Edition de Paris Pariser Ausgabe Fretheil Nr. 184 2. Jahrgang Einzige unavŋängige deutsche Tageszeitung INSERATEN ANNAHME für Frankreich( ausschießlich Elsaß- Lothringen): Publicité Megl, Paris( 3e) 51, rue de Turbigo( Ecke rue Réaumur. Metro: Arts et Métiers). Telephon: Archives 84-95, 84-96. 84-97 Saarbrücken- Paris, Samstag, 11. August 1934 Chefredakteur: M. Braun Hitlers Amnestie Seite 2 Schacht im Engpass Seite 4 Jahresbilanz des Faschistentercors in Deutschland Seite 7 Deutsche Dokumente Wir veröffentlichen nachstehend drei Briefe aus Hifler- Deutschland. Jeder ist in seiner Weise ein menschliches Dokument, über die Stimmung der Menschen, über die Grausamkeit des« Systems" seinen lebendigen und foten Gegnern gegenüber aufschlußreicher, als lange Betrachtungen. Die Redaktion verbürgt sich gleichzeitig für die Echtheit der Briefe und Zuschriften, die ihr im Original vorliegen. Die größten Nörgler sind in der für 83 Arbeiter in Angerburg einschte, die sich mit einem für 33 Arbeiter in Angerburg einsetzte, die sich mit einem aus nichtigen Gründen entlassenen Arbeiter solidarisch erNSDAP." klärt hatten und über die daraufhin Arbeitssperre verhängt worden war. Im„ Haus der Arbeit" in Königsberg forderte man ihn auf, aus seinem Verhalten die Konsequenzen zu ziehen. Ich begann zu ahnen," erklärte Chmara einem Vertreter des„ Ostsee- Beobachters", und es wurde mir sofort Ein Brief aus dem Reiche den 5. August 1934. Lieber Freund Oskar! Vielen Dank für Deine Karten und den Brief vom 22. April. Du wirst entschuldigen, wenn ich nicht geantwortet habe, ich hatte einen Brief für Dich geschrieben, aber nicht weggeschickt. Nun, zunächst sind wir noch alle gesund, das ist ja auch alles, was man noch hat. Die Löhne sind noch wie in 32-33, als Du hier warst, aber die Gebrauchsgegenstände, Wolle, Kleiderstoffe, sind teurer geworden. Auch die Lebensmittel haben im Preis angezogen, Margarine, Erbsen usw. Wir haben hier viel unzufriedene Leute, aber das schadet ja nichts, die hätten früher besser Lehre annehmen sollen, heute hat alles Schimpfen keinen Sinn und 3wed, es ist alles zu spät. Die größten Nörgler find die, die am längsten in der NSDAP. find, und die heute ihre Schulden noch genau so zahlen müssen wie vorher. klar, daß man an mir eine„ Prozedur" vornehmen werde... Ich wußte, was das bedeutet Festbinden, Prügeln bis zur Bewußtlosigkeit, rein in ein Auto, ab nach Quedenau und dann an den Strang." Es gelang Chmara, zu entfliehen. Ueber die Lage in Deutschland sagt er:„ Seit dem Frühjahr 1934 wuchs bereits die Unzufriedenheit in allen Kreisen bis aufs äußerste. Alle Versprechungen, die Hitler uns gemacht hatte, waren nicht erfüllt worden... Die Not wuchs ins Unermeßliche... Schon Anfang Juni wurde in der SA. von der Notwendigkeit einer zweiten Revolution gesprochen. Die Vorgänge vom 30. Juni schlugen wie Keulenschläge bei uns SA.- Leuten ein. Hitler war der Verräter, das war unsere Ansicht. Es war uns auch bekannt, daß allein 20 hoch gestellte SA.- Führer aus Ostpreußen nach dem 30. Juni zu Hitler bestellt waren und nicht mehr zurückgekommen find. Ich sage es offen, daß die Perspektiven im nationalsozialistischen Deutschland die traurigsten sind und daß man damit rechnen muß, daß das nationalsozialistische Deutschland nicht mehr zu retten ist, weil alles auf Zug und Trug aufgebaut ist." Jagd auf Kruse Wo steckt der Reichstagsbrandstifter? age= Bern, 10. August. Die Fahndung auf den aus Deutschland geflohenen SA.- Mann Kruse, den an der Reichstagsbrandstiftung beteiligten Diener Röhms, hat die Oeffentlichkeit in der Schweiz von neuem stark auf diese geheimnisvolle legenheit hingelenkt. Es ist nicht zu erfahren, welche Gründe die Schweizer Bundesanwaltschaft veranlassen, Kruse polizeia lich zu suchen. Auch andere flüchtige SA.- Leute sind nach dem 30. Januar illegal über die Schweizer Grenze gegangen, ohne daß sie von den Schweizer Behörden verfolgt werden. Von ruse wird bekannt, daß er sich nur kurze Zeit in Zürich auf Salten und dann einige Tage in Kippel im Lötschental( Wallis) zajebracht hat. Von dort soll er über Domodoff nach Mailand gefahren sein. Auch in Italien soll die Fahndung gegen ihn fortgesetzt werden. Wie ir erfahren, hat er inzwischen au. Mailand vers lassen und dürft. sich so mit Erfolg dem unbequemen Interesse der faschistischen zei entzogen haben. Urlaubstage, die es nicht gibt Das gute Herz des Treuhänders und die bösen Unternehmer Berlin, 9. August. Zwischen den Berichten über die pompösen Trauerfeierlichkeiten für Hindenburg wenig beachtet, hat sich ein Vorgang ereignet, der kennzeichnend ist für die foziale Demagogie der Nationalsozialisten und die Befehlsgewalt Wer weiß, ob nicht Selbst im Grabe keine Ruhe valt des Unternehmertums. Wie ist bei Euch die Stimmung für uns, ich höre als mal Nachrichten von der Schweizer Depeschen- Agentur in Bern, die sind aber nach meiner Ansicht ziemlich zurückhaltend. Ich denke, Du bist über alles, was in Deutschland passiert, besser unterrichtet als wir selbst. In den letzten Monaten hat es ia hier allerlei Ueberstürzungen gegeben, ich denke dabei an Röhm, Heines usw. Ob das alles so war und ist, wie es geschildert wird, das weiß der Himmel. Ja, der Faschismus weiß Stimmung zu machen. Wer weiß, ob nicht Goebbels oder Göring das alles in die Wege geleitet haben, um die schwindende Stimmung im Volf zurückzuhalten. Ich fann Dir schreiben, daß viele wieder Hoffnung haben und fagen, Hitler greift durch. In einem Land der Diftatur kann nur so etwas vorkommen; hätte man Presse- und Redefreiheit, dann hätte Hitler alles das schon eher gewußt, aber dan darf ja die Wahrheit nicht sagen, wenn auch Hitler die Wahrheit liebt, aber die fleinen Bonzen, das sind die Schinder. Ganz Deutschland ist jetzt in tiefer Trauer, ich wenigstens für meinen Teil, denn ich hatte immer noch auf eine gute Wendung durch Hindenburg gerechnet, nun sind alle Hoffnungen dahin, jetzt ist Hitler alles: Kaiser, König, Führer, Präsident. Ja, er ist der stärkste Mann, den es auf Erden gibt, keinem Menschen verantwortlich nur sich selbst. Am 19. August ist hier eine Volksabstimmung, was die für eine Bedeutung haben soll, das möchte ich mal gerne wissen. Hitler ist Präsident und bleibt es auch, ganz einerlei, ob gewählt oder sich selbst ernannt. Aber mit der Abstimmung will man mit dem Ausland zeigen, daß das ganze Volk die Präsidentschaft Hitlers wünscht. Ich schreibe Dir, laßt Euch nicht durch Stimmen täuschen, denn es kann nicht jeder seiner Ueberzeugung nach stimmen, und zwar aus folgendem Grunde: angenommen, hier stimmen 100 mit Rein", was würde das für uns bedeuten? Wir wären keine Minute sicher, ja man würde uns vielleicht auch als Röhm: linge behandeln. Wir würden doch gemaßregelt und was nicht alles. Nur ein kleines Beispiel: in Müschenbach b. Hachenburg war ein kleiner Wimpel angeblich gestohlen worden. Was Ein Jahr nach Fechenbachs Ermordung Die Deutsche Freiheit" veröffentlichte anläßlich des Erinnerungstages an Felix Fechenbach 3 Er mordung am 7. August 1933 einen furzen Artifel. Er hat zu folgender erschütternder Zuschrift an die Redaktion geführt: Auch ich kenne die Namen der Mörder, weiß genau die Mordstelle und habe eine Beschreibung des Toten bekommen, der so zugerichtet sein soll, daß ihn sein eigener Bruder und sein Vater nicht erkannt haben. Aber es ist noch schlimmer. Bei der Beerdigung warnte die Nazipresse vor Beteiligung. Von Haus zu Haus zog der alte Vater. um einen Wagen für den Sarg zu kriegen. Endlich überließ ein ehemaliger Parteigenosse ihm Wagen und Pferde. Aber kein Mensch wagte sich heran. Sein Bruder und der alte 77jährige Vater trugen den Sarg zum Grabe. Aber auch dort läßt man Felix Fechenbach keine Ruhe. Der Hügel war verschiedentlich abgetragen und geebnet worden. Als wir jetzt einen Grabstein setzen lassen wollten, mahnte die Friedhofsverwaltung: der steht keinen Tag. Die Nazis flettern über die Mauer und werden den Stein zerstören, wie sie das Grab zerstörten. Das ist deutsche Kultur. Als Organe des sozialen Ausgleichs stehen über den Führern der Betriebe und ihrer Gefolgschaft die, Treuhänder der Arbeit". Das Gesetz zur Reglung und zum Schute der nationalen Arbeit weist diesen Treuhändern, denen ein großer Wirtschaftsbezirk untersteht, sehr weitgehende Befug nisse zu. Es gibt Treuhänder, die aus dem Unternehmertuar und seinen Syndizis stammen, und solche, die aus der Arbeiterschaft kommen. Während die erstgenannten sehr still arbeiten, machen die andern häufig von sich reden. Zu der Treuhändern, die immer wieder die Oeffentlich feit beschäftigen, gehör: der rheinische Treuhänder Börger. Er ist ein Mann vom Typus Ley. Nie nicht ganz so alkoholisiert. Er ist ja auch noch jünger als key. Börger ist auf allen Gebieten der Theorie und der Praxis eine richtige Null. Dennoch ist er Professor ander Universität Köln geworden. Wenn er weder Schreiben noch Lesen könnte, mirden sich die korrumpierten Fakultäten ebenso gehorsam ge= fügt haben. Die braunen Bonzen befehlen, uro die Koryphäen der Universitäten gehorchen. Börger hat vor einigen Wochen einen Erlaß herausgegeben, der den Humbug„ Kraft durch Freude" seines Freundes Len noch in den Schatten stellte. Er ordnete für seinen Wirtschaftsbezirk nämlich an, daß jede Arbeitskraft im Jahre einen bezahlten Urlaub in Höhe bis zu drei Wochen In der Hoffnung auf bessere Zeiten mit herzlichen erhalten müsse. Die Zahl der Tage waren genau vorgeGrüßen.. fam? Das ganze Dorf wurde von S. durchsucht und natür Es hagelt Zeitungsverbote lich auch eine ganze Anzahl wird auf das Schändlichste miß: handelt. Es hat dort Leute gegeben, die wahren blau von oben bis unten. Das alles muß man sich gefallen lassen, auch menn man unschuldig ist. Das ist nur ein Fall von vielen, die ich Dir auch aufzählen könnte. Also nicht nach dem Wahlergebnis urteilen, hier bei uns ist die Einstellung noch wie sie war. Es mögen einzelne nach rechts und links gegangen sein, aber der Kern ist für Demokratie. ( Hier folgen noch private Familienmitteilungen.) Es grüßt Dich Dein Freund... ..Ich sage es offen..." 20 SA.- Führer aus Ostpreußen verschwunden Aus Memel wird uns geschrieben: Der Kreisleiter der Arbeitsfront von Goldapp, Willy Chmara, ist aus den Händen der nationalsozialistischen Feme entkommen und nach Memel aefloben. Er war als Marrist verdächttat, weil er fich Berlin, 10. August. Die schwedische Zeitung„ Göteborgs Handels- und Sjöfarts Tidning" ist für das Reichsgebiet auf die Dauer von sechs Monaten verboten worden. Maßgebend für das Verbot waren zwei in der Nr. 177 vom 2. August erschienenen Artikel. Der deutsche Gesandte in Stockholm hat am Mittwoch bei der schwedischen Regierung schärfsten Einspruch" gegen diese Art der Verunglimpfung von Mitgliedern der Reichsregierung und des Führers des deutschen Volkes erhoben. St. Gallen. 9. Aug. Die katholische Ostschweiz" tst von der Reichspressezentrale in Berlin vom 8. bis 20. August für das ganze deutsche Gebiet verboten worden. * Die kommunistische Deutsche Bolfs- Zeitung" wurde von der Regierungskommission des Saargebiets„ bis auf weiteres" im Saaraebiet verboten schrieben. Man wunderte sich und gläubige Gemüter meinten vielleicht, da sehe man doch, daß Herr Börger fertig bringen, was die Gewerkschaften in langen Jahren nicht erreicht hätten. Nun wird aber befannt gegeben, allerdings nicht durch der Treuhänder Börger, sondern durch bescheidene Presse notizen, daß der Ukas mit den schönen langen bezahlten Ferien nur eine private Stilübung des Herrn Börger ce wesen sei. Es handele sich nur um„ Richtlinien", die man befolgen könne oder nicht, je nachdem wie es die Lage des betreffenden Wirtschaftszweiges erlaube. Keinesfalls sollten dadurch bestehende Urlaubsbestimmungen abgeändert oder gar zum Schaden des Unternehmers in die Tarife eingegriffen werden. Mithin bleibt alles wie es war. Das westdeutsche Unternehmertum hat sich in Berlin bei dem ReichswirtschaftsSiktator Schacht beschwert, und dieser hat dem Treuhänder die Privatarbeit über die Urlaubsfrage zerrissen wie ein Lehrer einem Schulbuben einen schlechten Aufsatz um die Ohren schlägt. Wenn schon einmal etwas Bernärftiges aus dem„ dritten Reich" zu hören ist, erweist es sich gleich danach als elender Reklameschwindel Hitlers Amnestie Der Winter naht Adolf Hitler hat mit dem Tode Hindenburgs die höchsten Gipfel der Macht erklommen. Er ist nicht nur Reichskanzler Alle..Staatsfeinde" ausgeschlossen, alle braunen Mörder begnadigt und Führer der großen Partei im Totalitätsstaat, er ist DNB. Berlin, 9. Auguft. Aus Aulaß der Vereinigung des Amtes des Reichspräfis denten mit dem des Reichskanzlers und des damit vollzogenen Uebergangs der bisherigen Befugnisse des Reichspräsidenten auf den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler hat die Reichsregierung ein Straffreiheitsgesetz beschlossen. Das Gesetz enthält eine allgemeine Amnestie und eine Amnestie für bestimmte Gruppen politischer Verfehlungen. Durch die allgemeine Amnestie werden ohne Rücksicht auf die Art der Straftaten alle Freiheusstrafen bis zu sechs Monaten und Geldstrafen bis zu 1000 Reichsmark erlassen, wenn der Verurteilte bei der Begehung der Tat unbestraft oder nur unerheblich vorbestraft war. Freiheitsstrafen bis zu drei Monaten und Geldstrafen bis zu 500 RM. werden auch Vorbestraften erlassen. Unter denselben Voraussetzungen, unter denen der Straferlaß eintritt, werden auch anhängige Verfahren niedergeschlagen, wenn die Tat vor dem 2. August 1934 begangen ist, dem Tage des Ablebens des Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg und des Uebergangs seiner Befugnisse an den Führer. Die politischen Straftaten für die Straffreiheit in Gestalt von Straferlaß und Niederschlagung gewährt wird, sind: Beleidigungen des Führers und Reichskanzlers, solche durch Wort und Schrift begangene Verfehlungen gegen das Wohl oder das Ansehen des Reiches, die nicht volks- oder staatsfeindlicher Gesinnung entsprungen sind, Straftaten, zu denen der Täter durch Ueberetfer im Kampf für den natio= nalsozialistischen Gedanken sich hat hinreißen lassen, sonstige Beleidigungen und Körperverlegungen im politischen Meinungsstreit. Auch hier ist für die Niederschlagung bestimmt, daß die Tat vor dem 2. August 1934 begangen sein muß. Ausgenommen von der Amnestierung politischer Ver: gehen find Hochverrat, Landesverrat und Verrat militä= rischer Geheimnisse, alle Verbrechen gegen das Leben, Sprengstoffverbrechen, wenn cin Mensch getötet oder ver= letzt wurde, und schließlich alle Handlungen, bei denen die Art der Ausführung oder die Beweggründe eine gemeine Gesinnung des Täters erkennen lassen. Im Zusammenhang mit der Verkündung des Gesetzes über die Gewährung von Straffreiheit vom 7. August 1934 hat der Führer und Reichskanzler durch Erlaß an die Landesregierungen verfügt, daß auch sämtliche Fälle von Schutzhaft einer beschleunigten Nachprüfung unterzogen werden und die Entlassung aus der Schußhaft erfolgen soll, wenn der Anlaß für die Verhängung geringfügig war oder wenn nach der Dauer der Haft und der Wesensart des Häftlings erwartet werden kann, daß dieser sich dem nationalsozialistischen Staat und seinen Organen gegenüber fünftig nicht mehr feindselig verhalten wird. Dabei hat der Führer und Reichskanzler ausdrücklich betont, daß auch diejenigen Fälle wohlwollend nachgeprüft werden sollen, in denen die Schußhaft im Zusam= menhang mit der Aktion vom 30. Juni 1934 verhängt wor= den ist. Eine Amnestie, würdig des„ dritten Reiches" und seines Führers. Ihre Ausführung unterliegt den nationalsozialistischen Funktionären des totalen Staates in der Verwaltung und in der Justiz, für die sich jeder volks- und staatsfeindlich" betätigt hat, der mit irgend einem be dachten oder unbedachten Wort an der Gottähnlichkeit der braunen Diktatoren zweifelte. Noch um einen Grad schlimmer sind die Anweisungen über die Schußhäftlinge. Nach der„ Wesensart" des Häftlings soll entschieden werden, ob... Das bedeutet die vollkommene Willkür des Lagerkommandanten, neue erbärmliche Versuche des Gesinnungsdrucks auf gepeinigte Menschen. Um so mehr dürfen sich nationalsozialistische Mörder und Menschenquäler freuen. Ihnen winkt die goldene Freiheit vorausgesetzt, daß sie ihnen überhaupt vorenthalten wurde. Sie haben sich im Lebereifer hinreißen lassen" und kommen zurück in den braunen Gnadenhimmel, der sich seiner liebsten Kinder wieder erfreuen darf. Eine nationalsozialistische Propaganda Amnestie, zum Ruhme des llebergangs der Macht an den„ Führer", der sich aber durch einen Rabinettsbeschluß für die Ereignisse des 30. Juni an den Bahren seiner früheren Freunde selbst amnestieren ließ. Enzyklika gegen den Nationalsozialismus? 66 nicht nur Oberster SA.- und SS.- Führer, er ist nunmehr auch das Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaber der Reichswehr. Noch nie war eine solche Macht bei einem Mann in Deutschland konzentriert. Doch unter einem schlimmen Omen beginnt seine Alleinherrschaft. Die außenpolitische Lage Deutschlands ist trostlos. Er hat es fertig gebracht, daß England wieder in die Arme Frankreichs gefallen ist, daß der sonst ruhige und abwägende Führer der britischen Konservativen, Baldwin, die Erklärung abgegeben hat, daß die englische Grenze am Rhein sei. Er hat es fertig gebracht, daß nur einige Wochen nach dem feierlichen Empfang in Venedig die italienische Presse auf Geheiß Mussolinis anläßlich der österreichischen Ereignisse offen feindselige Haltung Deutschland gegenüber eingenommen hatte, und die Brücken zwischen den beiden Ländern damit für lange Zeit abgebrochen wurden. Aber auch die innerpolitische Situation wird immer bedenklicher. Gewiß, die Bartholomäusnacht vom 30. Juni hat das deutsche Volf derart in Schrecken versetzt, daß die Kräfte der Opposition vorübergehend gelähmt sind. Gewiß, es ist heute keine Kraft sichtbar, die diesem Regime der Gewalt und Unterdrückung einen Schlag versetzen könnte. Aber andererseits steht es fest, daß in allen Kreisen der Bevölkerung die Mißstimmung wächst. Jede Klasse, jeder Stand, jede Berufsschicht sind auf ihre Art unzufrieden. Die Junker und die Konservativen sind mit der Bekämpfung der monar chistischen und altpreußisch- konservativen Tradition unzu frieden. Der Bauer murrt wegen des Erbhofgesetzes, das sein bisher friedliches Familienleben zerstört. Er murrt ferner, weil durch die Devisenbewirtschaftung kein ausländisches Futter hereinkommt, und die unerschwinglich teuer gewordenen inländischen Futtermittel für die Ernährung seines Vichs nicht ausreichen. Die weiterverarbeitende Industrie und der Großhandel stöhnen unter dem Regime der immer strenger gewordenen Devisenzuteilung. Der durch den Wahnwitz der hitlerschen Arbeitsbeschaffung erhöhte Bedarf an Rohstoffen fann nicht mehr befriedigt werden, und die Rückwirkungen für die Industrie werden immer bedenklicher. Sie muß nicht nur ihre Produktion einschränken, sondern auch infolge der Rohstoffknappheit die Preise erhöhen, was wiederum sowohl eine Beeinträchtigung des Exports als auch des inländischen Absatzes bedeutet. Der Mittelstand, der so viel Hoffnungen auf Hitler gesezt ht, sieht diese Hoffnungen zerschlagen. Durch die Scheinkonjunftur sind zwar die Umsäße im Einzelhandel gestiegen, aber die H..ndesspanne ist für die gangbarsten Artikel infolge der Preissteigerung im Einkauf zurückgegangen und damit ist › der Verdienst des Einzelhandels nicht besser geworden. In der Arbeiterschaft herrschen Not und gedrückte Stimmung, denn durch die niedrigen Löhne und die steigenden Preise ,, Kein Friede, wenn ein selbs süchtiger Nationalsozialismus wie ist die tuation des deutschen Arbeiters verzweifelt geParis, 9. Auguft. Wie die Agence Fournier aus Rom meldet, ist in den nächsten Tagen mit einer außerordentlich bedeutsamen und wichtigen Kundgebung des Sl. Stuhles zu rechnen. Wan hält es in vatikanischen Kreisen für sicher, daß der Papst demnächst in feierlicher und offizieller Form den Nationaliozialis: mus verdammen wird. Bon ganz besonderer Bedeutung ist die Tatsache, daß der Papst eine Enzyllila an das deutsche Epistopat richten wird. In dieser päpstlichen Kundgebung wird in unzweidentiger Weise der heidnische Charakter der #ationalsozialistischen Bewegung hervorgehoben. Die En= zufika wird die Stellungnahme des Hl. Stuyies zum sonien Neuheidentum zusammenfassen, die schon in ren Auägen dea patikanischen Organs, des„ Offerva= tor Romano", zum Ausdrud gebracht worden ist. Ein besonderer Abschnitt dea pärlichen Schreibens wird B mit der nationalsozialistischen Nassenlehre beschäftigen. er Banst mird gesen die Lehre von der Ueberlegenheit der arischen Rasse mit affer Schärfe Stellung nehmen. Gleichzeitia veröffentlicht das„ Retit Journa!" im Nahmen einer Enquete über die Weirstenholtune des dong eine Unterredung mit Papst Pius XI, worin der Sl. Vater er= flärte:„ Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, daß der Friede zwischen den Völkern und Staaten dauert, wenn an= flatt eines reinen Patriotismus ein selbst süchtiger Nationaliozialismus wütet. Wir können nicht glauben, daß es einen zivilisierten Staat gibt, der gleichzeitig einen furchtbaren Massenmord und seinen eigenen Selbstmord begehen wird." Aus Rom wird der„ Neuen Saar- Post" berichtet:„ Der Bericht des Miar. Testa über die Notlage des Saarkatholi zismus, den er übrigens außer dem Kardinalstaatssekretär Pacelli auch in einem Vortag dem H! Bater persönlich er: stattet hat, wird nunmehr zu einer baldigen Nomi= nierung feines Nachfolgers führen. Im Vatikan scheint man absolut überzeugt davon, daß die besondere Lage des Saarfatholizismus, feine ständige Bedrängung durch nationalsozialistischen Terror direkter oder indirekter Art furienpolitisch aufs genaneste beobachtet werden muß, da der Ratifan derzeit alles Material sammelt, welche, jo wohl hinsichtlich der Reichskontordatsverlegungen als auch hinschlich der nationalsozialichischen Weltanschauung, Moral > Politik der Kirche Abwehrwaffen zur Hand geben fann." Und jetzt: der braune Alltag Papen hatte angeblich Angst vor Ermordung A Ph. Taris, 10. August. Von unserem Korrespondenten Jetzt, wo die Frage der Nachfolge Hindenburgs endgültig geklärt ist, wo der letzte Reichspräsident diesen Titel gibt es ja nicht mehr- den ewigen Schlaf schläft, meldet sich nach einem furzen Interregnum der Alltag wieder zu Worte. Tie Fragen, die vor Hindenburgs Tode auf der außenpolitischen Tagesordnung standen, ohne daß ihre Lösung erfolgte, treten nun wieder in der französischen Presse in den Vordergrund. Papen hat sein Agrement als deutscher Gesandter in Wien erhalten. Men stellt dies hier ohne Verwunderung fest als ein Ereignis, mit dem man bereits seit cagen rechnete. Ar im Zusammenhang damit wendet sich die Auimerfsamteit wieder d n österreichischen Problem zu und der Erörterung darüber, ob und ivieweit Hitlers Friedensver herengen Glaul n zu schenken sei. " Jour" findet es eigenartig, daß die amtliche Wiener Zeitung" ebenso wie die anderen großen österreichischen Beitungen eine gleichlautende Notiz bringt, die deutlich den Stempel ihres amtlichen Ursprungs trägt. Darin heißt es, die österreichische Regierung habe nach internationalem Brauch nicht gut das Agrement für Papen verweigern fönnen. Jour" meint, die österreichische Regierung entschuldige sich ja geradezu, daß sie sich mit von Papen als deutschen Gesandten in Wien abfinde. Ein solcher Vorgang sei in der Geschichte der Diplomatie ohne Beispiel. Die Bundesregierung habe wohl die österreichische Spannung nicht noch weiter erhöhen wollen. Aber Papens Aussichten für eine Verminder na dieser Spannung seien nur gering. Yournal" erzählt eine etwas pifante Geschichte. Am Todestag Hindenburgs habe Herr von Papen den amerikanischen Botschafter in Berlin aufgefucht und ihm gesagt: „ Erzellenz, setzen Sie sich bei der österreichischen Regierung dafür ein, daß fie mit meiner Ernennung einverstanden ist. Das einzige Mittel, um nicht ermordet zu werden, ist für mich. dak ich Deutschland verlasse." Tas Blatt meint, Hitler müse jebt, um seine friedlichen Absichten gegenüber Desterreich zu zeigen, von selbst die österreichische Legion auslösen und die antiösterreichische Propaganda und den gesamten Terrorfelduta einstellen. Soffentlich gehe die österreichische Regierung von diesen Forderungen nicht ab. Der Berliner Sonberberichterstatter des Figaro", Henry Sean Tuteil, ist empört darüber, in welcher Weise worden. So mehrt sich die Zahl der Enttäuschten, der Empörten und Berbitterten. Die Verschärfung der wirtschaftlichen Lage in Deutschland bedeutet gleichzeitig eine Verschärfung der politischen Situa tion. Es wirft gewissermaßen wie ein Symbol, daß Hitler an dem Tage, an dem er Zar aller Deutschen geworden ist, den Reichsbankpräsidenten Schacht zum Wirtschaftsdiktator bestimmt hat. Denn mit dieser Erenennung dokumentiert Hitler, daß troy all seiner Machtfülle, sich über Deutschland das Gespenst der Wirtschaftskatastrophe erhebt. Hitler er wartet von Schacht Wunder: er soll auf der einen Seite die Mait, die keine Deckung mehr hat, retten, auf der anderen Seite das normale Funktionieren der deutschen Boltswirtschaft durch steigenden Export und durch eine ent sprende Rohstoff- und Lebensmitteleinfuse schern. Et soll auf der einen Seite die Agrarzölle im Einklang mit be Blut- und Bodentheorie aufrechterhalten, auf der anderen Seite günstige Handelsverträge abschließen. Er soll die fapitalistische Wirtschaftsform beibehalten und dem deutschen Arbeiter dennoch nicht allzu wehe tun. Aber man kann nicht Feuer mit Wasser mengen, und so wir euch, Schacht die Schwierigkeiten nicht meistern können. Will er den Junkern und Industriellen den Profit sichern, dann muß das Preisniveau weiter steigen. Indessen sind bereits die Preise in Deutschland, insbesondere für Lebensmittel und Massenbedarfsartikel, teilweise bis ins Unerträgliche gestiegen. Es genügt, nur ein Beispiel zu nennen. Die amtliche Wirtschaft und Statistik" erklärt in ihrer letzten Nummer, daß die Erzeugerpreise für Kartoffeln in diesem Jehre fich ungefähr auf das Dreifache des vorjährigen Preis standes stellt. Dabei ist aber das Einkommen der breiten Massen im Vergleich zum Vorjahre gesunken und wird infolge der bereits erfolgten und noch bevorstehenden Produ onseinschränkungen weiter sinken. Der Winter naht, die Not der Massen steigt und mit ihr verstärken sich die politischen Spannungen. in Teutichland gerade in diesen Tagen Haßpolitif gegen Papen wird ersucht... Frankreich getrieben werde. Ironisch bemerkt er, es scheine so, als ob der einzige Mensch, der in Europa den Wunsch nach einer friedlichen Entspannung laut werden lassen dürfe, Hitler sei. In Berlin habe das„ Zwölf- Uhr- Mittagblatt" in Riesenbuchstaben die Ueberschrift gebracht„ Neuer Hakgesang der französischen Presse". Viele Leute läsen nur die Ueberschri' n und hielten sie für wahr. Da ja bekanntlich in Deutschland die Zeitungen unter amtlicher Kontrolle ständen, könne man die deutsche Regierung fragen, ob eine solche Verhebung, die offenbar böswillig sei, den versöhnlichen Absichten entspreche, von denen Hitler geredet habe. Man scheine in Berlin noch immer nicht zu wissen, daß die Zeiten vorbei sind, in denen Hitler heuchlerisch sagen konnte: Richtet euch nach meinen Worten, aber nicht nach meinen Taten". Inzwischen hat man den 30. Juni und den 25. Juli erlebt. Gegen das am 14. Juli von der 8. Großen Staffammer des Landgerichts Berlin gefällte Urteil hat Dr. Günther Gereke nunmehr Revision beim Reichsgericht eingelegt. Wie erinnerlich war Dr. Gereke wegen Betrugs in zwei Fällen zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden, wobei ein Jahr drei Monate durch die Untersuchungshaft als ver= büßt angesehen wurden. Nach einer Meldung des„ Matin" aus Rom merden die anläßlich der Ereignisse in Desterreich an der Grenze zu: fammengezogenen italienischen Divisionen vorläufig nicht zurückgenommen werden, sondern Gebirgsmanöver ausführen, Wien, 10. August. Der Bundeskommissar für Presse und Propaganda, Adam, hat Papen ersucht, iede Einmischung in die österreichischen Verhältnisse zu unterlassen. Wien, 10. August. Auf Empfehlung seiner Freunde hat Bundeskanzler Dr. Schuschnigg der Bildung einer Art „ Garde du Corps" zugestimmt. Sie besteht aus 24 che maligen Offizieren der Kaiserschüßen. Es sollen ihn je acht Mann auf allen Reisen, auch in Wien, begleiten. Diese Mannschaften werden mit Maschinenpistolen ausgestattet. Paula Wallisch geflohen Prag, 10. Aug.( Inpreß.) In Prag ist ein Brief von Paula Wallisch, der Frau des hingerichteten Schutzbundführers Koloman Wallisch, eingetroffen, in dem sie ihren Freunden mitteilt, daß es ihr gelungen ist, aus dem Konzentrations lager in Desterreich zu entfliehen. Frau Wallisch befindet fich gegenwärtig in der Stadt Maribor in Jugoslawien. Der Kirchenkampf Weitere Superintendenten amtsenthoben Die Kölnische Zeitung" berichtet: Wie uns mitgeteilt wird, wurden außer dem Superintendenten der Aggersynode, von Dettingen( Gummersbach), in der Rheinproving noch weitere fünf Superintendenten ihres Amtes enthoben. Es sind die Superintendenten Staudte( Aachen), Becker( Rheydt), Denkhaus( Moers), Rentrop( Bonn) und Gillmanns( Simmern). Saarkampf immer schärfer Justizskandal an der Saar Die auswärtige Presse hat zu dem Husarenritt des Saarbrücker Untersuchungsrichters in der Angelegenheit Aktenbeschlagnahme erregt Stellung genommen.„ Le Petit Parisien spricht von einem unglaublichen Justizskandal, der sich in Saarbrücken ereignete und findet es unbegreiflich, daß der Völkerbundsrat immer noch nicht die Sondergerichte hat in Tätigkeit treten lassen. Diese Bemerkung des französischen Blattes trifft den Kernpunkt. Es ist wirklich unbegreiflich, daß man die strafrechtliche Verfolgung politischer Delikte der braunen Front und ihrer Anhänger in die Hände von Richtern und Staatsanwälten legt, die prononzierte Mitglieder und Funktionäre dieser Bewegung sind. Der„ Abendblatt" versteigt sich zu einer neuen un geheuerlichen Beleidigung des Kommissars Machts. Es behauptet, der Verdacht verdichtet sich immer mehr, daß Margisten und Separatisten mit Hilfe Baumgärtners einen Theatercoup entfesselt hätten. Eine unglaublich freche und bewußt verlogene Behauptung, da jedermann im Saargebiet weiß, daß Baumgärtner ein umfassendes Geständnis abgelegt hat, das seine Abhängigkeit und seine Motive eindeutig festgelegt hat. Die Erzieher- SA. Worte auf der Frankfurter Tagung Auf der Frankfurter Erzieher- Tagung wurden die Ausführungen des Oberstleutnants Stemermann vom Wehrfreiskommando V, der eine militärische Erziehung des deutschen Volkes forderte, durch den nationalsozialistischen Referenten Bauer, München, unterstrichen. Bauer erklärte, daß der Lehrer der Zukunft durch die Zucht der SA., des Arbeitsdienstes usw. hindurchgegangen sein" müsse. Außer der Erziehung im Kriegsgeist wurde als wichtig die Schulung in Rassefragen bezeichnet. Dr. Gerhard Dresel, Leipaig, erflärte, er wise unumstößlich, daß Erbanlagen Schicksal Noch unglaublicher aber ist die Verdächtigung des Kommissars Machts durch das Abendblatt". Es bringt folgenden infamen Satz:„ Ob der Theatercoup mit oder ohne Wissen des Herrn Polizeikommissars vor sich ging, entzieht sich vorläufig unserer Kenntnis." Das ist die Fortsetzung der Mordhezze, die zum ersten Attentat geführt hat. Bereitet das„ Abendblatt" den zweiten Mordplan vor? Die Haltung der reichsdeutschen Hitlerpresse gestaltet den saarländischen Justizskandal zu einem politischen Skandal ersten Ranges. So behauptet die„ Frankfurter Zeitung", daß die Regierungskommission versucht,„ mit den Machtmitteln der Vorkriegszeit eine feierlich er= laubte politische Tätigkeit zu unterbinden, weil sie unangenehm erfolgreich ist", und wirst der Regierung ,, einen Mißbrauch der Machtbefugnisse" vor.„ Die Saarregierung", schreibt das Blatt,„ befindet sich auf einem gefährlichen Weg. Sie zeigt zum ersten Male, daß sie den Frieden stört, den Frankreich und Deutschland in der Saarfrage einander geschworen haben." Also ist nicht derjenige Störenfried, der die Gangstermethoden aus dem dritten Reich" ins Saargebiet überträgt, sondern derjenige, der sie abwehrt und bekämpft. So denken die Richter, so ergehen die Urteile. Weg mit ihnen! Ein Kaplan verschwunden Wien, 8. Aug. Der„ Reichspost" wird aus Paris gemeldet: Wie die hiesigen Blätter berichten, ist der Kaplan Seiz von St. Ingbert, der von der Kirchenbehörde in einen Ort der Rheinpfalz versetzt wurde, verschwunden. Der Geistliche, der aus seiner Meinung über das„ dritte Reich" im Saargebiet feinen Hehl gemacht hatte, ist auf dem Wege nach Ludwigshafen in Kaiserslautern von Nazis überfallen und schwer mißhandelt worden. Seitdem fehlt von ihm jedes Lebenszeichen. jeien; nur in ge visien Grenzen sei die Entfaltung der Grb Das schottische Ungeheuer Erbanlage der äußeren Einwirkung zugänglich. Diese äußere Bewirtung im Rahmen des Möglichen zu erreichen", fuhr Dresel fort, ist das Kampiziel des Menschen nordischen Bluts im Gegensatz zu anderen Rassen, die sich dumpf fügen." In der Schlußßißung sagte der Reichsleiter des nationalsozialistischen Lehrerbundes, Schemm, der NSLB. lehne es ab, sich mit den wirtschaftlichen Fragen der Lehrerschaft zu befassen. ,, Eine verschworene Clique" Kassel, 9. August. Dem Bericht der„ Nordhäuser Zeitung" über eine Kreisversammlung der NSDAP. entnehmen wir: „ Es gibt auch in Nordhausen noch Kreise, die gegen uns * larbeiten und sich sogar bemühen, unsere Ehre abzuschneiden. Wir werden es aber verstehen, die Gerüchtemacher verdientermaßen zur Rechenschaft zu ziehen. Wir haben nichts anderes zu tun als zu arbeiten für die Bewegung, den Mund zu halten und feine Gerüchte zu verbreiten... Wir brau= chen feine Debatten, sondern es kommt allein darauf an, daß jeder Befehl der Gauleitung sorgfältigst ausgeführt wird. Es gibt nur eine Forderung: weg mit der Kritik, hinein in die Arbeit..." Der Bericht schließt mit dem Eingeständnis:„ Wir von der Bewegung sind eine verschworene Clique. Keiner darf den anderen angreifen lassen." Brief an eine Emigrantin Aus dem Reiche Liebe Schwester! Du meinst anscheinend, nun werde sich aues wenden. Das deutsche Volf vergleichst du mit dem verlorenen Sohne, der zurückkehrt. Wir müssen helfen, ihm das Haus rüsten. Gewiß, das deutsche Volk beginnt zu erwachen. Ein schmerzliches Erwachen, wie während des Krieges, als die Blutopfer sich mehrten. Als der„ Endsieg". den man von Anfang an in der Tasche trug, sich verzögerte und fraglich wurde. Dem Volfe in seinen weiten, allezeit mitgehfreudigen Schichten mitgehfreudig, wo man ihm Erlösung vom inneren und äußeren Druck, nationale Größe verspricht beginnt flar zu werden, daß bis zu dieser Größe noch ein weiter, dorniger Weg ist, und daß das Streben darnach uns einstweilen in eine neue und diesmal innerdeutsche Blutherrschaft geführt hat. Wie friedlich, wie rein, wie menschlich waren doch die verrufenen republikanischen 14 Jahre! Selbst konservative und firchliche Kreise wünschen wohl jetzt die„ marristisch verfeuchte" Regierung von gestern oder ists vorvorgestern? zurück. Samt der Weimarer Reichsverfassung, die sie doch leben, atmen ließ. Ohne deren Unzulänglichkeiten freilich auch ein Hitler nie aufgekommen wäre! Du meinst, wir könnten vielleicht auch Brüning noch einmal erleben. Nun, ich achte diesen ehrlichen, gescheiten und vorsichtigen Politiker hoch, ähnlich wie die ihm im Grunde verwandten Severing, Braun usw. Ich freue mich, daß er und andere noch da sind. Unser Freund Hitler scheint ja den symbolischen Rat eines seiner altgriechischen Kollegen befolgt zu haben, der einem anderen aus der Tyrannengilde riet, alle irgend hervorragenden Köpfe zu„ mähen"; er führte nämlich dessen Boten schweigend durch ein Aehrenfeld und machte es ihm da an den vorragenden Halmen vor. Aber, um bei unseren Staatsmännern zu bleiben: mir scheint, Deutschland kann nicht regiert werden wie eine große Gewerkschaft und wie ein Verein, hätte es auch gestern nicht sollen. Wer soll wen zurückrufen? Hindenburg, auf dessen Treue wir einst bauten und der sich dann doch übertölpeln ließ, ist todkrank. Die Reichswehr ich fürchte, man überschäßt ihre Geschlossenheit; zwischen Blomberg und Fritsch ist ein Spalt und er reicht wohl weiter als diese beiden. Gesetzt aber, der Reichswehr gelänge es, vielleicht im Verein mit Schuno und Stahlhelm"( soweit er noch aktionsfähig), mit Hitlers schwarzen Prätorianern fertig zu werden, was dann? Trüben tun sich weitere Risse und Spalten auf. Die nicht= gleichgeschaltete Arbeiterschaft, die nicht nur mit Hitler und Wissenschaftliche Untersuchungen am Loch Neẞ Die Jagd auf das Loch- Neß- Ungeheuer geht weiter. Trozzdem es eine Zeitlang still um das Seeungetüm war, ist es doch nicht unbehelligt geblieben. Sir Edward Moun= tain haben die Berichte all der Leute, die das Loch- NeßTier gesehen haben wollen, feine Ruhe gelassen. Um sich zu überzeugen, ob es in das Reich der Fabel gehört oder wirklich existiert, hat Sir Edward Mountain die Beobachtungen des Loch- Neß in Schottland wissenschaftlich organisiert. Er hat von verschiedenen Stellen aus den See 23 mal von mit Fotoapparaten ausgerüsteten Wachenbeobachten lassen. Ueber seine Untersuchungsergebnisse berichtet Sir Edward, daß das Seeungetüm im ganzen 21mal von seinen Wachen gesichtet worden sei. Es sei auch gelungen, das Tier zu fotografieren, auf drei Bildern sei das Ungeheuer ganz deutlich zu erkennen, sein Aussehen entspräche ziemlich genau dem, wie es in den Berichten aller der Leute, die es bisher gesehen haben wollen, geschildert worden sei. Die Wachen bestätigen übereinstimmend, daß es ein riesiges Wesen sei, das mit ungeheurer Geschwindigkeit über die Wasser= oberfläche dahinjage. Wegen seiner großen Schnelligkeit ſei es auch sehr schwierig gewesen, gute Aufnahmen zu machen. Sir Edward Mountain beabsichtigt, seine Beobachtung des Loch- Neß- Ungeheuers noch über eine Woche lang weiter fortzusetzen. Konsorten, sondern auch mit ihren großfapitalistischen Helfern und Geldgebern, den Krupp, Thyssen usw., aufräumen wird und muß, ist für eine Militärmonarchie nicht zu haben. Aber auch sie ist feine Einheit und vielleicht erst recht nicht, wenn nun der Rückstrom aus den Kreisen der Nazioten SA. und sonstige Mitläufer der herrschenden Partei- einsetzt. Ich vermute, daß wir nicht einem fester fundierten Sozialismus, sondern dem Nationalbolschewismus entgegengehn, wie schon vor dem Hitlerputsch alle Warner sagten. Zu tief aufgewühlt ist das Bolf. Zweimal betrogen: 1914 und 1933. Wer sollte nicht tiefstes Mitgefühl mit ihm hoben, auch wenn er ihm nicht, wie wir, durch Sprache, Gesinnung, Ueberlieferung verbunden ist, vielleicht mehr als mancher nur Blut stolze? Ich sage ausdrücklich: betrogen 1914, nicht 1918. Hat man nicht auch den Krieg von 1914 auf unserer Seite zu einer Revolution" gemacht, der deutschen" gegen die„ französische"? Sprach man nicht auch damals Hohn den Menschheitsideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichfeit, in dem Wahn, als seien das nur französische? Hieß es nicht auch damals nationaler Sozialismus"? Ja, föniglich preußische Sozialdemokratie? Es tut mir leid, daran erinnern zu müssen, angesichts des namenlosen Leidens vieler trefflicher Sozialdemokraten in den Konzentrationslagern und sonst. Aber zuviele Fehler sind gemacht worden. Zu unvorsichtig( gelinde gesagt) ging man mit dem Preußentum um, nicht nur 1914, auch noch 1918. Deutschland rief nach neuer Gestaltung, und im Grunde blieb alles beim alten. Nur die Firma wechselte. Keine Neugliederung des Reiches unter Aufhebung seiner sämtlichen zusammengeraubten und geheirateten bisherigen Einheiten, feine lebendige, weise und starke Demokratiewozu meiner Ueberzeugung nach gerade in Deutschland sehr wohl der Boden wäre, keine wahre Genossenschaftlichkeit, nur Halbheiten. Deutschland aber schrie fort, und ein Rattenfänger fam und machte sich dies Sehnen zunuze. Ja, er hat uns ins Weite geführt in die Freiheit, zu herrlichen Tagen. ganz wie feinerzeif S. M. Nicht nach vier, nach anderthalb Jahren schon enthüllt sichs. Der Nationalsozialismus, diese Karikatur des Sozialismus, ist möglich geworden durch die allerdings nationalen" Unterlassungen der Parteien von 1918. Ihr Schicksal hat sie billig ereilt. Die Sozialdemokratie traf es am schwersten, aber gerade dadurch ist sie auch zu einer gewissen Selbstbesinnung gekommen, die sich auswirken wird, selbst wenn eine Regeneration des demokratischen Sozialismus sich zunächst als unmöglich erweisen sollte. 3u tief, jage ich. ist das Volk aufgemühlt. Es sind Urfräfte, die da heraufdrängen, nur einstweilen und vielleicht auch noch morgen falsch aelenft. Es ist auch eine Erneuerung notwendig aus dem Grunde, nicht nur Teutichlands, sondern Europas, ja der Erde. Arbeitsgerichtsschande Im ,, dritten Reich" h. b. In Kiel fanden in diesen Tagen eine Reihe von Verhandlungen vor dem Arbeitsgericht statt, die die Lage des deutschen Arbeitnehmers nach Einführung des neuen Arbeitsgesetzes greller beleuchten, als tiefgründige Abhandlungen über dieses Thema. Der erste Fall behandelt die Differenzen einer Hausgehilfin und ihrer Dienstherrschaft. Die Hausgehilfin hatte sich als Dreivierteltag- Mädchen verdingt. Es wurde vereinbart, daß ihre Arbeitszeit um 5 Uhr nachmittags beendet sein solle. An einem Waschtag erhielt sie nun den Auftrag, länger zu arbeiten, was sie aber ablehnte unter dem Hinweis, sie habe bereits acht Stunden gearbeitet. Daraufhin wurde sie fristlos entlassen und klagte vor dem Arbeitsgericht auf Wiedereinstellung oder Entschädigung. Das Arbeitsgericht lehnte ihre Ansprüche mit der Begründung ab, daß es für Hausangestellte feinen Achtstundentag gäbe. Die fristlose Entlassung sei zu recht erfolgt, da ihr Verhalten einen Fall schwerer Arbeitsverweigerung darstelle. In der zweiten Verhandlung stand die Klage einer Reinemachefrau zur Beratung. Diese wurde fristlos entlassen, weil sie sich geweigert hatte, nach Feierabend Teppiche zu klopfen, ohne dafür Ueberstundenbezahlung zu bekommen. Sie flagte auf Widerruf der Kündigung und eventl. auf Einhaltung der vereinbarten gesetzlichen Kündigungsfrist. Da sie schon 11 Jahre bei der beflagten Firma tätig gewesen war, versuchte der Vorsitzende, einen Vergleich zustande zu bringen, der aber am Widerstande des Vertreters der Firma scheiterte. Nunmehr verurteilte das Gericht nicht etwa den halsstarrigen Unternehmer, sondern die Klägerin, deren Klage abgewiesen wurde. In der Urteilsbegründung wurde gesagt, daß es zu den vertraglichen Obliegenheiten der Klägerin gehöre, Teppiche zu klopfen. Wenn sie das in ihrer regulären Arbeitszeit nicht schaffen könne, so müsse sie es nach Feierabend tun, ohne die Leistung dieser Arbeit von der Ueberstundenzahlung abhängig zu machen. Da sie das aber getan hat, habe sie die Arbeit verweigert. Daher sei die Firma zur fristlosen Entlassung berechtigt gewesen. In dieser Verhandlung stellte der Vorsitzende des Arbeitsgerichts ausdrücklich fest, daß die Deutsche Arbeitsfront, an die sich die Klägerin gewandt habe, keine Kampforganisation wie die ehemaligen Gewerkschaften sei, sondern daß sie auch die Interessen der Unternehmer zu vertreten habe. Noch furioser liegt der dritte Fall. Ein Gärtner, der sich bereits in gefündigter Stellung befand, wurde zwei Monate vor Ablauf der Kündigungsfrist fristlos entlassen, weil er den Anordnungen seines Arbeitgebers widersprochen hatte. Um den gekündigten Gärtner zu schifanieren, befahl ihm sein„ Brotherr", ein Nichtfachmann, eine Anzahl empfindlicher Blumen, nämlich Begonien, anders zu verpflanzen, als es der fachmännischen Einsicht des Gärtners entsprach. Der Gärtner verweigerte diese nicht fachgemäße Arbeit. Darauf erfolgte die Entlassung. Die Klage des Gärtners auf Einhaltung der Kündigungsfrist wurde vom Arbeitsgericht mit einer geradezu skandalösen Begründung abgelehnt. In dieser Begründung wird gesagt: Das Gericht unterstelle als wahr, daß der Kläger sich den Anordnungen seines Arbeitgebers aus beruflich- gärtnerischem können widersetzt habe. Doch dieser Umstand vermöge nichts daran zu ändern, daß der Kläger Gehilfe sei und als solcher in jedem Falle den Mund zu halten hätte, wenn sein Unternehmer oder dessen Bertreter etwas anordne. Das Verhalten des Klägers stehe im Gegensatz zu allen Gepflogenheiten der Arbeitsdisziplin. Es könne dem beklagten Arbeitgeber daher nicht zugemutet werden, den Kläger weiter zu beschäftigen, sei es auch nur noch bis zum Ablauf der Kündigungsfrist. Jeder Tag demaskiert die braune Gesellschaft aufs neue als das, was jeder einzelne ihrer Angehörigen ist: als Kettenhunde des Kapitals. Karlsruhe, 9. Auguft.( Inpreß): In Kisingen wurde ein Bäckermeister, der seinen Gesellen wegen Teilnahme an einem Aufmarsch der Hitlerjugend gekündigt hatte, in „ Schußhaft" genommen. Dresden, 9. August. Zehn Arbeiter aus Gemnitz und Stezsch wurden von der Dresdner Straffammer wegen Vorbereitung der Illegalität der KPD. in der legalen Zeit" it Gefängnisstrafen von drei bis zu acht Monaten verurteilt. Heimkehr wohin? In welches Vaterhaus? Wann war Deutschland es je den Seinen? Wann Europa? Wann die Erde? Vaterhaus, das sagt Frieden, Glück. Vertrauen. Doch nach wie vor, ja noch mehr als vorher, sehen Nähe und Ferne so unfriedsam ihre flüchtige, wiewohl mehr und mehr erschreckte Menschheit an. Unser Hitler ist kaum ein Robespierre, geschweige ein Napoleon. Aber die durch den gewaltigen Aderlaß erschreckte französische Nation hatte doch noch die Straft, einen Nevoleon und große Heere aus sich zu entlassen. Allerdings, sie hatte feinen Weltkrieg hinter sich. Und ich möchte auch nicht die " Ideen" des Nationalsozialismus und des Faschismus überhaupt vergleichen mit denen von 1789, die selbst unter der Despotie Napoleons noch nachwirkten. Was an den faschi= stischen gut und richtig ist, ist einzig der Wille zu organischer Neugestaltung aller sozialen und politischen Verhältnisse. Darin fann man den Unterschied von 1789 sehen, wo die Idee der Menschenfreiheit und Menschenwürde voranstand. Nur daß unsere politischen Dilettanten übersehen, daß ohne Freiheit kein Organismus von Gesellschaft herauskommt, vielmehr nur eine Maschinerie, Kriegsmaschinerie nach innen und außen. Darauf ist nach wie vor alles eingestellt, nicht nur in der Mitte und im Süden, auch im Osten und selbst im Westen unseres Erdteils, in den Ländern der nur halb und unzulänglich verwirklichten Menschenrechte. Die arbeitende Jugend vor allem wird nicht nur in Deutschland, sondern auch sonst als ein Reservoir kommender Heere angesehen, d was das schlimmste ist, sie sieht sich selbst so an! Die Gesellschaft, die ganze Menschheit eigentlich, ihr Feind! In Wahrheit sind es nur die wahnwißigen Politiker und wirtschaftlichen Bankrotteure. Ihre eigenen Führer zum Teil. O, daß doch ein Mazzini käme, die Jugend dieses Erdteils aufzurufen, anders noch als vor 100 Jahren! Die flugen Paneuropäer allein schaffens nicht. O, daß doch in Deutschland ein wahrer Volksmann aufstünde, im Stande, alles um sich zu versammeln, was noch an uneigennüßigen, ron wirklich genossenschaftlichem Geiste erfüllten Kräfte vorhanden ist, und alles eisern niederzuwerfen, was sich seiner Diktatur der Menschlich feit entgegenstellt. Der die Fraße eines„ Volkskanzlers", die Hitler ist, vergessen machen könnte und den Deutschen wieder mit gegründetem Selbst= vertrauen erfüllen. Wenn er mehr als Deutschland will, wenn er Europa will, nicht als Sieger eines nie zu erfechtenden Endsieges, vielmehr als Gestalter- alle Völker würden sich ihm anschließen. Ich weiß nicht, ob er heute kommen wird, aber ich vertrane, daß er kommen wird, moraen, übermorgen, vielleicht nach neuen Greneln und Fährnissen. Dann, ja dann wird rechte Heimkehr sein von uns allen. Bis dahin und darüber wollen wir Deutschland, wie du mit Recht forderit, unerschütterliche Treue halten, in uns selbst und unseren Kindern, Dein F Deutsche Freiheit" Nr. 184 ARBEIT UND WIRTSCHAFT Saarbrücken, den 10. August 1934 Schacht im Engpaß! Die Wirtschaft das Schicksal Hitlers Wenn nicht alles trügt, wird die Wirtschaft der nationalsozialistischen Diktatur zum Schicksal werden. Die außenpolitischen Niedrlagen sind gewiß fürchterlich. Rußland wird aus einem Verbündeten zum Feind, auf den polnischen Korridor wird verzichtet, das österreichische Abenteuer endet in Schmach, moralischer Aechtung und den Aufmarsch italienischer Divisionen, Italien wird an die Seite Frankreichs gedrängt, England verlegt seine Grenze an den Rhein und Hitler bleibt nur die Wahl, im Ostlocarno- Pakt die völlige Einkreisung Deutschlands durch seine Unterschrift anzuerkennen oder sie als militärisch- politische Tatsache hinzunehmen. Aber so katastrophal die Lage ist, die militärische Propaganda täuscht Stärke und Sicherheiten vor, die Niederlagen werden den Massen nicht unmittelbar bewußt, sie lösen keinen unmittelbaren Widerstand aus. Im Innern wachsen die Spannungen, wächst die Unruhe. Aber der Tod Hindenburgs, die Vereinigung aller Macht in den Händen Hitlers, das Bündnis mit der ReichswehrGeneralität scheint zunächst die Machtposition der Diktatur noch zu stärken. Aber diese Stärkung ist erkauft durch die Zerschlagung der SA. und durch die Erschütterung der Massengrundlage der Diktatur. Ob aber diese Erschütterung sich in politische Bewegung, Opposition und Rebellion umsetzen wird, darüber entscheidet der Gang der Wirtschaft. Außenpolitische Niederlagen lassen sich verhüllen, innere Spannungen durch Gewalt und Terror niederhalten. Aber Teuerung, Materialknappheit, Arbeitslosigkeit und Hunger sind Rebellen, denen auf die Dauer keine Gewalt gewachsen ist. Und deshalb wird die Wirtschaft zum Schicksal der Diktatur. Am 30. Juli wurde Reichsbankpräsident Dr. Schachtzunächst auf 6 Monate an Stelle des angeblich erkrankten Dr. Schmitt zum Reichswirtschaftsminister ernannt, nachdem schon Schmitt unumschränkte Vollmachten übertragen worden waren. Durch die Vereinigung des Wirtschaftsministeriums und des Reichsbankpräsidiums ist Schacht nicht nur legal, sondern auch in der Tat zum absoluten Diktator der deutschen Wirtschaft geworden. Dieser durch Hitler herbeigeführten Entscheidung kommt große Bedeutung zu. Schachts Ernennung stieß auf den starken Widerstand nationalsozialistischer Kreise. Nicht nur der lächerliche Feder, der Brecher der Zinsknechtschaft, sieht seine Pläne der ,, Befreiung vom Golde" und der gewaltsamen Zinssenkung schwinden, sondern auch die Politik des Reichsernährungsminister Darré, der eine Währungsabwertung und schnelle Zinskonversion vertrat, ist ernstlich bedroht. Und ebenso sehen sich jene Vertreter der Exportindustrie enttäuscht, die durch mehr oder weniger verhüllte Inflationspläne dem Valutadumping und der Lohnsenkung neuen Antrieb geben wollten. Anschwellen der faulen Arbeitsbeschaffungswechsel Aber die Bedeutung der Ernennung Schachts geht darüber hinaus. Die Nationalsozialisten hatten bisher ihrer Wirtschaftspolitik das Ziel gesteckt, die Arbeitslosigkeit in raschem Maß zu verringern. Sie haben die relativ bescheidenen Summen, die ihre Vorgänger für Arbeitsbeschaffung eingesetzt hatten, in schnellem Tempo und außerordentlich großem Maß vermehrt. Von 1932 bis Mitte Juni 1934 wurden etwa 5 Milliarden Mark für die Arbeitsbeschaffung bereitgestellt, davon etwa 3 Milliarden vom Reich und 2/2 Milliarden von den anderen öffentlichen Stellen. Dazu kommen noch bisher 550 Millionen für die Reichsautobahnen. Von diesen ist nur ein geringfügiger Betrag verwandt worden, dagegen waren von den 5 Milliarden bis Ende Juni 2 Milliarden ausgezahlt. Diese Summen wurden aber nicht aus Steuern oder Anleihen gedeckt, sondern es wurden in größtem Umfang einfach Wechsel ausgestellt. Bisher laufen etwa 2,1 Milliarden solcher Arbeitsbeschaffungswechsel um. Damit diese Wechsel, die praktisch eine Laufzeit von 4-6 Jahren haben, genommen werden, mußte ihre jederzeitige Einlösbarkeit garantiert sein. Diese Einlösungsverpflichtung hat praktisch die Reichsbank übernommen. Das bedeutet aber, daß die Reichsbank diese Wechsel jederzeit mit ihren Noten einlösen muß. In der Tat befinden sich im Portefeuille der Reichsbank schon jetzt zirka 1,5 Milliarden dieser Wechsel. Daß der Notenumlauf sich nicht in demselben Maß vermehrt hat, erklärt sich daraus, daß der privatwirtschaftliche Anteil an der Gesamtwirtschaft gleichzeitig stärker geschrumpft ist und infolgedessen der Umlauf an echten Handelswechseln schätzungsweise 1 Milliarde zurückgezangen ist. Die Finanzierung der Arbeitsbeschaffung ist also in Wirklichkeit einfach durch Ausdehnung des Notenbankkredites erfolgt. Es ist nur eine andere Form, die der Verschleierung des wirklichen Tatbestandes dienen soll, wenn die Finanzierung durch Ausgabe von ,, Wechseln" erfolgt ist; sie hätte in Wirklichkeit ebenso gut durch Auszahlung neugedruckter Banknoten geschehen können. Nur wäre dann der Inflationsvorgang offen zu Tage getreten. Getarnte Inflation Diese inflatorische Geldbeschaffung fand zu einer Zeit statt, in der nicht nur der Reichsetat, sondern die Etats aller öffentlichen Körperschaften Defizite aufweisen, in denen eine völlig unkontrollierte Finanzwirtschaft für Rüstungsausgaben, für die Erhaltung der SS. und SA., für agrarische und industrielle Subventionen Summen in unbekannter Höhe verwendet, während den von der Diktatur begünstigten Schichten Steuergeschenke in wachsendem Umfang gemacht werden. Rechnet man alle kurzfristigen, jederzeit fälligen Verpflichtungen schwebende Schuld des Reiches, Steurgutscheine, im Umlauf befindliche Arbeitswechsel zusammen, so gelangt man zu einer Summe von rund 8 Milliarden, deren einzige Deckung" die Notenpresse ist Die Verausgabung gewaltiger Summen, namentlich seit dem 2. Halbjahr 1933, mußte natürlich zu verstärkter Nachfrage führen. Die Einfuhr stieg. Die Ausfuhr aber sank, einmal wegen des anhaltenden Rückgangs des Welthandels, dann infolge der deutschen Handelspolitik, die dem agrarischen Autarkiewahn und den Sonderinteressen einzelner kapitalistischer Schichten die Ausfuhrinteressen rücksichtslos opferte, schließlich, weil die durch die ,, Arbeitsbeschaffung", soweit sie überhaupt produktiven Zwecken diente, erzeugten Produkte, Flugzeuge, schwere Artillerie, Munition, Uniformen usw. oder Straßenbauten, nicht exportfähig waren. Die Folge war das Schwinden der Aktivität der Handelsbilanz. Hatte diese 1932 noch einen Ueberschuß von 1073 Millionen und 1933 von 667 Millionen ausgewiesen, so weist das erste Halbjahr 1934 ein Passivum von 216 Millionen aus. Die Folge war eine stetige Verminderung des Goldund Devisenschatzes der Reichsbank, die von Milliardenhöhe schließlich auf 75 Millionen herabsank. Schacht hat, trotz der vorauszusehenden Folgen diese Politik gewissenlos mitgemacht. Zunächst aus Feigheit. Der neugebackene Pg. hatte nicht den Mut, der hemmungslosen Wirtschaftsdemagogie der Diktatur entgegenzutreten. Bald aber gesellte sich der Charakterlosigkeit die Spekulation des Bankrotteurs hinzu. Konnte man aus der Not, wenn nicht eine Tugend das wäre keine nationalsozialistische aber doch einen Gewinn machen? Gedankenassosiation Les affaires c'est l'argent des autres! Und es war in der Tat, das Geld der Andern, das Geld der auswärtigen Gläubiger, auf das sich die Begierde des Schacht richtete. Zwar hatte die Entwertung von Pfund und Dollar neben den Zinsermäßigungen der deutschen Wirtschaft seit 1933 schon eine Schuldentlastung in Höhe von rund 4 Milliarden Mark gebracht. Aber jetzt lockte das Ziel, die Gläubiger vollends zu expropriieren, vielleicht 10 Milliarden aus ihren Taschen in die der deutschen Kapitalisten zu überführen. Ein so großes Geschäft mochte das große Risiko der völligen Erschöpfung des Goldbestandes vielleicht lohnen. Schacht erklärte das Transfermoratorium, die Einstellung der Zins-, Tilgungs-. Dividenden- und Kapitalrückzahlungen. Die Spekulation ist mißlungen. Die Zinszahlungen auf die Dawes und Young- Anleihen müssen in vollem Umfang weitergeleistet werden, aber auch die Zahlungen auf die privaten Anleihen werden nur zu einem Teil ermäßigt. Die Devisenersparnis wird kaum über ein Viertel der bisher erforderlichen Summe hinausgehen. Statt ,, Arbeitsschlacht" einschränkung ProduktionsDer kritische Punkt ist erreicht. Deutschland muß seine Rohstoffe mit Gold bezahlen, die Mark wird im Ausland als Zahlungsmittel nicht angenommen, sie wird repudiiert. Deutschland kann nur einführen, war es mit dem Erlös aus der Ausfuhr bezahlen kann. Das Passivum in der HandelsDer Weg in den Abgrund Man braucht nur und nur in diesen allgemeinen Umrissen die Mittel aufzuzählen, um zu begreifen, daß ihre Anwendung alle bestehenden sozialen Spannungen in unerhörtem, vielleicht für die Diktatur schon unerträglichem Maß steigern muß. Schon die Drosselung der Einfuhr bedeutet steigernde Arbeitslosigkeit, vermehrte Teuerung. Ordnung des Budgets, Einstellung der Wechselreiterei bedeutet zunächst weitere Einschränkung der Produktion und der künstlichen Binnenkonjunktur, Senkung der Gewinne, damit aber Minderung der Einnahmen, vermehrte Ausgaben für die Arbeitslosen. unterstützung und vermehrten Steuerdruck, eine Politik übrigens, wie sie der italienische Faschismus in nicht so ver zweifelter Lage tatsächlich einschlägt. In Deutschland aber würde diese Politik in kurzer Zeit die Diktatur jeder Massengrundlage berauben, sie auf das schwerste erschüttern, die ohnehin schon enttäuschten Mittelschichten vollends zur Rebellion treiben. Kurz: die„ Deflationspolitik" Schachts würde den wirklichen Zustand, den Ruin der deutschen Wirtschaft, schonungslos offenbaren. Diese Politik würde aber zugleich die Opposition in den nationalsozialistischen Kreisen, die heute durch das Machtwort Hitlers zum Schweigen gebracht ist, aufs neue an stacheln. Und diese würde Verstärkung finden bei all den Schichten, den Exportkreisen, den Agrariern, den Anhängern der Krisenbekämpfung, durch Währungsabwertung, die durch die plötzlich einsetzende Einschränkungspolitik sich geschädigt fühlen. Schacht wird rasch an die politische und soziale Schranke stoßen, wenn er an seinem Versuch festhält. Für den geordneten Rückzug ist es zu spät und die Voraussage drängt sich auf. die zweite Phase der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik wird eine Episode bleiben. Schacht muß scheitern. Scheitert aber Schacht, schickt ihn Hitler in die Wüste oder ins Konzentrationslager, kommen die Darre's obenauf, dann beginnt eine dritte Phase, ein neuer Versuch künstlicher Konjunkturerzwingung, neuer Kreditausweitungen um jeden Preis, verbunden vielleicht mit neue sozialer Demagogie, mit einem Vorgehen gegen Großkapitalisten und Großagrarier, mit wilden Maßnahmen, um auf jeden Fall die Reste der Massengefolgschaft zu halten. Vergebens! Denn dann wird die latente in die offene Inflation umschlagen und diese deutsche Inflation auf der Grundlage einer ruinierten Wirtschaft wird nicht beherrschbar sein, wird in kurzer Frist und mit potenzierten Folgen das Endstadium erreichen, in dem diet Mark auch im Inland aufhört, Zahlungsmittel zu sein. Aber noch vorher werden die sozialen Spannungen so stark werden, werden solche Gegensätze im Innern der Diktatur, zwischen der Diktatur und allen sozialen Schichten aufbrechen, daß der Ruin der Wirtschaft zum Ruin der Diktatur werden тив. So ist in dem Schicksal der Wirtschaft das Schicksal der Diktatur beschlossen. Dr. Richard Kern bilanz muß verschwinden, die Einfuhr aber noch weiter ge- Stinnes kommt wieder drosselt werden, um die Devisen für die Zinszahlungen aufzubringen. An Stelle der bisherigen Krediterweiterung zur Ausdehnung der Produktion und Beschäftigung muß die Einschränkung treten. Die erste Phase nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik ist zu Ende, seit der Diktatur Schachts beginnt die zweite. Schon einmal hat Schacht eine solche Politik durchgeführt. Als Ende 1923 die Mark stabilisiert war, hat Schacht, um sich bei den Agrariern eine Stütze zu schaffen, der Landwirtschaft in rascher Folge einige hundert Millionen Rentenmarkkredite zur Verfügung gestellt. Die Mark begann zu sinken. Schacht warf das Steuer herum; eine rücksichtslose allgemeine Krediteinschränkung folgte. Die Mark wurde verknappt, das Disagio sank und war bald ganz verschwunden. Aber damals handelte es sich um wenige hundert Millionen, jetzt um 8 Milliarden; damals hatte die Reichsbank noch einen Soldschutz von fast einer halben Milliarde und die 800 Millionen der Dawesanleihe kamen in Sicht, damals war der Etat im Gleichgewicht und seit 1924 wiesen nicht nur der Reichsetat, sondern alle öffentlichen Körperschaften wachsende Ueberschüsse auf und jede Inanspruchnahme der Notenbank durch das Reich hatten aufgehört. Zinszahlungen an das Ausland waren nicht zu leisten. Jetzt sind 75 Millionen Goldmark da, aber 8 Milliarden schwebende Verpflichtungen, jetzt ist die Handels- und erst recht die Zahlungsbilanz passiv, alle Etats in Unordnung. Schacht will die Mark halten, weil er kapiert hat, daß die Inflation kein Ausweg mehr ist. Inflation ist möglich, wenn die Währung im Ausland in Zahlung genommen wird. Deutschland maß aber nach völliger Zerstörung seines Kredits bar, in Gold zahlen. Dem Ausland gegenüber, also in der entscheidenden Frage der Rohstoffversorgung, ist heute die Situation so, wie sie in Deutschland nicht am Anfang, sondern am Ende der Inflation war, wo die Markt zu keinem Kurs mehr genommen wurde. Soll aber die Mark gehalten, die beginnende Inflation auch im Inlande aufgehalten werden, welcher Mittel bedarf es? Das erste haben wir schon genannt: Drosselung der Einfuhr, damit Drosselung der Produktion und Beschäftigung, wie sie für die Textilindustrie, die Verarbeitung der Nichteisenmetalle und einzelner Lebensmittelindustrien bereits verEssen, 9. Aug. Hugo Stinnes, der größte Konzerngewaltige in Deutschland, ist seit zehn Jahren tot. Seine Erben konnten die väterliche Hinterlassenschaft nicht verwalten. Unter dem zweiten Sohn von Stinnes, dem 24jährigen Stinnes junior, ging es rapid abwärts. Der Konzern bröckelte ab. Man weiß noch, wie der andere Sohn, Edmund Stinnes, den Arbeitera der Aga- Automobilwerke in Berlin wertlose Aktien als ,, Lohnzahlung" anbieten wollte. Alles, was nicht zur Kohlenbasis gehörte, von den Zeitungen bis zu den Hotels, von den Ver sicherungsgesellschaften bis zu den Werften, von den Zell stoffabriken bis zu den Glashütten, wurde abgestoßen. Was blieb, war nur der Mülheimer Bergwerksverein, der Ausgangspunkt des Riesenunternehmens. Dieser führte sein Dasein weiter. Er zahlte auch jedes Jahr, selbst zu den uns günstigsten Zeiten, Dividenden, während die anderen Bergs werksunternehmungen des Westens diese ausfallen ließen. Im allgemeinen hat man nicht viel mehr von ihm gehört, zehn Jahre lang. Erst jüngst erregte es allgemeine Aufmerk samkeit, als man vernahm, daß die Dividende von 4 auf 6 Prozent gesteigert wurde. Der junge Stinnes wagte sich in keine Abenteuer und unterließ die Expansionsbestrebungen, an denen das alte Mammutgebilde zugrunde gegangen war. Lediglich mit der Gewerkschaft Matthias Stinnes erfolgte 1927 eine Vereinigung. Sie sollte zur Stärkung der Position von Stinnes im Kohlensyndikat dienen. Seit einiger Zeit jedoch zeigen sich erneut Ausdehnungsbestrebungen, freilich ohne ein Uebergreifen auf andere Wirtschaftszweige. Die Gruppe hat ein Interesse an der Gewerkschaft DiergardtMevissen genommen. Dabei fiel allgemein auf, daß ein Teil der Kuxen in Eng land von dem dortigen Bankhaus Schröder erworben wurde und das zu einer Zeit, wo andere Unternehmungen nicht imstande sind, ihre Auslandsschulden zu zahlen. Dadurch hat die Kohlenbasis von Stinnes eine wesentliche Erweiterung erfahren. Man spricht daher schon davon, daß Stinnes junior eines Tages wieder zu den großen Kohlenmagnaten der Ruhr gehören wird und daß er, nachdem man jahrelang nichts von ihm hörte, im Begriff ist, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. fügt ist. Damit aber nicht genug. Soll ein vernünftiges Ver Weitergeben! hältnis zwischen Ein- und Ausfuhr wieder hergestellt werden, dann müssen die Störungsursachen beseitigt werden, das heißt aber die Etats müssen in Ordnung gebracht, die Subventionen eingestellt, die Rüstungsausgaben herabgesetzt, die Steuerbegünstigungen aufgehoben werden. Vor allem aber muß die Inanspruchnahme der Notenbank durch die Wechselfabrikation aufhören, diese Finanzierung der Arbeitsbe schaffung kann nicht fortgeführt werden, Weitergeben! Werfen Sie die ,, Deutsche Freiheit" nach dem Lesen nicht fort. Geben Sie das Blatt an Leute weiter, die der Aufklärung und Belehrung bedürfen! Deutsche Stimmen Beilage zur Deutschen Freiheit" Ereignisse und Geschichten Denis Diderot ,, Diderot ist Diderot, ein einzig Individuum; wer an ihm oder seinen Sachen mäkelt, ist ein Philister, und deren sind Legion. Wissen doch die Menschen weder von Gott, noch von der Natur, noch von ihresgleichen dankbar zu empfangen, was unschätzbar ( Goethe an Zelter.) ist." Vor hundertfünfzig Jahren starb Denis Diderot, einer der größten und interessantesten Geister der französischen Aufklärung. Der Erinnerungstag dieses großen Toten läßt etwas von dem Glanz und der Besonderheit seines Wesens aufleuchten, dessen Würdigung dem modernen Menschen freilich nicht leicht wird. Er war ein genialer Mensch, dessen Produktion aber eine kritische Tendenz hatte. Immer bedurfte es eines Anstoßes von außen, um ihn tätig werden zu lassen. Faßt man ihn aber in seiner Tätigkeit, dann wirkt er als durchaus origineller und selbständiger Geist, der den großen Führern der Nation jener Epoche: Montesquieu, Voltaire und Rousseau durchaus ebenbürtig, wenn nicht überlegen war. Er war zwar Materialist und betonter Atheist, hörte aber trotzdem nicht auf, ein von der Idee des Wahren, Guten und Schönen bis zur Ekstase begeisterter Mensch zu sein. Außer den Schriften, die er bei Lebzeiten veröffentlichte und die nicht ohne Rücksicht auf den Druck der Zensur entstanden, fanden sich noch viele nach seinem Tode, die uns zeigen, daß er noch andere Welten in sich trug. Diderot wurde am 5. Oktober 1713 zu Langres in der Champagne als ältester Sohn eines Messerschmiedes geboren. Sein Vater war ein geachteter und charakterfester Mann, der in der Stadt allgemeines Ansehen genoß und mit dem er durch innige Liebe verbunden war. Sehr früh wurde der junge Denis von seinen Eltern für den geistlichen Stand bestimmt und schon mit zwölf Jahren tonsuriert. In der Schule war der Knabe zwar seinen Kameraden an Begabung und Wissen überlegen, doch in der Erfüllung seiner Pflichten nachlässig. Eines Tages erschien er bei seinem Vater mit der Erklärung, daß er seine Studien nicht fortsetzen wolle. ,, Du willst also Messerschmied werden?" fragte dieser. ,, Von Herzen gern," antwortete er. Nun wurde er an die Seite des Vaters gestellt und verdarh fünf oder sechs Tage lang die Messer. Plötzlich stand er auf, griff nach seinen Büchern und kehrte zur Schule zurück.„ Ich ziehe die Ungeduld der Langweile vor," sagte er. Mit fünfzehn Jahren kam er nach Paris ins Kollegium der Jesuiten. Der Eintritt in den geistlichen Stand war ihm nicht mehr möglich, da er durch seine philosophischen und mathematischen Studien von dem kirchlichen Glauben abgefallen war. Er studierte zwei Jahre Jus bei einem Advokaten, doch auch dieser Beruf hatte wenig Reiz für ihn. Alle Freizeit, die er erübrigen konnte, widmete er dem Studium der griechischen und lateinischen und italienischen Sprache. Bald gab er die karge Berufstätigkeit auf, blieb sich nun selbst überlassen und lebte bald in guter, bald in schlechter Gesellschaft, meist aber in bitterer Daseinsnot. Die Wissenschaft, der er mit allen Kräften diente, bot ihm die wenigen, kargen Hilfsquellen seiner Existenz. Zunächst gab er Unterricht in Mathematik. Doch auch dabei machte sich die oft zügellose Ungebundenheit seines Wesens geltend. Sagte ihm ein Schüler durch gute Anlagen und schnelle Auffassung zu, so dehnte er die Stunden zum Tage aus, fand er einen Dummkopf, kam er nicht wieder. Man zahlte ihm mit Büchern, mit Wäsche, mit Mahlzeiten, mit Geld zuweilen auch nicht. Einmal wurde er einem Finanzier Random d'Hannecourt als Hauslehrer empfohlen und forderte hundertfünfzig Franken Jahresgehalt. Dies wurde ihm bewilligt. Er schlief mit den beiden Söhnen des Hauses, unterrichtete sie, ging mit ihnen spazieren, sonst aber hatte er wenig Verkehr. Dieses gesicherte, gleichmäßige Leben hielt er drei Monate aus, dann ging er auf und davon, obwohl man alles aufbot, um ihn zu halten. Die Unabhängig. keit und Freiheit der Studien erleichterte ihm das Elend, in dem er lebte. Er hatte einige Freunde, mit denen er zusammen lebte, und versuchte, was sich gerade traf. Auch Schauspieler wollte er einmal werden. In dieser Zeit bitterer Daseinsnot schwur er, daß er niemals einem Bedürftigen etSamstag, den 11, August 1934 bite in späteren was verweigern werde, und seine Tochter erzählte in späteren Jahren, daß er diesen Eid genau erfüllt habe. Mit dreißig Jahren heiratete er heimlich, da seine Familie die Einwilligung verweigerte, und die Sorge für den Unterhalt der Seinen zwang ihn nun zu einem geregelten Erwerb. Zunächst begann er zu übersetzen. Seine erste selbständige Schrift waren die ,, Pensees philosophiques", eine gegen die christliche Kirche gerichtete Flugschrift, die auf Beschluß des Parlaments am 7. Juli 1746 verbrannt wurde. 1757 wurde dieselbe Arbeit unter dem Titel ,, Extremes aux Esprits forts" wieder gedruckt und erschien seitdem öfter. Im Jahre 1746 hatte Diderot zusammen mit andern Mitarbeitern ein ,, Dictionnaire universel de medicine" in sechs Bänden herausgebracht, das er aus dem Englischen übersetzt hatte. Der Beifall, mit dem dieses Werk trotz seinen Mängeln aufgenommen wurde, brachte ihn auf die Idee, ein enzyklopädisches Lexikon zu schaffen, zu dessen Ausführung er sich 1751 mit Rousseau, Marmontel, d'Alembert und andern ver• An die Kriegstreiber Vor Jahren habt ihr noch den Krieg verdammt Im Kellogpakt. Jetzt diskutiert ihr ihn schon allesamt Zynisch und nackt. Ihr hofft auf ihn als letzte Möglichkeit Für eure Macht, Eh' eure Diktatorenherrlichkeit Zusammenkracht. Ihr Teufel, eure Rechnung hat ein Loch! Krieg oder nicht, Die Völker, die ihr schändet, ziehn euch doch Vor ihr Gericht! Der große Tag der Freiheit ist nicht fern, Trotz Tod und Qual. Ihr ruft den Massenmord auf diesen Stern Zum letztenmal! einigte. Diderot selbst übernahm die Leitung und Organi Russisch belastet" sation des Werkes und die Ausarbeitung aller die Künste und das Gewerbewesen betreffenden Artikel. Der Ruhm dieser Arbeit sichert ihm in der Geschichte der Kultur einen Namen. Eine Enzyklopädie kam seiner universellen Bildung, seiner improvisatorischen Natur, seinem Kritikbedürfnis entgegen. Das englische Werk ,, Cyclopedia or a universal dictionary of Arts" von Ephraim Chambers, das im Jahre 1727 in London erschienen war, machte er zur Grundlage seiner national- französischen Arbeit, die aber unendlich mehr wurde. Für dieses gewaltige Unternehmen wußte er die ersten Autoritäten der verschiedenen Fächer zu gewinnen. Zwanzig Jahre nahm die Ausarbeitung dieses großen Werkes in Anspruch. Viele Mitarbeiter starben in dieser Zeit, andere traten zurück, als die Regierung die Arbeit bedrohte und den Namen eines Enzyklopädisten mit dem eines Gottlosen gleichstellte. Die Kosten des französischen Lexikons ,, Dictionnaire raisonne des sciences, des arts et metiers" waren so bedeutend, daß ein einzelner Buchhändler sie nicht übernehmen konnte. So erschien sie auf Subskription, und die Zahl der Abonnenten wuchs im Laufe der Jahre auf 4000. Der Text des großen Werkes umfaßt siebzehn, die Bilder und Kupferstiche elf Foliobände. Diderot übernahm in der großen Ausgabe die Darstellung der Philosophie und die Beschreibung der technischen Künste. Jeder Artikel in dem Dictionnaire wurde mit einem Buchstaben bezeichnet, der den Verfasser andeutet. Alle Artikel ohne solche Hinweise sind von Diderot. Er hat Außerordentliches geleistet. Oft war seine Lage verzweifelt, wenn er von einem Mitarbeiter im Stich gelassen war und selbst einspringen mußte. Außer den Artikeln über die Geschichte der Philosophie, zu denen er sich verpflichtet, hat er noch eine Menge andrer über Aesthetik, Grammatik, Rhetorik, Psychologie, Pädagogik geliefert. Die Anzahl der Artikel über Technologie, die er übernommen, beträgt 990. Die supplementarischen Aufsätze, die er zu schreiben hatte, betreffen alle Gebiete. Er erfuhr heftige Angriffe. Einmal sollte das Manuskript mit Beschlag belegt werden. Diderots Tochter erzählt, daß der diensthabende Beamte ihrem Vater tags zuvor von der Gefahr Mitteilung machte, die sein Werk bedrohte. Diderot stellte ihm nun vor, wie schwierig es sei, so viel Manuskripte wegzuschaffen, besonders aber in 24 Stunden Leute zu finden, die sie sicher verwahrten. Da erwiderte ihm der Beamte, er möge sie zu ihm schicken, bei ihm würde sie niemand suchen, und Diderot schickte die Hälfte seiner Arbeit zu dem Beamten. Die Regierung ließ den Druck der Arbeit heimlich gewähren. Der Gewinn der zwanzigjährigen Arbeit aber war so unbedeutend, daß Diderot sich genötigt sah, seine Bibliothek zu verkaufen. Die Kaiserin Katharina II. von Rußland kaufte sie und überließ sie ihm zum Gebrauch auf Lebenszeit. Um ihr zu danken, folgte er ihrer Einladung nach Petersburg, wo die Kaiserin für sein Alter sorgte. Nach seiner Rückkehr aus dem großen Reich erlebte er noch ein stilles Alter in der Heimat und starb vor 150 Jahren am 30. Juli 1784. Geschichtsfälschung als Wissenschaft Zu wenig Germanengeschichte? Die germanische" Geschichte ist große Mode. An allen Ecken und Enden befaßt man sich mit ihr, in allen möglichen Winkeln gräbt man, um Hakenkreuze zu finden. Der FAD. soll zum Graben systematisch erzogen werden. So hat der Arbeitsgau VIII für seine Arbeitsführer eine ganze germanische Sammlung eingerichtet, damit die sich in Hinkunft auskennen, wenn sie irgend etwas ausgraben. Der Einfachheit halber streckt man die sogenannten germanischen Funde mit keltischen und illyrischen. Das Stadtmuseum in Düsseldorf zum Beispiel, das eine Abteilung ..Germanengeschichte" einrichtet, hat für diese Abteilung zu wenig Germanisches. So hilft man sich damit, daß man auch keltische und illyrische Reste auf deutschem Boden berücksichtigt". Ist nun aber dieser Boden, da Kelten und Illyrier vor den Germanen auf ihm saßen, nicht eigentlich illyrisch oder keltisch? Solche Bedenken hat niemand, germanisch ist die Mode, also folgt man ihr. Ob dabei Geschichte gefälscht wird oder nicht, das ist den Wissenschaftskrisengewinnern ganz und gar gleichgültig. Wie das gemacht wird, zeigt eine gelehrte Abhandlung von einem Dr. Otto Walzer. Bisher galt es als ausgemacht, daß die Germanen Pflug und Hacke spät von Römern und Slawen übernommen hätten. Dafür gibts eine Fülle von Beweisen und Beispielen aller Art, komplizierte und einfache Theorien. Die Nazigermanen sagen kühn: ,, Heute aber sind wir in der Lage, nachzuweisen, daß daran kein Wort wahr ist, daß vielmehr die Germanen zu einer Zeit, in der selbst die hochentwickelte Getreidekultur Altägyptens noch nicht bestand, schon Ackerbauer von Rang waren." Nur die Herren vermeiden es, ihrer Behauptung die Nachweise folgen zu lassen. Die Nachweise entsprechen nämlich genau der wissen55 schaftlichen Bedeutung der Ura- Linda- Chronik. Oder: der gleiche Walzer schreibt:, Wir haben in Deutschland einen Weinbau, von dem gemeinhin gesagt wird, er sei erst durch die Römer eingeführt worden. Auch das scheint nach den neuesten Forschungen nicht zu stimmen. Vielmehr findet sich, wie unlängst Ida Hahn mitteilte, bei dem Franzosen Le Grand d'Aussy, einem gewiß unverdächtigen Zeugen, die Angabe, der französische Wein teile sich in Pflanzen römischer und germanischer Provenienz. Der römische Wein sei in Frankreich von Marsilia, dem heutigen Marseille, aus eingeführt worden( und von ihm stammen die Weine von Bordeaux und Burgund), der germanische Wein habe das nordfranzösische Gebiet erobert( wozu also in erster Linie die Champagne zu zählen wäre, wahrscheinlich auch die nördlichen Teile von Burgund). Le Grand d'Aussy meint weiter, daß das Wort ,, Aussois" oder„ Auxois" als Herkunftsbezeichnung nordfranzösischer Weine bekannt ist, nichts anderes bedeute als die Französierung des Wortes ,, Elsaß". Man weiß aber, daß das Elsaß in den fraglichen Zeiträumen durch und durch germanisch war und außerdem bekannt dafür, daß es eine Gemüse- Hochzucht betrieb, wie sie damals in Frankreich und den römischen Ländern vollkommen unbekannt war. übrigens auch hier wieder ein Fingerzeig für die landwirtschaftliche Ueberlegenheit germanischer Stämme...." Wie sinnlos und albern dieses ganze Geschwätz ist, braucht nicht erst gesagt zu werden; danach muß natürlich der gute alte Karl der Große samt seinen biederen Franken aus der deutschen Geschichte ausgemerzt werden. Die Deutschen hatten einmal als Vorgeschichts- und Frühgeschichtsforscher einen guten Ruf. Der ist dahin. Ihre heutige Geschichtsforschung spielt sich nach der alten Anekdote ab: Bei Ausgrabungen in Athea fand man in der Tiefe von 10 Meter Horatio. In einer Besprechung der in Mannheim ausgestellten. Bilder des Malers Friedrich Radziwill erzählt das ,, Hakenkreuzbanner", es sei unmöglich, bis zum innersten Wesenskern des Künstlers vorzudringen, den Charakter seiner Malerpersönlichkeit absolut klar zu umreißen. Den entscheidenden Schlüssel für diese Schwerverständlichkeit gibt natürlich die Rassenlehre. ,, In seinen Adern fließt kein reinrassisches Blut. Während seine Mutter eine Friesin war, ist sein Vater russisch belastet." Nachher wird noch in einem Selbstbildnis ,, eine gewisse russische Schwere" gefunden. Eine wirklich vereinfachte Kunstbetrachtung, deren vornehmste Quelle das Standesamtsregister ist. Die ganze Höhe der germanischen Edelrasse aber blickt beinahe auf den Armen aus der niederen Rasse, der, sei es auch nur von einer Seite, russisch belastet ist. Wie wird man da erst den ..Führer" deuten dieses Bastardgebilde von deutschem, tschechischem und aller Wahrscheinlichkeit nach auch jüdischem Blut! Braune Volkskunde Die Philosophie wird entthront Ein Herr Dr. Alfred Heusler wendet sich in auffallend schlechtem Deutsch gegen die Philosophie; an ihre Stelle habe die Volkskunde zu treten. Seine Beweisführung sei als Beispiel der nazideutschen Wissenschaft wörtlich zitiert: ,, Wir meinen, daß die Aufgabe, Königin der Wissenschaften zu sein, in näherer Zeit von der Philosophie auf die Volkskunde übergehen muß, nein, nicht auf die Volkskunde; Volkskunde ist heute noch ein viel zu beschränkter Umkreis, als daß sie eine derartige Aufgabe zu erfüllen vermöchte. Was wir glauben, ist, daß ehestens eine Volkswissenschaft entstehen muß, ein Mittler zur Erkenntnis des Ganzen und Großen deutscher Nation. Sämtliche Disziplinen, seien es die sogenannten exakten oder die geistwissenschaftlichen, werden das Ihre dazu beizutragen haben, daß dieser Volkswissenschaft ihr Material geliefert werde, aus dem heraus sie Werden, Sein und Zukunft der Nation zu erkennen vermag." Und solcher Quatsch nennt sich Wissenschaft. Victor Hugo in russischer Sprache aus Der Moskauer Staatsverlag hat durch den Literaturhistoriker Professor Nussinow einen Auswahlband Victor Hugos Werken zusammenstellen lassen, der in Kürze als Vorbereitung der Feier des 50. Todestages des franzö sischen Dichters erscheint. Neben Auszügen aus literarischen Werken( Männer des Meeres und ,, Der Mann, der lacht") wird der Band auch Reden und polemische Artikel enthalten, die zum Verständnis der Persönlichkeit Hugos notwendig sind. Drähte, woraus man schloß, daß man im alten Athen die Telegrafie gekannt habe. Bei Grabungen in Jerusalem stieß man bis in die Tiefe von 100 Meter vor und fand keine Drähte, woraus man schloß, daß die alten Juden bereits die drahtlose Telegrafie gekannt hätten. Auf diesen Stand ist die deutsche Geschichtswissenschaft gekommen. Die Universitätsgelehrten schweigen entweder angstvoll und diszipliniert oder machen mit wie z. B. der Hans Naumann, der eines seiner Werke gar dem Adolf Hitler Stefan George widmet. Tiefer ist die deutsche Kultur noch nie erniedrigt worden. und Zeit- Notizen Erich Ziegel verläßt Hamburg Erich Ziegel hat die Leitung der Hamburger Kammerspiele im Thalia- Theater aus persönlichen Gründen niedergelegt und wird, wie aus Wien berichtet wird, die Wiener Kammerspiele übernehmen, die er auf drei Jahre gepachtet hat. Mit Ziegel verliert das Hamburger Theaterleben seine beste Kraft, die am erfolgreichsten bei der Pflege des eigentlichen Kammerspiels im Besenbinderhof und im Alten Haus an den Großen Bleichen zur Auswirkung kam. Autarkie bei den alten Germanen In einem Bericht über Ausgrabungen prähistorischer und historischer Funde heißt es: ,, Die Landesanstalt für Vorgeschichte fand in Schweinert, dem größten Gräberfeld Mitteldeutschlands..., mehrere erstaunlich reiche und schöne Gefäße aus der Bronzezeit, dazu viele Reste kleinerer Bronzestücke, u. a. eine Tasse mit einer siebartigen Bodendurchlöcherung. Früher meinte man, daß solche Gefäße aus späterer Zeit seien und als römischer Import gelten müßten, die neuen Funde scheinen zu beweisen, daß solche Stücke autonomin Germanien in Gebrauch waren." ,, Deutsche Freiheit", Nr. 184 Das bunte Blatt Eine Komödiantin gestorben Zum Tode Marie Dreßlers Eine der drei berühmtesten Stars Hollywoods neben Greta Garbo und Mae West ist nicht mehr. Die populärste Komödiantin des amerikanischen Films, Marie Dreßler, ist am 28. Juli auf ihrer Besitzung in Santa Barbara gestorben. Seit Ende Juni ringt sie mit dem Tode, und nur durch ein Wunder an Energie gelang es ihr, den Krebs, an dem sie litt, noch einen vollen Monat in Schach zu halten. Sie war 65 Jahre alt und stand auf der Höhe ihres Ruhms. Sie ist in Kanada als Leila Koerber im Jahre 1869 geboren. Im Alter von 15 Jahren kam sie durch eine Annonce zum Theater und nahm den Namen Marie Dreßler an, den sie bis zu ihrem Tode beibehielt. Sie debütierte auf der Bühne in den populärsten Operetten jener Zeit von Gilbert und Sullivah, besonders im „ Mikado". Im Jahre 1892 wurde sie während einer Provinz= tournee von einem Neuvorfer Impresaris bemerkt, der entzückt von ihrer Rebhaftigkeit und den Qualitäten ihrer Stimme, sie in die Großstadt nahm. Hier lernte sie die klaj= sischen Kämpfe einer Künstlerin fennen: ein unerhörter Erfolg, der sie einen unendlichen Ruhm erhoffen ließ und dann plötzlich ohne augenscheinlichen Grund der Abfall ihres Publikums, Armut. Im Jahre 1905 hat sie einen riesigen Erfolg in London und wird dort die bestbezahlteste Ope= rettenfünstlerin der Zeit. Seit diesen Tagen will sie zum Film. Im Jahre 1909 drehte sie einige furze Stoffe mit Charlie Chaplin. Das dauerte aber nicht lange und gestattete ihr nur zu erkennen, daß sie vor allem eine Komödiantin jei. Im Jahre 1924 gestand sie:„ Ich war zu häuslich, zu familiär für eine Primadonna, zu schwer für eine SonDer Sprung auf die Erde Der russische Flieger Evdo Rimoff erzählt von seinem Fall schirm- Absprung aus 8100 Meter Höhe Bor einigen Tagen hat der russische Flieger Evdo Kimoff einen neuen Weltrekord aufgestellt, einen Rekord im Fallschirm- Absprung, der alle bisher erreichten Leistungen auf diesem sportlichen Gebiet bei weitem übertrifft. Dem russischen Flieger gelang der Absprung aus 8100 Meter Höhe, und es gehört keine große Fantasie dazu, um sich ein Bild von den Gefahren zu machen, mit denen ein solcher Sprung aus den Wolfen auf die Erde verbunden ist. Es gehört eine beispiellose Kühnheit dazu, diesen Sprung zu wagen, der immer leicht ein Sturz in den Tod sein kann. In der militärischen Zeitung der Sowjets wird jetzt die Erzählung des kühnen Fliegers veröffentlicht, wie er seinen brette." In den Jahren 1922 bis 1923 zog sie von Bühne zu Bühne. Aber erst mit Beginn der Tonfilme kam der rechte Erfolg: ihre sehr bewegliche Stimme, ihre Ausdruckskraft und Mimik, ihr an Zeichen von Güte oder Wohlwollen reiches Gesicht sicherten ihr bald die Stellung als„ größte Komödiantin des amerikanischen Films". Vor einigen Monaten faufte sie ihre Besitzung, auf der sie jetzt starb, ein Wunsch, der erst nach 47 Jahren harter Arbeit in Erfüllung ging. Sie war hoch erfreut, endlich ein eigenes„ home" zu besitzen:„ Ich habe in 1000 Hotels gelebt, in Millionen Pullman- Kabinen geschlafen, aber bis dahin hatte ich weder einen Stein noch eine Holzwand, die ich ,, mein" nennen konnte." Einen Monat später legte sie sich hin, um nicht wieder aufzustehen. Sie war verheiratet, aber sprach nicht davon. Mister Dreßler, wie man ihn nannte, bebaute eine kleine Farm in Vermont. Sie hatte keine Kinder und beklagte sich oft darüber:„ Ich hätte 12 Jöhren haben müssen“, liebte sie zu sagen, die ich alle selbst angezogen und gewaschen hätte." Wer denkt da nicht an ihren unvergessen bleibenden Film„ Die Perle"! Im Januar 1927, als sie gerade wieder anfing, bekannt zu werden, fast 60 Jahre alt, sagte ihr ein Astrologe sieben Jahre des Glücks und des Ruhms voraus, sieben Jahre und nicht mehr. Er hat Recht behalten. Oft hatte sie ihr Los rühmend vor dem der jungen Kolleginnen hervorgehoben, deren Schönheit vergänglich wäre und die dann brotlos wären. Sie könne nur der Tod und nicht die Beherrscher des Films abberufen. So war es dann auch. Jeder bedauert diesen so plötzlichen Tod, denn es gibt nicht viele, die sie ersetzen können, und vielleicht keine, die so beliebt ist. C. A. von Wolfen bedeckt. Erst etwa 700 Meter vom Boden entfernt tam ich aus den Wolken heraus. Die Erde schien mir entgegen zu fliegen..." Und dann fährt Evdo Kimoff fort:„ Als ich den Ring zog, blieben mir nach meiner Schätzung nur dreieinhalb Sefunden freien Sturzes bis zur Erde. In diesem Augenblick zersprang der Sekundenmesser. Ich blickte nach oben, der Fallschirm flatterte bereits über mir. Einige Sekunden später landete ich sicher und gesund auf der Erde..." Das ist die kurze Erzählung dieses Odysseus der Lüfte, aber läßt sich überhaupt mit Worten all das Abenteuerliche schildern, das ein Mensch auf dieser Reise zwischen Himmel und Erde erleben mußte? R. P. Bersuch vorbereitete, und wie ihm schließlich der große Das Denkmal des Verbrechens Sprung" gelang. Ein Held der Lüfte berichtet... Biele Monate vor seinem Refordversuch, so erzählt Evdo Kimoff, hatte er bereits das„ Training" aufgenommen und seit dem 1. Mai hatte er nicht weniger als neunzehn Probesprünge unternommen. Nun spricht er gleich von seinem ge= glückten Absprung aus 8100 Meter Höhe:„ Als wir aufstiegen, wurde das Wetter zusehends trüber, Wolfen tauchten auf, und die Erde verschwand aus unserem Blickfeld. Beim zweiten Signal des Piloten löste ich den Riemen, mit dem ich im Flugzeug befestigt war. In diesen kurzen Augenblicken spürte ich einen Mangel an Sauerstoff. Auf das dritte Signal des Piloten ließ ich mich ins Leere fallen. Im gleichen Augenblick stellte ich den Sekundenmesser ein. In einer Höhe von ungefähr 6000 Meter geriet ich in das erste Wolken= lager, aber ich sah die Erde noch nicht. Unter mir war alles Man fennt Denkmäler, die aus allen möglichen Stoffen hergestellt waren. Die originellsten waren bisher diejenigen, die man aus der Bronze von Kanonen hat machen lassen. Aber nie war es bisher bekannt geworden, daß Folter= instrumente zur Errichtung eines Denkmals gedient haben. Ein derartiges Denkmal hat man jetzt im Park Moncloa von Madrid zur Erinnerung an die große spanische Kriminalistin Conception Arenal aufgestellt. Diese Statue ist aus den Foltereisen und den Ketten gemacht, deren man sich in den spanischen Gefängnissen bediente. Conception Arenal wurde im Jahre 1864 von der ersten spanischen Regierung zur Generalinspektorin der Frauengefängnisse ernannt, und die heutige Regierung hat dieses seltsame Mittel gefunden, um das Andenken dieser Vorfämpferin des Verbrechens zu verewigen. Samstag, 11. August 1984 Touristik in Andorra Das kleine Pyrenäenland Andorra, das ganze 600 Eins wohner zählt, hat gerade in den letzten Tagen wieder von sich reden gemacht, als ein Abenteurer sich zum König“ von Andorra aufschwingen wollte. Aber jetzt liegt die kleinste Republik der Welt wieder in tiefstem Frieden, beherrscht von Spanien und Frankreich, und die friedlichen Reize des Landes werden in Zukunft sicher manchen Reisenden anlocken. In der Hauptstadt" Andorra- Viella, die ganz wie ein tatalanisches Felsennest in 1050 Meter Höhe an einem wilden Bergabhang klebt, steht das Gemeindehaus, die Casa de la Val. Hier regiert der aus 24 Köpfen bestehende„ Generalrat" von Andorra. Im Erdgeschoß ist der Stall für Maulesel der Herrn Gemeinderäte, eine Steintreppe führt zum ersten Stock, in dem sich die Gemeindeschule, der Speisesaal und das Rathauszimmer befinden. Daneben liegt die kleine Kapelle des Heiligen Armengol. Noch ein Stockwerk höher, und man befindet sich in den Schlafgemächern der Gemeinderäte. Man sieht: in Andorra lebt man noch heute in altpatriarchalischer Art. Das Ländchen ist in den letzten Jahren touristisch erschlossen worden. Man kann jetzt in Hotels in AndorraViella, Encamp, Escaldes und dem größten Dorf von Andorra, Sant Julia- de- Loria übernachten. Namentlich für Wanderer, die eine Berglandschaft mit mannigfachen Steigerungen lieben, ist eine Wanderung durch Andorra sehr zut empfehlen. Für die Bequemeren hat, in diesem Sommer zum ersten Male, die Paris- Orleans- Midi- Eisenbahngesellschaft einen eintägigen Auto- Ausflug von dem Heilbade Air- lesThermes nach Andorra- Viella und zurück eingerichtet. Diese Route führt durch die Schluchten des Ariege, die Brücke und die Kaskaden von Saillens nach Hospitalet, steigt bei Port d'Envaliera, dem Einfallstore von Andorra, bis zu 2400 Meter empor und folgt dann dem Flußtal Walira del Orten, vorüber an charakteristischen Dörfern und Landschaften dieses sehr eigenartigen Pyrenäen- Ländchens. 225 Jahre Eau de Cologne In der vergangenen Woche waren 225 Jahre vergangen, als der Italiener Johann Maria Farina in Köln seine berühmte Fabrik für parfümiertes Wasser gründete, das in der ganzen Welt unter dem Namen der Stadt bekannt ist. Wenn man einer anläßlich dieses Jubiläums aufgestellten Statistik Glauben schenken darf, so ist in der Welt seit 1711 eine solche Menge Eau de Cologne verbraucht worden, die genügen würde, das Rheinbecken vom Bodensee bis zur holländischen Grenze mit einem Stand von 2,10 Meter anzufüllen, und die Korfen der bisher verkauften Flaschen sollen nach der gleichen Statistik dazu genügen, eine Pyramide zu erbauen, die zweimal so hoch ist wie die Cheops- Pyramide. Was für ein Geschäft! Die Straßen des Ministers Nach Bukarest hat jetzt auch Belgrad den französischen Außenminister durch Benennung einer Straße mit seinem Namen beehrt. Die Straße in der jugoslawischen Hauptstadt, die bisher Cetinjska hieß, wird fünftig Louis- BarthouStraße heißen. Herrn Barthon sind von den frischgemachten Straßenschildern prachtvolle Fotografien übersandt worden und die französischen Zeitungen erlauben sich die Zwischenbemerkung, daß ihm gewiß auch ein Straßenschild in Original mit seinem Namen überreicht worden sei, damit er einmal, falls er sich ein Museum mit seinen persönlichen Erinnerungen anlegen will, darin als besonderes Prachtstück figuriere. Ja, wer viele politische Reisen tut, der bringt manchmal gleich ganze Straßen heim! Unsere Töchter, die Mazínen 16 Roman von Hermynia 3ur Mühlen. Endlich gingen die drei unten auf der Straße auseinander. Jeder in eine andere Richtung. Ich atmete erleichtert auf, trat zu Seppel und rüttelte ihn wach. Es war keine kleine Arbeit. Seine verschwollenen Augen öffneten sich wohl, aber nur für eine Sekunde, dann fielen sie wieder zu und er murmelte wie ein schläfriges Kind: „ Schlafen lassen, bitte, schlafen lassen." Mit vieler Mühe gelang es mir, ihn vom Sessel zu ziehen und ihn ins Schlafzimmer zu schleppen. Er taumelte wie ein Betrunkener. Ich zog ihn zu meinem Bett; er sank darauf nieder und schlief auch schon wieder ein. Ich kniete neben ihn hin und zog ihm Schuhe und Strümpfe aus. Er hatte sich wundgegangen; wer weiß, woher er fam, wie lange er unterwegs gewesen war. Ich weiß, daß die unseren oft hinüber ins Bayerische gehen. Was sie dort tun, weiß ich allerdings nicht; meine Toni meint, es sei besser, wenn ich es nicht wisse. Ich wusch dem Seppel die Füße, er merkte es nicht einmal, so sest schlief der arme Kert. Nachher deckte ich ihn zu und ging in die Küche zurück. Und wieder begann ich zu warten und zu lauschen. Die alte Uhr tickte so unheimlich, als zähle sie mit ihrem müden Schlag die Sekunden, die uns noch zum Leben bleiben. Ich dachte an die Tage zurück, da mein Anton sie mir geschenkt hatte. Wie anders war es damals gewesen. Jetzt ist mein Anton tot, und ich muß mich fast darüber freuen, daß er friedlich in seinem Bett sterben durfte. Was ist das für eine Welt, in der man froh sein muß, wenn ein lieber Mensch sich durch den Tod vor Qualen und Entsetzen gerettet hat? Ja, mein Anton ist tot, aber unsere Toni lebt... Ich schauderte zusammen, als mir dieser Gedanke fam: lebt sie denn noch? Sie ist spät nachmittags fortgegangen, und ich weiß nicht, ob ich sie je wiedersehen werde. Unten auf der Straße schlug von neuem der Hund an. Ich hörte laufende Schritte ich hörte, wie die Haustür leise ge= öffnet und geschlossen wurde. Ich schlich zur Küchentür. Die Schritte schienen einen Augenblick zu zögern, dann kamen sie die Treppe herauf, eilig, der Mensch mußte immer einige Stufen auf einmal nehmen. Sie kamen in mein Stockwerk, mir blieb fast das Herz stehen. Und jetzt, jetzt hielten die Schritte vor meiner Küchentür inne, jetzt pochte es leise an der Tür. Ein Feind oder einer der Unseren? Wenn ich nicht öffne, kann ich einen Menschen ins Verderben stürzen, wenn ich aber öffne, fann es für Seppel den Tod bedeuten. Ich starrte die Türklinke an. Sie bewegte sich. Sie wurde niedergedrückt. Ich entzündete rasch das Licht und fragte: „ Wer ist da?" Nun ging die Tür auf, und ein Mann in SA.- Uniform fiel fast in die Küche. Er war verrauft und hatte an der Stirn eine blutende Wunde. Wir standen einander gegenüber. Ich hatte nur den einen Gedonken: er darf nicht ins Nebenzimmer. Aber wenn der zweite fommt, wenn das wieder eine Haussuchung ist, was tue ich dann? Der junge Mann feuchte; er versuchte etwas zu sagen, aber join Atem setzte aus. Nun erst sah ich, daß er am ganzen Körper zitterte. „ Was wollen Sie?" fragte ich.„ Es war doch erst vor sechs Tagen Haussuchung bei mir. Und es wurde nichts gefunden." Der junge Mann sank auf den Sessel, auf dem noch vor einer halben Stunde Seppel geschlafen hatte und sagte feuchend: „ Keine Haussuchung... Verstecken Sie mich, um Gottes Willen, verstecken Sie mich..." Also ein Provokateur. Es war kein Mensch aus unserer Stadt und wohl auch nicht aus dem Badner Land, denn er sprach mit einem norddeutschen Akzent. „ Gehen Sie heim," sagte ich so ruhig ich konnte.„ Es ist spät. Was wollen Sie von mir?" Er starrte mich mit weitaufgerissenen Augen an, und nun merkte ich erst, wie jung er war, vielleicht neunzehn Jahre. " Sie wollen mich verhaften," flüsterte er, noch immer nach Atem ringend. Ich blickte auf seine Uniform und fragte ungläubig: „ Sie sollen verhaftet werden?" " Ja, mein Gott, wie soll ich es Ihnen verständlich machen? Ich bin kein Feind, jetzt nicht mehr. Sie haben Flugblätter bei mir gefunden, die Flugblätter der revolutionären SA. Sie haben mich festgenommen. Geschlagen. Aber zwek Kameraden, die mich ins Gefängnis bringen sollten, haben mich laufen lassen. Einer hat mir Ihre Adresse zugeflüstert. Ich kenne mich ja hier nicht aus. Ich bin vor einer Woche aus Berlin gekommen. Und jetzt... Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber wenn Sie ein wenig Mitleid haben, verstecken Sie mich, ich flehe Sie darum an. Ich weiß doch, wie es einem ergeht, wenn..." Nebenan schlief der Seppel, der seit Wochen gesucht wird, und nun saß hier, nur durch die Tür von ihm getrennt, ein SA.- Mann und slehte um Hilfe. Und ich wußte und wußte nicht, ob das Ganze nicht eine Falle war. " Wissen Sie was," sagte ich, ich werde Ihnen die Wunde waschen und dann gehen Sie schön nach Hause." Er blickte mich an wie ein Wahnsinniger, dann faltete er die Hände wie ein kleines bittendes Kind. „ Ich weiß nicht, ob Sie einen Sohn haben. Vielleicht haben Sie einen, und er ist in Gefahr. Um seinetwillen bitte ich Sie..." Wenn ich doch gewußt hätte, ob dieser junge Mensch die Wahrheit sprach. Er bemerkte mein Mißtrauen und sagte verzweifelt: „ Wie kann ich Sie überzeugen?" Plötzlich schien ihm ein Gedanke zu kommen. Er zog einen Stiefel aus und reichte mir ein beschmutztes verschwitztes Blatt. „ Lesen Sie, das sind unsere Forderungen." Ich las das Flugblatt. Es hätte fast aus einer unseret Geheimdruckereien stammen können. „ Und das haben Sie verteilt?" fragte ich staunend. " Ja, es kann doch nicht so weitergehen. Noch vor einer Woche haben wir geglaubt, daß der Führer nicht weiß, was geschieht. Noch vor einer Woche haben wir ihm vertraut. Aber jetzt... Das neue Gesetz... die Todesstrafe für alle, die die Wirtschaft stören... Die Großindustriellen, die noch immer an der Macht sind... Und die Kameraden, die sie ins Konzentrationslager geschleppt haben... Ist das die deutsch Revolution? Ist das unsere Revolution?" Die jungen Züge vor mir verzerrten sich. Ich hatte noch nie auf einem Gesicht einen solchen furchtbaren Haß gesehen. Fortschung folgt.) Jahresstatistik amm nezatu des faschistischen Terrors in Deutschland Feststellungen der Untersuchungskommission der Sozialistischen Arbeiter- In ernationale Die jüngsten Maſſenerſchießungen im Deutschen Reich, Hochverrat denen in der Mehrzahl langjährige Mordgesellen der Hitler und Göring zum Opfer fielen, haben in der Welt ein stärkeres Echo gefunden als alle die blutigen Verbrechen, die die Faschisten seit Anfang des Jahres 1933 ungestraft begehen konnten. Es ist noch immer so: in der kapitalistischen Gesellschaft wiegt ein proletarisches Opfer geringer als eines, das von den Nutznießern und Trägern der heutigen Ordnung gebracht wird. Die Liste der proletarischen Opfer verzeichnet schon viele tausende Namen, und doch sind sie erst ein Bruchteil dessen, was der Kampf gegen den Faschismus wirklich erfordert hat. Selbst bei sorgfältiger Beobachtung und Berichterstattung läßt sich der tatsächliche Umfang nicht exakt erfassen. Aber schon, was kontrollierbar und zu erfassen ist, ist schaurig genug; ist eine furchtbare Anklage gegen das System, die nie verstummen darf. Noch nie haben Menschen für die Treue zu einer Idee so schwere und so massenhafte Opfer bringen müssen, wie sie jetzt in Deutschland tausende bekannte und unbekannte Kämpfer für den Sozialismus bringen. Das hier folgende Material stützt sich fast ausschließlich auf die Nachrichten, die im Laufe eines Jahres, und zwar vom 20. Juni 1933 bis 20. Juni 1934, in der„ Deutschen Freiheit" Saarbrücken veröffentlicht worden sind. Diese Nachrichten sind unvollständig, aber eine lückenlose Zusammenfassung über das Wüten der Sondergerichte und des gesamten Justizapparates ist leider unter den bestehenden Verhältnissen nicht möglich. Massenhaft gehen Prozesse vor sich, ohne daß die Deffentlichkeit informiert wird. Die Justizpressestellen ziehen es vor, amtliche Mitteilungen über die Tätigkeit der Gerichte nicht mehr zu veröffentlichen. Das cat de Zehntausende in den Konzentrationslagern, den SA.- Kasernen und Polizeigefängnissen Jede illegale Betätigung, Flugblatt= verbreitung, Zeitschriftenvertrieb ist Hochverrat. Da die illegale Arbeit der sozialistischen Arbeiterschaft im dritten Reich" immer umfangreicher wird, werden Hochverrats- Prozesse beinahe zur alltäglichen Erscheinung. Bis Ende Juni 1934 endeten die von uns erfaßten Prozesse mit 817 Jahren Gefängnis- und 734 Jahren Zuchthausstr..fen. Die Justiz steigert ihre Grausamkeit von Tag zu Tag. Für die Verbreitung eines Flugblatts erkennt sie auf viereinhalb Jahre Gefängnis, für Zettelverteilung vor der„ Wahl" am 12. November 1933 wirft sie sechs Monate ans. Radiohörer, die russische Sender einschalten, erhalten wegen kommunistischer Propaganda zwei Jahre Gefängnis. Zusammentreffen von einzelnen gesinnungsverwandten Menschen in der Wohnung oder Spaziergänge gelten als geheime Sibungen und werden mit einem Jahr Freiheitsstrafe geahndet. Das Einschmuggeln des„ Neuen Vorwärts", der„ Deutschen Freiheit", die Verbreitung der ,, Sozialistischen Aktion" und Verbreitung sozialdemokra= tischer Flugblätter werden mit Zuchthaus bis zu 3 Jahren bestraft, auch wenn es sich nur um wenige Flugblätter handelt. Aber ob auch die Spürhunde der. Diftatur hinter den mutigen Menschen herjagen, ob in Dresden, Berlin, Braunschweig oder Nürnberg 60, 80, 100 und noch mehr sozialdemokratische Arbeiter auf einmal abgeurteilt werden die in der Arbeit entstandenen Lücken werden von neuen Kämpfern ausgefüllt. den Mißhandlungen der Faschisten ausgesetzt. Je mehr die Behörden des„ dritten Reiches" den Eindruck zu erwecken versuchen, als ob im Lauf der Zeit die unerfreulichen verschwunden jeder Revolution" Begleiterscheinungen wären, desto nachdrücklicher muß diese fortdauernde Schande in die Welt hinausgeschrien werden. Aus den Vernehmungen der Angeklagten und Zeugen in jedem neuen Prozeß, aus vielen persönlichen Mitteilungen geht die Tatsache hervor, daß die unmenschlichen Folterungen und Quälereien durch die Schergen Hitlers bis auf den heutigen Tag fortgesetzt werden. Groß ist die Zahl derer, die an den Folgen dieser entseẞlichen Mißhandlungen zugrunde gehen. Keine Nachricht dringt in die Oeffentlichkeit, wenn wieder eines der Opfer aus der Folterhölle in die Irrenanstalt überführt werden mußte. Viele sind es schon, die, zum Wahnsinn gebracht, elend dahinsiechen! Und auch wenn die Opfer unter den Schlägen und Fußtritten sterben, erfahren es selbst die Angehörigen erst nach längerer Zeit, wenn die Leiche inzwischen verscharrt ist. Unter 600 Todesopfern mehr als 100 Sozialdemokraten Eine Zusammenstellung der unter dem faschistischen Regime verübten politischen Morde ergibt rund 600 Todes= opfer. Darunter befinden sich Sozialdemokraten, Kommunisten, parteilose Arbeiter, Juden und in einzelnen Fällen auch oppositionelle SA.- Männer. Die Morde werden nach halchicht anscheinend, um dem Ausland Feststellungen über Beleidigungen der Führer und der SA. peridhiedensten Methoden ausgeführt, von denen die beliebdas Wüten der Terrorjustiz zu erschweren. In den in der Deutschen Freiheit" im Lauf eines Jahres crschienenen Meldungen wird über 432 Prozesse berichtet, in denen insgesamt gegen nahezu 1700 Personen verhandelt worden ist. In diesen Prozessen sind 87 Todesurteile und mehr als 3600 Jahre Zuchthaus und Gefängnis verhängt worden. Von den Todesurteilen wurde bisher die fnappe Hälfte vollstrect. Mord, Totschlag an SA., Landfriedensbruch fenstruieren die faschistischen Anfläger gegen Teilnehmer an Rundgebungen und Demonstrationen, bei denen die SA. oder SS. Ueberfälle und Zusammenstöße veranlaßt hat. Die faschistische Justiz hat sich zum Prinzip gemacht, für jeden getöteten SA.- oder SS.- Mann drei und noch mehr politische Gegner dem Scharfrichter unter das Beil zu liefern und eine große Anzahl von ihnen auf lange Jahre hinter Suchthausmauern einzuschließen. Jeder größere Zusammenstoß aus der Zeit vor dem 5. März 1933 hat mindestens einen, wenn nicht mehrere Prozesse wegen Landfriedensbruchs zur Folge. Vom Sondergericht Hessen wurden für einen getöteten SA.- Mann drei Todesurteile, vom Schwurgericht für zwei getötete SA.- Leute sechs Todesurteile ausgesprochen und vollzogen. In Dessau sind wegen eines ums Leben i gekommenen SA.- Mannes zuerst drei Todesurteile gefällt und vollstreckt worden, vor kurzem wurden in der gleichen Angelegenheit von dem Berufungsgericht elf weitere Todesurteile ausgesprochen. Vierzehn Arbeiter für einen EA.- Mann! Elfmal Todesstrafe und 92 Jahre Zuchthaus dazu sprach das Sondergericht Düsseldorf für einen bei einem Zusammenstoß ums Leben gekommenen SA.- Mann aus. Für einen erschossenen Polizeihauptmann sollen sieben Menschen enthauptet werden. Bis Ende Juni 1934 find in diesen Prozessen 86 Todesurteile, 1200 Jahre Zuchthaus und nahezu 100 Jahre Gefängnis ausgesprochen worden. Die Prozesse sind mit den faschistischen Methoden gründlich vorbereitet worden. Die in Haft befindlichen Angeklagten werden. Monate hindurch in unmenschlicher Weise gefoltert, damit sie„ Geständnisse" ablegen. Wiederholt ist es geschehen, daß von den in Untersuchungshaft befindlichen Arbeitern vor dem Stattfinden des Prozesses einige den Folterungen und Mißhandlungen erlegen sind. So erlebten im Ahé- Prozeß in Berlin von 24 Angeklagten nur 18 den Tag der Hauptverhandlung. Von den zum Tode oder zu langen Zuchthausstrafen Verurteilten haben nur wenige geschossen oder geschlagen, die Mehrzahl ist vollkommen unschuldig; ihr einziges Verbrechen besteht darin, daß sie an den von den Faschisten überfallenen Kund= gebungen teilgenommen oder sich unglück= licherweise in der Nähe des Ortes des 3u= sammenstoßes befunden haben und daß ihre antifaschistische Gesinnung den National= sozialisten bekannt ist. In Neiße, wo vor dem 5. März 1933 die SA. bei einem Ueberfall auf eine Kundgebung der Eisernen Front einen Reichsbannerkameraden tötete, sind nicht die Mörder, sondern der Bruder des Ermordeten und andere Begleiter zu schweren Freiheitsstrafen verurteilt worden. Sprengstoffvergehen. Spionage, Verrat militärischer Geheimnisse werfen die faschistischen Ankläger anderen, für die Wiederbelebung des Sozialismus tätigen Arbeitern vor. Die von uns festgestellten 340 Jahre Zuchthaus und Ge fängnis, die wegen dieser Verbrechen ausgesprochen worden sind, stellen bei weitem nicht die Gesamthöhe der wirklich verhängten Strafen dar. Sprengstoffvergehen liegt vor, wenn eine Pistole, oder ein altes Seitengewehr aus der Kriegszeit, oder eine Sprengkapsel gefunden worden ist. Ein Arbeiter, der nach der Machtergreifung Hitlers eine Sprengkapsel ablieferte, erhielt dafür ein Jahr Zuchthaus. Massenhaft sind die Prozesse und umfangreich die schweren Strafen, die zum Schuße der Führer der SA., ES. und der gesamten nationalsozialistischen Bewegung verhängt werden. Es konnte ja kein Geheimnis bleiben, daß sich unter diesen Führern Leute befinden, die ein langes Strafenregister haben. Aber wehe denen, die einmal darauf oder auf die moralische Minderwertigkeit der Führer überhaupt anspielen. Einige hundert Jahre Freiheitsstrafen sind über Arbeiter verhängt worden, die nichts weiter getan haben, als die homosexuelle Veranlagung der Röhm, Heines usw. zu besprechen. Den Zuhälter und faschistischen Nationalhelden Horst Wessel einen 3u= hälter nennen, das rächen die Blutrichter mit Strafen bis zu zwei Jahren Gefängnis. Ein Angeklagter erhielt fünf Jahre Gefängnis, weil er den nationalsozialistischen Reichsparteitag beschimpfte" Nachdem so die Wahrheit über die nationalsozialistischen Zührer von den Gerichten mit aller Grausamkeit unterdrückt wurde, stellt sich der Reichskanzler Hitler vor das teste das„ Er schießen auf der Flucht" ist. Wer unter den bestialischen Schlägen der Banditen stirbt, wird als durch Schlaganfall gestorben" gemeldet. Zahlreich sind die Fälle, in denen Gefangene aus den hochgelegenen Stockwerken der SA.- Kasernen und Polizeigefängnisse ge= stürzt werden, was dann als„ im unbewachten Augenblick aus dem Fenster gesprungen" ge= meldet wird. Aehnlich ist es mit dem„ Er hängen in der 3elle", das häufig von dem bestellten Mörder ausgeführt wird. Aber nicht immer wird Wert auf umständliche Ver= heimlichung gelegt. Eine große Reihe von Opfern ist furzerhand in der Wohnung überfallen, niedergeschossen oder niedergeschlagen worden. Dem Massenmorden in Berlin Köpenick am 22. Juni 1933 fielen 20 Menschen zum Opfer, in Braunschweig wurden am 25. Juni wahllos 10 Personen erschossen, weil vorher ein SA.- Mann getötet worden war. Soweit sich bei den namentlich bekanntgewordenen Toten feststellen ließ, befinden sich darunter weit mehr als hundert Sozialdemotraten. Volk und tut überrascht, weil er in dem ihm abtrinnig Trotz alledem! gewordenen Führerkreis Betrügereien, Unterschlagungen, Korruption, Vetternwirtschaft, Saufereien, Verschwendungssucht und frankhafte Veranlagung festgestellt habe. „ Greuelnachrichten" Weil bei den Schilderungen der Zustände in Deutschland infolge der Zensur auch nicht völlig wahrheitsgemäße Darstellungen unterliefen, versuchten die Faschisten auch die Tatsachenmeldungen als„ Greuelmärchen" abzutun. Die Gerichte in Deutschland haben eifrigst gearbeitet, um die Verbreitung von Greuelnachrichten, die keine Märchen waren, zu verhindern. Obwohl Tausende Opfer nationalsozialistischer Mißhandlungen mit den deutlich sichtbaren Spuren der erlitte= nen Quälereien herumlaufen, erhielt in Dessau ein Arbeiter für die Aeußerung, die Nazis hätten Mißhandlungen begangen, eineinhalb Jahre Gefängnis. Ein anderer, der wahrheitsgetreu berichtete, daß sein Bruder mit einer Gehirnerschütterung aus dem Konzentrationslager zurückgekommen ist, erhielt ein halbes Jahr Gefängnis. Andere, die über ihre Behandlung im Konzentrationslager sprachen, bekamen dafür ebenfalls sechs Monate Gefängnis. Die Prozesse machen übrigens ersichtlich, daß die Briefspionage im„ dritten Reich" glänzend organisiert ist. Das Material zu den Beleidigungs- und Greuelprozessen stammt in vielen Fällen aus Briefen, die an Familienangehörige im In- oder im Ausland gerichtet waren und häufig von den Devisen- Ueberwachungsstellen kontrolliert und den Behörden in die Hände geliefert worden waren. Für Be= merkungen, die also nur für Familienangehörige gedacht waren, erhielten dann die betreffenden Personen Strafen bis zu eineinhalb Jahr Gefängnis. Die Prozesse um den Reichstagsbrand sind nur zu einem ganz kleinen Teil bekannt geworden. Die faschistische Justiz hat mit unerbittlicher Strenge gearbeitet, um das Erkennen der wirklichen Reichstagsbrand= stifter einzudämmen. In den bekanntgewordenen Prozessen sind die angeklagten Arbeiter zu Gefängnisstrafen von einigen Wochen bis zu zwei Jahren verurteilt worden. Weder ist damit die Liste der Verbrechen erschöpft, die von den faschistischen Staatsanwälten konstruiert werden, noch das Register der Strafen, das von den Gerichten bisher ausgesprochen worden ist. Und doch ergibt schon diese lückenhafte Statistik eine grauenerregende Bilanz, deren Wirkung noch erschütternder wird, wenn man bedenkt, daß sie die Trotz der unerhörten Opfer lebt die sozialistische Bes wegung im„ dritten Reich"! In den Massenprozessen, die in Dresden, Berlin, Braunschweig und anderen Orten flattgefunden haben, ist von den einzelnen Angeklagten ein beispielloser Mut bewiesen worden. Jahrelange Einterferung vor sich, bekannten sie sich dennoch zum Sozialismus und machten aus der Feindschaft gegenüber dem Faschismus kein Hehl. Die Staatsanwälte sehen darin eine beispiellose„ marristische Verworfenheit" und verlangen in solchen Fällen oft eine höhere Strafe. Aber so sehr der Terror unter Mithilfe der Justiz auch wütet ist die Vernichtung der sozialistischen Bewegung nach achtzehn Monaten blutigster Dittatur nicht gelungen, so wird sie nun, wo ihre Basis in den Massen immer mehr schwindet, erst recht nicht gelingen! Und der So= zialismus„ marristischen" Gepräges, von dem nach den Prophezeihungen von Hitler und Goebbels nach einem Jahre in Deutschland niemand mehr reden sollte, wird doch den Faschismus besiegen! Die„ Deutsche Freiheit" Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands muß man regelmäßig lesen Bestellschein Ich ersuche um regelmäßige Zusendung der ,, Deutschen Freiheit" Name: Straße: Ort: den Unterschrift Ergebnisse von sogenannten ordentlichen Gerichtsverfahren Verlag der Deutschen Freiheit" zusammenstellt. Denn neben diesen gerichtlich abgeurteilten proletarischen Kämpfern sind noch weitere Saarbrücken 3. ⚫ Schützenstraße 5. Postschlieffach 776 Die SS. Was man von ihr wissen muß Seit dem 30. Juni ist die SS. in Deutschland in den Bordergrund getreten. Viele haben von ihr nur eine unflare Vorstellung. Sie entstand 1923 furz vor dem HitlerButsch und bestand aus einigen zuverlässigen Münchner SA.Leuten, die den sogenannten Stoßtrupp Hitler bildeten. Es sollte ein Gegengewicht gegen die sehr schnell anwachsende SA. sein. Bei der Reorganisation der Partei 1926 erhielt sie ihre feste organisatorische Form. Aber bis 1929 waren es nur einige hundert Mann. Die SA. wachte eifersüchtig darüber, daß diese Konkurrenz flein blieb. Aber während Röhm in Bolivien war, schufen Himmler in München und Dalüge in Berlin eine größere Truppe, die ähnlich wie die SA. gegliedert wurde. 1982 hatte die SS. 30 000, bei der Machtergreifung 50 000 und jetzt etwa 80 000 Mann. Die SS. ist sozial anders zusammengefeßt als die SA. Es überwiegen hier nicht die jungen Arbeitslosen, die jungen Angestellten, die Landarbeiter und die jungensBauernsöhne, sondern die Studenten und die jungen Söhne des Bürgertums. Die SS. gilt als„ feudaler". Jezt ist Dalüge die Aufgabe zugefallen, auch die SS. zu säubern, denn Röhm hatte zahlreiche Elemente aus der SA. in ihre Kaders hineingeschmuggelt. Röhm hatte es ja bekanntlich 1933 durchgefeßt, auch Stabschef der SS. zu werden, also beide For= mationen unter seinem Kommando zu vereinigen. Er hatte den sich im übrigen gleichfalls radikal gebärdenden Himmler beiseite gedrängt. Himmler hat sich dafür am 30. Junt gerächt. Jezt ist der Stabschef der SS. nicht mehr dem Stabschef der SA. unterstellt. Beide haben gleichen Rang. Die SS. ist wieder Hitlers Leibwache, wie in der Anfangszeit. Führend in der SS. ist gleichwohl nicht Himmler, sondern Dalüge. Wir stellen Herrn Dalüge vor Es ist nicht richtig, daß Dalüge von Hitler eingesetzt worden sei, um Görings Handlungen im Auftrage Hitlers zit fontrollieren. Denn Dalüge gilt als Anhänger Görings, und vorläufig liegen feine Anzeichen vor, daß sich das geändert hat. Seine Ersetzung durch v. Jagow bei der Reorganisierung der Berliner SA. ist jedenfalls geradezu als ein Schachzug gegen Göring ausgelegt worden. Freilich ist mit Dalüge die Zahl der Konkurrenten um die Funktionen von Gestapo, Polizei, SS. usw. um einen vergrößert worden. Was Himmler bei der Gestapo, ist Dalüge bei der Polizei. Seine Stellung in der Partei hat man mit der des Majors v. Buch in München verglichen: Chef der Parteifeme, die verhaften und erschießen lassen fann, wo man es für richtig hält. Er ist heute 34 Jahre alt. Nach dem Krieg ging auch er zum Freiforps. Danach studierte er an der Technischen Hoch schule in Berlin- Charlottenburg, die schon damals eine völ fische Hochburg war. Von dort wurde er in den Vorstand des Studentenverbandes gewählt. Nach kurzer Gastrolle bei den Völkischen und bei Knüppel- Kunze kam er 1925 zur NSDAP. Röhm übertrug ihm die Organisierung des Frontbanns aus den Kaders der aufgelösten SA. in Berlin. Es handelte sich um Rollfommandos, die mit Totschläger, Schlagring, Stahlrute und Revolver ausgerüstet, gegnerische Versammlungen überfielen und durch ihre Gangstermethoden das Deutsche Reich sturmreif für die nationale Erneuerung machtent. Daraus ging bei Goebbels' Eintreffen in Berlin Ende 1926 die Berliner SA. hervor. Bis 1927 hatte der Gauleiter Dalüge 3000 Mann zusammengebracht. Aus diesen zog er 150 Goebbels stand er anfangs schlecht. Da er jedoch den StenMann heraus, mit denen er die Berliner SS. gründete. Mit nes- Putsch niederschlug und nach der Abspaltung der OttoStrasser- Gruppe in Berlin aufräumte, mußte Goebbels, der beiden Seiten getragen hatte, sich mit Dalüge aussöhnen, sich bekanntlich etwas weit vorgewagt und den Mantel auf dessen Versammlungsschuß er benötigte. Dalüge wurde der militärische Leiter aller Versammlungen in Berlin und bald in ganz Norddeutschland. Er organisierte die Ueberfallkommandos und Terrorgruppen, er richtete Motorradstaffeln ein, schloß Verträge mit Speditionsfirmen über die Lieferung von Lastwagen ab und war der Gründer der SA.- Kasernen in Norddeutschland, die bald der Schrecken ihrer Umgebung und die Ausgangspunkte der Terroraftionen und„ Straferpeditonen" wurden. Von 1930 an widmete er sich nur noch der SS. Er gewann einige wegen ihrer politischen Einstellung abgebaute Polizeibeamte für sich, die ihm bei der Organisierung halfen und gleich zeitig die ersten Verbindungen zur Schußpolizei und zur politischen Polizei herstellten, die sich später als bedeutungsvoll erwiesen. Nach der Machtergreifung wurde Dalüge Leiter der preußischen Polizei mit dem Titel eines Ministerialrats. Später ernannte man den 34jährigen zum General der preußischen Polizei. Er schuf dort die nationalsozialistischen Zellen. Seine jüngste Forderung lautet, daß fünftig jeder Polizeibeamte Mitglied der NSDAP. sein müsse. Damit hapert es noch vorläufig. Die Einstellung der Polizei ist noch nicht nach dem Sinne der heutigen Machthaber. Dalüge aber ist ein Draufgänger, der vor keinen Schwierigfeiten Halt macht. Japanische Spionage Mosfan, 10. Aug.( FSU.) Vor dem Militärfollegium des Obersten Gerichtshofes der Sowjetunion ist ein Spionageprozeß zu Ende gegangen, der ein grelles Licht auf die Tätig= feit japanischer Agenten in der Union wirft. Es handelt sich um eine Gruppe von Spionen, die im Eisenbahnwesen arbeiteten und sich zwei Aufgaben gestellt hatten: die Sammlung von Nachrichten über die Vorbereitungen der Eisenbahnlinien für den Kriegsfall, insbesondere was die Bahnen nach dem Fernen Osten betrifft, sowie den Zustand der Reparaturwerkstätten, vor allem im Fernen Osten und andererseits die Organisierung von Sabotageaften auf den Bahnen und Werkstätten, sowie die Vorbereitung der Sabotage im Kriegsfalle. Dieser Spionageapparat stand unter der Leitung des Koreaners Kim Sa- en, eines Spions der Macht, die entsprechend den internationalen Geflogenheiten im Prozeß nicht genannt wurde. Er hatte sich einige Angestellte der Verfehrsfommissariats und lokaler Verwaltungsstellen der Eisenbahnen dienstbar zu machen gewußt, die ihm Material lieferten und Sabotageakte organisierten. Auf die Tätigkeit dieser Gruppe sind verschiedene ernste Eisenbahnunfälle, besonders auf der Moskau- Kasener Eisenbahn zurückzuführen, die dem Staate großen Schaden zugefügt haben. Anklagend waren 23 Personen, bei denen ohne Ausnahme der Umstand erschwerend ins Gewicht fiel, daß die Eisenbahnen einen besonders wichtigen Teil der Volkswirtschaft darstellen. Pariser Berichte Frankreich und die Ausländer ( Von unserem Korrespondenten) Die polnischen Grubenarbeiter Paris, 10. August. Im Intransigeant" schreibt Gallus, daß Frankreich die Ausländer stets mit größtem Wohlwollen empfangen habe. Allerdings wäre die Voraussetzung dafür, daß diese Ausländer sich auch der Gastfreundschaft würdig zeigten und sich nicht wie Eroberer im fremden Lande benähmen, wie dies kürzlich im nördlichen Grubengebiet seitens einiger polnischer Grubenarbeiter geschehen sei. Der Vertreter des Innenministers, so meint Gallus, der von dem Vorfall unterrichtet worden sei und dessen Entschiedenheit man kenne, würde jetzt wohl entsprechende Maßnahmen ergreifen. Von den 200 Polen, um die es sich dabei handele, seien 135 von der Grubenleitung bereits entlassen und sie werden wohl in ihre Heimat zurückkehren. Jetzt würden sie die verdiente Ausweisung erhalten. Sie hätten es sich in Frankreich sehr wohl sein lassen und das Brot, das man ihnen ander. weit nicht geboten habe, hier gern gegessen. Um so befremdlicher scheine die Art, in der sie ihre Dankbarkeit bekundet hätten. Es sei doch wohl an der Zeit, jetzt ihnen und auch den anderen im Lande befindlichen Fremden klar zu machen, daß nicht sie die französischen Gesetze machen können. Frankreich lasse sich ungeachtet seiner Freiheitsliebe und seiner Gastfreundlichkeit nicht von Ausländern seine Gesetze vorschreiben. Es ünsche in Ruhe und Frieden zu arbeiten. Die Welt würde mit Recht darüber spotten, so schließt Gallus seine Ausführungen, wenn Frankreich den Ausländern leicht seine Grenzen öffne, damit diese dann im Lande Unordnung schaffen und die französischen Arbeiter unterjochen können. Mit der vorgesehenen Bestrafung der schuldigen Polen scheint die Angelegenheit noch nicht erledigt zu sein. Vielmehr fürchtet man, wenn diese Polen ausgewiesen werden, neue Unruhen. Am Montagabend kritisierte eine französische Bergarbeitersfrau im Unruhebezirk die Haltung der Polen. Sie wurde darauf von den aufsässigen Polen durch Messerstiche schwer verletzt, während die zu Hilfe gerufene Polizei mit einem Hagel von Steinwürfen empfangen wurde. Der Berichterstatter des„ Paris Soir" meldet seinem Blatte, daß die Unruhen ihre Ursache darin haben, daß eine große Anzahl der polnischen Bergarbeiter nicht nach Polen, wo sie viel schlechter leben müßten, zurückkehren will. Es handelt sich im allgemeinen um die Söhne jener Arbeiter, die bei Kriegsende zum Wiederaufbau der zerstörten nordfranzösischen Gebiete durch Frankreich selbst aus Ober schlesien angefordert wurden. Sie sind zusammen mit den Kindern der französischen Bergarbeiter aufgewachsen, die sie heute als ihre Arbeitskameraden im Schacht eingesperrt haben. Aber zwischen den beiden Gruppen besteht schon seit langem eine große Feindschaft. Die Franzosen wollen in ihrem Vaterlande ruhig arbeiten und die Polen vergessen die Grundgesetze der Gastfreundschaft. Die Polen sagen, Lande Arbeitslosigkeit herrsche, behalten. Die Franzosen Frankreich habe sie gerufen, es müsse sie auch jetzt, wo im dagegen erwidern: ,, Wir haben jetzt genug, wir wissen wohl, daß die Rückkehr nach Polen für Euch, Polen, das Elend bedeutet; wir wissen, daß es grausam wäre, euch plötzlich aus eurem Leben hier, von euren wenigen Möbeln fortzureißen. Aber was sollen wir tun? Wir sind arbeitslos, die Situation ist hier nicht mehr haltbar, und ihr könnt hier nicht unsere Gesetze uns vorschreiben." Das ist der tragische tiefere Sinn dieses unerquicklichen Vorfalls. Tolle Banditentat Die kleine Arbeiterstadt Orgemont ist in heller Aufregung. Der Stadtinspektor Poulet ist am hellen Tage, gegen vier Uhr nachmittags durch vier Banditen überfallen wor den. Sie hielten ihn mit entsicherten Revolvern im Schach, entrissen ihm die Geldschrank schlüssel und stahlen 80 000 Francs aus der Stadtkasse. Nach vollendeter Tat entfernten sie sich, ehe der Stadtinspektor und seine gleichfalls tödlich erschrockene Stenotypistin noch irgend etwas unternehmen konnten, mit einem wahrscheinlich gestohlenen Auto in Richtung Paris. Da man eine genaue Personalbeschreibung der Banditen hat, so sucht die Pariser Polizei seit Dienstag fieberhaft, sie in Paris zu entdecken. Helene, die Fliegerin Helene Boucher, die bekannte junge französische Fliegerin, hat mit 409 Kilometer in der Stunde den Weltrekord im Schnellfliegen erreicht. Deutscher Klub Heute, Samstag, den 11. August, um 21 Uhr: Geselliges Beisammensein mit Tanz im ,, Péristyle" 31 bis, Rue Vivienne ( Métro: Bourse). Gäste gerne willkommen. Eintritt: 5 Fr., Stellungslose 3 Fr. Der Deutsche Klub ist der Treffpunkt aller Nichtgleichgeschalteten BRIEFAKSTEN „ Europäische Hefte" Nr. 17 joeben erschienen. Aus dem Inhalt: Willi Schlamm: Erinnerungen an die vorige Woche. Heinrich Mann: Dynamismus, Gregor Bienstock: Der Staat erobert Hitler, Ein Kriminalist: Der Fall Fey, Paul Keri: Außenpolitiker Stawisky, Von der Wendigkeit der Bürokraten, Max Bergner: Hitler bekommt Kredite. London. Auch wenn Sie Ihren Namen genannt haben würden, hätten wir Ihnen keine Angaben über den SA.- Mann Kruse ges macht. Auch hätten wir Ihnen keine Auskunft über Ihre sonstigen Fragen gegeben. Wir können unsere Verwunderung nicht verbergen, daß sie anonym solche Fragen stellen. Mindestens hätten Sie dort eine Deckadresse angeben können. „ Bekehrte Zweifler". In dem Leitaufsatz aus der Schweiz stand leider ein dummer Druckfehler. Natürlich sollen„ Tellschüsse" abgegeben werden und keine Fehlschüsse". Amsterdam, Prinz- Hendrikstrade. Sie tun zwar sehr unterrichtet und behandeln uns von oben herab, aber nur deshalb, weil sie in dieser Sache ganz unwissend sind. Demnächst wird Ihnen wohl ein Bogenlicht aufgehen. 212 An mehrere. Eine moralische Verurteilung der Homosexuellen haben wir nie ausgesprochen und nie beabsichtigt. Wenn wir auf die homosexuelle Veranlagung und Betätigung zahlreicher höchster nationalsozialistischer Führer hinweisen, so deshalb, weil gerade diese Menschen in einem widerlichen Pharisäertum über ihre Gegner zu Gericht sitzen, ja jogar die Sterilisierung von Homosexuellen verlangen. Die Kritif einiger Briefschreiber hat sich also an die bekannten Herren in Berlin zu richten und nicht an uns. Besancon. Aus der Reihe Ihrer Scherze vom„ dritten Reich", die Sie mit Sorgfalt zu sammeln scheinen, wollen wir diesen wiedergeben: Su Hitler kommt ein polnischer Jude und überreicht ein Gesuch. Hitler fragt ihn, wie es ihm möglich gewesen sei, die SA.Wache zu passieren. Da der Bittsteller mit der Antwort zögert, wird er von Hitler ermuntert zu sprechen, mit der Zusicherung, daß ihm das Gesuch bewilligt würde. Da sagt der Jude, ich habe einfach erklärt, ich sei der Vater von Joseph Goebbels." Vinder. Ihnen geht mein„ Entwurf eines Reichsmenschenjagdgesetzes" zu weit", Ihnen ist er ein graufiger UIF", der Deutschen Freiheit" nicht würdig". Sie 3artbesaiteter fönnen sich, so fürchte ich, mit mir über das was Sie in diesem Zusammenhang„ Gefühl" für deutsche Ehre" nennen, nicht verständigen. Ich halte es mit Karl Kraus, der in der Einleitung zu seiner entfeßlich- großartigen Uebersatire„ Die letzten Tage der Menschheit" sagt, sie diene dazu, denen, die das Kriegsgeschehen geduldet hätten, zum Bewußtsein zu bringen, daß sie die Pflicht zu weinen" über„ das. Recht zu lachen" zu stellen hätten. Wer solches Bewußtsein erzeugen will, der darf das Entsetzen nicht verniedlichen oder gar durch„ nationalen" Schmus verkleinern. Wer aus dem Kriegserleben etwas gelernt hat, muß zu allererst fühlen, daß es falscher Patriotismus ist, das Treiben der Kerle, die nach Goethe tierischer als das Tier" sind, mit einem noch so dürftigen Rest deutscher Ehre" zu drapieren. Er muß es als erste Pflicht wohlverstandenen Patriotismus an sehen, die Menschenschlächter aller Nationen, einschließlich jeweils der eigenen, die außenpolitischen und die innenpolitischen, aktiv zu bekämpfen. Wer sich dieser Pflicht bewußt ist, der muß Ihren Appell an die„ Würde" und an die„ deutsche Ehre" im Zusammenhang mit allem, was die deutsche Menschenjagd angeht, als eine abjurde Verirrung empfinden. Haben Sie wirklich nicht gemerkt, daß der Gesetzentwurf eben nichts anderes besagen will, als daß Ehre und Würde bei den Menschenschlächtern des„ dritten Reiches" und fast noch mehr bei denen, die ihr Treiben verteidigen oder gar als Pflicht" erklären, total ausgestorben sind? Es genügt nicht, nur auf die Bestialität der Regierenden hinzuweisen. Traurige Wahrheit ist, daß es ganz breite Volksmassen gibt, denen die Führer", so wie sie sind, gefallen. Wäre es sonst möglich, daß, allen Berichten zufolge, das Ansehen des„ Führers und Volksfanzlers" nach der Menschenjagd vom 30. 6. in den weitesten Kreisen noch gestiegen ist? Der Entwurf des Reichsmenschenjagd gesetzes" ist die in allgemeine Form gebrachte wahrheitsgetreue Fotografie der Gesinnung derer, die die Menschenjagd vom 30. Juni legalisiert und gepriesen, sich bei den Menschenjägern angewanzt, die einstimmige Verurteilung ihrer Verbrechen durch das Ausland, als Alte der Deutschfeindlichkeit" umgelogen haben. Sie alle, das zu zeigen ist der Zweck des„ Entwurfs", würden genau so in Begeisterung" ausbrechen, wenn es dem Herrn " Führer und Reichskanzler" in seinem unerforschlichen Ratschluß gefiele, das Reichsjagdgesetz über die Tiere durch ein solches über die Feinde" tatsächlich zu ergänzen. Wenn aber Lumpen, Konjunkturjäger und Knechtseelen die niedrigsten Verbrechen als , rechtens", erklären, fie als Tugend oder gar als Pflicht" ausschreien, wenn gezeigt wird, daß nichts zu roh und unmenschlich ist, als daß es ihren Beifall nicht erringen könnte, so sollte man die Aufzeigung dieses Sachverhalts nicht als„ If" anprangern. Man leistet sonst mit so viel Würde" und deutscher Ehre", ohne es zu wissen und zu wollen, diesem Gezücht ideologischen Beistand.. Für den Gefamtinhalt verantwortlich: Johann Big in Dub weiler: für Inserate: Ctto Rubn in Eaerbrüden. Rotation drud und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH., Saarbrüden 3, Schüßenstraße 5. Echließfach 776 Caarbrüden. WESTLAND Unabhängige deutsche Wochenzeitung erscheint in Saarbrücken jeden Freitag. ,, Westland" behandelt in unparteiischer Weise politische, kulturelle und wirts schaftliche Fragen. Besondere Aufs merksamkeit widmet es der deutschen Entwicklung. Die nationalsozialistische revolutionäre Uebergangszeit will es begreifen und nicht bejammern helfen Deshalb späht ,, Westland" nicht ,, An griffspunkte" aus, sondern sucht ein umfassendes Bild zu geben. Es wendet sich an den selbständig denkenden Leser, der mit ihm die Wahrheit für die schärfste Waffe des politischen Kampfes hält. Aus der neuesten Nummer: Ein Anwalt schreibt aus dem Reich Hier regiert Fritz Thyssen Rintelen wird Nichtarier Anleitung für Betriebsspitzel Tarifrecht an der Saar Saarhandel im Abstieg Die regelmäßige Zustellung erfolgt durch die Westland- Verlags- G. m. b. H Saarbrücken 3+ Brauerstraße 6-8 Telefon 21014 +