Freiheit Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr. 1992. Jahrgang Saarbrücken, Mittwoch, 29. August 1934 Chefredakteur: M. Braun Sulzbach und Ehrenbreitstein Seite 3 Horst Wessel- Milieu Seite 4 Goebbels in St. Moritz Seite 4 Brief aus New York Seite 7 Wien ,, vermißt Papen Zur diplomatischen Krankheit des deutschen Gesandten und bevollmächtigten Ministers Wien, 28. Auguft.( Eig. Ber.) Mit verständnisvollem Lächeln hat man hier von der Unpäßlichkeit des deutschen Gesandten und Vizekanzlers a. D. von Papen Kenntnis genom= men. Er war bekanntlich verhindert, den Treueschwur von Ehrenbreitstein mitzumachen. Man glaubt, daß es sich um eine diplomatische Krankheit handelt, da Herr von Papen bei seinem kurzen Antrittsbesuch in Wien einen durchaus frischen Eindruck machte und die körperlichen und seelischen Folgen der Attacke, die am 30. Juni von den Nationalsozia: listen gegen ihn verübt worden ist, überwunden zu haben schien. Man wundert sich nicht, daß Serr von Papen einstweilen feine Sehnsucht verspürt, nach Wien zurückzukehren, sondern vielmehr den Urlaub auf seinem Schlosse Wallerfongen überraschend lange ausdehnt. Er fühlt sich wohl im Saar: gebiet recht sicher und wünscht, daß eine gewisse Entspannung in Oesterreich eintritt, noch ehe er nach Wien zurückkehrt. Hier ist er nämlich nicht gerade freundlich, noch nicht einmal höflich aufgenommen worden. Außer der unvermeidlichen Begegnung mit dem Bundespräsidenten Miklas und dem Austausch der offiziellen Begrüßungsrede sind dem Herrn von gierungsrat von Boſe waren inzwischen schon ermordet. Hätten sie noch gelebt, als Reichskanzler Hitler Herrn von Papen flehentlich beschmor, nach Wien zu gehen, würde Papen wahrscheinlich ihre Befreiung erreicht haben. Daß er felbft dem Blutbad des 30. Juni nur entgangen ist, weil er unter dem Schutze Hindenburgs und der Reichswehr stand, darf man als sicher annehmen. Der Tätigkeit Papens in Wien sieht man nicht ohne Sorgen entgegen. Man erinnert daran, daß er eigentlich stets eine unglückliche Hand gehabt hat und das Gegenteil von dem erreichte, was er beabsichtigte. So war es schon in der Kriegszeit, wo seine diplomatischen Aufgaben recht standalöse Folgen hatten. So entwickelte sich seine Kanzlerschaft und nachher sein plögliches Bündnis mit Hitler zu einer Niederlage aller konservativen Elemente in Deutschland. Sein be= rühmter rednerischer Vorstoß in Marburg kostete seinen nächsten Mitarbeitern das Leben und entmachtete die Konservativen vollständig. Das Vertrauen zu einem so unglücklichen Politiker ist in allen politischen Kreisen Wiens gering. Papen noch keinerlei politische oder gesellschaftliche Au Dr. Edgar Jung knüpfungen in Wien gelungen. Die deutsche Gesandtschaft war und ist seit dem 25. Juli isoliert, und die österreichische Bundesregierung läßt sie durchaus fühlen, daß die Be reinigung der Differenzen mit Hitler- Deutschland noch auf fich warten läßt. Man rechnet damit, daß Herr von Papen nicht vor Mitte oder Ende September nach Wien zurück: fehren wird. Es ist sicher, daß Herr von Papen die undankbare Mission in Wien nur widerwillig angenommen hat. Er wollte ur= sprünglich nach der Ermordung seines Freundes Jung mit der Regierung des blutigen„ dritten Reiches" nichts mehr zu tun haben. Erst als ihm der Reichskanzler in großer Er= regung die furchtbaren außenpolitischen Folgen vorstellte, wenn der Konflikt mit Desterreich sich zuspite, hat Herr von Papen sich unwillig bereiterklärt. Eine der Bedingungen Papens war, daß ihn sein Sekretär, Baron von Tschirschfy, in die deutsche Gesandtschaft nach Wien begleiten dürfe. Tichierschky war am 30. Juni ver: haftet und nach der Festung Torgan gebracht worden. Er wurde nach Sträflingsart fahl geschoren und nach vierzehn Tagen entlassen. Jung und der erste Sekretär Papens, Res Jetzt erst erfährt seine Familie. München, 28. Aug. Der Verfasser der Marburger PapenRede, Dr. Edgar Jung, gehörte mit zu den Opfern des 30. Juni. Freilich fonnte man bisher nicht erfahren, unter welchen Umständen Jung ermordet wurde. Jetzt hört man, daß er schon acht Tage vor dem 30. Juni im Gefängnis der Gestapo in der Berliner Prinz- Albrecht- Straße saß. Am Mittag des 30. Juni holten ihn zwei SS.- Leute zum Transport nach dem Columbiagefängnis in Berlin- Tempelhof ab. Sie ließen Edgar Jung vorausschreiten und schoffen ihn dann auf der Treppe hinterrücs mit ihren Pistolen nieder. Vom Augenblick der Verhaftung bis eine Woche nach dem Tode, als nämlich dem Rechtsbeistand in einem Kästchen die Asche Jungs ausgehändigt wurde, war die Familie des Ermordeten über das Schicksal des Gatten und Vaters völlig im Ungewissen; übrigens auch Herr von Papen, trotz aller Bemühungen des Vizekanzlers, der wenigstens erfahren wollte, was sie mit seinem ersten Mitarbeiter und langjährigen Freund angestellt hatten. Man glaubt dem„ Führer" nicht Die kleinste Tat wäre mehr wert als seine großen Worte Paris, den 28. August. Der Leitartikler des Intransigeant" Gallus be= schäftigt sich mit der Hitlerrede. Hitler habe erklärt, so sagt er, nur die Saarfrage stehe einer Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich im Wege. Und Gallus antwortet darauf: „ Tatsächlich steht nichts einer Verständigung der beiden Völker im Wege, nichts außer dem schlechten Willen des Kanzlers. Haben wir Deutschland durch wahnsinnige Worte herausgefordert, haben wir fortgesetzt Zwischenfälle hervorgerufen, haben wir den Völkerbund verlassen, wo man sich friedlich über die gemeinsamen Interessen Europas unterhielt? Haben wir unsere Militärausgaben verdoppelt? Hat Doumergue ein Buch geschrieben, das sich„ Mein Kampf" nennt und voll ist von den deutlichsten und unverblümtesten Drohungen? Dieses Buch soll veraltet sein, so! Aber man veranstaltet dauernd Neuausgaben, ohne etwas darin zu ändern, und man verkündet allenthalben, daß es die Bibel des deutichen Volfes sein soll. Es ist übrigens so deutlich, daß der Kanzler nicht wagt, uns mit seinem Inhalt bekannt zu machen und seine franzö= fische Uebersehung verboten hat. Wenn der Kanzler will, daß wir an seine friedlichen Gefühle glauben, dann müßte er deutlich erklären, daß er seine alten Grundsäße ablehnt, die auf unsere Vernichtung gerichtet waren. Wenn er sagt, die Saarfrage trenne uns, dann spricht er nicht die Wahrheit. Das Saarproblem ist kein französisches Problem. Wir fordern nicht die Saar. Sie wird von einer internationalen Kommission regiert. Sie wird am nächsten 13. Januar erklären, ob sie diese Kommission der deutschen Reichskanzlei vorzieht. Und das ist alles. Wieso haben wir mit dieser Sache zu tun? Wenn Hitler die französisch- deutsche Annäherung wünscht, wird diese Annäherung eine Tatsache sein. Aber wir haben fie 10 Jahre lang gesucht, und wir haben immer nur Wahnfinnige oder Ränkeschmiede vor uns gesehen. Die Worte sind ausgezeichnet, aber die kleinste Tat wäre mehr wert. „ Excelsior" hält die Rede Hitlers in Ehrenbreitstein für unehrlich, er wolle nur das Ausland beruhigen. „ Journal" meint, solche Reden sollten von Taten begleitet sein. Frankreich suche diese Taten vergebens. Eine der ersten Taten müsse die Rückkehr zum Völkerbund sein. Erst wenn man solche Taten sehe, könne man Hitlers Worten Glauben schenken, Frankreich habe Vertrauen zur Unparteilichkeit des Völkerbundes. Die Schuld des Kanzlers Kühle Feststellungen in England London, den 28. August. Die Berichte von Hitlers Rede hat man hier geradezu mit Neugier erwartet. Wenn man die Montagblätter darauf hin ansieht, wie sie die Rede werten, so muß man feststellen, daß der Eindruck in den englischen Kreisen wenig günstig ist. Man sagt allerdings, es hätte noch schlimmer tommen können Man hat sich daran gewöhnt, daß Hitler sich in seinen Reden oft gehen ließ, und ist schon froh, daß er sich diesmal gehütet hat, herausfordernde Worte zu ge= brauchen. ( Fortsetzung siehe nächste Seite.), 30 Jahre Kerker Rachejustiz gegen Illegale Das Deutsche Nachrichtenbüro meldet: dub. Berlin, 27. Aug. Der Anklage der Vorbereitung zum Hochverrat hatten sich am Montag vor dem zweiten Senat des Voltsgerichtshofs die Angeklagten zu verants worten, die die illegale marristische Zellenschrift„ Der rote Stoßtrupp" verbreitet hatten. Sie hatten ferner geheime Be ziehungen zu der nach Prag geflohenen SPD- Leitung unterhalten und von dort rund 1000 Mark zur Finanzierung ihrer hochverräterischen Umtriebe bekommen. Das Urteil gegen den Hauptangeklagten Rudolf Küsters meier wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Verbrechens gegen die Verordnung zur Abwehr heimtückischer Angriffe gegen die Regierung der nationalen Erhebung vom 21. März 1933 lautete antragsgemäß auf. zehn Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrverlust. Die weiteren Mitglieder des„ Roten Stabes", Karl Zinn und Willi Strinz, erhielten je fieben Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Ehrverlust, während der 32jährige Willi Schwarz mit drei Jahren Zuchthaus davon= fam. Die Strafen der übrigen drei Angeklagten bewegten fich zwischen eineinhalb und drei Jahren Gefängnis. Katastrophenprophet Schacht Leipzig gegen Ehrenbreitstein An dem gleichen Tag, an dem der„ Führer" und Reichs kanzler auf dem Ehrenbreitstein vor den Gratis- Rheins reisenden aus dem Saarland eine seiner zahlreichen, schwungvollen, aber wenig inhaltsreichen Reden hielt, sprach bei Eröffnung der Leipziger Messe ein anderer " Führer" eine weniger schwunghafte, aber um so inhaltsreichere und bedeutsamere Rede. Der Wirtschaftsdiktator und Reichsbankpräsident Schacht hat vor den Vertretern der deutschen Industrie und des Handels, sowie der inund ausländischen Presse einen Ueberblick über das Außenhandels- und Devisenproblem gegeben und gleichzeitig ein Programm für die nächste Zukunft aufgestellt. Die Rede des Reichsbankpräsidenten mußte auf die deutsche Wirtschaft einen geradezu niederschmetternden Eindruck machen. Was wir an dieser Stelle wiederholt behauptet haben, hat nunmehr Schacht selber bestätigen müssen: mit der Politik der Arbeitsbe schaffung, mit der Politik der verantwor tungslosen, künstlichen Belebung Binnenwirtschaft ist es zu Ende und an die Stelle der Politik der Arbeitsbeschaffung tritt die Politik der Devisenbeschaffung, der alle wirtschaftspolitischen Maßnahmen untergeordnet werden müssen. Auf diese Weise soll die offene Inflation, die den Zusammenbruch des Systems mit sich bringen würde, verhindert werden. der Es ist bereits mehrfach aufgefallen, daß die deutsche Einfuhr nicht zurückgegangen ist. Sie war sogar im ersten Halbjahr 1934.gegenüber der gleichen des Vorjahres um 10 Proz. höher, obwohl die Aufuhr systematisch zurückging und die Devisenlage immer bedenklicher wurde. Die Folgen find bekannt: statt des bisherigen Ausfuhrüberschusses ist ein Einfuhrüberschuß von etwa 225 Millionen Mark im ersten Halbjahr 1934 eingetreten. Bei der katastrophalen Lage der Reichsbank, deren Gold- und Devisenbestand auf die geradezu groteske Summe von nur rund 78 Millionen Mark gefallen ist, und bei der Aussichtslosigkeit, den Erport wesentlich zu erhöhen, stand Dr. Schacht schon seit einiger Zeit vor der Alternative: entweder den Jmport zu drosseln oder den Dingen freien Lauf zu geben und damit die Inflation heraufzubeschwören. Er versuchte das Primat der Devisenpolitik gegenüber den Belangen der warenerzeugenden Wirtschaft zu betonen. Er stieß aber hierbei auf den Widerstand mächtiger Industriegruppen, deren Interessen der bisherige Wirtschaftsminister Dr. Schmitt pertrat. Je mehr die Schwer- und die verarbeitende Industrie den Arbeitsbeschaffungsrummel mitmachten, desto größer war der Bedarf an Rohmaterial, desto mehr mußte also die Einfuhr forciert werden. Um die Beschäftigung der . Industrie im bisherigen Umfange zu sichern, mußte die Einfuhr zumindest auf der jetzigen Höhe verbleiben. Die Industrie war also an der steigenden Einfuhr interessiert. Dr. Schacht war dagegen im Interesse seiner Devisen politik bestrebt, die Einfuhr durch scharfe Devisenrepartie rung zu drosseln. Aber trotz all seiner Bemühungen war es ihm nicht möglich, die Einfuhr mit der Ausfuhr in Einklang zu bringen, da die Einfuhr infolge früher getätigter Bestellungen immer noch verhältnismäßig hoch verblieb. Dazu kam noch der Umstand, daß die deutschen Impor teuce ohne Rücksicht auf die ihnen eingeräumten Devisen kontingente Waren aus dem Auslande einführten. Das geschah vor allem auf dem Umwege über die Sonderkonten ausländischer Rotenbanken, die diese bei der Reichsbank führen. Wie Dr. Schacht in seiner Leipziger Rede feststellte, sind diese Sonderkonten in den legten Monaten in geradezu erschrechon= der Weise gestiegen, und zwar von 68 Mil lionen Mark im März auf 130 Millionen Mark im Juli. Ein solch künstliches Ansteigen der Sonderkonten hat bekanntlich u. a. die holländische Regierung zur Einführung des Zwangsclearings veranlaßt, mie überhaupt das Anschwellen der Sonderkonten eine schwere Belastung für die Devisenpolitik der Reichsbank be= deutet. Nachdem nun der bisherige Reichswirtschaftsminister Dr. Schmitt zum Rücktritt gezwungen wurde und damit Schacht zum eigentlichen Wirtschaftsdiktator des„ dritten Reichs" geworden ist, konnte er eine Finanzpolitik einschlagen, die zwar vielleicht die Mark retten, aber die deutsche Industrie ruinieren und das sogenannte Arbeitsbeschaffungspro gramm zunichte machen wird. " In seiner Leipziger Rede hat Dr. Schacht erklärt, daß zur Beseitigung des weiteren Anschwellens der Sonderkonten bei der Reichsbank in Zukunft nur dann der Jm porteur damit rechnen kann die zur Bezahlung notwendigen Devisen zu erhalten, wenn er im Besitz einer entsprechenden Devisenbescheinigung ist.„ Wir sind da= bei," sagte Schacht, die Methoden auszu arbeiten, um unsere Einfuhr in Uebereinstimmung mit unseren 3ahlungsmöglich keiten zu bringen. Ich warne daher alle leichtfertigen Importeure schon jetzt, sich über das Maß der möglichen Auslandszahlungen hinaus zu engagieren..." " Wir sind uns völlig klar darüber, sagte er weiter, daß das neue Verfahren zu einer empfindlichen Einschränkung unserer Einfuhr führen muß." Schacht will jetzt unter allen Umständen eine aktive Handelsbilanz herbeiführen. Da aber die Ausfuhr enorm gesunken ist, muß die Einfuhr jetztendlich in schärfster Weise, wie er selbst gesteht, eingeschränkt werden. Eine noch weitere Einschränkung der Einfuhr bedeutet eine noch stärkere Verknappung der Rohstoff- und Lebensmittelzufuhr nach Deutschland. Weiterer Rückgang der Rohstoffeinfuhr bedeutet aber, auf längere Sicht gesehen, Einschränkung der Produktion, die ja zum Teil jetzt schon, beispiels= weise in der Textilindustrie, seit einiger Zeit eingeengt ist. Die Einschränkung der Produktion wird aber den Zusammbruch der Arbeitsschlacht zur Folge haben, wird der künstlichen inneren Ronjunktur einen schweren Schlag. Die gleichgeschaltete ,, Rölnische Zeitung ,, must angesichts dieser Entwicklung folgendes gestehen:„ Es erscheint uns zwecklos, die jezige Politik mit irgend welchen verschönernden Worten über= tünchen oder verkleistern zu wollen, sie ist eine Politik der Not und der Abwehr." Dr. Schacht ist sich der verhängnisvollen Folgen seiner Politik durchaus bewußt; er vertröstet aber die Industrie damit, daß durch die Förderung der inländischen Rohstofferzeugung ein Ersatz für den Ausfall der Einfuhr geschaffen werden soll. Ganz abgesehen davon, daß eine ganze Anzahl von Rohstoffen, die aus dem Auslande eingeführt werden, durch das Inland überhaupt nicht ersetzt werden können, bedeutet beispielsweise die künstliche Förderung der Zinkproduktion, der Kupferproduktion( im Mansfelder Gebiet), der Eisenerzproduktion( im Lahn- und Dillgebiet) eine solche Verteue rung der Produktion, daß sowohl der Absatz im Inland als auch ganz besonders auf den Weltmärkten schwer bedroht wird. Und darüber hinaus wird die Verteuerung der Produktion bei gleichzeitigem Rückgang des Einkommens der breiten Massen eine völlig unerträgliche Situation schaffen, durch die die Unzufriedenheit im ,, dritten Reich" nur gesteigert wird. In Ehrenbreitstein sollten hochtrabende Worte, nach bisheriger Gewohnheit, die traurige Wirklichkeit verdecken. Aber diese Wirklichkeit ist bereits derart grau geworden, daß sie am gleichen Tage ihr entstelltes Gesicht in Leipzig zeigen mußte. Das dritte Reich" geht im kommenden Winter härtesten wirtschaftlichen Prüfungen entgegen, die seinen Bestand erschüttern und die politische Lage verschärfen werden. Dr. Schacht nimmt dem Hitler regime endgültig seinen bisherigen Zauber und bereitet damit den Weg zur künftigen Ratastrophe vor. * Unfreundliche Aufnahme Paris, 28. August. Die Rede des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht in Leipzig hatte am Montag wenig Beachtung gefunden, weil die Pariser Zeitungen sich bei der Betrachtung der deutschen Angelegenheiten vorwiegend mit den KundDie Schuld des Kanzlers Kühle Feststellungen in England Fortsetzung von Seite 1. ,, News Chronicle" meint, Hitler sei etwas zynisch gewesen, wenn er als einen der Grundsätze seiner Politik die Verteidigung der deutschen Freiheit hingestellt habe. Verteidigung im Innern des Reiches?, fragt diese Zeitung ironisch. Empört ist„ News Chronicle" darüber, daß Hitler sich als Schüßer der Religion hingestellt habe. Man soll sich doch erinnern, bemerkt das Blatt. wie die evangelische Kirche in Deutschland behandelt worden sei. Man müsse erschüttert sein über die Kühnheit, mit der sich Hitler in Ehrenbreitstein ausgesprochen habe. „ Daily Herald“ und„ Morningpost" stellen die Frage, ob es wirklich so sicher sei, wie die Naziführer es behaupten, daß die Saar sich für ihre Wiedervereinigung mit Deutschland aussprechen werde. Das Blatt der Arbeiterpartei weist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung der Kundgebung der Freiheitsfront in Sulzbach hin, wo mehr als 70 000 Sozialisten, Kommunisten und Katholifen gegen Hitler demonstriert hätten. Die Morning Post" erklärt, wenn das Ergebnis der Abstimmung am kommenden 13. Januar zweifelhaft set, dann rechter, als wenn man der Regierungsfom mission Parteilichkeit vorwerfen wolle. Die Kommission leiste unter schwierigen Umständen das denkbar Beste Es habe eher den Anschein, als ob Deutschland auf die Unterdrückung der gesamten antinationalsozialistischen Preise im Saargebiet dränge. Das sei natürlich ausgeschlossen, denn Präsident Knox habe nicht die Aufgabe erhalten, die Vereinigung des Saargebietes mit Deutschland vorzubereiten. Wenn die deutsche Agitation die Arbeit des Präsidenten Knor und seiner Kollegen unmöglich mache, dann würden diese zur Aufrechterhaltung der Ordnung fremde Truppen ins Land rufen müssen eine Lösung, die niemand wünschen fönne. Deutschland tue deshalb gut daran, seine Agitation mit mehr Sorgfalt zu führen, wenn es die Welt davon überzeugen wolle, daß am 13. Januar wirklich eine freie und unbeinflußte Abstimmung möglich sei. Drohungen, Spigelei oder wirtschaftlicher Druck können weder als wirksame, noch als zulässige Agi= tationsmittel angesehen werden. So kommentieren sie Sulzbach sei das Hitlers Schuld selbst, der dadurch, daß er Befehl zu Mehr dürite kaum zu sagen sein" den Junierschießungen gegeben und die Tötung zahlreicher katholischer Führer begünstigt oder toleriert habe, sich einen erheblichen Teil der Saarbevölkerung zu Gegnern gemacht habe. Schließlich meint die Morning Post", Hitler habe davon gesprochen, daß die Saarfrage das einzige Hindernis für eine deutsch- französische Aussöhnung und Zusammen= arbeit sei. Wenn dieses Hindernis vorhanden sei, dann sei das nicht die Schuld der französischen Regierung, sondern allein die Adolf Hitlers. „ Manchester Guardian" schreibt zur Hitlerrede: Wenn Sozialdemokraten oder Anhänger des Zentrums für Hitler stimmen, so wird ihnen verziehen, wobei die Frage gänzlich offen gelassen wurde, was mit diesen Menschen geschieht, wenn sie auch im dritten Reich" ihrer politischen Ueberzeugung treu bleiben wollen. Aber wer nicht für Hitler stimmt, ist sofort ein Verräter, ein Judas. Kann man das noch als Versprechen für eine freie Volksabstimmung bezeichnen oder ähnelt das nicht eher einem Einschüchterungsver ſuch? Das Blatt geht dann noch auf die Dokumente ein, die bei den durch die Regierungskommission vorgenommenen Haussuchungen vorgefunden worden sind. Nichts sei unge= ..900 Verräter hier am Ort" Ein bezeichnendes Dokument Gießen, den 27. August 1934. Das Arbeiterdorf Herdorf in dem Kreise Altenkirchen wird zur Hauptsache von Steinbruch- und Erzbergbauarbeitern bewohnt. Es galt immer schon als ein aufgeklärter und fortschrittlicher Ort, der eine aufgeweckte Industriearbeiterschaft zu seine Einwohnerschaft zählt. Am 19. August wurde auch hier für oder gegen Hitler abgestimmt mit einem auch hier für Hitler geradezu niederschmetternden Ergebnis. Darüber berichtet die„ Gießener Zeitung" vom 24. August wie folgt: Die Gemeinde der Nein- Sager Herdorf, 28. August. Der Landesdienst meldet: Bei Die Deutsche Front" in Saarbrücken schreibt über den Sulzbacher Freiheitstag: „ Die Separatisten prahlen mit einer Rundgebung" in Sulzbach und meinen damit einen Sonntag- Nachmittags Ausflug einiger Emigranten mit ihren lothringischen Freunden in ein Sulzbacher Wäldchen. Sie sind stolz auf die Rede eines„ katholischen Geistlichen" und meinen damit einen importierten Popen, den sie sich aus Merlenbach, ausgerechnet aus Merlenbach in Lothringen, verschrieben hatten. Mehr dürfte wohl kaum über diese„ Demonstra tion" der Bierseligkeit zu sagen sein." Die Herrschaften, die in verbissener Wut solche elenden Säße schreiben, werden ihr blaues Wunder an den„ einigen Emigranten und ihren lothringischen Freunden" am 13. Januar 1935 erleben. Der„ importierte Pope" ist ein amtierender iunger Geistlicher im Köllertal an der Saar, Saarländer von Geburt an und abstimmungsberechtigt. Man muß sich wundern, daß dieses edle Blatt nicht behauptet, der " Pope" habe die Teilnehmer mit dem Russenkreuz gesegnet. Gemaßregelt! Der Führer der Krankenkassen Berlin, 28. Aug. Vor einigen Tagen hat Dr. Ley, wie berichtet worden ist, drei Amtswalter der Deutschen Arbeitsfront ihrer Aemter in der NSBO. und der Deutschen Arbeitsfront enthoben, weil sie seinen Anordnungen nicht Folge geleistet hatten. Einer dieser drei gemaßregelten Amtswalter, Direktor Brucker, hat nun auch der Reichsarbeitsminister seinerseits den ihm erteilten Auftrag zur Führung des Reichsverbandes der Orts franfenfassen und sonstiger Kassen- Vereinigungen un -Gesellschaften mit sofortiger Wirfung entzogen. der Volksabstimmung am vergangenen Sonntag batte ser- Arier dürfen morden dorf( Kr. Altenkirchen) die außergewöhnlich hohe Zahl von 798 Nein- Sagern und 110 ungültigen Stimmen. Um nun jeden Fremden, der durch den Ort kam, auf dieses ungewöhnliche Wahlergebnis aufmerksam zu machen, wurde nachts ein großes Transparent über die Hauptstraße gespannt, auf dem folgendes zu lesen stand:„, 900 Verräter hier am Ort, Verrat ist schlimmer noch als Mord, drum Wanderer halte ein und nimm Dir mit so'n Schwein, 789 Lumpen und 110 Feiglinge find 908 Berräter". Für Hans Litten Ein Opfer der Braunen Der den Lesern der„ D. F." bekannte Brief Elisabeth Bibescos veranlaßt W. Arnold- Forster zu einer Zuschrift an die„ Times" mit folgenden Mitteilungen über Rechtsanwalt Litten, den bekannten Strafverteidiger, der durch schwerste Mißhandlungen gezwungen werden sollte, seine linksstehenden Klienten und damit das Berufsgeheimnis preiszugeben. Bitten war zuerst im Gefängnis Spandau, wurde dann nach Sonnenburg gebracht und entsetzlich mißhandelt, dann nach Spandau zurückgeschafft und von dort nach Brandenburg geschickt. Im Frühling hieß es, er befinde sich mit gebrochenem Bein im Krankenhaus. Kürzlich wurde berichtet, er sei in Oranienburg, geistig und körperlich zusammengebrochen. Seiner Mutter und andern Angehörigen und Freunden wird nicht erlaubt, ihn zu besuchen. Es handelt sich, sagt W. Arnold- Forster, in diesem Falle um einen besonderen Appell, gegründet nicht nur auf Gerechtig= -feit und Gnade, sondern auch auf Littens heroische Leiden in der Verteidigung eines Grundsaßes, der in Deutschland eine ehrwürdige Tradition des Anwaltsberufes war und es in England heute noch ist. Arnold- Forster regt an, es möchte ein Engländer, dessen Namen in juristischen Kreisen Gewicht hat, einen Gnadeappell für diesen gebrochenen Mann machen. gebungen in Sulzbach und in Ehrenbreitstein beschäftigten. Paul Rhode Heute wird die Rede Schachts sehr lebhaft und recht ungünstig erörtert. Die französische Meinung läßt sich etwa wie folgt zusammenfassen: während Hitler diesmal eine ruhige, friedliche Rede hielt, erklärte Schacht den handelspolitischen Kampf. Man erblickt in seiner Rede die Kündigung der bestehenden Handelsverträge und die Verstärkung der Autarkie. Man erhebt die Frage, ob bei der Kündigung aller wirtschaftlichen Verträge nicht die verschiedenen Länder verpflichtet seien, einmütig zum Zwangsclearing gegen Deutschland zu greifen. Auch in englischen Kreisen wird Schachts Rede ablehnend beurteilt. So bringt die Times" einen recht unfreundlichen Kommentar, Die Großindustriellen wieder frei Berlin, 28. Aug. Im Zuge der„ Säuberungsaktion" vom 30. Juni wurde auch der bekannte Berliner Großindustrielle verhaftet. Jetzt hat man ihn freigelassen. Rhode kam seinerzeit mit Günther Quandt, dem ersten Mann der Frau Goebbels, Großaktionär der„ Berliner Waffenschmiede" der Berlin- Karlsruher Industriewerfe, vormals Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken und ähnlichen Unterneh= mungen, in Haft. Er gehörte zu den ersten Ratgebern des Führers in Industriefragen, bevor die NSDAP. die Macht ergriff, Paris, 28.August. „ Journal" erwähnt die„ Gebote der arischen Religion", die Professor Hauser veröffentlicht und von denen die Deutsche Freiheit" ihren Lesern bereits Kenntnis gegeben hat. Mit Verwunderung wird festgestellt, es sei am auffallendsten, daß das Töten in feiner Weise in der arischen Lehre verboten sei. Der Diebstahl sei untersagt, aber nicht der Mord. Wenn man das allerdings genau überlege, dann dürfe man sich nicht mehr darüber wundern. Wäre nämlich der Mord verboten, wären dann nicht Hitler, Göring und Goebbels seit dem 30. Juni Kezer? Das Neueste In legitimistischen Kreisen rechnet man mit einer bal digen Freigabe des in Desterreich beschlagnahmten Ber: mögens der Habsburger. Fünf höhere Beamte des österreichischen Bundeskanzlers amtes find fristlos entlassen worden, weil sie die seinerzeit in das Bundeskanzleramt eingedrungenen Aufrührer mit „ Heil Hitler" begrüßten. Fünf im Staatsdienst befind= liche Aerzte wurden wegen nationalsozialistischer Gesinnung fristlos ihrer Posten enthoben. Die vom österreichischen Justizministerium durchgeführte Begnadigungsaktion für die an den Febrnarfämpfen beteiligten sozialdemokratischen Schutzbündler fann nahezu als abschlossen betrachtet werden. Im Wiener Straflandesgericht I befinden sich nur mehr 27 Schutzbündler, im Straflandesgericht II noch 29 Schutzbündler in Haft. Auch die Untersuchungsgefängnisse für Untersuchungshäftlinge bei den Kreisgerichten in den Bundesländern sind zum größten Teil von Schutzbündlern geräumt. Wie das Presseamt des NSDFB. mitteilt, wird der RSDFB.( Stahlhelm) auf dem Reichsparteitag in Nürnberg mit seinen Landesführern, einer Fahnenabordnung und einer Ehrenabteilung von 1200 Kameraden vers treten sein. Die Massen des Stahlhelms scheint man nicht in Nürnbera haben zu wollen. Der Graf Zeppelin" ist auf der Rückreise von Südamerika nach Deutschland am Montag in Sevilla eingetroffen und glatt gelandet. Mit anderen Fahrgästen verließ auch der uruguanische Gesandte das Schiff. Dr. Edener wurde vom Bürgermeister begrüßt, der ihm anfündigte, die spanische Re gierung werde im Parlament einen Kredit von einer Billion Peseten beantragen, um in der Gegend von Sevilla erre Wasserstoffgasfabrik zu bauen. Dr. Edener wird hierüber in Eltober mit der spanischen Regierung in Madrid verhandeln. In Livorno geriet am Sonntag nach Einbruch der Dunkelheit ein mit sechs Personen besetter Privatkraftwagen ins Schleudern und stürzte in einen der zum Meer führender Kanäle. Der Wagen wurde sofort unter großen Schwierig feiten mit Seilen aus dem Wasser gehoben, jedoch wares sämtliche Insassen, zwei Männer, drei Frauen und ein fünf jähriges Kind, bereits erstickt. Ein zweites schweres Unglüd ereignete sich bei Viareggio. Hier stießen zwei Personenkraft= wagen in voller Fahrt zusammen. Es gab sechs Verlekte, darunter zwei Schwerverlette, Nic zu Hitler!"- Der Schwur von Sulzbach Die gewaltige Kundgebung der Freiheitsfront Ein kleiner Ausschnitt aus der Kundgebung Der Schwur von Sulzbach: ,, Nie zu Hitler!" An den Hängen des Waldes Wie ich Ehrenbreitstein sah... ( Von unserem nach Koblenz entsandten Sonderbericht erstatter) Die geschenkte Rheinfahrt! E3 mögen auch etwa 100 000 Saarländer in Koblenz gewesen sein. Warum nicht? So eine günstige Gelegenheit haben die Leute vom Lande wahrhaftig selten, um mal an den Rhein zu kommen. Und dann wie gesagt die vielen andern Gründe, die in Stadt und Land mitgesprochen haben, die nationale Gesinnung zu zeigen. Jedenfalls waren es nicht viel mehr, denn in Koblenz, wo man unter sich weniger aufschnitt, rechnete die Eisenbahn mit genau 90 Sonderzügen aus dem Saargebiet; das sind allein schon 37 Züge weniger, als die Deutsche Front" angab. Natürlich, die Autos! Ja, die zählen auch. Aber so ein paar hundert Kraftwagen sind schon eine hübsche Karawane. Und die fallen bei 100 000 nicht mehr groß ins Gewicht. Weinstimmung! Bier und billigen Wein haben die Saarländer reichlich vertilgt. Die Wirtschaften in der Innenstadt und in dem dunklen Viertel an der Moselseite waren gut besetzt und die Fiedel jauchzte und die Betrunkenen gröhlten heiser das Saarlied am laufenden Band. Es war wirklich eine fabelhaft nationale Stimmung. Jemand anders lachte. Das waren die in der Wasserturmsmauer. Die Mädchen, die immer bei offenen Fensterläden auf jemand warten. Sonst ist es immer hell in der kleinen engen Straße; hell von den rosa und roten Lichtern in den Kabinettchen. Zwei Nächte lang aber war die ganze Straße dunkel; die Läden waren fest verschlossen und die neugierigen Saarjungens konnten auch nichts durch die Rißen sehen; so sehr sie sich bemühten. Aber Betrieb war in der Straße! In dicken Knäuel standen die jungen Burschen von der Saar und die Göringsche Feldpolizei. die mit den weißen Streifen an den Mützen, flapperte von Zeit zu Zeit mit ihren hufeisenbewehrten Stiefeln durch die enge Gasse und rief: ,, Nicht stehen bleiben! Entweder rein oder weitergehen!" To sorgte die Garde Görings, daß auch die Mädchen etwas von dem Saarbesuch hatten. Ja, wie drollig machten sich die meißen, schwarzen und oten Federbüsche und die Galauniform der Saarbergleute in diefer liebegeschwängerten Um gebung! Wie Herden wurden sie getrieben! Die den Reden lauschende Menge Wie gut, daß man auf diese Weise wenigstens für kurze Zeit ein Dach über dem Kopfe hatte. Wer nämlich nicht recht zeitig eingetroffen war, mußte sehen, wie er die Nacht totschlug. Die ersten Transporte wurden gleich nach ihrer Ankunst in Schulen, Turniälen, Baraden und sonstige Unterfunftsräume geleitet, wo reihenweise Stroh lag und wo man sich sogleich reihenweise niederließ. Man schlief in den Klei dern; die Handtasche oder das Espaket unter dem Kopf. Aber um Mitternacht zogen viele Trupps durch die Straßen von Koblenz, die noch keine Quartiere hatten und auch keins mehr friegen fonnten. Verlassen von jeder Führung, ohne zu wissen, wohin sie sich wenden sollten, und sie waren müde von der Fahrt; und schleppten in gedrückter Stimmung ihre Baketchen. Die einen schickten sie dahin, die andern dorthin; schließlich landeten sie in irgendeiner Kneipe, in der sie den Morgen erwarteten. Noch schlimmer ging es anderen Transporten von der Saar, die in der tiefen Nacht anlangten. Irgendeiner nahm sie in Empfang und marschierte mit ihnen los, ohne daß die Herde wußte, wohin es ging; endlos durch die dunkle Nacht. Die Leute hatten ihre Hakenkreuzfahnen entrollt; genau so stolz, wie sie ihre Abzeichen trugen. Und hofften auf eine Bleibe für den Rest der Nacht, denn die Müdigkeit setzte ihnen doch zu, bei aller Begeisterung, die man mitgebracht hatte. Mindestens eine Stunde marschierte man schon. SA.- ketten belebten die Straße noch; die SA. machte die ganze Nacht hindurch Dienst. Es ging über den Rhein. Hoch über Ehrenbreitstein leuchtete ein riesiges Hakenkreuz und die Worte Deutsch die Saar!" Ein glänzendes Feuerwerf war auch geplant gewesen, aber wegen der Kosten wieder abgeblasen worden. Man marschierte auf Serpentinenwege in die Höhe. Hinauf nach dem Ehrenbreitstein. Oben lag ein riesiges Stoppelfeld. Immer noch gab es kein Quartier. Mitten auf dem Feld machte man Halt. Der Boden war naß; es hatte ja für einige Zeit heftig geregnet. Die Luft feucht und kalt. Die begeisterten Saarleute schüttelten sich vor Kälte und Ungemütlichkeit. So überließ man sie ihrem Schicksal! Kein Quartier, feine Strohunterlagen, fein Dach über dem Kopf, das einem vor der kalten Nacht geschüßt hätte! Mitten auf dem Feld, auf blanker, feuchter Erde mußten die Kolonnen Blak nehmen und leben, wie fie fertig wurden. Die wenig sten hatten einen Mantel bei sich; einige besaßen Decken, andere Klappstühle. Diese Glücklichen! Nun hofften sie auf einen Schluck warmen Kaffee, der sie ein bißchen aufgefrischt haben würde. Nichts gab es. Tief enttäuscht und die Fahrt heftig bereuend, sah sich jeder nach einem Plätzchen um, auf dem er die vielen langen Stunden bis zum Morgen zubringen konnte. Enttäuschung! Um 2 Uhr in der Nacht wurden auf diese Weise bereits die ersten Transporte auf dem hochgelegenen Plateau ihrem Schicksal überlassen. Von da an riß es nicht wieder ab. Stündlich kamen neue Kolonnen an; stündlich wuchs die Enttäuschung, die Ungemütlichkeit, die Reue, die Verärgerung. Zumal alle die Aussicht vor sich sahen, auch die nächste Nacht feinen Schlaf zu bekommen. Die nächste Nacht verging mit der Rückfahrt. Am Sonntagmorgen setzte dann früh der Aufmarsch aus der Stadt ein. Ueber die Pontonbrücke und die Pfaffendorfer Brücke wälzten sich die Mengen. Tausende von SA.- Leuten und Polizeibeamten drängten die Menschen und schifaninender Gluthize; alle Ordnung, aller willige Gehorsam löfte fierten sie mit kleinlichen Anordnungen. Man stand in bren: sich auf; die Menschen litten und standen nach kurzen Ab: schnitten Marsch wieder lange Zeit auf einem Fleck; immer in der Sonne. Menschen fielen um; Sanitäter setzten sich er= schöpft an den Straßenrand. Um zehn, elf Uhr war der Kundgebungsplatz besetzt von liegenden Gruppen; Erschöpfte, Trunkene, Schlafende lagen frenz und quer umher und boten einen jammerswerten Anblick. Auf dem Fels verteilt, stan= den die Eimer mit dem Essen aus dem Bayernzug. Gegen Gutscheine wurden Pappbehälter ausgegeben und jemand verteilte einen Schlag Reissuppe mit Tomaten. Die einen schimpften über die Wasserfuppe; die andern erwischten den unteren dicken Pamp. Viele erhielten überhaupt nichts, ob: gleich sie das Effen, das Eintopfgericht, bereits in Saarbrücken bezahlt hatten. Sie sollten zu ihrer Stelle gehen. Aber wo war die auf dem weiten Feld. So bekamen sie nichts zu essen. Hitler, der Gott! Die Hitze wurde immer größer; die Enge schlimmer; das Gedränge fürchterlicher. Alle Organisation auf dem Plaze scheiterte an der aufgelösten Menschenmenge, die stundenlang herumſtand und dann verzweifelt ein schattiges Plätzchen fuchte. Ab ein Uhr fümerte man sich um einen Platz, um Adolf hitler au ieben. Niemand wußte, wo er berfommen und wo er vorbei fommen würde. Der Auffahrtsweg wurde treng geheim gehalten. Man war von der restlosen Treue nicht so ganz überzeugt. Die SA. bahnte Wege; sofort stauten sich dahinter dichte Menschen wälle. Und warteten zwei, drei Stunden auf Hitler. Aber die SA. war doch nicht für würdig erachtet worden, ihm das Ehrenspalier zu bilden, denn plötz= lich schuf die SS. eine neue Straße und alles stürzte sich auf diesen Kordon, um ja den Führer" zu sehen. Ein fürchterliches Gedränge entstand nun von neuem. Wieder warteten die Massen; nur mit halbem Ohre den Reden und Darbietungen zuhörend, die vor Hitlers Ankunft stiegen. So die Rede des berüchtigten Staatsrats Simon von Koblenz, die fich anhörte, als habe er einen Knödel im Hals. Man war froh, als er geendet hatte. Von Minute zu Minute stieg die Spannung auf den Führer. Er hatte lange auf sich warten lassen. Um vier Uhr wurde er angesagt und eine wahnsinnige Aufregung ging durch die Menge. So etwas fonnten sich nur Saarländer leisten! Nirgends bei deutschen Kundgebungen hat sich so etwas jemals ereignet! Die Szenen, die sich bei Hitlers Ankunft auf dem Plaze abspielten, erinnern an Blasphemie, an Gotteslästerung. Die Saarländer jubelten ihm zu, wie einem neuen Gott. Sie waren von einer Besessenheit, der man unfaßbar gegenüberstand. Die Leute sprachen von Hitler nur noch wie von Gott. Man wunderte und efelte sich über dieses Maß der Entwürdigung, zu der eine bornierte, auf= gepeitschte Masse fähig ist. Es war ein schwarzer Tag für das gleichgeschaltete saarländische Volf, das keinen Unterschied mehr zu machen mußte zwischen einem Menschen und einem überirdischen Wesen. Unbeschreiblich die Szenen, als Hitler durch die Spalierreihe ging. Die Menschen gerieten in eine Ekstase, die sie alles ringsum vergessen ließ. Menschenwürde und auch die geringste zurückhaltung waren abgestreift; man zeigte sich in einer Wildheit, wie man sich Szenen beim Untergang eines Schiffes, beim Kampf um den rettenden Plaz im Boot ungefähr vorstellt. Was sich nur irgendwie eignete, als Unterlage für die Füße benutt zu werden, wurde benüßt, um höher zu stehen und wer sich einen solchen, erhöhten Platz erkoren hatte, wurde wieder von jenen gehaßt, die auf ebener Erde stehen mußten und verzweifelt waren bei dem Gedanken, den Führer aller Deutschen", wie Simon ihn nannte, nicht sehen zu können. Angesichts dieser unwürdigen sflavenhaften Haltung, die vorwiegend von den Saarländern eingenommen wurde, war man erschüttert. Und man dachte nur noch an das furchtbare Chaos, das in diesen Menschen eintreten wird, wenn dieser Gott auf Erden ein= mal gestürzt und auf das wahre Maß seiner Bedeutung zurückgeschraubt wird. Eine ganze Welt stürzt dann in diesen Wienschen ein! Die Menge beruhigte sich erst, als sie Hitler auf der Rednertribüne sah, wie er da vor dem Pult stand, sein Manuskript herunterlas und dabei mit den Händen suchtelte. Was der Führer aller Deutschen" sagte, nun, es unterschied fich kaum mit einem Wort von all seinen früheren Reden. Die fünfzehn Jahre mußten wieder herhalten und daß die Nazis in den anderthalb Jahren mehr geleistet als sämtliche Regierungen in der ganzen Zeit zuvor; und daß durch fie die Schornsteine wieder rauchten und daß es nach der Rückgliederung des Saargebietes teine territorialen Streitigkeiten mehr zwischen Deutschland und Frankreich gäbe. Bezeichnenderweise blieb an dieser Stelle der Beifall des sonst verrückten Volfes aus. Darüber dachten die Versam melten also anders und sie billigten ihrem Führer zu, daß er fo aus diplomatischen Rücksichten wohl sprechen müsse, ob= gleich er selber nicht daran glaube. Kein neuer Gedanke, fein neuer Satz, fein neues Wort, das war der Inhalt der Rede Hitlers. Nach der Attraktion! Mit der Rede Hitlers hatte die Kundgebung ihren Höhepunkt erreicht. Nachher stürzte alles in hemmungslosem Durcheinander hinunter nach Ehrenbreitstein. Hatte das Erscheinen Hitlers und die daraus entspringende Aufregung für eine Stunde alle Enttäuschung und Verärgerung verwischen können, so griff nachher die Ernüchterung wieder Plaz. Angesichts des verhältnismäßig furzen Vergnügens, Hitler aus weiter Ferne am Rednerpult stehen zu sehen, rechtfertigten sich doch nicht die ungeheure Mühe und Anstrengung, die man mit dieser Fahrt auf sich genommen hatte. Die Reise war das ersah man an dieser Ernüchterung doch mehr der Neugierde entsprungen, die nicht befriedigt wurde. Im übrigen hätte man die Hitler- Rede zu Hause am Lautsprecher wesentlich bequemer und müheloser anhören fönnen, als dort oben auf dem sonnendurchglühten Felbe. Man merkte das an unzähligen Aussprüchen, die von biederen Saarländern auf dem Heimwege gemacht wurden. Heimkehr! Betrachtet man also den Tag von Ehrenbreitstein als Ganzes, so hat man es wieder mit einer von jenen, mit allen staatlichen Machtmitteln fünstlich aufgebauschten Massenzusammenballungen von Menschen zu tun, mit denen die Nationalsozialisten einzig und allein der Welt imponieren und den Eindruck hervorrufen möchten, als wenn derartige Kundgebungen das alleinige Ergebnis einer gewaltigen Popularität des Nationalsozialismus wären. In Wirklichkeit ist es nichts anderes als ein fühl berechnetes Manöver, ausgedacht im Propagandaministerium, das eine ganze Reihe von persönlichen Motiven vor den Karren des Nationalsozialismus spannt und das den Staat ungeheure Summe fostet; die aber auch für diesen Zweck immer bereitstehen. Angesichts diefer Tatsache muß man immer wieder auf das Erlebnis von Sulzbach hinweisen, das einzig und allein auf die unerhörte Opferfreudigkeit und sozialistischen Willen innerhalb der antifaschistischen Arbeiterschaft zurückgeht. Horst Wessel- Milieu Zuhäiter- Sittlichkeitsverbrecher Vor mehr als Jahresfrist wurde bei einem Wirtshaus streit der Nationalsozialist Karl Hemmer getötet. Die Nazis des Saargebiets bereiteten ihm unter Massen= beteiligung nahezu ein Staatsbegräbnis" und priesen ihn als den Horst Wessel von der Saar". Jetzt berichtet die„ Boltsstimme" über die folgende Gerichtsverhandlung vor der Saarbrüder Straffammer gegen den Vater des Hemmer: In der Haftbank de. Landgerichts ist der 67jährige Hemmer senior, heulend und zähneklappernd. Seit dem 6. Juni haben fich die schweren Pforten der Lerchesflur hinter ihm geschlossen. An jenem Tage soll er ein achtjähriges Mädchen in den Wald auf Abwege gelockt haben. Der Vater des Kindes suchte verzweifelt nach seinem Töchterchen. Endlich fand er das Mädchen mit dem Alten auf einer Bant. Seine allzu begreifliche Erregung löste sich in einer Ohrfeige, die den niederträchtigen Greis zu Boden warf. Dieser entzog sich jedoch sofort dem Verfolger und verbarg sich in dem Anwesen seiner Familie, irgendwo im Heu versteckt. Aber der empörte Vater wußte ihn bald darauf mit Hilfe der Polizei aufzufinden. Die Mutter eilte mit dem Kind zum Arzt. Nun wird Dr. Spaniol heut als Sachverständiger vernommen. Die achtjährige Mathilde hatte geringfügige innere Verlegungen davongetragen. Medizinalrat Dr. Lang spricht dem Angeklagten die Anwendung des§ 51 ab. Auffallend milde ist der Strafantrag von Staatsanwalt knipper: als Milderungsumstände werden die Wirkung übermäßigen Alkoholgenusses an jenem Tage sowie SA. versteht die Welt nicht mehr Zu einem Aachener Gerichtsurtell Es waren einmal- aber dies ist kein Märchen- in Hachen ein Scharführer und sechs simple Mitglieder der SA. Das bedeutet fieben junge Burschen, die braune Hemden trugen, frisch- fromm- fröhlich brüllten:„ Wenn das Judenblut vom Messer spritzt" und bereit waren, auf einen Wink von oben jedermann abzuschlachten. Individuell unterscheidende Merkmale: feine. Denn auch, daß einer der Sieben sich zur Ehren des„ Feiertags der Arbeit" am 1. Mai sternhagelvoll soff und von einem Gastwirt wegen rohen Randalierens vor die Tür gesetzt wurde, ist nichts Besonderes. Selbst daß er binnen furzem mit den sechs anderen wieder erschien, und daß nunmehr der Wirt, der die Gottähnlichkeit der SA. an= getastet hatte, viehisch mißhandelt, daß sein ihm zu Hilfe eilender Kellner mit einem Stuhl für tot zu Boden gestreckt und daß seine jammernde alte Mutter- Halts Maul, du Hure! mit Fausthieben ins Gesicht traftiert wurde, auch das, lieber Himmel, ist im dritten Reich" etwas Alltägliches. Solche wilde Roheitsszenen gehören zur„ Erneuerung" Deutschlands. Immerhin leitet man manchmal der Form wegen ein Verfahren ein. So auch hier, und es tam zur Verhandlung. Als der Scharführer recht zackig in den Saal geschmettert hatte: „ Hab'n aus Kam'radschaftsgeist gehandelt", erwartete er wie alle Welt mit Recht, daß die Richter die Hand zum Hitlergruß heben und rufen würden: Freigesprochen! Aber da seit dem 30. Juni die Aftien der SA. unter Pari stehen, kam es anders herum. Freigesprochen wurden nur drei der Braunhemden, denen nichts nachzuweisen war, drei anderen wurden ein bis drei Monate Gefängnis aufgebrummt, und der Scharführer soll sogar fünf lange Monate ins Loch. Jeder der Sieben blickte bei dem Spruch drein wie der Kater, wenns donnert, der Scharführer am meisten. Und wird das Verfahren nicht doch noch durch schleunige Begnadigung siehe Amnestie! zu einer Poffe entwertet, haben er und seine drei Getreuen in einsamer Zelle Zeit und Grund, über der Welt seltsamen Lauf sehr, sehr nachdenkliche Betrachtungen anzustellen. Denn nach SA.- Begriffen haben die Verurteilten tadellos forreft gehandelt: sie haben ein ,, frummes Zivilistenschwein", das durch sein Verhalten gegen einen SA.- Mann marristischer Gesinnung hinreichend verdächtig war, ein wenig zuschanden geschlagen. Das war ihr Recht und ihre Pflicht. Denn so haben ihre Kameraden landauf, landab seit Adolfs Machtantritt aus. geringerem Anlaß und auf windigere Verdachtsgründe hin Tausende von Juden, Marristen und Pazifisten geprügelt, gefoltert, totgeschlagen und ge, selbstmordet", ohne daß ihnen ein Gericht auch nur ein Härchen gekrümmt hätte. Hunderte von gemeinen Morden an Sozialdemokraten und Kommunisten, Gewerkschaftlern und Reichsbannerleuten blieben ungefühnt und störten den Schlaf keines Staatsanwaltes. Die Halbgötter an der Spize taten ja nichts anderes, als durch Aufstachelung zu immer neuen Gewalt- und Schandtaten die SA. bei guter Laune zu erhalten. Der„ eiserne Hermann", der Göring, gab die unzweideutige Losung aus:„ Meine Maßnahmen werden nicht angefräntelt fein durch juristische Bedenken oder Bürokratie, ich habe feine Gerechtigkeit zu üben, sondern nur zu vernichten und auseurotten", und unangetränkelt durch juristische Bedenken" politische Gegner oder nur Mißliebige zu vernichten und auszurotten, war der gern und eifrig geübte Sport der SA. Und der Osaf selber? Ja, da ist, unvergessen und unvergeßlich, der Fall Potempa, den man immer wieder der zivilisierten Welt in die Erinnerung rufen muß, weil er ein schauriges Sinnbild das ganzen dritten Reiches" ist. In dem oberschlesischen Dorf Potempa drangen in einer Augustnacht 1932 fünf wohlbewaffnete Nazis in die Wohnung des Landarbeiters Pietrzuch ein, den sie fälschlich für einen Kommunisten hielten, und schlugen ihn nicht etwa kurzerhand tot, nein, folterten ihn vor den Augen seiner Mutter und seiner Frau langsam zu Tode. Aus den unparteiischen Feststellungen des Gerichtes gegen die Mörder erkennt man schaudernd, bis zu welcher Tiefe der Bestialität Unmenschen herabsinken können; der Tod des Unglücklichen ergab sich schließlich daraus, daß einer der Fünf dem wehrlos und ohn= mächtig daliegenden Opfer mit dem Stiefelabsatz den Kehlkopf zertrat. Diesen nicht etwa helläugigen und blondgelockten Jünglingen, die ihr„ Idealismus" zu weit getrieben hatte, sondern diesen erprobten Schwerverbrechern, die für eine Flasche Schnaps und ein paar Mark für jede Gemeinheit zu das hohe Alter des Angeklagten aufgeführt. Sechs Monate Gefängnis mit der Erwägung eines Strafaufschubs werden als ausreichende Sühne erachtet. Das Urteil fällt entsprechend dem Strafantrag aus. In der Begründung wird dem Alten noch das Antrinten eines Rausches in der Erregung über den Tod seines Sohnes zugute gehalten. Jeder Kommentar schwächt diese Wirkung. Hemmer, der Vater des Nazihelden", trinkt vom frühen Morgen in verschiedenen Wirtschaften:„ Wenn je mer was von meim Sohn vorhalte, packt mich der Zorn!" Und dann lockt er das Töchterchen eines Bolfsgenossen in den Wald, im Rausch natürlich! Aber bei den ersten Vernehmungen weiß er merkwürdig gut über alle Einzelheiten seines Tuns Bescheid.. Rausch in Erregung über den Tod seines Sohnes! Der verstorbene Hemmer ist nachweislich im Verlauf eines Wirtshausstreites zu Tode gekommen, den er selbst provoziert hatte. Der Arzt wird über die kleine Mathilde befragt:„ Das Kind war ganz durcheinander." Schließt die Aften über eines der schmutzigsten Kapitel des Saar- Naziheldentums! Wir fagen diesmal mit dem Herrn Propagandaminister:" Pfui Teufel!" Aber wenn der 67jährige Greis der Vater eines Freiheitstämpfers gewesen wäre? Hätte ihm die hohe Justiz dann auch diese Milderungsgründe zugebilligt: Den Rausch, den er fich in der Erregung über den Tod seines Sohnes antrani? Wir fragen nur, aber wir zweifeln... haben waren, sandte, als das Ausnahmegericht sie rechtens zum Tode verurteilt hatte, Adolf Hitler, heute Staatsoberhaupt, folgendes Telegramm: Meine Kameraden! Angesichts dieses ungeheuerlichen Bluturteils fühle ich mich mit Euch in unbe grenzten Treue verbunden. Eure Freiheit ist von diesem Augenblick an eine Frage unserer Ehre. Und da die feinen Kameraden" des Osaf zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt wurden, brauchten sie nur den Anbruch des dritten Reiches" zu erwarten, um auf freien Fuß gesetzt und in Berlin mit all den Ehren empfangen zu werden, die solchen Ehrenmännern gebühren. als Müssen diese Mordferle nicht jedem SA.- Mann leuchtendes Vorbild der Pflichterfüllung erscheinen? Da sich ihnen der„ Führer" in unbegrenzter Treue" verbunden fühlte? Und sie freiließ, lobte und ehrte? Und haben nicht die Sieben von Aachen sich lediglich in gleicher Richtung ausgelebt? Ganz gewiß, nur daß ihre Tat im Vergleiche zu dem Verbrechen von Potempa fast freundliche Züge gewinnt. Aber statt daß sie ein enthusiastisches Telegramm Hitlers erhalten, fliegen sie wie ganz gewöhnliche Sterbliche hastdumichgesehn ins Kittchen. Sie schütteln seitdem den Kopf: SA. versteht die Welt nicht mehr. Und wenn SA. die Welt nicht mehr versteht, so wie sie sie eben begriff, primitiv und brutal, verbricht sie auf die Dauer sich nicht selber den Kopf, sondern anderen. Hitler, Göring, Goebbels: Achtung, Kopf weg! M. S. Goebbels, Quandt& Co. Die Hotelrechnung des Reichsministers wird von einem Schweizer Werk bezahlt Aus der Schweiz wird uns geschrieben: Als am 30. Juni Hitler gegen Röhm und Genossen seine Anklage wegen Korruption, Verschwendung und Bestechlichkeit erhob, da war es Josef Goebbels, der ihn dabei am stärksten unterstützte. Wie es aber mit seiner eigenen Sauberkeit bestellt ist, zeigen die folgenden Tatsachen: Kurz nach seiner Ernennung zum Reichspropagandaminister wurde die Deffentlichkeit mit der Mitteilung überrascht, daß der frühere Mann der Frau Goebbels, der Großindustrielle Günther Quandt, verhaftet worden set. Bald stellte sich heraus, daß die Verhaftung von Goebbels veranlaßt worden war und den Vorwurf der Vermögensverschiebung als Ursache hatte. Eingeweihte behaupten, daß der wahre Grund darin bestanden habe, Quandt zu zwingen, eine noch ausstehende Mitgift von 800 000 Reichsmark für die Frau von Goebbels herauszugeben. Als dies nach der Verhaftung geschah, kam Quandt wieder frei. Der Vorwurf der Verschiebung von Vermögenswerten nach dem Ausland war mit einem Male hinfällig geworden. Zwischen den beiden Ehegatten der Frau Goebbels herrschte nun mit einem Male wieder eitel Harmonie. Sie ging sogar soweit, daß Goebbels im März 1934 mit seiner Frau und deren früheren Mann in einem der feudalsten Hotels des Schweizer Kurortes St. Moritz Aufenthalt nahm. Weder Deutschlands Not an Devisen, noch der Hunger der ISA. oder die Rücksicht auf Winterhilfe und dergleichen fümmerten Goebbels. Die Reise nach dem vornehmen Schweizer Winterkurort aber hatte nicht nur der Erholung gedient, sondern auch geschäftlichen Zwecken, die Goebbels und Quandt verbanden Bei dem Vorwurf, der 1933 Günther Quandt gemacht wurde handelte es sich um den Besitz eines großen Aktienpaketes der Schweizer Affumulatorenfabrik Derlikon, das von Quand der in Deutschland Hauptaktionär der Akkumulatorenfabri Berlin- Hagen ist, erworben wurde. Welche hilfreichen Dienste Goebbels dem Quandt bei der Verschiebung dieser große Werte geleistet haben muß, geht aber auch daraus hervor, daß der Herr Goebbels nicht daran gedacht hat, seine Hotel rechnung in St. Morit selbst zu bezahlen. Er hat zwar als Reichsminister, als Reichstagsabgeordneter und aus anderen Funktionen ein Einkommen, das mindestens 50 000 Mark jährlich beträgt, aber zur Bezahlung einer Hotelrechnun scheint es immer noch nicht zu langen. Goebbels und Anandt erklärten im Hotel, ihre Rechnuns gen würden von der Akkumulatorenfabrit Derlikon bes zahlt werden. Die Hotelleitung war zwar über diese Erklärung sehr erstaunt, sie legte aber dem Werke die Rechnungen vor, die auf ⚫ besondere Anweisung des Direktors Rühl bezahlt wurden. Man ließ dabei zwar erkennen, daß es sehr eigentümlich ist, daß ein deutscher Minister sich seine Hotelrechnung von einem Schweizer Werk bezahlen läßt, aber was tut ein Betriebsdirektor nicht alles, um es mit dem Hauptaktionär nicht zu verderben. Eine Rückzahlung oder Verrechnung diefes Betrages ist bisher nicht erfolgt. Hitler hat mehrfach erklärt, er sei für absolute Sauberfeit. Er hat Gelegenbeit, im Falle Goebbels diesen Beweis zu liefern. Deutsche Stimmen Beilage zur Deutschen Freiheit" Ereignisse und Geschichten Mittwoch, den 29. August 1934 - pru Der fröhliche Koch von Manfred Durch die Straßen der Stadt wandelte ein Koch. Hose, Jacke und die hohe Ballonmütze leuchteten schneeweiß. Dazu war er riesengroß; man sah ihn schon von weitem größer als alle Menschen herankommen. Auf dem linken Arme trug er, als ob er es servieren wolle, ein Tablett, auf dem die Schüsseln und Teller eines reichen Menüs befestigt waren. Es waren nur Atrappen, aber der Fisch und der Braten und das Dessert waren so naturgetreu nachgebildet, daß den Vorübergehenden das Wasser im Munde zusammenlief, weil sie den verlockenden Duft einer gebratenen Gans zu spüren meinten. Die rechte Hand machte eine einladende Geste, die den sympathischen Stolz eines tüchtigen Kochs ausdrückte. Auf der Brust und auf dem Rücken trug der Koch große Plakate, auf denen deutlich zu lesen stand: Der Feinschmecker speist im Hotel Aurora". Und auf dem Rücken: ,, Sie sind verwöhnt? Das Hotel Aurora bedient Sie mit feiner Küche." So wandelte der Koch durch die Straßen. Leuchtend und appetitanregend. Sein rotes Gesicht strahlte so heiter, als ob es in der Welt nur darauf ankomme, den Magen zu befriedigen, um glücklich zu sein. Die abstehenden Ohren, die verschmitzten Augen, die im Fett fast versanken, die runden Backen, die vor Wohlleben zu platzen drohten, der rote Mund, der vom guten Essen zu glänzen schien alles an ihm drückte eine so idiotische Zufriedenheit aus, daß die Vorübergehenden zu ihm aufsahen und lachten. Mit langsamen Bewegungen wandte sich der Koch den Damen zu und verneigte sich gravitätisch vor ihnen. Er wiegte sich in den üppigen Hüften, ließ seinen feisten Bauch rollen und tänzelte wie eine Bajadere auf todernste Männer zu, die im Gehen die Zeitung lasen und verdutzt zu ihm aufsahen. Kinder liefen hinterher und zupften den Koch an seinen weiten Hosen. Manchmal trat der Koch auf die Fahrbahn, so daß die Autos einen kleinen Bogen um ihn fahren und die Insassen das Plakat lesen mußten:„ Der Feinschmecker speist im Hotel Aurora". Beim Anblick des roten, dummpfiffigen Gesichts lachten auch die Fahrer, die soeben noch ärgerlich auf die Hupe gedrückt hatten. Und die Straßenbahner lachten; Sie waren dem fröhlichen Koch auf ihrer Fahrt vor Stunden schon in anderen Stadtteilen begegnet und erkannten ihn wieder. An den Haltestellen trat der Koch ganz nahe an die Straßenbahnwagen heran, so daß seine weiße Jacke die Scheiben streifte. Sein glückliches Gesicht strahlte die Insassen an und die sorgenlose Dummheit seines Lächelns wirkte so erheiternd, daß alle lachten; wildfremde Menschen knüpften raiteinander Gespräche an. Und alle fühlten sich angesichts der gebratenen Gans auf dem Tablett wohlgesinnt verbrüdert. So wandelte der fröhliche Koch durch die Straßen der Stadt. Ueberall verbreitete er die glückselige Heiterkeit seines dummen, vollgefressenen Gesichts, und alle lasen die Inschrift: ,, Sie sind verwöhnt? Das Hotel Aurora bedient Sie mit feiner Küche." Vier Stunden lang lief er schon. Es war drückend heiß. Die Sonne brannte und der Asphalt wurde weich. Allen tat es wohl, im Schatten zu sein. Hinter den großen Scheiben der Restaurants sah man die Leute bei Tische sitzen. Manche speisten noch, andere waren schon beim Kaffee. Geschirr funkelte. Bier schäumte in beschlagenen Gläsern. Zigarrenrauch stieg über den Tischen auf wie Opferrauch. Draußen wandelte der fröhliche Koch vorüber. Seine weiße Jacke leuchtete. Die Leute an den Tischen sahen ihn und lächelten. Die Plakate des Hotels Aurora lasen sie nur flüchtig; sie waren gesättigt. Aber das feiste, strahlende Gesicht des fröhlichen Kochs tat seine Wirkung. Auch die Kellner lächelten. Sie lächelten ironisch und bedienten ihre Gäste auch anderswo speiste man um eine Spur vertraulicher gut; diese aufdringliche Reklame hatte ein wirklich gutes Restaurant gar nicht nötig; es empfahl sich selbst. Das ungefähr drückten die Mienen der Kellner aus. Mit einem Male aber begann der fröhliche Koch sonderbar zu schwanken. Sein riesiger Körper, rund und dick wie ein Faß, schaukelte besorgniserregend hin und her. Und plötzlich schlug der große Kerl mit einem hohlen Krach längshin. Im Fallen riß er den kleinen Blumenstand einer alten Frau mit sich. Und nun lag der Koloẞ quer über den Fußsteig, mit Rosen und roten Nelken bestreut. Sein dickes Gesicht lächelte glückselig zum Himmel. Sein Leib aber machte seltsame Beaus dem Innern drang leises, schweres wegungen und Stöhnen. Die Leute umstanden den Gestürzten sofort als dichte Mauer, durch die sich ein Schutzmann drängte. Einige der Umstehenden waren behilflich. Sie streiften dem Riesen die weißen Hosen ab und rissen hinderliche Hüllen beiseite. Es war eine regelrechte Entpuppung. Aber nicht ein schimmernder Schmetterling schlüpfte aus der fetten Puppe, sondern einen dürftigen, schlecht gekleideten Menschen zogen die Helfer heraus. Er sah die Umstehenden mit Augen an, die nichts zu erkennen schienen. Die blassen Lippen waren ein wenig geöffnet. Auf die Frage des Schutzmannes, was ihm geschehen sei, flüsterte der Mann kaum hörbar: ,, Ich habe Hunger." Es war ein armer Arbeitsloser, der unter der Last der Reklamefigur, die er zu schleppen hatte, zusammengebrochen war. Die Umstehenden redeten durcheinander. Man sollte so einen Mann erst einmal satt füttern, ehe man ihn als Reklame für feine Küche laufen lasse! Ein anderer verteidigte das Hotel, für das die Figur Reklame machte. Dort wisse man ja gar nicht, wer mit der Puppe gehe. Man gibt den Auftrag an ein Reklameunternehmen, das die Puppen herstellt, Träger anwirbt und sie mit den Figuren auf die Straße schickt. Jawohl, das stimmt, sagte ein Dritter. Sieben Stunden lang müssen die Leute laufen, mit zwei dreiviertelstündigen Pausen dazwischen. Und das Reklameinstitut schickt ihnen Aufpasser hinterher, die kontrollieren müssen, ob die Träger auch durch die vorgeschriebenen Straßen gehen und die vorgeschriebenen Bewegungen machen. Na ja, wandte ein vierter ein, aber die Träger ver dienen doch dabei! Sie werden doch bezahlt. Ja, aber wie! rief der Dritte. Fragen Sie mal den Mann da! Und kriechen Sie mal in eine solche Puppe hinein! Wie es Ihnen da zumute sein wird bei der Hitze! Zwanzig bis vierzig Kilo schwer ist so ein Ding. Schleppen Sie das mal sieben Stunden lang! Ich habe auch mal mit so einer Frate herumlaufen müssen. Ich weiß Bescheid! Einmal und nicht wieder! Er stieß die hohle Puppe verächtlich mit dem Fuße. Der fröhliche Koch rollte ein bißchen mit dem dicken Kopfe und lächelte idiotisch zum Himmel. Das umgestülpte Plakat klappte langsam zurück und verkündete: ,, Der Feinschmecker speist im Hotel Aurora." Der hungernde Mann saß auf dem Pflaster, an einen Leitungsmast gelehnt. Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Die Haare hingen ihm verklebt ins Gesicht. Ein Kellner aus dem Restaurant brachte ein Glas Wasser. Da erbot sich ein Mann, für den Erschöpften ein Mittagessen zu bezahlen. Daraufhin half der Kellner den Hungrigen ins Restaurant führen. Der Geschäftsführer stand bereit und deutete nach hinten, anscheinend nach einem Raum fürs Personal. Der Mann, der sich erboten hatte, das Mittagessen zu bezahlen, prostierte: ,, Nein, hier herein, ins Gastzimmer. Der Mann ist mein Gast!" Aber der Erwerbslose schüttelte bittend den Kopf. Er wollte nicht von all den Leuten betrachtet werden. Also verschwand die Gruppe nach hinten. Draußen in der prallen Sonne lag, vom Schutzmann bewacht, der fröhliche Koch. Sein dicker Leib war aufgerissen. Aber sein rotes Gesicht strahlte heiter zum blauen Himmel empor. Er schien sich darüber zu amüsieren, daß in dieser Welt ein Mann so lächerlich verkleidet für feine Küche Des deutschen Bürgers deittes Reich Im deutschen Reiche Nummer zwei War leider auch der Kuli frei. Das ärgerte den Bürgersmann, Weil ers's nun mal nicht leiden kann, Daß auch ein ganz gemeiner Knecht Geschützt ist durch das Menschenrecht. Drum pflegte er den Hitlerseich Und stolperte ins ,, dritte Reich". Das führte sich gleich bestens ein Mit Reichstagsbrand und Folterpein; Es zeigte sich im hehrsten Glanz: Parademarsch mit Totentanz! Die Aufbauarbeit setzten fort Der Knüppel und der Meuchelmord, Und kunstgerechte Marterung Zwecks rassischer Veredelung. Der Bonze kann sich breit entfalten, Der Bürger muß die Schnauze halten. Viel Hiebe gibts und wenig Brot, Und immer krasser wird die Not. Zu spät, mein deutscher Bürgersmann, Kommt dich das große Kogen an. Wenn du im stillen noch so keifst, Du hast den Staat den du begreifst! Beaune Splitter SM Liberator. Der Angeklagte wurde aus der Untersuchungshaft vorgeführt. 99 Was sehe ich," rief der Vorsitzende erstaunt ,,, Sie sind angeklagt, den italienischen Duce einen„, Lumpenker!" genannt zu haben? Wissen Sie, was darauf steht?" ,, Zuchthaus," murmelte resigniert der Angeklagte. ,, So sehen Sie aus!" meinte der Vorsitzende ,,, Pensionsberechtigung für Lebenszeit!" Was ist das: ,, einer gegen alle, alle gegen einen?" ,, Deutsche Außenpolitik!" ✓ Zeit- Notizen Furtwängler- Ausschuß" Der von dem Preußischen Kultusministerium eingesetzte und von dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda für das Reichsgebiet anerkannte Ausschuß für Programmberatung, der sogenannte Furtwängler- Ausschuß, ist auf die Reichsmusikkammer überge gangen. Der Präsident der Reichsmusikkammer hat den Ausschuß in folgender Zusammensetzung bestätigt: Wilhelm Furtwängler, Wilhelm Backhaus, Georg Kulenkampff, Siegmund von Hausegger, Hans Sellschopp und Hugo Rasch. Die Geschäftsleitung liegt beim Reichsverband für Konzertwesen in Berlin. Vorbilder für Hitlers Sturz Soeben erscheint im Verlage Nouvelles Editions Latines das angekündigte Catalina- Buch des aus Deutschland emigrierten Rechtsanwalts Dr. Botho Laserstein. Es führt den Titel: ,, Justizmord am Catalina, Vorbilder für Hitlers Sturz" und stellt die großen Provokationen der Weltgeschichte, also Vorbilder und Parallelen für den Reichstags brand und für die mörderischen Vorgänge in Hitler- Deutschland dar. Damit gibt es gleichzeitig eine Analyse des notwendigen Sturzes von Hitler und der Befreiung von der braunen Pest. Die deutsche Regierung hat durch Beauftragte versuchen lassen, das Erscheinen des Buches zu verhindern, Der fröhliche Koch ging vorüber. Er verneigte sich nicht, er tänzelte nicht. Er ging nur langsam die Straße entlang. Auch er schien von der irrsinnigen Hitze ermüdet. Sein schleppender Gang stand jetzt eigentlich sehr im Widerspruch Reklame machen und dabei vor Hunger zusammenbrechen Zwei Forscher verschwunden zu der fröhlichen Visage, die er zur Schau trug. மரியான்: kann. Gar Emigranten mitten im ,, dritten Reich" Knüppel gegen den Geist! Die schriftstellerischen Werke und dichterischen Ergüsse der neudeutschen Literaten finden trots größter Propaganda und größter Unterstützung durch alle amtlichen Stellen in der deutschen Bevölkerung keinen Widerhall und keinen Absat. Niemand will das Zeug lesen und die Verleger und Buchhändler befinden sich in großer Verlegenheit. Und so haben sie es gewagt, die alten, geächteten und verbrannten Autore aus dem zweiten Reich wieder aus den Verstecken hervorzuholen und zum Verkauf zu stellen. Und siehe, das Publikum beiẞt an! Die nationalsozialistischen Konkurrenten bersten vor Wut und bereiten einen neuen Büchersturm vor. Den Auftakt dazu liefert der„, Angriff", der letzte Woche auf der ersten Seite einen großen Artikel Juden sehen Dich an" brachte. Der Verfasser ist in Berlin spazieren gegangen und hat sich dabei die Buchhandlungen angesehen. ,, Hundert gute deutsche Schriftsteller," so jammert er, die im Kampfe schwere finanzielle Opfer gebracht, deren lautere Gesinnung ihnen dutende Abweisungen bei den verschiedenen Verlagen eingetragen, sind in den Schaufenstern einiger Buchhandlungen einfach nicht zu finden. An den ihnen zukommenden Plätzen die Bücher von Leuten. die im Auslande als Emigranten leben, durch Wort und Schrift das neue Reich beschimpfen und verleumden." Und dann kommt die Aufzählung dieser Schriftsteller, die trog ihres Kampfes gegen das nationalsozialistische Deutschland beim bücherlesenden deutschen Publikum so hoch im Kurse stehen. Da ist die Wienerin Rose Meller ,. ,, die Hitler verleumdet hat und noch heute Tantiemen für ihre in Deutschland verkauften Bücher bezieht. Ihr folgt Egon Erwin Kisch. Obwohl man ihn nach kurzer Schuthaft ungeschoren in die Schweiz fahren ließ, brachte er es fertig, eine Zeitschrift herauszugeben, in der er in mehr als einem Artikel die Behauptung aufstellte, in den Schutzgefängnissen würden die Leute auf das Brutalste mißhandelt, ihnen die Augen ausgestochen und die Hände abgehackt. Es kommen noch Balder Olden, Paul Frischauer, Leo Perut, Hermann Kesten, Gustav Regler, ja, in einer Leipziger Buchhandlung fand ich sogar Ilja Ehrenburg, Tucholski und Alfred Polgar aufgestellt." Nach Meldungen aus Nairobi sind zwei englische Forscher namens Dyson und Martin auf dem Rudolfsee in Uganda verschwunden. Die beiden Forscher gehören einer größeren Expedition an und waren vor drei Wochen im Faltboot nach der auf dem See gelegenen South- Insel abgefahren. Es wird befürchtet, daß Dyson und Martin auf der Insel, die noch nie von Weißen betreten worden ist, den Tod gefunden haben. Auf Bitten des Expeditionsleiters haben die englischen Behörden eine Suchexpedition organisiert und dafür mehrere Flugzeuge zur Verfügung gestellt. Ganz klar Wenn der Nationalsozialismus ein Ziel erkannt hat, so schafft er auch die Mittel und Möglichkeiten, dieses Ziel zu erreichen. Der Weg besteht hier in einer zwangsläufigen Revolutionierung, d. h. in einer Erneuerung auf ganz neues Grundlagen der deutschen Wirtschaft, beziehungsweise des Betriebe. Der Nationalsozialismus geht auch hier folgerichtig vor. Er durchdringt die unterste Einheit und besetzt diese mit neuen Menschen und leitet das hieraus entspringende Wachstum in richtige Bahnen."( ,, Frankfurter Volksblatt" vom 9. August.) Am Schluß wendet sich der Angriff" an den deutschen Buchhandel zur Mitarbeit an der endgültigen Säube Briefe von Jakob Wassermann rung des deutschen Schrifttums", appelliert an das Verantwortungsgefühl dem deutschen Volke und seinen jungen Autoren gegenüber. Das Blatt hat auch Aufnahmen von Schaufenstern machen lassen, in denen es diese jüdische Literatur" gefunden hat und reproduziert sie in dem Artikel. Das bedeutet selbstverständlich, daß man diese Fensterscheiben möglichst bald einschlagen soll, ebenso wie man die ganze deutsche Kultur zusammengeschlagen hat. Das aber deutsche Buchhändler das Risiko auf sich nehmen, die in Acht und Bann getanen Werke hochverräterischer Emigranten trotz allem zu verkaufen, wie wenig man mit dem Knüppel gegen den Geist auszurichten vermag! Frau Maria Wassermann- Karlweis bittet als Verwalterin des literarischen Nachlasses des Dichters alle Empfänger von Briefen Wassermanns, ihr diese für kürzere Zeit zur Abschrift zu überlassen. Die Originale der Briefe werden den Empfängern unbeschädigt zurückgegeben, ohne deren Einverständnis keine Veröffentlichung vorgenommen wird. Man bittet, die Briefe eingeschrieben an Frau Marta Wassermann Karlweis, Altaussee/ Oesterreich, zu senden. Die Wahrheit Man muß das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum uns immer wieder gepredigt wird, Goethe, Völker in Sturmzeiten Nr. 6 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Mamsell Louise Von Adrienne Thomas Wo ich auch immer in einem an Ortswechsel reichen Leben war zweimal im Jahr erreichten mich die Briefe meiner ehemaligen Erzieherin. Zu meinem Geburtstag gratulierte sie mir. Weihnachten dankte sie für meine Antwort. Das war unverrückbar. Ebenso unabänderlich aber, daß ich in jedem Jahr ihren Geburtstag vergaß. Obwohl ich das Datum weiß, ohne einen Moment zu überlegen: der elfte August. Ich trug es in Notizbücher und Kalender ein. Ich ließ mich erinnern. Umsonst. Es war wie verhext: an diesen Geburtstag dachte ich bestenfalls vier Wochen später. Nur einmal fiel er mir rechtzeitig ein. Es war auf der Insel Hiddensee. Ich saß in meiner Sandburg. Aus Protest gegen die sächsischen Nachbarburgen und deren heraldische Namen hatten wir sie soeben nach einem Berg meiner lothringischen Heimat getauft. Während ich den stolzen Namen Schloß St.- Quentin" mit Muscheln und Steinen auf den Wall schrieb, fiel mir ein: übermorgen ist der elfte August. Endlich! Mademoiselle wird ihren Augen nicht trauen, daß der Brief wirklich von mir ist. Ein halbes Notizbuch schreibe ich ihr voll. Die sächsischen Burgnachbarn stiften ein Kuvert und entsenden einen„, reitenden Boten", der mit dem Brief zum letzten abgehenden Schiff eilt. Eine Antwort kam nie. Nicht zu Weihnachten. Nicht zu meinem Geburtstag. Es kam auch nichts zurück von dem, was ich ihr, befremdet und dann beunruhigt, später noch schrieb. Auch kein Wort, als ich bei ihren Verwandten anfragte, was geschehen sei. Einfach nichts. Uebelnehmerei lag ihr nicht. So gab es keine andere Erklärung als die, daß menschliche Bindungen nun einmal nicht für die Ewigkeit vollzogen werden. Und heute gehe ich die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung. Gleich werde ich in ihrem grünen Biedermeierzimmer ihr gegenüberstehen. Ganz verständlich, daß sie endlich meiner vielen, immer wieder hinausgeschobenen Versprechungen müde geworden war, nun wirklich ein Wiedersehen herbeizuführen. Ganz verständlich, daß sie keine dieser Verabredungen noch ernst nahm und schwieg. Aber ich bin ja gekommen, um das alles wieder gut zu machen. Auf dem ersten Treppenabsatz fragt mich die junge Hausbesorgerin, zu wem ich wolle. Ich nenne den Namen von Mademoiselle. ., Sie... wohnt nicht mehr hier." Nicht? Bitte..., wo denn?" ,, Irgendwo bei Straßburg." ,, Ach! Was tut sie denn dort? Wissen Sie ihre Adresse?" ,, Oben wohnt eine Dame, die mit ihr befreundet war. Die kann Ihnen die Adresse geben. Ich bringe Sie hinauf." Befreundet war..., war.... Warum sagt die Frau denn nicht einfach befreundet ist? Warum sieht sie mich so merkwürdig an? ,, Bitte, sagen Sie mir: ist sie gestorben?" ,, Nein. Schlimmer. In der Maison de Santé, im Irrenhaus ist sie. Verrückt." Und dann ist alles wie ein Spuk. Wir stehen vor einer Tür. Die Frau läutet. Eine andre Frau öffnet. Spricht mich mit meinem Mädchennamen an. Ich kenne sie nicht; aber sie weiß von mir, erkennt mich nach den vielen Bildern, die hier von mir aufgehoben wurden, und wahrscheinlich noch mehr aus Mademoiselles Erzählungen. Eine Adresse brauche ich nicht mehr. Diese da ist leicht genug zu merken. Aber ich erfahre, daß Mademoiselle ungefähr um dieselbe Zeit, als ich meinen übermütigen Brief mit ,, Schloß St.- Quentin" datierte, geistig gestorben ist. Erster Sommertag, der schon den Keim des Herbstes trägt. Ueberm Friedhof treiben die ersten welken Blätter in der Luft. Der Wagen hastet vorbei. Wir haben ein andres Ziel. Den Friedhof für Lebende. Vielleicht ruhen sie dort auch aus. Haben sich ein Jenseits geschaffen, im selben Maße schön, wie ihr Leben hart und bitter gewesen ist. Und vielleicht ist ihnen, denen nach unsern Begriffen ,, nicht mehr zu helfen" ist, schon geholfen worden. Der Tag hat den Herbst noch einmal überwunden. Heiß liegt die Sonne über dem Park. Ueber seiner Einfahrt steht ,, Maison de Santé". Haus der Gesundheit. Die Formalitäten, außerhalb der Besuchszeit an solchem Ort notwendig, sind bald erfüllt. Ein junges Mädchen kommt und führt mich zu einem Pavillon. ,, Sie werden nicht viel Glück haben," bereitet sie mich vor ,,, sie ist nun schon vier Jahre hier und spricht nie ein Wort." Der Pavillon wird aufgeschlossen. Im Vorraum stehen zwei Nonnen und richten das Vesperbrot. Lächelnd danken sie für meinen Gruß, und ich werde in den Saal eingelassen. Ein heller, luftiger Krankensaal. ,, Bitte, hier, Mamsell Louise, Sie bekommen Besuch. Ihre Schülerin ist da." Nein! Das ist sie nicht. Das kann sie nicht sein. Meine Begleiterin muß sich irren. ,, Sie ist schon vier Jahre hier," wiederholt das junge Mädchen wie eine Lektion, räumt den Nachttisch ab und geht. Aufrecht sitzt die Angeredete im Bett. Weißes Haar ist zu einem lächerlich kleinen Zopf geflochten. Weißes Gesicht, in dem groß und dunkel die Augen stehen, das einzige, was noch an einen Menschen erinnert, den ich kannte. Das sind ihre Augen. Leicht verschleiert und in der Farbe getrübt, aber nicht die Augen einer Irren. Milde und wissend im Ausdruck. Um die schmalen Lippen ein Lächeln, das auf halbem das übrige Gesicht weiß Wege erstarrt ist. Nur der Mund nichts davon. Und in den Armen wiegt sie ein Paar Pantoffeln wie ein Kind. Leise sage ich meinen Namen. Frage, ob sie mich kennt. Keine Antwort. Ich wiederhole. Nichts regt sich in dem blut. Jeeren Gesicht. Sie wiegt die Pantoffel, Wie oft hat sie an meinem Bett gesessen. Nun sitze ich an ihrem. Aber sie weiß es nicht. Von Zeit zu Zeit sage ich mit schwindender Hoffnung meinen Namen. Doch sie sieht mich nicht. Hört mich nicht. Und nichts geschieht. Ich habe nicht erwartet, daß sie bei meinem Anblick geheilt aus dem Bett springen werde. Ich habe nur gehofft, in diese ewige Nacht einen kleinen Funken Freude, eine kleine lichte Erinnerung zu tragen. Hatte geglaubt, einen wenn auch noch so törichten Wunsch der Kranken zu erfahren, den man erfüllen könnte. Und nicht einmal das. Gar nichts. Meine Anwesenheit ist nichts weiter als Indiskretion. Unbefugtes Eindringen in ihr Geheimstes, lebenslang Verborgenes. In ihren Armen wiegt sie Pantoffel wie ein kleines Kind. Lächerlich hängt der weiße dünne Kopf herunter. Da spür' ich einen harten Griff an meinem Handgelenk. Eine herrische Bewegung, ich solle den Kopf herunterneigen. Eiskalte Finger gleiten über mein Gesicht, liegen auf meinem Hals. Zitterndes Tasten einer Blinden. Als ich wieder aufschaue, ruhen ihre Augen das erstemal ganz auf mir. Voll namenloser Trauer, als sei dieser Blick aus den Untiefen alles Wissens heraufgestiegen und habe Dinge geschaut von uferloser Einsamkeit. Immer noch hält sie meine Hand; aber sie bewegt dazu leise verneinend den Kopf. Eine einzelne Träne läuft ihr über die magere Wange, und die Kranke lächelt dazu schon wieder ihr totes Lächeln, das nicht bis zu den Augen dringt. Sie spürt nicht, daß ich die Träne behutsam trockne. Sie ist wieder weit fort von mir. Keine Hoffnung mehr. Ich bin ahgetan. So muß ich wohl gehen. Um sie nie wiederzusehen. Nicht einmal wann sie stirbt, werde ich wissen. ..Ich muß nun fort. Wollen Sie mir nicht nochmal die Hand geben, Mademoiselle?" Keine Antwort. Ein naher Mensch, der mir fast Mutter war, sitzt vor mir, hält meine Hand, lebt, atmet und spürt nicht, daß ich so von ihm nicht fortgehen kann. Eine Stimme, die nie log und nur gute Worte hatte, hat kein einziges mehr für mich. Ich will ja nicht viel, ich möchte von Ihnen nur meinen Namen hören, so wie Sie ihn aussprachen, beide Silben gleichmäßig betont. Mehr nicht. Dann könnte ich heute doch etwas von Ihnen mitnehmen, etwas, das man immer und immer aufbewahren würde. Glauben Sie doch, man hat das sehr nötig. Denn nur durch Ihre Fenster sieht es nach Sommer aus. Wie kalt es draußen ist, wissen Sie nicht mehr; denn Sie kamen ja hieher, um es zu vergessen. Vielleicht war das, was man sich scheut auszusprechen, immer ihre Sprache? Sie hebt den Kopf. Ihre Finger schließen sich fester um meine Hand, drücken sie mit großer Anstrengung. In ihrem Gesicht arbeitet es heftig, es ist nicht mehr leer, ihr Blick geht nicht mehr durch mich hindurch, er bleibt haften! Jetzt sieht sie mich wirklich, jetzt muß sie mich erkennen! Blitzschnell, ehe ich auch nur daran denken kann, auszuweichen, hat sie mir ihre beiden Pantoffel ins Gesicht geschleudert. Sofort sind die Wärterinnen neben ihr, wundern sich über den Ausbruch, der erste, seit sie in der Anstalt ist, beruhigen und besänftigen. ,, Aber Mamsell Louise! Was machen Sie nur! Das Fräulein kommt von so weit her, um Sie zu besuchen, und Sie werfen mit Ihren Schuhen! Aber Mamsell Louise!"* Wenn man sie schon ,, Mamsell" anredet wenigstens bei ihrem Vornamen dürfte man sie nicht nennen. Nicht vor mir darf man das sagen! Ehe sie hieher kam, konnte man bei ihr Mittwoch, 29. August 1934 lernen, daß man nicht lügen darf, daß Geld nur eine Sache ist, und tausend andre Dinge innerer Ordnungsliebe. Sie ist nicht ,, Mamsell Louise" für jedermann! Als seien sie ihr nur entfallen, hebe ich ihre Pantoffel auf und gebe sie ihr zurück. Aber ihre Augen blicken jetzt böse. Das eine ist halb geschlossen, ein unheimlich fremdes, tückisches, ein irrsinniges Auge. Und wieder wiegt sie die Pantoffel im Arm. Beginnt dabei zu reden. Wenn man es so nennen will. Kleine, summende Laute. Minutenlang. Dann nur noch summende Töne mit geschlossenem Mund. Kein Singen. Kein Sprechen. Keinem Tier vergleichbar. Das Ge sich zerwühlt von qualvoller, verbissener Anstrengung. Was will sie sagen? Was geht in ihr vor? Was weiß sie noch von sich? Sie sieht niemand. Sie hört niemand. Und es gibt für sie keinen Weg mehr zur Sprache. Hinten im Saal lacht eine Frau. Ein Lachen, losgelöst von jeglicher Empfindung, steht selbständig im Raum. Gehört zu keinem Menschen. Eine andre lallt mit alter, brüchiger Stimme Silben. Immer neue Silben. Paßt sie aneinander wie Bauklöge; aber sie ergeben kein Wort. Aus einem Bett, nahe dem von Mademoiselle, kommt keuchender Atem wie der einer schwer Sterbenden. Die Unglückliche stirbt so vielleicht schon seit Jahren und jeden Tag wieder und wird darüber sicher neunzig alt. Lachen, Lallen, Röcheln. Und vor mir die lauernden und bösen Blicke in den Ueberresten eines unver gessen lieben Gesichtes. Es ist eine Hölle. Ich kann nicht mehr. An der Tür erreicht mich eine Patientin. Ein junges, schönes Geschöpf. ,, Bitte, sagen Sie mir, sind Sie hier aus der Stadt?" ,, Nein." ,, Woher denn?" ,, Aus..., aus. GO Die Wärterin lächelt. Die Kranke weint. Und mir scheinen alle Worte gestorben. ,, Oh, Sie wollen es mir nicht sagen! Sie wollen nicht mit mir reden!" schluchzt das Mädchen. ,, Aber natürlich. Sehr gern. Solange Sie wollen. Ich komme aus Paris." ,, Aus Paris," wiederholt sie erschüttert mit einer ganz unwahrscheinlich süßen Stimme ,,, o Jesus! welche Gnade, daß Sie gerade aus Paris sind. Ich bitte Sie inständigst, fragen. Sie in Paris nach ihm! Sagen Sie ihm, daß ich trots allem immer noch an ihn denke, daß ich immer, immer auf ihn warten werde.... Oh, ich weiß, Sie werden ihn finden und ihm alles sagen." ,, Selbstverständlich will ich alles versuchen." ララ , Wie gut Sie sind... Bitte, sind Sie hier aus der Stadt?" Die Wärterin schließt die Tür auf, und ich gehe, ohne die bittend ausgestreckte Hand der menschgewordenen Solveig zu berühren und ohne den Kopf noch einmal zu wenden nach der, die fast meine Mutter war. Die guten Nonnen im Vorraum setzen das gebrauchte Kaffeegeschirr zusammen. Erkundigen sich, ob die Patientin mich erkannt habe, und sie lächeln nachsichtig, als sie sehen, wieviel Mühe ich habe, ihnen zu antworten. Die Stelle, wo mich die Pantoffel trafen, brennt. Warum, Mademoiselle, haben Sie sie erst heute und gegen mich geschleudert? Sie waren das Muster einer Tochter. Das Muster einer Schülerin. Das Muster einer Gouvernante. Und das Muster eines makellosen Lebens überhaupt. Nicht heute und nicht gegen mich hätten Sie die Pantoffel schleudern sollen. Sondern dem Leben mitten ins Gesicht, dem Leben, das, wie ein Körper, der nicht ohne Millionen von Bakterien auskommen kann, seine Makellosigkeit verträgt. Maurice stirbt für die Kommune Von Emile Zola Im Mittelpunkt des großen Romans von Emile Zola ,, Der Zusamenbruch" steht die Schilderung der Belagerung von Paris und der Pariser Kommune von 1871. Die Aufgabe der Stadt, die so vielen Entbehrungen ihrer Bewohner nicht länger standhielt, hat Emile Zola mit unvergleichbarer Darstellungskunst lebendig gemacht. Enttäuscht von der Niederlage, an Verrat glaubend, desertiert der junge Soldat Maurice und wird Soldat der Kommune. Er stirbt auf den Barrikaden der Kommunarden: von seinem Bruder Jean, der im Lager der Feinde steht, mit dem Bajonette durchbohrt. Wir drucken die entscheidenden Kapitel als Zeugnisse einer weltgeschichtlichen Auseinandersetzungen ab, gesehen durch das Temperament des großen Franzosen. Am Tage nach Sedan hatten die beiden deutschen Armeen begonnen, ihre Menschenfluten gegen Paris zu wälzen; die Maasarmee kam im Norden durch das Marnetal daher, indes die Armee des Kronprinzen von Preußen, nachdem sie die Seine bei Villeneuve Saint- Georges übersetzt hatte, auf Versailles losging und die Stadt im Süden umstellte. An dem lanen Septembermorgen, als General Ducrot, dem man das kaum auf die Beine gebrachte vierzehnte Korps anvertraut hatte, beschloß, die Armee des Kronprinzen während ihres Flankenmarsches anzugreifen, erhielt Maurice, der mit seinem neuen Regiment, dem hundertundfünfzehnten, in den Wäldern links von Meudon lagerte, erst dann Marschbefehl, als die Niederlage schon gewiß war. Einige Granaten hatten genügt; eine furchtbare Panik war in einem aus Rekruten zusammengesetzten Zuavenbataillon ausgebrochen, der Rest der Truppen wurde mit fortgerissen, und es trat eine solche Unordnung und Zerrüttung ein, daß die kopflose Flucht erst hinter den Wällen, in Paris, halt machte, wo die Bestürzung grenzenlos war. Alle Stellungen vor den Forts im Süden waren verloren; und noch am selben Abend wurde der letzte Faden, der die Stadt mit Frankreich verband, der Telegraf der Westbahn, abgeschnitten. Paris war von der Welt losgetrennt. Das war für Maurice ein Abend voll schrecklicher Traurig keit. Wenn die Deutschen es gewagt hätten, so hätten sie nachts schon auf dem Karusselplate lagern können. Aber das waren Leute von größter Vorsicht; zu einer Belagerung nach allen Regeln der Kriegskunst entschlossen, hatten sie bereits die Hauptpunkte der Einschließung genau festgesetzt: die Kette der Maasarmee im Norden von Croissy über Epinay bis zum Meere, dann die andere Kette der dritten Armee im Süden, von Chennevieres bis Chatillon und Bougival, während das preußische Hauptquartier, der König Wilhelm, Graf Bismarck und General von Moltke in Versailles regierten. Die riesenhafte Einsperrung, an die man nicht geglaubt hatte, war eine vollendete Tatsache. Diese Stadt mit ihrer achteinhalb Meilen langen, durch Bastionen verstärkten Ringmauer, mit ihren fünfzehn Forts und ihren sechs vorgeschobenen Schanzwerken stak nun wie in einem Gefäng nis. Die Verteidigungsarmee zählte nur das von General Vinoy gerettete und zurückgebrachte dreizehnte Korps, das in Bildung begriffene vierzehnte Korps unter General Ducrot, beide zusammen mit einem Mannschaftsstand von achtzigtausend Leuten, zu denen man die vierzehntausend Marinesoldaten, die fünfzehntausend Mann der Freikorps und hundertundfünfzigtausend Mann von der Mobilgarde rechnen mußte, abgesehen von den dreimalhunderttausend Nationalgardisten, die auf die neun Abschnitte der Festungswälle verteilt waren. Wenn aber auch ein ganzes Volk beisammen war, so fehlen doch kriegstüchtige, an Mannszucht gewöhnte Soldaten. Man rüstete die Leute aus und drillte sie; Paris war nur noch ein unermeßliches verschanztes Lager. ( Fortsetzung folgt.) Sorgen in USA Ein aufschlußreicher Brief aus Neuyork Massenelend und Massenhilfe Die Family Welfare Association, der Reichsspitzenverband der öffentlichen und privaten Familienfürsorge umfaßt rund 300 selbständige Mitgliedsorganisationen. Die Verbindung mit ihnen besteht im Wesentlichen in der Herausgabe einer Monatszeitschrift und eines Nachrichtenblattes, in der Beantwortung unzähliger, ratloser Briefe, in der Stellenvermittlung und in der örtlichen Beratung durch eine Reihe von Bezirkssekretären, die ständig in ihrem Gebiet herum= reisen. Dazu werden viel zwischenörtliche und zwischenstaatItche Zusammenfünfte organisiert, von Wochenendtreffen bis zu vier- bis achtwöchentlichen Instituten. Der Bildungshunger ist unbeschreiblich groß. Die Zentrale wird überschwemmt von dringendsten Gesuchen nach Material aller Art, Spezialliteratur, örtlicher Beratung und Ausbildungsveranstaltungen. Die einschlägigen Fragen stecken hier noch ganz in den Kinderschuhen, aber sind ungeheuer aktuell. Man ist oft ziemlich ratlos und greift freudig andersartige Gedankengänge und erprobte Methoden auf. Es ist manchmal ganz überwältigend, zu erkennen, wie wenig Amerika es bisher nötig hatte, sich mit den Fragen der Massenhilfe vertraut zu machen: Alle ihre Erfahrungen beziehen sich auf Formen der Einzelhilfe, wie sie sich eben nur ein sehr wohlhabendes Land leisten konnte, die oft restlos versagen gegenüber dem heutigen Massenansturm der Erwerbslosen aller Altersstufen. Eine öffentliche Arbeitslosenfürsorge gibt es ja hier erst seit eineinhalb Jahren. Sie mußte von vornherein riesenhaft groß aufgezogen werden, und tatsächlich steigen auch heute noch die Zahlen der Unterstützungsempfänger. Neuyork- Stadt gibt allein monatlich 18 Millionen Dollar nur an Erwerbslosenunterstützung aus, dabei sind die Leistungen im einzelnen unbeschreiblich schlecht. Miete wird fast nirgends als notwendiger Lebensbedarf anerfannt. Nur obdachlose Familien erhalten Miete für einen Monat, um sich neue Unterkunft zu sichern. Mit einziger Ausnahme von Neuyork( seit dem 1. 6.) und San Franzisko wird im ganzen Lande von öffentlichen Stellen an Erwerbslose fein Pfennig Geld ausgezahlt: die gesamte Hilfe wird in Form von Gutscheinen und Lebensmittelpaketen geleistet mit dem entsprechend ungeheuer fomplizierten Verwaltungsund Abrechnungsappart. Keiner der Erwerbslosen hat auch nur einen Pfennig für Fahrgeld, kleine Beschaffungen, Taschengeld oder ähnliches, es sei denn aus Schwarzarbeit. Auch die ärztliche Hilfe ist ganz unzureichend ge= fliniken, die natürlich mit der Zunahme der Unterstützungsempfänger nicht entsprechend schnell ausgebaut werden fonnten. Heranziehung der Privatärzte für deren Versorgung ist erst eine Entwicklung der allerletzten Monate und nur ausnahmsweise in bescheidenstem Umfange erlaubt. TOW und Verwertung der Lebensmittel beraten, hat viel Glend fennen gelernt und auch wieder die spassigsten und primitivsten Behelfe von Naturkindern, die zwar in USA. leben, aber ihre alte Heimat in Galizien, Porto Rico, China, Afrika oder Irland und deren Gebräuche nicht vergessen haben. Später hat sie bei einer Wohnungsenquete mitgeholfen, bei der Unterlagen gesammelt wurden, um brauchbare Vorschläge für billige Neubauwohnungen und deren Ausstattung vorzubereiten. Das Interesse für ein gemeinnütiges, aus Reichsmitteln stark gestütztes Wohnungsbauprogramm ist hier der letzte Schrei. Eine ganz unerhörte Neuerung für USA. und natürlich auch ein böser Zankapfel der Interessenten. Das einzig Positive, was bisher geschehen ist, ist der Abbruch vieler mehr als baufälliger Gebäude, die Seuchenherde und Feuerfallen waren, aber trotzdem dicht bevölkert. In Vorbereitung des Neubaues hat man diese Häuser einstweilen mit Hilfe von Notstandsarbeitern abgerissen, legt provisorisch Spielpläße an und schreibt über jeden Abbruch einen begeisterten Artikel. Im ganzen jedenfalls ein erfreulicher Fortschritt. Das Reich hat hier seit dem vorigen Sommer ein Klein: und Randsiedlungsprogramm, das beim Innenminister zu= ständig ist: Mit Hilfe eines 25- Millionen: Dollar- Fonds schwebt noch die Spüle. Das ganze ist eine moderne Kleinfüche kompaktester Art, und für den kleinen P. nur mit einem Letterchen benutzbar. Aber wir sind sehr zufrieden, wenn nicht gerade die gesamte Müllabfuhr Neuyorks die ganze Nacht am Hause vorbeifährt, weil die Straße so schön breit ist. Neuyork ist eine fabelhaft bunte und amüsante Stadt. Man braucht keinerlei andere Abwechslung als kleine Abendspaziergänge durch die Armenier- oder Griechen- oder Russenoder Juden- oder Italienerviertel und in dem Bezirk gleich hinter unserer Wohnung, wo das internationale Künstlervolf haust, und den man furz und schlecht das„ Dorf" nennt. Ein phantastisches Dorf allerdings, in dem es nie Nacht wird, in dem man mit Leichtigkeit zwischen 2 und 4 Uhr morgens Eiscreme, Pasteten, eine Zahnbürste oder einen Schundroman faufen fann, und wo die Kuriositäten aller Völker der Welt in den amüsantesten Läden feilgehalten werden. Anfang Juni war hier der übliche Künstlermarkt: Hunderte von Künstler hatten buchstäblich Tausende von Delgemälden, Aquarellen, Graphiken und Plastiken aller Art an die Zäune und Häuserwände angeheftet und saßen eine ganze Woche lang auf fleinen Apfelsinenkisten ganz friedlich davor und hörten sich an, was die Leute von ihnen und ihren Werken hielten. Alles war übersät von Schaulustigen, fritischen Freunden der Aussteller and wahrscheinlich auch von höchst Sachverständiaen, die mit Notizbüchern bewaffnet herumſtanden. Dazwischen konnte man sich an allen. Ecken und Enden für 50 Cent oder auch für 2 Dollar abkonterfeien lassen. Es war wirklich ein Hochgenuß. Dazu die schönste Sonne, und die Bäume in erstem Grün. sollen Mastersiedlungen von 100 bis 200 Gehöften befchafft Die Grundstimmung helter werden, und man hofft, daß später ähnliche Bestrebungen ans Privatmitteln oder vielleicht auch aus Anleihen aufgenommen und weiter verfolgt werden. Ein Teil der Siedlungen ist für Erwerbslose aus den verlassenen Bergwerksgebieten oder sonstigen Elendsgebieten bestimmt, die umgesiedelt werden sollen. Andere sind mehr Randsiedlungen in deutschem Sinne im Anschluß an große Mittelstädte, für Kurzarbeiter gedacht. Die selbständigen Siedlungen haben viele genossenschaftliche Züge und setzen eine recht idealistische Einstellung der Siedler voraus. Vielleicht werden sie an den allzu hoch gespannten Forderungen scheitern. Doch sind die Grundstücke sehr sorgfältig ausgewählt, meist bester Boden, gute Verkehrslage, die Häuser ansehnlich und die Zahlungsbedingungen sehr günstig. Dazu sind wenig stens auf dem Plan ganz moderne Schulgebäude und Gemeinschaftsräume vorgesehen, Anleitung in handwerklichen Din gen, ein sehr weitreichendes Fortbildungsprogramm, selbst= verständlich landwirtschaftliche und gärtnerische Anleitung, furz ein wahres Musterprogramm für die Mustersiedlung. Daß die Sache noch lange nicht klappt, sei nur nebenbei erwähnt. regelt. Fast allgemein nur durch rasend überfüllte Boli Das bunte Neuyork Man kennt hier nicht das Bestreben, die natürlichen Beziehungen zwischen Konsumenten und Produzenten möglichst unberührt zu lassen, auch dann, wenn der Konsument auf öffentliche Hilfe angewiesen ist. Im gleichen Augenblick wird er vollständig aus dem Wirtschaftsleben herausgelöst und ist ungefähr mit all seinen Bedürfnissen auf fünstliche, meist nur unzulänglich finanzierte Hilfseinrichtungen zu ihrer Versorgung angewiesen. Man geht so weit, daß aus Reichsmitteln Selbsthilfe= genossenschaften von Erwerbslosen in ziemlichem Umfange unterstützt werden, die allerhand Dinge des täglichen Be= darses selbst produzieren und untereinander, sogar über: örtlich, in großem Maßstabe austauschen. Bergarbeiter senden Kohlen und erhalten dafür Kartoffeln und Mais, Schreiner bauen Möbel und tauschen gegen sie Anzüge um und ähnliches. Dies wird nicht als eine AbTenfung und im Sinne der Freizeitbeschäftigung betrachtet, sondern als eine produktive Angelegenheit mit dem Ziel der möglichst preiswerten Befriedigung aller Wirtschaftsbedürf= nisse durch die Erwerbslosen selbst, als mehr und mehr isolierte, beinahe aufgegebene Bevölkerungsschicht. Im Gegensatz hierzu stehen höchst radikale Reformvorschläge der Regierung und der Fachkreise für Einführung aller möglichen Sozialversicherungen und sonstiger durchgreifender Maßnahmen. Aber schließlich weiß jeder, daß die Dinge auf dem Papier stehen bleiben. Siedlungsreformen P. hat mehrere Monate ehrenamtlich in einer örtlichen Fürsorgestelle gearbeitet und Familien in bezug auf Einkauf 1834-1934 Jahrhundertfeier der ,, Dorsetshire Labourers"" Vor einem Jahrhundert, im Februar 1934, wurden in dem fleinen Dorf Tolpuddle in Dorsetshire am frühen Morgen sechs Landarbeiter verhaftet. Sie wurden in Dorchester ins Gefängnis geworfen und später zu sieben Jahren Deportation nach einem überseeischen Lande verurteilt. Weshalb? Waren es Verbrecher? Nein, diese armen Tagelöhner, von denen vier verheiratet und die alle ebenso fromm wie arbeitsam waren, hatten es unternommen, eine Gewerkschaft zu gründen! Die Landwirte, in deren Dienst sie standen und die in Gegenwart des Pfarrherrn von Tolpuddle zusagten, die in der Gegend üblichen Löhne zu zahlen, d. h. 10 Schilling die Woche, hatten ihr Versprechen gebrochen. Die Landwirte von Tolpuddle nahmen ihre Zusage zurück. Der Pfarrherr unterstützte sie. Die Arbeiter waren gezwungen, sich mit 9 Schilling die Woche, später mit 8, ia sogar mit 7 Schilling zu begnügen. Als neue Besprechungen mit den Landwirten statt= fanden, forderten diese, daß sich die Arbeiter mit einem Wochenlohn von 6 Schilling zufriedengeben. Als Gegenmaßnahme gründeten die Arbeiter des Dorfes eine Gewerkschaft. Lange nachdem die Organisation gegründet worden war, veröffentlichten die Behörden von Dorchester eine übri= gens völlig falsche Mitteilung, wonach die Mitgliedschaft bei einer Gewerkschaft ein Verbrechen sei, das mit Deportation bestraft werde. Zwei Tage nach dieser Bekanntmachung wurden die sechs Arbeiter verhaftet, als sie in der Dunkelheit eines Wintermorgens ihre Hütten verließen, um sich zur Arbeit zu begeben. Um die Verhafteten zu strafen und die anderen Arbeiter des Distrikts, die sich der Gewerkschaft anschlossen, hatten die Behörden einen Prozeß ausgeflügelt, wobei ihnen von Viscount Melbourne, dem britischen Innenminister. Rat und Führung zuteil wurde. Zu diesem Zwecke wurde u. a. ein Parlamentsbeschluß ausgegraben, der im Jahre 1824 zum Gesez erhoben worden war und mit der Gewerkschaftsfrage in feiner Weise zu tun hatte. Die Wohnungsfrage in Neuyork ist recht schwierig, wenn man herzlich wenig Geld hat, und wir haben lange gebraucht, bis wir eine erträgliche Bleibe fanden. Seit Januar hausen wir in einer Atelierwohnung an einem der hübschesten Grünpläße des unteren Manhattan, mit wirklich feiner Aussicht über Bäume hinweg auf eine Kette von Wolkenkrabern, die die ganze Nacht hindurch strahlen und funfeln. Küche und Bad zusammen sind so groß, wie in der alten Heimat eine vernünftige Speisekammer. Der elektrische Herd ist auf dem Eisschrank, der gleichzeitig als Tisch dient, und oben drüber Die Grundstimmung hier erscheint uns immer noch heiter, und man ist hier irgendwie leichtlebiger als im alten Europa. Ueberall wimmelt es von hübsch angezogenen Mädchen, und jeder scheint irgendwie lustig und lärmend, wenigstens nach außen hin. Den 14 Millionen Erwerbslosen ebenso wie vielen anderen geht es allerdings bitter schlecht, aber es muß auch darunter viele geben, die ihr Los noch nicht ganz tragisch nehmen und man spürt wenig Verbitterung. Dafür fann man, wenn man spät nach Hause kommt, obdachlose Männer in den dunkleren und etwas abseitigen Straßen zu vielen Dußenden in den Toren und flach auf der Straße liegen sehen, nur mit Zeitungspapier bedeckt und auch unter dem Kopf einen Ballen alter Zeitungen, die sie wahrscheinlich aus den Papierkörben in den Parks gerettet haben. Man läßt fie rubia schlafen und fümmert sich nicht um sie, solange sie nicht Krach machen. Andere fahren, besonders im Winter, den ganzen Tag auf der Unterarundbahn hin und her, wo es schön warm ist. Bei einigem Geschick fann man das für 5 Cent durchführen, wenn man nämlich die richtigen Bahnhöfe zum Umsteigen und Zurückfahren weiß. ohne auf eine Sperre zu stoßen. Auch in den Untergrundbahnhöfen schlafen viele Erwerbslose, bis man sie um etwa 2 Uhr nachts von dort herousweist. Es werden gewaltige Anstrengungen zur Arbeitsbeschaf= fung aemacht, aber irgendwie klappt der Laden nicht, wenn auch immer die Programme wunderschön aussehen. Man merkt an allen Ecken und Enden das Fehlen eines geschulten Berufsbeamtentums, insbesondere in den Gemeindevermaltungen, die schließlich die Dinge ja alle durchführen sollen. Viele andere Programmpunkte werden nie verwirklicht, weil sie irgendwie unpopulär sind und gegen einflußreiche Intereffenten verstoßen der amerikanische Bolitiker muß sich alle 3 bis 4 Jahre zur Wahl stellen. da kann er sich unpopuläre Maßnahmen einfach nicht leisten. Krisenzeichen in Nordamerika Drohender Riesenstreik Washington, 28. August. Die Vereinigung der Textilarbeiter hat den Generalstreif in der amerikanischen Textilindustrie ab 4. September, das ist der auf den Tag der Arbeit" folgende Tag angeordnet. 500 000 Tertilarbeiter sollen sich an diesem Streif beteiligen, und 30 000 Arbeiter aus der Seiden- und Wollindustrie werden wahrscheinlich in einen Sympathiestreit treten. Dieser Streif ist auch nur Ausdruck der schweren Wirtschaftsfrise, von der ganz Amerifa heimgesucht ist. Zu den durch die wirtschaftliche Lage selbst geschaffenen Schwierigfeiten kommen noch jene durch Naturereignisse verursachten Schäden und Schwierigkeiten hinzu. So sind in Kanada, im Gebiete Saskatchewan, allein 40 000 Familien, das sind also etwa 200.000 Menschen durch die Trockenheit ruiniert. Die englischen Behörden denn es handelt sich um englisches Dominium beabsichtigen 15-20 Millionen Dollar zur Unterstützung der notleidenden Farmer zu geben. Außerdem Auf Grund dieses Gesetzes wurden die sechs Männer zu sieben Jahren Deportation verurteilt, einer barbarischen Strafe, die sonst nur für die schlimmsten Verbrecher an Stelle der Todesstrafe vorgesehen war. Die sechs Arbeiter hatten jedoch kein Verbrechen begangen. Noch bei der Einschiffung erklärte ihr Führer, George Loveleß, wahrheitsgetreu: Wir haben keines Menschen Ehre, Charakter oder Besitztum angetastet. Wir haben uns zusammengetan, um uns felber, unsere Frauen und Kinder vor der schlimmsten Erniedrigung zu bewahren." Die schwere Bestrafung dieser Gewerkschaftler erzeugte einen Sturm der Entrüstung. Im ganzen Lande wurden Protestversammlungen abgehalten. Ein Zug von zweihunderttausend Arbeitern marschierte durch London, um der Regierung eine Bittschrift um Aufhebung der Strafe zu um Au unterbreiten. Die sechs Verurteilten wurden jedoch in einem Depor= tiertenschiff nach Australien geschafft, wo sie unter schlimm= ster Brutalität und Unterdrückung als Zwangsarbeiter be= schäftigt wurden. Aus ihren Leiden und Opfern schöpften die Gewerkschaften die Kraft, die die Arbeiterbewegung der Welt groß ge= macht hat. Um diese tapfern Männer zu ehren, wird der Britische Gewerkschaftsbund im Jahre 1934 feierlich der Leidenszeit der sechs Dorsetshire Labourers gedenken. Es werden verschiedene Erinnerungsfeiern stattfinden. die fast alle in Dorsetshire abgehalten werden. Diese Veranstaltungen werden gipfeln im Britischen Gewerkschaftsfongreß, der vom 3. bis 8. September d. J. in Weymouth, Dorsethire, stattfinden wird. Nachstehend geben wir eine Uebersicht der Erinnerungsfeierlichkeiten: 1. Einweihung von sechs vom Britischen Gewerkschaftsbund errichteten Arbeiterhäusern, von denen jedes einen Namen der sechs Märtnrer tragen soll. Diese Wohnungen werden zunächst von betagten Landarbeitern bewohnt werden, die in der Gewerkschaftsbewegung tätig waren. 2. Enthüllung eines Denkmals auf dem Grabe von James Hammet( Hammet war der einzige der sechs Arbeiter, der in Verwüste e Getre'deprovinzen aber werden zu dem gleichen Zwecke in allen Kreisen der amerikanischen Bevölkerung große Sammlungen veranstaltet. Die Verwaltung der Provinzen Manitoba, Saskatchewan und Alberta prüft die Möglichkeiten, die durch die Trockenheit verwüsteten Getreidefelder in Wiesen und Waldgelände umzuwandeln; der Landwirtschaftsminister prüft die verschiedenen Grasarten, um festzustellen, welche Sorte sich am besten zur Anpflanzung auf diesem von Stürmen bedrohten Boden eignet. Die Eisenbahnverwaltung hat die Gebühren für den Transport von Futtermitteln nach den verwüsteten Gebieten und ebenso die Gebühren für den Pferde- und Viehtransport nach den verschont gebliebenen Landesteilen her= abgesetzt. Trotzdem wird ein großer Teil des Viehs geschlachtet werden müssen. Auch die Auswanderung aus den durch die Trockenheit verwüsteten Gebieten hat eingesetzt; sie wird sich aber auf einige hundert Familien beschränken müssen, denn es gibt im Norden nicht mehr viel freies Land. England blieb; die anderen wanderten nach ihrer Befreiung nach Kanada aus. Er wurde im Friedhof von Tolpuddle begraben). 3. Ginweihung einer Gedenktafel für das Häuschen, in dem die Märtyrer von Tolpuddle die Sizungen ihrer Ortsgruppe abhielten. 4. Aufführung eines Festspiels, das die ganze Geschichte der sechs Männer dramatisiert. Das Festspiel ist von einem be= fannten Schauspieldichter geschrieben worden. Es wird während der Erinnerungsfeierlichkeiten in Dorchester mehrere Male aufgeführt werden, ferner während der Kongreßwoche in Weymouth. Die Darsteller sind fast ausschließlich Personen, die in der Grafschaft Dorchester leben. 5. Internationale Arbeiter- Olympiade. Abgesehen von Fußballwettkämpfen zwischen Gewerfichaftern des Kontinents und den besten Mannschaften des Britischen ArbeiterSportverbandes werden allerlei andere Wettkämpfe stattfinden( Laufen, Hochsprung, Radrennen usw.). Ferner wird ein Tenniswettkampf abgehalten werden, für den wir gute Spieler zu verpflichten hoffen. Es werden mehrere Becher zur Verteilung gelangen, ferner Gold, Silber- und Bronzemedaillen sowie andere Preise. 6. Große Domonstrationen in Dorchester. Aehnliche Demonstrationen werden gleichzeitig von den Gewerkschaftern in den Vereinigten Staaten, Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland organisiert werden. 7. Wettkämpfe für Blasorchester. Es werden voraussichtlich 20-30 Vereine teilnehmen. Es sind gemeinsame Aujiührungen dieser Korps vorgesehen; ferner sollen speziell für die Jahrhundertseter komponierte Musikstücke gespielt werden. 8. Veröffentlichung einer schön eingebundenen Erinne rungsgeschichte, in der die Geschichte der Märtyrer vi Tolpuddle von bekannten Graphikern illustriert wird. Fast jede Seite des Buches wird Illustrationen, Drucke, Tabelle usw. enthalten. Dieses Werf machte große und eingehende Erhebungen nötig, so in Australien und Kanada. In dicien Zusammenhang ist eine große Menge unveröffentlichten Materials beschafft worden. 9. Herstellung eines künstlerischen Medaillons. das auf Grund eines speziellen Wettbewerbs von Kunstschülern und Mitgliedern der Arbeiterbewegung zur Auswahl gekangt, Die Schweiz will nicht erlöst werden 24 Paris, 27. August. Von unserem Korrespondenten Der Genfer Sonderberichterstatter des Jour", Michel Pobers, spricht in diesem Blatte von der„ Gefräßigkeit der Nazis", die die Schweizer für ihre Neutralität fürchten lasse und sie zwinge, ihre Abwehrmittel zu verstärken. Am Schnittpunkt Mittel- und Westeuropas gelegen, Nachbarin dreier Diktaturländer, sei der kleinen Schweizer Demokratie durchaus nicht wohl zumute. Sehr groß sei das Mißtrauen besonders der Bewohner der deutschsprachigen Kantone gegenüber der Politik des dritten Reiches". Troß aller Freundschaftsbeteuerungen der Hitlerregierung sprächen zahlreiche alldeutsche Veröffentlichungen von der alemannischen Schweiz als einer Sektion des Deutschtums, die mit dem Deutschland von morgen vereinigt werden müsse. Man habe nicht gewisse Kundgebungen, z. B. die von Lörrach vergessen wenige Kilometer von der Schweizer Grenze wo man eine Abteilung Nazis mit dem Bundesbanner habe beobachten können, welche die„ deutschen Brüder, die vom Mutterlande abgetrennt" seien, dargestellt hätten. Vergessen habe man auch nicht die Bildung einer Schweizer Sturmabteilung in Berlin, die unter Führung eines dunklen Abenteurers stehe. Die zahlreichen Grenzzwischenfälle hätten Anlaß zu einer Demarche des Bundespräsiden= ten Motta bei Herrn von Neurath gegeben. Der Pressekon flift- da die meisten Schweizer Zeitungen in Deutschland verboten seien, habe der Bundesrat seinerseits den Vertrieb des„ Völkischen Beobachters" und andrer Hitlerblätter Auslandsdeutsche! Vermögenswerte, in Deutschland blockiert. ( Immobilien Hypotheken, Sperrmark usw.) werden zu sehr günst. Beding. übernommen. Offert. unt. Nr. 50152 an Agence Havas. Metz,( Mos.). Insecatenannahme FÜR STRASBOURG Librairie Populaice 2, RUE SEDILLOT 2 HINTER DER BORSE Der Mord am Rhein Nazipresse gibt ihn zu Mannheim, 28. August. Die Straßburger katholische Zeitung„ Elsässer Bote" veröffentlichte vor mehreren Tagen Beobachtungen, die ein Fischer auf der französischen Seite des Rheins am Kilometerstein 135,400 gemacht hatte:„ Der Fischer sah am gegenüberliegenden badischen Rheinufer sieben Männer auftauchen, von denen drei die Uniform der Nazis trugen. Die drei Uniformierten schlugen auf einen jungen Mann mit schweren Knüppeln ein. Der Unglückliche schrie mehrmals:„ Mama!"," Mama!" und rollte dann be= wußtlos die Böschung hinab... Der Mann fiel in den Rhein und wurde von der Strömung abgetrieben... Die Mörder beseitigten nach vollbrachter Tat in aller Ruhe die Blutspuren und entfernten sich." Das Mannheimer Hafenfreuz: ner" ver, ut Bericht ut cementieren und-bestätigt ihn:„ Ein junger, etwas beschränkter Bursche von 18 Jahren... war von einigen Bauern dabei ertappt worden, als er in den Feldern am Rheinufer Rüben ausriß. Da dies nicht der erste schlechte Streich war, den der Bursche den betreffenden Landwirten spielte, fielen diese in ihrem Zorn über ihn her und verabreichten ihm eine gehörige Tracht Prügel. Die ergrimmten Bauern warfen dann den jungen Freymüller... in den Rhein." Das Blatt behauptet, die Bauern hätten gewußt, daß der Junge schwimmen fonnte und sagt weiter, daß er wieder ans badische Ufer gelangt sei.„ Er nahm dann die Beine in die Hand, um sei,, Deutsche Freiheit" Abonnementspreise: Amerika Argentinien Belgien Dänemark England Frankreich Holland Italien Luxemburg Neubelgien ( Eupen- Malmedy) Oesterreich Palästina Polen Rumänien Rußland Saargebiet Schweden Schweiz Spanien im Zustell Monat gebühr Dollar 1,-0,50 Peso 3,-1, belg. Fr. 15, 5,30 Kr. 3,70 2,30 sh 4, 1,10 fr. Fr. 12,-3,75 fl. 1,50 0,40 Lire 10,-5, belg. Fr. 15,- 5:30 belg. Fr. 12,- 5,30 ( verboten) sh ( verboten) Tschechoslowakei 4,-1,10 Lei 90, 30, Rubel 1, tr. Fr. 12,- 7,50 Kr. 2,60 1,70 2,40 0,80 6,-2, schw. Fr. Peseta Kr. 30,-15,50 Bei Zusendung unter Kreuzband durch die Post sind die Portogebühren vom Besteller mit dem Abonnementsbetrag zu entrichten 20 untersagen müssen habe die öffentliche Meinung sehr Darstellung des entscheidenden Abschnitte der zeitgenössischen Geschichte. Es ist ein politisch hochaktuelles und gleichzeitig historisch abgerundetes Werf. erregt. Die Tätigkeit gewisser Hitleragenten, die die polis BRIEFKASTEN tischen Flüchtlinge überwachten und eine recht ungeschickte Propaganda trieben, habe etwa zehn Ausweisungen möglich gemacht. Eine Tatsache, die für die Methoden der Hitlerpropaganda in der Schweiz ziemlich bezeichnend sei, sei kürzlich von der Basler„ Nationalzeitung" aufgedeckt worden: es zeige sich, daß ein in einem großen Schweizer Wochenblatt erschienener Artikel, der den Gedanken der Schaffung von Befestigungen an der Schweizer Nordgrenze bekämpft habe, nur eine Wiedergabe von entsprechenden Artikeln gewesen sei, die in der deutschen Presse erschienen seien... Endlich habe und das habe am meisten die öffentliche Meinung Deutschland gegenüber beeinflußt die Schweizer Polizei am 24. Jult, einen Tag vor dem Mord an demt Bundeskanzler Dollfuß und dem Wiener Putsch geschmuggelte Explosivstoffe entdeckt, die auf dem Bodensee von Deutschland nach Desterreich hätten geschafft werden sollen. Man müsse bis in die Kriegsjahre zurückgehen, um eine ähnliche brutale Verletzung der Souveränität der Schweiz zu finden. Der Schweizer Bundesrat habe deshalb in Berlin Schritte unternommen. Die von der Polizei von St. Gallen festgenommenen Verbrecher würden im Herbst vor Gericht erscheinen. Der Prozeß werde nur das Bewußtsein der Gefahr verstärken, die die neuen Methoden der auswärtigen Politik Deutschlands für die Schweizer Neutralität bedeuteten. nen erzürnten Verfolgern zu entfommen", womit das ,, Hakenkreuzbanner" zugibt, daß der Junge auch nach seiner unerwarteten Rettung vor der nationalsozialistischen Terror= folonne nicht sicher war und daß es nicht ihr Verdienst war, wenn es schließlich bei den Mißhandlungen und dem Mordversuch geblieben ist. Ein außenpolitisches Buch Die Auswärtige Politik des Dritten Reiches. Von Dr. Max Beer. 171 Seiten, Preis: brosch. Fr. 5,-, in Leinwand gebunden Fr. 7,-. Polygraphischer Verlag A.-G., Zürich. 1934. Selten läßt sich von einem Buche mit größerer Berechtigung sagen, daß es zur richtigen Stunde erscheint, eine empfindliche Lücke ausfüllt und eine Tat ist: Die auswärtige Politik des dritten Reiches" in folge= richtiger Zusammenfassung, übersichtlich und knapp, in flarem Aufbau der wesentlichen Tatsachen und Gedankengänge, mit ernster Ruhe und doch mit großem Schwung dargestellt, aus der Feder eines international anerkannten politischen Schriftstellers, der als hoher Völkerbundsbeamter in der Stresemann- Zeit, als publizistischer und außenpolitischer Ratgeber fast aller früheren deutschen Regierungen seit der Kriegszeit, in diplomatischen und journalistischen Streisen eine Autorität ist. Während des Krieges wurde er als Verfasser von Werken über den Kriegsursprung und die Kriegsziele bekannt, in denen er lebhaft die deutsche Politik verteidigte. Vor zwei Jahren erregte sein Völkerbundsbuch " Die Reise nach Genf" Aufsehen. Auch die Schrift über die„ Auswärtige Politik des„ dritten Reiches", wenn sie auch in erster Linie ein sachlich und historisch eingestelltes Wert ist, geht von starf nationaler Gesinnung aus. Es ist die Arbeit eines deutschen Politikers, der aus seiner reichen außenpolitischen Erfahrung schöpft, um das Land vor der Katastrophe zu warnen. Denn das Bild, das er von der deutschen Außenpolitik zeichnet, ist bei aller Mäßigkeit erschütternd. Wir erleben zunächst in großen Zügen die mühsame Wiederaufbaupolitik der „ Ersten Deutschen Republik", um dann in die überschwänglichen Visionen der außenpolitischen Doktrine des dritten Reiches" eingeführt zu werden. Wir erhalten einen fesseln den Einblick in die außenpolitische Propaganda und den außenpolitischen Apparat des neuen Deutschlands. In packenden Schilderungen ziehen hierauf die sichtbarsten Mißerfolge der neuen Außenpolitif an uns vorüber: Der Austritt aus dem Völkerbund, der Bruch mit der Minderheitenpolitik und der Korridorpolitif, das Ringen um die Saarabstimmung, der österreichisch- deutsche Bruderkrieg bis nach dem Tode des Kanzlers Dollfuß. In sorgfältiger Analyse werden dann die außenpolitischen Initiativen des„ dritten Reiches", die als Erfolg wirfen konnten, geprüft und negativ beurteilt; das Konkordat, der Viermächepakt, das Polenprotokoll und die Wehrpolitif, deren gerechte Forderungen nachdrücklich unterstrichen, auf deren Gefahren aber flarblickend hingewiesen wird. Auf die großen politischen Zusammenhänge eingehend, beleuchtet der Verfasser schließlich kritisch die Stellung des ,, dritten Reiches" innerhalb des europäischen Systems, vor= nehmlich sein Verhältnis zu Rußland, Italien, England, Frankreich. Er erreicht den Höhepunkt seiner Darstellung mit einer hinreißenden Schilderung der gerade für das Reich verhängnisvollen Großen Illuſion": Bündnispolitisches Denken statt völkerbundliches Denken. Nach eindrucksvollen Formulierungen der wesentlichen Forderungen einer gesunden, europäisch eingestellten deutschen Außenpolitif, endet das scharfsinnige und aufwühlende Buch mit dem Tode Hindenburgs und der Uebernahme der Gesamtmacht durch Adolf Hitler. So bietet es eine in sich abgeschlossene K. R., Brüssel. Der Chef des Ausländer- Departements beim bef gischen Justizministerium erklärte dem JTA.- Vertreter, Belgien set nicht mehr in der Lage, weitere Flüchtlinge aus Deutschland aufzunehmen. Flüchtlinge, die in Belgien einer Beschäftigung nachgehen, werden sofort des Landes verwiesen, es sei denn, daß sie neue Industriezweige in Belgien begründen. Gegenwärtig leben in Belgien etwa 1000 bis 1200 Flüchtlinge aus Deutschland. 2. v. C. Wir danken Ihnen für die Uebersendung des„ Posener Tageblattes", das bisher unbekanntes Material zur Familiengeschichte Hindenburgs veröffentlicht. Danach wählte der Vater des Generalfeldmarschalls beim Eintritt in das preußische Heer gerade ein Posener Regiment, weil in dieser Stadt zwei seiner Schwestern lebten, die beide nacheinander mit dem dortigen Medizinalrat Eduard Cohen verheiratet waren, der in London geboren war und sich später nach einem früheren holländischen Wohnort seiner Vorfahren Cohan van Baren nannte. Mütterlicherseits stammte Hindenburg u. a. von der Posener halbjüdischen Kaufmannsfamilie Berger. Die von Angehörigen dieser Familie Berger errichteten zahlreichen wohltätigen Stiftungen bestehen heute noch und sind dadurch allgemein bekannt, daß ihre Nutzung ausdrücklich Angehörigen jeder Nationalität und Konfession zugute fommen soll. Der letzte männ liche Vertreter der Familie Berger war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zusammen mit den Pojener Stadtverordneten Jaffe und Kazz Führer der Liberalen Partei in seiner Provinz und langjähriger Landtagsabgeordneter. „ Gastfreund in der Schweiz". Sie schreiben uns sarkastisch:„ Endlich ist es nun doch an der Zeit, daß den ausländischen Greuelmärchen bezüglich der Unwahrhaftigkeit der amtlichen deutschen Meldungen, die Erfolge in der Hitlerschen Arbeitsbeschaffungsschlacht betreffend, entgegengetreten wird. Man muß auch mal, der Wahrheit die Ehre geben, von den Siegen und Erfolgen sprechen, welche bis über die Grenzen Deutschlands hinaus, also sogar im Auslande, erstritten sind! So wurden z. B. eine beträchtliche Anzahl Beamten und Funktionäre der notleidend gewordenen schweizerischen Discont bank auf einstweilen fünf Jahre hinaus wieder nußbringender Arbeit zugeführt und der Arbeitslosigkeit entrissen! Die schweize rische Nationalbank in Bern fonnte nämlich diese Glücklichen zur Bewältigung der enormen Arbeitsleistung, welche( ein voller Erfolg der Hitlerregierung!) durch die Einrichtung des schweizerischdeutschen Verrechnungsverkehrs sich notwendig macht, neu einstellen! Wie man hört, sind Erwägungen im Gange, ob nicht in Gedenken an die diesbezüglichen Bemühungen des„ Osafs" und nunmehr fast neunzigprozentig anerkannten Reichsführers auch die betreffenden dankbaren Beamten und Familienmitglieder im Verfehr untereinander sich für die Folge mit dem Legionärgruß„ Heil Hitler" begrüßen wollen. Und dabei sprechen noch Emigrantenfreise und im Reiche die ewig Gestrigen in unverantwortlicher Weise von erlittenen moralischen Verlusten des deutschen Volkes." An mehrere. Was wir dazu sagen, daß vom Frühjahr 1936 an im „ dritten Reiche" die Namen der säumigen Steuerzahler veröffentlicht werden sollen? 1. Jst bis dahin eine unvorstellbare lange Zeit. Wer weiß, wer da noch lebt. 2. Die Arbeiter, Angestellten und Beamten sind mit ihren Steuern nicht rückständig, weil sie ihnen gleich an den Bezügen abgehalten wird; warum sollen die andern nicht auch so pünktlich zahlen? 3. Wäre es allerdings noch wichtiger, die Steuererklärungen zur öffentlichen Einsichtnahme aufzulegen. Es wäre doch recht interessant, zu erfahren, welches Einkommen und welches Vermögen die Herren Hitler, Göring, Goebbels und andere versteuern, die vor einigen Jahren noch arme Schlucker waren und nun zu den Millionären gehören. E. L. S. Ihr Brief enthält eine wertvolle Anregung. Wir werden von ihr im rechten Augenblick Gebrauch machen. Dank. H. K., Basel. Wir danken Ihnen für Brief und Beilage:„ Illegale Grüße aus Wien". Diese Zettelchen, gefunden auf der Wiener Ringstraße, lanen erkennen, daß die österreichischen Sozialisten auch unter Schuschnigg rege an der Arbeit sind. Den angedeuteten Aufsatz lasen wir, aber die hier vertretene Auffassung unterscheidet sich kaum von der unsrigen. Grüßen Sie den Autor. Neuilly. Wir danken herzlich. Wird verwandt. Das Breslauer Stürmer"-Verbot und seine Begründung haben wir freilich schon veröffentlicht. Literatur Die neue Weltbühne( Prag X, 3izfova 4c). Die neue Nummer enthält einen Artikel von Ilja Ehrenburg über Sowjetmenschen. Ueber die deutsche Wahl schreibt H. Budzislawski in dem Aufsatz Die Neinjager", über italienische Politik J. Halperin:„ Mussolini sucht neuen Kurs". H. v. Gerlach berichtet über das echte Testament. Anton Kuh richtet einen Brief an Walter Rod c.„ Bauern erwachen" heißt ein Artifel von Heinz Pol. Außerdem bringt die Nummer einen Beitrag von Ernst Ettwalt, ein Gedicht„ Der Führerschein", Bemerkungen, Antwort und„ Gäsars Testament". Europäische Hefte Nr. 19 erschienen. Aus dem Inhalt: Umschau; Willi Schlamm: Die Epoche des Dynamits; Adam Neuville: Ist Deutschland isoliert?; Mar Bergner: Deutsche Bauernnot; Paul Keri: Ungarn und die Habsburger; Lord Byron: Der Mob und der Galgen; Notizen. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann PiB in Dudweiler; für Inserate: Ctto Kuhn in Eaerbrücken. Rotationsdrud und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH., Saarbrücken 3, Schüßenstraße 5. Schließfach 776. Saarbrücken. Die interessanteste Schrift des Tages: Hitler cast Von KLAUS BREDOW Fragen Sie in den Kiosken und Buchhandlungen nach. Falls die Broschüre am Ort nicht zu haben ist, liefert die Buchhandlung der ,, Volksstimme", Saarbrücken, Bahnhofstraße 32, gegen Voreinsendung von 3,90 französischen Franken aut das Postscheckkonto Saarbrücken Nr. 619 Verlag der ,, Volksstimme", Saarbrücken