I i Nr. 204— 2. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, 4. September 1934 b-»ireHakteur: M. B r a u n £aduUg Stank Seite 2 „Rüstungen fiic den SaacputscA" Seite 3 (Kültes„'Plan" Seite 6 WatitAecicfU can dec Wasserkante Seite 6 Gefährliche außenpolitische Abenteurer Rosenberg als geheimer Außenminister- Sein Naß gegen Rußland- Berlin und Tohio- Reidisgeid für Judenveriolgungen (Von unserem Korrespondenten) Paris. 3. September. Tie deutsche Außenpolitik wird Heute nur noch dem Namen "ach von Herrn von Neurath, dem NcichSaußenminister, be- -'Nslußt? jhr wirklicher Leiter ist der Chefredakteur des «Völkischen Beobachters", Alfred Roscnbera. der im Hauptamt an der Spitze des Außenpolitischen Amtes der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei steht. Dieser Mann, wie sein Führer Adolf Hitler, wie Heß, Darre und andere. im Ausland geboren— er ist Balte—. hat nie ein Hchl aus seiner Feindschaft gegen Sowjetrußland gemacht, «eine Politik bleibt immer:„Gen Ostland wollen wir "eiten!" Weiter geht sein Streben dahin, Frankreich und England in ihren Kolonialgebieten Verwicklungen zu schaf- '-n. die ihre Kräfte in Europa schwächen. Ucber diese Pläne der von Rosenberg inspirierten beut- >"ien Außenpolitik machen der Pariser„Excelsior" und °-r Wiener„Telegraf" interessante Ausführungen. Der Berliner Korrespondent des Excelsior" Gorel 'st der Ansfassnng, daß Alfred Rosenberg bald an Stelle Neuraths im Auswärtigen Amt in Berlin seinen Einzug halten werde. Man werfe Neurath vor, daß seine Tätig- keil als Außenminister ans einer Reihe von Mißerfolgen bestehe. Man habe unter seiner Amtsperiode nur einen Erfolg zu verzeichnen, die Aussöhnung mit Warschau. Diese aber sei Goebbels zu verdanken, der von Rosen- berg nähere Anweisungen erhalten habe. Neurath, ehe- mals Botschafter in Rom, habe das Bll»dnis mit Italien »um Angelpunkt seiner Politik gemacht? nun aber kehre stch Italien gegen Deutschland. Wie dem auch sei, ob Neurath früher oder später gehe— tatsächlich bestimme heute schon Rosenberg Deutschlands Außenpolitik. Zum Unterschiede vo» Neurath sei Rosenberg ein Aktivist. Er träume von einem dcntsch-engl>sch-japan>schen Bündnis. Aus Italien lege er weniger Wert, daraus erkläre sich auch der aggressive Ton des„Völkischen Beobachter" gegen Italien. Es scheine, daß auch England Herrn Rosenbcrg etwas enttäuschen werde, sei es doch be- Zeichnend, daß nun auch der„Daily Chronicle" aus die Seite der Hitlergegner getreten sei. Günstiger schienen Rosenbcrgs Aussichten in Japan zu sein. E'ne japanische Mililärwijsion nach der anderen treffe in Berlin ein. Was sie dort tun, sei in dichtes Dunkel gehüllt. Rosenberg habe veranlaßt, daß die deutsche Presse ihren Kampf gegen das japanische Dumping einstelle, ebenso habe durchgesetzt, baß die Japaner nicht den anderen Nicht- einer Emigration gebe es immer Leute, die zu allem bereit seien. Mit ihnen sei Rvsenberg gut Freund. Im letzten Jahre habe sich in Berlin eine„Allrussische faschistische Partei" gebildet, der es zwar an Mit- gliedern fehle, die aber einen sehr rührigen Führer habe, einen gewissen Wonsyatzki der alle russischen Parteien ab- lehne. Bor einigen Jahren habeLöonsyatzki ein dunkles und elendes Leben als Arbeitsloser in Paris geführt. Plötzlich sei er durch eine Heirat in Amerika reich geworden und habe einen beträchtlichen Ehrgeiz gezeigt. Rosenberg habe ihn gewinnen wollen und ihn nach der Mandschurei entsandt mit dem Auftrage, das Feuer zwischen Rußland und Japan zu schüren. Wonsyatzki sei vor kurzem über Amerika in Charbin an- gekommen In seiner Gesellschaft befänden sich zwei Deutsche, die zu Rosenbergö Stab gehörten. Der erste Besuch der drei habe der deutschen Kolonie in Charbin gegolten, die zwar an Zahl gering, aber sehr aktio und hitlerfreundlich sei- Ihre Absicht sei, aus der Kolonie und den russischen Emigranten, die aus dem Baltikum stammten, eine Art Legion zu bil» den, mit der man auch die tollkühnen Burschen und die Frei- schärler der rein slawischen Emigration vereinigen wolle. Die Legion Glle zur Verfügung der japanischen Militär- behörden stehen— besonders aber sckr Verfügung Berlins —. um im geeigneten Augenblick einen Grenzzwischenfall hervorzurufen, der dann weitere Folgen haben könne. Man wisse noch nicht, was Japan von all diesen Plänen denke. Man glaube, daß es nicht gerade begeistert dav'on sei. „So sieht der Aktivismus des Herrn Rotenberg aus. der sich lebhaft von den alten Methoden unterscheide, denen sich Herr von Neurath bediente." So der Bericht im„Excelsior". * Anüsemlllsdie reritwirhnngen Peipjng, 8. Sept.(FSU.) Die Antisowjetkampagne der Der Wiener„Telegraf" veröffentlicht Mitteilungen Uber die Organikat'vn der Hitlerpropaganda in Nordasrika und Palästina, die ihm sein Pariser Korrespondent macht. Das Zentrum dieser Propaganda befinde sich in Berlin im außenpolitischen Amt der Nationalsozialistischen Partei, das Rosenberg unterstehe. Zweimal monatlich nähme Goebbels an den Sitzungen in diesem Amt teil. Rvsenberg verfüge für die Propaganda in Französisch- Nordafrika. Aegypten, Syrien und Palästina über 8 Mil- lionen 360 Tausend Reichsmark monatlich. Das außen- politische Amt habe 60 Schriften in arabischer Sprache und in anderen orientalischen Sprachen herausgeben lassen zu . v--.. rilfime in anoercn orieniauicycn sprachen herausgeben lassen zu ariern gleichgesetzt würden. Tag für Tag veinaye:r dem ausschließlichen Zweck der nationalsozialistischen Propa- der„Völkische Beobachter" die japanische Politik im tf«„„„Sa. Das Niel dieser Vrovaaando sei m» ßfkett, .^ fr gemeinsame Haß gegen Sowjetrußlanb gebe dem culsch-japanischcn Flirt das Gepräge. Dabei spielten auch gewisse Elemente der russischen Emigration eine Rolle. Man 'Ose daß tn ihrer großen Mehrheit die russische Emigration nen Interventionskrieg gegen Sowjetrußland ablehne. In >eier Beziehung sei Miljukow mit General Tcnekin und Anhängern der„Vereinigung für das junge Rußland", c" Freunden des Großfürsten Äyrill, völlig einig. Aber in ganda. Das Ziel dieser Propaganda sei. die Welt des Islam gegen die Juden, Frankreich und England aufzuhetzen und gleichzeitig in Französisch-Nordafrika für den Kriegsfall einen Ausstand vorzubereiten. Wir zweifeln nicht an der Richtigkeit der vom Wiener „Telegraf" gebrachten Meldung, die ja auch die seinerzeit (V— tu*>^••- Polen vor der Entscheidung A. SA. Wer hätte noch vor einem Jahr annehmen können, daß die deutsch-faschistische Außenpolitik gegen Italien und mit Polen gemacht wird? Daß der traditionelle faschistische Verbündete im Süden abgestoßen, daß der slawische Erbfeind im Osten zum besten und letzten Verbündeten Hitlers er- hoben wird? Dieses krampfhafte Anklammern an Polen bei gleichzeitigem Bruch mit dem faschistischen Italien ist der beste Beweis für die Unbercchenbarkeit der Außenpolitik d-S „dritten Reiches". Polen ist die letzte Hoffnung Berlin?. ES soll den Nord-Ost-Pakt zum Scheitern bringen. Frankreichs Stellung in Osteuropa erschüttern, die baltischen Länder von der Sowjetunion fernhalten, Verbündeter gegen die Sowjet- union werden. Front gegen die Sowjetunion in der ersten Linie! Das„Echo de Paris" hat vor einigen Tagen Polen als Italien des Nordens bezeichnet, d. h. als jene Macht, die zum Nordosten von Italien liegend, die italienische Poli- tik der gewagtesten Kombinationen, der Zweideutigkeiten und der widersprechendsten Verbindungen nach allen Seiten hin wiederholt. Indessen will daS Hitlerdeutschland auS Polen das Japan des Westen? machen: d. h. Polen als den Wcstnachbarn der Sowjetunion zu einer solchen angriff?- lustigen und gewaltsamen Politik gegen Rußland ver- anlassen, wie die die Japan vom Fernen Osten her betreibt. DaS Hitlerdeutschland will eine polnisch-japanische Umklam- merung der Sowjetunion, die e? mit allen Mitteln unter- stützen würde. ES strebt nach einem mittelosteuropäischen Block gegen Paris und MoSkau, eS sucht nach einem Ersatz für Rom, und hofft diesen in Warschau zu finden. Das Spiel wird gleich zu Ende sein. Der unerträgliche Schwebezustand, in dem Polen die osteuropäische Politik be- reits seit neun Monaten hält, geht einer Lösung entgegen. Der September bringt die Entscheidung. Beide Großmächte, die durch die polnische Politik des Ausweichen? und der Zwei- deutigkeit am stärksten gefährdet sind, Frankreich und die Sowjetunion, verlangen von Polen eine deutliche Antwort: für oder gegen das Ost-Locarno? Frankreich? Beunruhigung wegen der polnischen Haltung ist längeren Datums. Bereits vor der Warschauer Reise Barthous hat die Pariser Presse Polen gewarnt. Seit Juni ist Polens Haltung die Hauptsorge der französischen Außen- Politik geworden. Polen muß endlich wählen: zwischen der Politik Berlins, die aus die KrtegSvorberettung hinausläuft, und der Politik der Stabilisierung de? Friedens, die Paris und Moskau befolgen und der sich London angeschlossen hat. Diese Mahnung erklingt jetzt in der ganzen französischen Presse. Für oder gegen den Frieden— da» bedeutet heute für oder gegen daS Ost-Locarno. Am 1». August hat diese Frage an Polen auch der offiziöse„TempS" gerichtet. Da» Ausweichen ist nicht mehr möglich. Die Sowjetunion hat bisher auf Polen nur den diplo- manschen Druck ausgeübt. Die Sowjetpresse hat bisher die gefährlichen Tendenzen der polnischen Außenpolitik ver- schwiegen, sie wollte Polen auf keinen Fall reizen. Jetzt M fl H M i fi- VI-(fNS X•»-•• wonach die Judenpogrome in Constantine(Algier) aus die Hitlerpropaganöa zurückzuführen seien. ffrohungen der fapanisdien Presse •®-e osldiinesisdie frage rntio mil Gewalt gelöst werden" .Sdlunatrt nimmt mit jedem Tage önbpi Formen an. Die Zeitungen verplappern sich rite,>>nö entlarve» den Beiöeggrund der provokato- Unh* Verhaftungen der Sowjetbeamten der Ostchinabahn nu»„£ eflcn diese erhobenen niederträchtigen Beschuldi- Vn.-Ü"*''' i' e bestätigen dabei vollauf die Beurteilung der de- seitens der Sowjetzeitungen und dem größten Teil presse. Zum Be'Giel schreibt die Zeitung„Charbin- Ei^bun die wütend ist über die Veröffentlichung der Snif ri ,en Uber die Tokioer Verhandlungen durch die Fr».^^rafenagentur folgendes:„Man müßte die Jnti i 5-stchinabahn mit Gewalt liquidieren und jegliche -^'-'Vorschläge von vornherein ablehnen." Eine andere ^"ich'mandschurische Zeitung»Manju flippe" schreibt gut f t vissvtt. C*.,5.1t«......... nennt auch sie die Dinge beim richtigen Namen und stellt von der„Deutschen Freiheit gemachte Mitteilung bestätigt,^ oIen O0r Mc Entscheidung. In der„JSwestija" hat Radck n-nno» die ttuhennnnrnmp>» einen Aufsatz veröffentlicht, der den eindrucksvollen Titel „DaS Gespräch, das daS Wesen der Sache betrifft" trägt. Jetzt erklärt die Sowjetdiplomatie auch öffentlich: Jeder Versuch Polens, dl: französisch-russsische Annäherung zu hinter- treiben, werde Polen in daS Lager des deutschen JmperialiS- muS führen. Indem Polen seine Verbindungen mit Pari» und MoSkau löst und gegen beide demonstriert, muß e? in das Schlepptau Berlins geraten. Und im Schlepptau Berlins muß es zum Teilnehmer eine» Kriegsblocks werden. Die Warnung ist deutlich genug. Roch deutlicher sind die Konsequenzen: „Tie Sowjetunion und Frankreich werden die An- strengungen, die sie vom Standpunkte der Befestigung de» Friedens für notwendig halten, fortsetzen. Wenn Polen eine unabhängige Politik führen will, dann haben auch die Sowietunion und Frankreich keinen geringeren Grund als Polen auch eine solche unabhängige Poli» tik zu treiben." DaS heißt SiihcrheitSpolitik mit oder ohne Pole«. Jetzt lcr Wichtigkeit sein wird".' Auch die'°,Marbin" Mmbün' muß Polen die Antwort geben. Sie wird ihre Stellungnahme zum Ost-Locarno und zum Eintritt der Sowjetunion in den Fortsetzung sieh« 3. Seite. V.ölkerbunh(mit ständigem LvlkerbundSratSsitz, de« Pols« gleiche» Tage:„Nach Abbruch der Verhandlungen wird die Mandschurei alle Kräfte und Mittel ausbieten müssen, um die Ostchinabahn in eine schwierige Lage zu versetzen"? sie fährt dann fort:„Bor der endgültigen Lösung der Ostchina- bahnfrage ist es notwendig, alle Sowjetbürger aus dem Mandschukuogebiet zu entfernen."— Deshalb also werden die Eisenbahner verhaftet, gefoltert und allerhand Märchen erdichtet.„Die Liquidierung der Ostchinabahnsrage mit Gc- ivalt" ist nach Meinung deS Blattes deshalb notwendig, weil„eS schwer zu garantieren ist. daß kein Krieg ausbrechen wird", jedoch die„Ostchinabahn im Kriegsfälle von magistra- r k^......i-vae jc••— nicht hat) feststellen müssen. Di Frist für die Antwort läuft im September ab. Berlin wartet gespannt aus die Antwort Warschaus. War- fchaus Verzicht auf die Unterstützung Berlins wird die Jso- lierung des„dritten Reiches" vollenden. Warschau? weitere Manövricrung wi"* indessen in Berlin die antisranzösischen und antirnisjschc Tendenzen steigern, die Lust zu auhen- pcutischen Abenteuern stärken. Pilsudski muß zwischen Berlin und Paris-MoSkau wählen, Hitler zwischen Isolierung ohne Warschau und Katastrvphenpolitit mit Warschau. Pa« Memite Ztaatsminister Hrrrint wohnte am Tonntag in dem Städtchen Belleville-sur-Taonr sDep Rhonej einer Industrie- nnd Handelstagung bei, ans der er eine Ansprache hielt. Er warnte vor einer allzu pessimistischen Beurteilung der Li^ge, denn man steuere, so sührte er aus,..politijckcn Formalionen" zu, die geeignet seien, Frankreich den Frieden zu geben, aus den es nach so vielen Seiden?!"'pruch habe. Amtlich wird bestätigt, Italien würde die Ans- »atme von R u st l a n d mit einem st ä n d i g e n Titz im Völkerbund unterstütze». Amerikanische Arbeiterführer kündigten an, sie würden zu jeder Fabrik, die dem Streikbesehl nicht Folge leistet, starke Streikposten-Abteilungen schicken, um die Arbeits« einstcllnng zu erzwingen Die Fabrikbesitzer erklären ihrer- seit«, sie hätte» für bcwassuete Tchutzwachen gesorgt und würden den Betrieb mit Nichtorganisierten Arbeitern in Gang halten. Diese beiden Erklärungen eröffnen die Aussicht auf ernste und möglicherweise blutige Zusammenstöße Aach einer Meldung ans Georgia hassen dort einige Fabriken, am Dienstag den Betried wieder ausnehmen zu können. Polizei wird in Bereitschast gehalten, um jeder Ruhestörung entgegenzutreten. Der gesamte Südwesten Frankreichs ist von einem heftigen Wirbelsturm heimgesucht worden. Die Telekonverbindungen init Paris waren lange Zeit unterbrochen. Besonders heim- gesucht waren die Orte Sonrdes, Banonne, Tardes, Toulouse und Perpignau Ausier zahlreichen Verletzten sind zwei Todesopfer zu beklagen. Chinesische Banditen haben an der Streike Kirin- Kcschan einen Arbeiterzug zur Entgleisung gebracht, wobei acht Personen getötet und zahlreiche verletzt wurden. Die Zahl der Nnterstützungsbedürstigen in den Bereinig- teu Staaten dürste nach einem Bericht des Sekretärs des UnterfttttzungsauSschusseö an Präsidenten Roosevelt vom Febrnar-0 bis S8 Millionen, also etwa ein Sechstel der Be- völkernngszahl der Rereinigten Staaten, erreichen. Die bis- herigen Gelamtausgaben für die Nothilse seit IASU werden aus 8 Milliarden Dollar geschätzt. Barths« nnd T i t u l e s c u, der rumänische Austcnmini- (er, haben sich, wie der„Ercelsior" erklärt, am Tonntag über ie Taktik geeinigt, durch die bei den Genfer Verhandlungen eine Krise vermieden werden könne nnd befriedigende Srgeb- nisse erzielt werden sollen. Ueber folgende Punkte soll ge- sprachen worden sein: Garantie für dir Unabhängigkeit Oesterreichs, Donansrage, Taarsrage, Ostpakt, Eintritt Sowjctruhlands in den Völkerbund, Zuteilung eines stän- digcn Ratssitzes an Rusiland. Der rumänische Austenministcr wird sich von Paris, wie einige Blätter berichten, direkt nach Genf begeben. Mehrere Blätter warnen davor, den Genfer Verhandlungen mit übertriebenem Optimismus entgegenzusehen. Der„Figaro" hält eS für wahrscheinlich, das, der Austen- minister in einer össentliche» Erklärung zu der Erklärung des Führers nnd Reichskanzlers, dast die Taarsrage das einzige Hindernis für die deutsch-sranzösilche Zusammen- grbeit bilde, Stellung nehmen werde. Die Taarsrage sei ke'ne deutsche und keine französische, sondern gemäst dem Wortlaut der Verträge eine saarländische Angelegenheit, die durch eine„sreie und aufrichtige" Abstimmung unter der Souveränität des Völkerbunde» geregelt werden müsse Drohungen der(aponischen Presse Fortsetzung von Seite 1 spricht ganz offen über die Vorbereitung dieses Krieges, sie versucht in einem grossen Artikel vom 21. August zu beweisen, dast eine„dringende Notwendigkeit" für die Verstärkung der Japantruppen in der Mandschurei notwendig sei. Die Zei- tung„Charbin Zimbun" schreibt weiter:„In Anbetracht der Tatsache, dass die Grenze zwischen China und der Sowjet- Union eine so ausgedehnte Fläche umfasst, ist der Tieg nach dem ersten Zusammenstob der wichtigste Schlüssel des Krieges. Me spanische Armee an die Klima« Blair weire» t 5l' deshalb müsse man, wie da» doppeln lind gegenwärtigen Streitfrage ver- SdXfi fielst"»«Eltens aus 7 Divisionen verstärken". Zum T ruoDennJritxr f.," 0tÖ-"»«nßefiAt« der Notwendigkeit der Verhältnis!?,? nfl Aussen die politikchen Fragen über das werden" Ten w„am?" einer Erörterung unterzogen matt nirr hi«".?usfubrungen der Cbarbiner Zsitung kann bereit» int*»?- dort besprochenen Maßnahmen pen in d-n m^ werden. Die japanischen Trup- a..S Jen?/?men täglich zu. die HilfSkräkte Kamv>bei-?ilkÄk. der rulsischen Weißgardisten werden in KrieasvorK-v^ versetzt, während die provokatorische dcurio" 0ffem Gange ist. Die? wird unzwei- ^ 6ie-apaniichen Blätter selbst bestätigt. Sfrcihöciclil für l Million Textilarbeiter DNB. Washington, 8. Sept. In der Nacht zum Sonntag begann, wie bereits kurz gemeldet, der grösste Streik, der jemals von dem amerikanischen Gcwerkschaftsbund ins Werk gesetzt worden ist. Annähernd eine Million Angestell- ter der Baumwoll-, Woll- nnd Kunstieidenindustrie hat die Arbeit eingestellt. Da der heutige Montag ein nationaler Arbeitsfeiertag ist. wird eS erst am Dienstag möglich sein, sich ei» klares Bild davon zu machen, in welchem Umfange in den einzelneu Staaten die Arbeit ruht. Die Arbeiterführer im Süden erklären, sie seien ent- schlössen, durchzuhalten und glauben, dass die Arbeitgeber sich gezwungen sehen werden, die von den Arbeitern gestellten Bedingungen anzunehmen. Die Forderungen der Textil- arbeiter lauten wie folgt: 1. Sechsstündiger Arbeitstag und fünftägige Arbeitswoche bei gleicher Bezahlung für alle Bezirke: 2. steine Verminderung der jetzigen Wochcnlöbne: 3. Aushören der Zurücksetzung in der Behandlung organi- sierter Arbeiter: 4. Aukhören des Brauches, die Zahl der von einem Arbeiter bedienten Webstühle zu vermehren, ohne zugleich den Vohn zu erhöhen: b. Anerkennung des Verbandes als Vertreter der Arbeiter bei Verhandlungen: fi. Einsetzung eines Schiedsrichters: 7. Stärkere Vertretung des Bundesamtes zur Hebung der Wirtschaftskrise in den Arbeitsfeldern der einzelnen Bezirke. Reu'er und Neubauer Ire)? Nach Meldungen von Schweizer Zeitungen sollen der frü- here Kommunistenführer Theodor Neubauer und der srtt- Herr Sozialistenführer Ernst Reuter aus dem Gefängnis in Berlin Moabit entlassen morden sein. Die Freilassung des bekannten Schriftstellers Ossietzky soll angeblich in Kürze ei.ilgen. Ernst Reuter war Oberbürgermeister von Magde- bürg. Vesser reldiisches Draunbucb Feiy hat alle» gewußt?— Enthüllungen über den Putsch vom 25. Juli London. 3. September. Der österreichische Korrespondent des„Observer" ist in der Lage, genaue Angaben über den Naziputsch vom 25. Juni zu machen. Er beruft sich dabei auf das„Braun- buch", das die österreichische Regierung in den nächsten Tagen der französischen, englischen und italienischen Regierung noch vor der Tagung des Völkerbundes über- Neuyork, 3. Sept. Tic Strcikführer erklären, dass eine Million Textilarbeiter Streikbesehl erhalten häl:e. Andere Schätzungen dagegen besagen, dass es sich nur um 6ß0ü0t) Arbeiter, nämlich um 4D7 000 Baumwollarbeilcr, 130 000 «elften und Kunstseidenarbeiter und 108(MM) Wollarbeirer bändle, die in 2781 Fabriken beschäftigt seien. Im Süden der Vereinigten Staaten wird der heulige Arbeitssciermg nicht allgemein innegehalten und infolgedessen wird sich de- reite■ ein Eindruck gewinne» lasse», wie we t die Behauptung der Arbeitgeber zutrifft, daß die Mehrzahl der Angestellt:» gegen de» Ausstand ,'ei. Ter Präsident des Baumwoll- TextilinstitutS Sloau hat am Samstag erklärt, die Arbeiter- schalt von zwölf Fabriken im Stifte» habe mit überwält'gen- der Mehrheit gegen die Befolgung dcS S reikbefehlS gestimmt. Befürchtungen, dass eS zu Zusammenstößen zwischen- Streikenden und Arbeitswillige» kommen könnte, werden allgemein geäussert. Der Vorsitzende des Streikauö chusseS, der in England geborene Textilarbeiter Franc'S Gorman. warnte in einer Rundfunkaiijprache vor Ruhestörungen, die sogar angcsiästs von Herausforderungen unterbleiben müßten. Tie Streik- üihrer haben auch Abordnungen an die Gouverneure der in Frage kommenden Staaten gesandt mit dem Ersuchen, die Ordnung im Notfalle unter Heranziehung von Truppen aus- rcchtzuhalten. Sie fürchten, dass die Kommunisten die® e' legenheit benutzen werden, die Streikenden zu Gewalttätig- keilen aufzureizen. reichen wird. Dieses Buch ist bereits fast vollständig fertiggestellt. Sein Inhalt wird nur zum Teil von der Wiener Regierung veröffentlicht werden. Der Korre- spondent des„Observer" will es gelesen haben und gibt daraus folgende wichtigen Stellen wieder: Tie Sonderformation der Wiener Polizei, die 630 Off'- ziere umfasst, zählte 021) Nazianhäiiger. Von den andere« Polizeiabteilunge» ivarcn 60 Prozent Nazis. Die österrei- chifchen Soldaten, die an der bayerischen Grenze standen, pflegte» mit den Mitgliedern der deutsche» SS. zu synrpa- tjiisiere». Endlich waren die Soldaten in den Kasernen va» Aennweg zu MO Prozent Nationalsozialisten. Zum Naziputsch vom 25 Juli bemerkt das Braunbuch: Die Naziverschwörer versammelten sich am Abend des 22. Juli iit de» Büro? des Polizeioberiuspektvrs Steinhäusel: au dieser Versammlung»ahme» zahlreiche führende Persönlich- keilen teil, darunter der Landbundführer und ehemalige Vizekanzler Winkler. Major Fey hätte den Putsch verhindern können Er hatte von der Ber- schivöru» g d- s 2 5. Juli u m 11.3 0 Uhr vormittags Kenntnis, aber auS ihm allein b-kannten Gründen sprach er mit den andere» Ministem kein Wort darüber. f.udwin FranK Ein Kämpfer für Freiheit und Recht— Zu seinem 20. Todestag Am 25. Mai dieses Jahres wäre Ludwig Frank sechzig Jahre geworden und am 3. Sepie» ber sind feit seinem frühen Tode ichvn zwei Jahrzehnte verstrichen. Weil er eine entfernte Achnlichkeit mit? assalle hatte, d e er vielleicht durch den Schnitt seines Schnurrbartes»och unterstrich, verglich man ihn nicht selten mit dem Gründer des Allgemeinen Deutichen Arbeitervereins. Aber dieie AeHnlichteit blieb im Aenssere» stecken. Nebe» ihm erscheint Lassalle als die genialere und dämvnischere, freilich auch als die problematischere Natur, fast als ei» Apeii!e»rcr grossen Wurfs. Denn Frank, einfach, natürlich, uukompli- ziert, gehörte nicht zu den Unsteten und llnbehalistcn. Der>u einem kleine» badischen Dorf.zur Welt kam und aufmuchs, wurzelte fest in der Heimaterde, halte Bodenständiges an sich, strömte Scholleiiaernch ans»»d entfernte sich schon durch seinen nie verleugneten alemannische» Dialeklanklang von jeder„Asphaltdemagogie". Eine tiefere Befriedigung, als in den Massenversammlungen der Großstadt umtubelt zu werde», bereitete es ihm, vor kleinen Kiihbaner», Waldarbeitern und Stallknechten eines TchwarzwaiddorseS die Heilsbotschaft des Sozialismus zu verkünden: hier, wo kein politischer, philosophischer, geschichtlicher Begriff als be- kamt vorauszusetzen war und a»- Veraleiche und Bilder aus der enae» Vorstellungswelt der Hörer arholt iverden mussten. Erfolg zu haben, erfüllte de» bezwingende» forensischen und parlamentarische» Redner mit besonderem Stolz. Erfolg hatte er hier, weil den ieingcbildetcn Doctor juris utriuS- gue Vielfältiges mtt den unversälschlc» Meutchen seiner badischen Heimat, wie sie der von.ihm geliebte Dorfcrzähler Hansjakob gestaltet hatte, innerlich verband. In jeder Fill-r keines Wesens war Ludwig Frank Deutscher im besten Sinne des Wortes. Ein Deutscher, dem Deutschland und das deutsche Volk zu lieben eine Selbstverständlichkeit bedeutete. Ten schon damals wild lärmenden„Nationaldemagoaen". die unter der Flagge deS Nationalsozialismus eine„in ihren Wirkungen anti- nanonale Politik" trieben, rttb er dieie Wahrheit einmal derb unter die Natt:„Wenn sich ein Mann auf den Markt stelle» und laut schreiend verkünde» iviirde, er habe Vater und Platter lieb, so wäre das Urteil über den Lärmmacher fertiq. Jeder würde sagen:„WaS will den» der Narr?? ES verstell) sich doch ganz von selbst, dass ei» anständiaer Mensch feine Elter» gern bat Aber ebenso'selbstvcrständlik Ist eS auch ftab jv'r die Heimat lieben, in der wir geboren und fon'n kinb"nd i» deren Sprache wir denken gelernt haben. ?.'«r mit bie'er Em»)indnna vrahtt n»d prunkt, mnss sich p-ialli"' lasse», dass wir an seinem Verstand oder an seiner Sllr'i-bkeii zweifeln." lind weil er Deutschland und da» dcut- sch: Volk liebte, war Frank Sozialdemokrat: in der Partei ber Arbeiterklasse sah er„die nationale Vertretung der unterdrückten Mehrheit gegen die herrschende Mttiderhett". Schon der Neunzehnjährige legte in einer vielbemerkten kühnen Abiturienleiired:, die sich aus den historische» Mate- rialismus und Mehrings„Less ug-Leqende" beriet, ei» 'Bekenntnis zum Sozialismus ab. doch ein Mensch der Theo- reme und Formeln war er deshalb nie. Sein Sozialismus guoll aus heisscm Herzen, weil dieser Rechtsanwalt wahr- hast ein Anmalt deS Rechts sei» wollte. Toz'aldemokrat sein hiess ihm etwas unendlich Lebendigeres als ein Mehrwert- geietz anerkenne» nämlich: auf der Seile der Gerechtigkeit und Menschlichkeit stehen. Darum kehrte er sich gegen de» namentlich in Baden mächtigen Klerikalismus, der ihn eine ernste Gefahr für die politische Entwicklung Deutschlands dünkte, und mit grösserer Leidenschaft noch gegen die Klassen- Herrschaft des ostelbischen Junkertums, gegen die er zum Kamps aufrief mit der Schillerichen Losung: Nichtswürdig ist die Nation, die nicht Ihr Alles sreud g setzt an ihre Ehre. Tiefer Kampi verknotete sich ibm Im Rinnen um das gleiche und freie Wahlrecht>» Preussen de» er auch unter dem läesichiswinkel der nationalen Sicherheit betrachiele.„Ein- heil der Armee", tat er im Rrdista« dar,„ist nur möglich, Ivo Einheit des Volke» ist nnd Einheit des Volkes ist nur möglich. Ivo Einheit des Rechtes gewährleistet ist. ttttauben Sie den», es gäbe eine bessere Sicher»»« des Reiches»egen Angriffe als eine Vorlage über die Reform de» preussiiche» Wahlrechts?" Wenn jedem Sozialdemokraten nicht, wie verbrecherische Narren behaupte». Zerstörung, sondern Ausbau am Herzen liegt, so niemanden mehr als Frank. Dieser durchaus kon- struktivcii Natur genügten alle Erfolge der Agitation und Organisation nicht: vielmehr wvllle er auS der gewaltigen zahlenmässigen Macht, die drei und später vier Millionen sozialdemokratischer Wähler darstellte», einen Motor zur demokratischen Umbildung Teutschlands machen. Dogmen störten ihn dabei nicht. Wie abaeblasst wirken heute die Eti- ketten„Revisionist" und„Radikaler", ft'e damals jedem ausgeklebt wurde», und wie gegenstandslos erscheint in der Rückschau der heftige Streit um die Bndgetbewilligung, in dessen Mittelpunkt sich Frank gegen seine» Willen auf zwei Parteitagen gestellt iah. WaS von jener Periode eindrucks- voll bleibt, ist lediglich der starke Wille eines durch und durch politischen Menschen, nicht Daumen drehend den„ZnknnftS- staat" zu erwarten, tondern dem Arbeiter schon beute seinen Anteil an der Staatsmacht zu erobern. Frank wnsste. dass solcher Fortschritt nur in Etappen marschiert und dass er selber eine Politik auf lange Sicht trieb, aber dann wieder packte ihn die Ungeduld dcS schaffenden Geistes, die ihm da« Ziel näher zeigte, als eS war:„Wir stuft mitten i» der Eni- Wicklung verfassungsmässiger Zustände, nnd wenn daS beut- «che Volk nicht nachgibt, wen» die Massen wach bleiben, so wird daS deutsche Volk seinen Willen durchsetzen. Wenn die Arbeitermassen auf dem Posten sind, sind nicht nur die Zeiten einer ZuchthauSvorlage, dann sind auch die Zeiten vorbei, in denen durch den Willen eines einzelnen ganze Nationen in Aufregung versetzt werden konnten." Als dann die preussifche Wahlreform gar nicht vom Fleck wollte, war es der„Gemässigte" der„Revision st", der„Befürworter der ruhigen Entwicklung" der dem Massenstreik für ft'£ politische Freiheit in Preussen das Wort redete. Dieben der Volksfreiheit str tt Frank am unermüdlichsten für de» Weltfrieden. Besorgt sah er die Tendenzen, die zuu> Kriege trieben, aber gläubig gewahrte er auch die Tendenzen, d e zur Verständigung drängten.„Westeuropa." meinte er, „namentlich Frankreich und Teutschland, bilden doch heute schon eine kulturelle Gemeinschaft und werden sich auf die Dauer politisch und militärisch nicht trennen lassen." Aber auch hier galt es. die Hände nicht in den Schoss zu legen: auch hier wollte der ewg Aktive bandeln und ans der Sozial- demokratie wirklich„eine Grossmacht des Friedens" mache»- So wurde er Sporn und Seele der dcutsch-französischen Ber- ständigiingskonferciizeii, deren erste 1013 in Bern, dere« zweite 1014 in Basel stattfand, die eine wie die andere be- schickt von nicht nur sozialistischen Parlamentariern aus beiden Ländern. Tab sich in Basel bereits Vertreter einer Mehrheit des deutschen Reichstages einfanden, erfüllte Frank mit froher Genugtuung, uns optimistisch wie stets ging er an dieses Werk. Zu der stolzen Gewlsshcit, Bürger der kommende» grossen europäischen Kulturgemeinschaft z» sein und unserem Vaterland dadurch zu dienen, daß wir diese <0"meinichast vorbereiten". Statt dieser Gemettischaft kam der Krieg. Eine gewisse Enttäuschung über daS langsame Tempo der Entwicklung trug v e«eicht dazu bei, dass Frank übertricbcne und ein- fettige Hoffnungen aus die Folgen der gewaltigen Kala- strophe setzte: geneigt, wie überall das Positive mehr zu betonen als das Negativ:, hielt er dafür,„Voss in diese'» Krieg die Grundlagen für eine» unabsehbaren Fortschritt gelegt werden" Da er Deutschland angegriffen wähnte, httü es für ihn keine Frage, dass die Sozialdemokratie mit der Landesverteidigung ernst mgchen und die Krieoskrcdi'e be- willigen müsie. und da er in diesem Sttin die Bedenk i-llen und Schwankenden in der Fraktion bearbeitete, war der 4 August 1914 eigentlich sein Taa. Aber war diese Haltung nicht ledigl'ch Heuchelei und Ber- stellung? Denn da Frank Jude. Marxist, also zwiefach ein „Untermensch" war, konnte er nach der Schimpfterminologie der heutigen Gewalthaber doch nur Teuflische« aegen Deuticki- land und daS deutsche Volk im Schilde führen? Und in der Tat trieb, während sich viele„völkische" Edelmenscheu naä> dem Muster FrickS in Etappe und Heimat für die„Erneuerung Teutschlands" Anno 1013 aussparten, der Niedcr- trächt'gte die Heuchelei und Verstellung soweit dass er hinaus- ging und sich totschießen ließ. Am 31. August rückte der vier- ö'gjährige Kriegsfreiwillige ins Feld drei Tage sväter fiel er. bei Noissonevurt nahe Baeearat durch Kopfschuß. Das war die grösste Gemeinheit, die dieser„Fremdstämmigc' begehen konnte,»nd mit Recht ma-lltcn. an» Ruder gelangt, die Nazis den Denkstein, de» die Mannhi-imer Arbeiter dem Vorkämpfer des Friedens und der Freiheit gesetzt hatten. Erdboden gleich: manchem Nachdenklichen wäre viel- leicht doch bei dem Namen Ludwig Frank die Scham- röte ins Gesicht gestiegen. Karl Max. « Rüstungen für den Soarputscli 12900000 Reidismarh für die militärisdie Ausbildung der saarländischen Legion Die Kegierungshommission erneut an den Völkerbund Saarbrücken, 3. September 1334. Zum zweiten Male wendet sich die Regierungskom- Mission an den Völkerbund mit einer Eingabe wegen des von der braunen Front und Hitleröeutschlanö aus- gezogenen freiwilligen Arbeitsdienstes für die Saar- jugend. Bor aller Oeffentlichkeit wird klargelegt, daß sich die Reichsregierung offiziell durch den Staats- sekretär Hierl, Hitlers Bertrauten, in den Taarab- stimmungskampf hineinmischt und Tausende junger Leute für den Abstimmungskampf drillt. Das arme Hitlcrdeutschland gibt für diesen freiwilligen Arbeits- dienst der Saarjugend nur die Kleinigkeit von 12 900 000 RM. aus. Nimmt man hinzu, was darüber hinaus an Propaganda-Geldern für den Saarkampf bereitgestellt wird, so gewinnen Schachts bewegliche Klagen ein eigenartiges Gesicht. Man könnte von be- trügerischem Bankrott reden. Im übrigen wird Hitler noch die Frage beantworten müssen, warum der freiwillige Arbeitsdienst ausdrück- lich außerhalb der entmilitarisierten Zone durchge- führt wird. Der Präsident der Regierungskommission des Iaargc- b'etes hat an den Generalsekretär des Bölkcrbundsrates ein Schreiben gerichtet, das in der Ucbersctzung folgendermaßen lautet: 17. August 1934. Herr Generalsekretär! Die Rcgierungskommission hatte die Ehre, in ihrem Schreiben S. G. Nr. 7014 34 vom 3. August 1984 die ernste Aufmerksamkeit des Rates auf kürzlich im Saargcbiet vor- gekommene Ereignisse zu lenken, welche ihr Veranlassung gegeben hatten, eine Durchsuchung der Geschäftsstelle des von der„D e u t s ch e n F r o n t" unterhaltenen„Frei- willigen Arbeitsdienstes sFAD.s anzuordnen. Die noch nicht abgeschlossene Durchsicht des beschlagnahmten Materials war nur dazu angetan, die bereits gegen die »Deutsche Front" und einige ihrer Organisationen erhobenen, >n dem vorerwähnten Schreiben kurz zusammengefaßten Anklagen zu verschärfen. Mehrere Schriftstücke lassen erkennen, daß Beamte der Regierungskom- Mission zur Begehung von Handlungen oder Unterlassung gewisser Verfolgungen infolge von Interventionen veranlaßt worden sind, welch letztere nichts anderes als Bc- stcchungs- oder Druckversuche sein können. Andere liesern de» Beweis, daß Organisation oder Beauf- ^tragte der„Deutschen Front" in ständiger Verbindung mit den verschiedenen Dienst- stellen oder Behörden des Reiches stehe» und deren Einmischung in saarländische Angelegenheiten fördern. Außerdem finden sich Beweise sür sehr zahl- reiche Verstöße gegen das Strafgesetz, die zum größten Teil unter die mit Wirkung vom 11. 6. 1934 durch die Regierungskommission gewährte Amnestie fallen. Diejenigen Schrift, stücke, die Angelegenheiten strafrechtlicher Natnr betreffen, welche sich nach diesem Zeitpunkt ereignet habe», werdenden zuständigen Gerichtsbehörden— in dem Maße, als die Sich» lang fortschreitet— zugeleitet. Die Regicrnngskommission behält sich vor, dem Rat ans- sührlichen Bericht über diese verschiedene,, Punkte zu er- statten, sobald die Prüfung der in ihre Hände gefallenen Akten beendet ist. S>e beschränkt sich vorerst daraus, die Aufmerksamkeit des Rates auf das Gebaren des Frei- willigen Arbeitsdienstes sFAD.s zu lenken, der eine Abtei- lung der„Dcutschen Front" bilde». Angesichts der Größe und Schwere der Gefahr, welche die Tätigkeit dieses Dienstes für die Ausrechtcrhal- »ung der Ordnung im Saargcb'ct bildet, müßte die Regie- rungSkommission es als eine Verletzung ihrer Pflichten emp- finden, wenn sie dem Rate nicht in extenso Abschrist der bezeichnendsten Schriftstücke mitteilen würde. Das von der Reichsleitung des Arbeitsdienstes verfolgte Ziel wird in einem vom 6. Oktober 1933 datierten Schreiben sAulage Xj wie folgt klargestellt:„Ein Antrag wird an die Preußische Regierung und Reichsregierung dqhingchend ergehen, der Reichsleitung zu ermöglichen, insgesamt rund 10 90(1 Saardeutsche zwischen 18 und 25 Fahren in den Deutschen Arbeits- dienst zu übernehmen seinschließlich der schon im Arbeits- dienst befindlichcnj und sie über die Förderzcit hinaus Ms in das Abstimmungsjahr 1935 im Arbeitsdienst zu belassen bis zu dem Zeitpunkt, da sie vom Saargebiet aus zurnckge- fordert werden. Die jungen Leute sollen nach den hier vor- liegenden Absichten ostwärts der 59-Kilometer-Zone, ostwärts des Rheins und westlich der allgemeinen Linie Stettin- Frankfurt sO.s— Dresden in Lagcrgruppen verteilt untcrgc- bracht werden und sollen außer dem allgemeinen Dienst, der im Arbeitsdienst vorgeschrieben ist, eine besondere Betreu- ung und Untcrrichtung sür den Saarkamps erhalten." Eine anderes, aus der gleichen Zeit stammendes Schrift- stück sAnlage 2s ergibt, daß der zum Unterhalt und zur bc- sonderen Ausbildung dieser 19 999 jungen Saarländer wäh- rend ein und einem halben Fahr sür erforderlich erachtete Kredit ans 12 999 999 Mark veranschlagt wurde. Ei» weiteres neueres Schreiben, das unterm 6. Juni 1984 von der Arbeitsgaule'tung Hannover an den Saar- Arbeitsdienst Berlin W 8, Eharlottcnstraße 55, gerichtet wurde, erwähnt, daß„nach einem Schreiben der Reichslcitung durch moralische Beeinflussung versucht werden sollte, die Saardentschen bis zur Abstimmung i m Arbeitsdienst»n holten".(Ans der Anlöge lUnterbeilage Nr. 19 zur Anlage 3s geht hervor, daß dieser moralische Druck insbesondere in der Borenthaltung des Arbeitsbuches besteht.s Aus den vorstehend zitierten Stellen kann nur die nnaus- weichliche Schlußfolgerung gezogen werden, daß die geo- grasische Lage der zur besonderen Ausbildung dir(uuflcn Saarländer im Hinblick auf den Saarkamps ausersehencn Lager derart gewählt ist, daß eine m t l i t ä r i s ch e A u s- btldnng dieser jungen Leute ermöglicht wird, ohne gegen den Artikel 42 und 43 des Versaillcr Vertrages zu verstoßen. Die Zahl von 19 999, die in dem Schreiben vom 9. Oktober 1983 angegeben wird, scheint zudem bei weitem überholt zu sein, und die Regierungskom- Mission neigt„ach den ihr zugegangenen Fnsormationen zu der Ansicht, daß die Zahl der in den deutschen Arbeitsdienst- lagern ausgebildeten jungen Saarländer, allerdings ein- schließlich der in der demilitarisierten Zone untergebrachten, 19 999 übersteigt. Die Prüfung der beschlagnahmten Dokumente hat noch zur Aufdeckung weiterer schwerer Mißbräuche des „Freiwilligen Arbeitsdienstes" geführt, und die Regicrnngskommission sah sich gezwungen— als erste Vorbeugungsmaßnahme angesichts derart ernster und folgen- schwerer Gefahren—, einen Verordnungsentwurf vorzu» bereiten, durch welchen der„Freiwillige Arbeitsdienst" im Saargcbiet verboten wird und die jungen Leute, die ihm angehört haben, sowie diejenigen, die Mitglieder der früheren SA.- und SS.-Organisationen waren, verpflichtet werden, sich bei der Polizei zn melden, wobei die Möglich- kcit einer besonderen Uebcrwachung vorbehalten ist.' Die Begründung zu diesem Bcrordnungsentwurf ist dem vor- liegenden Bericht beigefügt sAnlage 8 mit 18 Untcrbcilagen, die gänzlich den beschlagnahmten Akte» entnommen sind). Diese Dokumente werden zweifellos genügen,»m den Rat von dem Ernst der Lage zu überzeugen, aus welche seine Aufmerksamkeit in den vergangenen Monaten zu ver- schiedencn Malen durch die Regierungskommission gelenkt worden ist. Letztere kann nicht genug unter den augenblick- lichen Verhältnissen auf die dringende Notwendigkeit hin- weisen, die nachdrückliche Unterstützung des Rates bei de« Mitglicdstaatcn des Völkerbundes z« erhalten im Hinblick aus die Einstellung der Polizei- und Gendarmeriekräfte unter den in der Entschließung vom 4. Juni 1934 vorgesehenen Be- dingungcn. Abschrift dieses Schreibens wurde Seiner Exzellenz Baron Aloisi, Vorsitzenden des Ratsausschnsses, übersandt. Genehmigen Sie usw gez. G. G. K nox. * Dem Schreiben sind drei Anlagen beigefügt, von denen die dritte wiederum 18 Unterbeilagen enthält. Anlage 3 mit den 18 Untcrbcilagen sind bereits in der Presse verössentlicht worden. ,j- Anlage 1: Die Reichslcitung des Arbeitsdienstes Nr. APA. D. 1648/33^Mbg. St. Berlin NW. 40, 6. Oktober 1933. Scharnhorststraße 85 Fernsprecher D 1 Norden 0011 Der Leiter des Aufklärungs- und Presseamts beim Staatssekretär für den Arbeitsdienst. An die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Saargebiet, z. H. Herrn Landesführer und Preußischer Staatsrat Spaniol Waterloostraße IIa. Saarbrücken Sehr geehrter Herr Staatsrat! Im Anschluß an Ihr Schreiben vom 9. 9. an die Reichs- leitung des Arbeitsdienstes erlaube ich mir, da der Herr Staatssekretär zur Zeit dienstlich abwesend ist, sehr er- gebenst mitzuteilen, daß von hier aus nach Rückkehr des Herrn Staatssekretärs ein Antrag an die Preußische Regie- rung und Reichsregierung dahingehend ergehen wird, der Reichsleitung zu ermöglichen, insgesamt rund 10 000 Saar- deutsche zwischen 18 und 25 Jahren in den Deutschen Arbeits- dienst zu übernehmen lcinschlicßlich der schon im Arbeits- dienst befindlichen! und sie über die Förderzeit hinaus bis in das Abstimmungsjahr 1935 im Arbeitsdienst zu belassen bis zu dem Zeitpunkt, da sie vom Saargebiet aus zurück- gefordert werden. Tie jungen Leute sollen nach den hier vorliegenden Absichte» ostwärts der 50-Kilometer-Zone oft- wärts des Rheins und westlich der allgemeinen Linie Stettin—Frankfurt(Oder)—Dresden in Lagergruppen ver- teilt untergebracht werden und sollen außer dem allgemeinen Dienst, der im Arbeitsdienst vorgeschrieben ist, eine be- sondere Betreuung und Unterrichtung für den Saarkampf erhalten. Da naturgemäß diese Sondermaßnahme für die betr. Arbeitsgaue eine erhebliche Störung des regelrechten Aufbaus und Tienstbctriebcs mit sich bringt und außerdem eine sehr ernste finanzielle Belastung des Arbeitsdienstes durch diese Maßnahme eintritt, die der Arbeitsdienst bei seinem überaus geringen Etat allein nicht tragen kann, werden Reich und Preußen gebeten werden, für diesen Sonderfall Sondermittel zur Verfügung zu stellen. Da über die Höhe der Summe die Entscheidung des Herrn Staats- sekretärs noch aussteht, möchte ich diese Summe noch nicht nennen Unter 10 Millionen Mark wird aber die Reichs- leitung nicht gehen können. Ich erlaube mir, Ihnen dies mitzuteilen, weil ich Sie bitten möchte, uns von Partei wegen beim Reich(Reichs- innenminister) und bei Preußen energisch zu unterstützen, daß unserem Antrage Folge gegeben wird. Die Reichs- leitung ist durchaus bereit, den Erfordernissen des Saar- Kampfes in der allerweitgehendsten Weise nachzukommen, sie muß aber auf der anderen Seite ganz naturgemäß darauf seben, irnfc ihr Dienst und finanzieller Apparat dabei nicht zu schwere» Störungen kommt. Soll den Erfordernissen der Saarländer Gerechtigkeit widerfahren— wir wollen hier tun, was wir können—, so muß uns auf der anderen Seite geholfen werden, daß wir es können, und deshalb bitte ich sehr ergebenst, unseren Antrag von feiten der Landesleitung Saar aus beim Reich und Preußen zu unterstützen. Mit dem Ausbruck meiner ausgezeichneten Hochachtung verbleibe ich mit H e t l H i t l e r! gez. Unterschrift. ♦ Anlage 2: Die Reichslcitung des Arbeitsdienstes Nr. APA 1610/38 Mbg. Bd. Berlin NW. 40. den 18. 10. 1933. Scharnhorststraße 85. An die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Saargebiet Saarbrücken Waterloostraße IIa. Sehr geehrter Herr Staatsrat! Ihr Brief vom 1. Oktober 1938 an Herrn ReichSarbeits- minister Selbte ist von diesem an mich zuständigkeitshalber abgegeben morden. Ich erlaube mir, Ihnen in Anlage Abschrift meines An- träges an den Herrn preußischen Innenminister und den Herrn Reichsinnenminister zu übersenden, aus dem Sie er- sehen wollen, daß von hier aus alles getan wird, um eine umfangreiche Aufnahme von Saarländern in den Arbeits- dienst zu ermöglichen. Ich teile Ihnen mit, daß ich vorsorglich außerdem eine Verfügung erlassen habe, laut der diejenigen saarländischen Arbeitswilligen, die im Dienst stehen, vorläufig nicht zur Entlassung kommen, wenn sie die Förderzeit hinter sich haben bzw. das 25. Jahr erreicht. Ich hoffe, daß ich auf Grund der Verhandlungen diese Verfügung bald in eine ständige abändern kann, die ihre Geltungsdauer bis zur Abstimmung behält. Sehr dankbar wäre ich, wenn Sie in Ihrer Eigenschaft als LandessüHrer des Saargebietes meine Anträge beim preußischen Innenminister und Reichsminister Ihrerseits unterstützen wollten. Heil Hitler! gez. Hierl. * Anlage 8. RL. d. AD. Berlin, den.Oktober 1983. An die Herren Preußischen Minister des Innern, Reichsminister des Innern. Betrifft: Einstellung von Saardentschen in den Arbeitsdienst. Ich erlaube mir, nachstehendes ergebenst darzulegen: Es ist sowohl von feiten der NSDAP., Landesleitung Saar, wie auch von feiten des Herrn Saarrefcrenten beim preußischen Miniirerium des Innern die Forderung an die Reichsleitung des Arbeitsdienstes gestellt worden, über die schon mehrere tausend Mann zählenden Saardcutschcn im AD. hinaus 5000 Mann in den AD. zu übernehmen. Die Reichsleitung verkennt in keiner Weise die sehr ernsten staats- und nationalpolitischen Gründe, die zu dieser For- derung geführt haben: sie ist im Grundsatz durchaus bereit, dieser Forderung nachzukommen. Andererseits muß die Reichsleitung darauf aufmerksam machen, daß ihr erhebliche organisatorische und finanzielle Schwierigketten durch die Aufnahme von rund 10 000 Saardeutschen in den Arbeits- dienst erwachsen, denen eine besondere Schulung zuteil werden und denen der Verbleib im AD. über die bestimmungsgemäß festgelegte Förderungsdaucr hinaus bis zur Abstimmung im Jahre 1935 gestattet werden soll. Tic finanziellen Schwierig- leiten, die durch den dem AD. gestellten engen Haushalt- mäßigen Rahmen bedingt sind, dürften am zweckmäßigsten dadurch zu beheben sein, daß Reich und Preußen die Kosten für die Unterbringung von 10 000 Saardcutschcn ans ein- einhalb Jahr, die mit 12,9 Millionen Mark zu veranschlagen sind(vgl. Ausstellung in der Anlage), je zur Hälfte über- nehmen. Diese Maßnahme erscheint um so mehr berechtigt, als es sich um die Verwirklichung staatSpolitischcr Interessen handelt, die zu den Aufgaben des Reichs und des Landes Preußen gehören. Gedacht ist die Unterbringung de- Saardcutschcn«n folgender Weise: Die jungen Leute(zwischen 18 und 25) werden durch die Landesleitung Saar der NSDAP, der Reichsleitung des AD. aufgegeben. Die Reichsleitung der AD. verteilt diese jungen Leute auf dem Raum ostwärts der 50-Kilometerzone ostwärts des Rheins und westlich der allgemeinen Linie Stettin—Frankfurt(Oder)—Dresden gruppenweise. Sie werden in den einzelnen Bezirken in besondere Lager zusammengefaßt, die möglichst wieder enger zusammenliegen und denen, wie zwischen Landesleitung Saar und Reichsleitung noch endgültig zu vereinbaren, von der Landesleitung Saar besondere Lehrkräfte für die Einschulung für den Abstimmungskampf zur Verfügung gestellt werden. Die Lager werden den zuständigen Arbeitsgauvereinen auch verwaltungsmäßig unterstellt. Das Führerpersonal stellt der AD. Ich glaube, daß mit diesem Vorschlag ebenso den Interessen des AD. wie den national- und staatspolitischen Ersorder- nissen des Saargebietes Gerechtigkeit widerfährt, wobei im gegenseitigen Einvernehmen eine gründliche Betreuung der anvertrauten jungen Saarländer erfolgen kann. Da die Unterbringung der Saardeutschen außerordentlich dringend ist, bitte ich um b^-.-.e Mitteilung, von welcher Stelle die bis zum Schluß des Etatsjahres erforderlichen Mittel von 4,3 Millionen RM. zur Verfügung gestellt werden. Bandenflbcriali auf Abgeordneten Wachsende Unsicherheit an der Saar- Entführung eines Bombenwerfers aus dem Krankenhaus Der kommunistische Landesratsabgeordnete Sommer ist in der Nacht von Samstag auf Sonntag gegen 1 Uhr auf dem Wege vom Bahnhof Reden zu seiner Wohnung in Heili- genwald von etwa 20 Nationalsozialisten überfallen und halb tot geschlagen worden. Dieser Ueberfall auf Sommer war systematisch vorbereitet, wie folgende Tatsachen ergeben: Die„Deutsche Front" in Heiligenwald hatte tags vorher ein Hetzflugblatt gegen Sommer verbreitet, in dem er als„Lump" und„Landesverräter" beschimpft und in der übelsten Weise diffamiert ivutde. Ans dem Flug- blatt ging hervor, daß sich die Wut der Nazis besonders gc- gen die katholikcnsreundliche Haltung Sommers in seinem Torfe und in seiner Gesamtpolitik richtete, die nicht ohne unangenehme Wirkung für die braune Front geblieben war. An dem bewußten Abend des Uebersalls ist dann be- obachtet worden, daß die Nazis mit zirka 60 Personen einen regelrechten Patrouillendieust, unterstützt durch Fahr- und Motorräder, eingerichtet hatten und eine besondere Schläger- kolonne von etwa 20 Mann in Deckung hielten, die den ahnungslosen Genossen Sommer plötzlich umzingelte und mit Stahlruten, Turncrkeulcn usw. furchtbar zurichtete. Sommer, der ohne jede Waffe war, wurde schwer verletzt. Tie sozialdemokratische und die kommunistische Landes- ratsfraktion haben sofort die Einberufung einer außerordeut- lichen Lanbesratösitzung beantragt und beim Präsidenten ff kos der Regierungskommission, beim Präsidenten R o h d e der Abstimmungskommission und beim Gcneralfckrc- tär des Völkerbundes schärfsten Protest und flam- mende Beschwerbe erhoben. Befreit! Während der Kundgebung in Sulzbach am vergangenen Tonntag hatten bekanntlich einige junge Leute Tränengas- bouibcu nach der Rednertribüne geworfen. Als sie beobachtet wurden, versuchten sie durch die Flucht zu entkommen. Einer von ihnen, H e i d e m a n u mit Namen, der seiner Festnahme Widerstand entgegensetzte, war verletzt morden und befand sich zur Behandlung im Knappschaftskrankenhaus in Sulz- Vach. Tort hatte er, wie alle Patienten des Krankenhauses, seine Kleidung zur Desinfektion abzugeben und erhielt An- staltskleidung. Nun wird mitgeteilt, daß in der Nacht von Samstag auf Sonntag zwischen 2 und 3 Uhr Mitglieder e i n c r„u n b e k a n n t c n O r g a u i s a t i o n" in das Kran- kenhauS eindrangen, Heidcmann neue Kleidung brachten und ihn entführten. Tie sofort nach dem Verschwinden des H. angestellten Nachforschungen blieben ohne Ergebnis. So legal arbeiten die Herren der„deutschen Front". Erst werden ihre Leute mit Tränengasbombcn ausgerüstet und in antifaschistische Kundgebungen entsandt. Streng legal! Tann werben die Gefangenen von Richtern, die der„beut- schcn Front" nahestehen, entlassen. Streng legal! Bleibt noch einer zur Verfügung der Gerichte, so wird er gewaltsam befreit. Streng legal! Streng legal zersetzen die Putschisten in weiten Kreisen den Glauben an die Kraft der Regierungsautorität. Streng legal bereiten sie ihren„25. Juli" vor. Tie Welt wird ssch wundern, was sie im Saargebiet noch erlebt, wenn diese Legalität noch einige Zeit sich entwickeln darf. Saarländisches Postgeheimnis Braune fälsdierfronl und ungetreue Postbeamte Mit allen Mitteln versucht die sogenannte Deutsche Front an der Saar die gewaltige antifaschistische Kundgebung von Sulzbach, die in der ganzen Welt Aufsehen erregt hat, zu verkleinern. Die Zeitung„Deutsche Front" veröffentlichte den angeblichen Text eines Telegramms, das am 24. August an eine Reihe von Funktionären der sozialdemokratischen und kommunistischen Partei abgegangen war. In der Ver- össentlichung der„Deutschen Fron t" hat das Tele- gramm diesen Wortlaut: „Fahrkarten für Snlzbach werden Samstag durch Boten zugestellt." „Die„Deutsche Front" zittert das Telegramm zum Beweis dafür,„daß die Eiiiigrantcntagung der„Hunderttausend" eine Pleite war, obwohl die Teilnehmer völlig freie Fahrt nach Tulzbach hatten. Trotz Freibier und Würstchen, trotz freier Fahrt waren in Sulzbach nicht einmal 12 000 ein- schließlich Weibern und Kindern versammelt." Die„Volksstimme" weist nun durch ein in Faksimile abge- drucktcs Telegramm nach, daß es in Wirklichkeit folgenden Wortlaut hatte: „Fahrkarten für Sulzbachfahrer werden Samstag durch Boten zugestellt. Gesamtbetrag für Fahrkarte» bereithalten." Tie„Deutsche Front" hat also gefälscht. Die„Volksstimme" schreibt weiter: Daß die Hitler-Front sich bei diesem schimpflichen Ge- schäft auch einiger ihr höriger Postbeamten bedienen kann, verwundert niemanden mehr, der seit langem der festen Meinung ist, daß das Postgeheimnis im Saar- gebiet n i cht mehr v o l l st ä n d i g gewährt ist. In diesem Fall tritt der Bruch offen zu Tage- Es wird leicht sei», die Schuldigen mit aller Schärfe zu treffen. Der Telegrammtext wurde am Freitag, dem 24. August, um 12 Uhr von einem zuverlässigen sozialdcmokra- tischen Funktionär am Tclegraphenschalter dcS Postamtes 3 Saarbrücken. T u d w e i l e r st r a ß e, ausgegeben. Und zwar derart, daß zuerst die Adressen der verschiedenen Empfänger auf einer Liste uiitereinaudcr aufgeführt waren, denen sich dann der für alle Empfänger gleiche Tele- g r a m in t c x t anschloß. Ter Schalterbeamte machte zunächst i'Nverständlichcriveise Schwierigkeiten, denn er verlangte für jeden Empfänger die Ausfüllung eines besonderen Telegrammformulars. Es gelang schließlich dem Auflieferer des Telegramms, den Beamten zur Entgegennahme des Textes und der Euipfängcrliste zu bestimmen. Tic Liste der Empfänger, die nur in einer ein- zige» Ausfertigung existierte, da es ssch um eine Zusammenstellung von sozialdemokratische» und komm»- nistischen Funktionären handelte, blieb in de» Händen des Schaltcrbcamten. Acht Tage später, am 31. August, wird sie in der„Deutschen Front" verössentlicht. Zugleich mit dem in leicht erkennbarer Absicht vcrstikiimeltcn Telegramm- text. Bei der Untersuchung dieses offenbaren Postskanbals sind wir auf eine neue Tatsache gestoßen, die auf ein unglaublich enges Zusammenarbeiten zwi- scheu Stellen der Hitler-Front und Postbeamten der Böl- kerbiindsregicrung hindeutet. Unter den von uns sofort von de» Empfängern angeforderten Telegrammen befindet sich bis jetzt eins, in dem der legte und entscheidende Sag, der zur Bcreithaltung des gesamten Fahrgeldes auffordert, fehlt. Ter Empfänger dieses Telegramms wohnt in Saarbrücken 1. Diese Feststellung erleichtert natürlich das Ausfinden der Schuldigen. Wir haben es hier mit der schändlichsten und durchsichtig- sten Fälschung zu tun, die je im politischen Kampf an der Saar verübt wurde. Neue Sdircdiensdohnrnenie Endlich sagt eine gleichgeschaltete Zeitung die Wahrhell Ober unerhörte Greuel Die gleichgeschaltete ,,Saarbriicker Zeitung", die bisher alle Hitler-Greuel als„Emigrantenmärchen" abgetan hat, ist in sidt gegangen. Zur allgemeinen Ueberraschung bringt sie in sensationeller Aufmachung einen Bericht über„Terror und Folterkammer n". Die wesentlidien Teile des Aufsaßes lauten: Obwohl die Behörden eine strenge Ucberwachnng des Grenzverkehrs durchgeführt haben, um jegliche Nach- richtsnübermittlung über die verübten Gewalttaten und Brutalitäten zu unterbinden, sind Schilderungen dieser grauenerregenden Vorgänge über die Grenze gelangt. Lei den vorliegenden Berichten handelt es sich um beglaubigte und eidlich erhärtete Augciizeugenschildcrungcn, die in ihrer tragischen und zugleich packenden Darstellung nicht nur in Deutschland, sondern in der übrigen zivilisierten Welt tiefsten Abscheu erwecken werden. Orgien des Terrors Zeugen- um Zengenbcrlchl liegt vor- Nicht nur gegen politisch tätige Personen, sondern gegen alle, was der Sympath'e mit Marxismus verdächtig war, richteten sich die Schikanen, Wutausbrüche und Gewalttätigkeiten. Seit Wochen gleicht Teutschland einem Zuchthaus, oder besser gesagt, einem Heerlager brutalisiertcr Soldateska, wo Kolbe n schlüge, Fußtritte und Peitschen- hiebe noch die geringste Strafmaßnahme bedeuten. Einzelne Fälle mögen den Nachweis erbringen, wie hier die Freiheit der Staatsbürger buchstäblich mit Füßen getreten und die Bevölkerung in unglaublichster Weise drangsaliert worden ist. Fußtritte für marxistisch« Gesinnung So wurde ein bekannter Rechtsanwalt, Dr. T., der poli- tisch niemals hervorgetreten war, in seiner Kanzlei von sünf Leuten verhaftet und im Kraftwagen zur Landes- lcitung transportiert. Im Magen schon wurde er geohr- fcigt, gestoßen und augespicu. In den Diensträumen der Landesleitung wurde die Mißhandlung sortgesetzt. Mit Fußtritten und Kolbenschlägen wurde der Verhaftete trak- tiert, bis er schließlich mit schweren Ttirnwunden und Hautabschürfungen am ganzen Körper bewußtlos zu- sammenbrach. Ter aus der Ohnmacht später Erwachte mußte dann zusehen, wie die übrigen Gefangenen unter Androhung von 25 Peitschenhieben von der Soldateska ge- zwungen wurden, stinkige Salzheringe ohne Wasser und ohne Brot hinunterzuschlingen. Das tierische Gelächter der Strolche ist allen im Ohre geblieben, die Zeuge dieser Exzesse waren. „Sie Schwein, das wissen Sie nicht!?" Ein anderer Augenzeuge berichtet. Ein Mitglied des Turnvereins wurde, während er mit einem Freunde auf der Straße einen Sonntagsanöflug in die Berge verab- redet, verhaftet. Auf die Frage nach den Gründen seiner Inhaftierung, schrie ihm der Mann ins Gesicht:„Sie Schwein, das wissen Sie nicht?" In dem gleichen Augen- blicke setzte es Ohrfeigen, Fußtritte und Kolbenichläge ab. Mehrere Leute beteiligten sich daran. Dann wurde der In- haftierte in einen Ncbenraum gestoßen, wo er schließlich unter den Fußtritten und Faustschlägen bewußtlos zu- sammenbrach. Selbst auf dem Bewußtlosen trampelten die Leute noch herum. Zwei Tage später, am ganzen Leibe zerschundcn und mit Striemen übersät, wurde er entlassen. Die gleichen Mißhandlungen erfuhren drei angesehene Bürger, die beim Verlassen eines Kasteeyauscs rn Gegen wart von benachbarten Polizeibeamtcn überfallen wurden. Erst als die Menge eine drohende Halmng einnahm, sahen sich die Beamten veranlaßt, einzuschreiten, um die Jnhot tierten brutal zur Wache zu schleifen, wo sie in Emp.ang genommen und sinnlos blutig geschlagen wurden. Polizei darf nicht einschreiten! Nicht umsonst ist der Eindruck entstanden, daß die Polizei amtliche Weisung erhalten habe, alle Gewalt maßnahmen zu übersehen. Täglich haben sich die Nebenan auf harmlose Passanten gemehrt. Jede Nachts waren heim- tückische Gcwaltmaßnahmen zu verzeichnen, so wurde u. a. ein 40jähriger Bürger, der bereits wegen seiner Ein- stellung eine dreimonatige Hast im Konzentrationslager verbüßen mußte, auf offener Straße windelweich ge- schlagen. Benachbarte Polizcibeamtc überhörten die grau- sigen Hilferufe des Gemarterten. Es ist festgestellt worden, daß tatsächlich die städtische Schutzmannschast durch Vcseyt von höchster Stelle vom Einschreiten gegen derartige Ver- brechen abgehalten wurde. Schließlich griff die Volksmeng ein. Blutüberströmt, nur mit letzter Anstrengung sich aus- recht haltend, vornübergebeugt, weil sein Rücken elendig lich zerschunden war, wurde der Schwerverletzte ichneßnw in die Mitte genommen, ohne daß diese sich aber darum kümmerten, daß der am ganzen Leibe zitternde Mann weiterhin von rückwärts durch die Leute mit schlagen uno Fußtritten traktiert wurde. Ter Weg. den die Polizei- eskorte mit dem Häftling nahm, war durch eine breite Blutbahn gezeichnet. Mitte August befand sich der Mann immer noch im Gefängnis. u Wenn so etwas bei uns steht, sind es„Greuelmärchen oder ist es„Greuelhetze". Freilich ohne daß wir in über 14 Monaten ein einziges Mal in unserer Berichte? st attung über die deutschen Hitlergreuel hätten widerleg! werden Können. Run stehen solche„Greuel" in der gleichgeschalteten Presse. Wie ist das möglich? Sehr einfach. Diese Presse berichtet solche Greuel aus Oesterreich, wo sie, woran wir nicht zweifeln, von Heimwehrleuten gegen Nazis verübt werden. Im Grunde sind es ja dieselben barbarischen Banden. Die Zeitungen aber, die verlogen und verkommen alle Bestialitäten in Hitlerdeutschland verschweigen, wo sie hunderttausendfach gegen Marxisten und Juden verübt worden sind und noch verübt werden, wirken ekelhast, wenn sie über die österreichischen Heimwehren sich entrüsten. Dies um so mehr, als ein Unterschied immerhin besteht: in Hitlerdeutschland würde die Polizei nicht wagen, gegen Folterknechte in Hitleruniform einzuschreiten:„Volks- mengen", die sich einmischen wollten, würden nieder- geknüppelt und niedergeschossen werden und schließlich: in Oesterreich hat das Staatsoberhaupt noch nicht sich zum Obersten Gerichtsherrn ausgerufen und Morde an Unschuldigen für„rechtens" erklärt und Mörder öffentlich belobt. Ist das nun eine„Beschimpfung" des deutschen „Führers"? Dann müßte er sich in seiner Reichstagsrede vom 13. Juli, die diese Bekenntnisse der Hitlerseele ent- hält, selbst beschimpft haben. Eine ölllidic Naive Wie sie kindische Fragen stellt Die früher katholische Taarbrllcker„L a n d c ö- Z e i t u n g" schreibt: „Die zügellosen Angriffe, die vor längerer Zeit in einer gewissen Presse gegen die chrfurchtgcbictende Persönlichkeit des K a r d i n a I s F a u l h a b c r geführt wurden, sind seil einigen Monaten verstummt, so daß wir hofften, die Geg- ncr des Kirchcnsürstcn hätten ihr keineswegs immer sau- bcres Kriegsbeil begraben. Leider hoben.wir ihr Scham- gestthl überschätzt. Das beweisen zwei neuerdings crschic- ncne Schmähschriften, die in erschreckender Weise zeigen, bis zu welcher moralischen Tiefe der Mensch sich ernied- rigcn kann, wenn ungehemmter Haß ihn treibt. Tie eine Schrift betitelt sich:„T e u t an Faulhaber". Tic be- ginnt:„Lieber Faulhaber, Tu wunderst Dich, baß ich Dir nicht„Kardinal" sage? Höre! Hier bei Allvater, wie meine Nachsahren ihn nannten und nennen, den Du und die Tci nen Jehova oder Jahwe nennen, gelten die Unterschiede im Rang nicht mehr..." Die zweite Schrift trägt folgen den Titel:„Der F ü r st e r z b i s ch o i K o h n an sei- nen geliebten Bruder, den Fürsterrbischo' Faulhaber". Sie beginnt:„Geliebter Bruder in Christo! Kairouschc!(Wahrhastig), wie habe ich mich er- freuet an den herrlichen Worten, so Du in Deinen Ad vcntsprcdiglen in St. Michael zu Mcm(München) ge'un den! Mein Herz hat gelacht, und Kol! Jschrvl, mein Volk, hat gerufen:„Hoschanna, der Gallach(Priester) spricht nir uns!"— Und sie haben gedrückt eppes von Deine Predig ten in ihre Zeitung, und wieder gedrückt und wieder— und eso bist Tu geworden ständiger Mitarbeiter vons Israelitische Familicnblatt! Ich danke Dir, o Bruder, für diese Deine mannhaften Worte, so Du den Kindern Israels gewidmet! Denn Dein Wort ist mächtig! Du bist e großer Balmach(Soldat) der streitenden Kirche, und e Streiter mit geistigen Waffen nebbisch!... Wir fragen: Wie lange dürfen solche Dokumente mensch- licher Gemeinheit und Albernheit in einem Staate vertrie- bcn werden, in dem die Ehre der Kirche und ihrer Diener durch feierlichen Vertrag geschützt ist?" „Und ein Narr wartet auf Antwort" vom„dritten Reiche" und von seinem„katholischen" Staatsoberhaupt. Wir aber fragen die Katholiken an der Saar, in welchen Zeitungen auf deutschem Boden sie noch ihren Glauben und ihre Kirche verteidigen könnten, wenn auch das Saargebiet unter die Stiefel der braunen Barbaren geriete? Nur unter dem Schutz der Rcgierungskommissiou des Völ- kerbundes darf eine Frage wie die in der„Landes-Zcitung" überhaupt gestellt werden« Kerker fiir Illegale Gefängnis und Zuchthaus für Sozialdemokraten Berlin, 2. Sept.(Jnpreß): Der 4. Strafsenat des Kammer- gerichts verurteilte 10 ehemalige Mitglieder der Tozialdcmo- kratischen Partei, die der Aufrcchterhaltung einer verbotenen Organisation und der Verbreitung hochverräterischer Druck- schritten beschuldigt waren, zu Freiheitsstrafen von 17» Jahren Gefängnis bis zu 27, Jahren Zuchthaus. &eutsefie Stimmten• Beilage«???„!Dcuts&en-Jreifkeit"• Ereignisse und Qesdi itfkticti £ysaadecs Sinei Diktatoeen des Altertums Im Wechsel der Geschichte der griechischen Stadtstaaten •pielt der spartanische Staatsmann Lysander eine Rolle, über die der Biograf Plutarch, gestorben zirka 120 1- Chr., in seinen„Lebensbeschreibungen" eingehend berichtet. Es sind seit Lysander fast 2400 Jahre vergangen. Sehen wir zu, wieweit sich inzwischen die Welt geändert hat. Wir zitieren Plutarch fast wörtlich. Uysander war von Natur gegen die Großen und Mächtigen geschmeidiger, als sich von einem Spartaner erwarten ließ und wußte, wo es sein Vorteil mit sich brachte, ihren drückenden Stolz leicht zu ertragen. Ehrbegierde und Streitsucht «lebten ihm sein ganzes Leben lang an. Zwar nicht in seinen früheren Jahren, aber im Alter hatte er einen Hang zur Melancholie. In seiner Gegnerschaft gegen die Demokratie ließ Lysander aus den Städten diejenigen Männer zu sich nach Ephesus kommen, von denen er wußte, daß sie sich durch Herkunft und Gesinnung vom breiten Volke abhoben, und legte damit den ersten Grund zu jenen Umwälzungen, die nachher fast im ganzen griechischen Kulturkreis unter seinem Einfluß Zu m Sturz der Demokratie und zur Errichtung von Diktaturen führten. Diese Männer ermunterte er, mit einander in enge Verbindung zu treten und jhr Augenmerk auf die öffentlichen Geschäfte zu richten. Seine bisherigen Freunde brauchte er zu den wichtigsten Geschäften, erhob sie zu Ehrenstellen und Aemtern bei der Armee und nahm sogar, um sie emporzubringen, an ihren Ungerechtigkeiten und Verbrechen teil, so daß sie alle fest an ihm hingen, ihm völlig dienten und innig zugetan waren in der sicheren Hoffnung, alle ihre Wünsche, wie groß sie auch wären, erfüllt zu sehen, wenn er der Führer blieb. In allen Städten freuten sich bei seiner Ankunft die Volksleinde. Denn sie hofften, daß sie zur Macht gelangen würden, w enn Lysander die demokratische Verfassung gänzlich ab- 8m Geheimen aber machte er ihnen die heftigsten Vorwürfe Und hetzte sie auf, die Volkspartei anzugreifen. Als sie daraufhin tatsächlich zu den Waffen griffen, ermahnte Lysander «ogar das Volk, guten Mutes zu sein und nichts Uebles zu befürchten, da er ja zugegen sei. Diese betrügerischen Rosse «Pielte er in der Absicht, die Häupter und eifrigsten Anhänger der Volkspartei zu täuschen, damit sie nicht entfliehen, sondern in der Stadt bleiben und hingerichtet werden können. So geschah es auch, alle die «einen Versicherungen getraut hatten, wurden ermordet... Us waren achthundert an der Zahl. Ein Ausspruch Lvsanders wird berichtet, der von seiner Mißachtung der Heiligkeit des Eides zeugt: Kinder Oüise man mit Würfeln, Männer aber mit Eidsehwüren betrügen. Ueberall hob Lysander die Volksvertretungen auf und ließ in jeder Stadt einen Statthalter und zehn Magistratspersonen zurück, die aus den von ihm in den Städten errichteten pol,- tischen Gesellschaften genommen wurden. So verfuhr er ohne Unterschied in den feindlichen wie auch in den ver- bündeten Städten und sicherte sich damit die Ilerrscha.t uuer Sanz Griechenland. Bei der Wahl der Magistratspersonen, die den Statthaltern beigeordnet waren, sah man weder auf Reichtum noch Stand, doch mußten sie zu seinen vertrauten Anhängern gehören. Ihnen erteilte er das Recht zu belohnen Und zu bestrafen, half ihnen, ihre Gegner vertreiben und lohnte oft seihst den Hinrichtungen bei. Nirgends uberlieB er dem Volke die freie Wahl seiner Einrichtungen. Uebera Wurden viele umgebracht oder des Landes verwiesen. Dies icae, dies Uta So gelangte Lysander zu einer Macht und zu einem Ansehen wie noch kein Grieche vor ihm und trug dabei einen Hochmut und Stolz zur Schau, der sein Ansehen noch weit überstieg. Er war der erste Grieche, dem die Städte wie einemGott Altäre erbauten und Opfer brachten. Ihm zu Ehren wurden zuerst Hymnen und Loblieder gesungen wie diese: „Ihm, des preislichen Griechenlands Führer, wollen wir besingen!" Die Sarnier beschlossen sogar, das Fest der Göttin Hera von nun an Lysan- dria zu nennen. Der Zithersänger Aristonos, der bereits sechs Preise errungen hatte, ging sogar so weit, daß er Lysander, um ihm seine Ergebenheit zu beweisen, versprach, er werde sich, wenn er wieder singen würde, für dessen Sklaven ausgeben. Als die Athener sich gegen die Diktatur empörten, aber unterlagen und aus der Stadt flüchten mußten, ordnete Lysander an, daß die, Flüchtlinge wo immer ergriffen und ihm ausgeliefert werden mußten. Wer ihnen Gastfreundschaft gewährte, sollte als Feind angesehen werden. Dagegen beschlossen die Thebaner, daß den hilfsbedürftigen Athenern jedes Haus und jede Stadt in ihrem Gebiete offenstehen sollte und wer einem Flüchtling keine Hilfe leistete, sollte mit einer hohen Geldstrafe belegt werden. Wenn aber jemand Waffen nach Athen gegen die Tyrannenherrschaft führte, sollte es kein Thebaner sehen oder hören. Daraufhin zog Lysander mit Heeresmacht gegen Theben. Die Thebaner erwarteten ihn in aller Ruhe. Als er sich mit dem Vortrabe der Stadtmauer näherte, brachen sie unversehens zum Tor heraus, fielen über ihn her und töteten ihn. Kutusow, Die£iteeatue des Antifaschismus Der Moskauer Schriftsteller-Kongreß Der in Moskau tagende Kongreß der sowjetrussischen Schriftsteller, an dem von deutscher Seite unter anderen Ernst Toller und Balder Olden als Gäste teilnehmen, hat das von Heinrich Mann an den Kongreß gerichtete Schreiben durch ein Begrüßungsschreiben beantwortet. Der Schriftsteller Louis Aragon richtete an die von den Nazis gefangen gehaltenen deutschen Schriftsteller Ludwig Renn und Carl von Ossietzky einen brüderlichen Gruß im Namen der französischen antifaschistischen'Schrift- steller. Einen wesentlichen Raum in den Diskussionen nahm auf dem Kongreß die antifaschistische Literatur des Auslandes, insonderheit die deutsche antifaschistische Literatur ein. In seinem Bericht über die internationale Literatur erörterte Radck die Rolle des Schriftstellers im Kampf gegen Krieg und Faschismus. Radek unterstrich die Anstrengungen revolutionärer Schriftsteller wie Becher und Plivier, die erste Schritte der proletarischen Literatur gegen den Krieg bedeutet hätten. Diese Literatur, die an die Massen appelliere, stehe nicht nur in Opposition gegen die den Krieg ideologisch vorbereitende faschistische Literatur, die von den Jobst, Beuroelburg und andern Autoren ohne Wert repräsentiert werde, sondern ebenso gegen die pazifistische Literatur, deren bekanntester Repräsentant Remarque sei. Der völlige Absturz der pazifistischen Ideen in der Literatur werde illustriert durch das Schick al dieses Schriftstellers, der nicht gegen den Faschismus, dieses Regime der Kriegsvorbereitung, habe kämpfen wollen und der gezwungen gewesen sei, aus dem Lande des Faschismus zu fliehen. Die Frage, was Faschismus für Kultur und Literatur bedeute, sei eine Frage von höchster Bedeutung. Radek wies auf die Bemühungen von Goebbels und Rosenberg hin, aus der deutschen Literatur den Wortführer der faschistischen Ideologie zu machen und alle unabhängigen und aufrichtigen Schriftsteller in Konzentrationslager einzusperren. Der deutsche-Schriftsteller Willi Bredel wies darauf hin, daß bis heute nicht weniger als sechs Schriftsteller in den Konzentrationslagern, nach unmenschlichen Mißhandlungen, ermordet worden sind. Die antifaschistische Literatur emigrierter Schriftsteller nehme trotz aller Seit Winzigkeiten bereits einen wichtigen Platz in der internationalen Literatur ein; zu gleicher Zeit würden von antifaschistischen Schriftstellern, die in Deutschland geblieben seien, Werke von hohem künstlerischem Wert geschaffen. iQ-etid in£kstase nst, fast tcauciq sahen uxic ihn uoc uns stehen" VAV n braunen Rattenfängern, die Deutschland versklavt a"s einem Volk mit wacher Intelligenz einem resig- "den, indifferenten Haufen von stumpf und dumpf Ge- e nen gemacht haben, ist es in besonders hohem Maße 'gen. die Jugend für ihr verbrecherisches Spiel einzu- ■n. In der„Mitteldeutschen Nationalzeitung" vom 18. findet sich der Bericht eines Hitlerjungen, dem es, wie ledaktion im Vorwort mitteilt,„vergönnt" war, den er in seinem Landhaus in Obersalzberg zu sehen- it hatten," so berichtet der Junge,„nun schon so viel en und erlebt. Endlich sollte es uns vergönnt sein, das des Führers auf dem Obersalzberg zu sehen." er es kommt noch schöner. Nicht allein das Landhaus Hem toten Inventar sollte zur Besichtigung freigegeben n, auch das Prunkstück der Villa, ER persönlich stand Bestaunen zur Verfügung:„Niemand konnte sich jedoch e Ueberrasrliung vorstellen, als wir hörten, daß Adolf r während der Nacht auf dem Obersalzberg angekommen R geraten die aufgeputzten Jungen inEkstase:„Die 'ung, unseren Führer zu sehen, trieb uns zu immer rer Eile. Als erste kamen wir am Hause an. Doch 5S.-U ache sperrte den Zugang zum Hause Wachenfeld,' Er hat Furcht vor der allzunahen„Liebe" seines Volkes. Selbst den gläubigen Jungen mißtraut er. Und so dauerte es lange, lange, bis sie IHN bewundern können.„Stunde um Stunde verrannen. Von Berchtesgaden kamen Dutzende von Autos, die Straßen waren dicht umsäumt." Die Majestät aber weiß, was sie ihrem Diktatoren an Prestige schuldig ist. Sie läßt die Canaille warten, bis sie schwarz wird. „Endlich, sechs Stunden hatten wir schon gewartet, erschien auf der Terrasse des Hauses der Adjutant des Führers, Brückner, und gab die NotwendigderEr holung undEntspannung des Führers zu verstehen." Und nach dieser effektvollen Ouvertüre, nach dieser warmen, leicht elegischen Fanfare des treuen Leibsekretärs läßt ER die Jungen ihm„nur einen Augenblick ins Auge schauen". Ausgeruht und entspannt„schritt er langsam von seinem Heim zu uns herab. Umbraust vom Jubel der Menge, begrüßt von uns". Doch der eitle Cäsar weiß auch, die tremulierenden Saiten der Rührseligkeit anzuschlagen:„Ernst, fast traurig, sahen wir ihn vor uns stehe n," so ereifert sich, naiv und fast rührend die Kitschgesänge der Großen nachäffend, der Hitlerjunge. Wie fürchterlich, wie unerbittlich wird diese verführte und betrogene Jugend mit jenem Manne von Obersalzberg abrechnen, wenn sie erwacht sein wird, Es kommt der Tag der Rache, Fürwahr er kommt einmal Für die gerechte Sache, Für unsre Not und Qual. Dann gibt die Wahrheit Kunde, Wer für und mit uns war, Und alle Lumpenhunde Die werden offenbar. Dann haben wir gelitten Umsonst für Freiheit nicht, Und nicht umsonst gestritten Den Kampf für Recht und Licht. Es kommt der Tag der Rache, Fürwahr er kommt einmal Für die gerechte Sache, Für unsre Not und Qual. Hoffmann von Fallersleben. Das XMihum! Das Publikum! Es will nicht so wie Goebbels Goebbels„Angriff" klagt in seiner Weise über den Niedergang des deutschen Theaters und fordert noch mehr staatliche Beaufsichtigung der Privattheater. Warum? Weil sie bringen, was das Publikum ergötzt, und das sind immer Stücke, die von Hitlers Barden nicht gedichtet wurden. Die Folge:„Das Amüsiertheater blüht neben dem schwer ringenden Kulturtheater..." Goebbels junger Mann wirft einen bekümmerten Blick auf den„Programmzettel von Berlin". Nichts als alte Lustspiele von 1803 bis 1879, wozu auch der„artistische Snobist" Oskar Wilde gehört—„sämtlich Lustspiele der blamierenden Art, nämlich Schwanke", Und diese Schwänke „kehren an den Privattheatern ununterbrochen wieder... Man„trägt" Harmlosigkeit.in Form von Ulk und Klamauk wie ehemals Tendenz. Es ist zum Heulen!" Goebbels Leiborgan gesteht also, daß die Theater der Demokratie immerhin Tendenz, also Gesinnung hatten und daß das Publikum heute lieber in die harmlosen Schwänke des vorigen Jahrhunderts rennt, als daß es den langweiligen Mist der großen und kleinen Jobste über sich ergehen ließe. Dabei entschlüpft der braunen Klagefeder eine weitere Wahrheit: „Um das Risiko zu verringern, greift man den Plunder des vorigen Jahrhunderts auf, wie man vor kurzem noch pazifistische oder internationalistische Stücke aufgegriffen hat, weil sie Kasse machten." Bisher wurde von den verkannten braunen Dilettanten immer behauptet, die„pazifistischen und internationalen Stücke seien dem Publikum von„Theaterjuden" und jüdischen Verlagsgewaltigen geradezu diktatorisch aufgezwungen worden, jetzt gibt man in einer schwachen Stunde zu, daß diese Stücke aufgeführt wurden,„weil sie Kasse machten", daß sie also von einem breiten Publikum gefordert wurden und nach wie vor gewünscht werden, denn sie waren aus Gesinnungsfreiheit geborene Kunst. Dieses Resultat ist nach anderthalb Jahren Goebbelsscher Theaterdiktatur für die Nazis allerdings zum Iieuleu! Ein Schrei Die nazische„Liditbildbühne" verlautbart:„Beate Moleci» Moissi bittet uns um die Mitteilung, daß sie die deutscht Staatsangehörigkeit besitzt sowie rein arischer Abstammun( ist. Beate Moleen-Moissi hat durch anderslautende Gerücht« die in der Filmbranche kursierten, wiederholt Engagement! verloren." Goethe an die leaune JCünstlec Sowie ein Dichter politisch wirken will, muß er sich einer Partei hingeben, und sowie er dieses tut, ist er als Poet verloren; er muß seinem freien Geiste, seinem unbefangenen Ueberblick Lebewohl sagen und dagegen die Kappe der Borniertheit und des blinden Hasses über die Ohren ziehen: Der Dichter wird als Mensch und als Bürger sein Vaterland lieben, aber das Vaterland seiner poetischen Kräfte und seines patriotischen Wirkens ist das Gute, Edle und Schöne, das an keine besondere Provinz und an kein besonderes Land gebunden ist, und das er ergreift, wo er es findet. Er ist darin dem Adler gleich, der mit freiem Blick über Ländern schwebt, und dem es gleichviel ist, ob der Hase, auf den er herabschießt, in Preußen oder in Lachsen läuft. Und was heißt denn: sein Vaterland lieben, und was heißt denn: patriotisch wirken? Wenn ein Dichter lebenslänglich bemüht war, schändliche Vorurteile zu bekämpfen, engherzige Ansichten zu beseitigen, den Geist seines Volkes aufzuklären, dessen Geschmack zu reinigen und dessen Gesinnungs- und Denkweise zu veredeln: was soll er denn da Besseres tun? Und wie soll er denn da patriotischer wirken? Ich hasse alle Pfuscherei wie die Sünde, besonders aber die Pfuscherei in Staatsangelegenheiten, woraus für Tausende und Millionen nichts als Unheil hervorgeht. Eckermann's Gespräche mit Goethe, 2. Teil, Anfang März 1832. folgendes Kapitel: Einige Tage später. Es kann nicht Files ganz richtig sein in der Welt, weil die Menschen noch mit Betrügereien regiert werden müssen. * Georg Christoph Lichtenberg Ausgewählte Schriften, Allerhand, S. 201. Wahlnatälesc ran acr Wasserkante Wenig Freude für Adolf und seine Adüifchen h. b. An der Wasserkante haben sich aus Anlaß des Hitlerfchen Staatsstreichs und der dazu notwendigen Ab- stimmungskulifse eine Reihe von interessanten Vorgängen zugetragen, die mir festhalten, weil sie das Bild, das die große Politik der letzten Wochen bietet, trefflich runden. Do war zuerst die große Hamburger Kundgebung mit der Goebbels-Rede auf der Morrweide am 14. August. „Aus eigenem Antriebe kommen die vielen Hundert- taufende, um in einem überwältigenden Bekenntnis dem Führer die Treue zu beweisen und den Worten des Mannes zu lauschen, dessen unerhörter Beredsamkeit die geistige(!) Eroberung der Reichshauptstadt in erster Linie zu danken ist... Das war das Bekenntnis des Volkes selbst, das allen Lügen und Hetzen zum Trotz seiner inneren Stimme folgte!!!" so jubelte das Hamburger Raziblatt am Tage nach der Kundgebung. Wie diese innere Stimme, der das Volk folgte, aussah, zeigt uns das nachstehende, an die Arbeitnehmer der GEG. Groß-Hamburg verteilte Rundschreiben, das uns im Original vorliegt: »Zu der am Dienstag, dem 14. August 1934, stattfinden- den Rede von Dr. Goebbels aus der Morrweide tritt die Kakao- und Schokoladenfabrik um 7.29 Uhr geschlossen am Meßbcrg aui dem Platz der Süderhalle an der Wasserseite an. Die Vertrauensleute haben dafür zu sorgen, daß alle Belegschaftsmitglieder daran teilnehmen. Fernbleiben gilt nur für die Mitglieder der SA., SS., PO., BdM., falls für dieselben Dienst angesetzt sein sollte, was den de- treffenden Vertrauensleuten vorher schriftlich zn be- stätigen ist. Erscheinen i st Pflicht! Hamburg, den 13. August 1934. Betriebszcllenobmann i. V. Loeffel. Stempel: Reichsbund der deutschen Verbrauchergenossenschaften GmbH. „®(£G" Hamburg Kakao- und Schokoladenfabrik Hamburg. Solche„innere" Stimme hat es eben manchmal in sich, ein wenig dringlich zu erschallen. * Auf Befehl der Hambuger Oberschulbehörde sind die Hamburger Volksschulkinder systematisch in den Wahl- dienst eingesetzt worden. Sle mußten tagelang vor der Wahl eine Reihe von Propagandaversen einüben, die sie in sogenannten Werbekolonnen auf den Straßen und Plätzen der Stadt unter Leitung ihrer Lehrer klaffen- weise herschreien mußten. Einer dieser Werbesprüche hatte folgenden Text: Heil Hitler! Du sollst Führer sein! Wir folgen Dir auss neue, von Memel bis zum deutschen Rhein schwörn mir den Eid der Treue. Heil Teutschland! Deine Jugend ruft, will kämpfend für Dich sterben. Wer un s nicht folgt, der ist ein Schüft, soll wie ein Hund verderben. Auch dieser sinnige kleine Spruch aus jugendlichem Munde beweist wieder einmal die Richtigkeit der national- sozialistischen Behauptung, daß der Gedanke der Volks- gemeinschaft marschiert. # Auch in anderer Weise wurde die Schuljugend in den Abstimmungksrjampf eingesetzt. Die Lehrer hielten ihre Sprößlinge an. selbst Flugblätter für die Wahlparole zu schreiben oder zeichnen und in die Häuser der Nachbar- schaft zu tragen. Auch uns hat so ein Zettel eines folg- famen Schülers erreicht, dessen Wortlaut so aussieht: „Volgsgenosse!!! Ferörau den sührcr! Hitler hils den Volk attseiner Noht. stemmt ale mit ja!" Nach der Orthografie zu urteilen, handelt es sich bei diesem Schüler um einen Angehörigen der Hitlerjugend, der seinen Dienst mit Auszeichnung versieht. * In Schleswig-Holstein wurden einige Tage vor der Wahl zahlreiche Briefe versandt, in denen die Empfänger aufgefordert wurden, mit„Nein" zu stimmen. Diese Zettel sind den— ach so starken Nationalsozialisten so stark auf die Nerven gefallen, daß sie in der„Schleswig- Holsteinischen Tageszeitung" Nr. 194 folgendermaßen darüber weinen: „So arbeiten die V o l k s s e i n d e! jn. Marne. Gestern morgen erhielten mehrere Einwohner der Stadt Briefe zugesandt, deren Inhalt sie anffordcrtc, die Volks- bcfragung mit„Nein" zn beantwoktcn. Adolf Hitler er- fülle sein Programm doch nicht und könne seine Ver- sprechungen doch nicht einlösen. Mit ähnlichem wurde versucht, das große Werk des Führers zu zerstören und die Volksgemeinschaft zn vernichten. Hoffentlich gelingt es, diese Verräter am deutschen Volke zu ermitteln und unschädlich zu machen." Wie uns von mehreren Seiten oersichert wurde, ist es ein herrliches Gefühl für die illegal arbeitenden Anti- faschisten, zu wissen, wie sehr schon die vorläufig noch primitive Art der illegalen Arbeit den großschnauzigen Gegner in Schrecken versetzt hat. Wie groß wird der Er- folg erst sein, wenn der illegale Apparat noch besser aus- gebaut sein wird? * Die„Braunschweigische Landeszeitung" hat sich in ihrer Wohlbetrachtung ein neckisches Kleiyes— allerdings unfreiwilliges Geständnis geleistet. Hier ist es: „.... Das Volk... hätte die Stelle, an die es sein Kreuz zu zeichnen hatte, wohl auch im Dunkeln gesunden. ... Auch die Fingerfertigkeit der Kartei- und Wahlleitcr ließ ähnliche Schlüsse zu..." Aber liebe Landeszeitung! Wozu diese Offenherzig- Keiten. Wenn auch allgemein bekannt ist. daß Geschwindigkeit keine Hexerei ist. braucht man doch nicht immer wieder mit der Nase drauf zu stoßen! ♦ In Barmstedt wollte ein übelberüchtigter Chauffeur, der im Nebenerwerb ein wüster Parteigänger des Osaf und zugleich ein großer Zecher vor dem Herrn ist, im Suff die Barmstedter Volksgemeinschaft vervollkommnen. Er ging nach dem Stoppelmarkt in ein vollbesetztes Lokal, randalierte wie ein Wilder und schäumte über in Be- geisterung für seinen Führer. Schließlich beschuldigte er einen harmlosen Mitbürger, der einen friedlichen Schop- pen trank, er habe mit„Nein" gestimmt und müsse dafür aufgehängt werden. Da sich niemand der anwesenden Gäste und auch der Wirt nicht getraute, dem Angehörigen der Reichskanzler- Partei sein Tun zu untersagen, steigerte sich der besoffene Deulsdicr Arbeiferbrief „In unserem Betrieb herrscht Redefreiheit" „Seit nahezu zehn Jahren bin ich in einer mittelgroßen Druckerei, Akzidenzabteilung, tätig, und ich hatte in dieser Zeit genügend Gelegenheit, meine Umgebung kennen zu lernen. Jn der technischen Abteilung sind 90. in der kauf- männischen 12 Personen beschäftigt. 80 v. H. der Beleg- schaft sind länger als zehn Fahre im Betrieb, einige Leute sind sogar 2S bis 30 Jahre beschäftigt. Früher war der Personal- bestand höher. Der Betrieb hat infolge der Wirtschafts- entwicklung gelitten, zum Teil auch durch den Jubcnboykott. Unsere Zeitung hat von ihren Abonnenten etwa 30 v. H. verloren, zum Teil durch die Methode des Terrors beim Werben für das Naziblatt. Meine Mitarbeiter sind, außer sechs Personen, langjährige Gewerkschaftsmitglieder, und sie waren früher politisch links, meist zur SPD. gerichtet. Dieser Gesinnung sind die Leute treu ge- blieben. Tie erwähnten sechs Personen sind unsere„hoch- verehrten" Nazis. Bier sind Mitglieder der NSBO., einer ist Mitglied der NSDAP, und einer ist SA. Mann. Außer dem SA. Mann, haben sich alle Nazis im Betriebe etwas zuschulden kommen lassen iUnterschlagnng, Unpünktlichkeit, Denunziation von Kollegen usw.j. Der lächerlichste und dümmste Kollege von dieser Torte ist NSBO.-Obmann. Für uns hat das weiter nichts zu besagen, als daß er uns die Einladungen zu Vcrbondsvcrsammlungen aushändigt. Nur hin und wieder geht einmal einer von den Nazis in diese Versammlungen. Die übrigen Kollegen haben sämtlich seit der„Machtübernahme" keine Versammlung mehr besucht. Man bedauert nur, daß man noch die Beiträge zahlen muß. Buchdrucker müssen wöchentlich 3,19 Mark, Hilfsarbeiter Hillerfreund derartig in seine<"al'e hinein, daß er duck' stäblich daran ging, den mutmaßlichen Neinsager und Stelle aufzuknüpfen. Mit Mühe wurde er ubr.- wältigt und der Polizei übergeben, die ihn für die Nach einsperrte, ihn aber, nachdem er seinen Rausch ausgeschlafen hatte, auf freien Fuß setzte. Der von dem Berserker Angegriffene wurde auf den Weg der Pnpai» klage gewiesen. Es sind aber schon einflußreiche Kräfte am Werke, ihn überhaupt von der Einreichung einer Klage abzubringen, da der Prozeß in dem kleinen Orte ein schlechtes Licht auf die immer so laut verkündete Volksgemeinschaft werfen würde. * 1 In Flensburg war der Katzenjammer groß. Woher matt allerdings hier die großen Erwartungen genommen hat, die an die Volksabstimmung geknüpft wurden, ist den Eingeweihten schon vor dem Bekanntwerden des Wahlergebnisses ein Rätsel gewesen. Denn der unter Aus- schluß der Oeffentlichkeit nach der Mordkampagne vom Juni durchgeführte Parteibonzenkongreß, bei dem sich die Würdenträger in ihrer Aufregung sogar das Heu- geschrei verbeten hatten, konnte doch nicht dazu be:- tragen, die Stimmung zu heben. So haben sich denn auch die Neinstimmen seit dem 12. November mehr als ver- doppelt. Wurden bei der vorigen Abstimmung 3425 Nein- stimmen abgegeben, so waren es diesmal 8913 und 91u ungültige. Die„Flensburger Nachrichten" jammern darüber m ihrer Wahlsondernummer wie folgt: „Wo stecken diese Unzufriedenen, die es noch nicht ein- gesehen haben, daß erst das Wohl des ganzen und dann das des einzelnen gilt? Ein Blick auf'die Tafel der Wahlergebnisse lehrt, daß in den fünf nördlichsten Be- zirkcn unserer Stadt eine merkliche Erhöhung der Nein- Stimmen eingetreten ist. Hier ist Flensburgs Industrieviertel, wo so mancher Arbeiter trotz der Anstrengung, ihm Arbeit und Brot zu geben, noch immer seiern muß. Sic haben die Geduld verloren und sollten doch durch die Bestrebungen zur Arbeitsbeschaffung eingesehen haben, daß die Zeit nickt mehr fern ist, wo ihrer Hände Arbeit sie wieder ernährt und ihirfen Lebenskraft und Freude spendet. So kamen in Flensburg die 18,3 Prozent zusammen, die in Flensburg das„Nein" auf dem Stimmzettel ankreuzten..." Vielleicht haben auch die Flensburger Arbeiter gerade wegen der Arbeitsbeschaffung der Hitlerregierung die Geduld verloren und gewagt, mit„Nein" zu stimmen, weil sie ja tagtäglich das Schicksal derjenigen Volks- genossen vor Augen haben, die für einen erbärmlichen Hundelohn mit Zwangsarbeit beglückt wurden. * Alles in allem kann man getrost sagen: die Abstimmung am 19. August hat den braunen Herren an der Wasser- kante keine reine Freude bereitet. I bis 1,99 Mark zahlen. Reckenschaft über die Verwendung der Beiträge wird nicht gegeben. Wenn vom NSBO.-Man» Abzeichen oder Plaketten ver- kaust iverden, so ist das jedesmal für mich ein Gaudiuni. Abgesehen davon, daß er nur vier bis fünf verkauft/ wird er jedesmal mit guten Ratschlägen und Lehren derart ver- sorgt, daß er froh ist, wenn er die Türe wieder vor draußen zumachen kann. Nationalsozialistischen Kult und politische» Zwang gibts.bei uns nicht! In unserem Betrieb herrscht übrigens vollkommene Rede- freiheit(soweit man dies Fremdwort noch gebrauchen kann!. Abgesehen von wenigen Ausnahmen, macht ans seiner anti- faschistischen Gesinnung niemand ein Hehl. Offen wird kriti- sicrt und bemängelt, was einem nicht gefällt. Man möchte heraus aus diesem Ucbelstand der faschistischen Macht: auch weiß mau. daß die Zeit nicht mehr allzu kern ist. Aber was dann kommen wird, darüber gehen die Meinungen ausein- ander. Arbeitcrdeutschland, rote Macht, da? ist das Sehnen aller. Aber man glaubt allgemein, die Arbeiterbewegung sei noch nicht reif genug. Wenn sie auch gelernt habe, so sei die neue Bewegung, an deren Existenz niemand zweifelt, dock noch zu jung, um Positives leisten zu können. Doch was uns fehlt, da? wissen wir alle, das ist die Freiheit!" I Weiler geben „Deutsche Freiheit" Weitergebe»! Werfen Sie die nach dem Lesen nicht fort. Geben Sie das Blatt an Leute weiter, die der Aufklärung und Belehrung bedürfen! I 20. August 21. August 22. August 22. August bis??? »Ich habe einen Ploan, einen»Unser Führer hat einen Plan,»Einen Plan, einen ganz genialen»Tja, was haben wir denn eigent- scbenialen Ploan!« einen genialen Plan!« Plan hat unser geliebter Führer!« lieh für einen Plan?« Völker In Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Die deutsche Disziplin Von einem Franzosen im Kriege gesehen Kurz vor dem Kriege bereiste der französische Schriftsteller Jules Huret zum ersten Male Deutschland. Er hat seine Erlebnisse und Eindrücke von deutschen Eindrücken und deutschen Menschen in einem umfangreichen Buche niedergelegt, das damals in Frankreich wie in Deutschland gleich großes Aufsehen erregte und zu lebhaften Diskussionen Anlaß gab. Huret kam als durchaus wohlwollender Betrachter; anders wäre es auch nicht möglich gewesen, daß sein Buch(bei Grethlein u. Co.) unbeanstandet erscheinen konnte. In manchen Teilen veraltet, fesselt das Buch Hurets auch heute noch in vielen Teilen. Wir geben ein besonders charakteristisches Kapitel wieder: die deutsche Disziplin, gesehen von einem Franzosen. Wir haben mit Absicht, um den dokumentarischen Reiz nicht abzuschwächen, kein Wort daran geändert und auch alle Schiefheiten und Unrichtigkeiten stehen lassen. Erste Empfindung von der deutschen Disziplin— Auf den Perrons des Pariser Nordbahnhofs— Kontrast zwischen deutlicher und französischer Pflichtauffassung— Pharisäertum des deutschen Beamten— Geräuschvolles Zusammenschlagen der Hachen: Höchster Chic des Nationalinstinkts— Weder Betrug noch Schmuggel— Ordnung— Die„Verbote" 4— Sammlung von typischen Beispielen— Die Weisung— Woher rührt diese Unterwerfung unter die Autorität'/— Erste Erziehung— Die Familie— Die Schule— Die Kaserne— Der Deutsche will beherrscht sein— Ansicht eines deutschen Botschafters— Kein nationales Leben ohne Disziplin— Morali- •at der Beamten und Angestellten— Weiser Optimismus— Sozialdemokratische Disziplin— Mißbrauch derselben— Polizeiliche Veranlagung des Preußen— Denunziationsprämien- Herr Portier und Herr„Oher"— Militärischer Kommandoton der Kellner— Der Stationsvorsteher und der Stadtrat— Gegensatz: Denkfreiheit— P. W'aßmann und Darwins Theorien— Ein Pastor, Präsident der Monistischen Gesellschaft— Luther war ein Deutscher Schon auf dem Perron des Pariser'Nordhahnhofs wird dem Reisenden die deutsche Disziplin unangenehm zum Bewußtsein gebracht, denn hier stehen neben den Schlafwagen in braunen Livreen und Tressenmützen steif aufgerichtet die dicken blonden Bediensteten der Gesellschaft. Sie ist in meiner Erinnerung unlöslich mit dem erstickenden Geruch der komprimierten Luft verbunden, mit welcher die Bremsapparate vor Abgang des Zuges geladen werden. Von dem Moment an ist es für den tugendhaften Menschen, der nichts von der Macht eines Fünffranksiiicks ahnt, oder für den sparsamen Reisenden, der sich nicht davon losreißen kann, ein für allemal mit dem Lachen über Disziplin, Vorschriften und Behörden vorbei. Ein französischer Konsul sagte einmal zu mir:„Wenn ich aus Deutschland nach Frankreich zurückkehre, macht es mir immer den Eindruck, als ob es den Menschen ganz einerlei wäre." Er wollte damit nicht sagen, daß die Menschen sieh nicht um seine Ankunft bekümmerten, was ohne Zweifel auch nicht der Fall war, sondern er wollte den großen Unterschied erklären, den er zwischen der Pflichtauffassung des einen und der des anderen Landes bemerkt hatte. „Es ist wirklich wahr," sagte ein anderer,„das wirkliche Pflichtgefühl geht uns Franzosen ab: das Pflichtgefühl, das jeden antreibt, im Namen eines abstrakten Prinzips zu handeln, ganz abgesehen von der Furcht vor dem Vor- gesetzten oder vor Tadel, ganz abgesehen von dem Wunsch, gelobt, anerkannt, und von anderen bewundert zu werden. Ein Deutscher wird seine Pflichten genau ebenso gut und exakt erfüllen, auch wenn sein Vorgesetzter nicht zugegen ist, oder sogar dann, wenn er nie davon hören wird. Wir jedoch — ich spreche natürlich ganz im allgemeinen—, wir handeln nur im Hinblick auf unser persönliches Interesse, auf unseren persönlichen Ehrgeiz, oder auch aus Tatendrang, der uns, sobald er befriedigt ist, machtlos vor den übernommenen Pflichten stehen läßt. In Frankreich wird jeder Arbeiter und jeder Beamte es sich angelegen sein lassen, so wenig w: e nur möglich zu tun, und wenn man ihm das nicht gestattet, wird er klagen und sein schweres Los bejammern. Wenn sie sich um irgendeine langweilige oder anstrengende Arbeit drü-ken können, so kann man sich darauf verlassen daß sie es tcu werden. Der Deutsche dagegen wird sich ihr unterziehen, auch wenn sie mühsam und peinlich sein sollte. Doch darf map von ihm keinen überflüssigen Diensteifer verlangen, keine Bestrebung, die Sache nur aus Liebe zur Vollkommenheit anders und besser zu machen. Das kommt in Deutschland nicht vor, während man es bei uns sehr häufig erleben kann." Der Konsul hatte recht: die deutsche Disziplin macht sich schon gleich nach Uebersehreiten der Grenze fühlbar. Dann kommen einem die Schlafwagenbeamten neben den deutschen Schaffnern und Zolleuten wie italienische Tänzer vor. Wenn man sich die Bahnhöfe ansieht, so mahnt der Anblick der bewunderungswürdigen Reinlichkeit, Ordnung und Genauigkeit sofort an die Disziplin. Man versuche niemals, hinauszugehen. wo„Eingang" angeschrieben ist, oder umgekehrt. Man gehe nicht nach rechts, wenn„Links" angeschrieben steht, oder nach links, wenn man die Aufschrift„Rechts" gewahrt. Wenn man sich versieht, wird man sich vergeblich bemühen, den Leuten klarzumachen, daß man in Eile ist; alles Bitten, Schreien, ja sogar das freundliche Lächeln wird sich.als, machtlos erweisen: die Beamten lassen niemand durch. Als ich eines Morgens kurz vor Abgang des Zuges den Perron verwechselt hatte und mein Coupe leicht in zehrt Sprüngen hätte erreichen können, mußte ich im vollen Galopp wohl einen Kilometer weit durch Tunnels und über Treppen jagen, um gerade anzukommen, als mein Zug vor meiner Nase von hinnen dampfte! Ich befand mich in einer unbeschreiblichen Wut. Seit jenem Tage hege ich einen unerschöpflichen Groll gegen das Pharisäertum der deutschen Beamten. Jetzt versuche ich nie mehr, mich zu widersetzen, oder gegen irgendeine Sache zu kämpfen, die man mir als„Vorschrift" bezeichnet. Mag sie mir auch noch so dumm oder unlogisch vorkommen, ich beuge mich ihr mit innerem Hohngelächter; protestieren werde ich nicht mehr. Und schon fühle ich, daß ich bald auch verlernt haben werde, zu hohnlächeln. Ich werde mich in der Geistesverfassung der sechzig Millionen Untertanen Kaiser Wilhelms befinden. •** Es setzt midi schon jetzt nicht mehr in Erstaunen wenn ich Zeuge bin, wie ein Telegrafenbeamter von seinem Vorgesetzten befragt wird und beim Antworten wie ein Schüler die Hacken zusammenschlägt und eine stramme Haltung annimmt, und ebensowenig, wenn ich einen brandenbnrgischen Bauernjungen sehe, der erst gestern in die Stadt gekommen ist und nun er seine Groomlivree angelegt hat, sofort.steif aufgerichtet einhergeht und ebenfalls die Hacken aneinander- schlägt. Denn das geräuschvolle Zusammenschlagen der Harken ist hierzulande die gebräuchlichste und zugleich die erhabenste Bewegung der Männerfüße. Es ist der höchste Chic des Na- tionalinstinkts. Eine ideale Gebärde, schwungvoll und gehalten zugleich, ein verhaltener Luftsprung, ein unterdrücktet Straucheln, ein steckengebliebenes Hüpfen! Die Hacken mit lautem Geräusch zusammenzuschlagen, welche Lust, welche süße und patriotische Wonne! Der Naehtw achter meines Stadtviertels pflegte mich so zu begrüßen, wenn ich ihm begegnete: mit der Hand an der Mütze und zusammen- genommenen Füßen sah er aus wie ein alter Bleisoldat. Der elegante junge Kavalier, der sich im Salon dem Fremden vorstellt. klappt so mit seinen Stiefelkappen. Es gibt eine besondere Machart mit dröhnenden Stiefelkappen, die als Signal und als Anrede benutzt werden. Das ist eine praktische Einrichtung. So erscheinen z. B. zwei Einjährig-Freiwillige in einem Hotel, um dort zu Mittag zu essen. Sie finden dort einen Offizier vor, der bereits bei Tisch ist. Ohne Erlaubnis ihres Vorgesetzten dürfen sie nicht dableiben. Die beiden Freiwilligen treten steif aufgerichtet an seinen Tisch heran; der Offizier steckt mit der Nase im Suppenteller und sieht sie nicht. Doch jetzt nehmen die beiden jungen Leute mit dröhnendem Knall die Hacken zusammen. Bei diesem wohlbekannten Klang blickt der Offizier' auf und sieht sie auf zwei Meter Entfernung unbeweglich vor sielt stehen; er begreift, gibt ihnen einen kaum bemerklichen zustimmenden Wink, und die Soldaten treten ab. Aber die deutsche Disziplin äußert sich nicht allein in dieser Form. Sie verbreitet sich über die ganze Oberfläche des Reiches und tritt nicht nur hei allen uniformierten Leuten, bei Zollbeamten, Briefträgern, Schaffnern. Straßenhahn- kondukteuren Schutzleuten, Nachtwächtern und Straßenkehrern in die Erscheinung, sondern auch auf allen anderen Feldern des nationalen Lebens. So war ich z. B. in Danzig. wo gerade ein Kongreß von Forstmännern tagte. Einer derselben versicherte mir, daß die Wilddieberei, dieser wunde Punkt der französischen Forsten, in Deutschland so gut wie gar nicht mehr vorkomme. In der Nähe der großen Städte wimmeln slie Jagdgebiete bis vor ihre Tore von Rehen, Hasen und Rehhühnern. Aber die Gesetze weiden von allen respektiert upd auf jeden angewendet. Der Generalzolldirektor von Hamburg sagt mir. daß,.in dem Freihafen, der 12 Kilometer Flüchenraum umfaßt, fast gar kein Betrug oder Schmuggel vorkommt. Es würde den 15 000 Arbeitern, die Tag für Tag aus ihm herauskommen, ein Leichtes sein, ihre Taschen mit Kakao, Kaffee oder Vanille zu füllen. Aber sie tun es nicht. Wenn ein Arbeiter es wagen würde, und seine Gefährten ihn dabei ertappten, so würde er umgehend von ihnen angezeigt werden. Sie stehlen nicht, aber sie wollen auch nicht, daß andere stehlen. Stellt euch einen Freihafen in Marseille vor! Die Schmuggler würden sieh zu einem Syndikat zusammentun. (Fortsetzung folgt.) Maurice stirbt für die Kommune ^®n Emde Zola (Schluß) Stunden flössen dahin; Maurice schlug sich nur noch, wenn die Not erheischte, da er in seinem Inneren nichts anderes ftehr empfand als den düsteren Willen zum Sterben. Wenn e r sich getäuscht hatte, dann wollte er wenigstens den Irrtum t't seinem Blute bezahlen. Die Barrikade, welche die Lille- °ben bei der Bacstraße absperrte und die aus sandge- füllten Säcken und Fässern bestand, war sehr stark und vorn tiit einem tiefen Graben versehen. Er verteidigte sie mit aum einem Dutzend anderer, alle in halbliegender Stellung ünd jeden Soldaten, der sich zeigte, mit einem sicheren ^chiisse niederstreckend. Er rührte sich bis in die sinkende •'•cht nicht von der Stelle und verschoß schweigend mit verzweiflungsvoller Hartnäckigkeit seine Patronen. Er betrach- f'*e die wachsenden großen Rauchwolken des Palastes ler Ehrenlegion, die der Wind in die Mitte der Straße trieb, 2,hne daß man noch in dem scheidenden Tageslichte die ■unten hätte»eben können. Ein zweiter Rrand war in einem benachbarten Privathause '"•gebrochen. Und plötzlich kam ein Kamerad mit der Nachgeht, daß die Soldaten, da sie es nicht wagten, die Barrikade der Front zu nehmen, im Begriffe seien, quer durch die 'ärten und Häuser heranzurücken, indem sie mit Spaten Eöcher durch die Mauer brächen. Das war das Ende, sie *«>nnten da von einem Augenblick zum andern hervorstürzen. End aja a U, einem Fenster eine züngelnde Flamme heraus' !« möglich hält. Freundliche Grüße. „Ans der Pfalz". Ihrem Briefe lag die„Pirmasenser Zeitung" (Ztr. 200) bei. Dieses Hitler-Blatt schildert Deutschlands groß- ortigen Aufstieg seit dem Ende der„marxistischen Mißwirtschast" wie folgt:„Herr Schacht hat die Zahlen des unter den Folgen dieser Absperrung dauernd zurückgehenden deutschen Exports nicht ausdrücklich genannt. Sie sind erschreckend. 19 2 9 fuhren wir noch für 13,5 Milliarden RM. aus. 1080 sind es immer noch 12 Milliarden RM. Slber schon 18 3 1 sinkt die Zahl auf 9,6 Milliarden, 1982 auf 5,7, Milliarden und 1 988 sind es nur noch 4,8 Milliarden R M. Das Ergebnis der ersten Jahreshälfte 1984 liegt anteilmäßig mit 2,8 Milliarden noch unter dem de« Jahres 1938." Item: se besser es Herrn Hitler und seinen politischen Partei- geschäften ging, um so schlechter ging eS Deutschland. Franke. Nach der Berliner„Deutschen Zeitung" rüstet man setzt wie alle Jahre zum Reichsparteitag. Man weiß, wie treu gerade diese Stadt zum Führer steht. Auch im Vorland von Nürnberg, westwärts, trifft man immer wieder auf Dörfer, die es mit dem Kamps gegen alles Undeutsche ernst nehmen. Schon an den Torf- eingängen warnen Schilder:„Juden betreten dieses Torf auf eigene Gefahr!— Davon weiß Hitler natürlich nichts. Er liest keine Zeitungen und ist daher für seinen Pogromfreunt Streicher nicht verantwortlich zu machen. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P I tz in Dud- weller; für Inserate: Cito Kuhn l« Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH, Saarbrückk»* Schiitzcnstraße 5. SchlleßsaK 776 Kaaxhrück!«,