Sinzigs unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr. 205— 2. Jahrgang Saarbrücken, Mittwoch, 5. September 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Schacht als Jähcec des„Jühcecs" Seite 2 Die£cipzigec TJlessepleUe Jaucnalist uuc du Qestapa Seite 3 Deutsche Wirtschaftslage Seite 4 faazeß um die Weisen um Zim Seite 8 Rote Fahne vor Hitlers Auto Die preußische Staatsregierung befürchtet eine Niederlage im Saargebiet Ein Brief von Redifs Einer unterer Mitarbeiter erhielt durch Kurier au* 'einer Heimat den folgenden Brief, der von einer auch l'tjt noch im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeit stammt. Die Glaubwürdigkeit dieses Mannes steht außer jedem Zweifel. Er hat übrigens stets zur politischen Rechten gehört; die Sozialdemokratie hat er immer bekämpft, Jedoch in Formen, die Achtung und persönliche Beziehungen nicht ausschlössen. Sein Brief lautet: ...„daß ich mit diesem Schreiben an Tie allerlei wage, u-eiß jch natürlich. Aber ich weiß auch, daß ich Ihrer Ver- nunft und Ihrem Austand vertrauen darf. Darum stelle ich <*nch in Ihr Belieben, ob und wie Sie den Brief verwenden wollen. Sie wissen, daß ich mich„gleichgeschaltet" habe, ob- wohl ich bis zuletzt gegen die Alleinmacht der Nationalsozia- l'sten mich gesträubt habe. Vielleicht schelten Sie mich schwach, "bcr Sie tun mir darin Unrecht und vielen anderen von uns ebenfalls. Wir sahen zuletzt keine anderen Ausweg mehr, als uns redlich zu bemühen, in dem neuen Deutschland mitzu- arbeiten und es gestalten zu helfen. Ja, ich bekenne, daß ich Mich sogar bis in die jüngste Zeit bemüht habe, National- kozialist in Hitlers Sinne zu werden. Nun habe ich es auf- gegeben, denn ich sehe in den jetzigen Regierungsmaximen, wenn man für Grundsatzlosigkeit dieses Wort gebrauchen darf, keine Rettungsmöglichkeit für Deutschland, das sich doch alles in allem nicht nur in einer wirtschaftlichen, sondern in einer ganz großen nationalen Krise befindet. ^ine so tiefe Zersetzung und Erschütterung kann nicht nur mit einem gewaltigen Propagandaapparat und Lügen, immer wieder Reklamelügen überwunden werden, wie wir iie jetzt wieder bei der Volksabstimmung vom 13. August er- lebt haben. Darüber werde ich einmal mit Ihnen sprechen, und jch werde die Gelegenheit dazu suchen und finden, schließlich brauche ich ja nicht ganz so ängstlich zu sein wie andere. Noch immer erlauben mir meine Vermögenslage und mein Beruf, mich ohne Torgen außerhalb Teutschlands 8u bewegen, wenn es gar nicht anders mehr gehen sollte. Heute möchte ich Ihnen zunächst einiges berichten, was Ihnen doch wohl nicht bekannt geworden sein dürfte. Um den jüngsten Besuch Hitlers in Köln wurde sonderbar v'el Geheimnis gewoben. Die Presse durfte das Kommen es„Führers" nicht ankündigen, aber er blieb natürlich "'cht geheim, weil SA. und Stahlhelm zur Absperrung Mobilisiert wurden. Davon, daß Hitler in dem industriellen Borort Ehrcnscld besonders gefeiert worden sei, wie die Vresse log, kann gar keine Rede sein. Tie Straßen vom>,lug- huicn bis nach Ehrenfeld hinein zeigten überhaupt fem Publikum. In der Venloer Straße allerdings, die stets zu hc» belebtesten Vorortstraben gehört, gab es zahlreiche Neu- gierige. Tie Girlanden, die an den Häusern zu sehen waren, fm» nicht, wie die Zeitungen schrieben, für Hitler angebracht morden, sondern für das gerade stattfindende Ehrcnfeldcr Schützenfest. Marxistische Arbeiter aber schickten dem Reichskanzler und sichrer statt Ovationen einen unerwarteten Gruß: Bor fem Auto wurde mitten in Ehrenfeld eine rote Fahne geworfen, jedoch ohne Hakenkreuz. Die Täter konnten bisher nicht ermittelt werden. Von einem mir befreundeten Herrn der rheinischen Presse wurde mir ein dickes Hest gezeigt, das den Zei ungent«W °'"e Art Kochbuch für Stimmungsrezepte zur„Wah «eben worden ist. Da wird bis ins einzelne den Redaktcuren. ?' e»och in diesem Reiche eigentlich nur noch> Absthre ber fem dürfen, befohlen, wie sie den„Führer" ,m Bilde dem Volke "°h- zu bringen haben. Insbesondere wird"°r«ei»r>eben, d°K sie ihn sonndsookt ans Bildern m,t*««»«*»' mi t Arbeitern mit Bauern und auch mit Frauen zu bringen haben.' Warum Herr Hitler nicht selbst e.ne Fam.l.e wlt Frau und Kindern gründe, wird freilich nicht gesg- wäre, wenn die katholische Presse in der Woche vor dem 1». August einiges über das Schicksal der ermordeten Katholikenführer Dr. K l a u s e n e r und P r o b st schreiben dürfe,- das könne in einer Form geschehen, die beruhigend wirke und der Regierung nütze. Herr G r o h e, von dem Sie ja gut wie ich wissen, daß er nicht gerade ein Lumpen ist, drehte sich und wendete sich und kam schließlich mit der Be- merkung heraus, das scheine ihm nicht zweckmäßig zu sein, denn am SO. Juni seien zahlreiche„Fälle" vorgekommen, die nicht im Sinne des Führers waren. Das ist doch nun eine sonderbare Sache, denn diese Verbrechen,„die nicht im Sinne des„Führers"" waren, sind doch von demselben „Führer" für„rechtens" erklärt und die Mörder sind mit- Hin von dem„Führer" rehabilitiert worden. Derselbe Führer hat im Reichstage die Ermordeten in Bausch und Bogen als Meuterer, Landes- und Hochverräter beschimpft, hat kein Wort davon gesagt, daß im Zuge seiner Aktion Unschuldige ermordet worden sind und hat kein Wort des Bedauerns gefunden. Und schließlich darf auch nicht ver- gessen werden, daß von Berliner Regierungsstellen ein Katholik wie Dr. Älausener als Selbstmörder verleumdet worden ist. WaS sind das alles für Zustände und welch eine Moral beherrscht diese Führung und diese Presse und was wird werden, wenn das alles in Deutschland einmal auf- gedeckt wird? Jch weiß von Ministerkollegen, daß in ge- wissen Berliner Amtsstuben Papiertllten mit der Asche von Ermordeten herumstanden. Man wußte nicht recht, wohm damit... ES sind wohl noch lange nicht alle Toten des 30. Juni be- kennt. Wissen Sie zum Betspiel, baß auch der Stellvertreter des Breslauer Polizeipräsidenten Heines, Herr Obcrregie- rungsrat Dr. Engels getötet worden ist? Sein Fall scheint besonders tragisch zu sein und beweist zugleich, baß noch mehrere Tage nach dem 30. Juni, als mithin jede Gefahr für den Staat vorüber war, durch die Nationalsozialisten kalt- blütig und grundlos gemordet worden ist. Herr Oberregierungsrat Engels hat noch am Z. Juli mit Verwandten telefonisch gesprochen, um sie über sein Schick- sal zu beruhigen. Am Tage daraus wurde denselben Ver- wandten die Asche des Herrn Engels zur Verfügung ge- stellt, und sie wurden gefragt, wer für die Begräbniskosten auskomme. Jch übergehe die Roheit und frage nur: wo ist. da noch irgendeine Führer- und irgendeine RechtS- autorität? Sehr mißfallen hat es hier in anständigen nationalen Kreisen, daß das Staatsoberhaupt seine Rheinsahrt von Köln nach Koblenz auf einem Motorboot gemacht hat, das ausge- rechnet der großkapitalistische G c r l i n g- K o n z e r n zur Verfügung gestellt hat. Vergeblich suchten wir tibrigens am Montagmorgen, also nach dem Tag von Ehrenbreitstein, die Rede Hitlers in der„Kölnischen Zeitung". In behördlichen Kreisen erzählt man sich, daß die Redigierung der Rede durch Hitlers Pressechef und ihn selbst bis in die späte Nacht ge- dauert habe. Daß- wir mit besonderem Interesse den Kampf an der Saar verfolgen, werden Tie verstehen, und ich brauche Ihnen nicht weiter zu versichern, daß ich längst nicht mehr an die Vaterlandslosigkeit der Sozialdemokratie glaube, wie ich es leider— Sie wissen es— allzulange getan habe. Wir haben doch schließlich an der Ruhr und in der Besatzungszeit zu lange gemeinsam in der deutschen Front gestanden, als daß Ich Sie und Ihre saarländischen Freunde wirklich für„Separatisten" halten könnte. Ich kann von hier aus nicht jede Einzelheit der Vorgänge dort beurteilen, weiß aber insofern mehr als Sie. als meine Beziehungen zu den regierenden Kreisen mich über deren Auffassung unterrichten. So kann ich Ihnen denn verbürgt und mit aller Bestimmt- heit sagen, daß die für das Saargebiet maßgebenden Herren in der preußischen Staatsregierung jetzt schon mit einer Minderheit von etwa 40 v. H. für den Status quo rechnen. Es wird Sie belustigen: ich weiß es aus dem Munde der Gräfin von Rödern, die dort im Saargebiet wohl eine Art Beauftragte der Regierung ist. Sic sagte eS zwar SA-Mann Brase Der letzte Reichstagsbrandstifter sagt aus Paris, 4. September. SA-Mann Kruse, aus dem Stab« Röhms und dessen persönlicher Diener während mehrerer Jahre, hat vor einiger Zeit in der„Deutschen Freiheit" einen Brief an den Reichspräsidenten Hindenburg veröffentlicht und darin die letzten Geheimnisse der Brandstiftung des Reichs- tagsgebäudes ausgedeckt. Er hat alle an dem Verbreche« Beteiligten einschließlich Röhm und Heines mit Namen auf» geführt und nachgewiesen, daß die Brandstiftung aus dem Palais des Neichstagspräsidenten Göring erfolgt ist. Kruse stellt serner unter Beweis, daß alle an der Brand« stistung Beteiligten„im Zuge der Säuberungsaktion" am 30. Juni als gefährliche Mitwisser ermordet worden sind. Er allein sei entkommen. In seinem Besitz sollen sich die seit mehreren Jahren geführten Tagebuchblätter Röhms und zahlreiche Geheimaktcn befinden, darunter in Original Mord- befehle gegen der NSDAP, mißliebige Personen. Man würde diese Beschuldigungen gegenüber führenden Männer« anderer zivilisierter Länder für fantastisch und ungeheuerlich halten. Gegenüber gewissen deutsche« Staats» führern erscheinen sie jedoch überall in der Welt als glaub- hast, weil man inzwischen begriffen hat, daß diesen national- sozialistischen Häuptlingen jedes Verbrechen erlaubt und ge- boten erscheint, wenn es ihrer Partei und ihnen selbst dien» lich ist. Nun teilt der berühmte amerikanische Anwalt H a y s als Mitglied der Internationalen Unterfuchungs» kommission über den Reichstagsbrand mit, daß die amerikanischen Mitglieder der Kommission in Kürze den SA.-Mann Kruse in einer öffentlichen Sitzung verhören werden. Die deutsche Reichsregierung, a«S der so hervorragend« Mitglieder wie Rcichsminister Göring durch de« Kruse- Brief schwerstens beschuldigt werden, hat bisher zu der An- gelegenheit geschwiegen. '""u nno Minucm— m vo?» demselben Herrn erfuhr ich authentisch, daß acht Tage v t■-* r der Wahl die Zeitungsrcdaktionen SeS Wahlkreises Köln- ÄA.?"r, aber in meiner Gegenwart"^l'.^.^°'r"' »u einem Presseappell vor dem Gauleiter Grohe«^tiln, und fügte Hinz»'bau fw rn» f 0[ f i csleitung des Freiwilligen Arbeitsdienstes gegen den Bericht des Präsidenten Knox soeben veröffentlicht, redet um die Dinge herum. Es wird nicht bestritten, daß ein Kredit von 12,S Millionen Mark für die Unterhaltung und Ausbildung der Zehntausende ..Saarkämpfer" angefordert worden ist. Nur wird gesagt, daß der deutsche Arbeitsdienst nichts davon wisse, und es wird hinzugefügt, daß„b i s jetzt" die Kosten von keiner Stelle und in keiner Form erstattet worden seien. Der Versuch, die militärische Ausbildung der saar- ländischen Legion zu bestreiten, ist einfach lächerlich, da hinreichend bekannt ist und auch jede fremde Regierung weiß, daß mindestens Teile des Arbeitsdienstes auch mit der Waffe ausgebildet werden. Das gilt ganz allgemein, und man wird niemand einreden können, daß man gerade bei den Saardeutschen etwas anderes tut. Bei den Saar- deutschen, die man in der großen Mehrzahl außerhalb der entmilitarisierten Zone ausbildet! Daß die jungen Saardeutschen ausgerechnet in Mittel- und in Ostdeutschland zum Kampfe gegen die„Gesinnung?- lumpen" eine„geistige" Ausbildung erhalten muffen, würden wir nicht einmal glauben, wenn ein so wahrheits- liebender Christenprediger, wie der Pfarrer Wilhelm, es sagt. Hoffen wir. daß der Völkerbund endlich und wirklich in letzter Stunde die Entscheidungen fällt, die eine ruhige Entwicklung des Saarkampfes verbürgen. frei oder eingekerkert? Was wird mit Ossietzky und Neubauer? Berlin, 4. Sept.(Iitpreß) Vor etwa einer Woche erklärte d.-r Auslanösprciseches der NSDAP., Hansstaengl, gegen- tider englischen Delegierten, daß der frühere Reichstag»- abgeordnete Dr. Theodor Neubauer und der ehemalige Bürgermeister von Magdeburg, Reuter, entlassen werden würben. In Berlin kursierten inzwischen auch Gerüchte, daß beide frei seien. Tatsache ist jedoch, daß von den beiden Ge- langenen, um die sich die englischen Delegierten besonders bemühten, nur Reuter mit weiteren 741 Häftlingen auf Grund der Amnestie befreit worden ist. Neubauer befindet sich nach wie vor in Haft. Auch Ossietzky, dessen 18monatigem Martyrium nach Mitteilung einiger Auslandsblättcr endlich ein Ende gesetzt werden sollte, ist nicht entlassen. Diese Tat- fachen werfen ein Schlaglicht ans d'■■ Behauptung der Nazis, laß alle Fälle weitherzig genn'i'l"'•*. Irrenhaus als Strafe München, 4. Sept. jJnprest i Der nationa!svzialistl>che Bürgermeister Mutter an» dem süddeutschen Städtchsn Wyglen mußte aus Grund der in der Bevölkerung herrschen- den Unruhe seine» Postens enthoben werden. Er hatte in einer Reihe von Fällen mißliebige Personen willkürlich in Irrenanstalten unterbringen lassen. Parteitag und Diplomatie Hitler hat mit seinen Einladungen nach Nürnberg kein Glück Aus einer Liste, die der„Völkische Beobachter" veröffent- licht, geht hervor, daß die Schweiz dieses Jahr auf dem Parteitag in Nürnberg nicht vertreten sein wird, trotz des LuruSzuges. verbunden mit allen möglichen Reise- und Be- guemlichkeitSerleichterungeü, der de» ausländischen Diplo- maten zur Verfügung gestellt iverben soll. Außer der Schweiz wird auch Frankreich, England, Italien, Oesterreich. Spanien, die Tschechoslowakei, Jugoslawien, Belgien, Amerika nicht und kein einziger skandinavischer Staat vertreten sein, da- gegen aber Liberia, die Dominikanische Republik, Honduras, Nicaragua, Panama, Afghanistan, Bcludschistan, Aegypten, Japan und die Türkei, die beiden letzteren Staaten sogar durch ihre Botschafter. Die vierte Tochter des Gründers der Heilsarmee, General B o o t h, ist zum General der Heilsarmee er- nannt worden. Wie der.MatlN" meldet, soll sich die Unterredung Bar- tbons am Monwg mit dem srai»ösischen Botschafter in London. Evrb'n, vor allem aus den Eintritt Sowjotrußlands tn den Lt"kerbu»d. den Ostvaktplan und die Lag« Im Gaar» gebiet bezogen haben. Ein Brief von Redils Fortsetzung von Seite 1 Front" im Saargebiet gemacht. So weiß ich, daß vor einiger Zeit etwa 13V saarländische höhere Schüler zu den Ferien nach Kettwig an der Ruhr kamen. Die jungen Leute und ihre Eltern glaubten, es solle eine Erholung sein, aber in Wirklichkeit ivurde nach allen Regeln des Kasernenhofes gedrillt und gebimst und auch die Ernährung war viel schlechter als bei Muttern im Saar- gebiet. So schrieben denn die jungen Leute entsprechende Briefe nach Hause, aber die wurden selbstverständlich ge- öffnet und es gab eine scharfe Anschnauzerei, man solle sich nicht unterstehen, solche Briefe zu schreiben. Keiner der saar- länbischen Schüler durfte vorzeitig nach Hause. Nur zwei Jungen, deren Schwester gestorben war, durften abreisen. Ich glaube nicht, daß solche„Erholungen" werbend für die dcut- sche Sache im Saargebiet wirken. Na, Sie werden ja jedenfalls freier abstiuimen können als wkr, und es wird ehrlich gezählt werden.'Was ist doch bei uns am 19. August wieder alles zusammengefälscht wor- den! Ich kenne in einem bestimmten rheinischen Ort einen bestimmten Wahlbezirk, wo vcrioandte Familten von mir mit 21 wahlberechtigten Personen sicher sämtlich mit Nein gestimmt haben, aber am Abend ergaben sich nur sieben Neinstimmen. Dabei handelt es sich um katho- tische Bevölkerung, die sich zu Hunderten erzählt, daß sie mit Nein gestimmt haben. Vielleicht wundern Sie sich, baß über die Selbsternennung des Herrn Hitler zum Reichspräsidenten keinerlei nachdenk- liche Bemerkungen in der deutschen Presse gestanden haben. Nun, ich kann Ihnen wiederum auf Grund meiner alten, Ihnen hinreichend bekannten Beziehungen zu führenden Zeitungen sagen: kurz nach dem Tode Hinbenburgs ist der Presic im ganzen Reiche verboten worden, staatsrechtliche Retrachtungen über die Vereinigung der Aemter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers anzustellen. Ja, so wird uns jetzt alles vorgedacht; ivir Juristen brauchen uns mit staatsrechtlichen Problemen nicht mehr zu beschäf- tigen, und wenn man für sich selbst noch einmal Ge- danken macht, sind es eben Rückfälle in das verschwundene liberaliftische Zeitalter. Wenn man nur Vertrauen gewinnen könnte zu dem, ivas sich heute in Deutschland alles Führer nennt. Sie kennen den„Westdeutschen Beobachter" und die Herren Brüder Winkelnkempner, die fo begab! sind, daß sie, ähnlich wie die Familie Goebbels, gleich gemeinsam zu hohen und höchsten Stellen berufen sind. Nun, der eine der Herren hat am Tage nach dem 25. Juli, als ihm schon hätte bekannt sein können, baß Herr Hitler nach dem verunglückten Putsch mit seinen österreichischen Freunden nichts mehr zu tun haben wollte, einen ganz wüsten Schtmpfartikel gegen den toten Dollfuß gebracht. Sätze wie:„Der Henker liegt am Boden", sind noch die harmlosesten gewesen. Herrn Mussolini hat dieser Aussatz in dem größten nationalsozialistischen Provinzorgan so gesallen, daß er ihn in der italienischen Presse im Faksimile nachdrucken ließ. So wird heutzutage in unseren Rcgierungsorganen Außenpolitik gemacht. Obgleich ich schon einiges gewöhnt bin, war ich doch er- schrocken, als nachher am Rundfunk Herr Goebbels, der, wie ich bestimmt weiß, genaue Kenntnis von der Leichen- schändung im„Westdeutschen Beobachter" hatte, schlankweg behauptete, in Deutschland würden Beschimpfungen aus- ländischer Staatsmänner nicht geduldet. Wer soll da im Aus- land noch etwas auf deutsche Ministerworte geben? Sie glauben nicht, wie schwer es hier ist, noch eine aus- ländische Zeitung zu bekommen. Daß viele verboten sind, werden Sie wahrscheinlich besser wissen als ich. Die noch er- laubten ausländischen Zeitungen werden von den Händlern in den Kiosken geradezu versteckt und aus der Diese hervor- geholt, ivenn einer den Mut hat, danach zu fragen. So ist das wenigstens mit den fremdsprachigen Blättern, die deutsch sprachigen aber sind oft„nicht angekommen". Und nun noch eine Kleinigkeit, die Sie bitte nicht als antisemitisch im vulgären Sinne auffassen wolle». Daß iä> eine andere Stellung zum Judentum habe als Sie, ist Ihnen ja hinreichend bekannt. Also: der bekannte„nationale" Jude Naumann hat es doch fertiggebracht, sich bei Hitler persön- lich durch ein Telegramm gegen die Kampsansage des Welt- judenkongresies anzubiedern. Das„Achtuhr-Abendblatt" in Berlin hat freudestrahlend das Telegramm gebracht, jedoch haben Hitler und Goebbels, peinlich berührt über den an- lchnungsbedürftigen Juden Naumann, der Presie schleunigst verboten, das Telegramm abzudrucken. Na, ich sehe eben, der Brief ist etwas ungeordnet, aber man schreibt so etwas hier nicht ganz in Ruhe. Darum will ich mit ein paar familiären Bemerkungen schließen... Mit deutschem Gruß!(nicht Hitle'°grußn In alter positischet Gegnerschaft und persönlicher Freund- schast Ar Schach! als Führer des..Führers" Eisige Ablehnung der Reidishankrottenre Paris, 3. September. Der„Temps" schreibt: „Dle Uebertaschung, welche die Erklärungen des Reichs- bankpräsidcnten in den internationalen und namentlich brt- tischen Kreisen hervorgerufen haben, wirb in Frankreich nicht geteilt. Für jeden Beobachter der deutschen Lage bildet ein total«» Moratorium die l o g j,s che Folge der finanziellen und wirtschaftlichen R e i ch S p o l i t i k. Tic geschicktesten Ausfluchtsmittel können aus die Dauer nicht helfen, es kommt der Moment, wo die Ziffern stärker sind als der Politiker. Die Methode, welche die deutsche Regierung an- gewendet hat, um sich der kommerziellen Schulden zu entledigen, ist die gleiche, welche bei den Reparationen zünt Er- folg führte. Die Techniker mögen über die-Gefahren und Nachteile der von Dr. Schacht befürworteten Lösungen urteilen: für die Allgemeinheit bleibt die Verleugnung der Vertragstreue das Bedenkliche." Der„Temps" schildert dann die durch den National- sozialismuS angewendeten Finanz- und Wirtschaftsmethoden. Das Regime sei in seiner Fortdauer be- droht, wenn das Reich wirtschaftlich zusammenbreche. „Daher hat sich Hitler an Dr. Schacht gewendet, der ein erstes Mal die deutsche Wirtschaft mit der Nentenmark gerettet bat. Die Finanz- und Wtrtschastsdiktatur des letzeren würde so der politischen Diktatur des Führers übergeordnet. Letztete erhält sich nur im Maße, als Schacht den wirtschaftlichen Zu- sammenbruch vermeidet. Der Führer hat sein Los in die Hände des Präsidenten der Reichsbank gelegt, des Mannes der Schwerindustrie nnd der Konservativen. Dieser wird nicht verfehlen, die Notwendigkeiten der Stunde gegenüber allen wirtschaftlichen und sozialen Experimenten des Nationalsozialismus geltend zu machen. Am Tage, nach dem Hitler die Resultate des nationalsozialistischen Regimes gerühmt und den Willen zur internationalen Zu- sammenarbeit bekundet hatte, verkündete der Wirtschafte minister neue Jmpvrteinschränkungen und die Einstellung der auswärtigen Zahlungen, was nicht dazu angetan war, die internationale Zusammenarbeit zu begünstigen! Dr. Schacht führt dieselben Argumente ins Feld wie bei d e r A b s ch ü t t e l u n a d e r R e p a r a t t o n e n. Damals fuhr Deutschland fort, über seine Mittel zu leben, gewaltige Summen für Rüstungen»nd sür seine demagogische Politik auszugeben. Es wäre verwunderlich, schließt dnS französistbi- Blatt, wenn es beute noch Geldgeber fände, die ihm die Mittel liesern, um Rohstosse für seine Kriegssabri- kation zu kaufen.„So brutal die Handlungsweise Schachts ist: sie besitzt den Vorzug der Offenheit." Extravaganzen des nitlerregims Die„TimeS" schreibt zur Schachtrede: „Der Versuchsballon, den Dr. Schacht in Bad Eilsen loS- gelösten hat, findet keinen günstigen Wind. In England hat seine Rede einen schlechten Eindruck gemacht, besonders da sie so rasch nach der Beilegung des Streites um die Dawes- und Zjounganleihen kam. Außerdem»eigen die jüngste» Handels- ausweise ein beträchtliches Ansteigen des Ueberschustes der britischen Käufe von Deutschland über die deutschen Käufe von Großbritannien in den letzten paar Monaten, so daß, soweit Großbritannien als Gläubiger in Frage kommt, der Anspruch, daß Teutschland seine Schulden nicht bezahlen könne, weil die andern Länder seine Waren nicht abnehmen wollen, noch weniger durchschlägt als vorher... Er lSchachtj ist kürzlich unter Beibehaltung seines Amtes als ReichSbank- Präsident zum Wirtschaftsminister ernannt worden, und hat mit dieser Doppelstellung unter Hitler diktatorische Kontrolle über das ganze Wirtschaftsleben des Landes. Es ist eine Enttäuschung zu bemerken» daß er In seinen ersten ösfentlichen Aeußerungen seit seiner neuen Ernen- nun« die Behauptung aufrecht erhält, daß Deutschland in keiner Weise sür seine gegenwärtigen Schwierigketten verantwortlich ist, und versucht jeden zu tadeln, nur nicht den, dem der Dädel gebührt. Niemand bestreitet die Schlauhett Schachts: aber es ist die bekannte Schwäche des Schlauen, die Intelligenz der anderen zu unterjchätzeii. Es zeugt von einem geradezu naiven Glauben in die Leichtgläubigkeit der ausländischen Gt- schäftsinänner aus der Leipziger Messe und der ausländische» Delegierten aus der Konferenz in Eilsen, daß er Ihnen dieses pathetische Bild vom tugendhaften Deutschland ausmalt, das ängstlich bestrebt sei. das internationale Ver- trauen wiederherzustellen, den internationalen Handel zu beleben, das trotz aller Schwierigkeiten ehrlich darum ringt, seine Schulden zu bezahlen nnd das nur durch d^e bösen Ausländer daran gehindert wirb, die sich weigern, ihm seine Waren abzunehmen, während sie gleichzeitig aus jedem Pfennig bestehen, und die noch darüber hinaus so dumm sind, daß sie nicht erkennen, daß sie damit sich selbst ebenso ruinieren wie Deutschland. Diese Darstellung der Lage ist so einseitig nnd irre- führend, daß es jede Sympathie entfremden muß, die man sonst sür Deutschland in seinen Schwierigleiten, die es großenteils selbst geschaffen hat, empfinden könnte. Schachts Beharrlichkeit macht die Zusammenarbeit, die er zü wünschen vorgibt, nur noch schwieriger. Man käme der Wahrheit näher, wenn man jagen würde, daß Deurichlnnos Wirtschaftspolitik wohlüberlegt dahin ging, einen Ausluhr- Überschuß unmöglich zu machen nnd damit eine plausible Ent schuldigüng zu schassen zur Verweigerung der Schulden- zahlnng... Er lSchachtj nimmt in beiden Reden an, baß seine Hörer keine Ahnung haben von der Wirkung, die die Sprünge und Extravaganzen der deutschen Politik u n t c r d e m H i t l e r r e g i m e auf das internationale Ver- rrauen hatten, daß sie nicht erkennen, welche unvermeidliche Wirkung aus Deutschlands Außenhandel die Verfolgung der Juden, der Sozialisten und aller derjenigen, die die Nazis nicht mögen, haben mußte, durch die Weigerung derer, die mit den Verfolgten sympathisieren, deutsche Waren zu kaufen: daß sie die niederdrückende Wirkung der Valuta- und Ein- snhrbeschränkungen und der allgemeinen deutschen Wirt- schaftSpvlitik nicht erkennen: daß sie nichts von dem Miß- trauen ivisien, das bei den ausländischen Geldgläubigern er- weckt wurde durch die seltsamen Manöver mit der Währungs- kontrvlle, durch die die Presse der deutschen Bonds herab- gedrückt wurden, weil das Gelb fehlte, die Zinsen zu be- zahlen, obwohl das Geld da war,»in diese Bonds zu herab- gedrückten Preisen zurückzukaufen. Es mag für Dr. Schacht begnem sein, diese Dinge zu igno- rieten. Aber in seiner Stellung wird er nicht in der Lage sein, die Wirkung dieser Kavaiicrbehandlung der deutschen Gläubiger auf den deutschen Käufer nnd damit auf den beut- schen Handel zu ignorieren. Es ist erst 13 Monate her, als er auf einer Generalversammlung der Rc>^«»''ank nach einem Hinweis auf die Währungsschwierigketten»igte:„Diese Ent- ivicklung muß ihre unvermeidlichen Folgen haben: aber wie diese Folgen auch sein mögen, wir werden zu unsere» Schuldverpflichtungen gegenüber dem Ausland stehen, damit wir das Vertraue» erhalten, dessen wir in unseren künftigen Beziehungen>m Welthandel bedürfen." SOS Kriegswirtschaft! Die Basler„Nattonat-Zeitung" berichtet aus Berlin: Die iliede Schachts in Bad Eilsen, Ivo der Wirtschastsdlktätor den StaatSbaNkrolt für ällc AuSlandszahlungen und die Autarkie verkündigte, wirkte in Berlin wie ein SOS- Ruf. Man beginnt sich seelisch wie praktisch auf die Kriegs- Wirtschaft einzustellen, genau wie in den Jahren vor dem Znsammenbruch. Das Börsenpubltkum fängt an, sich..'K den Rapieren aller Industrien einzudecken, die sür die Herstellung von Ersatzstoffen in Frage kommen. Andererseits stellt die Regierung riesige Aussang- organisatlonen bereit zum Zweck, die für den Winter er» wartete große Arbeitslosigkeit unschädlich und vör allem unsichtbar zu machen. Die Arbeittlaatr werbt« nie gekannte Dimensionen annehmen. Unsere Hoffnung«He Saar Gespräch mit einem Deutschen Ju einer Schweizer Zeitung sindeil wir folgenden Aufsatz klnter der Uebcrschrist„Gespräch mit einem Deutschen": Wo und wie ich den Mann getroffen, verrate ich nicht, es konnte ihm das K.-L. eintragen.— Ich will nur ohne Kommentar berichten, was er mir auf meine Fragen ant- wartete. Ich sagte zu ihm:„Nun wie steht es denn mit Eurer Abstimmung am Sonntag?" tfin höhnisches Ha, Ha tönt^mir entgegen und er meint:„Das war ein„Krampf", oin Schwindel! Wir sind nämlich draußen fest überzeugt, daß das Ergebnis falsch ist! Es haben soviele Nein eingelegt, daß man allgemein der Ansicht war, es müsse im Reich zu- lammen 15 Millionen geben, und als es hieß: Bloß mehr als vier Millionen, steckten wir die Köpfe zusammen und sagten zueinander: Glaubst du das? I woher! Ein Krampf, ein Schwindel! In Konstanz haben doch allein 481*1 Nein gestimmt. Einige Dörfer stimmten bis anf ganz wenige Stim- wen zur Hälfte Nein. Man hat gemogelt! Es ist nicht anders denkbar. Und ist das etwa nicht möglich? Wissen Tie, wie gestimmt wurde? Da durfte man nicht etwa Ja oder Nein schreiben, wie man im Ausland meint, sondern da waren zwei Kreise, darüber waren Ja oder Nein gedruckt und da durfte man vur mit Bleistift im betreffenden Kreis ein Kreuz machen! Und soll man glauben, daß die wahren Zettel„unverdorben und unverfälscht" zusammengezählt worden seien? Nein, wir glauben das nicht, denn wir haben vorläufig noch soviel Gummi, um.... na, Sie verstehen mich!" ..Dann stände das Volk in Wirklichkeit also nicht hinter Hitler?" war meine weitere Frage! „Ja, was glauben Sie? Erstens einmal hätten noch 50 bis ^ Prozent mehr Nein gestimmt, wenn nicht die große Angst gewesen wäre, nnd so hätten seht schon mehr als die Hälfte der Deutschen sich gegen Hitler ausgesprochen. Tann sind heute auch jene Kreise entsetzlich enttäuscht, die vorher den Nazi noch zugejubelt haben. Bor allem auch die Bauern, denen man große Versprechungen gemacht, aber nicht gehalten hat. Heute dürfen sie ja nicht mehr frei han- dcln, sondern müssen alles an Zentrale» abgeben. Und wenn sse einmal Gelegenheit haben, mit Menschen zu reden, denen man trauen darf, so heißt es immer: Wann ist einmal Tchluß mit dem Zeug? Selbst viele Mitglieder der SA. haben übergenug und möchten sich gerne beurlauben lassen. Aber sobald sie ein Urlaubsgesuch eingeben, heißt es: Aßa, das ist ein Marxist, das ist ein Katholik, und dann wandern sie ins K.-L. Dann die große Unzufriedenheit aller Geschäftsleute, aller Beamten, Lehrer usw., die sich nur halten können, wenn sie in einer Naziformation stecken! Aber was die schwitzen müssen! Erstens einmal wöchentlich die Abende verlieren, „frankreidi gibt die Saar aui" Irreführende Meldungen Die Veröffentlichung der französischen Forderungen auf Grund der Denkschrift Barthous„für den Fall einer Rück- gliederung" haben in der gleichgeschalteten Presse des Saar- gcbieteS seltsame Kommentare hervorgerufen.„Frankreich gibt die Saar auf": das ist die gleichlautende Uebcrschrist dieser Notizeir. Die braune Presse hängt sich in ihrer Verzweiflung, daß die Rückgliederung ans Hitler-Reich»n- sicherer ist als je, an jeden Strohhalm. Die französische Denkschrift hat in Wahrheit keine andere Aufgabe, als die verschiedenen Möglichkeiten nnd Bedingun- gen der durch das Saar-Ttatnt gezeichneten Lösungen zu erwähnen. Von irgend einem französischen Widerstande gegen den Status guo kann keine Rede sein. Die sranzö- fische Regierung läßt immer wieder erklären, daß nicht sie t>as Schicksal der Saar bestimme. Die Entscheidung treffe der Völkerbund, wobei er den Willen der Bevölkcruna in Erwägung ziehen kann. Journalist vor der Gestapo Er wurde bei« Polizeiverhör beschimpft—„Deutschland ist kein Land für Joden"— Die gegen ihn erhobene Beschul- digung, Kommunist zu sein, wird offiziell zurückgezogen, ober er wird wegen der Anzweiflung von Hitlers Autorität ausgewiesen London, z. September. lZTA.j Die Berliner Gestapo lGehcimc Staatspolizei) hat dem Generalkonsul der Ber- einigten Staaten in Berlin, Herrn Raymond H. Geist, am seine Anfrage über den Stand der Angelegenheit des vor einigen Tagen verhafteten und auf seine Intervention ire:- gelasseneu Berliner ITA.-Korrespondenten Israel Albert Levitan erklärt, die gegen Levitan eingeleitete erste Unter- suchung, ob er sich kommunistisch betätige, sei als grundlos lallen gelassen worden, hingegen habe die Untersuchung seit- gestellt, daß Levitan„falsche Nachrichten" ins Ausland gc- iandt habe, in denen Hitlers Autorität in Deutschland au- gezweifelt wurde. Wegen dieser Tätigkeit werde Levitan ausgewiesen werden. Als der Generalkonsul die Mitteilung machte, daß Levitan sich nach London begeben habe, um sich mit seinen Austraggebern über seine weitere Tätigkeit zu beraten, wurde seitens der Gestapo erklärt, daß Levitan. falls er zurückkehre, zweifellos ausgewiesen werden würde. Vor seiner Abreise nach London hat Levitan vor dem amerikanischen Generalkonsul in Berlin ein beschworenes Assidavit betreffend seine Behandlung beim Verhör ab- gegeben. Dem ist zu entnehmen: Levitan wurde über ein Gespräch ausgefragt, das er am Tage seiner Ankunft in Berlin bei einem Besuch im Ber- liner Büro ber„New York Times" geführt habe und in dessen Verlauf er sich über das Leben der Bevölkerung tn den ärmeren Stadtteilen erkundigte. Aus dieses Geiprach stützte sich die Untersuchung über seine augebliche komniu- nistische Betätigung. Aus welche Weile die Herren der Gestapo Kenntnis von dem Verlauf de» im„New-Uoik- Times"-Büro geführten Gespräches erlangt haben. ie, ihm unerfindlich. Er, Levitan. bezweckte mit seinen Fragen nichts anderes, als Unterlagen für sein beabsichtigtes^tu- dium der sozialen Verhältnisse im„dritten Reich zu erlangen. Im Verlaus des Polizeiverhörs wurde Levitan von einem gewissen Kuchmauu gefragt, ob er Kommunist>e>, unt wem er zusammenarbeite und ob er Verbindung mit dem Büro der Jüdischen Telegrafen-Agentur unterhalte. Levitan erwiderte, er unterhalte keinerlei Verbindung m> N f»"«»,">---<<» »Ä'0«™"''" WWM""" Ski™ KrStaÄSSlÄÄ"""" n®"' dann die schweren Monatsbciträge. Ein SA.-Mann kommt auf 111 Mark im Monat ohne die häufigen„freiwilligen" Sammlungen, wobei jeder notiert wird, der nicht bezahlen will, mit dem Bedeuten: Wir wollen uns den Mann merken! Da heißt es einfach geben, wenn dir die Existenz lieb ist. Dazu kommt das Empörtsein über den 30. Juni. Ich kann Ihnen sagen, das hat sehr vielen die Augen geöffnet und ich mußte manchmal sagen: Ja, warum sind sie denn enttäuscht? Ich bin nicht enttäuscht, ich habe von diesem Regime nichts anderes erwartet! Ihr habt ja den Brüning weggeschickt, jetzt müßt ihr eben die andern haben. Weiter schimpft man über den Blödsinn der Wahl an sich. Wozu braucht sich ber Hitler noch wählen zu lassen, wenn er sich doch schon zum Reichspräsidenten gemacht hat? So sagen wir zu einander, und weiter heißt es: Dazu hat er IS Mil- lionen Mark frei, aber wenn er dem Ausland die Schulden zahlen soll, hat er nichts! Wie reimt sich das zusammen? Und müssen wir nicht selber darunter leiden, wenn uns das Ausland nichts mehr hereinläßt? So ist also das Volk dop- pelt wild wegen der Abstimmung vom 13. August. Das sollen sie im Ausland nur auch wissen. Ferner ist man empört über die scheußliche Menge Leute, die heute auf allen Büros stecken und über die vielen neuen „amtlichen" Büros, die aufgekommen sind. Das war unter Brüning nicht so, heißt es immer wieder. Kostet das nicht olles ein Heidengeld? Dazu schauen die Kerle jeder für sich und bis wenigsten arbeiten für die Allgemeinheit, wie jener Bürgermeister, der ein armes Bäuerlein war, jetzt aber ein feines Auto besitzt, worin er jeden Morgen die 100 Meter, sage hundert Meter, vom Hanse ins Bürgermeisteramt fährt! Solche Dinge er- leben wir massenhaft, nnd da sollen wir zutrieben bleiben?" Meine letzte Frage: „Ja, was denkt ihr denn? Bleibt die Geschichte noch lange so?" „Unsere Hoffnung i st die Saar!" „DaS verstehe ich nicht. Wie meinen Sie das?" „Sehr einfach. Wir hoffen alle, daß die Saarländer nicht für Deutschland stimmen und daß dann der Hitler eine ungeheure Dummheit macht, entweder gibt es dann eine gehörige Sauerei im Land, oder wir bekommen Krieg. In beiden Fällen aber ist es vorbei! Das ist unsere Hoffnung! Sofern nicht vorher...! Sie meinen schon das Gleiche!" Damit ging er. Eine kleine Hoffnung mit sich nehmend: die Saar! Ich bemerke nichts zu allem. Aber andere, die Gelegenheit hatten, mit anderen Deutschen offen zu reden, werden bestätigen, daß in weiten Kreisen Teutschlands diese ivahre Stimmung herrscht. Kuchmauu fragte dann Levitan, ob er Jude sei. Auf seine bejahende Antwort sprangen zwei dem Verhör beiwohnende Männer auf und begannen ihn zu beschimpfen. Einer sagte: „Warum verlassen Sie nicht dieses Land? Teutschland ist kein Land für Juden!" Als Levitan, nach dem Vornamen seines Vaters gefragt, erwiderte, dieser habe Solomon ge- heißen, wurde er wieder antisemitisch beschimpft. Das gleiche geschah, als er den jüdischen Vornamen seiner Mutter uauiitc.„Eine ganze Judenschar hat sich über uns nieder- gelassen!" wurde ihm gesagt. Kuchmann fragte Levitan. warum sein Vater»ach Amerika aiisgewaubert sei fLevitan selbst wurde bereits in Amerika geboren). Auf die Erwide- rung, daß dies wahrscheinlich aus persönlichen oder wirt- schastlichen Gründen erfolgt sei, sagte Kuchmann, dies sähe Juden sehr ähnlich: in einem Lande geboren zu sein und später Bürger eines anderen Landes zu werden. Auf ein amerikanisches Abzeichen i» Levitans Rockaufschlag zeigend, rief Kuchmann:„Sie verstecken sich hinter Ihrer amen- kanischeu Staatsbürgerschaft!" Levitan äußerte sich in seinem Affidavit auch über das in seiner Wohnung seitens der Gestapo beschlagnahmte Mate- rial, das nichts besonderes enthält, als erwa ein Manuskript „Tu sollst hassen!", in welchem Hans Günthers„Ritter. Tod und Teufel" einer Kritik unterzogen wird, in der der Nationalsozialismus natürlich nicht gut wegkommt. So sieht es Moskau: „Tun Sie Ihr» Argument« weg! Sie haben mich überzeugt!" Vetcherniaia Moskva 30 Jahre Herker Für illegale Kommunisten Nach zweitägiger Verhandlung kau. der 3. Strafsenat de? Kammergerichts in Berlin zum Urteil in einem Hochverrats- prozeß gegen 20 Kommunisten aus Moabit und Ehar- l o t t e n b u r g. DaS Gericht verurteilte den 23 Jah^e alten Gustav Adolk Schumann und den 37jährigen Karl S z y- m a n s k i zu je 2'/, Jahren Zuchthaus, den 31 Jahre alten Martin G ä r t u e r, den 24jährigeu Hans M a ck n t, den zu Jahre alten Max R i c ö c I und den 23jährigen Bruno M i l k e r t zu ie 1 Jahr 3 Monaten Zuchthaus, die 42 Jahre alte Ida Ä a f f k a und die 24jährige Ludmilla F i g g e zu je VI» Jahr Zuchthaus, die 33 Jahre alte Wando S t ü b e r zu 1 Jahr 3 Monaten Zuchthaus. Von den übrigen Angeklagten ei hielten drei je 2 Jahre 3 Monate, zivei je 2 Jahre, drei weitere bis zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis. Drei Ange- klagte wurden freigesprochen. Tie Verurteilten hatten, wie die Beweisaufnahme ergab, noch bis zum Januar 1934 versucht, den Zusammenhalt unter den Mitgliedern der K o m m» n i st j s ch c n P a r t e i aus- rechtzuerhalten und neue Mitglieder zu gewinnen. Sic haben i l l e g a l e F l u gschristen Gewissenskonflikt der Saar-Katholiken Bemerkenswerte italienische Stimme Der„Neuen Saar-Post" entnehmen wir folgende höchst bedeutsame Stellungnahme des führenden katholischen Blat- tes in Italien: „Die„Saarbrllcker Landes-Zeitung" zitiert bekanntlich mit Vorliebe den römischen„L'Avvenire d'Jtalia", das katho- tische Blatt des faschistischen Italien. Merkwürdigerweise hat sie aber bisher davon Abstand genommen, den unter obiger Ueberschrift am 1. September erschienenen Artikel über die Saar im Wortlaut wiederzugeben, den der deutschc Korre- spondent des Blattes geschrieben hat. Wir erlauben uns da- her unsererseits, diesen Artikel kommentarlos zu vcrösfent- lichen— vielleicht wird die„LandeS-Zeitung" nunmehr, wo wir ihr die Arbeit so erleichtert haben, die deutsche Ueber- setzung für sich übernehmen? „Am 20. August— so schreibt das römische Blatt— wäh- rcnd der Reichssührcr in Koblenz sprach, fand in Sulzbach au der Saar eine große Kundgebung für die Ausrcchterhaltung des Status quo statt. Die Gegenwart des katholischen Prie- sters Dörr an der Seite von Gottesleugnern könnte ver- blüffen. Aber viele Katholiken wollen nicht mehr die Ver- einigung mit dem nationalsozialistischen und heidnischen „dritten Reich" und deshalb muß sich ein Priester mit Recht zu ihrem Interpreten machen, zumal es sich nicht um eine rein politische Veranstaltung, fondern vorerst nur um eine Gegendemonstration gehandelt hatte. Die Religionspolitik des Nationalsozialismus hat die Saarkatholiken vor einen schwere« Gewissenskonflikt ge« stellt. Die Rassenideologie und der Blutmythos sind derart Heid- nische Grundlagen des gegenwärtigen deutschen Regimes und bedrohen das Christentum in allen seinen Richtungen, daß jeder Saarkatholik sich fragen muß: Kann ich, als Katho- lik, zustimmen, daß sich der Rassenwahnsinn und die anderen Irrtümer auch an der Saar ausbreiten, ohne meinen Glau- ben und den meiner Kinder aus eine zu harte Probe zu stellen? Viele, tief beeindruckt von dem, was sich von Februar 1333 an bis heute in Teutschland zugetragen hat, antworten mit Nein, während andere, jene Voraussetzungen für über- trieben haltend, mit Ja antworten. Welche der beiden Ansichten ist die richtige? Schreiber die- ser Zeilen ist kein Theologe, glaubt aber, daß theoretisch beide Antworten denkbar seien. Vielleicht fehlen noch die letzten unweigerlichen Argumente, um von einer wahren und endgültigen Entscheidung des Nationalsozialismus, das Christentum zu zerschlagen und eS durch heidnische Religions- macherei zu ersetzen, sprechen können. Wer so denkt, kann nack seinem religiösen Gewissen vielleicht in Erwartung der Ab- stimmung noch optimistisch sein. Aber wer nach den tatsächliche« Ereignissen in Deutschland urteilt und dadurch die Frage negativ löst, ha« wahrlich genügend Grund, danach seine Gesamthaltung bei der Ab- stimmung einzurichten- In der Rede von Koblenz, hat Hitler die Katholiken be- ruhigen wollen. Wir glauben nicht, daß er dieses Ziel erreicht hat. Vielleicht ist es schon zu spät dazu. Zu viele grausige Ereignisse haben die Katholiken im„dritten Reich" schon durchgemacht, als daß sie angesichts dieser Erklärungen von zweifelhaftem Wert in Vergessenheit geraten könnten." Nach altem Terrormosfer Dem Chefredakteur Hoffmann von der„Neuen Saar-Post" werden die Fensterscheiben eingeworfen Wir berichteten von dem niederträchtigen Ueberfall der Nationalsozialisten aus den kommunistischen LandcsratS- abgeordneten Sommer. In derselben Nacht haben die gleichen Kreise einen Angriff auf das Haus des Ehesrcdak- teurS H o f f m a n n von der„Neuen Saarpost" unter- nommen. Hierzu wird uns gemeldet: Hoffmann wohnt in St. Ingbert, Ensheimer Straße. Gegen drei Uhr morgens schlichen sich Nationalsozialisten an die Wohnung von Hoffmann heran und warfen ein großes Feuster ein. Offenbar war beabsichtigt, den Chefredakteur Hossmann zu treffen, oder aber, ihn ans Fenster oder nach draußen zu locken, um dann einen weiteren Angriff aus ihn zu unternehmen. Beides ist den braunen Horden jedoch nicht gelungen. Es ist ganz einwandfrei festgestellt worden, daß der Stein wurf von Nationalsozialisten erfolgt ist. Diese haben den zum Wurf benutzten Stein in ein rotes Papier eingewickelt, das ein Hakenkreuz aufwies. Wir hoffen, daß eS der Polizei ge- lingen wird, die feigen Attentäter zu fassen und zur Ber- antwortung zu ziehen. Allerdings dürfte die Aussicht aus Strafverfolgung für die'Nationalsozialisten im Saargcbiet kaum eine Abschreckung bedeuten. Wenn man bedenkt, daß die verschiedensten Attentäter aus der braunen Front teils frei- gesprochen, teils laufen gelassen worden sind, und daß sie fast samt und sonders wohlbehalten WS„dritte Reich" flüchten konnten, so bedeutet die drohende strafrechtliche Verfolgung absolut nichts Abschreckendes. Das Beispiel des Heidemann, der auf der großen Sulz- bacher Kundgebung die Tränengasbombe geworfen hat, und der jetzt wohlbehalten ins„dritte Reich" abgezogen ist, fordert geradezu zur Nacheiferung heraus. Die Verhetzung wird von der braunen Nazipresse in immer offenerer Form ge- führt. ES sollte uns nicht wundernehmen, wenn in den nächsten Tagen in den Organen der braunen Front mit dreister Stirn behauptet wird, daß sich der Chefredakteur Hoffmann die Attentäter bestellt habe, und baß eS Gest»« nungsfreunde von ihm gewesen seien, die ihm die schöne Fensterscheibe eingeworfen hätten. Pirro Mdit absflmmungsberedifigt Es hat sich herausgestellt, daß der Landesführer der sogt- nannten„deutschen Front", Pirro, überhaupt nicht ab- stimmungsbcrechtigt ist. Eine Erwiderung der gleichgeschal- tetcn Taar-Korresponbenz versucht, diese Tatsache zu bestreiten, läßt aber die Möglichkeit offen, daß Pirro nicht in d e r A b st i m m u n g s l i st e geführt wird. Wir halten unsere Mitteilung ausrecht. Es ist cnt- s ch i e d e n. d a ß H c r r P i r r o nicht a b st i m u, u n g s- berechtigt ist. „Deutsche Freiheit", Nr. 205 ASBHT UMD WIBTSCHAFf Saarbrücken, 5. September I9Sf Steigende Unkosten— sinkender Absatz Totale Bürokraftisierung- Wachsende Teuerung Seit Beginn der nationalsozialistischen Diktatur haben die Eingriffe in die Wirtschaft einen fast unübersehbaren Umfang angenommen. Da sie aber nicht nach irgend einem Wirtschaftsplan erfolgen, sondern jeweils der Befriedigung der zahllosen Interessentenhaufen dienen, ist das Resultat ein greuliches Gemisch von bürokratischer Reglementierung und kapitalistischem Profitstreben. Alle Nachteile kapitalistischer Anarchie multiplizieren sich mit denen einer planlosen Bürokratisierung. Das einzige bis jetzt erreichte Resultat ist eine Vermehrung der sogenanten„falschen Kosten" der Produktion, d. h. der unproduktiven Ausgaben. Es wäre sehr interessant zu erfahren, wie hoch diese Kosten der Reglementierung und Ueberwachung auf den verschiedenen Wirtschaftsgebieten heute schon sind. Wir wissen, daß namentlich in der Landwirtschaft die Kosten für die„Marktreglung" von Getreide, Vieh, Milch, Eiern usw. sehr groß sind, und zur Erhaltung des Apparats hohe Abgaben erhoben werden. Solche Marktreglungen werden für eine immer größere Anzahl agrarischer Erzeugnisse vorgenommen. Dabei ist die Tendeuz zu beobachten, daß diese Reglungen immer mehr zu einer vollständigen Zwangswirtschaft werden. So wird z. B. durch eine neue Verordnung der Hopfenbau genau geregelt. Danach kann der„Reichsnährstand" den Umfang der Hopfenanbaufläche begrenzen und jährlich bestimmen, welche Fläche höchstenfalls mit Hopfen bebaut werden darf, er kann den Brauereien die Verpflichtung auferlegen, bestimmte Mengen deutschen Hopfens abzunehmen(auf diese Weise also ohne Rücksicht auf bestehende Handelsverträge die Einfuhr ausländischen Hopfens drosseln), er kann Güteklassen festsetzen und vor allem Preise und Preisspannen bestimmen. Natürlich benutzt Darrö, der Reichsernährungsminister, der sich hinter dem Pseudonym„Reichsnährstand" verbirgt, diese Befugnis mit großem Erfolg zur immer weiteren agrarischen Preistreiberei. Nebenbei erfährt man aber aus der neuen Verordnung auch etwas über die Kosten des Apparats, der für die Durchführung dieser Bestimmungen aufgezogen wird. In der Hopfenverordnung wird nämlich festgesetzt, daß der reine Händlernutzen 10 Mark für den Zentner nicht übersteigen darf. Der Käufer aber hat für jeden Zentner 10 Reichsmark an die Deutsche Hopfenverwertungsgesellschaft Nürnberg zu zahlen; außerdem aber werden weitere zehn Mark für die Ausstellung der Berechtigungsscheine, die die Händler und Brauereien zum Ankauf beim Erzeuger berechtigen, erhoben, und drei Mark für die Ausweiskarten, die die Personen, die für Rechnung von Berechtigungsscheininhabern deutschen Hopfen aufkaufen dürfen.(Die schleppende Sprache gibt die Schwerfälligkeit der bürokratischen Handhabung trefflich wieder.) Das Ergebnis ist nun außerordentlich interessant: Die Kosten des bürokratischen Apparates belaufen sich auf mehr als das Doppelte der gesamten Handclsunkosten. Da die Nationalsozialisten nicht etwa durch Ausschaltung des Handelsprofits die Unkosten ermäßigen können— der selbständige Mittelstand muß ja erhalten werden—, so müssen sie die Kosten des Apparats, sei es von den Konsumenten. sei es von den Produzenten zusätzlich hereinbringen. So erklärt es sich, daß trotz der gestiegenen Agrarpreise die Erlöse der Produzenten lange nicht in gleichem Maße steigen. Andererseits bedeutet die sich immer mehr ausdehnende Zwangswirtschaft namentlich bei leichtverderblichen Produkten(Eiern, Frischgemüse) starke Verl Unmöglichkeiten, die wieder auf die Produzenten abgewälzt werden. Daher die wachsende Unzufriedenheit und steigende Nazifeindlichkeit der Bauernschaft, die immer mehr die Nachteile des bürokratischen Zwanges empfindet, ohne eine genügende Kompensation durch steigende Preise zu erhalten. Denn ein großer Teil der gestiegenen Verkaufspreise wird durch die unproduktiven Kosten aufgezehrt. Für die wachsende Unproduktivität der Gesamtwirtschaft ist es wahrhaftig kein Trost, daß in diesen anschwellenden Wirtschaftsapparat immer mehr Pgs. eingestellt werden können. Auf der anderen Seite wachsen die unproduktiven Ausgaben auf dem Gebiet der Industrie und der Geldwirtschaft ebenfalls in raschem Maße. Die Devisenzwangswirtschaft beschäftigt in der Reichsbank und den anderen Banken wohl viele Hunderte von Personen, aber auch die Ueberwachungs- stellen für die Verarbeitung der verschiedenen Rohstoffe erfordern ein ständig steigendes Personal. So beschäftigt die Ueberwachungsstelle für die Industrie der Nichteisen-Mctalle mehr als 100 Personen und man rechnet für die nächste Zeit noch mit neuen Einstellungen. Bedeutungsvoller aber sind die indirekten Wirkungen. Die De visen Wirtschaft macht rasche Entscheidungen über geschäftliche Maßnahmen, die namentlich im Außenhandel unerläßlich sind, immer mehr zur Unmöglichkeit. Sie stellt in wachsendem Maße wohl die schwerste Hemmung dar, die dem deutschen Außenhandel je bereitet worden ist. Die Verhandlungsmethoden von Schacht haben dazu geführt, daß die Zwangsmaßnahmen sich immer mehr häufen. Nach Holland ist auch Finnland zu einer Art von Zwangsclearing geschritten, und auch die Engländer und Schweden scheinen entschlossen, zu Zwangsmaßnahmen überzugehen, wenn nicht endlich die Regulierung der alten Handelsschulden vorgenommen wird. Dazu kommen die Kostenerhöhungen infolge der durch die mangelnden Rohstoffzufuhren erzwungenen Produktionseinschränkungen. In der Textilindustrie z. B. bedeutet die Einschränkung' eine Umsatz Verminderung von etwa 25 Prozent, während die Generalunkosten dieselben bleiben. Die Folge ist natürlich Preiserhöhung und weitere Verminderung der Exportfähigkeit. In derselben Richtung wirkt der Zwang, deutsche Rohstoffe oder Ersatzstoffe zu verwenden. So hat das Kartell der Filztuchfabrikanten namhafte Preiserhöhungen dekretiert, mit der Begründung, daß es genötigt sei, mehr als bisher zur Verwendung deutscher Wolle überzugehen. Die deutschen Wollen hätten aber seit der Einfuhrsperre für Auslandswolle beträchtlich im Preis angezogen. Diese Preiserhöhungstendenzen setzen sich um so leichter durch, als auch unter Schacht kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Zwangskartelle geschaffen werden. Aber die Monopolisierung ist ja längst nicht mehr auf einzelne Industriegruppen beschränkt. Für große Erwerbszweige, wie beim Einzelhandel, bei den Gaststätten, Apotheken, Annoncenexpeditionen, Tankstellen und vielen anderen ist der Zugang gehemmt oder gesperrt. Die Konkurrenz wird immer mehr ausgeschaltet und so bleiben die Erlasse gegen Teuerung auf dem Papier. Die Teuerungstendenz setzt sich durch in einer Zeit steigenden Lolindrucks, also einer Verengerung des Binnenmarktes, zugleich verengt sie den Außenmarkt noch weiter. Es ist ein fortschreitender Niedergang, demgegenüber die Wirtschaftsdiktatur bis jetzt wirksame Gegenmaßnahmen noch nicht einmal versucht hat. Dr. Richard Kern. Steigende Dividende- sinkende Arbeitslöhne Das Geheimnis der nationalsozialistischen Arbeitsschlachten wird überraschender Weise in einem führenden Organ der Nazipresse enthüllt. Die„Deutsche Zeitung" schreibt in Nummer 176 vom 29. Juli: , Es läßt sich nicht leugnen, daß die Arbeitssehlacht bereits jetzt schon die Rentabilität vieler Unternehmungen erhöht hat. Von den 93 deutschen Aktiengesellschaften— repräsentative Unternehmungen aus allen Wirtschaftszweigen mit Ausnahme von Geldinstituten, Sdiiffahrls- Gesellschaften und staatlichen bzw. subventionierten Gesellschaften— haben im abgelaufenen Geschäftsjahr(1933 bzw. 1933-34) 81 mit Gewinn gearbeitet und nur 12 mit Verlust. Von den ersteren haben 31 ihren Gewinn benutzt, um die Verluste aus den Vorjahren abzudecken, um die gesetzlichen Rücklagen wieder aufzufüllen oder eine anderweitige Reserve zu schaffen. Die übrigen 50 Gesellschaften waren in der Lage, eine Dividende auszuschütten. Und zwar haben mehr als die Hälfte davon ihre Dividendenzahlungen erstmalig wieder aufgenommen bzw. erhöht. Nur drei sahen sich zu einer geringen Ermäßigung der Dividendenhöhe veranlaßt." Den steigenden Dividenden stellt das nationalsozialistische Organ die ungeheuer gesunkenen Arbeiterlöhne gegenüber: „Ein männlicher Facharbeiter verdiente nach der amtlichen Statistik Ende 1929 103 Rpf. je Stunde, im April 1934 78 Rpf., ein männlicher Hilfsarbeiter hat heute 62 gegen 81 Rpf. Dieser Rückgang des Tariflohns wird aber noch verschärft durch die Kürzung der Arbeitszeit, die teils von den Betrieben wegen Arbeitsmangels, teils von den Arbeitern freiwillig zwecks Eingliederung neuer Arbeitsgenossen vorgenommen wurde. Um sich ein Bild von dem Umfange dieser Kürzungen zu machen, seien die Schätzungen angeführt, die das Institut für Konjunkturforschung über das Einkommen der Arbeiter, Angestellten und Beamten angestellt hat. Danach sind die genannten Einkommen von 44,5 Milliarden RM. im Jahre 1929 auf 25,7 Milliarden RM. im Jahre 1932 zurückgegangen." Die zuletzt genannten Angaben müssen noch dahin ergänzt werden, daß das Einkommen der Arbeiter, Angestellten und Beamten jetzt noch weit unter das Einkommen vom Jahre 1932 gesunken ist. Täglich 25 Millionen Zigaretten für Motkau In den folgenden Tagen wird die Zigarettenversorgung der Moskauer Bevölkerung bedeutend verstärkt werden. Moskau wird täglich 25 Millionen Zigaretten erhalten. Unter den zum Verkauf gelangenden Zigaretten befindet sieh auch eine große Menge billiger Sorten. Die erste Glasfabrik im Fernen Osten Bei der Bahnstation Kiparrissowo(unweit Wladiwostok) wurde der Bau des Ofens der ersten Glasfabrik des Gebietes beendet. Schon Ende des Jahres wird die Fabrik 150 000 Gläser, 500 000 Lampenzylinder, 300 000 Medizinflaschen und 600 000 Glasschwimmer für Krabbennetze erzeugen. Die j'üdische Milchwirtschaft in Palästina Die Verkaufsgenossenschaft der jüdischen Milchwirtschaften„Tnuwah" teilt der Presse mit, daß die Wirtschaften in diesem Jahre neun Millionen Liter Milch, d. h. um zwei Millionen Liter mehr als im Vorjahre, produziert haben. Würde es gelingen, den Dumping-Import von Butter aus dem Auslande zu unterbinden, so würde in Palästina Platz für neue 2500 jüdische Milchwirtschaften sein. Sinkender Lebensstandard In Deutschland ist man an der schwierigen Arbeit, die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung für den kommenden Winter ohne unerträgliche Härten festzustellen. Vorläufig ist der Index der Lebenskosten weiter im Anstieg begriffen. Deutschland*) (1913/14=100) Juli 1933 Mai 1934 Juni 1934 Juli 1934 Lebenskosten 119 120 121,5 Nahrung 111 113 115,5 H« *) ohne Berücksichtigung des zeitweil. Markdisagios. Das Tempo hat sich sogar verschärft; seit dem Tiefstand vom März 1933 haben sich die statistisch erfaßten Lebens- kosten bereits um immerhin fast 6 Prozent gehoben. Bei der Nahrung allein macht die Verteuerung fast 11 Prozent aus. Es ist eben auf die Dauer einfach unmöglich, um die B irkungen des intensiven Agrarschutzes auf die Lebenskosten herumzukommen. Auch die Rohstoff Verknappung muß ihre Spuren zeichnen. Die quantitative Versorgung des Landes ist gewiß noch ausreichend, um mit dem„Märchen von den Lebensmittelkarten" aufzuräumen; die kommenden Preisaufschläge müssen sich aber nicht notwendig ebenfalls als Märchen erweisen. Die neue Preiskontrolle auf verbreiterter Front— Ueberwachung aller Preisabreden nicht nur bei lebenswichtigen Gegenständen des täglichen Bedarfes, sondern bei sämtlichen Gütern und gewerblichen Leistungen überhaupt— wird recht bald an ihre Grenzen stoßen. Neben den Preisen gilt das Hauptinteresse der Entwicklung der Arbeitseinkommen. Das Gesamteinkommen der berufstätigen Arbeiter, Angestellten und Beamten im zweiten Quartal 1934 wird jetzt vom Institut für Konjunkturforschung auf 7,5 Milliarden RM. geschätzt, gegen 6,9 Milliarden im Vorquartal. Nach einer Ausschaltung der bloßen Saisonbewegung(naturgemäß sind die Lohnsummen anders im Sommer, also in der Zeit voller Beschäftigung der Landwirtschaft, des Baugewerbes, des Fremdenverkehrs usw. als im Winterquartal) ist das deutsche Arbeitseinkommen seit Anfang 1933 in jedem Vierteljahr um 3, 4, 6 und zuletzt im Jahre 1934 um 15 bzw. 17 Prozent gegen das erste Vierteljahr 1933 gestiegen. Diese Zunahme beruht aber ausschließlich auf der Vermehrung der Arbeitstätigen und z. 1. der Arbeitsstunden; sie ist bei gänzlich unveränderten Lohn- Sätzen erfolgt. („Neue Zürcher Zeitung") Rückgängiger Schuhhandel Im Umsatz des Schuheinzelhandels war im Juli gegenüber dem dcä Vormonats ein Rückgang von durchschnittlich 12 Prozent zu verzeichnen. Gegenüber dem Umsatz des gleichen Monats des Vorjahres blieb der Umsatz um 1,7 Prozent im Durchschnitt zurück. Devisensperre für deutsche Versicherungszahlungen Die Reichsbank hat sich vor kurzem außerstande erklärt, zukünftig noch weiter Devisen zu Prämienzahlungen für auf Valuta lautende ausländische und deutsche Versicherungsverträge zur Verfügung zu stellen. Nach Schätzungen aus Fachkreisen dürften sich die jährlichen Devisenaufwenduugen für Versicherungsprämien aller Art auf etwa 30—35 Mill. RM. belaufen, von denen allerdings ein gewisser Teil bei Eintreten des Versicherungsfalles zurückfließt. „Deutsche Jxeiheit" Monnemmtspceise: Amerika Argentinien Belgien Dänemark England Frankreich Holland Italien Luxemburg Neubelgien (Eupen.Malmedy) Oesterreich Palästina Polen Rumänien Rußland Saargebiet Schweden Schweiz Spanien Dollar Peso belg. Fr. Kr. sh fr. Fr. fl. Lire belg. Fr. belg. Fr. (verboten) sh (verboten) Lei Rubel fr. Fr. Kr. schw. Fr. Peseta T schechoslowakei Kr. im Monat 1.- Z.- 15.- 5.70 4,— 12,— 1,50 10- 15.- 12,- 4,- 90,- 1,- 12,- 2,60 2,40 6.- 30,- Zustell. gebühr 0.50. 1.- 5,30 2,30 1,10 3,75 0,40 5.- 5,30 5,30 1,10 30,- 7,50 1,70 0,80 2.- 5,50 Bei Zusendung unter Kreuzband durch die Post sind die Poilogebühren vom Besteller mit dem Abonnementsbetrag zu entrichten Qeuisdke Stimmen•!Beiia£e zur„IDeuistfien Preifkeit"• Ereignisse und GesdticMen ElBllülü WBBSBBSSEMBBS Mittwoch», den 5. September 1934 See J&ienenscfum Van JScwa Waltee I» die Großstadtstraße verirrte sich ein Bienenschwarm. Er kam daher geflogen wie ein singender Haufe, ohne Ahnung davon, daß auf dem Asphalt zwischen steinernen Mauern keine Blumen für Bienen blühen. Wundervoll war dieser brausende Schwärm in seiner Disziplin. In seiner Mitte flog die Königin, und locker um 8'c herum in kleinen, auf- und niedersthwebenden Zickzackfügen schwärmten die Bienen mit ihr. So rollte der Schwärm hoch zwischen den Häusern dahin wie eine große, bald gehobene, bald sinkende, blond schimmernde Kugel aus Luft, bewegt von sirrenden durchsichtigen Flügeln. Dnter dem tanzenden Schwärm hinweg fuhr ein Auto. Gleich darauf hielt es vor einem Geschäft, und der Herr, der es steuerte, stieg aus. Er hatte kaum die Türe hinter sich geschlossen, als der Bienenschwarm, vielleicht vom Luft- Wirbel herabgezogen, sich niedersenkte und das Auto wimmelnd überfiel. Der blanke Lack, die Lederpolster, das Glas der Schutzscheibe— alles war im Nu bedeckt mit Bienen. Der Richtungsweiser glich einer braunen Traube. Auf der Glasscheibe liefen Bienen auf und ab, winzige Tänzerinnen im gespreizten Gazeröckchen der Flügel. Leber dem Wagen schwärmten die kleinen Körperchen in der Luft mit leisem Brausen wie wallender Dunst. Man glaubte feinen Honig- üuft zu spüren. Der Herr kam aus dem Geschäft zurück und sah ratlos den Leberfall. Menschen sammelten sich an. Sie standen in respektvoller Entfernung um den Wagen, über dem das singende Heer feine, gefährliche Speere schwang. Schließlich, als das Schauspiel schon eine Weile gedauert hatte, trat ein Mann durch die Mauer der Zuschauer auf den W'agen zu, betrachtete den summenden Pelz und begann dann, in den Rauch einer Zigarre gehüllt, vorsichtig und sachkundig das Gewimmel abzusuchen. Er schob die Bienen mit den Fingern auseinander. Die kleinen Wesen setzten sich ihm auf den Rock, auf die Hände, auf den Hut. Er wehrte es cknen nicht, er suchte, und die Bienen stachen ihn nicht, sie kamen zu ihm, als fühlten sie, daß er mit Bienen umzugehen wisse. Der Eigentümer des Wagens stand dabei, sichtlich froh, daß ihm jemand aus der Verlegenheit half; er verstand sich wohl auf die komplizierte Maschinerie seines Wagens, aber nicht auf Bienen. Während die vielen Menschen langsam, von Neugier getrieben, immer näher herankamen und den Wagen schließlich eng umstanden, traf ein Schutzmann ein. Er vermutete Fohl einen Verkehrsunfall; man sah ihm an, daß er seine Instruktionen kannte und sie sogleich anwenden würde. Als er aber die Bienen sah, fand er sich in eine Lage versetzt, die sich allen Regeln entzog. Daß ein Mensch überfahren wird, ist in der Großstadt kein außergewöhnliches Ereignis; die amtliche Handlung setzt in einem solchen Falle selbstverständlich ein. Aber schwärmende Bienen heben die V er- kqjirsordnung auf. Der Schutzmann sah in die schwirrende Wolke über dem Auto; diese winzigen Wesen entwaffneten ihn. Notizbuch, Seitengewehr, Gummischläger waren ihnen gegenüber ganz nutzlose Dinge. Lud so mußte der Schutzmann sich darauf beschränken, die Zuschauer in die Verkehrsschranken zu weisen. Er fragte zwar den bienenkundigen Mann, ob der Wagen nicht wegfahren könne, aber der Mann erklärte ihm, daß dann die Bienen einfach folgen würden; sie bleiben bei ihrer Königin. Kleine summende Bienen, die ein Hauch bewegt, brachten mit ihren zarten Flügeln, mit ihren winzigen honigbraunen Körperchen ein Automobil mit seinen achtzig Pferdekräften zum Stehen; sie setzten eine ganze Verkehrsordnung, die den Straßenbahnen, Automobilen, Fuhrwerken, Motorrädern, Radfahrern, Fußgängern ihre Bahnen genau vorschreibt und deren Bestimmungen jeder Schutzmann und jeder Fahrer mühsam auswendig lernen muß, einfach außer Kraft. Kleine Bienen enthüllten mit der Lnangrcifbarkeit ihrer Natur die ganze Künstlichkeit des Großstadtlebens; im leisen Brausen Ihrer Flügel wehte der überhebliche Stolz des Großstädters kläglich dabin. Inzwischen hatte sich noch ein bienenkundiger Mann eingefunden, und das merkwürdige war, daß in dieser naturfernen Asphaltstraße zwei Männer zur Stelle waren, die sich auf Bienen verstanden. Sie wechselten einige Worte miteinander, sprachen etwas von Kreuzung und Italienern, und die Zuschauer beugten sich näher heran, verwundert, daß man auch bei Bienen wie bei Hühnern oder Hunden Zuchtrassen unterscheiden kann. Sie betrachtete» die beiden Männer mit Hochachtung, und einige wußten sogar theoretisch, daß es darauf ankomme, die Königin, die Weisel, zu finden- „Hier sitzt sie!" rief der zweite Helfer, und während er die Königin vorsichtig aus dem Schwärm nahm, hielt der andere einen Pappkarton bereit, den er sich aus dem Geschäfte hatte gehen lassen und in dessen Deckel er ein Loch geschnitten hatte. Den Zuschauern sagte er, daß es von nun an gefährlich sei, allezu nahe zu kommen; drei Bienenstiche könnten einen Menschen töten. Die Zuschauer glaubten es aber nicht und blieben fest wie eine Mauer. Der Mann setzte die Königin in die Pappschachtel und streifte nun mit einem Pappstrelfen vorsichtig den summenden Pelz strickweise ab und schüttelte die Bienen über das ausgeschnittene Lock. Die Bienen begriffen sofort. In eifrigem Gedränge schlüpften sie zu ihrer Königin hinein. Nach und nach senkte sich auch der brausende Schleier aus der Luft auf den Karton nieder. Die Bienen fanden nun schon von selber ihren Weg; ejne nach der anderen schlüpfte ins Lock. Schließlich konnte der Wagen befreit davonfahren. Der Schutzmann stand gesichert im Bereiche der wiederhergestellten Ordnung. Ihm blieb die klare Aufgabe, die Verwahrung des Kartons mit dem Bienenschwarm anzuordnen und Meldung zu erstatten, damit der Eigentümer der Bienen ausfindig gemacht werdest könne. Als der Karton davongetragen wurde, klang daraus ein dunkles, warmes Brausen wie die Stimme der großen, fernen Natur, nach der wir in der Großstadt uns alle sehnen- Man zittert mc tmit vm Max Zatdaui Der mächtigste Mann meiner Heimatstadt ist nickt der Bürgermeister, nicht der Polizeioberste und nicht der SS.- Kommandant, sondern einer, für dessen Beruf es noch keine richtige Bezeichnung gibt. Seine Laufbahn begann damit, daß Emil für andere Gesuche schrieb. Dann kamen Hockzeitscarmen und Jtibl- lüumsgedicktc hinzu und später Briefe aller Art. Wenn einer seinem Nachbarn Grobheiten schreiben wollte, die juristisch nickt faßbar sind, ging er zum Emil. Kamen Bauern vom Lande auf den Markt, ließen sie sich von ihm nickt nur die Steuerhinterziehungen aufstellen, sondern auch Drohungen an das Gemeindekollegium abfassen. Seine große Spezialität jedoch wurde der deutsche Liebesbrief. Emil kennt die Volksseele und weiß, wie man die Worte setzen muß, damit der Adressat schluchzt oder jauchzt, je nach Bedarf und Wunsch. Es kam vor, daß sich einer den Brief an sie schreiben ließ und daß sie dann zum Emil kam, um die Antwort abfassen zu lassen. So lernte er beide kennen, wußte um ihre individuellen Eigenheiten und Wünsche. Solche Brjefe konnten nicht daneben gehen. Es ist klar, daß ihm vom„dritten Reick" große Konjunktur beschert wurde. Neue Begriffe tauchten auf, Worte, unter denen sich niemand was Rechtes denken konnte, ein Volk geriet in Verwirrung, die Muttersprache durfte nach Belieben malträtiert werden— große Zeit für Emilen! Alle vorhandenen gedruckten Briefsteller versagten vor den neuen Anforderungen. Emil studierte die Naziblätter, und wenn er auch nicht alles kapierte, so wußte er mit den hauptsächlichsten braunen Phrasen sehr bald einigermaßen umzugehen. Wenn der SA.-Mann um Scharführers Grete wirbt und mit seinem Ariertum nicht zu Farbe kommt, so geht er zum Emil. Die Grete stutzt, fühlt sich von so viel nationalsozialistischem Wortdunst erschlagen und geht auch zum Emil. Der sieht sich seine Leute fachmännisch an, beschreibt die Schädel- und sonstigen Formen, setzt die arischen Rassetuerk- male in bengalische Beleuchtung, dicktet herrliche Stammbäume, sagt einiges über die Erbmasse, schmeißt mit Worten wie„Blut und Boden" um sich und weiß von ostisck-dinari- sehern, gälischem und fälischem Typ zu munkeln. Kurz; er vermag mit alledem so zu wirbeln, daß der Briefschreiber als Mensch dasteht, mit dem sieh im„dritten Reich" Karriere machen läßt, soweit der Vorrat reicht. Da ihm jeder Kunde viel erzählen muß, erfährt er viel Intimitäten und kennt die privatesten Dinge der halben Stadt, zumal sie nur dreißig- tausend Einwohner zählt. So weit wäre sein Beruf mehr amüsant als gefährlich, wenn sich im„dritten Reich" nickt nebenbei eine neue Art Schreiberei entwickelt hätte, für die es nirgends Vorbilder und noch keinerlei Konvention gibt; die getarnten Mitteilungen. Jemand will der Mutter auf dem Lande den neuen Trjck zukommen lassen, mit dem sie die Zwangsablieferung der Eier umgehen kann— wie schreibt er da? Briefgeheimnis gibt» nickt mehr, auf den Postämtern sitzen Schnüffler, dje sich Fangprämien verdienen möchten— wie schreibt man da einem Bekannten, was er hamstern, was er zurückhalten, womit er sich eindecken soll?! Wie schreibt man's seinem Kipde, wenn Durchsuchungen, Denunziationen und Verwandtes drohen? Man geht zum Emil, obwohl der den Andrang kaum bewältigen kann. Er möchte einen Gehilfen einstellen, aber wo ist der Nachwuchs? Wo ist der vertrauenswürdige Kompagnon, der die Sprache soweit meistert, daß die verbotensten Dinge— und was ist nicht alles verboten!— vom einfachsten Gehirn verstanden werden?! Hier ragen plötzlich die neuen Klippen seines Berufes. Manches ist schon schief gegangen, weil die Tarnung nickt verstanden wurde. Eine neue Gehcimspracke ist im Werden, aber es geht langsam mit ihr, wie mit allen Sprachbildungen. Auch der Gaunerjargon entstand in Jahrhunderten, Jetzt wird ein ganzes Volk durch Gauner in Gaunerart regiert— ist es da ein Wunder, wenn es sich mit einer entsprechenden Sprache wehrt? Emil hat bereits einige Routine, denn er horcht viel in SA.- Kreisen umher, aber es ergeben sich immer wieder Fehlzündungen, und die Gefahren wachsen. Sein Schutz ist, daß er infolge seines Berufes die wichtigsten Geheimnisse der Stadt weiß. Er kennt die Blockwarte, jene Oberspigel, die in ihrem Viertel aufpassen müssen, daß die Hauswarte auf alles aufpassen. Er weiß, welche Blockwarte von wem Bestechungen beziehen. Ihm ist bekannt, wieviele von ängstlichen Geschäftsleuten geschmiert werden und von welchen. Wenn er redet, fliegt die ganze NSDAP, des Ortes auf! Man würde ihn gern umlegen, und bei der nächsten Füssjlade könnte er mit gefährdet sein, aber man fürchtet seinen Nach« laß. Er hat den hrahnen Chargen wissen lassen, daß sein« Memoiren bereits in zwölf Durchschlügen und drei Leber* Setzungen existieren und daß sie bei seinem Tode von anderer Seite- automatisch an mehrere Prominente des In- und Aus« landes verschickt werden! Seitdem bangt die ganze braune Bonzerie der Stadt um sein Lehen und zittert, wenn er einmal krank ist. Seen fremdes Amt zu greifen." Das Ordinations- gellibde enthalte vollgültig die alleinige Bindung an Christus den Herrn der Kirche. Es sei ferner nnevange- fisch, einen Pfarrer innerhalb der Kirche aus Kirchen- Ordnungen zu vereidigen. Der Eid stelle eine unglückliche Berklammcrung von Slaatstrcueid und eidlicher Aerpslich- iung auf kirchliche Ordnungen dar. Württembergs Redifsverwahrung Der iviirttcmbcrgische LandeSbischos Wurm und Bie MchrheitSgruppen des LanbcSkirchentagcs haben in einem Schreiben an die Deutsche Evangelische Kirche teier- iichc Rcchtsoerivahrung gegen die von der National- lvnode beschlossenen Gesetze eingelegt. Die Zusammensetzung der Nationalsynode vom 9 August wird als v c r s a s s u n g s widrig bezeichnet. Das Gesetz über die Rechtmäßigkeit von Gesetzen und Bcrwaltungsmaßnahmen sanktioniere nachträglich das in der Zwischenzeit begangene Unrecht. Der Amtseid stelle eine Eidesformel dar, die aus der über- wundenen Zeit der Mitte des vorigen Jahrhunderts stamme. "Der im Kirchengesetz vorgesehene Eid. geht über die Per« vilichtungen de» Eides der Staatsbeamten weit hinaus." Er fordere Gehorsam gegenüber Weisungen eines Kirchen- regiments, das durch seine ethischen Grundsätzen « u m i d e r l a u f e n d e n Handlungen das Bertrauc» weitester treuer kirchlicher Kreise verloren habe. Theoloden tn Pro'est Soeben ist eine lutherische Kundgebung zur Not der kirchlichen Vage erschienen, in der die ernste Besorgnis über die kirchliche Vage ausgesprochen wird. Auch >n dieser Kundgebung wird gegen die Beschlüsse der National- synode protestiert, insbesondere gegen die Eidesformel der Rcjchskirchenregiernng. Diese Kundgebung ist u. a. unter- schrieben von Profestor Althalts, den LandeSbischöken Marahrens, Meiser, Wurm und Zaenker und von den Professoren Schreiner und Ulmet. Schließlich hat Professor Gerharb K Nittel unter der Ueberschrtft „Gedanken eines evangelischen Nationalsozialisten zum 19. August 19.84" einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er sich „mit Begeisterung" zu Adolf Hitler bekennt und zu dessen Werk, in dem er aber gleichzeitig zur Vösung der inner- kirchlichen Konflikte eine B o l k s k i r ch e n a b st i m m u n g fordert. iimier in Not Ein« schwere Niederlage vor Gericht Die Londoner„Times" berichtet aus Berlin, daß das Berliner Oberverwaltungsgericht dem Rcichsvischof M ü 11 c r eine erschütternde Niederlage bereitet hat. ES handelt sich um folgendes: Der ReichSbischos hatte am 2« Januar das Fiihrerprinztp in der evangelischen Kirche eingeführt nn-d sich selbst zum preußischen Bischof gemacht. Dieses Dekret wurde für ungültig erklärt. In der Urteilsbegründung führte der Richter aus, daß in e'nem Rechtsstaat das Dekret vom 90. Januar völlig»»- haltbar sei Der ReichSbischos habe nicht das Recht, die Verfassung der S t a a t s k i r ch e n willkürlich z u ändern. Die Verfassung der cvange- lischt» Kirche zeige klar und deutlich, welche Grenzen der Machtbefugnis des Reichsbischofs gesetzt se'en. Daher sei alles ungültig, was der Reichsbifchos aus Grund einer selbst erteilten Macht- befugnis angeordnet habe. Das Gericht verurteilte den Rcichsbischof nicht nur zur Zahlung des rückständigen Ge- Haltes an den Kläger, den Tcmpelhofer Pfarrer Dr. Buch- hvltz, sondern auch zur Weiterzahlung der B e- z ii g c. Weiter muß dem Pastor die Amtswohnung über- lassen bleiben und endlich hat der Rcichsbiichof die Kosten des Streitvcrfahrcns zu tragen. v!e Disziplinieren Erstaunliche Zahlen Berlin, 8. Sept. Die Zeitschrift der Deutschen Christ«», „Evangelium im Dritten Reich". berid>tet zu der Meldung, daß 80C Piarrer. die sich zur Bekenntnissynode bekannt hätten, diszipliniert worden seien, folgende Zahlen über Disziplinarfälle in der Deutschen Evangelischen Kirche:„Es schweben gegenwärt'g insgesamt, d. h. in sämt« lichen evangelischen Landeskirchen Deutschlands, an Difziplinarfällcn noch neun förmliche und zwölf nichtförm- liche iVcrwarnunaen und Verweise! Seit Bestehen der Deutschen Evangelischen Kirche wurden an Disziplinarfälle» durch rechtskräftige Entscheidung insgesamt abgeschlossen 7 förmlidie und 81 uichtförmliche. Im V e r w a l t u» g s- weg? wurde» insgesamt 98 Versetzungen im Interesse des Dienstes ausgesprochen, in 25 Fällen erfolgte die Ver- sctznng in e'nstweiligen Ruhestand, in 40 Fällen erfolgte Entbindung vom Anssichtsami unter Belassung im Psarr- amt. Auf Grund des Befriedungsgesctzes vom 13. April 1984 wurden insgesamt<>-' förmliche und 187 nichisörmliche Verfahren eingestellt. In diesen Zahlen sind nebenbei auch die deutsch-christl'chen Geistlichen enthalte», die von gegnerischen Bischöfen gemaßregelt wurden." Die Polizei Der bayerische Bischof Meiser schreibt in einer Nürnberger Zeitung:„Noch niemals sind für die„Schlichtung" kirch- lichcr Streitigkeiten Polizeikräfte in einem derartigen Um- fange herangezogen worden wie jetzt. Druckschriften werden beschlagnahmt, bei den Pfarrern werden Haussuchungen vor- genommen, sie selbst von ihren Pfarrstellen vertrieben. Ver- sammlungen verboten Verhaftungen vorgenommen uiiv. In 80» Iä l l e» wurden gegen Geistliche T i s z i> plinarver fahren durchgeführt. Die leipziger Kessepleite Dftckgang der Besucher und Verkäufer m.c t Ergebnis der eben zu Ende gegangenen Herbstmesse hat, ,.-1. wgar die gleichgeschalteten Zeitungen betonen,„das ge- Dcfirfl'. tuu' vernünftige Menschen erhoffen konnten". An- ,, wfv des amtlichen Optimismus muß dies als ein recht m„ 8„.'rieftigendes Resultat angesehen werden, was auch «P"J&nMidjeit Berichte über den Messcverkauf bestätigen. os Exportgeschäft war ausgesprochen schlecht, „,'r namentlich Branchen wie die Spielwaren-, Lederwaren- »d tzorzellanindustrie. die am stärksten auf die Ausfuhr an- ^.'Viesen ssnd, berichten über schlechte Erportnbschllisse, wobei w hohen Preise ein besonderes Hindernis bedeuteten. Der 1,".^.a n d s a b sa tz konnte hierfür keinen genügenden Aus- ftr ir, 6ie,cn' da sich im allgemeinen zeigte, daß durch die krriiysahrSkvnjUnktur bereits die Herbstkonjunktur vorweg- ",7JJWit war und daß die Einzelhändler vielfach noch so «' Waren gesättigt sind, daß der überwiegende Teil ihrer gebunden war Nicht einmal für zwangsbcwlrt- '?!«.£ Waren oder für Ersatzstosfc machte sich ein größeres fiel.[ c geltend, so baß es kaum allzu große Mühe gemacht ftsrrü M dürfte, Um angesichts des„bei den deutschen Her J^ssern eingezogenen Gemeinschaftsgeistes gewissen libera- „v'Echen Rückfällen solcher Händler, die mehr Spekulanten .*^erfotger sind, und den Versuchen des sinnlosen Auf- ..vfcns spekulativ günstig erscheinender Erzeugnisse" ent- »rgeuzutreten. Im übrigen sind dir Einkäufe„offensichtlich "ch gewissenhaft berechnetem Bedarf des Handels" getätigt -^vrden, was im Hinblick auf die gefüllten Detaillager eben- Züs nicht sehr optimistisch klingt. Verhältnismäßig die besten ^ crkansSeraebnisse wurden in den Artikeln fteS täglichen Bedarfs, Bekleidung, Hausrat und Wohn bedarf, er- d'klt. Die Umsätze aul der T e t't i l in e f s r scheinen im all- gemeinen sehr wenig befriedigt zu haben, eine 'venig erstaunliche Reaktion nach den großen Bedarfsein- vecknngen in den letzten Monaten. Anderseits sei die Messe '' reinleinener Wäsche und Stückware, ebenso In Halbleinen, o>t ausverkauft gewesen, auch Arbeitsanzüge und ?rbeiisbemden aus Barchent ginaen sehr gut. ^>e technisch-- Messe und die Banmesse verzeichneten nur sehr ss^iittr Umsätze Kennzeichnend ist daß die Verkäufer trotz cm Verbot sich bemühten, wenigstens D«ta i l a b sch l ü f i c tätiaen, um überhaupt Aufträge buchen zu können Tie orläussge Schätzung ergibt etwa 75sisisi Besucher, ? e gen über 9 5 2 9 9 s. V und 158" Öf» fl a u s der diesjährigen Frühjahrsmesse. Die Zahl der ii Ausländer wird auf etwa 4999 gegenüber 3799 t. B. geschätzt, die allerdings nur sehr wenig kauften. Erwähnung verdient noch, daß auch der äußere Eindruck der Messe hinter dem üblichen zurückblieb, wie es z. B. diesmal auch ohne all- zu große Schwierigkeiten möglich war, Zimmer in Leipzig zu erhalten, was sonst nicht so leicht der Fall zu sein pflegte. DedingungssdiieDen" Dokumente An alle Ärcisamtöleiter und Ortsgruppensührer! Betr. Bedingt!ngoschies!e»: Am Samstag, dem 7. d. M., nachmittags 15 Uhr, haben sich olle Kreisamtsleitcr und Ortsgruppenleiter Ecke Elisenstr. und Langgasse einzufinden. Abfahrt 15.06 Uhr mit Omnibus zum Polizei- srhießstand Tucnnwald. Es wird bie erste Bedingung ge- schössen. Diejenigen Pgg., welche die vorschriftsmäßige Pistole schon besitzen, wollen dieselbe'mitbringen. lLtcmpei i>cr»reis- Heil Hitler! lettung, Köln,. gez. Stieldorf, linksrh.j KreiS-GefchäftSführtr. Köln, den R. März Iß.?,. Bezirk 23 „N.S.T.A.P. Stadtkreis Köln, ltnksrh. Nord, Kreis Geschäftsführer. An alle Ortsgrnppenleiterl' Betr. Schießübung: Sonntag, den lt. März 1M4, haben alle Ortsgruppenleiter Punkt 10 vor der Ortsgruppe Reichcnsprrgc platz, Sebanstraße 0, zum Schießen zu er- scheinen. Die Entsendung eines Stellvertreters ist nicht statthaft. ittemoet der flrcU« Heil Hitler! leilung, Köln, gtz. Stitldorf, linkörh. Nord)." Kreis-GeschäftSfüßrer. Treuhänder-Theater Die lächerlichsten Urlaubs-Versprechungen Berlin, 2. Sept. Ter Treuhänder der Arbeit für das W'rt« schafisgebiei Brandenburg, Dr. Da e sch n er, gibt bekannt: „Am 25. Juni d. I. verfügte ich zwei Tarifordnungen über die U r l a u b s r e g e l u n g für die Metall- i n d u st r i e und das metallverarbeitende Handwerk. In er- freulicher Weise hat die weitaus überwiegende Zahl der Be- triebsführer diese soziale Pflicht durch die Tat anerkannt. ES mehren sich indes die Anzeigen, daß eine immer»och viel zu große Zahl von Betriebssichrer» der Industrie und des Handwerks oft unter spöttische» Bemerkungen gegen bie Gesetze des nationalsozialistischen Deutsch- lands und den Treuhänder der Arbeit unter vollkommenem Mißverstehen ihrer Betriebssührerrechie und-pflichten ihren Gefvlgschastsmitgliedern den diesen durch den Erlaß der Tar'soröunng gesetzmäßig zustehenden Urlaub vorenthalten. Ich habe Mich bereits veranlaßt gesehen, gegen einzelne Be- trlebs'lihrer die Hilfe der Staatspolizei in Anspruch zu nehmen, und gebe diese letzte Warnung heraus, um die Einsicht der Ewiggestrigen zu fördern. Ich werde von nun an ni t allen mir zur Beifügung lohenden Machtmitteln, wie Ehr ngerichtsversahren. Jnschutzhastnahme, mit Rücksicht auf die starke Erregung einzelner Gefolgschaften, meine» Verfügungen und damit dem Gesetz Geltung verschaffen. *. Diese fürchterlichen Drohungen gegen die Unternehmer, die sich über die nationalsozialistischen Gesetze lustig machen, er- inner» an bie großartige Urlaubsordnung, die neulich der Treuhänder für baS Rheinland, Herr„Professor" Börger, erließ. Die Unternehmer erzwangen sofort die Zurücknahme dieser Urlaubsordnung, nicht nur für die Erwachsenen, son- der» auch für die jugendlichen Arbeiter. Man scheute sich aber, diese Niederlage des Treuhänders in der Gewerk- schaftspresse bekannt zu geben. Darum wurden an bie Mit- gl'eder der Arbeitsfront kleine Zettel verteilt, von denen uns einer Im Original vorliegt. Er lautet: Bett.: Metallarbeiter-Jugend Nr. 82 vom 11. Slngnst 1934. Tie auf Seite 514 der Metallarbeiter-Jugend abgedruckte Tarifordnung betreffend Urlaub ist ungültig, da sie vom Arveitsministerium noch nicht genehmigt und des- halb auch noch nicht veröffentlicht wurde. Es handelt sich hier zunächst»m einen Vorschlag de? Treuhänders des Wirtschaftsgebietes Rheinland. Pg. Börger. Wir bitten, dies beachten zu wollen. Der Abdruck ist versehentlich erfolgt. Ans dem Sdircdtensreldi Ein schuftiges Urteil h. b. In Padborg, nahe der deutsch dänischen Grenze, wohnte ein junger dänischer Maurer namens Peter Holm, der auf Grund seiner Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Jugend- organisatiou in Verbindung mit parteigenössischen Emigran- trn kam, die ihren Familienangehör'gen Nachricht über ihre neuen Lebensumstände zukommen lassen wollten. Da es nicht ratsam schien, diese Briese in den ordentlichen Postver- kehr zu geben und sie so den Postränbereien des„dritten Reiches auszusetzen, nahm der junge Genosse, der oft über die Grenze wechselte, die Briefe mit, um sie einem deutschen Briefkasten einzuverleiben. Er wurde dabei in Flensburg von einem nationalsoziali- sti.chen Kriminalbeamten namens I u h l verhaftet. Diese Kreatur hatte bei seinem Grenzdienst verschiedentlich Pech mit Emigranten, die ihm unter den Fingern entwichten. Da war der Fall Holm ein gefundenes Fressen für ihn, um sich zu rehabilitieren. Er schrieb ein Protokoll, in dem behauptet würbe, Holm, der dir Briefe postfertig offen in der Tasche bei sich getragen hatte, hätte diese Briese in seiner Kleidung eingenäht ge- trage». Die Briefe hätte» politische Druckschriften, darunter den„Nene» Vorwärts" enthalten. Keine dieser Behanp- tungen ist wahr. Auch vor dem Krimtnalgertcht in Berlin l'eß sich nicht der geringste Beweis dafür erbringen. Der Hamburger Rechtsanwalt Ruschewey tat sein menschen- möglichstes, um den Genossen Holm, der im Atter vön sieben- undzwanzig Jahren steht, von der Anklage zu retten. Es glückte ihm nicht. Unser Genosse Holm wurde für seine menschenfreundliche Tat zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. In der Urteilsbegründung wurde klar zum Ausdruck ge- bracht, daß eS sich um ein politisches Urte'l handelt, da» durch seine Härte abschrecken solle. Die dänische Oesfentlich- keit ist maßlos über das Urteil empört. Alle großen Zei- tnngen haben sich des Falles intensiv angenommen. Es sind alle Schritte eingeleitet worden, um die Verbüßung dieses Schandurteils zu verhindern. Die„Deutsche Freiheit" Einzig» unabhängige Tageszeitung Deutschlands mufj man regelmäßig lesen Bestellschein Ich ersuche um regslmJifjige Zusendung der„Deutschen Freiheit" Namet w»,- Straftet Ort zJen Unterschrift Verlag der„Deutschen Freiheit" Saarbrücken 3» Schützenstrafj» 5» Postschließfach 776 Pariser Dertdite Verbrechen des Sonntag Zwei schwere Kapitalverbrechen, die unter sehr eigentümlichen Umständen verübt sind, haben sich im Laufe des Sonntag ereignet. In Lvon lebte der Stadtrat Clavel zusammen mit seiner Frau und einem fünfzehnjährigen Dienstmädchen. Clavel fühlte sich Sonntag morgen nicht wohl und rief den Arzt und seinen Sohn telefonisch herbei. Als beide zum Hause Clavels kamen, warf ihnen dieser aus dem Fenster seines Schlafzimmers die Hausschlüssel zu und Arzt und Sohn traten befremdet an das Krankenbett des Stadtrats. Der Sohn suchte nun das Dienstmädchen, um sich nach den Vorgängen der Nacht, in der sein Vater so plötzlich erkrankt war, zu fragen. Er fand sie aber nicht. Schließlich entdeckte er das halbe Kind, von Kratzwunden schwer verletzt, bewußtlos im Nachthemd in einem neben dem Mädchenzimmer gelegenen Alkoven. Das Mädchen wurde ins Krankenhaus transportiert und ist noch nicht vernehmungsfähig. Der Sohn Clavels, der in einem Vorort von Lyon wohnte, wollte wieder zu seiner Frau und seinen Kindern zurückkehren, vorher jedoch bat er einen Arbeiter aus der Lederzurichterei seines Vaters namens Berthelot, doch bei dem erkrankten Stadtrat zu bleiben. Das tat dieser auch. Als Montag morgen jedoch der Sohn nach dem Vater sehen wollte, fand er diesen tot, offenbar durch Gas vergiftet, auf. Neben ihm lag gleichfalls in den letzten Zügen, schwer vergiftet seine Frau, während der Arbeiter Berthelot bewußtlos im Erdgeschoß aufgefunden wurde. Die Polizei kann sich bisher weder den Hergang der Tragödie, noch die Beweggründe erklären. Bei Toulouse entdeckte ein vierzehnjähriger Knabe beim Championsuchen den blutbesudelten Körper einer Frau. Der bisher unbekannte Verbrecher hatte der Unglücklichen die Kehle durchschnitten und schwere Verletzungen an allen Körperteilen beigebracht. Die Tote wurde als Witwe X. rekognosziert und ihr Geliebter, ein Wäscher Loubez, unter dem dringenden Verdacht, die grausige Tat begangen zu haben, verhaftet. Doch leugnet Loubez, der als jähzornig und brutal bekannt ist. etwas mit dem Verbrechen zu tun zu haben. Reineke Fuchs Wer in der Schule aus dem Floetz französisch gelernt hat, erinnert sich vielleicht noch, daß er wohl schon im ersten halben Jahre ein Gedicht von Lafontaine„Der Fuchs und der Rabe" lernte, in dem geschildert wurde, wie der Fuchs dem Raben durch Schmeichelei ein Stück Käse ablistete. Und wer keinen französischen Unterricht hatte, hat vielleicht diese hübsche Fabel in dem einen oder anderen Kinderbuch ee- lesen. Als Reineke Fuchs entpuppte sich kürzlich abends im Montparnasseviertel ein„Gamelot du Roi", also ein Angehöriger der französischen nationalistischen Königspartei. Er listete seinen Feinden— den Kommunisten— zwar nicht wie der Fuchs in der Fabel dem Raben ein Stück Käse ab, wohl aber eine reich gestickte seidene rote Fahne. Die nette Geschichte hat sich, wie die„Action Fran$aise" erzählt, folgendermaßen zugetragen: Prozeß um die Weisen von Zion Die Nasler„N a t i 0 it a 1- Z e 1 t u n g" berichtet: Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, um was e? sich bei diesen sogenannten„Zionistischen Protokollen" Handelt: sie sollen angeblich die„echten Protokolle des Basler Zio- nistenkongresses vom Jahre 1897" enthalten, d. h. ein an jenem Kongreß beschlossenes„Geheimprogramm" der Juden, die mit allen Mitteln die Weltherrschast zu erobern trachten würden. Diese fantastischen„Protokolle" sind von allem Av- fang an von den Juden als Fälschungen bezeichnet worden, und schon anno 1921 ist es den Londoner„Times" gelungen, diese Fälschung klipp und klar zu be- weisen. Trotzdem haben die Antisemiten nach wie vor diese„Protokolle" als„beweis- und schlagkräftige Toku- mente" in ihrem Kampf gegen das Judentum verwendet. Im Jahre 1933 sind Neuauflagen dieser„Protokolle" erschienen, und zwar in Form von zwei Büchern: im Eher- Verlag zu München ist das Buch von Gottsried zur Beek unter dem Titel„Die Geheimnisse der Weisen von Zion" und im Hammer-Verlag zu Leipzig das Buch von Theodor Fritsch„Tie Zionistischen Protokolle" neu verlegt worden. Am 9. Juni ist dann im„Eisernen B e s e n" ein Artikel erschienen„Und trotzdem echt", in welchem behauptet wird, die„Protokolle" seien„entgegen den krampfhaften Versuchen der Juden, sie als Schwindel zu entlarven", echt. Gleich- zeitig wird jedem„Kämpfer" die Lektüre dieser Bücher emp- sohlen, die man bei der B u ch a b t e i l u n g der Ratio- nalen s^ront beziehen könne. Das sind die Gründlagen eines groben Prozesses, den das Basier Strafgericht in nächster Zeit zu beurteilen haben wird. Kläger sind: Herr- I. T r e n f» s- B r 0 d s kn als Präsi- dent des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes und Dr. Marcus Cohn als Präsident des Schweizerischen Eine Gruppe Kommunisten kam aus einer Versammlung, voran der Fahnenträger mit einer großen, sehr schönen roten Fahne. Eine„Gamelot du Roi" begegnete dem Zug und gemäß seiner Denkart, wollte er gern die„feindliche Fahne" erobern. Wie aber sollte er. ein einzelner, das erfolgreich tun. Und da rief er voll Bewunderung:„Welch prächtige Fahne!" „Ja, die hat aber auch 750 Franken aus der Parteikasse gekostet," lautete die Antwort.„750 Franken, nicht möglich! Das Wjinderstück muß ich mir näher ansehen." Und mit diesen Worten forderte der Gamelot die Kommunisten auf, doch mit ihm zusammen einen Aperitif(das Lieblingsgetränk der Franzosen) in einer nahegelegenen Kneipe zu nehmen. Die Kommunisten willigten ein und der Gamelot bewunderte in der kleinen Kneipe voll Enthusiasmus den schönen und festen Fahnenschaft, die scharlachrote Seide, die eingestickten Sichel und Hammer sowie die in Gold gestickte Inschrift: „Kommunistische Partei S. F. I. C. Fontenay-aux-Roses". „Sie ist zu schön," rief verzückt unser nationalistischer Freund.„Leiht sie mir einen Augenblick, damit ich sie meinem Onkel zeigen kann." Und die Fahne wurde ihm zu diesem Zwecke gc'iehen. Der Gamelot bezahlte alles, was verzehrt worden war, dann rief er ein Taxi und mit der kostbaren Beute fuhr er davon, zwar nicht, wie er sagte, zu seinem Onkel, wohl aber in die Redaktion der„Action Fran?aise", wo die kommunistische Fahne jetzt als Siegestrophäe hängt! Die Freunde Lafayettes Der Marquis G. Lafayette, der seinen Ruhm bekanntlich in den nordamerikanischen Freiheitskriegen erwarb, besitzt heute noch, hundert Jahre nach seinem Tode, zahlreiche Verehrer. Sie sind unter dem Namen„Freunde von Lafayette" in einer Vereinigung zusammengeschlossen. Und die amerikanischen Mitglieder dieser Vereinigung machen alljährlich eine Pilgerreise zum Geburtsort„ihres großen Generals". Auch in diesem Jahre sind die„Freunde von Lafayette" nach Frankreich gekommen. Sie wurden von einem Nachkommen Lafayettes, dem Grafen von Chamhrun, Sonntag nachmittag empfangen. Auch im Pariser Rathaus wird ein feierlicher Empfang für sie vorbereitet. Die Amerikaner werden alle Orte, an denen ihr großer Heros lebte, aufsuchen und vor allem zu seinem Sterbehause wallfahren. Association des Emigres Israelites d'Allemagne en France Sabbatgottesdienst am Freitag, dem 7. September, 19 Uhr, im Betsaal„Chez Chon", 17, Rue Beranger(Metro Republique) in Paris. Jedermann willkommen. Gottesdienst an den hohen jüdischen Feiertagen im Wagram-Saal in Paris, 39, Avenue de Wagram. Deutsche Predigt, Orgel, Ghorgesang(Dirigent: Kapellmeister Lande, Oherkantor Gronich aus Berlin). Kartenverkauf(10 bis 50 Franken) wochentäglich von 11 bis 12 Uhr bei Dosmar, 78, Rue Biomet, Paris 15e, Dr. Tichauer, 3, Rue Georges Cour- teline, Clichy sur Seine, Adolf Philippsborn, Paris 18e, 35, Rue Eugene Carriere, außerdem nachmittags von 5 bis 6 Uhr und Sonntag von 11 bis 12 Uhr Dosmar. Zivnistenverbandes. Und die Klage richtet sich gegen die beiden Verfasser und die b e i d e n B e r l e q e r jener Bücher, sowie gegen Tr. A. Zander, den ehemaligen Redakteur des ehemaligen„Eisernen Besen". Auf Verfügung des Straf- gerichtspräsidenten sind in der Buchabteilung der„Ratio- nalen Front" 780 Exemplare der beiden Bücher beschlagnahmt worden. Tie angeklagten ausländischen Verfasser und Verleger können nicht gezwungen werden, vor dem Basier Gericht zu erscheinen, es bleibt darum nur Tr. Zander übrig. In einer Borverhandlung vom 8. Juni 1931 hatte der Straf- gerichtspräsident den beiden Parteien einen Vergleich vorgeschlagen, wonach Tr. Zander anerkennen sollte, daß er die Echtheit der„Protokolle" nicht beweisen könne- Tr. Zander hat die Annahme dieses Vergleichs abgelehnt, das Gericht wird den Prozeß also materiell beurteilen müssen. Inzwischen ist der Prozeß in ein neues Stadium ein- getreten. Schon im Jahre 1921 hatte Tr. L u d w i g K ö h l e r, Professor der Theologie an der Universität Zürich, in össent- lichen Vorträgen und in Zeitungsartikeln erklärt, daß nach seiner Ausfassung diese„Protokolle" glatte Fäl- schungen darstellten. Und im letzten Jahr hatte Prof. Köhler in zwei Briefen, die an das Sekretariat des Jüdischen Gemeinbebundes und an den Anwalt der Kläger, Tr. Oskar Pleyer, gerichtet waren, seine Auffassung b e st ä t i g t. Er bezeichnete die„Protokolle" als antisemitische Hetzschristen, als„einfältige, aber auch böswillige Fälschungen". Den Ver- fassern könne nicht entgangen sein, daß sich gegen dieses Machwerk ernstliche und erhebliche Widersprüche erhoben hätten. Und er erklärte, daß er im Interesse der Wahrheits- sindung und Gerechtigkeit bereit sei, dieses Gutachten vor den Behörden zu b e st ä t i g e n. Auf Ersuchen des Basier Strafgerichts ist nun Prof- Köhler kürzlich vom Züricher Richter als Zeuge uud Sachverstän- Fabrik- oder ca. 5000 qm in Stiring-Wend«l 133. rae Nationale. 133 mit kleinerem Fabrik* gebäude iu v»rktufßn. Sich wenden an SocIAtt„Rapide' SAARBRÜCKENI Roonstraße 2a, Part. diger einvernommen worden. Auf die Frage des Richters erklärte er, die beiden Briefe geschrieben zu haben, deren Inhalt er wollkommen bestätige. Er erblickt die Fäl- schung darin, daß versucht werde, diese„Protokolle" als von einem Juden verfaßt darzustellen, um auf diese Art die Juden als Schädlinge hinzustellen. Das Judentum— so er- klärte Professor Köhler— sei nicht unmoralisch, es stehe im Gegenteil auf höchster ethischer Stufe. Bei den„Protokollen handle es sich um ein Elaborat, das aus russischer Quelle stamme. Sensationell wirkt die Erklärung Prof. Köhlers, er habe vor dieier Zürcher Verhandlung von Tr. Zander einen Chargebrief erhalten, denen Inhalt er jedoch dem Richter nicht bekannt geben könne! Bei diesem komplizierten und folgenschweren Prozeß zeigt es stch immer deutlicher, daß Tr. Zander eigentlich nur eine Nebenrolle spielt. Das Hauptgewicht liegt vielmehr im Begehren gegen die„Nationale Front": die Kläger verlangen, daß die beschlagnahmten Bücher kon- f i s z i e r t und vernichtet werden. Zum ersten Male wird also ein Gericht in einem Urteil zu entscheiden habe«, ob diese„berühmten Protokolle" eine Fälschung darstellen oder nicht. Tiefer Prozeß wird am 22. und 23. Oktober in Basel stattfinden. Wie wir hören, hat nun— weil Tr. Zander jenen Ver- gleichsvorschlag abgelehnt hat— auch sein zweiter Anwalt sein Mandat niedergelegt. Ein zweiter Prozeß in gleicher Sache ist übrigens auch vor den Bern er Gerichten anhängig: die Kläger ver- langen, daß die beiden Bücher als Schmutz- und Schund- literatur bezeichnet und infolgedessen in der Schweiz ver- boten werden. Sobald die vom Berner Gericht verfügten Expertisen eingegangen sind, wird auch dieser Prozeß be- urteilt. Rußland und der Völkerbund Ablehnung der Schweiz Genf, 4. Sept. Die bondesrätliche Delegation sttr A»S« wärtiges hat mit den schweizerische» Bölkerbundsdelegterte» zusammen die Haltung der Schweiz zu einem eventuellen Eintrittsgesuch Rußlands in den Völkerbund besprochen. Einstimmig wurde die Auffassung vertreten, daß die Schweiz dieses Eintrittsgesuch ablehne» müsse. Die Stellung» nähme des Gesa-n'bunpesrates wird noch besonders f*st' gelegt werden. BftlEPiCftSTEM Karl B. Sic schreiben uns:„An dem im Herbst diesmal in Prag stattfindenden internationalen Phitosophenkongretz soll als Vertreter Teutschlands der Profegor Carl Gebhard aus Frankfurt a. M. teilnehmen. Auf diesen seltsamen Vertreter weitläufiger SB«»' Weisheit machte die„Teutjche Freiheit" bereits vor Monaten auf- merksam. Ta die Welt heute sehr vergeßlich ist, sei unser Aviso wiederholt: der Carl Gebhard ist nämlich ein Spezialist für das Leben und die Lehre des jüdischen Philosophen V a r u ch Spinoza. Man sollte meine», daß diese Art Spezialistentums im Reich Nummer drei nicht eben beliebt sein kann. Aber dem Gebhard ist eS gelungen, das Reich Hitler-Röhms mit dem Juden Spinoza auszusöhnen, so weit, daß Gebhard als Vertreter Nazideutschlands aus dem internationalen Philosophentongreß austreten darf. Man darf neugierig sein, wie dem Gebhard das Kunststück dieser Ver» söhnung gelungen ist. Man höre: in der„Spinaza-Festschrist", die in Carl Winters UniversitätsbucHandlung, Heidelberg, zu Spinozas 900. Geburtstag unter der Redaktion von Siegfried Hessing er- schienen ist, findet sich Gebhard philosophisches Kunststück. Gebhard behauptet da nämlich nicht mehr und nicht weniger, als daß Spinoza— westgotischen Blutes sei. Tie Propaganda für die Fest- schiist betont, daß Gebhard hervorhebt:„Ten wesenhasten Unter- schied der Raste SpinozaS, die stark mit westgotischem Blut getischt ist, gegenüber den anderen mit fränkischem oder slawischem Blut gemischten jüdischen Stämmen". Taß sich danach das Teutschland Streichers den Herrn Carl Gebhard gefallen laßt und ihn sogar ins Ausland schickt, damit dort der Spinoza-Spe,lallst die Wissenschaft des Pogrom- und Gangster-Reiches repräsentiere, ist durchaus ver- ständlich. Bleibt nur die Frage, ob die Philosophen aus den Län- der» der Lehr- und Lernfreiheit diesen Kollegen sich gefallen lassen werden, der flugS das beschimpft, was er bisher angebetet hat und der aus weiß schwarz macht, weilS einem geistgegnerischen System paßt. Man wird sehen, ob Gebhard den Namen Spinozas in Prag aussprechen wird dürfen, den er im Reiche Nummer drei ge- schändet hat!" Sourbrodt. Sie teilen uns mit, daß die„Luxemburger Zeitung", ei» keineswegs sozialistensreundlicheS Blatt, über die Kundgebung von Sulzbach u. a. geschrieben hat:„Ter größte Erfolg ward jedoch dem katholischen Psarrer Törr zuteil, der nach seiner Rede von den begeisterten Massen im Triumph auf den Schultern getragen wurde." Aus dem Hohen Ben« wird unS geschrieben: Am 19. August haben in K a l t e r h e r b e r g 700 mit I- und 10 0 m i t N e i n gestimmt. Ein Bauer erzählt« mir:„Unser Wahlbüro war über- wacht von SA.- Leuten an« unserem Dorf, aber auch wir haben aufgepaßt beim Stimmenzählen." iTeshalb konnte man in Kalterherberg keine Neinstimmen ver- schwinden lassen.! Jetzt suchen die hiesigen Zollbeamten lzupt größten Teil SS.-Männer) die Neinstimmer.— Kalterherberg stand in der„Aachener Rundschau" mit einem roten Strich angegeben. Aber es wohnen in dem Torf nur gute Katholiken. Freiheit! Ter Rote Hans. Von Ihrer kräftigen Ballade ist aus Jensur- gründen'eider nur das letzte für uns drucksähig: Von zehn votierten neun mit„Ja!" Der zehnte Mann stand eisern da in jenen wirren Scharen. Mit fester Faust schrieb er sein„Nein!"—> Ter Zehnte wird der Erste sein beim Sturze des Barbaren. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P 1 tz in Dud- weil«: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der VolkSstimme GmbH, Caarbrückcg S> ZHüHenHrahj ö, o» S$Ü{|fa$ ZZfl Saarbrückj«. 1 i Erste Auflage in wenigen Wochen vergriffen