Sinzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr. 200— 2. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, 30. August 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Die QioMeuzer 9(itlerrede Hat die Welt zu noch schärferer Sprache, zu noch größeren^Befürchtungen veranlaßt Seite 2 u. 3 Deutsche cKandelsredakteuee widerlegen Schacht Seite 4 Neuer stürmischer KlrcHenhampi Evangelischer Pfarrernoibund und bayrische Landessynode rufen zum offenen Kampfe gegen Nailonalsynode und Reidiskirdienregierung— Eidesverweigerung? Berlin, 29. August. Plötzlich ist die Bewegung des Pfarrcrnotbundcs, dessen Vertreter längere Zeit schweigsam waren, wieder ausge- stammt. Der Kampf der oppositionellen Psarrcr richtet sich >n diesem Augenblick gegen die von der Berliner National- synode unter Dtktat der Miillcrschcn Neichskirchenregiernug verfügte Vereidigung der Geistlichen. Die oppositionellen Pfarrer sind zwar bereit, de» Treueid aus Hitler als Reichs- tanzler und Staatsführer zu leisten. Tie wenden sich jedoch gegen d»e Verbindung dieses Treueides mit dem Gelöbnis °es Treuegehorsams gegenüber der Kirche. Da viele Tan- sende evangelischer Psarrer dadurch vor einen schwere» Gewissenskonflikt gestellt werden und der Kirchenstreit aus der ganzen Linie erneut aufzuflammen droht, so versucht gegen- wartig das Reichsinnenministcrium eine Vermittlnngs- aktion. Man glaubt jedoch nicht, daß sie zum Erfolg führen wird. Müller und Dr. Jäger halten die Stunde für eine cut- scheidende Nicderzwingung der opponierenden Geistlichen für gekommen. Auf der anderen Seite entfalten die Führer des Psarrcr- notbundes wieder eine sehp rege Tätigkeit. Am vergangenen Sonntag predigte vor seiner Dahlemer Gemeinde erneut Dr. R«emiiller. Die Beteiligung war größer als jemals zuvor. Nicmöllcr verlas von der Kanzel die Protesterklärung »es BrudcrrateS der BckenntniSsynodc, die mit den schärfsten Ausdrücken der gegenwärtigen Rcichskirchenregicrunq das Recht abspricht, im Namen des deutschen Protestantismus Verfügungen zu treffen. Wer ihr gehorche, nehme Ungehorsam gegen Gott aus sich. Die Erläuterung NiemöllerS in seiner Predigt, in der er sich erneut„bis znm Martyrium" zu Christus bekannte, versetzte die Gemeinde in ein« ungeheure Erregung. Zum Schluß stauten sich die Kircheubesucher in einer langen Schlange vor der Türe der Sakristei, um ihre Spenden»ur Unterstützung des Kampfes des Pfarrcrnotbundes abzuliefern. Wie gross die Opfcr- bereitschait auch in den Arbeitergegenden Berlins zur Unter- stütznng des Lirchcnkampses ist, beweist die Tatsache, dass ein Psarrcr, der in einer privaten Turnhalle predigen musste, «ine Summe zusammenbrachte, die etwa eine Mark aus den Kopf der Zuhörer ausmachte. Am gleichen Sonntag predigte in einer anderen Kirche Dahlems auch der ehemalige Generalsnperintendent Dr. Dibelins, der noch vor Nie- möller seines Amtes enthoben wurde. Die scharfe Erklärung der kirchlichen Opposition ist am Sonntag in ganz Deutschland von etwa 700^— 8 0 0 Kanzeln verlesen worden. Schon vor vierzehn Tagen hatten zahlreiche Pfarrer des Pfarrcrnotbnndcs die in Form und in Inhalt gleich scharfe Erklärung von den Kirchenkanzcln vorgetragen. ♦ München, 23. Aug. In einem Brief dcS evanyelisch- lutherischen Landcskirchcnratcs in München an Reichsinncn- minister Frick wird aus die unzureichende Rechtsgrundlage der Nationalsynode hingewiesen und im Anschlnss daran der Verlaus der Sitzung als„« n w tt r d i g" bezeichnet. Es wird alsdanu der„Schein-Synode" die echte Synode von Barmen gegenübergestellt und«klart dass man sich jetzt bcwusst geworden sei, wo die evangelische Kirche stehe. In Nachahmung des Führergcdankens versuche die Reichs- kirchenregierung, staatspolitischc Massnahmen aus Kirchen- Verhältnisse zu übertrage«. Das Schreiben schließt mit der Feststellung, dass die Rationalsynode den Klrchciisr'cdcn wieder in weite Ferne gerückt habe. „Religiöse Erneuerung"? Ziffern, die das Gegenteil beweisen Berlin, 29. Aug. Man legt viel Wert auf eine Statistik, die für da« Jahr 1933 ein st a r k c s A n w a ch s c n der Uebertrittc zur evangelischen Kirche, der Trauungen und der Taufe» ergibt. Die Zahl der Uebertritte stieg von 3272 im Jahre 1931 und 1272 im Jahre 1932 auf 63815 im Jahre 1933. Die Zahl der kirchlichen Trauungen stieg von 98.14 im Jahre 1932 aus 21692 im Jahre 1933 Der Aufschwung des kirchlichen Lebens in Berlin und anderswo ist jedoch trügerisch. Gras Reventlow vom„Reichs- wart" der offene Gegner des alten und des neuen Teita- ments im Zeichen der Kirche, hat jüngst überzeugend nachge- wiesen, dass der allergrößte Teil dieser Uebertritte reinen Zweckmässigkeitsgründen entspringt. Es handelt sich um keine neue Gläubigkeit, sondern um einen lehr realen Glauben, daß man als Mitglied einer Kirchengemcliidc leichterzu Stellungen kommt oder sie behält. Biel- fach— das haben die bekannte» Fragebogen verursacht— wurde ans die Beamten ein starker Druck zum Wiederein- tritt in die Kirche ausübte. Autarke nifier- und Müller-Kirche Der Widerstand wächst Ter Kampf des Pfarrernotbundes zeigt, wie wenig es der Müllerfchen Rcichskirchenregierung gelungen ist, die angekündigte und offiziell auf der Berliner Nationalsynode beschlossene„Einheit und Einigkeit der Deutschen Evan- gelischen Kirche" zu schaffen. Der Pfarrernotbund ist nur ein Flügel der Opposition, und nicht einmal der stärkste. Denn die Landeskirchen von Bayern, Würt- temberg und Hannover weigern sich trotz allen Drucks und aller Drohungen, sich der Reichskirchenregie- rung zu unterstellen. Die Landessynode der enangelisch-lntherischen Landeskirche in Bayern hat in ihrer jüngsten Sitzung den einstimmigen Beschlutz gefaßt, die Frage einer einigen deutschen evangelischen Kirche zwar im Grundsatz zu bejahen. Sie bedauert aber zugleich, daß es ihr die Haltung der gegenwärtigen Reichskirchenregierung un- möglich mache, sie ihr unter den heutigen Bedingungen einzugliedern. Dem scharf in Opposition zum Reichsbischof stehenden Landesbischof Meiser wurde das vollste Ber- trauen ausgesprochen. Neben den süddeutschen Landeskirchen hält die Barm er Synode an ihrem Widerstande fest. Sie bildet mit den oppositionellen Landeskirchen einen ge- schlossenen und starken Körper, der in den innerKirch- liehen Konflikten auch aus anderen Landesteilen bedeut- samen Zuzug erhält. Solange Reichsbischof Müller und der von Hitler berufene Rechtswalter Dr. Jäger die Kirche führen, ist es ausgeschlossen, daß sich ein inneres Ber- trauensverhältnis und eine echte Einigung des deutschen Protestantismus verwirklichen kann. Man darf sich jedoch von der Kir^enopposition kein falsches Bild machen. Politisch darf sie keineswegs allge- mein zu den Gegnern des„dritten Reiches" gerechnet werden. Auf derselben bayrischen Landessynode, die der Reichskirchenleitung Widerstand ansagte, wurde Hitler als dem'Nachfolger Hindenburgs der „freudige Gruß" der Synode übermittelt. Auch aus den Reihen der Barmer Synode kommen immer wieder Beteuerungen der Hingabe an Adolf Hitler und an den neuen Staat. Ganz sicher- es befinden sich unter den protestierenden Protestanten sehr viele, die innerlich zu den Gegnern Hitlers gehören. Es mag auch sein, daß sie auf dieser einzigen Ebene, wo überhaupt noch eine„Oppo- sition" möglich ist, ihren leidenschaftlichen Widerstand gegen das Hitlerregime abreagieren— vielfach aus ethisch- religiösen Motiven, in Auflehnung gegen das„System", gegen Terror und Mord. Aber im Rahmen der Kirche ist doch der Widerstand der Mehrheit nur kirchenpolitisch und als Einspruch gegen die Vergewaltigung der evangelischen Freiheit zu werten. Täuschen wir uns nicht: Wenn die evangelische Oppo- sition auf rein innerkirchlichem Gebiete die geforderten Freiheiten erhält, so wäre sie zufriedengestellt. Sie würde sich zum größten Teil mit dem„dritten Reich", mit allen seinen Lebensäußerungen abfinden, wenn es den Kampf gegen den Pfarrernotbund abblasen und den Landes- Kirchen die Selbstverwaltung belassen würde. Haben wir von Pfarrer Nie möller, vom General- superintendent Dibeliusje ein Wort gegen dasbrauneBlutregimentvernommen?Sie blieben sogar stumm, als Herr Müller und einige Landes- bischöfe dem„Führer" tiefbewegt für die„Eäuberungs- aktion" vom M. Juni in offiziellen Kundgebungen feier- lichen evangelischen Dank bezeugtem Wie sieht die Welt die Lage des deutschen Protestant!?- mus? Diese Frage bewegt augenblicklich im tiefsten das in Kopenhagen zusammengetretene ö k o n o tvi f i Konzil, Schon die ersten Tage des Kongresses erwiesen, wie e r* bittert die Stimmung der ausländischen Delegierten gegen die Reichsleitung der deutschen evangelischen Kirche ist. Die Berichte sprechen von„einer geradezu feindseligen Haltung in einer gewitter- schwangeren Atmosphäre". Die Auseinander- setzungen gelten vor allem dem Arierparagrafen und der Unterdrückung der Geistesfreiheit durch das deutsche Kirchenregiment, und es fehlt nicht an den heftigsten An- klagen gegen diese Verletzungen religiöser Grundwahr- heiten. Der bekannte Briefwechsel zwischen dem Reichsbischof Müller und Bischof Bell von Chichester fand die ausdrück- liche Billigung des Kongresses. Dieser Briefwechsel be- ruhte auf den Beschlüssen der evangelischen eng- lischen Kirchensynode, die Anfang Juni in London tagte. Hier brachte der Bischof von Chichester eine Entschließung ein. in der es heißt, „dass die Kirche von England den gegenwärtigen Kampf innerhalb der evangelischen Kirche Deutschlands nicht als blossen Kampf um die kirchliche Organisation betrachte, sondern als einen Kamps von grundlegender Be- dcutung.derdiegesamteChristenheitinter- e s s i e r e n müsse. Zur Bcdründung führte der Bischof von Chichester aus, der gegenwärtige Kampf in der deutschen evangelischen Kirche sei ein Kampf zwischen derKraft des Christentums und der Kraft des Heiden- t u m s Wenn die Opposition innerhalb der deutschen evan- gelischen Kirche in diesem Kampfe unterliegen sollte, wäre das eine Niederlage der gesamten Christenheit. Der Bischof von Opiord sekundierte diesen Ausführungen, und der Erzbischof von Eanterbury stellte ebensalls die Notwendigkeit der Annahme der Resolution fest." Danach kann man sich vorstellen, warum die d e u t s ch e Delegation jetzt auf dem Kopenhagener Kongreß nahezu isoliert ist. Die Opposition wollte das Ansehen des protestantischen Deutschlands wieder herstellen. Was ge- schah? Das deutsche Auswärtige Amt verweigerte den Delegierten derBekenntniskirche die GenehmigungzurBeteiligung. Es forderte zu- vor eine Erklärung zugunsten des Reichsbischofs Müller, die jedoch von der Bekenntnissynode verweigert wurde. Damit ist eines ganz offenbar geworden: Die Kluft zwischen den deutschen und den ausländischen Gläubigen ist unüberbrückbar. Das herzhafte Bekenntnis der deutschen Reichskirche zum„Führer", ihr autoritäres Regiment, das sich wiederum der Autorität des„dritten Reiches" unterwirft, ihr Lobgesang auf die„befreienden Taten" des 30. Juni: hier gibt es keine Ber- st ä n d i g u n g. Zwischen den Kirchen ist genau der gleiche Riß wie zwischen Deutschland und den Kulturländern. So haben die deutschen Machthaber die irrationalen Glaubenskräfte, die sie erneuern wollten, verwirrt, und Millionen dem echten religiösen Bekenntnis entfremdet. Verhol der ZelCsdirliC ,Nordland" Berlin, 2». August Die Pressestelle der NSDAP, teilt mit: In einer Zeitschrift«Nordland" Hat vor einiger Zeit in der Folge 13 ein gewisser August Hoppe, der sich als Presserese- reut der Hitlerjugend bezeichnete, einen Artikel veröffentlicht, der nach Form und Inhalt einen schweren Angriff auf das Christentum darstellt und von den zuständigen Stellen schärsstens missbilligt wird. Die Zeitschrift„Nordland" ist daraufhin auf einen Monat verboten worden. Der verantwortliche Schriftleiter wurde gemassregelt: Eine Unter- suchung hat ergeben, dass der Verfasser des betreffenden Ar- tikels, Hoppe, bereits im Mai wegen eines ähnlichen Vor- kommnisses seiner Dienststellung als Presserescrcnt eines Unterbannes der Hitlerjugend in einer kleinen Stadt West- falens enthoben worden ist. Er hat sich also fälschlich als Presiereferent der Hitlerjugend bezeichnet. Hoppe ist wegen des genannten Artikels von dem Reichsjugendsührcr aus der Hitlerjugend entfernt worden. -i- Das Verbot ist das Resultat heftiger Proteste von katho- lischer Seite. Aber es wird wenig Eindruck machen— solange Rosenbergs„Mythus" Glauben und kirchliche Einrich- tungen unter hitleramtliHer Empfehlung verhöhnen und bcschiniKsen kann,' Dendrit polnisches Geheimabkommen? Paris, 29. August. Die Gerüchte über ein d e u t s ch- p o l- n t s ch e s Geheimabkommen«vollen allen Dementis zum Trotz nicht verstummen. Jetzt schreibt der Warschauer Korrespondent der„Liberi c", nach seinen Informationen habe er Grund zu der Annahme, daß ein solches Abkommen dennoch bestehe. Dieser neue Gewährsmann berichtet von einem Geheimabkommen, das den deutsch-polnischen Nicht- angrifsspakt erginze und dessen Inhalt politischer Natur sei. Danach anerkenne Deutschland, daß f ü r P o l en ein Aus- gang zum baltischen Meer lebenswichtig s e t. Deutschland erkläre sich mit einer auf friedlichem Wege hr- beizuführenden politischen Union zwischen Polen und Litauen einverstanden und verzichte dafür auf den Hasen vo» Mem-l. Im Falle eines militärischen Konfliktes zwischen Polen und Litauen werde Deutschland vo» sich aus keine Forderungen stellen. Deutschland verpflichte sich, künftig die polnische Poli- tit zu unterstützen. Polen werde an der politisch-n Union mit Litauen auf den polnischen Korridor und den Hafen von Gdingen vereinten und sich der Wiedervereinigung der Freien Stadt Danzig mit dem Reich nicht widersetzen. Daran schlössen sich einige Klauseln wirtschaftlichen Eharakters, so- ivie über die Reparationen für den Fall, daß alle diese Even- tualitäten sich verwirklichen. Zum Schluß wiederholt der„Libcrte"-Korrespondent, daß bei den Verhandlungen über den deutsch-polnischen Handels- vertrag, der einen Austausch polnischer Nahrungsmittel und Rohstoffe gegen deu'che Fertigfabrikate, vor allem chemische Erzeugnisse, vorsehe, auch die Möglichkeit in Erwägung ge- zogen worden sei, diesen Vertrag auch dann anzuwenden, wenn eines der beiden Länder in einen Krieg verwickelt würde. Ein Abkommen dieser Art setze mindestens eine Neil- tralitätserklärung Polens voraus, falls Deutschland mit einer dritten Macht in einen beivaffneten Konflikt gerate. Nrlegslicbcr im..kernen Oslen" An der russisch-mandschurischen Grenze lkharbin, 30. August. Aus beiden Seiten der russiich-mand- schulische» Grenze herrscht fieberhafte militärische Tätig- keit. Auf ber mandschurischen Seite werden Drahtoer- haue und M a s ch i n e n g c w c h r n e st c r gebaut, während gleichzeitig in Chürbin, Zizikar und Sinking große Lazarette der Vollendung entgegensehen, lieber die Kriegs« Vorbereitungen auf russischer Seite wird gemeldet, daß aus Wladiwostok eintreffende Reisende sie mit der Tätigkeit in den englischen Kanalhäsen während des Weltkriegs verglci- chen. Zu Wasser, zu Land und in der Luft seien umfangreiche Kriegsvorbereitungen im Gange. Weiter wird aus Eharbt» gemeldet, baß die Voruntcr- suchung gegen die 100 verhasteten sowjetrussi- schen Eisenbahnangestellten abgeschlossen sei. Sämtliche Verhafteten sind in Anklagczustand versetzt wor- den und werden sich zu verantworten haben wegen Beihilfe bei der Zerstörung der Ostchincsischen Eisenbahnlinie, wegen Zusammenarbeit mit Räuberbanden und wegen revolutio- närer politischer Tätigkeit unter Leitung der Kommunisti- schen Partei. 34 rmgzeuge beim Eoropa-Rundllug bnb. Warschau» 29. August Die Organisationsleitung des Europa-Rundfluges veröffentlicht die amtliche Liste der Teilnehmer am diesjährigen Rundflug. Danach entfallen aus Deutschland IL, auf Polen 12, auf Italien li und aus die Tschechoslowakei 3 Maschinen. Unter polnischen Farben star- tet ein englischer Pilot, während der österreichische Flieger Meinl, der ebenfalls unter polnischen Farben starten wollte, im letzten Augenblick absagte. Insgesamt starten also 31 Maschinen. Der Stadtpräsident von Warschau empfing die Teilnehmer des Rundfluges am Dienstagabend zu einem Tee im Verwaltungshaus. Daran nahmen auch die Bcrtre- ter der Regierung, des diplomatischen Korps sowie bei Sport- und Militärbehörden teil. Das heutige Programm steht die Gewichtsprüfung der Maschinen und die Plom- bierung der einzelnen Teile vor. DHicrc Wahrheiten für Adolf Bitler Ein verniditendes lirfeil (Von unserem Korrespondenten) A. Ph. Paris, 29. August. Wenn Adol Hitler wissen will, wie man in Frankreich über ihn denkt, wie diejenigen französischen Kreise ihn beurteilen, die ihre Lebensausgabe darin sehen, mit allen Kräften an der dcutsch-französischen Verständigung mitzuarbeiten und das Werk des verstorbenen großen Staatsmannes und Friedensfreundes Aristide Briand zu fördern, dann emp- fehlen wir ihm, den.„Figaro" vom gestrigen Tage in die Hand zu nehmen und das zu lesen, ivas Wladimir d'Ormesson dort über ihn schreibt, ein Plann, der eine der besten Federn unter den französischen Journalisten führt, dessen Ansehen unbestritten ist und dessen Arbeiten zu de» meistgelesenen gehören. Hitlers Koblenzer Rede, so sagt Wladimir d'Ormesto«, erwecke ein bitteres Gefühl. Denn sie stütze sich aus dem Gegenteil der Wahrheit. Er habe den Franzosen vor- geworfen, ste wünschten nicht ernstlich eine Besserung der deutsch-sranzösischen Beziehungen, aber er habe vergesten, daß er vier Jahre nach dem Abzug der Franzosen habe auf der Festung Ehrenbreitstein sprechen können, während die Franzosen das Recht gehabt hätten, dort bis zum Jahre 1935 zu bleiben. Der Ort sei für eine solche Sprache recht schlecht gewählt gewesen. Und nun wird der französische Journalist recht deutlich: „Hitler sagte in Koblenz:„Frankreich wirb sich vielleicht über die Bedeutung der allgemeinen Fragen Rechenschast ablegen und darüber, daß es besser ist, ihre Lösung gemeinsam zu suchen, als sich zu bekämpfen." Bei solchen Worten können wir nicht ruhig sitzen bleiben. Aristide Hitler? Nein, das gibt es nicht. Es gibt Taschenspielerk-nststücke, die unter keinen Um- ständen erlaubt sind. Wir dulden es nicht, baß Hitlerdeutsch- land uns Fricdcnslchren erteilt und von europäischer Zusammenarbeit spricht von der Höhe der Feste Koblenz aus, die durch das Verdienst eines Geistes frei wurde, der Frieden und europäische Zusammenarbeit er- strebte, die man jetzt verhöhnt und verraten hat. Dieses Taschenspiclerkunststück findet sich übrigens auch aus religiösem Gebiete wieder. Hitler wandte sich an die Taarkatholiken. Er bemühte sich, sich als Apostel des Katholt- zismus zu gebärden. Daß Geistliche in Deutschland belästigt, Bischöfe gehindert werden, ihre Anordnungen zu veröffentlichen, die christliche Lebre täglich zum Gespött gemacht wird, Jesus Christus selbst Gegenstand gemeinster Beleidigungen ilt. daß man den Führer der katholischen Verbände ermordet— alles das zählt wohl nicht mit... Und die Saarländer fordert man ans, Hitler als das Werkzeug Gottes zu betrachten... Nein, die Koblenzer Rede, die„politisch" sein wollte, ist auf dem Gegenteil von Wahrheiten aufgebaut, die wirklich zu dumm sind, als daß man ihnen Glauben schenken könnte. Ich schreibe dies gier ohne Voreingenommenheit und ohne Haß. Welcher Franzose wünscht nicht mit ganzem Herzen in Ehren und mit Sorglosigkeit die offene und völlige Aus- söhnung mit einem Volke, das so viele tapfere Renschen aus- zuiveisen hat— die man jetzt mißbraucht? Aber das ist es ja. Man treibt Mißbrauch mit der Gutgläubigkeit der dcutuhea Mafien, wie man mit unserer Gutgläubigkeit Mißbrauch trieb. Wir lieben den Frieden. Aber wir hassen die Heuchelei. Tie ganze französisch-dentschc Tragödie ist in diesen beiden Worten enthalten." ..Bevor wir giaoben. wollen wir sehen!" Wie wenig man in Frankreich Hitlers Friedensversiche- rungcn Glanben schenkt, beweist auch die Haltung des „Journal". Dieses Blatt meint, man müsse natürlich die Frage der deutsch-sranzösischen Verständigung mit aller Auf- merksamkeit behandeln, weil sie von außerordentlicher Be- dentung sei. Z enn Hitler sage, nur die Saar stehe noch als Hindernis zwischen Frankreich und Deutschland: sei diese Frage in deutschem Sinne gelöst, werde es zur Aussöhnung kommen, dann müsse man daran denken, daß das nicht das erste Angebot sei. Vor Hitler hätten andere schon ähnlich 0-' sprachen, und die Folge davon sei. daß die Franzosen da« Rheinland vorzeitig geräumt und auf die Reparation?zab- lungen verzichtet hätten. Als Dank dafür hätten sie V«' leidignngen und eine Politik der Herausforderungen«e- erntet. Weiter sei die T a a r s r a g e aar kein deutsch-sranzöst' hcs Problem, sondern ihre Lösung hänge von den Saar, ändern selbst ab. Wenn sie nun sich für den Status guo entschieden, iolle dann etwa Frankreich dazu verurteilt sein, die Nach- ivirkungcn der Enttäuschung Deutschlands über sich ergehen zu lafien? Schließlich dürfe man aber auch nicht vergessen, daß Hitler nicht immer so gesprochen habe. In seinem Buche habe er Frankreich als„Todfeind", als„Erbfeind" bezeichnet. Seitdem seien allerdings zehn Jabre vergangen, und der Fübrer sei von der O"""sition an die Macht gelangt, aber man würde doch gern die Wandlung in seinen Reden von irgendwelchen bezeichnenden und beweiskräftigen Taten be- gleitet sehen. Man suche diese vergebens. Dabei fehle es durchaus nicht an Gelegenheiten. Eine davon sei der Bei- tritt zum Ostpakt, eine andere die Rückkehr in den Völker- bund.„Bevor wir glauben, wollen wir sehen." Modi ein ermordeter Koihollkenfittlirer Bernhard Memplle, Redakteur des„rateshadter Anzeigers" lins geht aus Griechenland folgender Brief zu. Wir können int Augenblick nicht nachprüfen, ob die Angaben des Briefschreibers stimmen, sind jedoch uberzeugt, daß auch dieser Mord geschehen ist. Der Herr Reichshanzier und Oberste Gerichtsherr hätte es in der Hand, ein für allemal Klarheit über den blutigen 30. Juni zu schaffen. Er braucht nur die lückenlose T otenliste zu veröffentlichen. Warum tut er's nicht? Warum hat er der gesamten von ihm abhängigen Presse Schweigen geboten? Nach vielen Monaten konnte ich erstmals wieder ins Aus- land reisen. In Teutschland hatte ich zu verschiedenen Malen über den Inhalt Ihres Blattes derart schlechte Urteile ge- hört, daß ich mir sofort die greisbaren Exemplare kaufte, um mir selbst eine Meinung zu bilden. Ich lasse sie kurz dahin zusammen: Fahren Sie unentwegt sort, in dem Sinne zu schreiben, den Ihre letzten Nummern ausweisen. Der Erfolg Ein Jünger Hitlers Aus dem Geiste des grellen herrlichen Föhrers Die katholische„Neue S a a r- P o s t" veröffentlicht folgenden ihr zugegangenen Brief. Der Schreiber hat recht erfolgreich die früheren Agitationsreden des jetzigen Herrn Reichskanzlers studiert, wo er die von ihm verwendeten Beschimpfungen und Verleumdungen gefunden hat. Den Ausdruck„Halunke" hat Herr Hitler auch noch als Staatsführer auf seine politischen Gegner angewendet. Die Wendung, daß die Roten geklaut und die Schwarzen Schmiere gestanden haben, stammt nicht von dem Herrn Reichs kanzler, sondern aus einer Rede des Herrn preußischen Ministerpräsidenten Göring. Man sieht, daß wir sowohl Herrn Göring wie Herrn Hitler Gerechtigkeit widerfahren lassen. Redaktion der„Deutschen Freiheit". „Gestern morgen, als am 23. 8. 34 hat mir so ein schwarzes Rübenschwein die Neue Saar-Post, von dem größten Teil der Saavbeutschen„Daar-Pest" genannt, die Nr. 109 unter meine Wohnungstür gesteckt. Hätte ich den Hallunken erwischt, dem hätte ich an Ort und Stelle beigebracht einem anständigen Katholiken(ich bin katholisch) und Rationalsozialisten so ein Dreckblatt unter die Tür zu schieben, wo soviel Lüge, Haß Verdrehungen und Verleumdungen gegen das neue Deutsch- land un» einen herrlichen großen Führer Adolf Hitler drinn- stehen. Für uns anständige Saardeutschen, ob Katholik oder Protestant(Juden sind keine Deutsche sondern uns raffe- fremd— stehe„Stürmer"— Herausgeber Julius Streicher) „Wir wollen heim zu Adolf Hitler, heim zum ewigen Deutschland. Wir haben die Schande der letzten 14 Jahre er- lebt wo rote und schwarze Gauner am Ruder waren und denken mit Grauen zurück, wo die Roten geklaut und die Schwarzen Schmiere gestanden haben. Denken wir an die Zeiten dieser Banditen eines Bauer. Scheidcmann. Müller, (dem früheren Klosettklibelreisenden aus Güdingen) diese Judenkncchte, denken wir an die Zeiten des Erzlumpen Erz- berger. der schwarzen Kanzler der rot-schwarzen Parteien «ineS Marx, des Katastrophenkanzlers Brüning, eines Wirth und wie sie alle hießen, defien Hauptziel immer nur Rom war und unser Deutschland nebensächlich. Ich würde mich schämen als Deutscher und Katholik jemals mit einem dieser Burschen ober deren Parteien sympathisiert zu haben und dankbar können wir Saardeutschen Gott im Himmel sein, daß er uns einen Mann wie Adolf Hitler geschickt hat, denn unter der Regierung eines roten oder schwarzen Kanzlers wäre unsere Saarheimat an Frankreich verschachert worden, dessen sind wir gewißt, es bewcißt sich hier an der Saar jeden Tag mehr, daß die roten und schwarzen sich einig sind in Separatismus und Landesverrat und diese Verräter an Deutschland, an deutschem Blut, haben sich bis jetzt nur immer aus schlechten Katholiken zusammengesetzt: Törten, Smeets, Matthes, Heinz Orbis, Kaas, Adenauer, Dr. Heim, hier darf man die schwarzen Schweine noch nicht öffentlich nennen, aber wir alte Kämpfer der NSDAP, werden immer daran denken und nie vergessen. Wenn Adolf Hitler Meuterer, wie ein Klausener(für den Meuterer hat man hier noch unbegreiflicher Weise gebetet und damit unseren Herr- gott beleidigt) so kann man sagen, Hitler hatte recht und ich persönlich sage, schade, daß nicht mehr der schwarzen Ver- brecher an die Wand gestellt wurden, hauptsächlich einige der Saar. Dann wäre Ruhe in Deutschland, aber unser Führe» ist immer noch zu gut den schwarzen Schweinen gegenüber, bis eines Tages, dann wehe. Ich will nun zum Schlüsse Ihnen mitteilen noch, es den Austräger Ihres Schmierblattes zu sagen, mich mit der kostenlosen Belieferung des Mistes der Saarpost zu ver- schonen, sonst wehe dem Kerl, der sich dazu hergibt. Nach bekannter schwarzer heuchlerischer jesuitischer Tak- tikt werden Sie ja diesen Brief nicht veröffentlichen aus Angst dieser oder jener würde stutzig werben und die Saar- Post(Pest) aus dem Hause hinauswerfen, denn der paar Leser, die noch da sind, sind zu wenig und dieses kleine Häuf- lein muß doch gehalten werden. Heil Hitlerl Josef B i e s e l. Saarbrücken 3, den 26. 8. 1934 Cectlienstr. 9 II." kann dann nicht ausbleiben. Für die Richtigstellung der»n- sichten über Ihr Blatt werde ich nach meiner Rückkehr meinen Kreisen nach Möglichkeit sorgen. In Ihrer Nummer vom 18./19. August finde ich eine Anspielung darauf, daß die Namen der Opfer vom 30. Juni nicht veröffentlicht werden. Ich weiß nicht, ob sich jemand int Ausland damit besaßt, die Namen zu sammeln und zu veröffentlichen. Jedenfalls wäre eS ein dankbares, lohnendes Unternehmen. Sin Opfer dieser Mordsucht ist wohl im Aus- land noch nicht namentlich bekannt. Ich will Ihnen deshalb diesen Fall unterbreiten: Am 30. Juni wollte sich Herr Bernhard Stempfle, Schriftleiter des„Micsbacher Anzeigers", aus beruflichen Gründen mit dem Nachtschnellzug von München, seinem ständigen Wohnort, nach Berlin begeben. Stempsie war Junggeselle(Geistlicher) und wohnte als Untermieter im Stadtviertel Nymphenburg. Am Bahnhof fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, seiner Wirtin am Monatsende den Miel- zins zu bezahlen. Da er sehr frühzeitig am Bahnhos ge- wesen mar, nahm er eine Autodroschke und fuhr nochmals heim. Vor seinem Hause stand bereits ein anderes Auto, in dem Herr saß. Im Stiegenhaus wurde er von zwei Männern angehalten, nach seinem Ramen gefragt, alSdann als festgenommen erklärt und in das Auto gebracht. Während der rasenden Fahrt, die ins Dachauer Moor führte, wurde Ttempfl« erschossen. Seine Leiche wurde am anderen Nach- mittag unweit der Leiche von Kahr aufgefunden. Stempfle, der anfangs der 50er Jahre stand, war ehedem Mitglied der Bayerischen Volkspartei gewesen. Er war von Beruf Kunsthistoriker und hatte früher lange Jahre in Rom gelebt. Durch seinen Tod hat seine lebige, etwa gleich- altrtge Schwester ihre einzige Stütze verloren. Der vorstehende Bericht enthält die reine Wahrheit. Sie ist den Kreisen, die Stempfle nahe standen, genau bekannt. Um so mehr ist es zu verwundern, daß noch niemand den Mut fand, sie wenigstens im Ausland der Oeffentllchkett zu unter- breiten. Ich tue dies deshalb, weil sie geeignet ist, den katholischen Saarländern die Augen zu öffnen, soweit dies noch nötig ist. Tie selbst, sehr geehrter Herr Schriftleiter, bitte ich sehr, diesen Brief nach Gebrauch zu verbrennen. Mit dem Wunsche Ihres ferneren Wohlergehens ver- bleibe ich mit vorzüglicher Hochachtung Unterschrift. Ukdespaar duelliert sidi dnb. Rom, 27 August. Ein ungewöhnliches Duell fand die- ser Tage in einem Städtchen in der Nähe von Neapel statt- Tie Duellanten, eine Frau und ein Mann, die ihres schon seit Monaten durch ständigen Streit getrübten LiebeSver- hältnificS überdrüssig waren, hatten beschlossen, durch ein Duell den Schlußstrich unter Ihre Beziehungen zu letzen. Als Wafic wählt: das ungleiche Paar den Revolver, doch war der Ausgang ihre» Vorhabens ganz anders, als man hätte erwarten sollen. Tie Frau, wohl die bessere Schützt», verwundete ihren männlichen Kontrahenten lebensgefährlich, mährend ste selbst mit einem leichten Streifschuß a« der -Wange als Siegerin aus dem Kampfe hervorging. Ein Neutraler sieht Koblenz „Die saarlander waren geradezu niedergeschmettert" Es war ein ungeheurer..moralischer Mißerlolg" Di«„Neue Zürcher Zeitung", der«,, W'lle zur besonderen Objektivität Hitler-Deutschland gegenüber nie- mand bestreiten kann, bringt ans der Feder eines Tpezial- korrespondente» einen besonders bemerkenswerten Be- richt über die Koblcnz-EHrenbreitftciner Kundgebung. Bc- sonders wird interessieren, was er auf Grund eigener Beobachtungen über die Stimmung der Saarlän- der zu sagen hat: „Wir können kaum glauben, daß die Eindrücke der Saarländer so günstig sind, ivie eS die Veranstalter der Koblenzer Tagung erhofft und erwartet haben. Die groß- zögige Organisation hat trotz weitestgehenden Vorbereitun- gen mehr oder weniger versagt, so daß ein grosser Teil der Saarländer über den Empfang in Koblenz sehr enttäuscht ist. Da die Festmiese auf dem Ehrenbreitstein für die Hundert- tausendc zu klein war und ungünstige Zufahrtsstraßen hat, mußten Tausende, statt endlich einmal den Führer sehen zn können, irgendwo abseits seine JHcöc brockenweise und durch schlechte Lautsprecher verzerrt anhören. Auch die Unterbrin- gung und Verköstigung erwiesen sich als absolut u n z u- länglich. In Pferdeställen auf dünnem Strohlager mutz- tcn Hunderte, Männer und Frauen durcheinander, schlafen Als ihnen dann nach schlaflos verbrachter Nacht endlich etwas Warmes gereicht wurde, zogen es die meisten von ihnen vor, dieses anscheinend nicht gerade sehr schmackhafte „Eintopfgericht" stehen zu lassen. Aber nicht nur über diese Kleinigkeiten waren überall Beschwerden und ab und zn sogar temperamentvolle Enttänschungsausbrüche zu hören, sondern auch die Art und Weise, wie sie von SA.- und SS.- Leuten behandelt und wegen Geringfügigkeiten zurechtgc- miesen wurden, mißfiel den Saarländern aufs stärkste. Das hatten sie dann doch nicht erwartet,- auch nicht, daß man ihre Registermarkschecks nirgends einlöse» und die Franken nur zn einem unverhältnismässig hohen Surs annehmen wollte. Den schlechtesten Eindruck scheinen nach meinen Beobachtun- gen die hohen Preise allex Lebensmittel und besonders der Getränke gemacht zu haben. Mit ihren Franzosenfranken tonnten sich diese Saarberg- und Hüttenarbeiter hier kaum ein Glaö Bier oder Wein leisten. Ueberall wo ich hinkam, wurden solch« und ähnliche Fragen besprochen,- vom Poli- tischen sprachen nur die, die irgendeinen Führerpostcn inne hatten. Nach den Aussagen einiger Völklinger Hüttenarbei- ter müssen die Eindrücke in Koblenz auf die meisten Saar- länder niederschmetternd g e w i r k t haben. Mehrfach hörte ich die Auffassung, daß bestimmt mehr als fünfzig Prozent der nach Koblenz gc- reisten Saarländer gegen die Rückglicde- rnng stimmen werden, weil ihnen das ganze„Ge- tue" und Gepränge im neuen Deutschland von Grnnd aus missfalle und wirtschaftlich sich ihre Lage mit der Rück- glicdernng doch nnr bedenklich verschlimmere. Diese ungünstigen Eindrücke konnte die Rede Adolf Hitler s»nicht verwischen. Ohne Zweifel war es eine seiner s ch m ä ch st e n Reden, die er je als Rcnchskanzler gehal- ten hat, auf jeden Fall vollkommen unbefriedigend für die Saarländer. Die Saarfrage wurde darin nach innen- und außenpolitischen Darlegungen nur kurz gestreist. Einen Augenblick lang schien eS, als ob Hitler den Kern der Saar- frage anfassen wollte, nämlich die Frage, warum die durch fünfzehn Jahre ungeteilte Einigkeit der Saarländer im Wunsche, heim zum Reich zu kommen, seit dem national- sozialistischen Umschwung zerbrochen ist. Hitler ließ die Gelegenheit ungenützt, einmal offen über die Fehler zu spre- chen, welche die nationalsozialistische Propaganda im Saar- gebiet begangen hat. Wenn er an eine solche offene AuS- spräche das Versprechen geknüpft hätte, daß ähnliche Fehler in Zukunft von seinen Unterführern nicht mehr gemacht würden, dann hätte er sicherlich die überwiegende Mehrheit der anwesenden und dahcimgebliebencn Saarländer für sich gewonnen. Es geschah jedoch nicht Hitler ging sogleich wieder aus andere Dinge über, und dabei waren auch seine Aenssernn- gen über religiöse Fragen viel zu oberflächlich, als daß sie einen liefern Eindruck hätte» hinterlasse» können. Einzig mit seinem Versprechen, alle Saarländer nach der Rückgliederung freudigst zu empfangen und dabei alles in der Ber- gangenhcit Zurückliegende vergessen zu wollen, war etwas von dem, was die Saarländer gerne vernommen hätten. Wieviele von ihnen werden diesen und ähnlich oberflächlichen wirtschaftlichen Versprechungen Glauben schenken? Als ich nach Koblenz kam, glaubte ich. dass ich einem großen Erfolg der nationalsozialistischen Taarpropaganda beiwoh- neu werde. Auch meine Erwartungen wurden schwer rnt- täuscht; denn noch nie habe ich so ost nv» so entschieden Saar- länder von einer bevorstehenden Niederlage Deutschlands im Abstimmungskampf rede» hören wie hier. Allerdings befand ich mich— dies sei hier erwähnt— nicht unter den eingeladenen Pressevertretern auf der Tribüne, sondern mitten drin in den Reihen der Saarländer. Wo liegt der Grund dieses moralischen Mißerfolges der Kob- lenzer Saarkundgebnng? Im verfehlten Prinzip der natio- nalsozialistifchen Propagandamethode. Diese Methode sucht ihr Ziel mit lauten und imposanten Veranstaltungen zu erreichen und die Menschen allein durch die Massensuggestion zn beeinflussen. Das ist möglich, solange die Organisation wunderbar klappt und alles reibungslos verläuft,- diese Saarkundgebung aber war zu groß, zu„kolossal", als daß sie^reibungslos hätte abgewickelt werden können. Weniger wäre mehr gewesen. 50 00(1 unbedingt befriedigte Saarländer hätten am Tage der Abstimmung doppelt soviele Ja-Ttim- mcn gebracht, als es diese 150 000 wenig befriedigten Menschen tun werden.... Der Pater auf der Frciheifekundgebong Sulzbacher Nachspiele ^ Mit jener Niedrigkeit, die den Abstimmungskampf an der Saar unerquicklich verschmutzt, behandelt die gleichgeschaltete Presse des Saargebiets die Tatsache, daß aus der grossen Sulzbachcr Freiheitskundgcbung ein katholischer Geistlicher das Wort genommen hat. Die Tatsache selbst kann nicht ge- leugnet werben,— dafür aber wird dieser mutige Priester beschimpft und verleumdet. Man behauptet, er sei nicht ab- stimmungsbcrechtigt, er sei in einer Heilanstalt wwesen, und man könne ihn für die Worte, die er in Snlzbach gesprochen habe, nicht verantwortlich machen. Die früher katyo/.sche „Saarbrücker Landeszeitung" schreibt, daß es zweifelhaft sei, ob er sich der Tragweite seiner Handlung voll bewußt ae- wcsen sei! Sein Austreten in den Reihen der io.rmuütstiich- marxistischen Gottlosigkeit werde von den Katholiken des TaargcbictS als„schwerstes Aergernis" empfunden und habe überall die„stärkste Empörung" ausgelöst. Auch der Slutt- garter Sender hat in den Frühmeldungcn des Mittwoch den Geistlichen bes bimpst. Seltsamerweise mit genau don gleichen Worten wie die„Sandeszeitung", obwohl das Blatt nnmög- lich zu dieser Stunde in den Händen der Stuttgarter Sende- leitung sein konnte. Das läßt auf ein interessantes Zu- sommenarbeiten schließen. Es ist die alte Hesse nach altem Vorbilde. Als auf der Sulz- bacher Tagung der junge Mensch gefaßt wurde, der eine Tränengasbombe in die Masse hineingeworfen hatte, und damit einigen Personen ernstlichen Schaden brachte, wurde zunächst in scherzwciscm Tone gesagt, jetzt würden die Herrschaften von der„deutschen Front" vermutlich behauptin, daß der Attentäter ein k.-mmunistisch-sozialdemokratischer Provokateur gewesen sei. Zwei Tage später— aus Scherz wird Ernst, am Mittwochmorgen behauptet der Stuttgart Sender dreist und gottesfürchtig, es sei bereits erwiesen, daß es sich nm einen„kommunistisch-marxistischen Provokateur" gehandelt habe. Dabei steht auf Grund der polizeilichen Ver- nehmung fest, daß der Me in Mitglied der„Deutschen Front" ist und von matzgebenden Leuten aus ihren Reihen aus Grund von Versprechungen zu seiner Tat veranlaßt worden ist. Im übrigen schreibt die Saarbrücker„Volksstimme" zu den Behauptungen über den katholischen Sprecher von Sulzbach, den Pater Dörr: Pater Dörr, der Sprecher von Sulzbach, war den Füyrern der FretheitSfront schon einige Zeit vor seinem Austreten dadurch bekannt geworden, daß man von ihm eine ausrechte Sprache und eine mutige Verteidigung der katholischen Sache gegen das Neuheidentum der Nationalsozialisten und gegen die Barbarei und die Meu chelmorde des„dritten Reiches" hören konnte. Sein Name war bekannt, bevor noch irgend- eine Verbindung mit ihm aufgenommen wurde. Er war im Jahre 1010 im Saargebiet beheimatet und ledig- lich zu Studienzwecken vorübergehend auswärts. Selbstvxr- ständlich verlor er dadurch nicht sein Heimatrccht im Saar- gebiet. AIS ein Man« von blühender und kräftiger Gesundheit und»oll Eiser für sein« Sache zog Pater Dörr in dir schwierige Mission nach Ehina. Das Heldentum der Mis« sionare im chinesischen Pest- und Senchengebiet ist zu be» kannt, als daß darüber ein Wort verloren werden müßte. Immer wieder haben gerade die Angehörigen der braune« Front an der Saar das Leben der Paters in Ehina alS ein Heldenlcbcn voll mustergültiger Pflichterfüllung und Selbstaufopferung zu würdigen gewußt. Es wird immer ein Ruhmesblatt der Missionare bleiben, was sie in dem von Krieg, Aufruhr und Seuche heimgesuchten Alles riiekt ab Auch„Daily Chronicle" im Lager der Hitlergegner— Betrachtungen über Sulzbach und Koblenz London, 27. August 1031. England ist enttäuscht von Hitlers Rede in Koblenz. Sehr enttäuscht. Es war von offiziellen Kreisen gut zugeredet war- den, er möge in Koblenz eine„Friedensrede" halten. England hat seine Sorgen, die nicht nur vom europäischen Kontinent herstammen. England will vor allem nicht, daß die Wirtschaft- liche Erholung, die es seit über einem Jahr verspürt, durch vermeidbaren politischen Krach gestört wird. Man hatte in England erwartet. Hitler werbe in Koblenz eine Rede hat- ten, die es mindestens stimmungsmäßig erleichtern würds. in Genf wieder einmal alle Entscheidungen zu vertagen. Man wollte, daß Hitler den„Schluß der revolutionären Will- lür-Periode" verkünden würde, daß er sich mit der Existenz Oesterreichs abfinde und schließlich, daß er einige beruhigende Worte über die Saar sprechen würde, von denen wenigstens die Diplomaten behaupten könnten, daß sie glaubhaft seien. Es sind besonders sie liberalen HandclSkreise in England, die gar z» gerne verkünden möchten, daß Hitler endlich auf Friedenspsaden wandele. Umso schlimmer ist die Enttäu- schnng über Koblenz. „News E h r o» i c I e", das große Londoner Blatt der Liberalen, gibt den Gefühlen deutlichen Ausdruck. Es bringt einen sehr ausführlichen Bericht über die Veranstaltung auf dem Ehrenbreitstein, uerzcichnet gewissenhast alle Angaben, die seinem Korrespondenten gemacht wurde». Es bringt die Rede Hitlers in vollem Umfange. Aber in einem redaktio- nellen Leitartikel wird dazu folgendermaßen Stellung ge- nvmmen: „Es ist zweifelhaft, ob ReichsstthrerS Hitlers gross aus« trompetete Rede i« Koblenz die erwünschte Wirknng auf die Gesinnung der Kritiker und Zweifler an der Saar haben wird. In Beweisführung nnd Takt war dieses Bei- spiel eine auffallend arme nnd sehlgeschlagene Anstrengung. Er erzählte seinen Zuhörern, daß„Verteidigung unserer Freiheit" einer der Hauptpunkte seiner Regierungspolitik in auswärtigen Angelegenheiten war. Er hielt sich nicht damit aus, verständlich genug, die Verteidigung der Frei, China an medizinischer Pflege, kultureller Hebung der Chinesen vollbracht haben. Pater Dörr hat jähre- lang unter Aufopferung seiner robusten Gc- sundheit den Kampf gegen die entsetzlichen Plagen Chinas aufgenommen. Bis er schließlich körperlich zusammenbrach und wegen Nervenzerrüttung aus der vorderen Front zurückgezogen werden mußte. N jemals hat er an einer Geisteskrankheit gelitten. Eine dahin zielende Behauptung ist eine schmutzige und nichtswürdig, Verleumdung. Lediglich eine Nervenzerrüttunz zwang zur Aufsuchung einer Nervenheilanstalt, aus der er gesund, aber noch erholungs- bedürftig entlassen worden ist. Wie er uns mitteilt, ist er glücklich darüber, während seines Auscnthaltes in der Heil- anstatt die Aermsten der Armen kennengelernt zu haben. Gerade das dort geschaute Elend hätte ihn bestärkt in sei- nem heiligen Eifer für die Sache aller Armen und Unter- drückten. So wenig wie Pfarrer Wilhelm von Werden gehindert wird, in gemeinster Weise gegen die Freiheitskämpfer an der Saar loszuziehen.— wir werden dazu morgen ein Wört- chen zu sagen haben— kann Pater Dörr gehindert werden, gegen den Nationalsozialismus aufzutreten und das zu sagen, was der Papst, das päpstliche Organ, der„Osservatore Ro- mano", was Kardinal Faulhabcr und mancher andere tapfere Priester der katholischen Kirche im„dritten Reiche" gegen den Nationalsozialismus gesagt haben. Es ist lies traurig, daß Pater Dörr der einzige Priester ist, der im Saargebiet seine Stimme gegen Hitler, gegen die braunen Meuchelmörder, gegen die Feinde aller Gesittung, Kultur und Zivilisation offen und unverhüllt zu erheben wagt. Klauende Dresche geschlagen! Schweizer Stimmen über Sulzbach Die„Zürcher Neuesten Nachrichtens die einen Sonderkorrespondenten nach Snlzbach geschickt hatten, schreiben:„Die Bedeutung der Snlzbacher G e g e n k n n d g e b u n g darf nicht unterschätzt werden. Nachdem die Freiheitssront seit Monaten von den Bresche in die„Deutsche Front" geschlagen worden. Von nun an wissen die Rückgliederungogegner aller Parteischattiernngen, aber auch die heimlichen R.ick- glicderungsgegner, die noch eingeschriebene Mitglieder der „Deutschen Front" sind, dass der Kamps um die«aar noch lange nicht entschiede« ist. Bisher waren auch die Antifaschisten mehr oder weniger von der Aussichtslosigkeit ihrer Sache überzeugt; der Endkamps beginnt nun aber mit andern Aussichten. Soviel steht aus jeden Fall fest; der Aus- gang der Volksabstimmung vom 13 Januar 1935 hängt noch vollkommen in der Lust. „Stimme der Times" London, 29. Aug. Die„Times" kommt heute aus die Rede Hitlers in Ehrenbreitstein zurück.„Aus seinen wiederholten friedfertigen Beteuerungen muß man den Schluß ziehen, daß er zur Verständigung bereit wäre; aber bei der heutigen Erregbarkeit Deutschlands, die so manche Mißverständnisse her- vorzubringen scheint, ist es notwendig, zu unterstreichen, daß nur Deutschland und nicht Frankreich oder irgend je- mand anders eine friedliche Lösung im S a a r g e b i c t garantieren kann. Hitler und kleinere nationalsozialistische Führer pflegen in ihren Reden Deutschland immer als ver- folgt und mißverstanden darzustellen. Auch in Ehrenbreitstein betonte der ReichSfiihrer wieder, daß niemand Deutschland auf die Knie zwingen werde. Aber hat denn jemand diese Absicht? Die nationalsozialistischen Idealisten möchten die Bc wunderung der Welt erobern, und wenn es ihnen nicht gelingt, dann glauben sie, es geschehe ihnen unrecht." Im gleichen Zusammenhang behandelt die„Times" auch die Rede Dr. Schachts bei Eröffnung der Leipziger Messe, um festzustellen, daß der Präsident der Rcichsbank auch ein Opfer der k r a n k h a s t e n Illusion sei, die Deutsch- lands Schwierigkeiten einzig und allein auf die Bösartigkeit der äußern Welt zurückführe. heit innerhalb des Reiches zu erwähnen. Dafür allerdings stellte er die abscheuliche Behauptung aus, in Deutschland sei eine klare Trennung zwischen Politik und Religion ersolgt und dass die Religion geschützt werde, wenn sie „nicht für politische Zwecke ausgenützt" werde. Für das Haupt eines Regimes, dos ofsenknndig der protestantischen Kirche in Deutschland Führer aufzuzwingen versucht hat, die dem Regime ergebe» sind und dies getan hat ange- fichts einer stürmischen und anhaltenden Opposition von- seiten dieser Kirche, ist es eine der zynischsten Erklärungen, die man sich vorstellen kann. Aber Herr Hitler ging noch weiter in seinen Torheiten. Er verglich diejenigen, die einer Rückkehr der Saar nach Deutschland opponieren, mit In- dassen und wies daraushin, dass trotz Judas das Christen- tum triumphierte. Dieser blaSphemischc Vergleich von Na- zismns und Christentum ist schwerlich ein wohlberechneter Weg zur Beruhigung der zahlreichen Katholiken an der Saar, die bekanntlich Bedenken gegen die Wiedcrvcreini- gung mit dem Reich haben. Noch ist die in der Bezugnahme aus Judas enthaltene Beleidigung der Judenschast geeig- net, die jüdischen Elemente zu besänftigen. Herr Hitlers Anstrengungen, nm Oesterreich zu gewinnen, sind miss- langen: um seines Prestiges willen ist ihm die Saar ver- zweifelt not." Bor kurzem noch stand es für„News Chronicle" außer Frage, daß die Saar an Deutschland zurückgegeben werde. Seit Koblenz ist dies nur noch„wahrscheinlich", und die Sulz- bacher Demonstration wird von dem Blatt durch die lieber- schriften:„Saarländer fordern Hitler heraus. Große Gegen demonstratio« der OppositionS-Front" stark unterstrichen und gegen Koblenz hervorgehoben. Der Saar-Korrespvndent von „News Chronicle" berichtet von 80 000 Teilnehmern in Sulz- bach. weist aus die Tatsache hin, daß die Veranstaltung im Wald stattfinden mußte und hebt die Bedeutung hervor, die dem Austreten eines katholischen Priesters bei einer sozia- listischen Kundgebung beizumessen ist. Es besteht alle Hoff- nung, daß es gelingen wird, auch die noch widerstrebenden Kreise Englands davon zu überzeugen, daß der Status quo an der Saar eine Lösung ist, die zwar Hitler nicht nützt, aber im deutschen Interesse gelegen ist, wenn die von der Saar-Opposition aufgestellte Forderung erfüllt wird, daß der Saar die Möglichkeit erhalten bleibt, nach Hitlers Sturz zu einem Deutschland der Ordnung und des Friedens zurück- zukehren. / flondelsrcdaktcure widerlegen nider Katzenjammer in, seiner" Presse ES war erst vor vierzehn Tagen, vor der„Wahl" Hitlers tum„Reichssührer". Was haben sich da die gleichgeschalteten Redakteure die Finger wund geschrieben, um nur dem deut- schen Leser nachzuweisen, daß Hitler der Netter sei, baß er Deutschland„herrlichen Zeiten" entgegenbringe, daß er die Arbeitslosigkeit überwunden habe usw., usw.... Und noch diesen Sonntag hat sich Hitler selbst in Ehrenbreitstein als der Retter Deutschlands aufgespielt. Aber die surcht- bare Wirklichkeit kann dem deutschen Volk nicht mehr vorenthalten werden, und der Reichs- bankpräsident Schacht hat in seiner nunmehr berühmt gewor- denen Rede bei Eröffnung der Leipziger Messe zugeben müssen, daß Deutschlands Wirtschaft härte st en Prüfungen entgegengehe. Die ganze deutsche Presse ist gleichgeschaltet und im poli- tischen Teil wagt sie auch an den größten Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes keine Kritik zu üben, aber in den Handelsteilen der großen deutschen Presse, in denen man nicht zu den breiten Massen spricht, erlaubt man sich doch noch einige Freiheiten. Dort wagt man wenigstens bis zu einem gewissen Grade noch die Dinge so zu schildern, wie sie sind oder richtiger gesagt, die Dinge sind bereits so weit ge- diehen, daß man die Wahrheit nicht mehr ver- schweigen kann. Die Katzenjammer st immung, die die gleich- geschaltete Presse nach der Rede Dr. Schachts ergriffen hat, ist deutlich an den zahlreichen Artikeln zu erkennen, die in den letzten Tagen erschienen sind. Wir wollen einige Stellen aus den verschiedenen Beiträgen zitieren, um zu zeigen, welch ernste Besorgnis um die deutsche Wirt- schast selbst bei den gleichgeschalteten Handelsredakteuren besteht. * „Kölnische Zeitung" vom 27. August, Abendausgabe. „Planwirtschaft aus Not?" „Man kann sich sehr wohl denken, daß eS dem Reichsbank- Präsidenten Schacht nicht leicht gefallen ist, zum soundso- vielten Male vor aller Oefsentlichkeit die Unmöglichkeit dar- zulegen, fürderhin im alten Schema die Zahlungen nach dem Ausland aufrechtzuerhalten. Der deutsche Kaufmann, der deutsche Industrielle, nein, der Deutsche schlechthin steht vor der Tatsache, daß eine noch viel straffere Einfuhrreglung als bisher in Krast treten muß, und man wird natürlich auch nicht bezweifeln, daß eine solche weitere Einengung der Ein- fuhr auch Ihre Folgen auf die Ausfuhr haben wird. Aber es geht nun einmal nicht anders... Was dann folgte, war alles zwangsläufig, zwangsläufig vor allem für uns, und wir können nur mit großer Betrübnis feststellen, daß das Ans- land leider immer noch nicht begreifen will, in welch be- drängter Lage wir in bezug auf unsere Zahlungsmöglichkcit find... Die Devisenbescheinigung soll in Zukunft zum Er- halt der Devisen berechtigen... Die unkontrollierte Einfuhr dürfte aufhören... Dies alles bedeutet aber praktisch ge- sehen, eine scharfe Einfuhrkontrolle, mit der man sich nach Lage der Dinge wird abfinden müssen." Nachdem daS Blatt betont, daß die Schachtsche Politik den Zweck hat, die Mark zu retten, schreibt es: „So bleibt der Ausweg nur noch über die Vervollkomm- nung der wirtschaftlichen Autarkie, so hart sie für alle Be- teitigten auch sein mag. Natürlich hat Schacht auch, auf diesem Punkte seiner Ausführungen angelangt, noch keine genauen Angaben machen können. Aber er wies doch ziemlich offen darauf hin, daß hierfür staatliche Mittel bereitgestellt werden müßten. Man kann aber wohl annehmen, daß der Reichs- bankpräsident genau weiß, wie weit er mit solch staatsfinan- zieller Hilfe gehen kann. Die Werksfriedhöfe ans der Kriegs- und Inflationszeit her schrecken jeden, der durch beutst'» Laude reist, und mit offenem Blick die stehende« Schrott- Haufen sieht. Man hüte sich deshalb vor neuen Ueberinvefti- tionen, die nach Jahren, wie schon einmal, zum Verhängnis der Allgemeinheit werden könnten. Gewiß, die Not zwingt »us zu diesen an sich unorganischen autarkischen Schritten, ober es wird hoffentlich auch in nicht allzu weiter Ferne die Zeit kommen, in der ein vernünftiges Wirtschaften die Völker wieder aneinanderbringt." ♦ „Deutsche Bergwerkszeitung" vom 28. August schreibt: „Der Appell, den der ReichSwirtschaftsminister Dr. Schacht von Leipzig aus an alle Völker der Welt richtete, ist von ein- dringlichem Ernst diktiert. Der Führer der deutschen Wirt- schalt sieht für alle das Verhängnis nahen.... Das Bild, das der Reichsbankprästdent in Leipzig zeichnete, kennzeichnet die ganze Schwere tcr weltwirtschaftlichen Lage, in der Deutschland steckt. Angesichts dieser Situation gehört Energie und Mut dazu, die bündige Erklärung abzugeben, Deutsch- land werbe sich von jeder Abenteuerpolitik und allen Erpcri- menten fernhaltend Der Zwangslage, in der sich Deutschland befindet, heißt es nüchtern insAuge zu sehen. Einschränkungen müssen ertragen werden, und Deutschland wird den ihm vorgeschriebenen Weg solange fortsetzen, bis die Vernunft allerorts zu ihrem Rechte kommt." * „Frankfurter Zeitung" vom 28. August schreibt: Die Einschränkungen der Einfuhr werden /veitgehendeFolgenfürdendeutschenHanbel, die Verarbeitung und den Konsum haben. Der Reichsbankpräsident selbst und andere haben seit langem die Entwicklung kommen sehen, die die möglichst weitgehende Verweisung des Konsums auf Binnengüter zur Folge haben wird. Die deutsche Industrie, die Rohstoffe aus dem Ausland braucht, um ihre Maschinen laufen zu lasten, wird bann, wenn sie nicht auf den sicheren Erhalt ihres Grundmaterials rechnen kann, Veränderungen vornehmen müssen. Dabei besteht allerdings die Gefahr, daß investierte Werte verloren gehen, wenn auch andererseits die Umstel- lung auf die Verwendung inländischer Ersatzstoffe oder aus- ländischcr Waren, die sich aus der Veränderung der Import- richtung ergeben werden, zweifellos manche Anregung brin- gen kann. Der Kapitalaufwand, der für diese Um- stellung erforderlich ist, muß gebeckt werden möglichst unter Verhütung von Fehlinvestitionen, für die schwer Maßstäbe zu finden sein werden, solange nicht die Weltwirtschaft auch für Deutschland wieber voll wirksam wird. Es wird also nicht leicht sein, einen so veränderten Mechanismus zu voller Lei- jt»«ß zu dringe«. Man braucht die Initiative des einzelnen deutschen Unternehmers, der in dem wirtschaftlichen Mecha- niömus ein wichtiges Glied bleiben soll,' man braucht auch das V e r st ä n d n i s des Auslandes, das an die Ehr- lichkeit der deutschen Absicht glauben mutz und um so mehr glauben kann, da in dem Schachtsche« Verzicht auf Deval- vation ein starkes Zugeständnis an eine ganze Reihe von Ländern liegt. wirhang der ßohwoilesperre Die von der Rcichsregierung verfügte Rohwolle-Einfuhr- sperre führte in diesen Tagen zu umfangreichen A r b e i t e r e n t l a s s u n g e n der im niedersächsischen Wirtschaftsgebiet liegenden Wollwäschereien_ und-käm- mcreicu. Eingänge von Wolle aus dem Ausland waren in den letzten Wochen nicht mehr zu verzeichnen, so daß zu einer Herabsetzung der Arbeitszeit noch unter die 86-Stun- den-Grenze geschritten werden mutzte. Seit dem 2-5. Juni arbeitete die Bremer Wollkämmerei nnr noch 24 Stunden! Erst durch die Entlassung von 200 jugendlichen Arbeitern konnte die Arbeitszeit für den übrigen Teil der Belegschaft auf SS Stunden wöchentlich heraufgesetzt werden. Die ent- lassenen Arbeiter, Jugendliche im Alter von 18 bis 23 Jahren, wurden dem„freiwilligen" Arbeitsdienst überwiesen, um auf diese Weise das Steigen der Arbeitslosenziffern nach außen Hu verschleiern! In einem zweiten Betrieb wurde dke Arbeitszeit auf 40 Stunden herabgesetzt, jedoch ist bereits eine weitere Einschränkung der Arbeitszeit beabsichtigt. Der Industrie- und Handelskammerverband für Nieder- sachsen-Kassel meldet, daß ein dritter Betrieb wegen Devisen- mangels in den nächsten Tagen st i l l g e l e g t werden müsse. Mit dieser Stillegung ist eine weitere Entlassung von Arbeitern verbunden. Auch die Metallwarenfabrik Heimbahl u. Keller A. G-, Hilden, sah sich genötigt, die Zahlungen einzustellen und die Fabrik zu schließen. 230 Angestellte und Arveiter»nrben auch hier entlassen. Wachsende Teuerung Man schreibt uns aus Dortmund: In der Woche vom 29. 7. bis 4. 8. 1934 haben sich in Dort- mund die Preise sehr stark erhöht. Beispielsweise sind ge- stiegen: Das Pfund Butter von 1,49 auf 1,34 Reichsmark, das Pfund Schmalz um 2 Pfennig, ein Pfund Rindersett von (59 auf 78 Pfennig, ein Pfund Erbsen von 24 auf 39 Pfennig und ein Liter Oel um 3 Pfennig. Es konnte fest- gestellt werden, daß diese Tendenz der Preissteigerung wich- tigster Lebensmittel im ganzen Ruhrgobiet erfolgt ist. Die Arbeiter konsumieren in starkem Maße Hülfensrüchte. Ge- rade diese weisen starke Preissteigerungen auf. Bis vor wenigen Wochen produzierten die Hausfrauen ihre Margarine selbst. Als Rohstoff diente Palmin. Nun ist Meies Fett fast vollkommen aus dem Verkehr verschwunden, an dessen Stelle wind deutsches Rindersett verkauft, das sich für die Margarineherstcllunq nicht eignet. Gerade die Hausfrauen schimpfen sehr stark auf diese Veränderungen. Steigende Devisennot Schacht und das*«alta System"- Wer sind die Scstuldenmacher?- Hungerwinter drohtI lang von der sicheren Ueberwindung aller Schwierigkeiten durch den nationalsozialistischen Willen faseln, die Ziffern sprechen eine andere Sprache. Sie erzählen von der u»ver- meidlichen fortschreitenden Blutentziehung, die der Rohstoff- Mangel bedeutet. Sie sagen einen harten Winter der Not und Entbehrung voraus und Hunger, Arbeitslosigkeit und Mangel sind Re-, bellen, mit denen kein Propaganbaministerium und keine Wirtschaftsdiktatur so leicht fertig werden. Dr. RichardKern. Herr Schacht wettert öffentlich immer wieder gegen die Auslandsschulden, für die der Mann, der sich in zudring- lichster Weise an führende Sozialdemokraten angebiedert hatte, so lange es ihm für seine Karriere nützlich erschien, jetzt das„Alte System" verantwortlich machen möchte. Der Schwindler verschweigt absichtlich, daß die deutsche Aus- landsverschuldung nur zu einem verschwindenden Teil aus Schulden des Reiches und der anderer öffentlichen Körper- schalten besteht, der weitaus größte Teil aber Schulden der großkapitalistischen Unternehmungen und znm Teil der Landwirtschaft sind, die er selbst auss eifrigste befürwortet hat. Einer bei! leichtsinnigsten Schulöenmacher war Fritz Thyssen, sein jetziger Intimus und maßgebendster nationalsozialistischer „Wirtschastsfllhrer", der den Stahlverein nicht nur von An- sang an ttbergrttndete, sondern auch überschuldete. Große Schuldenmacher waren Siemens, war die AEG., waren Haoag und Lloyd— man sieht, es sind wirklich lauter „Marxisten", die nach Schacht die Verantwortung tragen. Aber während Schacht öffentlich über die AuslandSvcrschul- dung zetert, versuchen seine Agenten mit allen Mitteln, neue Rohstoffkredite in Amerika und England zu erlangen. Da aber bisher Amerikaner und Engländer noch nicht einzu- sehen vermögen, warum sie dem schlecht gewordenen Geld noch gui«s"nächwcrfcn sollen, isr Herr„Schacht, in seiner Ver- zweiflung auf die Idee verfallen, sozusagen Zwangsanleihe» im Auslände auszunehmen. Denn um nichts andere? handelt eS sich, wenn die Reichsbank sich weigert, kür etwa eine Million englischer Pfund für 29 Millionen holländischer Gulden und für mehrere Millionen Schweizer und schwedischer Währung, die längst fällig geworden sind, die nötigen Devisen anzuweisen. Aber bei diesem Versuch ist der Bankrotteur wieder einmal hereingefallen. Die holländische Regierung hat den Winkel- zügen der deutschen Unterhändler kurzerhand ein Ende reitet und am 13. August ein Zwangsclcaring gegen Deutschland angeordnet. Die holländischen Importeure werden von nun an ihre Zahlungen an die deutschen Liefe- rantcn nicht mehr iu Gulden nach Deutschland senden, son- dcrn die Beträge bei der niederländischen Bank einzahlen. Diese wird daraus einmal die Forderungen der holländischen Erportcure bezahlen, und sodann den Ueberschuß mit den Schulden verrechnen, die die Deutschen bisher nicht abtragen konnten. Mit einem ähnlichen Vorgehen droht jetzt auch Eng- land, und es ist kein Zweifel, daß Herr Schacht sehr bald ge- zwungen sein wird, seine Zwangsanleihen zurückzuzahlen. Das wird freilich keine leichte Sache werden. Denn die Devisenlage wird trotz oder vielleicht eben wegen der Ein- griffe in den Außenhandel immer schwieriger. Die Bilanz des Außenhandels im Jnli ist außerordentlich schlimm. Tie Einfuhr ist mit 393 Millionen NM. um 3 Prozent ge- ringer als im Vormonat, die Ausfuhr bleibt mit 821 Mil- lionen NM. um mehr als 3 Prozent hinter der des Vor- monatö zurück. Gegenüber dem Juli des Vorjahres beträgt der Rückgang sogar fast 17 Prozent. Im Juli ist somit ein neues Passiv um von 42 Millionen entstanden, während im Vorjahre noch ein Aktivum von 23 Millionen zu verzeichnen war. Bei der Einsuhr machen sich zum erstenmal die Wirkungen der verschiedenen Drosselungen bemerkbar. Denn während bisher die Einsuhr dieses JahreS in allen Monaten höher war alö im Vorjahr, ist im Juli die Einfuhr etwa gleich der vorjährigen. Den stärksten Rückgang zeigt die Einfuhr von Wolle, die im Juli nur noch etwa ein Fünftel von dem Höchst- stand im April dieses Jahres erreichte. Weitere erhebliche Einfuhrrückgänge sind bei fast allen Metallen sowie Häuten und Fellen eingetreten. Dem steht aber eine verhältnismäßig starke Zunahme der Lebcnsmitteleiniuhr gegenüber. Dieser Umstand ist um so bedenklicher, als infolge des schlechten Ernteaussalls in den nächsten Monaten ohnedies mit einer starken Vermehrung, insbesondere der Futtermitteleinkuhr, zu rechnen sein wird. Dieser nicht zu verhindernde Einfuhr- bedarf wird die Drosselungen an anderen Stellen weitaus übersteigen, so daß von der Einfuhrseite her eine Erleichte- rung der Deviscnlage nicht zu erwarten ist. Katastrophal gestaltet sich aber die Situation durch die fortschreitende Verminderung des Exports, von dem in Deutschland die Existenz von ungefähr 3„3 Millionen Ar- beitern unmittelbar abhängt. Am stärksten betroffen ist wiederum die Fertigivarenausfnhr, die mit 239 Millionen um 17 Millionen gegenüber dem Vormonat zurückgeblieben ist. Die Juli-Aussnhr stellt überhaupt den niedrigsten Betrag seit vielen Jahren dar, ebenso wie der Gesamthandel einen Rekord deS Tiefstandes erreicht hat. Das Passivum der Handelsbilanz ist in den ersten sieben Monaten bereit? auf 238 Millionen gestiegen, wobei aber zu berücksichtigen ist. daß diese Zahl um etwa ein Viertel bis ein Drittel zu erhöhen ist, weil ja die deutschen Exporte nur zum Teil mit Devisen, zum andern aber mit ScripS und Sperrmark bezahlt werden.^ Diese Zahlen bedürfen nun wirklich keiner ausführlichen Erörterung mehr. Hitler und Schacht mögen noch eine Zeitz« „Das Lofli in der Devisenbilanz" Die gewiß unverdächtige„Frankfurter Zeitang** schildert in ihren Nummern 432 und 435 die deutsche! Devisenbilanz und ihre lolgen für die Gesamtwirt- schaft wie folgt: Nach den von Monat zu Monat veröffentlichten Ausweisen! der deutschen Handelsbilanz konnte der Einfuhrüberschuß vom.*,! NM. 216 Mill. im ersten Halbjahr 1984 nicht mehr über« raschen: aber er hat nüchtern und eindeutig aus die ernftz Lage des deutschen Außenhandels hingewiesen: zum erste.« Male seit 1928 ist die Handelsbilanz wieder passiv geworben, und dies in gleichem Maße durch Einfuhrsteigerung w e durch AuSsuhrrückgang. Die Einfuhr war im ersten Halb, jähr 1934 gegenüber dem Borjahre um 12 Prozent niedriger. Die Minderung des Auslandsabsatzes um fast NM. 309 Mill. ist dabei zu zwei Dritteln ein Ergebnis des zweiten Vierteljahres: die Absatzschwierigkeiten im AuSlanle scheinen also noch eher anzuwachsen als nachzulassen. Darauf deutet auch das Juli-Ergebnis hin, das entgegen den üblichen Saisontendenzen einen weiteren Exportausfall gegenüber dem Vormonat ausweist. Besorgniserregend ist dabei an meisten, daß gerade die großen europäischen Märkte in diesem Halbjahr weniger Ausnahmelust ot r -sähigkeit für deutsche Waren zeigten als im Vorjahre. Denn noch immer gibt Europa mit fast vier Künsteln Anteil an der deutschen Gesamtaussuhr den Ausschlag für die deutsche Hau- belsbilanz, und diesmal war der Ausschlag negativ- D:r Rückgang des Europahandels im Rahmen des deutschen Aue» suhrgeschästS hält schon seit Jahren an? allein im erstcn Halbjahr 1934 bezogen die europäischen Länder für RM. 2<9 Mill. weniger Waren als 1933. Freilich hat der Ausfall bei russischen Marktes wesentlich zu dieser Ver. schlechter»«« beigetragen? auf sein Konto kommen allein IL? Mill. Exportverluste. Aber die Kennzeichnung Rußlands als eines„Sonderfalles" darf nicht zu seiner einfachen AuSklam» mernng aus der deutschen Exportrechnung führen. Denn d« Sowjetrepublik war nun einmal trotz und wegen ihr t Eigenart seit Jahren ein wichtiger Kunde der deutschen Vf.« arbeitungSindustrie, nicht nur ein willkommenes Krisenveni l für den deutschen Export. Mußte man at'ch damit rechnen, 5. 8 nach der forcierten Industrialisierung der ersten PlanwiN« schaftSperiode eine ruhigere Zeit eintreten würde, so konr< man doch auch auf den zweiten FünsjahreSplan mit senu< neuen Zieleck manche Hoffnungen setzen. Nun hat abc< Rußland in den zwei letzten Jahren die Einkäufe in Deutst> land stärker als seine Gesamteinfuhr beschränkt und z. T. neue Lieferanten herangezogen? trotzdem muß der russische Markt für Deutschland nicht verloren sein, und augenbl'ck- lich werden auch wieder Versuche zu einer Wiederbelebung des deutsch-russischen Außenhandels gemacht. Abgesehen von Sowjetrußland hat Deutschland Exportverluste vor allem im Verkehr mit seinen großen westlichen Kunden erlitten? auf sie entfällt fast der ganze übrige Ausfall von 123 Mill. im ersten Halbjahr 1934. Die Ausfuhr sowohl nach Frankreich, Holland und Belgien wie auch nach der Schweiz hat sich gegenüber dem Vorjahre weiter vermindert, und das wiegt um so schwerer, als die Ausfuhrüberschüsse gegen« über diesen westlichen Nachbarländern neben dem Schulden- dienst im wesentlichen der Bezahlung überseeischer Rohstoffe dienen. Verloren hat aber die deutsche Ausfuhr auch nach den östlichen Nachbarländern: die Tschechoslowakei hat in ihrem Streben nach Aktivierung de? Handelsverkehrs mit Deutschland die Einsuhr weiter eingeschränkt, Oester« reich hat, wenn auch ohne solche Absicht, in diesem Halbjahr ebenfalls weniaer deutsche Waren bezogen als im Bor« jähre. Die Einfuhrschwierigkeiten nach den R a n d st a a t e» mögen sich aus der schweren Lage dieser Länder infolg« tit Agrarkrise und der Tevijenhemmungen erklären.^ &euisdke Stimmen•(Beilage zur Deutsdken Freiheit"• Ereignisse und Qesdkidkten Donnerstag, dan 3Q. August 1934 .WWilWWW MA» Sa hat sie Jhn zctzte. Qespeäch im Obstladen in Saacbciic&en Man schreibt uns: Jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit gehe, fuhrt mich mein weg bei ihr vorbei. Sie hat ein kleines sauberes Geschäft- eben mit appetitlichen Auslagen, die mich mitunter verlocken: ein paar Tomaten, ein halbes Pfund Zwetschgen oder Trauben zum Frühstück. Immer haben wir eine kurze, aber freundliche Unterhaltung, ein gutes, oft aufmunterndes Wort, das wir uns vielleicht gegenseitig mit in den Arbeitstag nehmen. Denn sie ist nicht nur ein hübsches, sondern auch tüchtiges, junges Mädchen. Ich dachte stets: wie gut sie ihre Kunden zu nehmen versteht.„.... Und heute?—— „Waren Sie auch in Koblenz?" beginnt sie unser Gespräch, während sie mit flinken Fingern einige saftige Butterbirnen abwiegt. Ich verneine und harre der weiteren Dinge, die sich auch prompt ereigneten.„Ach wissen Sie, da haben Sie recht gehabt." w„ Nanu? Ich staune.*"*■— „Ich bin nämlich mit meiner Mutter gefahren. Die ist schon 70 Jahre! Und das war eine furchtbare Anstrengung. Samstag nacht um 3.15 Uhr hier weg, Sonntag um 3.15 Uhr wieder nachts fort von Koblenz. So zwei Nächte um die Ohren geschlagen, das spürt man." Ich stimme zu, bedanre, heuchlerisch wie ich bin, die alte Dame, die für den„Führer" so viel Strapazen auf sich nimmt. „Natürlich," pflichtet die Verkäuferin bei.„Sie konnte auch Sonntag mittag kaum noch voran. Denn, denken Sie, der Zug fuhr nur bis Vallendar und wir mußten eine endlose Stunde zu Fuß laufen. Alle Wirtschaften ringsum waren schon geschlossen. Da war aber ein Wäldchen, ich ließ mich mit der Mutter nieder; und wir machten Mittag. Sie sagte auch schon, wenn sie das gewußt hätte..." „Aber Essen? Essen hatten Sie das bei sich?" „Ja, an die Gulaschkanonen war nicht ran zu kommen, und unter uns gesagt: es war doch heiß, und da roch es so, wissen Sie, so nach—" Der Sag blieb unvollendet. Ich wollte mehr hören, sonst hätte ich vollendet: nach Volksküche anno 17, weißt du noch? Aber darum schwieg ich..■ „Wir wurden jedoch für alles entschädigt, für alles." Das verblühte knittrige freundliche Mädchen blühte auf:„Ich habe den Führer gesehen." Ihre Augen glänzten wie die einer Fieberkranken.„Also er stand mir gegenüber wie Sie mir jetzt stehen. Ganz nah." Verzückt spricht mein Obstmädchen weiter:„Achtmal habe ich ihn geknipst. Wenns nur einmal geworden ist. Es waren zu viele Heils und Arme hoch immer dazwischen." Ich denke, so nah wie ich und du..• „Offengestanden," ihre Stimme wurde plöglich ein Flüstern — hat sie das schon hinter dem Guckloch des eisernen Vorhangs für die Saarländer gelernt?„Ith war ja nie so ganz und gar mit„drüben" einverstanden, und vor allem die Bilder. Finden Sie nicht, seine Bilder, sieht er nicht auf allen so dumm aus, also wissen Sie, richtig dumm. Aber in Wirklichkeit, ganz anders! Nein, so ein Mann! Der ist nicht zu fotografieren." Wieder die Rosenblüte unter hysterischem Blick:„Wir sahen ihn zuerst, als er zum Ehrenbreitstein heraufkam. Hoch rot war sein Kopf, und er schien furchtbar aufgeregt. Denken Sie auch mal an, vor soviel Menschen!" „Und dann waren wir dabei, wie er fortging. Da war er ganz anders. So befreit." „Ja und dann?" „Aeh dann hab, wir Glück gehabt. Es war nämlich ein bekannter SA.-Führer bei uns. Der hat gesorgt, daß uns eine Wirtschaft noch einließ, die gleich wieder hinter uns ge- schlössen wurde. Sonst hätten wir die ganze Zeit nichts Warmes zu essen bekommen. Aber was meinen Sie, was wir bezahlen mußten? 55 Pfennig für eine Tasse Kaffee, es war ein unverschämter Nepp, aber man mußte sich glücklich schägen, überhaupt etwas zu erhalten, und nur durch die sehr nachdrückliche Hilfe unseres bekannten SA.-Führers." Schade, hab' ich gedacht. Es kam dir und deines gleichen nichts anderes zu. Ein betontes„Guten Tag" von mir. Ich gehe der Arbeit entgegen. ♦- Oben auf dem Bahnsteig ist wieder ein Zug eingefahren. Sie schreien ihr„Sieg Heil", sie singen ihr Horst-Wessel- Lied, und die Fenster außen sind mit grünen Reisern geschmückt.•——- Wie 1914! Sie haben alles vergessen und nichts gelernt. Ein gütiger Himmel möge geben, daß sie erwachen ans dem Massen-Rausch, ehe es zu spät ist. Wir wollen alle dazu helfen! Und es werden täglich mehr, die zu denen gehören, die unablässig in die braune Trostlosigkeit rufen:„Deutschland erwache!"..--— Qocinq. in Seßplunifotm Mit Bengt Berg„herzensgut zu den Tieren" Reichsjägermeister Hermann Göring hat sich wieder einmal für den„Völkischen Beobachter" fotografieren lassen. Diesmal im Sepplanzug— Lederhose, Hemdsärmel, gestickte Hosenträger, den Speer in nerviger Mannesfaust. Daneben ist ein Gast zu sehen, ein Gast in Zivil, den Kopf mit gelichteten Wa omn Is»ir4it vmpnlrt alt ifhämn«r«ich. Dieser Gast ist— Das 7 leaeste: Cntjudunq. JCohn~ J(oncad In Deutschland ist es große Mode geworden, einen unbequemen Konkurrenten, einen Nachbarn, den man nicht ausstehen kann, einen persönlichen Gegner als—„Judenstämm- ling" zu verdächtigen. Landauf, landab beriechen die Rasseschnüffler jeden Eckstein der Familienchronik, die Suche nach der Großmutter hat sich vom Gesellschaftsspiel zur Landplage entwickelt.— Jetzt mehren sich die öffentlichen„Ehrenrettungen" und immer mehr Leute sehen sich genötigt, sich selbst oder ihre Freunde vom Verdacht einer anrüchigen Abstammung zu reinigen. Wilhelm Stapel, ein reichsdeutscher Wortführer im Kirchenstreit, schreibt z. B. in seiner Zeitschrift„Deutsches Volkstum": „Manchmal genügt der Name, der auch als jüdischer Name vorkommt, um Mißtrauen entstehen zu lassen. Aber Dicht einmal der Name Cohn ist immer ein Zeichen für das Judentum seines Trägers. Kohne und Cohn kommen, als Abänderung des Namens Conrad in Norddeutschland als echte deutsche Familiennamen vor... Mag man einen Menschen Dicht leiden, so genügen schwarze, krause Haare oder eine dinarische Nase, um das Mißtrauen hervorzurufen. Wer nicht fest in der Rassenkunde ist, verwechselt leicht dinarische und jüdische Nasen... Es gibt sogar Fälle, in denen jüdisches Aussehen völlig unerklärlich ist." Nach dieser Feststellung, die ihm das Propaganda- Ministerium und sein Leiter sicher danken werden, geht Stapel zu einigen mehr persönlichenEntjudungen über, und seine Plädoyers sind so bezeichnend für den neudeutschen Unfug, daß sie wenigstens auszugsweise zitiert '»Orden sollen: Ernst von Wildenbrnehs Großmutter war He», fiette Fromme, die Geliebte des Prinzen Louis Ferdi- Bengt Berg, der schwedische Vogelfreund und Natur- schilderer. Bengt Berg, der angeblich nur mit der Kamera j»gt- Er hat dem„Völkischen Beobachter" ein Interview über seinen Besuch bei Göring gewährt, in dem es heißt: „Wer Hermann Göring sieht, wenn er seinen jungen L ö w e n in die Arme nimmt und tätschelt, der weiß sofort, daß hinter dem stahlharten, hellen Blick dieses blonden Teutonen heiße Liebe zur Natur und Herzensgute zu den Tieren zu finden ist." Bengt Berg, der schwedische Zeitungen zu lesen pflegt, weiß natürlich genau so gut wir wir, daß in Görings Namen und unter Görings polizeilichem Oberbefehl abertausend wehrlose, schuldlose Menschen in Konzentrationslagern und SA.-Kasernen auf teuflische Art mißhandelt, gedemütigt, gepeinigt, gemartert, daß viele erschlagen, erschossen, zertrampelt, zu Tode gefoltert worden sind. Aber Bengt Berg mit dem zarten Herzen geht dennoch hin und macht seine Reverenz. Wir wundern uns nicht darüber, wir begreifen, warum sieh diese beiden seltsamen Tierfreunde zueinander hingezogen fühlen. Bengt Berg, einer der verlogensten Schriftsteller unserer Zeit. Worin besteht die Anziehungskraft seiner viel gekauften Bücher? In der Vorspiegelung, daß der Autor außerstande sei, ein Tier zu töten. Diese vermeintliche Zartheit und Güte haben dem Autor des„Abu Marküb", des „Regenpfeifers", der„Mutterlosen" viel blankes, gutes Geld eingebracht. Und da ein reicher Mann sich Passionen leisten kann, ist Bengt Berg in seinem Privatleben— leidenschaftlicher, wenn auch heimlicher Jäger. Aber nicht mit der Kamera, sondern mit dem Schießprügel. In den gewinnbringenden Büchern verschweigt er diese Tatsache sorgfältig und wohlbedacht. Göring und Bengt Berg passen zusammen. ünheUsfcont, wachse! Von Erich Weinert*) Kameraden, heut werden sie drüben ans Rhein Mit dröhnenden Worten die Saar befreie Und neuen Haßgeist impfen. Euch werden sie als Gesindel bespeia Und als Hochverräter beschimpfen. Sie sagen, ihr wärt nur ein Häuflein klein, Von dunklen Agenten bestochen. Wir wissen, warum sie euch so beschreit«. Das Häuflein wird bald ein Volksheer sein! Sie spüren es in den Knochen., Kameraden, noch ist das Saarland frei Von Folterkasernen, Sklaverei^ Und Rasseparagrafen. Gesittung und Freiheit sind drüben zerstört Und wer das für recht hält, der gehört Zu den geborenen Sklaven! Die Saar ist deutsch! heißt ihre Parole. Wer hat das jemals bestritten? Auch ihr nicht. Ihr hättet es nie gelitten, Daß sie ein anderer hole! Ihr, Arbeiter, Bauern und Mittelstand, Sozialisten, Juden und Christen, Sie sagen, ihr hättet kein Vaterland, Und schimpfen euch Separatisten! Ihr wißt, wie euer Vaterland heißt! Deutschland! Und das wird es bleiben!' Doch was sich dort drüben als Deutschtet» preist, Das ist nicht Geist von eurem Geist! Das ist ein Feind, der gegen euch hetzt! Denn Deutschland ist heute vom Feind besetzt. Und den gilt es zu vertreiben! Unser Deutschland, das ist nicht der brenne Gott- Nicht Phrasen- und Fackelnparaden, Unser Deutschland ist nicht das graue Schafott Hinter buntbehängten Fassaden— Unser Deutschland, das ist die leidende Masse, Zu kommandierten Statisten degradiert. Die unterirdisch, in schweigendem Hasse Krieg gegen ihre Bedrücker führt! Und dieses Deutschland wird bald erwachest. An einem stürmischen Tag! Und die Barbarei wird zusammenkrache» Unter dem ersten Schlag! Und ein neues Deutschland ersteht im Gefecht, Ein Deutschland des Wohlstands, für Freiheit und Re£t! Von diesem Vaterland, Kameraden, Scheide euch keine Grenze mehr! Doch für Pogrome, Foltern, Parade» Gebt eure Heimat niemals her! Die Zahl der Verblendeten ist noch groß, Der Einfältigen und der Feigen. Macht ihnen Mut zum Gegenstoß! Reißt sie von ihren Beschwätzern los! Ihr habt die Pflicht, nicht zu schweigen! Dann bleibt bald nur eine kleine Schar, Von braunen Phrasen behext. Aber die Freiheitsfront an der Saar Wird mächtig und lebt und wächst! Arbeiter, Bauern und Mittelstand! Sie soll'n sich die Zähne ausbeißen f Haltet der blutigen Brandung stand, Auf der letzten Schanze im Vaterland! Die soll'n sie euch nicht entreißen! Einheitsfront wachse! Es kommt der Tag! Euer Sieg wird der Todesstoß sein! Von hier aus führt den entscheidenden Sdllag! Und der heißt: Deutschland befreit«! *) Erich Weinert trug dieses Gedicht auf der großen Freiheitskundgebung in Sulzbach vor. Er hat et für sie schaffen. Et fand ttürmitchen Widerhall. nand von Preußen. Sie wird, weil der Name Fromme auch ala Judenname vorkommt, als Jüdin bezeichnet. Aus der Ahnentafel berühmter Deutscher in der Leipziger Zentrale für Personen- und Familiengeschichte geht unwiderleglich hervor, daß... Uebrigens sind Wildenbruchs Werke so unjüdisch wie möglich. Walter Flex' Mutter soll eine Jüdin gewesen sein. Warum? Weil sie Margarete Pollaek heißt... Der Sachverständige für Rassenforschung beim Reichsministerium des Innern hat den Fall Flex nachgeprüft und die rein arische Abkunft der Mutter ist durchaus festgestellt. Dem Göttinger Theologie-Professor Emannel Hirse h wird jüdische Abstammung angehängt. Grund: der Name und dinarischer Einschlag in den Gesichtszügen. Der Name Hirsch braucht nicht auf den Judennamen Hersch zurückzugehen, es gibt auch deutsche Hirsche.„Zum Hirsch" ist ebenso wie„Zum Löwen",.Zum Ochsen",„Zum Kaiser" ein guter alter Hausname.,, Der Frankfurter Professor der Soziologie, HeinzMarr, soll von jüdischen Vorfahren abstammen. Hier liegt eine ganz besonders üble Verleumdung vor... weil es sich um einen Racheakt der Gegner handelt. Die Stammbäume liegen nach allen Richtungen vor und schließen jeden jüdischen Ein« schlag ans. Also das sind wirklich Sorgen! Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nadibarn gefällt, ihn als Judenstämmling auszuklingeln, und so ein dinarischer Einschlag in den Gesichtszügen ist im„dritten Reiche" gefährlicher als ein kleiner Mord. Hitlers geeintes Volk, vor Edelmut strotzend, bietet in seinem privaten Pgftin einen erhebenden Anblick, ZeUrTtoüaea Eine Hand wascht die andere Unter den„Sechs Büchern des Monats August", die Propagandaministerium ausgezeichnet hat, befindet sich je eins von Friedrich Griese und Wilhelm von Scholz. Im„Berliner Tageblatt" lesen wir von Griese über das Buch von Scholz:„.•. Vielleicht die dichterischste Lösung des oft behandelten Vorwurfs: ein Totgesagter kehrt heim" und von Scholz über das Buch von Griese:„Das Buch ist auf die Reichsliste für den Monat August gesetzt Ea hat dort seinen guten und eigenen Platz, weil es ein bestimmtes Gebiet der deutschen erzählende» Kunst mit hoher Meisterschaft vertritt." Sternheim in Paris Carl Sternheim, der große deutsche Komödiendichter, der scharfe Kritiker des Spießbürgers, um den es in de» letzten Jahren sehr still geworden ist, wird im kommenden Winter zum ersten Male in Paris aufgeführt werde». Ein Pariser Theater kündigt die Aufführung des Lustspiels„Die Hose" an, das bekanntlich nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der Verfilmung einen Welterfolg hatte. Sternheim hat lange Zeit kein neues Werk veröffentlicht. Er lebt schon seit vielen Jahren in Brüssel und ist mit Pamela Wedekind, der Tochter Frank Wedekinds, verheiratet. Eine Schule für Zirkusklown» in Moskau In Moskau wurde soeben eine technische Hochschule fit Zirkuskunst eröffnet. Das Ziel dieser besonderen EinriÄtnng' ist die Schulung von Akrobaten, Clowns und anderen Zirkuskünstlern. Außer dem Unterricht im Jonglieren, Kunstreiten, Trapezkunst werden auch Kurse abgehalten in fremdem Sprachen, Soiialwiasenschaft, Geschichte, Geographie usw. Vdlkar In Sfurmzalten Nr. 7 Völker in Sturmzeiten Inn Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Maurice stirbt für die Kommune Von Emile Zola Die Leiden des belagerten Paris haben begonnen. Die Einschließung war Tatsache geworden, auf Grund der Befehle des preußischen Hauptquartiers. Die Verteidigungsarmee war in hoffnungsloser Minderheit. Paris begann, ungeschulte Männer zu drillen.„Es war nur noch ein unermeßliches verschanztes Lager." Die N erteidignngsarbeiten wurden von Stunde zu Stunde fieberhafter feetrieben: die Straßen abgeschnitten, die in der militärischen Zone liegenden Häuser rasiert; die zweihundert Kanonen schweren Kalibers und die übrigen zweitausendfünfhundert Gesduitje'in Bereitschaft gesetzt, andre Kanonen gegossen— ein ganzes Arsenal, das da unter den rastlosen patriotischen Bemühungen des Ministers Dorian aus dem Erdboden wuchs. Nach rleui Abbruch der Verhandlungen von Fer- rieres, als Jules Favre die Forderungen de» Grafen Bismarck bekanntgab: die Abtretung des Elsaß, die Besatzung von Straßburg gefangen, drei Milliarden Entschädigung, r- hob sich ein Schrei der Entrüstung; die Fortsetzung des Krieges, der Widerstand fanden wie eine für das Dasein Frankreichs unerläßliche Bedingung begeisterte Zustimmung. Selbst ohne die Hoffnung auf Sieg mußte sich Pari» verteidigen, damit das Vaterland lebe. An einem Sonntag. Ende September, wurde Maurice dienstlich ans andere Ende der Stadt geschickt, uud die. Straßen, denen er folgte, und die Plätze, über die er schritt, erfüllten ihn mit neuer Hoffnung. Seit der Niederlage von Chatillon, so schien es ihm, Waren die Herzen für das große Werk noch emporgewachsen. Dieses Paris, das er so gierig nach Genuß und dicht an den allerschlimmsten Lastern stehend erkannt hatte, er, fand es schlicht, von fröhlicher Tapferkeit erfüllt und zu allen Opfern bereit. Man traf nur Uniformen, die Harmlosesten trugen das Käppi der Nationalgarde. Wie eine Biesenuhr, deren Feder zerspringt, standen das gesellschaftliche Leben, die Industrie, der Handel, der Geschäftsverkehr plötzlich still; nur ein Drang blieb lebendig, der feste Wille, zu siegen: es war der einzige Gegenstand, von dein man sprach, der dir Herzen und die Köpfe entflammte, in den öffentlichen Versammlungen wie des Nachts in den Wach- häusern und unter der beständig sich stauenden Volksjpenge, die den Gehweg versperrte. Die Selbsttäuschungen wurden so Gemeingut und rissen aller Seelen mit fort; eine wahre Ueberreizung gab dieses Volk der Gefahr hochherziger Tollheiten preis. Es war ein völliger Anfall krankhafter Nervosität, der sich da kundgab, ein ansteckendes Fieber, das die Furcht wie die Zuversicht übertrieb und beim geringsten Hauch das Tier im Menschen ungezügelt losließ. Maurice wohnte in der Rue des Martyrs einein Auftritt bei, der ihn leidenschaftlich erregte: eine wütende Bande stürzte sich in regelrechtem Angriff auf ein Haus, in dem man eines der hohen Fenster die ganze Nacht von dem grellen Licht einer Lampe.beleuchtet gesehen hatte, offenbar ein Signal für die Preußen in Bellevue oberhalb von Paris. Von Spionenfurchl gequälte Bürgersleute lebten auf ihren Dächer», um die Umgehung zu überwachen. Tags zuvor hatte man im Tuilerienteidi einen Unglückseligen ertränken wollen, der auf einer Bank einen Pia» der Stadt' ausgebreitet und etwas nachgesehen halte. Auch Maurice, der früher so unbefangenen Geistes gewesen war. wurde durch die Erschütterung alles dessen, an das er bisher geglaubt hatte, von dieser Krankheit des Argwohns befallen. Er verzweifelte nicht mehr wie am Abend der Panik von Chatillon, wo ihn die angstvolle Frage quälte, ob die französischen Armeen je wieder die männliche Kraft finden werden, sich zu schlagen. Der Ausfall vom 30. September auf L'Hay und Chevilly, der vom 13. Oktober, hei dem die Mobilgardisten Bagneux erobert hatten, und schließlich der vom 21. Oktober, hei dein sein Regiment sich einen Augenblick lang des Parks von Malmaison bemächtigte, hatten, ihm seine ganze Zuversicht wiedergegeben, jene Hoffnungsflainme, die zu entzünden ein Funke genügte und die ihn selbst verzehrte. Wenn sie auch von den Preußen auf allen Punkten aufgehalten worden war, so hatte sich die Armee darum nicht weniger tapfer geschlagen, sie konnte noch siegen. w Wirklichen Schmerz verursachte aber Maurice diese» große Paris, das von der höchsten Illusion zur schlimmsten Entmutigung übersprang und in seiner Begierde nach Sieg von der Furcht vor Verrat gequält ward. Waren nach dem Kaiser und nach dein Marschall Mac Mahoii die Generale Trochu und Ducrot nicht die mittelmäßigen Führer, die gewissenlosen Werkmeister der Niederlage? Dieselbe Bewegung, die das Kaiserreich weggeschwemmt hatte, drohte nun auch die Regierung der nationalen Verteidigung wegzufegen. Eine Anzahl Ungestümer brannte vor Ungeduld, die Gewalt an sich zu reißen, um Frankreich zu retten. Schon waren Jules Favre und die andern Mitglieder unpopulärer als die gefallenen Minister Napoleons III. Da sie die Preußen nicht schlagen wollten, hatte sie eben nur den andern Platz zu machen, den Revolutionären, die des Sieges sicher waren, indem sie die Massenerhebung anordnen und bereitwillig den Erfindern ' entgegenkommen wollten, die sich anheischig machten, das Weichbild der Stadt zu unterminieren oder den Feind unter einem Regen neuen griechischen Feuer zu vernichten. Am Vorabend des 31. Oktober ward Maurice von dieser Krankheit des Mißtrauens und der Träumerei geplagt. Er gab sich jetzt den Gaukelbildern willig hin, über die er früher gelächelt hätte. Warum nicht? Hatten denn die Dummheiten und das Verbrechen keine Grenzen? War inmitten dieser Katastrophen, die die Welt erschütterten, nicht ein Wunder möglich? Ein tiefer Groll hatte sich in ihm angesammelt seit der Stunde, da er dort vor Mülhausen die Niederlage von Fröschweiler erfahren hatte. Er blutete an dem Unheil von Sedan wie an einer frischen, stets schmerzenden Wunde, die von neuem zu öffnen das geringste Ungemach genügte. Von einer jeden Niederlage blieb die Erschütterung in ihm zurück, und er, dessen Korper durch eine so lange Reihe vuu Tagen ohne Brot, von Nächten ohne Schlaf herabgekommeu und dessen Kopf geschwächt war, sali sich in dieses schreckliche, wie von bösen Träumen erfüllte Dasein geschleudert und wußte nicht einmal, ob er lebte. Der Gedanke, daß so viele Leiden zu einer neuen, unheilbaren Katastrophe führen mußten, machte ihn halb wahnsinnig und verwandelte diesen Gebildeten in ein Wesen, das nur seinen Trieben nachgab und sich gleich einem Kinde unaufhörlich von der augenblicklichen Erregung fortreißen ließ. Alles, die Zerstörung, die Vernichtung eher, als einen Sou von dein Vermögen, einen Zollbreit von dem Gebiete Frankreichs!. In ihm vollendete sich der Umschwung, der .unter dem Eindruck der ersten verlorenen Schlachten die napoleonische Legende zerstört hatte, jenen empfindsamen Boiiapartismus, den er den Heldengeschich teil seines Großvaters verdankte. Schon war er kein Anhänger der theoretischen, vernünftigen Republik mehr, er neigte zu den revolutionären Gewalttätigkeiten, glaubte an die Notwendigkeit der Schreckensherrschaft, um die Unfähigen und dieVerräter hinwegzufegen, die im Begriff waren, das Vaterland abzuschlachten. So war. er denn auch atn 31. Oktober von ganzem Herzen mit den Aufständischen, als die unheilvollen Nachrichten Schlag auf Schlag gefolgt waren: der Verlust von Le Bourget, das von den Freiwilligen der Presse in der Nacht vom 27. auf den 28. so tapfer erobert worden war; die Ankunft des Herrn Thiers in Versailles, der von seiner Reise durch die Hauptstädte Europas zurückgekehrt war. um, wie man erzählte, im Namen Napoleons HL zu verhandeln; und schließlich die -Uebergabe von Metz, die ihm inmitten der unbestimmten Gerüchte, die bereits umliefen, zur schrecklichen Gewißheit geworden war, der letzte Keulenschlag, ein zweites, noch schmachvolleres Sedan. Und als er am nächsten Morgen die Ereignisse im Stadthaus erfuhr: wie die Meuterer einen Augenblick Sieger geweäen, wie die Mitglieder der Regierung der nationalen Verteidigung bis vier Uhr morgens gefangen • gehalten und dann erst infolge eines Umschwungs in der Bevölkerung befreit worden waren, die anfangs gegen sie erbittert, hernach bei dem Gedanken an einen siegreichen Aufstand ängstlich geworden war— da bedauerte er die mißglückte Empörung, die Kommune, von der vielleicht das Heil gekommen wäre, der Ruf zu den Waffen für das bedrängte Vaterland. eiugcuUvok^ aJL der. klassischen Erinnerungen eines freien Volkes, das nicht untergehen will. Herr Thiers wagte nicht einmal nach Paris zu kommen, und man hätte nach dem Abbruch der Verhandlungen heinahe eine festliche Beleuchtung veranstaltet. Dann ging der November in einer fieberhaften Ungeduld vorüber. Kleine Gefechte fanden statt, an deren Maurice nicht teilnahm. Er biwakierte jetzt in der Gegend von Saint- (Juen; von einem beständigen Bedürfnis nach Neuigkeiten verzehrt, entwischte er bei jeder Gelegenheit. Gleich ihm war Paris in angstvoller Erwartung. Die W ahl der Bürgermeister schien die politischen Leidenschaften beruhigt zu haben; aber fast alle Gewählten gehörten den extremen Parteien an, und darin lag für die Zukunft ein furchtbares Anzeichen. Was Paris in dieser Beruhigung erwartete, war der so oft verlangte große Ausfall, der Sieg, die Befreiung! Und wiederum unterlag es für niemand einem Zweifel: man würde die Preußen über den Haufen werfen uud über ihre Bäuche hin wegschrei ten. Auf der Halbinsel von Geunevilliers, die als der geeignetste Punkt für einen Durchbruch erschien, waren schon Vorbereitungen getroffen worden. Dann trafen eines Morgens die guten Nachrichten von Coulmiers ein und verursachten eine tolle Freude: Orleans war zurückerobert worden, die Loire- armee befand sich auf dem Marsche und lagerte angeblich bereits in Etampes. Das änderte alles, es handelte sich nun nur noch darum, ihr auf der andern Seite der Marne die Hand zu reichen. Man hatte die Streitkräfte neugestaltet und drei Armeen geschaffen: die eine aus den Bataillonen der Nationalgarde unter dem Befehl des Generals Clement Thomas,, die andre aus dem dreizehnten und vierzehnten Korps gebildet und mit den besten Truppen vermehrt, die man so ziemlich von überallher genommen hatte und die General Ducrol zu dem großen Angriff führen sollte, und schließlich die dritte, die Reservearmee, die ausschließlich aus der Mobilgarde bestand und dem General V inoy aus er- ■ traut worden war. Eine unerschütterliche Zuversicht erhob Maurice, als er am 28. November mit dem hnndertuiidfiinfzelinten Regiment in dem Vineeniier Wäldchen lagerte.__ Die drei Korps der zweiten Armee waren da; man erzählte, daß man mit der Lairearmce am nächsten Morgen in Fon- tainebleau zusammentreffen werde. Es stellten sich dann aber alsbald das gewöhnliche Mißgeschick, die gewöhnlichen Fehler ein: ein plötzliches Anschwellen des Flusses, das den Bau der Schiffbrücken verhinderte, widrige Befehle, die die Marschbewegung aufhielten. In der folgenden Nacht ging.«las hundertundfünfzehn I« Regiment als eines der ersten über den Fluß, und um zehn Uhr drang Maurice unter einem furchtbaren Feuer in das Dorf Champigny ein. Er war wie toll, sein Gewehr brannte ihm in den Händen trotz der schrecklichen Kälte. Seit er marschierte, war sein einziger Wille, so vorwärts zu gehen, immer zu, bis man dort drüben die Kameraden aus der Provinz erreicht hättp. Aber Champigny und Bry gegenüber' war die Armee auf die Mauern des Parks von Coeuilly und Villiers gestoßen, einen hallten Kilometer lange Mauern, aus denen die Preußen uneinnehmbare Festungen gemacht hatten. Das war die Grenze, der Mut aller scheiterte. Nun gab es nur noch Zaudern uud Zurückweichen. Das dritte Kofp» hatte sieh verspätet, das erste und zweite, die nun schon festgenagelt waren, verteidigten zwei Tage lang Champigny, das sie nach ihrem unfruchtbaren Siege in der Nacht vom 2. Dezember verlassen mußten. In dieser Nacht ging die ganze Armee zurück, um unter den beeisten Bäumen des Vincenner Wäldchens zu lagern; und Maurice lag mit abgestorbenen Füßen und dem Antlitz auf der eisigen Erde da und weinte. Oh, die düsteren und traurigen Tage nach dem Mißglücken dieser Ungeheuern Kraftanstrengung! Der große Ausfall, der seit so langer Zeit vorbereitet war, der unwiderstehliche Vorstoß, der Paris befreien sollte, war gescheitert; und drei Tage später gab ein Brief des General« von Moltke bekannt, daß die Loirearmee, die geschlagen worden war, Orleans wiederum aufgegeben hatte. Das war der Ring, der sich immer fester zusammenzog und den zu durchbrechen nunmehr unmöglich war. Aber Paris schien in seiner fieberhaften Verzweiflung neue Kräfte zum Widerstand gefunden zu haben. Die Hungersnot begann zu drohen. Seit Mitte Oktober hatte man das Fleisch in Rationen abgeteilt. Im Dezember war kein Stück von den großen Rinder- und Hammelberden mehr übriggeblieben, die man im Boulogner Wäldchen losgelassen hatte und die da. Staub aufwirbelnd, umhergetrabt waren. Man war dann gezwungen, d' e Pferde zu schlachten- Die Vorräte und später die Requisitionen von Mehl und Getreide mochten für vier Monate Brot geben. Als das Mehl zu Ende war, hatte man auf den Bahnhöfen Mühlen hauen müssen. Auch das Brennmaterial mangelte. Man sparte es auf, um das Getreide zu mahlen, Brot zu backen und Waffen z» erzeugen. Und Paris, das, ohne Gas. nur von wenigen Petroleumlampen erleuchtet, unter seinem Eismantel zitterte. Paris, dem man das Schwarzbrot und Pferdefleisch in gemessenen Rationen zuteilte, hoffte trotz alledem und sprach von Faidherbe im Norden, Chanzy an der Loire, Bourbakt im Osten, als ob irgendein Wunder sie siegreich unter die Mauern führen sollte. Vor den Bäcker- und Fleischerläden wurden die langen Reihen, die da im Schnee warteten, bisweilen von der Nachricht über große eingebildete Siege fröhlich gestimmt. Nach der Niedergeschlagenheit, die jeder Niederlage folgte, erstand die hartnäckige Selbsttäuschung von neuem und flammte noch höher empor in dieser Menge, die das Leid und der Hunger mit Wahngebilden erfüllte. Auf dem Platze von Chateau d'Eau wäre ein Soldat, der , davon gesprochen liate, sich zu ergeben, von Vorübergehenden beinahe in Stücke gehauen worden. Während die Armee, die mit erloschenem Mute das Ende herannahen fühlte, Frieden verlangte, forderte die Bevölkerung nochmals den Massenausfall, den stnrzbachartigen k ,IF" fall: das ganze Volk, die Weiber, die Kinder sogar sollten»ich auf die Preußen stürzen, gleich einem ausgetretenen Strome, der alles mitreißt und fortwirbelt. Maurice hielt sich von seinen Kameraden fern; ein wachsender Haß gegen sein Soldatenhandwerk stieg in ihm auf. das ihn da, im Schutze des Mont Valerien, müßig und unnütz festbannte. Er suchte denn auch so oft als möglich nach Gelegenheiten, um eiligst nach Paris zu entwischen, wo sein Herz war. Er befand sich nur inmitten der Menge wohl, er wollte, sich zwingen, zu hoffen wie sie. Oft sah er die Abreise der Luftballons mit an, die jeden Tag mit Brieftauben und Depeschen vom Nordbahnhof aufstiegen. Die Ballons erhoben sich an dem trüben Winterhimmel und verschwanden- Und die Herzen schnürten sich von Angst zusammen, wenn der Wind sie gegen Deutschland trieb. Viele mochten verloren gegangen sein. Er selbst hatte zweimal an seine Schwester Henriette geschrieheu, ohne zu wissen, ob sie sein« Briefe erhalten habe.. Die Erinnerung an seine Schwester, die Erinnerung an Jean war ihm so entrückt, so fern in dieser weiten Welt, von der nichts mehr zu ihm drang, daß er selten an sie dachte, wie man an Neigungen denkt, die man in einem andern Lehen zurückgelassen hat. Sein Lehen war zn voll von der beständigen Aufregung, in der ihn Niedergeschlagenheit und Ueberreizung erhielten. Seit den ersten Januartagen' wühlte ihm ein neuer Zorn das Herz auf: der Zorn über die Beschießung der Stadtviertel auf dem linken Ufer. Er hatte das lange Zaudern der Preußen schließlich menschenfreundlichen Erwägungen zugeschrieben, indes dasselbe nur durch die Schwierigkeiten der Geschütjaufstellung veranlaßt worden war. Jetzt, da eine Granate zwei klein« Mädchen im Val-de-Grace-Viertel getötet hatte, war er von wütender Verachtung gegen diese Barharen erfüllt, die di« Kinder töteten und die Museen und die Bibliotheken anzuzünden drohten. Im übrigen nahm Paris nach den erste» Tagen des Grauens auch unter den Boraben sein Leben voll heldenhafter Starrköpfigkeit wieder auf. Seit der Schlappe von Champigny hatte nur noch ein neuer unglücklicher Versuch in der Gegend von Le Bourget stattgefunden. An dem Abend, an dem unter dem Feuer der gewaltigen gegen die Forts zielenden Geschütze die Hochfläche von Avron geräumt werden mußte, teilte Maurice die Erregung, die ungestüm die ganze Stadt erfaßte. Der Sturm- hauch wachsender Unbeliebtheit, der den General Troch» und die Regierung der nationalen Verteidigung zu verjag» drohte, nahm so zu. daß er sie zwang, eine letzte unnütz« Kraftanstrengung zu versuchen. Warum weigerte mau sielt, die dreimalhunderttauseo'l Nationalgardisten ins Feuer zu führen, die sich unaufhörlich anboten und ihren Anteil an der Gefahr verlangten? Da» wäre der sturzkachartige Ausfall, den man vom ersten Tage an gefordert hatte: Paris wie ein Fluß»eine Dämme durch- brechend und die Preußen in der Riesenflut seines Volke» ertränkend. Man mußte diesem Wunsche der Tapferkeit wohl nachgeben trotz der Gewißheit einer neuen Niederlage. Aber um das Gemetzel einzuschränken, begnügte man sich, mit der aktiven Armee die neunundfünfzig Bataillone der mobilisierten Nationalgarde zu verwenden. Der Vorabend des 1'- Januar«Hefa einem Feste.(Fortsetzung folgt) Die„wlrhlidi geheime" Wahl Ein Drlei ans der Pfalz Man schreibt uns aus Pirmasens: Lieber Freund! Ich will Dir hiermit rasch und kurz liber die Wahl be- richten. Tie ganze Woche hindurch wurden Stadt und Um- gebung von SS.-Leuten mit Autos und Motorrädern schars bewacht. Trotzdem wurde in der Nacht von Tonnerstag auf Freitag von Unbekannten die ganze Stadt mit Flugblättern belegt. Am Freitagnachmittag mußten sämtliche Betriebe am Bahnhof erscheinen, um den Wahlpropagandazug zu emp- langen und die Rede Bürckels anzuhören. Die Betriebs- fuhrer wurden dafür verantwortlich gemacht, daß die Beleg- schalt restlos antrat. Am Samstag wurde in allen Ortschaften durch die Polizei bekannt gegeben, wer nicht wählt, wird öffentlich ange- prangert. Obwohl freie Wahl garantiert war, gab es viele Wahl, lokale, in denen der Stimmzettel dem Wähler fertig mit ja ausgehändigt wurde. Es war in dieser Beziehung genau so wie bei der letzten Wahl, in manchen Lokalen noch schlimmer. In unserem Wahllokal waren die Kulisien zugestellt mit Bänken. Den kleinen Zugang versperrte ein SA.-Mann mit einem Plakat folgenden Inhalts:„Ein Deutscher wählt offen, wer wählt anders." Dieser Spruch war übrigens noch auf alle Kulisien aufgeklebt. Wer beim Neinwählen erwischt wurde, ober wer offen und demonstrativ mit nein wählte, wurde mehr oder weniger be- lästigk. In einem Fall wurde der Neinmähler fast zu Tode geprügelt. In den Wahllokalen sah man als Wahlvorstände und Bei- sitzer nur uniformierte SA.-Leute, zum Teil mit Revolvern bewaffnet. Du kannst Dir keine Vorstellung davon machen, wieviel Mut dazu gehörte, unter solchen Umständen dorthin zu gehen und mit Rein zu stimmen. Besonders schlimm war es dort, wo bei der letzten Wahl besonders viel Rein- stimmen abgegeben wnrben. Dort bekamen einfach alle ihre bereits ausgefüllten Stimmzettel im Kuvert. Dies wurde ganz schlimm in den katholischen Ortschaften gehandhabt, wo es bei der letzten Wahl viel Neinstimmen gab. Leute, die sich auf den Innenminister Frick beriefen bzw. aus seinen Ausruf, wurden zusammengeschlagen. Es wurden mehrere solcher Fälle bekannt. Trotz diesem Terror gab es mindestens 3999 Reinstimmen. Bekannt gemacht wur- den für Pirmasens Stadt 182 und für das Land 2 8 5. Du kannst Dir die Enttäuschung vorstellen, als abends da? Resul- tat bekannt wurde und die mutigen Leute sich sagen mußten, jetzt haben wir unter Lebensgesahr mit nein gestimmt und die Schwindler haben einfach die Zahlen gefälscht. In unserem Stimmbezirk wurden z. B. nur drei Neinstimmen gc- zählt, während wir durch gegenseitige Vereinbarung mehr als 20 bestimmt abgegeben haben. In einem anderen Fall wur- den zur Probe drei ungültige Zettel abgegeben, während überhaupt keiner gezählt wurde. So könnte ich zahlreiche Beispiele anführen. Selbst die Nazitvählcr wissen, daß ge- schwindelt wurde. In den Straßen war nach dem Wahl- schluß und während der Bekanntgabe der Resultate durchaus keine gehobene Stimmung zu beobachten. Alles unterhielt sich über den gemeinen Schwindel. Sämtliche Kricgsinvaliden mußten geschlossen, unter Aus- ficht von zwei SA.-Leuten offen mit ja wählen. Ans vielen Ortschaften der Umgebung bekam ich sofort Nachricht, daß nur ausgefüllte Stimmzettel ausgehändigt wurden. Ein Wahl- beisitzer bei uns, der gleich nach der Zählung fortlief, er- klärte einem Freund auf der Straße,„heute gab es aber viel Neinstimmen". Alles dies wird wohl fernstehenden un- möglich erscheinen, aber es war viel schlimmer, als ich es hier schildern konnte. Gruß: Unterschrist. Jrelheif!" Aus dem Rheinland wird uns geschrieben: Es war leider nicht möglich, in alle Wahllokale hereinza» kommen, weil die Anwesenden, die nicht dem Wahlvorstand angehörten, vom dem Wahlvorsteher aufgefordert wurden, das Wahllokal zu verlassen. Andere Vorstände fragten barsch: Kommt Ihr von einer Partei? In Bcrg-Gladbach hatte man an der Bahnunterführung „Freiheit!" hngrmalt. und zwar in mannsgroßen Buchst«- den. Im Königsforst bei Köln hatte man an einem großen Hitlerplakat den Kopf von Hitler mit dem Thälmannkopf überklebt. Das Wahlergebnis ist den Nazis in die Glieder gefahren: Es geht bei ihnen alles durcheinander. ES sind eine Reihe von Ortsgruppen-Leiter abgesetzt, NS.-Nach- richtcnleiter usw. Die Versammlungen der NSBO. und sonstigen Organisa- ttoncn sind immer schlechter besucht. So war am Mittwoch in der Humboldt-Kolonie NSBO.-Versammlung, wo von 400 Mitgliedern nur 20 da waren. Kürzlich erklärte der Besitzer der„Rheinisch-Westfälischen" und gleichzeitige Oberbürgermeister von Effen, daß der Wohl- sahrtsetat von Essen rund 90 000 000 RM. betrage, also um ein Drittel höher ist als Köln. Nun ist Essen mit Bochum, Dortmund usw. als Nostandsgebict erklärt. Will man uns denn glauben machen, daß Essen von 412 302 Stimmen nur insgesamt 28 000 ablehnende Stimmen gehabt haben soll? Dasselbe gilt vom ganzen Ruhrbczirk. Schwindel- Aus Betzdorf wird gemeldet: November 1933: 230 Nein, jetzt bei 3030 Ja, 1236 Nein: davon entfallen auf Brück bei Betzdorf 330 Ja und 303 Nein. Im Oertchen Wahl bei Bctz- dors gäbe es eine Ja-Ttimmc, der Rest waren 300 Nein- St'mme».— Herdorf: Wahlberechtigte 1000, davon 700 Ncin-Stimmen. Zur Sicherung hatte man die Sozialisten am SamStag ver- haften lassen, aber sie unvorsichtigerweise schon am Sonntag freigelassen. Nach der Wahl hat der Kreisleiter, Pg. Aß- mannshansen vor den-Häusern dieser Männer hinklexen lassen:„Hier wohnen Landesverräter!" In Bestdors und Bruch sind zusammc» 3 Kirchen, davon e'ne Klosterkirche. Alle 8 Kirchen mußten am Tonntagnacht um 12 Uhr Sieg läuten.— Im Kloster zwang man die Klosterbrüder in die Klosterkirche. Tic mußten singen. Und in diesen Gesang brüllten die Nazihorben in die Kirche: Zicke-Zacke-Hoi-Ho'-Hoi. Aus derselben Gegend wird gemeldet: Letzthin kam der Bischof Bornewasser nach B. Zum Empfang war die katholische Jugend in Kluft erschienen. Die Polizei zwang die Jungcns die Kluft auszuziehen. S'e standen in Hemds- ärmeln. Ein im Gefolge des Erzbischoss befindlicher Saar- kaplan erhob Einspruch. Daraufhin wurde das Anziehen der Kluft gestattet- vre! Jahre Zudifhaus Mehrere Kommunisten hatten sich vor dem Tonbergericht in Merseburg zu verantworten. Ihnen wurde der„Versuch einer Ncugrnndung einer Partei" zum Vorwurf gemacht. Die Angeklagten wurden zu Zuchthausstrafen zwischen 2 und 8 Iahren verurteilt. Ein Angeklagter hatte die Auf- sordernng zur illegalen Mitarbeit abgelehnt. Er erhielt drei Jahre Zuchthaus, weil„es seine Pflicht gewesen wäre, der Polizei von dieser Aufforderung sofort Kenntnis zu geben." Unter der Ucberschrist„Teurer Briefwechsel" meldet die „Baseler Nationalzeitung": „Die Frau des erschossenen Mini st erpräsidenten Kurt Eisner unterhielt nach ihrem Wegzug von Peter- zell i. Tchwarzwald nach der Schweiz regen Briefwechsel mit dem 32jährigen Johann B u r r y auS Tt. Georgen, der die Briese wieder beantwortete. Da der Angeklagte zwei dieser Briese zum Lesen weitergab, wurde er vom Badischen Sondergericht zu Mannheim zu einer Ge- fängniSstrafe von acht Monaten verurteilt." Aus Schneidemühl wird uns berichtet: Ein Arbeiter, den man zwang, den Deutschen Gruß zu gebrauchen, sagte dazu nicht„Heil Hitler", sondern„Heil Deutschland". Er wurde deshalb wegen Beleidigung des Führers zu zwei IahrenGefängnis verurteilt.— Ein anderer Arbeiter, der sich kritisch über die hohen Einnahmen des Reichs- Propagandaministers Goebbels äußerte, erhielt eine Ge- sängnisstrase von 3 Monaten. Ein dritter Arbeiter, der ge- sagt hatte, daß die außenpolitische Situation Deutschland» nicht günstig sei, wurde zu drei Monaten Gefängnis ver- urteilt. Opfer fffffers Freitod von Sozialisten Man schreibt uns aus Hessen: Zu den tapferen Sozialdemokraten gehörte im Bezirk Kassel der Lehrer Bachmann mit seiner Frau. Er war früher Kre-stagsabgeordneter und hat i» einer reaktionären Ecke fleißig für die Bewegung gearbeitet. Nach seiner pensionS- losen Entlassung zog er in ein kleines Dorf am Main- Große Notlage hat ihn jetzt mit seiner Frau in den Tod getrieben. Mann und Frau haben sich aneinandergebundcn. ihren Hund in einem Netz an sich gekettet und sind in den Main ge- sprungen. Deutsche, Jteiheit" ABcmnementsßceise: Amerika Argentinien Belgien Dänemark England Frankreich Holland Italien Luxemburg Neubelgien (Eupen-Malmedy) Oesterreich Palästina Polen Rumänien Rußland Saargebiet Schweden Schweiz Spanien Dollar Peso belg. Fr. Kr. sh fr. Fr. 11. Lire belg. Fr. belg. Fr. (verboten) sh (verboten) Lei Rubel tr. Fr. Kr. schw. Fr. Peseta Tschechoslowakei Kr. im Monat l.- 3,- 15,- 3,70 4,- 12,- 1,50 10- 15,- 12- 4,- 90,- 1,- 12,- 2,60 2,40 6,- 30- Zustell, gebühr 0.50 1,- 5,30 2,30 1,10 3,75 0,40 5- 5,30 5,30 1,10 30,- 7,50 1,70 0,80 2.- 5,50 Bei Zusendung unter Kreuzband durch die Post sind die Portogebühren vom Bestellet mit dem Abonnementsbetrag zu entrichten. Die am Mont Zu Ferdinand Lassalles Todestag am 31. August Wir fahren Genfs breite und belebte Mont-Blanc-Ttraße hinunter, vorbei an den Prachtbauten der Versicherung»- gesellschaften, dem museumähnlichen Gebäude des Postamtes, den Easehäusern, die ihre Räumlichkeiten weit auf die Bürgersteige vorgeschoben haben, den großflächigen Schau- ienstern der Reisebüros, den breitfronttgen Hotels, von deren Dächern die Fahnen aller Nationen wehen. An der Kreuzung des Ouai Wilson gönnt uns die weißbehandschuhte Poli- ztstenhand einen Augenblick ruhigen Schavens. Aus der flimmernden Fläche des Sees schießt kerzengrade bis zu neunzig Meter Höhe der Strahl eines Springbrunnens cmvor. Ein farbiges heiteres Durcheinander von Seglern, Ruder- und Motorbaaten, schneeweißen Schnelldampfern. Wo der Tee enger wird und die Rhone ihn wieder verläßt, hat die Stadt ihrem Bürger I. I. Rousseau ein Steindcnkmal gesetz inmitten einer künstlichen Insel, die wie eine Kleinst- ausgäbe von Böcklins bekanntem Inselbtld ausschaut. Tchrittlangsam fahren wir über die Mont Blanc-Brücke, die breit und lang den Seezipfel überspannt. Am jenseitigen Ufer liegt hinter dem Wipkelgürtel beS Englischen GartcnS das Hotel„Metrovol", Wohnsitz Stresemanns, Brünings und ihrer Mitarbeiter in jener vergangenen Zeit, die Deutschland noch im Kreise der zivilisierten Staaten sah. Wenige Schritte vom Hotel entfernt befindet sich ein kleines bescheidenes Weinlokal, die Bölicrbundskneipe„Bavaria". Bei einem Schoppen Wein setzten hier Chamberlain, Briand und Stresemann die Völkerbundsdebatten fort. An den Wänden hängen bunte Karikaturen aller Staatsmänner, die je den Boden der Völkerbundsstadt und das Haus der Nationen bctretn haben. Das unbestechliche Auge und der spitze Stift eines Künstlers entdeckten auch Herrn von Papen und verewigten seine Wesenheit: breitbeinig, die Linke in der Hosentasche, in der Rechten eine Reitpeitsche, in der Uniform eines Dompteur? nimmt Papen den Vorbeimarsch des FriedenSengelS ab. der im Stechschritt, die Friedrnspalmc als Gewehr aeschultert, an ihm vorbeiparaiüert. Durch ein Gewirr von Straßen und Gassen kommen wir aus einen baumlosen nüchternen Platz. „Hotel Biktoria" trägt ein Gebäude als Inschrift. Hier schrieb Ferdinand Lassalle in den letzten Augusttagen 1804 sein Testament. „Ich habe die Inventur meines Lebens gemacht. Es war groß, brav, wacker, tapfer und glänzend genug." Von hier be- gab er sich in früher Morgenstunde des 28. August zum Duellplatz. Einige Stunden später schritt er hier, das tödliche Blei im Körper, ausrecht die Treppe wieder empor, um der Gräfin Hatzfeld zu verheimlichen, daß der Tod ihn gezeichnet habe. Hier starb er einen viertägigen schweren Tod. Einfache Landhäuser, prunkvolle Villen, eingebettet in Gärten und Parks. Auf beckenumsäumten Wegen Genier Vororte fahren wir der nahen französischen Grenze entgegen, vor uns die langgedehnte wuchtige Wand des Mont Taleve, hinter dessen Tteinrücken an klaren Tagen der Schneegipsel des Mont Blanc hervorleuchtet. In dem kleinen französischen Grenzort Bossen müssen wir den Wagen verlassen und die Suche nach dem Ducllplatz zu Fuß fortsetzen. Anhaltspunkt und Wegweiser ist uns nur eine Zweizeilennotiz in einem Stadtführer. Ortsbewohner geben widersprechende Aus- lünste. Die Straße führt zwischen Aeckern und Wiesen auf- ivärts und endet vor dem eisernen Parkvortal eines un- bewohnten Schlosses. Rundum dichte» Gebüsch durch das sich Ichmale Geröllwege winden. Keine Tafel, kein Hinweis be- zeichnet den richtigen Weg. Und doch muß der Platz ganz in der Nähe seins Bis zu diesem alten Schloßportal fuhren die beiden Wagen, in ednen Lasialle, sein Gegner Racowitza und ihre Sekundanten saßen. Aus gut Glück durchstreiften wir das Gebüsch, biegen in ein Kiesernwaldstück ein. und stehen bald von einem kleinen versumpften Waldsee. dem der anspruchsvolle Name„Lac noir" sSchwarzer See) gegeben wurde. Nach wenigen Schritten öffnet sich der Wald zu einem Wiescndreicck. An der Dreieckspitze entdecken wir einen un- scheinbaren aufgerichteten Stein. In ihn sind die Worte ein- gemeißelt: Ferdinand Lassalle Ne le 11 Avril 182S Mort ä la Suite d'un duel Le 31 Aout 1864. 13 Schritte Abstand war zwischen den Duellgegnern ver- einbart. Auf das Kommando ein» schoß Racowitza Sei Ge- künde fünf. Lassalle bei Sekunde sechs. Die greifbaruah« Bergwand muß laute« Echo gerufen haben. Sein Gegner hatte sich an den Vortagen gründlich eingeschossen. Lassalle hatte die Vorsicht der Schießvorberettungen nicht geübt. Ter Schuß des Gegners traf so gemein, wie er beabsichtigt war. Lassalle schoß vorbei. Von dem Kampsplatz, den er ohne Zeichen der Aufregung, siegessicher betreten hatte, wurde er als Sterbender fortgetragen. Die Fackel, die den Weg be- leuchtet hatte, der die deutsche Arbeiterschaft in die Geschichte ihres Volkes führte, diese Fackel erlosch. Leben und Wert Lassalles blieben noch lange umkämpft bei denen, deren Auserwecker er war. Unbestritten blieb sein Verdienst, die deutschen Arbeiter zu kampffähigen Organisa- tionen formiert z» haben.„Mit wunder Kehle, kranken Or- ganen, versagender Stimme sprach er in hundert Stunden den Prolog des Tozialstaates", schreibt ein Biograph von seinem Wirten. Ist am 89. Januar 1933 Lassalles Idee des Sozialstaates zerschmettert worden? Waren die Jahre 1018 bis 1932 der Weg zum Sozialstaat Lassalles? Nein! Denn die Erbauer des Weimarer Sozialstaates ließen jene entscheidende Voraus- setzung unerfüllt der Lassalle in seinem Vortrag..Ueber Ver- sassungswesen" die klassische Form gegeben hatte: „Die wirklichen, tatsächlichen Machtverhältnisse im Lande umgestalten, in die Exekutive eingreifen, so sehr eingreifen und sie tatsächlich so sehr umformen, daß sie sich nie wieder selbständig dem Willen der Nation entgegenstellen konnte — das war es, worauf es damals ankam und was voraus- gehen mußte, damit eine geschriebene Verfassung von Tauer sein konnte." Nochmals: Nein! Denn die verantwortlichen Gestalter der ersten Republik mögen alle Tugenden besessen haben, die Tugend der Leidenschaftlichkeit war bei ihnen mangelhaft ent- wickelt.„Ohne Leidenschaft wird in der Geschichte kein Stein vom anderen gerückt", bekannte Lassalle. Es wird keine sozialistische Generation geben, die entbehren kann der Kenntnis seines Werkes und des Vorbildes seines kämpferischen Lebens. Auf die Grabsteine jener namenloser Hunderte, die für die zweite, die eiserne Republik ihr Leben hingaben, werden die Ersüller ihres Vermächtnisses einst setzen die Worte aus LassallcS„Franz von Tickingcn": „Die Besten müssen springen in den Riß der Zeit. Nur über ihren Leibern schließt er sich. Nur ihre Leiber sind der seltne Samen, AuS dem der Bölkerireiheit üppge Pflanze Grünend hervorschteßt, eine Welt befruchtend." P. Ketth. A. Der französische Hifier- andt ein oesferreidier! Man schreibt uns: Es Gibt in Frankreich keinen Faschismus wie in Deutsch- fand oder Italien: es gibt vielmehr— der Natur des sran- zösischen Volkes entsprechend— eine ganze Reihe einzelner „Faschismen", die teilweise untereinander im Kampf stehen. Das drückt sich besonders ausfällig in ihrer Einstellung zu Hitler und zur Taarsrage aus: wahrend Solidante Fran- caise, Jeunesse Patriote, Front lliouveau usw. scharf antr- hitlerisch sind und— ebenso wie die ,,Eroix-de-Fcu", die etwa dem gleichgeschalteten Stahlhelm entsprechen— für die Auto- nomie der Saar eintreten, haben sich die F r a n c i st c n. die etwa 15 000 Mitglieder zählen, eindeutig für Hitler und für die Rückgliederung des Saargcbiels an das./dritte Reich" ausgesprochen. Das lKcheimnis dieser Einstellung ist seht durch eine Ber- ösfentlichung der Brüsseler„Derniere Heurc" geklärt. Ties angesehene belgische Blatt unterzieht sich der Mühe, die Bor- g e s ch i ch t e der Fraucisten-Bewegung auszurollen, und kommt dabei zu recht interessanten Feststellungen. Danach ist der Urheber des„Franciömus" ein gewisser Georges de Pottzre, der trov seines französischen Na- mens geborener Lcstcrreicher ist, sich während der Agadir- Krise von 1912 als österreichischer Diplomat in Marokko betätigte und auch heute noch nicht im Besitz der französischen Staatsangehörigkeit sein soll. Während des Weltkrieges soll dieser Pottörc übrigens— wie der Knrio- sität halber vermerkt sei— im Dienst des„Intelligencc Ser- vice"