■ Es ivecden nicht Speechen... Leite 2 Ein deutsches fäiiddokument Seite 3 Saacdiskussian im Qoebbetshause Sinzige unabhängige Tageszeitung VentfchiandS Enqtischec Öbtiel Seile 4 Seite 7 Nr. 186— 2. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, 14. August 1934 Chefredakteur: M. B r a u n So sich) man Pctilsdileiuls nie angesehenste englische Zeitschrift glaubt, da0 Deutschland von einem«rauhen regiert wird In einem sehr wohlwollenden Nachruf auf Hindenburg bringt„New Statesman and Nation" auch eine Charakteristik Hitlers. Die angesehenste englische Wochenschrift kommt zu einem Urteil, das zweifellos von sehr vielen Menschen in allen Ländern, das„dritte Reich" nicht ausgenommen, geteilt wird. Wir erinnern uns aber nicht, daß jemals eine verbreitete Zeitung sich, in solcher Schärfe über den deutschen Reichskanzler und Parteiführer der Nationalsozialisten geäußert hätte. Auch nicht eine „Emigranten zeitung". Der Aufsat} in„New Statesman and Nation" ist ein Dokument der Meinung, die hervorragende englische Publizisten über Herrn Adolf Hitler haben. Es ist unmöglich, an dieser Aeußerung vorüberzugehen. Wir bringen die wörtliche Uebertragung ohne jeden eigenen Zusatf. „New Statesman and Nation" schreibt in einem Artikel „Nach Hindenburg": „«ein Ableben bedeutet iit einem gewissen«innc nichts, «eine Gebrechlichkeit Hatte ihn ein Jahr oder noch länger handlungsunfähig gemacht, und man darf bezweifeln, ob er überhaupt versuchte, den Gang der Ereignisse zu beeinflussen — aufter dast er durch seine öffentliche Zustimmung Herrn poh Pape« deckte und dessen Haut bei den Junimorden rettete. Nichts hat sich geändert, als dast nur ein leichtferti- gcrer Versicherungsagent jetzt eine Polize aus Popens Leben ausstellen würde. Und doch ist es wohl möglich, dast sich für das Empfinden halb Teutschlands alles geändert hat. Solange !* Hindenburg lebte, bestand eine theoretische NettungSmöglich- t feit: Er hatte eine unbedingt ergebene Armee und eine Nation hinter sich, die ihn verehrte,' er und kein anderer hätte den Führer ohne die Gefahr eines verheerenden Bürger- krieges absetzen können. Diese Hoffnung ist dahin. In Deutschland ist heute niemand mehr, der das Recht, das Ansehen oder die Macht hätte, die Handlungen des abso- lutesten Herrschers, den Europa je gekannt hat, z» zügeln. Tiefe Nation verliert das Glied, das sie mit der Vergangen- heit verband, und sieht zugleich ihr Schicksal in der heut- mungslosen Hand eines TollhäuSlers. Dieses Wort mag gesucht klingen. Wenn man die Reden des Führers hört, dann weiß man, daß man einen Gemütskranken vor sich hat. Tie Ereignisse vom vergangenen Juni zwingen unS, ihn als ein gefährliches Opfer des Versolgungs- und Größenwahns zu bezeichnen. Das— so sagt man sich— mar sein erstes Gemetzel,' es wird nicht das letzte sein. Ein großes und hoch- zivilisiertes Volk ist der Willkür eines haltlosen, zu Ans- brächen berechneter Wut neigenden Neurasthenikers ansge- liefert, und ihm zur Seite steht als einziger, der ihn leiten kann, Göring, der nach seinen Taten eher noch brutaler und viel leichtsinniger ist, als der Führer selbst.. Absolut mag dieser Führer sein, aber ganz gewiß ist er nicht allmächtig. Gleich den parlamentarischen Führern, die er verachtet, muß auch er Interessenten befriedigen und die stimmnngsmäßigen Strömungen beobachten, soweit diese der Kneblung der össentlichen Meinung widerstanden haben. Die Erregung der Massen interessiert ihn noch nicht. Er ist überzeugt, sie durch Propaganda in der Hand behalten und durch Feste unterhalten zu können. Schließlich wird er sie zu Boden schlagen und terrorisieren, wie er den unzuverläs- sigeren Teil der braunen Armee zu Boden geschlagen hat. Vor seinen früheren Brotherren, den Jndustriemagnaten, hat er mehr Respekt. Ja, das Vluthad vom Juni ist am ehesten als das Entgegenkommen eines Größenwahnsinnigen gegenüber der Auflehnung der rheinisch-westsälischen Jndu- striellen zu erklären. Sie befahlen ihm, die scheinrevolutio- näre Linke zu zügeln. Er redete sich ein, er bringe lediglich seine persönliche Autorität zur Geltung, und gehorchte ihnen prompt. Wahrscheinlich wird er ihnen auch weiter gehorchen. Genügt also Reichtum, um eine absolute Tyrannei aufrecht- zuerhalten? Er kann Presse und Rundfunk kaufen. Er kann ein Polizeiheer und eine Armee mieten. Hier stockt man schon. Ist die Reichswehr bloß eine käufliche Söldnertruppe? Das wäre eine unnötig beleidigende Einschätzung. Blinder Gehorsam gegenüber ihrem legalen Staatsober- Haupt gehörte zur Tradition der Armee. Kann sie diese Loyalität einem zum Demagogen gewordenen Korporal ent- gegenbringen, auch wenn er die Krupp und Thyssen hinter sich hat? Die Reichswehr könnte kritisch werden. Bleibt das ans, so ist die Beseitigung dieses Verrückten vom Wirtschaft- l'chen Niedergang und der Gärung oder gar dem aktiven Aufstand der Arbeiter zu erwarten." I. H. Itter spricht ein„alter Kampfer Oer Brief eines Nazi-Emigranten Ein nationalsozialistischer Emigrant, der nach dem SO. Juni in die Schweiz entkommen ist, schreibt uns: ^Noch ehe ich den Brief des SA.-Mannes Kruse aus dem «labe Röhms in Ihrem Blatte gelesen habe, wußte ich, daß ein einziger Mann aus der Stabsmache Röhms dem Blutbad entronnen ist. Das wurde in den Tagen nach dem 30. Juni, 'ch mich noch in Teutschland aufzuhalten wagte, allgemein erzählt. Ter Kamerad soll sich gerade in Urlaub befunden haben. Uebrigens ist mir aus eigener Kenntnis auch bekannt, naß der ermordete Berliner Gruppenführer E r n st in den letzten Wochen vor dem 30. Juni wiederholt in vertrautem preise geäußert hat, er werde nicht mehr lange über die Vorgeschichte des Reichstagsbrandes schweigen, wenn die Zu- stände in der Partei sich nicht änderten. Wir„alten Kämpfer", mit wohl nur wenigen Aus- »ahmen, haben längst unseren Bruch mit dem jetzigen Führer des Reichs und des BolkeS vollzogen und haben von ihm schon seit Jahresfrist nur noch als dem„Herrn Hitler" gesprochen, weil er uns an den Kapitalismus und an die Reichswehr verraten und verkauft hat. Tr hat nichts getan, um die Versprechungen einzuhalten, für h>e er uns die langen Jahre des Kampfes um die Macht eingesetzt hat. Damals hieß es z. B., es dürfe niemand mehr als 12 000 Mark im Jahre verdienen. Es gibt aber nicht nur hunderte, sondern taufende nationalsozialistischer Führer, die weit über diese einst vorgesehene Höchstgrenze hinaus ver- dienen, ja das Vielfache dieser Summe einsäckeln. Nicht nur dü Minister des Reichs und der Länder jaul die Länder, minister und ihre Gehälter erstreckt sich die Reichsresorm nicht), sondern auch die Abgeordneten und Staatsräte und Präsidenten und alle die zahllosen Oberbonzen, die in Reich, Ländern und Gemeinden in hochbezahlte Posten gelangt sind. Das sind alles Leute, die Luxusautos im Werte bis zu 40 000 und 30 000 Mark fahren, zum Teil auch schon selbst besitzen. Der größte Riesenverbieuer ist freilich der Führer des nationalsozialistischen ZeitungStrusts Amann, einst Feld- wcbel in der Kompanie, der Hitler als Gefreiter angehörte. Ihn hat sich Hitler zu Beginn seiner Laufbahn zur geschäst- lichen Leitung des„Völkischen Beobachters" geholt, als dieser aus dem letzten Loche pfiff, und das hat sich für alle Betei- ligten reichlich gelohnt. Man kann doch nur lächeln, wenn Herr Hitler das Sprüchlein berbetet,„Gemeinnutz geht vor Eigennutz", denn er selbst ist längst mehrfacher Millionär geworden, und sein Kompaniefeldwebel von einst ist wahr- scheinlich noch viel reicher. Allein schon sein Grundbesitz hat einen Wert von mehreren Millionen Reichsmark. Amann mar es, der skrupellos und ohne jede Hemmung durch eine politische Ueberzeugung, über die er sich immer lustig ge- macht hat, kapitalistische Kassen für Hitler erschloß, allerdings dabei auch sich selbst nicht vergaß. Sind die riesigen Erwerbsquellen AmannS ganz klar, so fragen wir alte Nationalsozialisten uns vergeblich, woher Göring seinen märchenhasten Aufwand bestreitet. Wir wissen doch noch die Zeit, wo Göring von Schulden lebte und Fortsetzung stelje 2, Lette Offener Brief An den Reichspräsidenten-Reichskanzler Adolf Hitler, Berlin Herr Reichspräsident-Reichskanzler! Die öffentliche Meinung der Welt ist von Mißtrauen er- füllt gegenüber Ihrer Amnestie vom 7. August, die die Fälle von Verrat ausschließt und somit die Praxis der deutschen Rechtsprechung beibehält, wonach als Verrat behandelt werden alle Bestrebungen zugunsten des sozialen Fort, schritts, der Freiheit, deS Friedens und der Abrüstung. Wir verlangen daher eine wirkliche Amnestie für alle politischen Gefangenen, unter denen wir namentlich hervor- heben Ossietzki, Küster, Thälmann, sowie die Befreiung aller administrativen Gefangenen, insbesondere von Torgler und Dr. Sack. Wir verlangen ferner, daß die Konzentrationslager voll- ständig ausgehoben werden und daß der Anwendung un- menschlicher Mittel gegenüber den Gefangenen irgendwelcher Art ein Ende gemacht werde. Schweizer Liga für Menschenrechte. Der Zentralpräsident. Nazis und Baptisten Der nationalsozialistische Grundsatz„Gemeinnutz geht vor Eigennutz" ist auch der Grundsatz der Baptisten. Die deutschen Baptisten sind also seit einem Jahrhundert Nationalsozialisten. Mit dieser Verkündung fand ein deutscher Delegierter am Fünften Welt-Baptisten- Kongreß, der sich am 8. August in Berlin versam- melte, keine Gegenliebe. Wenn der Nationalsozialismus durch den genannten Grundsatz erschöpfend definiert wäre, dann wären wir alle Nationalsozialisten, erwiderte der Generalsekretär der Baptistischen Weltallianz, Dr. Rush- brooke. Die Schwierigkeit beginne aber damit, erklärte er, daß vielen diese Definition nicht erschöpfend scheine. Dieser erste wirklich internationale Kongreß im„dritten Reich" verdient Beachtung, denn die Hitlerregierung hatte unbeschränkte Diskussionssreiheit zugesichert, und man muß es den Baptisten— wenigstens den ausländischen Baptisten— lassen, daß sie die Möglichkeit ausnützten. Sie nannten die Dinge beim Namen, ohne das. was man in zivilisierten Ländern unter Gastpflicht versteht, zu ver- letzen. In aller Offenheit erörterten sie Fragen, die sonst in Deutschland tabu sind, da— wie der Berliner Korre- spondent der„Times" boshaft bemerkt— der National« sozialismus bereits das letzte Wort darüber gesprochen hat. Unter dem gewandten Vorsitz von Corwin S. Shank, einem amerikanischen Anwalt aus Seattle, wurde der sehr deutliche Bericht der Kommission über„Nationalismus" diskutiert. Er stammt von Pastor N. I. Nordström aus Stockholm, verurteilt vom christlichen Standpunkt aus scharf den übersteigerten Nationalismus, erklärt ihn für unvereinbar mit dem christlichen-Geist und der christlichen Lehre, als eine Bedrohung des National- charakters und besonders als eine Kriegsgefahr.— Gegen diesen Bericht wandte sich nur Einer, natürlich ein Gleich- geschalteter, und zwar„vom theologischen Standpunkt aus". Herr Paul Schmidt aus Kastel findet die Hoffnung auf die Ueberwindung der Uebel des Nationalismus in dieser Welt unbegründet. Die kirchlichen Maßstäbe unter- schieden sich von den weltlichen und könnten nicht ins Staatsleben eingeführt werden. Herr Schmidt blieb isoliert. Reverend C. E. Wilson(London) unterbreitete den Be- richt über das R a s s e n p r o b l e m, der den gesamten Komplex umfaßt: die Farbigenfrage, die Behandlung der Eingeborenen, die Berührung zwischen Rassen und die Frage der Mischehen. Auf den Antisemitismus wurde besonders eingegangen. Der Bericht anerkennt, vaß dabei sowohl mit wirtschaftlichen Faktoren als mit Rassenvorurteilen gerechnet werden müsse, betont aber, daß der Antisemitismus eine besonders verwerfliche Form Rassenvorurteils darstelle. Keinem Volke verdanke das Christentum mehr als den Juden. An der Diskussion be- teiligten sich Dr. I. M. Nabr.it, ein amerikanischer Neger« Gskstlicher, und viele Vertreter cms den Vereinigten Staaten und aus europäischen Ländern. Die Reden waren bemerkenswert durch die einmütige Betonung der Rot- wendigkeit des Friedens und die ungeschminkte Ver- urteuung der Kriegshetzer und der privaten Rüstungs- m H J c' Rutscher Delegierter proklamierte das Recht des Staates, gegen jede rassische Minderheit vorzu- gehen, die zu einem„zersetzenden" Faktor geworden sei. In seinem Schlußwort fertigte der Generalsekretär Dr. Rushbrooke auch diesen Herrn ab. Es sei erwiesen, führte Rushbrooke aus, daß in vielen Ländern besondere Schwierigkeiten in bezug auf die rassischen Minderheiten bestunden. Aber es sei gerade die Aufgabe der Staats- Kunst, besondere Schwierigkeiten zu überwinden, und es sei sicherlich eine falsche Methode, einer ganzen Rasse den Stempel der Minderwertigkeit aufzudrücken. Dr. Rushbrooke wurde in den Vorstandswahlen einstimmig als Generalsekretär bestätigt. Der Reichsbischof Müller hatte Vertreter des Kongresses zu sich gebeten und versicherte ihnen, es bestehe nicht die Absicht, die protestantischen Freikirchen in die Reichs- Kirche einzugliedern oder in irgendeiner Weise einem Zwang zu unterwerfen. Dr. Rushbrooke nahm diese Er- Klärung gerne zur Kenntnis und verfehlte nicht, auf die ungünstige Wirkung von Zwangsmaßnahmen hinzu- weisen. Der Baptistengemeinde, der größten Freikirche der Welt, würde es, sagte er, nach einer gewaltsamen Ein- gliederung ihrer deutschen Glaubensbrüder schwer fallen, ihr Werk im Dienste der Völkerverständigung fortzusetzen. Reichsbischof Müller holt eben zum Schlage gegen die evangelische Kirche Württembergs und Bayerns aus. Zwangsmaßnahmen gegen die deutschen Baptisten wird er kaum nötig haben, wenn deren Redner vom inter- nationalen Kongreß wirklich den Ton angeben. Es sei denn, daß diese gleichgeschalteten Herren durch die ein- deutige Haltung ihrer angelsächsischen und nordischen Glaubensbrüder eines besseren belehrt worden sind. J. H. Diisferberg und andere Wer wird amnestiert? lJnpreß.) Der Berliner Korrespondent des„Daily Tele- graph" erfährt, daß Hitlers„Amnestie" auf folgende Per- svnen angewandt werden wird: Dlisterberg, Rechtsanwalt Lütgebrune, Professor Morsbach. Professor Mayer, einen Mitarbeiter Rosenbergs, den Grafen Guttenberg, den Prinzen Isenburg und den Journalisten Medem. Torgier soll freigelassen werden? lJnpreß.s Der Berliner Reuter-Korrespondent erfährt aus offiziellen Kreisen, daß gegebenenfalls mit einer Eni- lassung Torglers zu rechnen sei. vv Legionäre verhaltet Auch Frauenfeld und Hof er? M ti n ch e n, 18. Aug. Die Verhaftungen in der Oester- rcichischen Legion umfassen 80 Personen, it. a. werden genannt: Frauenseld, Hoser, der aus Wien wegen Teilnahme am Putsch vom 25. Juli steckbrieflich verfolgte Rechtsanwalt Dr. Wächter und angeblich auch Habicht. Eine Reihe von Nationalsozialisten in München, darunter Landesleiter Prots, solle» über die Grenze nach der Schweiz geflüchtet sein. » Dos dürfen sie nldif wissen Berlin, 12. Aug. Die Auflösung der„Landeslettung Oester- reich" in München, die Leitung der österreichischen National- sozialisten, die ihren Sitz in München hatte, soioie die Auf- lösung der Oesterreichischen Legion, deren Leitung sich eben- falls in München befand, sind erfolgt, ohne daß der deutsche Zritungsleser auch nur ein Wort darüber er- fahren hätte. Hier spridii ein„alfer Kämpfer" Der Brief eines Nazi-Emigranten Fortsetzung von Seite 1 an seinen Anzügen und seiner Wäsche der Mangel an Mitteln deutlich abzulesen war. Das sind noch keine zehn Jahre her. Erst in den allerletzten Jahren vor der Machtergreifung hatte er einigermaßen sein Auskommen, und nun nach einem Jahre Ministerherrlichkeit wirft er mit Geldsummen um sich, die auch aus einem mehrfachen Ministereinkommen und seiner Aufwandsentschädigung als Reichstagspräsident nicht zu erklären sind. Woher also kommen die Millionen Reichsmark Ber, mögen, über die Herr Göring verfügt? Nebenbei bemerkt muß man sich da erinnern, daß Erwerbs- lose ins Zuchthaus kommen, wenn sie Schwarzarbeit ver- richten und die Betriebe und die Behörden nach„Doppel- Verdienern" ausgekämmt werden. In den obersten Regionen darf jeder mehrfache Niesengehälter und Diäten beziehen. Das alles hat sich doch allmählich auch in der SA. herum- gesprochen. Es ist viel zu wenig, auch von Ihnen, darauf hingewiesen worden, daß der 30. Juni nicht nur ein Tag der Rache ge- wesen ist, sondern daß er auch vorbeugender„Säuberung^ diente, und zwar galt dies nicht nur den Mitwissern um den Reichstagsbrand, sondern auch denjenigen, die belastende Kenntnisse über große nationalsozialistische Korrup- t t o n s f ä l l e vor und nach der Machtergreifung hatten. So sind der Aktion eine ganze Reihe von nationalsozialistischen Rechtsanwälten zum Opfer gefallen, die aus Prozessen solches Material besaßen. Der 30. Juni hat also ein sehr vielfältiges Gesicht. Auch unter dem Material Gregor Straßers, das mau unbedingt vernichten mußte, befand sich sehr viel Belasten- des, so z. B. über die finanziellen Beziehungen Hitlers vor der Machtergreifung zum Monopolkapital. Straßer als einstiger Chef der Organisationsabteilung wußte natürlich auch aus eigener Kenntnis viel. Wir lassen uns auch in der Emigration, die wir, solange die Nationalsozialisten regieren, früher nicht für möglich ge- halten hätten, nicht den Kopf verwirren und wissen daher, daß die haßerfüllten Kämpfe in den Führercliquen fort- dauern werden. Als nächstes Opfer wird wahrscheinlich Dr. Goebbels fallen, den Göring mit wildem Haß be- ehrt. Goebbels würde jetzt schon nicht mehr unter den Leben- den wandeln, wenn er sich nicht am Vorabend des 30. Juni zu Hitler geflüchtet hätte. Es werden nicht sprechen Drei Minuten Kutsparolen zur Volksabstimmung Das Deutsche Nachrichtenbüro gibt bekannt: Ter deutsche Rundfunk bringt in der Woche vom 13. bis 19. August täglich um 8. 14, 10 und 20 Uhr drei Mi- nuten Kurzparolen zur Volksabstimmung Es sprechen Persönlichkeiten aller Lebenskreise des deutschen Volkes. Wie wir erfahren, sprechen u. a. der preußische Ministerpräsident Hermann Göring, Reichsminister Walter Darre und Reichsminister Franz Seldte, ferner Reichssportführer von Tschammer und Osten und aktive Sportler, wie Hans Stuck. Hans Heinz Sievcrt, Otto Peltzer und Hanne Sobeck. Literatur und Bühne sind u. a. vertreten durch Hans Friedrich Blunck, Rainer Maria Schlösser und Heinrich George. Aus der Wirtschaft hört man Krupp von Bohlen und-Halbach und Dr- Torpmüller. Es werden sprechen der Vater des ermordeten Norkus und der Bruder des Hitlermannes Udo Curth. ES sprechen Winnifred Wagner, Oberst von Hindenburg. Pros. Hans Pfitzner, Prof. Hausegger und Prof. Sauerbruch, Reichs- bankpräsident Dr. Schacht, Ritter von Epp, Dr. Frank II, Werner Beumelburg, Dr. Hugo Eckcner. Baldur von Schirach Bruno Lörzer, General Lttzmann und Prinz August Wilhelm. Hören wird man ferner Männer der Arbeitsfront und nicht zuletzt alte Kämpfer der Partei, so u. a. Max Grabsch, den alten Schlesienkämpfer mit der Parteinummcr 2070. Es sprechen also: eine lange Reihe von Nutznießern der Hitlerdiktatur. Braune Oberbonzen mit Einkommen von vielen Zehntausenden im Jahr. An ihrer Spitze Reichsbank- Präsident Dr. Schacht mit seinem Gehalt von weit über 200 00« Mark- Daneben hohe Pensionsempfänger. Industrie- kapitäne und gleichgeschaltete Literaturschwächlinge. Auch ein paar„alte Kämpfer", sorgfältig gesiebt, dürfen antreten. Nicht werden sprechen, die ohne Verfahren und ohne Ur- teil in den Konzentrationslagern und in den Gefängnissen eingesperrten Volksgenossen. Nicht werden sprechen, die Ar- beiter, denen man ihr Staatsbürgerrecht, ihre Organisa- tionen und die in Jahrzehnten aufgesammelten Kampf- und Kulturfonds gestohlen hat. Nicht werden sprechen die Angc- hörigen der auf der Flucht Erschossenen, der zu Tode Ge- quälten oder sonst wie auf Befehl des Obersten Gerichts- Herrn ermordeten Volksgenossen. Nicht werden sprechen oie Millionen Gegner des braunen Barbarcnsnstems. N,.st wird ein einziger sprechen dürfen, der als innerlich freier Mann der Hitlerdiktatur kritisch gegenübersteht. Nr Kreaturen kommen zum Wort. Was in Deutschland noch frei denkt, muß schweigen. immer wieder: Hindenburg Zerwürfnis mit Hitlsr wer dem Tode? Volksfeindliche Wühler" Unschädlich gemacht mit Hilfe von SS.... Harburg-Wilhelmsburg, 12. August. Wie vom Harburger Polizeipräsidium gemeldet wird, ist es der Polizei in den letzten acht Tagen gelungen, einen großen Kreis volks- und staatsfeindlicher Elemente unschädlich zu machen. Durch die Staatspolizei Harburg-Wilhelmsburg wurden 49 hiesige und einige auswärtige Personen, außerdem durch die Hamburger Staatspolizei 10 Harburger Einwohner wegen Volksfeind- licher Betätigung im kommunistischen Sinne in Schutzhaft genommen. Die Harburger SS. hatte der Staats- polizei eine Anzahl ihrer Männer für die Durchführung ücr Aktion-ur Verfügung gestellt. Die Aktion ber Staats- Polizei kann als beendet angeschen werden. Bassentheorie und Realität Prag, 12. August.„Lido Novinn" berichtet, daß die Mutter des Mörders des österreichischen Bundeskanzler aus Vybkov in Mähren stammte und rein tschechisg^r Herkunst war. Der Großvater Plancttas gehörte zu den ctilschiebensten Kämp- fern gegen die Germanisierungs-Tendenzen in Mähren. Als die Verhältnisse in der Heimat schlecht wurden, ging Pla- nettas Mutter nach Budapest. Dort lernte sie ihren Mann kennen, der Pole war. Ihr Kind, das Kind zweier Slawen, einer Tschechin und eines Polen ist nun als Vorkämpfer des Deutschtums und Nationalsozialismus mit dem Rufe„Heil Hitler" am Galgen gestorben. Eisenhahnkafasfrophe bei Halle 2 Tote— 160 Verletzte— Ein„Kraft durch Freude"-Zug? Ueber ein schweres Eisenbahnunglück bei Halle gibt die Neichsbahndirektion Halle folgenden Bericht aus: Am 12. August, um 7.35 Uhr. stieß bei Kilometer 87 der wegen Umbauarbeiten eingleisig zu beiahrenden Bahnstrecke Halle— Leipzig innerhalb des Personenbahnhofs Halle der aus- fahrende Triebwagen 1203 aus den aus dem gleichen Gleis einfahrenden BerwaltungSsonderzug 4243 von Meißen nach Goslar. Der Führer des Verwaltungssonder- zuges, Holstein^Leipzig), und eine Reisende wurden getötet Die englische Zeitung„Daily Herald" nimmt Notiz von einem in Deutschland kursierenden Gerücht. Wir geben es mit allem Vorbehalt wieder: Man soll den Tod des Mar- schalls, der am 1. August gestorben sei, erst 24 Stunden später also am 2. August angezeigt haben. Hitler soll die Todesmeldung zurückgehalten haben, weil er sich mit seinen Mitarbeitern über die politischen Konsequenzen noch nicht einig gewesen sei. Göring und Goebbels sollen einen Konkur- renzstreit um den Kanzlerposten entfacht haben. Ter Führer habe daraufhin aus Furcht vor der Rivalität der beiden Prominenten die Kanzlerschaft beibehalten und die Präsiden- tcnschaft hinzu genommen. Die„Wiener Zeitung" gibt eine interessante Schilderung über die Rolle Hindenburgs nach den Ereignissen des 30. Juni: Der Tod Hindenburgs ist zweifellos durch den Konflikt, der infolge der Ermordungen vom 3«. Juni zwischen Hinden- bürg und Hitler ausgebrochen ist, beschleunigt worden. Als Hindenburg am Morgen des 1. Juli von den Er- eignissen hörte, verlangte er in tiefster Empörung sofort den Kanzler in Neudeck zu sprechen. Zur Sicherung der persön- lichen Freiheit Hindenburgs verfügte der Feldmarschall über zwei Regimenter der Reichswehr, die unter dem Kommando seines Sohnes, des Obersten von Hindenburg, standen. An- gesichts dieser Tatsache befürchtete Hitler seine Festnahme. Infolgedessen beauftragte er General Göring vorzuschlagen, unter dem Vorwand, die Sicherheit des Präsidenten zu ge- währleisten, nach Neudeck ein Detachement Staatspolizei zu entsenden. Der Sohn des Präsidenten antwortete, daß, wer sich auch immer in Waffen präsentierte, als Rebell behandelt werde. Unter diesen Umständen ist Hitler nicht nach Neudeck ge- gangen. Aber kurz nach dem Telefongespräch Görings mit dem Obersten von Hindenburg sprach eine Delegation höherer Reichswehroffiziere ldie Generale von Fritsch und Hammer- stein sollen dabei gewesen sein) in der Kanzlei vor und ver- langten von Hitler die Einstellung aller weiteren Hin- richtungen. Die Offizfierc unterstützten diese ihre Demarche durch Truppenaufmarsch in der Wilhelmstraße. Hitler beugte sich diesem Ultimatum. Wenn die Reichswehr an diesem Tage keine weiteren Schritten unternahm, so deshalb, weil niemand die Nach- folgerschaft Hitler? und damit die Verantwortung für die von Hitler geschaffene Situation übernehmen wollte. Natür- lich glaubt in Deutschland kein seriöser Mensch an das söge- nannte Komplott gegen Kanzler Hitler. Dieser wollte nur am 30. Juni all diejenigen beseitigen, die ihm im Wege stan- den bzw. die im Besitz von kompromittierenden Papiere« waren. Pas Testament Alle die Gerüchte, die über Hindenburg im Umlauf sind, läßt Henry I e a n D u t e i l im„F i g a r o" Revue passieren und sagt dann nicht ohne Geist: Es gibt zwei Testamente, das, das Neugierige zwischen dem Hotel Kaiserhos und der Adlynbar suchen laus diesem Wege liegen Reichskanzlei, Propagandaministerium, Außenministerium und Präsidenten- palais— Die Redaktionen!, und das, das man am Freitag- abend in der deutschen Presse veröffentlichte. Der alte Feldmarschall hat mit dem einen und mit dem anderen nichts zu tun. Das erste Testament dient als Grundlage für Ge- rttchte, von denen jetzt ganz Europa voll ist. Den Tert des zweiten geben wir hier wieder, so wie man ihn in de« deutschen Zeitungen findet. Oberst a. D..R e i n h a r d t, Führer de» Deutschen Kriegerbundes, der im Laufe einer„Wahlversammlung" für die Volksabstimmung am 19. August das Wort nahm, er- klärte folgendes:, „Keiner ist mehr als Adolf Hitler würbig, daS Erb« unseres großen Feldmarschalls zu übernehmen. Am Grabe Friedrich des Großen übergab der Getreue Eckart, der Reichspräsident mit eigner Hand Hitler das Schick- sal Deutschlands, indem er so eine Brücke zwischen gestern und heut« für die deutsche Einigkeit schlug. Ich erivarte von jedem Mitglied des Kriegerbundeö, daß er dieses Testament unseres Verteidigers ehrt und be- sonders in den kommenden Tagen unserem Adolf Hitler mit soldatischer Treue das Vertrauen aller Kreise der Nation sichert." Duteil sagt, dieser hochtrabende Schluß faßt das Problem des Hiudenburgtestameuts kurz zusammen und löst es zu- gleich. Präsident Hindenburg vermachte folgerichtig testa- mcntarisch Adolf Hitler sein Amt. Dieser ist darum der Erbe des höchsten Reichsamtes. Punkt. Das ist alles:„Das wird so lange keine Sache einer Urkunde sein, wie die Nationalsozialistische Partei es für nützlich erachtet. Wenn sie morgen ihre Ansicht ändert, dann wird sie morgen ein Testament vorlegen. Nichts ist schwer im Lande der Willkür." und etwa 100 Reisende wurden verletzt, davon 17 schwer. Nach den bisherigen Untersuchungen liegt ein Verschulden des Fahrdienstleiters vor. * Zu dem Unglück erfährt das DNB. noch, daß ber hallische Zug, ein Triebwagenzug mit Oberleitung, den Bahnhos Halle mit etwa'/»stündiger Verspätung verlassen hatte. Einige hundert Meter hinter dem Bahnhof stieß er auf den von Leipzig kommenden Sonderzug. Der Lokomotivführer des Tonderzuges hatte offenbar bereits bemerkt, daß sein Zug sich aus einem falschen Gleis bekand, denn er ließ den Zug wiederholt halten. Infolgedessen war die Fabrgeschwindig- keit des Sonderzuges im Augenblick des Zusammenstoßes glücklicherweise nur gering. Trotzdem wurden die beiden vorderen Wagen beider Züge ineinandergeschoben. Die Lokomotive des Sonderzuges wurde vollständig zerstört, ebenso das vordere Abteil des Triebwagens. Die Reisenden des Sonderzuges sind meist mit geringfügigen Verletzungen davongekommen. Die getötete Frau ist an Herzschlag gestorben. Selbstmord im Niagara ®NJB. Renyork. 13. August. Die Fahrgäste der Seilschwebebahn, die vom amerikanischen zum kanadischen User mitten über die Niagarafälle führt, waren am Sonntag ii.ch eine ivrau oas iveranoer ver Plattform und stürzte l"2 tn die tosenden Fluten wo sie den Tod fand. ES bandelt si•- <->■ i<4:. :>: i >•••+*%**< l,.,.. .«iL.'-* VolkserhebunjES in Österreich. « Z<«>&<>£ >-<3»>v> r V>» i iu't *«/• •*«: M*. •>b'»^ üN i i; rt*' Wwr U<-f>*:' U«i>).»•»):.v^<<{j Td- <<<*!*<>:> SU> h frrm'i<'n Die Texte zu den Bildern lauten: Links oben: Dr. Rintelen, bisher Oesterreichs Ge- sandter in Rom. verhandelt in Wien über die Neu- bilduna der Regierung. Links unten: Das Bundeskanzleramt am Ballhaus- platz wurde von den Aufständischen besetzt. In der Mitte: Sicherheitsminister Major Fey wurde von den Aufständischen verhaftet. Sin großer Teil der deutschen Presse wird vom Deutschen Hreffeklichee-Dienft mit Bildmatern versorgt. Jetzt wirb in der ausländischen Presse eine vom 2 2. Juli 1 984 datierte Maier veröffentlicht, die wir oben gleichfalls wiedergeben. Was fällt daran auf? Der Wiener Putsch und die Er- mordung von Tollfuß erfolgten am 25. Juli. Jetzt wird Mitte unten: Mitteilung an die Schristleitung: Wegen des späten Eintreffens der Nachrichten über die Vor- gänge in Wien konnten wir keine Zeitungsklischees mehr liefern. Um aber unseren Beziehern eine Be- bildcrung der Nachrichten zu ermöglichen, bringen wir Matern zum Versand.— Wir bitten, die Texte zu obigen Bildern.den. weiteren Nachrichten anpassen zu wollen. von deutscher Seite behauptet, daß es sich um einen Druck- fehler handle: in Wahrheit sei die Mater erst am AI. Juli ausgegeben worden. Ausländische Blätter, so auch der in Straßburg erscheinende„Elsässer", behaupten jedoch, daß dieses Bilddokument bereits im Zeitpunkt der Ermordung von Tollfuß in ihrem Besitz gewesen sei. »«..1... Wwnt,<„ j, f «.h» m dt# i ub Rechts oben: Rundeskanzler Dollsuß erlitt beim Kampf im Bundeskanzleramt schwere Verletzungen, denen er erlegen ist. Rechts unten: Das Gebäude des Wiener Grob-Sendcrs auf dem Besambcrge, das in die Luft gesprengt wurde. Man glaubte im„dritten Reiche" so fest an die Dur«»» sührung der Nazipläne in Oesterreich, daß man der Presse die Bilddokumcnte über den Tod des Kanzlers Dollsuß und den Erfolg des nationalsozialistischen Putsches in Wien zu gehen ließ. Tu ielii Austria, mibe? Erzherzog Otto von Habsburg geht auf Dreiers Füßen. Kaiserin Zita hat die heiratsfähigen Töchter der Familien, die der Habsburgischen ebenbürtig sind, im Geiste Revue passieren lassen und ihre Wahl ist au» eine schwedische Prinzessin gefallen. Als Brantiverber soll nach dein^„Daily Herald" der belgische König, der zur Zeit in Schweden ist, auftreten. Dieie Heirat wäre,»venu sie zustande kommt, für Erzherzog Otto von außergeivöhnlicher Wichtigkeit. Denn die Schweden»verde« bekanntlich von den deutschen Rassetheoretikern als reinste Arier angesehen. Und wenn Otto von Habsburg eine Schwedin heiratete, so würde er der Unterstützung des„dritten Reiches" sicher sein, wenn er den Thron Oesterreichs besteigen ivollke. Denn auch in Hitlerdeutschlanö scheint man sich den neuesten Nachrichten zufolge mit dieser Eventulaität zu beschäftigen. Die Berliner Presse macht spaltenlange Ausführungen über Erzherzog Otto. Es scheint, daß sie Auftrag hat, England für die An- «elegenheit zu interessieren. Und das, ivas man sich in Lon- Von zuflüstert, findet naturgemäß rasch seinen Widerhall in Rom, wohin sich der Sohn der Kaiserin Zita demnächst be- «eben soll. Und dort sind die monarchistischen Bestrebungen des Fürsten Starhemberg uird des Major Fey ja durchaus nicht unbekannt. Die Frage ist,»vie sich Mussolini zu alledem verhalten »vird, der bisher weder den Anschluß noch die Rückkehr der Habsburger»vill. Trotzdem muß man der Reise des Erz- Herzogs Otto nach Schlveden die größte Aufmerksamkeit widmen, denn es wäre ja nicht das erstemal, daß Venus Ge- schichte macht. Was Zita sagt Sie weiß von nichts Paris, 13. August. Ter römische Sonderberichterstatter des Figaro hatte Gelegenheit, mit einer der ehemaligen Kaiserin Zita sehr nahestehende Person zu sprechen. Tie ehe»nalige Kaiserin, so erklärte diese Persönlichkeit, sei selbstverständlich durch die umlaufenden Gerüchte von einer bevorstehenden Wiedereinsetzung der Habsburger tief gerührt. Tiefe Ge- rüchte seien jedoch unbegründet, jedenfalls soiveit es sich um die Haltung der ehemaligen kaiserlichen Familie handele. Erzherzog Otto von Habsburg vermeide absichtlich jeden Kontakt mit österreichischen oder ausländischen Politikern und befinde sich augenblicklich als cinsacher Reisender in Dänemark. Es sei ivohl kaum anzunehmen, daß er den Staatsstreich, von dem die Zeitungen sprachen, dort vor- bereite. Tic ehemalige Kaiserin»visse sehr ivohl, daß die Wiederherstellung der Monarchie in Oesterreich nicht von einem Staatsstreich abhänge, sondern von einem Ueberein- kommen mit den interessierten Staaten, und daß ein solches Uebereinkommen erst nach sehr langivierigen und sch,vierigen Verhandlungen möglich fei. SlD.II Heil Mussolini Das„drille Reich" hat Oeslerreldi verloren Wien, 18. August 1934. Die österreichische Bundesregierung hat ihren Vizekanzler Star Hemberg demonstrativ nach Rom entsandt, um, noch ehe der deutsche Gesandte von Pape« in Wien eintrifft, mit starker Betonung kundzutun, daß die österreichische Politik sich auch fernerhin an Italien anlehnen»vird. Star- heinberg ist der entschiedenste Vertreter dieser Politik. Mussolini hat gemeinsam mit Starhemberg aus dem Eampo Austrie in Ostia die Front der österreichischen Heimwehr- jugend abgeschritten. Mussolini bezeugte vor einem Bild von Dollsuß mit römischem Gruß seine Verehrung und nahm eine Heimwehrfeder entgegen. Starhemberg brachte ein drei- faches Hoch auf Mussolini aus. Die„ReichSpost" schreibt, daß Starhemberg vor allem den Besuch bei Mussolini nachholen wollte, den er als Hei- m a t s ch u tz f tt h r c r schon vor der Uebernahme der Vize- kanzlerschaft beabsichtigt habe. Starhemberg wolle sich über die faschistische Miliz informieren und dem italienischen Regierungschef einen vorläufigen Bericht über die Ber»»hi- gung der Lage in Oesterreich und die feste Fundierung der Regierung geben. Dem offiziellen Besuch, den Bundeskanlzer Schuschnigg im September in Rom zu machen beabsichtige, »vürden alle politischen Fragen vorbehalten werden, die Bundeskanzler Dollsuß in Riccione mit Mussolini habe be- sprechen wollen. Der Besuch des Fürsten Ttarhemberg werde die kommende erste Aussprache zwischen Schuschnigg und Mussolini iveder vorwegnehmen noch verzögern. »er braune Alltag Der deutsche Rohstoffmangel Berlin, 11. August sJnsas. Ter angesichts des Rohstoff- mangels vorgesehene„Hundstagekamps gegen die Material- Vergeudung" soll nun am 1-5. August beginnen. In allen Betrieb»» sollen die Arbeiter und Angestellten dazu angeiviesen »verde«, Abfälle von Materialien, die vom Ausland eingc- führt»verde»» müssen, zu sammeln und gegebenenfalls die Wiederverwendung zu ermöglichen. lNat.-Ztg.j Auch die Zwiebel Berlin, 18. August. Während sich die Reglung des Absatzes von Gartenbauerzeugnlsscn bisher vorwiegend auf die Fest- legung von Sortierungs-, Verpacknngs und Einlagerungs- Vorschriften soivie gelegentlich aus die Bestimmung von Fest- preisen beschränkte,»vird nunmehr für Speisezivicbeln eine zentrale Erfassung angeordnet. Stiller Boykott der Auslandspresse Berlin, 11. August(Innren): Vor einigen Wochen»vurde aus einer Tagung der Zeitungshändler gefordert, daß an den Kiosken nur solche Anslandszcituugen verkauft»verde»» dürften, die keine Kritik an den Zuständen Hitler-Deutsch- lands übten. Diese Aufforderung hat bereits geivirkt. Der Verlag Georg Stille, der Monvpolverträge»nit auslän- bischen Zeitungshäusern für den Vertrieb ihrer Druckschriften in Deutschland besitzt, hat durch Rundschreiben von, 3. August seine Depositäre angeiviesen, Auslandszeitungen nicht offen auszulegen, sondern verdeckt zu halten. Weiter sollen sie Aus- landSzeitungcn in keinem Fall anbieten und nur aus aus- drückliches Verlangen eines Kunden herausgeben. Goldenes Hakenkreuz auf dem Kirchturm Der Kirchturm von Holzthalcben im Kreis Sonders- Hausen, der bald vollendet ist.»vird als erster Kirchtur»»» in Deutschland als Spitzenverzierung ein goldenes Haken- kreuz tragen. Bisher ist nur in einem bäurischen Ort das Symbol des neuen Deutschland mit einem Kirchenbau ver- bunden»vordcn. Die Karikatur Amsterdam, 11. August(Jupreb):„Allgemcen Handelsblab" schreibt über die Hakenkreuzpresse:„Der Leser wird einseitig oder ga»»z einfach falsch informiert. Vergleicht man die Zitate aus den ausländischen Zeitungen, welche die deutsche Presse veröffentlicht, mit den authentischen Texten, so kann nian fest- stellen, daß sich in dem, was die deutsche Presse dem Leser bietet, nicht ein Gran Wahrheit befindet." Ueber die Mei- uung der Bevölkerung sagt das Blatt:„Der»vahre Geisteszustand der deutschen Bevölkerung ist ganz anders, als die Karikatur auf eine Presse, die man im„dritte» Reich" sehen kann, ihn in offiziellen Kommuniques ausdrückt." Die Weisheit der Nazi-Medizin Essen, 12. August(Jnpreß): Die„Rheinische Acrztckam- mer" hat einen Beschluß geiaht, in dem sie betont, daß„eine »nichtige Aufgabe" der Kampf gegen„eingebildete Kranken" sei, nicht also die Heilung von Kranken. In dem Beschluß heißt es:„Eine»nichtige Ausgabe besteht in der Erziehungs- arbeit am Publikum. Der unter dem vergangenen System sich in iinmer stärkeren» Maße breitmachenden Veriveichlichung und Disziplinlosigkeit gewisser Kreise, die in einer außer- ordentlichen Ueberbcanspruchung von Aerzten und gar Kran- kenhäusern bei nicht selten„eingebildeten Leiden" zum Aus- druck kam, soll energisch entgegengetreten»verde«." WHkerbnndsrat: 7. September Die Saarfrage auf der Tagesordnung Genf, 12. August. Die 81. Tagung des Völkerbundsrats wird am 7. Sep- tcmber beginnen. Das Völkerbundssekretariar hat das Programm, das 19 Punkte umfaßt, veröffentlicht. Außer den üblichen Minderhcitsbefchwerden und der Verhandlung über den Gran-Chaeeo-Konflikt steht als letzter und neunzehnter Punkt die Saarfrage auf der Tagesordnung. Sie erscheint von vorneherein als wichtigster Punkt der ganzen Tages- vrdnung. In der Veröffentlichung heißt es„Vorbereitende Maßnahmen im Hinblick auf die Volksabstimmung, Arbeit des Dreierkomitccs und der Abstimmungskommission". Dieser scheinbar harmlose Tagesordnungspunkt verbirgt Fragen von großer Wichtigkeit in sich. Sammefrelsen ins Soargebiet verholen Die Regierungskommission hat den zuständigen Stellen einen Erlaß zugeleitet, in dem sie ein grundsätzliches Verbot von Tammelcinreisen ins Taargcbiet ausspricht. In der bc- treffenden Verfügung heißt es:„Im Einvernehmen mit der durch den Bölkerbunbsrat in Genf eingesetzten Volks- abstimmungskommissiou. wirb hierdurch mitgeteilt, daß es angesichts der bereits stattfindenden Vorbereitungen für die Abstimmung nicht möglich ist, Sammeleinreisegenehmiguug für Personen, die an öffentlichen Veranstaltungen teil- nehmen«vollen oder als Mitglieder eines Vereins in das Saargebiet einzureisen beabsichtigen, zu erteilen." $aar-Abstimmungsberediilgte Da viele Abstimmungsberechtigte seit dem 28. Juni 1919 chrcn Wohnsitz innerhalb des Saargebietes geändert haben, so daß ihre Aufnahme in die Wahllisten von Amts wegen nicht gesichert ist, fordern wir alle diese Personen aus, von dem ihnen zuerkannten Recht, Anträge zurAuf nähme in die Listen zu stellen, Gebrauch zu machen. Ter Autrag muß bis 81. August an den Gemeindeausschuß des Abstimmungsbezirkes gerichtet werden, in dessen Bereich die Gemeinde liegt, wo der Antragsteller die Einwohnerschaft am 28. Juni 1919 hatte. Die Angaben, die in dem Antrag zu machen sind, sind aus den in jeder Gemeinde angeschlagenen Bekanntmachungen zu ersehen. Abstimmungsberechtigte außerhalb des Saargebietes haben ihren Antrag aus Auf- nähme in die Liste ebenfalls bis zum 31. August an die Ge- meinde zu richten, in der sie am 28. Juni 1919 ihren Wohnsitz hatten. Im Hause der Arbeiterwohlsahrt, Saarbrücken 1» Hohenzollernstraße 45, Telefon 2 98 27, wurde eine Aus- kunftsstelle für den Abstimmungskampf errichtet. Die Aus- kunftsstclle erteilt zunächst allen abstimmungsberechtigten Antafischisten aus mündlichen oder schriftlichen Antrag unent- zeitlich Rat und Hilfe. Das Resultat der Beschlagnahme Die Regiernngskommission teilt mit: Die Durchsicht und Prüfung des gelegentlich am 24. Juli 1934 in den Büro- Häusern der„deutschen Front" vorgenommenen polizeilichen Durchsuchung beschlagnahmten sehr umsangreichen Materials wird erst im Lause der nächsten Woche zum Abschluß gebracht werden können.,^ t Die Regiernngskommission wird sodann an Hand von Unterlagen der Oessentlichkeit eine um,astende Darstellung der Angelegenheit übermitteln. Große rreiheitskundgebung Sonntag nachmittag fand im Lokal Peter Zimmer in Merchweiler eine Frciheitskundgebung der EinheitS- front statt, die so überfüllt war, daß hunderte in den Reben- Räumen und auf der Straße Platz nehmen mußten. Räch einem einleitenden Kampflied des Arbcitcrgcsangvercins sprachen Max Braun und A u g u st H e y. Beide Redner fanden begeisterte Zustimmung und wurden immer wieder von Beifallsstürmen unterbrochen.' Max Braun erntete großen Beifall. alS er einleitend feines Referates darauf hinwies, daß in Merchweiler das typische Symbol der braunen Wackelsront aufgepflanzt sei: Bei der Hereinfahrt in die Gemeinde Merchweiler ist auf einem Schornstein eine zerfetzte und verluderte Haken- kreuzsahne zu sehen, die dort an der r i ch t i g e n Stelle, näm- lich auf einem bereits zweimal bankrott gegangenen Unter- nehmen angebracht worden ist. Die Versammlung war von einer hervorragenden Ttim- mung getragen, und ihr hochgemuter Kampfgeist wird seine Früchte bis in die kleinsten Gemeinden des Jlltales tragen. Saardishnssloii im Goebbels-Hause Ein Iranzdsisdier Journalist im Propagandamlnlsferlum A- Ph. Paris, 13. August. Der Sonderberichterstatter des„Jntransigeant" A. de Gobart hatte an der Trauerseier in Tannenberg teilge- nommen und benutzte seinen Aufenthalt in Berlin dazu, um dem Propagandaministerium einen Besuch abzustatten. Nicht ohne Ironie erzählt er, wie in der Wilhelmstraße Nummer dl,.wo sich der Eingang für die deutsche Presse befindet, die Besucher urit dem Hitlergruß empfangen werden. Ausläu- dische Journalisten betreten das Haus durch den Eingang«n der Wilhelmstraß« Nummer 62: dort grüßen die Beamten mit einem Kopfnicken und bieten den Besuchern auch einen Stuhl an. Gobart unterhielt sich mit einem höheren Beamten des Ministeriums, der schon seit 1919 dort seinen Posten innehat. Es muß sich wohl also um jemand aus dem alten Beamtenstand der früheren Presseabtcilnng der Reichs- regierung handeln. Da beide Herren sich seit langen Jahren kannten, spielte sich die Unterhaltung in etwas persönlichen, reizvollen Formen ab. Der Franzose fragte unter anderem, ob denn nun Hitler neue Beziehungen zu Frankreich anknüpfen würde. Tie Antwort lautete:„Mit Frankreich, die Ehrlichkeit ver- pflichtet mich, es ihnen zu sagen, bleibt eine böse Frage zu regeln, das ist die Saarsrage. Sic vergiftet unsere Be- zichungcn und das ist beklagenswert." „Nun," erwiderte der Journalist,„man sagt sogar, daß Ihre Freunde im Saargcbiet«inen Handstreich vor- bereiteten-" „Dummheit! Hören Sie aufI Aber sagen Sie selbst, daß das Zerwürfnis wegen der Saar sehr ernst ist. Deutschland kann nicht begreifen, daß die Saarkommistion die unaufhör- ließen Angriffe einer gewissen Presse gegen das deutsche Volk zuläßt." „Aber," erwiderte der Franzose,„Sie sagen ja selbst, die Saarkommission. Das ist keine französische Kommission." Der andere überlegte einen Augenblick, dann bemerkte er: „Sicherlich nicht! Aber Deutschland glaubt steif und fest, daß dahinter französische Hetzer stehen." „Halt," erwiderte Gobart,„jetzt muß ich Ihnen sagen: Dummheit!" Dex Deutsche nahm wieder das Wort:„Warten Sie nur! Deutsche sind es, die dieses Geschäft an der Saar verrichten, Deutsche die aus Deutschland hinausgeworfen wurden und mit dem neuen Regime unzufrieden sind." „Halten Sie ein!" unterbrach hier der Franzose.„Sie wollen mir hier in diesem Amtszimmer gestehen, daß eö Deutsch: gibt, die mit der Hitlerpotitik unzufrieden sind- Tun Sie das nicht. Ich nehme im Gegenteil von meinem Aufenthalt in Deutschland den Eindruck mit, daß jeder jetzt Hitleranhängec ist und daß Hitler für alle der neue Gott ist." Damit war der reizvolle Teil des Gesprächs zu Ende. Wir sprachen noch von Tanuenberg. weil es über Hindenburg nichts mehr zu sagen gab. Der französische Journalist kann cS sich am Schluß seines Berichtes nicht versagen, Herrn Dr. Joseph Goebbels einige Abschicdsgrüße zuzusenden. Er tut das in folgender Form: „Darf ich zum Schlüsse an Herrn Goebbels einige Zeilen richten? Herr Goebbels ist der geistvollste Mensch in Deutschland. Er ist Deutschland» erster Journalist und auch der, dessen Bild am meisten veröffentlicht ivtrd. Was denkt er demzufolge hierüber: Sie schlafen in Ihrem Abteil. Um zwei Uhr morgens geht die Tür auf. Ein Zollbeamter durchsucht Ihr Gepäck- Ein Deutscher in Uniform untersucht Ihre Brieftasche und läßt Sie eine Erklärung über Ihren gegenwärtigen Reichtum unterzeichnen. Dann kommen zwei Herren in Zivil. Sie wolle» sehen, was Sie lesen! Auf dem Klapptischchen am Wagenfenster lag ein Bündel Zettungen. Meine Besucher hielten eine gedruckte Liste in dcu Hand. Sie verglichen die Zeitungsartikel mit ihrer Liste: dann nahmen sie mir, ohne mich nach meiner Meinung z r fragen, den„Manchester Guardian" weg, ferner de» „Jntransigegnt",„Aux Ecoutcs". den„Temps",„Vu", „Boila" und„Nie et Rae". „Aber nein," sagte ich. nicht dies da! Das sind Bilder. Lassen Sie mich doch nach Berlin ein wenig Pariser Geis« mitnehmen." Die beiden Herren berieten sich. Tann ließen sie mir schließlich„Nie et Rae". Aber einer von ihnen kehrte in mein Abteil zurück und durchsuchte meinen Koffer, die Taschen meines Mantels und guckte sogar unter den Koffer. Er trug derbe genagelte Stiefel. Meine Füße ivaren nackt. ,. Ich legte mich in trauriger Stimmung wieder hin. Was denken Sie, Herr Dr. Goebbels, von einem solchen Regime? Kommen Tie doch einmal an einem der nächsten Tage hierher. Sie werden bann sehen, daß man hier alles lesen darf, selbst das, was von der Saar oder von irgend einer anderen Sache handelt-" SS? Hisefo©? von Trier Seine Meinungsverschiedenheiten Mi einem Teil des saartänti'.sften Klerus Paris, 12. August 1934. Von unserem Korrespondenten An leitender Stelle veröffentlicht„Petit Parisicn" einen Artikel aus der Feder von Jean de Pange mit der Uebcrschrift„Man muß die Religionsfreiheit des Saar- gebiete» sichern". Er erklärt: Einer der bedeutendsten Ver- treter des Klerus im Saargebiet habe ihm gesagt, als Deutscher möchte er für die Rückgliederung des Saar- gebietes an Deutschland stimmen, aber als Katholik könne er es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, für Hitler seine Stimme abzugeben. Hitler-Deutschland sei nicht das wahre Teutschland und die Katholiken wollten nicht einer hassensiverten braunen Diktatur ausgeliefert sein. Das müsse man festhalten, wenn es nicht den Gegnern leicht- gemacht werden sollte, alle, die gegen Hitler stimmen, als schlechte Deutsche zu bezeichnen. Man wolle eine katholische Partei neu bilden. Sie«verde eine Delegation ernennen, die sie in Gens vertreten soll, aber dazu brauche man Freiheit. Schon seit langem hätten Meinungsverschieden- Helten zivtschen dem Bischof von Trier und einem großen Teildessaarlän dische»Klerus bestanden. Diese Meinungsverschiedenheiten seien offen in einer Ansprache des Monsignore Bornewasser, des Trierer Bischofs, bei dein Treffen der katholischen Jugend in Saar- brücken zum Ausdruck gekoinmcn. Der Bischof habe in einer Weise die«Neue Taar-Post", das von den saarländischen Katholiken als Protest gegen die Gleichschaltung der „Landeszeitung" gegründete Blatt, angegriffen,«vie sie nicht einmal gegenüber Pirro, dem Ehef der nationalsozialistischen Taarfront, von seinen Gegnern angewandt würde. Hin- l^sn^elSschS Sewsliiyno^s NäSIers Kirchendikfaiur„gese»s3:cli lk Im preußischen Herrenhause in Berlin ist die Rativnalsyuodc der Deutschen Evangelischen Kirche zu- sammevgetreten. Sie faßte ein Reihe von sehr«ich- tigen Beschlüssen zur Festlegung der Kirchendiktatur, aus die wir noch zurückkommen werden. Das neue Kirchcngcietz über die Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche und der Landeskirchen bestimmt im «vesentlichen:„Die Kirchcngesctzgebuug wird von der Deutschen Evangelischen Kirche allein aus- geübt. Soivett nur Bekenntnis und Kultus in Frage kommen, ordnen die Landeskirchen ihre Angelegen- heilen selbst. Die Kirchengesetze der Deutschen Evangelischen Kirche und der Landeskirchen ivcrdcn vom Geistlichen Ministerium der Deutschen Evangelischen Kirche beschlossen. Das Geistliche Ministerium kann die Nationalsynode oder, ivenn es sich um Kirchengesetze für die Landeskirchen handelt, die Landessynode beteiligen." Zustimmung fand ferner da? Kirchengesetz über die Rechtmäßigkeit von gesetzlichen und Verwal- tungSmaßnahem, das u. a. bestimmt:„Die gesetz- ließen und Vcrwaltungsmaßnahmcn, die der Rcichsbischof oder das Geistliche Ministerium oder der Rcichsbischof als Landesbischos der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union bisher, insbesondere zur Ordnung der Deutschen Evangelischen Kirche oder einzelner Landeskirchen und zur Reglung des Verhältnisses der Deutschen Evangelischen Kirche zu den Landeskirchen getroffen hat, werden in ihrer Rechtmäßigkeit bestätigt." Schließlich«vurde noch das Kirchengejetz über die Be- flagg n ng von Kirchen und kirchlichen Ge- bänden verabschiedet, baS u. a. besagt:„In allen Fällen, in denen die Bcftaggung der Dienstgcbäubc deö Deutschen Reiches oder der staatlichen Dicnstgebäude angeordnet wird, sind auch die Kirchen und die kirchlichen Gebäude entweder nur mit den beiden Flaggen des Reiches in gleicher Größe oder daneben auch mit der LandcSflagge zu beflaggen. Andere Flaggen dürfen in Zukunft auf den Kirchen und kirchlichen Gebäuden nicht mehr gehißt werden." Rcichsbischof Ludivig Müller schloß die Nationalsynobe in der Ueberzeugung, daß die Tagung dazu beigetragen habe, zu einer brüderlichen Gemeinschaft zu kommen, um das hohe Ziel erfüllen zu können. Er brachte ein freudig aufgenommenes Sieg-Hetl auf das deutsche Volk und Vaterla'nd und auf den Führer und Reichskanzler aus... • Die Geweiltsynode vollzieht mit diesen neuen Gesetzen die Unterwerfung der Kirche zugunsten des Hitlerregimes, bestimmen die Leistung des Treueschwurs für Hitler und treten dem faschistischen Staat jedes Recht auf Erziehung ab. Alle Beschlüsse wurden mit 43 gegen 11 Stimmen gefaßt. Die Opposition gab eine Erklä- rung ab. in der sie Protest erhebt gegen die Zusammen- setzung der Synode, gegen die von den Vertretern der Kirchenbehörde in der Diskussion und bei den Abstim- mungen angewandten Methoden und gegen die völlige Auslieferung der Kirche an den Staat. Tie konservative O p o o s i t i o n, die sich in dey gegen habe er von den beiden von Hitler ermordetenKatholiken Prob st und Klausenev kein Wort gesprochen. Daraus gehe klar hervor, daß der deutsch« Rischof von Trier das Rom gegebene Versprechen, jedem Saarkaiho- likcn volle Meinnngs- und Gewissensfreiheit in der Frag- der Abstimmnng zn lassen, nicht erfülle. Obgleich Glocken- gelänt für jeden weltlichen Zweck untersagt sei, habe ec doch die Glocken länten lassen, sobald festgestanden habe, wann die Abstimmnng stattfinden werde. Hingegen habe er den Katholiken seiner Diözese untersagt, an einer Ber- sammlung in Saarbrücken teilzunehmen, die gegen de» von Hitler gegen die Kirche ausgeübten Zwang protestieren sollte. Auch habe sich Bornewaflcr mit scharfen Worten dagegen gewandt, daß der Saarbrücker Klerns den Hirten- bricf der Fnldaer Rischofskvnferenz, der die Hitler-Lehre verdammte, veröffentlicht worden ist. Es sei also dringend notwendig, die Religionsfreiheit an der Saar zu sichern. Und darum müsse«vährend der Dauer der Abstimmung eine außerordentliche Gerichtsbarkeit ein- gesetzt werden. Die Saarkatholikcn haben nicht gezögert, zur Reglung dieser Frage eine Sondergesandtschait nach Rom zu entsenden. Aber wer werde mit einer so schwierigen Mission betraut werden. Monsignore Testa, der bisher vom Vatikan mit der Ausgabe eine?„Beobachters an der Taar" betraut war, sei jetzt nach dem Orient entsandt. Es sei in jedem Falle notwendig, den Katholiken die volle Freiheit für die Abstimmung zu sichern, damit sie ohne irgendwelchen Gewissenszwang ihre Entscheidungen treffen können. ..Deutschen Bekennlnlssynode" einen Sammelpunkt ge- schaffen hat, war auf der Nationalsynobe überhaupt nicht vertreten. Die oppositionellen Landeskirchen von Bayern und Württemberg und die reformierte Landeskirche von Hannover, die bisher in die Reichskirche nicht ein- gegliedert werden konnten, wurden hingegen durch eins. Reihe von Delegierten repräsentiert. Sie protestierten teilweise ziemlich gegen die Müller-Gesetze. Ii/r Sprecher, der Präsident der hannoverschen reformierten Landes- Kirche. Koopmann, erklärte, daß die Opposition nicht eher den Kirchengesetzcn zustimmen könne, bevor nicht alle Maßregeln gegen Geistliche und Presbyterien zurückgenommen saien. Tie Opposition wies darauf hin, daß über 800 Pfarrer diszipliniert worden seien. Noch in der vergangenen Woche habe man im Rheinland erneut sechs Snperinten- deuten gemaßregelt. Die Einsprüche halfen jedoch nichts. Die vorliegenden Gesetzesentwürfe wurden gegen 12 Stimmen aus den Reihen der Opposition angenommen. # Eine vollkommene Gleichschaltung des deutschen Prote- stantismus ist also nistt gelungen. Die neue Reichskirche sieht sich einer bayerischen, württembergischen und han- noverfchen Opposition gegenüber, die von den Landes- Kirchen gestützt wird. Neben der Nationalsynode aber steht nach wie vor die„D e u t s ch e B e k e n n t n i s s y n o d e" als eigene und in sich selbständige Glaubensgemeinde mit dem Pfarrernotbunde. Bemerkenswert ist. daß der gesamten deutschen Presse verboten worden ist. über die Vorgänge auf die National- synode und die Einsprüche der Opposition irgendetwas zu veröffentlichen. Das Propagandaministerium hat keinerlei Veröffentlichung zugeß lassen. &euts€fke Stimmen•'Beilage 21»„ Deutschen&r ei freit"• Ereignisse und Gesdkidkten 11 L «■- BF Dienstag, den 14. August 1934 Qu deutsche Hichtec wm macgeu v^sdussm* Als wir im Examen saßen Und studierten Tag und Nacht, Welch ein Schrecken, als wir lasen, Was Herr Kerrl sich ausgedacht. Der Justizminister spricht: Wie bisher, so geht das nicht. Wer in Jüterbog nicht war. Ist kein rieht'ger Refrendar. Das singen die Referendare, die kurz vor ihrer Abschlußprüfung in ein Gemeinschaftslager gehen müssen, Um, wie es heißt, die Richtigkeit des Satzes im heutigen Deutschland zu lernen:„Wichtiger als die Gesetze, wichtiger e rst recht als der Verwaltungsmechanismus sind also die Männer, die Diener am Recht und Kämpfer um das Recht Verden sollen." Daher heißt es also, diesem Wehrnachwuchs, den der Staat in die Hand bekommt, zu zeigen, daß es zu- ers t auf den Geländesport, auf das Schießen ankommt und * wie der 30. Juni gelehrt hat— wirklich nicht auf die Gesetze. Diese These der Brutalität verkitscht man mit ein wenig deutscher Romantik, wie es in dem von Staatssekretär Freisler herausgegebenen Buch„G emeinschafts- ' a ger HannsKerrl" erfolgt ist. Das muß man gelesen haben. Es handelt sich selbstverständlich um eine rein militärische Einrichtung. Von 43 Referendaren, die als erste Gruppe ins Lager Jüterbog kommen, sind es jetzt ständig •jOO geworden. Alle sechs Wochen ist Schichtwechsel. Das er gibt jährlich 4000 für den Offiziersdienst besonders vorgebildete Leute. Und das ist das Ergebnis aus einem einzigen Lager, in anderen Landesteilen sind weitere eingerichtet. So werden Soldaten gemacht! Aber auch Regierungsbauführer und Vermessungsingenieure werden in dem Lager ausgebildet. Der erste Grundsatz ist die körperliche Ertüchtigung (Sport und Geländesport), erst dann folgt die geistige ^ Eiterbildung.„Das Leben im Lager," schreibt der SturmbannführerSpieler,„muß sich in einfachem, A>ch möchte sagen, ,altpreußischem' Geist bewegen." Und l nie Ergänzung, wie es gemeint ist, gibt der Kommandant des Truppenübungsplatzes Jüterbog, Oberst Moser, der in seinem Beitrag vieldeutig sagt: „Jüterbog wird unbestreitbar durch die Wehrmacht, die infolge des Truppenübungsplatzes dort stark vertreten ist, der Stempel aufgedrückt." Am Schluß fügt er augenzwinkernd hinzu: „Wenn auch die Referendare hier nicht im Waffenhandwerk ausgebildet werden, so lernen sie doch unter ihren Führern den Geist der freien, selbstlosen Kameradschaft kennen" Darum gellt auch alles„nach Soldatenart"(S. 15) dort *u, und der Kommandant ist ein früherer Offizier, der später als Rechtanwalt sich in den Bombenleger-Prozessen im Holsteinischen einen Namen gemacht hat und dadurch sich die notwendige Eignung als Führer des juristischen Nachwuchses erwarb. Was treiben nun unsere lieben Referendare, die später einmal Richter des„dritten Reiches" werden sollen, in Jüterbog? In dem Kapitel„Der Tagesdienst" wird uns verraten: Es gibt zunächst den„Stellungsbefehl" zum Antritt der Lagerzeit. •„Das Ganze hat einen stark militärischen Anstrich. Die alten millionenfach bewährten Methoden bester deutscher Soldatenart werden auch im Lager zur Erziehung und Prüfung des juristischen Nachwuchses angewendet." „Um 6 Uhr im Sommer, um 6.30 Uhr im Winter beginnt normalerweise der Tag im Gemeinschaftslager mit dem Wecken. Es folgt der Frühsport, der in Gymnastik, Waldlauf oder derartigem besteht. Anschließend werden Stube und Hof in Ordnung gebracht, wobei u. a. jeder Referendar sein Bett nach alter militärischer Weise tadellos selbst„bauen" muß. Von 7.15 bis 8 Uhr ist Kaffeepause. Dann beginnt der zugweise verschiedene weitere Dienst des Tages, der normalerweise von 8 bis 12 Uhr aus Geländesport besteht. Von 12 bis 14 Uhr ist Mittagspause, anschließend bis 16 Uhr Vortrag oder Sport. Es folgt dann von 16 bis 17 Uhr die Putz- und Flickstunde, von 17 bis 18 Uhr ist Unterricht, und von 18 bis 20 Uhr wird eine Abendbrotpause eingelegt. Von 20 bis 20.30 Uhr werden häufig Volks- und Soldatenlieder geübt. Ab 22 Uhr herrscht Ruhe. Die einzelnen Züge werden nach einem bestimmten Sentenzen Plan, der den Ausbildungsstoff über die sechs Wochen verteilt, ausgebildet. Aus dem Unterricht sei folgendes erwähnt: 1. Woche: Unterricht: a) Lager-, Stuben- und Spindordnung, b) Verhalten gegen Vorgesetzte, c) Theoretisches über Ordnungsübungen. Ausbildung: a) Ordnungsübungen(Einzelausbildung), b) Ordnungsübungen in der Gruppe. 2. Woche: Unterricht: a) Schießlehre über das im Lager geübte Kleinkaliberschießen, b) Einführung in den Sandkastenunterricht, c) Geländebeschreibung am Sandkasten, d) Kartenkunde. Ausbildung: im Gelände a) Geländebeschreibung, b) Geländebeurteilung, c) Orientierung nach der Karte im Gelände, d) Entfernungsschätzen, e) Zielerkennen, f) Kleinkaliberschießausbildung. 3. Woche: Unterricht: a) Meldungen und Skizzen(mündlich und schriftlich), b) Verhalten vor, auf und nach dem Marsch, c) Verhalten beim Kleinkaliberschießen(Sicherheitsbestimmungen), d) Planzeiger und Kompaß. Ausbildung im Gelände: a) Meldungen und Skizzen, b) Bewegen im Gelände, c) Kleinkaliberschießen, d) Nachtwanderung. 4. Woche: Unterricht: a) Aufgaben am Sandkasten, b) Kleinkaliberschießlehre. Ausbildung im Gelände: a) Marschübungen mit Sandsack, b) Kleinkaliberschießen, c) Zeltbau und Anlegen von Kochlöchern, d) Keulenwerfen. 5. Wo die: Unterricht: a) Beginn der Lehrertätigkeit, Abhalten des Unterrichts durch Referendare, b) Wiederholungen. Ausbildung im Gelände: a) Lehrertätigkeit, b) Nachtmarsch, c) Orientierung nach der Karte und den Gestirnen. 6. Woche: Unterricht: Gasschutz. Das Lager untersteht bezüglich der geländesportlichen Ausbildung dem Chef des Ausbildungswesens der SA. Die Ausbildung geschieht nach dem von ihm herausgegebenen Lehrplan für die Grundbildung im Geländesport. In der vorletzten Woche des Lageraufenthaltes werden die Lagerinsassen einer Leistungsprüfung im Sport einschließlich Kleinkaliberschießen, Gepäckmarsch und Keulenwerfen unterzogen. Ein oder zwei Tage vor Abgang jedes Zuges findet im Geländesport eine Schlußbesichtigung statt." Versteht sich, daß bei dieser Art der Ausbildung für die juristischen Bücher kein Raum ist, die beim Eintreffen im Lager abgeliefert werden müssen. So berichtet denn das Büchlein anschaulich von der Ausbildungszeit der Referendare, macht uns mit der neudeutschen Lyrik vertraut und zeigt, wie alter preußischer Kommißgeist wieder in den deutschen Gauen zu Hause ist. „Wir werden alle mal über die Hindernisbahn gejagt," schreibt so ein zukünftiger Richter. Kartenlesen, Exerzieren im Sturm, Entfernungsübungen sind alles wichtigere Requisiten als das Gesetz, das man symbolisch an den Galgen gehängt hat. Die 120 Referendare, die zum Juristentag nach Leipzig fuhren, durften in den Leipziger Straßen zwar marschieren, aber zu den Vorträgen wurden sie nicht zugelassen. Nicht weniger aufschlußreich über den Sinn des Referendarlagers ist der Brief eines gewissen X an seinen Führer B.: „Heute wünsche ich, durchgefallen zu sein, damit ich wieder ins Lager hätte kommen können. Tatsächlich, wenn ich heute unter kläglichen Bedingungen im Lager leben kann, ich ziehe das dem Hiersein„heftig" vor. Aber auch ohne die Erfüllung dieses Wunschtraums, diese sechs Wochen, die mit Deiner Person natürlich untrennbar verbunden sind, werden immer die beste Erinnerung sein. Und nun sieht es doch so aus, als ob ich pathetisch geworden sei. Wenn Du aber das, was ich Dir schrieb, richtig würdigen willst, dann bedenke noch, daß ich ein immerhin kräftiger und gesunder Mann nach 27 Jahren erstmalig mit diesem Lebensstil vertraut gemacht und daß diese Tatsache der freudigen Bejahung gefühlsmäßig und damit notwendig verbunden— ich möchte fast sagen, durch meine physische Konstitution bedingt ist." Hitler hat also noch viel zu tun. Wir wundern uns nicht, wenn in dem abgedruckten Tagesplan für das Geistige fast nichts enthalten ist. Aber immerhin ist in dem Tagesplan nach dem Kohlenempfang um 12.45 für den Zug G aufgeführt:„Antreten zum Klausurenschreibe n". Antreten zum Klausurenschreiben, antreten zum Richten, antreten zum Kopfabschlagen. Hier manifestiert sich der Ungeist des„dritten Reiches", aber es kommt der Tag.—— Nationalsozialismus Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden,— auch ihr Wahnsinn bricht an uns aus. Gefährlich ist es, Erbe zu sein. Friedrich Nietjsche, Also sprach Zarathustra, 1. Teil, von der schenkenden Tugend, 2.——— Voll von feierlichen Possenreißern ist der Markt— und das Volk rühmt sich seiner großen Männer: das sind ihm die Herren der Stunde.. Friedrich Nießsche, Also sprach Zarathustra, 1. Teil, von den Fliegen des Marktes. Ach! Der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt, Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen; An das Göttliche glauben Die allein, die es selber sind. Johann Christian Friedrich Hölderlin, Gedichte— Lebenswende, aus„Menschenbeifall", Verszeile 5—8.— „Deutsche Front" im Saargebiet Ist denn das, was ihr durch dies Fenster von der Welt seht, so schön, daß ihr durchaus durch kein anderes Fenster mehr blicken wollt— ja selbst Andere davon abzuhalten den Versucht macht?_ Friedrich Nießsche," Vermischte Meinungen und Sprüche, 359—* Vor grauen Fensterscheiben. Die menschliche Haut ist ein Boden, worauf Haare wachsen; mich wundert's, daß man noch kein Mittel ausfindig gemacht hat, ihn mit Wolle zu besäen, um die Leute zu scheren. Georg Christoph Lichtenberg Ausgewählte Schriften, Seite 190/191. Wo ein Stock ist, da ist des Sklaven Vaterland. Heinrich Heine, Kleinere Invektiven, Unber den Denunzianten. O, hätten wir nur Mut, zu walten Der Gaben, die das Glück beschert!» Wer dürft uns hindern? wer uns halten? Wer kümmern uns den eignen Herd? ' Wir leiden nach dem alten Rechte, Daß, wer sich selber macht zum Knechte, Nicht ist der goldnen Freiheit wert. Annette, Freiin von Droste-Hülshoff, Letzte Gaben,— Gemüt und Leben, ans: „Auch ein Beruf", Verszeilen 22—28. Wir Deutschen benutzen die Presse, um die Dummheit und das Pulver, um die Sklaverei zu verbreiten. Ludwig Börne im Gespräch mit Heinrich Heine. Deutschland— ein Kulturstaat? In civitate libera linguam mentemque liberas esse debere, In einem freien Staate müssten Zunge und Meinung frei sein. Kaiser Tiberius, überliefert von Suetonius. Vitae XII impera- torum, über tertius, Tiberius Nero Cäsar, cap. XXVIII.— Suetons Kaiserbiographien, Tiberius Nero Cäsar, 28. Total! „Wir wollen den nordischen Geist, der die Kulturen 3es Altertums schuf und das nordische Gut wieder zur Geltung bringen. Unter schweren Bedingungen wurde dieses Blut in grauer Vorzeit gezüchtet... Viel ist im Lauf der Zeit gegen das Blut gesündigt worden, aber heute schreiten wir von der Entnordung zur Totalvernordung des Volkes.(Dr. Jers auf dem nationalsozialistischen Aerztekongreß in Dortmund.) Totalverblödung wäre die treffende Formulierung! Was ist Qoethe? Im„dritten Reiche" ist ein Buch erschienen:„Goethes Abstammung und Rassenmerkmale". Der Autor W. Rauschen- berger stellt fest: „Goethe ist das Produkt der Mischung von mindeste»! fünf großen, kulturell schöpferischen Rassen". Goethe— das Produkt einer Mischung, einer arische! Mischung natürlich. Damit ist sein Genie endlich unwiderleglich erklärt! JUintidie Ixaqet Der Bankrott der Nazi-„Kunst" Der westdeutsche Schriftsteller und Grafiker Raum veröffentlicht in der„Westfälischen Landeszeitung" unter der Leberschrift„Wo steht das nationalsozialistische Schrifttum" einen Artikel, dem nur hinzugefügt zu werden braucht, daß die Zustände, die von Raum kritisiert werden, durch die Nationalsozialisten selbst verschuldet sind. Raum schreibt: „Wir brauchen uns nicht zu beklagen über Mangel an Nationalsozialistischem Wortgut im Schrifttum des vergangenen Jahres... Ist dies nun ein erfreuliches Zeichen der Totalität unserer Weltanschauung? Ist dies ein Beweis, *ie sehr sie sich über alle Lebensgebiete erstreckt?... ^ arum ist es trotz allem schönen Anschein nicht so?— Warum machen alle diese Neuerscheinungen unter der Fahne des Hakenkreuzes den Nationalsozialisten mißmutig?... Es ist ja leider so, daß es zum Rüstzeug eines geschickten, durchtrainierten Literaten gehört, sich auf jeden Ton gleich Umstimmen zu können, den das kaufende Publikum zu hören wünscht... Wen überzeugen die zahlreichen Bildnisse des Führers in den Bilderläden? Glaubt einer, die Maler seien alle Nationalsozialisten geworden, weil Gemälde mit Nationalsozialistischen Führerköpfen mehr„gefragt" sind als Easanenstilleben und Nymphenreigen? Ist der Maler wirklicher Künstler und wirklicher Nationalsozialist, so ist ein von ihm gemalter Bauer oder Arbeiter nationalsozialistischer, als alle von anderen gemalten Führerköpfe, die ja auch zumeist eher geschminkten Theaterprinzen ähneln..." c Helden und Spießet Eigentlich wußten wir das alle schon. Aber immerhin hielt es Baurat Diplomingenieur Karl Schmitt für erforderlich, es in der deutschen Erziehungsakademie in München der Welt kundzugeben. Er hielt im Auftrage des„Kampfbundes für deutsche Kultur" einen Vortrag über„Schöpfertum und Rasse". Die„Münchener Neuesten Nachrichten", die über diesen Vortrag berichten, bestätigten, daß es sich bei diesem Vortrag„wohl um das schwierigste Rasseproblem" handelt. Diplomingenieur Schmitt kam am Schluß seines„beifällig aufgenommenen Vortrags" zu der hochinteressanten Feststellung, daß es„progressive Rassen" des Abendlandes und„beharrende Rassen" Asiens gibt, die zueinander im Gegensatz stehen. Ganz besonders begeistert waren die Münchener Zuhörer, als der Vortragende den Beweis erbracht hatte, daß den„progressiven Rassen" des Abendlandes der Heroismus schon im Blute liege, während dies bei den f ,beharrenden Rassen" Asiens nicht de: Fall sei. Einige Wochen, bevor Baurat Diplomingenieur Karl Schmitt seine interessante Theorie bekanntgegeben hat, ereignete sich ganz weit weg von München, in den asiatischen Gewässern, ein Unglück. Ein japanischer Zerstörer stieß auf einen Felsen und sank. Etwa zehn Tage, nachdem det Diplomingenieur Schmitt seinen Vortrag hielt, wurde der japanische Zerstörer gehoben. Bei verschiedenen Mitgliedern der Besatzung fand man Aufzeichnungen, die unmittelbar vor dem Tode geschrieben wurden. Der Matrose Iwao Hagiwara schrieb vor seinem Tode: „Die Samuraien sterben als echte japanische Männer, alle freudig." Der Matrose Heiji Inouye hinterließ folgende Aufzeich nung:„Der Augenblick ist für mich gekommen, für die Nation zu sterben. Ich bete für das Wohl Japans, nachdem ich mein Möglichstes getan habe." Und der Matrose Cbu Watanabey:„Eineinhalb Stunden sind vergangen, nachdem wir gesunken sind. Wir sind alle guter Stimmung und ruhig. Kein Zeichen der Rettung ist zu bemerken. Wir sterben wie Männer." Das waren die letzten Worte von Angehörigen eine» Nation, der nach der Auffassung der nationalsozialistischen Wahrheitaverkündet der Heroismus im Blute nicht liegt. j.Deutsche Freiheit" Nr. 1«k Das bunte Matt Dienstag. 14. August 1934 Augusttage 1914 SDte S>tlmme aus dem Massengrab Einn o.. Eine seltene Millionarin Eine Vision von FelixFechenbach •UÄ-wÄr 1"""**•"«.....«..«»«.«««<»•■"«».»»«•»«>«-" Ich stehe spät abends vor einem grasttberwachscnen Erd-'^ihe»nd eine Kalkschicht drüber. Noch eine Reihe Hausen. Der Tte,., darauf fünfter, daß hier ftreiunftachtzig zerrissener Körper und wieder Kalk, so gchts weiter. b.S renadioro tiflvSrfmvYt n,.-- hört, ist nicht wichtig. Nur weg mit den granalenzersetzteu Leibern, damit die nachkommende junge Mannschaft sie nicht sieht. Ein paar groß« Gruben geschaufelt, zwanzig Leichen ........ ui„ j... zrerigrner norper UNS Ivieser Kalk.m Stich gelassen und find hinaus- gezogen? das Baterland zu verteidigen. Eine Lüge ward, eine schandbare Lüge! Ja, sie zogen hinaus im Glanben, dem Vaterland und dem Volk zu dienen. Aber man hat sie betrogen, hat ihre 0 f\r" 1 1 rt W-' christlicher Liebe. Das darf nicht fehlen. Mit dem Kreuz ha- den sie ja die Mordwaffen gesegnet, mir dem Kreuz in der Hand das große Schlachten zu einer heiligen Sache gemacht- Hüben wie drüben. Da gehört das Kreuz auch aufs Massen- grab. Jahrzehntelang habt Ihr die Jugend verhetzt. Ihr und die andern, jenseits der Grenzen. Den Krieg habt Ihr de» jungen unverdorbenen Gemütern als etwas Herrliches, Er- strebenswertes dargestellt. Die Kinder schon habt Ihr Krieg spielen lassen, nur damit sie einst mit Hurra zum großen Schlachten ausziehen sollen für die Herren über Kohle und Eisen, für die Beherrscher des Geldes. Und jetzt? Ein neues Geschlecht wächst heran, weiß»och nichts vom Grauen und Irrsinn des Memchenschlachtens. Kennt die Verwüstungen und Zerstörungen nicht, die die.Kriegsfurie angerichtet hat. Und schon preist Ihr den Kommenden und Werdenden wieder den Krieg als herrliche Großtat. Die jungen«Gehirne werden verkleistert mit bramarbasierenden Reden und Geschichten vom Heldentod auf dem Felde der Ehre. Warum sagt Ihr den Kindern nicht die Wahrheit? Die Regierungen blasen laut die Friedcnsschalmeicn. Aber sie blasen nur deshalb so laut, damit man nicht hört, wie sie neue Mordmaschinen, neue Giftgase herstellen und auf- stapeln. War das Millionensterben vergeblich? Warum sind sie ge- fallen, wenn nicht dazu, Euch den Wahnsinn des Krieges klar zu machen? Sagt Euren Kindern die Wahrheit! Häm- wert es ihnen ins Gehirn, daß Krieg Wahnsinn und Ber- brechen ist. Lehrt sie, sich aufbäumen gegen Kriegsrüstung und Volksverhctzung. Lehrt sie den Krieg gegen den Krieg führen! Erzieht sie zum Kampf gegen diese Geißel der Menschheit Einen Augenblick war es still. Dann wird es lebendig ans v«. Elogen,.XU.vre Einen Augenblick war es still. Tann wird'" le»e»«g.«f ehrliche Begeisterung mißbraucht. Machthunger der Großen den vielen Grabhügeln im weiten^Feld,' U-b-rall k»echt e bat sie in den Kampf gehetzt, Besitzgier der Raffsüchtigen ihnen hervor. Lautlos^ gespenstisch. Hundert.^au,e»d, Hunderte, den Tod gebracht. „Den Heldentod", sagt ihr! Wißt ihr. wie man den Hcl- hentod stirbt?' Du liegst im Graben, in einem Hagel von Geschossen. Granaten schlagen ein, krepieren und zersetzen die Leiber, verschütten die Kameraden. Es trommelt, kracht und dröhnt, als sei die Hölle los. Du liegst wehrlos dem Feuerhagel ausgeliefert: kannst nichts dagegen tun. Denkst nur immer: Wann wirds Dich zerfetzen? Wahnsinn droht langsam ins Gehirn zu kriechen. Oder: Wir haben Wind von drüben- Dann lassen sie Giftgas ab. Die Gasmaske schützt Dich. Aber da geben sie Reizgas- Das dringt ftnrch die Maske, reizt z» Husten und Riesen, verschlägt Dir den Atem. Du reißt die Maske ab, •' Luft zu kriegen, atmest das Gift ein und stirbst den fß'ftcntod". >d dann, wenn sie Dich verscharren? der Arm, den sie z» Deinem Leib legen, auch Dir ge- ,...".'IIIU'l Ul/ Tansende von Beingerippen. Tie klettern ans ihren Grä- bern und strebe» zu einander Deutsche, Belgier, Franzosen und Engländer. Eine grauenvolle Verbrüderung der Toten. Und wie im Sprcchchor aus Hunderttauscndcn von Kehlen dröhnt es jetzt über das nächtliche Feld: „Nie, nie wieder Krieg!" Tann war plötzlich der Spuk verschwunden. Ob man den Ruf in der Welt gehört hat...? * Diese Vision gleicht einer furchtbaren Anklage. Felix Fcchenbach wurde 1914 als Infanterist eingezogen. Für loiederholte sehr gefahrvolle Patrouillen wurde er zum Unteroffizier befördert und bekam da» Eiserne Kreuz. Zwei- mal wurde er schwer verwundet- Mit ihm standen drei seiner Brüder im Feld. Einem wurde das Bein oberhalb des Kniees abegeschvssen. Und zum Dank wurde er bereits am ll. März 1933 eingesperrt und am 7. August„aus der Flucht erschossen". Mrs. Sarah Smith C o l l a r d, von Geburt Oester- reichen», ist kürzlich in Seattle gestorben und hat ein Testament hinterlassen, in dem sie ihr Vermögen in Höste von IS Millionen Dollar ihren Neffen vermachte, außer einem Dollar, den ihr Gatte erben sollte, von dem sie seit Jahren getrennt lebte. Ebenso sonderbar wie das nach ihrem Tode vorgefundene Testament waren einige Züge ihres Eharakters und einige bekanntgewordene Handlungen aus ihrem Leben. Tie Verstorbene war immer schon sehr reich. Aber ebenso reich war ihr Leben an sonderbaren Begeben- heiten und Angewohnheiten. Eines Tages versteckte sie eine Million Dollar in Banknoten in einer alten Standuhr. In ihrer Handtasche trug sie immer ihren gesamten Schmuck mit sich herum, der den Wert eines ganz stattlichen Ber- mögens repräsentierte. Wenn sie in einem Hotel abstieg, so hatte sie die Angewohnheit, ans den Toiletten die Seifen stückchen mitzunehmen, aber sie tat dieselben nie in ihre Handtasche, ohne sie vorher in einem— 399-Tollar Schein sorgfältig verpackt zu haben. Als sie einmal in einem Auto auf offener Landstraße übernachtete, um das Hotelzimmer zu ersparen, hatte sie Schmuck bei sich, der ungefähr eine halbe Million Dollar wert war. Eine komische Alte... 40 Prozent s>ex Äppeal Tic weibliche Schönheit ist für die aincrikanischen Produzenten nur ein Geschäftswelt, den sie ebenso bemessen wifr ihre Filme, mit denen sie handeln. Die Frauen werden dort nicht mehr im ganzen beurteilt, sondern ihre Schönheit oder ihr„sex appeal" wird zerlegt und einzeln bewertet. Kay Francis ist beispielsweise in folgende Komponenten zerlegt worden, nach denen sich ihr„Marktwert" bemißt: aristokratische Haltung 39 Prozent: das tiefe Lachen, das aus der Brust zu kommen scheint 23 Prozent,' die Hände 29 Pro- zent: ihr Haar 3 Prozent- Tie berühmten Beine von Marlene Dietrich stellen eine» Wert von 49 Prozent im Vergleich zu der übrigen Persön lichkeit dar: darum sieht man sie so oft in ihren Filmen auf einer Tischplatte sitzend und die schöne Linie ihrer Beine zeigend, wodurch sie ihren Partner schon von weitem an- zieht. Moria»! Hopkins hat nach dieser Berechnung für die Filmmagnaten keine anderen Reize auszuweisen als ihre Stimme und ihr Lachen. Was würden die begeisterten Filmbesucher sagen, ivenn sie wüßten, daß ihre Idole von ihren Herren genau so eingeschätzt werden, wie das Vieh, das a»t dem Markt zum Verkaufen steht? künstliche Grübchen Menschen, die Grübchen in den Wangen haben, lächeln bekanntlich besonders reizvoll. Zahlreiche Filmschauspicle- rinnen in Hollywood, selbst berühmte StarS, ermangelte» bis jetzt dieses natürlichen Liebreizes. Aber die heutige Technik kann bekanntlich alles. So ist also jetzt auch ein Apparat erfunden worden, mit dessen Hilie man diesem Mangel abhelfen kann. Er besteht aus einer Maske, die abends über das Geficht gestreift werden muß, die links und rechts vom Munde zwei kleine Spitzen aufweist. Sie sind nicht spitz und scharf, drücken sich aber sehr stark in die Haut ein, und wenn man diese Prozedur zwei Nächte über sich er- gehen läßt, so ist man im Besitz der schönsten Grübchen, die beinah hübscher sind, als jene von der Natur geschaffenen- Unsere Töchter, die Ikajinen Roman von Hermynta Zur Mühleu. 4« ie Wir werde» nicht aus der Landstraße gehen. Und nen die kleinen Wege nicht" In mir regte sich ein unschönes Gefühl. Habe ich schon diesem SA.-Mann einen Anzug von meinem Anton gegeben, liabe ich ihn hier gelassen, so müßte das eigentlich genügen. Aber daß meine Toni sich nun seinetwegen wieder in Gefahr begibt, als ob es nichts wäre, mit einem Menschen, der verfolgt wird, zu gehen, einem Menschen, der ja doch noch vor kurzer Zeit... „Toni", sagte ich leise. Sie lächelte: „Arme Mutter. Aber es muß sein. Nachher bleibe ich zwei Tage bei dir und schlafe mich aus." Sic griff nach dem Flugblatt. „Versteck das gut. Wir können es brauchen." Dann gingen sie in die Nach« hinaus, Und ich kniete wieder vor dem Fenster und wartete auf meine Toni. Wartete zwei Stunden von Angst gepeinigt, glaubte in der Stille Schüsse zn hören, marschierende Schritte- Es begann zu dämmern. Das graue blasse Licht erschien mir so seindselig. Noch eine Stunde, und dann ist es Tag, dann erkennt man die Menschen aus der Straße. Eine Stunde, wie rasch die vergeht. Ick, rechnete nach: eigentlich müßte Toni schon zurück sein- Aber freilich, der Weg geht bergauf, da kann man nicht so schnell gehen. Und der junge Mann war müde. Nun konnte ich schon verschwommen den Küchenherd und den großen Tisch unterscheiden. Die alte Uhr tickte so rasch wie nie zuvor. Am liebsten hätte ick, den Pendel angehalten. Die Knie taten mir weh, aber ich wollte nicht fort vom Fenster: mir war, als sei Toni weniger gefährdet, solange ich hier kniete und auf sie wartete. Endlich, endlich kam sie. Mit schweren Schritten dnrch das Halbdunkel gehend Endlich hörte ich ihre Schritte auf der Treppe. Endlich trat sie ei». Alles in Ordnung", sagte sie kurz. Dann sah sie mir ins Gesicht. „Arme, liebe Mutter. Hast du dich sehr geängstigt? Aber ich mußte es tun. Einer mehr, der mit uns kämpfen wird." Sie umarmte mich und sagte lächelnd: ..„Teutschland erwacht." Dann ging sie in die Schlaskammer zu Seppel, und ich blieb in der Kiichc zurück- Ich wollte die Kinder allein lassen. Sie hatten sich lieb, und wer weiß, wie lange sie einander noch sehen können? Wer weiß? Am folgenden Tag ereignete sich etwas Seltsames. Als ich einkaufen ging, begegnete ich zwei SA.-Leuten, die ich nicht kannte- Tie blieben einen Augenblick stehen, dann lächelten sie, blickten sich um und grüßten mich. Und der jüngere schritt dicht an mir vorüber und flüstert« kaum hörbar: „Danke." Mein Anton, der bisweilen gern Reisebeschreibungen las, hatte mir erzählt, daß die Menschen, die in der Wüste fern voneinander leben, irgendwie Nachricht erhalten, was ge- fchchen iei. Man weiß nicht, woher die Runde kommt, weiß nicht, wer sie gebracht hat, aber sie ist da. Ein Dorf weiß von dem andern, als ob die Nachricht dnrch die Lust geflogen käme. So ist es jetzt anch in dieser Wüste, die Teutschland heißt. Plan iveiß nicht, wer wem Kunde bringt, man weiß nicht, woher die Flugblätter und Zeitungen kommen, aber sie sind da. In der ersten Zeit war es, als ob uns eine feste Mauer umschließe, jetzt jedoch scheint sie an allen Ecken und Enden abzubröckeln und allerhand durchzulassen. Und anch das Radio ist verräterisch geworden. Wir hören empörte Stimmen, die über das Ausland schimpfen, und wir wissen bereits, was das bedeutet. Glauben die Herren dort oben, daß wir wirklich schon so verdummt sind, daß wir nicht be- greifen, was ihre Worte verbergen? Ich muß oft über die Gräfin Agnes lächeln: die sitzt den ganzen Tag vor dem Apparat und wartet. Und wenn ich zn ihr komme, lmt sie so viel zu erzählen Aber freilich, ihr gebt alles zu langsam. Ich glaube, die gute Alte wacht jeden Tag mit der Hoss- nung auf: die Regierung ist gestürzt. Tie können nicht warten, diese Menschen, die aus einer anderen Zeit und aus einer anderen Klasse stammen. Tie wissen nicht, was es be- deutet, aus dem Kleinsten aufzubauen, und ivenn der Bau einstürzt, von neuem zu beginnen. Wir kennen das- Man hat uns häufig unsere grenzenlose Geduld vorgeworfen, aber jetzt erweist sie sich als etwas Gutes. Alles ringsum ist eingestürzt, wir selbst sind zu Boden geschlagen worden, aber wir beginnen uns langsam wieder zu erheben. Wir sehen die Trümmer ringsum, aber jedes Stück ist ein Stein, den wir znm neuen Ausbau verwenden können. Nichts ist zu kjM, nichts zn geringfügig:»vir können alle? brauScu; eine gedruckte Zeile, ein Wort, ein Bild. Und»vir habe« in diesen Tagen des Grauens»vieder gelernt, was Zu- sanimenhalten heißt. Wirklich zusammenhalten. Wenn n»r das früher getan hätten... Aber ivozu über das Bergangene klagen? Alle unsere Taten, unsere Worte und Gedanke» müssen der Zukunft gehören. Ich denke oft an den jungen Mann in der SA.-Unifon», der in meine Küche eindrang. Denke an sein haßverzerrtcS Gesicht und seine Verzweiflung. Und auch daran, daß er nicht der einzige ist. Uns hat man überfallen und gemordet, diese Menschen aber ha« man betrogen,»vas»vird geschehen, wen» sie die ganze Größe des Betrugs erkennen? Diese Mensche» hat»nan gelehrt, Wehrlose zn töten, wie»vird es sein, wen» sie. die Menschenleben vcracÄen gelernt haben, sich gegen ihre Führer wenden? Sogar die Bauern, die früher so für Hitler waren, be- ginnen nachdenklich zn werben. Die Preise steigen»och immer, aber der kleine Bauer bat nichts davon, denn>»e* von uns kann die teuren Lebensmittel kaufen? Ich gehe bis- Ivetten in die Dörfer: es leben in der Umgebung noch bäuerliche Verwandte von meinem Anton. Sie haben lange Zeit nichts von mir»visscn wollen. Jetzt hingegen bin ich bei ihnen ivilltommen. Ich muß erzählen, ivie es in de» Stadt aussieht und ivaruin so wenig gekauft»vird. Der alte Matthias, der Onkel von meiner Toni, kratzt sich de» weißen Kopf. „Ja, ja," sagt er.„Was du da sagst, das kann schon stimme»- Wenn die Leute kein Geld haben, womit sollen sie einkaufen?" Er wirst einen giftigen Blick auf seine Frau und seine» ältesten Sohn. ^„Ihr habt mir ja nie glauben wollen. Für euch ivar der Hitler der Heiland. Aber ivo bleibt denn jetzt die Erlösung?" Und die Frau und der Sohn, die früher de» Mund so voll genommen haben und den alten Mann nie zu Worte kommen lassen wollten, sind ganz still und bescheiden. „Es»vird schon wieder anders koinmcn," brummt der alte Matthias,„es»vird schon wieder anders kommen. Und das >ag ich euch, dann ziehe ich alter Mann mit meiner Sense ans, aber nicht um Korn zu schneiden." Ich bringe alles,»vas ich erfahre, meiner Toni heim. Die weis, schon, wie es zu verwerten ist. Neulich inußtc ick l" dock) lachen, als ich wieder zu den Berivandten ging. Der Alte saß vor dem Tisch, die große Hornbrille auf der Nase» vor sich die Bibel. .lFor^etzung fokgk-^ Tfafrii I Englischer Brief ■?-3'*.-7**-~Wrr r~~& lr s t: Ii 0. G. London, Anfang August 1934. England und Hindenburgs Tod Hindenburg war in England beliebt. Er galt als die letzte Bremse, als das letzte Füntchen Anstand im deutschen Regierungssystem, das immer mehr und immer häufiger als „Gangstersystcm" bezeichnet ivird. Viele Spalten, ja ganze «eilen widmete die englische Presse dem loten Reichspräsidenten, Berichte über den Tod, Leitartikel, ausführliche ^ebenölaufdarstellungen. gelegentlich auch Beiträge der militärischen Mitarbeiter über den ehemaligen feindlichen Oberbefehlshaber. Einig ivar sich die ganze Presse darüber, das; er ein tüchtiger, äbcr keineswegs genialer General war, dah die Schlacht bei Tanncnberg kaum sein alleiniges Werk war. Einig war sich die Presse im Lob seiner ersten Prästdentcnperiode, wo er den Abenteurern von rechts nicht folgte. Einig war sie sich auch— mit Ausnahme der„Tailn Mail", die wieder einmal eine hitlerfreundliche Periode hat—, dah die Ernennung Hitlers, daß das Tolerieren aller Nazigewalttaten, daß vor allem auch das Glückwunschtelegramm nach dem 30. Juni im Widerspruch zu seiner früheren Haltung stünde, daß Hindenburg hier einen Weg gegangen sei, der seinem Volke nicht zum Segen gereiche. Und man fragte sich, wie kam das? Die Antworten waren verschieden. Die„Time s" glaubt, daß in den letzten zivei Jahren die geistige» Kräfte Hinden- burgs versagten, daß er nicht mehr recht wußte, was er tat. Der„M anchester Guardian" sieht den Grund in Hindenburgs Gebundenheit an die ostelbiiche Junkerklasse, die er vor Enteignungen und vor Enthüllungen lOsthilfe- standal) schützen wollte, aber auch dieses Blatt lehnt aus- drücklich jede Möglichkeit persönlichen Interesses beim Reichspräsidenten ab. Man ivill nun einmal an den Eharakter Hindenburgs glauben? die Illusion der Biederkeit, die 1932 die Hindenburgwähler beeinflußt hat, besteht in England weiter. Der„Daily Telegraph" zwar hat in einem eindrucksvollen Artikel die Heroengestalt zerpflückt, aber auch dieses Blatt schwört auf den reinen Eharakter des Mannes, den cS als Typus des germanischen Stammes- götzen kennzeichnet. In allen Blättern kehrt übrigens ein Gesichtspunkt wieder: die hölzerne Hindenburgstatuc, die während des Krieges vor der Siegessäule in Berlin stand, und in die Nägel eingtftaucn wurden als Zeichen der Vcr- ehruna— nach der Niederlage aber wurde sie als Brennholz benutzt. Das alles erscheint den Engländern nicht nur iremd und lächerlich, sie sehen darin ein Kennzeichen tiefsten Bar- barentums, das bei einem afrikanischen Negerstamm ver- stündlich wäre, aber nicht bei einem Kulturvolk- Daß diese Auffassungen von Deutschland, die begraben schienen, heute wieder wach werden und in vielen Taten des gegenwärtigen deutschen Regicrungssnstems ihre scheinbare Rechtfertigung finden, ist tief bedauerlich und schmerzlich für leben, der das andere, das reine Deutschland vor Augen hat. lieber Hitlers überstürzte Machtergreifung, über die illegale Aneignung der Präsidentenbesugnisie, hat die eng- lische Presse nicht--llzuvicl gesagt. Man war etwas peinlich berührt über die Hast, aber man glaubt nicht, daß sich prak- tisc^ allzuviel ändert. Einige Blätter nehmen sogar an, daß Hitler jetzt noch mehr als nach dem 39. Juni Sklave der Reichswehr sei— ohne daß sie freilich diese Anficht stichhaltig zu begründen vermöchten. Alle Blätter aber heben hervor, daß jetzt niemand mehr zwischen Hitler und der vollen Ver- antwortung stünde, daß die ganze Last des kommende» schweren Winters auf Hitler fallen würde— und wird diese Last nicht zu viel für eine» Menschen sein? Das„Plebiszit" wird in der gesamten Presse als das bezeichnet, was es ist, als großer Humbug. Kurswechsel in der englischen Außenpolitik Hinter den vielen sich überstürzenden Ereignissen der letzten Wochen wurde das praktisch vielleicht bedeutsamste Ereignis, der sichtbare Kurswechsel der englischen Außen- Politik, nicht genügend beachtet. In der englischen Außen- Politik standen verschiedene Kräfte gegeneinander. Das Foreign Office— wahrscheinlich auch Außenminister Simon selbst— hatte stets ein tiefes Mißtrauen gegen Nazidcutsch- land und drängte auf Zusammenarbeit mit Deutschland. Sentimentale Pazifisten, die immer noch von der Abrüstungs- inöglichkeit träumten, beinslußtcn die öffentliche Meinung, VergnügungSreisendc, die 19 Tage in Deutschland waren, schrieben begeisterte Briefe über die Friedensliebe der Nazis und über den moralischen Aufstieg Teutschlands unter Hitler. Die öffentliche Meinung legte das Foreign Office lahm. Da kam der 39. Juni und mit ihm der radikale Umschwung der öffentlichen Meinung. Mit Maedonald selbst ging auch die Macdonaldrichtung i» Urlaub. Englands Stellung zum Ostpakt war das erste Signal der neuen Richtung, Englands Beschluß zur Ausrüstung in der Luft war das zweite Signal. Und dann kam der Dollsußmord. Kurz daraus sprach Bald- min, der stellvertretende Ministerpräsident, im Unterhaus den bedeutungsvolle» Satz:„Wir müssen bedenken, daß Eng- land» Grenze heute nicht mehr lue Kreidefelsen von Dover sind, sondern der Rhein." Auch andere Redner dieser De- batte. die sich um die Luftrüstung dreht, hatten Naziöcutsch- land als den vermeintlichen Gegner im Auge. Mag Bald- wins Ausspruch von der Rheingrenzc auch nur rein technisch gemeint sein, er bleibt doch v'elsagend? wahrscheinlich aber hat ihn Baldmin ganz bewußt als Warnung ausgesprochen. Die Ehance die Hitler In England hatte, ist vorläufig vcr- spielt,»in sie wiederzugewinnen müßte Hitler etwas mehr tun. als Herrn Ward Pr'ee, dem zweifelhaften„Dailn-Mail"- Korrespondcntcn läppische nichissagende Fricdcnsintcr- Views zu geben die von der gesamten englischen Presse— mit Ausnahme der Daily Mail— durch Nichterwähnung ausgezeichnet werden. Nichts Neues in der Innenpolitik I» der englischen Innenpolitik herrscht tiefe Ruhe. Das Parlament und sast olle Minister sind in Ferien. Der neu- ernannte Vertehrsminister Höre Bclisha macht von sich reden, dadurch, daß er nach Wegen sucht, die zahlreichen Verkehrsunfälle zu verhindern. Ja. er hat sogar den ersten Augustmontag, einen allgemeinen engtischen Feiertag, ge- opfert, um persönlich aus den großen Aussallstraßcn Lon- dons nach dem Rechten zu sehen. So macht man sich populär und wird Anwärter aus den nächsten sreiwerdenden Kabinettdposten. Tie Labour Party hat den Entwurf ihres neuen Pro- gramms vorgelegt, das auf dem kommenden Parteitag im Oktober beschlossen wird. Labour Parteiprogramme haben nichts mir deutschen Parteiprogrammen gemein. Da gibt es nicht lange wissenschaftlich: Einleitung, tue niemanden interessiert und im Anschluß daran ein grundsatzloses Pot- pourri von Tagesförderungen. Labour Programme sind ge- wissermaßen knapp dargestellte Regierungsprogramme. Tie enthalten die Prinzipien, nach denen sich die Partei richten ivird, ivcnn sie die Regierung übernimmt. Sic sind daher stets auf kurze Frist eingestellt und enthalten nur die nächsten Aufgaben. Trotzdem bringen sie nicht einen Hausen unznsammenhängender Elnzclsorderungcn, sondern nur die großen Hauptl'nien der beabsichtigten Politik. Das neue Programm ist insofern radikaler als die bisherigen, als eS weitgehende Sozialisicrungsmaßnahmen fordert und im Einzelnen den Weg zeigt. Aber ftn Gegensatz zu dem pcssk- mistischen linken Flügel sCripps, Laskil geht das Programm von der Annahme aus, daß dieses Programm legal aus par- lamentarischem Wege zu verwirklichen sei, ohne daß es auf gewaltsamen Widerstand der kapitalistischen Kräfte stoße. Wie weit diese optimistische Auffassung Taktik ist— man will den Konservativen nicht die Möglichkeit geben, das Schreck- gespcnst einer sozialistischen Diktatur auszurichten— wie iveit die Labourführung wirklich an parlamentarische Ver- wirklichungömöglichkeiten glaubt, sei dahingestellt. Im Augenblick scheinen freilich die Ehaneen einer klaren Labourmehrheit bei der nächsten Wahl nicht allzu groß zu sein. Die letzten drei Nachwahlen in verschiedenen Landes- teilen haben jedenfalls der Labour Party im Gegensatz zu den vorhergehenden Nachwahlen keinen wescntftchen Gewinn gebracht. Tie Regierung hat alle drei Wahlkreise gehalten. Sensationen in Fülle Doch den Zeitungen fehlt es nicht an Stoff. England hat zur Zeit eine Hochsaison an Morden. Da sind die beiden Kossermorde von Brighton. Die sonst so tüchtige Kriminal- Polizei hat immer noch keine Spur, die zur Aufdeckung des ersten dieser mysteriösen Morde führen könnte, noch immer hat sie den Kopf der ermordeten Frau nicht gefunden, noch immer hat sie keine Ahnung, wer die Tote ist und wo sie ermordet wurde. Der zweite Kosfermord icheint ja mehr oder iveniger aufgeklärt zu sein und der Täter ist in Haft. In London selbst wurden in den letzte» Wochen zwei Aussehen erregende Morde begangen, einer an einem Schneider beim Maßnehmen, ein zweiter an einem Kinogeichäftssührer— in beiden Fällen wurde die Kasse geplündert. Die Zeitungen sind voll von diesen und anderen Schreckenstaten. Und nun ist auch das liebe Loch Neß Monstrum wieber aus- getaucht. 21 Leute haben es in den letzten Tagen gesehen und zum Teil fotografiert. Daß irgend ein großes Tier dort ist, scheint kaum mehr zweifelhaft, aber was es nun eigentlich ist, bleibt nach wie vor ein Rätsel. Rußland In Genf Kommt der Eintritt in den Völkerbund? DNB Paris, 13.August. Das Journal besaßt sich noch einmal mit der Frage des Eintritts Sowjctrußlands in den Völkerbund, der unwiderruflich im September erfolgen «verde. Es handele sich augenblicklich nnr noch darum, ob man Rußland den üblichen Formalitäten unterziehe, oder durch eine außerordentliche Prodeznr den Eintritt b:- schleunigen wolle. Im crsteren Falle müsse das Eintritts- gesuch in der vorgeschriebenen Frist erfolgen und einem Prüfungsausschuß unterbreitet werden. Dieser Ausschuß habe sich mit der Frage zu beschästigen, wie der Antragsteller bisher seinen internationalen Verpflichtungen nachgekommen sei. Im zweiten Falle werde ein Mitglied des Völker- bnndes die Ausnahme beantragen und die Vollversammlung stimme sofort ab. Diese Prozedur wurde 1931 mit Mexiko gewählt. Es steh« mit Sicherheit fest, schreibt„Journal", daß man sie auch auf Rußland anwenden werde, einmal um die Sowjetrcgierung durch gewisse Fragen nicht in Verlegenheit zu brngen, dann aber auch»m der ganzen Angelegenheit einen spontanen Eharakter zu geben. Die schwierigste Frage sei vorläufig die Zuteilung eines ständigen Ralssltzes, wobei man aus den hartnäckigen Widerstand Polens stoße. Wem für m„MW»eil"! Blick v©u Ä5SZMGK Tatü tata— Wilhelm lacht dazu— Deutsches Theater— Ostpreußens Pleite für Mussolini — Nazibomben V Ph. Paris, 13. August. Von unserem Korrespondenten Frankreich macht Ferien, und in Paris gibt es schon recht zahlreiche Geschäfte, an deren verschlossenen Eingängen man ein Plakat mit der Inschrift findet„Fcrmeturc Anucllc". Auch in der Politik scheint nun Ferienstimmung zu herrschen. Es hat ja auch in den letzten Wochen und Monaten Ten- lationen und Aufregungen genug gegeben, nun sehnt man sich nach einer Ruhepause. Gewiß hier und da flackert wieder ein- mal die Flamme der politischen Leidenschaft etwas auf, aber es ist doch nicht das rechte Feuer, das in der letzten Zeit die Gemüter erwärmt und sehr oft erhitzt hat. Man kann sagen: es wird augenblicklich hier in der Politik Inventur ge- macht, und während man nach einer Seeschlange Ausschau hält, die die Ferienmuße etwas beleben soll, und dabei auch oem MeereSungetüm von Loch Neß wieder seine Auftnerk- samkeit schenkt, geht man gewissermaßen an den politischen Ausverkauf. Dos heißt, man stellt noch einmal alles das aus, Mas an interessanten Resten vorhanden ist, und man kommt dabei zu der überraschenden Feststellung, daß auch ein solcher politischer Saisonausverkauf seine Reize hat und dem Jnter- essenten manches zu bieten weiß. * Sehr amüsant, aber nicht ohne ernsten Untcrton ist eine Plauderei von G u e r m a n t e S im„Figaro". Er spricht von dem„Lückenbüßer", dem Stellvertreter und meint damit Göring, der in seiner Prunkuniform heute Wilhelm II. zu überstrahlen sucht. Unter Blumen und Lorbeerschmuck habe Göring bei der Trauerscier für Hindenburg im Krollsaal in seiner Uniform dagesessen, die aus mandelarün und Silber zusammengesetzt gewesen sei. Er, der Verfasser, habe Wilhelm II. auf seinen Reisen das Leitmotiv gebildet hätten. Uniform gesehen nahe der französischen Grenze. Damals sei b'r Kaiser im weißen Automobil angekommen, das. wie eine Walküre in der Tonne gefunkelt habe. Als das Auto sich seinem Bestimmungsort genähert habe, habe man die ersten sieben Töne des Trompetcnsignals aus„Siegfried" gehört, die bei der Beschwörung des Feuers vorherrschten und für Wilhelm II. auf seinen Reisen daS Leitmotiv gebildet hätten. Ein Kürassier in weißer Uniform habe den Wagenschlag geöffnet, und als Wilhelm N. ausgestiegen sei, habe des Kaisers Uniform in der Sonne geleuchtet. Als er dann stolzen Blickes um sich geschaut habe, habe man in dem ganz nahen Walde keinen Bogel, kein Säuseln der Natur mehr gehört, wie es'onst zu vernehmen gewesen sei. GuermaiEes schließt ironisch, General Görings Eleganz hat mir diese Szene wieder in die Erinnerung zurückgeruten. Aber In seinem Heim in Doorn kann jetzt Herr von Hoh^n- zollern vergnügt lachen, der heute Hose und Rock wie sie und ich trägt.^ „Solche Theaterstücke stehen heute in Teutschland in Ebren," meint Ä n d r« P i e r r e im„O e u v r e". wo er eine«chil- derunq der„Deutschen Passion 1933" von Richard Euringer gibt Die Leier der„Deutschen Freiheit" haben von diesem .Kunstwerk" schon gehört. Ter böse Geist verkörpert darin den Marxismus. ES ist nach den« Kriege. Eine Mutter weint um ihren Sohn, der auf dem Schlachtfeld geblieben ist. Der böse Geist Ilies Marxismus) ruft ihr zu:„Zurück, Weib!" Und verhöhnt das Opfer, das ihr Sohn mit seinem Leben für das Vaterland gebracht hat. In dieser Tonart geht es weiter. Ein Kriegsbeschädigter brüllt:„Während die Soldaten sich an vier Fronten schlugen, haben ihnen die Literaten, die Ver- brccher, die Demokraten, die Inden und die Marxisten den Hals gebrochen!" Am Schlüsse erlöst der Nationalsozialismus das Volk. Man braucht sich nicht zu wundern, meint der französische Kritiker, daß Minister Goebbels, der im deutschen Theater, wesen das große Wort führt, die außerordentlichen Verdienste der„Deutschen Passion 1933" aus der Feder des hundert- prozentigen Nazidichtcrs Richard Euringer gerühmt hat. » Hindenburgs Beisetzung im Ehrenmal von Tanncnberg führte manchen ausländischen Journalisten zum ersten Male nach Ostpreußen, und so benutzte der Sonderberichterstatter I.- I. T h a r a u d des„P a r i s- S o i r" diese Gelegenheit, um sich über die Verhältnisse in der Ostcckc des Reiches zu orientieren. Nach seiner Darstellung ist die Lage der Provinz, in der keine Industrie, nur Landivirtsckast vorhanden ist, geradezu verzweifelt. In Königsberg fürchte man die Ein- führung von Lebensmittelkarten und überhaupt der Zwangs- Wirtschaft, wie sie zur Zeit des Krieges bestanden habe. Man sei auch in Sorge wegen der Deckung des Bedarfs an Klei- dungsstücken ünd kaufe sie schon jetzt für den Winter ein. Auch mit der Osthilke habe man der Landivirischaft nicht geholten. Der Korrespondent erinnert daran, daß Hindenburgs Name in den Osthilfefkandal hineingezogen worden!ei, als sich nämlich herausgestellt habe, daß man die vom Reichstage bewilligten Millionen nur einigen Großgrundbesitzern habe zufließen lasten, darunter vor allem Hindenburgs Freunden. Hitler wolle wohl wieder z» den Methoden des Deutschen Ritterordens zurückkehren und Deutsche In Ostpreußen an- siedeln. Er verpflichte die Großgrundbesitzer, auf ihren Gütern Arbeitslose aus ganz Teutschland unterzubringen. Erfreue sich der Besitzer der Freundschaft der braunen Macht- Haber, dann würde ihm die Hälfte der Steuern erlassen als Ausgleich für die Lasten, die die Unterbringung der landwirt- schaftlich nicht vorgebildeten Arbeitslosen ihm auferlege. Im anderen Falle verteile man einen Teil seines Besitzes unter die Neuankömmlinge unter dem Vorgeben, der Grundbesitzer sei unfähig, leinen Grund und Boden mit den Ihm zur Ver- süaung stehenden Arbeitskrästen zu bewirtschaften. Was Wunder, daß es in Ostpreußen zahlreiche Agrarier aäbe, die befürchteten, daß Hitler, um den sozialistischen Neigungen unter seinen Anhängern entgegenzukommen, zn Enteignungen übergehen könnte. Mit Hindenburgs Tode hätten die ostprenßischen Agrarier den letzten Schutzwall- gegen solche Bestrebungen verloren. Da,u fei ihnen die Ver- wal'una der Provinz völlig ans den Händen genommen: der Oberpräsident sei Nazi, alle Beamten seien es ebenso oder sympathisierten zumindest mit der Partei. Tie Beamten, die verdächtig gewesen seien, dem Staat feindlich zu sein, seien kurzerhand verabschiedet worden. Je nach der Partei, der sie bisher angehört hätten, dem Z.mtrnm, der Sozialdemokratie oder dem Kommunismus, würden sie unter bestimmte Paragrafen A, B und E fallen. Wenn sich solche Leute aus der Straße träfen, redeten sie sich zuweilen aus folgende Art an:„Wie geht es Dir. Paragrat A?" —„Und Dir, Paragrat B?" So finde man selbst in Hitler- preußen noch ein Mittel zum Lachen. Tharaud schließt mit einer Anekdote. Einige Tage nach Hindenburgs Tode hielten cS der pol- nische, litauische, lettländische und französische Konsul für richtig, in großem Staat dem Obcrpräsidenten einen Bei- leidsbesuch zu machen. Nur der sowictrusstsche Konsul war damit nicht einverstanden, weil ihm der Obcrpräsident noch keinen Besuch gemacht hatte. Schließlich aber ging er doch in einfachem Ttraßcnanzug mit seinen Kollegen mit. Zunächst mußten die Konsuln ein Svalier von SS- und SA.-Leuten passieren. Tann betrat der Obcrpräsident das Zimmer, schlug die Hacken zusammen und sagte:„Sie wissen, meine Herren, unser Verlust..." und ohne noch ein Wort Hinzuzuftigen, drehte er den ausländischen Konsuln den Rücken. Da zog der sowjctrusssschc Konsul seelenruhig eine Zigarette aus seiner Taiche und steckte sie in Brand, ohne sich um die wütenden Blicke der SS., und SA- Leute zu kümmern. Tie NazjS haben sich noch nicht erholt... Eine„Bombengcschichte" erzählt der„I o u r". Meurich- land, so heißt es da, oersendet Waren ins Ausland, wie man weiß. Mitunter seltsame Dinge. Dieser Meinung konnte am 29. Juli in Rom der Geschäftsführer einer Familienpension sein, die den lieblichen Namen„Margherita" führte und dicht am Bahnhof liegt. Am Abend zuvor hatten zwei junge Leute, die deutsch sprachen, bei ihm Zimmer genommen, wobei sie erklärten, sie hätten vor. die Küste des Adriatischen Meeres zu besuchen. Tic führten nur wenig Gepäck, aber zwei große Handkoffer mit sich. Der gute Wirt, ehrlich wie er war, dachte, die Gäiif könnten vielleicht einen größeren Posten von englische» Piundnotcn in ihren Koksern haben, und so öffnet« er einen mit einem kleinen Schlüssel, den er wohl sür solche Fälle ständig bei sich trug.. Er fand sechs wunderschöne»''f* Pistolen, die recht gut eingefettet waren. Darunter, in Witt pappe verpackt, zwölf Handgranaten, oval wie Ostereier„. Die italienischen Zeitungen hatten seit dem 2h. Juli sich in schärfster Weise gegen die Taten, Gedanken und sogar«ittcn der„Herren Nazis" gewandt. Unser ivackcrcr Freund aus dem Margheritahause glaubte, in der kleinen Sendung eine Art Zündpulvcr, wenn man so sagen darf, sür eine Autwort zu sehen, die ziemlich deutlich sein sollte. Er machte bei der Polizei Anzeige. Diese fand in dem anderen größeren Kokser zwei Taucher- kostttme, keine Schivimmanzügc etwa, sondern solche, mit denen man zwanzig Minuten unter Wasser bleiben kann, und vier Bomben, die viel größer ivaren als die anderen. Wollten die beiden prächtigen deutschen Nazijünglinge mit Dynamit im Adriatischen Meere fischen? Aber wozu hielten sie sich dann in Rom aus? Da Mussolini in ienen Tagen sich in Rom befand und nach Riecion« zu gehen pflegte, wo er..wie man weiß, oft allein in seinem Motorboot den Nachmittag zubringt, glaubten Leute mit Spürsinn, daß man beabsichtigt hätte, im Schutze der Nacht eine Bombe an sein Boot anzuhängen, falls man in BöW sticht Mte. W icjn? Hägde gelangen können. Die Juden in Algerien Die blutigen Vorgänge in Constantine PariS, IL August 1034. Von unserem Korrespondenten Die blutigen Ereignisse von Constantine in Algerien, bei denen die muselmanische Bevölkerung das jüdische Viertel in einen Trümmerhaufen verivandeltc, und bei denen einige zwanzig Juden ums Leben gekommen sind, geben dem „Völkischen Beobachter" Gelegenheit zu erklären, das, unter den getöteten Juden sich„stadtbekannte Geldverleiher" bc- fanden, die wahrscheinlich persönlicher Rachsucht zum Opfer gefallen sind. Kein Europäer sei zu Schaden gekommen. Sämtliche die Aufschrift„christlich" tragende Häuser seien verschont geblieben. Wenn man diese Mitteilungen aus dem„Völkischen Be- rbachter" liest, so muß man sich fragen, ob nicht bei den traurigen Ereignissen von Constantine jene hitlerschcn Auslandsagenten, denen es ja auf Geld nicht ankommt, ihre Hand im Spiele haben. Die Propagandaaniveisungen des Deutschen Auswärtigen Amtes, die seinerzeit im„Petit Parisien" veröffentlicht wurden, machen ja bekanntlich den Hitlcragenten zur Pflicht, wenn irgend möglich im fremden Lande Unruhe zu stiften. Kein französiiches Blatt hat bisher die tragischen Ereignisse von Constantine als„aus persönlicher Rachsucht" geboren hinzustellen versucht. Vielmehr bemerkt„Iour" ganz richtig, das, der tiefere Grund für die Unruhen vielleicht zu einem Teil seine Ursache überhaupt in dem ungelösten großen algerischen Problem hat. 1871, gelegentlich de Ab- kommens von Cremieux, wurde den in Algerien lebenden Juden volles Bürgerrecht gegeben, während die eingeborenen Muselmannen nicht das Wahlrecht erhielten.„Iour" meint, daß nur das besonnene Eingreifen des Bürgermeisters Morinaud, der seit dreißig Jahren seines Amtes waltet und von der ganzen Bevölkerung angebetet werde, verhütet habe, dos, ganz Constantine in Flammen aufgegangen sei. Seine Devise sei:„All? Franzose», gleich welcher Religion und gleich welchen Ursprungs, müßten zusammenhalten." Ter christliche Präsident der Handelskammer von Eon- stantine hat den Eindruck, daß große Mengen von außerhalb gekommene Araber, von jenen beivaffnet, die ein Interesse daran haben, Unruhe zu stiften, in die Stadt gekommen seien und jene gräßlichen Verwüstungen und Grausamkeiten be- gangen haben. Diese dem Pariser Berichterstatter des„Jntransigeant" gegenüber geäußerte Meinung beweist klar, daß unsere Ansicht, daß hier Hitler seine Hand im Spiele hatte, zutreffen dürfte. Eines der bekanntesten Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Constantine, ein Großkaufmann in Stoffen, drückte sein Erstaunen aus, wie planmäßig und kaltblütig die Araber vorgingen. Wie soll man diese Beobachtung mit der Ansicht de? Groß» n'uphtis Si Ben Mouhoub vereinen, der die Heftigkeit und Grausamkeit des Angriffs wie überhaupt den ganzen Angriff auf die Juden lediglich auf die Erregung der Menge über den Zwischenfall in der Moschee von Sidi Lakdar zurückführt. Dort hatte bekanntlich ein trunkener jüdischer Soldat den Gottesdienst gestört, was den äußeren Anlaß zu den Unruhen gab. Es wäre jedenfalls interessant, zu erfahren, ob nicht die französischen Behörden bei ihren Recherchen ebenso klare Beweise für die Schuld der Hitler-Regicrung an diesem Zwischenfall finden werden, wie es gelungen ist, diese aus Anlaß des Wiener Putsches beizubringen. Russisches Luffgeschwader in Paris Paris. Die Ankunft eines russischen Luit- geschwaders in Paris ruft die Erinnerungen an den Besuch der ruff'chen Flotte in Toulon zu Beginn der russiich-sranzösischen Allianz wach und wird dem Ostpakt ebenfalls neue Aktualität verleihen. Pcrtina? erklärt im „Echo de Paris", daß die Zeit dränge und der Augenblick zum Abschluß desO st Paktes sehr günstig sei. Deutsch- lang suche Zeit zu gewinnen in der Hoffnung, daß ein Sturz der Regierung Doumergue-Barthou in Frankreich das Projekt des Ostpaktes begraben ivürde, England warte auf den nahen Zusammenbruch des Hitlerregimes und würde einem von der RcichSivehr in die Hand genommenen Deutichland neues Entgegenkommen zeigen. Der Einwand, daß man Nußlands Eintritt in den Völkerbund abwarten müsse, damit der Ostpakt seinen juristischen Nahmen er- halte, widerlegt das„Echo de Paris" mit dem Hinweis auf den Präzedenzfall des Locarno-Vcrtrages, der ebenfalls ein Jahr vor dem Eintritt Teutschlands in die Gen'er Jnsti- tution abgeschlossen worden war."„Neue Zürcher Zeitung" Nazi-Propagandazentrum in Dublin London, August. Die englische Polizei entdeckte in Dublin das geheime Zentrum der nationalsozialistischen Propa- ganda in England. 30 Deutsche verteilten von hier aus nationalsozialistisches Propagandamaterial in alle Bezirke des Landes. Gandhi fastet sieben Tage London, August. Trotz der Warnung der Aerzte, daß er sein Leber in Gefahr bringe hat Gandhi, wie angekündigt, am Dienstag in Wardha(Zentralindienj sein siebentägiges Fasten begonnen. Ilm 4 Uhr früh nahm er seine letzte Mahl- zeit ein die aus Ziegenmilch Honig»nd Fruchtsast bestand. Tagsüber ruhte er. Am Abend inachte er noch einen recht frischen Eindruck- Ter Beschluß des Mahatma ist bekanntlich dadurch veranlaßt worden, daß seine Anhänger einen orthodoxen Hindu mißhandelten, eine Tat, die er durch seinem Selbstkasteiung sühnen will. Die Verstaatlichung des Silbers in ISA. Eine inflaflonisiisdie Maßnahme Präsident Rooscvelt hat soeben eine außerordentliche, in ihren Auswirkungen für den Welthandel bedeutsame Ber- sügung erlassen. Danach werden alle amerikanischen Vorräte an ungemiinztem Silber verstaat- licht. Diese Vorräte müssen binnen 90 Tagen an die zu- ständigen Stellen der Zentralbanken gegen Zahlung des offiziellen Silberpreises von 50 ,1 Et. pro Unze abgeliefert werben. Ausgenommen von dieser Ablieferung sind ameri- kanische und ausländische Silbermünzen, silberne Gebrauchs- gegenstände und die in amerikanischen Banken gelagerten ausländischen Silbcrvorräte. Diese neue Maßnahme des Präsidenten Roosevclt hat eine politische und wirtschaftliche Seite. Durch die Verstaatlichung des Silbers erfüllt Präsident Roosevelt die Wünsche der Bundesstaaten, die zu den größten Silbercrzcugern der Welt gehören, ebenso auch die Wünsche der Farmer. Denn durch diese Verstaatlichung werden voraussichtlich die Getreide-, Baumwoll- und Kautschukpreise in die Höhe gehen, was naturgemäß in Farmerkreisen mit Befriedigung aufgenom- mcn wird. Da in drei Monaten die ersten Wahlen nach der Amtsübernahme des Präsidenten stattfinden, so bedeutet diese Maßnahme eine starke agitatorische Waffe in Händen des Präsidenten Roosevelt und seiner Anhänger. Tic finanzielle Seite dieser M a ß n a h m e ist wohl in erster Linie darin zu suchen, daß durch die Ratio- nalisicrung des Silbers die Teckungsbasis des Dollar ver- brcitert wird. Dann wird gleichzeitig bis zu einem gewisse» Grade mit einer weiteren Entwertung des Dollar zu rech- nen sein. Ter amerikanische Export wird deshalb in nächster Zukunft wohl in der Lage sein, seinen Handel aus den Welt- Märkten, insbesondere nach China auszudehnen und in wirk- samerer Weise die japanische Konkurrenz, soweit möglich, bc- kämpfen zu können. Inwieweit es dem Präsidenten Roosevelt gelingen wird, init der Verstaatlichung des Silbers die gestellten Ziele am Weltmarkt zu erreichen, wird die nächste Zukunst zeigen. pariser Berichte Die polnischen Bergleute Ihre Forderungen Die polnischen Bergarbeiter der Grube Escarpelles, die ausgewiesen worden sind, verlangen freie Reise mit all ihren Habseligkeiten, freie Rückbeförderung ihrer Familien nach Polen und für sich und jedes Familienmitglied einsdiließlich der Kinder eine Entschädigung von 300 Franken pro Person. Sie wollen ferner eine Arheitslosenhescheinigung, damit sie in Polen Unterstützung erhalten. Endlich fordern sie die Freilassung der sechs verhafteten Polen. Ob diese Forderungen bewilligt werden, läßt sich noch nicht sagen. Die Lage im Lenser Kohlengebiet ist jedenfalls noch weit davon entfernt, geklärt zu sein. Denn es gibt-dort 70 000 Polen, d. h. also 60 Prozent der arbeitenden Bevölkerung sind polnisch. Diese wollen sich mit allen Mitteln der Ausweisung ihrer 128 Kameraden widersetzen. Polizei zu Pferde hält daher nach wie vor die Straßen besetzt und weitere Polizisten sind an verschiedenen besonders gefährdeten Punkten massiert, um gegen alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Der Abtransport der Po!en Der Abtransport der ausgewiesenen Polen aus dem Lenser Kohlengebiet vollzog sich in größter Ruhe. Etwa 30 Männer, an 70 Frauen und 22 Kinder unter drei Jahren und einige vierzig Kinder über 3 Jahren mußten Frankreich verlassen. Es war ein Sonderzug gestellt worden, der die Familien mit ihren armseligen Habseligkeiten bis nach Lille brachte. Dort wurden die Wagen an den Schnellzug Calais-Warschau angehängt. Todestraurigkeit lag auf allen Gesichtern, als die Leute den Zug bestiegen, der sie aus dem Lande, das ihnen viele Jahre eine zweite Heimat war, für immer fortführen sollte. Aber die Befürchtungen, daß es zu unliebsamen Zwischenfällen bei dieser Abreise kommen würde, waren umsonst. Die Leute waren resigniert und dachten nicht mehr an Widerstand. Nur ein junges Paar, das am Tage zuvor noch von dem Bürgermeister der kleinen Stadt Leforest getraut worden war, schien vergnügt diese unvorhergesehene Reise als Hochzeitsreise zu betrachten. In Lille fand eine strenge Paßkontrolle statt. Dabei stellte sich heraus, daß etwa vierzehn Personen nicht das deutsche Durchreisevisum hatten. Sie wurden in einem anderen Zuge nach Leforest zurück- transportiert und werden nach Erledigung dieser Formalität in etwa 2 Tagen ihren Landsleuten in die Heimat nackt- folgen. In Douai wird eine große Protestkundgebung gegen die Ausweisung stattfinden, von einem Generalstreik will man aber absehen, da die Ausgewiesenen ihr Los ohne weiteren Protest auf sich genommen haben. Eiscnbahnunglßch in Avignon Ein großes Eisenbahnunglück ereignete sich Sonntagmorgen im Bahnhof von Avignon. Der Schnellzug, der die Schweiz mit den Orten der Mittelmeerküste verbindet und der Genf Samstagabend gegen 8 Uhr verließ, entgleiste aus bisher noch nicht bekannten.Ursachen kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Avignon. Unglücklicherweise waren die Nebengleise durch Güterzüge besetzt, so daß die entgleisten Wagen mit voller Gewalt auf die Güterzugswagen stießen. Ein entsetzliches Krackten ertönte, und innerhalb weniger Sekunden waren die ersten Wagen des ungewöhnlich gut besetzten Schnellzuges ein Trümmerhaufen. Durch den Unfall wurden die elektrischen Drähte zerrissen, so daß der Bahnhof in tiefster Finsternis lag. Die alsbald herbeigeeilten Rettungsmannschaften zogen aus den Trümmern bisher 4 Tote und 37 Schwerverletzte hervor. Vier dieser Schwerverletzten werden wohl kaum mit dem Leben davonkommen. Auch der Zugführer befindet sich unter den Verletzten. Der Weichensteller, der die Weiche vor der Einfahrt in den Bahnhof zu bedienen hat. behauptet, das Unglück sei auf eine zu große Geschwindigkeit des Zuges zurückzuführen, der, wie er angibt, die Weiche statt mit den vorgeschriebenen 20 Kilometer mit 40 Kilometer in der Stunde passiert hätte. Eine Nachprüfung dieser Angabe ist aber unmöglich, weil die Lokomotive bei dem Unfall Feuer gefangen hatte und alle Kontrollapparate durch das Feuer zerstört sind. Ein rabiater französischer Abgeordneter Der Abgeordnete Besson, der trotz seiner Eigenschaft als \ olksvertreter und Parlamentarier bereits mehrfach mit den Hütern der Ordnung, den Gendarmen, zusammengestoßen ist, deren Uniform er anscheinend nicht sehen mag, ist am Freitag vom Gericht in Riow wegen Diebstahls einer Quittung, die er in einem Rechtsanwaltsbüro an sich riß, ohne den darauf quittierten Betrag bezahlt zu hghen, zu drei Monaten Gefängnis mit Bewährungsfrist verurteilt worden. Das Gericht war aber mit seinem Verhalten in der Verhandlung so zufrieden, daß es den Abg. Besson wegen eines anderen Prozesses(Widerstand gegen die Staatsgewalt und Beleidigung von Gendarmen) nicht bis zur Verhandlung in Haft behielt, sondern seine vorläufige Freilassung zuließ. Russische Leichtathleten DNB. Paris, 11. Aug. Bei der Ankunft von 25 sowjetrussischen Leichtathleten in Paris kam es am Nordbahnhof zu Zwischenfällen. Etwa 1500 Kommunisten hatten die zu einer kommunistischen Sportveranstaltung in Paris erwarteten Sowjetsportler am Bahnhof empfangen und stimmten zur Begrüßung die Internationale au. Die Polizei ließ diese Art Kundgebung nicht zu und drängte die 1500 Manifestanten ab. Es kam noch mehrfach zu Zusammenstößen, bei denen ein Kellner verletzt und einige Bestandteile des Geschirrs einiger Cafes am Nordbahnhof zertrümmert wurden. Oratorienchor„Philharmonia" Der vor einigen Monaten unter Leitung von Herrn Kapellmeister Franz Lande gegründete Oratorienchor „P h i I h a r m o n i a" hat den ehrenvollen Auftrag erhalten, für die bevorstehenden hohen jüdischen Feiertage den Synagogenchor in dem geplanten Sonder-Gottesdienst für die deutsche Emigration zu stellen. Die Chorproben, die wegen der Ferien für einige Wochen unterbrochen worden waren, werden daher zu diesem Zweck am Montag. 13. August, abends 8.45 Uhr, wieder aufgenommen werden. Die Chorproben müssen zunächst im Lokal„Chez Cohn", 17 ruc Beranger, Metro: Republique, abgehalten werden, sollen aber in allernächster Zeit in ein Studio mit Flügel im 16, Arrondissement verlegt werden. Da dem Chor für die Mitwirkung beim Gottesdienst ein erheblicher Geldbetrag zur Verfügung steht, wird für die Chorproben, in denen die Einübung der gottesdienstlichen Gesänge erfolgt, ein Beitrag nicht erhoben. Auslagen werden ersetzt. Neuanmeldungen zur Mitgliedschaft und zur Mitwirkung im Synagogalchor können in der ersten Probe erfolgen. Zu verkaufen Vollständige Einrichtung einer FABRIQUE DE BONNETERIE (Strumpffabrik* mit Bureaus.— Sehr mäßige Miete mit hübscher Wohnung. Schriftlich zu wenden an die„Deutsche Freiheit" Saarbrücken unter Nr. 1110 Bezirkss Vertretung in Frankreich, Belgien oder Luxemburg Garant, konkurrenzlose Massen»Konsunv artik. Außergewöhnliche Verdienstinög- lichk. Ernsthafte Bewerbungen möglichst in deutscher Sprache erbeten an üaarsi'e»and, Wiebelskirchen(Saar), Posif. Nr. 3 WESTLAND Unabhängige deutsche Wechenseilung erscheint in Saarbrücken jeden Freitag. „Westland" bebandelt in unparteiischer Weise politische, kulturelle und wirtschaftliche Fragen. Besondere Aufmerksamkeit widmet es der deutschen Entwicklung. Die nationalsozialistische revolutionäre Uebergangszeit will es begreifen und nicht bejammern helfen Deshalb späht„Westlafid" nicht„Angriffspunkte" aus, sondern sucht ein umfassendes Bild zu geben Es wendet sich an den selbständig denkenden Leser, der mit ihm dieWahrheit für die schärfste Waffe des politischen Kampfes hält. Aus der neuesten Nummer: Ein Anwalt schreibt aus dem Reich Hier regiert Fritz Thyssen Rintelen wird Nichtarier Anleitung für Betriebsspitzel Tarifrecht an der Saar Saarhandel im Abstieg Die regelmäßige Zustellung erfolgt durch die Westland»Verlags« G. m. b. H Saa-brücken 3 ♦ Brauerstraste 6—8 ♦ Telefon 21014 Fvt den fflfsiimtiichalt verantwortlich: Johann P I y In Dub- wtllrr: fOr Inserate: Cito ff u h n in Soerbrtlrten. SfotationSbrurf und Verlag: Verlag der Volkdftlmme GmbH„ Saarbrücken 8» Schützenstratze fi,— Schließfach 776 Saarbrücken.