Sinzigs unabhängige Tageszeitung Deutschlands I r. 202— 2. Jahrgang Saarbrücken, Samstag, 1. September 1934? Chefredakteur: M.Braun Die c TCochsßannunq i xut dec Saat Seite S Das deutsche Azbeits- (zucAthaus Dokument) J&candfackeC im Jiecnen Osten Qoebbets in Paris Seite 4 Seite 7 Seite 8 Ribbentrops Aufstieg Vom Hitler-Bedichter cum Rofts'effkommissar Im»dritten Reich" wird Byzantinismus belohnt ,'st schon einige Monate her. Zum ersten Male vernahm knie größere Oesfentlichkeit etwas von Manfred von N: b b e n t r o p- Seine Ernennung zum außenpolitischen Bevollmächtigten Hitlers erregte nicht geringes Entsetzen unter den alten Beamten und Diplomaten des Auswärtigen Amtes, die noch von Rosenbergs Englandreise her einen Ehrlichen Horror vor den Extratouren Unerfahrener besaßen, lber sie konnten seine Reise zu einigen Regierungschefs und Außenministern Europas nicht verhindern. Der junge Aristo- trat bewahrte geheimnisvolle Touöerbotschaften seines Fuh- *rrs in der Aktentasche. Ribbentrop besuchte auch Barthou, und die französische Presse berichtete von dem überaus Höf- uchei, Ablauf des Gesprächs. Man hat die Resultate der Rundreise des aristokratischen ^ultureuropäers nie so recht erfahren. Immerhin lief Herrn von Ribbentrops Portrait durch die Zeitungen und Illustrierten Journale der Welt. Man sah einen markanten öiopf unt ernsten Augen und ahnte tiefer unten den gut- k^>^WUenen Cut.'Als nach Hinbenburgs Tod von einem K^osiM Miiiisterwcchsel und einem durchgreifenden Bot» ichafter- und Gesandtcnschnb die Rede war. wtude Herr von ribbentrop bald als künftiger Außenminister bald als Bot- ichafter in Paris oder in London genannt. Zunächst scheint es freilich bei Sonderaufträgen zu bleiben. Pariser und Londoner Blätter berichten von einer Reise dcS Herrn von Ribbentrop nach London. Er soll sich hier um -Rohstoffe und Kredite bemühen. Man spricht von ^»pfer und Nickel und andern Dingen, die die RüstungS- 'ndustrie nötig hat. Daneben soll er erneut versichern. H'tler Und Deutschland hätten nur einen Wunsch, mit größter Eriedfertigkcit international mitzuarbeiten. Uneingeweihte standen lange vor einem Rätsel. Welch besonder« Verdienste um den„Führer" hat sich Manfred von R bbentrop erworben, daß er aus dem nicht ganz zwciscl- basten AdelSklub bis zum tarpcjischen Fellen cmvorklim- ^en konnte? Warum liebt ihn der sonst so Mißtrauische? * ® übt worden. Gegen den Versuch aber, den jetzigen Zusammenbruch dem Auslande zur Last zu legen, mutz gerade im deutschen Interesse protestiert werden. Mit offenbarem Schwindel schadet man Deutschland. Schacht versucht, sich dem Auslandskapital gegenüber da- durch kreditfähig zu machen, datz er die weltbekannte Lüge seines Führers wiederholt, bei Hitlers Macht- ergreifung habe Deutschland unmittelbar vor dem Bolsche- wismus gestanden. Das Weltecho lautet: Reichstags- brand! Die Welt weitz allmählich auch, datz nichts dem Bolschewismus in Deutschland mehr Bahn bricht, als eine Fortdauer der politischen, moralischen und wirtschaftlichen Bankrottexperimente der Firma Hitler, Schacht u. Co. Schacht hat insofern recht, als an seinem jetzigen Bankrott politische Ursachen schuld sind. Nur sollte er sich jeib|t, leinen Hitler und dessen Hasardpolitik beschuldigen. Ihr Weg zu Deutschlands Wirtschaftskatastrophe sieht so aus:. Zerstörung aller Möglichkeiten einer ruhigen inneren Entwicklung Deutschlands durch die faschistische stiegen- rcvolution. Z c r st ö r u n g der für jedes Wirtschaftsleben notwendigen Sicherheit durch Verwirrung aller RechtSbegrisfe. Z e r st ö r u n g der Vorbedingung hoher Qualitätsarbeit durch die Entrechtung aller Arbcitsintelligenz und die parteiische Bevorzugung unfähiger„alter Kämpfer". Zerstörung sparsamer össentllcher Verwaltung durch Anfblähnng des Beamten- und Partciapparats und Ver- peuduua öffentlicher Mittel durch Propaganda u»d Feste ohne Zahl. Zerstörung jeder Möglichkeit einer gesunden Wirtschaft- lichcn Erholung durch unproduktive Arbeitsbeschaffung und durch die Welt ausregende gewaltige Rüstungsaus- träge. Zerstörung der weltwirtschaftlichen Beziehungen Dentschlands durch den Iudenboqkott und das Predigen der Autarkie. Zerstörung jedes Vertrauens zu den inneren Verhält- nissen Deutschlands durch blutige Massakers, deren lcfttes am SU. Juni durch den Reichskanzler persönlich geführt worden ist. Zerstörung jeder stilaubwürdigkeit der deutsche» Füh- rung durch betrügerische Manipulationen znr Anflamm- lung von gewaltigen Rohstossmengcn, insbesondere rüstungspolitischer Natur, aus Kosten der deutschen Devisenbilanz und zum Schaden seiner Transsersähigkeit. Zerstörung jeder friedlichen Atmosphäre zwischen Deutschland«nd den übrigen Großmächten durch die Militarisierung des ganzen deutsche« Voltes, durch den Bruch der Rttstnngsbestimmungen des Versailler Ver- träges, durch den provokatorischen Austritt aus dem Völkerbund, durch den nationalsozialistische» Putsch in Qestcrreich, durch nationalsozialistische Wühlarbeit in den deutschen Minderheiten fremder Staaten, dnrch einen immer wieder vordringende» alldeutschen Machtwahn, der die kriegerische Eroberung fremder Gebiete fordert, durch einen gerade auch von den Herren Hitler und) Schacht gezeigten Zynismus gegenüber den Gläubiger- ländcrn, der empörend und erbitternd wirkt. Das ist Hitlers und Schachts und ihrer Mitverantwort- lichen Schuldkonto. Ihre„Führung" hat Deutschland in den Wirtschaftsbankrott getrieben und treibt sie in die politische Katastrophe, wenn nicht bald der Sturz und die Aburteilung dieser politischen Schädlinge Deutschland rettet. vergebens bringen sie sich dem Auslandskapital als bewährte Vernichler des„Bolschewismus" in Erinnerung. Der Bolschewismus ist ein sozialistisches, antikapitalistisches System, aber immerhin eine feste, geordnete Grötze, mit der auch der Kapitalismus rechnen kann. Die Hitler und Schacht jedoch sind nur verworrene Softem- und Hilflosigkeit, sind nationale Unfähigkeit und internationale Intrige, sind eine Gefahr für jede euro- päische Kooperation. Ais Bankrotteure auf allen Ge- bieten betteln sie das Ausland um die Schonung und uin die Rettung an, die sie im Inlande nicht mehr erwarten dürfen. Jede ihnen gewährte Hilfe wird sich an denen böse rächen, die den unmöglichen Versuch machen, Hitler und Schacht zu retten. Bankrotteure solcher Art mutz man ihrem Schicksal überlassen. Der deutschen Wirtschaft und dein deutschen Volke ist nur ohne uno gegen die Reichsbankrotteure zu helfen. Wring UM Kommunisten MpleB kr schichl sie gemeinsam mit Raubmördern aufs Schafott Am Donnerstag früh vier Uhr sind in Dortmund die Kom- munisten Hans Voigt und Friedrich Rapior hin- gerichtet worden. Der Preußische Ministerpräsident Göring hat die Be- gnadigung dieser politischen Kämpfer just in den Tagen der „Versöhnungsreden" des Reichskanzlers abgelehnt. Nicht nur das. Er hat sie noch an ihrem Todestage entehren wollen, in- dem er sie gemeinsam mit zwei Verbrechern köpfen ließ, die wegen Raubmords in drei Fällen verurteilt waren. Ein todesivürdiges Verbrechen der Kommunisten liegt nicht vor. Jnivieiveit sie schuldig sind an dem Tode eines TA.- Mannes, der in der Siedehitze der politischen Kämpfe des Jahres ivie so viele ungesühnte Kommunisten, Tozialdemo- traten, Reichsbannerleute sein Leben verlor, steht überhaupt nicht fest. Wie das Sondergericht festgestellt haben will, hatte die NTDAP. am 24. Juni 1082 in Dortmunb-Eing eine öfsent- liche Volksversammlung angesetzt. Um sie zu verhindern, habe eine kommunistische Menschenmenge die Umgebung des Ver- sammlungslokalcS besetzt. Tie habe die von auswärts tom- verneine um Papca Seine:..s Stocken geratene Mission in Wien Wien, 81. Aug. Ten hier seit mehreren Tagen verbreiteten Gerüchten, baß Herr von Pape» auf seinen Posten in Wien nicht mehr zurückkehren werde, wird von unterrichteter Teile entgegengehalten, daß dafür keine Anhaltspunkte vorhanden seien. Papen sei wirklich krank. Tein altes Beinleidcn habe sich verschlimmert, wahrscheinlich auch unter den bis zu perfön= lichen Mißhandlungen gestiegene Aufregungen, die er in den letzten Monaten habe erdulden müssen. Er«volle sich in Wallerkangen nun gründlich auskurieren, ehe er seine Tätig- kcit in Wien beginne. Es könne allerdings Oktober«verden, bis er nach Wien zurückkehre. Rtditerlkhe. liuavhSnMheu Köln, 29. August. lJnpreß.j Ein neues Beispiel für die „Unabhängigkeit" der deutschen N chter liefert ein Prozeß, de» der Westdeutsch: Kaufhos gegen den von Ley gegründeten „Westdeutschen Beobachter" angestrengt hat. Gegenstand der Verhandlungen war die Behauptung des Naz.blattes. daß es sich bei dem Kaufhos um einen„Judcnladen" handele. Tic Urteilsverkündung«var aus den 21. August angesetzt«vor- den. Nun«vird bekannt, daß aus Autrag der Klägerin die mündliche Verhandlung«vieder eröffnet und versucht«verde» soll, die Streitsache im Bergle chsweg zu regeln. Dazu erfahren«vir von informierter Seite, daß das Ge- richt aus Grund der Beiveiserhebung die Auffassung vcrtre- ten hat. die Behauptungen in der vom„Westdeutschen Beub- achter" vorgebrachten Form seien nicht ausrecht zu erhalten, und de Verurteilung des Naziblattes sei nicht zu verhin« der». Das Gericht wagte jedoch nicht, das Ur- teil zu verkünden. Taraufhin ist die Klägerin„ver- anlaßt" worden, de» Antrag auf Wiedereröffnung der«niind- lichen Verhandlung und Anstrebung eines Vergleichs zu stellen, der noch in der letzte» Gerichtsverhandlung von dem „Westdeutschen Beobachter" entschieden abgelehnt«vorden war. Keine Lust, geschlachtet zu werden Wir erfahren aus einen« Arbeitsdienstlager im Westerwald folgenden bezeichnenden Vorgang: Für Hitlers Leibstandartc«vurden Freiwillige geivorben. Das Lager sollte fünf Mann stellen. Bedingung«var: Größe 1,80 Meter, Besitz des Sportabzeichens, Alter höchstens fünf- undzivanzig Jahre. Versprochen«vurden 150 Mark Monatsgehalt, freie Kost und freie Kleidung. Trotz mehrmaliger Aufforderung durch den Lagerleiter meldete sich von den etiva dreihundert Insassen des Lagers, von ocnen der.größte Teil die Bedingungen erfüllte, nur ein einziger. Wer die große«virtschaftlichc Bedrängnis der deutschen Jugend kennt, der«vciß, daß dieses verlockende Angebot«vohl aus anderen als materiellen Gründen abgelehnt«vurdc Hitlers Leibstandarte anzugehören, ist nicht ganz ungefähr- lich. Keiner, der sich dazu meldet,«veiß, ob er nicht morgen schon das Opfer einer angenoinmenen Verschwörung ist und das Schicksal erleidet, das so vielen SA-Männern am 30. Juni bereitet«vurdc. Außerdein scheint selbst den jungen mendcn mit SA.-Männern besetzten Kraftwagen zerstört«>nd nmgeivorfen und sei dann von dem herbeigerufenen Heber- fallkommando in die umliegenden Straßen abgedrängt «vorden. In der Bergstraße habe man dann den SA.-Mann Walter Ufer auf dein Wege zum Versammlungslokal ge- troffen in Begleitung eines TA.-Kameraden. Das Urteil ergeht sich dann in einer blutrünstigen Schilde- rung des„Uebcrfalls" der kommunistischen Menge und der Art und Weise, wie der„brave" TA.-Mann llfcr»ms Leben gekommen ist. Auf so unsicheren Grundlagen«verden Todesurteile gefällt und auf Görings Befehl vollzogen. Derselbe Göring, der>«m 30. Juni die blutige ungesetzliche Aktion des Reichskanzlers ungesetzlich noch eriveiterte und ganz»nd gar Unschuldige reihenweise ermorden ließ Die Herren haben dann hinter- her selbst ihre Taten für„rechtens" erklärt. Der Tag«vird konnnen. der dieses„rechtens" auslöscht»»& die Hitler, Göring und Konsorten für Taten zur Bernnt' «vortnng zieht, die nie vergesse»«verden und nie verjähren können.' Leuten in einem Arbeitsdienstlager, die lediglich die poü' tische Kost des Regimes vorgesetzt bekoininen, die Stabilität des Regiments der neuen Herren nicht so groß zu sein, da« sie sich gerne in Hitlers Leibstandartc einreihen lassen«vür- den. Man kann nie«vissen!. >> Im kernen Os'en Die kritische Lage spitzt sich zu Moskau, 81. Aug. Tic neue Verhaftung sowjetrussischer Eisenbahn»»gestellter so«vic die Ankündigung der Aus- welfnng aller Soivjetrusscn haben in Moskau große« Eindruck gemacht, zuinal nia» darin eine Antivort Japans ans den soivjetrnssischen Protest erblickt. In Moskauer politische» Kreisen«vird angenommen, daß die Sowjctregie- rung eine neue, aber diesmal in viel schärferen« Tone ge- haltenc Protestnote in Tokio tiberreichen«vird. * Nach einer Meldung aus Eharborowsk sind das russische Konsulat in Pogranitschnaja und der dortige Eisenbahnerklub von japanischer und mandschurischer Polizei besetzt und durchsucht«vorden. Das Konsulat wurde nach der Durch- suchung«vieder freigegeben,«vährend der Klub versiegelt wurde. Die ToivieGrcsse bezeichnet diesen Vorfall als eine ungeheuerliche Provokation der mandschurischen Behörden und kündigt einen scharfen Protest an. In einer Rede an die österreichischen H e i m w e h r eh« er« klärte Starhemberg, die Stunde der Abrüstung Hab« noch nicht geschlagen. Es werde der Ta« noch einmal an« brechen, an dem die Hermwehren die Zukunft Oesterreichs mit den Waffen vertreten. Die ttampssähigleit der Heim- wehren soll dnrch den Ausbau eines freiwilligen Hilsskorps vermehrt werden. Der Te xt il- und Baumwollftreik in USA. ist est« klärt«vorden. Am Samstag soll er beginnen. Viele Textil« arbeite» in Neuyork habe«, bereits ihre Arbeit verlasse«. Man fürchtet Ruhestörungen. In einigen Städten kam es.1" Z«''ammenstvßen. Die deutschen Zeitungen bringen lange Darlegungen über die italienische Presse, die den heutige«, Deutsche« als Barbaren bezeichnet. Gemäß einer Verordnung für Preußen sind sämtliche vo« M a x i m G o r k i versaßen und in deutscher Sprache er« schienen«» Druckschriften beschlagnahmt und ringe« zogen worden. Der rumänische Außenminister Titu lesen ist in P a r is eingetroffen. Am Donnerotag jand die feierliche Eröffnung der direkte« Telcfonverbindung Moskau—Paris durch den Nolksbeaui« kragten für Post und Tclegrasie Alexis Rykow in seinem Büro statt. „D i p l o m a z i a" in Rom will wissen, daß der Papst nack seiner Rtt.kehr von Eastel-Gandolio ein Rundschreiben ver» öffentlichen werde, in dem er die religiöse Politik des Reichskanzlers Hitler ebenso»vie die Lehren und Methoden der Nationalsozialiftischen Partei mißbilligen werde. SV wird acwa'inel Und schimpft auf Hitler Uns wird folgender Brief aus der Pfalz zur Ver- fügung gestellt: Die wirtschaftlichen Verhältnisse«verden bei uns immer trostloser. In den Raziblättcrn hat man immer vo» großen Siegen der deutschen Arbeitsschlacht gelesen, aber dies«var nur mehr oder«vcniger ein großes Schwindelmanöver. Jetzt sind ihre Pressen etivas stiller und vorsichtiger geivorden. Was die TA. betrifft, ist es für viele dieser Leute heute k«ar. daß sie jetzt eine unliebsame Erscheinung für die jetzigen Machthaber sind. Der 80. Juni liegt hinter uns, dies«var wirklich ein fchivarzer Tag in der Geschichte des verbreche- liichen deutschen Faschismus. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam dieses Ereignis über die Formationen der TA., für die Herr Röhn« gestern noch ein Herrgott«var. Die SA. galt doch immer als der notivendige Soldat der deutschen Innenpolitik, um durch sie den Marxismus in Deutschland für immer niederzuhalten. Wirklich ivaren eininal die TA.- Männer die Garanten der nationalen Revolution. Jedoch die braunen Bonze» sitzen nun in Ami und Würden und«volle» nicht gestört«verde».~ Ter Marxismus in Deutschland ist nicht tot. Wenn auch aerqde unsere Leute heute sehr schweigsam und zurückhaltend sind, so sind sie kür das heutige Re- gime dennoch die größte Gefahr. Ein TA.-Mann, den auch Du sehr gut kennst, der schon einige Jahre in der vordersten Re'he der SA. marschierte und der bestimmt glaubte, sein Geschäft«vtirbe einen ungeahnten An'schivung erleben, wenn die nationale Erbebuna in Deutschland den Marxismus a»Gerottet hat ist bitter cnttäu'cht worden. Ob er«vobl heilte noch ein»aller unterer Weltanichaunna ist? 7t ch glaube es kaum Sein ältester Sohn besorgt heute das Ge- schält, und er als Fainilienvater von einigen Kindern hat die„Ehre", als Notstandsarbeiter bei der Stadt beschäftigt zu sein. Vor ein paar Tagen hat er sich sehr abfällig über seine vorher so Heist ersehnte S'aa«siorm geäustert. Er meint zu mir, die Revolution ist noch nicht fertig, auch«venu Hitler glaubt, er kann uns«nit hohe» Strafen einschüchtern. Wir«verde« Kritik an seiner Wirtschaft üben, denn «vir habe» ein Necht dazu, uns hat«»an Versprechungen ge- nug gemacht. Dieser H° soll doch bloß nicht glauben, daß«vir»nS seinen Toztalisinns'o vorgestellt haben,«vie er uns ihn heute serviert. Zum Schluß»«einte der SA.- Mann:„Was«nögen denn die«virklichen Sozialisten über uns denk»»—?" Weiter kann ich Dir aus ganz zuverlässiger Seite bcrich- ten, daß die SA. aus Veranlassung ihres jetzigen Stabschefs L u tz e im Interesse und der Sicherheit ihrer heutigen Btacht- habcr ihre Schußwaffen soivie Munition an ihre Ortsgrup- pen abliefern muß. vo»«vo sie dann an die Bezirksleitung zur Aufbewahrung eingeliefert werden. Ob diese Einliesernngs- stellen nicht ctiva die NeichSivehrkommandos sind? Selbstvcr- stündlich gilt dies auch für solche Waffen, die sich SA. Männer aus eigenen Geldmitteln angeschafft baben. Auch bei uns fand ein Avvell statt, der dem SA.-Tturm die Bekannt- machung unterbreitete, daß alle SA-Männer unverzüglich ihre Schußwaffen an die Ortsarnppenlettiing abzuliefern haben. Wer sich«vciaert. seine Walke freiwillig abzuliefern, bei den« wird Ha»6such'"«a vorgenommen«verden und er macht sscb straibar. Der So,rmkübrer. der d>es bekannt gab. war jedoch selbst noch i»n Bessk einer Schubivaffe und sagte mir bann nach dem Dienst vertraut, daß er gar nicht daran denke, seine Waffe, die sein Eigentum ist. dieser Leitung aus- zultefern. Ein SA.-Mann der Ortsgruppe mit Namen war im Besitz eine? neuen Geivebrs, in der Art uni'ereS Jnfanterieaeivehrs: auch er«vurbe gezwungen, die Waffe abrn liefern. Der Ant-^-"'''"'->sn'-»-s betrug HO RM. Verärgert gab er dieses ff-me.«Heiligtum sein-» Mach'l«gt'»ri, ab. für die er Mithalf, die Macht zu erobern Nunmehr tröstet man die Leute mit der fadenscheinigen Ausrede:„Tie Revo- lution ist beendet,«vir können unsere Gegner jetzt mit anderen Mitteln die Schlagkraft nehmen." Parteijugend Hauptsache Wie der„Thüringer Sturmtrupp", das Organ der thüri»g>' schcn Landesbeaüstragten des ReichSjugendkührers, berichte!, hat das Thüringer R.cntamt Sonncbcrg beim Thüringer Volksbildungsministeriuni beantragt, nicht nur de« nickt' arischen Schülern und Geschivistern keine Schulgeldcrmäfo- gung zu gewähren, sondern auch den Schülern, die nickt Mitglieder der Staatsjugend sind, den Schulgeld- erlaß zu versagen Der Antrag«verde u. a. damit begründet, daß es immer noch Kinder gebe, die der Hitler-Jugend nid)' angehörten, und denen damit die beste Möglichkeit genommen werde, sich«veltanschaulich auf ihre später als Volksgenoss''" zu erfüllende» Pflichten vorzubereiten. Die Elter»,«velche ibren Kinder» die Möglichkeit der«veltanschaulichen Schulung vorenthielten, vergingen sich dam i t gegen i ft r e Pflichten der Volksgemeinschaft g e g e n ü b e r, Ausnahmen könne es dabei auch nicht iür kranke Kinder geben, da diese von dem sportlichen Dienst der HJ. befreit seien. Das Tonneberger Rentamt schlägt vor, aus dem Frage- bogen für Tchulgelderlaß eine F r a g e nach der Zuge« Hörigkeit zur HJ. und einen Platz für die Stellung' nähme des HJ.-Führers vorzusehen. Koketterie, die Wirtschaftsrettung In itieein Verzweiflungskampf um die Einschränkung lter Rohstoffeinfuhr ist die Reichsregierung auf einen Einfall g r" kommen, die ihrer Intelligenz gemäß ist. Sie appelliert an die Koketterie der Frauen. In einem Rundschreiben wurden die Konfektionshäuser aufgefordert Kleider ohne Ealren u«d Abendkleider ohne Schleppen anzufertigen, wodurch erreicht werde, daß die deutschen Frauen schlanker erscheinen würden. Die Mispannung an der Saar Vizehanzier von Papen warnt vor der ZUgellosigkeit des„Führers" Saarpofsdi-Rüstungcn „(Jebergesdinappr Tie„Saarbrücker Zeitung" antwortet aus unseren gestrigen Alarmruf mit der Feststellung, wir seien nun auch ..übergeschnappt". Ta wir uns lediglich auf Tatsachen- und Urkundenmaterial der Nationalsozialisten und aus Reden des Herrn Reichskanzlers und anderer pro- minenter Nationalsozialiften gestützt haben, sin- den wir das Urteil überraschend. In ausländischen Zeitungen ist eine solche Beurteilung gewisser Reden und gewisser Männer allerdings jetzt beinahe täglich zu finden. Wir haben solche Urteile über Teutschlands führende Partei und füh- rcnde Männer mit Rücksicht auf eine bekannte Verordnung nicht mehr zitiert, können aber gewiß nicht verhindern, daß die„Saarbrücker Zeitung" von Ucbergeschnappten spricht. Wer sich ihrem Urteil über die nationalsozialistische Politik anschließt, muß um so mehr zur Borsicht mahnen. Putschgesahr ist immer vorhanden, wenn exaltierte gc- wälttätige Politiker über militärisch organisierte und mili- tärisch ausgebildete Scharen verfügen und sie wissen, daß ihne nur eine schwache Erekutive gegenüber steht. Das erste wird durch die bei der Haussuchung in den Räu- wen der„Deutschen Front" gefundenen Briefe der nationalsozialistischen Führung bewiesen, das zweite durch ein- gehende Berichte der Regierungskommission an den Völker- bund. Tie Ausrechterhaltung der össentlichen Ruhe und Sicher- hcit im Saargebiet ist von höchster europäischer Bedeutung. Man müßte in der Tat„übergeschnappt" sein, wenn man sich für die Ruhe und Ordnung im Saargebiet verlassen wollte auf die Zusagen einer Partei, deren beschichte von ihren An- sängen aus Putschismus, Meineid, Fälschung, Terror, Tot- schlag und Mord besteht. Ter 30. Juni und der 25. Juli haben diese Methoden auch den bis dahin Zweifelnden in der Welt sichtbar gemacht. Ebenso wenig wie den Nazis wird man den Versicherungen einer Presse glauben, die alle Verbrechen dieser Partei ver- schweigt oder beschönigt und Gangsters als nationale Heroen feiert. Wer die freie Abstimmung im Saargebiet und den Frieden Europas will, muß immer wieder die eine Forderung er- heben: eine Exekutive, die dem politischen Gangstertum Ne- spekt einflößt. Das ist die einzige Methode, die hier angc- bracht ist. Gerade das Geschrei der„deutschen Front" gegen diese Forderung beweist deren Bedeutung. Freie, geheime, unbeeinflußte Abstimmung Zum Plebiszit im saargebiet Wenn mau mit Saarländern unter vier Augen spricht, so kann man immer wieder von ihnen den Ausdruck einer Sorge vernehmen: wird die Abstimmung, zu der wir im Januar nächsten Jahres berufen sind, auch wirklich unbeein- flüßt vvnstatten gehen? Werden wir tatsächlich unserer wah- reu Meinung Ausdruck geben können, ohne befürchten zu müssen, daß unsere Stimmabgabc bekannt wird und daß uns nachher daraus Schaden erwächst! Es ist klar, hierauf allein kommt alles an: Wird die Ab- stimmung wirklich geheim sein? Nun, da muß man sagen, daß der Aloisi-Ausschuß ganz gute Vorarbeiten geleistet hat. Tas von ihm ausgearbeitete Abstimmungsreglement ist zugeeignet, manche Be'ürchtungen zu zerstreuen. Denn nicht nur, daß die von ihm als Vorsitzende der WahibürvS ringe- setzte Herren neutrale Ausländer sein sollen, auch der lln- sug des Stimmzettelverteilens durch die Parteien ist be- scitigt. ES gibt nur einen Einhettsstimmzettel; ihn nebst Umschlag bekommt der durch Vorlage seines Passes mit Foto- grafie legitimierte Ttfiumbercchtigte aus der Hand des Vor- sitzenden, dem er nach Markierung seiner Abstimmung in der Zelle ihn wieder zurückgibt. Tas bedeutet in der Tat schon sehr viel,' wissen wir doch, wie andererseits vielen der„rich- tige" Stimmzettel in die Hand gedrückt wurde und mit Argusaugen darüber gewacht, daß er nur gar nicht auch den Verteilern der anderen Parteien einen abnahm. Und wer beispielsweise dächte, er könnte das Stimmgeheimnis wahren, indem er die Stimmzettel aller Parteien nähme, der würde sich von vornherein verdächtig machen, da die„deutsche Front", schon ebenso wie früher in der Vorkriegszeit die libe- ralen Gewalthaber, eine entsprechende Parole ausgeben würde. Tas Reglement ist leider zu wenig bekannt. Aber die Hauptpunkte haben wir schon erwähnt. Trotzdem befürchtet der Saarländer weiter noch, daß vielleicht nach Schluß der Abstimmungshandlung das Stimmgeheimnis gelüstet werde, indem Zettel gekennzeichnet, der Zettel gefälscht oder durch Stimmenmehrheit der Büromitglieder auch gegen die Stimme des Vorsitzenden für ungültig erklärt werden könnte usw. Diese Sorge ist, ivie die Erfahrung früherer Jahre beweist, nicht grundlos. Ter Aloisi-AuSschuß hat die Frage noch nicht endgültig entschieden,' vielleicht ist eS da angebracht, ihm für seine Erwägungen einige Fingerzeige zu geben. Als wichtigstes erscheint da. die Prüfung des Ergebnisses nicht den örtlichen Büros oder den Gemeindeausschttssen zu überlassen, sondern die Urnen versiegelt nach Gens zu sen- den, wo sie durch an dem Ergebnis uninteressierte wahrhast neutrale Beamte des Völkerbundes geleert und das Resultat festgestellt werden könnte. Darüber hinaus erscheinen drei Borschläge eines alten erfahrenen Saarländers, der damit der Meinung vieler Lands- leute Ausdruck gibt, wohl beachtenswert. 1. Wäre es nicht möglich, für die AbstimmungSbüroS die Beisitzer nicht aus der Gemeinde selbst zu nehmen, sondern sie gegeneinander auszutauschen. Do daß z. B. Völklingen in St. Wendel und Mettlach« in Völklingen amtierten? Tann wäre die Gewähr gegeben, daß die Beisitzer die meisten Wähler nicht kennen, und die LegitimationSscststellung dem Vorsitzenden überlassen müssen. 2. Wäre es nicht möglich, dafür Sorge zu tragen, daß im Ttimmlokal anwesenden Zuschauern— denn die Abstim- mung ist ja zwar geheim, aber die Wahlhandlung doch wohl, aualog den sonstigen Wahlen, öffentlich— entweder ein dau- crndeS Verbleiben im Stimmlokal verboten werde, oder sie doch wenigstens gehindert würden, sich Notizen zu machen? Ter betreffende Saarländer erzählte mir dabei von der Erfahrung, die er z. B. als Wahlvorsteher bei Knappichasts- wählen gemacht hatte, wo Vertreter der beiden Gewerk- schalten anwesend waren, und genau kontrollierten, ob ihre Mitglieder ihr Wahlrecht ausübten, um nachher an Hand der Wahlzahl Abtrünnige festzustellen. Und Verdächtige sind ja immer vorhanden. 3. Endlich mies uns der alte Saarländer noch aus einen sehr wichtigen Umstand hin, der namentlich in Vorkriegs zeit gang und gäbe war: daß nämlich die Wähler vorher bei Freibier usw. entsprechend bearbeitet wurden. Er fragte, ob es nicht möglich fei, für die vorhergehenden und den Abstim» mungStag ein allgemeines Verbot des AlkoholanSschankeS zu erlassen, nickst nur für die Wirtschaften, sondern auch für Kasinos und private Gesellschaften. Das sind Fragen, die zum Teil auch die AbstimmnngSkom- Mission angebe,^ Man darf wohl hofscn, daß sie sie nicht ohne Beachtung bei Seite schiebe. J. K. Papen an die Regierangshommission Seid auf der Hut! Ganz im Sinne unserer Aufsagung über den National- lozialismus urteilt Herr FrandMm Papen. zur Zeit in Wallerfangen an der Saar: „Objektivität gilt in dieser Bewegung als Schimpf. Solcher Verwilderung der politische,, Moral entgegen- zutreten, ist die Pflicht der Staatsgewalt. Ich kenne kein Recht, das nur das Kampfmittel einer Klasse oder einer Partei ist. Tie Z tt g e l l o f i g k e i t. die aus dem Auf- ruf des Führers der nationalsozialistischen Bewegung spricht, paßt schlecht zu den Ansprüchen auf die Staatsfüh- rung. Ich gestehe ihm nicht das Recht zu, die Minderheit in Teutschland, die seinen Fahnen folgt, allein als die deutsche Nation anzusehen und alle Übrigen Volksgenosse,, als Freiwild zn behandeln!" Diese trefflichen Worte wurden zwar schon am 33. August 1032 gesprochen, aber sie sind heute— Herr von Papen wird es aus eigener Erfahrung bestätigen— noch richtiger als damals. 0erSchwindel von Sulzbach" Dreiste Lüge und Bruch des Postgeheimnisses Tie„Deutsche Front", das Hauptorgan der gleichnamigen Organisation des Saargebietcs, bringt am Freitagmorgen au seiner Spitze eine Meldung, die in der Reihe des Lttgcnfeld- zuges der Hitlertreuen bisher nicht erreicht worden ist. Noch immer beschäftigt sich das Blatt mit der Sulz- b a ch e r Kundgebung. Es kann darüber nicht zur Ruhe kommen, daß viele Zehntaufcnde von Saarländern dem braunen Terror zu trotzen wagte» und iui Gegensatz zur Koblenzer Tagung unter größten Opfern und Entbehrungen ihre Unkosten selber bezahlten. Jetzt veröffentlicht die „Deutsche Front" ein Telegramm, das den„Schwindel von «ulzbach" beweisen soll. Das Organiiationskomitcc habe, so schreibt das Blatt, an alle Funktionäre Telegramme svl- Senden Inhalts geschickt: „Fahrkarten für Snlzbach werde» Samstag durch Boten zugestellt." An dieses angebliche Telegramm wird die Behauptung ge- knüpft, sei damit bewiesen, man habe zum Besuch der Sulz- bacher Kundgebung Freikarten verteilt. In Wahrheit ist das Telegramm durch d'e Fortlassung des entscheidenden Satzes irech gefälscht. Es lautete nämlich in vollem Wortlaut: „Fahrkarten für Sulzbach werde» Samstag durch Boten zugestellt. Fahrgeld bereithalten." Tie„Deutsche Front" hat also dreist gelogen. Aber das ist 'ur die eine Seite. Die Kenntnis von diesem Telegramm rnd die Liste der Funktionäre, die mit N a m e n als Emp- anger des Telegramms genannt werden, konnte in den Be- iß der Redaktion nur durch einen Bruch des Poftgcheim- tiffes gelangt fein. Es ist nicht der erste Fall, daß ein solch chwerer Versroß nachgewiesen werden konnte. In der saar- ändischeu Postverwaltung sitzen Spione und Spitzel, die.hre lenntnis von amtlichen Vorgängen, von Brieten und^ele- lrammcn den„Behörden" der braunen Front des<--aar lebietes prompt ausliefern. In einem ähnlichen Falle,.der nicht so gravierend war wie dieser, ist jüngst die Regierungskommisfion sofort ein- geschritten. Wir zweifeln nicht daran, daß sie sofort entspre- chende Schritte gegen die„Deutsche Front" und eine Unter- suchnng über ihre Beziehungen zu amtlichen Stellen der Post- Verwaltung einleiten wird. Ein würdiger Deutschfroniier Vorbestraft Die„Saarbrücker Zeitung" schreibt in ihrer Polemik gegen uns:„lieber die Tränengasbombenattentäter weiß ja wohl jedermann heute Bescheid." Vielleicht trifft das doch nicht ganz zu. Deshalb haben wir festgestellt, wie das Vorleben des Nationalsozialisten Heidemann ist, der in Sulzbach Tränengasbombcn geworfen hat. Er wurde zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wegen Leistung eines Meineides und erhielt dann Strafaufschub mit iüns- jähriger Bewährungsfrist. Er ist ferner zu 500 Fr. Geld strafe verurteilt worden wegen politischer Beleidigung eines Sozialdemokraten. H. war niemals Kommunist oder Sozialdemokrat. Ganz Sulzbach weiß, daß er und seine Familie Nationalsozialisten sind und stets mit„Heil Hitler" grüßte. Schweizer als Saarpollzel? Ablehnung in Bern Berlin, 31. August. Das Deutsche Nachrichtenbüro schreibt zu der Frage der Entsendung von Schweizer» als intcr- nationale Polizei nach dem Saargebiet, es sei völlig g l e i ch g ü I t i q, ob eine offizielle Tchweizertruppc nach dem Saargebiet entsendet werde, oder ob es sich, um eine Polizeitruppe handle, die aus schweizerische» Frciwil- l i g e n zusammengesetzt sei. Im Saargcbiet selbst würde die Bevölkerung gefühlsmäßig schwer einen Unterichicd machen, ob Schweizerburgcr, die der Bevölkerung mit Besehlsgewalt und im Auftrag der Regiernngskomwission entgegentreten, freiwillig angeworben sind, oder ob es sich um eine geschlos- jene Schweizertruppe handle, Fehlgriffe und Zusammenstöße würden in jeden, Fall der Schweiz zur La st falle». Die„Basler National-Zeitung läßt sich dazu aus Bern melden: Zur vorstehenden Wiedergabe der offenbar offiziösen Re- gierungsanssassung durch die deutsche Nachrichtenagentur ist zunächst festzustellen, daß im Bundeshaus weder offi- z i c l l die Frage der Stellung einer schweizerischen Polizei- trnppe für das^Saargcbiet anhängig gemacht wurde, noch etwa eine Sondierung über die Auffassung der schweizerische» Landesregierung seitens der Saarbehörden oder einer fremden Macht vorgenommen worden ist. Mög- licherweisc wird in irgendeiner Form der Bundesrat noch weitergeben! Werfen Sie die„Deutsche Freiheit" nach dem Lesen nicht fort. Geben Sie das Blatt an Leute weiter, die der Aufklärung und Belehrung bedürfen! Weitergeben! f um seine Auffassung interpelliert werden, aber bis zur Stunde war dies noch nicht der Fall. Dagegen verhehlt man sich zuständigen Ortes natürlich nicht, daß die Frage der Bildung einer Polizeitruppe durch Schweizer Milizen gewisse Rückwirkungen haben könnte. Wenn, was durchaus im Vereich der Möglichkeit liegt, diese Polizeitruppc gegen einzelne Teile der Saarbevölkerung eingesetzt werden müßte, so würde schon gefühlsmäßig nicht nur diese Truppe, sondern auch deren Heimatland ver- äntwortlich gemacht werden, unbeschadet der Tatsache, daß sie ein Jnitrumcnt der Taarrcgicrnng märe. Nach der vor- liegenden Auffassung wird daher derjenige Standpunkt als der richtige erachtet, der in einzelnen Blättern vielleicht nicht mit der wünschenswerten Deutlichkeit, aber doch im gleichen Sinne zum Ausdruck gebracht wurde: Die Schweiz wünscht weder eine Polizeitruppc gesamthast als Dctachcmcnt der Armee zu stellen, noch hält sie die Werbung von freiwilligen Schweiz?» Miliz?,, für eine Polizeitrnppe im Saargcbiet für wünschenswert. Wenn auch diese Frage selbstverständlich mit deu, Begriff der schweizerischen Neutralität nichts zu tun hat, so entspricht es doch der konstanten schweizerischen Auffassung, daß die Söhne des Landes weder einzeln noch in ganzen Detache menten für militärische oder polizeiliche Zwecke im Ausland Verwendung finden sollen. Achtung, Abstimmungsberechtigte! Wir machen daran,' aufmerksam, daß aus Anlaß des AnnaHmeschlußtermins für die schriftlichen Anträge zur Aufnahme in die Abstimmungsliste betr. die Volksabstimmung im Saargebiet im Rathaus, Zimmer 22, eine Annahmestelle eingerichtet ist, die die Anträge am 31. 8. 1034 bis 12 Uhr nachts entgegennimmt. Ter Eingang zum Rathaus ist am 31. 8. 1934 nach den Dienststunden In der Kaltenbachstraße. Emigrantenenliührung In der Schweiz „Es wimmelt von Spitzeln der Gestapo" Zürch, 31. Aug. In der gesamten Schweiz erregt i n> sührung eines deutschen Emigrqnten nach Hitlerdet sic and großes Aussehen und führt zu heftigen Protesten. Es handelt sich um den Heizer Rudolf Wilhelm Sprenger. Am ver- gaugenen Sonntag erschien vor dem Hause in Zürich, wo Sprenger wohnte, der Inhaber eines TaxiunteruehmenS. Er forderte Sprenger auf, mit ihm zu einem bekannten Restaurant zu fahren. Tie Fahrt ging jedoch in R i ch t u n g S ch a f f h a u s e n— I e st e t t e n. Hier wurde Sprenger festgehalten. Ein Brief informierte die Züricher Polizei, die nach dem unbekannten Begleiter des TaxiiinternchmerS fahndet. Vermutlich handelt es sich um einen Spitz e l. Jener Begleiter, der sich gleichfalls als Emigrant ausge- geben hatte, war bereits durch reichliche Gcldausgabcn aus gefallen. Die Gründe, warum sich der Entführer gerade den einfachen Arbeiter aus Duisburg ausgesucht hat, sind unbe- kannt. Vielleicht wollte der Mann seine Tüchtigkeit gegen- über den Auftraggebern in Hitlcrdeutschland beweisen. Ter B u n d c s a n w a l t s ch a f t sind bereits die Akten ü^b er d i c s e n M e n s ch e n r a u b z u g c st e l l t iv o r d c n. 4.ic„Bailer Nationalzeitung" bemerkt dazu:„Wie lange noch wird dieses schädliche Treiben geduldet? Wir wissen genau, daß u n s e r e G r o ß st ä d t c von S p> y c I» d c> Deutschen Geheimpolizei wimmeln. Auch den spitzeln der Gestapo gegenüber muß der Bundesral für die Unverletzlichkeit des schweizerischen Hoheitsgebietes sorgen." Pffldiför&eli oder Arhciisnaus! Wie nüler-Deufsdiland die Arbeifslosldheli beseliiat- Als Vollbesdiäftl&er 40 RM. im Monat- Dann versdiwindet man aas der Statistik Nnö liegt das folgende Dokument Im Original vor. Wir haben die Angabe der Stadt weggelassen, um den Absender von allen Aachforschungen der Gestapo zu beschützen: Abschri ft Städt. Wohlfahrtsamt 1934 Aht.Allgemeine Fürsorge (Bezirks für sorge verband-Stadt) Auf Ihren Antrag vom 34 wegen Erhöhung Ihrer Unterstützung haben wir Ihre Verhältnisse erneut geprüft. Zu der vom Wohlfahrtsamt gewährten Unterstützung von mon. 16 RM für Miete und 7 RM in bar wird Ihnen die Möglichkeit gegeben, an 6 Tagen der Woche Pflichtarbeit zu leisten, wobei Sie ausser mon. 5 RM in bar täglich ein warmes Mittagessen und 1 Gutschein für Vesper erhalten. Der notwendigste Lebensunterhalt ist damit sichergestellt. Sollten Sie glauben, mit dieser Unterstützung nicht auskommen zu können, bieten wir Ihnen Unterbringung in einem Arbeitshaus an. Zur Zuweisung der 6 tägigen Pflichtarbeit haben Sie sich am Freitag, den.. 7. 34. vormittags 10 Uhr bei der Pflichtarbeiterstelle Zimmer... zu melden. üas ArDeifsDuai Um hundert Jahre zurück Am 28. Januar 1829 ordnete König Carlo Felice von Sar- l unten au, daß„alle Arbettsknechte und Lehrlinge" ein 'Arbeitsbuch führen mühten, in das der Unternehmer >Jfi Entlassung eintragen konnte, ob der„Ärbeitsknecht" sich demütig und gehorsam betragen hatte oder nicht. Niemand sollte ohne Arbeitsbuch beschäftigt werden. lieber hundert Jahre sind seitdem vergangen. Aus den italienischen„ArbeitSknechtcn" wurden freie Arbeiter, die wie io viele andere sozialrcaktionärc Bestimmungen auch ■ den Zwang der Arbeitsbücher beseitigten. Aber der Faschismus hat die italienischen Arbeiterorganisationen zerschlagen und ans den freien Arbeitern ivieder Arbeitssklaven gemacht und jetzt führt er das verhagle Arbeitsbuch wieder ein. Der italienische Ministerrat hat bereits«am 8". Junis das Dekret ■ über die obligatorische Einführung des Arbeitsbuches vcrab- schiedet, im Herbst soll es in Kraft treten. Jeder Arbeiter und Angestellte wird verpflichtet, sich bei den faschistischen Gemeindebehörden ein Arbeitsbuch ausstellen zu lassen. Die Behörden tragen bei der Ausstellung nicht nur die Art der sachlichen Ausbildung ein und bei Frauen noch ein ärztliches Gesundheitsattest, sondern auch, ob der Inhaber des Arbeitsbuches ein„verdienstvolles Mitglied der faschistischen ' Partei" ist oder sich sonst„besondere politische Verdienste" um die faschistische Diktatur erworben hat. Bon Anfang a» ist also das Arbeitsbuch ein politischer Steckbrief für jeden Antifaschisten. Bei Arbeitsantritt muh das Arbeitsbuch dem Unternehmer abgegeben werden, der den gezahlten Grundlohn und die Höhe der eventuellen SozialverstcherungSbeiträge einträgt. Jede ArbcitSunterbrcchnna wird vom Unternehmer ver- merkt. Bei Entlassung kann der Unternehmer in das Arbeits- buch schreiben, ob der Arbeiter oder Angestellte geschickt oder ungeschickt zuverlässig oder unzuverlässig ist, und damit unter Umständen jede Arbeitsmöglichkeit vernichten.— Es ist wieder wie vor hundert Jahren. Ilnwiie In der Arbcttsfronl lJTF> Die Deutsche Arbeitsfront mnst ihre Bönzleiu sieben. Wer den verschärften Kurs gegen die Arbeiter nicht bedingungslos mitmachen will, soll entlassen werden. Die RcichSbetr«ebsgrnppe Bcrkehr und öffentliche Betriebe hat vorsorglich allen ihren 1500 braunen Bvnzlein zum 1. Ok- tober gekündigt, in der Zentrale der Reichsbctriebsgruppe Holz erhielten von 300 Angestellten 100 das Kündigungsschreiben. In den Büros der Arbeitsfront herrscht große Unruhe und Aufregung. Gestohlene Arbeifergrosdien iJTF.i Die Ncichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenunterstützung zieht 0,5 Prozent d«?s Bruttolohns der deutschen Arbeiter als Beitrag ein. Durch diesen hohen Beitrag erwirbt der Arbeiter heute aber nur noch ein An- recht auf 0 Wochen Arbeitslosenunterstützung, danach erhält er nur nach einer scharfe»„Bcdllrfttgkeitsprüfung" daS Gnadenbrot der Krisenuntcrstützung. Tie Rcichsanstalt er- hebt trotz des praktisch aufgehobene» BerslchcrungSprtnzipS die hohen Beiträge seelenruhig weiter, aber verwendet die eingezogenen Millionen nur zum kleineren Teil für die Arbeitslosen. Bon insgesamt 1,5 Milliarden NM. wurden im um seine Anklage gegen Hitler zu formulieren, bisher >»! hätte nennen und so gefährden müssen und daß Satire wirkungslos verpufft wäre, weil gegen das Un- P" riuviu«. m.. v t; vas noch Odem hat, widerstehen könnte und vor dp r°' u| der Ahgewandte taktlos vorkommt wie nur einer, Oiin« m Begräbnis der Mensdiheit den Hut nicht ab- ^rs u. flucht an dem Gemälde eben nicht viel zn ändern, ''•bei t den„Symbolen" nur ans Kruken- statt ans ''er reu*> hei den„Feuerwerken" an die Praterfahrten •tili""" e r aristokratischen Gespenster, bei den„geredeten ' i' Klischees", statt an Rasse und Blut an ^•ken IKCn'"»„Oesterreicherl",„Vaterlandstreue!" zu man hat das ganze schwarzgelbc •tu err> i«k in einer knappen Formel bei- 'dlsf, f."— aber Karl Kraus will diese nahe Verwandter p'| ese Blutsbruderschaft im Geiste der Ungeistigkcit, Öo 5, ftl0 r—"od des Zwanges so wenig wahrhaben, daß er lfo>.>'°bne sieh weltanschaulich mit ihm gleichzuschalten, ' r°t5c|p! 0 b" e•>di weltanschaulich mit ihm glcimziiscriuin-i,, l'": inen-'»er", die Lage, die Dollfuß handeln ließ, 'lijl ohne weltgeschichtliches "'che(■ j' n C n n t und„menschliche" oder„Staatsbürger- ^'«he bbarkeit" Dollfuß gegenüber des„äußersten r*ich f|" S Wer t erklärt. Weil der Bundeskanzler in Oester- ®'fg en''."J Aufrichtung der Hitlerbarbarei mit ihren Steh- •itldp r' t lrcn Prangern und sadistischen Massenmorden ver- .""n 181 Kraus bereit, ihm die Beseitigung der Ver- > f|"ein I l*. Ausrottung der Parteien, das Bombardement der «Uta,>"""user und sogar die Standrechtgalgen—„unselige getreu'£ r^ rip K 8t 3'"— z» verzeihen, und auch an den •ge' Starbemberg entdeckt er sympathische 8) e ihresgleichen begannen den Feldzug gegen die S^'""braten nicht etwa, weil ihnen die Ausrottung !>1''hte. rX'" n""'iiirch Hitler den notwendigen Mut dazu ' ie bändelten nidit als Beauftragte jenes alt-öster- br»u(- l" Adels-, Soldaten- und Pfaffenklüngel», dem rb ,e Tage der Menschheit" seinerzeit das Grablied 0'"men, und nijht vielleicht im innigen Verein mit Mussolini, dessen spät genug und sehr oberflächlich zivilisierter„westlicher" Faschismus nunmehr die Umgangsformen des österreichischen Lehensraumes bestimmt. Sondern indem sie das Gesetz brachen und den Veraweiflungskampf provozierten, wollten sie nur sich und den anderen, auch den Juden uncl Arbeitern—„die sozialpolitischen Dinge", sagt Kraus,„dürften hei Faulhaber, Innitzer und Mercier in besserer Obhut sein als bei Hilferding, Bauer und Blum"—, ein würdiges, vor barbarischen Ausschreitungen behütetes Dasein bewahren, und darum waren die Schutzbündler, die solch Fürsorge abzuwehren versuchten, bedauernswerte Verführte, sind Otto Bauer, Julius Deutsch und die anderen sozialdemokratischen Bonzen Narren, Lügner, Feiglinge, kurz, unheilbar dumme Lumpen zur zehnten Potenz. Oder um Kraus selbst sprechen zu lassen: „Hoffentlich wird man einmal zu der Einsicht gelangen, die Bezeichnung ,Arbeitermörder', mit der die Radaupresse herumschmeißt— wie mit der Idcotie von den ,Kanonenchristen'— gebühre denen, die die Blutschuld so sinnloser Opferung auf sich geladen haben(nicht ohne den frevlen Wunsch, sie zu vermehren); und ,Arbeiterretter' seien die Beschimpften, die die Arbeiter schließlieh vor dem größeren Unheil bewahrt haben werden." Und später einmal:' „Weg damit! Es steht der Ehre der Mensdiheit im Wege. Es lügt zuviel und will den andern zur Lüge nötigen. Sie wollen alles auf einmal. Sie haben nicht Krieg geführt und sie klagen sich gegenseitig des Verbrechens an, die Kämpfer in solch hoffnungslose Situation hineinmanövriert zu haben; sie sind überfallen worden und sie werfen einander vor. die innere Stadt nicht in die Luft gesprengt zu haben. Sie haben Ekrasit und Humanität in Händen. Sie möchten zugleich Demokraten und Kommunisten sein, weil es, wenn man schon lügt, auf den Unterschied nicht ankommt. Sie sind Taktiker und tun sich etwas auf ihre Fassungslosigkeit zugute." So hemmungslos und haßbesessen diese Scheltreden auch sein mögen und so wenig zu dem Bilde des geretteten Daseinsfriedens, wie Kraus es sieht, der auf jedem lastende Gewissenszwang, die nazistische Verseuchung aller Behörden, die Freisprüche hakenkreiizlefischer Schwerverbrech-r, die uniformierten Heimwehrapachen als Ordnungshüter und die unaufhörlichen Attentate bis hinauf zum Dollfußmord auch stimmen wollen— wir ließen sie unbesehen passieren, wenn Kraus nur eine Frage einleuchtend zu beantworten wüßte: warum das„kleinere Uebel" des Do)lfußputsches notwendig war und ob nicht Christlichsoziale und Sozialdemokraten vereint die Hitlerharbarei viel leichter und sicherer hätten verhindern können? Daß die Sozialdemokraten bereit waren, die Demokratie mit gesetzlichen Mitteln gegen die Hakenkreuzseuche zu schützen, haben sie bewiesen, als sie in allen Landtagen der Aberkennung der Hakenkreuzmandate zustimmten— sie wären, was nach dieser Probe außer Zweifel steht, unter den entsprechenden Garantien auch für eine Verfassungsreform und für ein Ermächtigungsgesetz an eine verläßlich verfassungstreue Regierung zu haben gewesen. Trotzdem aber hätten Verhandlungen, hätte ein AbwehrbÜndnis mit ihnen unmöglich sein sollen, weil— man denke, weil dadurch, wie Karl Kraus auf Seite 194 in denkwürdiger Uebereinstim- mung mit Otto Bauer feststellt, die Christlichsozialen e i n paar Mandate an die Nazis eingebüßt hatten? Und deshalb, wegen des heiligen Mandatsbesitzes einer Partei, die Ablehnung jedes Verständigungsversuches, die Sprengung des Parlaments, die Lahmlegung der Verfassung, der Zweifrontenkrieg nach rechts und links? Deshalb der provokatorische Abbau der politischen Rechte, das schrittweis vorbereitete Bürgerkriegsmassaker, die aberwitzige Beleidigung uncl Entmündigung der Arheitermassen, die, der Regierung planvoll gewonnen, Oesterreich nie und nimmer in sein heutiges Unheil hätten hineinschlittern lassen?>, Um solchen Beweggrund nnd solche Folgen in gehöriger Proportion zu finden, muß man für Größc-pverhältnisse blind geworden sein; man muß vor Haß gegen die Roten rot sehen, um einen Mann, der ohne Not die-stärkste hitlerfeindliche Organisation nnd die stärkste hitlerfeindliche Partei totschlägt, als klugen Retter vor dem Hakenkreuz zu feiern; in Summe: man muß Besonnenheit, Wirklichkeits- und Gerechtigkeitssinn in sich ausgelöscht haben, um sich bei so brüchiger Basis zu so wütender Parteinahme, zu solchen Argumenten, Hohn- und Lobesworten hinreißen zu lassen. Was wir da erleben, ist das grausamste_ geistige Harakiri, das man sieh vorstellen kann, und das C /öLflßflf» sollte uns nicht erschüttern, Karl Kraus? T)as Mas xLec Hazis Sie hüpfen wild in kriegerischem Tanze Solang sie Uberlegen sich vermeinen, Und wedeln zahm und friedlich mit dem Schwänze Sobald die Gegner kräftiger erscheinen. Besonders mutig sind sie gegen solche, Die hilf- und wehrlos sind in ihrer Macht. Einst nannte man so biedre Kämpen— Strolche Und hat sie mittels Galgen umgebracht. Doch heute läßt die Welt sich fromm erzählen, Daß sowas neues Heldenethos sei. Und gutbezahlte Einfaltspinsel quälen Sich wissenschaftlich mit dem Phrasenbrei. Wenn Schurkerei und Feigheit sich vermählen, Nennt man das konzentrierte IJitlerei. H 0 r a t i o, (Dan Quichotte und die Jäckei In Tokoso, einem Marktflecken in der Provina Toledo, der Heimat der berühmten Dulcinea aus„Don Quichotte", hat man kürzlich eine internationale Bibliothek eröffnet, in der alle auf Cervantes und sein Werk bezüglichen Bücher au» der ganzen Welt gesammelt sind. Jetzt hat der türkische Bot» schafter in Madrid seine Regierung gebetet», dieser Bibliothek auch einige türkische Werke überreichen au dürfen. Diese Bitte wurde von der türkischen Regierung anstimmend aufgenommen und so hat der Botschafter dieser Tage der Cervantes-Bibliothek zwei interessante Bände überreichen körn nen: eine Ausgabe des„Don Quichotte" und eine Studie über Cervantes, beide in türkischer Sprache. Die beiden Werke waren begleitet von einem Schreiben, in dem die türkische Regierung ihre Freude darüber ausdrückt, daß die Türkei jetzt auch in der Cervantes-Bibliothek vertreten ist, Endlich M)ictscha(tsautschiuunq. Champignons und Schnecken Berliner Blätter melden: „Die Feinschmecker können jubeln. Die Champignons sfucl in diesem Jahre in reichstem Maße aufgetreten. Die Ernte war noch nie so groß wie 1934." Die alte Geschichte: Warum schreien die Leute? Sie haben kein Brot! Ja, warum essen sie nicht Champignons? Und warum nicht Schnecken? Eine fette UebersArift in einer Berliner Zeitung kündigt das große Neue an: „Schneckenzucht—- eine neue deutsche Erwerbsquelle!" Ersatz für den Ausfall der Exportitidustrie? (Kzincich 9Ceine- unlehannt Ein Pariser Buchhändler, so berichtet eine französische Zeitschrift, wollte sieh für eine Schaufrnsterausstelluna Dokumente über Heinrich Heine beschaffen. Er hatte erfahren, daß die Stadt Düsseldorf ihrem großen Sohne vor wenigen Jahren, noch unter der Weimarer Republik, ein kleine» Museum errichtet hatte, er wandte sich also dorthin und erbat einige Auskünfte uncl Dokumente. Er war sehr erstaunt, als er dieser Tage die folgende lakonische Antwort erhielt» „Die Stadt Düsseldorf will Heinrich Heine nicht kennen", Et kannte sein Deutschland Das Geburtshaus des Dichters Hoffmann von Fallersleben ist in den Besitz einer Brauerei Ubergegangen. Es verlautet, daß es später zu einer SS.-Kaserue ausgebaut werden soll. Ja, wie sang er doch selber? Ganz Europa ist eine Kaserne! Alles Dressur und Disziplin! (heude ducch JCitsch Die„Kamera", Unter den Linden in Berlin, wird durch die NS.-Volksgcmeinschaft„Kraft durch Freude" neu eröffnet werden. Als erstes ist ein neudeutscher Film„Heimat im Meer" in Aussicht genommen. Die„Kamera" nannte sich einst mit Recht das Theater de» guten Films. Jetzt ist sie, von den Nazis gestohlen, auf die Freude durch Kitsch gekommen! Ecich JiUhsam-(Zands Der Schußverband Deutscher Schriftsteller, Sektion Frankreich, bat einen Erich-Mühsam-Fonds geschaffen zur Rettung der eingekerkerten Schriftsteller Deutschlands, zur Unterstützung ihrer Frauen und Kinder uncl der Witwen und Waisen der Getöteten. Dem Komitee sind in den letzten Tagen besonders alarmierende Nachrichten über Behandlung uncl Zustand der Schriftsteller Klaus Neukrantz, Karl von Ossießky, Dr. Theo Neubauer und Ludwig Renn zugekommen, die in krassem Gegensatz zu den der englischen Oeffentlichkeit gegebenen Znsicherungen des Hitlerschen Pressechefs Hanfstaehgl stehen. Dem Erich-Mühsam Fond haben sich bereits eine Reihe der bekanntesten literarischen Persönlichkeiten Europas und Amerikas zur Verfügung gestellt, in deren Namen das Schrifttum der ganzen Welt zur Befreiung der deutschen Schriftsteller aus den Konzentrationslagern und Kerkern aufgerufen wird. Die Unterdrückung hätte nie die Oberhand gewinnen können, wenn nicht Feigheit, Niederträchtigkeit und gegenseitiges Mißtrauen der Menschen untereinander ihr den Weg geebnet hätten. Sie wird so lange steigen, bis sie die Feigheit und den Sklavensinn ausrottet, und Verzweiflung den verlorenen Mut wieder weckt. Dann werden die beiden entgegengesetzten Laster in allen menschlichen Verhältnissen einander vernichtet haben, und das Edelste in allen menschlichen Verhältnissen, dauernde Freiheit, wird aus ihnen her- vorgegangen sein. Johann Gottlieb Fichte, Die Bestimmung des Menschen, 3. Buch, Glaube, Seite 144. ■#91 Wer dient seinem Vaterlande besser: derjenige, der de« Mut bat, die Wahrheit zu sagen, oder derjenige, der die auffälligsten Gebrechen mit patriotischen Lügen verdeckt? Anselm Feuerbach. v Was rnoralilch falsch iit. kann nolitisch nicht richtig»ein, Qladstone. H' .< ihn■:.ni"' Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Maurice stirbt für die Kommune i i Von Emile Zola Maurice begegnet in den Straßen von Paris seinem Bruder Jean, Korporal des 124. Regiments. Maurice will ihn für den Kampf gegen die Regierung gewinnen, zur Rettung der Republik, wider die Unfähigen und Feigen. Jean weigert sich, die Brüder nehmen Abschied voneinander. Am 19. März ist Paris ohne Regierung: über Nacht war der Sturm losgebrochen. Armee, Minister, Behörden sind in Versailles. Die Kommune war da, aber schon setzt die Gegenbewegung ein... Eine Erinnerung jedoch blieb Maurice ganz klar im Gedächtnis. Seine, plötzliche Begegnung mit Jean. Seit drei Tagen befand«ich der letztere in Pari«, wo er ohne einen Son angekommen war, noch abgezehrt und erschöpft von dem Fieber, das ihn zwei Monate in einem Brüsseler Spital zurückgehalten hatte. Als* er einen ehemaligen Hauptmann vom hundert»ndsechsten Reginfent, den Hauptmann Ravaud, wiedergefunden hatte, ließ er sich sofort in eine neue Kompanie des hundrrtiindvierunidzwanzigstcn Regiments einreihen, die derselbe kommandierte. Er hatte seine Korporalsuniform wieder angelegt und an jenem Abend, da er eben als letzter mit seinem Zuge die Prinz-Eugen-Kascrne verlassen, um das linke Ufer zu erreichen, wo die ganze Armee, ihrem Befehle gemäß, sich vereinigen soälte, hielt auf dem Boulevard Saint-Martin eine wogende Menge steine Leute auf. Man sprach davon, sie zu entwaffne»,. Ganz ruhig erwiderte Jean, man möge ihn ungeschoren lassen, all das kümmere ihn nicht, er wolle seinem Befehl machkommen, ohne jemand etwas Böses zu tun. Aber da stieß er einen Schrei d-r'Ueherrasfhnng aus. Maurice, der herangetreten war, fiel ihm um den Hals und küßte ihn brüderlich. „Wie? Du bist's!? Meine Schwester hat mir geschrieben, und ich wollte heute morgen auf den Militärbureaus nach dir fragen." Dicke Freudentränen hatten die Augen Jeans verschleiert, „Ach, mein armer Junge, wie hin ich froh, dich wieder- zusehen! Audi ich bah' dich gesucht, aber wo sollt" ich dich in dieser unmenschlichen Stadt finden?" Die Menge grollte nodi immer, und Maurice wandte sich um: „Bürger, laßt mich doch mit ihnen sprechen! Es sind brave Leute, ich bürge für sie." Er ergriff die beiden Hände seines Freundes und sagte mit gedämpfter Stimme: I „Nicht wahr, du hältst z» uns?" Das Antlitz Jeans drückte eine tiefe Ueberraschung aus. „Zu euch? Was heißt das?" Dann hörte er ihn einen Augenblick lang an, wie er«ich gegen die Regierung, gegen die Armee ereiferte und an all das erinnerte, was sie gelitten hatten, wie er auseinandersetzte, daß sie endlich die Herren seien, die Unfähigen und die Feigen bestrafen und die Republik retten würden. In demselben Maße, als Jean sich bemühte, ihn zu verstehen, umdiisterte ein wachsender Kummer sein ruhiges Bauerngesicht: „O nein, nein, mein Junge! Ich bleibe nicht hei euch, wenn es sich um dieses nette Geschäft handelt... Mein Hauptmann hat mir befohlen, mit meinen Leuten nach Vau- girard zu gehen, und ich gehe hin; und wenn es dort Schwefel regnete, würde ich gleichwohl hingehen. Das ist selbstverständlich. das mußt du ja fühlen." Er lachte sei,licht und unbefangen auf und fügte hinzu: „Du selbst wirst mit uns gehen." Mit einer Gebärde wütender Empörung aber hatte Maurice seine Hände losgelassen. Und alle beide blieben ein paar Sekunden einander gegenüber stehen. Der eine außer sich, von dem Wahnsinn erfaßt, der ganz Paris mit sich fortriß, dieser aus der Ferne gekommenen Krankheit, diesen bösen, nnter der letzten Regierung entstandenen Keimen der Zersetzung,— der andere kräftig mit seinen, einfachen Menschenverstand und in seiner Unwissenheit, noch gesund, weil er abseits herangewachsen war, im Lande der Arbeit und des Sparsinns. Und doch waren beide Brüder, ein festes Band verknüpfte sie, und es gab einen Riß. als ein plötzliches Gedränge sie trennte. „Auf Wiedersehen. Maurice!" „Auf Wiedersehen, Jean!" Es war ein Regiment, das nrunundsiehzigste, das, in fe»t geschlossenen Reihen aus einer nahen Straße heranrückend, die Menge auf den Gehweg gestoßen hatte. Aufs neue wurden Schreie laut, aber man wagte nicht, den Soldaten, die von den Offizieren angefeuert wurden, die Straße zu versperren. Und der kleine Zug des hnndertundviernndzwanzigsten vermochte nun, nachdem er derart befreit worden war, zu folgen, ohne weiter aufgehalten zu werden. „Auf Wiedersellen, Jean!" „Auf Wiedersehen. Maurice!" Sie grüßten sich noch mit der Hand; sie wichen dem gewalttätigen Verhängnis, das sie trennte, aber beiden war das Herz vom andern voll. An den folgenden Tagen dachte Maurice anfangs inmitten der außerordentlichen Ereignisse, die einander Schlag auf Schlag folgten, nicht mehr daran. Am 19. war Paris ohne Regierung erwacht, mehr überrascht denn erschreckt, als es erfuhr, welch«turn,artige Panik während der Nacht die Armee, die Behörden, die Minister nach Versailles gejagt hatte; und da das Wetter an jenem Märzsonntag herrlich war, stieg Paris ruhig auf die Straßen hinab, um die Barrikaden anzusehen. Eine große weiße Kundgebung des Hauptaus- schusses, die das Volk zu den Gemeindewahlen berief, schien sehr vernünftig. Man wunderte sich nur, sie von vollständig unbekannten Namen unterzeichnet zu sehen. Es war das Morgenrot der Kommune, Paris war gegen Versailles, in seinem Groll über das. wag es gelitten hatte, und jn seinem Argwohn, von dem es unaufhörlich gequält wurde. Es herrschte übrigen» vyjWsttHge GstetzlosigkaJ, es**r ein äamnf der Bürgermeister mit dem Hauptausschuß; die ersteren machten unnütze Anstrengungen, eine Versöhnung herbeizuführen, während der letztere, der noch wenig sicher war, daß er die ganze vereinigte Nationalgarde für sich habe, auch weiterhin bescheiden nur Freiheiten für die Gemeindewesen verlangte. Die Gewehrschüsse, die auf die Teilnehmer der friedlichen Kundgebung auf dem Vendomeplatze abgefeuert worden waren, und die etlichen Opfer, deren Blut das Pflaster gerötet hatte, jagten die ersten Schauer der Schreckensherrschaft durch die Stadt. Und während die siegreichen Aufständischen siel, endgültig aller Ministerien und aller öffentlichen Aemter bemächtigten, waren der Zorn und die Furcht in Versailles gar groß. Die Regierung beeilte sich, hinreichende Streitkräfte zu vereinigen, um einen, wie sie glaubte, nahe bevorstehenden Angriff zurückzuweisen. Die besten Truppen der Nord- und der Loirearmee waren in Hast herbeigerufen worden, zehn Tage hatten genügt, um an achtzigtausend Mann zu vereinigen, und die Zuversicht kehrte so schnell zurück, daß am 2. April zwei Divisionen die Feindseligkeiten eröffneten und den Föderierten Puteaux und Courbevoie wegnahmen. Erst am anderen Morgen sah Maurice, der mit seinem Bataillon zur Eroberung nach Versailles abmarschiert war, in seiner fieberhaft erregten Erinnerung das traurige Antlitz Jeans vor sich, wie er ihm„Auf Wiedersehn!" zugerufen hatte. Der Angriff der Versailler hatte die Nationalgarde stutzig gemacht und entrüstet. Drei Kolonnen, etliche fünfzig- tausend Mann, waren des Morgens über Bougival. und Menden vorwärtsgestürmt, um sich der monarchistischen Nationalversammlung von Thiers', des Mörders, zn bemächtigen. Das war der sturzhachartigr Ausfall, den man während der Belagerung so glühend begehrt hatte, und Maurice fragte sich, wo er wohl Jean sehen werde, wenn nicht dort unter den Toten auf dem Schlachtfelde. Aber zu rasch trat die Zerrüttung ein. Sein Bataillon erreichte kaum die Hochfläche von Bergeres auf der Straße von Rueil, als plötzlich von Mont Valerien geschleuderte Granaten in ihre Reihen fielen. Es war eine allgemeine Verblüffung. Die einen glaubten, daß das Fort von Kameraden besetzt sei. die anderen erzählten, daß der Kommandant sich verpflichtet hätte, nicht zu schießen. Ein toller Schreck bemächtigte siel, der Leute, die Bataillone gerieten in Unordnung und kehrten im Galopp nach Paris zurück, während die Spitze der Kolonne infolge einer Umgehungshewegung von General Vinoy gepackt wurde und sich in Rueil niedermetzeln ließ.. Von da an empfand Maurice, der dem Blutbad entgangen war und vor Kampfcserregung zitterte, nur Haß gegen diese vorgebliche Regierung der Ordnung und Gesetzlichkeit, die, hei jedem Zusammenstoß mit den Preußen zerschmettert, ihren Mut erst wiederfand, um Paris zu besiegen. Die deutschen Armeen standen noch da. von Saint Denis bis Charen- ton, und woluiten diesem schönen Schauspiel des Untergangs eines Volkes hei. Er hilligte denn auch in dem düsteren Anfall von Zerstörungswut, der ihn erfaßte, die ersten gewalttätigen Maßregeln: die Errichtung von Barrikaden, welche dir Straßen und Plätze versperrten, die Verhaftung der Geiseln. des Erzhischofs. der Priester und ehemaliger Beamten. Schon begannen auf der einen wie auf der anderen Seite die Grausamkeiten. Versailles erschoß die Gefangenen, Paris ordnete an. daß für jeden Kopf eines seiner Soldaten drei Köpfe von Geiseln fallen würden, und das bißchen Verstand, das Maurice nach so viel Erschütterungen und Vernichtungen blieb, verschwand in dem Sturm der Wut. der von überall her blies. Die Kommune erschien ihm wie die Rächerin der erlittenen Sri,mach, wie eine Befreierin, die das amputierende Eisen und das reinigende Feuer brachte. Das alles war nicht sehr klar in seinem Geist: der Studierte in ihm rief nur klassische Erinnerungen war], an freie, sieghafte Städte und an die Bündnisse reicher Provinzen, die der Welt ihr Gesetz aufzwangen. Wenn Pari« die Oberhand behielt, dann sah er, wie es ruhmvoll ein Frankreich der Gerechtigkeit und Freiheit schuf, eine neue Gesellschaft bildete, nachdem es die verfaulten Trümmer der alten hinweggefegt haben würde. In Wahrheit freilich hatten ihn nach den Wahlen die Namen der Mitglieder der Kommune ein wenig überrascht durch das seltsame Gemisch von gemäßigten Revolutionären und Sozialisten aller Richtungen, denen das große Werk anvertraut war. Fr kannte mehrere dieser Männer und hielt sie für sehr unbedeutend. Würden nicht die Besten in der Verworrenheit der Ideen, die sie vertraten, stürzen und zugrunde gehen? Am Tage aber, als die Kommune auf dem Stadthausplatze feierlich konstituiert wurde, während die Kanonen donnerten und die roten Fahnen im Winde flatterten, wollte er, wiederum von einer grenzenlosen Hoffnung emporgetragen, alles vergessen und in der schärfsten Krise der aufs höchste gesteigerten Krankheit begann dir Selbsttäuschung von neuem inmitten der Lügen der einen und des überspannten Glaubens der anderen. Während des ganzen April nahm Maurice an kleinen Scharmützeln in der Gegend von Neuilly teil. Der eilige Frühling hatte den Flieder zur Blüte gebracht, man kämpfte im zarten Grün der Gärten. Die Nationalgardisten kehrten des Abends mit Blumensträußen an der Spitze ihrer Gewehre zurück. Jetzt waren die in Versailles vereinigten Truppen so zahlreich, daß man aus ihnen zwei Armeen bilden konnte. Die eine für das erste Treffen unter dem Befehl des Marschall Mae Mahon, die andere als Reserve, die General Vinoy befehligte. Was die Kommune anbelangt, so hatte sie an hunderttausend mobile Nationalgardisten und fast eben- IV viele Ertatztruppcn- ÖM£ fimtegUiigCBd schlugen»ich tatsächlich, und mit jedem Tag war der Angriffsplan der Versailler deutlicher zu erkennen: Nach Neuilly hatten sie das Schloß Becon besetzt und sodann Asnieres, um diese Ltn* schließungslinie immer enger zu ziehen, denn sie beabsichtig ten, über Point-du-Jour einzumarschieren, sobald sie unt" dem Kreuzfeuer des Mont Valerien und des Fort von lss? die Wälle übersteigen konnten. Der Mont Valerien gehörte ihnen; alle ihre Anstrengungen zielten darauf ab, sich de 1 I' orts von Issy zn bemächtigen, das sie angriffen, indem»•' sich die früheren Belagerungsarbeiten der Preußen zunuti' machten. Seit Mitte April hörten das Gewehrgeknatter n" der Kanonendonner nicht mehr auf. In Levallois, in Neui"? kämpfte man unausgesetzt, das Feuer der Plänkler knall'' fortwährend, Tag und Nacht. Gewaltige Geschütze, die»" gepanzerten Waggons längs der Gürtelbahn aufgestellt*' a re.n, schössen über Levallois hinweg auf Asnieres. Ganz b* sonder« aber wütete das Bombardement in Vanves und 1»'?' alle Fenstersrileihen in Paris erzitterte» davon wie an de" schlimmsten Tagen der Belagerung, und am 9. Mai. 3 nach einem ersten Ansturm das Fort von Issy endgültig die Hände der Armee von Versailles fiel, war dir Niederl»?" der Kommune unausbleiblich, und eine Panik bemächtig'" siri, ihrer, die sie zu den schlimmsten Entschlüssen trieb. Maurice billigte die Einsetzung eines Wohlfahrt»* 0'' Schusses. Ganze Seiten aus der Geschichte kamen ihm Gedächtnis zurück. Hatte nicht die Stunde für entschiede"' Maßnahmen geschlagen, wenn man das Vaterland rett'" wollte? Von allen Gewalttätigkeiten Hatte ihm eine einzig' das Herz mit geheimer Angst zusammen geschnürt: der St'"' der Vcndomesäule. Aber r.r machte sich Vorwürfe dafäb" Grob- EvI»"' wie ob einer Jugendschwäche; er hörte immerzu seinen war, vater, wie er ihm von Marengo, Austerlitt, Jena, v. o-T- Friedland, Wagrain und der Moskwa erzählte, Helden: schichten, deren Erinnerung ihn erschauern ließ. Aber d 1 man das Haus Thiers", des Mörders, dem Erdboden gl"' machte, Haß man die Geiseln als eine Bürgschaft und Dr" hung behielt, waren das nicht gerechte Zwangsmaßre?'" gegenüber dieser wachsenden Wut Versailles' gegen P 3rl" das bombardiert wurde, in dem Granaten die Dächer z' r rissen und Frauen töteten? Der düstere Drang»ach Zer»"' r»ng stieg in ihm empor im seihen Maße, als das Ende sei"' Traumes näher kam. Wenn der richtende und rächende bj danke im Blut erstickt werden sollte— daß dann doch Erde auseinander klaffte und sich inmitten eines jener komischen Umstürze umgestaltete, die das Leben erneuert ben! Daß doch Paris zusammenstürze, daß es eher dem riesigen Scheiterhaufen eines Opferaltars verbrenne,■ 1 daß es von neuem»einen Lastern, seinem Elend und die?" alt gewordenen, von abscheulicher Ungerechtigkeit verd" r henen Gesellschaft anheimfalle! Und er träumte einen ander" großen, finsteren Traum: die Riesenstadt in Asche,»im, mehr als rauchende Scheiter an beiden Ufern, die schwär" 1^ Wunde durch das Feuer geheilt, eine unsagbare, beispic""' Katastrophe, aus der ein neues Volk hervorginge. Die" reichte, die umliefen, versetzten ihn in immer fieberhaft" Aufregung: die Stadtviertel seien unterminiert, die H» 1' 1 koniben mit Pulver angefüllt, alle öffentlichen Gebäude" 3r sn, in die Luft gesprengt zu werden; elektrische Drähte s"" gezogen, welche die Minenkammem verbanden, damit' einziger Funke alle mit einem Schlage entzünde; heträchtu'" V orräte von brennenden Stoffen, besonders Petroleum.»"T aufgespeichert, um die Straßen und Plätze in Flammenb" 1 und Flammenmeere zu verwandeln. Die Kommune» 3 geschworen, daß, wenn die Versailler eindrängen, nicht' einziger über die Barrikaden käme, welche die Straßenkr zimgen absperrten. Das Pflaster würde sich öffnen, die' bände würden zusammenstürzen, Paris in Flammen 3" gehen und eine ganze Welt verschlingen. Wenn Maurice sich diesem wahnwitzigen Traume hing'' so war es infolge einer dumpfen Unzufriedenheit mit"" Kommune seihst. Er verzweifelte an den Männern, er füb"* daß sie unfähig war. daß zu entgegengesetzte Elemente hin- und herzerrten, daß sie kopflos, ungereimt und unain"'» wurde im seihen Maße, als sie sich immer mehr und n»'.^ bedroht fühlte. Von allen gesellschaftlichen Reformen, di'*' versprochen, hatte sie nicht eine einzige verwirklichen könne" und er war sich bereits darüber klar, daß sie nicht ein ziges dauerndes Werk zurücklassen würde. Ihr großes L' f n aber lag vor allem in den Nebenbuhlerschaften, von de"'( sie zerrissen wurde, in dem nagenden Argwohn, in dem j'^ ihrer Mitglieder lebte. Viele von ihnen, die Gemäßigten die Furchtsamen, nahmen bereits an den Sitzungen»> mehr teil. Die anderen handelten unter der Peitsche der^ eignisse, zitterten vor der Möglichkeit einer Diktatur 11' waren für eine solche, um das Vaterland zu retten,*'* f( revolutionären Gruppen siri, untereinander bis aufs M"'^ bekämpften. Nach Cluzerct. nach Dombrowsky wurde verdächtig. Selbst Delescluze, der zum Zivilvertreter. Kriegsministerium ernannt worden war, vermochte 0 j t. trotz seines großen Ansehens. Und die große soziale Kr 3, anstrengung, die man beabsichtigt hatte, zersplitterte sich" mißglückte, da es um die leitenden Männer, die zur"- macht verurteilt und zu Verzweiflungstaten waren, von Stunde zu Stunde einsamer wurde. gezw iing 1 In Paris wuchs der Schrecken. Zuerst erbittert gegen V-5 lies, noch unter den Leiden der Belagerung erschauet"' sagte sich Paris jetzt von der Kommune los. Die gezwungV^ Aushebung, die Verordnung, die alle Männer unter vi" f Jahren in die Nationalgarde einreihte, hatte die Leute aufgebracht und eine Massenflucht veranlaßt. Die^ wohner zogen über Saint-Denis in allerhand Verkleidung^, mit falschen elsässischen Papieren davon und stiegen nll, ,.(i Stricken und Leitern während rabenschwarzer Nächte in„ Graben der Festungswerke hinab. Die reichen Bürger v>r[t r schon lange davongegangen. Keine Fabrik, keine Werks' 3^ hatte ihre Tore wieder geöffnet. Es gab keinen Handel" keine Arbeit, das müßige Lehen dauerte weiter ange" 1'^, de» aggslvqllcQ Harret»»üf die un*usbleibliche LS** '>9 f Die Brandfackel im Fernen Ofien er russisch-japanische Konflikt lenkt immer stärker die Aufmerksamkeit der Welt auf sich. Das ist auch begreiflich, denn die Lage in der Mandschurei ist außerordentlich ernst geworden und in jener entlegenen Ecke der Welt droht von heute auf morgen ein Krieg auszubrechen. Ein Krieg in Ost- »sien, ein Krieg zwischen Japan und Rußland, kann indessen •°, wie die Dinge heute in der Welt liegen, kaum lokalisiert "erden. Die Brandfackel im Fernen Osten entfacht, wird zwangsläufig einen Weltbrand entfesseln, in welchem auch -uropa im Blute ersticken wird. Als am 25. Juli die Schüsse 'n K ien krachten, da war sich die europäische Oeffentlich- keit durchaus darüber im klaren, daß ein Krieg um Oester- reich gleichzeitig auch einer, europäischen Krieg bedeutet. Daß aber ein Krieg um Mukden und Charbin, ein Krieg um die ostchinesische Eisenbahn ebenfalls zwangsläufig zu einem europäischen Krieg führen muß, darüber gibt man sich nur " eingeweihten Kreisen Rechenschaft. Um sich über diesen Ranzen Fragenkomplex Klarheit zu verschaffen, ist es not- "endig, das fernöstliche Problem einer eingehenden Behand- ll"6 zu unterziehen. Die japanische Expansion Japan ist ein übervölkertes Land. Es kann seine Bevöl- erung allein nicht ernähren. Der japanische Bauer und Ar- \4,' er' e^ en Armut und die Scheinblüte Japans erklärt *ich dadurch, daß die billige japanische Ware, die deshalb '>5 ist, weil der japanische Arbeiter schlecht bezahlt wird, ir Weltmärkte überschwemmt. Die Ziele der japanischen -xpansionspolitik sind deshalb: erstens neuen Raum für das u crvölkerte Mutterland zu schaffen und zweitens die bis- erigen Absatzgebiete für die japanische Ware zu sichern, respektive die Absatzmöglichkeiten zu erweitern. Das japanische Vorgehen gegen China und die Mandschurei verfolgten ,n erster Linie die Verwirklichung der ersten Etappe dieser je citffesteekten Ziele. Durch die Eroberung der Mandschurei Japan für sich nicht nur ein wichtiges Kolonisations- und arenabsatzgebiet geschaffen, sondern auch seine Hand auf ■o Reichtümer der Mandschurei— Kohle und Eisenerze— fcelegt, die dem Mutterlande fehlen. Die japanische Expansion ann und will sich nicht auf die Mandschurei beschränken. •« will auch China beherrschen. Diesem Bestreben stehen aber die Vereinigten Staaten von Nordamerika hindernd im ege. Doch auch ein starkes Rußland kann der japanische Wperialismus an der nordchinesischen und mandschurischen -renze nicht dulden. Um seine Eroberungspolitik zu sichern, ""'ß Japan Rußlands Einfluß in China, das sich stets in dem Aufflackern einer kommunistischen Bewegung offenbart, "rechen, muß Rußland derart geschwächt werden, daß Japan Ungehindert seine Ziele in China verwirklichen kann. Aber darüber hinaus bestehen sicherlich bei dep führenden Männern Japans, insbesondere bei der jetzt herrschende Militärclique, die Absicht, auch die dünn bevölkerten Gebiete Ost- Sibiriens. insbesondere soweit sie am japanischen Meere icgeu. für Kolonisationszwecke Sowjet-Rußland zu entreißen. -»H..*rüchsichtigt man all diese offenen und geheimen Ziele der ''f.,-Japanischen Expansionspolitik, so wird man erst den ganzen Ernst der Lage im Fernen Osten erkennen. Die Mandschurei als Aufmarschgebiet Unter diesem Gesichtspunkt wird man auch die fieberhaften militärischen Vorbereitungen ip der Mandschurei vergehen können. Nachdem Japan die Mandschurei bis zur eigentlichen russischen Grenze am Amur-Fluß besetzt und den hcheinstaat Mandschuko errichtet hat. begann es in diesem Lande neue Eisenbahnlinien in der Richtung von Süden nach forden und stialogische Straßen zu bauen, sowie in. raschein empo militärische Stützpunkte. Flugzeugstationen, Lebens- diitteldepots usw. zu errichten. Japan hat also im Laufe der 'ätzten zwei Jahre, um es klar auszusprechen, aus der Mandschurei ein Aufmarschgebiet für seine künftige militärische Auseinanderseffung mit der Sowjet-Union geschaffen. Angesichts dieser Entwicklung bedeutete die gemeinsame Verwaltung der ostchinesischen Eisenbahn, die die Siidmandsehurei Utit der großen sibirischen Eisenbahn und gleichzeitig den Hafen von Wlacliwostock auf kürzestem Wege mit dem russischen Mutterlande verbindet, einen Anachronismus. Die Sowjet-Union hatte auch erkannt, daß es unter den gegebenen Verhältnissen eine glatte Unmöglichkeit ist. die ostchincsisrho Eisenbahn zu halten. Sie war sich dessen bewußt, daß diese Eisenbahn, ein Stück Erbschaft des alten russischen Imperialismus, die Ursache künftiger Konflikte mit Mandschuko •espektive mit Japan sein wird. Deshalb halte sich die Soivjet- Regierung entschlossen, die ostchinesische Bahn offiziell an Mandschuko, praktisch an Japan, zu verkaufen. Die Streit um die ostchinesische Eisenbahn Die Verhandlungen dauerten fünfzehn Monate und sind Jetzt ergebnislos abgebrochen worden Die Russen schlugen 'inen Verkauf der ostchinesischen Bahn zu einem Preise von 625 Millionen Yrn vor. Das Gegenangebot der Japaner betrug aber nur 60 Millionen Yen, eine, wie eine offizielle russische Darstellung mit Recht sagt,„lächerlich geringe Summe" Nach langwierigen, sehr unerquicklichen Verhandlungen. hat sich die Moskauer Regierung bereit erklärt, die Bahn für 160 Millionen Yen zu verkaufen und zwei Drittel dieses Preises in Waren anzunehmen. Die Japaner erhöhten aber ihr Angebot auf nun 120 Millionen\en. So ist man zu keiner Einigung gelangt. Es ist ganz klar, daß unter normalen politischen Verhältnissen kriegerische Verwicklungen wegen einem Preisunterschied von nur 40 Millionen Yen nie zu erwarten wären Aber bei den weit gestechten Zielen des japanischen Imperialem is dienen den Kriegstreibern in lokio die Verhandlungen über den Verkauf der ostchinesischen Eisenbahn lediglich als Mittel zur Ver-chärf ung des japanisch-russischen Gegensatzes. Deshalb wurde auch, trotz aller Nachgiebigkeit der Sowjet-Union, keine Einigung über die ostchinesische Eisenbahn erzielt. Aus dem gleichen Grunde sind unmittelbar nach Abbruch der Verhandlungen zunächst 35 russische Eisenbahner unter der fadenscheinigen Beschuldigung verhaftet worden, daß sie angeblich zusammen mit mandschurischen Banditen den Eisenbahnkörper beschädigen, Brucken sprengen usw. Der sowjet russische bevollmächtigte\ ertreter '» Tokio. Jurenewc hatte dem japanischen Außenminister Hirote eine scharfe Protestnote überreicht, in der die frei- lasssung der Eisenbahnbeamten verlangt wird. Auch der stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrates der Eisenbahn, Kusnetzow, richtete an den Aufsichtsrat Vorsitzenden der gleichen Gesellschaft, der ein Vertreter der Mandschuko-Re- gierung ist, ein Schreiben, in dem er an Hand von Tatsachen den Nachweis erbringt, daß die Mandschuko-Behörden die Bewachung der Eisenbahn absichtlich sabotieren. Statt den Konflikt zu mildern, haben die Mandschuko-Behörden. hinter denen Japan steht, gewissermaßen als Antwort auf die Protestnote Jurenews, weitere sowjet-russisdie Eisenbahnbeamte verhaftet. Ein solches Vorgehen bedeutet ein Herausfordern der Sowjet-Union, die um so stärker wirkt, als die Verhaftungen teilweise von russsischen Weißgardisten vorgenommen wurden, die im Dienste der Mandschuko-Regierunjt stehen. Leberhaupt ist es bemerkenswert, daß mehrere tausend ehemalige Angehörige der seinerzeit geschlagenen Armee des Admirals Koltschak sich in Mandschuko aufhalten und dort eine starke politische Aktivität entwickeln. An ihrer Spitze steht General Chorwat. der schon zur Zarenzeit in der Mandschurei eine Rolle spielte und der gerade in diesen Tagen in dem südmanschurischen Hafen Dairen eine Sitzung der Vertreter der einzelnen weißrusssischen Orgairsationen der Mandschurei einberufen hat. in der die politische Lage besprochen wurde. Die engen Beziehungen, die General Chorwat und der berüchtigte Ataman Semjonow zu den japanischen Behörden unterhalten, deuten darauf hin, daß Japan bei einem künftigen Konflikt mit Sowjet-Rußland die weiß- gardistisihen Formationen für seine Zwecke ausnützen will. Die Kräfteverhältnisse Wann es zu einer offenen Auseinandersetzung zwischen Japan und der Sowjet-Union kommen wird, läßt sich nicht voraussagen. Die Moskauer Regierung versucht jedenfalls einen Konflikt möglichst zu vermeiden, zumindest die Auseinandersetzung hinauszuschieben. Denn die Sowjet-Union ist vor allem mit der Verwirklichung des zweiten Fünfjahr- Planes beschäftigt, dessen Duichführung u. a. die Industrialisierung Westsibiriens, insbesondere des Ural-Kusnetjki-Ge- bietes vollenden und damit au dl Rußlands militärische Position in Asien wesentlich stärken würde. Japan dagegen ist gerade aus den gleichen Gründen daran interessiert, die ihm unvermeidlich erscheinende Auseinandersetzung mit der Sowjet-Union zu beschleunigen. Zwar steht an der nordmandschurischen Grenze drohend die Besondere Fern-Oestliche Armee, die mit modernsten Kampfmitteln versehen ist, und in der Hauptsache aus den bewährten sibirischen Formationen besteht. An der Spitze dieser Armee steht ein Held des Bürgerkrieges. Blücher, der sich besonders bei den Kämpfen im Ural auszeichnete. Von Wladiwostok aus sind russische Flugzeuge in der Lage, das japanische Mutterland selbst zu bedrohen. Dennoch sind die Kräfteverhältnisse ungleich Denn Japan ist, im Gegensag zur Sowjet-Union, angesichts seiner geographischen Lage, imstande, seine ganze militärische Kraft in der Mandschurei und in Nord-Korea einzusehen. Die stialegische Lage im Stillen Ozean An der Beschleunigung einer Auseinandersetzung ist Japan auch deshalb interessiert, weil vorläufig sein anderer Gegner, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, militärisch im Nachteil sind. Amerika bat im Stillen Ozean einen Flottenstützpunkt auf den Hawai Inseln. Diese sind aber über 2000 Seemeilen von San Franzisko enfernt. Die Hauptkräfte einer Flotte können nach fachmännischen Urteilen auf einer Entfernung von nur etwa 500 Seemeilen von ihrem Stützpunkt Kampfhandlungen unternehmen. Bei den großen Entfernungen zwischen Japan und USA. und bei der Stärke der japanischen Flotte, die sich auf eine Anzahl kleiner vorgeschobener Inseln stützt, besteht für das japanische Mutterland im Falle eines Angriffe« der amerikanischen Flotte so gut wie keine Gefahr. Anders können sich aber dir Dinge im Laufe der nächsten zwei Jahre entwickeln. Auch(fern Washingtoner Flottenabkommen, dürfen die westlich der Halbinsel Alaska gelegenen Aleuten-lnseln nicht befestigt werden. Das Washingtoner Abkommen läuft aber demnächst ab und wird wahrscheinlich nicht mehr erneuert werden. Dann wird Amerika in Alaska und auf den Aleuten-lnseln Stützpunkte für seine Luftflotte errichten. Dann wird Japan gegebenenfalls verwundbar werden. Japan muß also eine Entscheidung möglichst vorher herbeiführen. Die geheimen Pläne Pilsudskis Aber die Dinge liegen für Japan im gegenwärtigen Augenblick auch noch insofern günstig, als die Sowjet-Union heute mehr denn je um ihre westeuropäischen Grenzen besorgt sein muß, Hier kommen wir auf den eigentlichen Kernpunkt unserer Ausführungen. Sowjet-Rußland ist in den letzten Wochen nicht umsonst so sehr bestrebt gewesen, den Ostpakt unter Dach und Fach zu bringen, der ihm eine gewisse Sicherheit für seine westeuropäischen Grenzen bieten könnte. Aber der Ostpakt ist bekanntlich nicht nur nicht abgeschlossen, sondern es besteht auch Grund, anzunehmen, daß er vorerst nicht zustande kommt, weil Deutschland und Polen sich dem Ostpakt nicht anschließen wollen. Hinter dem polnischen Widerstand geeen den Ostpakt steckt nicht nur das Dritte Reich, sondern, so unerwartet das auch klingen mag, Japan. Es ist im allgemeinen wenig bekannt, daß der heutige Diktator der polnischen Republik, Insef Pilsudski, sich nn Jahre 1901 in Japan aufhielt. Pilsudski schlug der damaligen japanischen Regierung, die im Krieg mit Rußland stand, ein Bündnis mit den polnischen Revolutionären vor. Mit japanischem Geld sollte in Russisch-Polen ein Aufstand inszeniert werden. Diese alten Beziehungen des heutigen polnischen Diktators zu Japan wurden jetzt wieder aufgenommen, und der kürzlich') Aufenthalt eines japanischen Prinzen in Warschau soll im Zusammenhang damit gestanden haben, daß Japan Pilsudski ein Bündnis angeboten habe. Pilsudski ist immer ein Feind Rußlands gewesen und erblickt auch im bolschewistischen Rußland den alten Erbfeind Polens, der geschwächt werden muß. Im Jahre 1920 hoffte er, gemeinsam mit den ukrainische! Nationalsozialisten seinen alten Traum, die Schwächung Rußlands, durch Bildung einer selbständigen nach Polen orientierten Ukraina verwirklichen zu können. Es war ihm ja auch gelungen, Kiew zu erobern, aber er mußte dann die Ukraina räumen. Allerdings hat Pilsudski seine alten Pläne in Bezug auf die Ukraine nie aufgegeben. Bekanntlich weiden, wenn auch von anderen Voraussegungen ausgehend, die gleichen'Plane von Alfred Rosenberg verfochten. Alfred Rosenbergs Plan eines Kreuzziigs gegen die Sowjet-Union, der heute zu einer Richtschnur der Außenpolitik des Dritten Reiches geworden ist, deckt sich mit den Plänen Pilsudskis in Bezug auf die Sowjet-Union. Das ist auch der tiefere Grund, weswegen Deutschland und Polen dem Ostpakt nicht beitreten wollen. Das ist auch ferner der tiefere Grund dafür, weswegen seit dem Bestehen der Hitler-Regierung zwischen den beiden bisherigen Antipoden— Deutschland und Polen— sich eine Annäherung vollzogen hat. Sie haben in der Sowjet-Union ihren gemeinsamen Feind gefunden. Und Japan wiederum hat alles Interesse daran, diese Gegensätze zwischen Deutschland und Polen einerseits und der Sowjet-Union andererseits zu vertiefen. In dem Augenblick, wo im Fernen Osten ein Krieg ausbricht, hat für Pilsudski und Hitler die Stunde ge. schlagen, ihre geheimen Ziele Sowjet-Rußland gegenüber zu verwirklichen. Deshalb bedeutet auch der Krieg im Fernen Daten den Anfang eines neuen Weltkrieges, in den auch Europa mit hineingerissen wird. ©er Widerhall in Ewreoa (Von unserem Korrespondenten) Paris, 31. August. Die französische und die englische Presse verfolgen mit großer Aufmerksamkeit die Vorgänge im fernen Osten, die angesichts der offenkundigen japanischen Kriegsvor bereitem gen höchst bedenklich erscheinen. „Le Matin" und„Jour" bringen zwar übereinstimmend die Meldung, daß das japanische Außenministerium offiziell die Nachricht dementiert habe, der Vertrag von Washington soll gekündigt werden. Japan würde vielmehr der demnächst in London tagenden Konferenz gewisse Vorschläge machen, die auf der Abrüstung basieren. Der Washingtoner Vertrag sieht bekanntlich für die Verteilung der Kriegstonnage ein Verhältnis von 5 für England, 5 für die Vereinigten Staaten und 3 für Japan. „L'Intransigeant" will nun wissen, daß Japan auf der Konferenz für sich 4,39 fordern werde, während die Ziffern für England und für die Vereinigten Staaten bestehen bleiben sollen. Das würde aller keine Abrüstung, sondern im Gegenteil eine Aufrüstung für Japan bedeuten. Allerdings berichtet „Matin" aus diplomatischer Quelle, daß im japanischen Ministerium Meinungsverschiedenheiten über die Frage der Seerüstungen beständen. Die nationalen Parteien wünschten eine mächtige Flotte und versuchten die Regierung zu ihrer Meinung zu bezwingen. Die Ausbildung des Personals einer solchen Flotte werde jedenfalls schon jetzt vorbereitet. Inzwischen gehen die Vorpostengefechte im Fernen Osten weiter. „Daily Expreß"' erfährt aus Weih-Hai-Wei, daß dort schwere Unruhen ausgebrochen sind, bei denen 3 Japaner verletzt wurden. Ein Teil der japanischen Kriegsflotte, die zur Zeit unter völlig kriegsmäßigen Bedingungen Manöver im Golf von Petchili veranstaltet, ist nach Wei Hai Wei unterwegs, um die dortigen japanischen Niederlassungen zu schützen. Wei He! Wei liegt unweit von Port Arthur. Es ist ein großer nordchine- sisther Hafen, dessen Eroberung durch Japan für Japan einen wichtigen strategischen Stützpunkt bedeuten würde. „Daily Expreß" kommentiert die Vorgänge in Wei Ha! Wei, die Chinesen hatten die japanischen Einwohner der Hafenstadt belästigt. Die Japaner, die soeben erst von einem Teilgebiet Chinas, das so groß sei wie Frankreich und Deutschland zusammen, Besitz ergriffen hätten, würden das den Chinesen nicht vergessen. Sie würden noch weitere Gebiete besetzen, ohne darum mit irgend jemand außer mit den Chinesen in Konflikt kommen zu wollen und sie würden es verstehen jedes Hindernis für ihr Vorwärtsdringen zu beseitigen „Excelsior" meint. Deutschland setze seine Hoffnungen auf einen russisen- japanischen Konflikt. Durch äußerst geschickte Emissäre habe Hitler die zwischen Rußland und Japan bestehende Spannung dauernd vergrößert. Eine nicht unbedeutende Rolle in diesem Spiele habe der General Seeckt, der zur Zeit mit dein Wiederaufbau der chinesischen Armee betraut sei. Er solle, falls es zwischen den Japanern und Russen zum Kriege komme, der Garant für eine wohlwollende Neutralität sein. Hitler und seine Umgebung, so meint das Blatt glauben fest an einen bevorstehenden russisch-japanischen Krieg und darum schüren sie das Feuer im Fernen Osten; wobei sie auch näher liegende Gefahrenzonen, wie Oesterreich iind MemeL die vielleicht ihrem Größenwahn günstige Gelegenheit bieten, nicht außer Acht lassen, Mbbeis in Paris Ein propagandistischer Vorstoß CSU o u unterem Korrespondenten) Paris, 31. August. Propagandaminister Goebbels ist Ehrgeizig. Gr will nicht allein im Deutschen Reiche die Reklametrommel für den Führer rühren,' auch über die Landesgrenzen hinaus soll alles ihm huldigen. Und so wird neuerdings inmitten von Paris Propaganda gemacht. Als Feld für diese Propaganda- tängkell hat sich Goebbels Beauftragter— ein junger Mensch, der blitzartig verschivand, ehe man ihn fasten konnte, die großen Markthallen— den Bauch von Paris, wie Zola sagte — erwählt. Als die Hausfrauen am Mittwochmorgen ihre Einkäufe machten, huschte dieser junge Mann aus sie zu und mit einer raschen Bewegung, legte er in die Marktnetze ein achtfach zusammengefaltetes Blatt. Tie Ueberschrift dieses Propagandaschriststücks lautet: „Appell Hitlers an das Gewissen von jedermann". Unter dem Bild des„Führers" im Braunhemd steht auf der ersten Teile eine längere Abhandlung gegen den Per- sailler Bertrag. Tann folgt ein Auszug der ersten Rede, die Hitler im Fahre 1932 im Reichstag gehalten hat. Reben weiteren heftigen Angriffen gegen den Bersaillcr Bertrag Teutschlands Unschuld am Kriegsausbruch zu beweisen, schließlich wird gesagt, wie bejammernswert das arme Teutschland sei, das keine Waisen habe, während es rings von biS an die Zähne bewaffneten Nachbarn umgeben sei. Tann wird das Mitleid zu erwecken versucht durch die Schil- derung, daß 224 9t>9 Deutsche aus Verzweiflung und Elend in dieser ungerechtfertigt mißachteten Nation Selbstmord be- gangen haben. Und alles wird in der Tchlußansprache noch einmal zusammengefaßt:„Tie Lüge des Bersaillcr Vertrages muß verschwinden". Tie ganze Propagandaschrist ist in gutem Französisch ab- gesaßt, sie ist in Hamburg gedruckt und trägt auf der letzten Seite unten ganz klein den Vermerk:„Nr. 555. Französisch". Le Jonr" meint dazu mit recht, daß dieses Flugblatt sicher- lich in mehreren Sprachen hergestellt und in vielen Ländern verbreitet wird. Und das Blatt fragt verwundert, wie lange seine Verteilung in Frankreich ungestraft vor sich gehen soll. Fiume I" diesen Tagen rüstet sich das faschistische Italien, mit dem Pomp und jener Begeisterung, die Diktatoren immer wieder gebrauchen, die Wiederkehr des Tages der Be- setzung Fiumes zu feiern. Tie Erinnerung an den Hand- streich des„wehrhaften" Dichters d'Annunzio sollte nicht nur historische Reminiszenz sein, sondern den Blick schärfen für die unerhörte Aktualität dieser Methoden, in denen ein überhitzter Nationalismus seinem Aktivismus explo- siven Ausdruck, verleiht. Und so wenig einfallsreich die Technik der Epignonen Catilians und Maccchiavellis bis zu denen Lenins und Trotzkis ist, sie überraschen doch immer wieder mit verblüffender Präzision die müden Per- treter der Demokratie, die— heillose Fetischislen— all- mählich, aber sicher ihr Idol zu Tode beten. Im Prozeß der faschistischen Diktaturen, deren„antieuropäische Tendenz" sich immer bedenkenloser äußert, werden in der Folge zwei potentielle Fiumes eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen: Wien und Saarbrücken. Durch Plebiszit im Oktober 1918 hatte die Stadt Fiume für ihren Anschluß an Italien votiert. Die Vertreter der alliierten und assoziierten Großmächte hatten jedoch durch den Mund Wilsons den Anschluß der von französischen und englischen Streitkräften besetzten Stadt an Jugoslawien verkündet. Da nahm mit einer Handvoll Legionäre Gabriele d'Annunzio in der Nacht des 12. September 1919 die Stadt ein, überrumpelte das ausländische Militär, das sich alsbald aus der Stadt zurückzog: die regulären italie- nischen Truppen und die Exekutive fielen ihm zu. Mit der ihm eigenen dichterischen Sprache verkündete dieser politische Freibeuter, der sich den Titel eines Komman- bauten von Fiume zulegte, seine Vision des neuen Italien. Einer eigenen Regierung gegenüber, die sich dem Spruch der verbündeten Mächte und des Präsidenten der Vereinigten Staaten widerspruchslos gefügt hatte und im An- gesteht Europas, das untätig staunend die theatralischen Ereignisse, die sich in der Hafenstadt abspielten, verfolgte, begann d'Annunzio seinen operettenhaften Miniaturstaat zu organisieren. Die innenpolitische Bedeutung des Hand- slreichs war gewaltig. D'Annunzio. bisher Gegenspieler Mussolinis, ebnete faktisch durch sein Beispiel Mussolini den Weg zur Macht. Der Marsch auf Fiume war das be- scheidene Vorspiel zum Marsch auf Rom. Eine hilflose Regierung, die nur noch mit Notverord- nungcn regierend, ihre einzige Kraft in dem Gleichgewicht der sich bekämpfenden außerparlamentarischen Kräfte der Rechten und Linken sah. versuchte noch die Gegensätze zwischen Mussolini und d'Annunzio auszunutzen. Aber Mussolini war geschickter als der Regierungschef Giolitti. Er machte, um die in ihrem Nationalismus durch das Er- gebnis der Friedensverhandlungen enttäuschten Mittel- Klassen zu gewinnen, die Sache d'Annunzios zu seiner eigenen. Es gab kein besseres Argument zur Bekämpfung der Regierung an ihrem schwächsten Frontabschnitt, dem der Außenpolitik.„Die italienische Regierung sitzt nicht in Rom. sondern in Fiume." schrieb er in seiner Zeitung, nachdem der Handstreich gelungen war. Und er ließ ruhig d'Annunzio seine außenpolitischen Verhandlungen führen, mit den Bolschewisten, mit den Kroaten, mit wem auch immer. In dieser Situation blieb für die Regierung, die auf eine Auseinandersetzung zwischen Mussolini und d'Annunzio gehofft hatte, keine andere Möglichkeit, als mit bewasf- neter Gewalt einzuschreiten. Am Weihnachtsabend des Jahres 1929 erfolgte der Sturm auf Fiume. einige zwanzig der Legionäre des„Kommandanten" waren die Opfßr. D'Annunzio kapitulierte. Aber so grotesk diese„Regie- rung" dieses Dichters war. dessen Visionen später die Stoatsphilosophie des Faschismus wirksam beeindrucken sollten, so mächtig war das Echo, das die Ereignisse des Weihnachtsabends im Lande weckten. Trockenlegung Japans? Letzte Woche traf in England in einer Tondermission des japanischen Erziehungsministeriums ein Herr Kandjchi Kofchio ein in der Absicht, verschiedene soziale und erziehe- rüchc Probleme in Europa und später in Amerika zu studieren Er erzählte einem Vertreter des„Manchester Guardian", daß in den letzten Fahren die Enhaltsamkeitsbe- wegung in seinem Lande sehr große Fortschritte gemacht habe. Eine Nation. Abstinenten-Liga habe in allen Städten und Dörfern des Fmelreichs Vorträge halten lassen und bereits seien infolge dieser Propaganda 116 Dörfer trocken gelegt worden. Ein Gesetz aus dem Jahre 1922 verbietet die Verabreichung geistiger Getränke an junge Leute unter 20 Jahren in öffentlichen Lokalen und die Altersgrenze soll von 29 aus 25 hinausgesetzt werden. Obschon von 1922 ans Warnung und Be 7 spiel Das Rezept war gegeben. Ter demokratische geäußerte Wille des Volkes war belanglos, wenn eine Schar ent- schlossener und bewaffneter Männer das Spiel der Kräfte im Staat entschied. Fiume war, wie sich später zeigte, die Generalprobe für den Marsch auf Rom. Wenn auch selbst kein Staatsstreich, da es die staatliche Struktur Italiens nicht tangierte, was das Abenteuer von Fiume doch ein bedeutsamer Auftakt, der in der revolutionären Situation Italiens Mussolinis wertvolle Aufschlüsse über die Gesetze der einzuschlagenden Taktik gab. Tie Eigenart der innenpolitischen Verhältnisse Italiens im Jahre 1919 ist kein Argument für die Einmaligkeit des Handstreichs, wie er d'Annunzio gelang. Die außen- politische Situation der interessierten Mächte zeigt heute Parallelen, die sich unabweisbar bei Betrachtung aller die Lage bestimmenden Imponderabilien aufdrängen. Immer- hin— die realen Frontverschiebungcn, die sich innerhalb eines Dezenniums vollzogen, haben nicht nur in der Sphäre des Bewußtseins, der Ideologien, ihren Nieder- schlag gefunden. So diskutabel die Berechtigung histo- rischer Parallelen sein mag, der Notwendigkeit, aus der Summe vorliegender Tatbestände des politischen Lebens, die bereits einmal in der geschichtlichen Entwicklung be- stimmte Ergebnisse gezeitigt haben, eindeutige Folge- rungen zu ziehen, sind nur die enthoben, die nicht lernen —' und nicht handeln wollen. Angesichts der gegebenen Kräftelagerung ist es von nur untergeordneter Bedeutung, daß in Deutschland der Faschismus im Besitz der Macht ist und die in Frage stehenden außenpolitischen Fragen, diö eine Lösung erheischen, keine komplexen, seine Existenz unmittelbar bedingenden Faktoren darstellen. Aber auch nur unmittelbar. Mittelbar können das österreichische und das Saorproblem. je nach dem Sinne, in dem sie ihre Lösung finden. Existenzfragen ersten Ranges werden. Die Fieberkurve der Entwicklung, die das„dritte Reich" ge- nommen hat und in der Folge nehmen wird, dürfte erst mit dem 19. August seinen ersten Kulminationspunkt über- schreiten. Sicherlich gibt es keine starren Gesetze, nach denen sich bestimmte Ereignisse vollziehen müssen, wenn wesentliche Voraussetzungen gegeben sind, aber es gibt un- trügliche Indizien, die die Entwicklungstendenzen des not- wendigerweise außenpolitisch aktivistischen deutschen Faschismus oerraten. Für alle Eventualitäten die nötigen Lehren aus dem Beispiel von Fiume zu ziehen, ist die Auf- gäbe für den, der bestimmte Positionen zu verteidigen hat: die Mechanik des Staatsstreichs erkennen und in Augen- blicken, die kühne Entschlüsse erfordern, der Erkenntnis entsprechend handeln, ist die Aufgabe einer Arbeiterschaft, deren Schicksal es war, im Laufe der letzten zehn Jahre nur Verteidigungskämpfe liefern zu müssen, in denen sie immer in der Entfaltung ihrer ganzen Kraft gehandikapt sein mußte. Einen Zwang zum Handeln gibt es ebensowenig, wie es ein Zwangsgesetz gibt, das Hitlers Ende unausweichlich macht. Aber aus einer bewußten Haltung der Träger historischen Geschehens können Auseinandersetzungen er- zwungen werden, deren ganze historische Bedeutung meist nur rückschauend erkannt wird. Aus dieser Tatsache er- geben sich klare Folgerungen. In einem Gebiet, in dem Bedingungen heranreifen, die ein zweites Fiume möglich erscheinen lassen, wie das im S a a r g e b i e t der Fall ist, müssen mehr denn irgendwo die Bedingungen- einer mög- lichen Auseinandersetzungen studiert und alle inneren und psychologischen Voraussetzungen für alle Eventualitäten geschaffen sein. Die Formel impotender Drohung des „wenn... dann" hat allzu kläglich versagt, als daß es nicht notwendig erschiene, olle Kräfte auf das Studium der Grundbedingungen zu verlegen, wie sie der aktive Offensivkampf um mehr als die bloße Erhaltung bestehen- der Werte verlangt.» 1931 die Bevölkerung Japans um 15 Prozent zugenommen, hat die Erzeugung von Trinkbranntwcin um 29 Prozent und der Verbrauch um 38 Prozent abgenommen. Diese Strömung hat keinen religiösen Eharaktcr. Nicht weniger als 89 aka- demiiche Abstincntenvereine arbeiten a» der japanischen Hochschulen, und auffallend ist das Interesse der Arbeiter- schall. Ein großer industrieller Betrieb, der 1899 Arbeiter beschäftigt, ist im Einverständnis mit diesen„trockengelegt" worden: vor 5 Jahren hatten dort 89 Arbeiter den ersten Enthaltsamkeitöverein gegründet. Seit Ausschaltung des Alkohols hätte die Zahl der Unfälle um 59 Prozent abge- nommen während der Nutzefket lefficieucy) um 29 Prozent zugenommen habe. Achnliche Erfolge seien in Minenbe- zirken verzeichnet worden. In Städten und Dörfern ver- künden Plakate mit der Handschrist des Premierministers Saito:„Die Prohibition wird uujer Volk neu belebend BBIIPKATTIM tziu katholischer Leser schreibt unS: Ich war auf der inzwischen weltberühmten Kundgebung in Sulzbach. und zwar lediglich, um den anonpm angekündigten katholischen deutlichen zu hören. Mißtrauisch kam ich und ging zufrieden mit dem Missionspater und mit seinen Zuhörern. Hat doch der Pater an diese wohl zum großen Teil Kirchcnfremden keine Konzessionen gemacht und ganz kirchlich- katholisch gesprochen, und die Sozialdemokraten und die Ävmmu- nisten haben die Predigt— denn das war es und keineswegs eine politische Versammlungsrede— so herzlich aufgenommen, wie sie von den Lippen des Paters kam. ltnd nun habe ich nicht obne Schmunzeln die Preise der„deutschen Front" gelesen, insbesondere meine liebe alter katholische„Landeszeitung". Was haben nun diese alleinechten Katholiken dem Pater Törr vorzuwerfen? Man sollte es nicht für möglich halten: sie entrüsten sich, sie sind entsetzt, sie sind religiös in ihren tiefsten Empfindungen empört, weil, ja, weil ein Missionspater zu den—„Gottlosen", zu den Heiden gegangen ist. Bisher habe ich geglaubt, das sei seine große und schöne Ani- gäbe. Tie„Landeszeitung" aber will mich belehren, indem sie schreibt:„Da stimmt etwas nlcht." In der Tat: aber doch wohl nur bei dieser Zeitung, und zwar stimmt es mit ihrem Katholizismus nicht mehr, seitdem sie unser heiliges Ehristuskreuz gegen das Mörder- kreuz eingehandelt hat.— Noch eins. Tas Blatt hält es mit seinem Christentum für vereinbar, daß es Herrn Pater Törr öffentlich vor- wirst, er sei in einer Heilanstalt gewesen. Aus welchen dründen wird nicht gesagt. Inzwischen habe ich anderwärts gelesen, daß Pater Tön lediglich eine Kur zur Erholung für seine durch die Missionstätigkeit in China strapazierten Nerven gemacht hat. Tas soll ihn disqualifizieren? Nun, ich habe im„Braunbuch", das auch für uns Katholiken nicht verboten ist, die Beweise in Gestalt von Faksimiles basiir gesehen, daß ein viel bekannterer Mann als Herr Törr längere Zeit als Morphinist in einer Irrenanstalt interniert war und ärztlich sür unfähig erklärt worden ist, sein Kind zu er- ziehen. Tieier Mann heißt döring und regiert jetzt ein großes Land. Darüber habe ich in der„Landeszeitnng" und in der Presse bei„deutschen Front" noch nie etwas gelesen. Mir scheint wirklich, daß da etwas nicht stimmt, und zwar ist es eine echt batenkreuzle- rische Verlogenheit, die mit der christlichen Wahrheilsverpsiichtung nicht übereinstimmt. Aspreno di Cremona. Trotz Ihres kategorischen Tones werden wir eins Ihrer dedichte abdrucken Tas andere geht leider nicht. Sonst gibt es ei» Verbot. Tas aber sind die Beteiligten nicht wert. Holländische Grenze. Besten Tank für Brief und Anlage. Wird verwandt. Freund. Sie schreiben uns u. a.:„Was ich auf einer längeren Reise im„dritten Reich" feststellte, war in erster Linie wieder ein- mal z» sehen, wie gut nicht nur Ihre Berichterstattung ist, sondern wie treffend auch in Ihrem Blatte stets die Stimmung der Be- vklkerung wiedergegeben wird. So kann ich Ihnen nichts berichten, was Ihnen nicht schon bekannt wäre.— Zwei Tinge sind es, die mir in erster Linie aufgefallen sind: Wie unverhohlen alle, auch enragierte Nazis über die Korruption sprechen. Sie geben alle zu. daß Tklorek und Genossen doch nur blutige Ansänger waren gegen die Bonzen des„dritten Reiches.— Und dann diese schamlose Aus- beutung des BolkeS. Verdienen ist ja sicher sehr schön, aber durch Zwangskartelle und Mindestpreise ist eS heute so weit, daß mir nicht ein, sondern viele Fabrikanten lebensnotwendiger Fabrikate gesagt hoben, es wäre schon mehr als Wucher, was sie trieben, aber sie dürften nicht anders." Deutscher Klub Am heutigen Samstag um 21 Uhr im..Peristyle", 31bis, Rue Vivienne(Metro Bourse): Geselliges Beisammensein roll Tanz. Gäste willkommen. Gastbeitrag 5 Fr., Stellungslose 3 Fr. Für den Gesamtlnhall verantwortlich: Johann P I tz in Tud- melier: ffli Inserate: Cito Kuhn ln Saarbrücken. Rotationsbruck und Verlag: Verlag der VolkSsttmme WmbH„ Saarbrücken& Schützenürohe 5.— Schließfach 776 Saarbrücken. Bekanntmachung Ans Anlaß des Annahmeschlußtermins sür bic schriftlichen Anträge zur Ausnahme in die Abftimmungslifte betreffend die Volksabsiim- mung im Saargebiet wird im Rathans, Z>m- mer ii, eine Annahmestelle eingerichtet, die die Anträge am Sl. 8. im bis*4 Uhr(1! Uhr nachtSl entgegennimmt. Ter Eingang zum Rathaus ist am 8l. 8. 1034 nach den T ienststuoden in der Kaltenbach, straße. Ter GemeindeauSschuß Saarbrücken-Stadt. Ter Vorsißende: 13?4 C o l l i n. I WESTLAND Unabhännlqe deutsche Wochen seif uns erscheint in Saarbrücken jeden Freitag. „Westland" behandelt in unparteiischer Weise politische, kulturelle und wirt» ,, schaftliche Fragen. Besondere Auf- rnerksamkeit widmet es der deutschen Entwicklung. Die nationalsozialistische revolutionäre Uebergangszeit will es begreifen und nicht bejammern bellen Deshalb späht„Westland" nicht„An- griffspunkte" aus, sondern sucht ein umfassendes Bild zu geben Es wendet sich an den selbständig denkenden Leser, der mit ihm dieWahrheit für die schärfste Walle des politischen Kampfes hält. Aus der neuesten Nummer: Führer in Glanz und Glorie Ein SA-Mann rechnet mit Hitler ab Die Reirhsregierung ohue Saarplan Der Dolchstoll Blubo schreitet gotisch daher Bruch mit Italien Die regelmäßige Zustellung erfolgt durch die Westland-Verlagi- G. m. b. H Saa>brücken 3 ♦ Braueritrafje 6— 8* Telefon 21014 Lesen Sie die Deutsche Jceiheit Einzigste unabhängige Tageszeitung Deutschlands