Sinzige unabhängige Tageszeitung öeuiZchlands 183— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, den 10. August 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Zahlreiche ■katholische Jkiestec verhaftet Seite 2 Saacfustii ■gegen Saaceegierung Seite 3 Jleichsuxeheoffiziere„a. Q" und SS. arbeiten zusammen Seite 4 Wo kt der RcidistejgsftrandsMilcr«rase? Die schweizerische Dundesanwallschait in Bern fahndet nach dem geflohenen Diener ßöhms > Bern, 9. August. Am 22.'23. Juli haben wir den Brief des SA.-Mannes Kruse an den Reichspräsidenten von Hindenburg veröffentlicht. Kruse, der seit Jahren dem Stabe Röhms Zugeteilt und dessen persönlicher Diener war, hat sich in diesem Brief selbst der Teilnahme an der Brandstiftung des Reichstages durch Röhm, Heines und ausgewählte SA- Leute bezichtigt. Die Angaben sind genau und enthalten die Namen aller an dem Verbrechen beteiligten SA.-Leute. Das Aufsehen, das der Brief durch die Bekanntgabe in der ,,D. F." erreicht hat, ist groß und hält noch immer an. Jede Post bringt uns Fragen, die nähere Auskunft verlangen. Man wird sich aber noch einige Zeit gedulden müssen. Die Reichsregierung und ihre Dementierapparate hüllen sich in begreifliches Schweigen. Der Schweizer„Polizeianzeiger" vom 3. August erhält nun im Auftrag der Bundesanwaltschaft in Bern eine Fahndungsanzeige gegen den SA.- Mann Ernst Kruse. Gründe werden nicht angegeben. Man weiß also nicht, welche Beschuldigung gegen Kruse erhoben wird. Auch bleibt ungewiß, ob der Bundesanwalt aus eigenem Willen handelt oder ob ein Schritt der deutschen Reichsregierung vorliegt. Nach den im„dritten Reich" üblichen Methoden ist es durchaus möglich, daß man Kruse ein kriminelles Verbrechen(natürlich nicht den Reichstagsbrand) anzuhängen versucht, um seine Auslieferung nach Deutschland und damit seine Erledigung zu erreichen. Darüber wird sich wohl auch das Schweizer Bundesgericht klar sein. Jedenfalls wird die Existenz des SA.-Mannes Kruse, die man da und dort bestritten hat, nun sozusagen amtlich bestätigt. Kruse soll sich bis vor kurzem in einem schweizerischen Gebirgstal verborgen gehalten haben. Wir bezweifeln, daß es den Behörden gelingen wird, seinen Aufenthaltsort zu ermitteln. Er hat allen Grund, sich an sicherer Stelle zu verbergen. Nicht wegender schweizer Behörden, sondern wegen der deutschen Agenten, die ihm auf den Fersen waren. Agenten der Gestapo haben schon seit Wochen in der Schweiz Jagd auf ihn gemacht und haben auch unbeteiligte Leute in der Schweiz belästigt und bespitzelt. Man erinnert sich, daß Kruse schrieb, er sei in dem Besitz des Tagebuches von Röhm und anderer sehr wichtiger Dokumente, und man wird begreifen, welchen Wert die Reichsregierung auf die Erlangung dieser Papiere legen muß. Geben wird der Hoffnung Ausdruck, daß der SA.-Mann Kruse seine Absichten verwirklichen kann. Wir bitten zu verstehen, daß wir uns jeder näheren Angabe enthalten. Dafür liegen triftige Gründe vor. Ungelöste Spannungen im Reidi Was Millionen Deutsche Uber den„Volksentscheid' am 19. Augunst denken Aus dem Reiche wird uns geschrieben: Wir haben Wochen ßroßer Spannungen und Sensationen hinter uns, und die ^olksstimmpng war mancherlei Schwankungen ausgesetzt. Aach dem tiefen Einbruch in das Vertrauen zum Regime am Juni riß die Reichskanzlerredc gegen die„Meuterer" im Reichstage die Zweifler wieder etwas hoch. Aber schon nach wenigen Tagen ivar zu spüren, wie die Wirkung dieser Rede ''achließ. Zinn kam der Tod Hindenburgs und die rasche Lösung der Krise durch die Selbsterhöhung Hitlers zum Alleinherrscher über Deutschland. Wieber gab eS bei vielen ermüdeten Nationalsozialisten ein Aufflackern des Glaubens, ^aß Hitle*«s doch vielleicht schaffen werde, und wieder wird ^icse Hofinung kurzlebig sein und trügen. Immer wieder bringen die wirtschaftlichen Sorgen in den Vordergrund. Die meisten und erbittertsten Feinde hat Hitler seit Mona- 'cn bei den Bauern. Man darf ohne Ucbcrtreibung sagen, baß es in Ivetten bäuerlichen Bezirken, wie zum Beispiel üi Nordbanern, in Oberhessen, in der Eiset und andern rheinischen Bezirken innerlich treu gebliebene National- Sozialisten nur noch wenig gibt. Gerade in dem alten antisc- ^'tischen obcrhcssischen Besitzstand ist die Enttäuschung groß. Die Zwangswirtschaft mit ihrer Ablieferungspflicht zu Preisen, die als viel zu niedrig empfunden werden, die rigovose Eintreibung von Stenern, der Futtermittel- Mangel, der zu Notschlachtungen treibt, werden als niederträchtig empfunden. In einigen Bezirken hält man rückständige Steuern gleich von dem Gegenwert der gelieferten Waren ab, was sehr erbitternd wirkt. Die Mißernte drückt auf die bäuerliche Stimmung. Da die Ernte etwa ein Viertel aerizraer iit als in einem nor« malen Jahre, kann der Bauer angesichts deS staatlichen Getreide Monopols und einem Zwangspreisc, der zur Vermeidung einer Brotpreiscrhöhung nur um 5 v. H. gegen das Vorjahr erhöht ist, nur mit einem Ertrage von etwa 8U v. H. des vorjährigen Erlöses rechnen. Die Bauern fürch- ten infolgedessen, aus der Substanz zusetzen oder neue Schulden ausnehmen zu müssen. Ob infolgedessen die Ab- liesernngspslicht einigermaßen glatt erfüllt werden wird, muß man bcziveiseln. Es wird jetzt schon mit dem Einsatz der staatlichen Machtmittel gedroht. Da das Re- gime den Bauern nichts bieten kann, was sie zufrieden stellen könnte, ist an neue politische Eroberungen Hitlers auf dem Lande nicht zu denken. Ein verbürgter charakteristischer Vorfall auS West- d e u t s ch l a n d sei hier eingeschaltet. In einer Dorfwirt- schaft hatte ein Bauer sich mißliebig über die Regierung ge- äußert. Ein fanatischer Nazi denunzierte ihn, und die Gen- darmerie wollte zur Verhaftung schreiten. Die Bauern rotte- ten sich zusammen und drohten Gewalt anzuwenden, da ihr Freund nur die Wahrheit gesagt habe und jeder von ihnen dieselbe Ueberzeugung habe. Die Gendarmen forderten SS. zur Unterstützung an, und diese traf auf Lastwagen im Dorfe ein. Trotzdem gaben die Bauern nicht nach, sondern sagten, wohl habe die SS. die Macht, den Bauern fortzuführen, aber sie alle würden dann sofort aus der NSDAP, und der SA. austreten. Die V c r- Haftung unterblieb. Der Name des Dorfes ist uns bekannt, aber wir nennen ihn nicht, um nicht die Zentral- bchördcn auf den Borfall aufmerksam zu machen. Ltortl.etz.ttng. ßefyt 2. Seite ffindenburgs Testament Die Vorgeschichte des Staatsstreichs vom 1. August Die Basler„National-Zeitung" sagt in einem längeren Aufsatz sehr zutreffend, in den letzten Tagen sei es immer deutlicher geworden, daß„die unermeßliche Welle von Pietäts- und Verehrungsgefühlen für Hindenburg in vollem Ausmatz von der Hitler-Regierung für die Rehabili- tierung ihres am 30. Juni und durch die Ermordung des Bundeskanzlers Dollfutz beschädigten Ansehens" ausge- beutet worden sei. Die ebenso kritischen wie zutreffenden Bemerkungen des Blattes über die Rolle, die man noch dem toten Hindenburg zugedacht habe, nämlich zur V er Herr- l i ch u n g d e s ,.d r i t t e n R e i ch s" beizutragen, sind je- doch nicht entscheidend. Das Basler Blatt legt vielmehr die größte Bedeutung auf einen allzu schnell vergessenen, von vielen übersehenen Aufsatz der„B a s l e r N a ch r i ch t e n" vom 2. August, der sich mit dem viel besprochenen politischen Testament Hindenburg? be- schäftigt. Wir geben diesen Artikel, der zur Vorgeschichte des Staatsstreichs vom 1. August ungemein wichtiges Material beibringt, nach der„National-Zeitung" wieder: „Der angesehene O.-Leitartikler der„Basler Nachrichten" hat im Extrablatt dieser Zeitung vom 2. August zu Hinden- burgs Tod unter dem Titel„Um die Nachsolgesrage" inter- essante Mitteilungen wiedergegeben über das, was man nach den Ereignissen vom 3ü. Juni in Berlin sich zugeflüstert habe. Er beruft sich dabei aus den historischen Moment des wichtigen Todesfalles für die Ueberwindung seiner sonstigen Bedenken gegen bloß geflüsterte und nicht gedruckte Nach- richten. Ohne einer solchen vorgreifen zu wollen, halten wir uns heute doch für verpflichtet, die Darstellung des Artikels, der außer den Käufern jenes Extrablattes der Oessentlich- keit, mit Einschluß der regulären Leserschaft der„Basler Nachrichten", unbekannt geblieben sein muß, inhaltlich wiederzugeben und dazu Stellung zu nehmen. Der Inhalt ist kurz folgender: Der Feldmarschall habe im Bewußtsein seines nahenden Endes ein politisches Testa- mcnt aufgesetzt. Er habe darin zur Vermeidung der Ber- wirrungen einer Volkswahl, die nach der Verfassung er- forderlich gewesen wäre, testamentarisch seinen Nach- solger ernannt in der Person des Herrn v. Popen, und die Reichswehr zur Vollstreckung seines Willens eingesetzt. Dieses Testament hätte bis zum Tode des Präsidenten ge- heim bleiben sollen. Sein Inhalt sei aber vorzeitig durch- gesickert, mit verhängnisvollen Folgen: Herr von Papen habe sich seiner Sache sicher gefühlt, aber in seiner unternehmenden Art etwas übriges tun wollen und seine Marburger Rede gehalten. Damit habe er sich als Vertrauensmann aller vernünftigen Rechtskreise vorstellen wollen, aber sich mit Göring und. Goebbels tödlich verfeindet. Hitler habe eingesehen, daß er sich nun mit der Reichs- wehr verständigen müsse, um sie von der Vollstreckung deS Testaments abzuhalten. Er habe von der Nachfolge von PapenS nichts wissen, aber auch nicht selbst Präsident werden wollen, da er dazu einen General zwecks besserer Fühlung mit der Reichswehr für geeigneter hielt. Sein Kandidat sei General von Epp gewesen. Bon Pape» habe er als Vertreter hohcnzollernschcr Machtwllnsche betrachtet. Die Verständigung mit der Reichswehr habe die Säuberung der SA. verlangt. Röhm sei über diese Sachlage tödlich erschrocken und habe ohne genügend Zeit und Verstand ein dilettantisches Kom- plott vorbereitet. Die Säuberungsaktion sei programmwidrig ver- laufen, da Göring seine Polizei und die SS.-Leute in Rechts- kreisen„herumfunktionieren" ließ, die an dem röhmschcn Komplott völlig unbeteiligt gewesen seien. So habe er die ganze Umgebung von Popens„kahl schießen lassen" und hätte auch den damaligen Bizekanzler selbst umbringen lassen, wenn ihn die Reichswehr nicht gerettet hätte. So habe die Aktion schließlich unentschieden geendet. DaS von Hitler erstrebte Ziel, die Versöhnung mit der Reichs- mehr, sei nur teilweise erreicht. Die Rechtskreise seien ver- stimmt, die gefährliche SA. in Umorganisation begriffen. Auch Görings Absichten seien nur halb durchgeführt. Papen fsiJüAt ist. immjäL Bt.ej&l.WieliMlsz. aber designierte« Gesandter„in partibus infidelium". Die Lage sei ungeklärt und alles gespannt auf die weitere Entwicklung. So lautet die Darstellung, die sich, wie erwähnt, ausdrück- lich als Niederschlag von Geflüster bezeichnet. Bei dem internationalen Ansehen ihres Verfassers und der»Gewissen» haftigkeit, die seine Artikel kennzeichnen, muß unbedingt an- genommen werden, daß er bei der Auswahl seiner Quellen und dem Entschluß zur Veröffentlichung alle Umsicht walten ließ." Die Basier„Ncitional-Zeitung" sagt, daß die damit ver- sucht: Erklärung der unheimlichen Vorgänge des 30. Juni sehr viel Wahrscheinlichkeit für sich habe. Nur von der Tatsüchlichkeit der Röhmschen Verschwörung sind wir noch nicht restlos überzeugt. Wo solche Ueber- griffe wie die Göringschen„Kahlschüsse" möglich sind und Nachtrag! ch von der Regierung unter ausführlicher Be- gründung eines I u st i z m i n i st e r s als„Staalsnot- wehr" und„rechtens erfolgt" erklärt werden, da ist schlechterdings alles möglich. Auch sind in München, wo die Aktion vom Kanzler selbst betreut wurde, ebenfalls beträchtliche„Uebergriffe" vorgekommen, wie die Tötung des seit 1ö Monaten in Haft befindlichen Dr. Fritz Gerlich und die„irrtümliche" Erschießung des Musikreferenten Willy Schmidt beweisen, Jedenfalls gibt der aufschlußreiche Artikel, den einer un- vollständigen und zufälligen Publizität zu entreißen wir uns verpflichtet fühlen, beachtliche Urteils- Grundlagen über die Hintergründe und Machtspannungen hinter der vom Propaganda- Ministerium aufrecht erhaltenen Fassade des„dritten Reichs", über dessen Verewigung das deutsche Volk am 19. August entscheiden soll. Fortsetzung von Seite f Bemerkenswert ist, daß früher nationalsozialistische Bauern nun gern Gespräche mit von früher her bekannten Sozial- bcmokratcn suchen, um von diesen politischen Rat zu er- bitten und enttäuschte Klagen anzustimmen. Das Pro- b l e m„Bauer und Arbeiter" kann auch in Deutschland rasch drängend werden. Auch in de» Betrieben ist das Ansehen der erfahrenen Gewerkschafter und Sozialdemokraten seit einiger Zeit ge- wachsen, weil die neuen„Vertrauensmänner" und Betriebs- zcllenobleute nicht einen Vergleich mit den geschulten Bc- triebsräten de« alten„Zystems" aushalten können. Die V o l k s a b st i m m u n g über die Ernennung Hitlers zum„Führer de« Reichs und des Volks" wird von sehr vielen Leute» al» ei» Schwindel erkannt, aber man fürchtet, dast diejenige» herausgefunden werden, die mit„Nein" stim- men, und man muß also damit rechnen, daß genau wie bei der„ReichStagSwahl" im November nur ein mäßiger Hundert- satz von Wahlberechtigten den Mut zum„Nein" aufbringen wird. Fernbleiben von der Wahl wird als„Ttaatsfeinb- schaft"' ausgelegt iverde», und schon jetzt liest man cnt- sprechende Drohungen. Sehr weit verbreitet ist der Glaube, daß die Abstimmung aus jeden Fall gefälscht und man einfach nur einen be- stimmten Hnndcrtsatz als„Opposition" bekannt geben werde. Zusammenfassend ist zu sagen, daß nur noch eine Minderheit an die längere Dauer des Systems glaubt, aber auch von einem aktiven Widerstand nur noch wenig zu spüren ist. Die Reichswehr ist einstweilen aus allen politischen Speku- lationen ausgeschicdcn, und von links her liegt eine un- mittelbare Bedrohung nicht vor, und dennoch ist der Ein- druck allgemein, daß die Inneren Spannungen sich oermehren, und Lösungen erzwingen, die tiefe Veränderungen auch des Staatssystems mit sich bringen müsse. Unheilverkündend! ftnmrf. 0. August. Der Berliner Korrespondent der„New Bork Times" befaßt sich in einem ausführlichen Artikel mit den Ernährungsschivierigkciten Hitler-Deutschlands und stellt fest:„Wenn die deutsche Bevölkerung sich einen einzigen Augenblick von der politischen Lage, die sie völlig in Anspruch nimmt, abwenden könnte und sich mit der wirtschaftlicher Krise, insbesondere mit dem drohenden Brotmangel, be- Ickaitigen würde, müßte sie die letzten Reste ihres Optimis- mus verlieren... Die Perspektiven sind in der Tat»"heil- verkündend." Das Blatt betont, man sei sich allgemein klar darüber daß die Ernte in diesem Fahr 23 Prozent weniger ergebe» iverde als im Vorjahr. Deutschland habe im Vorjahr 9* Prozent seines GetreidcbedarfS aus eigener Ernte gedeckt in diesem Fahr sei eine Einfuhr in Höhe von 2» Prozent bei Bedarfes erforderlich. Ter deutsche Export sei von 2S Pro- zent der Weltproduktion im Fahre 1032 auf Ii Prozent ge- funke») die schlechte Ernte bedeutet die ernstesten Schwierig' Ein„schwieriger fah Ulli mtim Stellvertreter fapen bekommt das Agrement— Was heißt das:„Bevollmächtigter Minister"? Berlin, 9. August. Die Staatostreichverssigung vom 1 August steht einen stellvertretende» Reichskanzler vor. Herr von Pape» ist aus dem Kabinett ausgeschieden Amtlich wird er bereits als Vizekanzler a. D. bezeichnet. Jetzt nennt man als Kandidaten für das Amt nebe» Heß, Gö- ring und Blomberg auch de« Reichsaußcnministcr von Neurath. Dieser soll einige Aussichten haben, weil man glaubt, damit dem Auslände eine» guten Eindruck zu machen. Großer Prozeß sieht bevor Die Lebensversicherungen verweigern die Auszahlung In der berühmten Sitzung des Ncichskabinelts, die zu den Morden dcs30. Juni Stellung nahm, wurden bekannt- lich alle vom Führer befohlenen Erschießungen ans Vorschlag des Reichsjustizministcrs: Dr. Gürtner„rechten s" erklärt. Abgesehen davon, daß dieser Beschluß den Reichskanzler und Führer decken sollte, wurde damit die Absicht verbunden, eventuelle Ansprüche der Hinterbliebenen von vornherein auszuschalten. Das scheint jedoch nicht in wünschenswerten Maße zu gelingen. Die Hinterbliebenen der Ermordeten ha- den vielmehr die Absicht, die LebenSvcrsicherungSgesellschas- ten, die sich weigern, die Beträge auszuzahlen, gemein- schaftlich zu verklagen. Es stände also ein großer Prozeß von grundsätzlicher Bedeutung in Aussicht— vor- ausgesetzt, daß die oberste Spitze ihn nicht aus ebensolchen grundsätzlichen Erwägungen verhindert. Dlidf auf Wien Schuschnigg versöhnt und droht 2Uic«, 9. August. Gestern fand auf dem Königsplatz in Wien eine große Kundgebung statt zur Erinnerung an den ermordeten Bundeskanzler D o l l f u ß. In seiner eindrucke- vollen Rede gedachte der neue Bundeskanzler Schuschnigg seines Vorgängers, dessen Tod ein entsetzlicher Verlust für Oesterreich sei.„Man kann ein Menschenleben mit Gewalt vernichten, aber was unsterblich ist, kann man nicht zer- stören..." Er wolle allen Verführten zur Wiederherstellung des inneren Frieden« die Hand reichen, aber mit de» get- sttgcn Urhebern des Ausstände« sei keine Verständigung möglich. Es müsse eine Trennungslinic zwischen den An- stiftern und den Verführten gezogen werden. Mit besonderem Nachdruck wandte sich Schuschnigg an die Arbeiter mit den Bemerkungen gegen Klassenhaß und Klassenkampf, die wir hinreichend kennen... Fron Dollfuß erhall lebensrenfe Wien, 9. August. Die„Wiener Zeitung" veröffentlichte gestern ein Gesetz, das der Witwe Dollfuß für die Dauer ihrer Witwcnschaft eine jährliche Rente inHöhe derBe- züge des Kanzlers mit den gesetzlichen Kinderzulagen zuspricht. Bei einer Wiedcrverheiratung sorgt der Staat für die Kinder bis zu ihrer Majorität, Selkz ist irel! Wien, 0. August. Ter ehemalige Wiener Bürgermeister Karl Seitz ist aus freien Fuß gesetzt worden. Seitz ist seit dem 12. Februar im Gefängnis, an welchem Tage man ihn aus dem Rathaus fortgeschleppt hatte. Wie man erfährt, wird er sich in das Sanatorium Brettenstein am Scmmcring be- geben, um sich dort zu erholen. Von amtlicher Seite wird diese Meldung weder bestätigt noch dementiert, da Ihre Verbreitung in Wien anscheinend vorläufig unerwünscht sei» mag. Pos ist fatal Wien, 8. Aug. Der Ministerrat hat in seiner Sitzung von gestern abend beschlossen, das Agrement für den deutschen Gesandten in Wien, Herrn v. Papen, zu erteilen. Berlin, 8. Aug. Amtlich wird mitgeteilt: Nachdem die österreichische Regierung das Agrement sür die Ernennung des Gesandten v. Pape» erteilt hat, sind diesem durch den Führer und Reichskanzler die noch von dem verstorbenen Herrn Reichspräsidenten vollzogenen Urkunden der Eni- Hebung vom Amte als Reichsminister und Stellvertreter des Reichskanzlers sowie der Ernennung zum außerorbent- liMxn Gesandten und Bevollmächtigten Minister in beson- derer Mission in Wien ausgehändigt worden. Herr v. Papen kann jetzt von Glück sagen. Es hat geklappt. Das Agrement ist erteilt worden, und er hat die ersehnte Ernennungsurkunde in seiner Aktentasche. Hoffentlich wird er sie nicht irgendwo liegen lassen, wie das ihm schon einmal im Kriege passiert ist. * Merkwürdig ist die Wendung, daß Papen zum„Bcvoll- »nächtigten Mini st c r" ernannt worden sei. Was soll das heißen? Eine solche Vollmacht hat nur Sinn, wenn man entsprechende Befugnisse in der Verwaltung besitzt oder poli- tischen Einfluß ausübt. Ist Oesterreich für Hitler-Tcutsch- land bereits Objekt seiner Regierungskünste? Die Wiener Regierung macht kein Hehl daraus, daß sie ihr Agrement nur sehr ungern gegeben hat. Sogar das ossi- zielte Deutsche Nachrichtenbüro steht sich gezwungen, nach- stehende Meldung zu veröffentlichen: Wien, 8. Aug. Zu dem gestern nachmittag von der österreichischen Regierung erteilten Agrement sür den neu- ernannte» deutschen Gesandten in Wien, v. Papen, bringen die Morgenblättcr nur einen kurzen offiziösen Kommentar, der deutlich die abwartende Haltung der österreichischen Regierung zur Entsendung v. Popens nach Wien ausdrückt. In dem Kommentar heißt es, es sei auch in schwie» rigen Fällen gegen die im iuternatio» nale» diplomatischen Berkehr bestehenden Gewohnheiten, daS Agrement zu vcrwci- gern. Im übrigen werde man in Oesterreich abwarten, wie der neue Gesandte der Mission, die im Sinne einer Befriedung der Verhältnisse der beiden Staaten bei seiner Berufung formuliert worden sei, entsprechen werde. Der Fall Papen wird also im offiziellen Kommentar als ein„schwieriger Fall" bezeichnet. Hitler, der Papen z»w außerordentlichen Gesandten auserkoren hat, schluckt dies« Zartheit, die einer Ohrfeige verdammt ähnlich ist. Und Herr Papen selbst, schluckt sie auch. Die Bedingungen Wilhelmstraße bat kapituliert Unsere gestrige Mitteilung, daß die Nazi-Rcgierung die Bedingungen Wiens angenommen habe, wird von der Basler„National-Zeitnng" bestätigt. Sic schreibt:„Wie uns zuverlässig mitgeteilt wird, bedeutet das nun endlich erteilte Agrement sür Vizekanzler Pape», daß die deutsche Regie- rung vorher bestimmteBedingungcn undGaran- tien sür die friedliche und völkerrechtlich korrekte Haltung des Dritten Reiches gegenüber Oesterreich eingegangen ist." * Auch die„Neue Zürcher Zeitung" schreibt: Die österreichischen Bedingungen für einen„Waffenstillstand" sind hinreichend bekannt. Sie betreffen nicht nur die formelle, sondern auch die praktische Anerkennung der Unabhängigkeit Oesterreichs durch Einstellung jeder moralischen und matc- riellen Unterstützung der österreichischen Opposition von deutscher Seite. Katholische Priester von der Gestapo verhaftet Das Giodfengeläute- Zwei Gelstlidie Im Konzentrationslager? Herr R in tele«, der sich in Levensgefahr befindet, war gezwungen, eine» Blutspender in Anspruch zu nehmen. Die- ser hilfreiche Spender aber, Streicher, verhülle dein Haupt, war ein Wiener jüdischer Fleischergehilse. Eine wirklich katastrophale Perspektive! Nicht nur, daß der Ver- trauensmann des HitlerismuS in Oesterreich mit der sota- len Möglichkeit rechnen muß. eventuell mit Hilfe jüdischen Blutes am Leben zu bleiben er ist auch nach den strengen Gesetzen der Rassescxc ein Rasfe-Jnde geworden. „Sozialdemokrat" Bin Steckbrief Wien, 8. Aug Die Wiener Polizei hat gegen den Wiener .Rech.„anwalt Dr. Gustav Wächter, der seit dem 22. Juli flüchtig ist, einen Steckbrief erlassen. Dr. Wächter ist einer der Drahtzieher des PuUchcs am 2S. Juli gewesen Wir haben am Donnerstag über die Verhaftung mehrerer katholischer Geistlicher Im Koblenzer Bezirk berichtet. Ihn?» wird zur Last gelegt, daß sie das Trauergeläut teilweise zu früh hatten abbrechen lassen, teils überhaupt nicht angeordnet hätten. Die Verhaftung der Priester war v o l l k o m m e n ungerechtfertigt. Denn nach einer Verfügung der bischöflichen Behörde darf Kirchengelänte nur auf ihre aus- drückliche Anweisung hin stattfinden, die den Geistlichen in den teilweise entlegenen Orten nicht rechtzeitig be- k a n n t geworden war. Weitere Einzelheiten mit Anzeichen heller Empörung, be- richtet die gleichgeschaltete katholische„Taarbrücker Landes- zcitung": „Von einer böswilligen Verweigerung des Geläutes für den entschlafenen Reichspräsidenten kann nicht die Rede sein. Die von der Geheimen Staatspolizei erwähnte Em- pörung der Gemeinde zeigte sich denn auch erst dann, als die Verhaftung des Pfarrers bekannt wurde. In kürzester Zeit waren bereits über tausend Unterschriften von Einzelpersonen und ganzen Familien gesammelt, welche gegen die Verhaftung Einspruch erhoben. Diese Unterschriften wurden beschlagnahmt, waS gewiß nicht dazu beitrug, die allgemeine Erregung der Bevölkerung herabzumindern. Pfarrer Friescnhahn ivar zehn Jahre lang Pfarrer in Bettingen a. d. Saar und genoß dort ebenso wie in Roblenz höchstes Ansehen. Insbesondere ist seine nationale Gesinnung über jeden Zweifel erhaben. Mit der gleichen Begründung wurde Pfarrer E a r o l i von Kell verhaftet. Als am Donnerstagabend einige Burichen in die Kirche eindrangen und auf eigene Faust zu läuten begangen, verbot Pfarrer Earoli ihnen das mit dem ausdrücklichen Hinweis darauf, daß er noch die An- Weisung der Bischöflichen Behörde abwarten müsse. Ferner wurden aus demselben Grunde verhaftet Pfarrer Hammes und Kaplan Bauer von Burgbrohl sowie Pfarrer U t h o s s von Urmitz. Diese sind jedoch bereits aus der Hakt entlassen, während gegen die Pfarrer Friesenhahn und Earoli, wie wir erfahren, der Antrag aus Uebersttbrnng in ein Konzentrationslager gestellt worden sein soll. Den beiden Geistlichen wird keine Ge- legenheit gegeben, zu zelebrieren. Sic durften nicht ein- mal am Sonntag dem Meßopfer beiwohnen. Die Bilchöf- liche Behörde in Trier hat sokort telegrafisch und schriftlich gegen dieses Porgehen der Geheimen Staatspolizei von Koblenz Verwahrung eingelegt." Es handelt sich also um reine Willkürakte der Koblenzer Gestapo. Tie katholische„Saarbrücker Landes- zeitung" findet sie„geradezu unfaßbar"— wie alles, was sich nicht gegen Arbeiter und Intellektuelle, sondern gegen katholische Priester richtet. Selbst in de» Tagen»ach dem 30. Juli, als sich die Leichen erschlagener Katholiken türmten, war das Blatt nicht so entsetzt. Es sagt weiter: „Nur der Geheimen Staatspolizei in Koblenz ist es vor- behalten geblieben, durch ihr unsinniges Vor- gehen einen solchen schrillen Mißton in die ernst« Trauerstimmung der Koblenzer Bevölkerung hinein- zutragen. Wir hoffen dringend, daß der in so unvcrant' wörtlicher Weise gestörte Friede schnellstens wiederher- gestellt wird. Die maßgebenden Stellen aber werden gui daran tun, wenn sie ernstlich in Erwägung ziehen, ob di« Leitung der Geheimen Staatspolizei in Koblenz nich> einer geeigneteren Persönlichkeit, als es der gegenwärtige Leiter ist, anvertraut werden soll. Wir wissen, daß weite Kreise der Koblenzer Bevölkerung das aufrichtig begrüßen würden." Trotzdem: Die„Saarbrücker Landeszeitung" hat keinen dringenderen Wunsch, der Koblenzer Gestapo, die selbst- verständlich nun erst recht auf ihrem Posten bleiben wird, unterstellt zu werden. raisdie Sensation Aus Prag wird uns berichtet: „M a ii ch c st c v Guardian" veröffentlicht in seiner Nummer vom 7. August eine sensationelle Meldung, in der niäit mebr und nicht weniger behauptet wird, als daß dos „Hitler-Systcm" durch Vermittlung vom Gewerkschastöbund mit dem Vorstand der Sozialdemokratischen Partei in Ver« Handlungen eingetreten sei, deren Ziel sein soll, die söge' nannte Arbeitsfront durch neutrale Gewerkschaften zu er« setzen. Hierzu haben wir zu erklären: ES ist dem Parteivorstan« in Prag nichts davon betannt, daß Nationaliozialistcn Gewerkschaften in Deutschland oder im Ausland in Ver- bindungcn eingetreten sind. Unrichtig ist, daß GewcrlschaftS' kreise sich an den Parteivorstand in Prag gewandt haben,«m im Austrag der Nationalsozialisten mit ihm z« verhandeln Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei denkt nicht daran, mit der Gangsterbandc in Berlin in Verband- 1 u Ilgen einzutreten. Er kennt kein anderes Ziel, als die völlige Vernichtung dleics verbrecherischen Systems. Es ist tief bedauerlich, daß«in Blatt vom Rang des „Manchester Guardian" eine solch erlogene Sensationo- Meldung verössentlscht, ohne je zuvor den geringsten Bersach gemacht zu haben, sich mit dem Vorstand der Sozialde««^ kratUchen Partei.in Praa in Sierkiudmm in leisen. Saar-Justiz Heilen Saar-Regierung Offene Herausforderung durdi den llntersudiungsridrier Am 24. Juni ließ die Regierungskommission als Trä- gerin der obersten Polizeiverwaltung die Versieglung der Räume der braunen Front und die Sicherstellung der dort vorgefundenen Gesamlakten vornehmen, Es handelte sich dabei um eine polizeiliche Anordnung, die aus Grund des Allgemeinen Landrechts getroffen wurde. Wie die Regierungskommission am 27. Juni>984 der braunen Front mitteilte, stutzte sich das Vorgehen gegen diese Or- ganisation aus den begründeten Verdacht,„daß die Aus- Wirkung der„deutschen Front" nach Aufbau, Uuterglie- deruug, nach Verbindungen und Beziehungen und nach dem Geschäftsgebaren eine Gefährdung der Regierungs- autorität und der Regierunqsgewalt und damit der öffent- lichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit bedeutete". Gegen diese polizeiliche Maßnahme hat die braune Front durch ihren Rechtsberater eine unzulässige Beschwerde bei dem Untersuchungsrichter des Landgerichts erhoben. Unbegreiflicherweise hat dieser die Beschlagnahme aufgehoben. Der Untersuchungsrichter Ter Untersuchungsrichter beim Landgericht Saarbrücken hat die von der Regierungskommission verfügte Beschlag- nähme der im Büro der Landesleitung der braunen Front und der Saarkorrespondenz vorgefundenen Akten durch Beschluß vom 7. 8.1984 aufgehoben. Ter Aushebungsbeschluß er- folgte in der Strafsache gegen den Attentäter Johann B a u m g ä r t n e r. der den Mordanschlag auf Kommissar M a ch t s veriibt hat. In der Begründung dieses Beschlusses führt der Untersuchungsrichter aus. die Beschlagnahme sei gemäß ts 94 der Strafgcsetzordnung unbegründet und nicht rechtmäßig. Ein Einschreiten gemäß allgemeines Landrecht 8 49 u 17 könne nicht als begründet erscheinen und fei nicht geeignet, die Beschlagnahme zu rechtfertigen. Tiefe Stellung- uahme des Untersuchungsrichters ist erfolgt, ohne daß der Herr die Akten überhaupt eingesehen hatte. Eine unglaub- liche Herausforderung der Regierungskommission: Erneut beschlagnahmt! Lange hat die Freude nicht gedauert. Nachdem der Unter- suchungsrichter beim Landgericht Saarbrücken sich für die Aufhebung der Beschlagnahme der Akten der„deutschen Front" für zuständig erklärt und diese Beschlagnahme auf- gehoben hat, obwohl ihm die Ansicht der Regierung bekannt war, daß es sich bei der Beschlagnahme um eine Maßnahme aus der Polizeigewalt der Regierung handelte, hat die Re- gierungskommission angeordnet, daß die Akten erneut auf Grund des der Polizei aus dem allgemeinen Landrecht zu- flehenden Rechtes beschlagnahmt worden sind. * Danach hatte die Regierungskommission den Schlag des Untersuchungsrichters pariert und ihm damit gleichzeitig eine empfindliche Ohrfeige versetzt, die aber kaum geeignet sein dürfte, für die Zukunft eine Aendcrung in dem Ber- halten der saarländischen Justiz herbeizuführen. .Riditer" Tie„Volksstimme" schreibt u. a. dazu: Was diesen Richterspruch aus dem Blumenstrauß saar- ländischer Iustizblüten herausleuchten läßt, ist die Tat- fache, daß der Untersuchungsrichter trotz eingehender Be- lehrung durch die Regierungskommission und trotz seiner offenbaren Unzuständigkeit sich keck, fröhlich und un- bekümmert auf ein Turnier mit der Regierungskommis- sion einläßt. Der Untersuchungsrichter war nur befaßt mit der Mordversuchssache gegen Baumgärtner. Die Re- gierungskommission hatte aber die beschlagnahmten Akten von diesem Komplex Baumgärtner absolut eindeutig ab- getrennt und dies auch deutlich zu erkennen gegeben. Es spielt dabei gar keine Rolle, ob ursprünglich die Beschlag- nähme nur erfolgt ist in der Sache Baumgärtner. Wenn sich nachträglich herausgestellt hat, daß auf Grund van §10 II 17 A. L. R. ein Einschreiten erforderlich wurde, bei dem die beschlagnahmten Akten die Grundlage bil- deten, so wurden sie damit ausgesondert. Der Unter- suchungsrichter konnte sie gegebenenfalls als Beweis- material herbeiziehen. Die Beschlagnahme aber unterlag nicht mehr seiner Nachprüfung. Man muß wissen, daß der Rechtsberater der braunen Front ein früherer Kollege des Untersuchungsrichters ist. Landgerichtsrat a. D. Freudenberger trug noch vor kurzem die Robe eines Richters am hiesigen Landgerich:. Vielleicht ist seine Ueberzeugungskraft dadurch über das Normale gesteigert. ver freund des Reichspräsidenten Streicher veröffentlicht in der Juli-Nummer seines „Stürmer" eine Fotografie die grauenhafter ist als alle bis- herigen Blut-, Schand- und Lustmordbilder dieses porno- grafischen JrrenhauSorganS. Tie Fotografie zeigt den Lehrer D. aus Magdeburg und seine höchstens zwölfjährigen Schüler. Sie umstehen eine Wandtafel, am der in vier Reihen ungefähr zwanzig Bilder aus dem„Stürmer" aus- geklebt sind, und halten„Anschauungsunterricht". Der Lehrer D. weist mit dem Stock auf die Tafel, die kleinen Jungen— man siebt sie nur von rückwärts— schauen offenbar interessiert zu. Zu dieser Fotografie schreibt das Streicher-Blatt: „Rur ein Volt, das die Jude» nicht kennt, läßt sich so- weit bringen, daß es Fremdrassige in seinem Lande so Hausen läßt, wie die Juden bisher in Teutschland gehaust haben. Das weiß auch der Lehrer T. in Magdeburg. Er weiß, daß Anschauung das Fundament der Erkenntnis ist. Er weiß, daß das Gelernte unverlierbar wird, wenn neben dem Ohr auch das Auge des Kindes beim Lernen mit dabei war." Tie Kinder sehen also: blutende, nacktbrüstige Frauen, denen ein Vampnr ldcr„Weltjude"! das Blut aussaugt, sehen krasse Lustmord-Darstellungen, sehen Karikaturen, die an Blutrünstigkeit nicht zu überbieten sind, sehen zeichne- rische Produkte einer krankhaften überhitzten Serualsantasie. Tie Kinder hören und lesen, daß der Jude X mit dem verworfenen deutschen Mädchen N Rassenschande getrieben habe, hören, daß man dem deutschen Mädchen dafür„das Fell vergerben" sollte und was so der unschuldigen Kinder- reime und Schulgedichte mehr sind. Streicher ist Hitlers Duzfreund. Mit Hitlers Wissen und unter seiner freundlichen Duldung wird eine deutsche Kindergeneration geschändet, verdorben, vergiftet. Hitler ist für die deutsche Schulschande voll verantwortlich! Und der rdhrer spradi: Nur der T«d Hann uns(rennen! Die fefzfen Samarifaner Boit Erich Gottgetreu. Jerusalem Nablus, das biblische Sichem im Herzen des Heiligen -audes, die Sladt, die Jakobs Brunnen birgt, Josephs Grab und manche schmerzliche Erinnerung palästinensischer Vergangenheit, verlassen wir gegen acht Uhr morgens. Nach etwa zwei Stunden mühevollen Anstiegs über kahles, son- nenbebranntes Gestein ist die Höhe des Berges Gerizim er- reicht. In Hütten und Zelten treffen wir Männer und Frauen an, die wie Araber aussehen, ihren roten Fez tra- gen, auch sonst wie sie gekleidet sind und untereinander einen arabischen Dialekt sprechen: Samaritaner, die letzten An- gehörigen des ehemals großen Volkes, jetzt über zweihundert Seelen... Heute werden sie genau nach den Anweisungen, die Moses gab, ihr Pessachopfer darbringen: sieben Lämmer. Im allgemeinen findet die Feierlichkeit— das älteste Opfer, das die Weltgeschichte kennt!— am Abend statt. Aber dies- mal fällt das samaritanifche Pefsachfest auf einen Schabbath, und deshalb muß die umständliche Zeremonie in die Mit- tagsstunde Freitag vorverlegt werden- Mit vornehmen Gebärden lädt uns einer der Aeltesten in den Schatten seines Zeltes: ,„Jch heiße Abraham", und eine vollkommene, patriarchische Würde begleitet den Namen. Noch ist es Zeit bis zum Beginn des Opfcrdienstes, und Abraham erzählt die Geschichte seines Stammes... Die Samaritaner sind keine Juden von Geblüt, sondern Assyrer. Im achten Jahrhundert v Ch. wurden sie vielmehr vom Assyrerkönig Salmanassar nach der Zerstörung des Rei- ches Israel als Kolonialvolk hier angesiedelt. Aus Klugheit nahmen sie die Religion ihrer israelitischen Vorgänger an. Und Freundschaft und Mithilfe beim Ausbau des Tempels boten sie auch den nach zweihundert Jahren aus dem babn- Ionischen Exil zurückkehrenden Juden- Aber die wollten von den Tamaritauern nichts wissen. Sie waren ihnen nicht reinrassig genug... Seit dieser Zeit herrschte zwischen Samaritanern und In- den bittere Feindschaft, obschon beide Völker im Lauf der Geschichte oft genug gemeinsame Gegner hatten. Die Juden bauten ihren Tempel in Jerusalem, die Samaritaner auf dem Berge Gerizim. Jedes Volk hielt seinen Platz und sei- nen Bau für den wahrhaft göttlichen und den Kult des an- deren für Ketzerei. An Rassentreue übertrafen die Sama- ritaner bald ihre früheren Beleidiger: Mischehen kamen nicht mehr vor. Und bei der Ausübung der religiösen Gebräuche zeigten sie sich eigentlich jüdischer als die Juden, mit denen sie das Wichtigste, den Eingottglauben, gemeinsam hatten: sie beriefen sich dabei auf eine angeblich dreizehn Jahre nach Moses Tod niedergelegte Fassung des-Pentateuchs. Als später der Islam entstand, übernahm er viele kultische Gebräuche l"d Formen— nicht von den Juden, sondern von den Sain ritnnern: die Art der„Verkündigung des einzigen Gottes", die Vorstellung der messianischen Ver- ivirklichung, auch einige Waschungen und eine Reihe reli- giöser Worte. Nun gibt es zwar nur noch etwa zweihundert Samaritaner auf der Welt, aber 282 Millionen Mohamme- daner! Mit den letzten zweihundert geschieht ein Wunder. Tie trage» das Sicksal ihres Untergangs, der bio- logische Ursachen hat— es fehlt an Frauen, Mischehen sind verpönt, und das Volk selbst hat keine Lebenskraft mehr—: sie tragen dieses Schicksal ohne Todcsivehmut. Nach zwei- einhalb Jahrtausenden der Spannung haben sie nämlich ihre Feindschaft gegen die Juden jnnd die Juden ihre Feind- schajt gegen sie) ausgegeben, und nach zweieinhalb Jahr- taufenden begrüßen sie ihre früheren Rivalen bei Gelegen- heit des Peffach-Opfers als gerngesehene Gäste und nicht als Fremde. Gewiß sind die älteren Samaritaner noch immer am Fuße des Berges Gerizim im sonst vollkommen ara- bischen Nablus angesiedelt, aber viele ihrer Söhne arbeiten in Haifa oder Tel-Aviv oder auch in den Siedlungen am Aufbau des jüdischen Landes mit. sprechen im Alltag neu- hebräisch und sind sogar in der Histadruth gewerkschaftlich organisiert... „Wir sind ja alle Juden—-!" sagt, das Gespräch abschließend. Zeltvater Abraham, indem er aus das der Op- ferzeremonie entgegenfiebernde Gelriebe von Samaritanern und Juden, Fromme» und Touristen, Photographen und Journalisten weist, und mit dieser Meinung versteht er eben unter dem„Juden" etwas anderes als eine religiöse Ein- heit. Tie lehnt er sogar ab. Und seinem Sohn hätte er zu einer Heirat mit einer Jüdin nicht den Segen erteilt... Das Volk stirbt. Es stirbt in Schönheit. Selbst der palästinensische High-Eommissiouer kam zum Erlebnis der Opferung mit seinem Stabe von weit her an- geritten— was als große Auszeichnung gilt. Er darf im Schatten eines Zeltes vom Liegestuhl aus zuschauen, wir anderen sitzen im Umkreis oder stehen auf einer niedrigen Steinmauer. Unmittelbar vor dem Opferplatz setzt sich ein kleines Aufgebot schottischer Soldaten auf den Boden— vor- sichtig, damit die Röckchen faltig bleiben. Vor der Zeremonie werden in der sieben Meter tiefen Bratgrube und in der etwas weniger tiefe» Schlachtgrube Feuer angezündet. Kin- der helfen eifrig beim Herbeischaffen des dürren Geästs, das verbrannt, und des Wassers, das gekocht wird. Da die Sonne im Zenith steht, beginnt der Gcbetsgesang der Priester: es sind ihrer elf„Eohanim", die die Gemeinde leiten, gegenüber den anderen Samaritanern eine Art Adel. Ter Obcrpriester heißt Masliach den Pinkas. Tos Kind, das einmal seine Würde und Bürde tragen soll, hockt, in leuchtende Seide gekleidet, artig zu seinen Füßen, freilich von Zeit zu Zeit vor Müdigkeit umpurzelnd... Keiner der Gottversunkenen bemerkt die kleine Oual..- Ans Gebets- teppichen fallen die Singenden zur Erde: die gebeugten Rücken unter strahlend weißen Mänteln sind für eine Minute ein schneeiges Feld der Demut... Jetzt stehen die Männer wieder, laug hager, ernst. Der Gesang steigert sich, in der Stärke des Tons und in seiner Inbrunst- Das Gesicht der Singenden ist nach der Kuppe des Berges gerichtet, aus dem noch Reste des alten samaritanischen Tempels stehen, und nicht etwa nach Jerusalem, der Stadt des ketzerischen.... Tie Beter schließen die Augen. Ihre Arme strecken sich etwas, und die Hände sind leich gewölbt, als versuchten sie den Klang der Musik wie eine Schale zu halten. Zaghast wippen die Körper den Rhythmus mit, der immer strenger wird und immer herrischer— bis sich endlich alle Kraft und Leiden- schaft in einem gewaltigen Schrei sängt: dies ist das Todessignal für die sieben Lämmer! Schnell, blitzschnell wird ihnen die Kehle durchschnitten. Das entrinnende Blut ist kostbar: ein paar Dropsen reiben die Beter aus die Stirnen ihrer Kinder und aus die Schwelleu ihrer Hütten... Tann werden die Leiber der Tiere mit heißem Waffer Übergossen, damit die Wolle leichter gerupft werden kann. Tie Schächter prüfen die Eingeweide und die Lungen, nur gesunde Tiere sind opferwürdig. Tic Därme und einige andere Teile werden verbrannt— das ist das eigentliche Pessachopfer Endlich werden die Lämmer aus lange Holzspieße gesteckt, und außer der Priesterschast paßt auch die höfliche englische Polizei auf. daß kein Fremder das Fleisch berührt und damit„unrein" macht. Erst nach einigen Stunden, nachdem das Opferfeuer erloschen ist, werden die Lämmer gebraten und niit ungesäuertem Broi und mit„Kit- tercn Kräutern"„stehend in Eile" verzehrt, ohne daß davon „ein Rest bis zum Morgen übrig bleibt"— io wie die I» den sie aßen, als sie über Nacht ans Aegypten zogen, nicht aber die Samaritaner, die zu jener Zeit noch Affurer waren. Bis das Opfermahl beginnt, laden die Gastgeber die Bc- sucher in ihre Zelte und Hütten zur Ruhe und zum Gespräch. Sic zeigen einige ihrer Gebetsbücher, die sämtlich in Alt- hebräisch geschrieben sind. Ihre Kinder versuchen den Frem- den spielzeughafte Nachbildungen der samaritanischen Thora- rolle oder auch bunte Zeichnungen des alten Tempels zu ver- kaufen. Araberjungens die.Konjunktur ausnutzend, handeln hingegen mit Limonade, Apfelsinen. Bananen, Eiern, Brot und Oelsardincn... Der High-Eommissiouer reitet zwischen den Hütten und Zelten hindurch, schwenkt den Hut und ruft „Good bye!". Ein heiteres„Tchalom!" antwortet ihm aus dem Lager. Rcldiswelirofflzlcrc„a. v nnd SS. f iilsrer Das Wehrpolitisdie Amt and Hitlers.Friedenspolitik Berlin, 9. August.(Jnpreß.) In einem Interview mit dem englischen Journalisten Ward Price hat Hitler er- klärt:„Wir glauben, daß die Probleme des heutigen Deutschland nicht durch einen Krieg geregelt werben können." Wie solche Friedensschalmeicn zu verstehen sind, geht daraus hervor, daß im„dritten Reich" Schule, Hitler- Jugend, Arbeitsdienst. SA. und SS.— daß alle Forma- tionen Hitlers vom Kriegsgeist beherrscht sind. Um des Friedens willen, wie Hitler ihn auffaßt, besteht offenbar auch das„Wehrpolitische Amt der NSDAP.", dessen Zu- sammensetzung aus einem Dokument zu erkennen ist, das der Korrespondenz„Jnprcß" vorliegt. Dieses Wehrpolttische Amt hat Mitarbeiter im Ausland, die unter diplomatischer Tarnung arbeiten, und ihre Presseabteilung wird von dem engsten Mitarbeiter Rosenbergs, dem Schriftleiter des „Völkischen Beobachters", Hauptmann a. D. Weiß, geleitet. Das Dokument hat folgenden Wortlaut? „Betr. Gliederung des wehrpolitischen Amtes der NSDAP. Leitung und Geschäftsführung: Reichsleiter: SA.-Obergrnvvenfübrer Ritter v. Epp, Gene- ralleutnant a. D.. Reichsstatthalter in Bayern. MdR.. Stellv. und GaugeschästSlciter: SA.-Gruppenführer z. V. Haselmayr, Oberst a. D., MdR., Geschäftsstelle München <2 NO., Prinzregentenstraße 48/11, F. 20182), Geschäftsführer:(zugleich Geldverwalter des Amtes): Till- mann. Major a. D>, Schrtftwart: Thal, Leutnant a. D., Verbindungsstelle Berlin(W. 9, Bellevuestr. 13, F. B. 2, Lützow 9067), Leiter: HJ.-Oberbannführer v. Oertzen, Hauptmann a. D. Abteilungen(München) 1. Politische Abteilung: Abtl.-Leiter: SA.-Gruppenführer z. V. Haselmayr, Oberst a. D.. MdR. a) äußere Mchrpolitik: der Abt.-Leiter. Hauptamtlicher Mitarbeiter: Dr. Gras zu Eastell-Castell. Sonstige Mitarbeiter: in München: Utz, Oberstleutnant a. D., in Berlin: Sichting, Oberstleutnant a. D., Ritter v. Nieder- Mayer, Oberstleutnant a. D.. Prtvatdozent v. La Trobe, in Rom: Freiherr von Neurath, Legationssekretär. b) Innere Wehrpolitik: (ohne die Gebiete der selbständigen Referate, jedoch in Ver- bindung mit ihnen). Dillmann, Major a. D., Hauptamtlicher Mitarbeiter: s?r. v. Vriesyeim. Sonstige Mitarbeiter: in München: Sturmbannführer Dr. Becker, Major a. D., Ritter v. Drechsler, Stubienrat, Oberleutnant d. R. a. D>, in Berlin: Billmaun, Oberstleutnant a. D., SS.-Stan» öartenführer, Bauszus, Oberstleutnant a. D. 2. Jnformations-, wehrwissenschaftliche und wehrwirtschas» liche Abteilung: Abt.-Leiter und Hauptbearbeiter(für Wehrwisscnschaften in Verbindung mit dem Referat Hl): Ritter von Füchtbauer, Oberst a. D., Hauptamtlicher Mitarbeiter: Dr. Krieger, Major a. D. Sonstige Mitarbeiter: in München: Heueer, Korv.-Kap. a. D., SA.-Oberführer Th. Kroneiß, Oberstleutnant a. D., SA.-Gruppenführer Seydel, Hauptmann a. D., SA.-Truppführer Prühäul-r. Oberstleutnant a. D. Selbständige Referate(Berlin) 8. Grundfragen der Wehrgesestgebnng, der Wehrwisscn» schastcn und der wehrpolitischcn Erziehung: Reierent: SA.-Oberführer Binz, Ministerialreferent, Leut- nant d. N. a. D. 4. Kriegsopferfllrsorge und Wehrmachtversorgung: Referent: SA.-Oberführer Oberlindober, Reichsführer der NSKOV.. Oberleutnant a. D., MdR. Mitarbeiter: Dr. h. c. Tietz, Oberrcgicrungsrat, Dr. Kayser, Ministerial- referent. 6. Presse: Referent: SA.-Gruppenführer Weiß, Hauptmann a. D., Hauptschriftleiter, MdR. Mitarbeiter: SA.-Oberführer Berchthold, Hauvtschriftleiter, Leutnant d. R. a. D., München. 6. Propaganda-Abwchr: Referent: Dr. h. e. Draeger, Mitarbeiter: SA.-Truppführer Dr. Klein(zugleich Stell- Vertreter des Leiters der Verbindungsstelle Berlin)." In diesem„Wchrpolitischen Amt", dem Kriegs- Vorbereitung» Amt der NSDAP., arbeiten, wie sich zeigt, viele hohe TA.-Führer,' das ist offenbar der Grund, warum Hitler die SA. als„politische Truppe" bezeichnet. Auch diese Tatsachen beweisen, welcher Wert den Fricdensredcn von Hitler beizumessen ist. sSSGZ' WsKKS" Meute Held in Walhall- damals Kandidat der Daserteure Kleine Erinnerung Die beiden Trauerreden von Hitler wiesen die gleiche sehr bezeichnende Lüge auf. In seiner Darstellung des Lebenslaufes des verstorbenen Reichspräsidenten hat Hitler in beiden Reben nur von der ersten Reichspräsidentschafts- wähl im Jahre 1026 gesprochen. In der Krollopcr hat er so- gar gesagt: „Am 26. April 1926 erwählte ihn daS deutsche Volk zum Präsidenten des Reiches und ohne daß man es damals ahnte, damit zum Schirmherrn der neuen nationalen Revo- lution." Wir verstehen es ganz gut. daß für Hitler in diesem Augenblick die Erinnerung an die zweite Wahl von Hinden- bürg außerordentlich peinlich war. War doch Hindenburg 1932 zum Reichspräsidenten und„damit zum Schirmherr« der neuen nationalen Revolution" gegen Hitler und nach einem außerordentlich heftigen Kampf gewählt. Heute heißt es, das deutsche Volk habe Hindenburg er» wählt. Damals im Frühjahr 1932 hieb es ganz anders. In der Reichstagssitzung vom 23. Februar 1032 sagte Goebbels wörtlich: „Hindenburg ist der Kandidat der Deserteure." Diese unerhörte Beschimpfung von Hindenburg, der damals amtierender Reichspräsident war, hat solchen Entrüstungs- stürm hervorgerufen, daß die Sitzung schließlich aufgehoben wurde. Erst am nächsten Tage konnte der damalige Reichs- wehrminister Gröner die gebührende Antwort auf die Be- schimpfung des Reichspräsidenten erteilen. Gröner sprach von der Beleidigung, „die ein Mann auszusprechen wagt, der selbst den Krieg nur vom Hörensagen kennt". Am Sonntag vor dem ersten Wahlgang haben die Nazis in ganz Berlin ein Flugblatt verteilt, dessen Schlußsatz lautete: „Hindenburg ist der Kandidat aller Inden, Schieber nnd Kriegsgewinnler!" Und das Blatt von Goebbels,„Der Angriff", beschimpfte die Wähler Hindenburgs als„Sauhaufen" und nannte sie eine„Einheitsfront der Niedertracht". ES würde zu weit führen, auf all die niedrigen Angriffe einzugehen, denen Hindenburg damals ausgesetzt war. U. a. verteilte man im Reich eine Postkarte, auf der man Hindenburg auf einem Schwein reitend abgebildet hatte Das Schwein sollte einen sozialdemokra» tischen Funktionär barstellen. In Aachen wurde das am Elisenbrunnen aufgestellte Hindenburgtransparent von SA. besudelt. In die Brustpartie des Bildes hatte man außerdem einen 26 Zentimeter langen Dolch gestoßen. Der NS.-Jugenbdienst schrieb in diesen Tagen: „Wir jungen Nationalsozialisten werden es nie ver- stehen können, daß ein Generalseldmarschall Hindenburg 1918 Kaiser Wilhelm IL zur Flucht geraten hat." Kaum war der erste Mahlgang vorüber, da setzte sofort eine neue Hetzkampagne gegen Hindenburg ein. Die Nazi- presse schrieb bei der Würdigung des Wahlergebnisses, Hindenburg sei ein„politischer Versager" und der „Angrisf" steigerte seine Hysterie zu dem allgemein bekannt- gewordenen Wort: „Hinweg, alter Mann!" Dieser letzte Satz heißt jetzt in die verlogene Sprache einer Trauerrede übersetzt:„Toter Feldherr, geh nun ein in Walhall!" Die tiutssdienftung Eine Richtigstellung Man schreibt uns: In der„Deutschen Freiheit" wurde berichtet, baß das Gut Neudeck des Reichspräsidenten sowie das später dazugesügte Gut(Langenau) aus Sammlungen hochkapitaltsttscher Kreise beschafft worden sei. In Wirklichkeit ist die Sache noch schlimmer. Nur Neudeck stammt aus dieser Quelle. Damals wurde nicht nur durch Schenkung an den Sohn die Erbschaftssteuer, die jetzt fällig geworden wäre,„gespart", sondern auch die Scheukungssteuer erlassen, d. h. von den Verwaltern der Retchskasse auf Kosten dieser dem Ritter- gutSbesitzer geschenkt. Das größere Langenau aber kommt nicht aus einer freiwilligen Sammlung. Es ist von dem preußischen Ministerpräsidenten GL ring um die Zeit(im Zusammenhang mit seiner Ernennung zum General) aus preußischen Staatsmitteln gestiftet worden. Und zwar, der Einfachheit halber und um die Verbundenheit von Blut und Boden und den Grundsatz Gemeinnutz vor Eigen- nutz neu zu bekräftigen, frei von allen Steuern für alle Zeiten! ES ist derselbe Göring, der sich aus bayrischen Staatsmitteln ein Gut hat schenken lassen und die Mittel für seinen Prunkbau in Berlin aus Mitteln beschafft hat. deren Lauterkeit, allen entgegenstehenden Preffebehaup- tungcn zum Trotz, vor einem unabhängigen Gerichte darzu- tun er beharrlich verschmäht. Aus diesen sauberen Quellen hat der historische Man» Im Junkerland seinen Nachkommen ein großes Vermögen hinterlassen können. Otto Braun hat sich in derselben Zeit der Schande aus eigenen Erspar- nissen ein einfaches Landhaus gebaut, das er fahren lassen mußte, als Deutschland von der korrupten Bonzen- Wirtschaft gesäubert wurde. Jedenfalls hat er als gebürtiger Prolet die rechte ritterliche Vornehmheit nicht ausgebracht. Die mutz aus echtem Nordlandblut ererbt sein. Rillinger»Her Funktionen enthoben? Dresden, 7. August. Der sächsische Ministerpräsident von Killinger wurde bekanntlich im Zusammenhang mit den Er- eianisse» des 30. Juni verhastet, in ein Konzentrationslager überführt, nach einigen Tagen entlassen und als SA.-Führer abgesetzt, lieber sein Schicksal als sächsischer Minislerprä- sibent war nichts bekannt geworden. Jetzt ist das Beileids- telcgramm der sächsischen Regierung an Oberst von Hinden- bürg unterzeichnet worden:„Für den Ministerpräsidenten: Dr. Fritsch, Staatsminister", was daraus schließen läßt, daß Killinger auch nicht mehr als Ministerpräsident fungiert. Breslau, 7. August. Das OberlanbeSgericht Breslau ver- urteilte zwei Angeklagte wegen Vorbereitung zum Hoch- verrat zu zwei Jahren Zuchthaus bzw. zu Anderthalb Jahren Gefängnis.. Die„Wähler" Der Abstimmungsschwindel Die Freiheiten und Rechte des deutschen Volkes wachsen unter dem Zepter Adolfs l in schier beängstigendem Maße: im November 1083 durfte das Volk durch Abstimmung zwischen einer Partei„wählen". Am 19. August 1034 darf es auf dem gleichen Wege über eine rund drei Wochen zu- vor vollzogene Tatsache„entscheiden". Ungeahnte Perspektiven tun sich auf: durch eine VolkSab- stimmung wird festgestellt werden, baß die Sonne im Osten aufgeht, daß Berlin an der Spree liegt, daß Röhm vor dem Juni 1034 geschlechtlich vollkommen normal veranlagt war und nur als Strafe für seine Untreue gegen Hitler plötzlich homosexuell wurde. Gewiß, über Hitlers Alleinherrschaft haben einige Leute etwas mitzubestimmen gehabt. Diese aber sind bereits vor dem Staatsstreich vom 1. August befragt worden und haben ihre Zustimmung gegeben: die Spitzen der Reichswehr und die Herren von der Schwerindustrie. Sie haben auch ihre Bedingungen gestellt und ihr„Ja" erst ausgesprochen, als ihnen diese bewilligt waren. Das Volk, das am 10. August zur Urne getrieben wird, hat keinerlei Be- dingungen zu stellen, sondern allein und gehorsam„Ja" zu sagen. Man hat die fortwährenden Volksabstimmungen vom Ge- sichtspunkte des Ftthrerprinzips aus inkonsequent genannt. Das wären sie, wenn es sich dabei um tatsächliche Willenskundgebungen des Volkes handelte. Allein der Umstand, daß sie stattfinden, beweist, daß hiervon keine Rede sein kann. Es handelt sich vielmehr um O h n m a ch t s- dcmon st ratio nen, wie etwa der Hypnotiseur an die hypnotisier« Person Fragen stellt, um aus der willfährigen Antwort zu ersehen, daß die Hypnose noch anhält. Einen der Hypnose Unterworfenen kann man veranlassen, auf seinem Stuhl Schwimmbewegungen zu machen, indem man ihm zuruft, er'fei ins Wasser gefallen. Ein dem Terror und einer völlig einseitigen Propaganda unterworfenes Volk het nicht mehr eigenen Willen als ein Hypnoti- s i e r t e r. Unter dem Zwang gibt es jede vom Hypnotiseur gewollte Antwort. Starke Naturen unterliegen der Hypnose nicht. Und es ist bekannt, daß diese um so schwächer wirkt, je stärker die Forderung des Hypnotiseurs den natürlichen Trieben des Mediums zuwiderläuft. Ein ausgeglichener Mensch läßt sich durch Hypnose weder zu Mord noch zu Selbstmord be- stimmen. Aehnlich ist anzunehmen, daß die Macht des Terrors und der Propaganda über das deutsche Volk in dem Matze nachlassen, wie die verderblichen Wir- k u n g c n des Hitlerregiments sichtbar in Erscheinung treten. Infolge der katastrophalen Verschlechterung der Wirtschasts- läge, der Schlächterei vom 30. Juni, des österreichische» Fiaskos dürfte die Zahl der Nein-Tager am 10. August er- heblich größer sein als im November 1033, eS dürsten dies- mal sogar Hunderttausende von SA.-Mitgliedern und Nationalsozialisten unter den Neinstimmern sein. Trotzdem ist eS sehr wohl möglich, daß die Mitwelt davon nichts erfährt, weil das Wahlresultat einfach soweit ge- fälscht wird, bis es das von Hitler gewünschte Aussehen hat. Nach den Wahlen der Vertrauensräte in de« Betriebe» ist daran nicht zu zweifeln. Hunderte von Beispielen sind bekannt geworden, in denen der Belegschaft kurzerhand er- klärt wurde, daß die Nazi-Kandidaten„über 60 Prozent der Stimmen" erhalten hätten, obwohl noch nicht ein Drittel, noch nicht ein Viertel der Belegschaft sür sie gestimmt hatte! In einem besonders krassen Fall, in welchem das wirk- liche Resultat durch Zufall durchgesickert war, schrieb ein Arbeiter unter den Aushang am Schwarzen Brett:„Seit wann sind 282= 60 Prozent?" Der Betrieb zählte weit über tausend Beschäftigte! Das durch Hitlers Wahlbeauftragte festgestellte amtliche Wahlergebnis wirb daher als' völlig belanglos anzu- sehen sein. Es wird nur zeigen, daß mit Terror, Propa- ganda und Wahlfälschung jedes gewünschte Resultat fabri- ziert werden kann. Das wirkliche Urteil des Volkes übet den Staatsstreich des Kameradenschlächters wird n i ch t in der Form einer Volksabstimmung— weder gesprochen noch v o l l z o g e n werden! Julius Civilis, Die Sdimadi einer Zeitung „Frankfurter Zeitung"— heute Ufbcr die Rcichstagssitzung znm Gedächtnis Hinden. bnrgs berichtet der„Franksurter Zeitung" ihr Ehe?« redakteur aus Berlin: „Ueber dem dichtgefüllten Saal der Krolloper lag eine feierliche Stille, als Adolf Hitler pünktlich um 12 Uhr die Reglerungstribllne betrat. Die Trauerversammlung be« grüßte ihn stehend mit erhobener Hand. Ein erschüttern- der Ernst lag über den Zügen des Führers des Reichs- Es waren Augenblicke von äußerster Spannung, als die Augen des tief ergriffenen Mannes über die Reihen der Versammlung glitten, um bei dem Sohn Hinden- burgs. der mit seiner Gattin und dem Staatssekretär Meiß- ner z» Hitlers Füßen vor den Abgeordneten saß, ein paar Sekunden grüßend zu verweilen. Bevor er seinen gewohnten Titz einnahm, reichte der Kanzler Herrn von Pape», der neben ihm Platz nahm, die Hand. Der Vize- kanzler verneigte sich tief. Er ist der Mann, der am meiste» dazu tat, daß der Bund zwischen Hitler und Hin- den bürg geschlossen wurde, den nun der Tod g e l ö st h a t.(!) Gelöst? Nein, denn wir alle hörten die wundervollen Worte, mit denen Adolf Hitler den Geist des groben Tote» beschworen hat. diesen unsterblichen Geist, der«als ewiger Schutzherr des Deutschen Reiches" über uns lebt in un- bekannten Fernen. Nein, dieser Bund soll nicht erloschen fein! Möge der Allmächtige„unsere Arbeit und unser Ringen zum Glück unser"» Volkes gedeihen lassen". Möge er insbesondere„uns gnädig stets die rich- tigen Wege finden lassen, um unserem Volk das Glück des Friedens zu sichern und es vor dem Unglück des Krieges z» bewahren, so wie der große Verstorbene eS selbst immer aufrichtig und mit ganzem Herzen gewollt hat". Und„mit ergriffener Dankbarkeit" gedachte der Kanzler und Führer des Reiches des unermeßlichen Verdienstes." i- Und so weiter. Der Autor schrieb es und schämte sich nicht- Der von ihm festgestellte„Bund zwischen Hitler und Hinden- bürg, den nur der Tod gelöst" hat. ist würdig, in der Reihe speichelleckerischer Gejchichtsklilterungen in vorderster Linie zu prangen. deutsche Stimmen•(Beilage zur„(Deutstfken Freiheit"• Ereignisse und Gestfkitfkten ii.lllii[iiiiiii11il'iii!yiBiilL Freitag, den 10. August 1934 lllillllll iiiiniiuisiiiiiiwii JaCCecs AjMaqz . d**£di*t&ucqec Jxiq.uh.q- des Jen-JCiu&s hat CchsI JxxCCec folgende.(Rede qehalten In einer Zeit, in der wir täglich von neuen Gewalttaten, Oeuen Grausamkeiten, neuen Unterdrückungen lesen, in ®ine r Zeit, in der das Elend von Millionen wächst, in der ^ehntausende von Emigranten hoffnungslos, rechtlos durch die Länder irren, ein neuer, furchtbarer Krieg uns alle beruht, wird das Gewissen der Welt stumpf und nur wenige enken an das Schicksal der wegen ihrer Gesinnung eingekerkerten Schriftsteller. Und doch sind diese Männer schon seit 17 Monaten in Haft, ohne daß sie gegen die Ge- f e 5 e ihres Landes verstoßen haben, ausschließlich, weil sie | n früheren Jahren Werke veröffentlicht haben, deren Ideengehalt den jetfigen Madilhabern zuwiderläuft. Unter diesen Schriftstellern befinden sich: Carl von Ossietflty, Ludwig Renn, Fritf Gerlidi, Fritj Küster, Werner Hirsch, Klaus Neukrantj, Carl Mierendorff, Willy Brendel und andere. Und unter welchen, Ihnen wahrscheinlich unverstellbaren Bedingungen leben diese Menschen! Ausgeliefert dem Haß der Machthaber, preisgegeben der Willkür subalterner SA.-Männer führen diese Männer ein Leben täglicher geistiger, körperlicher und seelischer Entbehrung, oft bitteren Mißhandlungen ausgesetzt. Fragt man die Herren, zu welchem Zwecke diese Männer 'ingekerkert sind, bekommt man zur Antwort, daß sie schädliche Elemente der Gesellschaft waren und zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft erzogen werden sollen. Und worin besteht diese Erziehung? In vielstündigem militärischen Exerzieren, in oft sinnloser, körperlicher Arbeit. Fünfzig-, sechzigjährige Männer werden über Kasernenhöfe gehetzt und getrieben, müssen sich niederwerfen, aufstehen, niederwerfen und aufstehen, bis sie kraftlos liegen bleiben. nein, der Kerker verbirgt nur eine Absicht, Rache an H ehrlosen, Haß der freiheitlichen Idee, Furcht vor dem Talent, das jenen Männern gegeben ist, mit der Kraft des ^ ortes den Ungeist anzuprangern. Ich könnte Berichte von Zeugen aus dem Konzentrations- , leger anführen, daß Sie ein Gefühl der Scham überkommen ^ürde vor der Erniedrigung des Menschen durch den Menschen. Aber ich brauche es nicht, genug wurde in Zeitungen und Köchern geschrieben. .Wer vergißt, will vergessen Jeder, der hören wollte, hat hören können. Jeder, der wissen will, muß wissen. Wer nicht hörte, wollte nicht hören, wer nicht weiß, will nicht wissen. Wer vergißt, will Vergessen. Manche hören und wissen, doch sie vergessen. Aber vergessen ist die Sünde wider den Geist. Hätten Millionen den Krieg nicht vergessen, die Gefahr des neuen Krieges wäre Ouht so ungeheuerlich, die Erziehung der Jugend zur Verherrlichung des Krieges wäre nicht gelungen. Vergessen ist ein Zeichen von Fantasielosigkeit. Vergessen Sst ein Zeichen von Herzensträgheit. f Wir dürfen die gefangenen Schriftsteller nicht vergessen, die mit uns in einer Reihe für die gleichen Ziele lebten und arbeiteten, die dem Frieden dienten und einem helleren, gerechteren Antlitz der Welt. Kein noch so lauter Festtrubel kann die stumme Klage Jener leidenden Menschen übertönen. Denken wir an sie, die nicht einmal wissen dürfen, daß wir brüderlich an sie denken und ihnen in Scham und Trauer verbunden sind, Wenn wir an die Macht des Wortes glauben— und wir glauben als Schriftsteller an die Macht des Wortes—, dürfen wir nicht schweigen. Selbst Diktatoren fügen sich der Meinung der Welt. Ohne die fordernde Meinung der Welt, ohne das Mitgefühl zahlloser Menschen, ohne den Kampf bedeutender Zeitungen, wie der„Times", des„Observer", des„Manchester Guardian", ohne die Hilfe humaner Persönlichkeiten, die den'großen Traditionen ihres Landes folgten, wäre ein unschuldiger Mann wie Dimitroff nicht gefettet worden. Wie oft verzweifeln wir an der Gewalt und Wirkung dessen, was wir tun. Aber Beispiele, wie das eben erwähnte, sollten uns Kraft und Vertrauen geben und uns nicht ermüden lassen. Nein, auch wir Vertriebenen dürfen nicht müde werden. Uamit geben wir uns auf und verlassen jenes Deutschland, v on dem Sie nichts in den offiziellen Zeitungen lesen: Das leidende Deutschland, das im geheimen kämpfende Deutschland, das größer ist, als Sie ahnen. Ich spreche hier als Schriftsteller von Schriftstellern, sonst Müßte ich jene erwähnen, die nicht Schriftsteller sind, Arbeiterführer wie Thälmann und Torgier, Zehntausende von Arbeitern, Tausende von Juden und alle jene, die kein anderes Verbrechen begangen hoben, als daß sie aus Ueber- zeugung nicht Nationalsozialisten sein können und wollen. Verfolgung auch in der Fremde Die Diktatur begnügt sich nicht mit der Verfolgung von Schriftstellern und der Unterdrückung ihrer Bücher im Tande, sie verfolgt auch die vor der Gewalt Entflohenen im Auslande. Die Autoren und Verlage der deutschen Emigration werden bedroht durch besondere Maßnahmen der bitierischen Diktatur. Ein besonderer Druck wird ausgeübt auf jede andere Regierung der Welt, soweit sie schwach und Zugänglich genug erscheint. Der Zweck ist vor allem die Auslieferung der emigrierten Schriftsteller nach Deutschland. Wenn dies nicht zu erreichen ist, sollen sie wenigstens ausgewiesen werden aus ihrem Zufluchtslande, nachdem sie Vorher zu Gefängnisstrafen verurteilt und ihre Schriften Verboten sind. Ich erinnere an den Fall des Schriftstellers Liepmann in Holland, den Verfasser des Buches„Murder, tnade in Ger- ttany". Ein anderes Land hat kürzlich verordnet, daß Druckschriften zu verbieten sind, wenn sie die guten Beziehungen des Landes zu anderen Staaten gefährden. Das geht weit hinaus über die Bestimmungen des internationalen Rechts, wonach nur die Beschimpfung von Staatsoberhäuptern strafbar sein sollte. Warum regt sich diese Sorge um das Wohl einer fremden Diktatur gerade jetzt? Warum früher nicht? Haben italienische, russische, spanische Emigranten niemals ähnliche Bücher geschrieben, wie die deutschen Emigranten? Allerdings, nur hatten diese• Länder keinen Herrn Goebbels mit unbeschränkten Geldmitteln, der die Emigranten bis in ihre Zufluchtsländer verfolgt Ueberall!"'''' Schon heute lehnen eine Reihe von nichtdeutschen Zeitungen es ab, die Werke emigrierter Schriftsteller zu erwähnen oder zu besprechen, unter dem Druck nationalsozialistischer Stellen. Eine große Buchhandlung in Madrid weigerte sich, Bücher jener Verlage, die Emigranten drucken, auszulegen und zu verkaufen, unter dem Druck deutscher diplomatischer Stellen. Nach dem Vertrage zwischen Polen und Deutschland hörte die polnische Auslieferungsstelle auf, Bücher der Emigrantenverlage zu vertreiben. Italienische Auslieferungsstellen beklagen sich darüber, daß von deutschen diplomatischen Stellen ein Druck auf sie ausgeübt wird, den Vertrieb der Emigrantenliteratur einzustellen. In Griechenland wurde auf Veranlassung des deutschen Konsulates der Herausgeber der griechischen Uebersetzung des Braunbuches verurteilt. Auf Antrag der deutschen Regierung erhob die argentinische Staatsanwaltschaft Klage gegen ein argentinisches Blatt, das einen Aufsatz von Heinrich Mann abdruckte. In verschiedenen Ländern wurde die Aufführung des Stückes des neuen Werkes von Bruckner, das gegenwärtig mit so großem Erfolg in Paris gespielt wird, verboten. Karikaturen bedeutender Künstler müssen aus Ausstellungen entfernt werden, weil nationalsozialistische Regierungsvertreter es fordern. Selbst in einem fernen Lande wie San Salvador wurde unter dem Druck der nationalsozialistischen Diplomatie das Braunbuch verboten. Vor keinem Mittel schreckt die Hitlerdiktatur zurück, um die Schriftsteller, die sie nicht packen kann, zu schädigen. Ihre Bücher und ihre Manuskripte wurden zerstört, ihre Habe, ihre Möbel, ihre Ersparnisse, ihre Wohnungen beschlagnahmt, viele wurden ihrer Staatsangehörigkeit beraubt. Der Paß! Der Paß! Aber wer heute nicht im Besitze eines gültigen Passes ist, für den ist die Welt eng. Wenn ihn die Aufforderung träfe, morgen in ein anderes Land zu reisen, um dort für ihn wichtige Angelegenheiten zu regeln, er könnte es nicht, die Grenze ist verschlossen. Es bedarf zeitraubender Mühe, bis er ein Papier erhält, das ihm zu reisen erlaubt und dann hängt es noch von der Regierung des anderen Landes ab, ob sie ihm ausnahmsweise die Einreise gestattet- Zu diesem Kongreß wollte der deutsche Schriftsteller Klaus Mann kommen, er vermochte es nicht, trotz aller Bemühungen, weil er keinen gültigen Paß mehr besaß. Diese wohlorganisierte, mit großen Machtmitteln systematisch betriebene und bis in die fernsten Länder ausgedehnte Verfolgung mißliebiger Schriftsteller, Verleger und Buchhändler bedeutet die schwerste Bedrohung der Freiheit des Schrifttums in der ganzen Welt. Werden Sie diese Bedrohung dulden? Sie werden mir antworten:„Was sollen wir tun, wir sind zu schwach. Unsere Stimme wird nicht gehört. Der Geist der Unfreiheit und Gewalttätigkeit wächst in der ganzen Welt. Andere wieder werden sagen: Mutet es nicht wie eine Donquicho- terie an, gegen die Unterdrückung der Geistesfreiheit in Deutschland zu protestieren, da doch g|fenkundig viele deutsche Schriftsteller die allereifrigsten Parteigänger des Systems sind und es wahrscheinlich noch immer„geistig unterbauen" werden, wenn schon das ganze übrige Volk von ihm abgefallen sein wird. Jeder scheue Blick in deutsche Zeitschriften genügt, um festzustellen, mit-welcher Begeisterung viele deutsche Schriftsteller sich als Frontkämpfer des völkischen Gedankens fühlen. Da ist keine Unterdrückung, da ist Freiwilligkeit und freudige Unterwerfung. "Das Talent ist, wie die Vernunft im Mittelalter, dazu da, den Glauben ,zu erörtern'," sagt ein großer zeitgenössischer Schriftsteller,„das Talent ist allerdings meistens nicht vorhanden und das erklärt manches." Ihre freudige Unterwerfung Auch die Inquisition war eine Macht, die verfolgte und leiden machte. Trotzdem haben die Verfolgten und Leidenden ihren Glauben nicht abgeschworen. Von Ihnen wird nicht der Flammentod verlangt, von Ihnen wird nur gefordert, daß Sie um der guten, humanen und gerechten Sache willen, um jener Sache, der trotz aller gegenwärtigen Verfinsterung eine künftige Menschheit sich zuwenden wird, sich solidarisch mit ungerecht Verfolgten erklären und die Dedrüi£tung 4?« Geistes upd den Ungeist picht dulden, (DichtecCas in JCcuntscfiatka Geduld, Poet, und nicht gemuckst, so heißt die Pille, die du schluckst Entsagung, in der Ecke stehn, von jedem Laffen falsch gesehn. Dein Volk, wenn dich Diät geplagt, hat dir, wie stets, das Brot versagt. Verzweiflung, und noch obendrein verlacht, verhöhnt, verspottet sein- „Das Publikum, das Publikum!"« Ja, hat sich was mit Publikum. „Der Kritikus, der Kritikus!" Na, das ist erst der Hochgenuß. „Der Nachruhm bringt dir manchen Toast!" Nun wahrlich, auch ein schöner Trost. „Der Dichter ist ein König traun." Er ist im Vaterland der Clown. Vielleicht nach hundert Jahren Schicht zieht ein Professor dich ans Licht. Und hin und her wird dann geredt, und du wirst um und um gedreht. Viel Lärm, Bumbum, Radau, Juchhei, im Sarg ist alles einerlei. Und ob die Welt dich dann zerreißt, ob die Nation als Gott dich preist, ganz gleich, der Wurm hat rund und rein dich längst poliert im schwarzen Schrein. Wir fragen, wo dein Hügel steht; der ist versunken und verweht. Was gehts dich an, was soll der Quark, fehlt dir des Lebens Milch und Mark. Das sind des Dichters ewige Qualen im großen Reich der Kamtschatkaren. Detlev von Liliencron. ZeUsTloüzen Ein Denken— ein Fühlen! „Die engen Grenzen der Schichten, der Parteien und Klassen fielen! Es gibt nur noch einen Willen, ein Denken und ein Fühlen!" (Die Westfälische Landeszeitung über die„Sonnenwende an germanischer Thingstätte".) Ein Denken— ein Fühlen! Wir registrieren diesen wahrhaft blutigen Witz ohne Kommentar. Eine Gauguin-Gesellschaft Unter dem Vorsitz des Malers Albert Besnard ist in Paris eine Gesellschaft der Freunde Paul Gauguins gegründet worden, der viele Künstler, Schriftsteller und Verehrer vol Gauguins Kunst angehören. Die Vereinigung will eine große Ausstellung von Gauguins Schaffen veranstalten und die noch unveröffentlichten literarischen Werke des Künstlers herausgeben.,. Gandhi-Biografie von Tagore junior In Frankreich ist kürzlich ein Buch über das Leben Ghandis erschien«!, das in literarischen Kreisen einiges Aufsehen erregt hat, nicht zuletzt wegen des Verfassers dieser Biografie. Als Autor zeichnet nämlich Soumyendranath Tagore, der Sohn des auf der ganzen Welt bekannten indischen Dichters Rabindranath Tagore. Dostojewskis Geburtshaus zerstört Das Dorf Dostojewo in der Gegend von Pinsk, wo sich das Geburtshaus Dostojewskis befand, ist durch einen Brand fast vollkommen zerstört worden. Auch das Geburtshaus des großen russischen Dichters ist ein Opfer der Flammen geworden, und es sind dabei zahlreiche wertvolle Dokumente und Erinnerungsstücke verloren gegangen. Der Buchhändler spricht.., Der elfte Kongreß der französischen Buchhändler wird vom 4. bis 6. August in Vevey(Schweiz) zusammentreten unter der Ehrenpräsidentschaft des Dichters Ramuz. Unter den zahlreichen Themen, die behandelt werden sollen, interessiert vor allem ein Referat, das sich damit beschäftigen wird, welche Verantwortung der Buchhändler im Kampfe gegen die Verbreitung demoralisierender Schriften hat. Deutsches Recht Am Sonnabend wurde gemordet. Am Mittwoch aber war das Reichskabinett nervenstark genug, um ein Gesetz über die Akademie für Deutsches Recht zu beschließen. Sie wird eine Körperschaft öffentlichen Rechts des Deutschen Reiches mit dem Sitz in München sein. Im übrigen nehmen wir an, daß auf dieser Akademie das Pistolenschießen gelehrt wird und was sonst so neuerdings „rechtens" ist. Synagoge wird Museum Die durch die„Abwanderung"(neudeuticher Sprachschatz) aller jüdischen Einwohner aus Sulzbach (Franken) überflüssig gewordene Synagoge, die von der Stadt erworben wurde,»all in ajjt Heitjoatpiussum umgewandelt werden r .Deutsche Freiheit", Nr. 183 Das dunre Vlatt Freitag, 1«. August 193* ilord Montagu und Leutnant chanster ^wei Fremdenlegionäre Als mir noch im Flügel kleide, wie es in dem Liedchen so schön heißt, zur Schule gingen, lasen wir mit hochroten Backen und vor Erregung blitzenden Augen mit Borliebe jene Erzählungen, die in der Fremdenlegion spielten. Mit klopfenden Herzen lasen wir auch jene Oleschichten, in denen von Kriegsspionage die Rede ivar. Und ivir stellten uns eine nicht endenwollende Kette von Abenteuern vor, die in beiden Fällen zu erleben waren. Biel abenteuerlicher als all die Erzählungen aber ist das Leben selbst. Die Tatsachen, die das Leben schafft, sind viel romantischer oft als alle Roman- tik jener Ingendschriften, die so gern als Kitsch bezeichnet werden und die doch oft viel weniger kitschig sind, als das wirkliche Leben. Bon zwei solchen»Wahren Erlebnissen" soll heute dem Leser berichtet werden. Während in den Jugendbüchern stets die Rede davon ist, daß der Held der Erzählung seinen Eltern durchbrennt, um in der Fremdenlegion seinen Abenteurerdurst zu stillen, oder daß der mißratene Sohn seine letzte Zuflucht dort sucht, sollte der Sohn des Herzogs von M a ii ch e st er Lord Ed- ward M o n t a g u von seinen eigenen A n g e- hörigen in die Fremdenlegion gebracht wer- den. Bor zwei Tagen kam in Calais ein Flugzeug an. Ihm entstieg„der tolle Lord", wie de» junge Mann in seinem Freundeskreis genannt wurde, seine Schwester Lady Lonisa Montag» und ciu Freund der Familie. Der junge Lord sollte gezwungen werden, zur Abbüßung seiner vielen„Hel- dentalen" in der Fremdenlegion Dienst zu nehmen. Um ganz sicher zu gehen, daß der Lord nicht mehr nach England zurückkehren könne, zerriß Lady Lonisa alle Papiere ihres Bruders und ließ ihn mit Iihm) FranrS und dem Ber- sprechen, sich am nächsten Morgen im Werbebüro der Krem- denlegion zu melden, in Calais zurück. Aber der tolle Lord, dessen bisheriges Leben schon eine ununterbrochene Kette von Abenteuern war, die gewöhnlich im Gefängnis endeten, und der die Gefängnisse fast aller Erdteile schon kennen gelernt hatte, dachte gar nicht daran, den Wunsch seiner Borwandten zu erfüllen. Er war ja schon öfters spurlos verschwunden, ohne daß seine Familie wußte, wo er geblieben war. Auch diesmal gelang ihm das ausgezeichnet. Man weiß nur, daß es ihm trotz des Mangels an Papieren gelang, sich an Bord eines Kanaldampfers zu schmuggeln und in Folkestonc wie- der Heimatboden z» betreten. Bon da ab aber fehlt jede Spnr von ihm. Es bleibt abzu- warten, wo er wieder austauchen wird. Bielleicht hört man in kurzer Zeit, daß er mit seiner eigenen?)acht wieder an der kanadischen Küste kreuzt. Vielleicht ankert diese?)acht auch in Kalifornien, wo noch immer der Mord an ihrem Kapitän Wanderwell ungesühnt und unaufgeklärt ist. Monatelang saß Lord Edward im Gefängnis von Long Beach, da ans ihm der schwere Verdacht lastete, de» Kapitän durch einige Messerstiche getötet zu haben. Aber die Tat konnte ihm nicht nachgewiesen werden, und so ließen ihn die kalifornischen Behörden wieder frei. Und ähnliche Abenteuer finden sich in dem gewiß nicht alltäglichen Leben des Lords in Hülle und Fülle. Das war auch der Grund, weshalb ihn seine Familie in die Fremdenlegion abschieben wollte, eine Rech- nung, durch die der tolle Lord mit seinem Verschwinden einen Strich machte. Die andere„wahre Geschichte" spielt im Bereich der Kriegsspionage. Leutnant Hausser, der jetzt still und ruhig in Ttraßburg lebt, erzählte einem Berichterstatter des„Paris Toir" dieser Tage, in welch abenteuerlicher Weise es ibm gelang, die Pläne für die deutsche Offensive im Juni 1918 zu stehlen und der französischen Heeresleitung bekannt zu geben. In Ulanenunisorm schlicht er sich unter dem Namen eineS Leutnants de la Bergne in Lille in deutsche Osfizierskreise ein. Bei einem Sektgelage, das er veranstaltete, erhielt er unter dem Siegel der Verschwiegenheit Kenntnis, daß für den 22. März 1918 an der Somme ein großer Angriff in Richtung auf den Punkt geplant sei, wo die englische Armee sich an die französische anschloß. Roch am gleichen Abend fuhr Hausier von Lille nach Brüssel, um diese Tatsachen seinen französischen Mitarbeitern mitzuteilen. In einem Keller in der Rue du Midi in Brüssel war ein französischer Geheim- sender installiert, der sofort in Tätigkeit trat. Das sranzö- fische große Hauptquartier, das die Meldung erhielt, wollte aber nicht recht daran glauben. Und so konnte die deutsche Offensive sich gegen einen ungeriisteten Feind entwickeln. Hausser schildert im weiteren Verlauf seiner Erzählung, wie es gelang, ein französisches LebenSmittellager zu erobern. Die deutschen Soldaten, die ja ziemlich ausgehungert waren, ließen es sich bei Wein und Likören wohl sein, und so tonnte der Feind sich wieder erholen. Monatelang versorgte Hausser seine deutschen„Freunde" mit Lebensmitteln, die er selbst teuer mit Gold bezahlte, ihnen aber billig abließ. Dadurch galt er in ihren Augen als guter Kamerad. Run kam ihm die Idee, seinen„deutschen Kameraden" einmal ein reichhaltiges Mahl vorzusetzen, bei dem nicht nur der Wein in Strömen fließen, sondern das auch durch holde Weiblichkeit angenehm belebt werden sollte. Zwei junge Französinnen Henriette Robin und Anne Picrro, deren Väter von den deutschen Soldaten im Kriege getötet waren, stellten sich zu diesem Zwecke zur Verfügung. Und nun begann das Komödienspiel. Während die beiden jungen Mädchen auf Wunsch eines alten Hauptmanns die Marseillaise singen mußten, und man sich an den Herrlich- keilen, die die Tafel aufwies, gütlich tat, machte sich Hausser an seinen direkten Vorgesetzten den Major Schultz heran und bat ihn um Urlaub wegen Krankheit seiner Mutter. Schultz drückte sein Bedauern aus. diesen Urlaub nicht ge- währen zu können, da große Dinge bevorstünden. Und Haus- sei renommierte Schultz gegenüber in einer Form mit sei- nem Wissen um diese Dinge, daß dieser ihm ganz erschrocken die Hand aus den Mund legte, um ihm am Weitersprechen zu hindern. Indessen waren die beiden Französinnen in die Küche geeilt und dort nicht untätig. Tie machten die bort sitzenden Ordonannze» trunken, und es gelang ihnen nun leicht, auch dort Informationen zn erhalten, die den bevor- stehenden großen Angriff bestätigten nnd ihnen von der ungewohnten Lebhaftigkeit im großen deutschen Haupt- quartier Kenntnis gaben. Die zu diesem Festmahl eingeladenen Offiziere hielten eS natürlich für ihre Pflicht, sich zu revanchieren. Und Hausser wurde bald zu einem Bankett in Attigny eingeladen, wo der Stabschef im Schlosse wohnte. Tiefe Festlichkeit fand nicht im Schlosse selbst, sondern in einem nahegelegenen Schuppen statt. Hausser gab im Verlaufe des Abends an, sich nicht wohl zu fühlen. So gelang es ihm, die Gesellschaft zu verlassen. Kaum mar er draußen, als er mit Hilfe eines Seiles über die das Schloß umgebende Mauer in den Schloßhos ein- drang. Dort konnte er bald ungewöhnlich wichtige Schrift- stücke entdecken, in denen der Ausmarsch der deutschen Armee, die Stellung der Artillerie, die Stunde des Angriffs und die Punkte, die angegriffen werden sollte« usw., aufgezeich- net waren. Hausser machte in fliegender Hast von diesen wichtigen Dokumenten Abschriften und eilte dann zu seine» Gastgebern zurück. Diesen fiel das schlechte Aussehen Haus- sers aus, das wohl die Folge der großen Erregung und An- strengung war, derer sich der Spion bei seiner Arbeit aus- gesetzt hatte und sie rieten ihm freundschaftlich nach Hause zu gehen. Hausier tat das auch und kehrte in den Gutshof von Vaubourg, wo er damals lag, zurück. Am andern Mor- gen sehr zeitig zündete er sein Bett an, auf dem seine Sache« lagen, und hatte nun die gewünschte Gelegenheit Urlaub zu erhalten, um in Eharleville neue Kleidungsstücke zu kaufe«- Er eilte nach Brüssel und legte nun die Abschriften dieser wichtigen Ausmarschpläne in die Hände seiner Auftraggeber. Hausser schildert dann den deutschen Angriff im Juli 191**' der bekanntlich den für Deutschland ungünstigen Ausgang nahm. Er erzählt, wie er, als des Landesverrats verdääo tig, vor ein deutsches Kriegsgericht gestellt wurde, das ih« zum Tode verurteilte. Inzwischen aber wurde der Waffen- stillstand unterzeichnet, die deutschen Soldaten setzten ihre Vorgesetzten ab und schlössen sich den Spartakisten an. Auch Hausser steckte sich die rote Kokarde an und legte sie erst ab, als er im Dezember 1918 über die Rheinbrücke bei Kehl nach Frankreich ging. Hacktklub mit livrierten Dienern In der Nähe von Bornemouth hat man ein neues„Eden" entdeckt. Es ist dieS eine geheime Gesellschaft von Jünger« der Nacktkultur, die die höchsten Persönlichkeiten der Lo«- doner City zn ihren Mitgliedern zählt: Bankiers, Tirek- toren großer Handelshäuser, Börsenmänner usw. Im gan- zen ungefähr 120 Mitglieder, von denen 90 Männer und*0 Frauen find, mit ungefähr 20 Kindern- Das Adamskostüm ist natürlich obligatorisch. Da es sich jedoch um ein„Eden" für die Reichen handelt, ist der Tienerschaft der Zutritt nur in Livree gestattet. Lachen nicht verlernen Die ehernen Naturgeseste „Sind in diesem Ort auch große Männer geboren?" „Nein, immer nur kleine Kinder." * Lehrerin: Was ist das, was uns immer wieder fest zu- sammenhölt und uns besser macht, als wir von Natur sind? Schülerin: Das Korsett. s„Nebelspalter", Zürich s * Der Pilot: Kennen Sie die Redensart: Neapel sehen und dann sterben? Der Paffagier: Ja, gewiß. Der Pilot: Gut— wir befinden uns nämlich mitten übet Neapel und der Motor läuft nicht mehr. i„Karikaturen", OSlo.f * „Vati, was bedeutet Mutze?" „Mein Sohn, das sind die zwei Minuten, die«in Man« frei hat, während seine Frau darüber nachdenkt, waS er nun tun könnte." s„Jdeas", London.s * Er: Wie kommt e? denn, daß du vorhin dem Beamte« sagtest, du seiest 2v Jahre alt? Als wir uns vor einem Jahr verlobt haben, da hast du mir dein Alter mit 21 Jahre« angegeben. Tie: Ach, wie die Zeit dahinhuscht, wenn man glücklich l„Bärenspiegel", Berns * „Ich kenn« ein« Wurzel, wenn man die!n der Hand hält, vergehen einem die Zahnschmerzen." „Blödsinn! Du immer mit deinen„Quacksalbereien!" „Nein wirklich— die Zahnwurzel!" („Springbok", Südafrika.? * „Vater! Wie schmecken Euleneier?" „Weiß ich nicht. Junge. Die ißt mau doch nicht'" „Doch, Bater! Hier steht: Das ganze war Eulenspiegelei." l„Berlincr Jllustrirte", Berlin.! ist Unsere Töchter, die Oapnen Roman von HermyntaZurMllhlen. 45 Und wir brauchen Mut. Leben wir doch mitten unter Feinden, kann doch jeder Tag unser letzter, der letzte unserer Kinder sein. Gestern sprach man noch mit einem Menschen, heute ist er verschwunden, und wir haben alle aus dem Braunen Haus schreien und stöhnen gehört,- wir wissen, was dort vorgeht. Tie haben ihren Anhängern Brot und Arbeit versprochen, sie geben ihnen statt dessen die Freiheit, zu morden und zu rauben. Davon wird man aui die Daner nicht satt. Sie haben einen Feind, der auch in ihrem Lager umgeht: den Hunger. Den können sie nicht ins Konzentra- tionSlager verschleppen, den können sie nicht aus der Flucht erschießen, der wird leisten Selbstmord begehen. Unser aller Feind ist zu unserem Verbündeten geworden. Und wenn wir nicht satt werden, so wissen wir, daß auch viele andere hungern, auch bei den Nazis und daß dieser Hunger ihnen zuschreit: Deutschland erwache! ES wird ein iurchtbarrs Erwachen sein. Fast glaube ich, die an ber Spitze ahnen es schon. Fast glaube ich, daß viele der neuen Gesetze nur der Angst ent- springen. Bloß Menschen, die von heimlicher Angst gefoltert werden, können so handeln. Was anders bedeutet der Kampf gegen die zweite Revolution? Es gibt auch schon Nazis, die sich das fragen. Das sind die ehrlichen, die»er- blendeten Menschen, die, wie meine Toni, an den Führer geglaubt hatten. Sie kommen ins Konzentrationslager wie die Marxisten, wie die Juden. Wie mag ihnen dabei wohl zumute sein? Wir wissen, weshalb wir kämpfe» n»d leide» und sterben, aber diese Menschen? Und dann gibt es»och eins, das für sie furchtbar sein muß: Das Mißtrauen. Biel- leicht haben sie wirklich eingesehen, wie sehr sie betrogen worden sind, vielleicht möchten sie gutmache», vielleicht möchten, sie zu denen zurückkehren, zu denen sie gehören. Aber wer glaubt es ihnen? Sie werden für Spitzel ge- halten, für Provokateure. Wir können ihnen ja nicht ins Herz sehen. Sie haben niemand, zu dem sie gehören. Sie werden von allen gehaßt. Warum hat sich nnlän gst de? junge Naziflieger von seinem Flugzeug hinuntergestürzt? Warum hat sich ein einstiger Kollege meines Anton, der schon seit acht Jahren bei den Nazis ist, vor den Augen seiner Frau erschossen? Meine Toni behauptet, es gäbe in jeder Zeitung etwas Wahres: das seien die Berichtigungen. Wenn es heißt: die SA. bat in Frankfurt a. M nicht gemeutert, dann können wir gewiß sein, daß sie es getan hat. Und in der letzten Zeit wird sehr viel berichtigt. Aber freilich, solange es noch Posten zu vergeben gibt, so- lange Menschen, die Jahre hindurch arbeitslos waren, als Nazis Arbeit bekommen, solange wird sich die Macht der Regierung vielleicht noch halten. Aber schon heute sehen wir gelbe Blatts an den Bäumen, noch zwei Monate, dann ist der Herbst da und dann iolgt der Winter. Ich weiß nicht weshalb, aber ich habe den festen Glanben, daß der Winter uns retten wird. Doch nur, wenn wir arbeiten, wenn wir aufklären, wenn wir zusammenhalten. Es ist ja wahr, was die Gräfin Agnes iagt: Deutschland ist um Jahrhunderte zurückgefallen. Es lebt im Mittelalter. Wir müssen es herausreißen, wir müssen ihm die Wahrheit zeigen. Einerlei, um welchen Preis. Wenn ich io die langen Nächte hindurch aus Toni warte, so denke ich häufig an jene, die über die Grenze geflohen sind. Wie mögen sie warten und bangen, wie mögen sie jeden Tag nach den Nachrichten über Deutschland greisen. Heute bringen die Nachrichten eine Hoffnung, morgen wieder eine bittere Enttäuschung. Und sie müssen immer fürchten, daß ihre dort draußen gesprochenen und geschriebenen Worte eiue Gefahr für die Ihren daheim bedeuten können. Unsere Regierung nimmt ja jetzt Geiseln wie in einem Krieg. Tie haben ja auch Seppe! Schneiders Mutter in Schutz- halt genommen, weil sie nicht jagen wollte, wo ihr Sohn ist. Und vor sechs Tagen klopfte es nach Mitternacht an meine Tür, und als ich öffnete, stand der Seppel vor mir. „Ich habe nicht gewagt, heimzugehen. Aber ich muß end- lich wieder einmal schlafen," sagte er. Er koozte sich vor Mndigken fcwtm ans»«, Füßen h«ft-en. „Wie gehts der Mutter?" fragte er und fiel fast auf seine« Sessel. „Gut," log ich.„Ich werde ihr morgen erzähle», daß du da warst." Er hörte kaum meine Worte: er schlief bereits, aus btrfl harten Sessel fitzend. Ich empfand große Angst: wenn letzt jemand käme»«* ihn sähe. Er wird io schon seit Wochen gesucht. Dabei sab ich ihm an, daß er schlafen müsse, daß er. müde wie er war. nicht die Kraft hatte, im Notsall zu fliehen. Ich verlöscht das Licht, dann rückte ich meinen Sssel vor dje Kiichentür unb saß lauschend da. Bor Teppeld Rommen war die Nacht f® still gewesen, jetzt jedoch hörte ich die ganze Zeit über Gc räuiche. Es knackte und knarrte unten auf der Treppe- Türen wurden geöffnet und geschloffen. Schritte wurden laut- Ich hielt den Atem an. Kamen sie zu mir heraus, oder nicht? Und wenn jemand kam, was sollte ich tun? Die Tu* verschließen, das würde»erdächtig aussehen. Auf der Straß* schlug ein Hund an. Warum bellte er? Bestimmt käme« fremde Menschen. Ich schlich zum Fenster und sah drei dunkle Gestalten vor dem Haus stehen. Sie sprachen halblaut miteinander. Ich versuchte vergeblich, sie zu erkenne« Warum gingen sie nicht weiter? Ueberlegten sie. ob sie i" mir kommen wollen? Tollte wieder einmal eine Hau«- suchung vorgenommen werden? Ter kalte Schweiß trat mir auf die Stirn, und meine Knie begannen zn zitier»- Wenn doch Toni da wäre. Die wüßte sicher einen Rat. Jt» kniete vor dem Fensterbrett, um nicht gesehen zu werde« Seppel schnarchte laut, und mir war, als müsse man es auf die Straße hinaus hören. Das Fenster konnte ich schließen, das wäre vielleicht den dreien da unten aufgesalle«- Und plötzlich kam mir vor, als sei das Ganze ein böser Traum. Es kann doch nicht sein, daß ich hier um das Lebe« eines braven Menschen zittern muß, es kann doch nicht, sei"' daß plötzlich fremde Menschen in meine Wohnung stürze«- ihn ermorden. Es kann nicht sein— aber es ist ja schon geschehen. Wir sind vogelfrei, wir zählen nicht mehr. wE sind Untermenschen.,. Menschen sind nur jene, die raube" und worden. .... lFortsetzung Wird in Spanien üepnisdil? Cr fängt guf an Von unserem Berichterstatter I. VL. Madrid. 7. August. Die politische Situation Spaniens, seit der • Schließung des Parlaments ruhig, hat in den letzten Tagen wieder einmal eine gewisse Zuspitzung erfahren. Die Schuld daran trifft den Innenminister. Salazar Alonso, der der Presse erklärte, daß in den allernächsten Tagen Höchste Borsicht geboten sei, da man einen Putsch- - versuch erwarte. Bei diesen etwas dunklen Andeutungen ist es geblieben, und ihre Auswirkung, neben einem Versammlungs-Ver- bot, sind Gerüchte aller Art, die sich in der Rechtspresse in der Hetze gegen die Revolution der Sozialisten und in der Linkspresse im Warnungen vor monarchistisch- faschistischen Putschs Luft machen. Die linksbürgerliche Presse, vor allem„Heraldo" und„Liberal" glauben an eine monarchistische Verschwörung in den baskischen Provinzen Der Minister aber schweigt sich, nachdem er die Öffentlichkeit in Aufruhr gesetzt hat, aus. Largo Caballero äußerte sich folgendermaßen zu den geheimnis- vollen Mitteilungen Salazar Alonsos:„Die Regierung ist so schwach, daß sie mit der Lancierung solcher Gerüchte erstens einen Selbstschutzakt und zweitens eine Recht- fertigung für die Aufrechterhaltung des Alarmzustandes und der ständigen Sozialistenverfolgungen zu unter- nehmen versucht. Scheinbar bleibt ihr nichts anderes übrig, um sich im Sattel zu halten." Es besteht kein Zweifel darüber, daß die Sozia- listenimAugenblickankeinenbewasfneten Auf st and denken. Die Dinge entwickeln sich lang» sam, ohne jeden Anstoß von sozialistischer Seite von selbst dorthin, wo die Arbeiterschaft den Ausgangspunkt für eine Bewegung finden kann. Die Stellung der Regie- rung wird von Tag zu Tag schwächer. Sie weiß das, und hat darum vor einiger Zeit von sich aus das Thema »Herbstwahlen" zur Diskussion gestellt. Die ständigen Beschlagnahmen des„Socialtsta". anderer Arbeiterblätter und verschiedener Zeitungen der links- bürgerlichen Presse haben die Linke, vor allem die Arbeiterschaft, nicht etwa demoralisiert, sondern steigern ihre Abwehrhaltung. Der Landesausschuß der sozialistischen Gewerkschaften hat dieser Tage zur politischen Lage eingehend Stellung genommen. Es veröffentlicht folgende Resolution: Das Nationalkomitce legt ausdrücklich fest,, dak die politische und soziale Lage, die in Spanien seit Uebcr- nähme der Regierung durch Alexander Lerroux herrscht, 10 arg ist, daß nicht einmal während der schwersten Zeiten der Monarchie eine stärkere Trennung zwischen Regie- rung und Arbeiterschaft bestanden hat. Von dreihundertfünfzehn Tagen Lerroux-Regierungen hatten zweihundertzwelnndzwanztg einfachen und er- höhten Alarmznstand aufzuweisen. Von den drciund- neunzig verbleibenden normalen Tagen sollen siebzig auf die Mahlzeit. Vers a m mlungs- u» d..P e,x e in u n g s r e ch t e tjfe sind der.Willkür der Behörden.. unterworfen, die der Reaktion dienen. Die augenblickliche normale Politik besteht in: Anzeigen, Verboten und Beschlagnahme der Arbeiter- presse, Auferlegung von Geldstrafen, die zwischen-Mini) und 15 000 Pesetas schwanken. Schließung von Arbeiter- zentrcn, Jllegalerklärung von Streiks, auch wenn sie innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Fristen vor sich gingen, Verfolgung uyd Aufreizung von Landarbeitern, die nichts anderes getan haben, als Arbeit zu verlangen und ihr legitimes Strejkxccht auszuüben: Verbot der Ver- sammlungen der Arbeiter und Begünstigung solcher monar- chistisch-faschistischcn Charakters: Hcrausschraubung der Lebensmittel- und Rohstofspreise, Drückung der Löhne, insbesondere der Landarbeiterlöhne, Ausdehnung der Arbeitslosigkeit, Abschaffung der arbeitersreundlichcn Ge- setzesbestimmungen. Auslösung sozialistischer Bürger- meisterämter aus bereits vorrepublikanischcn Zeiten... Gegen ein solches Regime des iveißen Terrors helfe» keine platonischen P r o t c st e. Darum beschränkt sich das National-llomitec der Union General de los Trabasadores darauf, zu erklären, baß es dafür sorgen wird, daß die vom ihm vertretene organi- siertc Arbeiterklasse unter Aufgebot aller Kräfte dem Aus- nahmezustand, unter dem die Arbeiterschaft heute lebt, ein Ende setzen wird. Sie empfiehlt daher engstes Zu- sammenhalten im Hinblick auf eine konkrete und endgültige Aktion. Natürlich muß nach einer solchen Erklärung der Sturm der Rechtszeitungen und der Rechten mit vermehrter Heftigkeit gegen die Arbeiterschaft ein- setzen und weitere energische Unterdrückungsmaßnahmen von der Regierung fordern. Sollte die Regierung, die seit Februar in den Fußstapfen Dollsuß' marschiert, aus den letzten österreichischen Ereignissen nichts gelernt haben, so wird sie erkennen müssen, daß in Spanien Provo- Kation und Niederknüppelung der Arbeiterschaft auf weit größere Hindernisse stößt als in Oesterreich. Die spanischen Arbeiter sind trotz Hungers und Unterdrückung nicht zer- mürbt. Ihre Gleichgültigkeit richtet sich höchstens gegen das eigene Leben, das sie jederzeit kollektiv einzusetzen bereit sind. Während der letzten Tage haben wiederholt Ver- Handlungen zwischen Iungsozialisten und Jungkommunisten zur Einheitsfron tbil- dung stattgefunden. Doch beschränken sich die Kommunisten auf die Basis gemeinsamer antifasckistischer Aktionen für Gegenwart und Zukunft zu Verhütung?- zwecken, während die jungen Sozialisten sich mit den Kom- munisten zur gemeinsamen Eroberung der Staatsmacht zusammensckließen wollen. Der Konflikt besteht nun darin, daß die Kommunisten die üblichen Kompetenz st reitigkeiten zwischen den beiden Arbeiterparteien heraufbeschwören. Immer wieder vergessen sie, daß eine Einheitsfront nicht zum Bor- teil einzelner Machtfaktoren, sondern zum Besten der gesamten Arbeiterklasse gebildet werden muß. Die offizielle Kommunistische Vartei Spaniens hat in Einzelaktionen, wie beispielsweise beim Hilfswerk für die streikenden Metallarbeiter Madrids, im höchsten Maße lobenswert im Sinne der Gesamtheit gewirkt. Politisch hat sie bisher keine Erfolge aufzuweisen. Liegt dag nun an ihrem Führermanoel oder ibrer ziffernmäßigen Bedeutungs- losigkeit? Die Sozialisten und ihre Kewerksckaften be- siken daoeaen nickt nur die überwiegende Mehrheit in der Arbeiterschaft, sondern auch geschulte Fübrer und vor allem ihren„Lenin". Largo Caballero. Man kann sich nun natürlich darüber streiten, ob eine proletarische Revo- lution in Spanien ein Führer- oder ein Massenproblem sein wird. Bisher aber hat die Geschichte keine Revo- lution ohne Führer gezeigt, und auch kein Aufbau konnte ohne gut vorbereitete Kräfte vonstatten gehen. Die kommunistiscke Iuaend erstrebt die Einigung mit den Sozialisten. Sie weiß, daß gemeinsames Vorgehen einen Sieg erleichtert. Und man darf nicht vergessen, sie hat den ersten Stritt zur Einheitsfront qetgn»■ Möaen Meinungsverschiedenheiten ,vird man sie beilegen können mit gutem Millen von beiden Seiten.. Die spanischen Kommunisten vergessen über dem Kleinkram das qroße Ziel. üb°r dem nationalen Dreck das internationale Geschehen. Man wäre kurzsichtig und dumm, wenn man leugnen wollte, daß die Entwicklung über den sozialdemokratischen Demokratiestaat hinweg- schreitet und auf die auf kommunistischer Grundlage auf- gebaute Diktatur des Weltproletariats zusteuert. Das haben die spanischen Sozialisten wohl erkannt und bekräftigen es durch ibre Haltung. Sollten die Kommu- nisten das nicht wissen?! Kompetenzstreitigkeiten haben unter den augenblicklichen Umständen in Spanien keine Berechtigung mehr: und sollten die Verhandlungen zwischen den beiden Iugendgruppen der Arbeiterparteien scheitern, so ist es sehr put möglich, daß der Gang der Dinge die Meinungsverschiedenheiten überrennen wird, und die gemeinsame Aktion aus sich selbst heraus, ohne Verhandlungen, gebiert. ein»rief ..wir sind gebunden, wir dürfen nldif reden" 27. 7, 1934. Liebe Familie...t Nach meinen Erkundigungen ist mein Brief aus W. glück- lich in Eure Hände gelangt. Ich freue mich darüber um so mehr, als ich sehr oft in Gedanken bei Euch bin und nun auch erfahren konnte, wie es Euch geht. Ich und alle Freunde wünschen und hoffen, baß Ihr recht bald wieder hier im eigentlichen Heim wohnen könnt. Gerade in den letzten Tagen habe ich mich wieder damit beschäftigt, zu lesen, auf welche Leistungen in der Heimat Ihr stolz sein könnt und mußte es als bitteren Hohn empfinden, daß Menschen, die soviel kür ihre Heimat geleistet haben, heute in der Ver- bannung leben müssen. Wie nötig wären uns heute solche Männer, denn nicht einen einzigen haben wir unter der jetzt herrschenden Bande aufzuweisen, der fähig wäre oder den Mut hätte zu solchen Leistungen. Gerade jetzt mußten wie- der drei Größen der neuen Herrschaft abgeschüttelt werden, weil ihre Taten immer gemeiner wurden. Sie taten aller- bings nur im Kleinen, was Röhm und Konsorten im Großen taten. Allen ist der Größenwahn in den Kopf ge- stiegen. Es ist empörend, was wir täglich erleben müssen. Schlimmer haben eS die Separatisten bestimmt nicht ge- trieben. Wir sind alle gespannt, wie das einmal endet. Heute sägt bereits einer den anderen ab und einige wich- lige Stellen sind hier dauernd verwaist. Ich glaube, es findet sich heute kein Mann von Ehre und Gewissen, der die Verantwortung übernehmen kann. Die Kassen sind leer und alle? ist durch die Mißwirtschaft erschüttert. Auch unsere Gewerkschaft ist in Wirklichkeit völlig zer- schlagen, wohl das Einzige, in dem die jetzigen Lügner die Wahrheit sagen. Wird jemand krank, muß erst ein Gesuch üach Berlin gemacht werden, wo dann untersucht wird, ob kie Familie auch unterstübungSbedürstig ist Wenn nicht lnnch Ansicht dieser Herren!. bekommt man nichts und muß weiter zahlen. Also Pflichten ohne Reckte. Kürzlich starb S. P. Während seiner Krankheit lief daS Gesuch auf Kranlenaell». Dir Entscheidung wurde monatelang ver- schleppt. Jetzt kam der Bescheid, die Unterstützung sei im Hinblick aus die ärmlichen Verhältnisse gewährt. Da aber unterdessen der Tod eingetreten war, wurde die Auszah- lung an die Angehörigen abgelehnt mit der Begründung, der Tote brauche ja nichts mehr. So können also die „Bonzen" das Geld behalten, weil sie leben und wie! Tic Witwe erhielt in diesem Fall an Sterbegeld anstatt der zu- stehenden»«.1 Mk. nur 03 Mk. mit der Begründung, es sei nicht mehr da. So ist es überall und Ausnahmen wurden bisher nur gemacht bei SA.- und SS.-Lcuten, die eine Uni- form tragen und sich angeblich um das Vaterland verdient gemacht haben sollen. Ich möchte gerne meinen Brüdern und Schwestern an der Saar zurufen, bedenkt, was Ihr tut bei der Abstimmung. Wählt Euch nicht Euren Henker selbst. Wir sind gebunden, wir dürfen nichts reden. Die Ohren möchten sie uns auch noch zukleben Wir find Sklaven geworden in unserem schönen, herrlichen Teutschland. Seid deutsch und bleibt deutsch, etwas anders könnt Ihr ja gar nicht fein. Laßt Euch aber nicht zu Menschen machen, die heucheln müssen, denen man das beste nimmt, die Freiheit, den Glauben an alles ivas gut ist im Menschen, den Glauben an Gott und Ge- rechiigkeit. Seht herüber zu uns, wie wir gedrückt und ge- peinigt in der Welt herumlaufen. Es ist dies kein Leben mehr, man verliert die Achtung vor sich selbst, weil man so feige ist und nicht sagt, Ihr Lügner, Ihr Heuchler, Ihr Mörder, wir ivollen nicht mehr. Ich hätte nie in meinem Leben gedacht, daß ein Volk so feige sein kann, läßt sich alles nehmen und ruft noch Hell und Hurra mit der Faust in der Tasche. Ihr werbet Euch wundern, von mir einen solchen Brief zu bekommen, aber ich konnte nicht anders, ich>vvllte einmal sagen wie ich über die jetzigen Zustände denke. Alle Leute hoffen, daß es bald wieder anders wirb, aber niemand weiß wie. Damit will ich schließen und Euch alle recht herzlich grüben. Eure alte Bekannte. * Wir unterbreiten den Brief von einer einfachen, politisch nie tätig gewesenen Frau als Stimmungsbild. Etwas ge- ändert sind nur die Stellen, aus denen die Herkunft&e- schlössen, werben könnt» Die erste V er o r d n u n g, die Dr. Schacht in seine? neue» Eigenschaft als Reichsivirtschaftsminister unter» zeichnet hat, ist bezeichnend für die Richtung der weiteren Wirtschaftspolitik, die in Deutschland unter seiner Diktatur eingeschlagen wird. Es ist die Verordnung über den Bei- mischungszwang für Uunstwoiöe und Hunstsplnnstosse für alle öffentlichen Beschaffungen, in denen Wolle verwendet wird. Zunächst wird in der Verordnung angeordnet, daß samt- licheöffentlichen Beschassungsstellen ihren Bedarf an pajer» stott- und Lcdcrivarcn vor der Auftragserteilung bei der R e i ch s a u s g l e i ch s st e l l e für öffentliche Aufträge t m R e i ch s m i r t s ch a f t s ui i n i st e r, u m zur Zustimmung anzuzeigen hätte n. Ferner be- stimmt die Verordnung, daß, wenn eine ivlche Zustimmung gegeben wird, bei sämtlichen Beschaffungen, in denen Wolle verwendet wird. Kunstwolle oder ein anderer Knnstspinnstosf beigemischt werden muß. Darüber hinaus wirb angeordnet, daß auch die Gemeinden und die parteiamtlichen Organisationen bei alle» Ve- schasfungen ihren Bedarf ebenfalls bei der RetchsausgleichS- stelle anmelde», und lm Falle der Zustimmung nur gemischte ' ew:bc bestellen dürfen. Tue glorreiche Arbeitsbeschaffung?- und ArbeitSschlacht- politik sin die Dr. Schacht, ebenso ivie sein Gönner Adolf Hitler die volle Verantwortung trägt, wirkt sich nunmehr in immer stärkerem Maße aus. Die Situation ist nunmehr so bedenklich geworden, der Mangel an guter Rohwolle ist infolge der Devisenrepartierung so gering geworden, daß nun: rbr wie in- den Kricgozciten und wie in de» erste» Nachkriegsjahren Kunstwolle und andere Knnstspinnstosse wieder Trumps geworden sind. Die deutsche Presse, ja so- gar die Fachpresse, sucht die Dinge so darzulegen, als ob es ein genialer Schachzug sei, wenn nunmehr auch die im In- la-.d anfallende Kunstwolle für öffentliche Beschaffungen ver- wendet wird. Bisher waren stets sehr strenge Vorschriften bei ösfent- lichen Beschallungen über die Qualität der zu liefernde» Stoff'! vorhanden. Insbesondere auf die Tragfähigkeit der UuFormirche haben die aintlichcn Stellen stets die größte Auim'ttfamkeil gerichtet. Die Unisormtuche waren deshalb stets aus gute» Wollqualitäten angefertigt. Nun ist es mit diesen„Vorurteilen" aus dem„liberalistisch- marxistischen Zeitalter" zu Ende, und der„Ausstieg der deutschen Wirtschast" besteht u. a. darin, daß die Reichs, wehr, die Schupo, die Feuerwehr, die städtischen Beamten nsw. von jetzt ab Bekleidung aus minderwertige» Stoffen tragen werden. Dr. Schacht fängt also gut an: die Minderwertigkeit, das ist die neue Varote, und zwar nidif nur auf wirtschaftlichem Gebiete. Casersioiiorflnang Auf dem Buckel der Arbeiter Die sogenannte„Faserstofsverordnung", die eine dreißig- prozentige Produttioilseinschränkililg für die gesamte deutsye Textil-Inbustrie vorgesehen hat und die bereits feit dem 23. Juli angeivaildt wird, hat in Deutschland viel Staub aufgewirbelt. Während immerhin die Textil Fndustriellen in der jetzt abgelaufenen Periode der Scheintonjunktur, ins- besondere bei zahlreichen Bestellungen für Uniform- und Fabnetztuche, größere Verdienste auf,',»weise» hatten, hat sich die Lage drs Textilarbeiters i» dieser ganzen Zeit nicht gebessert, sondern ivejentlich verschlechtert. Nun wird ihm jetzt durch die Arbeitszeitverkürzung sein karger Lohn»och weiter vermindert. Das»luß selbst Dr. Leu zugeben und im„Informationsdienst der Deutschen Arbeitsfront" heißt es: „Die„Faserstofsverordnung" bedeutet für eine» großen Teil der Textilarbeiter eine» erheblichen Verdienstaussall, der umso meyr ins Gewicht fällt, als die Verdienste in der Textilindustrie nicht übermäßig hoch genannt werden tön« ne». Das Opfer, das die Textiiarbeiterschast damit den Ar- beitskamcradcn und der Allgemeinheit bringe, ist ein sich», barer Ausdruck nationalsozialistischer Gemeiuschastsverpsltch- tung im besten Sinne des Wortes" Dr. Ley und die Seinen wären natürlich keine National- sozialislen, wenn sie diesen neuen R a u b z u g gegen die deutsche Arbeiterschaft, zu dem der„Führer" seinen Segen gegeben hat, nicht mit hochtrabenden nicht-..- sagenden Worten beschönigen wollten. Aber dieses Erpert» mcnt wird sicherlich der übergroße» Mehrheit der deutschen Textiiarbeiterschast, die über eine Million dreihundert- tausend Menschen umfaßt, besser, als manche illegalen Flug- blätter über den wahren Eharakter des Hitler-Sozialismus aufklären. Sie'iverdcn jetzt an ihrem eigenen Leibe spüren, für wen eigentlich Hitler arbeitet. Und kein noch so großer Rummel mit der„Kraft durch Freude" wird ihre Todfeindschaft gegen das heutige Regime mildern können. Wie immer Komödie vor dem Ausland London, 9. Aug. Vor mehreren Monaten enthüllte» mir die Tatsache, daß im Londoner Naziklnb eine Liste von 33 Deutschen aushing, denen die Staatsbürgerschaft aberkannt worden war. Darunter befand sich der folgende Text: „Trefft Ihr einen von diesen, so schlagt ihn tot. Ist co aber ein Jude, so zerbrecht ihm jeden Knochen einzeln." Nach Abschluß der Untersuck-ung durch die englischen Be- Hörden wurde einer der Hailptveranlivortlichen für diese Mordhetze aus England ausgewiesen. Dieser Mann gt.lg nach Deutschland. Zur Beruhigung der öffentliche» Aus. landsmcinung verurteilte ihn Hitler zu sechs Monaten Knn zentrationslager. Nun teilt der„Dailn Herald" mit. V,ß , Prozeß" und„Verurteilung" nur eine Komödie i.ewisen sind: der Mordhetzer laust frei herum, ist in vollem Be-n seiner Narlwürde und ist keinen einzigen Tag eingesperrt gewesen. ver„Slörmer" Der wahre Grund des Verbots Berlin, 9. Aug. Wie wir bereits meroeten, ivuroe der „Stürmer" auf die Dauer von 14 Tagen verboten, weil er — so heißt es in der Begründung— den Ehcf einer aus- wärttgen Macht beleidigt hatte. Aus unterrichteten Kreisen erfahren wir, baß die Beleidigung Roosevclts nur als Borwand für das Verbot gedient hat. In Wirklichkeit mar die Hitlerregieruna mit dem.Stürmer" nur deshalb unzufrieden, weil ein Bericht veröffentlicht ivordev war, in dem die Opposition an den deutschen Universitäten be- sprachen und erklärt worden war, daß mindestens Kit Pxo- zent aller Studenten mit dem Naziregime nicht ein- versande« seien.-- Das begeisterte Volk Neue Verhaftungen und Gefängnisstrafen Zwar wird bei jeder Gelegenheit von nationalsoziali- stischer Seite behauptet, das, das deutsche Volk in seiner Gesamtheit hinter dem Führer steht, aber das hindert die Be- Hörden des„dritten Reiches" nicht, täglich Verhaftungen und Verurteilungen von Angehörigen dieses angeblich vom„drit- tcn Reich" so„begeisterten" Volkes vorzunehmen. So wird beispielsweise bekanntgegeben, dag in diesen Tagen der Direktor der Firma Jung AG. in Heidel- berg, Freiherr von Kam penhausen, auf Ver- anlassung der badischcn Geheimen Staatspolizei verhaftet worden ist,„weil er den Reichskanzler vor seinen Ange- stellten beschimpfte und verdächtigte". Zu gleicher Zeit wird aus Hamburg gemeldet, dag das hanseatische Sondcrgericht 12 Personen wegen Verbreitung von„das StaatSwohl und die Reichsrcgierung schwer schädigende Gerüchte über den Herrn Reichsstatt- Halter" zu schweren Gefängnis st rasen ver- urteilt hat. Acht Personen haben je anderthalb Jahre Ge- sängnis bekommen, drei je ein Jahr Gefängnis und einer der Angeklagten erhielt drei Monate Gefängnis. Es handelt sich um Gerüchte, die in Hamburg nach dem 30. Juni ver- breitet wurden, wonach der dortige Statthalter Kauf- m a n n zu den Opfern der hitlerschcn Bartholomäusnacht gehöre. Diese Gerüchte fanden ihre Nahrung vor allem in der Tatsache, daß der Reichsstatthalter Kaufmann, der in einer Versammlung am Sonntag, dem 1. Juli, sprechen sollte, zu dieser Versammlung nicht erschienen war. Im übrigen wird es bei diesen schweren Strafen nicht verbleiben. Die recht zweifelhafte Ehre des Reichsstatthalters Kauf- mann, der bekanntlich seinerzeit wegen unberechtigten Tra- gcns des Eisernen Kreuzes aus seiner eigenen Partei>m rheinisch-westsälischen Industriegebiet ausgestoßen wurde, soll nach Ansicht der Behörden weiter„geschützt" werden. Deshalb schweben, wie ebenfalls aus Hamburg gemeldet wird, gegen eine weitere größere Anzahl von Personen noch Er- mittlungen,„nach deren Abschluß auch diese dem Gericht zur Aburteilung zugeführt werden" Verlorene MrMenproresse Berlin, 8. Aug.(Tel. der„United Preß".) Tie Reichs- klrchcnregierung hat in den letzten Wochen eine Reihe von Prozessen verloren, die von zwangsweise pensionierten Geistlichen gegen sie angestrengt worden waren. In dem Rechtsstreit, den Pastor Dr. Buchholz in Berlin-Tempelhof gegen seine Gemeinde anstrengte— der Pastor verlangte die Zahlung des vollen Gehalts und die Ucberlassung seiner Dienstwohnung—, hat das Berliner LandcSgericht die Reichskirche zur Zahlung des vollen Gehalts ver- urteilt. Begründet wurde das Urteil damit, daß die zwangs- weise Pensionierung des Pastor? Buchholz rechtsungültig gewesen sei. Achnliche Urteile wurden von anderen Ge- richten zugunsten von Mitgliedern der Bekenntniskirche gegen die Reichskirche gefällt, so z. B. i» Bochum und in Witten. In einem Urteil ivird dem vom deutsch-christlichen Bischof in Münster zwangsweise eingesetzten Presbyterium in Witten verboten, die Zahlung von Kirchcngeldern ent- gegenzunehmen mit der Begründung, daß das bekenntniS- treue Presbyterium zu Unrecht aufgelöst worden sei. Pariser Bilder Morgenständchen im Polizeipräsidium— Die Hochzeit im Gefängnis— Reklame mit Musik P a r i s, 8. August. Manchmal geschehen in Paris Dinge, die einen hoffnungslos verlieht machen können in diese Stadt und in die Menschen. Oft sind das nur kleine Dinge am Rande, winzige organge, die aher doch so leuchtend und echt pariserisch sind, daß sie unbedingt verdienen, notiert zu werden. So etwas war wieder einmal das Morgenständchen, das neulich im großen Hof der Polizeipräfektur stattgefunden hat. Was war geschehen? Eine Hilfsorganisation der Künstler, die an notleidende Kollegen Unterstützung verteilt, hatte Herrn Langeron, den Polizeipräfekten von Paris, um die Erlaubnis gebeten, auf den öffentlichen Plätzen der Stadt musizieren und sammeln zu dürfen, um auf diese Weise die bedürftigen Kassen wieder auffüllen zu können. Herr Langeron gah bereitwilligst sein Einverständnis, wünschte den Künstlern guten Erfolg, und so konnte man sie also mehrere Tage hintereinander an den belebtesten Straßenerken von Paris spielen und singen hören, überall entstand schnell ein größerer Zuhörerkreis um dieses Straßenorchester, und es wandert» so manches größere oder kleinere Geldstück in die Sammelbüchse. Aber diese Musikanten sind nicht nur Künstler der Hilfsbereitschaft, sie sind auch Künstler der Höflichkeit, und eine schöne Geste ist gerade in Paris stets sehr beliebt gewesen. Und so zogen sie denn eines Morgens In den Hof der Polizeipräfektur, um Herrn Langeron mit einem Ständchen zu danken. Das war, wahrhaftig, ein reizender Anblick. Die Polizisten machten muntere Gesichter, an den Fenstern erschienen alle Stenotypistinnen des großen Polizeipalastes, in dem Riesenhof drängten sich die Leute, die gerade auf der Polizei zu tun hatten, es war ein Volksfest am hellen Morgen, und die Musikanten spielten, man merkte es, mit besonderer Liebe. Und mitten unter ihnen, in der großen Menge, stand Herr Langeron hocherfreut über diese Ehrung, Frau Langeron stand an seiner Seite, lächelnd und gerührt hörte das Prä- fektenehepaar zu und dann, ja dann, geschah etwas, was dem ohnehin sehr beliebten Polizeipräfekten wohl für alle Zeit die Sympathie des Pariser Volkes verschafft haben dürfte. Plötzlich nahm er ein Notenblatt und als der Refrain eines Liedes gesungen wurde, sang er kräftig mit und jetzt erst stieg der Jubel zu riesigen Dimensionen. Die Polizisten waren stolz auf ihren singenden Chef, die Künstler gerührt über ihren Gönner— Herr Langeron aber sang weiter mit im Takte der Musik. Das spielte sich an einem Vormittag im Hofe der Pariser Polizeipräfektur ab und man müßte schon sehr stupid sein, um sich darüber nicht herzlich mitfreuen zu können. Das ist Paris und das ist der reizende Mann, der seine Polizei dirigiert. Man wünscht sich in vielen Städten einen solchen Polizeipräfekten! * Eine Hochzeit im Gefängnis— es kommt nicht alle Tage vor, daß ein so freudiger Anlaß sich vor so dunklem Hintergrund begibt, jetzt ist in der Nähe von Paris eine derart seltsame Hochzeit wieder einmal Ereignis geworden. Die junge Solange Marche, die vor einiger Zeit ihren eifersüchtigen Stiefvater durch mehrere Revolverkugeln verletzte, sitzt im Gefängnis von Fresnes und wartet auf ihre Aburteilung, die wahrscheinlich erst im Oktober erfolgen wird. Und jetzt ist der junge Bursche, uin dessen!willen sie die verhängnisvollen Schüsse abgab, ihr Mann geworden. Danse macabre... Für eine Stunde öffnete sich der jungen Solange Marche das Gefängnistor. sie trat heraus im lichten Brautkleid und draußen wartete in einem Taxi der achtzehnjährige BräutiIn all diesen Urteilen wurde die Verfügung des Reichs- bischvts am 4. Februar als rechtsungültig erklärt. Es ist klar, daß derartige Urteile den Mut und die Kampsesfreude der Mitglieder der Bekcnntniskirche neu stärken. e- Andererseits sind auch die Müller-Offiziösen sehr opti- niistisch gestimmt. Die Nationalsynode der deutschen evan- gelischen Kirche tritt am Donnerstag im Preußenhans zu- iammen.. Wie der Rcchtswalter, Ministerialdirektor Jäger, in einer Prcssebesprechung ausführte,„werden die Be- schlüge und Auswirkungen dieser Tagung von entscheidender Bedeutung für die Befriedung der Kirche sein". Neue Maßreglung Berlin. 8. Ag.(Tel. der„United Preß".) Nach einer ofsi- ziehen Mitteilung des provinziellen Kirchenrates im Rhein- land ist Pfarrer v. Dettingen in Gummersbach seines Aussichtsamtes als Superintendent enthoben worden, weil er dem stellvertretenden Landesführer der rheinlän- dischen Kirchenprovinz in einem beleidigenden Schreiben den Gehorsam verweigerte. Die Amtsenthebung v. Oet- ttngcns als Pfarrer crsolgte nicht. gam. der sie aufs Standesamt nach Suresnes, einem Vorort von Paris, führte. Da trat sie also in jenen Saal der Bürgermeisterei, in dem die Ehen geschlossen werden, zwei junge Mädchen streuten ihr Blumen und es folgte der Zug der Freunde und Verwandten. Der Bürgermeister sprach die Worte des Gesetzes: ,.Die Frau ist verpflichtet, mit ihrem Gatten zu wohnen und ihm überall zu folgen..." und dann fragte er, ob sie bereit sei, Fernand-Jean-Louis Bons zum Gatten zu nehmen.„Ja," antwortete die junge Braut, es folgten Umarmungen und dann trat das Brautpaar Arm in Arm wieder ins Freie, wo noch das Taxi wartete, das Taxi, das sie dem jungen Ehemann und der Freiheit wieder entführen sollte. Beide fuhren dann zurück nach Fresnes. zwei Beamte begleiteten sie und vor dem Gefängnistor nahm Solange Marche Abschied von dem Mann ihrer Wahl, der allein zurückfuhr, um mit den Freunden und Verwandten das Hochzeitsraahl zu nehmen. Wip würde man diese Szene finden, wenn man sie auf der Bühne sähe, schaurig oder erschütternd, echt oder verlogen? Aber es war eine Szene der Wirklichkeit. * Und abends sitzt man dann wieder am Radio, Musik klingt daraus, man dreht den Verstärker an— was hört man plötzlich, während die Musik leiser wird von der Pariser Station? „Sie wollen gut schlafen? Dann müssen sie sich eine X- Matratze kaufen!" Die Musik wird lauter, um gleich wieder leiser zu werden:„Guter Kaffee am Morgen bricht alle Sorgen! Darum trinken Sie nur den guten Y-Kaffee!" So geht das weiter, eine ganze Weile, die neuesten Automodelle mit Musikbegleitung, der feinste Anzug mit Musikbegleitung, ja, wenn das den Käufer nicht reizen soll? Reklame mit Musik, das ist jedenfalls eine Einführung des Pariser Senders, die bald Schule machen dürfte. Der Grubenhonfliht bei Delhuite 128 Polen entlassen Wir berichteten bereits über die unglaubliche Tatsache, daß streikende polnische Grubenarbeiter ihre französischen im Grubenschacht PEscarpelle bei Bethune ohne Lebensmittel, ohne Wasser und ohne Licht eingeschlossen hätten, um durch diesen Gewaltakt die Zurücknahme der Ausweisungen zweier polnischer Gruben arbeit er zu erzwingen. 36Stunden waren die Franzosen in der Grube eingeschlossen, bis endlich langes Parlamentieren mit den Aufständischen diese von ihrer Wahnsinnstat überzeugte. Die Polen setzten die Fördermaschine wieder in Gang, die ausgesandten Parlamentäre sorgten, daß zuerst die französischen Gefangenen in die Höhe befördert wurden, die von der am Förderturm sich stauenden Menge mit großem Jubel begrüßt wurden. Dann kamen die Polen, ihr Empfang war etwas weniger freundlich. Und das gerichtliche Nachspiel dieser Angelegenheit dürfte noch die ernstesten Folgen haben. * In Bethune ist die Ruhe wieder hergestellt. Es ist erwiesen, daß die Schriften nicht in polnischer, sondern in ukrainischer Sprache verfaßt waren. 128 polnische Arbeiter wurden entlassen. Unter ihnen herrscht große Aufregung. Gedächtnisfeier In der deutschen evangelischen Kirche in der Rue Blanche in Paris fand am Dienstag ein Gedächtnisgottesdienst für den Reichspräsidenten von Hindenburg statt. Der Präsident der französischen Republik hatte sich durch den Conteradmiral Le Bigot vertreten lassen. Die Chefs der französischen Ministerien hatten gleichfalls Vertreter entsandt. Außer dem Gesamtpersonal der deutschen Botschaft in Paris sah man verschiedene diplomatische Wardenträger, Leu und Sdiiradi Ueberall Warnungen und Drohungen Karlsruhe» 9. Aug. Die Fülle von Gerüchten, die t» Hitlerdeutschland kursieren, sind ein Symptom der Herrichen- den Unruhe und Unzufriedenheit. In allen Gebieten wer- den immer wieder Öffentliche Warnungen und Drohungen erlassen. Das Karlsruher Parteiblatt, der„Führer", teilt heute mit:„Durdi das badische Geheime Staatspolizeiamt ivurde der Färber Adolf Kämpf, Lörrach, in Schutzhast genommen, weil er das den Tatsachen nicht entsprechende Gerücht mitverbreitet hat, daß der Führer der Deutschen Arbeitsfront» Dr. L e y, seines Postens durch den Reichs- kanzler wegen Unstimmigkeiten enthoben worden sei. Gegen weitere Verbreiter dieses„unsinnigen Gerüchtes" wird zur Zeit gefahndet, um sie ihrer Bestrafung entgegenzuführen. In letzter Zeit mußte festgestellt werden, daß derartige Ge- rüchte, besonders über angebliche Unterschlagungen Dr. LenS und des Reichsjugendführers Baldur von Schi räch, von Gegnern der NSDAP, systematisch und bewußt verbreitet werden, um damit das Vertrauen der Bevölkerung zur Staatsregierung zu untergraben. Wer mit solcher Leichtfertigkeit derart niederträchtige und verlogene Gerüchte weiterverbreitet, setzt sich s ch ä r f st e r B e- st r a f u n g aus." SA. verfemt München, 9. Aug. Im„Oettinger Anzeiger" wird folgende Bekanntmachung veröffentlicht:„Sollte die B o yk o tNe- r u n g derjenigen Geschäftsleute, deren Söhne der SA. angehören, nicht innerhalb 24 Stunden seitens gewisser Kreise eingestellt werden, sehe ich mich veranlaßt, die städti- schen Lieserungen nur mehr den durch den Bonkott Ge- schädigten zukommen zu lassen. Stadlrat Altötting^ 1. Bürgermeister und Ortsgruppenleiter: E. W. Fandrey." Pogrome in Algerien 11 Tote dnb. Paris, 9. Aug. Nicht nur in Eonstantine, sondern auch in anderen Orten von Algerien ist es zu judenfeind- lichen Ausschreitungen gekommen. In Ain-Beda büßten da- bei, wie der aMatin" berichtet, elf jüdische Bewohner(sechs Frauen und fünf Männer) das Leben ein. Sämtliche Leichen weisen wie in Eonstantine Halsschnitte aus. Gerüchtweise verlautet, daß Truppen nach einer Stelle in Jnneralgerie» abgegangen sind, wo man Unruhen zu befürchten scheint. BBIEFAKSTEM Kölner in Holland. Sic schicken uns eine Nummer de»„Stadt- anzeigers", der Lrtszeitung der„Kölnischen Zeitung", mit der Fotografie einer Sitzung der Kölner Raisherren und schreiben dazu:«Ich schicke Ihnen die Porträts der 30 Kölner Ratsherren, die der Oberbürgermeister Dr. Riesen zu seinen^ Beratern jansteue der früheren Stadtverordneten) ernannt hat. Tie sehen«ic vier alle in festlichen braunen Uniformen. Aber der hintergründige Humor, der über dem Bildchen lagert, entzieht sich Ihnen, we> Sie die Männer nicht kennen. Da ist Herr Richter, bis zum März 1938 Borsitzender der früheren Zentrumssraktion, Geschäftsführer der christkatholischen Konsumgenogenschaft„Eintracht", der im Intern,e seines Betriebs munter mit den braunen Mölken heult. Dann wird Herr Baron von Schröder sichtbar, in dessen Billa im Januar 1033 der Pakt zwischen Hitler und Papen besiegelt wurde Aber der Glanzpunkt ist der Herr Bäckermeister Merzenich, de, während des Krieges, als die Not am größten war, mit Sägemeh backte. Er erhielt damals dafür eine Gesängnisstrase. Ein Arbeite» ist unter den 30, was wohl niemanden wundert, nicht. Dem„Stadt- anzeiger" ist übrigens im Zusammenhang damit ein viel belachtes Malheur passiert. Er brachte nach der ersten Sitzung der Rais- Herren am nächsten Tag eine Auszählung ihrer„Beschlüsse". Nnte> dem Druck des Oberbürgermeister« mußte er sich am nächsten Tat feierlich berichtigen: es seien selbstverständlich keine Beschlüsse gewesen, sondern man habe nur den Herrn Oberbürgermeister be seinen Beschlüssen beraten, gemäß dem»Führerprinzip mit ent- sprechendem Strammstehen. Daher der Name Ratsherren." Hannover. Sie schreiben uns:„Da im Gebiet v°tt£>lle die Bauern besonders unzufrieden sind, wurden zwei Wortsuhre dieser Unzufriedenen verhaftet. Zwei junge Leute, die fl f 8 en ihren Willen zur Arbeit alS Landhelser im Gebiet von Elmshorn lSchleswig-Holstein» gezwungen worden waren und bei ihre» Arbeit schikaniert und mißhandelt wurden ies ist bekannt, daß dt. Bauern vielfach ihre Verärgerung Uber das Regime und die neu auferlegten Lasten an den Landhelsern auslassen», erhängten flai aus Verzweiflung in der Scheune des Bauern."— Wir haben ein« ganze Reihe solcher Mitteilungen erhalten. Die Mißstimmung der Bauern ist bereits so groß, daß man bereits wieder an die Ent- s-ltung der„schwarzen Fahne" denkt. Bitte, schicken Sie uns weiter kurze Informationen. H S, Brüssel. Sie schreiben uns:„In Washington starb vor einigen Tagen Herr Paul Man. der belgische Botschafter. De- Verstorbene hatte eine lange und erfolgreiche diplomatische Kar- riere hinter sich. Er hat zahlreiche Gesandienposten bekleidet. Ter Glanzpunkt seiner Karriere war vor zwei Jahren die Ernennung zum Botschafter in Washington, wo er an Stelle des Fürsten Albert de Ligne trat. Ter Verstorbene galt als einer der besten belgischen Diplomaten. Er war Inhaber der allerhöchsten Ehrungen Sein Ableben hat allgemeines Bedauern hevorgerufen. D>« amerikanische Regierung bat als besondere Ehrung ein Kriegs- schiff zur Verfügung gestellt, um die Leiche nach Belgien zn bringen. Der Verstorbene ist Bruder des Herrn Joseph Man, Prä- sident des Verbandes der jüdischen Äultusgemeinden Belgiens. Also zirka hundertprozentiger Jude. Belgiens langjähriger Außen- minister Paul HnmanS und international bekannte Persönlichkeit ist auch Jude. Jude war auch Belgiens größter Heerführer im Weltkrieg, Generalleutnant Bernheim, dem ein nationales Be- gräbnis zuteil geworden ist, als er vor einigen Jahren starb. Ter belgische Verteidigungsminister Deveze, ist Halbiude. Sein« Mutter ist Jüdin. Merkwürdigerweise suhlen sich die Belgier aber gar nicht„unter jüdischer Herrschast". Herr Goebbels ist jetzt so freundlich, die belgische Bevölkerung aufzuklären. Plötzlich sind da einige Blättchen erschienen, die ffin säuberlich die Aufsätze des „Stürmers" usw. übersetzen und dafür mit Annoncen großer deutscher Unternehmen belohnt werden. Herr Goebbels wird aber nicht viel Vergnügen von seinem Gelde haben. Denn die Bläitchen sind so dumm und so minderwertig, daß sie selbst für einen ver- stockten Antisemiten jedes Interesse« entbehren."— Dank für Ihre Mitteilung. Wir stimmen Ihnen aber nicht ganz zu. Sehen Sie sich die ersten Jahrgänge des„Völkischen Beobachters" und der andern Naziblätler an: wir zweifeln nicht daran, daß die belgischen Blättchen dagegen nicht ankommen. Für den Gesamitnholt verantwortlich: Johann P i tz ln Dud- weiter: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme®mbH„ Saarbrücken S .EKllLcMoZl j,«* SHUMaH 77h Saarbrücken,