Sinzigs unabhängige Tageszeitung Veutschkands JUiCästuia, das zdauke£and Xapfeckeit und Opfet dec JCoCanisten Seite 7 Nr. 208— 2. Jahrgang Saarbrücken, Samstag, 8. September 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Provokation»- Kommandos Zur Anzettelung der„Gewalttätigkeiten 1 die In Nürnberg angekündigt werden sind f. Arrlin, 7. Sept. Seit einigen Wochen arbeitet der„Führer" u jeder feiner Reden mit Trohungen gegen eine gemalt- tätige Opposition im Lande. In seiner Proklamation zn 'ürnberg lautete der entsprenchende Taiz: »Daher werden wir auch jeden Bersnch, gegen die Führung dxx nationalsozialistischen Bewegung und des Reiches einen Akt der Gewalttätigkeit anzuzetteln» niederschlage» und im Keime ersticken, er mag kommen von wem er will! j®it alle wissen» wen die Nation beauftragt hat! Wehe »cm, der dies nicht weist oder der es vergißt!" Aus solchen Ankündigungen spricht die Furcht, daß die Fol- 3kn des 30. Juni in den nationalsozialistischen Organisa- l'onen doch noch nicht überwunden sein könnten, und Ins- besondere weist man immer wieder bei Hitler den Glauben ju erwecken, dah Attentate auf ihn geplant würden, aber ist,ijcht her einzige Grund für die immer wiederholten ^ Rohlingen. , Der gewaltige Aufmarsch in Nürnberg und die Hinzu- schling der ReichSwehrsormationen hat gerade auch den 'iweck, allen Gegner des Regimes und insbesondere ent- lauschten wirklichen Sozialisten ans der Partei und der SA. >>des Zutrauen zu den Möglichkeiten einer oppositionellen Haltung zu nehmen. Tost die innerftalb und austerhalb der 'liegierungKpariei vorhandene grosse Unzufriedenheit sich bei °e« derzeitigen Machtverhältnissen nicht in„Gewalttätig- ksiten" äussern kann und sich bisher auch nicht in einem ein- n'gen Falle zur gewaltsamen Auflehnung gegen die noch geschlossene und schwer bewaffnete Staatsmacht geführt hat, ist bekannt. Sind also die Trohungen dcS„Führers" nur ein Bluff? ^ein, sie haben eine wohl überlegte Bedeutung und sollen "ie Oeffcntlichkeit Teutschlands und der Welt auf die Not- nenüigkeit neuer Strasaktionen vorbereiten, die f ,,^)e- ^alttätigkeitcn" von Gegnern des nationalsozialistitch- t Staates folgen sollen. Ta solche gewaltsamen Vorstöße der Opposition auf ab- sehbare Zeit nicht zu erwarten sind, ist man gewillt, sie künstlich zu schassen, wenn man es aus innerpolitischen Grün- °en für notwendig hält. Wir-wissen aüs unbedingt vertrau- ^uswürdiger nationalsozialistischcrOuelle, dass in einigen Groß- stadten und Jndnstriebczirken aus ganz zuverlässigen SS.- Leuten P r o v o k a t i o n s k o m m a n d o S gebildet worden und. Ob diese besonderen kleinen Kaders sich über das ga'ze -»eich erstrecken, oder, was wahrscheinlicher ist, sich nur<:>> Obigen Brennpunkten betätigen sollen, ist uns nicht bekannt, ^ir wissen aber jedenfalls, dass sie in einigen katholischen Gebieten des Westens gebildet worden sind, wo die starke Opposition, die sich durch die Flut von Nein-Stimmen gc- äussert hat.„Gewalttätigkeiten" glaubwürdiger erscheinen lassen würden. Man beabsichtigt also, wann und wo man es für not- wendig hält,„Reichstagsbrände" lokaler Natur zu voran- stalten, vielleicht auch bezirksweise, um daS brutale Gin- schreiten der Staatsgewalt, die sich allzu langmütig ver- halten habe, zu rechtfertigen und so Leute aus dem Wege zu räumen, die dem Regime zwar noch nicht gefährlich, aber unbequem sind. Tiefe„Provokationskommandos" vor der ganzen Welt zu denunzieren, ist erforderlich. Es ist das einzige Mittel, ihre Tätigkeit— vielleicht— unmöglich zu machen oder doch zu lokalisieren. Es spricht manches dafür, dass solche„Provokations- kommandos" jetzt schon im Saargcbiet arbeiten, wo in den letzten Wochen wiederholt Uebersälle aus politischen Gründen verübt worden sind. Sehr osscn wird übrigens in nationalsozialistischen Kreisen von einer gewaltsamen Lösung der Saarsrage ge- sprachen. Tic Tcnkschrift dcS französtjchen Außenministers Barthou hat diese Stimmung verstärkt, und man würde in Saar- brücken und in Genf sich sehr täuschen, wenn man die Wir- klingen dieses französischen Stoßes gegen die deutsche Saar- Propaganda ans die Stimmung der für die Saar geradezu janatisicrten nationalsozialistischen Führer und Massen nicht gefanrorohend einschätzen würde. Man hat hier sofort er- könnt, daß durch die vorgeschlagenen Verhandlungen wirt- schastlicher und finanzieller Natur noch vor der Abstimmung deren Ergebnis für das„dritte Reich" noch mehr fraglich werden würde, weil diese Verhandlungen zweifellos auch die noch hitlerisch berauschten Teile der Saarbevölkerung über ihr wirtschaftliches Schicksal im Falle einer sofortigen Rück- gliederung in das Bankrottreich nachdenklich machen müßten. ES steht nach dem Schluß des Nürnberger Parteitages eine große Pressekampagne gegen die Verquickung der rein volkstumsmäßig betrachteten Saarfragc mit wirtschaftlichen Problemen bevor, ein Pressefeldzug, der zu einer neuen Ailfpellichung aller nationalistischen Leidenschaften gegen Frankreich führen muß. Mit grosse,. Besorgnissen erwartet man hier die Einstellung einer internationalen Polizeitrnppe für das Saargcbiet. Alle Berichte der„deutschen Front" aus dem Saargcoict stimmen darin überein, daß eine grössere Polizei- truppc die Aussi teil eines nationalsozialistischen Sieges im Januar verringern müsse. Allerdings könne man damit rechnen, daß zunächst die internationale Polizeitrnppe zu einem neuen Auftrieb der nationalsozialistischen Propaganda über die„Unterdrückung" der Saarländer durch eine fremde „Besatzung" führen werde, aber das werde rasch verpuffen und übrig bleibe die verstärkte Autorität der Regicrungs- kommission und die wachsende Freiheit der Entscheidung für jetzt noch zwischen der„deutschen Front" und der deutschen „Freiheitsfront" schwankenden BolkSteile. Tespcrados fordern, daß noch vor dem Einrücken der internationalen Polizeitrnppe im Taargebict reiner Tisch gemacht werde. Inwieweit hinter diesen Reden, die„noch im September" Entscheidungen verlangen, schon feste Ab- sichten stecken, mag ungewiß bleiben, gewiß aber ist die Eri- stenz von Provokationskommandos und die in deren Dasein liegende große Gefahr. Das„tausendjährige heidi Die franiösisdie Presse spoltet (Von unserem Korrespondenten) ~. A. PH. Paris, den 7. September 10:34. ig-^anzösische Presse stellt einmütig fest, daß der Führer iUfiinfti erß nichts Neues gesagt habe, weder über seine $Spi!£ Innen-,„och über die Außenpolitik. i!arf>£» Hitler in Nürnberg erklärt habe, es werde in den Mes.», tausend Zähren keine Revolution in Teutschland «r geben, so könne man, schreibt Gallus im ^»4ntransigra„t" si»^pteniber) darüber nur lächeln. Man vergegenwärtige Nicht j"l da-' Frankreich von llll-k Damals regierten noch il, die Kapctingcr. geschweige denn, daß man an Jöe?" an Herrn Tonmergne denken konnte. Tie von-' c,n Polk oiii tausend Jahre festlegen zu wollen, sei ter h unsinnig... Ter Kanzler, so heißt es dann wei- Aber- neuen Angriff ans seine Gegner angekündigt, einige Pistolenschüsse mehr oder weniger genügten nicht, um das Schicksal eines Volkes zu sichern. So berauscht die Deutsche» auch sein mögen, sie würden doch wohl nach der Rede des Rcichsführers über die erstaunliche Vermessen- Heit eines Mannes nachsinnen, der vorgebe, sie zu führen. Im Jahre Sil»! werde die Erinnerung an Hitler schon l niqe ans dem menschlichen Gedächtnis geschwunden sein. Stakt zn prophezeien, hätte er dem Volke lieber sagen sollen, wie eS in diesem Winter zu Arbeit und Brot komme. Aber des sagen zu können, schließt Gallus, wäre sicher sehr schw.erig. „Ere Nouvelle" meint, der Reichssührer habe in Nürnberg eigentlih die gänzliche Niederlage des HitlerregimeS zugeben m."ficn Wenn man seine Gegner tadele, bessere man nicht seine eigenen Fehler, und Begeisterung finde keine neue Ran.ung in steten Opiern.* Sortsetzung sieh« 3. Seite. Die Aufrüstung Oesterreichs Und die deuiohratisdien Nödne Europas Von Otto Bauer Es war am 15. Juli 1927. Ein Zusammenstoß zwischen demonstrierenden Arbeitern und der Polizei hatte in Wien zu furchtbarem Blutvergießen geführt. Neunzig Arbeiter waren auf den Straßen Wiens von der Polizei erschossen worden. Wilder Haß tobte der Polizei entgegen, wann immer sie sich in den Arbeitervierteln zeigte. Da stellte Bürgermeister Seitz die Gemeindeschutzwache auf. Zwei- tausend ausgewählte Arbeiter wurden mit Pistolen und Gummiknütteln bewaffnet, mit Armbinden in den Farben der Stadt Wien kenntlich gemacht, auf die Verfassung der Republik und der Gemeinde Wien vereidigt. Die Wiener Arbeiter, von Haß gegen die Polizei des Staates erfüllt, begrüßten jubelnd die Schutzwache der Gemeinde. Ihr bloses Auftreten auf der Straße genügte, dem Blut- vergießen ein Ende zu machen. Aber wenige Stunden später griffen die Großmächte ein. Die Gesandten Großbritanniens, Frankreichs und Italiens erklärten die Aufstellung der Gcmeindeschutzwache für eine Verletzung des Friedensvertrages und verlangten kategorisch ihre Auflösung. Der Friede Europas, das Kräfteverhältnis zwischen den europäischen Mächten waren offenbar durch die zweitausend mit Pistolen bewasf- neten Arbeiter bedroht. Die Gemeinde Wien mußte sich dem Veto Europas unterwerfen. Die Gemeindeschutzwache wurde aufgelöst. Man kann nicht bestreiten, daß das Einschreiten der Großmächte gegen die Wiener Gemeindeschutzwache seine Konsequenzen gehabt hat. Die gewaltsame Zertrümmerung der österreichischen Demokratie im Februar 1934 wäre viel- leicht nicht gewagt worden, wenn die österreichischen Faschisten gewußt hätten, daß die sozialistische Ver- waltung der Hauptstadt über eine bewaffnete Truppe ver- füge. Der französische Gesandte Graf Clauzel, der im Jahre 1927 die Kampagne der Großmächte gegen die Wiener Gemeindeschutzwache geführt hat, hat unbesireit- bar für die Aneignung Oesterreichs durch Herrn Mussolini im Jahre 1934 gute Vorarbeit geleistet. Seither sind sieben Jahre vergangen. Europa hat sich seither an die Verletzung der Entwaffnungsbestimmungen der Friedensverträge gewöhnt. Es schweigt zu den Rüstungen Hitlers. Es hat nichts dagegen eingewendet, als in Oesterreich mit italienischem Gelde und mit italie- Nischen Waffen die Heimwehren aufgerüstet wurden. Es hat im Jahre 1933 nicht nur zugestimmt, daß die regulären Truppen Oesterreichs von 22 909 auf 39 ÖÜO Mann oerstärkt wurden, sondern gleichzeitig auch stillschweigend seine Zustimmung gegeben, daß die Heimwehren und.die Ostmärkischen Sturmscharen" zum„Schutzkorps" erklärt, v. H.: mit den Rechten einer staatlichen Polizei ausgestattet wurden. Die zweitausend mit Pistolen bewaffneten Arbeiter von 1927 waren eine Verletzung des Vertrages von St. Germain. Die fünfzigtausend mit Gewehren und Maschinengewehren ausgerüsteten Faschisten des Schutz. Korps waren es nicht. Allerdings sind weder die faschisti- schen Heimwehren noch die monarchistischen Sturmscharen, aus denen dieses Schutzkorps formiert wurde, aus sozialistischen Arbeitern zusammengesetzt. Immerhin war das Schutzkorps eine Improvisation. Jetzt soll es zu einer dauernden Einrichtung werden. Es soll in dem Staatsaufbau des faschistischen Oesterreich die- selbe Funktion versehen, die die faschistische Miliz im Staatsaufbau Italiens, die SA. und SS. in der Struktur des deutschen Faschismus zu versehen haben. Zu diesem Zwecke sollen die Heimwehren, die Sturmscharen und einige kleinere faschistische Formationen in eine einheit- liche Wehrformation verschmolzen werden, die neben dem Heer, der Polizei und der Gendarmerie bestehen soll. Man braucht dazu natürlich die Zustimmung der Signatar- mächte des Vertrages von St. Germain, da durch diese vierte Wehrformation die Zahl der Bewaffneten, die der österreichische Staat ständig erhalten wird, auf das Dop- xelte der im Friedensvertrage für das Heer, die Polizei unb die Gendarmerie zusammen zugelassenen Zahl ge- bracht wird. Es scheint aber nicht schwierig zu sein, die Zujtimmung der Mächte zu dieser Aufrüstung Oesterreichs zu erlangen. In Jugoslawien scheint man allerdings noch zu zogern. Die Belgrader„Pravda" meint, daß diese Auf- rustung Oesterreichs soviel bedeute wie eine Verstärkung der italienischen Armee um vier Divisionen. Aber die Großmächte scheinen die Verstärkung der österreichischen Heeresmacht um vier Divisionen faschistischer Miliz für so nützlich und notwendig zu halten, daß sie dieser Abänderung des Friedensvertrages wohl zustimmen werden. Hitler, der immer wieder im Schweiße seines Angesichts beweisen mutz, daß die SA. und SS. unbewaffnet seien, wird sich das nach diesem Präjudiz ersparen können. » Man begründet die Notwendigkeit dieser Aufrüstung Oesterreichs zuzustimmen, mit der Bedrohung der„Unab- hängigkeil" Oesterreichs durch Hitler. Aber man sollte sich es wohl überlegen, ob man die Unabhängigkeit Oester- reichs wirklich am wirksamsten. schützt, wenn man dem italienischen Oberherrn Oesterreichs eine zweite öfter- reichische Armee zur Verfügung stellt. Man stelle sich einmal konkret die Lage in einer be- liebigen österreichischen Stadt, in Graz oder in Klagenfurt, in Steyr oder in Leoben vor! Die Arbeiterschaft jeder solchen Stadt ist, seit dem Februar von wildestem Haß gegen das Regime, das ihr alle Rechte geraubt, ihre Organisationen zerstört, ihre Vertrauensmänner einge- kerkert hat, erfüllt. Auf der anderen Seite leben in diesen Städten die Beamten des Staates und der Industrie, die Rechtsanwälte und Aerzte, die Lehrer— mit einem Worte: die Intelligenz, die in den österreichischen Städten seit jeher deutschnational gesinnt war und jetzt, soweit sie nick' unmittelbar zu den Nationalsozialisten gehört, min- bestens Sympathien für die Nationalsozialisten hegt. Nach dem Iuliaufstand der Nazi hat sich die Staatsgewalt mit gleicher Brutalität auf die Intelligenz gestürzt wie nach dem Schutzbundaufstand im Februar auf die Arbeiter. Man hat Richter, Staatsbeamte, Lehrer in Massen mit Verlust ihrer Pensionsansprüche entlassen, hat sie zu taufenden verhaftet, in den Gefängnissen in unmenschlicher Weise mißhandelt— man hat die Intelligenz mit ganz denselben Gefühlen der Erbitterung, des Hasses und der Rachsucht erfüllt wie fünf Monate vorher die Arbeiter. Die Folge ist. daß jetzt in diesen Städten die staatlichen Behörden, die Polizei, das Schutzkorps ebenso isoliert, ebenso vom Haß der ganzen Bevölkerung— von den Fabrikdirektoren und Staatsbeamten bis zu den Arbeitern bedroht sind wie eine Besatzungsarmee in einem fremden eroberten Land. Die Zustimmung der Mächte zur Aufrüstung Oesterreichs verstärkt nur diese Besatzungsarmee. Sie erspart es damit den Herrschenden, diesen unhaltbaren politischen Zustand, der zu immer neuen Erschütterungen führen muh, durch die Beendigung des aussichtslosen Krieges an zwei Fronten zu überwinden, durch eine Aenderung des Systems, die weit genug ginge, um die Raelierung aller dem Nationalsozialismus feindlichen Kräfte zu ermöglichen. Wer überzeugt ist, daß man ein hochkultiviertes Volk mitten in Europa gegen den Willen, gegen den leiden- schaftlichen Haß der übergroßen Mehrheit der Bevölke- rung regieren kann, daß man auf diese Weise seine Unabhängigkeit gegen einen äußeren Gegner wirksam verteidigt, daß dazu nichts erforderlich ist als eine hin- reichende Anzahl von Gewehren und Maschinengewehren, der wird die Zustimmung der Mächte zu der Bildung der neuen Wehrsormation gewiß als weise ansehen. Allerdings werden die Kosten der neuen Wehrforma- tion beträchtlich sein. Das reguläre Heer hat seine er- fahrene. sparsame Intendanz. Die Geschäfte der neuen Wehrformation werden von den Geschäftemachern der Heimwehren besorgt werden. Es ist begreiflich, daß sie teurer verwalten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Budget der neuen Wehrformation doppelt so hoch sein wird als das des regulären Heeres. Nun steht es mit den Staatsfinanzen ohnehin sehr schlimm. Oesterreich hat zwar vor zwei Iahren auf Grund des Lausanner Vertrages eine von den befreundeten Staaten garantierte Anleihe in der Höhe von 300 Millionen Schilling bekommen. Aber davon mußten 100 Millionen Schilling zur Rückzahlung von Schulden oerwendet werden. Es verblieben 200 Ntil- lionen Schilling. Der Betrag, den die österreichische Re- gierung für die Erhaltung des Schutzkorps seit einem Jahre und für seine Mobilisierung gegen die Aufstände vom Februar und vom Juni aufgewendet hat, beträgt gleichfalls ungefähr 200 Millionen Schilling. Die fran- zöfischen Gläubiger der Lausanner Anleihe haben also die beiden Bürgerkriege finanziert, die das Ergebnis der An- eignung Oesterreichs durch den italienischen Faschismus waren. Jetzt fürchtet der österreichische Finanzminister den großen Aufwand für die neu zu schaffende Wehr- formation. Er hatte daher die Absicht, in Genf abermals um eine international garantierte Anleihe zu bitten. Aber der Augenblick war schlecht gewählt. Die Kapitalisten werden nicht eben zur Gewährung einer Anleihe an Oesterreich ermutigt, wenn Herr Starbemberg jede Woche einmal ankündigt, man werde demnächst abermals, zum drittenmal die Unabhängigkeit Oesterreichs mit der Waffe in der Hand verteidigen müssen. Man dementiert also jetzt in Wien die vor einer Woche klar ausgesprochene Absicht, sich um eine neue Anleihe zu bewerben. Man will sich mit der Konvertierung der Völkerbundsanleihe van 1022 begnügen. Immerhin bedeutet auch dies eine Ersparnis an Zinsen und Tilgungsraten, die beinahe ein Drittel der Kosten der zu errichtenden neuen Wehr- formation decken wird. Kein Zweifel, diese Konvertie- rung wird bewilligt werden. Die französischen Kapita- listen werden mit ihrem Verzicht auf Zinsen die Verstär- kung der italienischen Armee um vier Divisionen be° zahlen. Die englische Demokratie wird zu der Stabil!- sterun des faschistischen Unterdrückungsapparatee ihre Zustimmung geben. Man wird also in Graz und in Klagenfurt, in Leoben und in Steyr auch weiterbin gegen die Arbeite lckast und gegen dos gebildete Bürgertum zu;\rich die Bemtzuugsarmee aufrecht erhalten können. Der Faschismus hat kluge, listige, praktische Berater und Dimer Was für Berater und Diener hat die euro- päische Demokratie? Das„tausendjährige Reich" Fortsetzung von Seite 1 In der „Republique" tragt Pierre Dominique ironisch, wie Hitler, der das tausend- jährige gleich verkündet habe, wohl selbst die nächsten sechs Monate überstehen werde. Im Journal" beschäftigt sich Louis Äillet mit dem Kontrast der Zeitalter. Wieder einmal, so meint er, habe er diese Erklärungen an- gehört. Er könne nichts besseres tun, als das gegenwärtige Ereignis des Nürnberger Parteitages mit der deutschen Ge- schichte zu verknüpfen und die Vergangenheit vor seinem geistigen Auge lebendig werden lassen, für die gerade Nürnberg der grobe Neliauienkchrcin sei. Und da scheine ihm der Hitlerismus kaum in Einklang zu bringen zu sein mit der Kulturentwicklung, wie sie sich in Nürnberg repräsentiere. Diese Stadt zeuge von einer deutschen Renaissance, der nichts Menschliches fremd war. Sic atme Lateinertum, Orient und Italien. Dabei wirke sie urdentsch. Aber sie wisse nichts da- von, daß es zum Deutschtum notwendig sei, sich zu rller Welt in Gegensatz zu bringen, sich von aller Welt abzusvn- dcrn und allein im Weltcnall zu bleiben. Im „Matin" sagt Philippe Rarres. man habe dem Parlamentarismus vorgeworfen, zu viel Zeit bei allen Dingen zu verlieren. Warum aber, so fragt der bekannte Journalist mit Recht, verliere Hitler selbst so viel Zeit mit Wahlfeldzügcn, mit Reden an allen vier Ecken des Reiches, mit einem Parteitag» der fünf Tage dauere? Barres gibt auch selbst die Antwort aus seine Frage, indem er ausführt, der Führer inüiic>o handeln, um seine Partei, die unter den Schlägen oe» SO. Juni gelitten habe, wieder in die Hand zu bekommen. Er wolle dadurch den Glauben an sich selbst wiedergewinnen und das Vertrauen des Landes zurückerobern. Er«volle die Reihen vor Eintritt des Winters, der weder in politycher nock in wirtschaftlicher Beziehung leicht sein werde, ivied.r aufschließen lassen unb wolle endlich auch dem Auslände zeigen, daß die Reichswehr die Partei und die Regierung schütze. Leon Daudet zweifelt in del „Action Francaise" nicht daran, daß der Nürnberger Parteitag die Gen rilprobe zu dem Zukunstskriegc sei, der am 28. Juli nur durch vie Energie Mussolinis verhindert worden sei. Hitler sei von der Begeisterung von 88 Millionen Deutscher getragen, die nach Revanche riefen und ihn als den„deutschen Menschen" an- sähen, wie die Zeitgenossen Luthers ihn in Luther gesehen hätten. Der Nibclung Hitler schmiede offen das Zchioert Nothung, so, wie es der Musikdichtcr Wagner in seinem Werke geschildert habe. Verwirrt« Chiliasten Die Basier„National-Zeitung" schreibt? Mit einer langen Proklamation, die schöne Verheißungen mit dem wiederholten Ausdruck einer vollen Selbstzufrieden- heil vereinigt, hat der Führer den nationalsozialistischen Nürnberger Parteikongrcß eröffnet. Vergebens wird ma» in ihr suchen, ivas an nahen geistigen und wirtschaftlichen Leistungen bcabsichtlat wird In dem umfangreichen Deko- ment, das für den Psychologen interessanter ist als für den Soziologen oder Politiker, wiederholt sich immer wieder die Ankündigung, daß ein tausendjähriges Reich des National- fvzialismns begonnen hat. Die Weltgeschichte kennt kein Bei- spiel, daß auf so lange Frist ausgestellte Wechsel von der Zukunft femalS eingelöst worden feien, aber sie kennzeichnen das Unsichere und Maßlose einer Bewegung, die sich immerzu ihrer Erfolge rühmt. Die Wiederkehr dieser tausend Jahre berührt fast mystisch und erinnert an uralte Bewegungen des erstehenden EbristenUims. mit dem der Nationaliozia lismus d'es gemeinsam hat, daß auch er vor allem eine Glau- benslehre ist, die nicht erst beweisen muß, will und kann, srndern die als Religion die Seelen auszufüllen bestrebt ist. Die ersten Ankündigungen des Cbillasmus. des tausend jährigen Reiches, kamen, wie der offenbar noch immer nichi genügend gleichgeschaltete„Große Brockhaus" festlegt, aus der i ii d i s ch e» A v o k a l y p t i k, und vorahnend bemerkt er:„Teilweise nationalsoziale Züge trägt der EhiliaSmuS des ausgehenden Mittelalters, besonders zur Zeit der Reichs- refvrmbestrebnna>-n in Deutschland. Trotzdem sich die Be- recknunge» der Chiliasten wiederholt als verfehlt erwiesen, errechneten sie von neuem die Zeit des Anbruchs des tau- sendjährigen Reichs. Diese Erinnerungen sind nützlich, weil sie neneedinae b'weiien. wie in verwirr»«-!) und en»a-gen dem Anichein führerlosen Zei»en sich gleiche mystische Hoffnungen stets wiederh.olen müssen... Tatsachen sind unerbittlich, sie kennen keine tausendjährigen Fristen, die sich nicht einklagen lassen. Es iväre werlvoller, beruhigender und überzeugender gewesen, wenn man wüßte, wie die Führung der Partei und ihres Reiches sich die deutsche Zukunft auch nur in de» paar hundert nächsten Tagen denkt. Tic junge» Leute zugunsten der Familien- väter in den Arbeitsdienst geschickt, noch mehr Notstands- arbeiten, die keinen Ertrag liefern, noch kolossalere Sport- plätze, Bahnhöfe, Autostraßen, all dies bedeutet doch angesichts der vollkommenen geistigen und kommerziellen Iis- lierung keine Rettung. Es füllt nickt die verödeten Häsen, es gibt den Industrien keine Aufträge, cö verschafft den Arbeitern keinen Lobn. B/an hat darüber nichts von Schach» gehör».>im in lieber hätte mau einige bestimmte Erklärungen des Führers vernommen, die gezeigt hätten, daß Deutsch' land sich dieser Notwendigkeiten bewußt ist. Es hilft nichts, sie abzuleugnen, ebensowenig sie nickt zu bemerken, und so- gar ein vielleicht falsche? System wäre da noch weniger be- ängstigend als keines. Proklamationen pflegen den Mnnd voll zu nehmen, aber einstweilen scheint es dock wichtiger, zu wissen, was das große, ratlose, deutsche Boll noch in den Mund wird nehmen können, um sich zu sättigen. Worte haben zu wenig Kalorien- gehalt. Tausend Iabre? Das„nervöse 10. Jahrhundert", das der Führer nach Mussolinis Beispiel ivcnig liebt, gab immer- hin mehr Nahrung und Sicherheit, es war weniger in der Pinckoie befangen als jene Epochen, die tauiendiährigeS Heil aus'ufev Die d-niEO»? Revolution wird offiziell als beendigt erklärt. Revolutionen baben immer nur nach ihren eiaeneu Gesetzen aeendiat, niemals dann, wann es den auaenblick- lichen Bel-tzern der Macht anaene»>m war. und es wir!, viele hr»-»!ae Männer gehen, die das Ende dieser tausend Jahre wohl noch rüstig erleben werden. Rußland Im Völkerband Kein Zweifel mehr Paris, 7. Sept. Anläßlich der Eröffnung der Völkerbunds- sitzung widmen die französischen Blätter ihre Aufmerksamkeit der Ausnahme Svwjctrußlanös in den Völkerbund. Es be- stehe für niemanden Zweifel, daß, trotz Schwierigkeiten einiger Länder, Rußland aufgenommen wird.„P e t i t Parisien": Für die Ausnahme Rußlands kann selbst in letzter Stunde keine Schwierigkeit bestehen, da eine Zwei- drittel-Mchrheit genüge. Andere Blätter schreibe», die Frage eines ständigen Sitzes dürfe nicht aufgeschoben werden, weil Rußland als Großmacht das Recht aus einen ständigen Sitz habe. /»US der Sdiweiz versdileppl Nachricht von entführten Emigranten Zürich, 7. Sept. Wir haben jüngst über die Verschleppung des Emigranten Wilhelm Sprenger berichtet, der von Beauftragten der Gestapo nach Hitler-Dcutschland entführt wurde. Jetzt traf aus Waldshut ein Brief Sprengers vom Sl. August ein, worin der Entführte bittet, man möge ihm Wäsche, Toilettengegcnstände, Fotografien seiner Ange- höriaen»nd die auf der UnglückSsahrt im Taxi versteckte 'Brieftasche zusenden. Gleichzeitig teilt er mit, daß er sich in Waldshut in Schutzhaft befinde. Wie lange, fraat die Basler„National-Zeitung", wird sich die Schweiz die Bespitzlung von Menschen gefallen lallen, die um ibrer politischen ileberze„->"vg willen fliehen mußten und in unserem Land Asyl und Obdach fanden? leni Riefensfahl Die Dirigentin des ,,Parteitag"-Theaters Aus Nürnberg wird berichtet: Der zweite Tag des Nürnberger Parteitages hat einen Zwischenfall erlebt, der den ganzen Wert und Zweck dieses Theaters aufzeigt: In der Luitpoldhalle waren 30 000 Naziführer und ausgesiebte Leute versammelt. 80 000 Personen standen ausrecht, unbeweglich unb erwarteten den Eintritt Hitlers. So standen sie während einer Viertelstunde, weil Leni N i e f e n st a h l. die Ehes-Opcrateurin der Filmkolonne, mit ihren Vorbereitungen nicht rechtzeitig fertig gewor- den mar. Erst als Hitler die Gewißheit hatte, daß das Bild seines Einmarsches der Nachwelt nicht verloren gehen werde, trat er, gefolgt von Streicher, in den Saal ein. Ueberralchung verursachte die Ankunft Görings: er er- 'chien in einfacher brauner Uniform— obne Orden und Dekorationen. Ter Held des„Parteitages" ist neben Hitler zivejellos Streicher, der den Ehrenplatz an der Seite Hitlers einnahm und bei der Abfahrt sich, nach HitlerS Muster, in seinen Wagen stellte und die Menne grüßte. Er hatte einen großen HeiterkeitSerfolg .Frankfurter Zeitung" Der neue Kurs Frankfurt, 6. Sept. Nachdem z» Anfang Juni die Mit- glicder der Gründcrfamilie der„Frankfurter Zeitung.', Simon-Sonncmann, ihre Anteile an der Frankfurter Sozie- täis-Druckerei G. m. b. H., dem Verlage der„Frankfurter Zeitung", an den langjährigen Inhaber der Minorität vcr- kaust hatten und aus Besitz und Leitung des Unternehmens ausgeschieden waren, erfolgt jetzt eine Mitteilung über die finanzielle Durchführung dieser Transaktion. Durch die Beschlüsse der Gcscllschaftsversammlung ist da? bisher zwei Millionen betragende Stammkapital der Gefell- schaft in erleichterter Form äuf 20 000 Mark herabgesetzt worden und sodann wieder um 480 000 Mark aus 000 000 Mark erhöht worden. Es geht hieraus hervor, daß die neuen Inhaber dem Unternehmen neue Mittel zugeführt haben. Als Erwerber des Verlages wurde damals eine süddeutsche Gruvve genannt, die durch den der I. G. Farben- Industrie nahestehenden früheren badisckcn Staatspräsidenten Professor Hummel repräsentiert wird. Fügen wir hinzu, daß die Erben Sonnemanns, die Ange- hörigen der Familie Simon, aus der„Frankfurter Zei- tung" vollkommen ausgeschieden sind. Mit ihnen der Geist der alten demokratischen Tradition. Chefredakteur ist Karl K i r ch e r, mit der Aufgabe, noch etwa? verhärtete Seelen für Hitler zu öffnen. Pas Meieste In Köln stieß ein Autoomnibus am Donnerstagabend mit einem Zuge der sogenannten Gürtelbahn a« be* städtischen Güterbabn zusammen. Dabei wurden zahlreiche Personen verletzt. Secko Personen mußten ins Krankenhaus gebracht werden, acht Personen konnten nach Anlegung vo« Verbänden in ihre Wohnungen entlassen werden. Die Schnld- frage ist noch nicht geklärt. Der zum Tode verurteilte W a ch t b e a m t e H ö l z l, der wegen Beteiligung an der Tötung des Bundeskanzlers D» D o l l s u b zum Tode veruteilt worden war, ist zu lebens- länglichem schweren Kerker begnadigt worden, da Hölzl nicht als unmittelbar Beteiligter an de» Borgängen bezeichnet werde» kann, die zum Tode Dr. Dollfuß führte. Der f ch w e d i s ch e A n ß e n m i n i st e r hat am Donners' tag erklärt, daß Schweden eine Ausnahme Sowjetrub« lands in den Völkerbund befürworte» werde. Der Generalerekntivrat der internationalen Gewerkschaft der Frauenbekleidungsindustrie hat den Streik für das Ge« biet der amerikanischen Baumwollkleiderindustrie beschlossen. Wie aus Kairo aemeldet wird, erlebt Aegypten gegen» uärtig die höchste Nilslut seit übe»- 40 Jahren Der Höhepunkt der Flut valsiert gegenwärtig Kairo und der Wasserstand dürste weitere zehn Tage lang aus der jetzigen Höhe bleibe». Kurz vor dem Glasgower Hauptbahnhos ereignete sich am Donnerstag ein schweres Eisenbahnunglück, durch das ei« Lokomotivführer und ein Heizer getötet und mehr als vierzig •""äste mehr oder weniger schwer verletzt wurden. ******* m* s«r Die Gefahr für die„deufsdie front" Die Bankrotterklärung Schachts in Bad Eilsen und die Veröffentlichung der französischen Saardenkschrift sind beides Ereignisse von außerordentlicher Tragweite für die Saarwirt schaft, ja. sie sind voneinander nicht zu trennen, will mau sich ein klares Bild üher die verheerenden Folgen machen, die für die Saarwirtschaft im Falle eines Sieges der braunen front entstehen werden. Die Denkschrift Borthens befaßte sich bekanntlich mit den -rei Möglichkeiten, die für das Saargebiet nach der Abstimmung in Frage kommen. Wir wollen uns an dieser Stelle speziell mit dem Teil der französischen Denkschrift beschäftigen. der sich in wirtschaftlicher Beziehung auf den Eventualfall einer Rückgliederung bezieht. Es heißt dort u. a.: ..Im Falle einer Rückgliederung der Saar hat Deutschland die Verpflichtung, die Gruben zu einem in Gold zahlbaren Preise zurückzukaufen. Die französische Regierung kann diese Forderung nicht aufgeben und auf den Gruben- besitz nicht verzichten, bevor eine befriedigende Regelung zustandegekommen ist." Am Schluß der Erörterung der Saargruben frage heißt es dann noch:„Die französische Regierung will keinen Zweifel an ihrem Willen aufkommen lassen, den Wert der Gruben zurückerstattet zu erhalten." ferner weist die Denkschrift darauf hin. daß ipi f alle der Rückgliederung auch den privaten Schuldforderungen Rechtung getragen werden müßte, die an der Saar. Personen verschiedener Nationalität besitzen. Außerdem wird in der Denkschrift verlangt, daß die notwendigen Anordnungen getroffen werden, damit die französischen Ranknoten, die im Saargebiet im Umlauf sind, für die Abtragungen der Schulden verwendet werden. Begründet wird diese Forderung damit. daß bei der katastrophalen finanziellen Lage des Reichs die Interessen der Gläubiger gewahrt werden müßten, da es unstatthaft sei, daß die im Saargebiet umlaufenden Franken von der Reichsbank zur Auffüllung ihres Devisenbestandes eingezogen werden. Diese drei Punkte— der Rückkauf der Saargruben, die ff ahrnehmung der Interessen der privaten Gläubiger und die Rückgabe der französischen Banknoten— zeigen, wie ernst die Lage für das Saargebiet sein könnte, wenn es der braunen Front gelingen würde, eine Mehrheit an der Saar zu bekommen. Zunächst einmal sei daran erinnert, daß der Wert der Gruben auf 300 Millionen Goldmark, das heißt auf etwa I Milliarde 800 Millionen französische Franken geschäht wird. Ferner werden die französischen Kapitalien, die seiner Zeit in den großen saarländischen Unternehmungen investiert wurden, unter Hinzuziehung aller französischen Besitzungen im Saareebiet auf über 350 Millionen Goldfranken, also auf ebenfalls 1 Milliarde 800 Millionen Papierfranken beziffert. Aus der französischen Denkschrift geht klar hervor, daß Frankreich sowohl die Bezahlung der 300 Millionen Goldmark für den Rückkauf der Kohlengruben verlangt, als auch auf der Rückzahlung der im Saargebiet gemachten Investitionen in Höhe von ebenfalls 300 Millionen Goldmark auf dem Umwege über die Rückgabe der im Saargebiet sich 'm Umla.f befindlichen Frankennoten besteht. In den verruchten Zeiten„marxistischer Mißwirtschaft" wäre es bei einem Gold- und Devisenbestand der Reichshank son 3 Milliarden Mark durchaus möglich gewesen, diesen die französischen Forderungen nachzukommen. Aber bankrotte Hitler-Regierung ist dazu nicht imstande. Auf der internationalen Konferenz für Agrarwissenschaft in Bad Eilsen erklärte Ende vergangener Woche Hitlers Wirtschaftsdiktator folgendes: „Es wird nicht anderes übrig bleiben, als Deutschland ein mehrjähriges Vollmoratorium zu gewähren. Gleichzeitig wird man die Lasten der Auslandsverschuldung auf ein Maß zurückführen müssen, das nach Ablauf des Moratoriums auf die Dauer getragen werden kann." Schacht verlangt also, daß man dem Dritten Reich bei der Abtragung der Schulden eine Atempause für mehrere Jahre und darüber hinaus eine Herabsetzung der bisherigen Schul- denforderung gewährt. Das Dritte Reich ist im Gegensatz zu der Weimarer Republik von Reparationslasten befreit. Es war außerdem in der glücklichen Lage, durch Entwertung ausländischer Währungen seine Schuldenlast um 4 Milliarden Reichsmark zu verringern. Und dennoch mußte Reichsbankpräsident Schacht infolge der Mißwirtschaft des Hitlerregimes öffentlich den Bankrott des Dritten Reichs anmelden. Wie kann er unter diesen Umständen einer neuen Forderung in Höhe von 600 Millionen Goldmark nachkommen? Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Damit ist aber— darüber müssen sich auch die irregeführten Anhänger der braunen Front im klaren sein— die ganze Rückgliederungsbewegung in Gefahr. Selbst wenn sich die Mehrheit der Saarhevölkerung für die Rückgliederung aussprechen sollte, so ist die praktische Durchführung des Anschlusses zweifelhaft, da das Dritte Reich nicht imstande sein wird, weder die Gruben in Gold zurückzukaufen, noch den privaten Auslandschuldforderungen Rechnung zu tragen. Eine solche Entwicklung würde aber zwangsläufig zu einer Verschärfung der politischen Situation führen, bei der die Saar nichts profitieren, aber sehr viel verlieren wird. Wir erinnern bei dieser Gelegenheit an die Bemerkung der französischen Denkschrift, die bei Nichtzahlung„die völlige, oder teilweise Liquidation der Gruben" vorsieht. Die katastrophalen Auswirkungen dieser Drohung würden für das Saargebiet unabsehbar sein. Im Falle eines Status quo würden alle diese Komplikationen von selbst wegfallen. Die Saarhevölkerung würde darüber hinaus von den Folgen einer Markentwertuug und den Folgen des bereits jetzt beginnenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs des Hitlerreichs bewahrt sein. Auch das Schreckensgespenst des Rentenraubes, mit. dem die braune Front die Renten- und Pensionsempfänger an der Saar für sich gefügig machen will, ist rasch verscheucht worden. Die. Denkschrift Barthous sagt klar und deutlich, daß im Falle, des Status quo..natürlich auch die bereits erworbenen oder zu erwerbenden Rechte auf dem Gebiete der Sozialversicherung und der Pensionen, welcher Art sie auch sein mögen." unter allen Umständen für die Saarbevölkerung gesichert bleiben müssen. Bei der braunen Front h' rscht bereits eine Katzenjammer- Stimmung. So sehr sich auch die gleichgeschalteten Schreiberlinge an der Saar bemühen, das Saarvolk durch eine verlogene Schilderung der Lage im Reich zu verdummen, so sehr kann bereits die Presse im Reich selbst die Wahrheit, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, nicht mehr vertuschen. So schreibt beispielsweise, die„Deutsche Rergtverkszeiiung'' in ihrer Ausgabe vom 2. September in ihrem Leitartikel folgendes: „Auch die Deutschen an der Saar wissen, wenn sie am 13. Januar 1935 ihre Stimme für die Heimkehr ins Reich abgeben, daß sie nicht in ein reiches, mit Glücksgütern gesegnetes Land zurückkehren. Trotzdem werden sie aber für die Rückgliederung ihrer Heimat nach Deutschland stimmen. Die Stimme ihres Blutes treibt sie dazu." „Die Stimme des Blutes", das ist jetzt der letzte Strohhalm, an den sich die braune Front in ihrer Verzweiflung klammert. Das ist das einzige Argument, das ihr noch gebliehen ist. Aber sie sollte lieber von der„Stimme des Blutes" nicht sprechen. Denn das Volk an das Saar wird dabei nur an das Blut lausender deutscher Volksgenossen erinnert, die die braune Mordbestie vergossen hat. Völkerbund, werde hart! Energische Sprache der französischen Presse zur Saar frage A. PH. Pari», 7. September. (Pott unserem Korrespondenten) Man betrachtet Hier die Saarfrage mehr und mehr als das dringendste Problem des Tages. Und weint die französische Presse auch feine Hypothesen über das Abstimmungs- ergebnis ausstellt, so fordert sie doch energisch, daß angesichts der Berichte der Regierungskommtssto» und der sranzö- fischen Denkschrift, aus denen die Unterdrückung der Saar- beoölkerung erfolge, der Nazitcrror hervorgeht, der Bölker- bund rasche und schnelle Entscheidungen über die notmen- digen Abivehrmaßnahmen treffe. Auch in den Kreisen des Völkerbundes, der am ftreitag zu feiner ersten Sitzung zu fammentritt, sieht man diese Notwendigkeit ein. Man weiß dort, so schreibt„P a r i* 5 o i r", daß.suvorkommcn das beste Mittel sei, um zu vermeiden, daß die Abstimmung»- ergebnisse gefälscht würden. Mehr aber noch müsse vermieden werden, daß es zu ernsten Unruhen im Saargebiet in Gestalt eines„Hitleiputschcs" komme, der vielleicht plötz- lich der Kontrolle des Völkerbundes an der Saar ein Ende machen könnte. Auch George» Mareenay beschäftigt sich unter der Ueberschrift„Herr Kiiox, ein interessanter Beauftragter, der seine Schiedsrichterrolle lonal erfüllt" mit diesem Problem. Knox, so heißt es in dem Artikel, kümmere sich weder um die öffentliche Meinung des Saarlandes, noch um die offizielle Ansicht seines Heimatlandes England. Er berichte un- ermüdlich nach Genf, welcher illegalen Handlungen sich die Nazis schuldig machen. Er tue seine Pflicht. Und aus dem mit zerschossenen Tauen hin- und herschwankenden Schiff des Bölkerbundes stehe dieser signalgebende Beamte viel sicherer als die Stabsoffiziere. heut» de Korab äußert sich ini Veitartikel des „M a t i n"(Nr. l848l— n. September! zur Saat frage. Auch er meint, sie sei diejenige i^rage, mit der sich der Völkerbund vor allem zu befassen Hobe. Wenn der Völker- friii Brunei: Gedenktag der Emigration Vor hundert Jahren traf sich eine seltsame Gesellschaft in aris, Rue Montraorency 16, wo der Buchdrucker J. Smith »eine Offizin hatte; deutsche Emigranten, die vom Polizei "sen Metternichs aus Deutschland und Oesterreich gefegt J V ,?. rt' en w aren oder die nach den Aufständen von Güttingen 'Jänner 1831) und Frankfurt(April 1834) hatten flüchten Müssen. Nun saßen sie in Paris, sie hatten sich zu einein Ver- Mtt zusammengeschlossen, der die oppositionelle Presse da- heim unterstützen sollte. Das war den tätigsten unter ihnen '"ie zu kleine Aufgabe. So löste sich denn aus dem„Deutschen Vaterlands-Verein zur Unterstützung der freien Presse" eine Gruppe von Emigranten los, um noch mit anderen Mit- 'ein den Kampf gegen den deutschen Absolutismus zu 'ühren. Die Bedeutendsten in dieser cGruppe waren Jakob Venedey "nd 1 heodor Schuster, einst Privatdozent der Juriprudenz an der Universität Göttingen, nun Student der Medizin in aris. Von den meisten andern, die der neuen Emigranten- ° r ganisation angehörten wissen wir nichts oder nur sehr ^enig. Hätte nicht ein sorgfältiger Spitzel Metternichs genau ■ericht erstattet, wüßten wir kaum die Namen; seltsam «aftmeierisch-sentiraentale Leute waren es. etwa der Lohauer aus Mainz, ehemals Redakteur des„Hochwächter", dessen "eher und Aufsätze nur«ehr bibliophile Sammler kennen, 'der Franz Schlund, ehemaliger Besitzer des„Wächters am Rhein"; ein Aufsatz„An das deutsche Volk" hatte ihm einen Prozeß wegen„Aufruhrstiftung, Hochverrat, Majcstätsbelei- Rgung und ähnlichen Delikten" eingetragen, der mit einer erurteilung mit einem halben Jahr Zuchthaus endete, was 3 neben so manchem heutigen Urteil mild aussieht. Wer 'her weiß noch etwas von Eduard Müller aus Mainz, genannt er deutsche Robespierre? Oder vom ehemaligen Professor er Philosophie Johann Müller? Oder von Rust, ehemals -eutnant in der belgischen Armee? Diese Namen sind leer ■«worden, kein Bild ihrer Träger stellt mehr vor den Augen «s Historikers, wenn er diese Namen liest. Aber aus der Arbeit und den Gedanken dieser Me sehen «Wuchs ein starke Verbindung: der Bund der Geächteten. ■ r mußte ein Geheimbund sein, wenn er nach Deutschland 'i«ken wollte, denn die Metternichsche Polizei war jedem Mitglied des Bundes auf den Fersen. Venedey und Schuster '•ren die Träger des Bundes, der eine Demokrat durch und urch, pathetisch, rhetorisch, stark national; der andere '«"g auf der Suche nach neuen Gedanken, Saint-Simon und "Urier studierend und verarbeitend. Das erste Lebenszei- 'en. das der Bund von sich gab. war ein Manifest, das im 1834 erschien, das„Glaubensbekenntnis eines Geach- st«n". Ein zwiespältige« Dokument, in dem die Gedanken •' deutschen Demokratie, die sich ihrer noch gar nicht he- ußt ist. mit den Gedanken der französischen Sozialisten streiten. Der Anteil Venedeys an diesem Dokument dürfte größer gewesen sein als der Schusters. Es ist von einer Glut und von einem Pathos erfüllt, so stark, daß einzelne Stellen einen noch heute mitzureißen vermögen; aller Zwiespalt des Dokuments wird übertönt von der Gewißheit:„Die Menschen gehen unter, aber das gesprochene Wort der Wahrheit lebt ewig." Im Juli 1834 nun muß es gewesen sein, daß die Offizin J Smith. Paris, Rue Montmorency 16, das erste Heft der Zeitschrift des Bundes herausbrachte:„Der Geächtete." Als Motto steht auf den rotbraunen Heften:„Erlöse uns vom Uebel! Amen!" und später der Zusatz:„Ein Bundesbeschluß verbietet den Geächteten in Deutschland. Es ist ihm sein Recht widerfahren. Wer denselben in Hessen-Darmstadt verkauft, muß 10 Gulden zahlen, wer in Sachsen, 20 Taler Strafe zahlen. Dies zur Nachachtung." Börne und Heine arbeiteten im„Geächteten" mit, aber die Hauptarbeit leisteten Venedey und Schuster. Wieviel Hefte insgesamt erschienen sind, ist nicht mit Sicherheit festzustellen. Länger als bis 1836 ist das Blatt wohl nicht erschienen. Auch über die Verbreitung des Blattes in Deutschland läßt sielt schwer Genaues sagen, aber immerhin konnte sich das Blatt, von Spitzeln sorgfältig beobachtet, etliche Monate laug halten; die deutschen Arbeitervereine in der Schweiz unterstützten es, aber diese Summen waren wohl sehr klein. Nach einem Spitzelbericht geschah die. Finanzierung durch einen von Börne verwalteten Fonds, der auch„kleinere Liederbücher und kleine Dialoge in der Art eines republikanischen Katechismus" vertrieb. Vom Stil des Blattes gebe ein Zitat aus dem im ersten Heft erschienenen„Vorwort an die deutschen Vaterlands- freunde" eine Vorstellung:„Es ist so Brauch und Herkommen, auf dem ersten Blatt einer neuen Zeitschrift ein Glaubensbekenntnis abzulegen. Unsere« steht auf dem Titel und es heißt:„Erlöse uns vom Uebel! Amen!" Es ist die letzte Bitte des Vaterunsers, wir könnten noch manche aus demselben mit anführen, aber wir denken, diese wird ausreichen... in den Thronsälen, in den Fürstenzimmern, in den Ministerstuben und in den Ständekammern Deutschlands wird dieser Spruch, den der Lehrer des Christentums den Armen an Geist vererbte, dereinst die Stolzen erbleichen, die Mutigen erzittern, er wird die Throne wanken und Mauern einstürzen machen... Er sei unser Wahlspruch. Alle, die ihn mit warmem Ernst beten, die ihn in der stillen Hütte des Bauern, die ihn in der engen Stube des Handwerkers, die ihn an dem Altar ihres Gottes, die ihn in den Kerkermauern ihrer Tyrannen in W ahrheit und mit zerrissenem Herzen zum Himmel hinaufsenden, sind unsere Freunde, sie soll unsere Zeitschrift vertreten; für sie soll ihre Stimme sich erheben; und mit ihnen wollen wir rufen:„Erlöse uns vom Uebel! Amen!" Zwischen Theodor Schuster und Jakob Venedey kam« bald zum Konflikt, der die erste Auseinandersetzung zwischen bürgerlicher und sozialistischer Demokratie in der deutschen Geschichte darstellt. Der Bund der Geächteten spaltete sich schließlich, und unter Schusters Leitung schlössen sich die Sozialisten zum Bund der Gerechten zusammen, der der erste in einer Reihe von Bünden ist, die zum Kommunistenbund führt, für den Marx und Engels das„Kommunistische. Manifest" schrieben. Im Juli 1834, vor hundert Jahren, erschien die bedeutendste Emigrantenzeitschrift der ersten deutschen Emigration. Gleichzeitig aber, und das ist ein symbolhaftes Zusammentreffen, erschien in Deutschland die erste illegale Zeitschrift, die es allerdings über das erste Heft nicht hinausbrachte: Georg Büchner und Ludwig Weidig ließen die„erste Botschaft" des„Hessischen Landboten" in Darmstadt erscheinen, die so beginnt: „Dieses Blatt soll dem hessischen Lande die Wahrheit melden, aber wer die Wahrheit sagt, wird gehenkt, ja sogar der, welcher die Wahrheit liest, wird durch meineidige Richter vielleicht gestraft. Darum haben die, welchen dies Blatt zukommt, folgendes zu beachten: 1. Sie müssen das Blatt sorgfältig außerhalb ihres Hauses vor der Polizei verwahren; 2. sie dürfen es nur an treue Freunde mitteilen; 3. denen, welchen sie nicht trauen, wie sich seihst, dürfen sie es nur heimlich hinlegen; 4. würde das Blatt dennoch bei einem gefunden, der es gelesen hat, so muß er gestehen, daß er es eben dem Kreisrat habe bringen wollen: 5. wer das Blatt nicht gelesen hat, wenn man es bei ihm findet, ist natürlich ohne Schuld." Auch im„Hessischen Landboten" steckt der gleiche Zwiespalt wie im„Geächteten". Er konnte aber nicht zu festen Formulierungen führen, denn die Verfolgungen machten ihm ein schnelles Ende, Büchner mußte ins Exil, Weidig in den Kerker, wo er ermordet wurde; 1837 starben beide Verfasser des„Landboten". Der„Landbote" liest sich als wäre er heute geschrieben: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen! Im Jahre 1834 sieht es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft. Es sieht aus. als hätte Gott die Bauern und Handwerker am fünften Tage und die Fürsten und Vornehmen am sechsten gemacht, und als hätte der Herr zu diesen gesagt: Herrschet über alles Getier, das auf Erden kriecht, und hätte die Bauern und Bürger zum Gewürm gezählt." Man muß nur die Jahreszahl ändern, man muß nur„die Fürsten und Vornehmen" durch das Wort„Nazifunktionär" ersetzen und man hat den heutigen Zustand Deutschlands geschildert. Das war 1834, daß die besten Deutschen in die Illegalität und die Emigration gehen mußten. Das war 1834, daß der „Hessische Landbote" das Wort des Mutes und des Trostes fand:> „Bis der Herr euch ruft durch seine Boten und Zeichen, wachet und rüstet euch im Geiste und betet ihr selbst und lehrt eure Kinder beten: Herr, zerbrich den Stecken unserer Treiber und laß dein Reich zu uns kommen— das Reich der Gerechtigkeit. Amen," ©unft nicht sofort Polizeitruppen entsende, so könne man sich darauf gesaßt niachen, daß nicht nur die jetzige Saarregierung gesangen gesetzt und massakriert werde, son- dern daß nach der Abstimmung alle mit einem Kreuz— aber keinem Hakenkreuz— bezeichneten Hauser angezündet und ihre Bewohner ermordet würden. Darum ginge eS. Und Frankreich habe ein Recht, die zögernde Haltung des Völkerbundes zu bekämpfen und den Völkerbund zu warnen, den» nicht Luxemburg und Portugal, sondern Frankreich würde in bezug auf die Saar schwer- wiegende und in ihren Folgen noF nicht zu'übersehende Entscheidungen z» treffen habe». Der Völkerbund möchte, so heißt es in dem Artikel weiter, »on der Saar ablenken. Und das Aufnahmegesuch Rußlands mit seinen 100 0(10 000 Einwohnern in den Völker- bund sei eine ivillkommene Ablenkung.... Aber die Mit- glicder des Völkerbundes müßten sich darüber klar sein, daß es vor dem 13. Januar nicht darum gehe, 100 000 000 Men- scheu zu gewinnen, sondern darum, schleunigst 2000 Menschen nach der Saar zu schicken. Disdiöie fißd Ab§iimman$$komm!ssSo» ftii€ le!g€!fiscHwere zusdirif! an Gen rakcrbund znr Sicherung Ger freien Absümmiing on Ger Soor Genf, 7. September. Die AbstimmungSlommission hat eine Note gegen die Bischöfe von Trier und Speyer an den Generalsekretär des Völkerbundes gerichtet. Die Note, die das Datum vom 24. August 1934 trägt, hat folgende» Wortlaut: Herr Generalsekretär! Die Abstimmungskommission beehrt sich, Ihnen nach- stehendes mitzuteilen und bittet Sie, dem Völkerbundsrat davon Kenntnis zu geben. Am Sonntag, dem 29. Juli 1934, fand in Saarbrücken die „Tagung der katholischen T a a r- I u g e n d" statt, die vom Katholischen Jungmännerverband organisiert war. Aus einem Schreiben des Katholischen Jungmänner- Verbandes an die Regierungstommission vom 21. Juni 1934 und aus der Antwort der Regiernngskommission vom 18. Jult tbeibe Schreiben sind in Abschrift beigefügt) geht hervor, daß die Genehmigung zur Tragung der katholischen Saar- jugend erteilt wurde auf Grund der Beteuerungen der Veranstalter, daß es sich um eine rein konfessionelle Kundgebung handele. Nach einem in der„Saarbrücker LanbcSzcitnng" vom 30. Juli 1934 erschienenen Bericht lAnsschnitt der Zeitung ist beigefügt) wurde der versammelten Jugend folgendes Tele- qramm an den Reichspräsidenten Hindcnburg verlesen: „SO 000 katholische Jungmänuer und Jungmädchcn des Saargebietes, um ihre Oberhirtcn von Trier und Speyer zur katholischen Treuekundgebung in Saarbrücken ver- sammelt, entbieten dem Oberhaupte des Deutschen Reiches aus der deutschen Westmark den Gruß unentwegter Treue. Franz Rudolf, Bischof von Trier, L u d w i g S e b a st t a n, Bischof von Speyer." Die Abstimmungskommission ist der Auffassung, daß die Bischöse von Trier und Speyer— denen doch kaum unbekannt war, daß die Genehmigung zur Tagung nur unter der Be- dingung erteilt wurde, daß es sich um eine rein konfessionelle Kundgebung handelte— mit der Absendung dieses Tele- gramms die von den Umständen gebotene politische Neutralität nicht beobachtet haben. Angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse und wegen der geistigen Macht, die sie ausüben, muß die Einmischung der Bischöfe nach Auffassung der Abstimmungskommission a l s der Freiheit der Abstinimung zuwider- laufend angesehen werden. Dies gibt der Vermutung Raum, daß die katholischen Bischöse durch die von den beteiligten Regierungen ein- gegangenen feierlichen Verpflichtungen nicht gebunden sind. In der Erwägung, daß hier eine Lücke besteht, die der strikten Neutralität der Absttmmungshanölungen abträglich ist, hält es die Abstimmungskommission für ihre Pflicht, den Völkerbundsrat aul die Haltung der Bischöfe von Trier und Speyer aufmerksam zu machen, damit der Rat die ihm gc- eignet erscheinenden Maßnahmen treffen kann. (Genehmigen Tie, Herr-Generalsekretär, die Versicherung meiner Hochachtung. Der Präsident der Abstimmungskommission. gez. A. E. R o d h e. Diese Note ist von außerordentlicher Bedeutung. Sie be- weist, mit welcher Entschiebenheit die Abstimmungskommission die Freiheit der Abstimmung auch gegen die hohen kirchlichen Autoritäten an der Saar zu wahren gedenkt. Das Telegramm an Hindcnburg anläßlich des katholischen Jugendtreffens in Saarbrücken mußte als offizielle oberhirtliche Parteinahme zugunsten der Rückgliederung gewertet werden und ist auch so aufgenommen worden. Jetzt wird die„Lücke" ausgefüllt. Auch die Kirchenfürsten von Trier und Speyer sind verpflichtet, volle Unparteilichkeit zu wahren. Aber die Note geht, wenn man sie genau liest und richtig versteht, noch darüber hinaus. Sie will, daß disziplinarische Maßregeln der Bischöfe aus politischen Gründen unterbunden werden. Seltsamerweise hat sich die gleichgeschaltete früher katho- lische Presse des Saargcbiets zu der Note der AbstimmungS- kommission noch nicht geäußert. Begreiflicherweise! Denn es wirb ihr von jetzt an unmöglich gemacht, die Meinung der Bischöfe autoritativ gegenüber den Katholiken im Ab- stimmungskampfc auszubeuten. „Freudig und freiwillig'' Heß will den Versammlungszwang abschaffen In einem Rundschreiben wendet sich Reichs m i^n i sie r Rudolf Heß, der stellvertretende Führer der N®*"„ gegen die Erzwingung der Teilnahme« Versammlungen durch Kontrollkarten,« weist darauf hin. daß die NSDAP, eine aus freiwillige Mit- arbeit, freiwilligen Gehorsam und verantwortungvvoue Führung aufgebaute weltanjchauliche Organisation fei, oere Mitglieder mehr zu opfern, zu arbeiten und zu kample bereit seien als andere Volksgenossen. Von einem Nation«- sozialsten müsse er daher erwarten, daß er aus seiner irr- willigen Pflicht gegenüber Führer, Bewegung und won ohne irgendeinen Zwang die Folgerungen ziehe und* r m d i g und freiwillig seine Pflichten gegenüber d.m Volksganzcn erfülle. Von den verantwortlichen polnisch Leitern aber müsse er verlangen, daß sie in ihrem Verhaue Vorbild und Führer seien und Veraiistallungen so tityau reich gestalteten, daß jeder Partei- oder Volksgcnonc ßi> ihrem Ruf zur Teilnahme an einer Veranstaltung folge un aus der Teilnahme neue Kraft für die weitere Arbeit schopie- Sei dies nicht möglich, so dürfe um so weniger c>> Zwang zum Besuch derartiger Veranstaltungen auSge im werden, als dieser sich gegen das Ansehen der Beivegu g auswirken müßte und die Teilnehmer dem Nationasioziai mus eher entfremde, als daß er sie für ihn werbe. E r v c- biete daher die weitere Verwendung von Kontrollkarte• Wie in dem Jnformationsorgan der NSBO. icstgem wird, gilt dieses Rundschreiben auch für die Deutscy- Arbeitsfront in vollem Umfang. * Berlin, 4. Sept. sJnprcß.) Das Soudergericht Berlin vtt- urteilte einen Arbeiter anS Gransee wegen„Vorbereitung zum Hochverrat" zu einem Jahr Gefängnis. Breslau,S. Sept. lJnpreß.) 28 kommunistische Arbeiter an-' Glogau wurden vom OberlandeSgcricht Breslau zu Zum hausstrascn bis zu fünf Jahren, zu insgesamt S1 Jahren Kerker verurteilt. Berlin, S. Sept. lJnpreß.) In dem Prozeß gegen die kom- munistifchcn Arbeiter aus Freienwalde wurde der Haupt- angeklagte Fessel zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die übrigen Angeklagten erhielten insgesamt 8 Jahre Zuchthaus. Berlin, S. Sept. lJnvreß.) Das„Volksgericht" verhängt- über zwei thüringische Arbeiter, die illegale Literatur,"* ,c anderem das Braunbuch, aus der Tschechoslowakei einaetuhrr hatte», Zuchthausstrafen in Höhe von je vier Jahren. Weitergeben! weitergeben! Werfen Sie die„Deutsche Freiheit" nach dem Lesen nicht fort. Geben Sie das Blatt an Leute weiter, die der Auf- klärung lind Belehrung bedürfen! M i i Franzosen-Joe Von W. Somerset Maughan Kapitän Bartiett erzählte mir seine Geschichte. Ich glaube nicht, daß es viele Leute gibt, die auf der ,.Donnerstag-Insel" waren. Sie liegt in den Torres Straits und heißt so, weil sie an einem Donnerstag von Kapitän Cook entdeckt wurde. Weil man mir in Sidney sagte, sie wäre das Letzte, was Gott je geschaffen habe, fuhr ich hin. Man sagte mir auch, daß es dort nichts zu sehen gäbe und man mir nur den Hals abschneiden würde. Ich war auf einem japanischen Schlepper von Sidney heraufgefahren und wurde in einem kleinen Boot an Land gesetzt. Es war mitten in der Nacht, und keine Seele war an der Landungsstelle. Einer von den Matrosen, die mich hinübergebracht hatten, sagte mir, daß ich in der Richtung nach links zu einem zweistöckigen Haus kommen würde; das sei das Hotel. Das Boot stieß ab und ich blieb allein. Ich trenne mich ungerp von meinem Gepäck; aber noch weniger gern verbringe ich eine Nacht am Hafendamm auf harten Steinen; ich schulterte also meine Tasche und ging los. Es war stockfinster. Ich schien schon viel mehr als die hundert Meter gegangen zu sein, von denen die Rede war, und glaubte, mich verirrt zu haben, als ich endlich nebelhaft ein Gebäude erblickte, das der Größe nach vielleicht das Hotel sein mochte. Nirgendwo ein Licht, aber meine Augen waren nun bereits an die Finsternis gewöhnt und ich fand eine Tür. Ich entzündete ein Streichholz, konnte aber keine Glocke entdecken. Ich klopfte; keine Antwort. Ich klopfte wieder, so laut ich konnte, mit einem Stock; da öffnete sich oben ein Fenster und eine Frauenstimme fragte, was ich wünsche. „Ich. bin soeben mit der Shika Marü angekommen," sagte ich.„Ich möchte cii. Zimmer." „Ith werde hinunterkommen. 1* Ith wartete noch ein wenig, bis die Tür von einer Frau in einem roten Flanellschlafrock geöffnet wurde. Ihr Haar hing in langen, schwarzen Strähnen Uber die Schultern herab. In der Hand trug sie eine Petroleumlampe. Sie begrüßte mich warm und hieß mich eintreten; eine kleine, rundliche Frau mit klugen Augen und einer verdächtig roten Nase. Sie führte mich hinauf und zeigte mir ein Zimmer. „Setzen Sie sich schön nieder und bevor Sie drei zählen, wird das Bett gemacht sein," sagte sie.„Was wollen Sie nehmen? Ein Schluck Whisky würde Ihnen gut tun, glaube ich. So spät in der Nacht brauchen Sie sich nicht zu waschen, ich werde das Handtuch in der Früh bringen." Und während sie das Bett machte, fragte sie, wer ich sei und was ich auf der Donnerstag-Insel wolle. Sie merkte, daß ich kein Seemann hin— seit zwanzig Jahren kamen alle Seeleute in dieses Hotel— und sie konnte sich nicht vorstellen, was mich hergeführt haben mochte. Oh ich wohl der Mann sei, der hier Sitten und Bräuche erforschen solle? Sie hatte gehört, daß von Sidney einer geschickt werde. Ich fragte, ob derzeit Seeleute da wären. Ja, einer, Kapitän Bartiett; ob ich ihn kenne? Ein seltsamer Vogel und wortwörtlich kein einziges Haar am Kopf; aber Alkohol kann der verschwinden lassen. So, nun war das Bett fertig und ich würde sicher wie ein Stein schlafen und eines, wohlgemerkt! Die Leintücher sind tadellos rein.— Sie zündete eine Kerze an und wünschte mir gute Nacht. Kapitän Bartiett war wirklich ein seltsamer Vogel, aber ohne Bedeutung für meine gegenwärtige Geschichte. Ich machte am nächsten Tage bei Tisch seine Bekanntschaft, im Laufe des Gesprächs erwähnte ich zufällig, daß ich französisch spreche und er bat mich, den„Franzosen-Joe" zu besuchen. „Es wird ein Fest für den alten Burschen sein, wieder mal seine eigene Sprache zu sprechen. Er ist dreiundneunzig, jawohl." Seit zwei Jahren lebte Joe im Spital. Nicht weil er krank, sondern weil er alt und hilflos war. Dort besuchte ich ihn. Er lag im Bett, in einem Flanellpyjama, das ihm viel zu groß war; ein kleines, altes, verrunzeltes Männchen mit großen, lebhaften Augen, einem kurzen weißen Bart und huschigen schwarzen Brauen. Es freute ihn, französisch mit mir zu sprechen. Er sprach es mit dem starken Akzent seiner Heimat-Insel; er war Korse. Er hatte nun so lange unter Engländern gelebt, daß er seine Muttersprache nicht mehr ganz beherrschte. Er gebrauchte englische Worte mit französischen Endungen, sprach schnell, mit großen Gesten und seine Stimme war meistenteils stark und deutlich; dann und wann erstarb sie aber plötzlich, so daß seine Rede wie aus dem Grabe klang. Diese dumpfe, hohle Stimme war mir unheimlich. Er schien mir dann nicht mehr von dieser Welt zu sein. Sein wirklicher Name war Josef de Paoli. Er war von Adel und ein Gentleman. Joe war aus derselben Familie wie der bekannte General de Paoli; aber er zeigte kein Interesse für seinen berühmten Vorfahren. „Wir haben so viele Generäle in unserer Familie gehabt," sagte er.„Sie wissen natürlich, daß Napoleon Bonaparte ein Verwandter von mir war." 1851, also vor achtundziebzig Jahren, trat Joe in die französische Armee ein.— Unheimlich, mich schauderte.— Als Leutnant der Artillerie(„wie mein Cousin Buonaparte," sagte er) hatte er in der Krim gegen die Russen und als Hauptmann 1870 gegen die Preußen gekämpft. Auf seinem kahlen Kopf zeigte er mir eine Narbe von einem Ulanensäbel und erzählte mit dramatischen Gesten, wie er dem Ulanen seinen Säbel so heftig hineinrannte, daß er ihn nicht mehr herausziehen konnte. Aber das Kaiserreich fiel und er schloß sich den Kommunisten an. Sechs Wochen bekämpfte er unter Herrn Thiers die kaiserlichen Truppen. Für mich war Thiers ein Schatten; es war ergreifend und ein bißchen komisch, den Franzosen Joe mit leidenschaftlichem Haß von einem Manne sprechen zu hören, der seit einem halben Jahrhundert tot war. Seine Stimme erhob sich zu einem schrillen Gekreisch, als er die Beleidigungen wiederholte, orientalisch in ihrem Bilderreichtum, die er diesem mittelmäßigen Staatsmann im Senat an den Kopf geschleudert hatte. Franzosen-Joe wurde angeklagt und auf fünf Jahre nach Neu-Caledonien verbannt. „Sie hätten midi erschießen sollen," sagte er,„aber das wagten sie nicht, schäbige Feiglinge." Dann kam die lange Reise auf einem Segler zu den Antipoden und sein Zorn entflammte aufs neue, wenn er von der Schmach sprach, wie man ihn, einen politischen Gefangenen, mit Verbrechern zusammenpferchte. Das Schiff legte in Melbourne an und einer der Offiziere, ein Korse, machte ihm die Flucht möglich. Er schwamm ans Land und meldete sich auf Anraten seines Helfers sofort hei der Polizei. Niemand konnte ihn dort verstehen, aber ein Dolmetsch wurde geholt, seine durchnäßten Papiere geprüft, und er wurde mit dem Bescheid entlassen, daß er in Sicherheit sei, solange er kein französisches Schiff beträte. „Freiheit," schrie er mir zu,„Freiheit!" Dann kam eine lange Kette von Abenteuern. Fr kochte, fegte Straßen, unterrichtete Französisch, arbeitete in den Goldminen, war Vagabund, Hungerleider und kam schließlic nach Neu Guinea. Dort erlebte er das Merkwürdigste. Es trieb ihn tiefer und tiefer ins Land. Es gibt immer noci Kannibalen im Innern und nach hundert verzweifelte! Abenteuern und knappem Entkommen machte er sich zum König irgendeiner wilden Sippe. „Sieh mich an, mein Freund," sagte er,„ich. der ich hier auf einem Spitalbett liege, aus Barmherzigkeit aufgenommen, herrschte als König, soweit mein Auge reichte. Ja, das ist schon was, sagen zu können, ich war ein König." Aber gelegentlich geriet er in Gegensatz zu den Briten und seine Würde wurde ihm genommen. Er floh und fing wieder von vorne an. Es ist offenbar, daß er ein Mann von Begabung war, denn er brachte es am Ende zu einer eigenen Flotte von Perlenfischern auf der Donnerstag-Insel. Er schien nun, als ältlicher Mann, einen friedlichen Hafen gefunden zu haben und einem glücklichen und achtbaren Alter entgegen zu gehen. Da zerstörte ein Orkan seine Schiffe. Er war ruiniert und erholte sich nicht wieder. Er war zu alt, um frisch zu beginnen und brachte sich seither recht und schlecht fort, bis er endlich, besiegt und geschlagen, den gütigen Schutz des Hospitals annahm. „Warum aber kehrten Sie nicht nach Frankreich oder Korsika zurück? Schon vor einem Vierteljahrhundert wurde eine Amnestie für die Kommunisten erlassen." „Was sind mir Frankreich und Korsika nach fünfzig Jahren? Ein Vetter von mir hat sich meines Besitzes bemächtigt. Wir Korsen vergessen und verzeihen nie. Wäre ich zurückgekehrt, ich hätte ihn töten müssen, und er hatte doch Kinder." „Komiseher, alter Franzosen-Joe," lächelte die Krankenschwester, die am Bettende stand. „Auf jeden Fall aber war es ein herrliches Leben,' sagte ich. „Nie, niemals. Es war ein schreckliches Lehen. Mißgeschick verfolgte mich, wohin ich auch meine Schritte lenkte. Und jetzt, sehen Sie mich doch an, tauge ich zu nichts, nur noch fürs Grab. Ich danke Gott, daß ich keine Kinder habe; damit sie den Fluch nicht erben, der auf mir lastet." „Aber Joe, ich dachte, Sie glauben nicht an Gott," sagte die Pflegerin. „Stimmt. Ich bin Skeptiker. Ich konnte im Gang der Dinge niemals eine sinnvolle Absicht entdecken. Wenn das Universum von einem Wesen gelenkt wird, dann kann es nur ein verbrecherischer Geistesschwacher sein." Er zuckte die Achseln.„Ich bleibe nicht mehr lang auf dieser schmutzigen Welt und dann werde ich mich selbst überzeugen, was an der ganzen Geschichte wahr ist." Die Schwester meinte, daß es schon Zeit sei, den alten Mann zu verlassen. Ich ergriff seine Hand und nahm Abschied. Ich fragte, ob ich etwas für ihn tun könne. „Ich brauche nichts, ich will nur sterben." Er zwinkerte mir mit seinen glänzenden, schwarzen Augen zu.„Aber bis dahin wäre ich Ihnen für ein Paket Zigaretten dankbar." ®rutsdke Stimmen•(Beilage zur„SPeutsdken^reiAelf• treigntsse und Qescfkidkten Samstag, den S. September 1934 Das uiie flatäziecuisppea v™ Aauc Seetet Amd verdächtig, Juden zu sein." ."Wer die Juden sammeln will, muß predigen, wie es schon einmal geschehen ist:„Kommt her zu mir alle, die ihr müh- Se'ig und beladen seid." Ja, es ist wahrhaftig eine Mühsal, j® solcher Haut zu Stedten, die aus Negern, Asiaten und Europäern zusammengeflickt ist, es ist furchtbar, ein Jude Zu sein.. "Man betrachte religiöse Wahnsinnsepidemien wie die Vl euz*üge, sie sind jüdisches Fabrikat." Weltgeschichte „Wäre dem Juden Rathenau nicht, als er damals bei den Gardekürassieren seinen Dienst beendet hatte, die Beförderung zum Reserveoffizier versagt worden, so hätte der Weltkrieg ein anderes Ende genommen.' 8 Wissenschaft flieht Deutschland Die kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg hat Deutschland verlassen und ist nach London übersiedelt.— Das von dem bekannten Sinologen Wilhelm auf so hohe Stufe gebrachte China-Institut an der Universität Frankfurt am Main verliert jede Bedeutung. Seit dem Tode Wilhelms und dem Anbruch des Nazismus geht es unaufhaltsam bergab. Wilhelm hatte bekanntlich den Plan, in Frankfurt eine große internationale sinologische Bibliothek zu errichten. Die Vorarbeiten hierfür waren nahezu abgeschlossen, als der Rassewahnsinn zur Herrschaft kam. Nun wird allerdings die große internationale sinologische Bibliothek in Europa errichtet, nicht in Frankfurt am Main, sondern in Genf. Dort treffen bereits die für die Bibliothek bestimmten Bücher ein, ein großes Gebäude wurde bereits gemietet und demnächst soll ein großer Neubsu für das Genfer China Institut errichtet werden. Ein braunes Blatt schreibt:„Der bevorstehende Reichsparteitag wird wieder wie der vorjährige... durch einen besonderen Großfilm festgehalten werden. Dieser Sonder- Tonfilm soll sogar einen noch großartigeren Rahmen erhalten als der erste... Auch die bildliche Gestaltung wird sich von dem vorjährigen Film unterscheiden.(Es werden nämlich einige Röhmer nicht zu sehen sein.) Die künstlerische Oberleitung wird wieder in den Händen von Leni Riefenstahl liegen. Die Künstlerin war, um die Vorbereitungen für den Film zu treffen, persönlich in Nürnberg und hat mit dem Führer sowie mit dem Stabschef Lutze über das große Filmprojekt gesprochen... Der kommende Film wird noch bedeutendere Aufgaben als der erste schon deshalb zu erfüllen haben, weil der diesjährige Reichsparteitag noch mehr als der vom vergangenen Jahre eine gewaltige Kundgebung des siegreichen Nationalsozialismus, nachdem inzwischen Ungeheures geleistet worden ist, darstellten. Der Film wird, um den beabsichtigten Zweck vollends erfüllen zu können, auch Motive aus anderen deutschen Gauen, also abseits von Nürnberg, enthalten."— Man sieht, die Steigerungsformen der deutschen Grammatik reichen nicht mehr aus. Die deutsche J&iichecei macht mit Die Kunst der Agitation Die Deutsche Bücherei in Leipzig, die bis zum Anbruch der Gangstcrei unpolitisch und sauber geführt wurde, ist nun in die Naziagitation eingebaut worden. Sie beteiligt sich durch Sonderausstellungen an der Verseuchung. So wird in Fachblättern angekündigt!„Aus Anlaß des Kolonialen Gedenkjahres veranstaltete die Deutsche Bücherei eine Ausstellung des deutschen kolonialen Schrifttums. Sie zeigte an Hand von Büchern, Broschüren, Zeitschriften, Landkarten, handschriftlichen Skizzen und Tagebüchern die großen kolonisatorischen Leistungen des deutschen Volkes." Oder: „Für eine Sudetendeutsche Ausstellung im Rahmen der Ausstellung ,Deutschtum im Kampf' im Grassi-Museum in Leipzig hat die Deutsche Bücherei eine Auswahl aus dem reichhaltigen Schrifttum der Sudetendeutschen zqr Verfügung gestellt."— Gleichzeitig bettelt die Deutsche Bücherei in der ganzen Welt um Bücher. Gustav Kirstein Im Februar starb in Leipzig einer der bedeutendsten deutschen Verleger und Bibliophilen, Gustav Kirstein. Der Mann hat um die Entwicklung des deutschen Buchhandels so viel Verdienst erworben, daß selbst die Nazipresse nicht umhin kann, nach uncT nach ihm einige Worte ins Grab nachzurufen. Die„Zeitschrift für Bücherfreunde", verlumpt und vernazit, schließt ihren Nachruf für den 64jährigen so:„Das Jahr des deutschen Umschwungs legte dem sonst vom Glück so Begünstigten manchen schmerzlichen Verzicht auf und trübe Schatten fielen auf seine Hoffnungen. So legte er auch den Vorsitz im Leipziger Bibliophilenabend nieder, der sich seitdem noch nicht wieder zusammengefunden hat. Auch Kirsteins rascher und leichter Tod gehört zu den Glücksfällen seines Lebens."— Woraus man ersehen kann, daß Kirstein— Jude war. Die Formulierung ist wert, aufbewahrt zu werden, auch als ein Zeugnis dafür, mit welchem Zynismus das„dritte Reich" zugibt, daß ein rascher und leichter Tod für einen Juden als Glücksfall zu betrachten ist. Und das im Zentralblatt einer Dibliophilie a die ohne Juden nicht bestehen könnte! Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Die letzten Märtyrer Von Valerius Brjussus Diesen Brief schrieb mir mein unglücklicher Freund Alexander Athanatos nach seiner wunderbaren Rettung als Antwort auf meine dringenden Bitten, jene fabelhaften Szenen zu beschreiben, als deren einziger lebendiger Zeuge er verblieb. Den Brief fingen die Agenten der zeitweiligen Regierung ab und vernichteten ihn als ein schädliches und sittenloses Werk. Erst nach dem tragischen Tode meines Freundes, als mir alle seine hinterlassenen Sachen zugestellt wurden, fand ich inmitten seiner Papiere das Konzept zu dieser Erzählung; alsdann erfuhr ich denn auch das Schicksal des eigentlichen Briefes. Diese wahrhafte und, soweit ich beurteilen kann, vorurteilslose Geschichte eines der charakteristischen Begebnisse, welche im Beginne jener riesigen geschichtlichen Bewegung, die ihre Anhänger heute die„Weltrevolntion" nennen, vor sich ging, braucht man. schätze ich. nicht dem Vergessen anheimzugeben. Die Niederschriften Alexanders illustrieren natürlich nur einen winzigen Teil des, was in der Hauptstadt an jenem denkwürdigen Tage des Aufstandes geschah, sind dafür aber für einige Fakten die einzigen Quellen, aus der künftige Historiker ihr Wissen schöpfen werden. Das Bewußtsein dieses Umstandes, schätze ich, veranlaßte den Autor, seine Worte mit besonderer Aufmerksamkeit zu wägen, und, ungeachtet eines gewissen blütenreichen Stiles, im Rahmen strengster historischer Wahrhaftigkeit zu bleiben. Zum Schluß kann ich nicht umhin, jenem Lande, das mir ein Asyl bot, meine Dankbarkeit auszudrücken und meine Freude darüber, daß es auf der Erde noch einen Ort gäbe, wo sich die Freiheit des gedruckten Wortes bewahrte und wo man ruhig Meinungen aussprechen könne, die nicht unbedingt zu einer Lobpreisung der zeitweiligen revolutionären Regierung neigen. ..Du weißt, daß ich, wie viele, dem Ausbruche der Revolution völlig unvorbereitet gegenüberstand. Allerdings gingen dunkle Gerüchte, es wäre zum Neujahrslage ein allgemeiner Aufstand angekündigt, aber die letzten unruhevollen Jahre lehrten uns, solche» Warnungen nicht besonders zu trauen. Die nächtlichen Ereignisse kamen für mich völlig unerwartet. Ich hatte beschlossen, das neue Jahr nicht zu feiern, und arbeitete ruhig in meinem Zimmer. Plötzlich versagte die elektrische Leitung. Bevor ich noch eine Kerze anzünden konnte, hörte ich hinterm Fenster das hölzerne Knattern von Schüssen. Man hatte sich schon an diese Töne gewöhnt, und ich zweifelte nicht. Ich zog midi an und ging auf die Straße hinaus. Im völligen Dunkel der Winternacht konnte ich eine große Volksmenge, die auf der Straße auf- und abwogte, mehr erraten als sehen. Die Luft war ein Getöse von Schritten und Stimmen. Das Schießen verstummte nicht und mir kam es vor, als bohrten sich die Kugeln in die Wand dicht über meinem Kopfe. Nach jeder Salve freute ich mich, daß der Tod noch vorübergegangen. Doch die Neugier des Zuschauers überwog die Fordet. Ich zögerte an der Haustür in einem Haufen ebenso unschlüssiger Beobachter, wie ich es war. Wir tauschten kurze Fragen aus. Plötzlich, wie ein durchs Wehr gebrochener Strom, stürzte auf uns eine Menge von Menschen zu. die schreiend in panischer Angst liefen. Wir mußten entweder mit ihnen laufen oder zertreten werden. Auf dem Ruhmesplatz sab ich midi wieder. Das Rathaus brannte und des Feuerschadens Schein beleuchtete die Umgebung. Ich erinnerte mich an einen Vers Vcrgils: daut clara incendia lucein. Du kennst den Umfang dieses Platzes. Und sieh, er war so voll, daß es schwer wurde, sich zu bewegen. Ich glaube, dort waren mehrere hunderttausend Menschen. Die vom flüchtigen roten Feuer beschienenen Gesichter waren seltsam und unkenntlich. Ich fragte viele, was geschehen sei. Es war amüsant, eine Reihe sich widersprechender und unglaublicher Antworten zu hören. Einer sagte, daß die Arbeiter alle wohlhabenden Leute totschlügen. Ein anderer, daß die Regierung alle Nichtvermögenden ausrotte, um der revolutionären Bewegung ein Ende zu machen. Ein dritter, daß alle Häuser unterminiert wären, und eine Explosion der anderen folge. Ein vierter wollte mich davon überzeugen, daß dieses gar keine Revolution sei, sondern ein furchtbares Erdbeben. Und um diese Zeit, als auf dem Platz vor dem Feuerschein fast ein Viertel der Stadteinwohner plaudernd, verwundert, erregt sich drängte, geschah eben jenes furchtbare Ereignis, von dem du durch die Zeitungen hörtest. Der dumpfe Donner von Geschützsalven tönte, ein feuriger Strich zerschnitt das Dunkel und ein Explosivkörper fiel mitten in die dichteste Ansammlung der Leute. Neues Kreische» übertönte den Lärin und betäubte fast wie ein körperlicher Schlag. Doch im selben Augenblicke explodierte eine zweite Granate. Dann wieder, wieder und wieder... Das ratlose Ministerium hatte dem Kommandanten der Zentralfestung befohlen, auf alle Volksansammlungen zu schießen. Wieder begann ein sinnloses Fliehen. Inmitten der springenden Granatensplitter, im drohenden Donner der Geschütze, in welchen die durchdringenden Schreie der Verwundeten drangen, taumelten die Leute zwischen Steinwänden hin, traten auf Gefallene, schlugen die Im wegstehenden mit Fäusten, kletterten auf Fensterbretter, auf Laternen, fielen aufs neue hinab und verbissen sich vor Wut mit den Zähnen in den Füßen der Neben anstehenden. Dies war Schrecken und Chaos, war Hölle, in der man verrückt werden konnte. Auf welche Weise ich auf den Nordischen Boulevard hinausgestoßen wurde, weiß ich nicht. Hier begegnete mir eine Abteilung der Revolutionären. Es waren nicht viele, etwa dreihundert Menschen, nicht mehr, doch es waren organisierte Truppen vor der bestürzten Menge. Um einander zu erkennen, trugen sie ihr Abzeichen: eine rote Binde auf dem Arm. Ihre gemessene Bewegung hielt den Menschenstrom auf. Das sinnlose Fliehen hielt ein, die Menge beruhigte sich. Beim Lichte der Pechfackeln, das alles Umgebende ungewöhnlich und unzeitgemäß erscheinen ließ, erhob sich irgendein Mensch auf den Sockel der Statue des Nordens und machte ein Zeichen, daß er sprechen wolle. Ich stand ziemlich weit, eng an einem Baum gedrückt, und konnte daher nur den allgemeinen Sinn der Rede hören. Die einzelnen Worte erstarben, ohne bis zu mir zu fliegen. Der Redner rief zur Ruhe. Erklärte, daß der friedliche Lauf des Lebens nicht gestört würde und daß keinem der Bürger eine Gefahr drohe. Daß im ganzen Lande um diese Stunde dasselbe vor sich ginge wie in der Hauptstadt: überall ginge die Regierung zeitweilig in die Hände der Milizstäbe über. Daß nur eine geringe Zahl von Leuten gerichtet würde,— alle die der gestürzten..uns allen gleich verächtlichen" Regierung anhingen. Daß über diese Leute das Urteil des Geheimen Gerichtes schon ausgesprochen sei. Zum Schluß sagte der Redner noch einiges von dem Tage, den man Jahrtausende hindurch erwartet hätte, von der endlich erkämpften Freiheit des Volkes. Im allgemeinen war die Rede eine der allergewohnlichsten. Ich dachte, die Menge würde den Schwätzer herunterreißen, ihn verjagen wie einen Narren, der in den Minuten der Gefahr lächerlichen Blödsinn treibt. Doch von allen Seiten hörte ich ungestüme Schreie der Zustimmung. Die noch vor einem Augenblick schwankenden, fassungslosen, verzagten Leute verwandelten sich plötzlich in eine ganze Armee sinnloser und sich aufopfernder Aufrührer. Den Redner trug man auf den Händen, dabei die Revolutionshymne anstimmend. Na fühlte ich plötzlich die Notwendigkeit, zu sein nicht in der Menge, aber mit Menschen, die gleich mir denken, mit Freunden. In meiner Seele erstand das Bildnis des Domes, und ich begriff, daß in dieser Nacht der Platz eines jeden Gläubigen neben jenen Symbolen sei. die unsere Anbetung schon zum Heiligtnrae gemacht hatte. Ich lief auf dem Boulevard so rasch als ich es nur inmitten der allgemeinen Bewegung konnte. Und schon waren überall die Milizen, welche, da sie die elektrische Leitung noch nicht herzustellen wünschten, eine Beleuchtung aus Fackeln inszenierten. Patrouillen schritten vorüber, die sich um die Ruhe bekümmerten. Hier und dort bemerkte ich kleine Meetings in der Art von jenem, dem ich beiwohnte. Irgendwo ferne dröhnten zuweilen noch Salven. Ich bog in den dunklen Gerichts-Prospekt ab, und. mich allmählich an den Weg inmitten des Labyrinthes alter Gaß- dien erinnernd, tastete ich mich bis zum Eingang unseres Domes durch. Die Türen waren geschlossen. Ringsum war es menschenleer. Ich klopfte an die Türe auf die gewohnte Art und man ließ mich ein. Die Treppe wurde von einer Lampe nur schwach erhellt- Und ganz wie Schatten in einem jener Kreise der Dante- sehen Hölle drängten die Menschen sich, und stiegen hinab und hinauf. Das halbe Dunkel veranlaßte alle, zu flüstern. Und fühlbar war die Anwesenheit eines Druckes in all dem leisen Gespräch. Ich bemerkte Bekannte, hier waren Hero und Irene und Adamant und Dmitri und Lycius und alle und alle. Man begrüßte sich mit mir. Ich fragte Adamant: ..Was denkst du von all diesem?*' Er antwortete mir: ..Ich denke, dies ist das Ultimatum. Dies ist das endliche Scheitern jener neuen Welt, die, vom Mittelalter an gerechnet, etwa drei Jahrtausende währte. Dies ist die Aera neuen Lehens, welche unsere Epoche mit den Zeiten des russisch- japanischen Krieges und den Feldzügen Karls des Großen im Sachsenlande in ein ganzes vereinigen wird. Wir aber, alle wir zwischen den zwei Welten werden von diesen gigantischen Mühlsteinen zu Staub zermalmt werden." Ich ging nach oben. Der kaum beleuchtete Saal des Domes schien noch riesiger zu sein. Die Winkel verlängerten sich ins Unendliche. Die Symbole unserer Feierlichkeiten wuchsen geheimnisvoll und verzerrt aus der Finsternis. Im halben Lichte standen Gruppen von Menschen. Irgendwo war eines Weib s hysterisches Weinen. Man rief mich an. Es war Anastasia. Sie saß auf dem Fußboden. Ich ließ mich neben ihr hin. Sie ergriff meine Hand, sie, die gewöhnlich so verhaltene, selbst in den Stunden der Saturnalien, warf sich aufschluchzend an meine Brust und sagte: „Und so ist alles aus, das ganze Leben, die ganze Möglichkeit, zu leben. Lange Geschlechter, Hunderte von Geschlechtern bereiteten meine Seele vor. Ich kann nur in der Pracht leben und atmen. Ich bah' Flügel nötig, kann nicht kriechen. Ich muß über den anderen sein, ersticke, wenn allzuviele neben mir sind. Mein ganzes Leben liegt in jenen überzarten, jenen verfeinerten Erlebnissen, welche nur die Höhe ermöglicht! Wir. Treibhausblüten der Menschheit, müssen ja in Wind und Staub vergehen. Und ich will nicht, ich will nicht eure Freiheit und Gleichheit! Ich will lieber eure verschlagene Sklavin sein, als ein Genosse eurer Brüderlichkeit!" Sie schluchzte und. ihre kleinen Fäuste ballend, drohte sie jemand. Ich suchte sie zu beruhigen, sagte, daß es noch zu früh wäre zu verzweifeln, unvernünftig, dem ersten Eindruck sich hinzugeben. Die Revolutionäre übertrieben natürlich ihren Sieg. Vielleicht würde morgen die Regierung sie auf» neue unterbekommen. Vielleicht wäre ihnen in der Provinz der Umsturz gar nicht gelungen... Doch Anastasia hörte mich nicht. Plötzlich kam alles in Bewegung. Viele standen auf und andere hoben die Köpfe. Licht irrte— und vor dem Altar stand Theodosius. Zwei Diakonissinnen in weißen Gewändern trugen wie immer die hohen Leuchter vor ihm her. Er selbst war in schneeweißem Chitone, seine dunklen Locken fielen über seine Schultern, sein Gesicht war sehr ruhig und sehr streng. So stand er vor dem Altar, breitete segnend seine Hände und sprach. Seine Stimme drang in die Seele wie Wein. (Fortsetzung folgt.) n Der Evangelist Johannes Von Carl Hauptmann (Schluß) Hier war plötzlich ein kleines Kircheninneres gezeichnet. Vor dem Altar lag auf den Knien ein Mann, offenbar ein bärtiger Mann, vor einem bärtigen Geistlichen. Und eine kleine Gemeinde von Frauen und Männern stand neben dem 1 aufstein. Dann war auf einer anderen Seite fortgefahren. „Ich galt Euch ja schon als Philosoph... mich umgab schon Ruhm... die Ehre eines jungen Weisen... sogar schon die Ehre eines sich religiös erneuernden Lebens... Ihr saßt ja dann in der kühlen Kirchenwölbung und sangt mich Juden gläubig mit Euren heiligen Frauenstimmen... und mit Euren reinen Frauentränen wuscht Ihr mich rein zum Evangelisten Johannes, der vor dem Altare kniete... hahahalta ... so ein heiliges Bild für dreitausend Teufel, daß sie gleich in ein schreiendes Wiehern über Euch barmlose Duselanten ausgebrochen wären... denn meine Lüge behielt ich doch für mich... das glühende Eisen der Lüge hatte ich quer durch mein Herz gespannt... und war ausgestoßener wie ein Dämon... wie ein dreimal verachteter Selbstverächter... den es dann mit Jammergeschrei ruhelos durch alle Lande trieb... fort... fort... durch Italien... durch Frankreich ... ein Sträfling... der allen Wahn weggeworfen... weder Jude noch Christ.. die jämmerlichste, feigste Lüge... die mit der Scheuheit des hitzigen Tieres in den Wäldern sich verkroch... wo Gendarmen sie griffen... immer die jagende Not als Weggenossen... immer auf der Flucht... vor Euch allen... auch vor Dir, Du gütigste aller Mütter... damit Du nicht noch einmal an dem räudigen Hunde zur Samariterin würdest... oh. Du herrliche, betrogene Mutter!" Der junge Arzt las mit Leidenschaft. Die Selbsterkenntnisse waren mit großem Pathos verfaßt. In einer Hülse unter dem Umschlag des Buches fand sich auch noch ein Zeugnis vor. Offenbar ein Zeugnis aus einer Anstalt für Mission. Der Name„Evangelist Jobannes" stand unversehrt. Aber der bürgerliche Name war auch hier ausradiert. Und dabei stand sehr geordnet:„Stellung als Evangelist einfach verlassen. Besser ins Namenlose untertauchen. Die Lüge hat meinen Namen erwürgt. Die Feigheit hat meinen Namen erwürgt!" Auch das Datum war unversehrt und zeigte, daß sein Wandern vor etwa anderthalb Jahren erst begonnen hatte. Es waren auch allerhand Insekten, Käfer und Spinnen, und ein paar Schmetterlinge sehr peinlich und genau in ihren Flügelzierden in dem Buche am Schluß abgebildet. Und auf den letzten Seiten fanden sich mit sehr unleserlicher Schrift verwirrter immer dieselben Bekenntnisse. Noch einmal stand ganz klar: „Kein Außen... kein Innen... alles in einem Blute... das Fieber, das wie ein Natterngeschwür das Leben zerfrißt, ist Blüte und Frucht der Lüge." In diesem Sinne drehten sich alle seine Bekenntnisse nur immer um die eine Pein, daß er seinen Heimatgebern sogar bei seiner Taufe die niedrigste Schmach seines Lebens verschwiegen hatte. Als der Arzt die Lektüre beendigt hatte und sofort wieder in das Krankenzimmer zurückging, begann gerade der verzehrte Mensch im Bette Worte herauszuschreien. bin noch hier... Mutter... Mutter... erscheine... jetzt bekenne ich... jetzt bekenne ich!" so schrie er. Und wie man versuchte, ihm ein Medikament nahezubringen, geriet er in Jähzorn.„Fort... fort... ich will die Lüge nicht trinken... ich will die Lüge nicht trinken... jetzt entweiche ich... Du süßeste, hunderttausendmal betrogene Mutter.■• Dein Glaube wächst jetzt in mir... erscheine... ich bin Johannes... erscheine... erscheine... jetzt bekenne ich.." Und immer gewaltiger schrie er:„Schwären am Leibe Brüche... und Lüge... dreimal verflucht... erscheine.•• erscheine... nun bin ich doch dein Sohn... nun bin ich doch der Evangelist Johannes... jetzt wird endlich Wahrheit!..." so schrie jetzt der Kranke mit einer ganz monumentalen, unheimlichen Feierstimme. „Oh du gläubige Mutter... oh. du gesegnete Mutter... oh, du herrliche, betrogene Mutter... Du bist dort... ich Dabei hatte er versucht, sich im Bette vollends aufzurichten, und begann nun laut in die Luft hineinzubeten. Aber bald vermochte er doch die Worte wieder nicht mehr in Grenzen zu halten. Und er schrie neu:..Fort der Sträfling.•• fort der Dieb... fort der Feigling... fort das Leben.•• erscheine... fort die Lüge... erscheine... ich bin jetzt die Wahrheit... jetzt bekenne ich!" Schließlich gab der Arzt Anordnung, daß man ihn mit einer Einspritzung ruhig machte. Aber es war eine gewaltige Sterbensgeste. Niemand konnte im Zweifel sein, daß man einen Befrei'*n, keinen demütigen, mit Lüge beladenen Mann mehr vor sich hatte. Einen, der mit triumphierender Gebärde das Staub- gewand von sich warf. Bis dann der Schrei an seine allergütigste, hundertmal betrogene Mutter, die er noch immer herzurief zu seinem Siege, noch ein paarmal lallend aus ihm ausging, wie da« Betäubungsmittel endlich wirkte. Dann war der verwahrloste Heilige tief In Schlaf gesunken ohne noch einmal wieder zu erwachen Palästina, das erlaubte Land Tapferkeit und Opfer der judischen Pioniere Im Verlag des„Europäischen Merkur" ist ein neues Werk:„Palästina, das erlaubte Land" von Joseph Amiel erschienen. Ein Buch der Praxis, ein Buch von 1934. Wir bringen hier einige interessante Auszüge: Die Frauen hauen es schwer Ach, die Einwanderer aller Schichten haben sich an so * le' es hiei zu gewöhnen! Die Frauen haben es noch schwerer. • lann und Kinder sollen doch ihre Ordnung haben. Möglichst bald. Aber wenn erst einmal eine Wohnung gefunden j**— ein Kapitel für sich—, das Zimmer für die ganze eamilie, mit Fliesenfußboden und den praktischen Eisenbettstellen des Südens, dann muß sie lernen, den Petroleumkocher zu bedienen, den allmächtigen„Primus", eine ebenso Nützliche wie für den Anfänger heimtückische Maschine. Tie ffluß lernen, Wäsche mit kaltem Wasser zu waschen oder im Hof das Holzfeuer unter dem Wäschetopf zu bedienen. Sie muß versuchen, die vielen hygienischen Regeln zu beachten, die man ihr für die veränderte Kost und das warme Klima erst in Europa und dann hier gegeben hat. Die Europäer haben zum Beispiel viel mehr Angst vor ungekochtem Trinkwasser als die Eingeborenen, und viel mehr Vertrauen zu dem„Gasos", dem kohlensäurereichen Sodawasser, das man hier kauft, und das wahrscheinlich mit Gas vollgepumptes Leitungswasser ist. Viele sind der fatalistischen Doberzeit- Rnng. man müßte eben erst einmal krank werden, wenigstens Hauchschmerzen haben, ehe man sich eingewöhnt. Und dann müssen sie einkaufen und können die Sprache nicht. Denn hebräisch hat man in Deutschland nur in Ausnahmefällen überhaupt und niemals genug gelernt, um sich 1 m Alltagsleben zu verständigen. Die Leute in den Städten 'her, besonders in Tel-Aviv, können zwar fast alle deutsch "der doch wenigstens jiddisch, das für Deutsche bei einiger Hebung rasch verständlich wird. Aber erstens gibt es auf M'rkt und Straßen auch arabische Stände, mehr noch Jemeniten, die zwar bei ihrer verblüffenden Sprachbegabung sehr •"'seh ein paar deutsche Worte aufgeschnappt haben, nur noch nicht genug, um das Zutrauen der meist verschüchterten Käuferinnen zu erwerben. Zweitens aber haben nicht alle Juden Lust, auf eine deutsche Frage ohne weiteres zu antworten. Die Neulinge, die Takt und Einsicht genug haben, um zu wissen, daß Hebräisch die Landesprache ist und sie verpflichtet sind, sie zu erlernen, fangen ein Gespräch mit einer freundlichen Bitte um Nachsicht an. Dann ist man rührend bereit, zu reden und zu belehren. Gruß, Dank und Bitte, wenn möglich Zahlen und die Benennungen der einfachsten Gegenstände sind erlernbar— während die richtige Anwendung auch nur der männlichen und weiblichen Formen für Zahlwörter nach Wochen noch meist unmöglich erscheint •Manche Deutsche halten es deshalb für feiner und bequemer, 'n dem englischen Mandatsgebiet ihre englischen Schul- benntnisse zu verwenden. Aber damit können sie. bös an- F cken. Nicht, weil die Juden der englischen Regierung besonder« wenig geneigt wären. Sondern sie finden(und sie haben recht), daß der deutsche Jude sein soll, was er ist: deutsch und ungeschickt und neu, und sich Mühe gehen muß, hebräisch zu lernen. Außerdem imponiert sein bißchen eng- Lsch und französch hier keinem Menschen, weil eigentlich jeder vier bis fünf Sprachen sowieso beherrscht. Dies ist Orient— die nahe Levante. Abgesehen von dem Talent der Rasse. „Sie werden es lernen," sagen die Palästinenser, tröstend, ermunternd und manchmal als Erklärung bei allen möglichen Gelegenheiten. Sie werden vieles lernen. Sie werden die kleinen Feinde ihres Alltags intimer kennen lernen, den Sand in Tel-Aviv, den Wassermangel in Jerusalem, die Sand- f'egen in Haifa— sie werden dafür dankbar merken, wie "hon es ist, daß die Wäsche in zwei Stunden trocken ist "nd der Fliesenboden in zwanzig Minuten sauber gespült. Den ganzen Winter Fliegen, den ganzen Winter frisches Ge- Weise gibt es— gleicht sieh das aus? Man braucht keine Kohlen, aber Eis. Man heizt keinen Ofen, aber das Bad, *°fern man eines haben will. Man braucht weniger Kleider, 'her mehr Schuhe, wenig Strümpfe, aber viel Seife. Man ' er nt es. Man„gewöhnt sich zu". Ein besonderes Kapitel ist die Osereth. Achtzig Prozent 6er Frauen, die in Deutschland verheiratet oder berufstätig waren, halten sich für fähig und bereit, Hausarbeit zu ubernehmen. Der eigene Haushalt nimmt sie entweder nicht «'eich ganz in Anspruch, oder sie können es sich nicht leisten, nur für sich zu wirtschaften. Also melden sie sich für den Posten einer Hausgehilfin, eben einer Osereth. die nach der hiesigen Sitte selten im Haushalt wohnt, sondern für ihre Arbeitsstunden kommt und dafür meist außer der vollen Niveaus unter sich zu haben. Man kann Maria viel besser befehlen, das Geschirr besser zu waschen als Frau Rechtsanwalt Soundso, die in Berlin um die Ecke gewohnt hat, auch wenn Frau Rechtsanwalt zehnmal eine gescheite, einsichtige Frau ist, die genau weiß, daß sie nicht zeigen darf, wenn sie es besser versteht. Es ist zuerst reizend, dann ist es ungemütlich, dann zankt man sich, dann trennt man sich. Meistens ist Frau Rechtsanwalt oder Fräulein Doktor nachher doch nicht begeistert, wie Frau M. sich im Schlafrock benimmt. Frau M. aber nimmt eine kleine Jemenitin ins Haus, eins von diesen reizenden, gutwilligen primitiven Kindern, die mit 14 Jahren anfangen, in den Dienst zu gehen und mehr oder weniger gehorsam und geschickt sauber machen. Mülleimer schleppen, Wäsche waschen und alles Schmutzige übernehmen, möglichst für 1 bis l'/j Pfund. Die Rolle der Jemeniten im Alltag Palästinas ist überhaupt sehr interessant. Der Jemen ist jene siidwestarahische, europäischen Einflüssen verschlossene Landschaft, in der seit Urzeiten Juden wohnen, die der Jhora anhängen. Im 6. Jahrhundert trat ein Beherrscher des Landes zum Judentum über. Die Juden dort sind meist Handwerker, sollen teilweise vermögend sein, dürfen aber keinen Besitz mitnehmen, wenn sie das Land verlassen. In Erez Israel wandern sie familienweise ein. Sie kommen völlig mittellos, in ihrer malerischen Tracht, mit der ganzen Anspruchslosigkeit der arabischen Nachbarn. Sie wohnen in Baracken aus Brettern und Petroleumkannen, kleinen Siedlungen am Stadtrand oder zwischen den europäischen Häusern. Sie arbeiten alle, von den kleinsten Kindern an. Diese Kinder, zartgliedrig, schwarzbraun, wieselflink, sind von besonderer Geschicklichkeit und Intelligenz. Ueberall. wo es der Jude natioualbewußt verschmäht. Araber für dir niedrige Arbeit billig einzustellen, arbeiten die Jemeniten und die jemenitischen Kinder. Die Männer sind Kutscher, Lastträger, Bauarbeiter. Sie sind aber ebenso zu feinerer Arbeit zu brauchen, Handwerker. Schuster, besonders aber Goldschmiede— die jemenitische Filigranarbeit ist berühmt und charakteristisch, genau so die Stickkunst der Frauen, die sonst Wäscherinnen und alles mögliche sind. Sie sind sparsam und erstaunlich bildungsfähig. Eine kleine, Osereth. die man schmutzig und struppig im arabischen Hemdchen ins Haus genommen hat (diesen Mut hat natürlich nur die palästinische Hausfrau), lernt nicht nur die Arbeit sehr rasch, sondern ahmt bereits nach kurzer Zeit Kleidung und Haltung der Haustochter nach und sieht ein Jahr später in bunten, aber geschmackvollen modernen Fähnchen mit gut frisiertem Kopf wie eine kleine Dame aus. Nach einem weiteren Jahr ist ihre Geschicklichkeit beträchtlich gewachsen und ihre Lenkbarkeit dahin. Mit 17 Jahren ist sie völlig erwachsen, vielfach bildhübsch. Es gibt Leute, die der Ansicht sind,"die Jemeniten würden eines Tages eine Aristokratie in Palästina bilden. Tatsächlich gibt es bereits sehr reiche Leute unter ihnen, Hausbesitzer, Ladeninhaber, die in kürzester Zeit auf der Grundlage uralter Kultur unler Ueberwindung der Periode der Verelendung auf durchaus hoher Zivilisationsstufe stehen. Vorläufig allerdings bildet der Großteil von ihnen das eigentliche Proletariat von Erez Israel— denn der Chaluz und das gesunde sozialistische System des Landes verhindert ja sonst die Bildung eines jüdischen Proletariats— und das kapitalistische Wirtschaftssystem kann ohne es nicht auskommen. Die Einwanderung erhält diesen Status noch auf lange. Dem wirklich großen Elend versucht seit Jahren in der wunderbarsten Weise Maja Rosenberg zu steuern, die ein Heim für jemenitische Kinder geschaffen hat. Die Konkurrenz der Jemeniten hat auch der deutsche Schwarzarbeiter zu furchten. Aber es ist nicht schlimm damit, weil es tatsächlich noch genug Arbeit für alle gibt produziert, noch eingeführt werden muß, verwundert manchen. Zum Teil werden sich mit gesteigerter Landwirtschaft Buttererzeugung, Hühnerzucht usw. in der nächsten Zeit heben.) Solcher Beispiele gibt es viele, es wäre aber ein Irrtum, sie für charakteristisch für Palästina zu halten. Sie sind charakteristisch für jedes Pionierland, in dem Menschen leben wollen, die ihr altes Dasein bedingungslos hinter sich gelassen haben. Diese Jungens, die jetzt als Kellner und Steinklopfer arbeiten, in der zum Teil nicht unberechtigten Hoffnung, einmal wieder mehr als das Existenzminimum zu verdienen und ihr eigenes Leben zu leben, sind viel mehr amerikanisch als palästinesisch Und um zionistisch in gutem Sinne zu sein, müssen sie schon innerlich mehr mitbringen als den Willen zu einer ehrlichen und fleißigen und erfolgreichen Existenz. Immerhin muß man ihnen zubilligen, daß sie dem Lande nützen. Es wird mit großem Elan, Heiterkeit, tapferer Ueberwindung der Schwierigkeiten und auch vieler Sehnsüchte gearbeitet. Dieser Geist steckt an. Wer würde in Europa, wenn er beim Betreten einer fremden Wohnung statt der Hausfrau, die er besuchen wollte, eine neue Mieterin in ziemlicher Verzweiflung vor ihrer verstreuten Habe vorfindet, wortlos zugreifen, ein Zimmer möblieren, Koffer und Schränke und Bücher unter die Betten verstauen! Hier ist so etwas selbstverständlich. Nach einer Stunde ist man verstaubt, erhitzt, befreundet und vergnügt und erfährt schließlich auch Namen und die ach so bürgerliche, frühere Daseinsform der jungen Frau. Doch man trifft auch schon da und dort einen jungen Menschen, der dieses muntere Arbeiten seit ein paar Monaten übt und mal eine müde Stunde bekommt. Dann sitzt man plötzlich zwischen halbausgepackten Kisten, zwischen der Holzwolle, der eben ein Grammofon entstiegen ist und sich nur schnell die Hände gewaschen, um die Platte mit Mozarts„Kleiner Nachtmusik" aufzulegen. Es gibt Musik! Es gibt noch Menschen, die Musik machen. Artur Schnabel spielt das Es-Dur-Konzert von Beethoven. Plötzlich wird man traurig. Die Leute in Deutschland sollen sich noch einmal einen Pianisten suchen, der das so spielen kann... Man war Ingenieur und hat abends in einem großen Musik zimmer oder im Konzertsaal sitzen können. Komisch. Aber ein Grammofon ist auch schön. Und die Kisten werden weiter ausgepackt. Man wird nach der Katastrophe in Europa in seinem neuen Leben auf manches verzichten lernen. Man wird es nach Temperament gerne oder weniger gerne tun, wird es gegen anderes und zum Teil Besseres eintauschen. Gewohnheiten lassen sich wechseln, Gefühle wandeln sich, Kräfte wachsen und werden verbraucht. Line Kultur, in der Generationen aufgewachsen sind, läßt sich nicht abstreifen. Der deutsche Jude ist Deutsiher, in seiner Sprache urd in seinem Geist, nicht nur der Erziehung nach, sondern nach allen Gesetzen der Umwelttheorie, die ja doch stärker ist als jede Rasse. Er ist nicht mehr Bürger Deutschlands, seine Liebe, seine Kraft und sein guter Wille gehört dem Judentum und er wird sie der neuen Heimstätte widmen. Aber er wird deutsche Bücher lesen und deutsche Musik hören und wird unverdrängbar eine Heimat deutscher Seele behalten, und niemand darf ihm das zum Vorwurf machen. p*. r.PDegung l'l s bis 2'ls Pfund bar erhält. Die Haushalte in sj. 88,lna sind in vieler Hinsicht einfach. Die Wohnungen ' n' c^ lt groß, die Reinigung der Steinfußböden nicht be- "uers mühsam, die Küche leicht und einfach. Aber bei m guten Willen ist eine deutsche Dame kein Dienst» •., und eine palästinische Hausfrau oder Pensions- 'nerin immerhin eine Arbeitgeberin, die für ihr Geld be- ^ r'" sein will. Acht Stunden sind in jedem Haushalt der ' eine theoretische Zeitangabe. Wenn man die not- ^ e"dig verplauderte Zeit dazu rechnet, die Wege hin und ^-' e nötigste Versorgung des eigenen Mietzimmers und k'" r Kleidung, womöglich noch der eigenen Familie, so "innien mindestens 12—16 Stunden Arbeit heraus. Die An- rengung, die veränderte Kost, das veränderte Klima er- Oden«ehr. Mißstimmung und Mutlosigkeit führen zu ^^ufigem Wechsel der Arbeitsstelle. Manche schaffen otzdein— durch Not gezwungen oder kra 0 ereo Vitalität und Tüchtigkeit. n.^' e Hausfrauen aber, die in der Lage sind, selbst eine j.'' e'u halten, wenden«ich dabei durchaus nicht immer an !' deutsche Leidensgenossin. Sig sind von zu Hause her 1''ewöhnt. einen Menschen des gleichen gesellschaftlichen Die Jungen erobern das Land In der ganzen jüdischen Jugend sind wohl schon die deutschen Jungen« bekannt geworden, die hier ihre Umschichtung von akademischem Beruf ebenso originell wie erfolgreich dadurch vollzogen haben, daß ihnen in den Straßen von Tel-Aviv die schmutzigen Spiegelscheiben der Läden auffielen und daß sie sich kurz entschlossen als Fensterputzer anboten Das Geschäft schlug ein. Man hatte nach kurzer Zeit eine Reihe von Abonnenten, konnte eine Reihe von Freunden mitanstellen, fand Spaß und Auskommen, schuf eine nette Uniform, die sachli chgenug in blauem Overall mit dem gelben Fensterleder im Gürtel besteht und hatte es geschafft. Ebenfalls in Tel-Aviv taten sich ein paar junge Akademiker zusammen, fingen an Möbel zu schleppen, schafften aus zusammengelegtem Kapital erst einen Handkarren und später ein Lastauto an und schuften nun in der Kooperative als Transportarbeiter und Spediteure, die sicher auch nach der Konjunktur Aussicht auf eine gesicherte Existenz haben. Mau darf sich nur nicht einbilden, daß sie es leicht haben. es einer Eine andere Gesellschaft, ebenfalls lauter junge Männer, können motorschlossern, haben eine Garage und Auto- Schlosserei aufgemacht, einen Abschleppwagen und Maschinen erworben, einen leeren Bauplatz mit den nötigsten Schuppen versehen und sogar den tiefen Sandweg bis dahin durch Bohlenauflage praktikabel gemacht. Ferner geht die Sage von einer Tischlerei, in der fünf deutsche Aerzte arbeiten. Ein Rechtsanwalt hat sich in die Autobuskooperative eingekauft und fährt statt«eines Buick in Deutschland einen Autobus zwischen Stadt und Kolonien, vier Fuhren am Tage hin und her, je 40 Minuten, 4 Pfund Wochenlohn, Anteil am Gewinn und jeder fünfte Tag dienstfrei. Außerdem darf seine Frau von der billigeren Wohnung in der Kolonie beliebig frei in die Stadt zum Einkaufen fahren. Ein Nationalökonom organiert einen Lebensmittelladen, hat aber auch Interesse an einem Zeitungsvertrieb urid dem Import von kanadischem Dörrobst.(Die Tatsache, daß doch noch ein großer Teil auch solcher Lebensmittel, die das Land schon Denn es ist so: Der aus Spanien vertriebene Jude in Ehodos und Saloniki spricht zu Hause spanisch, wie er es in Holland noch Jahrhundert lang getan hat. Es heißt, daß die Spanier der neuen Republik diese Tatsache mit Stolz und Anerkennung bezeichnen. Der Jude des polnischen Ghettos bewahrt heute noch im Jiddischen die Gruudelemente der frühneuhochdeutschen(mittelhochdeutschen) Sprache auf, die er bei seiner Vertreibung aus dere Pfalz und Schwaben in den Judenverfolgungen des Mittelalters mitgebracht hat. Die Nationalsozialisten nehmen ihm diese Treue iibel— angeblich wegen der im Laufe der Zeit eingetretenen Verhall- hornierung durch die polnischen und hebräischen Zutaten des„Gemauscheis". Mau trägt den Kaftan, die Halbschuhe und das Käppchen aus dem deutscheil Mittelalter, die Frauentracht hatte sich jahrhundertelang erhalten. Und für die glorreiche deutsche Armee von 1917 gab es in Rußland Verständigungsmäglichkeiten überall dort, wo ein Jude in Sympathie bereit war, die verwandte Mundart zu gebrauchen. Andererseits wird in den palästinischen Familien neben dem Hebräischen, das nur den Kindern ganz selbstverständlich ist, fast überall unwillkürlich nebenbei polnisch oder russisch gesprochen, vor allem in vertraulichen Gesprächen, mit besonders guten Freunden. Die Küche enthält entsprechend der Ueberzahl polnischer Einwanderer sehr viele Rezepte der polnischen Heimat. Die russische Vorlielie für Hering und saure Gurke fällt in jedem kleinen Laden auf. Tee ist bestimmt nicht das Nationalgetränk eines Kaffeelandes, aber er ist dem Palästineser unentbehrlich. Die Buchhandlungen führen alle Druckwerke in vier bis fünf Sprachen— denn das Französische steuert die Levante bei. So mischt«ich zwar eine neue Kulturgemeinschaft, die von jedem Zuzug profitiert. Aber die einzelnen Bestandteile bleiben erkennbar und bleiben erhalten. Man muß sich darüber klar sein, daß das Gesicht des Landes sich gebildet hat aus den mitgebrachten Tugenden und Untugenden der früheren Einwanderungen. Wenn einwandernde Deutsche heute sich über schlechte Geschäft«- mattieren wundern, über Lässigkeit der äußeren Form, Un- pünktlichkeit, Langsamkeit, der zwar eine gewisse Gutmütigkeit innewohnt, die aber dem auf sein Tempo und seinen Fleiß so stolzen Deutschen unerträglich erscheint— so sind es meist Manieren der polnischen Juden, dort wo sie mehr polnisch als Juden sind. Denn es ist ja bekannt, daß die Juden im Gallith leider oft die schlechten Eigenschaften der Wirtsvölker besonders leicht annehmen. Aber man findet auch bei ihnen die Frömmigkeit der Chassidim, die Mystik der Talmudgelehrten, die noble Geistigkeit und wissenschaftliche Begabung der Spaniolen, die lächelnde Geduld und den leisen Humor das östlichen Ghettos, den Elan der russischen Intelligenz— und so wie dies alles hier zusammenströmt, wird auch das deutsche Element bestehen und zum Charakter des Landes beitragen. Denn es gibt nichts, was nicht eine Kräftereserve sein könnte, wenn es lebensfähig erhalten wird. Die älteren Einwohner des Landes und die hier Geborenen haben das Mitgebrachte dem neuen Boden angepaßt und Eigenschaften entwickelt, die dem Lande gehören. Dank der Tatsache, daß diese ersten Siedler eine Auslese tatkräftiger Idealisten waren, kann man ohne Uebertreibung sagen, daß der menschliche Durchschnitt höher liegt als im Westen. Es gibt schließlich niemand, der sich der idealen Forderung, der moralischen Pflicht, die er durch sein Hierherkommen anerkannt hat, ganz entziehen könnte. 6s gibt Uebertretungen, aber sie haben nicht die Unwillkürlichkeit wie in dem abgebrühten Europa, sondern es ist noch schlechtes Gewissen dabei. Man hat Vertrauen zueinander. Gastfreundschaft, Gefälligkeit in allen Dingen, eine Kameradschaft, die familiär ist und dem an Distanz gewönten Mitteleuropäer fremd— daher sie ihn entweder begeistert oder abstößt—, rasche Hilfsbereitschaft sind selbstverständlich. Man borgt einander, alle Türen sind offen und zum Teil unverschließbar, man kann jede Auskunft haben, manchmal mehr als einem lieb ist. Bisher war dies ein Segen des Landes, das untereinander in allen Teilen verbunden war. Die Städte waren Exponenten der Landsiedlungen, jeder gehörte überall hin. Der Gedankenaustausch, der Austausch der Güter und der Arbeit ging immer über das ganze Land— jedes Mitglied einerKivuzah verbrachte einen Teil der Jahre zur Ausbildung oder Erholung an anderen Stellen, jede Siedlung nahm zur Erholung und zum Besuch Freunde und Fremde jederzeit bereitwillig auf. Es gilt dort der arabische Grundsatz: Drei Tage bist Du Gast. Aber war mitarbeiten will, und es findet sich immer Gelegenheit, mitzuarbeiten, darf bleiben, schlafen, mitessen, solange er mag. De: Zeitpunkt, wo das nicht mehr geht, ergibt sich von selbst. Unter solchem beständigen Kontakt mit den besten Elementen konnte kein Snobismus aufkommen. Die Einfachheit, Aufrichtigkeit und Wärme des Verkehrstons ist bezwingend. Deshalb ist auch der Palästineser empfindlich gegen Formalitäten, Phrasen, zu große Schüchternheit, gegen jede Art von Hochmut und Distanzierung. Er hat oft Recht und manchmal Vorurteile. Er hat eine empfindliche und bewunderungswürdige Arbeiterehre, die hoffentlich durch keinen fremden Zuzug beeinträchtigt werden kann. Er hat vielfach noch Glanz und Wärme des echten Pioniertums. Und es wäre natürlich wunderbar gewesen, wenn man dem Lande weiterhin hauptsächlich Pioniere hätte zuführen können. Aber in der Gegenwart ist es ein Flüchtlingsasyl, und man kann von Flüchtlingen nicht verlangen, daß sie Pioniere sind. Pariser Berichte Vater und Sohn Daß ein Vater seinem verschwenderischen Sohne die Zuschüsse sperrt, oder daß es zu Aliraentationsklagen aller Art kommt, ist etwas Alltägliches. Davon brauchte mau nicht viel Aufhebens zu machen. Etwas anderes ist es schon, wenn ein Sohn seinen Vater bestehlen will, wie dies in der Nacht zum Donnerstag der junge Jules Kühl unternahm. Ob er dies tat, um seiner Liebsten, die bei dem Einbruch behilflich war, mehr bieten zu können, als es ihm sonst möglich war, läßt sich im Augenblick nicht sagen. Jedenfalls versuchte Kühl, der dreißig Jahre alt ist, in der in der Rue du Faubourg Saint- Antoine belegenen Möbelfabrik seines Vaters den Geldschrank mit Hilfe zweier Individuen zu knacken, deren Fingerabdrücke in den Archiven der Kriminalpolizei bereits vorhanden waren. Unglücklicherweise wurde das vierblättrige Kleeblatt, denn auch die Liebste wollte bei dieser Arbeit mithelfen, gestört. Der Nachtwächter hörte ein Geräusch, da eine Säge zu Boden fiel, und alarmierte die Polizei. Die Beamten arretierten alle vier, ließ aber dann das junge Mädchen und Jules Kühl wieder frei gegen das Versprechen, sich zur Verfügung der Behörden zu halten. Die beiden schweren Kunden dagegen wurden aus Sicherheitsgründen gleich auf Nummer Sicher behalten. Kriminalroman oder Unglück Die wahre Kriminalgeschichte von Lyon, wo, wie die „Deutsche Freiheit" berichtete, der Stadtrat Clavel unter verdächtigen Umständen tot, seine Frau und ein Arbeiter schwer gasvergiftet aufgefunden und die kleine Hausangestellte von sechzehn Jahren halbirre und mit Kratzverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wird immer spannender. Der Arzt des Lyoner Krankenhauses hat Julie Gravier, dies ist der Name der Sechzehnjährigen, nochmals eingehend untersucht und dabei festgestellt, daß das junge Mädchen wohl einige blutunterlaufene Stellen am Körper hat, daß diese aber nicht in Einklang zu bringen sind mit einem heftigen Kampf, wie er nach Aussage des Mädchens stattgefunden haben soll. Audi konnte der Arzt keine Spuren enier an dem Mädchen vorgenommenen Vergewaltigung feststellen. Wohl aber hat man inzwischen eine schadhafte Stelle in der Gasleitung, die auf der Straße vor dem Hause der Clavels vorbeigeht, entdeckt. Daher besteht die Möglichkeit, daß das junge Ding durch die Gasvergiftung, der auch sie erlegen zu sein scheint, das Opfer einer Halluzination geworden ist und daß der Kampf, von dem sie den Aerzten Mitteilung machte, gar nicht stattgefunden hat. Andererseits muß man bedenken, daß Julie Gravier als anständig, ehrlich und arbeitsam geschildert wird und daß es schwer ist, zu glauben, sie habe sich die ganze Geschichte sozusagen nur aus den Fingerspitzen gesogen. Augenblicklich prüft man die Möglichkeit eines Eindringens von Gas von der Straße her in die Wohnräume der Clavels, um nach dieser Prüfung festzustellen, ob es sich bei der ganzen Sache tatsächlich nur um einen Unglücksfall handelt oder ob ein Kriminal verbrechen, dessen Motive und Täter noch in Dunkel gehüllt sind, vorliegt. Deutscher Klub Deutscher Klub. Am Samstag, dem 8. September, um 21 Uhr, ist im Deutschen Klub(Salons Le Peristyle, 31 bis, Rue Vivienne) ein Geselliges Beisammensein mit Tanz, zu dem Gäste sehr gerne willkommen sind. Eintritt für Mit* glieder frei. Gastb?itrag: 5 Fr.(Stellungslose: 3 Fr). Jüdisches Rilueil in Nürnberg 23 Ochsen für SS. geschachtet Saarbrücken, 6. 2ept- Tie„Taarbrücker Zeitung" läsif sich von ihrem Sonder- forrespondcnten ein wunderschönes Stimmungsbild aus dem Zeltlager Nürnberg entwerfen. In diesem Bericht vom o. September heibt es: Nach langer Fahrt entdecken wir furz vor Fürth an der Höscnerstrahe das Lager. Peinliche Ordnung und Sauber- feit herrscht überall, und es empfängt uns ein ähnliches Bild wie am Langwasser, nur ist das Lager entsprechend fleiner. Wir erfahren, dast einige Zelte schon belegt sind mit Borlommandos und Abspcrrmannschastcn, die seit Tagen ihren schweren Dienst versehen. Strahlend berichtet man uns, daß heute in aller Frühe 23 Ochsen für das S Lager geschächtct wurden, sozusagen in eigener Regie und lauter Prachtexemplare. Wir sind gespannt daraus, wie den SS.-Mägen das „koschere" Ochsensleisch bekommt. Ergötzlich muh es sei», wenn Julius Streicher das gcschächtete Fleisch vorgesetzt bekommt und herunterwürgt. Man kann annehmen, dah in kürzester Zeit das gesamte„dritte Reich" nur noch koscher essen wird. Wir wüßten nur gerne, woraus die plötzliche Rückkehr zur Schlachtordnung des Moses zurückzuführen ist- Bis zum Parteitag war das„Schächten" als Tierquälerei bei Todesstrafe verboten. Man scheint sich übrigens auch in Nürnberg darüber klar zu sein, dah die SS.-Leute möglicherweise das rituelle Fleisch nicht vertagen werden. Man hat infolgedessen für unge- heure Latrinenanlagen Sorge getragen. Ter aufmerksame Berichterstatter der„Saarbrücker Zeitung" berichtet darüber voller Stolz folgendes: „Sin Meisterwerk... bilden... die hygienischen Ein- richtungen. Tie Latrinen sind fast eineinhalb Kilometer lang und geradezu vorbildlich angelegt." „Die Jleitec von Deutsch- Ostafcika" Der Verein für das Deutschtum im Ausland(VdA.) bereitet neue Wege für seine Tätigkeit im Ausland vor. Vor allem soll systematisch der Film in den Dienst der nazischen Auslandsagitution gestellt werden. Die Lehr- und Wehrfilme sollen den deutschen Auslandschulen zugänglich gemacht werden. Gleichzeitig sollen die Auslandgruppen des VdA. für den deutschen Filraexport eingesetzt werden.— Die in Stuttgart eingerichtete Ausstellung des VdA.„Deutsches Volkstum" zeigt weniger über das Leben der Ausland- deutschen als vielmehr eine Uehersicht der VdA.-Agitation, die die zirka 40 Millionen Auslanddeutschen für den Nazismus gewinnen will.— Unter den Filmen, die nach Meinung des VdA. für die Auslandsagitation besonders verwendbar sind, befindet sich der Terra-Film„Die Reiter von Deutsch- Ostafrika", hergestellt unter„der Schirmherrschaft des Reichskolouialbundes". Ü3r ict Gasten Rheinische Fürsorgerin Ihrem Notrufe an uns entnehmen wir. dah her Gesundheitszustand der unteren Volksschichten auch im Rheinland!! sich stark verschlechtert Hai:„Ich kannte nie so viel Tuberkulosesälle wie setzt. Nur ganz selten gelingt es, sie armen Leute in Erholungsstätten zn bringen. Wo Erbkrankheit vorliegt cber auch nur der Verdacht vorhanden ist, dah die Krankheit ver- erbt sei, ist gar nicht daran zn denken, dag die Aufnahme in eine Lungenheilstätte erreicht wird." ES fehlt eben an Geld. Dafür sind aber immer wieder Millioiicnsiimmen au» Staatsmitteln für die nationalsozialistische Parteiprovaganda vorhanden. Ctfo, Kopenhagen. Sic schreiben un« u. a.:„Ich sende dir ein sehr seltene» Bild: Hermann Göring in Zivil. Ta bleibt einem die Puste weg... Ta» zweite Bild: Milivaukee— Amerikaner in Berlin. Viele neugierige Berliner sind um die amerikanische Kapelle herum, aber nicht ein einziger trägt da» Hakenkreuz. Ob es in Berlin keine Hakenkreuze mehr gibt? Ta» Bild verehre irfj dir, liebe„T. F.". Vielleicht als Lesezeichen, oder wen» mal dein Tis») wackelt, damit du e» unterlegen kannst..." Magister, Olsen." Sie übersenden un» folgende Notiz: au» dem Kopenhagener„Toeialdemokraten":„Gestern kam der deutsche Tonristendampfer„Rugard" zlim Nordre Tolbod mit einer Gesell- schast deuischer Touristen. Als der Dampfer aü die LandungSbrücke kem, spielte da» TchifsSorchester da» Horst Wessel-Lied und da» Schissspersonal und Passagiere standen still zum Hitlergruh. Ich stand ganz in der Nähe und wurde rot am Kopf wegen solchen Be- nehmen» der deutschen Touristen. Wie kann ein Land, wo der Macht- Haber joden selbständigen Gedanke» und jede eigene Meinung ver- bietet, sich zu solch einer Taktlosigkeit verleiten lassen. Da» ist takt- lose Propaganda." Wa» verlangen Sie eigentlich von der Goebbels- Propaganda anderes al» Taktlosigkeit? .Kölsche Madcher..." Ihr schick, uns euren„Stadt-Anzeiger" mit folgendem Bericht:„Eine Ksliier Gesellschaft besuchte gestern Linz und sprach hier dem Wein reäit eifrig zu. E» kam infolgedessen zn verschiedenen Schlägereien, und al» glückliäi doch alle»„verfrachtet" war, zerschlug eine Frau ans dem Dampfer eine Scheibe. Taraufhin setzte man diese tatkräftige Reisende kurz entschlossen an Land und weigerte sich, sie mitzunehmen. Tie Frau schimpfte von der Lande- brücke au» weiter, und zwar so temperamentvoll, dah sie schließlich in den Rhein stürzte. Man holte sie sofort heraus und brachte sie in» Linzer Krankenhaus. Schließlich, al» sie verbunden und ge- trocknet war, gab die Polizei ihr Fahrgeld, um in ihre Heimat Köln zurückzukehren."— Ter Bericht hat schamhaft verschwiegen, dasi e» sich um einen Ausflug von„Kraft durch Freude" handelt. Ta»„temperamentvolle Schimpfen" der braunen Teilnehmerin be- stand in lauten Rufen„Heil Moskau!" In vino verita»... Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Iohunn Pitz tn Dud> weder: für Inserate: Oliv Kuhn tn Saarbrücken Rotationsdruck und Verlag: Verlag der BolkSstimme GmbH, Saarbrücken». Schügenstraste 5,— Schließfach 776 Saarbrücken, WESTLAND UtiaMianalac«cultche Woctieneltuna erscheint in Saarbrücken jeden Freilag. „Westland" behandelt in unparteiischer Weise politische, kulturelle und wiri» schaltliebe Fragen. Besondere Aufmerksamkeit widmet es der deutschen Entwicklung. Die nationalsozialistische revolutionäre Uebergangszeit will es begreifen und nicht bejammern helfen Deshalb späht„Westland" nicht„Angriffspunkte" aus, sondern sucht ein umfassendes Bild zu geben Es wendet sich an den selbständig denkenden Leser, der mit ihm dieWahrheit für die schärlste Waffe des politischen Kampfes hält. Aus der neuesten Nummer: Ist Hitler deutsch? Führer und Prophet Japan und das Dritte Reich Schachts neuer Kriegsplan Bürckel lockt die Saararbeiter Schwindler in den Abstimmungslist er. Die regelmäßige Zustellung erfolgt durch die Westland>Ver I egs• G. m. b. H Saarbrücken 3 ♦ Brauerstratze 4—8 ♦ Telefon 2f014 Die„Deutsche Freiheit" Einzig« unabhängig« Tageszeitung Deutschlands mufj man regelmäßig lesen Bestellschein Ich ersuche um regelmäßige Zusendung der„Deutschen Freiheit" Name i............».„....—— Strafjei Orft—. den Unterschrift Verlag der„Deutschen Freiheit'' Saarbrücken 3• Schüfzensfralje 5■ Postschließfach 776 Erste Auflage in wenigen Wochen vergriffen 9iitletcast Von KLAUS BREDOW Fragen Sie in den Kiosken und Buchhandlungen nach. Falls die Broschüre am Ort nicht zu haben ist, liefert die Buchhandlung der„Volksstimme", Saarbrücken, Bahnho r straße 32, gegen Voreinsendung von 3,90 französischen Franken au» das Postscheckkonto Saarbrücken Nr. 619 Verlag der„Volksstimme", Saarbrücken 1