Sinzigs unabhängige Tagsszsiiung Veuischlands Laarkrücken, Donnerstag, 23. August 1934| Chefredakteur: M. B r a u n Elf. II Die intceme von Jiotem Seite 2 Selhsimotd SBa£duc oon^fchicachs? Seite 3 Jtatis und, die„VothsahstUnntung^" Seite 3 Das unterirdische Deutschland Seite 7 Göring kündigt Blutbad an Ausrottung Oer Neinsager!- Wer gegen den„Führer" agitiert« soll erschlagen werden- Krankhafte Hybris der Schreckensmänner Sein ßacheschrei! Ter sogenannte Führer bcs Reichs und des Volkes hat angekündigt, daß mit nationalsozialistischer Schnelligkeit und Gründlichkeit noch in der Wahlnacht eine Aktion beschlossen worden sei, die restlichen 1» v. H. des deutschen Volkes zu gewinnen. Wir haben das als die Ankündigung einer neuen Terror- woge aufgefaßt. Ein Interview, das der preußische Minister- Präsident Göring einem Schriftleiter der„DAZ." gegeben hat, macht unsere Sorgen zur Gewißheit. Er beschäftigt sich mit den Neinsagern, redet ein wenig um seine haßerfüllten Drohungen herum, indem er lügt, das Wahlergebnis habe gezeigt,„wie unerschütterlich gerade unsere deutsche Arbeiter- schaft treu zu Adolf Hitler steht", teilt die Neinsager so aus, wie es ihm paßt, und kommt zu folgender entscheidender An- kündigung: Die dritte Gruppe bildet die zahlenmäßig geringe Schicht, die einfach unbelehrbar oder gar böswil- I i g ist. Wir werden sie nicht dafür bestrasen, daß sie mit Rein gestimmt haben, sie mögen sich aber gesagt sein lasten, daß wir es aus keinen Fall dulden werden, wenn sie mit ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der nationalsozialistischen Staatssührung irgendwie oder irgendwann im Volke Propaganda treiben und wir werden mit ei'erner Kaust zuschlagen, wenn sie sich zu verbrecherischen Handlungen hinreißen las- scn, die die Sicherheit und Ordnung des Staatesbedrohen. Gewiß werden bei der einen oder anderen Frage des öffentlichen Lebens immer verschiedene Anschauungen möglich sein. Niemanden wird das Recht be- stritten, unter den großen, allein vom Führer bestimmten Gesichtspunkten an seiner Stelle nach seinem Geist zu ar- bciten. Wir wünschen auch offene und ehrliche Kritik bei all den schwierigen Problemen, die der Neuausbau unseres Staates stellt. Kritik darf aber nur der aussprechen, der bereit nnd in der Lage ist, besseres zu leisten und diese Fähigkeit unter Beweis gestellt hat. Die Kritik sin, dct ihre Grenzen an den lebenswichtigen, großen Fragen der Nation, die allein der Führer regelt. Bor unserem Führer Adolf Hitler schweigt alle Kritik. Wenn der Führer ruft oder befiehlt, dann hat jeder Mann bedingungslos zu folgen oder zu gehorchen, wer immer er auch sei. Es charakterisiert diesen Gewaltstaat, daß einer seiner wächtigsten Würdenträger die Staatsbürger glaubt amnestieren zu müssen, weil sie in sozusagen freier und ge- heimer Wahl ihrer Ueberzeugung Ausdruck zu geben wagten. Hinter dieser bedeutungslosen Floskel erhebt sich aber die Drohung, daß mit eiserner Faust zugeschlagen werden soll, wenn irgendwie oder irgendwann ein Deutscher für eine Ueberzeugung wirbt, die den Machthaber« nicht paßt. In kei- ucm Lande der Welt wäre eine so dumme und rohe Drohung eines führenden Regierungsmannes möglich. Das ist der preußische Kommißgeist. Ter Hauptmann befiehlt den öS Millionen wie einer aus dem Kasernenhof angetretenen Kom- ponie:„Stillgestanden! Augen gerade aus!" So steht nach dem Ausspruch GöringS das deutsche Volk vor der Welt: ein Einziger, über dessen Geistesverfassung und Gemütszustand sich die vernünftigen Menschen innerhalb und außerhalb Deutschlands einig sind, befiehlt, und die ganze Nation hat zu gehorchen. Wer gegen diesen Wahn- w i tz sich erhebt, wird niedergeschlagen! So kündigt Preußens Ministerpräsident an. Damit er recht verstanden werde, hat er an anderer Stelle seines Interviews noch gesagt, daß die Neinsager sich „außerhalb der Volksgemeinschaft gestellt haben". Das ist im nationalsozialistischen Terrorjargon die Aechtung, bedeutet, daß der preußische Ministerpräsident die Neinsager für vogelfrei erklärt. Daß wir Göring richtig verstanden haben, beweist auch seine Essener„National-Zeitung", die am Morgen des Wahl- sonntag schreibt: „Wer dem Führer seine Stimme nicht gibt, stellt sich ans eine Stuse mit den Emigranten? er ist noch henchlerischer als jene Schamlosen» da er, im Lande verborge«, gegen die Geschlossenheit des Volkes heimtückisch kämpst." Das dürste wohl auch für den Harmlosesten deutlich genug sein. Wer Göring ist, weiß alle Welt. Man kennt seine aben- teuerliche Vergangenheit und gewisse symptomatische Erschei- nungen. Tie Urkunden über seine Behandlung in einer schwedischen Anstalt liegen vor. Spätere ärztliche Befunde, die frühere ausheben könnten, sind nicht bekannt geworden. Alle, die nicht auf die nationalsozialistische Partei einge- schworen sind, und auch von diesen noch eine große Menge, machen ihn für die Brandstiftung des Reichstags verantmort- lich. Es wird zur gegebenen Zeit nachgewiesen werden, daß die Brandstifter unter dem Kommando von Röhm und Hei- nes aus dem Palais des Göring in das Rcichstagsgcbäuöe unterirdisch eingedrungen sind. Göring, das ist der Mann, der Hitlers Blutbefehle vom 80. Juni noch erweitert hat. Er ist neben Hitler der Haupt- schuldige an dem hundertfachen Hinschlachten von politischen Gegnern, denen nichts anderes vorzuwerfen war. als daß sie den von Göring und Hitler geforderten Grundsatz des elendesten Kadavergehorsams ablehnten!„Vor unserem Füh- rer Adolf Hitler schweigt alle Kritik. Wenn der Führer ruft oder befiehlt, dann hat jeder Mann bedingungslos zu fol- gen oder zu gehorchen, wer immer er auch sei." Schleicher und andere sind, wie durch die Abbitte des deutschen Reichskanzlers und Reichsführers vor der fran- zösischen Regierung nun feststeht, nur deshalb ermordet wor- den, weil sie zu den Kritikern, zu den Neinsagern, gehörten. Die Wut des Göring ist ebenso begreiflich wie wirkungs- los. Er kann Tausende„richten" lassen? er kann Zehntau- sende in seine Konzentrationslager sperren? er kann aber nicht Millionen und aber Millionen entschlossene Gegner ausrotten, die aus der Kraft ihrer freien Persönlichkeit voller Verachtung die Tyrannen und ihr Sklavensystem ablehnen. Der Wille zur Freiheit lebt und wächst und kämpft und Göring und seine Scharfrichter werden ihn nicht erschüttern. Wie sie lügen! Das Plebiszit und das Ausland Alle Lügen der nationalsozialistischen Abstimmungskam- vagne werden noch weit überboten durch die schamlose„Be- ^ichterstattung" über das Echo des Hitler-Plebisztts im Aus- land. Das amtliche Nachrichtenbüro hat in England eine„all- gemeine Meinung in politischen Kreisen Londons" festgestellt, uach der Hitler seine Beliebtheit bei der großen Masse des Volkes nicht„in irgendeiner Weise" eingebüßt habe. Ein Abendblatt„E v e n i n g News" habe von einem„Triumph Hitlers" gesprochen, und die„Daily Mail" nenne das Plebiszit eine„erstaunliche Huldigung" für das persönliche Ansehen Hitlers. Aus Paris muß das„Journal" her- halten, dessen Berliner Berichterstatter einen„gewaltigen Tieg" Hitlers feststellte. Dann schweift das Nachrichtenbüro »u cuckern Mittelpunkten der WelMentUHkeit ab. wu? Warschau, Belgrad, Sofia und Istambyl, wo der Eindruck„stark" ist und Hitler— woran kein Mensch zwei- fclt— als Herr des Reiches angesehen wird. Freilich muß der Stockholmer Berichterstatter des amtlichen Büros in einem halben Nebensatz zugeben, daß„ein großer Teil der schwedischen Presse bemüht ist, den großen Sieg Hitlers durch ausgeklügelte Kritik zu verkleinern", dafür beherrschen zwei Zeitungen, die etwas mehr das Positive sehen, die übri- gen 80 Zeilen des Berichts. Und nicht ganz weglügen kann man es, daß die italienische Presse voller Schadenfreude ist und zum Beispiel„Gazetta del Popolo" feststellt, wie Hitler empfindlich an Boden verloren habe. tostitiuutt a titZ Ssttt. Droht Krieg im Osten? Rußland und Japan im offenen Konflikt Vor dreißig Iahren sah die Welt gespannt nach dem Osten. Der Russisch-Iapanische Krieg war im vollen Zuge und erwies zum ersten Male die Leistung?- fähigkeit jenes bis dahin als nicht ganz voll genommenen Volkes, dessen Armeen es gelang, die russische Macht zu Wasser und zu Lande zu schlagen. Es war ein Stoß ins Herz des Zarismus. Alles, was an der Erhaltung des ab- solutistischen Kolosses im Osten Europas Interesse hatte, sprach besorgt von der gelben Gefahr. Es war die Zeit, in der Wilhelm II. die berühmte Zeichnung präsentierte; „Völker Europas, wahret Eure heiligsten Güter!" Dreißig Jahre später. Wieder spricht die Welt von einem kriegerischen Zusammenstoß zwischen Rußland und Japan. Die Interessenkämpfe zwischen den beiden Ländern um die ostchinesische Eisenbahn haben den berühmten kri- tischen Punkt erreicht, an dem der leiseste Anstoß genügt, um den Krieg offen zu entfesseln. InMoskau ist m a n nahezu ohne Hoffnung, daß er noch vermie- den werden kann. Die beiden Regierungen schicken Proteste und Erklärungen in die Welt. Jede will der anderen die Verantwortung zuschieben, wenn die Kriegs- furie nicht länger mehr gefesselt werden kann. Der aggressive Teil ist unzweifelhaft Japan. Der be- völkerungsvolitische und wirtschaftliche Expansionsdrang des übervölkerten Landes ist kaum noch zu zügeln. Der Streit um die ostchinesische Eisenbahn ist die Kulisse, hin- ter der sich sehr weitreichende japanische Pläne verbergen. Offiziell teilt setzt die amtliche russische Telegrafenagentur mit. daß die Verhandlungen zwischen Rußland und Japan auf der Bereitwilligkeit Rußlands beruhten, die o st- chinesische Eisenbahn an Japan oder an Mandschukuo zu verkaufen. Die sawjetrussiscke Delegation verlangte 250 Millionen Galdrubel oder 625 Millionen Pen. Im späteren Termin der Verhandlunaen ließ sie sich herbei, die Ab- tretungssumme auf 200 Millionen Rubel herabzusetzen und für die Hälfte dieser Summe japanische Waren entgegen- zunehmen. Wochenlang zogen sich die Verhandlungen hin. Neue Forderungen, neue Angebote ohne Ende. Mitten in diese Auseinandersetzungen platzten die Ver- Haftungen von leitenden sowjetrussischen Beamten der oft- chinesischen Eisenbahn hinein, worüber wiederholt be- richtet wurde. Für sechs Monate wurden alle VerHand- lungen unterbrochen. Alle empörten Proteste Sowjetruß- lands haben nichts genützt. Soeben wird aus Charhin be- richtet, daß neue Beamte der ostchinesischen Bahn in Haft genommen wurden. Nebenher aber läuft seit einigen Tagen ein japanisches Ultimatum, veranlaßt durch die Tat- fache, daß die jüngsten Unterredungen zwischen dem fowjetrussischen Botschafter und dem japanischen Minister Herota ergebnislos verlaufen waren. Am 13. August teilte der Vorsitzende der mandschurischen Delegation dem sow- jetrussischen Botschafter mit, daß die gesamte man- dschurische Delegation Tokio verlasse, um nach Man- dschukuo zurückzukehren. Auf ein Signal hin setzte gleich- zeitig in der japanischen und mandschurischen Presse eine heftige sowjetfeindliche Kampagne ein, die von den japa- nischen Kriegstreibern geschickt zur Aufpeitschung hel- bischer Instinkte Iung-Iapans benutzt wurde. Das ist in Kürze der Sachverhalt im Osten. Er gibt eine gewisse Erklärung dafür, weshalb Rußland heute nicht mehr so wie früher einem Eintritt in den Völkerbund abgeneigt ist. Dabei gibt man sich in Moskau wohl kaum irgendwelchen Illusionen hin, daß der Völkerbund im- stände sei. Japan in den Arm zu fallen, zumal es dem Völkerbund nicht mehr angehört. Aber man erhofft doch von Genf her eine gewisse moralische Stütze, wenn die Angriffslust Japans die kriegerische Auseinandersetzung unvermeidlich macht. Gleichzeitig aber wächst begreif- licherweise Sowjetrußlands Verlangen nach größerer Sicherheit in Europa. Daher der Wunsch der russischen Diplomatie, den Ostpakt in Sicherheit zu bringen und Polen in friedlicher Haltung zu fesseln. Nicht wenigerals 50russischeBeamte und öfii. AJüfcia&iii&SÄ Lsda iinfc X letzt in Haft. Man macht ihnen den Vorwurf der Sa- botage, aber worin sie bestehen soll, wird nicht gesagt. In- zwischen wächst in Tokio angeblich die Entrüstung darüber, daß sich die sowjetrussische Regierung mit ihren Veröffent- lichungen über den Verlauf der Verhandlungen an öle Oeffentlichkeit geflüchtet hat. Der Sprecher des Außen- Ministeriums nannte diese Veröffentlichung einen„glatten Vertragsbruch" und kündigte einen Protest der japa- Nischen Regierung in Moskau an. Es ist also Vorkriegs- ftimmung in beiden Ländern, mit der erforderlichen Auf- pulverung der öffentlichen Meinung. Die Welt hat alle Ursache, diese Entwicklung mit Auf- merksamkeit und mit Sorge zu verfolgen. Japan be- droht heute die Vormacht der großen Mächte sehr ernst- lich— so sehr, daß man wieder von einer englisch- japanischen Annäherung spricht. England soll zu weitgehendem Entgegenkommen in der Anerkennung ja- panischer Interessen in Nordchina bereit sein. Von offi- zieller englischer Seite wird ein solcher englisch-japanischer Pakt allerdings entschieden in Abrede gestellt. Man kann sich aber lebhaft vorstellen, daß England an einer pol!- tischen Befriedung Japans interessiert ist, um gleichzeitig die Möglichkeit zu gewinnen, sich seine bedrohliche wirft schaftliche Konkurrenz entschiedener als bisher vom Halse zu halten. Schon dringt Japan in das britische Monopol für Baumwollfertigwaren ein. Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Interessen und kriegerischen Verwick- lungen ist zu bekannt aus der Weltgeschichte, als darüber noch ein Wort zu verlieren wäre. Ist Japan wirklich einer geheimen englischen Hilfe in seinem kriegerischen Entfal- tungsörang sicher, dann wächst die Gefahr des Zusammen- stoßes im Osten. Auf Sowjetrußland liegt schwer der Alp- druck eines möglichen Krieges mit Japan, den es nicht will, und der seinen politischen und wirtlckaftücken Inter- essen gegenwärtig in keinem einzigen Punkte entspricht. „Ergebnisse" Zahlen, über die man lächelt Die„Frankfurter Zeitung" berichtet: Das Ergebnis der Volksabstimmung vom 19. August in Pirmasens ist besonders bemerkenswert. SN719 Ja- Stimmen stehen nur 182 Nein-Ttimmen gegenüber. Dem Wahlamt in Ulm wurde als erstes Wahlresultat die Abstimmung im Schutzhaftlager Kuhberg über- geben. Von 45 Stimmberechtigten stimmten 41 mit Ja, 8 mit Nein, 1 Stimme war ungültig. Einstimmig! Eine Satire zur Hitler-Wahl Berlin, 21. Augnst. 80 Insassen eines jüdische» Alters- heim in Berlin wählten am Sonntag einstimmig Hitler. * Dieses Ergebnis hat sich Herr Goebbels bestimmt nicht be- stellt. Die zitternden alten jüdischen Männer und jüdischen Frauen, die ihrem Bedrücker ängstlich zitternd ihr Ja-Wort gaben: DaS ist eine antihitlerische Persiflage. SOS-Rufe eines englische» fliegers Im Arktischen Meer London, 22. Aug. Der Fischdampfer„Dervish" aus Hull hat einen Funkspruch deS britischen Fliegers John Grierson aufgefangen, der berichtet, an einer einsamen Küste im Ark- tischen Meer zu einer Notlandung gezwungen gewesen zu sein. Ter Flieger hatte beabsichtigt, auf der nördlichen Route über Grönland nach Ottawa zu fliegen. Er hatte am 21. 7. Rochester verlassen. Seine Maschine war bei der Landung in Reykjavik beschädigt worden. Am Dienstag dieser Woche trat er nach erfolgter Wiederinstandsetzung den Weiterflug nach Grönland an. Am gleichen Tage um 29 Uhr sing der er- wähnte Fischdampfer folgende Botschaft aus:„Eisfreier Fjord, glatte Landung ungefähr fünf Kilometer von Küste, wo sie von Osten nach Westen gebt. Ich habe Lebensmittel für zehn Tage. Bitte, stellt Nachforschungen an." Pas neueste Philipp Scheide mann hat sich, wie die„Franksnrter Zeitung" meldet, an Bord de» polnischen Dampfers „Kosciuszko" nach Amerika begebe«. Wie die polnischen staatlichen Flugzeugwerke offiziell mit- teilen, hat der von diesen Werken gebaute neue Jagdeindecker Super p 24, der ein verbesserter Typ des Flugzeuges P 7 des verstorbene» Konstrukteurs P n l a w i k j ist, bei einem Probeflug unter Kontrolle eine Geschwindigkeit von vier- hnndertundvier Stundenkilometern entwickelt. Das Flugzeug flog mit voller militärischer Anoriistnng. Bei Woodbridge in der Grafschaft Sussolk ereignete sich am Dienstag der ungewöhnliche Vorfall, das, ein eng- l i s ch e s Militärflugzeug a n o e i n a» d e r b r a«h. Augenzeuge» berichten, daß sich eine Explosion ereignet habe, woraus eine Tragfläche abgebrochen sei. Der Flieger sprang mit dem Fallschirm über Bord. Das Flugzeug siel in den Debenslusi, der Benzintank wurde 10» Meter von der Unfall- stelle in einem Felde gesunden. Die abgebrochene Tragfläche kam dreieinhalb Kilometer entfernt in einem Park herunter. In der Grafschaft Limmerick im i r i s ch e„ F r e i st a a t wurden am Dienstag von regierungsfeindliche! Seite wiederum zahlreiche Sabotageakte verübt. Bei Eroom wurden während der Nacht ungefähr 2» Telegrafenstangen abgesägt und viele Wege durch gefällte Bäume gesperrt. Die Eisenbahnztige in Nord-Kerr» erlitten erhebliche Beripä- tungen, weil die Signaldrähte durchschnitten worden waren. Es wird vermutet, dasi es sich um eine Protestkundgebung gegen den Berkaus beschlagnahmten Viehs handelt, der für Dienstag angesetzt worden war. In Brooklyn Übersielen IS bewaffnete Räuber einen gepanzerten Geidtransport und flohen mit 457 000 Dollar. Ueber die bereits gemeldete Meuterei in der spanischen Kriegsflotte wird noch mitgeteilt: In Eartagona, dem spa- nischen Kriegshasen, wurde eine Gruppe von Angehörigen der Kriegsmarine beim Lesen der Madrider Kommunisten- zeitung überrackt, die wie andere rein politische Blätter für Heer und Mar»»e verboten ist. Die disziplinarische Be- strasnng der Schuldigen hatte eine vorübergehende Gehör- samsverweigerung zur Folge. Der Ttaatsnnzeigcr veröffent- licht ein Dekret dost die Angehörigen der Kriegsmarine und die sestangestelltrn Arsengiorheitfr keiner politischen Ber- einigung als Mitglieder angehören dürfen. Wie sie lasen Fortsetzung von Seite 1 Aber das sind Ausnahmen. Der Tenor der deutschen Be- richterstattung über das Auslandsecho äußert sich in den Ucbcrschrifteii:„Mit diesem Deutschland müssen wir rechnen":„ES war eine freie Abstimmung":„Ein psychologisches Wunder":„Ein Sieg des Führers": «Der Herr des Reiches" usw. Und was ist die Wahrheit? Die Londoner„Times" über- schreibt ihren Berliner Bericht: „Ueberwältigende Abstimmung— Große feindliche Minder» heit". der„Daily Erpreß" schreibt über die ganze Seite weg als Hauptüberschrift: „Ucberraschungen des deutschen Plebiszits— Zwölf Pro- zent gegen Hitler, trotz Massenaufpeitschung— Das Er- gebnis enthüllt den Popularitätsverlnst Hitlers". Die Hauptüberschrift von„News Chronicle" lautet: „Ueber vier Millionen sagen nein zu Hitler. Bedeutungs- volles Ergebnis des Plebiszits", und weitere Uebcrschriftcn des Blattes stellen fest: „Die Nazis verlieren Roden in Berlin. Eine halbe Mil- lion stimmt gegen den Diktator." „Daily Telegraph" stellt fest:„Hitler verliert Boden beim Plebiszit. Starke gegnerische Stimmabgabc in Berlin". Von den großen Blättern heftet nur die faschistische„D a i l y M a t l" den Blick auf die„überwältigende Mehrheit", während selbst so ruhige Blätter wie der„,,M a n ch e st e r G ua r- d i a n" laut Uebcrschrist das Wesentliche des Ergebnisses im „Rückschritt für Hitler" und der„größeren Zahl gegen die Nazis" sehen. Und nun die französische Presse, die angeblich, wie ein Blatt an der Saar Sessaupkek,„sich ssver Sen gewaMgen vckkalk ffat geworden ist, den das deutsche Boll seinem Führer gezollt hat". Das sieht so aus: „Das deutsche Plebiszit scheint ein Abebben deS Hitleris- mus anzuzeigen" f,P e t i t P a r i s i e n"); „Hitler hat diesmal 4 Millionen Opponenten gefunden" «„Journal"):„Das Plebiszit erweist eine Abnahme der Stimmen zugunsten Hitlers: 87 gegen 03 Prozent" f„E ck o de Paris"):„Hitlers Stern scheint zu erblassen. Trotz zügelloser Propaganda zeigen die Ergebnisse, daß der Füh- rer seit dem 12. November 1088 Stimmen verloren hat: be- sonders in den katholischen Gegenden scheint er auf eine starke Gegenpartei zu stoßen" f„M a t i n"). Dem unbefangenen Leser zeigt der Vergleich zwischen dem fast einhelligen Urteil des Auslands und den gefälschten Slimmungsberichten der deutschen Presse schlagend, mit was für Methoden im heutigen Deutschland Wahlseldzüge gc- macht iverden. To ivte jetzt dem deutschen Volke ein Glaube des Auslands an Hitlers Sieg vorgeschwindelt ivird. so ist zum Beispiel auch ein angeblicher letzter Wille Hinden- burgs zugunsten einer Reichspräsidentschaft Hitlers— von der tatsächlich in dem Testament nichts stand— vorgemacht worden. Seit in der Welt auf Zeitungspapier gedruckt wird, ist der deutsche Leser noch niemals so vollkommen und lückcn- los belogen morden wie heute. So schlimm mar es nicht einmal im Weltkrige. Damals sagte zwar auch das deutsche Hauptauartier kein Wort über die Schlacht an der Marne, aber die Zeitungen durften ivenigstens die feindlichen Heere?- berichte bringen. Heute dürfen sie nur fälschen. Wie schwach muß doch ein Regime sein, das gezwungen ist, sein Volk so anzulügen! Es muß zugrunde gehe», sobald die Wahrheit durchdringt. Und sie wird durchdringen. Denn die Lüge be- steht nur in den Worten, die Wahrheit aber in den Tatsachen! Mc Mrcrac von Florenz Hilters„nationaler Erfolg": Deulsdi Oesterreich Italienischer Vasallenstaat Florenz, 22. August. Nach den beiden Unterredungen zwt- schcn Mussolini und Schuschnigg ivurde folgendes offizielles Kommnnigne veröffentlicht: Im Verlaufe dieser Be- sprechnngen, die insgesamt drei Stunden gedauert haben, be- faßten sich die beiden Staatsmänner mit den ihre Länder interessierenden-Fragen auf dem Gebiete der P o l i t i k, der Wirtschaft und der K u l>t u r. Es wurde eine vollständige Einmütigkeit hinsichtlich der Unabhängigkeit und Integrität des österreichischen Staates und in den Methoden zur Wah- r»ng derselben festgestellt. Die Unabhängigkeit und Inte- grität, die eine vollständige innere Autonomie voraussetzt, ist für Europa von grobem Interesse und stellt deshalb einen wichtigen Faktor für die Aufrechterhal- tung der Ordnung z,n Tonaubecken dar. In wirtschaftlicher Hinsicht bestätigten die beiden Staatsmänner die Bedeutung der Protokolle von Rom, deren Aktionskreis ausgedehnt und verstärkt werben müsse. Sie stimmten darin überein, daß die Zusammenarbeit zwischen ihren beiden Staa'en weiterhin gefördert werden müsse. nilltärisdie Dinge nlchl erörtert London, 22. Aug. Reuter meldet aus Florenz, daß der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg in einer Unter- redung erklärt habe, er sei sehr befriedigt von seinen Be- sprechnngen mit Mussolini. Die Aussprache habe sich mehr auf wirtschaftliche als auf politische Angelegenheiten bezogen. Militärische Dinge seien nicht erörtert worden. Varls Paris, 22. Aug. Die Unterredung zwischen BnndeSkanz- ler Tch»sch»iag und Mussolini findet in der Pariser Presse stärkste Beachtung. Die umkämpfte Saar Prophet Hitler „In sechs Monaten" Am Montagvormittag hat Hitler 2000 saarländische Rund- funkteilnehmer in Berlin begrüßt und ihnen prophezeit, daß am 13. Januar 1082 alles Leid an der Saar ein Ende nehmen würde. Seine glücklichste Stunde würde es sein, wenn er die Saarländer nicht mehr in Berlin, sondern in der Saar- Heimat begrüben würde. Dann hat er den verdutzten Saar- ländern zugerufen, daß er in sechs Monaten seine erste Reise in das befreite Saargebiet unternehmen würbe. Bezeichnenderweise hat das amtliche Deutsche Nachrichten- büro diesen Satz aus der Hitlerschen Rede unterschlagen. Weder die Blätter des Inlandes noch die gleichgeschaltete Presse an der Saar durften diesen Passus den Lesern vor- setzen. Jedes Kind an der Saar weiß, daß, wie auch immer die Entscheidung aussallen mag, in sechs Monaten die end- gültige, nach dem Vertrage vorgesehene und vom Völker- bnndsrat zu treffende Entscheidung nicht gefallen sein kann. Es ist gänzlich ausgeschlossen, daß Hitler in sechs Monaten das Taargebict betritt. Nicht nur, weil ihm der 18. Januar eine Niederlage bringen wird, sondern auch deshalb, weil die Abstimmung allein keine Aenderung der jetzigen Regierung«- Verhältnisse bringen kann. Erst der Bölterbundsrat wird auf Grund des Abstimmungsergebnisses den neuen Zustand zu regeln haben..Ganz offensichtlich hat Hitler bisher keine Zeit gesunden, sich mit dem Versailler Vertrag und den Verhält- nisscn an der Saar vertraut zu machen. Er hat deshalb eben- so leichtsinnig wie falsch drauf losgeredet und damit das Propagandaministerium in die Notwendigkeit versetzt, die stiebe des obersten Neichstührers zensieren und fälschen a» müssen. 26. Angnsf: Sulihach Die antifaschistische Einheitsfront des Saargebietes rüstet zur großen Kundgebung in Sulzbach am 20. August. Es wird eine gewaltige Demonstration des kämpferischen Willens gegen Hitler und die Rückgliedcrungssreunde wer- den. Umfassende Vorbereitungen sind getroffen nach folge»- dem Programm: Nach Ankunft und Ausmarsch der Züge auf dem Schießstand Tulzbach Punkt 3 Uhr Eröffnung durch die Arbeiter-Spiolmannszttgc des SaargebietS. 1. Fanfaren. 2. Gemeinsamer Gesang:„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit", mit Begleitung durch alle Kapellen. 8. Massenchöre der Arbeitcrsänger. 4. Redner Fritz Pfordt und M a* Braun. 5. Jugendsprechcr: Fritz st! i k o l e y und Ernst Braun. 0, Massenchöre der Arbeitersänger. 7. Erich We inert. 8. Die Internationale Gegleitet von den Musikkapellen, sowie den Spielmannsziigen). 0. Rhythmische Uebungen der Naturfreunde. U>. Agit.-Prop.-Truppe— Note Funken Sulzbach tRezitationsvorträge). 11. Masscnchöre der Arbeitersänger. Der offiziöse„Petit Parificn" behauptet, daß Mussolini die englische und französische Regierung als Mitgaranten der österreichischen Unabhängigkeit loyal ans dem Lernenden haue, und bezeichnet die Verlautbarung als„kousorm der gemein- sainen traiizösisch-englisch-italieniichen Erklärung", durch du die drei Mächte die Unabhängigkeit Oesterreichs garant«" hätten. Die Verlautbarung bekräftige die italienische Garantie und betone nachdrücklich, daß die innere Autonomie Oester- reich» gewahrt werden müsse. Hiermit habe Mussolini Zwei- sellos andeuten wollen, daß er entschlossen sei, wen« nötig mit Gemalt sich jedem offenen oder versteckten Anscytußver» such zu widersetzen, daß er jedoch nicht beabsichtige, in die österreichischen Angelegenheiten einzugreifen, wenn die Un- abhängigkeit Oesterreichs nicht bedroht sei. London London, 22. Aug. Der Sonderberichterstatter.Her„Times" -schreibt aus Florenz: Ter ganze Ton des KommuniaueS aber, besonders die Bezugnahme auf die völlige innere Auto- nomie Oesterreichs zeige, daß Mussolini und Schuschnigg ge- metnsam Deutschland vor einer„Einmischung in innere österreichische Angelegenheiten" warnten. Der entschlossene Wille, die Politik vo» Dr. Dollsuß in dieser Beziehung fort- zusetzen, sei unverändert geblieben oder noch stärker gewor- den. Ebenso sei der Hinweis auf das europäische Interesse am österreichischen Problei»„ein neuer Wink an Deutschland, dast es nicht nur mit Italien und Oesten eich zu tun haben würde. Tie Worte„auf kulturellem Gebiet" würden von maßgebender Seite mit größerem Touristenverkehr, Austausch von Stiideiiteii und Professoren und anderen intcl- lektuellcn und pädagogischen Fragen in Zusammenhang ge- bracht. Was das positive Ergebnis der Besprechungen angebe, so sei. meint die„Times", mit einer ernstlichen Bemühung z» rechne», das durch die römischen Protokolls zwischen Italien, Oesterreich und Ungarn gesthaisene System aus die Kleine Entente und auch aul Deutschland auszudehnen, falls letzteres„den Zusicherungen des Herrn von Papcn ent- sprechend" handele. I Besorgnisse in Paris Ein neuer 30. Juni?- nuOenpollfisdie ßciUrdifungcn (Von unserem Korrespondenten) A. Ph. 22. August. Man tut Herrn Dr. Joseph Goebbels, zur Zeit noch Pro- Pagandami nister des„dritten Reiches" durchaus nicht unrecht, wenn man feststellt, daß die französische Presse ihre Freude über den Reinfall, den er am letzten Sonntag erlitten hat, deutlich zum Ausdruck bringt. Da wird immer wieder daran erinnert, daß Goebbels erklärt hat, Hitler dürfe am 19. August keine Stimme weniger als bei den letzten November- wählen bekommen, weil sonst das Ausland sagen würde, setzt habe er eine Stimme von 49 Millionen verloren? wenn öas so weiter gehe, werde es in 49 Millionen Jahren keinen Nationalsozialismus mehr in Teutschland geben. Nun hat er aber in neun Monaten 2,5 Millionen Stimmen verloren. Wenn man daran denkt, daß der Mut der Neinsager leicht ansteckend wirken kan«, dann würde diese Zahl sich wohl von Tag zu Tag steigern, und es würde nicht ganz 40 Mit- lionen Jahre dauern, bis... Wie gesagt, das ist nicht unsere Berechnung, sondern das sind Kalkulationen, denen wir in der franzosischen Presie be- gegnen, Kalkulationen, die wahrscheinlich auch den braunen Herren in Berlin allerhand Kopfschmerzen bereiten. Es gibt in ganz Frankreich kein Blatt, das sich nicht mit der deutschen Wahlstatistik beschäftigt und Betrachtungen über den starken Rückgang der Hitler-Stimmen in ganz be- stimmten Gegenden Deutschlands anstellt. Große Aufmerksamkeit schenkt man nach wie vor der auffallenden Tatsache, daß der Katholik Hitler bei seinen Glaubensgenossen stark «n Kredit verloren hat, und man nennt hier und da schon im Zusammenhang mit dieser Tatsache das Taargebiet. wo .ja bekanntlich 72 Prozent der Bevölkerung katholischer Kon- fession sind. Uebereinstimmung herrscht darüber, daß Hitler durch seinen Brief a« den Reichswehrminister von Blomberg den Bruch mit den scheinsozialistischen Tendenzen seiner Partei vollendet und die Schwenkung zum reinen Rationalismus deutlich macht. Vielfach wird die Befürchtung laut, daß Hitler, unfähig, -leine Versprechungen wahrzumachen, eines Tages einen Ausweg suchen könnte, durch den der Frieden gefährdet sein könnte. „Petit-Parifien" beschäftigt sich mit der ziemlich deutlichen Drohung, die Hitlers Aufforderung zur„Bekehrung" der Neinsager eni hält. Das Blatt meint dazu, die nationalsozialistischen Führer hätten im Hinblick auf das Anwachsen der Opposition die Kontrolle über ihre Nerven verloren. Eine Zeit neuer Verfolgungen werde damit angekündigt. Sonst pflegten Machthaber, wenn sich ihre Wünsche erfüllt hätten, ihren tapferen, aber besiegten Gegnern gegenüber eine edelmütige .Vollung an den Tag zu legen. Der neue Herrscher des isiei- ches aber fordere die mehr oder minder gewaltsame Be- kehrung. Der Agitator Hitler habe nichts von seiner Uu- duldsamkcit und Gefühllosigkeit verloren. Hindenburg habe in seinem Testament Versöhnung ge- predigt. Hitler, der sich darauf etwas zugute tue, Hindenburg »ortzusetzen, fange mit einer Art Bürgerkriegs- e r klä r u n g an. Auch „Paris-Midi" gibt die gleiche Auffassung schon in der Ueberichrift zu er» kennen:„Ter Feldzug, den Hitler gegen die Mißvergnügten beabsichtigt, steht im Widerspruch zu Hindenburgs letzten Willen." Das Blatt stellt dann eine Untersuchung darüber an, welchen Kreisen die Neinsager zuzuzählen seien. Es seien benimmt nicht solche Menschen, die die Nationalsozialiste» überzeugen könnten, denn diese Leute hätten schon ihre eigene Ueberzeugung. Sic seien keineswegs jener Kategorie ewiger Nörgler zuzurechnen, wie die deutsche Presse glauben machen wolle. Kommunisten und Sozialdemokraten seien es, weiter die am 80. Juni:n Ungnade gefallen seien. Auch viele »».-Leute, die darüber empört seien, daß sie jetzt nicht mehr sie erste Rolle spielen dürsten, dann schließlich die Grenz- ■, ,£ e.! runfl' m die Hitler vielleicht versuchen werde, mit Güte zu gewinnen, weil ihm die Sache etwas pein- l-ch sei. Recht aust'allend ist die Schärfe, mit der der Berliner Ton- derberichterstatter des „Matiu" Philippe Barres die neuen Erlasse Hitlers, die sich mit den Neinsagern befassen, kritisiert? denn Barres hat es ost an Verständnis für das„dritte Reich" nicht fehlen lassen. Er meint, Hitlers Forderung, auch der letzte Deutsche müsse für den Nationalsozialismus gewonnen werden, stehe im strikten Widerspruch zu Hindenburgs in seinem Testament ausgesprochenen Wunich nach Versöhnung. Hitler kündige weiter in seiner Kundgebung an seine Gesinnungsfreunde den Endkampf zur Eroberung der letzten 19 Prozent an. Er wolle um die„deutsche Seele" kämpfen. Treffend bemerkt Barres: Das Unglück bei diesen Jagden aus die Seele ist, daß der Körper oft dabei leide« muß. Wie weit man aber auch, meint der französische Journalist, rn diesen Tagen die Propaganda treiben möge, Hitler habe doch den Tatsachen Rechnung tragen müssen, die heule in -»eutschland die Situation beherrschen. Der Führer habe ein Zipfelchen von der Verkleidung seines Thrones gelüftet, um die Stahlplatte zu zeigen, die ihn schütze. Seine Botschaft an die Reichswehr und die Reichsmarine verrate alles. Der dem Außenministerium nahestehende „Tetnps" betont, die Neinstimmen seien der Ausdruck der'Not, unter der das deutsche Volk leide. Die Gefahr bestehe, daß man, weil man mit Worten nicht Helsen könne, ein anderes Ventil ottnen würde. Darum müßten Deutschlands Nachbarn, die den Frieden wollen, stark und einig sein. Hitler sollte infolge der Tatsache, daß Deutschland außen- politisch Schiffbruch erlitten habe, infolge des Stimmenver- lustcs am Sonntag zu der Ueberlegung kommen, daß es im hinteresse seines Volkes sei, wenn er seine öffentlichen Er- klärungen in Einklang mit seinen Regierungshandlungcn brächte. Nach dein Wahlergebnis vom Sonntag, führt Pierre Ber- nus im rechtsstehenden »Journal des Debats" aus. müsse bereit und stark sein. Hitlers Macht sei trotz man- cher Anzeichen von Schwäche noch• nicht z» Ende. Viel- leicht werde ein neuer 80. Juni kommen. Viel- leichi werde der Reichssührcr immer mehr von der Reichs wehr abhängig iverden. Eines aber sei sicher. In den« Ttre- den nach der Verwirklichung Großdeutschlands im Verein tntzl dem preußischen Mititärgeist wMx sich Tmtichl gstds Einigkeit verwirklichen. Nur starke Kräfte im Ausland wür- den Hitler zwingen, sich ruhig zu verhalten. In der faschistischen „Action Francaisc" sagt de M. I. Le B o u ch c r: Was werde Hitler tun, um die Begeisterung seiner 38»Millionen Wähler wachzuhalten? „Das Kaiserreich ist der Friede!" habe Na- poleon Hl. oft gesagt. Wie es dann gekommen s c i, w isse m a n j a. Hitler und sein Propagandaminister Dr. Goebbels hätten fast mit den gleichen Worten mehr- mals gesagt, daß die Eroberung des höchsten Amtes durch Hitler dieselbe Bedeutung haben würde. Werde der Vergleich weiter angebracht sein und vor allem... bis Scdan? Der Chefredakteur des „Jour", L.sonBailby, spricht von dem„Fehlschlag des Plebiszits". Er rechnet nicht allein bei dem, was kommt, mit den Nein- sagern, wenn er bcinerkt: in der Wahlwoche habe man alle, die nicht für Hitler stimmen würden, von vornherein als Verräter gebraudmarkt. Gebe es nun wirklich in Teutschland vier Millionen Verräter? Nein,' diese Menschen seien sicher- lich gute Deutsche, aber sie hätten genug vom Hitlerismus und seinem Blutwahn. Und wenn diese Neinsager gewagt härten, ihre Meinung auszusprechen, wieviel andere Bürger habe eS dann noch gegeben, die ivcni- g e r frei, weniger mutig und mehr bespitzelt gewesen seien und ebenso gedacht hätten. „Journal" zweifelt nicht daran, daß das Abstimmungsergebnis innen- und außenpolitisch gewisse Rückwirkungen hassen wird. Gewiß sei Hitler nur ein Koloß mit tönernen Füßen. Aber im Augenblick bleibe er noch auf seinem Postament. Außerdem sei die Person des Diktators mehr von dem Ab- slimmungsergebnis in Mitleidenschaft gezogen als der Na- tionalsozialismus selbst. Auch wenn der Götze zusammen- breche, würde Teutschland sich nicht von heute auf morgen wandeln. Der Nationalsozialimug sei nicht die Krankheit eines ein- zelncn Menschen, er sei die eines ganzes Landes. Die Deutschen hätten bereits zu viel Gift in ihrem Blut, als daß es ihnen mit einem Schlage entzogen werden könne. Deshalb dürfe Frankreich in seiner Wachsamkeit nicht er- lahmen. „Concorde' glaubt nicht mehr an Deutschlands fried-.che Absichten. Hit- 'er müsse den Scharsblick und den Mut haben, loyal eine riedenspolitik zu erörtern und zu verfolgen, die im Wider- pruch stehe zu seiner Lehre und zu seinem Programm, im Widerspruch zu den jüngsten öffentlichen Erklärungen. Die Ereignisse könnten ihn dazu bringen, aber man dürfe nicht damit rechnen, und die europäischen Völker täten gut, in ihrer Wachsamkeit nicht nachzulassen. Für die Beurteilung der Ab- sichten des allmächtigen Beherrschers von Deutschland werde man zwei Probiersteine haben: Wien und die Saar. Es scheine nicht, daß hier wie dort die Hitlerpolitik eine fried- liche Tendenz annehmen werde. „Excelsior" kommt auf Hitlers Kampfansage zurück, mit der er die„Be- kehrung" der Neinsager ankündigt. Kamps gegen wen? fragt das Blatt. Und mit welchen Mitteln? Würde man eine Liste der den Nationalsozialismus ablehnenden Wähler aufstellen? Solle das deutsche Volk, schon genug durch die Wirtschasts- und Geldkrise geprüft, nun auch noch der Spitze- lci und Angeberei ausgeliefert werden? Oder wolle man sich damit zufrieden geben, die verwirrende Propaganda*n erhöhtem Maße auf dieses Volk nach den geliebten Methoden des Herrn Dr. Goebbels loszulassen? Werde man die Zahl der Ausweisungen und der Konzentrationslaoer verviel- fachen? Wolle man die„exemplarischen" Bestrafungen vo^r letzten 39. Juni wiederholen? Bei diesem Werk der inneren„Eroberung" werde sich Adolf Hitler— das beweise der Brief an General von Blomberg— a» f d i c R e i ch s w c h r stützen, von der man nicht wisse, ob sie Herr oder Knecht sei. „Republiquc" fordert Aufmerksamkeit und Wachsamkeit seitens der Ratio- uen, die den Frieden lieben. Dann fährt das Blatt fort, der einzige Schluß, den man nach der Wahl ziehen könne, sei von moralischer Bedeutung: 4»Millionen 294 999 freie Menschen hätten Teutschlands Würde gerettet. Der deutschfreundliche, aber hitlerfeindliche „Oeuvre" zieht aus dem Abstimmungsergebnis^wei Folgerungen: einmal habe Hitler die hundertprozentige Gleichschaltung des deutschen Volkes erreichen wollen. Das sei ihm in kei- ncr Weise gelungen, und dieses Ziel we:dc er nun niemals mehr erreichen. Weiter hätten sich 5 Millionen gegen Hitler ausgesprochen trotz des Terra's, unter dem sich die Abstimmung vollzogen habe. Das bewc.'e, daß das deutsche Volk noch nicht das„Sklavenvolk" sei, als das man es hingestellt habe. Das Vertrauen zu Hitler gestiiwädtt Englands Meinung London, 21. August. Ein vernichtendes Urteil über den Mißerfolg Hitlers bei seiner sogenannten Abstimmung fällt die„Time s". Sie schreibt: „Das Hauptziel des deutschen Plebiszits, aus das in allen »sieden der letzten Wochen der Nachdruck gelegt wurde, war es, auf das Ausland durch eine Demonstration der natio- nalen Einigkeit unter Hitlers Führung Eindruck zu machen. Dieses Ziel ist nicht erreicht worden. Im Gegenteil: für die Welt draußen ist der stärkste Eindruck des Ergebnisses die große Zahl von Deutschen— wohl iiber vier»Millionen—, die unter den gegenwärtigen Umständen den»Mut hatten, mit nein zu stimmen. Wie abschreckend diese Umstände oft waren, zeigt schlagend die Abstimmung in dem bekannten Konzentrationslager Dachau, wo politisch Verdächtige hinter Stacheldraht gehalten wer- den, um den Rest der Nation vor der Ansteckung durch ihren Einfluß zu bewahren Von diese» unglücklichen Gefangenen stimmten 1572 mit Ja, 8 mit Rein, und 10 zerrissen die Stimm- zettcl— ein Ergebnis, das niemand ernst nehmen kann. Die Bedingungen waren selbstverständlich in Dachau ungewöhn- lich? aber je nach der Dichtigkeit der Bevölkerung verschieden, stand die Abstimmung überall unter einem Zwang.zum Ja, gegen den der Widerstand schwierig war. Die überwältigende Mehrheit, mit der das Land Hitlers Uebernahme der ver einigten«Gewalten von Präsident und Kanzler bestätigte, ist dadurch schwer beeinträchtigt. Eine bedeutend kleinere Maja- rität, die in einer freien Abstimmung nach freiem Wahlkampf erzielt worden wäre, hätte viel mehr Eindruck gemacht. Wie die Dinge jetzt liegen, beachtet die öffentliche Meinung des Auslandes weniger die 38 Millionen Stimmen für Hitler als die 4 Millionen aus der Gegenseite. sie»«»>''>'->t die Bedeutung, die ein Vergleich zwischen den Zahlen des letzten Sonntags und denen der Abstimmung im vergangenen No- vembcr hat. Trotz eines unerhörten Propagandafeldzuges ist die Zahl der Ja-Stimmen von 49,00 auf 38,36 gefallen und die der Ncin-Ttimmcn von 2,19 auf 4,29 Millionen Stimmen gestiegen. Man kann sich dem Schluß nicht entziehen, daß die B c g c i ste r u n g für das Nazi-Regime begonnen hat, abzukühlen, und daß, wie zu erwarten war, die Ereignisse der letzten»Isiouate das Vertrauen der Nation zu Hitler geschwächt und nicht gestärkt haben." Das Blatt sagt weiter, daß das Abstimmungsergebnis ein Triumph der Parteiorganisationen sei. Es meint freilich auch, man brauche die Richtigkeit der Ziffern oder die Frage des Abstimmungsgeheimnisses nicht zu untersuchen, denn das Er- gcbnis wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht Hitler immernoch eine große und enthusiastische Gefolgschaft hätte und wenn die Nation in ihrer Mehrheit nicht überzeugt wäre, daß es unter den gegenwärtigen Umständen außer seiner Führung praktisch nichts gäbe. Wenn man aber das Ausland von der Festigkeit des Regimes überzeugen wolle, dann würde ein Aushören der willkürlichen Verhaftungen und Einkcrkungen ohne Urteil mehr Eindruck machen, als die eindrucksvollste Abstimmung. Das Blatt schließt mit dem Hinweis aus die auslandsseindliche Stimmung, die bei dem Wahlfcldzug cnt- sacht worden sei und die schwerlich als ein Veitrag zum internationalen Frieden gelten könne. Mau könne ernstlich besorgt sein, falls durch ähnliche Stimmungsmache die Ent- täulchung bekämpft würde, die sich in den Ergebnissen der Volksabstimmung zeigte und die sicher noch wachten würde, wenn die innerdeutsche Wirtschaftslage sich weiter verschlechtere, was wahrscheinlich sei. Die bevorstehende Abstimmung im Saargebiet und die Lage in Oesterreich liefertet! neue Versuchungen, die patrio- tische Trommel zu rühren. Hoffentlich werde Hitler stark ge- nug sein, um zu widerstehen... Hermann. Rosalinde und Daldnr Anfomobilnnfoll mit Hintergründen Wir erfahren, daß der vielbeachtete Automobilunsall Gö- rings ernstere Folgen gehabt hat, als öffentlich zugegeben wird. Besonders die Rückenauetschungen des Ministerpräsi- denken sollen ebenso schmerzhaft wie schwierig zu heilen sein. Er ist jedenfalls für längere Zeit von jeder öffentlichen Tätigkeit ausgeschlossen— abgesehen von der Unterzeichnung von Akten. Inzwischen weiß man auch, wer die bisher unbekannte Dame gewesen ist, die neben Göring im Auto saß. Es mar »si o s a l i n d c von S ch i r a ch, Staatssängerin der Ber- liner Oper, die als Schwester des„ReichsjugendführerS", mehr aber noch dank ihrer guten Beziehungen zu Göring die schwierigen Kurven der Karriere spielend zu nehmen vermochte. Aus einer sehr niittelmäßigen Sängerin wurde auf einmal ein Star, dessen intensiv bräunlicher Schimmer sehr hohe Gagen und begehrte Angebote der Konzert- agenturen an sich zog. Wehe dem Kritikus, der es gewagt hätte, die Schönheit der«überstimme»siosalindes anzuzweifeln! Aber nun sind böse Zungen da. Sie behaupten, Baldur von Schirach habe es nur feiner Schwester zu danken, daß er noch im Amte sei. Trotz ungeheurer Strafandrohungen wollen die Gerüchte von großen Unterschlagungen nicht ver- stummen. Ausländische Zeitungen bringen Einzelheiten. »Man weiß nicht, ob es»sioialinde noch lange gelingen wird, den Hitler-Lichtgott Baldur in Ansehen und Amt zu halten. Hier bereitet sich eine Wagner-Tragödie von bedeutenden Ausmaßen vor. Hennann,»siosalinde und Baldur: d'a pflegen sie der Minne und zuletzt schlagen die Schilder gegenein- ander. Auch der Kampfruf ist schon da. G. P. S. Cabanis schreibt in der„Deutschen Allgemeinen Zeitung"<19. August) im««ah'oiü. Jüngst hat die„TAZ." verbucht, daß man nach einem Kampsruf sucht Das wundert mich ganz fürchterlich. Hat Wagner uns nicht einen hinterlassen vor dem ein jeder andre muß erblassen, Wie jämmerlich verhallt das„Ra-Ra-Rn'" vor seinem„Hojotaho, heiaha!" Selbstmord Sdiiradis? Die obigen Zeilen waren geschrieben, als aus Berlin die Nachricht eintraf, hier schwirrten Gerüchte, daß der Reichsjugends»ihrer Selbstmord verübt habe. Es kann auch nicht länger mehr geleugnet werden, daß der Reichsichatzmeiste» der Partei, Schwarz, während einer Untersuchung der Finanzen der Hitler-Jugend schwere Un- regelmäßigkeiten, ja sogar Unterschlagungen aus die Spur ge- kommen ist. Der Schatzmeister der Hitler-Jugend wurde ver- hastet. Schon jetzt sei, so wird weiter berichtet, der stellvcrtre- tendc Jugcndsiihrer Lauterbacher an Schirachs Stelle gerückt. Vielleicht steht in Verbindung damit die Nachricht über eine schwere Erschütterung der»siiesenorgauisatio» der Hitler-Jngeud eine andere: daß ihr der Besuch der Stadt Nürnberg bis nach dem Sieichsparteitag verboten ist. Auch Märsche und Fahrten von Gruppen wie auch einzelner Mit- glieder haben zu unterbleiben. Zuwiderhandlungen werden ans das schwerste geahndet. Letztes Jahr erschienen am Reichö- Parteitag Hunderttausende von Angehörigen der Hitler- Jrraenä. »Deutsche Freiheit", Nr. 194 ASBSIT UND WIRTSCHAFT Saarbrücken. 23. August 1931. Holland führt das Clearing durch Aus Amsterdam wird uns geschrieben: Die neuerdings zwischen Deutschland und Holland stattgehabten Zahluugs Verhandlungen mußten erfolglos abgebrochen werden Darauf hat Holland gegenüber Deutschland sein Clearing-Gesetj in Kraft treten lassen. Das holländische Parlament beschloß bereits im Juli vorigen Jahres ein Clearing-Gesetj, nachdem die mit Deutschland eingetretenen Zahlungsschwierigkeiten keinen anderen Ausweg mehr zuließen. Die Regierung Colijn zauderte immer wieder mit der Inkraftsetzung des Gesetzes und versuchte auf gütlichem Wege mit dem deutschen Schuldner zu günstigeren Ergebnissen zu kommen. Im Laufe des■ inzwischen verflossenen Jahres hat es nicht an Situationen gefehlt, wo die holländische Langmut zu reißen drohte, aber schließlich gelang es Herrn Schacht doch immer wieder, die Sache einzurenken. So wurden die holländischen Clearing-Drohungen in Hitler-Deutschland schon längst nicht mehr ernst genommen und bei Unterhandlungen fiel das bestehende und nur nicht in Kraft gesetzte holländische Clearing überhaupt nicht in die Wagschale. Das„dritte Reich" ließ sich jedenfalls durch solche leeren Drohungen, wie sie später dann ja auch von England kamen, nicht mehr einschüchtern. Als vor einigen Monaten von Schacht das Zahlungsmoratorium verkündet wurde, gelang es Holland, einige Vergünstigungen gegenüber verschiedenen anderen Gläubigern herauszuschlagen und im Anfang Juni kam eine Vereinbarung zustande, die den holländischen Zahlungsverkehr auf dem Wege eines Sonderkontos der Niederländischen Bank bei der deutschen Reichsbank neu regelte. Aber die Hoffnung der Holländer, auf dem Wege der Verrechnung zu dem Golde für ihre Lieferungen zu kommen, erwies sich als allzutrügerisch. Schon acht Wochen nach dieser letzten Vereinbarung mußten die Holländer zu ihrem Entsetzen feststellen, daß der nicht realisierte Saldo ihres Sonderkontos erschreckend angewachsen war, daß zwar die holländischen Lieferungen darauf erschienen, aber der Ausgleich für den aus Deutschland kommenden Import fehlte. Die deutschen Importeure hatten geschickt verstanden, sich der Zahlungsverrechnung zu entziehen, da in Holland keine Devisengesetzgebung besteht und eine Kontrolle demgemäß nicht stattfand. Wie weit hinter diesen Manövern der deutschen Lieferanten die deutsche Regierung stand, ist zunächst nicht festzustellen, den Holländern aber genügte dieser handgreifliche Beweis für die Unscriösität des deutschen Partners, um nach einem scharfen Notenwechsel die bisherigen Zahlung-Vereinbarungen zu kündigen und der deutschen Reichsregierung gleichzeitig die Anwendung des Clearing- Gesetzes mitzuteilen. Das holländisdie Clearing ist vom 15. August ab in Kraft getreten. Von diesem Termin an müssen alle Zahlungen, die von Holland aus nach Deutschland geleistet werden müssen, über die Niederländische Bank laufen, die diese Beträge mit der deutschen Reichsbank auf Grund des holländischen Guthabens verrechnet. Auf diese Weise wird dafür gesorgt, daß die holländischen Gläubiger(Handel und Schiffahrt) zu ihrem Rechte kommen. In holländischen Wirtschaftskreisen hat der Entschluß der holländischen Regierung erhebliche Genugtuung ausgelöst, da die Inkraftsetzung des Clearings wiederholt gefordert war. Weniger entzückt ist man auf deutscher Seite, und die Reichsregierung hat unmittelbar nach der Clearingsverkündung der holländischen Regierung mitteilen lassen, daß sie in diesem Schritt eine„unfreundliche Handlung" erblicke. Die Verärgerung der Herren Schacht und Hitler ist durchaus zu begreifen, denn nunmehr ist den Mogeleien, die man mit den holländischen Devisen vorgenommen hat, während offiziell eine Verrechnungsvereinbarung bestand, ein Riegel vorgeschoben worden. Die Folge ist unzweifelhaft eine weitere Verschlechterung der deutschen Devisenwirtschaft und damit wird der Clearingbeschluß auch zugleich ein Schlag gegen die deutsche Währung. Auf der andern Seite werden dadurch dem deutschen Export nach Holland erhebliche Fesseln angelegt, die um so fühlbarer sind, weil Holland zu den Ländern gehört, wo die Nachwirkungen des Boykotts außerordentlich groß sind. \ on deutscher Seite wird trotz der verbissenen Erklärung der Reichsregirrung nichts unversucht gelassen, um eine Verhandlung mit Holland in Gang zu bringen, denn man ist sich darüber im klaren, daß das holländische Clearing die andern Staaten zur Nachahmung reizt. Man braucht sich angesichts der bisherigen schwachen Haltung der Holländer vielleicht keine Illusionen iiher ihre Standhaftigkeit gegenüber solchem deutschen Liebeswerben zu machen, aber zumindest ist die Gefahr des Clearings nun einmal praktische Wirklichkeit geworden und die moralische Erschütterung des„dritten Reiches" ist selbst dann noch von nachhaltiger-Wirkung, wenn es Herrn Schacht erneut gelingen sollte, Holland zur Wiedcreiuziehung des Clearings zu bewegen. Kapifalsanlagc En Palästina Erleichterung der Herausnahme jüdischen Kapitals aus Deutschland Berlin, 10. August.(ZTA.) In einem Runderlaß Nr. 82 an die Devisenstellen werden neue Bestimmungen über den Vermögenstransfer von Juden, die nach Palästina auswandern wollen, bekanntgegeben. Die Bestimmungen wurden auf Grund von Vereinbarungen getroffen, die zwischen den zuständigen deutschen Behörden und den berufenen zionistischen Stellen abgeschlossen worden sind. In dem Erlaß heißt es: „Bei der Reichsbank wird für die Bank der Tempelgesell- Schaft in Jaffa ein Sonderkonto 2 eingerichtet. Auf dieses Konto können(mit Genehmigung der Devisenstellen) Juden, die in Deutschland ansässig sind und z. Z. nicht auswandern, sich aber gleichwohl schon jetzt eine Heimstätte in Palästina schaffen wollen, zugunsten der Treuhand- und Transferstelle„Haavara" Ltd. in Tel Aviv Einzahlungen leisten. Diese Einzahlungen finden ausschließlich Verwendung zur Bezahlung deutscher Warenlieferungen nach Palästina. Der Devisengegenwert wird den Einzahlern in Palästina zur Verfügung gestellt. Mittels eines besonders vereinbarten Verfahrens fließen der Reichsbank aus diesen Ausfuhrgeschäften Devisen in Höhe von einem Drittel des Gesamtwertes zu. Der einzelne Exporteur erhält natürlich die volle Bezahlung in Mark aus dem Sonderkonto. Die Höchstgrenze der Einzahlungen beträgt 50 000 RM. für jede wirtschaftlich selbständige Person; von Ehegatten kann danach nur der eine Teil von der Einzahlungsmöglichkeit Gebrauch machen. Bei einer etwaigen späteren Auswanderung ist der auf Sonderkonto 2 eingezahlte Betrag anzurechnen auf den Betrag, der von der Auswandererberatungsstelle als angemessen anerkannt wird; die Zuteilung des„Vorzeigegeldes" entfällt also, soweit die Gutschrift des Gegenwertes seitens der Haavara erfolgt ist. Dem Antrag auf Erteilung der Genehmigung zur Einzahlung auf dieses Sonderkonto, der bei der zuständigen Devisenstelle einzureichen ist, sind beizufügen eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamtes, Denfsdi-sdiwelierlsdter Reiseverkehr Neue Devisenbestimmungen Wie die Reichsstelle für Devisenbewirtschaftung im Runderlaß Nr. 87'34 bekanntgibt, haben die deutsche Regierung und der schweizerische Bundesrat ein neues Abkommen über den Reiseverkehr getroffen, das am 1. August d. J. in Kraft getreten ist. Natürliche Personen, die im Deutschen Reich, mit Ausnahme des Saargebiets, ihren ausschließlichen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt haben und zu Erholungszwecken nach der Schweiz reisen, können unter Verzicht auf das für solche Reisen sonst vorgeschriebene amtsärztliche Zeugnis zur Bestreitung der Kosten ihres Aufenthalts in der Schweiz ohne Genehmigung bis zu einem Höchstbetrag von 500 Mark je Person und Kalendermonat über die jeweils geltende Freigrenze hinaus Zahlungsmittel erwerben und nach der Schweiz verbringen. Bei Anträgen über 500 Mark im Monat hinaus— neben des Freigrenze— ist gemäß Nr. 3 25b der Richtlinien ein Zeugnis eines deutschen Amtsarztes zu verlangen. Die für den sonstigen Reiseverkehr, sowie eine Bescheinigung des Palästina-Amtes in Berlin (Meineckestraße 10), die die ernsthafte Absicht des Antragstellers, sich eine Heimstätte in Palästina zu schaffen, glaubhaft macht. Die Devisenstellen haben dann die Einzahlung auf dieses Sonderkonto 2 zu genehmigen unter folgenden Bedingungen: Der Antragsteller hat den Betrag der Palästinaforderung der Devisenstelle anzuzeigen(aber nicht abzuliefern), sobald Gutschrift von Seiten der Haavara vorliegt. Er hat ferner binnen 6 Monaten nach Erhalt der Gutschrift bei der zuständigen Devisenstelle den Antrag zu stellen, daß er die Forderung an die Haavara zum Ankauf von Grund und Boden in Palästina verwenden darf. Der Anlage in Grund und Boden stehen sonstige Anlagen in Palästina gleich, namentlich Häuser, Hypotheken, Pfandbriefe, Schuldverschreibungen, langfristige Darlehn, Anteile an Unternehmungen usw. Das deutsche Generalkonsulat in Jerusalem hat dabei zu bestätigen, daß der Erwerb der Werte eine Anlage im Sinne dieses Abkommens darstellt. Durch weitere Bestimmungen wird Vorsorge getroffen, daß der Devisenertrag(Zinsen, Amortisationsquoten usw.) solcher Anlagen in Palästina der Reichsbank zur Verfügung zu stellen ist, aber natürlich nur solange, als der Betreffende nicht ausgewandert ist. Bei Auswanderern kann die Genehmigung zur Einzahlung auf das Sonderkonto 2 für Beträge erteilt werden, die über die von der Auswanderer-Beratungsstelle als angemessen anerkannte Summe hinausgehen, jedoch höchstens bis zu 50 000 RM. je Person, einschließlich der in Devisen oder zur Einzahlung auf Sonderkonto 1 genehmigten Beträge. Das Sonderkonto 1 ist den Auswanderern vorbehalten, das Sonderkonto 2 grundsätzlich für Nichtauswanderer bestimmt. Dementsprechend hat die Haavara das Sonderkonto 1 bevorzugt abzuwickeln, und sie wird von den Einzahlern auf Sonderkonto 1 einen erheblich geringeren Abschlag fordern als bei Sonderkonto 2. insbesondere für Geschäftsreisen, aufgestellten Grundsätze bleiben von der vorstehenden Reglung unberührt. An Stelle der Nachsendung können die Zahlungsmittel für den zweiten und dritten Kalendermonat auch schon bei Antritt der Reise gegen Paßeintragung erworben und in die Schweiz verbracht werden, soweit an sich eine Nachsendung zulässig wäre. Die für den zweiten und dritten Monat erworbenen Zahlungsmittel können auch erst im zweiten oder dritten Monat eingelöst werden. Reldisbaiikansweis bleibt ungünstig Die gesamte Kapitalanlage der Reichsbank in Wechseln und Schecks, Lombards und Wertpapieren hat sich in der Berichtswoche um 51,4 Mill. auf 4065,19 Mill. RM. verringert. Damit ist von der Ultimo Juli-Beanspruchung von 355,1 Mill. RM. wieder mehr als die Hälfte zurückgeflossen. Im einzelnen haben die Bestände an Handelswechseln und-Schecks um 71,8 auf 3245,9 Mill. RM. abgenommen, dagegen die Bestände an Reithsschatzwechseln um 1,7 Mill. auf 20,4 Mill. RM.. an Lombardforderungen um 3,7 auf 72,6 Mill. RM. und an deckungsfähigen Wertpapieren um 5,3 Mill. auf 40,3 Mill. RM. zugenommen. Die Bestände an sonstigen Wert- nanieren zeigen mit 323,8 Mill. RM. eine Abnahme um 0,3 Mill. RM. Der gesamte Zahlungsmittelumlauf betrug am Ende der Berichtswoche 5470 Mill. RM. gegen 5523 Mill. RM. im Vormonat und 5296 Mill. RM. in der entsprechenden Vorjahrswoche, und awar hat sich der Umla f an Reichsbanknoten um 50,7 auf 3594,3 Mill. RM. und de> jenige an Rentenbankscheinen um 3,4 auf 314,8 Mill. RM. vermindert, während der Umlauf an Scheidemünzen um 36,2 Mill. auf 1395,8 Mill. RM. abnahm. Die Erhöhung der fremden Gelder um 34,4 Mill. auf 660,4 Mill. RM. hängt z. T. mit der Einzahlung auf Sonderkonten der ausländischem Notenbank zusammen. Die Bestände der Reithsbank au Gold und deckungsfähigen Devisen haben sich um 0,2 Mill. auf 78,3 Mill. RM. erhöht. Besondere Zahlungstermine lagen nicht vor; in der Berichtswoche wurde eine kleine Goldeinzahlung für Rechnung der Reichsbank im Auslande geleistet. Punkt 16 h. b.„Wir fordern die Schaffung eines gesunden Mittelstandes und seine Erhaltung..." So undsoweiter heißt es in dem angeblich noch immer gültigen Parteiprogramm der NSDAP., von dem Herr Dr. Goebbels, von dem man übrigei.s seit dem 30. Juni verflucht wenig hört, nicht ein Komma streichen lassen will. In Hinblick auf diesen Programmpunkt ist der folgende! Bericht, den wir auszugsweise dem ü irtBchaftsblatt den „Schleswig-Holsteinischen Tageszeitung" Nr. 179 entnehmen, interessant. „Es ist erfreulich, zu beobachten, wie der Geist der Zusammenarbeit und des Gemeingeistes sich in der deutschen! Wirtschaft immer mehr durchsetzt. In der Zigaretten- Industrie haben in den letzten Jahren schwere innere Kämpid stattgefunden, bei denen fast immer die Klein- und Mittelbetriebe unterlegen sind. Die Entwicklung, die zu einer immer stärkeren Umsatzsteigerung der Großbetriebe und zum Schwinden der Umsätze! der Kleinbetriebe geführt hat, ist jetzt soweit fortgeschritten, daß sich die Großbetriebe zu einem helfenden Eingreifen iirt Sinne gemeinnütziger Zusammenarbeit gezwungen sehen. S;e> haben ihrerseits Mittel zur Verfügung gestellt, um de« Industriezweig von innen her zu sanieren. Die guni kleinen, nicht mehr lebensfähigen Handarbeit c- betriebe sollen ausscheiden. Ihren Inhabern ulird durch Unterstützungen aus einem von den Großunternehmungent aufgebrachten Fonds der Uebergang in andere Berufe er- leichtert werden. Die mittleren, noch lebensfähigen Betriebes sollen durch Darlehn gestützt und wieder konkurrenzfähig gemacht werden. Die Hersteller, deren Absatz infolge ihrer ungenügenden finanziellen Kräfte in den letzten Jahre« erheblich zurückgegangen ist, werden aus einer Ausgleich- kasse unterstützt, damit sie trotz des gesunkenen Umsatzes genügend verdienen. Wie sehr die deutsche Zigarettenindustrie zum Großbetriebe übergegangen ist, beweist die Tatsache, daß dies Trüger der Sanierungsaktion sehn Großfirmen mit einer Produktion von mehr als je 25 Millionen Stück Zigaretten pro Monat sind. Diese werden durch eine Umlage den großen Sanierungsfonds aufbringen, aus dem die Zusammenarbeit und die Unterstützung der Mittel- und Kleinbetriebe finanziert wird." So also sieht die Gesundung des deutschen Mittelstandes im„dritten Reiche" aus. Zehn Konzerngewaltige setzen sich zusammen, sammeln aus ihren Millionenüberschüssen einige Almosen, die sie an niederkonkurrierte Kollegen verteilen und maßen sich dafür das Recht an, zu bestimmen, wer künftig in Deutschland Zigaretten herstellen darf. Punkt 16 des nationalsozialistischen Parteiprogramms ist glänzend durchgeführt. Der Mittelstand marschiert! „Deutsche Hceiheit" Ahonnem entspzeise: Amerika Argentinien Belgien Dänemark England Frankreich Holland Italien Luxemburg Neubelgien (Eupen-Malmedy) Oesterreich Palästina Polen Rumänien Rußland Saargebiet Schweden Schweiz Spanien Dollar Peso belg. Fr. Kr. sh fr. Fr. 11. Lire belgC Fr. belg. Fr. (verboten) sh (verboten) Lei Rubel fr. Fr. Kr. schw. Fr. Peseta 0.50 1.- 5,30 2,30 1,10 3,75 0,40 5- 5,30 5,30 1,10 30,- 7,50 1,70 0,80 2,- 5,50 Bei Zusendung unter Kreuzband durch die Post sind die Portogebühren vom Besteller mit dem Abonnementsbetrag zu entrichten. Tschechoslowakei Kr. im Monat l- 3- 15,- 3,70 4.- 12.- 1,50 10- 15,- 12,- 4,- 90,- 1.- 12,- 2,60 2,40 6,- 30,- ZustelL gebühr &eutsdke Stimmen•(Beilage zur„!Deutsdien Freiheit*'•£ret&ntsse und Gc§dhidk1em 'WttHW lfnütjttijii!li!l)iffl9^^H9HIHHD9 Donnerstag, den 23. August 1»3»"~ ii 90$$ 400 Jxihte spätec Die Vertreibung, und die JUichkehc dec spanischen Juden In Spanien gibt es kein Judenproblem. Aber für die Juden st Spanien seit dem Jahre 1492, seit ihrer vollkommenen Austreibung, ein Problem geblieben. Erst in jüngster Zeit •cheint, hervorgerufen durch die deutschen Verhältnisse, die Lösung dieses Problems nähergerückt. Den Bannfluch, den nie Juden bei ihrer Vertreibung aus Spanien vor fast 400 shren gegen das Land geschlendert haben, und an dem die ^achkoinmen der spanischen Juden, die Spaniolen, noch in Jüngster Zeit festhalten, haben jetzt die geflüchteten deut- «chen Juden gehrochen. Sie nützen die judenfreund lieben Erklärungen und das Entgegenkommen der jungen Republik *us und siedeln sich in großer Anzahl in Spanien an. Die Zahl der Deutschen in Barcelona hat sich seit Januar 1933 um 2000 vermehrt und der größte Teil dieser Zugewanderten besteht aus Juden, und auch da nur unter dem Druck eines anderen Landes, als Emigranten in das Land zurückkehrten, das ihnen einst so schwere Schmach angetan hat. *• 1 e r i o Marcu hat jetzt in einem zwar interessanten, •her nichtsdestoweniger zur Kritik herausfordernden Buch die Aera der Judenaustreibung aus Spanien geschildert. Als 1492, kurz nach der Entdeckung Amerikas und dem Goldttuuel, der über Spanien hereinbrach, die furchtbare Aktion gegen die Juden geführt wurde, blieb kein einziger Jude im Lande zurück. Das ist nicht hitlerisch, d. h. rassen- i-väßig gemeint, sondern lediglich in religiösem Sinne. Denn damals war man noch nicht so weit, wie heute in Deutsch- 'and, die Juden aus rassischen Gesichtspunkten zu bekämpfen. Getaufte Juden, auch zwangsweise getaufte, die nian dann Maranen nannte, durften in Spanien verbleiben > nd errangen späterhin sogar große Bedeutung. Auch der heutige Präsident der spanischen Republik, Alcala Zamorra, ist ein Nachkomme alter Maranen, also ein„Juden- ftämmling". Die vertriebenen Juden, die nach Westen und Dsten emigrierten, nach Holland, der Türkei, Kleinasien, 'ogar bis nach Indien, haben damals einen Bannfluch gegen die alte Heimat geschleudert. Niemals mehr sollte ein Jude 'Panischen Boden betreten. Selbst dann nicht, wenn man, >'as zwar unwahrscheinlich, aber immerbin möglich sei, einmal die Juden nach Spanien zurückrufen würde. Dieser Bannfluch schloß mit den drei Worten:„Nie, nie, nie!"' Im Laufe der Jahrhunderte siedelten sich in Spanien Wieder einige Juden an, bildeten kleine, unbedeutende Gemeinden, ein Nachkomme von Spaniolen aber, die ihr religiöses Zentrum in Saloniki, einer Stadt mit 92 Prozent jüdischer Bevölkerung,(Statistisches Jahrbuch 1920, Griechenland, beute zirka 70 Prozent), befand sich nicht unter ihnen. Das Edikt der Judenaustreibung war nicht widerrufen worden. Es bestand unter Alpbons noch zu Recht, wenn es praktisch auch keine Anwendung mehr fand. Spanien aber war trotz seiner überseeischen Schätze nach der Vertreibung der Juden zu voller Bedeutungslosigkeit herabgesunken, Holland und die anderen Länder, die die jüdischen Flüchtlinge aufgenommen hatten, biUten auf. Als 1931 die spanische Republik ausgerufen wurde, war eine der ersten Regierungsaktionen die Aufhebung des Kurt Haas. lOed&kmd sah sie. schau, Hin JMuinenstcaufi aus dem ,aUen„Simpiizissimus Am 24. Juli wäre Frank Wedekind siebzig Jahre alt geworden. Für diesen blutvollen und genialen Gestalter deutscher Dramatik hatte das Deutschland der Vorkriegszeit keinen Bülincnraum. Erst als der Novemberwind von 1918 den deutschen Muff, das Wildenbruchschc Rittergerümpel und die Maiglöckchen-Literatur in die Ecken fegte, öffneten eich den Dramen des toten Dichters die Tore der deutschen Schauspielhäuser. Die klumpfüßige und potenzierte ccild- gewordene Spießergesellschaft, die sich im Januar 1933 der Herrschaft über das deutsche Volk bemächtigt hat, tat sein Werk wieder in Acht und Bann. Wedekind gehörte für einige Zeit zum Mitarbeiterstab des „Simplizissismus". Aus seinen Beiträgen läßt sich manches Angebinde für die mißratene Germanen-Garnitur winden, die Deutschland aus der Zivilisation in das Mittelalter Zurückführt. »M ein Kampf" Läßt du die Sozialdemokraten In der tiefsten Hölle schmoren und braten, Dann baut dir die deutsche Großindustrie Ein Schloß am Rhein und deine Poesie Wird, wie es bei Julius Wolff gewesen, Noch weit mehr gekauft als gelesen In Pergament, Juchten und Saffian. Hr. L e y Einen phänomenalen Säufer und Fresser Mästet die Arbeitsfront als halben Professor, Weil dieser Doktor vorzüglich düngt, Wie denn seine Rede kräftig stinkt. Deutsche Presse 1934 Einen Maulkorb laßt euch reichen Aus dem stärksten Eisendraht. Schließt den Bund mit euresgleichen Für das Nazi-Triumvirat. Maulkorb, Maulkorb über alles. Wenn der Maulkorb richtig sitzt, Wird man immer— schlimmsten Falles— Noch als Hofpoet benützt. I-ametta-Hermann Der Menschheit Durst nach Taten läßt sich stillen, Doch nach Bewunderung ist ihr Durst enorm. Du vermagst ihr zu erfüllen Beide Durste, seis in der Fliegeruniform, Sei es in Seemannstracht, im Purpurkleide, Im Rokokokostüm aus starrer Seide, Sei es im Jagdrock oder Sportgewand, Lametta-Hermann mit der blutigen Hand. 3 0. Juni 1934 In der Politik, das muß man sagen. Geht ja freilich alles wie geschmiert: Unsere Größe liegt der Welt im Magen, Und damit man gänzlich nicht vertiert, Werden Schweine dauernd ausgeschlossen. Weil man ohnehin genug versaut. Hitlers Tagebuch nach dem 3 0. Jnni In der Stunde, da der Mensch sich sicher fühlt, Hat er schon so gut wie ausgespielt. Der Sturz der Tyrannen Ob du Minister oder sonst was seist: Es sinkt die Mörderhand, es siegt der Geist. Der erste Frühlingsturm der Zukunft fegt Euch in den Abgrund, drin sich nichts mehr regt, Und ihr im besten Fall noch als Genuß Der Kurzweil dient dem neuen Simplizissimus, Jobs. Japanische Bibliotheken für Neuyork und Paris Der japanische Außenminister hat einen Plan zur Er- richtung großer japanischer Bibliotheken in verschiedenen Weltstädten entworfen. Diese Bibliotheken sollen den Gelehrten und Studierenden des Auslands die Möglichkeit geben, die Literatur und alles notwendige Informationsmaterial an Ort und Stelle vorzufinden. Zur Durchführung des Planes wurden bisher 100 000 Yen zur Verfügung gestellt. Die erste Bibliothek dieser Art soll in Neuyork errichtet werden, als erste europäische Hauptstadt soll Paris eine japanische Bibliothek erhalten. Hebräische Universität in Jerusalem Gegenwärtig tagt in Z ü r i c h unter dem Vorsitz von Prof. Gh. Weizmann das Kuratorium der hebräischen Universität Jerusalem. Zahlreiche jüdische Gelehrte aus vielen Ländern, besonders aus den Vereinigten Staaten, England und Palästina nehmen daran teil. Auf der Tagesordnung steht u. a. die Erweiterung der Universität Jerusalem, besonders hinsichtlich der medizinischen Fakultät und die Schaffung neuer Lehrstühle und Berufung neuer Professoren, die zum größten Teil aus Deutschland erfolgen sol) imigcantensdhicksat Judenedikts und die Aufforderung an die Judenschaft, nach Spanien zurückzukehren. Die Regierung sandte ein Telegramm nach Saloniki, dem Zentrum der Spaniolen, in dem sie die Nachkommen der vertriebenen spanischen Juden aufforderte, wieder in ihre alte Heimat zu kommen. Man bot ihnen die sofortige Verleihung des Bürgerrechts an, jedwede Freiheit der Beschäftigung und Bestätigung, alle staatsbürgerlichen, wirtschaftlichen und politischen Rechte. Das Telegramm schlug unter den Spaniolen und in Saloniki wie eine Bombe ein. Lange Beratungen folgten im Synhedrion und schließlich telegrafierten die Rabbiner Salonikis ihre Antwort an die spanische Regierung. Das Telegramm enthielt nur drei Worte. Jene drei Worte, mit denen der jüdische Bannfluch aus dem Jahre der Vertreibung gegen Spanien schloß:„Nie, nie, nie!" Das war noch 1931. Fast 400 Jahre lang währte der Haß der orthodoxen Juden gegen das Land, das ihre Väter so menschenunwürdig behandelt hatte. Jetzt schreiben wir das Jahr 1934. Vieles hat sich in den drei Jahren geändert. Ein anderes Land hat das Erbe des einstigen Spanien angetreten. Deutschland hat seine Juden diffamiert. Und sie haben nun ihren Frieden mit Spanien geschlossen. Sie wandern in großer Zahl hinüber und suchen sich dort eine neue Heimat. Sie finden einen günstigen Boden. Vorerst drängen sie sich in den beiden Zukunftsplätzen Barcelona und Madrid. In Barcelona, der Handels- und Industriestadt, die Geschäftsleute und kleinen Gewerbetreibenden, in Madrid die Intellektuellen. Ins Innere, zu den Landstädten sind die Einwanderer noch nicht vorgedrungen. Tarragona, Gerona, Sahadell, ja sogar Valencia und Saragossa sind bis heute von jüdischen Emigranten unbeachtet geblieben. Aber in Barcelona entstehen bereits von Emigranten gegründete Geschäfte. Kleine Cafes und Konditoreien, Eisenbandlungen und Alteisengeschäfte, Marken- und Münzhandlungen, Laboratorien für Zahnpasten und Bodenwachs. Auch größere Geschäftsleute wagen Gründungen, wie die neue ,,I berica Film A.-G." beweist, die schon ihren ersten spanischen Film mit spanischen Schauspielern dreht, obwohl Direktor, Regisseur und Operateur kein Wort spanisch sprechen. Die spanische Republik legt den neuen Zuzüglern nicht die geringsten Steine in den Weg. Im Gegenteil! Sie unterstützt lebhaft die Bemühungen, neue Geschäftszweige in Spanien erstehen zu lassen. Fast alle Berufe sind den Emigranten offen. Keinerlei Einschränkungen sind sie unterworfen. Sie stehen so in freier Konkurrenz mit den geschäftlich sehr geriebenen Katalanen, die ihre Geschäfte noch in althergebrachter Weise mit möglichst hohem Einzelgewinn zu machen suchen. Die Emigranten, die an eine moderne Geschäftsgebarung.„Dienst am Kunden", sorgfältige Bedienung usw. gewöhnt sind, haben deshalb Aussichten, in Spanien ihr Brot zu verdienen. Die Welt ist rund und dreht sich. Oft dauert es sehr lange. Mit der Rückkehr der Juden nach Spanien hat es 400 Jahre gedauert! Die Stunden brüten schwer wie vor Gewittern. Die Riesenstadt brüllt mich hysterisch an. Und meine Nerven, die vor Spannung zittern Zieht die Ermüdung lähmend ihren Bann. In grenzenloser Einsamkeit zu warten, In dem Gewimmel einer fremden Welt Sich wund zu sehnen nach dem Heimatgarten, Das ist ein Leben, das sich selber prellt. (Indes zerstampfen teuflische Briganten Geheiligt Land, dem meine Liebe gilt).—• Dies tatenlose Schicksal der Verbannten. Ist Qual und Qual, die unaufhaltsam schwillt. In Seelen, die im Ohnmachtshaß verbrannten, Erstarrt die Welt zu einem Totenbild. Horatio, Siehe da- JJieaiet! Dort, wo Goebbels nicht ist Das außerordentliche Absinken des Berliner Theater- Niveaus ist oft genug konstatiert worden. Am wichtigsten aber sind die Bestätigungen, die heute noch beamtete Berliner Schriftsteller dafür geben, und die die offizielle Zensur des Propaganda-Ministeriums und die inoffizielle der Denunziation getarnt passieren. Erst neulich konnte man in der Nachtausgabe den Verzweiflungsschrei hören:„Wo ist eigentlich das Theaterpublikum geblieben?" Und jetzt liest man in der letzten Nummer der von Fritz Klein herausgegebenen„Deutschen Zukunft" eine große Kritik des gewiß unverdächtigen Paul Fechter über die Aufführung von „Kean" auf der volkstümlichen Szene des„Rose-Theaters", Das Rose-Theater ist stets das Familientheater des Kleinbürgertums des Berliner Ostens gewesen, das Thestsr der Familie Rose, die allein fünf Darsteller im Ensemble hat, und hat noch nie flaue Zeiten gekannt. Es genoß das Wohlwollen aller Zeitungen; besucht wurde es allerdings von der zehnten kritischen Garnitur. Jetzt wird es, da es sich in seiner ganzen Art trotz der Goebbelsschen Richtlinien nicht geändert hat(weil nämlich sonst niemand mehr hineinginge), von Herrn Fechter, Wedekind-Biographen und früherem kritischen Star der„Deutschen Allgemeinen Zeitung", besucht und siehe da— er stellt fest:„Hier sieht man plötzlich, wo unser Theater geblieben ist, erlebt es unvermutet wieder: Publikum aus dem Volk, das von selber kommt, nicht geschickt wird, das im Theater Theater sucht und findet." Und wenige Zeilen weiter:„Hier ist das noch nicht Künstliche, nicht zusammengebrachte Publikum." Die Anspielungen auf die gepreßten, widerwilligen Massen, die die Veranstaltungen der „Kraft-durch-Frcude"-Organisationen, die sinnlosen marktschreierischen Zeitfestspiele der Thingplätze besuchen müssen, sind deutlich. Das Rose-Theater führt Goebbels ad absurdum— das ist das Fazit des Aufsatzes von Fechter, der wie alle Artikel der Zeitschrift aus der programmatischen Einstellung des Titels„Deutsche Zukunft" her geschrieben ist. „ JjcüMinqsstimmen" Was die zarten Braunen verletzt Die zuständigen deutschen Filminstanzen haben den österreichischen Film„F r ü h 1 i n g s s t i m m e n" zur Aufführung in Deutschland nicht zugelassen. In der Begründung des Aufführungsverbotes heißt es:„Dem auf Paragraf 12, 7 des Lichtspielgesetzes vom 16. Februar d. J. gestützten Antrag des Reichsministers für Propaganda, die Zulassung des Films„Frühlingsstimmen" zu widerrufen, war stattzugeben. Er verletzt das nationalsozialistische Empfinden und ist geeignet, die öffentliche Ordnung zu gefährden. Gemäß den in der Entscheidung der Filmoberprüfstelle vom 21. April d. J, entwickelten Grundsätzen ist zu beanstanden, daß der Film in tragenden Rollen früher in Deutschland tätig gewesene Darsteller zeigt, die von der Bewegung abgelehnt werden. Es kommt hinzu, daß einer der nicht- arischen Darsteller in einer gemütvollen väterlichen Rolle als Familienoberhaupt einer deutschen Familie gezeigt wird. Sein ausgesprochen nichtarisches Aussehen verletzt den deutschen Besucher. Es sind daher bei weiterer Vorführung des Films auch Ruhestörungen zu besorgen, wie die gegen den Film bereits eingetretene Protestbewegung belegt." »'* Erst wird Protest organisiert, dann unter Berufung auf den Protest verboten. Ein gemütvoll-väterlicher Jude: so etwas erschüttert die Grundpfeiler des nationalsozialistischen Staats. Die JCtoake „Dr. Broher und Dr. Mayer: Ihre Auffassung ist richtig. Graf Pestalozza war einer der prominentesten Abgeordneten der Bayrischen Volkspartei. Er hat eine Freundschaft mit dem Juden Mayer, der junge nichtjüdische Mädchen betrunken machte. Der sie dann kreuzigte und ihnen die Wundmale Christi in den Körper schnitt. Und der sie dann am Kreuze schändete." Was das ist? Nur eine friedliche Briefkastennotiz in einer reidisdeutschen Zeitung. Ganze Arbeit! „Nachdem der Börsenverein der deutschen Buchhändler seine Mitglieder darauf hingewiesen hat, daß selbstverständlich die Schriften der Hochverräter Rohm und Genossen, auch nur soweit das Vorwort von ihnen stammt, durch den deutschen Buchhandel nicht mehr vertrieben werden dürfen, appelliert die Leitung der Reichsbahngesellschaft an den Bahnhofsbuchhandel] auf jeden Fall ebenso zu verfahren/'—^Völkischer Beobachter", VAIk«r In Sfurmsnlfnn Nr, 1 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Donn*rttag, U. Augut* 1*14 Zum Beginn Aber ziehen Von heute ab wird die„Deutsche Freiheit" einem vielfach gehegten Wunsch ihrer Leser Rechnung tragen. Aus dem gewaltigen Schatze der bedeutendsten historischen Memoirenwerke und der Weltliteratur will sie in laufender Folge Kapitel auswählen und abdrucken, die durch Größe und Tragik des Stoffes Beziehung zum Geschehen unserer Zeit besitzen. Ganz von selbst stoßen wir dabei auf die Revolutionen der Menschheitsgeschichte. Eis sind die Epochen des„Weitergehens", des Feuers in der Hingerissenheit; der Bewegung des Geistes, der nach Verwirklichung und Gestaltung sucht.„Politik" ist Schicksal: es atmet in Erlebnis, in der Erinnerung an die großen Ereignisse, in der Darstellung des Dichters. Das ist der Ausgangspunkt. Wir beginnen mit dem Abdruck einer nahezu unbekannten Novelle von August Strindberg aus seinen„Schwedischen Miniaturen": Gerichtstag e". Wir werden dann Bruchstücke aus den„R evolutionsnächten" von R e t i f de laBretonne, und aus den Memoiren des Grafen von Barras über die Schreckenszeit sowie andere Dokumente„aus großen Tagen" veröffentlichen. Dabei ist nicht etwa an eine lehrhafte historische Reihenfolge gedacht. Wir wollen daneben Beispiele bester deutscher und auländischer Literatur abdrucken, vor allem Schöpfungen, die & der Mehrzahl, unserer Leser nicht leicht zugänglich sind. tuen 11 ei an ihnen vorbeiging, streicheln. Das Untier aber mit dem Körper eines Menschen, ben Bockssüßen und den Hör- nern aus dem Kopf flöhte ihm etwas Respekt ein, wie es dort stand, anf die Hände sich stützend wie ein Priester, und, vorn- über geneigt, der gottlosen Stadt zu predigen oder Straf- gcrichte auf sie herabzuschlendern schien. Retzen ihm suchte er seinen Platz, als er mit der Laterne zu signalisieren an- fing. Aber der Wind war so heftig, daß der Alte schwankte und„den dort" um den Leib fassen mußte, um sich fest- zuhalten. Nachdem er eine Weile gestanden und mit der Laterne manövriert hatte, immer hinaus in den Ramn spähend, rich- tcte er sich plötzlich in die Höhe, ließ die Laterne fahren und setzte das Sprachrohr an den Mund. Sich an dem steinernen Geländer haltend, wandte er sich dem südlich:« Turm zu und schrie: »Hallo, Francois! Hallo!" Nach einer Weile antwortete die Stimme ai de Tuntel: ,.Qui vive! li „Mvnt-joie-Saint-Denis." „Sacre!" antwortete man von drüben. »Läute die große Glocke! Läute, der Tausend!" Der Wächter blieb noch eine Weile stehen und betrachtete die gefärbte» Lichter im Kirchturm von Saint-Cloud, und um ganz sicher zu sein, wiederholte er das Signal, woraus er zur Antwort erhielt: „Richtig verstanden!" Der Alte seufzte:„Geschehe dein Wille, Herr des Himmels!" Darauf wollte er in die Turmkammer zurückkehren, aber im selben Augenblick faßte der Wind seine Kleider so heftig, daß er den Arm des Behörnten ergreifen mußte, um sich fcstzu- halten. Aber die Figur hatte sich gelockert, gab nach und machte eine kleine Bewegung. „Der auch!" sprach der Alte in seinen Bart.„Nichts hält, alles gleitet fort, nichts bleibt, woraus man sich stützen könnte!" Er hockte sich nieder, um nicht fortgeweht zu werden, und kriechend erreichte er die Tür der Turmkammer, die er ausriß. „Die Revolution ist aus!" rief er dem Büchergestell zu. „Was sagst du?" „Die Revolution ist aus!— Treten Sie vor, Sire!" Er faßte das Büchergestell an und drehte es wie eine Tür in ibren Angeln. Man sah einen kleinen hübsche« Raum im Stil Ludwigs XV., und hervor trat ein dreißigjähriger Mann mit feinem, aber blassem Gesicht und von traurigem Aus- sehen- „Sire," grüßte der Buchbinder demütig,„setzt ist Ihre Zeit gekommen und meine geht zu Ende! Die Revolution ist ans! Was an diesem achtzehnten Brumaire in Saint-Cloud gc- schehen ist, iveiß ich nicht,- eins aber weiß ich: Bonaparte ist ans Ruder gekommen!" „Jacques." antwortete der Edelmann,„ich will deine Ge- fühle nicht verletzen, aber ich kann meine Freude nicht ver- bergen..." „Verbergen Sie sie nicht, Sire! Sie haben mich vorn Schafott gerettet, und ich Iwbe Sic gerettet: danken wir uns gegenseitig und lassen Sie uns quitt sein!" „Daß dieses blutige Spektakel zu Ende geht, daß diese Gemütskrankheit...." „Sire! Nicht so...." Und seine Augen begannen zu funkeln. Darauf aber schlug tt ura:-••... „Lassen Tie uns die letzt« Mahlzeit zusammen essen, aber in Liebe wie Mitmenschen: lassen Sie uns von der Ver- gangenheit sprechen, um uns dann in Frieden zu trennen. Heute abend sind wir noch Brüder, aber morgen sind Sie der Herr und ich der Diener." „Du hast recht! Heute bin ich ein Emigrant, aber morgen bin ich Graf." Der Alte setzte ein kaltes Huhn vor, einen Käse und eine Flasche Wein, und die beiden nahmen Platz am Tisch. „Diese Flasche. Sire, ist Anno M abgezapft: sie hat eine Geschichte, und darum...." „Hast du keinen weißen? Ich kann den roten Wein nicht trinken." „Mögen Sie die Farbe nicht?" „Nein, ich sehe nur Blut!— Du hast ein Weib und vier Söhne verloren..." „Warum soll man darüber weinen! Sic sielen auf dem Feld der Ehre...." ,Tem BlutgerüK!" Vor» August Strindberg In dem nördlichen Turm der Kirche Notre Dame de Paris hatte der Turmwächter sein Zimmer. Es ivar aber zu einer Buchbinderwerkstätte eingerichtet, denn das Amt war am Tage nicht besonders drückend, und die Standen der Nacht vergingen mit Schlaf oder ohne Schlaf, da sich niemand darum kümmerte, diesen jetzt überflüssigen Kirchendiener zu beaufsichtigen. Niemand ging in die Kirche, die verschiedentlich beschädigt war, und niemand kam aus den nördlichen Turm hinaus, denn im südlichen hingen die Glocken, und dort wnrde der Dienst etwas strenger genommen, denn bei allen außerordentlichen Gelegenheiten sollte die Sturmglocke läuten. Mit dem Glöckner auf dem siidlichcn Turm unterhielt der Wächter eine Art telegrafische Verbindung: bei ruhigem Wetter konnten sie auch miteinander plaudern: ivcnn es aber windig war, mußten sie Sprachrohre benutze». Die Wcrkstätte hatte sich im Laufe der Jahre zu einem sehr gemütlichen Raum entwickelt. Ihre südliche Seite nahm ein einziges großes Büchergcstckll ein. In rotem Maroquin mit Goldschnitt glänzte da die Enzyklopädie in der ersten Auflage 1751—80 mit ihren fünfundzwanzig Bänden. Tort standen Voltaire, Rousseau, Montesquieu, Locke, Humc, alle, die vorhanden sein mußten. Auch Zeitungen, Monitcur, Päre Duchesnc und Marals L'ami du Peuple. Diese letzte war in etwas fettiges Leder gebunden, das einer Schweineschwarte glich und sich geworfen hatte. Eine andere Wand ivar mit Gravuren bekleidet, teils kolo- rierten, teils unkolorterte». Sie hingen in chronologischer Reihenfolge von links nach rechts, von oben nach unten, so daß man die ganze Revolution in Bildschrift sehen konnte. Schwur im Ballhaus am llv. Juni 178» mit Mirabcaus Por- trat: Brand der Bastille und Kopf des Kommandanten: Ja- kotzinerklub mit Marat, Saint-Justc, Couthon, Robespierre: Verbrüdernngsscst auf dem Mörsfeld: Flucht des Königs nach Varennes: Lafayctte: Girondisten: Hinrichtung des Königs und der Königin: Wohlfahrtsausschuß mit Danton und dem ausgeheckten Robespierre: Schreckensherrschaft: Charlotte Eorday tötet Marat in der Badewanne: Robes- pierre noch einmal,' Fest des höchsten Wesens: Voltaires Be- gräbnis: Robespierre wieder, jetzt am neunten Thermidor. Dann beginnt Bonaparlc und das Direktorium, gemischt mit Pyramiden und Alpen. Mitten im Zimmer stand ein sehr großer Tisch: aus der einen Seite befand sich das Werkzeug des Buchbinders und auf der andern Schreibzeug. Das Tintenfaß saß in einem Schädel, und das Lineal ivar ein Unterarm: der Briefbe- schwerer war eine Guillotine» der Federhalter eine Rippe. Der Buchbinder selbst, ein Hundertjähriger mit einem Apostclbart, saß und schrieb unter einer Laterne, die von der Decke hing. Niemand als er war im Zimmer zu sehe». Draußen stürmte es uird die Dachpfannen klapperten zu- weilen: es war kühl im Zimmer, aber nicht kalt, dem, ein Kamin brannte in einer Ecke, in der man die«Gerätschaften des TurmlvächtcrS sah: ein großer Wolfspelz, ein Sprach- rohr, einige Flagge» und eine Laterne mit verschieden ge- färbtem Glas. Der Alte schob die Brille aus den Scheitel, blickte aus und sprach, ohne daß man sehen konnte, mit wem: „Bist du hungrig?" Eine Stimme hinter dem Büchergestell antwortete: „Ziemlich!" „Frierst du?" „Nein, noch nicht!" .Warte noch ein« Weile, ich muß gleich hinaus und eine Beobachtung machen." „Woran schreibst du?" „An meinen Erinnerungen!" „Ist es ruhig in der Stadt?" «Ja! Aber sie sind nach Saint-Cloud hinausgezogen." „Dann kommt es bald zum Klappen!" „Zum Klappen kommt es nicht, aber wir können eine Pro- klamation erwarten- Schweig jetzt, ich muß hinaus und tele- glasieren! Essen sollst du dann bekommen und auch etwas zu trinken, vielleicht auch eine Pfeife Tabak." Es wurde still hinter dem Büchergestell, und der Alte zog den Pelz an. entzündete die vielfarbige Laterne, griff nach einem Sprachrohr und trat auf den Altan hinaus. Es war sehr dunkel, aber der Alte kannte seine Menagerie draußen aus der Balustrade: er liebte seine Steinungeheuer, die Eule, den Greisen, die Gorgo, und er mußte sie jedesmal. „Ich nenne das Blutgerüst das Feld der Ehre!—! Sie wünschen weißen! Gut, Sie sollen ihn haben! Sie zi die Farbe der Tränen vor: ich die des Blutes!", Er öffnete ein« Flasche Weißwein. f „Suurn cuiqup! Ter Geschmack ist oerschieden!— Wir können also wieder atmen und nachts ruhig schlafen! Das war das Schwerste während dieses Jahrzehnts, das ver- gangen ist: der Verlust des Nachtschlafes. Die Furcht vorm Tod war schlimmer als der Tod!" „Das Schwerste für uns— verzeih den Ausdruck— war, zu sehen, wie Staat und Gesellschaft auf den Kopf gestellt wurden: wie die Roheit oben saß..." „Warten Sie! Ludwig XIV. bezahlte zwei Kammerherrn zwanzigtausend Livres jährlich dafür, daß sie jeden Morgen seinen hohen Nachtstuhl untersuchten und hinaustrugen: weiter in Roheit konnten die Sansculotten nicht gehen. Marie Antoinette ging nachts mit Junggesellen aus und trank die Nacht durch, so daß sie um elf Uhr am folgenden Vormittag erschöpft nach-Haus« kam: das war roh von so einer feinen Person!" „Du darfst heute abend flunkern, Jacques, aber morgen nimm den Kopf in acht!" „Und wie ich im(tzcrichtssaal saß, als die Königin eine? unerlaubten Verhältnisses zu ihrem Sohn angeklagt wurde, glaubte ich nicht an die Anklage: später aber hört« ich..« Ja, Sie wissen ja, wie die Mütter mit ihren Kindern spiele«: es beginnt mit Spiel im Bert am Morgen, aber die Grenz- ist unmerklich für den Lauf der Gefühl«... und da der Dauphin selbst bekannt hat— die Sache war wohl nicht ganz richtig!" „Nein, Ihr dürft nicht so sprechen von diesen hohen Per- soncn, die den Märtyrertod gelttten haben..." „Halt, halt! Der König war, was man einen netten Kerl nennt, aber die floirlgin war ein Weibstück! Doch beide wur- den gerechterweise zum Tode verurteilt, alle beide!— Sehe» Sie, wenn Turgot hätte bleiben können, märe die Revolution nicht gekommen. Alle die Reformen in Staat, Kirche und Gesellschaft, die wir— verzeihen Sie den Ausdruck— dann durchgeführt haben, hatte Turgot auf seinem Programm. Die Königin, die es nicht leiden wollte, daß der Minister ihre Apanage beschränkte, intrigierte ihn fort: und der König hals ihr dabei- Das war ein großes Verbrechen! Das zweite war der Sturz Neckers. Dann regierte die Königin mit den Hof- dirnen! Sowohl der König wie die Königin suchten den Aus länder gegen ihr eigenes Land zu erheben: der Briefwechsel in dieser Sache wurde gesunden, und damit waren die Verräter des Vaterlandes zum Tode verurteilt! Sprechen Sie nicht von Märtyrern, denn dann werde ich böse! Ich werde nämlich böse, wenn ich eine Lüge höre, und dann kann ick mich nicht mehr beherrschen." Der Gras legte die Hand an den Degen- „Stecken Sie Ihr Schwert in die Scheide, junger Man», sonst" Tie saßen sich am Tisch gegenüber und sprühten Feuer übereinander. „Die Ursachen," fuhr der Alte fort,„die kann man im Pa- radics suchen, aber wir haben es hier nur mit den nächste» zu tun. und die kennen wir. Die Revolution war ei» Jüngstes Gericht, das kommen mußte, ebenso wie es in Eng- lau» kam, genau hundert Jahre vorher, auf den Punkt, 1689/ „Aber Cromn>ells Republik war nicht von Tauer!" „Das ist wohl diese auch nicht! Aber sie kommt wieder! Waffen Sie uns lieber von etwas Schönem sprechen, an diesem letzten Abend. Ich habe altes mitgemacht, ich habe ei» 1 starkes Gedächtnis und kann nichts vergessen: was mir aber durch all die dunklen Tage hindurch scheint, das ist der Tag auf dem Mörsfeld, das Verbrüderungsfest vom vierzehnte« Juli Anno 90! Zwanzigtauscnd Arbeiter sollten das Mars- seid rode«: als sie aber bis zum festgesetzten Tag nicht fertig wurden, zog ganz Paris hinaus. Da sah ich Bischöfe, Hos- Marschall«, Generale, Mönche, Nonnen, Damen der Gesell- schaft, Arbeiter, Matrosen, Absuhrleute und Dirnen, all« nebeneinander mit Hacke und Spaten den Boden ebnen. Und schließlich fand sich der König selbst ein, um an der Arbeit teilzunehmen! Das ivar die größte Nivellierungsarbeit, die die Menschheit ausgeführt hat: die Höhen wurden abgetragen und die Senkungen ausgefüllt. Schließlich war da» große Freiheitsthcater fertig. Auf dem Altar des Vaterlands wurden Feuer von wohlriechenden Holzarten angezündet- Tallcyrand, Bischof von Antun, mit einem Gefolge von vier- hundert weißgekleideten Priestern, weihte die Fahnen ei»- Ter König, in Zivilanzng, und die Königin saßen auf der Estrade, und„die ersten Bürger des Staates" legten den E>d aus die Verfassung ab Alles war vergessen, alles war ver- ziehen. Eine halbe Million Menschen, auf einer Stelle ver- sammelt, von einem Geist beseelt, fühlten sich an diesem Tag als Brüder und Schwestern. Wir meinten, wir fielen uns>« dre Arme, wir küßten uns- Wir weinten bei dem Gedanke«- wie erbärmlich wir gewesen und wie gut und wohlwollend wir in diesem Augenblick waren. Wir weinten vielfach auck- weil wir ahnten, wie gebrechlich alles war. Und nachher a>« Abend, als Paris auf Straße und Markt hinauszog! D>* Familien aßen Mittag auf dem Trottoir: Alte und Krankt wurden unter freiem Himmel hinausgetragen: Speis« und Wein ans Staatskosten verteilt. Das war das Laubhütten- fest, die Erinnerung an die Auswanderung aus der ägyptischen Knechtschaft? das war Saturns Fest, die Wiederkehr des goldenen Zeilalters!... Und dann..." „Kamen Marat, Danton und Robespierre..." „Ja! Robespierre, der verhaßteste, war ,,i«'" Ludwig XI. und Heinrich VIII" „Ein Mörder" „Der Dichter ist nicht Mörder, und der Henker auck nicht..." „Aber das golden« Zeitalter verging, wie es kam!" „Doch es kommt nneder." „Nicht mit Bonapartel" „Nein, nicht mit ihm, abc. „Wer lst er?" >orti'etu«Ai «»-»»-« Paris, den 23. August 1034. Der„Jntransigeant" veröfsentlicht seit Dienstag eine Zteihc von Artikeln über»Das unterirdische Deutschland", die. wie die Redaktion des Blattes mit-- teilt, einen Deutschen zum Verfasser hat, der selbst illegal im„dritten Reich" mitarbeitet und dessen Name deshalb natürlich nicht genannt werden dars. Da wir glauben, dast die Beröslentlichungen des „Jntransigeant" für unsere Leser von Interesse sind, werden wir sie lautend mit dem hauptsächlichsten^ Inhalt bekanntmachen. Ter erste Teil trägt die Ueberschrist Der Puppenspieler" Nor drei fahren erschien das sensationelle Buch des ameri- kanischen Journalisten Knictebockcr„Deutschland so oder so?" ^cn Deckel des Buches schmückten die beiden feindlichen Symbole Hakenkreuz und Sowjetstern. Ueber jedem von bei- den stand ein Fragezeichen, Zwei Schlußsolgerungen wurden in dem Buch gezogen: 1. Die Aussichten einer kommunistischen Revolution in Deutschland find unendlich geringer als die einer saschi- stischen Revolution. 2. Wenn die Nazis zur Macht kommen, wird die nach- folgende Revolution unvermeidlich eine bolschewistische _ Revolution werden. Die erste der beide» Schlußfolgerungen ist Wahrheit gc- worden. Ob sich die zweite verwirklichen wird, das ist die »rage, die ganz Europa sich gegenwärtig vorlegt. Aus den zwei Fragezeichen sind Millionen von Fragezeichen geivor- den: alle Europäer, die mit grosser Unruhe den geometrischen politischen Mittelpunkt ihres Erdteils beobachten, sind des- halb in Unruhe. Aber die gcä'ngstigtcn Blicke bleiben zumeist an der Ober- flache dieses historischen Borganges liastcn. ohne in seine Diesen zu bringen,«o beobachtet, müssen alle Erscheinungen wirr und chaotisch sich darstelle», wie ei» Kamps gegen ge- Heime Eliguen, ein Labyrinth von Intrigen. politischen Irrtümern und pathologischen Berirrungcn. In diesem Wirrwarr kommen die Begriffe„rechts" und „links",„Revolution" und„Reaktion" völlig durcheinander, indem sie jede erakte Bedeutung verliere». Wollte General »Vritfch Hitler verhalten? Wollte General Schleicher mit den Rebellen aus den untersten Polkskreisen gemein- samc Sache machen? Ist Hitler wirklich der Gefangene der Reichswehr oder haben sich die Hindenburg treuen Generäle Hitler unterworfen? Ist Herr von Pape» der Puppenspieler oder»ur eine Marionette i» dem Puppen- spiel, in dem vi« Millionen mitwirken, und das sich vor einem Publikum abspielt, das aus der ganzen Welt besteht? Oder tst es beides zugleich? Alle diese Kragen müssen ohne Antwort bleiben, denn sie gehen an dem Kern des Problems vorbei, während Europa verwirrt und erschreckt dieses in der Geschichte bei- spiellose Tohuwabohu betrachtet. Wer wirklich begreifen will, was jenseits des Rheins sich abspielt, darf sich nicht durch Thcatcrblitze und bengalisches Feuer blenden lassen. Er must kaltblütig und geduldig in die unterirdische Welt hinunterstejgen. in den Maschinensaal, wo man Geschichte macht. Nicht zwischen Nöbm und Goebbels, auch nicht zwischen Goebbels und von Pape» entscheidet sich das Schicksal dieses Regimes: die letzte Entscheidung fällt zwischen den Massen und den Machthaber». Niemals wäre die Röbm Rebellion möglich gewesen ohne die wachsende Unzufriedenheit der braunen Scharen, die sich von dem Kührer betrogen fühlten. Die blutigen Kämpfe zwischen den verschiedenen Nazigruppen sind nur die Auswirkung unterirdischer Gewitter: die Schüsse, mit denen man die obersten Führer der braunen Armee auslöschte, waren nur dys schwache Echo des Donners, der aus der Diese emvorgrollte. In diese„unterirdische Welt" ivoljc» wir hinabsteigen, um ihre Geheimnisse zu entreißen und ihre Sitten zu studiere». Wer bewohnt diese unterirdische Welt? Die Todfeinde des nationalsozialistischen Regimes. Welches Gesetz herrscht in der n»terirdisch>-n Welt? Das Gesetz derer, die austerhalb des Gesetzes stehen, die Gesetz- gcbuna der Illegalität. Welche Borschrift regelt ihr Leben? Die. die fordert, dast jedes Bergclien gegen die Gesetze der Verschwörung mit dem Tode bestraft wird. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands erhielt bei de» Wahlen am k>. November 1882, der letzten verhältnismässig freien Wahl, ungefähr sieben Millionen Stimmen. Die Kommunistische Partei zählte bei der gleichen Gelegenheit ctiva sechs Millionen Stimmen. Ins- gesamt ivurden also dreizehn Millionen Stimmen für die beiden Arbeiterparteien abgegeben, ein« Pähl, die seit den Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1010 bis zum Machtantritt Hitlers trotz vorübergehender Schwankungen gleich blieb. Dreizehn Millionen roter Wähler, hauptsächlich Arbeiter und kleine Angestellte: dreizehn Millionen Mcntchen, die ihrer Ncberzeugung während der ganzen Dauer der Weimarer Republik treu blieben: eine Nlillionensront, in die die nationalsozialistische Agita- tion wohl gelegentlich einbrechen konnte, ohne dast aber ie- malS der Kern erschüttert wurde. Die Arbeiterralswahle» im letzten April zeigen deutlich, dast die Arbeiter auch formell trotz des blutigen Terrors Hitler nicht anerkannt hatten: kaum ein Drittel der Arbeiter stimmt« für die braune Liste. Dies noch dazu unier Bedingungen, wo eine Neinstimme oder schon Stimmenthaltung znr fristlosen Entlassung oder Ueber- ssthruna ins Konzentrationslager auf unbestimmte fleit Anlast aeben konnte. Aber nicht nur die Anhänger der roten Parteien, dje voaelfrci sind, bewohnen die unterirdische Welt. Bon Mona« zv Monat, tage«», tagaus erhalte« die Be- wohner dieser Welt neuen Zuzug aus de»«reisen, die böher gelegene Gegenden bewohne» und die, jäh aus der Psychose der ersten Monate erwacht, aus ihren Illusionen Hsile'^versprach nach der klassischen Formel dem Volke„Brot und Spiele", aber die Spiele verlieren ihren Reiz, ivenn man kein Brot hat. Das nationalsozialistische Schlagwort lmt keinen schlimmeren Koind als die nationalsozialistische Wirklichkeit: sie crzcuai reihenweise d e Gegner deS Regimes und die Bewohner der illegalen Welt: sie ist ein unbesteg- barer Feind. den man weder hinrichten noch ins Konzentra- tionslaaer sverren kann. Es ist untere«»'gäbe nickt, hier die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen des„dritten Re'ck-S" zu untersuchen Wir wollen»ns«» r mit dar unterirdischen Welt und den Abenteuern ihrer Bewohner beschatttgen. Aber um diese Welt zu verstehen, must man in einigen Zahlen die LebenS- bedingungen der großen Masse skizzieren. a) Der Lebens st andardaller Arbeitnehmer fiel zwischen März 1033 und März 1034 in jenem Jahr der rauschenden Feste und tönenden Reden stillschweigend um 18 Prozent. d> Die Gesamtsumme der Löhne und G e- Hölter verringerte sich um 1 Milliarde Mark,' und das, obwohl zahlreiche neue Arbeiter in der Rüstungsindustrie eingestellt ivurden, trotz der„Arbeitsschlacht" und der„Ar- beitslager", trotzdem der Staat den Unternehmern B Milliarden unter der Bezeichnung„Arbeitsbeschaffung" als Unterstützung gewährte. c> Die Lage der kleinen und m t t t l e r e n Bauern ist infolge der Monopolisierung des Verkaufs der landwirtschaftlichen Erzeugnisse durch den Staat ver- zweiselter als je zuvor, eine Monopolisieriing, die den Bauern vom treten Markt fernhält: sie ist weiter verzweifelt infolge des Verbots der Einsnhr von Futtermitteln, wodurch die Vergrößerung der Viehzucht und der Milchwirtschast unmöglich gemacht wird: serner infolge des Erbhosgesetzcs und der Gesetze über die Veräußerung und die hupothekarische Belastung bäuerlichen Eigentums, die de» Bnuern die Möglichkeit jeder Kreditbeschaffung nehmen. si> Endlich ist die Lage des Mittelstandes heute schlimmer als vor dem Regierungsantritt Hitlers. Er zit- tert vor einer Inflation,»nd eine Vertrauenskrise schaltet jedes normale Wirtschaftsleben aus. Das ist die trockene Wahrheit über das»ationalioziali- stische Regime, und weder fantastische Hieben noch die widerspruchsvollen Einzelheiten über die Sitte» der crmor- dctcn Führer täuschen die Massen über diese Tatsachen hin- weg. Wie wirken sich nun diese Eindrücke bei der Masse aus? Was tut der enttänfchte Kleinbürger, der verzweifelte Bauer, der revolutionäre Arbeiter? Was w>rd aus der?.l!illion brauner Landskncllsie, die man i» Urlaub geschickt hat und die niemals wieder aus ihrem Urlaub zurückkehren werden? Sic lallen olle der unterirdischen Welt anHeim: sie werden dort nnzusriedcnc Mitspieler. Sie sind keine Schauspieler, die selbständig handeln, son- der» nur T t a i i st c n. ohne aenan zu wissen, ivas sie wol- le»: aber sie habe» das unbestimmte Gefühl, dast etwas im Ganae ist etwas, was sie in einer Mischung von Furcht und Hoffnung erwarten... Sie sind vorläufig nur Mario- vetten, aber ihre wohlwollende Neutralität schafft MSgNä< ketten für die Aktivität der wirklichen Schauspieler, eine Ak tivität, die ohne Beispiel in der Geschichte ist: für den unter- irdischen Kampf der Kämpfer der illegalen Massenparteien. Totsächlich gibt es keine gleichartige Erscheinung in Euro« pa» Geschichte. Die russischen Revolutionäre waren unter dem Zarismus nur eine Handvoll von einigen Hunderten. Sie waren Meister in der Kunst der Verschwörung, in der Herstellung von Bomben und Geheimschriften, aber ihre Methoden gehören der romantische» Vergangenheit an im Vergleich zn denen der großen deutschen Massenparteien... Eine Plunderbüchse im Vergleich zum Maschinengewehr! Die Technik der illegalen Verschwörung und Propaganda hat sich im gleichen Schritt wie die indu- serielle Technik entwickelt. Sie vollzieht sich nicht mehr nach romantische» Formeln, sondern nach wissenschaftlichen Gc- setzen. Diejenigen, die damit umgehen, sind nicht mehr einige Idealisten, die den Tod vera-B:n, sondern eherne Masse», die nach zebntauscnden sustematisch ausgebildeten Menschen zählen. Sie wollen nicht kür eine wirklichkeitsfremde Idee sterbe», sondern sie betrachten ihre Tätigkeit als das direkte Mittel, um ihre mirtichailliche Lage zu verbessern. Sie ar- bciten»»ter dem Schutze von Millionen Parteigängern, die sich nicht betätigen, und genicstcn in der ganzen Welt Sympathie. illegale Wahlparolen Berlin, 22. Aug. iInprcstj: Die Reichshauptstadt ist in den letzten Tagen vor der Wahl mit einer Flut kleiner Flug- zettel überschwemmt worden, die durchweg nur einige Zeilen Text enthielten. E» waren Wahlparolen, von denen wir einige wiedergeben:„Last Dich nicht mehr aus Worte ein. Hitler schwindelt... Stimmt mit Nein."—„Bleibt Hitler wirklich President, dann hat der Frieden bald ein End'. Darum am 11). August„Nein"."—„Dast Ihrs doch alle wüßtet, ER rüstet, rüstet, rüstet, darum stimmt mit Nein." —„Stimmt mit Nein! Bedenke, Mutter, Dein Sohn wird sonst Kanonenfutter."—„Nach außen: frommes Friedens- wort, nach innen: Reichstagsbrand und Mord. Darum am 10. August alle„Nein"."—„Wer sein Kind lieb hat, stimmt mit Nein."—„Deutscher, willst Du verhungern? Stimm ür Hitler— sonst am 10.: Nein." Staatsgefährliche Telefonbücher Berlin, 22. Aug.(Iiiprcfi: In den letzten Tagen vor oer Wahl hat die Geheime Staatspolizei alle Teletonbüchcr der öffentlichen Fcrnsprechstellen beschlagnahmt. Sie enthielten sämtlich die folgende Losung:„Keine Stimme für de» Volks- Verräter! Wählt Tbälmann!" Aus den Affiche» der Nazis las man:„Befreit Thälmann!" HodisQlson der Gerichte Die luslizbcsfle des„drillen Rcidics" rasl Hb Es ist unmöglich, alle die politischen Prozesse, an die sich die deutsche Bevölkeruna wie an so vieles andere ge- wöhnt hat, auch nur annähernd zu registriere». Das muß einer späteren Zeit überlassen bleiben. Trotzdem aber ivol- len wir, um die Erinnerung a» die wahre» Zustände in Deutschland nicht einschlafen zu lassen, w eher einmal einen kleine» Ausschnitt aus dem Wirke» der Justiz in den letzten Taaen geben. Dieser Ausschnitt zeigt uns dast die Justiz- bcstie in unverminderter Grausamkeit rast, dast aber gleich- zeitig der Kampf gegen die braune Unterdrückung in un- verminderter Stärke weitergeht. S ch n e i d e m ü h l. Ein Arbeiter, den man zwang, den deutschen Gruß zu gebrauche», saate dazu nicht„Heil Hit- ler". sondern„Hell Deutschland"! Er ivnrde wegen Bc- leidigling des Führers zu 2 Iahren Gefängnis verurteilt. Schnei de Mühl. Ei» Arbeiter, der sich kritisch über die hohen Einnahmen des Reichspropagandaministcrs Goeb- bels äußerte, erhielt eine Gefängnisstrase von ö Monaten. Ein anderer Arbeiter, der gejagt hatte, dast die austenpoli- tilche Situation Teutschlands nicht günstig sei, wurde zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. H a r b u r g W i l h e l m s b u r g. Hier wurde wieder ein- mal eine große Aktion gegen illegale antiiaschisttsche Gruppen durchgeführt. Tic«S. verhaftete in Gemeinschaft mit der Gestapo 48 Harburgcr und einige auswärtige Anti- sasch'sten. Die Hamburger Polizei setzte im Zuge der glei- che» Aktion 10 Personen fest. Lille Verhafteten haben eine Aiiklage wegen Hochverrat zu erwarten. Kiel, Der Werber Ludwig Reist aus Aachen wurde von dem Schleswig-Holstcinilchcn Soiidergericht wegen Tragens des Parteiabzeichens der NSDAP, zu vier Monaten Ge- sängnis verurteilt. Der Arbeiter Friedrich Willing aus Rendsburg machte kritische Bemerkungen über die Führerschaft der SA. Er wurde vom Sondergericht zu vier Monaten Gefängnis ver- urteilt. Das Soiidergericht verurteilte den Händler Wasscrstrum z» vier Monaten Gefängnis, weil er behauptet hatte, Dr Goebbels fei in Warschau» cht sreiindlich empfangen worden. Broitzem. Der Arbeiter Gustav Alter wurde vom Schnellrichlcr zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, weil er sich nicht die Rundfunkrede des„Führers" anhören wollte. Celle. Hier wurden die kommunistischen Arbeiter Lvbke und Reinhard zu je fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Tie Anch Scheppmann? Ein Toter des 30. Juni? Man schreibt uns aus Westfalen: Gruppenführer und Polizeipräsident in Dortmund war der trübere Pvlksichullchrer Scheppman». Er ist kurz vor dem 30. Juni angeblich wegen umfangreichcr Unter- schlagungcn nach Dresden versetzt worden. Wie festgestellt werden konnte, ist Scheppmann in Dresden überhaupt nicht angekommen. Auch die Dresdener Zeitungen haben keine Zeile über den Amtsantritt des neue» Chefs der Dresdener Polizei gebracht. Hohe Offiziere der Dortmunder Polizei äußerten sich, daß sie nicht wußten, wo ihr Chef geblieben ivärc. Die Dortmunder Redaktionen erhielten eine kurze Mitteilung, daß über den früheren Polizeipräsidenten Scheppmann nicht» berichtet werden dürste. ES ist so viel wie sicher, daß Tch. ein Opfer des Massakers vom 30. Juni ist. Fünf Millionen Anstecknadeln Wie aus Plauen gemeldet wird, wurde die vogtländische Spltzeniudustrle mit der Anfertigung von fünf Millionen Spitzen» An st«cknadeln für das kommende Winterhilsswerk beauftragt. Anklage warf ihnen Waffenbesitz, illegale Propaganda und Errichtung eines Schwarzsenders vor. Hannover, Ter Arbeiter F. Kiene ivnrde ivcgen eines im Jahre 1030 erfolgten Zusammenstoßes zwsichcn Ver- sammlungSletlnehmer» und Polizeibcamte», bei dem ein Polizeibean.ter ums Leben kam. zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. A l t v n a. Hier wurden eine große Anzahl Personen wegen Wetterführung des Frcideukerpxrbandes unter Anklage gestellt. Plnneberg. In den nächsten Tagen haben sich 15 hie- sige Einwvhncr wegen illegaler Arbeit vvr dem Landgericht zu verantworten. Glückst« dt. Am 18. September findet hier ein großer politischer Prozeß gegen 22 Angeklagte wegen illegaler Be- tätigung statt. Heide Hier wurde die Ehefrau eines Mieters, der we- gen rückständiger Mieten ermtticrt werden sollte, in Schutz- hast gebracht, weil sie sich über die Exmittierung aufregte. Burg. lDithm.j Hier wurden Haussuchungen nach Schweizer Zeitungen durchgeführt. Dabei stieß die Polizei ans Zigarettenbildcr, die mit anlisaschistiicher Propaganda bedruckt wäre». Ein junges Mädchen wurde verhaftet und erwartet eine Anklage wegen Hochverrat. Marne. Ter schwedische Staatsangehörige. Arbeiter Karl Iakobien. wurde wegen Beleidigung Hitlers zu vier Mo- natcn Gefängnis verurteilt. Glück st a d t. Das frühere Mitglied der NSDAP. August Hermkens, der der NSDAP, wegen ihrer anrüchigen Füh- rerjchaft noch rechtzeitig de» Rücke» gekehrt hatte, wurde vom Altonaer Soiidergericht zu sechs Monaten Gefängnis ver- urteilt, weil er sich über die hohen Bezüge des Postenjäger- mcisters Göring aufgeregt hatte. Flensburg. Der Arbeiter Fr. Lange und der Arbeiter Max Müller wurden wegen Forttührung einer verbotenen Organisation zn je 2 Monate» Gefängnis verurteilt. Osterode, Hier werden in de» nächsten Tage» neun, Ar- bester wegen illegaler Arbeit vor Gericht stehen. Wie aciagt. es handelt sich bei den vorliegenden Fällen »ur um Meldungen aus den allerletzten Tagen. Die Liste könnte ins Endlose v-rlängert«verde». Seit dem 30. Juni bat sich eine neue Welle von Polizei- und Iustizmast»admen über das deutsche Volk ergossen. „RecMens" Morde des 30. Juni Der Sohn des Münchcn-Gladbacher Möbelhandlers E a»n p h a u s e n war SA. Führer. Es wird jetzt bekannt, dast er ein Opfer des 30. Juni geworden ist. Ter P o l i z e i k o m m i s s a r Hinzen aus Odenkirchen bei Rheydt ist mst vier Schüssen im Kopf tot im Keller des Polizeipräsidiums Gladbach aufgefunden worden.' Hinzen soll sich angeblich selbst erschossen haben, weil er abfällige Bemerkungen gemacht habe» soll über das Massaker am 30. Juni. Eine gut informierte Quelle berichtet jedoch, daß Hinzen erschossen worden ist. Wo bleibt die Totenliste, Oberster Gerichtsherr Hitler? Almosen statt Lohn Die in der deutschen Arbeitsschlacht beschäftigten 400 000 NotstandSnrbeiter erhalten so jämmerliche Löhne, dast sich selbst Nationalsozialisten darüber empören..Im Kreis Dramburg in Pommern hat die Deutsche Arbeitsfront Gel- der gesammelt, um den dort beschäftigten Notstaudoarbci- teru pro Woche 2 RM.»ujahlen»u können. Pariser Berichte Acht Leben um ein Auto Ein furchtbares Unglück, dem acht Menschen iura Opfer gefallen sind, hat sich am Sonntag in den späten Nachmittagstunden bei Pont d'Ardeehe, in der Nähe des Bahnhofs Pont-Saint-Esprit, ereignet. Der Schrankenwärter hörte zwar das Glockensignal, das die Ankunft eines Güterzuges ankündigte, aber aus unbegreiflichem Leichtsinn oder Nachlässigkeit schloß er nicht die Schranken In dem Augenblick nun, in dem der Güterzug mit einer Geschwindigkeit von 83 Kilometer in der Stunde heranbrauste, wollten ein mit sechs Personen besetztes Automobil und ein Motorradfahrer mit Begleiterin den Bahnübergang(dessen Schranken ja offen standen) passieren. Und nun geschah das Entsetzliche: Automobil und Motorrad wurden von der Lokomotive in mehrere Teile buchstäblich zerschnitten, der Motor wurde durch die Gewalt des Zusammenpralls etwa 40 Meter, die Karosserie etwa zweiundsiebzig Meter weit geschleudert. Die sechs Insassen des Automobils und der Motorradfahrer mit seiner Begleiterin fanden einen sofortigen Tod. Ihre Leichen wurden schrecklich verstümmelt und teilweise durch die Explosion des Motors verbrannt, auf den Schienen aufgefunden. Man identifizierte den Motorradfahrer als Herrn Louis Charteil und seine Frau aus Bollene. Von den sechs Insassen des Automobils konnten drei Personen festgestellt werden. Es sind dies der 26jährige Paul Lafont, der am Volant saß, Fräulein Emma Danez, gleichfalls anfangs der zwanziger Jahre, und eine Frau Emma Goyter. Alle drei Personen stammen aus Saint-Lager-Bressae. Die Persönlichkeiten der drei anderen Toten, die verbrannt sind, und zwar zwei Männer und eine Frau, konnten noch nicht festgestellt werden. Leon Bernard Der berühmte Lungenspezialist Professor Leon Bernard ist plötzlich an Gehirnblutung als Folge einer Zahnerkrankung in einer Klinik in Clermont-Ferrand gestorben. Er gehörte dem Gesundheitskomitee des Völkerbundes an, war Vorsitzender des Obersten Rates der öffentlichen Gesundheitspflege und Mitglied der medizinischen Fakultät der Pariser Universität. Sein Leben diente der Bekämpfung der Tuberkulose und er wurde der besondere Vorkämpfer für den Pneumothorax und die Behandlung mit Goldsalzen. Tragödie der Mutter Ein herzzerreißendes Drama spielte sich Sonntag in der Rue Martel Nummer 14 in Paris ab. Dort wohnte die Stenotypistin Yvonne Follet, die die Mutter eines reizenden fünfzehnjährigen Mädchens Simone Aji war. Der Vater des Kindes, ein gutsituierter Mann, zahlte pünktlich für das Kind Alimente und wollte am Montag sich mit der Mutter und der Tochter treffen. Man wollte zusammen frühstücken und im Anschluß daran wollte der Vater seine Tochter mit sich nach Nizza nehmen. Diese Trennung von der heißgeliebten Tochter glaubte Yvonne Follet nicht überstehen zu können. Sie tötete daher Sonntag vormittag Simone, die nichtsahnend war, durch einen Revolverschuß und versuchte sich dann selbst das Leben zu nehmen. Sie wurde in schwerverletztem Zustande in das Krankenhaus Lariboisiere in Paris gebracht. An ihrem Aufkommen wird gezweifelt. Wo steckt Hallencourt? Das Rätselraten um den Traber Hallencourt, der, wie wir berichteten, in Enghien so überraschend gewann, geht weiter. Inzwischen hat die Polizei festgestellt, daß der 56jährige Grieche Georges Debidondi ein Pferd, das er Anneuil nannte, von Paris nach Antibes zurückgebracht hat. Ob aber Anneuil mit Hallencourt identisch ist, konnte noch nicht festgestellt werden. Denn ehe die Polizei zugreifen konnte, hat der Grieche Anneuil an eine, wie er angibt, unbekannte Persönlichkeit auf Veranlassung seines Chefs weitergegeben Bisher hat man keine Spur von Anneuil entdeckt. Hingegen hat man den Griechen vernommen und dieser hat eine lange, etwas verworrene Geschichte erzählt, wonach er von seinem Chef, Herrn Ramella(der, wie wir gleichfalls schon berichteten, in die Rennsrhicbung in Marsaille, die auch noch nicht aufgeklärt ist, verwickelt war), mit zwei Pferden nach Maison- Lafitte gesandt worden sei. Das eine dieser Pferde sei dort von einem Jockey zu unbekannten Zwecken übernommen worden; das andere, eben Anneuil, sollte in Enghien laufen. Nun aber ist> ch ein weiteres Pferd auf einer Farm iu der Nähe von Nizza entdeckt worden. Marisu Brosso, eine in Rennkreisen sehr bekannte Persönlichkeit, hatte das Pferd in der Farm untergestellt. Dieses Pferd nun wurde von der Kriminalpolizei regulär verhaftet und sozusagen im Triumph nach Antibes geführt. Der ehemalige Besitzer von Ecureuil IV wurde geholt, konnte aber in dem„Polizeigefangenen'' nicht mit absoluter Bestimmtheit seinen alten Gaul erkennen. Der Kopf, so meint er, scheine zwar mit dem seines Ecureuil IV GOTTESDIENST AN DEN HOHEN JUEDISCHEN FEIERTAGEN veranstaltet von der Association des Emigr^s Israel d'AUemagne en France. RMJSCH HASCHO.NOH: Sonntag, den 9, September, abends, 10. und 11. September JAUM KIPPURt Monta.g den 18. September, abends und Dienstag, den 19. September. Wagram-Saal ,PliQkinM0iti. u 59, Avenue de Wagrani(Mitro: Etoile und Temes) Deutscher Ritus mit Orgel, unter Mitwirkung von Mitgliedern des Oratorienchors Dirigent Kapellmeister Laad*. Deutsche Predigt an allen Festtagen Einlasskarten von 10 bis 50 Frs.(zuzügl: ch Steuer) sind zu haben wochentags, vormittags von 11-12 Uhr, nachmittags von 5—6 Uhr, Sonntag vormittag von 11— 12 Uhr bei Martin Dosmar, 78, rue Biomet, Paris 15e., Dr. Theodor Tichauer. 3. rue Georges«Courteline, Clichy sur Ncine. INSERIEREN SRI NfiT CEWINN Ql3JJ i Sic3^®ll^SÄj[Saariändei2 sucht Stellung im In- oder Ausland, vertraut in allen vorkommenden Arbeiten sow e im Maßnehmen, Anprobieren und im Verkauf von ärztlichen Instrumenten bewandert. Zuschritten unter W. an die Expedition der ,, Deutschen Freiheit" ei beten. Wliance Francaise 101, Bid. haspall, PARIS(Vl'l Schule für praktisches Studium der französischen Sprache bietet fllr September and Oktober ein Vorbereitungskursus lür die Universifät sowie spezlate kaufmännische Sprechstunden bestehend aas: 15 Standen wöchentlich praktischer Stadien der französischen Sprache; 30 Vorträge monatlich; 10 Fahrungen monatlich darch Parts and Umgebung. Preis. 180 Fr. monatlich. 273 Fr. für 2Monate. Werbt lir die„Deutsche Freiheit" identisch zu sein, aber das Sehnenspiel scheine doch nicht das gleiche. Der Grieche, der auch mit dem Pferd konfrontiert wurde, behauptete, das sei wohl nicht das Pferd, das er nach Maison-Lafitte gebracht habe. Am besten bei der Geschichte schneidet vorerst jener Hallencourt ab, der im Stall des Pferdeschlächters Broucher steht. Denn dieser kann sich vorläufig nicht entschließen, das„schöne Tier", wie er sagt, zu schlachten, das sei zu schade dafür, meint er. Und so steht, schwarzglänzend wie Kohle, Hallencourt(?) friedlich in seiner Box beim Roßschlächter, läßt sich das Futter schmecken und wartet mit philosophischer Ruhe die weiteren Ereignisse ab. Herr Mary, der für die Rennen von Enghien als Besitzer von Hallencourt gemeldet war, ist auf dem Fußballplatz des Red-Star-Klub de Paris gefunden worden. Er ist sehr bekannt in Sportkreisen. Er besitzt eine Zulassungskarte Nummer 591, die ihn berechtigt, Halbblut bei Rennen laufen zu lassen und gibt an, Hallencourt von einem gewissen Herrn Arthur in Nizza gekauft zu haben. Er meint, Hallencourt habe von Anfang an einen guten Eindruck auf ihn gemacht und wenn er auch überrascht gewesen sei, daß Hallencourt so leicht gewonnen habe, so sei das eben eine der vielen Ueberraschungen, die der Rennsport mit»ich bringe. Weiter wisse er nichts und er habe ein gutes Gewissen. Das alle» aber trägt nicht dazu bei, da» Rätsel HaUencourt zu lösen. Pulvergeracti Zunehmende kriegerische Lage im Fernen Osten Schanghai, 20. August.(KSU.l Berichte aus Mandschukuo zeugen von einem dauernden Zunehmen von Gewalttätig- feiten, Meutereien sowie von einer allgemein ivachsenden Kriegssiluation. Vor zwei Tagen desertierten aus einer in Silenheh stationierten mandschurischen Garnison an der öst- lichen Seite der Ostchinesischen Eisenbahn 80 schwer be- wassnete mandschurische Reiter und flohen in die Berge. Tie „China Times" berichtet, daß 300 mandschurische Soldaten in Tolonor(Inner-Mongolien) sich weigerten, die Komman- dos der Japaner auszuführen unö desertierten. Japanische und chinesische Zeitungen veröffentlichen zahlreiche Tat- fachen über die Verstärkung der anti-japanischen Partisanen- bewegung in Mandschurien. Tie Zeitungen stellen fest, daß am 8. August aufrührerische mandschurische Kräfte wiederum d^e Stadt Sinkjan im Tal des Sungariflusses umzingelt haben. Nach der„Charbin Preß" gab es in diesem Bezirk im Juni mehr als 10 000„Banditen". Mit der Absicht, ihre mili- tärischen Positionen nach dem Beispiel der deutschen Nazis zu verstärken, reinigten die Japaner die mandschurischen Truppen von unzuverlässigen Elementen. Gleichzeitig ge- hören Angriffe auf die Ostchinabahn zu den täglichen Vor- kommnissen. Der jüngste Bericht meldet die Verhaftung von 20 bis 30 Sowjetbürgern, die bei der Ostchinesischen Eisen- bahn angestellt sind und die vor den Gerichtshof in Charbin gebracht werden sollen, da sie eines„Riesen-Sowjet- komplotts" angeklagt sind. Alle Einzelheiten über das Terrorregime gegen die Sowjetbürger der Ostchinesischen Eisenbahn wurden in den kürzlich in Moskau veröffentlichten Berichten aufgezeigt. Es ist offensichtlich, daß mit der neuen und beispiellos großen Zahl von anti-sowjet Gewalttätigkeiten an der Ost- chinesischen Eisenbahn und der mandschurischen Grenze, wenn man gleichzeitig das Anwachsen der aufrührerischen Kräfte gegen die japanische Oberherrschaft in Mandschurien berück- sichtigt, eine Lage geschaffen wird, in der der Ausbruch der oft verkündeten und seit langem erwarteten Angriffe der Japaner gegen die Sowjet-Union akut wird. mm Die interessanteste Schrift des Tages: ZKitCec tastr Von KLAUS BREDOW Fragen Sie in den Kiosken und Buchhandlungen nach. Falls die Broschüre am Ort nicht zu haben ist, liefert die Buchhandlung der„Volksstimme", Saarbrücken, Bahnho»-straße 32 gegen Voreinsendung von 3,90 französischen Franken auf das Postscheckkonto Saarbrücken Nr. 619 Verlag der„Volksstimme", Saarbrücken - BBIEFKASTEH „Südwest". Sir danken Ihnen für die Uebersendnng der„Twa- kopmunder Zeitung". Ans dem Blatt entnehmen wir. daß der Administrator die„Hitler-Jugend" ausgelöst ha», weil sie eine die Ruhe und Ordnung in Südwest störende Bewegung ist. „Hansa Belgien". Tie werden inzwischen gesehen haben, daß der Aussatz erschienen ist. Freundliche Grüve! Früher Bon». Sie machen uns auf eine Notiz in der kölnischen Zeitung" aufmerksam, die mit Genugtuung eine Verordnung der saarländischen RegierungSkommisston begrüßt, von der sie erwartet, daß„wenigstens die unerhörten Verunglimpfungen de» Führer» des deutschen Volkes und Reiches, Adolf Hitler, unterbunden werden". Tas Blatt wünscht allerdings, daß die Verordnung„auch aus die verantwortlichen Minister eines Staates" ausgedehnt werde. Warum nicht auch noch aus ihre diversen Baldur» und Rosalindes? Demokrat Luzer». Ihnen hat ein Vergleich der deutschen Presse zwischen der„Wahl" Hitler» und der Roosevelts gut gesallen. Auf einen Tip des Goebbels hin weisen nämlich sämtliche deutschen Zeitungen nach, daß Roosevelt bei den Präsidentenwahlen von einem viel geringeren Prozentsatz Amerikanern zum Ttaatsober- Haupt erhoben worden sei, als Hitler von den Deutschen am 19. August. Tie meinen, diese Redakteure vergäßen den kleinen Unter- schied, daß in Nordamerika der Sohl ein monalelanger Sohlkampf mit der Ausstellung mehrerer Kandidaten und ungehemmter Sohl- Propaganda sür jeden der verschiedenen Kandidaten vorausgehe? Das sind so schikanöse Unterschiede, die Ausländer, wie Sie, sich ausdenken, und die nur Ihrem Uebelwollen und Ihrer Vor- eingenommenheit gegen da»„dritte Reich" entspringen. Lesen Sie mal anderthalb Jahre lang nur gleichgeschaltete Zeitungen, und es wird Ihnen überhaupt nichts mehr ein- und nichts mehr auffallen. „Alias Köln." Du hast zuverlässig erfahren, daß von einigen Be- amten des Sahlamtes an absolut sichere Nazis 5 und 6 Stimmscheine ausgegeben worden find. Tie Zahl der Stimmscheine war aller- ding? unverhältnismäßig hoch. Na, Euer Verg von Neinstimmen war so trotzdeiv so hoch, daß die Nazis ihn nicht wegräumen konnten. Emigrierter Pfälzer. Tie schicken uns die„Pirmasens« Zeitung" v3m 7. August mit folgendem Bericht über die Nachtfahrt von Dannenberg:„Als wir auf der Straße nach Osterode durch den Wald fahren, fallen plötzlich silberne Funken vom Himmel, 8, ff, 10 Sternschnuppen sagen durch die blausamlene Nacht, jagen über die Straße und verschwinden im Norden... Sieder eines jener mystischen Zeichen, von denen die wundergläubige Volksseele so viel spricht. Zuerst war es der Engel in der Frenstadter Kirche, der beim Gottesdienst plötzlich durch einen Luftzug sich umdrehte und sein Gesicht der Gemeinde zuwandte, als diese im stillen Gebet für den toten Reichspräsidenten verharrte. Dann war es plötzlich im Solde das Wild, da» fast unmittelbar an die Straße herantrat, als der Trauerzug sich näherte, und dort still stehen blieb, bis der Motorlärm es in den Said zurückscheuchte. An anderer Stelle wiederum, an einer Koppel, kamen die Pferde, edle Tiere, an die Straße heran und streckten ihre Köpfe über das Gatter, als die Lafette mit dem Sarg vorübersuhr. E» war, al» wenn sie den Ernst und die Größe der Stunde fühlten, so neigten die Tier« ihre Köpfe herunter."— Besonder» in seinem letzten Teil scheint uns dieser Artikel eine etwa» zweifelhafte Ehrung de» toten Reichspräsidenten »u sein. „Kölsche Mädcher..Ihr schreibt uns:„In den Dentzer Gas- Motorenwerken, wo 8000 Arbeiter und Angestellte beschäftigt sind, wurden morgen»»ahlreiche Flugblätter an den Arbeitsplätzen aui- gesunden. Da» zweiseitig gedruckte Flugblatt beschäftigte sich mit der katastrophalen Sirtschastslage im„dritten Reich" und mit der politischen Situation." Ihr agitiert also. Tas ist recht. R. B., Neuyvrk. Sie teilen uns mit:„Samuel Untermper, der Führer der antideutschen Boykottbewegung, hat an alle jüdischen Sportler einen Appell gerichtet. In dem er sie auffordert, sich nicht al» Mitglieder der amerikanischen Nationalmannschaft an den kommenden olvmpischen Spielen, die 19.1fi in Berlin stattfinden sollen, zu beteiligen. Tie jüdischen Sportsleute wären, wenn si* nach Berlin gingen, gezwungen, die Gastfreundschaft der Nazis anzunehmen, und das sei für einen Juden eine Unmöglichkeit." Irgendwo." Dir Ist folgender Bericht eine» Beamten der Gestapo In die Hände gekommen, den wir vorsichtshalber ohne sede nähere Angabe veröffentlichen:„Die illegale Arbeit scheint nach vorsichtiger Beurteilung von Kennern in den letzten Wochen nennenswerten Umfang angenommen zu haben. ES wirb berichtet, daß eine starke Aktivität insbesondere in ehemaligen... kreisen getrieben wird. Die illegale Arbeit beschränkt sich aus kleine Kreis«, die ein unabhängiges Leben voneinander führen. Mit Sicherheit ist festzustellen, daß eine illegale hektograsierte Zeitung im Umfang von 5 bis 0 Seiten erscheint. Tie Auslage soll angeblich UOO Stück umfassen. Pro Stück wird zum Preise von 5 Psg. verkauft."— Na also: Sucherpreise nehmen die Marxisten nicht. Franca» Roage. Ihr Brief hat uns große Freude gemacht. Sir werden ihn wörtlich abdrucken— an einer Stelle, die Ihnen gefallen wird. Segen des Notenmaterials wenden Tie sich an Karl Kühner, Saarbrücken, Königin-Lulfen-Straße»0. Hat». Tie machen uns auf folgende Notiz In der deutschen Presi« aufmerksam:„Ministerpräsident Hermann Görin g ist am Don» ncrstag in Berchtesgaden eingetroffen, wo er in feinem setzt fertiggestellten Landhaus am Obersalzberg mehrere Wochen verbringen und sich dem alpinen und Jagdsport widmen wird."— Aus dem alpinen Jagdsport wird wegen de» geheimni»- vollen Autounfalles zunächst nichts werden. Jntercsiant ist. wie Göring die berühmten spartanischen zehn Punkte seines geliebten Führers gegen den Luxus auslegt: ein Ministerpalais in Berlin, eine mit orientalischer Pracht ausgestattete Privatwohnung, ein Jagdschlößchcn in der Schorsheide und-nun noch ein« Villa in den oberbayrischen Bergen. Senn sich das je ein Marxist geleistet hätte! Für den Gesamtlnhal» verantwortlich: Johann P I tz I» Dittweiler: fllr Inserate: Otto Kuhn In Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstlmme GmbH, Saarbrücke»* £4ftJL(»M«fcC S.— SMi?5lach ZZÖ Saarbrikk»