Es ist endlich an der Zeit, daß Deutschland und der Nationalsozialismus am Rande des Abgrundes haltmachen, in den sie unfehlbar stürzen werden, wenn sie sich daraus versteifen, Europa in eine nicht ivieber gutzumachende Kata- strophe mit hincinreißen zu wollen. „Popolo d'Jtalia": Der Nationalsozialismus hat es fertiggebracht, ringS- um Feinde Deutschlands zu schaffen. Wenn der Krieg ausbräche, würden die Heere aller Länder Deutsch- l a n d iv i e eine Sturzflut ü b e r s ck iv e in m c n. Es ist eine elend«' Politik, daß die. welche einen>v i r t- schastltchenBankrott maskieren wollen, solche Metho- den anwenden. „Ttampa": Wenn die deutschen Machthaber in ihrem Irrtum ver- harren, wird es uuvermeiöl'ch sein, daß sich der Kreis der Isolierung auch im Süden schließt. „Messagero": Man verhandelt nicht zweimal auf gleichem Fuß mit dem, der mit soviel Zynismus d i e G c s e tz e d e r E h r e verletzt. Es gibt jetzt keine Regierung, die nicht das Recht hätte, Teutschland gegenüber ihre volle Handlungsfreiheit zurückzugewinnen. Abscheu und Verachtung „(fordere della Sera": Ter Nationalsozialismus, der sich in. einem u nv e r- st ä n d l i ch e n Z u st a n d des Wahnsinns und der Verwirrung bis zum höchsten Grade der Leidenschaften gesteigert hat, hat nun die Zerstörung, den Mord und den Terror zu seinen politischen Leidenschaften gewählt. Die Welt hat die von Mussolini sofort ergriffenen Vorsichtsmaßregeln gebilligt. Und was gedenken nun die Herren des national-terroristischen Journalismus zu tun? Sie können lange ihre niedrigen Beschimpfungen und Un- Verschämtheiten gegen Italien und die italienische Presse loslassen: die Verantwortung des deutschen Nationalsozialismus ist erdrückend und klar erwiesen, denn die Terror- akte sind nicht nur kaltblütig ausgedacht und ausgeführt worden, sondern sie wurden sogar mit dem Sadismus, der denjenigen eigen isi, die ihren blutrünstigen L e i d e n s ch a f t e n preisgegeben sind, zum voraus ange- kündigt. Die Haltung Deutschlands>v ttt f chün d- lich.... „Popolo d'Jtalia": Die deutsche Presse hat in den letzten Taqen gegenüber Italien einen ziemlich scharfen Ton angeschlagen. Einige Blätter brauchten sogar die alten Phrasen von, A n t i- faschismus und internationalen„Demosozialkomniunis- mus". Es ist begreiflich, daß ei» Fehler den anderen nach- zieht. Man spticht sodann von den Herren Faschisten, gc- rabe als wenn der Faschismus eine Ansammlung feudaler Herren wäre. Wißt. Ihr Herren Nationalsozialisten, der Faschismus ist ein Meisterwerk politischer Kunst und Volks- eintracht, das die Sympathien der Welt genießt. Der Wahnsinn hingegen stößt auf den Haß und Abscheu der ganzen Welt. „Lavoro Fascista": Der Nationalsozialismus oerleugnet die ganze Geschichte der Menschheit, um die Heranzüchtung einer reinen deut- fchen Rasse zu ermöglichen, mit der die„Mischrassen" wie die italienische, französische oder englische nur schwer sich werden verständigen können... Es bleibt Deutschland unbenommen, sich von der übrigen Welt abzu- sondern, aber es kann ihm nicht gestattet werden, daß es die anderen vergewaltigt. „Popolo d'Jtalia": In ihren trüben Seelen sind die wilden Instinkte und der Blutdurst wieder erwacht, den die römische Kultur in zwei Jahrtausenden des Ehristentums in ihren Nomaden- seelen abgedämpft hat. Die Nationalsozialisten sind Mörder und Pä begrasten. Nur das und nichtS anderes. „Messagero":» Siehe da, wie das wilde Tie» zu keiner wahren Natur zurückkehrt. Es denkt instinktiv av neue Bluttaten, an neue Verfolgungen, an Rache. N Die deutsche Presse, der soviel Feindseligkeit die Sprach« verschlagen hat, ver» mag ihre Enttäuschung und Wut oftmals nur in Ueber- f ch r i f t e n zum Ausdruck zu bringen. Die„Frankfurter Zeitung" spricht von einem„U n v c r a n t iv o r t'l i ch e n Presse- lärm" und meint: Es wäre zu viel ve.rtangt, dagegen zu polemisieren. Man könnte den gleichen ZeÄungen die Lobes- Hymnen vorhalten, die sie seit Jahr und Tag über den Ratio- nalsozialismus geschrieben haben. Die„Berliner Bbrsenzeitung" rechnet den Italienern alle Züge der Ostgoten, Langobarden, Franken und Hohenstaufen nach dem Süden i*or und frischt die Erinnerung an Radetzki und die Schlacht v.on Eaporetto auf, um daran die Ucberlegcnhett des Germanentums über die italienischen Einflüsse zu demonstrieren, die Oesterreich und Deutschland nie erreicht hätten. „Italien hat 1914 die Bündnistreue zu- gunsten geschäftlicher Vorteile auf gegebe n." Aus all dem ergibt sich die Behauptung eines ,g e s ch i ch t- l i ch begründeten M i n d e r w e r t i g k ei t s k.o m- p l e t e s der Italiener..^ „Berliner Tageblatt": k* Wir verzichten darauf, auf diese» Niveau eines journalisti- scheu Tiefstandes zur tickzu st eigen und übergeben diese Verwilderung der Italienischen Presse dem Urteil deS deutschen Volkes und der Welt.. „Der Deutsche": Es spricht ein Haß daraus, eine Gesinnung, die so tief- stehend ist, daß die Jtalienkreunde in Teutschland wohl für lange Zeit geheilt sein dürsten. Das offizielle„Deutsche Nachrichtenbüro" spricht von einer „immer noch zügellosen Sprache der italienischen Presse". Die„Saarbrücker Landeszeitnng" sieht sehr zahm nur „Verdächtigungen in der italienischen Presse". Die„Saarbrücker Zeitung" erklärt zunächst von oben herab:„Ausgerechnet Italien!", um einige Tag« später unter der Ueberschrnt „M ussolinis Pressemeute r a st weiter" u. a. zu schreiben: Mit einer Schamlosigkeit, die an die Greuelhetze des Welt- krieges erinnert, ja, diese noch dadurch übersteigt, daß mitten im Frieden eine Kriegshastpsychose erzeugt werden soll, be- leidigt die italienische Presse nach wie vor das deutsche Volk.. Die Wiederkehr des M. Jahrestages der Kriegserklärung gibt uns Deutschen die Gelegenheit, die politischen und moralischen Qualitäten, der italienische» Presse unter die Lupe zu nehmen. ES soll doch vor Ausbruch des Weltkriege» ein Dreibund bestanden habe». Aber es ist uns nur bekannt, baß das Deutsche Reich und Oester- plexc« der Italiener- Doch damit der Ring sich schließe, sei trotz seiner Bedeu- tvngslosigkeit das„Saarbrücker Abendblatt" zitiert: ... werden allerdings in vielen Kreisen Deutschlands sehr ernüchternd wirken, denn man steht einmal wieder mit aller Deutlichkeit, was man von der sogenannten italie- nischeu Freundschaft zu halten Halten... Im llebri- gen hat die Haltung des Tuce i» Berliner politischen Krei- sen keine allzu große Beunruhigung hervorgerufen. Man kennt die Vorliebe dieses Mannes für ge- räuschvolle Demonstrationen nnd schätzt sie entsprechend ein. So also stellt sich heute die Freundschaft zwischen Deutsch- land und Italien, die geistige Verwandtschaft zwischen'Ratio- nalsozialismus und Faschismus dar- Tie Zügellosigkeit der Sprache, die auf- S cn Seiten sich gleicht wie ein Tropfen Wasser dem anderen, verrät die Seelengleichheit der iaschi- ftischen Brüder.„Es sind die Dillinger, die heute in Mittel- europa Geschichte machen". So schrieb die Basler„National- Zeitung" anläßlich der Ermordung des Bundeskanzler» Dollfuß. Die Welt aber mag an diesen Beispielen erkennen, welchem Ehaos ein faschistisches Europa ausgeliefert wäre. Ein Heides'ranv aof Eedienbadis Grab Geschäftiges Treiben in der Bahnhofshalle einer iran- zosijchen Grenzstadt. Menschen komme» und gehen. Aus der Menge tritt ein einlach gekleideter, älterer Mann an mich heran mit einer belanglosen Frage. Er spricht deutsch. Das Zeutsch jener Leute, die in der Gegend von Hannover zu Hause sind. Ein wenig geziert und schüchtern. Natürlich sind wir bald im Gespräch. Ich gebe mich ihm zu erkennen. Da wird der Mann gesprächig. Schon seit 4si Jahren gehört er der Sozialdemokratischen Partei a» und mit Nachdruck betont er, daß cr auch heute noch Sozialdemokrat sei. Nur vorüber- gehend hält- er sich hier aus- Bald fragt er mich nach den Namen bekannter Parteigenossen. „Kannten Sie Fechenback, Felix Fechcnbach?" Ich nickte stumm und denke des guten Kameraden und lieben Menschen, den Hitlers Mörder„aus der Flucht er- schössen" haben. „Ja, unser guter Fechenbach," sprach der alte Genosse. «Feige haben sie ihn, der doch ein so treuer und ehrlicher Streiter für seine und der Menschheit Ideale war, umgebracht." Seine Sinnme bebt vor Erregung.„O, ich kannte ihn gut. solange er im Gefängnis faß. schickte ich ihm oft Zigaretten und Blumen, bei seiner Frau verbrachte ich manche Stunde, während der wir über Felix plauderten. Dann schleppten sie ihn fort." „Ich kenne den Ort, an dem man ihn erschoß, und ich kenne die Mörder. Gut kenne ich sie. Ihrer Vorstrafen wegen sind sie ln der ganzen Genend bekannt. Wir, die Genossen meiner engeren Heimat,.haben sie wohl vermerkt. Sitzen sie au>h heule In Aemt rn und A'cmtchen' wir'werde« sie am Tag der Generalabrechnung nicht vergesicn.. „In aller Stille und Heimlichkeit verscharrten sie unseren Freund. Ich sand leine Grabstätte aus einem stillen Friedhof. Das Tor war verschlossen, eine hohe Mauer umsäumte die Stätte der Toten. Nach langem Fußmarsch wollte ich nicht un- verrichteter Dinge wieder zurückgehen. So kletterte ich ein- fach über die Mauer und sand das Grab unseres Freundes- De» Straub Heidekraut, den ich unterwegs auf den stille» Feldern meiner Heimai für inneren Felix gebunden, legte ich sür alle Genosse», die Felix gekannt hatten, aus feinem Grabe nieder." Einsach und ehrlich, ohne Pathos klana die Erzähluna deS Alten In seinen Augen sah ich ein stilles Leuchten, der herz- hafte Druck seiner abgearbeiteten Hand prägte den Stempel der Wahrheit unter diese von rührender Treue berichtenden Worte. Der alte Genosse ging. Längst versieht er in seinem Heimat- städtchen wieder seine stille Arbeit. Spricht niit den alten Genossen, freut sich an der zähen illegalen Arbeit der Jungen und hat ein Wort des Trostes für die Frauen und Kinder der von der Justizmaschine getroffenen Kämpfer. Uns aber in der Fremde brachte er Kunde von der Treue mutiger Streiter, die in ihrer Arbeit und ihrem Hoffen den Tag herbeisehne», an dem in Teutschland das Vermächtnis unserer Toten in Erfüllung gehen wird. Nichtarier und deutscher Gruß In Kreisen der Beamtenschaft sind Zweifel darüber ent- standen, ob im Verkehr der Behörden mit dem Publikum der deutsche Gruß auch gegenüber R i ch t a r t e r n anzuwen- den sei. In der RS-Beamtenzeitung erklärt Dr. v. Lee rs zu dieser Frage, daß der Hillergruß ganz allgemein der Gruß der deutschen Behörde» gegenüber allen deutschen Staatsangehörigen sei Der Jude, der sich in Deulichtand aus» halte, müsse sich dieieu Gruß gefallen lassen, genau iv. wie es sich ein Ehrist in einem mohammedanischen Lande gefallen lassen müsse, daß er mit dem«islamiichen Friedensgruß„Sa- laam" gegrüßt werde. Der Hitlergrub gelte gegenüber allen Reichsangehörigen. dagegen nicht gegenüber Aus- l ä n b e r n, Der Jude, der die Reichsangehörigkeit besitze und damit auch ihre Borteile genieße, müsse jedenfalls a m t- l i ch den Hitlergruß nehmen und geben. Im persöu- l i ch e n Gespräch mit einen, Juden werde man von der Lage der Dinge und dem natürlichen Takt auszugehen haben. Je- dcnsalls werde hier kaum zu erwarten und zu for- d e r n sein, daß der Jude auch im Privatleben den deutscheu Gruß anwende. ver naive veriiner Was heute geglaubt wird... Paris, g. August. Bon unserem Korrespondenten Ueber das Leben in Berlin plaudert der Berliner Sonder- berichtersiatter des„Figaro" in seinem Blatte. Er meint, der Berliner lebe auch jetzt noch über seine Verhältnisse. Sein Grundsatz sei:„Nach uns die Sintflut", Wenn schon der Franzose nicht viel von der Geograste wisse, was solle man da erst von Deutschen sagen'? Die un- glaublichsten Gerüchte würden in Berlin vertraulich weiter erzählt. Während er sich eine Zigarre anzünde, errichte sich der Berliner ein System von europäischen Bündnissen, das die Meinung bestätige, die er von seinem eigenen Wert habe. Er, der Berichterstatter sei ins Kaffee Vaterland ge- gangen. Dort habe ihm sein bester Freund verraten, daß Engländer und Franzosen sich entzweit hätten, und Spanien gerade dabei sei, Litauen den Krieg zu erklären. Dieser Berliner, so meint der Korrespondent, sei nur einer aus der großen hitlerbegcistertcn Menge, kanalisiert und Vertrauens- voll zugleich, dazu von wunderbarer Naivität. Das würde nur komisch wirken, wenn es nicht gefährlich wäre... .Nie wieder..." Kundgebung der Internationale zuifk Arbeiter und Arbeiterinnen aller Länder! Erinnert Euch! Muf den drei europäischen Kaiserreichen von 1014 lastet die ungeheure Blutschuld der Kriegsstistung. Imperialistische Gegensätze hatten den Boden vorbereitet- das Wettrüsten die Entscheidung nahegerttckt. Da satzte der Kronrat in Wien in unsäglicher Berblendunq den Entschluß, das Attentat in Seraieivo zum Borwand zu nehmen, um loszuschlagen. Der Hoyenzollcrnkaiser trieb Oesterreich vorivärts, der Zar machte durch die Mobilisierung Rußlands jeden Versuch zur Rückkehr zur Vernunft aussichtslos. So begann, ausgelöst von den drei Kaiserreichen, durch imperialistische Kräfte in allen Ländern verschärft, der Sturz in den Abgrund des vier Jahre währenden Massenmordes. Noch leben Hunderttausende von Krüppeln, die der Krieg verstümmelte,- Millionen von Witwen und Waisen, die der Krieg ihrer Ernährer beraubtes noch windet sich die Welt- Wirtschaft in einer furchtbaren Krise, an deren Schwere der Krieg und seine unmittelbaren Folgen die Hauptschuld tragen— aber schon erheben dieselben Mächte triumphierend ihr Haupt, die sich mit der untragbaren Verantwortung für den Weltkrieg belastet haben. Zwar hat die russische Revolu- tion mit dem Zarismus zugleich die feudalen und bürger- lichen Kräfte gebrochen, die 1914 zum Kriege drängten. Aber in Deutschland herrscht bluttriefend die Haken- kreuzdittatur, erfüllt von Rcvanchelust und der Monopol, kapitalismus, gejagt vom unersättlichen Drang nach neuen Märkten und neuem Prosit? in Oesterreich und Ungarn regiert die feudale monarchistische Reaktion, in Italien der beutegierige Faschismus, der erst vor wenigen Tagen während des nationalsaschistischen Putsches in Oesterreich hart daran war, einen Krieg zu entfesseln. Die alten Kriegshetzer in Europa sind wieder auserstanden und haben im Faschismus ihren Steigbügelhalter gesunden. Noch schlimmer: Jenseits der Grenzen Europas glimmt einneuerKriegsherd. Der japanische Imperialismus ist zur Offensive übergegangen, hat die drei nordostchinesischen Provinzen erobert, zu einem Marionettenstaat unter«einer Herrschaft vereinigt und rüstet sich unter ständig erneuten Herausforderungen zum Angrisf auf die Sowjet-Union. Imperialistische Kräfte in Deutschland und in Polen lauerü auf diesen Augenblick, um ihrerseits einen Beutekrieg gegen die Sowjet-Union zu beginnen. 20. Jahrestag des Kriegsausbruchs Nur der schärfste Kampf gegen die imperialistischen und faschistischen Kräfte kann Europa und die Welt vor dem neuen Krieg reiten. Gelingt es den werktätigen Massen nicht, den Faschismus zu entmachten bevor er Europa von neuem in Brand gesteckt hat. so ist es zum Untergang in Mord und Brand verurteilt. Gelingt es dem Sozialismus nicht, die imperialistischen Kräfte nieder- zuhalten, so ist der neue Weltkrieg unausweichlich. So verschmilzt der Kamps um Friede und Sozialismus, um politische Selbstbestimmung der werktätigen Massen und soziale Freiheit in eines. Bon seinem Ausgang hängt das Schicksal der Menschheit ab. Arbeiter und Arbeiterinnen aller Länderl Die Sozialistische Arbeiter-Internationale ruft Euch zu ununterbrochener Wachsamkeit und höchster Kampsbercitjchast für den Frieden auf. Ihr habt erkannt. Ihr müßt erkennen, was auf dem Spiele steht- Gerade die letzten Tage, in denen neuerdings von Wien derKriegs- brand auszugehen drohte, haben die ganze Größe der Gefahr gezeigt. Nie wieder darf die Internationale wie 1914 zerbrechen vor der Hochflut nationalistischer Leidenschaft, in welchen Mantel sie sich auch verhülle. Nie wieder darf das Proletariat den Kriegslosungen, der kapitalistischen Mächte, daß^dieser Krieg der letzte Krieg" sei, daß aus ihm Gerechtigkeit. Wohlstand und Frieden ausgehen werde. Glauben schenken. Aus einem neuen Krieg, wenn er trotz allem über uns hereinbrechen sollte, wird mit unwiderstehlicher G-ewalt die proletarische Revolution aegen die faschistischen Kriegshetzer und ihre imperialistischen Auftraggeber hervorgehen. Krieg dem Kriege! Das heißt nichts anderes als erbarmungS- loser Kampf gegen den Faschismus, v oN e opferreiche Hingabe an die Sache des aO s ztalismuS. Es lebe die Internationale. Brüssel, den 4. August 1934. Das Büro der Sozialistischen Arbeiter-Jnteruationale. Pariser Berichte Geburt, Hochzeit, Tod im Gefängnis Auch für die, die ihr Leben hinter den Gefängnismauern verbringen müssen, geht dieses Leben nicht immer eintönig dahin. Auch fiir sie gibt es jenen bunten Wechsel von Geburt, Hochzeit, Tod wie für diejenigen, die in der Freiheit leben. Im Gefängnis von Fresnes harren augenblicklich die beiden in den Spionageprozeß der Lydia Stahl verwickelten Frauen Selmann und Mermet ihrer Aburteilung. Frau Mermet hat vor wenigen Tagen erfahren müssen, daß ihre alte Mutter aus Kummer über das Schicksal ihrer Tochter, die im Gefängnis einem„freudigen Ereignis" entgegensehen sollte, gestorben ist. Und auch Frau Selmann war„guter Hoffnung". Beide Frauen wurden am Samstag fast gleichzeitig von je einem Kinde im Krankenhaus des Gefängnisses entbunden. Und fast zur gleichen Stunde, da diese kleinen neuen Erdenbürger in den düsteren Gefängnismauern das Licht der Welt erblickten, wurde in einer anderen Zelle des Gefängnisses eine junge Braut mit dem Brautkleide und Orangeblüten geschmückt. Das war gewiß kein alltäglicher Fall. Vor der Gefängnistür hielt ein mit Lilien und anderen weißen Blumen geschmücktes Taxi, das die Braut Solange Marche, die nun den Bund fürs Leben mit dem schloß, um derentwillen sie getötet hatte, in Begleitung von zwei Gefangenenwärtern zur Mairie von Suresnes brachte. Dort erwartete die Braut der achtzehnjährige Bräutigam Fernand-Jean-Louis Bon, ihre Mutter und sonstige Verwandte und Freunde. Der Leser dieses kleinen Romans aus dem Leben wird sich vielleicht erinnern, daß vor etwa zwei Monaten Solange Marche ihren Stiefvater im Verlauf eines Streites niederschoß. Das junge Mädchen hatte sich leidenschaftlich in Herrn Bon ver- WESTLAND erscheint in Saarbrücken jeden Freitag. „Westland" behandelt in unparteiischer Weise pplitische, kulturelle und wirt schaftliche Fragen. Besondere Auf» merksamkeit widmet es der deutschen Entwicklung. Die nationalsozialistische revolutionäre Uebergangszeit will es begreifen und nicht bejammern helfen Deshalb späht„Westland" nicht„Angriffspunkte" aus, sondern sucht ein umfassendes Bild zu geben Es wendet sich an den selbständig denkenden Leser, der mit ihm dieWahrheit für die schärfste Waffe des politischen Kampfes hält. Aus der neuesten Nummer: Hitlers Panama Paul von Hindenburg „Der Stürmer" als Lesebuch Pg. John Dillinger Die Saarabstimmung in Gefahr Hütten ohne Erze Die regelmäßige Zustellung erfolgt durch dl» Weifland-Verlags-G. m. b. H Saa brücken 3 ♦ Braueritraße 6— 8* Telefon 210(4 liebt, der diese Liebe mit der gleichen Leidenschaft erwiderte. Als sie nun ihren Stiefvater von der Verlobung Mitteilung machte, verweigerte dieser, der, wie das Mädchen behauptet, sie selbst sträflich liebte, seine Einwilligung. Außer sich vor Empörung griff Solange Marche zum Revolver und verletzte ihren Stiefvater so schwer, daß dieser an der\ erwundung starb.. Nun wurde am Samstag dieser Liebesbund legalisiert. Ks schien den anwesenden Zeugen beinahe eine Ironie des Schicksals, als der Standesbeamte Solange Marche fragte, ob sie die sofort nach der Trauung ins Gefängnis zurückmußte, ohne Junges Ehepaar sucht in Paris fOr Sonntag, dan 12. bis«InscM. Mittwoch, don 15. August billige Schlafgelegenheit Angoboto mit Prolt an Richard WalBgarbor, Buchdrucker, Saarbrücken, Brauerstraße 8. an dem Hochzeitsmahl teilnehmen zu dürfen— ob sie gewillt sei, entsprechend den gesetzlichen Vorschriften bei ihrem Gatten zu wohnen und diesem überallhin zu folgen. Aber Solange antwortete glücklich lächelnd: Ja. Tapfer fuhr das junge Mädchen nach vollzogener Trauung mit den beiden Kriminalbeamten ins Gefängnis zurück. Der junge Ehemann begleitete seine Frau bis zu dem Portal des Gefängnisses, wo sich die Neuvermählten mit einem langen Kuß verabschiedeten. Im November wird die Gerichtsverhandlung stattfinden, in der über Solanges Schicksal entschieden wird. Der verschwundene Gerichtsvollzieher In Montpellier ereignete sich ein geheimnisvolles Verbrechen. Dort ist seit einer Reihe von Tagen der Gerichtsvollzieher Albert Etienne verschwunden, ohne daß es bisher der fieberhaft suchenden Polizei gelungen ist, irgendeine Spur von ihm zu entdecken. Man nimmt an, daß Etienne einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Als mutmaßlicher Mörder kommt ein Italiener Albino Savaris in Betracht, der kein einwandfreies Alibi liefern kann und in dessen Wohnung blutbefleckte Kleidungsstücke gefunden wurden. Savaris ist der Geliebte einer Kleinhändlerin, die kürzlich von dem Gerichtsvollzieher zur Anzeige gebracht wurde... Ein Ge- mischtwarenhändler bekundete, daß am Tage des Verschwin- dens des Gerichtsvollziehers Savarin zu ihm gekommen wäre in stark unordentlichem Anzüge mit schweißtriefendem Gesicht. Der Italiener hätte ihm auf eine erstaunte Frage, wieso er in diesem Aufzuge sei, geantwortet, er käme im Motorrad von einer Beerdigung zurück. Savarin leugnet diese Tatsachen. Gottesdienst an den hohen jüdischen Feiertagen Auch in diesem Jahr findet in Paris an den hohen Feiertagen ein Gottesdienst nach deutschem Ritus mit Orgel, Chor und deutscher Predigt statt. Es liegen bereits zahlreiche Anmeldungen vor. Für die endgültige Auswahl des Saales ist es aber dringend erwünscht, daß sich auch die weiteren Interessenten bei einem der unterzeichneten Mitglieder des vorbereitenden Ausschusses melden. Da die Platzgebühren lediglich zur Deckung der Unkosten bestimmt sind und jeder geschäftliche Nutzen ausgeschaltet ist, konnten diese Gebühren ganz wesentlich gegenüber dem Vorjahre gesenkt werden. Sie betragen nunmehr zwischen 10 und 50 Franken. Für den Ausschuß: Martin Dosmar, 78, Rue Biomet, Paris 15«, Dr. Theo Ticbauer,^Rug^gorge Courtehae, eur Seine. BBIEPKflSTEM Landsmann von Goebbels. Sie erzählen unS folgende hübsH^ Anekdote, begleitet mit der Versicherung absoluter Wahrheitstreue. „Auch in unserer Gegend haben die Ereignisse des 30. Juni wie Donnerschläge gewirkt. Am tiefsten war freilich die obere Bonzo- frotte beeindruckt. Sie zitterte oor Furcht, daß das Ungewitter wegen angeblich allzu luxuriösen Lebens aus fremden Kagen auch fit er" reichen könnte. Die Folge war, daß die eleganten Autos der Herren Führer auf einmal überall zum Verkauf standen, ohne Abnehmer zu finden. Zu diesen Leidtragenden gehörte auch unser brauner Orts- gewaltiger, degen bunte Limousine vergeblich ihren Käufer sucht. Da wurde— es war Mitte Juli— der Besuch eines hohen Vor- gesetzten gemeldet, der nach dem Zeremoniell von der Bahn ab- geholt werden mußte. Was tun? Mit diesem Auto— unmöglich! Unser Lokalführer schwitzte vor Angst und Sorge. Da kam er in letzter Stunde auf einen rettenden Ausweg. Er stellte seine Limou« sine in die Garage und mietete fiir den Empfang den aller- kleinsten und bescheidensten Hanomag, der in der Stadt aufzutreiben war! Der Herr Obere kam, sah den winzigen Wagen und war da- von überzeugt, daß in unserer Stadt eine beispiellose spartanische Einfachheit herrsche. Aber es gab keinen, der über diese Geschichte nicht herzlich gelacht hat." Pfälzer. Sie übersenden uns nationalsozialistische Zeitungen aus der Pfalz, die über eine Rede des sogenannten Reichsbischoss Dr. Ludwig Müller bei einem Besuch in der Grenzmark berichten. Dem- nach hat der Reichsbischof u. a. gepredigt:„Wenn der Heiland aber schon ein Verräter bei 12 Männern hatte, so brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn diese Verräter hier auftraten. Wir wollen Gott danken, daß wir einen Führer haben, der ein Mann war und ist und der zugrisf und die Verräter bestrafte, womit Verrat immer bestraft werden muß, mit dem Tode."— Wir glauben uns zu erinnern, daß der Heiland den Verräter Judas keineswegs zu er- morden befahl, sondern die Vergeltung Gott überließ. Er hatte allerdings nicht Theologie studiert und hätte schon wegen seiner jüdischen Mutter nicht Reichsbischof werden können. Im Neuen Testament, im Römerbrief, steht ein Wort, über das gelegentlich der Reichsbischof predigen sollte:„Tie Rache ist mein, ich will ver- gelten, spricht der Herr." Es stammt allerdings von einem früheren jüdischen Rabbiner, Paulus mit Namen, und wir wissen nicht, ob die Paulusbriefe nicht auch dem Arierparagrasen zum Opfer ge- fallen sind. Es wäre schade, denn Paulus hat die heutige Sorte Reichsbischöse vorausgeahnt, als er im 13. Kapitel seines ersten Briefes an die Korinther schrieb:„Wenn ich mit Menschen— und mit Engelszungen redete, und hatte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle." Schweizer Freund. Sie schreiben uns unter andern:„Wie steht es eigentlich mit Hitlers Eousine— oder war es eine andere Ver- wandte von ihm, die sich eines Tages, lang lang istS her, in seiner Münchener Wohnung erschoß? Es wurde öffentlich gesagt, sie sei in Wien mit einem Juden verlobt gewesen und H. habe sie ver- anlaßt, sich zu trennen, worauf sie in seiner Wohnung Selbstmord beging. Ich dachte so ost an das arme Geschöps in diesen Jahren. Niemand ging der Sache nach. Nachdem aber der unfreiwillige Selbstmord zu H's. politischen Requisiten gehört, scheint es mir gut, auch einmal an diese dunkle Affäre zu erinnern."— Ihr Gedächtnis hat sie nicht betrogen. Es war Hitlers Nichte, ein junges und hübsches Mädchen, das mit ihrer Mutter vor etwa drei Jahren in seiner Münchener Wohnung lebte. Die Ursache ihres Selbstmordes, der damals nicht geringes Aussehen erregte, wurde nie ausgeklärt. Vielleicht gibt Ihre Andeutung einen Fingerzeig. S. H., Zürich. Sie schreiben uns zu dem im Briefkasten vom 3t. 7. erwähnten Traubenzuckerverfahren:„Dieses Zuckerversahren, zu dem alle Holzarten, auch wertloses Reisig benutzt werden können, wurde im Jahre 1327 von Dr. Bergius lHeidelbergs und einem Kollegen erfunden. Es ist dies aber nicht, wie„Amsterdam" erwähnt, eine wigenschaftliche Spielerei, sondern eine Tatsache von großem und wirtschaftlichem Wert. Ich selbst habe mich damals mit Herrn Dr. Bergius in Verbindung gesetzt zwecks Errichtung eine» kleineren Betriebes für dieses Versahren. Die Erfindung war aber nicht mehr frei. Etliche Jahre später habe ich gehört, daß Bergiu» da» Versahren den Russen überließ, die auch tatsächlich im Großen diese Erfindung ausbeuten, fluch könnte ich das von Amsterdam erwähnt« Koble-Benzin nicht ohne weiteres als wigenschaftliche Spielerei be- zeichnen."— Damit möchten wir diese Diskussion gern beschließen. Association des Emigres d'AHemagne en France Mittwoch, den 8. August, 21 Uhr im Vereinslokal„Chez Cohn" 17, Rue Beranger(Metro Republique) in Paris gemütlicher Abend. Eintritt frei, Gäste willkommen. „Deutschland nach dem 30. Juni 1934" Anläßlich des Weltkongresses der Frauen gegen Krieg und Faschismus ist die Ausstellung„Deutschland nach dem 30. Juni" in Paris 13e, Boul. Arago Nr. 65(Metro: Glaciere) von vormittags 9 Uhr ab den ganzen Tag über geöffnet. Die„Deutsche Freiheit" Einzig« unabhängig« Tageszeitung Deutschlands mufj man regelmäßig lesen Bestellschein Ich ersuche um regelmäßige Zusendung der„Deutschen Freiheit" Name:, Straf)«■ Ort:- den Unterschrift Verlag der„Deutschen Freiheit" Saarbrücken 3» Sdiützenstrafje 5» Postschließfach 776 Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P i tz in Dud- weiler: für Inserate: Otto Kuhn In Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH, Saarbrückey% EHüHeiijtrajz; S, Z2S Saarbrücken, %