Sinzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr. 207— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, 7. Seeptember 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Nürnberg AusfühcCicfie MeyaCe^Berichte Mec lüahtzuxanq. und lüaPdfäCscfnuiq. xun 19. Auq.ust Seite 7 Dcnfsdie and soziolistisdic Antwort auf Hitlers Proklamation I fr Die Nachwelt soll dereinst von uns sagen: Niemals war die deutsche Nation stärker und nie ihre Zukunft gesicherter als in der Zeit, da das alte Heilszcichen der germanischen Völker in Deutschland neu verjüngt Symbol des„dritten Reiches" wurde. Der„Führer" ans dem Nürnberger Parteitag. So etwas darf der Führer des außenpolitischen, innen- politischen, wirtschaftlichen, finanziellen und Kulturellen Reichsbankrotts in Nürnberg aussprechen, ohne daß seine Zuhörer anscheinend auch nur merken, wie er sich und oas von ihm vertretene Deutsche Reich dem Spott aller Urteilsfähigen in der ganzen Welt aussetzt. »Dem Führer wurden minutenlange Ovationen dar- gebracht." Wofür eigentlich, so fragt sich die Vernunft, wenn sie absieht von dem in der Tat meisterhaften Volks- ichauspiel, das auf Kosten hungernder deutscher Menschen w Nürnberg zur höheren Ehre der nationalsozialistischen -parte! und ihrer versammelten Bonzokratie aller Grade geboten wird. Der„Führer" versucht in seiner Proklamation zu Dürnberg eine Art Bilanz zu ziehen. Den Kernsatz haben wir oben vorangestellt. Sehen wir uns den wirk- l'chen Zustand des„dritten Reiches" positiv an: Selbst die in allen demagogischen Schwindelbauten schwel- gcnde Fantasie des deutschen Reichskanzlers weiß nicht einen einzigen außenpolitischen Ersolg aufzuzählen. Nicht einen einzigen! Ter Satz, daß das„dritte Reich" alles getan ^be,„was zur Verbesserung und Entgiftung mit diesen uns früher feindlich gegenüber gestandenen Nationen möglich war", kann doch nur in Irrenhäusern Glauben finden. Hier sind die unbestreitbaren Tatsachen: Millionen deutschen Volksgutes wurden vergeudet durch eine außenpolitische Propaganda, die in der ganzen Welt negativ wirkt. Der gesamte außenpolitische Apparat wurde von dem früheren Staat übertiom- w- n, den der Reichskanzler in seiner Rede wieder einmal wider besseres Wissen in den wüsten Formen eines ewigen Versammlungsschrcierö tobend und schimpfend herunter- riß. Begreift denn niemand in seiner Partei, daß schon das persönliche Auftreten dieses Mannes, seine grobe o»- gepflegte Stimme, seine Unbeherrschheit des Tons, seine schiefen rednerischen Bilder, seine verworrenen Saß- b'ldungen. seine üblen Anwürfe gegen jeden Anders- denkenden, seine Verleumdungen früherer überall ge- »chteter Ttaatsführcr Deutschlands, seine maßlose Selbst- beweihräucherung und Selbstüberschätzung ein schwerer außenpolitischer Schaden für Deutschland sind? Nichts als außenpolitische Katastrophen hat er zu bieten: Mit Schimpf und Schande ist das„dritte Reich" aus der Internationalen Arbcitskonserenz, aus der es durch einen Säufer vertreten war, abgezogen. Der Krakeeler des„dritten Reiches" hat damals dieselben Völker, die jetzt so ziemlich als einzige in Nürnberg durch ihre Diplomaten vertreten sind, als Rassen beschimpft, deren Vorfahren banancnfressend auf den Bäumen gelebt hätten. Das„dritte Reich" hat mit dem Völkerbund ge- •f^-*- C?_»-«. J r J.^UJitt /na« brachen interessi Mi h a n o t u n g wortungslos preisgegeben., Das„dritte Reich" hat den Anschlußgedanken Deutsch-Oesterreich«er ni chte t. hat einen Konflikt zwischen Oesterreich nnd Deutschland herbe', geführt, wie er seit 1866 nicht mehr bestanden hat. Der großsprecherische Führer der„nationalen Erhebung hat deutsches Stammland, übrigens s-'n eigenes Vaterland, unter das Protektorat Italiens gestoßen. Das dritte Reich" hat den einzigen Verbündeten, aus den es vielleicht mit einiger Wahrscheinlichkeit hätte rech- n-n können, das faschistische Italien, in wttde Deutschseindlichkeit hineingebracht. Nirgendwo w>r» b°s haster und verächtlicher über den deutschen National, ioz ol.smns und seinen Führer gesprochen. als in Italien «ei» Staatsoberhai.pt schätzt den deutschen aox intellektuell und moralisch tiefer e,n als Bcn'to Miissolin. Das„dritte Reich" hat das Verbrechen verübt, die in ihrem Willen zur Rückgliederung geeinte Saar- bcvölkerung in zwei sich leidenschaftlich bcsehdende Fronten zu spalten und ans urdcutschem Gebiet eine „Saarsragc" entstehen zu lassen. Das„dritte Reich" hat durch freiwillige sklavische Unterwerfung unter den Bcr- trag von Versailles, den die demokratische Republik nur unter dem Druck der mobilisierten Militär- mächte des ganzen Erdballs hinzunehmen gezwungen war, einen B i e r m ä ch t e- P a k t angestrebt. Nicht einmal daö ist gelungen. Alles Antichambrieren der deutschen Bot- schastcr und Sonderbeauftragten in den Vorzimmern der führenden Staatsmänner Europas hat zu nichts geführt als zur Isolierung Deutschlands und zn einer Hegemonie Frankreichs i„ Europa, wie sie seit einem Jahrzehnt nicht mehr bestanden hat. Die Nationalsozialisten sind wie schnorrende Hausierer den Polen und ihrem Marschall P i l s« d s k i nach- gelausen, um ein deutsch-polnischcs Protokoll zu erreichen. Eine volle Unterwerfung des Deutschtums unter das Polentum. Feiger nationaler Verrat an. Korridor. Preis- gäbe der Deutsche« in Ost-Oberschlesicn. Kapitulation Danzigs vor der polnischen Erpansion. Und was blieb übrig? Nichts als die Stärkung der Großmachtsgesllhle Polens und außenpolitische Erfolge Frankreichs im Osten. Gekrönt durch das französisch-russische Bündnis. Und so etwas von deutscher Führung stellt sich hin und brüllt phrasenhaft:„Ich kapituliere nicht". Der ganze Hitler ist außenpolitisch eine einzige unterwürfige Kapitulation und nicht einmal das hilft ihm, weil niemand in der Welt einem Politiker traut, der seine ganze Vergangenheit, seine in Schrift und Wort immer wieder gepredigten Grundsätze heuchlerisch verrät. Und da fragt un? dieser Hitler der nationalen Schande und der nationalen Niederlage:„Was hast Tu selbst geleistet?" Antworten wir ihm: Wir haben im Herbst 1918 das Reich«>,b seine Einheit gerettet. W i r haben den Separatismus in den Grenz- provinze., niedergeschlagen, als Hitler ihm von München her durch seine Putschpolitik Vorschub leistete und seine das Reich bedrohenden Söldner mit Franken und Dollar löhnen konnte. W> r haben die Ruhr und den Rhein be- freit, das ganze Nesatzungsgebiet fünf Jahre vor dem im Friedensvertrag festgesetzte» Termin, während Hitler nichts anderes konnte, als er jetzt noch fertigbringt: Gc- schwätz für Vcrsammlungsparade». Wir haben den Ein- tritt Deutschlands in den Völkerbund erzwungen und ans allen Gebieten, zuletzt auch aus dem militärischen, Deutsch- land an die Gleichberechtigung heranzuführen vermocht. W«r haben den eisigen Wall des Mißtrauens und des Hasses» den das militaristische Kaiserreich, das so groß- sprecherisch und lautsprecherisch war, wenn auch nicht so ungebildet, wie dieser Hitler, rund um Deutschland gc, schassen hatte, wir haben diesen Wall rings um Deutschland durchstoßen- und die Isolierung des Reichs in zäher Friedensarbcit ausgehoben. Das alles hat Hitler z e r st ö r t und nichts hat er erreicht. Auch seine Wehrpolitik ist kein Positivum. Die ebenso geheimen wie provokatorischen Rüstungen stärken Deutschland nicht, nein, sie schwächen es, weil die ganze Welt sich zu einer einzigen furchtbaren Weltmacht gegen Deutschland zusammenschließt, die bei jedem Einsatz der deutschen Wehrkraft zu einer vernichtenden Katastrophe für Heer nnd Volk Deutschlands werden muß. „Wir haben uns bemüht, die Versöhnung der Konfessionen mit dem neuen Staat herbeizuführen." So sagt dieser Hitler, der weder von der Universalität des Katholizismus noch von der Gewissensfreiheit und der sceli- scheu Tiefe des echten Protestantismus einen Hauch verspürt hat. Dieser Hitler, der von jeder religiösen Kultur so weit entfernt ist, wie seine durch Mord und Raub geschändeten Milizen von dem Reichtum deutschen Wissens und deutscher Kunst! Was hat denn seine„Kulturpolitik" erreicht? Er hat dem Vatikan ein R e i ch s k o n k o r d a t zugestanden, das sich jede andere Rcichsregicrung tausendmal überlegt, ehe sie es zu- gestanden hätte. Und was ist es heute? Ein Fetzen Papier, gerötet von dem Blute katholischer Märtyrer, deren Er- Die Zensor Mussolinis Für seinen unbegabten Schüler Hitler Mailand, 6. Sept. In seiner besonders wichtigen poli- tischen Glossen vorbchaltencn Spalte, deren Beiträge zum mindesten als von Mussolini inspiriert nnd gebilligt gelten, beantwortet heute der„Popolo d'Jtalia" die Bor» würfe, die in der deutschen Presse gegen Italien er- hoben werden. Mit einer Schärfe, die kaum noch überboten werden kann, weist das Blatt den Bor, wurf der„italienischen Untreue" zurück. Es schreibt, die Deutschen seien die letzten, die eine solche Reschnldigung vor- zubringe» das Recht hätten. Kein anderes Volk verzeichne in seiner Geschichte so viele krasse und blutige Beweise der Be- Handlung beschworener Verträge als Papierfetzen, des Verrats an Freunden und des Zynismus in der Beschönigung, wie das deutsche Volk von Hermann dem Cherusker bis aus Friedrich den Großen und Bcthmann-Holl, weg. Italien habe während der letzten Jahre manche Beweise seiner Sympathie für Deutschland erbracht. Run hätten anscheinend dieDeutschcn geglaubt, in jeder Beziehung und für alle Zeit mit Italien verheiratet zn sein. Zum Beweis, daß diese falsche Einstellung aus politischem Unverstand beruhe, wird eine Stelle aus Hitlers„Mein Kamps" angeführt, ein Ruch, von dem wohl viel gesprochen werde, das aber keiner lese. mordung Adolf Hitler zu verantworten hat. Der Papst blickt zürnend auf die Totenschändung, die noch mit den Leich- namen Grundlehren des Katholizismus verhöhnt hat. Und der Protestantismus? Da merkt man, an jedem Wort, daß Hitler so wenig von ihm verstanden hat, wie seine„SA. Jesu Christi", die gottverlassenen„deutschen Christen". Mit Polizcigcivalt wollen diese Tröpfe eine Reichskirche schassen. Eine protestantische! Man traut den eigenen Augen nicht. Dieser Hitler beruft sich auf Mrich Hutten. Irgendein Spottvogel muß ihm diesen Namen in daS Manuskript hineingeschrieben haben. Jawohl, Ulrich von Hutten dachte nicht an Landeskirchen, sondern an Deutschland. Wie aber sprach er davon. Rufen wir ihn als Zeugen auf gegen den Lärmmacher von Nürnberg: „Erbarmt euch übers Vaterland, Ihr werten Deutschen regt die Hand. Jetzt ist die Zeit, zu heben an um Freiheit kriegen, Gott willS han. Herzu, wer Maiinesherzen hat, geht fürdcr mit den Lügen statt, damit sie han verkehrt die Welt. Darum ich hoff, es Hab nit Not. Wär mir denn schon gewiß der Tod, noch woll ich als ein frommer Held bei Wahrheit setzen Spieß und Schild und den Tyrannen widerstreben, vor welchen niemand frei mag leben. Die schrecken uns mit ihrem Bann... Wer aber jetzt die Wahrheit sagt, mit bannen den man bald verjagt.,, Die Wahrheit muß herfür, zu Gut dem Vaterland, das ist mein Mut." Von der Wahrheit Herr Hitler, und immer nur von der Wahrheit und von der Freiheit spricht und singt dieser Ulrich von Hutten. Wo aber bleibt bei Ihnen die Wahrheit, um von der Freiheit schon gar nicht zu sprechen? Packen wir Tie da an, wo Sie versuchen, aus Ihrem Schwall von nichtssagenden Worten einige Tatsachen für Ihre Politik aufzuzeigen: Hitler— seien wir höflich— santasiert: „Die exekutive Vernichtung des deutschen Bauerntum? ist nicht nur abgestoppt worden, sondern beseitigt." Wahr ist, daß aus dem städtische» Einkommen 8—Ist Milliarden Mark aus das Land übertragen worden sind, ohne daß die Agrarkrise auch nur im geringsten gemindert worden wäre. Wahr ist. daß dem Großgrundbesitz auf Kosten der Allgemeinheit Subventionen zugewandt werden wie nie. Hitler santasiert: „Die Maßnahmen der Arbeitsbeschaffung sind, im groben gesehen, von einem unerhörten Erfolg begleitet gewesen! .. Sortsetzung siehe 2, Seite. Fortsetzung von Seite 1 Die Arbeitslosenzahl hat um rund 4'/, Millionen Menschen abgenommen!" Wahr ist, daß die Arbeitsbeschaffung durch Verschleuderung der Devisen- und Goldbestände und durch faule Arbeits- beschasfungowcchsel erreicht wurde, und wahr ist, dast die Arbeitsstreckung und die Zwangsarbeit nur zu einer binnen« konjunkturellen Scheinblüte geführt hat, die jetzt vor dem Zusammenbruch steht. Hitler santasiert: „Die deutsche Mark ist stabil geblieben, und dies trotz aller Exportjchwierigkeiten!" Wahr ist, dast die deutsche Mark in der ganzen Welt jedes Vertrauen verloren hat, und Deutschland nur noch gegen Auslansdevisen Waren erhält. Hitler santasiert: „Die Sparguthaben nahmen gewaltig zu." Wahr ist, dast seit Monaten in den deutschen Spa: küssen die Auszahlungen die Einzahlungen übersteigen. Wahr ist, daß der Reichskanzler und„Führer" was an Sozialpolitik aller Art in Deutschland noch vorhanden ist, ebenso wie die sozialen Einrichtungen der Gen>erkschastrn und der Karitas ohne jedes Verdienst für sich in Anspruch nimmt. Leistungen hat er durch Massenbettel ersetzt. Wahr ist, dast die Lebenslage des ganzen deutschen Volkes, die des Herrn Reichskanzlers und setner Partei- beamten ausgenommen, sich im„dritte» Reich" verschlechtert hat. Es ist das Reich des Hungers und der Tuberkulose und nicht das Land von Kraft und Freude. Mit einem verkrampften Lächeln spricht Hitler davon, dast man außerhalb des Reiches in den vier Millionen Nein- stimmen eine gefahrdrohende Opposition erblicken wolle. Er selber jedoch droht von neuem diesem„Häuschen Teitivärts-v stehender" mit allen Machtmitteln seines Diktalurapparates. Dann versteigt er sich zu dem Tatze: „In de» nächsten tausend Jahren findet in Deutschland keine Revolution mehr statt!" Herr Hitler verbietet es für ein Jahrtausend! Was sagt man dazu im Nahmen der Verordnung, die sich der größte Deutsche aller Zeiten zu seinem eigenen Schutze gegen Revo- lutionäre von einer fremden Regierung erbeten- hat? Man kann nur staunen über den Geist, der ein im Grunde doch gesundes Volk regieren darf. Wir regen uns nicht darüber auf, daß Herr Hitler vier Millionen heldenhafte Männ«; und Frauen, die zur Ve- wunderung aller freien Geister in der ganzen Welt sich allem zum Trotz gegen die Tyrannei in Deutschland erhoben, mit kriminellen Verbrechern vergleicht. Was läge ihm denn näher? Der sogenannte„Führer" gleicht dem Geist, den er begreift, nicht einem einzigen der tapferen, alle Gefahren verachtenden Neinsager. Mag Herr Hitler diese vier Millionen und die anderen Millionen, die durch Fälschung und Terror ungezählt ge- blieben sind, gering achten. Die Gewißheit seines Unter- gangs liegt in ihm selbst und in seiner Bewegung. Er proklamiert:„Revolutionen beseitigen nur Macht- zustände! Die Evolution allein verändert Sachzustände!" Das ist ein Schlagwort wie tausend andere. Aber greisen wir es auf: was predigt« denn Herr Hitler, für„Sach- zustände"? Er rühmte sich, die Synthese zwischen Nation und Sozialismus gesunden zu habe», eine Bindung,'die stets und immer gelebt hat, in August Bebel sowohl w'e in Jean Jaures. Was ha« der Hitlcrismns daraus gemacht? Schande für die Ration nnd Schmach für den Sozialismus. Die in der deutschen Ration ringenden Kräfte sind aber so unsterblich, wie die Seele des nach planvoller Gestaltung der menschlichen Gesellschaft ringenden Sozialismus. Weder Nation noch Sozialismus sind an die kleine» Geister der Hitlerei und ihrer Tagesersolae gebunden. Die vielen Millionen, die Hitler ans Leben und Tod daS Recht zur Staatsführung verweigern, sogen nicht nur Nein wie der Trompeter von Nürnberg meint. Diese Millionen sage« Ja zur deutschen Nation. Dies« Millionen sage,, Ja zu einem sozia- listischeu Deutschland. Der Verrat an der Nation und der Verrat am Sozialis- mus wird Hitler vernichten. Und wir find zum Kampfe gege« ihn und für Deutschland nur deshalb berufen, weil unser Glaube lebt in dem Frei- heitswillen der Nation und in den gewaltigen ordnenden und erobernde» Kräften des Sozialismus. Ionrnaiisien! Lehrer! Parademarsch als Medizin Endlich hat das Propagandaministcrium herausgefunden, warum die deutschen Zeitungen immer schlechter redigiert, immer seltener gekauft nnd immer weniger gelesen werden. Schuld trägt nicht die Unisormierung der Presse— im Gegen- teil! Auch die Journalisten müssen uniformiert werden— bis hinunter zum kleinsten Unsallmelder, sie müssen im Gleichschritt marschieren lernen, dann wird ihr Stil besser, dann werden ihre Gedanken tiefer, dann wird ihr Geist reger werden. „Die Prefie wurde monoton, weil die Bearbeiter ihrer Spalten Nicht mehr zeitgemäß waren," schreibt der„Völkische Beobachter", jetzt aber— jetzt sind endlich„P r c s s e- K a m e r a d s ch a f t s l a g e r" eingerichtet worden, und nun wird es aufwärts gehen. Im Krieg gab es Militärärzte, die gegen jede Krankheit teils Aspirin, Rizinusöl verschrieben. Im„dritten Reiche" heißt das Universalmittel:„Stramm gestanden, richt euch!", heißt die Medizin: Parademarsch! Jüngst sind in Pommern wieder vm Lehrer aufmarschiert und die begeisterten Berichte überschlugen sich. In der parteiofsiziöscn Stettiner Zeitung hieß es: „Richt euch. Augen geradeaus. Augen rechts"!: Gau- . obmann Godenschweger meldet. Wie die Mauern stehen die pommerschcn Lehrer und geben krältig das HeU des Ministers zurück. Der Reichsminister Ruft ichreitet die Front der pommerschen Lehrer ab: dann spricht er. und was er sagt, läßt unsere Herzen m Bcrussstolz und Führerbejahung höher schlagen:„Ich treue mich, dag ich die pommerschen Erzieher als Soldaten gesehen habe. Die deutsche Presse ist krank? Journalisten stramm gc- standen! Tie deutsche Jugend verroht und verwildert immer mehr? Deutsche Lehrer— stramm gestanden! Lehrer und Journalisten erziehen das Volk. Wer aber erzieht die Votts- er, ieher? Der Unteroffizier Himmelstoß und der Reichs- minister Ruft! Zirktissplelc stall Bröl franhreidi über den lahrmarhl von Nürnberg Von unserem Korrespondenten A. PH. Paris» 6. September. Es gibt kein französisches Blatt, das nicht von den Vor- bereitungen zum nationalsozialistischen Parteitag in Nürn- bcrg recht ausführlich erzählt, kein Blatt, das nicht Bilder bringt, auf denen man SS.- und TA.-Leute im Parade- marsch durch die Straßen von Nürnberg ziehen sieht. Und das Ganze trägt oft mit anderen Worten, aber doch überall im gleichen Sinne die Ueberschrist, die wir im„Jntran- sigeant"<6. September! finden:„Die Tage von Nürnberg besiegeln das Einvernehmen von Reichswehr und National- sozialismus" Das. so meint die gesamte hiesige Presse, sei ja überhaupt das hervorstechende Merkmal des diesjährigen nationalsozialistischen Parteitages, daß zum ersten Male Reichs weh rformationen geschlossen an ihm teil- nehmen, ein Umstand, der der Welt zeigen solle, dast die ganze Armee ebenso wie das übrige Deutschland Hitler treu ergeben sei. Ironisch bemerkt „Petit Parifien", die deutsche» Botschafter in Paris. London, Moskau und Rom, ebenso wie die deutschen Gesandten in den anderen europäischen Hauptstädten seien wohl nur zur Teilnahme am Parteitag geladen worden, damit sie einen Ersatz bildeten für die ausgebliebenen ausländischen Diplomaten. Im „Journal" weist Georges Blum darauf hin, daß am nächsten Montag die Reichswehr zu Hitlers Ehren einen Fackelzug veranstalten werde, bei dem man den„Einzug der Götter in Walhall" von Richard Wagner zu Gehör bringen werde. Militärmärsche ivürden sich anschließen, darunter auch das Lieb:„Ter Gott, der Eilen wachsen ließ, der wollte keine Knechte". Dieses Lied solle wohl die Erinnerung an die gegen Napoleon I. geführten Freiheitskriege ins Gedächtnis zu- rttckrusen „Oeuvre" zweifelt n-cht daran, daß Hitler dem Ausland in Nürnberg ein„Heil-Geivitter" vorführen werde. Das solle ein Beweis sein, wie sehr er das Vertrauen des deutschen Volkes ge- nieste. Aber was seien die Freudenschreie einer Menge ivert, die sich in einem Lusttaumel befinde, berauscht und ein- gejchläsert zugleich durch den Jahrmarktsrummel! An dem Tag, wo der Führer sich an die Öffentlichkeit unter freiwilligem Verzicht auf jede Zirkus- und Jahrmarktsreklame wenden würbe, entschlossen, nur durch ruhige und nicht durch tobende Reden zu wirken, an diesem Tage würden seine Zu- Hörer zu einem schrecklichen Gähnen ihren Mund öffnen. Hitler wisse das, aber das Ausland scheine es mitunter ver- gcssen zu haben „Oberpräsident Kube," meint das Blatt weiter,„sagt im „Völkischen Beobachter", Nürnberg ist der Friede. Gewist, Hitler wird in seinen Reden das Friedenswerk noch preisen. Schon empört sich ein Provinzblatt bei der Feststellung, da» man den Führer noch nicht für den Nobelpreis>"rge>chla- gen hat." Dem Korrespondenten des „Paris Midi" fällt es auf, dast man in Nürnberg überall das Bild de? Führers, sehr ost vereint mit dem von Julius Strei- cher, sieht, den er den„unermüdlichen Apostel des Kampfes gegen die Juden" nennt. Aus Bier- krügen fände man die Inschrift„Nürnberg, die Stadt der Nationalsozialistischen Kongresse". Sei das denn wirklich der einzige Ruhmestitel der alten deutschen Stadt? so fragt der Berichterstatter. Sollen Albrecht Dürer und Hans Sachs nur Vorläufer von Adolf Hitler gewesen sein? Man kann wirklich nicht sagen, daß der gute Ruf, de» Nürnberg als Kunststadt in der ganzen Welt schon seit Jahrhunderten genießt, in diesen Tagen von Herrn Adolf Hitler und seinen braunen Scharen gefördert wird. Gabriel Perreux stellt im „Paris-Soir" die Frage, wie lange Hitler den Deutschen noch Zi.kusjpiele statt Brot anbiete» könne. Schon jetzt scheine trotz der glänz- vollen Ausmachung er in Nürnberg mi weniger Begeisterung als früher empfangen worden zu sein. Während man aber noch über die Wirkung derartiger Massenseste im J>>- lande verschiedener Meinung sein könne, so würde doch auch der Verblendetste den außenpolitischen Eindruck sehen. Ge- ivist bewundere die Welt die großartige Organisation einer solchen Massenversammlung. Aber welches auch immer die Fricdensversichcrung des Führers bei dieser Gelegenheit sein werde, so werde man außerhalb der Rcichsgrenzen doch mit Bedauern feststellen, daß der Nürnberger Kongreß in Wirklichkeit viel mehr von dem Kricgswillcn als von den Friebensivünschen des Reiches enthülle. Nürnberger ilollarlebhnchen Der rubrer ins Reich des Geistes In Nürnberg gab es auch eine K u l t u r t a g u n g. Kory- phäen des deutschen Geisteslebens und der deutschen Kunst saßen andachtsvoll vor ihrem„Führer", der ihnen eine Stunde lang„über Wesen und Aufgaben der deutschen Kunst" dte.Hirne erhellte. Diese Rede haben wir im Wortlaut vor uns. Es ist sehr respektlos, aber die Wahrheit gebietet zu sagen, daß wir „Jntelligenzbestien" die Sätze Adolf Hitlers mit den Kaka- phonien unseres lauten Gekrcischs begleitet haben. Sollte jemand behaupten, dast diese Rede vom Herrn Pressechef Dict- rich oder vom kunstbeflisscnen Adjutanten Hanfstängl verfaßt worden sei, so mühten wir mit Entschiedenheit wider- sprechen. Denn der Stil und der Prunk, das verblasene Gcbildettum des Halbgebildeten, die schief konstruierten Satz- nngctüme mit falscher Statik und bunt bepinselter Fassade: das ist in seiner Ganzheit und in seiner Fülle der Autor des „Mein Kampf". Hier rasen die Steckenpferde, hier perlen die Schweißtropfen des Führers höchstselbst. Nie hat sich ein Mann mit größerem Erfolge selbst ironisiert wie hier. * In dieser Rede ist die Form zugleich der Inhalt. Wir geben darum einige Sätze wörtlich wieder: „Die Weltidce eines liberalen Zeitalters lädt zur Nach- folge der internationalen Idee des marxistischen Sozialismus ein, und dieser wieder mündet in anarchisches Chaos oder in die kommunistische Diktatur. Da die G r u n d s ä tz e und die Prinzipien des Aufbaues einer tausendjährigen Völkergemeinschaft erst einmal zerbrochen sind, folgt diese Ordnung ihren Grundsätzen und Prin- z i p i e n nach. Es ist ein grandioses, schauriges Spiel, das sich vor unseren Augen abrollt. Der Fenris-Wolf scheint über die Welt zu rasen. In einem wilden Krieg kämpfen Völker und Nassen, ohne im einzelnen zu wissen, wofür." „Noch vor 20 Jahren war die künstlerische Darstellung der Schnelligkeit eines Körpers verbunden mit d e r K o n st r u k- tion derSpitze nach vorne und der Verdickung nach rückwärts. In 20 Jahren, von heute ab gerechnet, wird das TchönheitSempfinden gebieterisch die umge- kehrte Tropfenform identisch finden mit der Vorstellung der Schnelligkeit. Der Künstler ist daher in der inneren Ahnung solcher Naturgesetzlichkeiten sowohl der Wissenschaft, wie damit überhaupt der Menschheit stets weit voraus. Er hat die Pflicht, seine ihm von Gott gegebene Ahnung und Einsicht einer nachstrebenden Menschlichkeit a l s Richtpunkt nach vorn aufzustellen, und nicht diese wieder nach rückwärts zu führen!" „Zu einer Mission kann man auch nie erzogen werben, wenn man nicht dafür geboren ist. Wenn daher in einem Volke an sich die Fähigkeiten, die Formen und Vorgänge des Lebens klar zu sehen, zu den wesentlichen arteigenen Eigenschaften gehören, bann haben wir im Künstler die Inkarnation solcher Fähigkeiten zu erblicken. In ihm melden sich die inneren Werte eines Volkes in höch- ster Verstärkung laut, und zwar für alle, an. Es v e r m i t- telt daher das gottbegnadete Gebiet in seinem Streben, den menschlichen Werken eine letzte Ver- cblung angedeihen zu lassen, unbewußt der Nachwelt Er- kenntnisse, die diese nicht mit Unrecht als für immer fixiert empfindet und damit als zu folgende Regel ansteht und niederlegt." „Es kann nicht die Aufgabe sein einer nationalsozialisti- schcn Kunsterziehung, Werte, die nur die Vorsehung den Völkern schenkt, zu bewahren, als vielmehr das vorhandene Kulturgut dem unverdorbenen und gesunden Instinkt in Schutz zu nehmen vor diesen Räubern einer gesunden Staats- nnd Knltnraussassung, sosern es sich nicht überhaupt nm Schwindler bandelt. Und es muß klar und eindeutig ausae- sprachen werden: Nicht nur die politische, sondern auch d'ie kulturelle Linie der Entwicklung des„dritten Reiches" be- stimmen Instinkt und Rasse, und die Scharlatane, wenn sie meinen, die Schöpfer des neuen Reiches ließen sich von ihrem Geschwätz benebeln oder gar einschüchtern, befinden >ia in einem unheilvollen Jrrtum."„Daö Deutsche Rei* wird -sie Zügel des Geistes jener tragen, die es schusen, und nicht jener, die es nicht erfassen und verstehen." sich die Es ist, wie man sieht, etwas schwierig, sich in Adolf Hitler hineinzulcscn. Seine Größe als Denker und Kulturprophet steht unverrückbar fest für die treuen Nationalsozialisten, die das Deutsche Reich hitlerschcr Nation für die nächsten tau- send Jahre zu beherrschen gedenken. Wir Ausgestoßcncn aber— wir sehen in der deutschen Geschichte keinen Virtuosen der Gedanken und der Schriftsprache, der mit solchem Erfolge das Einfache so kompliziert, das Banale so wissen- schastsbeflissen, das Klare so verworren und verwaschen zu sagen weist wie er. Kräftige Schimpfworte heben sich aus dem wogenden Wellenmeere der Offenbarungen hin und wieder wie eherne FelSgebirge hervor. Wir hörten ihn dann laut schreien und erkannten die Grundnatur. Darum ist es überflüssig und vergeblich, die Kunst- theorien Adolf Hitlers— Varianten aus„Mein Kamps"— zu erläutern. Das beste, was dazu gesagt werden kann, hat der deutsche Rundfunk am Donncrstagmorgen gesagt: Wörtlich: „Nachdem der Führer seine große Rede aus der Kultur- tagung gehalten hatte, nahm er den strammen Bor- bei marsch von ZI>lIl> Amtswaltern entgegen, die aus einem Umkreise von über 150 Kilometer vier Stunden lang nach Nürnberg marschiert waren. Von der Leistung dieser Männer kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, daß nur läMann unterwegs schlapp machten"... Hätten diese Fünfzehn vorher die Kunstredc ihres Führers gehört, so wäre ihnen das Malheur bestimmt nicht passiert. Wieder einer! Korrupter Nazibeamte Köln, 6. Sept. Bei der Kölner Rcgierungskasse sind größere Unterschlagungen eines Inspektors festgestellt worden. Die Verfehlungen gehen schon aus Jahre zurück und dürften insgesamt nach den bisherigen Fest' stellungen rund 14 0 0 0 0 R M. erreichen. Ter fest' genommene Inspektor hatte bei den Gehaltszahlungen für die Lehrerschaft Betrügereien vorgenommen. Er fälschte Ouittun- gen und andere Urkunden und konnte dadurch immer wieder erhebliche Beträge veruntreuen. Tie Versehlungen wurden erst jetzt bei einer sorgfältigen Nachprüfung auch früherer Buchungen entdeckt. Der Beamte ist geständig. Regierungspräsident ist der frühere Chef der Gestapo TixlS. Sein Vorgänger war der Nationalsozialist z»r B o n s e n. Breslau, 5. Sept. lJnpreß! 2» kommunistische Arbeiter aus G log au wurden vom Oberlandesgericht Breslau zu Zuchthaus st rasen bis zu fünf Jahren, zu insgesamt 5t Jahren Kerker verurteilt. Berlin, 5. Sept. lJnpreß.! In dem Prozeß gegen die kommunistischen Arbeiter aus Frcienwalde wurde der Hauptangeklagte Jessel zu 1 0 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die übrigen Angeklagten erhielten insgesamt 8 Jahre Zuchthaus.' Berlin, 5. Sept lJnpreß.! Daß„Bolksgericht" verhängte über zwei thüringische Arbeiter, Die illegale Literatur, unter anderem das Braunbuch, aus de? Tichechoslowakei eingeführt hatten. Zuchthausstrafen in Höhe von je vier Jahren. Berlin. 4. Sept. lJnpreß> Das Tondergericht Verli» verurteilte einen A beiter o>, Gegusee wegen„Vorbereitung zum Hochverrat" zu einem Fuhr Gefängnis. ««Status quo Was bedeutet in Wirklichkeit seine Beibehaltung bei der Volksabstimmung Die nachfolgende Zuschrift veröffentlichen tvir. ob- wohl wir dem Verfasser nicht in jedem Wort zustimmen. Redaktion der„Deutschen Freiheit". Es ist allgemein üblich, die erste der offenstehenden Möglichkeiten bei der im Januar nächsten Jahres stattfindenden Volksabstimmung als ein Votum für die Reibehaltung des --latus quo zu bezeichnen. Aber so bequem das auch ist, in > em der beiden anderen Wahlmöglichkeiten, kurz gesagt: „für Teutschland" oder„für Frankreich", ebenfalls mit nur Swei Worten auszukommen, so ungenau ist es auch. „Status quo" heißt, wörtlich überseht, doch nichts anderes U'ie:„Ter Zustand in dem(zu ergänzen: zur Zeit sich das "and befindet)." Ist dies aber wirklich damit gemeint? Eine der dritten Bedingungen, die der Rcrsailler Vertrag nir die Abstimmung aufstellt, heißt, sie solle„unbeeinflußt" sein. Tie beiden anderen heißen:„geheim" und„frei". Nun, diese^ beiden Bedingungen sind klar und ihre Durchführung ist Zache der Abstimmungskommission, der Abstimmungsgerichte und der sonst in Betracht kommenden Instanzen. 2Lcn aber geht die dritte Bedingung an? Wen anders als die Saarländer selbst, und wie können sie ihr genügen? Nun, es ist selbstverständlich: nur dann, wenn sie sich über die Bedeutung der ihnen gestellten Fragen voll und ganz im klaren sind. ^ Betrachten wir die Tinge nun einmal in aller Ruhe und Sachlichkeit, so sehen wir zunächst, daß nur zwei der Fragen in Wirklichkeit für den Saarländer in Betracht kommen: Rückgliederung nach Teutschland oder selbständiges Saar- gebiet. Denn an den Anschluß an Frankreich denke» nur sehr wenige, ebenso ivie in Frankreich kein vernünftiger Mensch an eine Eingliederung des Saargebiets, oder wie man auch wohl häufig sagen hört, an eine Annexion denkt oder sie überhaupt für wünschenswert hält. Also wird der Saarlander praktisch zwischen diesen zwei Möglichkeiten wählen müssen. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man den Saar- landein die wirtschaftliche Seite dieser Frage auseinander- letzen. Das weiß jeder von ihnen: man kennt die Lage in Deutschland, den Kampf, den man zum mindesten mit sehr nweiselhastem Erfolg gegen die Arbeitslosigkeit führt, die wirtschaftliche Krise, die Schwäche der Mark. Man erfährt es ja auch am eigenen Leibe, wenn man aus Deutschland Zah- lungen trotz gutem Willen der Schuldner nicht herein- bekommt. Man kann nicht einmal einen Schuldner in Teutschland veranlassen, das ins Saargebiet schuldige Geld direkt an einen in Teutschland lebenden Lieferanten des Saarländers zu leisten. Wenn aber der Saarländer nicht einmal seine Forderungen in Teutschland an eine» andere» Deutschen zedieren kann, dann ist es doch Essig mit der Mark »nd die Frankenwährung im Taargebiet ist doch Schutz gegen Bcrmögensvcrfall. Ebenso sind bekannte Tinge, daß bei einer evtl. Rückgliederung nicht nur der Bergbau und die Hütten- Industrie schwer gefährdet sind— einmal, weil man in Teutschland übergenug Kohlen hat und zum Teil von un- bestritten besserer Qualität, und zum anderen, weil die Frage der Einfuhr der Lothringer Minette letzten Endes in der Luft hängt—, sondern daß vor allem die große erst nach dem Kriege entstandene Fertigwaren-Industrie, daß Textil- iabriken usw. dann der Konkurrenz nicht werden standhalten können. Auch, um ganz prosaisch zu reden, daß dann Bier und Zigaretten bzw. Tabak, in deren Verbrauch das Saar- gebiet, wie die Statistik ausweist, bisher dank ihres billigen Preises an der Spitze steht, teurer werden, und daß auch das so aufgeblühte Brauereigcwerbe schwer in Mitleidenschaft gezogen wird. Alles Tinge, die für den Arbcitsmarkt und kür die Existenz aller Saarländer von größter Bedeutung sind. Aber um das Materielle allein geht es ja gar nicht. Es b'eße den Saarländer verkennen, wenn man ihm nicht auch Idealismus zutraute, einen Idealismus, der zuerst nach der Freiheit und der Wahrung seiner Menschenrechte fragt. . Nun ist es aber so, daß die große Mehrheit der Saarländer stch über die Bedeutung des ersten Punktes, den man all- gemein mit„Beibehaltung des Status quo" bezeichnet, nicht klar ist. Toll das heißen, daß die Verwaltung des Taar- üebiets immer und ewig die gleiche sein soll ivie bisher, das üichts ändert an dem Regime, das das Kapitel II des Saar- obkommens für die Zeit bis zur Abstimmung eingeführt hat? Es ist klar, daß die nationalistische Rttckgliederungspropa- ganda alles daran setzt, diese Meinung aufrecht zu erhalte» und zu festigen. Man braucht nur die Broschüre zu lesen, die voriges Jahr erschienen ist. „Tie französische Propaganda versucht den Eindruck zu er- wecken, als handele es sich um Bildung eines autonomen, also selbständigen, freien Staates. Das ist aber unrichtig. Nach dem klaren Wortlaut des Vertrages kommt nur die Beibehaltung des gegenwärtigen RegicrungSsystcms in Be- tracht. Dieses ist aber bekanntlich das Gegenteil von staat- l'cher Selbständigkeit. Denn die Saarbevölkernng regiert sich nicht selbst, sondern wird— von einem Regierungsmitglicd abgesehen— durch fremdländische Persönlichkeiten beherrscht, b'e sich in weitem Maße nach den Anweisungen des Genfer Völkerbundes und den Wünschen der ausländischen Staaten richten. Tie Saarbevölkerung selbst hat gar keinen entschei- denden Einfluß auf ihre Regierung." Und was hier Tr. Kurt Grotcn sagt, das wird in zahl- reichen anderen Broschüren und Flugblättern wiederholt, das wird auch mündlich immer wieder gesagt, auch den Hitler- üegnern gegenüber, denen man sagt:„Tu wehrst dich gegen die angebliche Diktatur in Teutschland, weil du sie nicht kennst, aber was du hier hast, und dessen Verewigung du wünschen willst, das ist schlimmer als Diktatur!" Und doch ist das ein fundamentaler Irrtum. Und er ivird nicht richtiger dadurch, daß er soundsooft wiederholt wird. Das ist es ja gerade, weshalb wir eingangs sagten, so bequem das Wort„Status quo" sei, so ungenau, ja, so gefährlich ist es. Drei Hauptgrundsätze sind im Versaillcr Vertrag enthalten. U Ter Völkerbund übt die Souveränität aus. 2. Tie Gruben bleiben Eigentum des französischen Staates. ». Das Taargebiet bleibt im Rahmen des französischen Zollgebietes... dieser drei Punkte ist die Regime, von der natürlich in Kraft, aber man kann sie nicht ohne weiteres niit der Frage der Verfassung vermengen. Man muß, um die gegenwärtige Form der Verwaltung des Saargebietes zu begreisen, sich noch einmal die Verhältnisse von 1919 vor Augen führen. Es handelte sich damals darum, zwei bisher zwar nicht in der Wirtschast, aber in der Ver- waltung vollkommen verschiedenartige Gebietsteile— der größere preußisch, der kleinere bayerisch— für eine zeitlich beschränkte Tauer unter einen Hut zu bringen. Es galt nicht einen neuen Staat zu schassen. Daß das kein Mensch gewollt hat, dafür ist doch der beste Beweis, daß das Saargebiet keinen eigenen Konsul hat. Es handelte sich vielmehr einlach um ein U e b e r g a n g s r e g i m e, wenn es auch 15 Jahre sein sollten, und nicht nur ein halbes oder ein Jahr, wie in anderen Abstimmungsgebieten tTchleswig, Ostpreußen, Ober- schlesienj. Aber was sind fünfzehn Jahre in der Geschichte? Und es war daher nur folgerichtig, wenn der Völkerbund selbst die Rolle eines Parlaments übernahm, wenn die saar- ländischcn„Minister" ihm und keiner anderen Stelle verant- wortlich waren, und wenn die durch die Regierungskommis- sion geschaffene Einrichtung des Landesrats praktisch keine andere Bedeutung bekommen konnte, wie beispielsweise der sogenannte Stnbicnausschuß. Denn während der lieber- gangszeit ist eben das Taargebiet ebensowenig ein Staat, wie andere Abstimmungsgebiete: was soll also da ein Parla- ment? Mochte der Landesrat in einer falschen Auffassung noch so oft dessen Rolle für sich reklamieren, das eigentliche Parlament dieser Ucbergangszeit ist und bleibt eben der Völkerbund, der durch die Regiernngskommission vertreten wird. Aber nach der A b st i in m u n g i st die Lage ganz anders. Tann muß das bisherig^Abstimmungsgebiet folgerichtig zum selbständige», z u in autonomen Staate werden und dann muß es natürlich auch die E i n r i ch- tungen eines solchen haben. Das sieht der Ver- sailler Vertrag klar und deutlich vor, denn es gibt da den ij 3 5 a, der wörtlich besagt:„Es i st S a ch e d e s B ö l k e r- bundes, durch geeignete Maßnahmen die endgültig eingeführte Rechtsordnung mit den dauernden Interessen des Gebietes und dem allgemeinenJnteresse in Einklang zu bringen." Dieser Text ist klar und eindeutig. Er gibt dem Völkerbund nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht,„die endgültig eingeführte Rechtsordnung mit den dauernden Interessen des Gebiets in Einklang zu bringen", dem Gebiete eine Ver- fassung zu geben, die seiner würdig ist und seinen Interessen entspricht. Denn dann gibt es keinen preußischen»nd baue- rischen Teil mehr, die unter einer nur scheinbar einheitlichen, in Wirklichkeit nach verschiedenen Gaseyen arbeitenden Ver- waltung stehen, dann gibt es ein autonomes Saargebiet. Eine Autonomie, die sich auch durchaus die Bereinigung mit einem künftigen deutschen Rechtsstaate offen halten könnte. Wie dessen Verfassung aussehen wird, das kann natürlich jetzt noch nicht gesagt werden. Aber es ist klar, daß sie freier sein muß als die gegenwärtige des Provisoriums, und sicher- lich freier als die deutsche. Hat doch noch gerade im Augen- blick, da in Deutschland das ganze bisherige Arbeitsrecht beseitigt wurde, die Saarregierung den Text eines neuen Betriebsgesetzcs vorgelegt. Also, wie die neue Verfassung aussehen wird, muß noch dahingestellt bleiben. Man könnte, beispielsweise, sich denken, daß nur ein einziger Mann, eine Art von Staatskommissar, dem Völkerbund verantwortlich, an die Spitze gestellt werde, anstatt des bisherigen fünfköpfigen Kollegiums, und daß auch sonst der Verwaltungsapparat wesentlich verkleinert würde, während sonst die Geschicke des Landes in den Händen von gewählten Saarländern lägen. Man könnte ferner wohl daran denken, daß der Völkerbund ein Sachverständigen- komitce berufen werde— genau wie es jetzt für die Ab- stimmung geschehen ist—, das die Frage der zukünftigen Verfassung bearbeitet. Es ist dabei selbstverständlich, daß in diesem Komitee die Saarländer entsprechend berücksichtigt, daß sie zur Mitarbeit eingeladen werden müssen. Denn, und das ist das Allerwichtigste, die neue Verfassung darf natürlich keine„erlassene",„oktroyierte" sein, sondern muß zustande kommen aus dem Willen des Volkes. Jedenfalls ist es also sicher, daß der Status quo im eigcnt- lichen Sinne des Wortes nicht in Frage kommt. Tr. Groten und seine Bor- und Nachbeter haben Unrecht. Wer für die Beibehaltung des Status quo stimmt, begibt sich damit keines- wegs in freiwillige ewige Sklaverei, sondern hält sich gerade dadurch den Weg nicht nur zur wirtschaftlichen, sondern auch zur politischen Freiheit offen. C. K. Frankreich will eimttDliüe Entscheidung Die Meinung des„lemps" Aber in keinem Nebe von dem politischen ^ e r f a f s u n g. Tie drei oben genannten Grundsätze bleiben Der„Temps", das offiziöse Blatt der französischen Außen- Politik, schreibt am 6. September über die Denkschrift der französischen Regierung an den Völkerbund folgendes: „Wenn es wahr ist, daß Regieren Voraussehen bedeutet, so kann man der französischen Regierung nicht genug darin beistimmen, daß sie bereits jetzt an die verschiedenen Pro- bleme gedacht hat, die am Tage nach der Abstimmung zu lösen sind, welches auch immer der Ausgang der Volts- abstimmnng sein möge, Zunächst die juristische Frage: Die Briefe, die am 4. Funi durch die französische und die deutsche Regierung an den Völkerbundsrat adressiert war- den sind, sehen zwar Garantien zugunsten der Abstim- mungsbercchtigten für die Nichtergreifung von BergeltungS- maßnahmen vor, aber Abstimmungsberechtigte sind nur die volljährigen Saarländer, Männer und Frauen, die am 28. Juni 1910 an der Saar gewohnt haben. Ter Völkerbundsrat hat seine Absicht zum Ausdruck gebracht, diese Garantien aus sämtliche Taareinmohner auszudehnen. Es ist wichtig, daß sich diese Absichten zu genauen Verpflichtungen verdichten. ES wäre in der Tat völlig unzulässig, daß im Falle einer Rück- gliedcrnng an Teutschland ein Teil der Gebirtseinwobner sich Verfolgungen ausgesetzt sähe, die denjenigen ähnlich sind, die allznviele Rheinländer am Tage nach der Befreiung der Mainzer Zone erdulden mußten. Wenn andererseits die französische Regierung bereit ist. bereits jetzt zu erklären, daß im Falle einer Verbindung mit Frankreich die Saarcinwohner ohne Unterschied der Rasse und der Religion uneingeschränkt alle Rechte französischer Bürger in Anspruch nehmen können, so hat doch die deutsche Regierung noch keinerlei Verpflichtungen in dieser Hinsicht übernommen. Es ist notwendig, daß der Bölkerbundsrat so schnell wie möglich eine eindeutige Entscheidung in dieser Hinsicht trifft. Und es ist endlich wichtig, daß die Abstimmenden eine klare Vorstellung von dem Rechtsznstanb sTtatut) haben, der sich gegebenenfalls aus dem Abstimmungsergebnis für Status quo ergeben kann. Ohne daß die Denkschrift sich über diesen Punkt näher ausläßt, geht ans ihr hervor, daß das Wort „Statut" hier in doppelter Bedeutung gebraucht wird: Zu- nächst im Sinne der staatsrechtlichen Verfassung sim Falle der Ausrechterhaltung des Statu? quo muß nach Ansicht der französischen Regierung den gewählten Volksvertretern ein breiterer Raum bei der Erledigung der Angelegenheiten des Gebietes eingeräumt werden!), sodann aber auch im Sinne einer international verbindlichen Festlegung ldaS heißt, daß, von den gleichen Grundsätzen ausgehend, die Möglichkeit spä- terer Aendernng des Status-quo-Zustandes ins Auge gefaßt wird, um„den dauernden Interessen des Gebietes und dem allgemeinen Interesse" zu dienen!). Natürlich kann die französische Regierung dem zukünftigen Schicksal einer Bevölkerung gegenüber nicht indifferent blei- bcn. die während fünfzehn Jahren in enger wirtschaftlicher Gemeinschaft mit Frankreich gelebt hat. Und die Denkschrift gibt in dieser Hinsicht genügend Beweise, aber alles dies immer im Rahmen des Friedensvertrages. Man dar! wohl hoffe»— ohne allerdings allzu sehr daraus zu vertrauen—, daß die deutsche Regierung diese Ausrichtigkeit teilt. Wenn Hitler-Tcntschland einige Gründe hat, ssch wegen des Resultates der Volksabstimmung zu beunruhigen, so muß es die Gründe hierfür einzig und allein bei sich selbst suchen. * Paris, s-;i 6. September 1984. (Von unserem Korrespondenten) Tie hiesige Presse gibt an hervorragender Stelle den In- halt der französischen Saarnote wieder, die in politischen Kreisen sehr lebhaft erörtert wird. Man begrüßt den ruhigen und sachlichen Ton, in dem das Dokument gehalten ist. das sich von inhaltlose» Phrasen fernhält und ans jede Propa- ganda verzichte.. Dafür aber, so sagt man, wirkt die Note durch ihren sachlichen Inhalt um so mehr. Sie zeige den Saarländern, was eigentlich für sie aus dem Spiele stehe, wenn sie sich am 13. Januar 1933 gegen den Status quo cnt- scheiden. Zum ersten Male werde ihnen von dazu autori- sierter Seite deutlich gemacht, daß sie die stabile Franken- Währung, die durch Gold hinreichend gesichert sei, mit der deutschen Mark ertauschen müßten, die aus nichts anderem als aus Papier und Truckerschwärze bestehe. Für außerordentlich glücklich hält man die freigebige Geste, mit der Frankreich dem Taargebiet zu mindest einen Teil der Gruben zur Verfügung stellt, falls das Volk sich für den Status quo entscheide. Das bedeutet mit anderen Worten, daß die französische Republik dem freien Saarland, daS nichts mit Hitlerdeutschland zu tun haben will, am Tage, nachdem es dies deutlich zum Ausdruck bringt, ein sehr wertvolles Geburtstagsgeschenk aus den Tisch legen wird. Man braucht nicht zu bezweifeln, daß der„O e u v r e" recht hat, wenn es feststellt, daß die französische Taarnote einen sehr ungünstigen Eindruck— in Berlin gemacht hat. Ernsle Warnung" London, 6. Sept.„T ailn Heral d" spricht im Zusam- menbang mit der Veröffentlichung der französischen Saar- Denkschrift von einer ernsten Warnung vor dem kommenden schweren Konflikt zwischen Frankreich und Teutschland wegen der Zukunft der Saar. Frankreich zeige deutlich, daß es Teutschland nicht erlauben werde, von der Taar Besitz zu nehmen, bevor jeder Pfennig für die Bergwerke bezahlt sei. Diese Bezahlung aber könnten und wollten die National- sozialisten nicht leisten. Internationale Saarpolizei Abstimmungskommission hält es für notwendig Die„Reue ZürcherZeitung" vom 4. September Iaht sich aus Saarbrücken berichten: Die Abstimmungskommission prüft zur Zeit eingehend die Frage einer Verstärkung der saarländischen Polizeikräfte. Nach ihren Feststellungen erweist sich das saarländische Land- jägerkorps gegenüber den Polizeikräftcn anderer dichtbevöl- kerter Gegenden als unverhältnismäßig schwach, zu schwach insbesondere zur Durchführung umfassender SicherungS- Maßnahmen am Tage der Abstimmnng. Sie würden kaum zum Schutz der 399 Wahllokale ausreichen, geschweige denn zur Ausübung einer scharfen Grenzkontrolle. Aber auch in den kommenden Monaten der leidenschaftlich geführten Wahlkampagne, so äußerte sich Henry weiter, müßten in den dichtbevölkerten Zentren starke Polizeireservcn vorhanden sein, aus deren Neutralität man sich absolut müsse verlassen können. Tie Abstimmungskommission let deshalb mit der von der Regierungskommission in Genf erhobenen Forde- rung eines verstärkten Polizeischutzes vollkommen einver- standen. Am liebsten sähe Henry(das schweizerische Mit- glied der Abstimmungskommission) die individuelle Aus- Hebung von Schweizer Bürgern für diesen Ordnungsdienst: eine gleichzeitige Rekrutierung in verschiedenen Länder» hält er für unvorteilhaft. Tie Abstimmungskommission ist sich der ausschlaggebenden Bedeutung weitgehender Schntzvorkeh- rungen vor und während der Abstimmung bewußt, da Un- zulänglichkeitcn in dieser Hinsicht den praktischen und mora- lischt» Wert des Abstimmungsergebnisses illusorisch werden ließen. Noch einem Ratsbeschluß des Völkerbundes steht eS der Regierungskommission des Saargebietcs zwar immer noch frei, im Falle schlimmer Gefährdung der ö'fentljchen Ruhe und Ordnung die an der saarländisch-sranzösischen Grenze bereitstehenden französischen Truppen herbei-urufen. Aber gerade dies möchte die Abstimmungskommission ver- meiden, um in jeder Beziehung die vollkommene Unbecin- flußtheit der Abstimmnng zu verbürgen. Obgleich wir die Notwendigkeit eines verstärkten Polizei- schütze» vor und während der Abstimmung durchaus ancr- kennen, halten wir es doch für angebracht, daß die Schwei? auch eine individuelle Aushebung ablehnt. Der Völkerbund wird gewiß in anderen Ländern genügend Bereit- willige finden oder, sollte dies nicht der Fall sein, d>e heikle Frage in anderer Weise lösen können. Diese ablehnende Hol- tung in dieser Spezialfrage soll die Tchiveiz jedoch nicht daran Hindern, der Abstimmungskommission im Saargebiet bei der Erfüllung ihrer schwierigen Ausgabe jenen starken morali- schen Betstand zu gewähren, den sie ihres großen Verdienstes um die Anerkennung des Selbstbcstimmungsrechtes der Völ- ker willen unzweifelhaft verdient. Me«»Maden der Saarländer Wichtige Denkschrift der Regierungskommission Das Völkerbunüssckretariat veröffentlicht ein Schreiben der Regie ru ngskommission des Saargebiet s, das sich mit den Fragen der saarländischen Schulden und Guthaben im Auslande besaßt, die die Ncgicrungskommission zur Prüfung der kommenden Tagung des Völkerbundsrates unterbreite. Die Tatsachen, die in diesem Berichte aufgeführt werden, sprechen eine wuchtige Sprache gegen die Rückgliede- rung des SargcbieteS an ein Hitler-Deutschland, in welchem Falle die Saar eine Währung erhielte, die„nicht konvertier- bar und nicht transferierbar" ist. Das Schreiben der Regie- rungskommission stellt ausdrücklich fest, daß„das Saargebiet unter den in den lebten Monaten vorgenommenen Ein- schränkungen der deutschen Regierung hinsichtlich der freien Bewegung der ausländischen Kapitalien im Reiche gelitten hat" und fordert für den Fall des Status auo geeignete Maßnahmen des Rates, um den Saarländern jede freie Verfügung ihrer Guthaben somnhl in Teutschland wie in Frankreich zu garantieren:„Die Guthaben von Saarlän- dern im Auslände müssen geschützt werden gegen Zwangs- maßnahmen, die sich aus den durch die deutsche Gesetzgebung hervorgerufenen Transferschwierigkeiten ergeben." Tie Re- gierungskommission empfiehlt deshalb, daß der Rat für den Fall des Status quo beschließt, daß die künftige Saarrcgie- rung keine einschränkenden Maßnahmen zum Nachteil der Träger von ausländischen Guthaben, welches auch ihre Ratio- nalität und Wohnsitz sei, annehme. Die entscheidende Stelle der Denkschrift hat folgenden Wortlaut: „Wenn man die drei im Versailler Vertrag vorgesehenen Möglichkeiten ins Auge faste, so sei im ersten Falle, der Beibehaltung des Status quo zu bemerken, daß es wegen der den Devisen- und Kapitalienanstansch nicht ein- schränkenden Taarversastung geboten wäre, wenn der Rat beschlösse, daß die Saarregiernng in Zukunft keine ein- schränkenden Maßnahmen zum Nachteil der Träger von aus- ländischen Guthabcu, welches auch ihre Nationalität fei und ihr Wohnsitz», annähme. Diese Maßnahme sei notwendig, weil das Saargebiet unter den in den legten Monaten vorgenom- mcnen Einschränkungen der deutschen Regierung hinsichtlich der freien Bewegung der ausländischen Kapitalien im Reiche gelitten habe. Erleichterungen seien nur in einzelnen Fällen Saarländern gegenüber gewährt worden. Daber wüste der Rat jede geeignete Maßnahme ergreifen, um den Saärlän- dern jede freie Bersügung ihrer Guthaben in Deutschland sowohl wie in Frankreich zu garantieren." Deutschs Front" protestiert Gegen fremde PeSssei Die Genfer Ratstagung naht, die Aera der Saar-Dcnk- schritten und-Proteste hat begonnen. Die„deutsche Front" wendet sich jetzt mit einem P r o t e st g e g e n d e n P r ä s i- deuten der Regierungskommission Knox nach Gens. Sie behauptet, daß an der Saar alles in schönster Ordnung sei und die vorhandenen Polizeikräste vollkommen zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit ans- reichten. Verschiedene Vorgänge werde» bagatellisiert oder die Mitschuld der„deutschen Front" wird abgestritten. Dreist wird die Echtheit der über die Umtriebe des Freiwilligen Arbeitsdienstes veröffentlichten Dokumente(trotz polizeiamt- licher Beglaubigung) angezweifelt. Zur Kennzeichnung der Art und des Tons der Denkschrift, sowie der dialektischen Künste, mit denen sich die trcuöeutschen Männer aus einer peinlichen Lage herauszuwinden suchen, einige Teile aus dem Protest: Der Herr Präsident Knox begründet seine Forderung nach internationalen Polizeikräften neuerdings auch da- mit, daß IS 000 junge Taardeutsche, die im deutschen frei- willigen Arbeitsdienst(FAD.) tätig und damit der im Saargebiet herrschenden Arbeitslosigkeit entzogen sind, im Reich eine„militärische Ausbildung" erhielten. Gemäß der in Abschrift beigefügten Erklärung des Reichslcitcrs des FAD. entspricht diesen Behauptungen nicht den Tatsachen, zumal Ausbau und Ziel des FAD. eine irgendwie militärische Ausbildung über- Haupt nicht zuläßt. Herr Präsident Knox wird also den Beweis für seine Behauptung, die Tätigkeit des FAD. „bilde eine grpße und schwere Gefahr für die Ausrecht- erhaltung der Ordnung im Saargebiet", nicht führen können. Auf der anderen Seite läßt Herr Präsident Knox dagegen völlig unbeachtet, daß die zur Zeit im Saargebiet wohnenden französischen Staatsangehörigen nicht nur ihrer militärischen Dienstpflicht in Frankreich genügen, sondern auch— soweit sie dem Äeurlaubtenstand angehören— regelmäßig jede Woche militärisch: Hebungen (auch im Waffengebrauch und Scharfschießen) in den be- nachbarten französischen Grenzgarnisonen ableisten. Das angebliche Material des Herrn Präsidenten Knox gegen den deutschen FAD. und seine Beziehungen zur Deutschen Front ist der Regiertiugdkommissivu„in die Hände gefallen" anläßlich einer Haussuchung bei der Deutschen Front, die nach ihrer Anordnung und Durch- führuug von oem zuständigen Uütersuchungsrichter als un- gesetzlich festgestellt worden ist. Tie Echtheit des„Mate- rials" steht in keiner Weise fest. Bon vornherein sei darauf verwiesen, daß bei diesem„Material" ein Unterschied zu mache» ist zwischen der AbwicklungSstelle des FAT. der früheren Nationalsozialistischen Partei im Saargebiet und dem FAD. der jetzigen Deutschen Front. Das hat auch die Regiernngskommission selbst zugeben müssen. Dennoch stellt sie in ihrem Schreiben an den Hohen Rat des Völker- bundes vom 17. August d. I. die Angelegenheit so dar, als ob mit all diesen Dingen der FAT. der Deulschen Front belastet werden könne. So wird versucht, die Verantwortung auf andere Stellen abzuwälzen wenn vollkommenes Leugnen nicht hilft. Die militärische Heranziehung von Franzosen in Frankreich mit der Schulung einer Taarlegion durch den Frei- willigen Arbeitsdienst, ausdrücklich geschult für den Abstimmungskampf, zu vergleichen, ist ein besonders starkes Stück. Zum Schluß der Denkschrift des Herrn Pirro heißt eS: „Die Deutsche Front im Saargebiet hat in letzter Zeit wiederholt vor dem Hohen Rat Beschwerde gegen den Herrn Präsidenten Knox führen müssen, vor allem wegen seiner parteiischen Berichterstattung. Nicht nur dem Hohen Rat hat Herr Präsident Knox falsche Dar- stellung gegeben: auch die Weltpresse benutzt er, um über das Saargebiet und seine Bewohner durchaus unzutref- sende Auffassungen zu verbreiten. Wir wissen nicht, ob er sich der unheilvollen Folge» bewußt ist, die eine derartige Handlungsweise hervorrufen kann. Wir hoffen zuvcrsicht- lich. daß der Hohe Rat das Gefährliche solchen Tuns er- kennt und endlich Herrn Präsidenten Knox auf den Weg einer objektiven Berichterstattung und zu einer neutralen Handhabung seine» Amtes bringen wird." Das ist die Sprache der„deutschen Front". Hochmut aber kommt immer vor dem Falle. Um so fürchterlicher wird die Niederlage sein, ine sich die Herren zum Schaden der deu^ schen Sache in Gens holen werden. „Wenn man llUEcrs Freund wäre.. Von unserem Korrespondenten Paris, 5. September. Ucber Deutschlands Isolierung verbreitet sich Gallus im „Fntransigeant". Er sagt: „Der Völkerbund will sich in Genf versammeln. Deutsch- land wird nicht dabei sein. Es begeht damit Unrecht. Wenn man Hitlers Freund wäre, müßte man ihm jagen: »Herr Reichskanzler, wohin glauben Sie, daß Ihre Politik Sie führen wird? Sie haben das Wunder fertig gebracht Deutschland so vollständig zu isolieren, daß sich heute keine Stimme mehr zu seinen Gunsten in der ganzen Welt erhebt. England hegte für daS deutsche Volk große Sympathie. Es mühte sich, ihm seine Grobmachtstellung in Europa wieber zu verschassen, und ging sogar so iveit, ihm die Wiederaufrüstung zu gestatten. Heute können Sie sehen, mit welch tiefem Widerwillen Sie England durch Ihre demokratenfeindlichcn Exzesse, Ihre Verfolgungen, Ihre Metzeleien erfüllt haben und mit Ihrer jüngste» Eutschci- düng, sich um Ihre finanziellen Verpflichtungen nicht zu kümmern. Italien hatte sehr viel für Sie übrig. Sie haben das Mittel gefunden, es durch Ihre antiösterreichi- schen Maßnahmen in Oesterreich gegen Sie aufzubringen. Rußland war bereit. Ihr Land zu unterstützen und soll sogar damit einverstanden gewesen sein, Deutschland als Waffenarsenal zu dienen. Heute haben Sie keinen entschie- deneren Feind. Außerhalb Europas haben die Vereinigten Staaten die Lust verloren, weiter mit Ihnen Geschäfte zu machen. Auf wen können Sie nun noch zählen? Auf niemand. Welches Land aber könnte sich einbilden, ohne die Hilfe eines anderen oder anderer Länder zu leben und zu blühen? Sie ivollten Frankreich isolieren, und gerade im Gegenteil hat es niemals in der Welt eine günstiger« Position gehabt. Sie allein haben es fertig gebracht, daß Deutschland heut« von mißtrauischen oder feindlichen Nach- barn eingekreist ist. Herr Reichskanzler, Sie sollten er- kennen,-daß Sie sich geirrt haben und sollten versuchen, sich wieder bei der Welt beliebt zu machen." Aber Hitler würde wohl solche Rede nicht anhören. Es liegt nicht in seiner Natur, klug: Ratschläge zu befolgen: und die Götter beginnen damit, daß sie denen, die sie vcr- derben wollen, den Verstand nehmen. Teutschland wird nicht in Gens sein. Wenn man dort über so viele bcdeu- tungsvolle Fragen sich unterhalten wird, dann wird Teutschland zu Hause bleiben. Um so besser für uns." Ii Gnädiges Gesdiciifc Gattes Die evangcilsdien Kirdienförsfcn auf den Knien vor den Bezwingern der evangelisdien Freiheit In Berlin waren am 8. September die deutschen evangc- lifchen Kirchenfürsten versammelt. Es war das Konzil der von dem Relchsbtschof diktatorisch und rechtswidrig gegen den Willen der zuständigen LandcSsynoden eingesetzten Landes- blschöse, die jetzt im Kirchenlagcr die„Säuberungsaktion" vollziehen. Sie bekannten sich in folgender Entschließung zu ihrem Herrn und Gebieter Ludwig Müller, den Reichs- bischof, und zu dessen Führer Adolf Hitler: „Wir können als Kirchenfllhrer nicht zum erstenmal nach dem großen Tag des 10. August 1084 zusammentreten, ohne in tiefer Dankbarkeit vr r Gott hin-ntreten, der dem Führer ein solches Werk der Einigung gelingen ließ. Wir erkennen gerade bei dem gesunden Charakter unseres Volkes in diesem Einigungswerk eine väterliche Führung und ein gnädiges Geschenk Gottes. Wir oertrauen in fester Glaiibcnszuversicht im Herrn Chri''us, dem Haupt der Kirche, daß er unsere evangelische Kirche der Einigkeit zuführen wird, um die er für seine Jünger gebetet hat. Wir bitten Gott den Herrn, daß er dem Reichsbischof als dem erwählten Führer der deutschen evangelischen Kirche die Kraft geben möge, den groben Dienst an der Kirche zu vollbringen, der ihm verantwortlich anvertraut ist. Darum haben die Kirchensührer als Sprecher der Landeskir q u und des Kirchenvolkes den herzlichen Wunsch, sich mit dem Reichsbischof erneut in herzlicher Treue und verantwor- iungSvoller Kameradschaft und Gemeinschaft zusammen;tf» schließen, diesen Zusammenschluß vor unserem Volk und vor aller Welt zu bekunden und in gemeinsamem Gebet um die V o l l e u d u n g der ihrer Gemeinschaft gegebenen SUL- gaben zu bitten. Tie Kirchenführer bitten daher den Reichs- bischof, bald einen Tag zu bestimmen, an dem in einem feierlichen Einiührungsgottesdicnst diesem festen Willen Ausdruck gegeben werden kann." Das„gnädige Geschenk Gottes", für dessen Haupt die protestantischen Kirchenfürsten den Segen des Himmels erflehen, ist Adolf Hitler. Dieselben Kirchenbeamten haben ihm bereits gedankt für die„Sänberungsaktion" des 30. Juni, bei der nach ihrer Lesart kein anderer als Gott der Herr Hitlers Karabiner gelenkt hat. Alle Erschießungen und Totschlage- reien sind nicht nur staatspolitisch„rechtens" geworden. Sie ivurdcn auch von diesem deutschen Protestantismus in den Schoß der heiligen Bejahung aufgenommen. Bei solchen Entschließungen begreift man, warum sich der Protestantismus der Welt von seiner offiziellen deutschen Spielart abwendet. NkhlglekUgesdialieter Sisjftoi Hannoversche Landeskirche gegen Müller Zu den wenigen evangelischen Landeskirchen, die bisher trotz allen Zwangs und aller Drohungen nicht gleichzuschalten waren, gehört auch die hannoversche lutherische Landeskirche. Ihr Landesbischof Mahrarens hat einen Brief an sämtliche hannoverschen G e i st- l i ch c n gerichtet, worin er erklärt, daß die Beschlüsse der Nationalsynode dem Wesen des Bekenntnisses und der Ber fassnng der Kirche entgegengesetzt seien. Heute müsse sich jeder für sich persönlich klar werden, ob er dieser Kirchen- cntwicklung noch folgen wolle. Er, Bischof Mahrarens, frage daher selne Pastoren an, ob-sie seine Haltung billigen, ob sie ihn in seinem Kampf unterstützen wollten und ob sie ent- schloffen seien, sich bis zum Letzten einzusetzen, um das wahre Bekenntnis zu verteidigen. Auf dieses Schreiben gaben nach kurzer Zeit von den rund tausend Geistlichen etwa 800 ein: Antwort: 750 haben sich bedingungslos hinter den Landes- bischos gestellt, 45 antworteten ausweichend nnd nur 48 spra- chen ein Nein aus. Diese Ziffern sind für die Rcichskirchen- regierung katastrophal. In Berlin spricht man heute davon, daß der Reichsbischof sich mit dem Gedanken trage, die Oppo- sttion zu zerschmettern und für die lutherische Kirche ein ahn- liches Gesetz zu erlassen wie für die reformierte Landeskirche von Hannover. Dies ivürde allerdings angesichts der ent schicdenen Haltung der Landeskirche von Bayern und Württemberg mit erheblichen Schwierigkeiten verknüpft sein. „Wir warnen Hiermit..." Inserierende jüdische Firmen in parteiamtlichen Zeitungen Kassel. 4. Sept. Ter Verla« der parteiamtlichen„Kur- hessischen Landeszeitnng" veröffentlicht auf der ersten Seit: eine„W a r n u n g an i n d i s ch e F i r in c n", in der ge- sagt ivird, daß zivei iüdischc Firmen infolge der Unachtsam- feit eines Akquisiteurs je ein Inserat in der„Kurhessischen Landeszeitung" untcraebracht härten Nach Feststellung des Tatbestandes fei der Akquisiteur entlassen und die Forderung an die jüdischen Firmen dem Winterhilssiverk überwiesen worden. Die Erklärung schließt mit dem Satz:„Wir warnen hiermit nichtarische Firmen jeder Art, Inserate in unserer Zeitung auf Umwegen auszugeben versuchen, da wir sonst gegebenenfalls gegen die bctrcfscnocn Firmen auf dem Gerichtswege vorgehen werden.".., Schöppenstedter Streich b. h. Vor einiger Zeit wurde in dem durch seine Schild- bürgerstreiche berühmte» Orte Schöpvenstedt eine Reihe von kirchlichen Disziplinarmaßnahmen durchgeführt, in^deren Verlans der Braunschiveigcr Oberkirä,curat Dr. Schlott, Oberkirchenrat Dr. Lambrecht und Kreispfarrer Müller zwangsweise in Urlaub geschickt wurden. Grund zu dieser Maßnahme war ein nicht alltäglicher Vor- gang. In Schöppenstedt wohnt nämlich ein südischer Unter- nchmer mit einigen finanziellen Mitteln, die er im Sinne der ArbeitSschlacht des„Führers" in Umlauf zu brinaeu gedachte. Zu dieiem Zwecke ivollte er sein an Gelände, das der Kirche gehörte, angrenzendes Betriebsgrundstiick er weitcrn. Er trat mit der Kirchcnbehörde in Verbindung und trug ihr an, ein Stück des angrenzenden Grundstückes gegen gutes Geld zu kaufen. Da eine richtige Kirchenvehörde immer Geld nötig hat, und außerdem den Herren Kirchengewaltigen das Beginne» des Juden, die Arbeitsschlgcht des Führers zu unterstützen, als ein löbliches Tun erkannten, wurde man schnell Handels- einig. Die Kirche erhielt Geld, der Jude Grund und Boden. Alles war in schönster Ordnung, da kam auf Druck des nationalsozialistischen Parteibüros die völkische Erbhofseel: ins Kochen, welches wiederum die Parteiämter veranlaßtc, die vorgesetzten Behörden ins Bild zu setzen, die dann usw. Die Herren Kirchcnqewalttgcn versuchten in der Stunde höchster Gefahr die ganze verpfuschte Angelegenheit auf das Versagen eines untergeordneten Angestellten zurückzuführen, der aber, gestützt aus einflußreiche Freunde, in der Lage war, an Hand der Akten die volle Verantwortlichkeit ber obengenannten Herren nachzuweisen. Daraufhin erfolgte dann die Zwangsbcurlaubung und eine langwierige Untersuchung. Das Ergebnis dieser Unter- suchung liegt'»»» vor und wurde vom LandeSkirchenamt der Oessentlichkcit übergeben. Zwei der Tnnbenböcke werden wieder in Amt und Würden eingesetzt, während der dritte, Obcrkirchcnrat Schlott,„auf Grund gütlichen Einver- nehmeus" ans seinem Amt in ber Kirchcnbehörde ausscheidet. Zum Entgelt dafür attestiert ihm die Kirchcnbehörde. daß er durch die fragliche Angelegenheit„in keiner Weise belastet sei. Aus diesem Vorfall Ist recht illustrativ zu ersehen, wie schwer es ist. Gott zu geben, waö Gottes ist. wenn man gleichzeitig Hitler geben soll, was Hitlers ist! Die..Amnestie" Und die Wirklichkeit Kopenhagen, 4. Sept. lInprcß.) Eine Ergänzung zu der groß angekündigten Auflösung des Konzentrationslagers Oranienburg bedeutet eine Meldung der„Politiken" aus Hamburg. Das Blatt teilt mit, daß in den letzten Tagen Massenverhaftungen„st aats feindlicher Ele- m e n t e" erfolgt sind. Im Konzentrationslager Fuhlsbüttel wurde eine Fraucnabteilung neu eingerichtet. Hamburg, 4. Sept.(Inpreß.) Das Hamburger Ober- landesgericht verurteilte vier Arbeiter wegen illegaler Weitersührung der Kommunistischen Partei in Barmbeck, Einkassierung und Weiterleitung von Beiträgen, Schriften- Verteilung und Nachrichtenübermittlung zu Gefängnisstrafen vop einem bis zu zweieinhalb Iahren. f Beutstfke Stimmen•(Beilage zur„£)eutstfien&reifkeit"• Ereignisse und GestfkitMen Freitag, den 7. September 1934 Sovifat Am Grabe ^ e« unbekannten deutschen Journalisten Nach einer Nachricht der„Frankfurter Zeitung" ist Prozessor Dovifat, Direktor des Zeitungswissenschaft liehen nst'tuts der Berliner Universität, in den Ruhestand geschickt forden, um einen Nachfolger in der Person eines„bewährten ? ten Kämpfers"(möglichst unter zwanzig Jahren) zu bekommen. hin neues Blatt ist umgeschlagen im Buch der g eist- und Pressetragödie des„dritten Reiches". Nach der osetzung und Schändung und kriminellen Ausraubung der . e'terzeitungsbetriebe, nach dem Gentleman-Agreement, ""t dem der„Dortmunder Generalanzeiger" käuflich„er- orben' wurde, nach der frisdi-froinm-fröhlichen Treibjagd j den Mosseschen und Ullsteinschen Besitz, auf die Presse er Katholiken und christliclien Gewerkschaften, nach der altblütigen Abknalluug Dr. Gerliehs und des Kunst- r'tikers Dr. Schmidt in München am 30. Juni und nach [? v' e'en Hunderten von anderen„Aktionen", die das n t ü r' an<* w' et^ er publizistisch sauber machen sollten— nach a edem gewiß kein besonders dramatischer Vorgang! Aber e. r'"ustriert doch mit besonderer Schärfe,• wie ungefähr ® ,( h das„dritte Reich" auch in der Revolution, sollte ihm ,'ese gelingen, den deutschen Journalismus vorstellt: Keine •Banner mehr, sondern Lümpchen! Keine verantwortungs- eschwerten Diener am Werk, sondern der national getarnte Presselümmel in hoffnungsvollem Lebensalter! Kein bobler Beruf mehr, dafür eine streberische, ehrfurchtslose, 'ft und Galle speiende Clique! Sie hat ja freilich, diese -'ique, ihren Lohn schon dahin: Wenn in Hitler-Deutschland lr gendwo gemeckert und kritisiert wird, dann— und in ]''( n Lagern ganz gleichmäßig— gegen die verlogene <>nd verblödete Zeitung, die einem schon ärgert, wenn die '°tenfrau gemäß der Sitte, von der man einmal nicht lassen kann, sie nur ins Haus bringt. Herr Dovifat braucht nicht den geringsten Zweifel darüber z y haben, wie ungefähr sein Nachfolger aussehen wird. Es S'bt schon Vorbilder im Hitlerreich! Seit der„nationalen Revolution", also seit etwa anderthalb Jahren schon war sein engerer Kollege in der zweitgrößten Stadt, in Köln, nämlich auch Direktor des zeitungswissenschaftlichen Institutes der dortigen Universität— ein knapp zweiund- * w anzigjähriger Schornalist, der nicht sehr la ige, bevor er seine„Berufung" auf den Posten des Lokal- Redakteurs seines heimatlichen Nazi-Skandalblattes Leyscher Gründung erhielt, wegen vollendeter Unbrauchbarkeit und Ungezogenheit die Volontärstelle bei der Redaktion einer kleinen rheinisch-bergischen Provinzzeitung gut-bürgerlicher "liberalistischer" Prägung verlassen mußte. Nennen wir den <'nge| Martin. Martin, noch nicht ganz großjährig, hielt in s ciner neuen Eigenschaft als Direktor des Kölner akademischen Instituts vo>y Gelehrten mit flatternden Vollbürten, J° r Rektor und Magnificenz in Talar und Barett, vor •Lännern der Feder und des Geistes, die ein Menschenaltcr und länger mit den Fragen dieser unserer Erde sich abfüllen, einen Vortrag über— die„A u f z u c h t d e s j o u r- "'l'ttisehen Nachwuchsetin Deutschlan d". J-'nd es war die noch nicht ganz gleichgeschaltete„Frank- i," r' e r Leitung", die an diese Harlekinade auch noch dreißig J 1, vierzig ganz ernsthafte Zeilen verlor. Was würde wohl °'iere aus dieser Sache Unsterbliches gemacht haben, wenn er s'e rechtzeitig erlebt hätte?! ^ Ja, es muß eine Freude sein und eine innere Ehre, im putschen Reich unter solchen Auspizien und„Führern" mit m Gänsekiel dem Vaterland Kriegsdienste leisten zu *" n! Ueber den gleichgeschalteten, vom Judengelichter ^en Systemverbrechern gereinigten Redaktionen wachen Kayonchefs des Doktor Joseph Goebbels, genannt die p-^aupropagandaleiter", wie die Schäferhunde über die erde. Was aus irgendeinem Nazi-Saftladen schriftlich oder c efonisch auf sie täglicii eindringt, ist„amtlich" und muß wie rohe Eier behandelt werden. Es weht ständig wie ein ferner Klang aus dem Konzentrationslager durch diese Arbeitsstätten der Schriftstellmacherei für Volksgemeinschaft und nationale Wiedergeburt. Packweise treffen die Zensurverfügungen durch DNB. oder die Nazi-Stellen direkt ein: „Ueber die Trockenheit darf nichts berichtet werden." „Der Mörder der Dienstmagd Traudchen Mißbach in der Heinrichstraße darf in den Gerichtsberichten nur als Kommunist angesprochen werden." „Es ist untersagt, den Führer im Frack im Foto wiederzugeben." Genau wie im Kriege!„Ueber den gestrigen mißglückten Zeppelinangriff auf die englische Ostkiiste% bei dem wir leider vier unserer Luftschiffe einbüßten, darf in der Zeitung nichts verlauten..." Herr Dovifat, der jetzt Ausgeschiffte, war der Standartenmann des deutschen bürgerlichen und„nationalen" Journalismus. Lange Jahre war er der führende Mann des großen„Reichsverbandes der Deutschen Presse", jenes Verbandes, der sich rühmen darf, die besten, angesehensten und saubersten Männer und Kollegen, zum Teil seine Mitbegründer, mit Schimpf und Schande ausgeschlossen zu haben, weil langohrige Nazibengels, die seine„Führer" wurden, es so wollten. Niemand trauert um Dovifat, am meisten vielleicht noch die Verleger, denen er den Verband seinerzeit weit entfernt von jedem gesicherten Berufsstolz, fern jeder gewerkschaftlichen Standesorganisation erhielt. Aber Herr Professor Dovifat war wenigstens ein deutscher Journalist von Qualität, Ernst und Verantwortungsgefühl. Deshalb machte man ihn zum Präzeptor eines ganzen jetzt todunglücklichen Standes. Aber die Nazis wollen selbst die Dovifats nicht mehr dulden. Ihr Ideal vom deutschen Journalisten ist Herr Rosenberg, der Fälscher, ist Herr Hauptmann a. D. Weiß, der in die Presse verirrte Baltikumvagabund, ist eben Martin, der Lellbeck. Rhenanus. DecJiashauec ShhciftsteCCec:J(onQceß Die Schlußsitzung In der Schlußsitzung des Moskauer Schriftstellerkongresses fand die Diskussion zum letzten der literarischen Referate über die Arbeit der angehenden Autoren statt. Das Wachstum der literarischen Zirkel wurde geschildert und die Erfolge der angehenden Schriftsteller und Dichter. Eine vielsagende Tatsache ist, daß das Konsultationskabinett für Arbeiterautoren, das erst ein Jahr besteht, einige tausend Manuskripte bearbeitete und 246 von Arbeiterautoren verfaßte Bücher herausgab. Der Kongreß nahm mit großer Aufmerksamkeit den Bericht über die Satzungen des Sowjetschriftstellervereins entgegen. Insgesamt wurden zirka 2500 Mitglieder aufgenommen. Die Belletristen sind im gesamten Verein ausschlaggebend. Auf dem Kongreß waren 52 Nationalitäten der Sowjetunion vertreten. Z)ec VecfaCC dec 9iocksckuten Wissen ist drittrangig Nach dem Grundsatz Hitlers, daß Wissen drittrangig ist, wird an dem fortschreitenden Verfall der deutschen Hochschulen gearbeitet. Auf den Technischen Hochschulen ist die Zahl der Studierenden im Wintersemester 1933/34 gegenüber dem Wintersemester des Vorjahres wie folgt gefallen: In Berlin von 4262 auf 3370; in Aachen von 929 auf 897; in Braunschweig von 1110 auf 982; in Breslau von 3634 auf 2814; in Hannover von 1635 auf 1457; in Karlsruhe von 1256 auf 1082; in München von 3612 auf 3160; in Stuttgart von 1753 auf 1455. Das„Berliner Tageblatt" bemerkt zu dem Verfall, daß diese„erfreuliche Entwicklung bei Einführung des Hochschul Zulassungszeugnisses noch wesentlich stärker werden wird". Deutsches Siammtischqespcäch „Sie haben Leder noch für Stiefelsohlen? Bewahren Sie es gut, der reine Schatz." „Bestimmt würd' ich mir noch den Anzug holen, Der nächste ist schon sicher aus Ersatz." „Kaffee zieht an, der Tee wird nächstens steigen.' „Auch Autoreifen werden ziemlich knapp." „Sind Sie diskret, kann ein Geschäft ich zeigen, Die geben hintenrum noch welche ab." „Zeit ist's, sich mit Zigarren einzudecken." „Wird Tabak überhaupt noch importiert?" „Vor allem muß sein Messing man verstecken, Sonst wird's, wie Anno achtzehn, abmontiert." „Wüßt ich nur, was man mit dem Gelde machte!" „Sie haben recht, es stinkt nach Inflation." „Der Süßmilch ist mit seinen Kröten sachte Ins Ausland und in Sachbesitz geflohn." „Verrückt, sein Geld jetzt auf die Sparbank tragen, Die bis zum Hals in faulen Wechseln steckt." „Das letzte Gold ist futsch. In ein'gen Tagen Ist uns're Währung völlig ungedeckt." „Ich sag: Den Leuten, die die Witt'rung hatten, Ist Dreiundzwanzig auch nicht viel geschehn." „Man muß es eben machen wie die Ratten, Die zeitig von den lecken Schiffen gehn." „Den letzten beißt der Wolf.— Wie, schon nach Hause?" „Muß zur Versammlung, nationale Pflicht, Weil unser Zellenobmann, Pege Krause, Zum„Endkampf gegen die Miesmacher'' spricht!" Mucki. Shecufen Amtlicher Waschzettel Bekanntlich bekommt jedes Buch, wenn es seinen Verlag verläßt, einen Reklamezettel auf den Weg mit. Auch die Nazi machen das so, nur daß sie die Zeitungen zwingen, diese Reklamen abzudrucken. Zum Beispiel veröffentlichen zwangsweise die Blätter der braunen Kulturfront das folgende:„Die Reichsschrifttumkammer teilt mit: Wesen, Aufgabe und Ziel der Reichskulturkammer ist von den Präsidenten und zahlreichen Präsidialratsmitgliedern der sieben Fachkammern umfassend dargestellt in einem von Ernst Adolf Dreyer herausgegebenen Werk ,Deutsche Kultur im Neuen Reich'(Schlieffen-Verlag, Berlin). Die von der Reichsregierung berufenen Kulturführer behandeln in diesem Werk jeweils die ihnen anvertrauten Kulturgebiete und geben nicht nur der Haltung des„dritten Reiches" zu den kulturellen Fragen Ausdruck, sondern klären dadurch auch die Eingliederung aller am nationalen Kulturleben mitwirkenden Volksgenossen in die Reichskulturkammer. Der in lebendiger, gut illustrierter Folge aufgebaute Band wird hierdurch ein für jeden verständliches Volksbuch, welches das Verstehen des deutschen Kulturneubaus weitesten Kreisen zugänglich zu machen berufen erscheint."— Es sollte doch im Reich Nummer drei, wenn schon kein Menschenschutzverein bestehen darf, wenigstens ein Sprathschugverein bestehen. Bald wird man nur noch innerhalb des Neuen Reichs den Jargon verstehen, den die Nazi aus der deutschen Sprache gemacht haben. Verboten wurden die Filme„Schachmatt", Hersteller Universum-Film AG. Berlin und der Paramount-Film„Die Cowboy-Schenke". Weiter der Metro-Film„Hollywood-Party", dann der Film der Jugend- und Kultur-Film-Verwertungs-AG., Berlin,„Blaufuchs, der Schrecken des Kilimandscharo", ^aptiste und sein Sahn ° n Ernst Glaeser ^ r J lokalen, trotz der vorhandenen drei Stimmzellcn, die Zahler an offenen Tischen ihre Einzeichnungen vornahmen, rn-» die Wahlzelle gehen ivolltc, wurde von der dienst- i> x L besonders scharf beobachtet. TaS hat sich auch ' Abstimmungsergebnissen dieser Wahllokale bemerkbar i®ä wurde aber auch beobachtet, daß andere Wabl- eiler diesen gegen die Wahlgesetze verstoßenden Brauch urch energisches Einschreiten unterbunden haben. Am Nachmittag fuhren die Lantsprecherantos über das >a»d und verkündeten überall, daß heute auch der ab- n'Mmen könne, der im Augenblick nicht im Besitze einer £? a j) f? nr'< oder eines«timmscheines fei. Er solle sich ins in ür* ö* begebe» und aus Ehrenwort wählen. Seine esahlberechtigung werde nachträglich nachgeprüft. Auszählung der abgegebenen Stimmen liegen aus »..» Münchner Ttimmbezirke» Beobachtungen vor. So im Stimmlokal in der Schule an der Türkenstraße otgetzbes festgestellt: Während des Verlaufes der Auszäh- ung tauchte ein Ttimmzctel auf. der im Kreis den Vermerk ß'.Ja, leck mich am!" Sämtliche Beisitzer wollten t.i,®" nime als Ja Stimme werten. Ter Vorsitzende, der ''' Zwanzig Jahren der Bayerischen Volkspartei angehörte, eil t dagegen Stellung und erklärte, daß der Führer aus r n? solche Wahlstimmc wohl verzichten würde Daraufhin nach erregter Tcbatte der Stimmzettel kür ungültig Schlüsse der Abzählung ergaben sich 27 ungültige Summen. Tie Beisitzer verlangten, daß diese 27 Stimmen ?»•••- gültigen Ja-Stimmen hinzugerechnet werden m»isen Ter Wahlleiter erhob wieder gegen dieses Verlangen "wrgjscheu Protest und verwies ans die gesetzlichen Bestim- Zungen. Plan erklärte dann schließlich, doch die 27 Stimmen "'s ungültig gesondert auszuführen. Im Stimmbezirk Gasthaus Luitpoldgarten, Adlzreitcr- nrage 8, entwickelte sich ebenfalls um die ungültigen Stim- wen eine heftige Debatte. Einzelne Wähler hatten ihr Kreuz keinen der beide» Kreise gesetzt, sondern zeichneten es ae- na» auf den die beiden Abstimmungshälften voneinander Ulcnnendcn Strich. Auch hier wollte nian alle ungültigen glimmen unter Ja zählen. Ter Vorsitzende nahm dagegen Stellung, konnte sich jedoch nicht voll durchsetzen. Es wurde kl»e nochmalige Durchprüfung der ungültigen Stimmen norgenommen. Stimmzettel, die ibr Kreuz auf dem mittleren Teilstrich trugen, Ivo aber das Kreuz nur um einen ganz geringen Abstand vom Trennungsstrich weiter nach links üand, wurde» für gültig erklärt. Ter Stimmbczirk hatte von *207 gültigen Stimmen 20 ungültige. Wie das Abstimmungsergebnis zeigt, wnrde die Überall versuchte Praxis, unaültige Stimmen als Ia-Stimme» zu Zählen, in einzelnen Stimmbezirken mit Erfolg zur Durch- 'llhrung gebracht. ?er Stimmbezirk Obcranacr. jn der Hauptsache ein Arbeiter- mtimmbezütk, hat bei 142WSti->,imlierech'istc»i überhaupt keine ssügültige.Stimme In AI Münchner Stimnibez'rken, die alle "her lflOO Stimmberechtigte haben, wurden überhaupt keine ungültigen Stimmen verzeichnet lMünchcn bat 390 Ttimmbezirke). Tic Prozentzghl der ungültigen Stimmen schwankt J" den einzelnen Ttimßibezirken geradezu fantastisch Ein Wahlbezirk mit 140 Nein-Stimmen, ein anderer mit 108 Nein stimmen, ein dritter mit 305 Nein-Stimmen, verzeichnet überhaupt keine ungültigen Stimme», während ein anderer Wahlbezirk mit S80 Ja- und 149 Nein Stimmen bo ungültige Stimmen hat. Taraiis ist zu ersehe», daß der ^'ahlschunndel nicht einheitlich nach bestimmtem Muster durchgeführt wurde, sonder» daß er ganz den örtlichen Mög- s'chkeiten angepaßt war. Vom Bezirk 177, Gasthaus wenossciischaffsheini Tulbeck- n^aße, wird gemeldet: Stimmberechtigte 1255, abgegebene «timmen 1287, ungültige Stimmen 1. giiltige Stimmen 12.W, >>a Stimmen 1190, Nein-Stimmen 40. Vei der Auszählung dieser Stimmen mußten alle nicht als Wahlsunktionäre anwesenden Personen, selbst der Wirt, bas Lokal verlast?». Tic Türe wurde abgesperrt. Alle Wahlsunktionäre bestanden ans echten Nationalsozialisten. Verschiedene Privatpersonen, die der Auszählung bei- wohnen wollten, wie es das Gesetz erlaubt, wurden znrück, gewiesen. Tie Nein-Stimmen der Novemberwahl 1988 be- krugen in diesem Bezirk 109 gegen 40 am 1». August. Hier s'egt offenkundig eine Fälschung vor. Aus Untermenzing wird mitgeteilt: Von den vier Wahl- vezirken war n»r von einem das Ergebnis zu erhalten. Bei Ja-Stimmen wurden 05 Ncin-Ttininie» gezählt. Von byi. übrigen drei Wahllokalen wurde die Herausgabe der ?h>timmungözahl an Privatpersonen veriveigert. Ter Ab- "'mmungsauszählung durfte niemand bei- wohn e n. hfalz lTie Pfalz hat besonders„gut" gewählt und nur 8,.> Pro» i'»t Nein-Stimmen.j Vor dem Wahlbüro standen zahlreiche «A.-Posten, die jeden Eintretende» genau beobachteten, im übrige» sich aber betont still verhielten. Im Wahlbüro wim- melte es von SA.-Leuten in Uniform. Vor unserem Gc- wahrsmanne beschritte» zwei Herren und eine Dame daS Abstimmungsbüro und erhielten gegen die Wahlkarte einen ^biiimmungsschein ausgehändigt. Die Tame, die ohne viel Federlesen ein Zeichen in eins d^ ^'*■.'— 1 V-■?. v^ o rv^^ I S liflt'innr i» den Umschlag und sagte ihm, er könne gleich den Umschlag in die Wahlurne merken. Wieviele werden den Mut gehabt haben, sich gegen ein sol- ches Verfahren zu mehren? Am Abend belnchte unser Gewährsmann eine bekannte sozialistische Familie, deren männliche Familicinnitgl'edcr als Emigranten im Ausland leben. Tie Zurückgebliebenen hatten in einem anderen Wahlbezirk zu wählen. Uebercin- stiminend erklärten alle, daß sie von der ZA. an die Wahl- zelle geführt worden seien und daß der ZA. Mann die Ein- zcichnnng des Kreuzes aenau überwacht hätte. Es'ei ihnen nicht möglich gewesen, unbeobachtet das Kreuz in das Nein Feld hinein,»letze», wie ftc das selbst verf'änd- licki vorgehabt bätt»n. Aohnlich sei es auch all ihren Be- kannten ergangen. Um Verfolgungen zu entgehen, hätten alle eine Ia-Stimme abgegeben, trotzdem ihnen das Herz dabei blutete. * lAus einem Brief aus Pirmasens:) Obwohl fre'e Wahl garantiert war, gab es v'ele Wahllokale, in denen der Stimmzettel dem Wähler fertig mit«Ja" ausgehändigt wurde Es war in dieser Beziehung genau so wie bei der letzten Wahl in manchen Lokalen noch schlimmer. In nn- serem Wahllokal waren die Kulissen zugestellt mit Bänken. Ten kleinen Zugang versperrte cm SA-Mann mit einem Plakat folgenden Inhalts-„Ein Deutscher wählt offen, wer wählt anders?" Dieser Spruch war übriaens noch aus alle Kulissen aufgeklebt. Wer l>eim NeiniväKlen crwiicht wurde, oder wer offen und demonstrativ mit„Nein* wählte, wurde mehr oder weniger belästigt. In einem Falle ivnrde der Neinivähler fast zu Tode geprügelt. In den Wahllokalen sab man als Wablvorstäude und Beisitzer mir uniformierte SA.-Leute. zum Teil mit Revolvern bewaffnet. Besonders schlimm war es dort, wo bei der letzte» Wahl besonders viel Neinstimme» abgegeben wurden. Tort be- kam einfach jeder den bereits ausgefüllten Stimmzetrel im Kuvert. Ties wurde ganz schlimm in de» katholische» Ortschaften gehandhabt, Ivo es bc> der letzten Wahl viel Neinstimmen gab. Leute, die sich auf den Innenminister Frick beriefen bzw. aus seinen' Aufruf, wurden zusammengeschlagen. ES wurden mehrere solcher Fälle bekannt. Sämtliche Kricgsinvaliden mußten geschlossen unter Auf- ficht von zwei SA.-Leuten ossen mit„Ja" wählen. Aus viele» Ortschaften der Umgebung bekam ich sofort'Nachricht, daß nur ausgefüllte Stimmzettel ansgehänd'gt wurden. Alles dies wird wohl Fernstehende»»uinöglich er cheinen, aber es war viel schlimmer, als ich es hier schildern konnte. l\lodi ein Berichs ans der Pfalz Tie Fälschungstricks waren örtlich und in den einzelnen Wahllokalen nicht e»heiffich. Aber Terrpr nud Schwindel herrschten überall. Am einfachsten wurde die Sache in den Dörfern gemacht, in denen es bei der letzten Wahl viel Neinstimmen gegeben hatte. Tort erhielten die Wähler durchweg bereits mit Ja beschriebene Zettel, die sie abgeben mußten. So kamen die effistimmige» Resultate dieser Orte zusammen. Es gab allerdings auch Ueberraschungen in Orten, die für sicher gehalten wurden. Dort überwogen zum Teil die Neinstimmen. In P c t e r s b e r g bei N o d a l b c n war dies z. B. möglich. Als es aber bekannt wurde, kam- mittags um 5 Uhr ei» Kommando ans Pirmasens, besetzte das Lokal, be- schlagvahmte die Urne und füllte sie mit sov'el Jastimmen wie nötig erschien. Als bekannt wurde, daß der Pfarrer von Fehrbach, der sich schon bei früherer Gelegenheit sehr mutig zeigte, mit einer Gruppe von Getreuen offen mit Nein gestimmt hat, wurde ihm sofort ein Ständchen gebracht, wobei er im Chor als Landesverräter beschimpft wurde. Tie Neinstimmen wurden durch verschiedene Methode» festgestellt und durch Jastimmen ersetzt. I» einigen Lokalen wurden die Zettel Verdächtiger gar nicht in die Urne ge- worfen Ter Vorsitzende»ahm ihn und wartete, lsis der Wähler draußen war. Tau» wurde kontrolliert, und wenn es sich um einen Neinzettel handelte, der Name des Wählers notiert und ei» anderer Zettel in die Urne geworfen. Bei stärkerem Andrang wnrde an die Zettel ein Zeichen gemacht, teilweise mit Bieissift. teilweise durch einen Fleck mittels des hierfür präparierten Fingers. Man erkannt«>«n allgemeine» die Neinwähler an der Aufregung, die sie nicht verbergen konnten. Wer de» be- reits vorbereiteren Iazettel ablehnte oder gar verlang»?, hinter die«»liste gehen zu können, mar natürlich schon als Neinwähler verrate» Soweit es unseren Leuten glückte, vermeintlich unerkannt ihren Neinzetwl abzugeben, mare» sie voller Freude. Wenn auch nicht soviel Nein- stimmen gewählt worden, als sich Wähler frenten, so glaubt doch jeder, daß wenigstens sein Zettel gezählt wurde. Um den Schwindel wirksam durchführen zu können, wurden Freitags vor der Wahl noch einmal alle Wahlvorsteher und Beisitzer geprüft, und wenn sich auch nur der geringste Ver- dacht an ihrer Zuverlässigkeit ergab, wurden neue Leute eingesetzt Das geschah in Kaiserslautern und in Pirmasens noch in auffallend großem Umfang. Tic Wahlkartei wurde sehr schlampig oder gar nicht ge- führt. Jeder Belieb->le konnte eine Stimme für Nichtwähler abgebe». Weigerte sich jemand, den aufgezwungenen In- zettel abzugeben, dann gab ihn ein SA. Mann für ihn ab. ein Akt angelegt" Als der Betreffende detf Einwand machte, die Wahl fei doch nach Versicherung des Ministers Frick geheim und frei, ivurde ihm erwidert, das werde er ja bald merken. Mohlfahrtsempsängern wurde erklärt, daß ihnen aus Grund ihrer Abstimmung die Unterstützung entzogen we»oe. Dieser Drohung wurde hinzugefügt:„Wir haben eine lückenlose Liste aller Neinwähler." Ein jüdischer Wähler aus Speyer glaubte de» Schwierig- keilen des Wahlterrors dadurch entgehen zu können, daß er mit Stimmschei» in Pirmasens offen wählen wollte. Ais ihm ein beschriebener Iazettel übergeben wurde, verlangte er e'nen unbeschriebenen Zettel Er wurde daraufhin sofort zusammengeschlagen und die Treppe hliinntergeworsen. Dort nahmen ihn SS. Leute in Empfang, führten ihn ins Braune Haus und erklärten dort, er habe den Führer be- leidigt. Taraufhin wurde ihnen erlaubt, ihn iot zu schlagest. Nach einer weiteren tüchtigen Tracht Prügel ließ man ihn blutüberströmt lausen, prügelte ihn aber noch zum Bahnhos. Die meiste» Wahlkomitees hatte» eine Kaste vor sich stehen, sür die sie Bierfpendeii verlangte». Es ging soviel Geld ein, daß manche Wahlvorstandsmikglieder schon um 11 Uhr befassen waren. Soweit Vereine und Kricgsinvaliden geschlossen nsit Musik zur Wahl geführt wurden, ging auch die Sliniinabgabe mit fertigen Zetteln vor sich. Ein Kriegsinvalide, der sich in L. Uber o'ese Methode empörte, wurde am Hals gepackt und hinausgeworfen. Ein Arzt in R. zerriß den ihm aufgezwungene» Iazettel im Wahllokal. Er hatte Glück. Im Moment geschah ihm nichts. In manchen Orten war die Weigerung, zur Wahl zu gehen, noch gefährlicher, als mit Nein zu stimmen. Ziegel- rechte Ueberfallkvinniandvs suchten die Behausungen be m und schleppte» die Leute mit. Weigerten sie sich trotz Prügel, dann ivurde die Stimme doch abgegeben. Alte Leute sollen nach den Berichten diese Burschen als freche Lausbuben be zeichnet und sie sortgejagt haben mit der Bemerkung, daß sie Derartiges doch noch nicht erlebt haben. In Winningen, da» bei der letzten Wahl m't 191 Nein- stimmen aufsiel, wurde diesmal ein lüjähriger Junge damit beschäftigt, in sämtliche Stimmzettel das Iakreuz zu machen. Andere Zettel waren bei der Wahl nickt mehr vorhanden. Von einem Ort wurde berichtet, daß die Leute diese Wahl als ein Gaudi betrachtet haben. Tie Leute riefen sich unter Lache» einander zu, man brauche diesmal nicht lange zu suchen, was man iväh.e» wolle, es sei schon alles fertig und es sei auch möglich, sür Pater, Mutter, Groß- mutter und Freunde zu wählen, es werde nicht so genau genommen. In einem Fall erhob ein noch in alten Rechts- anschauungen befangener Bauersinann Einspruch dagegen, daß sür andere Personen gewählt wurde. Es wurde ihm aber klar gemacht, daß der Führer das alles erlaubt. In diesem Ort war die vorausgegangene Wahlversammlung nur von IV Leute» besucht. Ter Kreisleiter erklärte des- halb, es wird ja doch alles mit Ja stimmen, dafür werde ich sorgen. ES soll mir aber ja keiner der Ber'ammlnnaS- fchwänzer noch einmal in mein Büro kommen. Im übrigen werde'ch mir dielen Ort merken. In manchen Orten würden die R e n Lc N einpf ä» a e r und die Antragsteller auf Bandarlehen daraus ni[fm"vfsn ,n gemacht, daß sie nichts niebr zu erhoffe» haben, wenn sie der Wahl fern bleiben oder mit Nein stimmen. Alle Berichterstatter haben immer wieder erklärt sagt dem Ausland, welcher Schwindel hier vorliegt, damit nicht der Glaube entsteht, es bandle sich hier wirklich um eine Ver- trauenskundgebniig für Hitler. §amsen Febd^"«.das Ja-Feld bereits Es kam häufig vor, daß mehr Zettel in der Urne lagen, als ausgefüllt war. Si- trat a«Ä Ansteiler heran und rekla- Wahlberechtigte vorhanden waren...In.einigen Fällen ist "*" v 1*»*»* WHI. C-It III!«— II V»V Zurrte den Wahlschein. Darob erhielt sie von einem SA.- Mann, der einen Stern an der Uniform trng, laut und Ungeniert folgende Auskunft:„Sie können den Zettel gleich «n den Umschlag stecken. Für die gnten Deutschen und unsere Bekannten haben wir gleich fertige Zettel herge- stellt." Einer der beiden Herren wollte sich mitleinnn»Zblz^ttel sogar übersehen worden, dies richtigzustellen, so daß das interessante Resultat sogar in d'e Zeitung kam. Einige ganz hekannte Sozialdemokraten oder Kommu- nisten wurden fortgejagt, durften gar nicht wählen und wurden ersetzt durch SA.-Leute. Am Montag konnte man an einigen Wirtschaften und Geschäftshäusern Plakate seben mit der lleberschrift:„Kauft nicht mehr ein diesem Geschäft, das ist ein Landesoerräter." Die Abstimmung hat in Dresden und onck im Lande nirrer größtem Terror stattgefunden. Die SA. bildete-pa- lier vvn der Straße bis in die Wahllokale. Dadurch wurden fehr viele Leute, die unbedingt mit Nein stimmen wollten, beeinflußt, doch die Ia-Stimme abzugeben. Es sind j e h r viele l e e r e S t i m in z e i t e l abgegeben worden. In einem Dresdner Wahllokal wurde beobachtet, daß bei der Auszählung der Wahlleiter solche Stimmzettel noch mit dem Ja Kreuz versah und dabei lachend sagte, das hätten die Wähler bloß nergessen! Ter Schlepperdienst funktionierte ausgezeichnet. Bei dem Berichterstatter zum Beifuiel er- schiene» in der Zeit von 19 bis 12 Ubr bereits drei Schlepper, die dann beim Nachbar hinterließen, es müste unbedingt die Stimme abgegeben werden, sie ivurden sonst den Wähler holen. * Aus einer kleine» Gemeinde Ostsachsens: Bei dem Ab- stimmunasvorgang selber mar diesmal der Terror noch stär- ter wirksam als am 12. November. Während damals die SA. sormationsweise nicht anfaetreten war. war sie diesmal i» großem Umfange in de» Abstiniinungslokalen zusammen» gezogen. Ter Eindruck auf die?lbstiitzme»den ivar»ntur- gemäß sehr stark. Man stelle sich vor: Ein Stimmberechtigter, der innerlich entschlossen ist, mit Nein zu stimmen, kommt in das Wahllokal, das wider Erwarten voller SA Leute ist. Sein Hitlergruß fällt vor Ueberraichung ziemlich unsicher aus oder er unterläßt ihn ganz. Sosort wird er von den SA.-Leuten gemustert und vom Wablvorstand entsprechend behandelt. Er hat das Geiühl, durch sein unsicheres Auf- treten allein schon Ausmerksamk^ erregt zu habe». Dadurch wird er„och unsicherer und selbst, wenn er mit dem festen Vorsatz. Nein z» stimmen, in das Wahllokal aekommen ist, wirkt dieser Eindruck so stark, daß er sich im letzten Augenblick doch entschließt, mit Ja zn stimmen. * I» den Wahlzellen waren Plakate anaebracht. Darauf stand:„Jeder Deutsche stimmt mit Ja!" Tie Kranken und Gebrechlichen, die zur Abstimmung herangeschlepvt wurden, waren in Begleitung von SS.-Leuten, die alle mit in die Wahlzelle gingen. Die Schlepperarbeit begann In Zittau mittaas 2 Uhr. An ihr beteiligten sich alle Organisationen der NST'"^. TS. und SA., sowie sämtliche Inaendorganisaiinnen",id der BdM Den Leuten, die zur Abstimmung geschleppt wnrden, wurde gesagt:„Hüten Tie sich mit Nein zu stimmen, wir haben genaue Kontrolle darüber, wer mit Nein stimmt. Nur die Lumpen stimmen mit Nein und Mc meeden wir schon kleinkriegen." viner oer veioen verren i wmj iw••••- qj m- war Än Plakat deutlich In K wurde die Angestellte eines Berkaufsgeschäfts am fitfilhJ""' 6' d'es" Wahlzelle war cm ♦i« ßeim((flen Montag vor den Chef bestellt, der ihr erklärte:„Ze haben ^rS zcha^/- Jeder Deutsche wählt offen! Wer wählt ge- mit Nein gestimmt und werden deshalb wohl die Kon- »arsürnÄ sre«".«« ä sä s&r""-*««*<«'"«<■ Schlesien «»»-«««' ÄS! SÄ Ä'ÄSSL-»!" 8}„Ss Li»,«-kl-°°> w<>'»«b-.l.uW M, mW SÄT'S h Iää"'»«'!!»SS« ShÄ"üfttS Ä-N-MM-HÄ-O: Wahlvorstand bestand nur ausschließlich aus„alte^ Kämpfern"^— wurde am 3cf>ruffe bekanntgegeben, daß nv" orei Nein-stlmmen abgegeben wurden. » ^.ie meisten Menschen sind eingeschüchtert durch den ^error und die dauernden Drohungen und da der Wahl- vorstand meist einseitig zusammengesetzt ist. trauen sich nur wenige, nach ihrem freien Willen zu wählen. Es wurde ver- mutet, dag der Umschlag gezeichnet werden kann durch Fingerabdruck beim Abnehmen und Einwerfen, so Saß dann bestimmten Nein-Sagern, die zum Teil vorher bekannt sind, oie größten Unannehmlichkeiten entstehen können. An dies bezüglichen Drohungen seitens der SA. hat es nicht gekehlt. lieber die Ergebnisse ein Beispiel aus Sackisch, Kreis ( 7,V!,<5(tviibrtfcubettcrdorf, früher zu N5 Prozent roll: Bon L 1' Stimmen k Nein und 1 ungültig. Torfqespräch am Montagmorgen: Was hast du gewählt? Nein. Dann werden 'ic bekannten Genossen aufgesucht und gezählt! Mit ziemlicher Sicherheit kommen 160 bis 170 Stimmen zusammen, die also unterschlagen wurden, weil der Wahl- vorstand aus lanter SA. bestand! Unsere Genossen in Schlanz haben sich auch gut gehalten, erzielten 20 Prozent, Tschcrbcncn 17 Prozent und jetzt denke, man sich dies Sackisch daneben mit angeblich 0,0 Prozent— also Schiebung! Jetzt geht allgemein das Suchen los nach den Nein-Sagern. In welchem Grade nicht nur die SA., sondern auch die Parteiorganisationen der NSDAP, in den Dienst des Ab- stimmungszwangcs gestellt wurden, zeigt eine„Anweisung für die Hausblockwarte", die uns aus S t e t t i n übermittelt worden ist und in der es heißt: Um eine reibungslose Volksbefragung durchzuführen, sind folgende Anweiiungen genau zu beachten: 1. Am Freitag morgen trägt jeder HauSblockwart die ihm übergeben-» Flugblätter betr.„Ruudfunkrede des Führers" in seinem Hause aus. 5. Am Tamstagnachmittag ebenso die Flugblätter betr. die „Volksbefragung". 6. Am Tonntagmorgen um 8 Uhr muß jeder HauSblockwart zunächst seiner eigenen Wahlpflicht genüge» und sich dann sofort wieder in das eigene Saus begeben. Hier hält er sich von!> Uhr vormittags bis 12 Uhr mittags ununterbrochen vor der Haustür aus und erwartet die Wagen, die die kör- perlich behinderten Wahlpilichtigen abholen, um den Ab- holern lohne daß diese lange suchen müssen) die Wohnung des Abzuholenden zu zeigen. Um 12, 1 und 2 Uhr sind sämtliche Wahlpslichtige im Haus höllich zu befragen, ob schon gewählt worden ist. Um 2.30 Ubr nachmittggS geht der Hausblockwgrt mit seiner Hausliste zum zuständigen Wahllokal und vermerkt in seiner Liste durch Befragung bei den dortigen Listenführern, wer noch nicht gewählt hat. Wer gewählt hat. wird in der Hausliste gestrichen. Die übrigbleibenden NichtWähler sind dann nochmals um 4, 4.30, 5 und 5.30 Uhr(also halbstündlich) an ihre Wahlpflicht zu erinnern. * In Braunschweig Auf einer NT.-Hago-Kunbgebung sagte Gauamtsleiter «chrader unter anderem: ...die Nein-Sagcr des 10. August rekrutierten sich zum größten Teil aus der offenen und versteckten Reaktion. Die nationalsozialistische Bewegung als Fundament des Staates müsse unter allen Umständen rein und sauber erhalten wer- den. ES müsse und werde daher e i n e rücksichts- lose Reinigung stattfinden. U e b e r den? Schicksal des einzelnen stehe das Schicksal der Nation. l„Brannschweigischc Landes-Zeitung" vom 27. August.) * In Köln In manchen Bezirken wurden d V"'*<• Stimmzettel und solche, auf denen Fa und N.„.veuzt war, für gültig erklärt. * Und nachträgliche Heuchelei Tie gleichgeschaltete Presse meldet: Ter Abstimmungsausschuß für den Wahlkreis Osthanno- ver erklärte die Wahl in dem Dorie Handorf fKreis Har- bnrgl für ungültig, weil die gesetzlichen Bestimmungen, inS- besondere die Vorschriften über die Wahlzeit und die Wah- rung deS Wahlgeheimnisses nicht gewahrt worden seien. Der Gemeindevorsteher, der hier die Wahl leitete, hat sein Amt niedergelegt. Außerdem ivnrdc die Entscheidung über die Gültigkeit der in Bardowick(Kreis Lüneburg) abgegebenen Stimmen aus- geseht. Es soll noch festgestellt werden, ob alle von Bardowick zum vorläufigen Ergebnis gemeldeten Ja-Stimmen gültig sind. Pariser Berichte Die Jagdbeute eines Tages Die„Deutsche Freiheit" berichtete bereits,«laß die Jagd in Frankreich eröffnet ist. was jedesmal mit einer gewissen Feierlichkeit geschieht. Jetzt ist das erste Wild in den großen Pariser Hallen angekommen. Während im Vorjahre am ersten Tage nur 11 212 Kilo französisches und 1878 Kilo ausländisches Wild eingingen, ist die Beute dieses Jahr bedeutend ergiebiger. Sie beträgt 15 000 Kilo französisches und 5700 Kilo ausländisches Wild. Die Preise sind gegenüber dem Vorjahre etwas gesunken. Deutscher Klub Am Samstag, 8. September, um 21 Uhr: Geselliges Beisammensein mit Tanz. Gäste sehr gerne willkommen. Eintritt für Mitglieder frei. Gastbeitrag: 5 Fr.— Am Dienstag, 11. September, um 21 Uhr: Vortrag von W. Walder: „Deutsche Emigration hier—„drittes Reich" dort,— eine Auseinandersetzung und eine Kritik".— Gastbeitrag: 2 Fr. Association des Emigres Israelites d'Allemagne en France Sabhatgottesdienst am Freitag, dem 7. September, 19 Uhr, im Betsaal„Chez Chon". 17, Rue Beranger(Metro Republique) in Paris. Jedermann willkommen. Gottesdienst an den hohen jüdischen Feiertagen im Wagram-Saal in Paris, 39, Avenue de Wagram. Deutsche Predigt, Orgel, Chorgesang(Dirigent: Kapellmeister Lande, Oberkantor Gronich aus Berlin). Kartenverkauf(10 bis 50 Franken) wochentäglich von 11 bis 12 Uhr bei Dosmar, 78 Rue Biomet, Paris 15e, Dr. Tichauer, 3, Rue Georges Cour teline, Clithy sur Seine, Adolf Philippsborn, Paris 18e, 35. Rue Eugene Carriere, außerdem nachmittags von 5 bis 6 Uhi und Sonntag von ll bis 12 Uhr Dosmar, Mussolinis AbwehrmaOnaMnen Rom, 5. September. Ter italienische Finanzminister Hat ein Dekret unter- zeichnet, nach dem alle Zahlungen für aus Teutschland ein- geführte Waren in Reichsmark geleistet werden müssen, in welcher Währung auch immer der Verkauf dieser Waren ab- geschlossen wurde. Die Mark wird zu dem Kurse berechnet, den das italienische Nationalinstitut für fremde Wechselkurse jeweils angibt. Bisher konnten die italienischen Exporteure in Lire an Deutschland verkaufen, und auch die Einfuhr aus Teutschland konnte in Lire berechnet werden. Sie stellten die Fakturen am liebsten in Lire oder Franken aus und erhielten die gewünschte fremde Währung, sei es aus der Italienischen Bank, sei es auf der Reichsbank gegen einfache Vorzeigung der Rechnungen und der Zolleingangs- erklärung. Da die Reichsbank aber die Bezahlung in an- derer Währung als in Mark auf Grund des Vertrages vom 17. Oktober 1932 untersagt hat, so hat die italienische Regie- Bürgermeister Seifz Und andere Gefangene ohne Prozeß Bürgermeister Teitz wird auch seit seiner Ueberstellung in ein Sanatorium als Häftling behandelt. Er darf sich nicht frei bewegen, dars keine Besuche empfangen. Bor seinem Krankenzimmer halten ständig zwei Kriminal- Polizisten Wache. Es ist also nicht wahr, daß Bürgermeister Seitz, der seit einem halben Jahr in„Untersuchungs- hast" gehalten wird, ohne daß jemals ein Prozeß gegen ihn stattfinden wird, von der Regierung Tchuschnigg srei- gelassen wurde. Seitz ist weiter llntersuchungshästling— nur mit dem Unterschied, daß er seinen Aufenthalt in der Heil- anstatt selbst bezahlen muß. Ueberdtes muß er der Polizei die Kosten der Kriminalbeamten ersetzen, die ihn bewachen. Geändert hat sich also nur die Bezahlung: d'e austro- faschistische Diktatur läßt sich von Sei» die Kosten seiner Gefangenschaft bezahlen, im übrigen hält sie ihn weiter in Gefangenschaft. Auch die anderen sozialdemokratische» Funktionäre sind weiter in Hast, obwohl auch gegen sie niemals ei» Prozeß stattfinden wird. Stadtrat Dr. Tanneberg ist vorüber- gehend wegen einer schweren Stirnhöhleneiterung im Spital, soll aber wieder ins Gefängnis zurückgebracht werden. General Körner sitzt seit mehr als einem halben Jahr im Untersuchungsgefängnis. Selbst die Gesundheit dieses alten Soldaten hat schwer gelitten, trotzdem wird er weder enthastet, noch r die Richter gestellt. General Schneller, der niemals ,.ne Funktion in der Sozialdemokratischen rung gleichfalls die Bezahlung in Mark als Gegenmaß» nähme angeordnet. Die italienische Handelsbilanz war für Deutschland be- reits sehr ungünstig, sie wird jetzt noch ungünstiger werden, denn Teutschland wird seinen Export nach Italien bet dieser Sachlage noch mehr einschränken müssen. Tie neue Verordnung kann auch als Repressalie gegen Teutschland angesehen werden im Hinblick aus die neuen Versügungen, die Teutschland über den Reiseverkehr getroffen hat. Bis- her konnten nämlich die deutschen Jtalienreisenden außer den erlaubten 50 Mark in bar einen Reisekreditbrief von 500 Mark mitnehmen: jetzt ist durch eine neue Verordnung die Mitnahme eines solchen Kreditbriefes verboten. „Giornale d'Jtalia" bezeichnet diese Maßnahme als Er- pressungsmanöver von Dr. Schacht, um auf diese Weise wirtschaftlich: Zugeständnisse vom Auslände zu erhalten. Das Blatt meint, der deutsch-italienische Reiseverkehr könne als null und nichtig angesehen werden. Partei od?r im Schutzbund bekleidete, w'rd weiter im Kon- zentrationslager gehalten. Tie Brutalitäten des Austro» saschismus sind also durchaus nicht gemildert. Jüdische Emigration in Holland Eine Klarstellung In der letzten Zeit ging durch die Presse die Mitteilung, daß die holländische Regierung 300 jüdische Flüchtlinge aus Holland ausgewiesen habe. Diese Meldung, die unter den deutschen Flüchtlingen Beunruhigung hervorgeru'en hat, ist unrichtig, wie wir aus„Het Volk", dem Am>ter- damer sozialdemokratischen Blatt entnehmen. Das Blatt teilt mit. daß es sich um eine von der hollän- dischen Regierung durchgeführte Kontrolle handelt, die über das weitere Verbleiben solcher Ausländer angestellt wird, die, nicht unter die Kategorie politische Flüchtlinge falleiw, in Holland nur mit einem zeitlichen Visum leben, das»e sich ordnungsgemäß bei der Einreise vom niederländischen Konsulat ihres Heimatlandes ausstellen ließen mit der Be- gründung einer Ferienreise, geschäftliche Angelegenheiten zu regeln usw. Diese zeitlich begrenzte AusenthaltSgenehmi- gung ist schon seit langem abgelaufen, während die Inhaber sich iest in Holland angesiedelt haben. Diesen Zustand will die holländiiche Regieruna ändern,„Het Volk" teilt mit, datz deutsche Flüchtlinge, die sich in Holland mit Zustimmung der Behörden aushalten, von dieser Aktion aus keinen Fall be- troffen werden. An mehrere. Für eure Zuschriften danken wir bestens, aber wir drucken kc ne ab. Soviel ist uns der ungezogene Ss?i11)clm, der seinen Berns verfehlt hat, nicht wert.„Gesinnungslump?" Wenn schon! Goethe sagt:„Ter Pfeil des Schimpfs kehrt aus den Mann zurück!" — Einem besonders Erbitterten erwidern wir mit dem Wort von Teume:„Wenn da? Ehristentum schuld an allein llnheil wäre, da» man bei seinen Priestern und durch seine Priester steht, so wäre der Stifter der haßwürdigste der Menschen", Uebrigens ist Bischof Bornewoger immerbin mit dem unflätigen Hetzer Wilhelm nicht in einem Atemzug zu nennen. Er hat sich neulich in Saar- brücken al» der Bischof aller Saarkatholiken bezeichnet, auch der „Gesinnungslumpen". Billingebäk sTänemarkl. Ihr schreibt und:„Gleichzeitig ergreife ich wieder einmal die Gelegenheit, Ihnen für Ihre großartige Zeitung zu danken, die täglich mit Ungeduld von uns und unseren Freunden erwartet wird". TaS lieft sich schön, aber wir haben den Wunsch, unsere Zeitung noch viel„großartiger" zu machen. Ct. C., Stockholm. Tie schreiben unS:„Weißt du, liebe„Teutsche Freiheit", wa» die Tchweden auf der Kirchenkonferenz zu den Teutschen sagen? ES wäre am besten, wenn die deutschen schleunigst ihre Koffer packen und abdampften. Ihre Anwesenheit hätte gar keinen Zweck. Ter Reichsbischof Müller habe ihnen ja doch ver- boten, so zu reden, wie sie gerne möchten. To und ähnlich ist es den Teutschen auch mehr als einmal gesagt worden." Saarländer. Sie schreiben unS:„Ihre gestrige Brieskastennotiz, die sich kritisch mit Karl Gebhardt sFrankfurts beschäftigt, muß ein Rückstand sein, der sich sehr verspätet in ihren sonst so intereganten und aktuellen Briefkasten eingeschmuggelt hat. Karl Gebhardt ist seit einigen Wochen tot: er wird also an dem Prager internationalen Philosophenkongreß kaum teilnehmen können. Aber auch in fach- licher Hinsicht stimme ich mit Karl B. in der Beurteilung deS Ge- storbenen nicht überein. Berichte aus Frankfurt bestätigen mir, daß er sich gegen den Zwang zur Gleichschaltung bis zum äußersten ge- wehrt hat. Er stand innerlich gegen das Hitlerregime, und der Gram über die geistigen und seelischen Erpressungen, die das „dritte Reich" ständig an ihm verübte, hat seinen allzu frühen Tod beschleunigt."— Wir danken Ihnen für Ihre Richtigstellung. In der Tat handelte eS sich um eine ältere Notiz, der wir den Zugang zur Briefkaftenspalte hätten versperren müssen. Ihre Beurteilung deS Menschen Gebhardt ist aus Grund unserer persönlichen Bekannt- schast mit ihm durchaus die unsrige. Gebhardts Rassenblutprobe gegenüber Spinoza war freilich eine Entgleisung, um so unbegreis- licher, als er nichtarisch verheiratet war. Taarbrücker„Landes-Zeitung". Früher wart Ihr mal katholisch, jetzt seit Ihr hitlerisch. Tarn», stehen in eurem Blatte Sätze wie der:„Ter Taarbevollmüchtigte hat es auch gar nicht nötig,„den Führer zu bitten, die bisher den Katholiken gegenüber eingenom- inene Haltung zu mildern", denn die durchaus loyale und positive Einstellung des nationalsozialistischen Staates den beiden christlichen Konfessionen gegenüber ist durch die Rede deS Führers aus dein Ehrenbreitstein erneut eindeutig und unmißverständlich festgelegt worden". Ter Heilige Bater scheint aber nicht eurer Meinung zu sein, er traut dem„Führer" nicht, und darum stocken die Ber- Handlungen über die Auslegung des Konkordats seit Monaten. ES scheint, daß der Batikan in der Beurteilung deS„Katholiken" Hitler mit denen ganz einer Meinung ist, die der katholische Hitlerpfarrer Wilhelm„Gesinnungslumpen" schimpft. Tollte man nicht den Pfarrer Wilhelm nach Rom schicken, damit er den Heiligen Bater über den richtigen wilhelminischen Katholizismus ausklärt? Seemann, Kopenhagen. Ihr Brief berichtet und:„Neulich waren drei oder vier deutsche Torpedoboote hier in unserem Hasen, Tt« deutschen Schisse sind gar nicht beachtet, und die deutschen Seeleute sind überall eisig empfangen worden. Ich hörte, wie ein dänischer Arbeiter zu einem deutschen Ossizier sagte:„Macht mit euren Booten das Wasser in eurer Heimat dreckig." Tie deutschen Zei- tungen werden nclürlich geschrieben haben, die Torpedoboote seien in Kopenhagen begeistert empfangen worden. Saarländischer Beamter. Wir geben von Ihrer Mitteilung Kennt- nis, daß die in Amerika ansässigen abstimmungsberechtigten Saar- länder auf Kosten des Reichs in das Taargebiet gebracht werden sollen. Ferner erfahren wir von Ihnen, daß etwa 290 Saarländer sich in der französischen Fremdenlegion befinden. Auch ihnen soll Gelegenheit zur Abstimmung gegeben werden. „Schleswig-Holstein, meerumschlungen." Ihr Brief bestätigt unS, daß in dem einst so nationalsozialistischen Schleswig-Holstein ein starker TtimmungSnmschwung sich vollzogen hat. Nirgendwo sind die Hitlereichen mehr sicher. In mehreren Städtchen und Törfern sind diese Bäumchen vernichtet worden, ES scheint, al» ob die Hitlereichen nicht gerade dazu bestimmt sind, in den Himmel zu wachsen. Für den Gesamtlnhalt verantwortlich: Johann P I tz In Dud- weller: für Inserate: Otto Kuhn tn Sao-brllcken Rotationsdruck und Berlag: Verlag der BolkSfttmme GmbH„ Saarbrücken 8. Schützenstraße 5.— Schließfach 776 Saarbrücken. Erste Auflage in wenigen Wochen vergriffen Südettast Von KLAUS BREDOW Fragen Sie in den Kiosken und Buchhandlungen nach. Falls die Broschüre am Ort nicht zu haben ist, liefert die Buchhandlung der„Volksstimme", Saarbrücken, Bahnhotstraße 32, gegen Voreinsendung von 3,90 französischen Franken auf das Postscheckkonto Saarbrücken Nr. 619 Verlag der„Volksstimme", Saarbrücken