Sinzigs unabhängige Tageszeiiung Veuischkands l^r. 2yg— 2. Jahrgang Saarbrücken, Sonntag Montag, 3.19 Sept. 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Die„Deutsche Jeeiheit" uecöffentiicht heute neues wichtiges J,atsachenma~ iecial, xuif. Dokumente gestützt, Met die Zustände in den deutschen JConzentcationslaqecn L Seite 7 Stalins Sieg über Hitler Vor der großen Wendung in 6enf- Die Weit votler Mißtrauen gegen Berlin- Sorge um Deutschlands Kriegspotential räcitf, 8. September,(Eigner Bericht.) Die Gespräche der Kicr eingetroffenen Delegationen und Journalisten bewegen »m drei hochpolitische Gebiete: den Eintritt «owjetruhlands in de» Völkerbund» die '«ufpjtznng im Saargebiet und den Nürnberger Parteitag der Nationalsozialisten. Man zweifelt kaum noch, daß die Geheimsitzung des ^ölkerbundsratcs den Eintritt Rußlands in den Völkerbund und auch die Gewährung eines Ratssitzes an diese Grob- wacht ebnen werde. Die lange Aussprache zwischen dem französischen Außenminister Barthou und dem polnischen Außenminister Beck hat Polens Bedenken zwar nicht be- Koben, aber zurückgedrängt. Es scheint, daß Polen keine grundsätzlichen Einwendungen mehr erhebt und die Ein- Ladung der Mächte an Rußland zum Eintritt in den Völker- buuz, bevorsteht. Man erörtert lebhast die große außen- politische Niederlage, die sich dadurch Hitlcrdcutschland von neuem vor aller Welt zugezogen hat. Es begründete sein Regime mit der Notwendigkeit des Kampfes gegen den Rolschkuiismus und glaubte damit, in der Welt moralische Eroberungen zu machen, und nun steht Hitlerdeutschland lsoliert und geradezu verachtet vor den Portalen des Völker- bundöpalastcs, während die Sowjetunion feierlich Einzug hält. Daß dieses Ereignis die Außenpolitik des„dritten Reichs" namentlich im Hinblick aus den Lstpakt noch mehr erschwert, ist klar. ^ehr starken Eindruck hat die S a a r d e n k s ch r i s t des französischen Außenministers Barthou gemacht und allgemein bringt nun die Meinung vor, daß die Sicherung der freien Abstimmung im Saargcbiet und der Schutz vor terroristischen Iscberraschungcn ernste Maßnahmen des Völkerbundes und seiner Regicrungskommission im Saargcbiet erfordern. Diese ssebcrzcngung wird sich noch festigen, wenn das„dritte Reich", wie nach seinem Pressclärm anzunehmen ist, Berhand- langen über die mit dem Saarproblcm verbundenen wirt- schaftlichcn und politischen fragen, wie sie in der erwähnten Denkschrift sachlich und höflich umrisse,, werden, brüsk und unsachlich ablehnt. Dann wird auch dem Harmlosesten klar» daß die Saar für das„dritte Reich" nur ein Mittel zur Aus- peitschung der nationalsozialistischen Leidenschaften und zur Vertiefung der Gegensätze zwischen Deutschland und Frank» reich ist. Die ekstatischen Reden Hitlers in Nürnberg behandelt man mit Achselzucken, unterhält sich jedoch lebhast über das euro- päische Problem, daS durch die Militarisierung eines ganzen Volkes im Herzen Europas entstanden ist. Jn Wahrheit seien mindestens 5 Millionen junger Männer in Deutschland körperlich trainiert und militärisch geschult. Die Jugend beider Geschlechter werde organisatorisch unter einen einheitlichen Staatswillen ersaßt, der zugleich auf Kosten seiner Auslandsverpflichtungcn im schnellsten Tempo seine kriegerische Rüstung vollende. Keine Macht Europas habe ein so starkes industrielles, geistiges und organisatorisches Kriegs- potentiell aufzuweisen wie das national« sozialistische Deutschland. Zu dieser materiellen Macht kommen die wachsende Verhetzung der in schlechter Lebenslage sich befindlichen Massen gegen daS Ausland, welches mehr und mehr dafür verantwortlich gemacht werde, daß die wirtschaftlichen Versprechungen des Systems nicht erfüllt werden könnten. Sowohl der„Führer" wie sein Wirtschaftsdiktator Schacht schleuderten solche Anklagen immer wieder in das Volk, um ihre eigene Ratlosigkeit zu verbergen. Weder sei die deutsche Revolution zu Ende„och sei die Gefahr nationalsozialistischer Expanstonsaktionen über die Grenzen des Reichs hinaus gebannt, und so ist denn die Stimmung in Gens gegenüber Hitlcrbcotschland sorgenvoller und mißtrauischer, als die jemals bei einer Völkerbunds- tagung der letzten anderthalb Jahre war. Diktatoren gegeneinander „Sturz Hitlers nach 14 Tagen Preßfreiheit" Rom, 8. Sept.(Jnprcß.) In der Polemik zwischen der deutschen und italienischen Presse, die von Kennern des Fa- schismus geführt wird, schreibt der„C o r r i e r e d' I t a l i a": „Wir sind der Ansicht, baß ein wenig Analphabetismus immer noch besser sei, als das unaussprechliche Laster, von dem bekanntlich die verantwortlichen Kreise beS„dritten Reiches" verseucht sind. Vierzehn Tage Pressefreiheit würden genügen, um gräßliche Dinge, von denen das Ausland keine Ahnung hat, an den Tag zu bringen und die Regierung zw stürzen. Die Zahl der unbedingten Anhänger der gegen- wältigen Regierung wird auf ungefähr 25 Prozent, die Zahl der unversöhnlichen Gegner ebenfalls auf 25 Prozent ge- schätzt. Die übrigen 50 Prozent sind Menschen, die hinter der Regierung stehen, weil sie keinen AuSwcg sehen." Ausdehnung der Hunger-Zwangswirtfsdiafr Nene Ueberwadiungssfellen für Einfuhr- Allgemeine Einsdiränhung der Arbeitszeit in der Texiiiindnsirie 8' Auf die„Verordnung über den Waren- rfs. flitzt sich bereits eine im„RcichSanzeiger" vcr- Cr e"Aichtc, vom Rcichswirtschaftsmiulstcr und Reichs- üb^""llsminister gemeinsam unterzeichnete„Verordnung f tc j r äie Errichtung von U c b e r w a ch u n g S- li£> r C ergibt sich daraus, daß nunmehr zehn neue „^ r w a ch u n g s st e l l e n errichtet werden. Außerdem tro?n vier Reichöstellcn, denen seither die zentrale I,'wirtschaftung landwirtschaftlicher Erzeug- ^ c oblag, jn Zukunft gleichzeitig auch die Funktionen von Ilr-f l Uhrüberwachungsstellen ausüben. Daneben h n!r" b'. c e 1 f^it dem Frühjahr bereits errichteten Heber- .mui,),öftesten aufrechterhalten. Eine von ihnen, die bis- f)df,' Se^eberwachungsstelle für Felle und Häute» er- , une aus der Acnderung ihrer Bezeichnung in„Ucber- t fuungsstclle für Lederwirtschaft" hervorgeht, einen erwci- ^-cii Ausgabcnkrcis. Insgesamt sind also 2 5 Ucber- äh u n g z st e l l e» vorgesehen. Sie dürften lückenlos alle was• Anfuhr in Betracht kommenden Waren erfassen, zu- sn?. e'.".. e äer neuen Stellen nicht auf bestimmte Erzeugnisse zialisiert, sondern für Waren verschiedener Art zuständig irt» soll <*®' e»ciien UcbcrwachungSstellcn werden errichtet: für m u*3(Sitz: Berlin), für G a r t e n b a u e r z e u g n i s s e, f-u, nfc"»d sonstige Lebensmittel, für Kohle und Salz li^-r-in). s,ir Mineralöl(Berlin), für Chemie^ et ft!k° or°Jf em ö* e Gerechtigkeit und den raetl K Jil iu" sichern wolle, ohne Zögern den begrüßens- fi;.<'vrschlaq annehmen werde, während der W* l«nh?a U,»iA'/ r,0 fc C k' e katholische Bevölkerung des Saar- landcs nl-'-t mehr den Bischösen von Svener und Trier zu eSlUSl 3«%« e C i n. ,>ie An- klage behauptet, im Chemnitzer Borort Hilber-worf eine Gruppe von TS.-Männern überfallen und beschossen. Dabei ivurde der SS.-Mann Frisch am linken Oberschenkel so schwer verwundet, daß eine Amputation erforderlich wurde, an deren Folgen er starb. Ein SS.-Mann Ließner wurde gleichfalls schwer verletzt, konnte aber wiederhergestellt werden. Wegen dieser Tat hatten sich die Angeklagten Beck und Marquardt vor dem Chemnitzer Schwurgericht zu verantworten, das beide wegen gemeinschaftlichen Mordes zum Tode und wegen gemeinschaftlichen Mordversuches S» je 19 Jahren Zuchthaus verurteilte. Dies Urteil wurde am 9. Januar 1934 wegen eines VerfahrcnSverstoßes v o m Reichsgericht aufgehoben, und die Sache ivurde 4» J neuer Verhandlung an die Borinstanz zurückverwiesen. I» der darauf folgenden zweiten Verhandlung vom S. April 1934 wurde Beck wiederum wegen Mordes zum Tode verurteilt, während Marquardt diesmal nur wegen Mordversuches sieben Jahre Zuchthaus erhielt. Das Urteil gegen Marquardt ist rechtskräftig geworden, während Beck Revision einlegte. Das Reichsgericht hat auf die Revision hi» das Todesurteil gegenBeck erneut wegen eines prozessualen Verstoßes aufgehoben und die Sache z» nochmaliger Verhandlung und Entscheidung an die Vor- instanz ld. h. an das Schwurgericht), diesmal aber an das Schwurgericht Leipzig, zurückverwiesen. Rundfunkhörer verhaftet Arnsberg, 8. Sept. Ter Malermeister Nemkert aus Arnsberg wurde in seiner Wohnung von einem Polizei- beamten dabei überrascht, als er ausländische Rundfunk- sendungen hörte. Er wurde in„Schutzhaft" genommen. Die maßgebenden Stellen bestätigten die„Schutzhast", zumal Nemkert den Polizeibeamten aufgefordert habe, mitzuhören. Pas Meweste Wegen der drohenden Generalstreikgefahr hat die spanische Regierung umfangreiche polizeiliche Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Die Arbcitgebervrreinignng von Madrid hat be« kannt gegeben, daß sämtliche Arbeiter entlassen werde« würde», die sich an dem Streik beteiligen. Ein schweres Autounglück, bei dem vier Personen ums Leben kamen, ereignete sich ans der Straße Burscheid Lcver- kuscn—Köln. Nach den bisherigen Ermittlungen stieß ein Lastwagen mit einem ihm entgegenkommenden Personen- krastwagen zusammen. Aus dem wüsten Trümmerhausen der zusammengestoßenen Wagen wurden vier Tote und ein Schwerverletzter geborgen. Auf der Konserenz der nordischen Außenminister, die am Freitag beendet wnrde, herrschte Einigkeit darüber, daß man versuchen wolle, die wirtschaftliche Zusammenarbeit der nordischen Staaten zu festigen und zu entwickeln. Die Außen- minister werden bei ihren Regierungen die Ernennung kleiner Sonderausschüsse beantragen. Die Beamten der deutschen Botschaft in Madrid sind ans den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler vereidigt worden. Das SVVll Einwohner zählende Dorf C a r n o t in Algerien ist am Freitag durch mehrere kurz aufeinander folgende Erdbebcnftöße vollständig vernichtet worden. Glück- lichcrweise sind keine Toten zu beklagen. Zwei Einwohner wnrden verletzt. Die Behörden bemühen sich, für die obdach- lose Bevölkerung Unterkunst zu schassen. Seit 1895 hat Paris keinen so warme» 7. September erlebi wie letzten Freitag. Die Temperatur war aus SS Grad ge« stiegen. 1895 wurden 85'/> Grad gemessen. Das SaarproMcm Von Emile Vandervelde r Am 13. Januar 1935 werden, wenn inzwischen kein üeues Ereignis eintreten sollte, Tausende von Bewohnern des Saargebiets, deutsch in ihrem Herzen, Hitierfeinde aus Ueberzeugung. vor einem schweren Gewissenskonflikt stehen. Die, um kein stärkeres Wort zu verwenden, un- gewöhnlichen Bestimmungen der Artikel 45 und folgende des Versailler Vertrages über das Saargebiet sind be- kannt. Sie sind ein mißratenes Kompromiß zwischen den Ideen Wilsons und den französischen Forderungen, die Andre Tardieu im Obersten Rat in einem Memorandum Der englische Polizeichef muß eingreifen Die Dudweiler FrellieltsKunügeDung- widiflge Rede Für Donnerstagabend hatte die Einheitsfront von Dnd- ivcilcr eine geschlossene Kundgebung der Anti-Nationalsozialisten von Dudweiler einberufen. Eine halbe Stunde vor Beginn der Versammlung teilte plötzlich der alle» Hit- lergegnern genügend bekannte Polizeiinspektor Kopp dem Veiter der Versammlung, dem Genossen Savelkouls, mit, daß jeder Teilnehmer sein- Partcimitgliedsbnch vorzuzeigen habe! Selbstverständlich war eS ganz unmöglich, diese neueste Forderung der Dudweiler Ortspolizeibehörde den ungemein zahlreichen Besuchern noch irgendwie vorher bekanntzugeben. Tie führten zwar alle einen Ausweis stur u n w. w. v o* wu v vmv-U U V lUCIÜ|Ut dargelegt hatte, das ursprünglich geheimgehalten, spater diese^amm^ Wiewen tasten.tragen ober von Tardieu in seinem Buch über den Frieden ver- öffentlicht wurde. Ich glaube nicht, daß heute noch viele Franzosen sich Illusionen über die Möglichkeiten eines Anschlusses an Frankreich hingeben, abgesehen vielleicht von gewissen Bezirken in der Nähe der Lothringer Grenze. Praktisch täglich ihr Parteibuch in der Tasche. Infolgedessen kam es bei der schikanösen Kontrolle der Dndweiler örtlichen Poli- zeiorgane unter Führung des Herrn Kopp zu Auseinander- sctzungen mit den Anhängern der Einheitsfront. Und schließ- lich erklärte Herr Kopp, daß er zwei Anhänger der Ratio- nalsozialistcn im Saale gesehen habe swieso er sie hereingelassen hatte, darüber gab Kopp keine Auskunft!). Statt nun diese zwei Renommier-Rationalsozialisten des Herrn stellt sich bei der Volksabstimmung vom 13. Januar, vor Kopp auf der Stelle herauszuführen, erklärte Herr Kopp im 1?.._.. qin(tn»tnM>n„n,«»„..r- ollem, wenn der Völkerbund beschließe» sollte, das Gebiet, das eine Einheit bildet, nicht aufzuteilen, die Frage nur Zwischen dem Anschluß an Deutschland und der Fortdauer gegenwärtigen provisorischen Regimes. Wenn diese Abstimmung stattgefunden hätte, als die Weimarer Verfassung noch nicht zu einem Fetzen Papier stcworden war, so hätte sich zweifellos die ungeheure Mehrheit, ja fast die Gesamtheit der Bevölkerung— manche sprachen von 93 Prozent—, für den Anschluß an Teutschland ausgesprochen. Heute noch erklären die Nazi, daß das auch jetzt das Ergebnis der Abstimmung sein werde, wenngleich sie nidjt mehr den Eindruck erwecken, dessen ganz sicher zu sein. Aber auf der anderen Seite erklären die Hitlergegner, vor allem unser tapferer Freund Max Braun, daß die„deutsche Front" absolut sicher nur auf etwa 35 Prozent der Abstimmungsberechtigten zählen dann und daß es durchaus möglich ist, daß bei wirk- licher Stimmfreiheit die Mehrheit der Saarbewohner, um den Krallen Hitlers zu entgehen, sich dafür entscheidet, unter dem Schutz des Völkerbundes zu bleiben und sich daher für die Aufrechterhaltung des bisherigen Zustandes ausspreche. Wird aber, sofern bis Januar keine Aenderung ein- tritt, die Abstimmung frei sein? Es ist erlaubt, daran zu Zweifeln. Zweifellos läßt die Genfer Vereinbarung vom ä- Juli hinsichtlich der juristischen Garantien der Stimm- sreiheit und der Wahrung des Abstimmungsgeheimnisses nichts zu wünschen übrig. Dagegen steht es ganz anders, wenn man sich um die Tatsachen kümmert und vor allem um das Versprechen der deutschen Regierung, im Falle ihres Erfolges keine Repressalien vorzunehmen. Ueber- dies, und darauf wollen wir vor allem hinweisen, stellt sich die Frage, ob man bei der heutigen Lage der Dinge Überhaupt sagen kann, daß die Saareinwohner in ihrer Abstimmung frei sein werden. Nach unserer Meinung werden sie es nicht sein, weil ihre Wahl auf zwei Lösungen beschränkt sein wird, von denen keine sie zu- frieden stellen kann: entweder den Anschluß an das Teutschland der Nazi mit der Aussicht, ohne wirksamen Schutz der Willkür und der wilden Rache der Sieger aus- gesetzt zu sein oder— aber diesmal endgültig— die Fortsetzung des provisorischen Systems, das der Versailler Bertrag geschaffen hat. Gewiß hat dieses Regime, wie ^och vor kurzem Katholiken im Saargebiet sagten, den ungeheuren Vorteil,„das einzige Stück freien deutschen Bodens im Westen, das noch besteht", der Herrschaft der Hitlerbarbarei zu entziehen. Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, daß die Aussicht, für immer von Deutschland ge- 'rennt zu sein, selbst an dem hoffentlich nahen Tage, da Deutschland die Ketten abwerfen wird, im entscheidenden Moment viele schwanken lassen wird, die am 13. Januar in der Wahlzelle zu entscheiden haben werden. Zweifellos scheint die deutsche Propaganda seit 1920 die Beschwerden der Saareinwohner gegen das System "nd die Politik der Regierungskoinmifsion des Völker- bundes übertrieben zu haben. Aber inan darf nicht über- sehen, daß zur kritischen Zeit der Ruhrbesctzung die Be- schwerden gegen die Kommission zahlreich waren ldafür gibt es englische Zeugnisse im„Snroey of International Affairs" von Toynbee. 1920-23). Die Arbeiter haben ihr stets Parteilichkeit zugunsten der Katholiken vorgeworfen. Aeberdies hat die Regierungskommission diktatorisch mit Dekreten regiert und den Meinungsäußerungen der ge- wählten Körperschaften mit beratender Stimme wenig Rechnung gelragen. Jedenfalls ist es reichlich schwer, sich - und jetzt nicht mehr für 15 Jahre, sondern für immer- bie Aufrechterhaltung eines politischen Niemandslandes, einer Mandatskolonie. die fast nach den gleichen Methoden verwaltet wird wie Kamerun oder Togo, im Herzen europas vorzustellen! Man kann sich unter diesen Um- ständen leicht ausmalen, welches die Stimmung der Saarländer sein wird, wenn sie nicht vor dem Abstimmungs- tag beruhigende Zusicherungen für die Zukunft erhalten. Stimmen sie für den Anschluß an Deutschland dann werfen sie sich den Nazi in den Radien. Stimmen sie für d-e Aufrechterhaltung des bisherigen Zustandes- so verzichten sie für immer auf die Rückkehr zu ihrem deutschen Baterland._ U„t„ di-w Urnftänben Vollgefühl seiner Polizeigewalt die Versammlung für a»f- gelöst, weil sich angeblich zwei Gegner in ihr befunden haben sollen. Aber inzwischen erschien Herr Ministerialrat Hemslen von der Reaiernngskommission des Saargcbietes und unter- suchte die Angelegenheit. Dieser sehr objektive Engländer erklärte, daß in Zukunft über die Art der Ausweise genauere Anweisung ergehen werde, daß es aber nicht gerecht- fertigt sei, für die heutige Versammlung ohne entsprechende vorherige Ankündigung und wie ans der Pistole geschossen nun plötzlich Mitgliedsbücher zu verlangen, ohne daß das den Vcrsainmliingsbesuchcrn vorher bekanntgegeben worden sei. Er ordnete deshalb an, daß alle nicht zur Einheitsfront gehörenden Versammlungsbesucher das Lokal zu verlassen hätten, daß aber die Kundgebung selbst stattfinden dürfe. Und sie stieg denn auch unter der jubelnden Zustimmung der außerordentlich zahlreich erschienenen Hitlcr-Gegncr. In seinen Einleitungsworten dankte der Vorsitzende, Ge- nosse Savekouls, dem Herrn Hemslen für die objektive, lonale Handhabung der Polizeigcwalt, begrüßte den eben- falls erschienenen Abstimmungskommissar von Tndmeilcr, dankte sodann den Erschienenen für die erwiesene Disziplin gegenüber den soeben geschilderten Vorgängen und übergab das Wort Fritz Pfordt Dieser ging in seinen Ausführungen von der gewaltigen Demonstration in Sulzbach aus, kam aus die sich hausenden Terrorsälle an der Saar zu sprechen und forderte die Ar- bciterschaft zu erhöhter Wachsamkeit und zur Selbstschutz- bereitschast auf. Er streifte dann den Völkerbundseintritt Sowjetrußlands, das sich als ein Freund der saarländischen Arbeiterschaft im BölkerbundSrat erweisen werde und for- derte zum Schlüsse zu größter Einmütigkeit und stärkster Aktivität innerhalb der Einheitsfront auf! Brausender Bei- fall dankte ihm. Dann gab der Vorsitzende das Wort an Max Braun, der zunächst unter stürmischer Heiterkeit der Versammlung den jüngsten Emigranten der Saar, Herrn von Papen, bewillkommnete, den es anscheinend gar nicht so sehr, im Gegensatz zur Parole der„deutschen Front":„Zu- r ü ck zum R c i ch", nach Hitlerien dränge. Das„Echo de Paris" habe übrigens recht, wenn man Herrn von Papen allgemein diesen Emigrantcn-Urlaub außerhalb der Zucht- Hausmauern des„dritten Reiches" schon wegen seiner täg- lichen Besuche beim Zahnarzt zur Wiederherstellung seiner am 30. Juni von den„rauhen Kämpfern" Hitlers in Mit- leidenschast gezogenen Kinnlade gönne. Mar Braun schlug vor, Franz von Papen zum Präsidenten des saarländischen Emigrantenklubs der nach hier geflüchteten SA. Leute zu ernennen, wobei es für ihn ganz heilsam sein könnte, einmal einige Wochen wie die weniger begüterten Emigranten im Schlafhause zuzubringen. lStürmftche Heiterkeit.) Mar Braun ging dann aus BarthouS Saar-Denkschrift ein, die wieder einmal alle Voraussagen der braunen Wackelfront und ihrer charakterlosen Saar-Journaille hundertprozentig widerlegt habe und die für den Statu» guo jene Forderungen enthalte, die seitens der saardcut- schcn Hitlergcgncr aufgestellt worden sind. Nach einer sehr interessanten Darlegung des GesamtinbalteS der Denkschrift ging Braun in seinem Vortrag auf die kommende Völker« bundsiagung ein, von der er vor allem neben der Znstim- mung zur Barthouschen Denkschrift scharfe und ausreichende Maßnahmen zur Aufrechtcrhaltung von Ruhe und Ordnung und zum Schutze der Saargrenzen gegen den Terror, gegen die Putichgefahr und gegen die Einmarschgcsahr de» Ratio- nalsozialismus verlangte. Auch ihm dankte langanhaltender Beifall. Tann sang der Arbeitergesangverein das Lied der Ein- heitssront und die ganze Versammlung stehend mit erho- bener Faust die Internationale. vle Saar vor dem Genfer Forum Dlulterror an der Saar Delegation der Freiheitsfront ist eingetroffen Gestern ist der Völkcrbunbsrat zu seiner 8. Tagung zu- sammengetrcten. Den Vorsitz hat einer der gewiegtesten Diplomaten Europas, der tschechoslowakische Außenminister B e n e s ch, übernommen. Die Tagung begann mit einer geheimen Sitzung, die der ersten Fühlungnahme der Rats- vertretet gewidmet war und in der interne Angelegenheiten und gcschäftsordnuiigsinäßige Fragen erledigt wurden. Wie verlautet, soll die Saarsrage, die rein formell als letzter Punkt der Tagesordnung ausgeführt ist, erst später zur Behandlung kommen. Ucberall bildet die Barlhousche Denkschrift Gegenstand interessierter Erörterung. Niemand verkennt die außerordentliche Bedeutung dieses offiziellen Schrittes der französischen Regierung. Jnsbeson- dere die Erklärungen zum Status quo werden im Zu- sammcnhang mit der Sulzbacher Kundgebung der Einheit»- front immer wieder behandelt und bilden den Gesprächsstoff in den Wandelhallen des Bölkerbundspalastes. Die ganz besondere Bedeutung dieser Tagung für die Saar wird unterstrichen, daß Delegationen ans allen La- gern sich nach Genf begeben. Die Freiheitsfront an der Saar entsendet als Delegierte Mar Braun, Heinrich Lieser, Julius Schwarz und Mar Bock. Tie Kommunistische Partei entsendet eine Abordnung unter Führung von Fritz Pfordt nach Genf. Auch die anderen antihitlerischen Verbände an der Saar sind mit eigenen Delegationen in Gens vertreten. Aus den Kreisen der Hitlcr-Gegncr werden Denkschriften dem Völkerbund über- reicht, die sich gegen den nicht nachlassenden Terror der braunen Front, gegen die unzureichende Kontrolle der Ab- stimniungslisten aussprechen und für absolute Völkerbund- liche Garantierung der Pensionen und Renten aus der Sozialversicherung, für bestimmte Forderungen, die mit dem Status guo zusammenhängen usw. usw., eintreten. Auch die braune Front entsendet eine Delegation. In der gleichgeschalteten Presse hört man lediglich, daß die Tele- gation unter Führung Pirros steht. Röchling tritt be- scheiden in den Hintergrund. Diese Delegation wird sich in Genf sehr einsam vorkommen. Sie wird sich lediglich an die Rockschöße einiger nichtarischcr Ratsmitglieder hängen können. Auf der letzten Tagung sanden sie noch offenes Gehör und Unterstützung bei dem Vertreter Italiens jdem Vorsitzenden des Dreierausschusses Baron Aloysi). Da- mit ist» aus. Italien ist ostentativ in die Reihe der Hitler- gcgncr eingeschwenkt. Der Präsident der Regicrungskommission des Saargcbietes, Herr Knox, begibt sich im Laufe'des heutigen Vor- mittags ebenfalls nach Genf. In Rentrisch wurde der bekannte Hitlergegner und Radiovertreter Wilhelm H i l l e b r a n d von Nationalsozia- listen überfallen und schwer mißhandelt. Genaueres über seine Verletzungen konnten wir noch nicht in Erfahrung bringen. Es handelt sich um ein politisches Rachestück, das dem verhaßten ehemaligen nationalsozialistischen Führer ge- gölten hat. Hillebrand war früher R c i ch s in u s i k l e i t e r der Nationalsozialistischen Partei. Er hatte aber trüh Hitlers Irrlehre erkannt und sich von ihm abgewandt. Er hat eine bekannte Broschüre gegen den Nationalsozialismus geschrieben. Zu seiner Sicherheit hat er sich aus Deutschland schon vor der Machtergreifung Hitlers zurückgezogen und betrieb den Radiohandcl. Hillebrand hat die. Lautsprecheranlage für Sulzbach und Völklingen ebenso wie für die katholische Iügendtagung hergerichtet. Erst vor zwei Wochen hatte er sich in einer eingehenden Beschwerde an die Regicrungskommission gewandt und auf die Ungesetz- lichkeiten der braunen Front hingewiesen und Verfolgung verlangt. Wie sich aus den näheren Umständen dieser Bc schwerdc ergibt, ist der Inhalt der Beschwerde zur Kenntnis von Beamten gekommen, die der braunen Front sehr nahe- stehen. Kein Tag vergeht, ohne Bluttat der Nationalsozialisten an der Saar. Die Unruhe wächst von Tag zu Tag. Wann wird durchgegriffen? * Tie braune Front an der Saar geht immer mehr zum offenen Terror gegen Andersdenkende über und allerorts werden Anhänger der Antifaschistischen Front im nächtlichen Dunkel überfallen und in der brutalsten Weise mißhandelt. Der zu Beginn dieser Woche durch Hitleranhänger aus dem nächtlichen Hinterhalt auf der Straße zusammengeschla- gene und in der unmenschlichsten Weise mißhandelte kvm- munistische Landesratsabgeordnete Sommer liegt noch schwer verletzt mit verbundenen Gliedern aus dem Kranken- lagcr. Vier weitere schwere llcbcrsällc aus den Ortsgruppen- Vorsitzende» der Sozialdemokratischen Partei sowie vier wci- teren Funktionären der Freiheitsfront in Elversberg liegen vor, und außerdem die immer skandöser werdenden Zustände in dem Saarbrücker Ortsteil St. Arnual, wo an jedem Abend Rückgliedrcungsgcgner durch Patrouillen des söge- nannten„Ordnungsdienstes" der„deutschen Front" nicht nur belästigt, soedern in einzelnen Fällen sogar ossen angegriffen werden. Inzwischen gehen uns eine ganze Reihe weiterer Nach- richten zu über unerhörte tätliche Angriffe bekannter Deutschfrontler aus Antifaschisten. "vier Viesen umflciu«."~— Braun und mit ihm die Freiheitsfront mit dringender Be harrlichkeit. daß zwischen diesen beiden Alternativen ein Dennoch bin ich überzeugt, daß. wenn die französische Deutschland«""-^«/»-» cjugunpen Mittelweg gefunden werde. Sie fordern, daß vor der Ab- Regierung sogar alle.,, erklären würde, daß sie auf jede Desw^ zugunsten der Freiheit.» stimmung ausdrücklich festgelegt werde.^ territoriale Erwe.teruna o»f vor den Gewissens- scheidung im Sinne der Beibehaltung t Ärftte^geftc^'und zwa?"fü^eck^Frft"^ nicht über eine schließlich die entschiedene Erklärung abgäbe.' daß sie frei fein", 7~"~ müssen geringe Anzahl von Iahren hinausgehe. Sie fordern ftill*|]ch die MeHrM dex Saarländer für den bisherigen zu können.'" Cm öcr Freiheit erhalten ferner, daß— besser spät als niemals— die Saarländer eine demokratische Verfassung erhalten, die ihnen das Recht erteile, sich selbst zu regieren, statt diktatorisch von der Regierungskommission regiert zu werden. Ich kenne natürlich die Einwände, die man gegen diese Forderungen erheben kann, vor allem gegen die einfache Verlängerung des vorläufigen Zustandes. Der Versailler Vertrag hat nichts dieser Art vorgesehen. Herr von Neu- rath und Goebbels wollen gewiß nichts von einer neuen Bestimmung wissen, die zweifellos die deutschen Sieges- chancen vermindern müßte. Es ist leider nicht einmal sicher, ob für eine einseitige Erklärung dieser Art Ein- stimmigkeit im Völkerbundsrat zu finden wäre. Zustand ausspreche, keinen Einwand dagegen erhebe, ja sogar im Gegenteil wünsche, daß später eine neue Ab- stimmung stattfinde, solche Erklärungen von entscheiden- der Bedeutung sein könnten. Das Büro der Sozialistischen Arbeiter-Internationale unter Einschluß der Vertreter der Sozialistischen Partei Frankreichs und des deutschen Parteivorslandes hat bei seiner Tagung in Brüssel am 4. August einstimmig den Wunsch ausgesprochen, daß solche Erklärungen abge- geben werden, bevor es noch zu spät sei. Jean de Pange sagte richtig in einem Artikel der „Revue" in Paris am 1. August 1933:„Die Abstimmung darf nicht zugunsten Frankreichs, auch nicht zugunsten „.U.p.m-n nbiimorn w*-—(gnt. territoriale Erweiterung auf Kosten des Saargebietes Konflikt gestellt werden, nur zwischen der Unterwerfung stimm. Hin ausdrücklich festgelegt werde, dc b verzichte, wenn sie ihrem Wunsch Ausdruck gäbe, daß das unter Hitler und dem endgültigen Verzicht ruf den An- fdip>h>m5 in, Sin ie der Beibehaltung des l y Saargebict eine demokratische Verfassung erhalte, und schlich an Deutschland wählen zu können. Sie müssen ftyeidung un^ angesehen werde, sondern ats—-- Deutsche Freiheit", Nr. 209 ABBE17 UM® WIRTSCHAFT Saarbrücken, den 9.10. Sept. 1934 Die deuisdie ROstnngs-Cinlahr an!»n Severin sie Deutschlands Wirtschaftsdiktator Dr. Schacht klagt über den mangelnden Willen des Auslandes, deutsche Waren abzunehmen und der deutschen Industrie Kredite für Rohstoff- kaufe zu gewähren. Gleichzeitig droht er mit einer immer schärferen Drosselung der deutschen Rohstoffeinfuhr, die bald zu einer Gefahr für die Weltkonjunktur werden müsse. Berücksichtigt man weiter, daß die ständige Verschärfung der Devisenzuteilung für die Rohstoffimporte die Bedeutung der deutschen Käufe an den internationalen Warenmärkten immer weiter verringern müßte, so würde sich hieraus die selbstverständliche Konsequenz ergeben, daß— allerdings bei fortschreitender Schrumpfung des deutschen Außenhandelsvolumens— die Handelsbilanz bald ausgeglichen sein müßte. In Wirklichkeit aber wird das Defizit immer schlimmer, wie sich aus den folgenden Ziffern für die ersten sieben Monate des Jahres 1934 ergibt. In Millionen RM.: Deutsche Ausfuhr Deutsche Einfuhr Saldo insges. Fertigwaren insges. Rohstoffe Januar bis Juli 1933 Januar bis Juli 1934 u. Halbfabrikate 2 763 2 194 2 407 1 856 2 448 2 666 1411+ 315 1 625 — 259 unter normalen Verhältnissen niemals rentabel arbeiten konnten. Gleichzeitig wird der übrige Inlandsbedarf an Eisen aufs äußerste eingeschränkt und man wird in jedem Falle bald so weit sein, daß die ganze ständig steigende Einfuhr von Eisenerz restlos der Kriegsindustrie zur Verfügung steht, während der Inlandsbedarf aus der künstlich erhöhten deutschen Produktion an Eisenerz befriedigt werden soll. Die deutsche Roheisenproduktion, die während der ersten sieben Monate 1933 nur 440 000 Tonnen ausmachte, stellte sich für die ersten sieben Monate dieses Jahres bereits auf 767 000 Tonnen, während die Rohstahlproduktion gleichzeitig von 641 000 auf 1 035 000 Tonnen gestiegen ist. Wo diese Pro duktion abgesetzt wird, ist unschwer zu erraten. Daß nicht in den Export geht, läßt sich aus den offiziellen deutschen Außenhandelsstatistiken ohne weiteres ablesen. Die deutsche Einfuhr von Rüstungsrohstoffen und die Produktion von Kriegsmaterial hat also einstweilen durch die ständige Verschlimmerung der wirtschaftlichen und finanziellen Lage des„dritten Reiches" keine Unterbrechung erfahren. Sie wird auch keinen Stillstand finden, so lange noch irgendwelche Devisen zur Verfügung stehen, also genau so lange, wie es dem heutigen deutschen Regime gelingen wird, in der Welt Abnehmer für deutsche Waren oder Geldgeber zu finden, die durch Hergabe von Krediten die weiteren Kriegsvorbereitungen Deutschlands ermöglichen. Sozieft s&itiitäng öcs Msdicn volhcs Ergebnisse der Volks und BerufszäMung l»Z3 Während also die deutsche Ausfuhr und besonders diejenige an Fertigwaren von ihrem bereits in den ersten sieben Monaten 1933 stark verminderten Stand einen neuen, sehr bedeutenden Absturz erlitten hat, haben sich die Rohstoffkäufe nicht nur nicht vermindert, sondern sind vielmehr um nicht weniger als 215 Millionen gestiegen. Die Verschlechte- rung der deutschen Handelsbilanz um 574 Millionen RM. entfällt also nur zu einem Teil auf den Verfall der Ausfuhr. • Zum anderen Teile ist die ständige Aufrechterhaltung enormer Rohstoffkäufe an der katastrophalen Entwicklung der Handelsbilanz und der hauptsächlich hierdurch zu erklärenden Einschrumpfung der Währungsreserven big auf einen letzten kümmerlichen Rest schuld. Im monatlichen Durchschnitt les Jahres 1933, wo die Devisenzuteilung an die Importeure auf nur 50 Prozent herabgesetzt war, betrug die Einfuhr 350 Millionen RM., von denen allein auf Rohstoffe 202 Millionen RM. entfielen. Jetzt hält man bei einem Devisenkontingent von nur 5 Prozent, al»o in Höhe von nur einem Zehntel der Zuteilung von 1933. Die Einfuhr aber ist trotzdem nicht gesunken, sondern betrug im Juli 1934 363 Millionen RM., von denen 199 Millionen auf die reine Rohstoffeinfuhr entfielen. Der für ausländische Rohstoffkäufe im Juli 1934 aufgewandte Devisenbetrag war also nur knapp 1,5 Prozent geringer als derjenige im Monatsdurchschnitt 1933, als man noch bei einer Währungsreserve von vielen hundert Millionen und bei ausgiebigen Kreditmöglichkeiten gewissermaßen aus dem vollen wirtschaften konnte. Wenn hier eine Wandlung vorgegangen ist, so gewiß nicht in dem Sinne, daß die immer wieder proklamierten„Armutsmaßnahmen" bei der Rohstoffeinfuhr praktisch zum Ausdruck gekommen sind. Die Wandlung besteht höchstens darin, daß man alle irgendwie zur Verfügung stehenden Devisen und alle vom Ausland mehr oder weniger freiwillig gewährten Kredite dazu verwandt hat, die Einfuhr ganz spezieller, für die Rüstung besonders wichtiger Artikel aufrecht zu erhalten. Während der Import wichtiger Verbrauchsgüter zum Teil im ersten Halbjahr 1934 gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres gesunken ist, wie z. B bei der Einfuhr von Wäsche und Kleidung, die sich um 5,3 Prozent vermindert hat und während bei anderen Artikeln, wie Lederwaren plus 2 4 Prozent, Leder plus 6,6 Prozent, Gewebe plus 0 8 Prozent, chemischen Erzeugnissen plus 5,1 Prozent und auch hei manchen, für den Kriegsbedarf weniger wichtigen Rohstoffen nur eine sehr geringfügige Erhöhung eingetreten ist, zeigt sich beim Import von Rüstungsstoffen weiter ein völlig eindeutiges Bild. Es beweist, daß Deutschland heute trotz seines Zornes über den bösen Willen der anderen, trotz seiner schwindenden Konkurrenzfähigkeit und trotz aller nur auf dem Papier stehenden Einfuhrbeschränkungen jeden ihm irgend zur Verfügung stehenden Dollar, Gulden und Franken zur ständigen weiteren Anhäufung von Rüstungsrohstoffen benutzt. Diese fortgesetzten Käufe von Kriegsmaterial stehen in einem so krassen Widerspruch zu allen offiziellen Erklärungen über die unverschuldete Armut des„dritten Reiches", daß diese nüchternen Ziffern ein besseres Bild von der in Berlin herrschenden Wirtschaftsmentalität bieten, als alle Erklärungen maßgehender„Führer", auch wenn sie noch so oft wiederholt werden. Nach den eigenen Angaben der deutschen Statistik— Wirtschaft und Statistik, Nr. 15 S. 496— ist im ersten Halbjahr 1934 allein die Einfuhr von Bau- und Nutzholz von 47,7 auf 86,8 Millionen RM., also um volle 82 Prozent gestiegen. Die Kupferbezüge erhöhten sich von 114,5 auf 199,3 Millionen, also um 74,1 Prozent, die der sonstigen unedlen Metalle von 70,3 auf 111,5 Millionen, somit um 58,6 Prozent. Bei Kautschuk ergab sich eine Einfuhrsteigerung um 40,3 Prozent, bei Fellen und Häuten um zirka 28 Prozent und bei Mineralölen um zirka 27 Prozent. Besonders interessant ist die Entwicklung bei dem wichtigsten Rüstungsmaterial, dem Eisen. Hier ist zunächst die Eisenerzeinfuhr von 37,6 auf 64,5 Millionen RM., also um 71,5 Prozent vom ersten Halbjahr 1933 bis zum ersten Halbjahr 1934 gestiegen. Man könnte dies vielleicht noch immer bescheiden nennen, wenn man bedenkt, welche Konjunktur die westdeutsche Schwerindustrie im Hinblick auf die ihr vom Hitler-Regime erteilten Rüstungsaufträge jetzt erlebt. Ein richtiges Bild gewinnt man aber erst dann, wenn man die gewaltige Steigerung berücksichtigt, die, ohne Beachtung der Kostenfrage, in der deutschen Inlandproduktion von Eisenerz erfolgt ist. Diese lag im Monatsdurchschnitt 1932 noch unter 100 000 Tonnen und beläuft sich jetzt allmonatlich auf 180 000 Tonnen und darüber. Diese gewaltige Steigerung der Eisenerzproduktion stellt aber offenbar erst einen Anfang dar, denn man bearbeitet jetzt ein Programm, nach welchem die gewaltige Produktion von 180 000 Tonnen noch weiter auf monatlich 350 000 Tonnen erhöht, also noch einmal fast verdoppelt werden soll. Allein die bisher völlig unrentablen Eisenerzgruben in Siegerländ, die man durch enorme Staatszuschüsse auf 125 000 Tonnen monatlich gebracht hat, sollen jetzt pro Monat weitere 60 000 Tonnen mehr produzieren. Aehnliches gilt von einer ganzen Reihe anderer Erzgruben, die früher Für den Aufstieg des Faschismus zur Macht waren die Wirtschaftskrise und die sich wandelnde Bevölkerungsstruktur Faktoren von nicht unwesentlicher Bedeutung. Auch für den Befreiungskampf der antifaschistischen Front gegen den Ilitlerismus wird die soziale Schichtung des deutschen Volkes eine wesentliche Rolle spielen müssen. Aus der Presse der Arbeitsfront werden allmählich die Ergebnisse der Volks- und Berufszählung vom 16. 6. 1933 bekannt, die einen Einblick in die sozialen Kräfte vermitteln, wenngleich auch diese Statistik nur mit allem Vorbehalt zugrundegelegt werden kann. Schon die Veröffentlichungen der Nazipresse haben große Unklarheiten aufzuweisen. So berichtet„Der Deutsche Nahrungsmittelarbeiter" von 32,3 Millionen Erwerbstätigen, während die Zeitschrift„Deutscher Bergbau" nur 26.4 Millionen gezählt hat. Offenbar hat das Organ der Bergarbeiter die Mitglieder des Arbeitsdienstes, die Landhelfer und andere Gruppe», die nur gegen Unterstützung Lohnarbeit verrichten müssen, nicht zu den Erwerbstätigen gerechnet- Geht man von den im„Nahrungsmittelarbeiter" veröffentlichten Zahlen aus, so ergibt sich folgendes Bild: Gesamtbevölkerung Erwerbstätige 1925 62 568 455 32 009 000 1933 65 335 879 32 296 000 Es ist zu beachten, daß vor der Feststellung der Erwerbstätigenzahl in Abzug gebracht werden die Berufslosen, Selbständigen(Rentenempfänger, Pensionäre und von der Unterstützung lebende Personen usw.) sowie alle Familienangehörigen ohne Beruf. Also selbst wenn die von den amtlichen Nazistellen bekanntgegebene Gesamtzahl der Erwerbstätigen als zutreffend hingenommen werden könnte, so würde, gemessen an der Gesamtzahl der Bevölkerung, das Einschrumpfen der Erwerbstätigen-Quote unverkennbar in die Erscheinung treten. Die ermittelten Erwerbspersonen verteilen sich wie folgt: Selbständige Erwerbspersonen(einschließlich Direktoren, Geschäfts- fiihrer, Betriebsleiter usw.) 5 303 000 16,4 Prozent Mithelfende Familienangehörige 5 312 000 16,4 Prozent Beamte und Soldaten 1 484 000 4,6 Prozent Angestellte 4 033 000 12,5 Prozent Arbeiter 14 946 000 46.3 Prozent Hausangestellte 1 218 000 3,8 Prozent Die berufliche Gliederung nach Wirtschaftsgruppen, in der Erwerbstätige und Erwerbslose nebst Angehörigen erfaßt werden, ergibt: Land- und Forstwirtschaft 21,1 Prozent Industrie und Handwerk 38.8 Prozent Handel und Verkehr 16.9 Prozent Oeffenlliche und private Dienste 7,8 Prozent Ohne Berufsaugabe 13,5 Prozent In der Gruppe Arbeiter sind rund 5 Millionen Erwerbslose enthalten. Als zahlenmäßiger Rückgang der Industriearbeiter wird die Zahl von 463 000 zugegeben, der Rückgang ist, gemessen am Zuwachs der Gesamtbevölkerung, größer. Die Verminderung der Industriearbeiterschaft hat auch nicht etwa einen Ausgleich in der Land- und Forstwirtschaft gefunden, denn auch dort ist die Zahl der Beschäftigten geringer als 192?. Wenn sieh auch das Schwergewicht der Landwirtschaft gegenüber Industrie und Handwerk verstärkt hat, so ist doch der Rückgang der Produktionstätigkeit in beiden Gruppen unverkennbar. In Industrie und Handwerk u n d in der Land- und Forstwirtschaft zusammen waren 1925 noch 73 Prozent der Gesamtbevölkerung beschäftigt, 1933 dagegen nur noch 68 Prozent. Die Tatsache, daß die Schicht der Angestellten eine Steigerung von 3,6 Millionen auf 4,033 Millionen erfahren hat, zeigt, daß der Rationalisierungsprozeß auf die Umschichtung des Proletariats in der Richtung einer wachsenden Bedeutung der Angestellten innerhalb der Arbeiterklasse wirkt. Da die Erhebung am 16. Juni 1933 abgeschlossen ist, so kommt in den Ergebnissen die Wirtschaftskatastrophe des Hitler-Regimes auch noch nicht entfernt in dem Maße zum Ausdruck, wie sie heute tatsächlich besteht. Schon die hier wiedergegebenen Zahlen, die in bezug auf den Kreis der Erwerbstätigkeit angezweifelt werden müßten, zeigen, daß sie unter 50 Prozent der Gesamtbevölkerungszahl gelegen sind, 1926 lag die Zahl noch über 51 Prozent. Das Heer der Berufslosen ist im „dritten Reich" zur Masse geworden. Dabei stecken in der Gruppe„Selbständige" auch noch Hunderttausende völlig verarmter Menschen. In dieser Gruppe sind nämlich auch all die Erwerbslosen ohne Unterstützung enthalten, die in ihrem Elend irgendwelchen Handel(besser gesagt Hausierhandel) mit Zigaretten, Gemüse oder anderen Bedarfsmitteln aufgemacht haben. Die eigenen Zahlen stehen auch zum Wirtschaftsprogramm der Nazis im Widerspruch. Dem Rückgang in der landwirtschaftlichen wie in der industriellen Produktionsarbeit steht die Zunahme der Beschäftigten in Handel und Verkehr mit 700 000 gegenüber. Die Zahl der Beamten und Soldaten ist gegenüber 1925 gleich geblieben, nachdem die höheren Beamten und die Offiziere in die Gruppe„Selbständige" eingereiht worden waren. Die Vermehrung des Beamtenheeres ist so unsichtbar gemacht worden. Die angegebene Zahl der Soldaten kann in keinem Falle richtig sein. Leider ist auch Industrie und Handwerk nicht getrennt worden. Es würde sich ergeben müssen, daß die selbständigen Industriellen und die Großlandwirte einen verschwindend kleinen Teil des Volkes ausmachen, dem 60 Millionen Arbeiter, Angestellte, Bauern und proletarisierte Mittelschichten gegenüberstehen. Die Statistik zeigt, daß Deutschland als führendes Industrieland eine schwere Einbuße erlitten bat, daß aber die alt- und neuproletarischen Massen eine unüberwindliche Macht werden können, wenn sie den Willen zur Einheit und Einigkeit in die Tat umzusetzen wissen. Die Arbeiterschaft im engeren Sinn des Wortes zeigt folgende Entwicklung: 1882: 8,344 Millionen, 1895: 9,805 Millionen, 1907: 11,876 Millionen, 1925: 14,709 Millionen, 1933: 14.946 Millionen. Die stürmische Aufwärtsentwicklung der Arbeitermassen hat zwar aufgehört und sie sind von der Arbeitslosigkeit am stärksten betroffen, dennoch ist die Arbeiterschaft, die mit ihren Angehörigen auf über 28 Millionen Personen geschätzt werden kann, auch zahlenmäßig der Kern und Vortrupp der antifasckistischen Bewegung im Befreiungskampf des deutschen Volkes. Aktienschwlndel in England Montag nachmittag bei Börsenschluß verbreitete sich in der City mit Windeseile eine Sensationsnachricht: Von der Com- pagnie Airspeed, die in der berühmten Gruppe der Luftschiffahrtspapiere an erster Stelle steht, sollen, so erzählte der eine Börsenbesucher erregt dem anderen, falsche Stücke in Umlauf sein. Bestürzt stürmten die Besitzer der Aktienstücke teils das Hauptbüro der Compagnie Airspeed, teils die Büros der Federated Trust Corporation, die die Finanzgeschäfte für Airspeed besorgt, um dort ihre Aktien auf ihre Echtheit prüfen zu lassen. Luftfahrtpapiere sind augenblicklich, da die englische Regierung ihr großes Luftverteidigungsprogramm verwirklichen will, außerordentlich gefragt. Und so war die Nachfrage nach der neuen Emission von 400 000 Aktien zu 5 Schilling(etwa 20 Franken) etwa zehnmal größer, so daß bei der endgültigen Zuteilung beträchtliche Reduzierungen nötig sein werden, um alle Wünsche zu befriedigen. Als der letzte Zeichnungstag gekommen war, wurde bereits ein Aufgeld auf die neu zur Emission kommenden Stücke von 3 Schilling pro Stück gezahlt. Da die Aktien selbst noch nicht fertig vorlagen, so handelte man an der Wertpapierbörse, wie dies üblich ist, mit Zuteilungsscheinen, die die Federated Trust Corporation auf den Namen des Subskribenten ausstellte. Wie alle derartigen Geschäfte waren diese also namentlich. Der neue Käufer konnte also nur Aktieninhaber werden und der Verkäufer konnte nur sein Geld empfangen, wenn der Besitzwechsel auch in den Büchern der Federated Trust Corporation eingetragen war. Da auf dem Kontinent der Aktienschwindel bekanntlich blüht und da in London die Schwindeleien Hatrys noch nicht vergessen sind, der auf eigene Faust zweimal so viel Aktien, als ihm zugebilligt worden waren, von seiner Gesellschaft ausgab, so sieht eine große Reihe von Börsensachverständige im namentlichen Handel die beste Sicherung gegen derartige Betrügereien. Nun aber zeigt es sich, daß auch diese Form des Börsengeschäfts keine Sicherheit gegen Betrug bietet. Bisher hat man für 10 000 Pfund falsche Stücke festgestellt, doch läßt sich die Größe des Betrugs noch nicht genau abschätzen. Denn die Stücke wecksein den Besitzer oft mehrmals täglich, und namentlich beim Terminwecksel wird ja nur der letzte in der Kette der Käufer und Verkäufer, der die Aktien vorerst behalten will, notiert. Da nun die Abrechnungen beim Terminhandel vierzehntägig stattfinden, so sind die Aktien natürlich durch eine Masse von Spekulantenhänden gegangen. Und diese Spekulanten sind der Federated Trust Corporation nicht bekannt. Ihre Namen sind wiederum nur bei den einzelnen Wechselmaklern notiert. Der Betrug wurde dadurch aufgedeckt, daß ein Makler im Auftrage eines Klienten bei der Federated Trust Corporation anrief, um die Umschreibung von Aktien, die auf Termin gehandelt waren, vornehmen zu lassen. Dabei stellte die Gesellschaft fest, daß der Verkäufer bei ihr gar nicht eingeschrieben war, und so kam der Schwindel ans Tageslicht. Der Börsenvorstand hüllt sich über die Sache in Stillschweigen, und der schwindelhafte Verkäufer ist nicht aufzufinden, dock glaubt man, daß sich aus der Sacke unter Umständen ein ähnlicher Skandal ergeben wird, wie aus der Hatryaffäre, in die bekanntlich bedeutende Börsianer verwickelt waren. ®tuisdke Stimmen• für die„kämpfenden" Philosophen, die in einer Zeit, TüiMeim //i. Wiederkehr des Gleichen Cäsaren ähneln sich in lächerlicher Weise. Ohne daß sie es ahnen, bewegen sich ihre Hirne in den gleichen geistigen Schraubengängen. „Wer sich mir entgegenstellt, den zerschmettere ich," prahlte Wilhelm II. „Es ist mein unerschütterlicher Entschluß, jeden, der es wagen sollte, diese Entwicklung zu hindern oder gar mit Gewalt zu hemmen, persönlich zur Verantwortung zu ziehen," echote Adolf I in Hamburg. „Schwarzseher dulde ich nicht. Die Nörgler sollen den Staub des Vaterlandes von ihren Pantoffeln schütteln," lautete Wilhelms Diktat. „In meinen Augen ist Kritik keine lebenswichtige Funktion an sich. Ohne Kritiker kann die Welt leben, ohne Arbeiter nicht," schloß Adolf I. in Hamburg sich diesem Standpunkte an.(Sollte das Schicksal Deutschlands unter Wilhelm IL nicht eigentlich den Beweis erbracht haben, wohin es führt, wenn Kritik sich nicht durchsetzen kann?!) „Mein in Gott ruhender, hochseliger Großvater," das war der Heldengreis, hinter dessen legendärer Größe— in Wahrheit auf den Taten Bismarcks und Moltkes beruhend— der Enkel mit Vorliebe Schutzstellung bezog. Wer durfte wagen, an die Gestalt des neunzigjährigen verstorbenen ersten Wilhelm zu rühren! „Sowie mir der hochselige alte Herr die Verantwortung gab, habe ich keine Minute gezögert..." Auch Hitler hat seinen hochseligen alten Herrn, siehenundachtzigjährig verstorben, ebenfalls mit falschem Legendenruhm umkleidet und ebenso unantastbar wie der alte Kaiser Wilhelm in der Sentimentalität des deutschen Volkes geborgen. Er hält sogar ein„Testament" des Hochseligen in Händen, das er als Berufung zur Nachfolgerschaft deutet. Cäsaren ähneln einander in lächerlicher Weise.— Wie wird die geschichtliche Parallele zwischen Wilhelm und Adolf wohl fortlaufen und... bis zu welchem Punkte?! J. C. Keine JMusianen,» dumpfer Schlag auf den Kopf in den Haufen der Körper, zu den Brüdern, zu den Schwestern. Allein da« letzte, was ich sah. war das Bildnis unsere» Symboles. Allein das letzte, was ich hörte, war der Ausr»^ des Theodosius. den tausendjähriges Echo nicht unter de» Gewölben des Domes, aber in den unendlichen, von Fiostec nis beschatteten Gängen meiner Seele wiederholte: „In deine Hände befehle ich meinen Geist!" h Monzenfrationslager! Appell an das Wenge wissen ^ Unter dem Titel: ,.K onzentrationslager! Ein Appell an das Gewissen der Welt" erscheint demnächst bei der Verlagsanstalt„Graphia" in Karlsbad ein Buch mit dreizehn, authentischen Berichten aus verschiedenen deutschen Konzentrationslagern. Fntz Klein: Llditenburg Kirchgang Eine Abwechslung besonderer Art bildete für uns der sonntägliche Gang zur Kirche. Wir ivaren meist Freidenker, und der Gottesdienst interessierte uns nicht. Aber auf Be- treiben des Direktors Widder hatte sich ein Sängerchor aus l-l> Gefangenen gebildet unter der Leitung des Gefangenen Puchert, dem zuzuhören ein Genuß war. Begabte San- ger, auch die Gattin von Widder, brachten oft auch Solo- gesang zum Bortrag. Puchert spielte die Orgel virtuos und Reviers versteckt, bis die Besucher das Loger wieder ver- lassen hatten. Den Japanern hatte man die Untcrkunftsräumc der TS.- Wachmannschaften, die mit Militärbetten. Schränken, Tischen und Stühlen ausgestattet sind und deren aufs beste ausge- statteten Kinosaal gezeigt. Die Japaner haben danach, wie in der„Mitteldeutschen National-Zcitung" zu lesen ivar, berichtet:„Die Schutzhästlinge haben jeder ein Bett, einen Schrank, Tisch und Stühle. In einem großen, hellen Saal erhalten die Gefangenen Unterricht in Geschichte»nd Staats- künde und werden so zu brauchbaren Mitgliedern der Nation erzogen. Das Esien ist vorzüglich, es war uns beim besten Willen nicht möglich, mehr als einen Teller zu essen!" Daß sie nur die Räume der TS. gesehen und deren Essen gekostet hatten, das haben die Japaner nicht bemerkt. Als wir den Bericht in der Zeitung lasen>r Ordnung gebracht war. Am nächsten Morgen mußte» alle Strvhsäckc ivieder entleert werden, iveil in der Eile Taschen- tücher, Strümpfe, Hemden, Handtücher und ander s ocr- scbentlich mit hineingestopft worden war. Wer noch eine Taschenuhr hatte, dem wurde sie bestimmt in der„Stunde der Nation" zertrete». Ich>vaa>e es immer, wenn in der Nacht auf einer der Stationen Razzia»e.i«>rn ivar. Am anderen Mvrgen kamen die„Helden" zum Baden. Die Gefangenen aber konnten sehen, wie sie ihren Schmutz los ivurden. Es ist nicht verwunderlich, wenn bei solchen Zustanden alles verlauste. Ich bekam zum Badcbetrieb auch noch>e Entlausungsstation, die unterhalb des Sanitätsrcviers e->» gerichtet wurde. Am furchtbarsten ivaren die Läufe aw'er Station 3, die mit fünfhundert Gefangenen belegt war. Alles Bettzeug, die Wäsche und Kleider und die Gcsanzeca dieser Station habe ich zweimal entlausen müssen. „Sicherungsverwahrung" Im November 1938 wurde das Zellengebäude in Starion! für die Opfer des neuen„Gesetzes zur Sicherungsvcrwah- rung der Berufsverbrecher" eingerichtet. Nach diesem Gesetz kann jeder, der mehrmals vorbestraft wurde, auch Gewohnheitstrinker, überhaupt jeder der„nationalen Regierung" mißliebige Staatsbürger in lebenslängliche S i ch e- rutlgSverwahrung genommen werden, ES dauerte gar nicht lauge, da traf schon der erste Trans- port solcher Menschen ein, die hier lebendig begraben wer» den. Beim Empfang ivurden sie zusammengeschlagen und getreten, bis sie liegen blieben. Eingesperrt sind je drei Mann in eine Zelle. Aus den Zellen ist alles entfernt, kein Tisch, kein Schemel ist darin, nicht einmal ein Raget in der Wand. Die Strohsäcke werden am Abend in die Zellen ge- schafft. Tie Fenster sind mit Kalk bestrichen, so daß die Ge- der sozialdemokratische Abgeordnete Gerlach, der Regie- fangcnen dauernd im Halbdunkel leben. Eingekleidet sind ce Rc- die„BB.-Leutc", wie wir sie nannten in alte blaue Polizei- „Besichtigungen" Nach den Behauptungen der„Führer" im„dritten Reich" geschieht in Deutschland heute nichts ohne Wissen der ver- antwortlichen Stellen. Nun, bei unserem Chordirigcntcn Puchert wußte man nicht einmal, weshalb er in Schutzhaft v'ar und wie er überhaupt aus dem Freistaat Sachsen in p'v preußisches Konzentrationslager geraten ist. Ans seine iviederholtcn Hastbeschwcrdcn teilte das Geheime Staatspolizeiamt mit,„er möge doch die Namen der SA- "cnte angeben, die ihn verhaftet und eingeliefert hätten"! Man könnte lachen, wenn es nicht eine so ernste Ange rungspräsidcnt L ii d e m a n n, Breslau, und mehrer gierungs- und Vizepräsidenten aus Kiel und ans Hessen. Außerdem viele Juden, meist Aerzte und Chemiker. Auch Bauknccht, der sozialdemokratische Polizeipräsident von Köln, kam mit diesem Transport. Ter Schauspieler und Regisseur Langrok aus Düsseldorf hatte bereits einen Bertrag, wenn ich mich recht erinnere, mit dem Züricher uniformen. Man weiß mit ihnen nichts anderes anzufangen, als sie zu exerzieren: Parademarsch kloppen, den Gruß„Hell Hitler!" üben,„Hinlegen!",„Sprung auf, marsch-marsch l" Tie exerzieren besser als wir, sagte mal ein SS. Mann. Biele der BB.-Lcute hatten sich schon fünf und sechs Jahre gut geführt und waren mit den Strafgesetzen nicht mehr>n mit geschriebenes Pensum erfülle». Man sah es ihren zcrschun- denen Händen an, man sah es noch an der„bunten Fär- bung" ihrer Haut, welch schwere Monate sie in Papenburg - erlebt haben. Trotzdem es bei uns doch wirklich grausam zuging, sagten alle, die aus anderen Lagern kamen, daß es überall noch schlimmer sei als aus der Lichtenbnrg. Bon Papenburg tadttheater. Er wurde trotzdem nicht freigelassen, weil er Konflikt gekommen. Trotzdem sind sie lebend begraben, dttr sich zum Kommunismus bekannt hatte. fen nicht rauchen, keinen Tabak kauen, durften zu meiner In. Papenburg mußten alle, wie wir erfuhren, im Moor Lagerzeit keine Post empfangen und keine absenden. Sie it Hacke und Schaufel arbeiten und jeder mußte sein vor- mußten mit der spärlichen Post, die sie erhielten, anskom- men und durften mit niemand, auch unter sich, nicht sprechen. Unter uns politischen Gefangenen war ein Ingenieur Franke aus Bittcrfeld oder Piesteritz, Mitglied der Sekte der„Ernsten Bibelforscher", und deswegen in Schutzhast. Ob- wohl sich Franke sonst in allem der Lagerordnung fügte, verweigerte er konscguent den„Hitlergruß". Eines Tages nun machten sich Truppführcr Zimmermann mit fünf oder leaenbei»'.««^««*«7 oert,„„a.s wurde uns erzählt, daß dort der sozialdemokratische Reichs- sechs TS.-Lenten daran. Franke auf dem Sandhof den WareJ» S 1 msu! SÜwL»i?« f tagSabgcordnete Heil man ii durch Schüsse schwer verletzt Httlcrgruß beizubringen Ich hörte, wie unter meinem Auto a^^en^ui^d^rkMeoot battsn sewesen, die ihn ins u-orde» ist. Es wird auch noch ehemaligen Papcnburgern Fenster Entsbergcr zu Zimmermann sagte:„Schleift den i„ und verschleppt hatten gelingen, ihre Erlebnisse zu veröffentlichen, und nach den Krcpel zu Tode." Äommllkü 1"!«t Puchert noch beute im.ager. Der Mitteilungen, die wir erhielte», werden die Berichte j.'de„Arm hoch! Arm hoch!" brüllte Zimmermann, und da nandant Entsbergcr hatte ihm einmal beim andere Schilderung von widerwärtigen Scheußlichkeiten und Franke das nicht tat, fiele» die ST.-Leute über ihn her. sadistischen Exzessen an Grausamkeiten übertreffen.(Solche"""" Berichte sind von uns veröffentlicht. Redaktion der„Deut- scheu Freiheit".» In Lichtcnburg ivurden nach der Ankunft neuer TranS- parte die Gefangenen auf die einzelnen Stationen plan- mäßig verteilt. Beamte im alten Staat, alle Reichstags- und vpell vor versammelter Mannschaft erklärt:„So lange ich 'er bin, kommen Sie nicht raus!" Dem Direktor Widder ^'^ren verschiedene Ausschreitungen bekannt geworden, die ^«.-Leute nachts an Gefangenen begangen hatten. Da Luchert an der Orgel mit Frau Widder Lieder einübte, ver- ^uiete EntSbcrger, Puchert habe die Vorkommnisse der Frau Widder erzählt. Nun hatte das„schwarze Schwein", wie"*--------— ®W»er fl er genannt wurde. Puchert„gefressen". Der arme fiemant^&atipn bcr„Prominente???!? bZonders L'vuröc seines Lebens nicht mehr froh. Hui Betreiben " Elitsberger ist dann auch nach den Weihnachtsfciertagen r^ängerchor aufgelöst worden, l-rf. ren& me' ner Schutzhaft in der Lichtenbnrg habe ich Ms„Besichtigungen" erlebt. Eine durch schwedische Jour- "listen, eine durch Engländer und Amerikaner unter Füh- Nng des Grafen L uckner, dem Scehelöen des Welt- ^'eges, eine durch Japaner, eine durch die deutsche Presse schmutzigen Arbeiten, das Ausmisten des Schweinestalles und Forttragen des Mistes mit bloßen Händen, mußte» die .Prominenten" erledigen. Ich sah einmal den sozialdemokratischen Oberbürgermeister von Magdeburg. Ernst Reuter wie er dem Zuchteber im Schwcinehof die Läufe von der Schwarte ablesen mußte! Bevor Reuter der Station zngc- teilt wurde, war er Stubenältester in Stube Iii der Sta- tion 2. Er war stark ergraut und machte trotz seines unac- °>ne durch das preußische Innenministerium und die letzte grochenen Mutes in seinem abgetragenen'und" durch"die ourch den Oberpräsidcnten aus.Magdeburg. Arbeit zersetzten Sportanzug nicht den Eindruck eines ehe- Tie letzte Besichtigung war die kürzeste. In>ün> Minuten„laligen Oberbürgermeisters der Stadt Magdcbura hat der Herr Oberpräsident mit seinem Ttabe, mlndejtens zwanzig in allen Farben schillernden und mit Erinnerungs- Nnh'nn" wlinzen behängten Unisormträgcrn das Lager„besichtigt'." Wenn eine Besichtigung angesagt war— sie ivurdc dem In Lichtenbnrg wurde eine Wäscherei eingerichtet, in der ^aqerkommandanten immer angekündigt—, wurde von irüh l.bei nur die Anstaltswäsche und die Wäsche der TT. gc- bis in die Nacht hinein gescheuert und geputzt. Die in den waschen werden durfte. Auf höheren Befehl betätigten sich Aukenthaltsräumen zum Trocknen ausgehängte. Wäsche am Walchsaß der sozialdemokratische Neichstagsabgeordnete wußte entfernt werden und das wichtigste, die Arrestzellen. Biester aus Hamburg und der Rechtsanwalt Dr. Tam- wurden jedesmal schleunigst geleert! Die Arrestanten kamen ter ans Naumburg. Für uns Gefangenen war an jedem 'n ihre Stationen zurück und wurden den Besuchern nicht Sonntag eine Stunde Waschzeit angesetzt, während der n ir nc*cigt. Bestand doch die Möglichkeit, daß jemand bei den im Hole am Brunnen unsere ltztcnsilien naschen dursten. Besichtigungen das Arrcstlokal zu sehen verlangte, und dem Getrocknet wurde das gewaschene Zeug, au,' Bindfaden ge- wurde vorgebeugt. Gezeigt ivurdc den Kommissionen immer hängt, im Auienthaltsraum und Tchlassaal. ' tau 98nffiC 'ie Badeetnrichtung,„wo die Gefangenen jede Woche Nur wurde der ganze gewaschene Kram meist wieder schlugen und traten aus ihn ein, bis er bewußtlos liegen blieb. Die Blutlachen, die bei dem starken Frost sofort sro° reu, konnte man noch»ach Tagen sehen. Am anderen Tage wurde Franke in Uniform gekleidet und in Sicherungsverwahrung zwischen die BB.-Leute gesteckt. Mit denen mußte er hinfort Dienst tun. Reichstagswahl im Konzentrationslager Die für den 12. November angesetzte Rcichstagswahl mit Volksentscheid näherte sich. Aus alle» Stationen ivurden Radiolautsprecher eingebaut, damit auch wir die Reden der „Führer" hörten. An einigen Abenden mußten wir bis 1 Uhr nachts anhören. Wer beim Einschlafe» erwischt wurde, flog in den Arrest. Einen Tag vor der Wahl wurden die Gesan- genen aller Stationen im Hof im Karree aufgestellt. Eine SA.-Kapelle erschien. Kommando:„Mützen ab, stillgestanden!" Die Kapelle spielte das Deutschlandlied.„Rührt euch!" Ein uns unbekannter Propagandaredner sprach über:„Bebro- hung Deutschlands ringsum durch hvchgerüstctc Staate»", von„Freiheit" zurückerobern, Einigceit usw." Jeder, der nicht mit„Ja" abstimme, werde als Verbrecher am deutschen Volke angesehen und danach behandelt! Latrinenparolen kamen im Lager in Umlauf: Die Stimm- scheine sind durch Geheimzeichen numeriert, es wird jeder festgestellt, der mit„Nein" abstimmt. Der Wahlsonntag kam und das Resultat ivar: Bon etwa 1800 abgegebenen Stimmen der Gefangenen lauteten drei- zehn Stimmen auf„Nein", alle anderen haben mit„Ja" gewählt. Das ivar kein Wahlresultät! Unsere Stimmung war eine grundsätzlich andere. Alles nur Schein! * Weihnachten kam heran und damit die angekündigten Entlassungen auf Grund der Gnadenatlion. Auch ich baben",""w"machteEntsbcrger es ihnen weis. Dan» die schmutzig, denn von Zeit zu Zeit veranstalteten die ST.- ^üchen'ränme. die Kammern, die Kirche und die Station 1. Leute in den Schlafraumcn der Gefangenen Razzien. Wir stand auf der Liste Entlassungsfeier mit Ansprache des Ko i Tiefe Station war im neueste» Gebäudeflngel untergebracht nannten diese Amtshandlung der TS.„Stunde der Mandanten:^n..a„ungs,e.er r.nfpracye "l'e Gefangenen hatten dort Ttrohsäcke und Bettzeug und N at ion j u„e«timftc nach Schlafengehen erschienen dann„Haltet den Schnabel über alles, bauscht kleine Borkomm- Sr™r?" TIS**,.....5*5 ÄÄKrTÄ®'MÄÄÄS'i:»,,: s? fWÄ SSS«Ä S VT BB I SsHäsSs äm»«sä-ä >Ä' SS ÄÄt' Si'ÄÄ SäääJöss ÄssirsrÄS: Pariser Berichte Das Weißbrot hat schuld Der„Matin" sieht die gänzliche Entvölkerung Frankreidis voraus. In sechzig Jahren, so heißt es in dem diesbezüglichen Artikel, würde die Bevölkerung Frankreichs nur noch 20 Millionen Menschen betragen. Das würde bedeuten, daß 1994 Frankreich weniger Einwohner als Spanien habe. Der Grund für diesen rapiden Bevölkerungsschwund sei in zwei Dingen zu suchen: einmal in dem geringen Geburtenüberschuß(Anmerk. der Redaktion: 1930 2,4 per Tausend) und zum anderen in der zu großen Sterblichkeit. Für Mangel an Bevölkerungszuwachs macht der Verfasser das französische Brot verantwortlich. Er schreibt, daß dem Weißbrot alle notwendigen Substanzen, vor allem die so wichtigen Vitamine fehlten und daß seine Produktion daher geradezu ein Verbrechen gegen die Lebensfähigkeit der französischen Nation bedeute. Die Sterblichkeit wiederum, so heißt es in dem Artikel, stehe in engstem Zusammenhang mit der allgemeinen Volksgesundheit. Und für die Volksgesundheit sei in erster Linie die Keimfreimachung des Wassers und damit die Bekämpfung des Typhus von Wichtigkeit. Amerika habe das schon vor mehr als dreißig Jahren erkannt. Während im Staate Neuyork die allgemeine Sterblichkeit 18,1 auf 1000 Einwohner und die Typhussterblichkeit 26,7 auf 100 000 Einwohner noch um das Jahr 1900 betragen habe, habe sich der Erfolg der Keimfreimachung des Wassers mit Chlor darin gezeigt, daß die Typhussterblichkeit 1930 nur noch 1,2 auf 100 000 Einwohner und die allgemeine Sterblichkeit 11,7 auf 1000 Einwohner ausgemacht habe. Nur zögernd sei Frankreich diesem Beispiel gefolgt. Daß aber dieser Weg richtig sei, beweise, daß 1930 15.83 auf 1000 Einwohner starben, während heute diese Ziffer auf l',9 gesunken sei. Man habe 1929 eine Statistik gemacht. Nach dieser kamen In 49 französischen Städten mit mehr als 50 000 Einwohnern 9 Typhustote auf 100 000 Einwohner, während in 49 gleichen deutschen und 107 englischen Städten die Typhussterblichkeit zehnmal geringer war. Was sich aber als gut für die großen Städte zeige, sei auch gut für das gesamte Land, und darum solle man ohne Zögern alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um das drohende Gespenst des Bevölkerungsschwundes zu bannen... Doumergue vor dem Mikrophon „Figaro" will aus gut unterrichteter Quelle wissen, daß Ministerpräsident Doumergue am 21. September eine große Rundfunkrede halten werde, die die erste in einer Reihe wichtiger Rundfunkreden sein soll. Erinnerungsfeiern an den Marnesieg Am 9. September vor zwanzig Jahren wurde das große Ringen an der Marne zugunsten Frankreichs entschieden. Zur Erinnerung an diesen den ganzen Verlauf des Weltkrieges entscheidend beeinflussenden französischen Sieg werden, wie „Journal" mitteilt, große Festlichkeiten stattfinden. Bei den Gedächtnisfeiern in Meaux wird der Kriegsminister Marschall Petain persönlich anwesend sein. In Paris ist bereits auf dem Glockenturm des Rathauses jene Fahne gehißt worden, die der Stadt Paris gelegentlich einer Marneschlachtfeier und zum Gedächtnis von Lafayette vor einigen Jahren von der Stadt Philadelphia geschenkt wurde. 6. Kongreß der Auslandsfranzosen Vom 2. bis 4. Oktober findet in Paris'unter dem Protektorat des französischen Außenministers und der französischen Liga für Schiffahrt und Kolonien der 6. Kongreß der Auslandsfranzosen statt, an dem zahlreiche Handelskammern, Unterrichtsanstalten, Wohltätigkeits-, Krieger- und andere Vereinigungen sowie bedeutende Bank Unternehmungen und ein Teil der Geschäftswelt lebhaft interessiert sind. StraftMirgcr wodiensdiau Ein Denkmal der Humanität Es war vor zwanzig Jahren, die Kanonen des Weltkrieges donnerten in den Vogesenbergen, Franzosen und Deutsche starben als erste Opfer des furchtbarsten aller Kriege. Da ereignete sich auf dem Schlachtfeld von St. Die ein Vorfall, der ein rührender Beweis für die Humanität und Toleranz des französischen Volkscharakters ist. Der aus dem Elsaß stammende Großrabbiner Abraham Bloch, der als Feldgeistlicher Dienst tat, fand mitten im Granatfeuer einen sterbenden französischen Soldaten. Dieser verlangte von ihm die letzte Oclung, weil er den Rabbiner für einen katholischen Geistlichen hielt. Der Rabbiner eilte davon und suchte einen katholischen Geistlichen. Er fand keinen. Aber auf seinem Weg erblickte er auf der Erde liegend ein Kruzifix. Mit dem Kruzifix eilte er zurück zu dem Sterbenden. Dieser küßte das Zeichen seiner Kirche und starb. Einige Minuten später schlug an der Stelle eine Granate ein, die den Rabbiner tötete. Am vergangenen Sonntag ehrte Frankreich das Andenken dieses edlen jüdischen Geistlichen, in dem es an der Stelle, da dieser nach der Verrichtung seines Liebeswerkes den Tod fand, ein Denkmal einweihte. Zu der Feier war neben vielen offiziellen Persönlichkeiten auch der Pensionsrainister der französischen Republik R i v o 1 1 e t erschienen, der sowohl am Grabe des Rabbiners einen Kranz niederlegte, wie auch an den Feierlichkeiten in der Synagoge und am Denkmal teilnahm, wo er das Kombattantenkreuz einmauerte. Der Pensionsminister hielt dabei eine Rede, in der er u. a. erklärte:„Es ist das große humane Gesetz der Duldung und Güte, dessen glorreicher Anwendung wir hier begegnen; es ist auch die Bekräftigung der französischen Brüderlichkeit, der unzerstörbaren und lebendigen nationalen Einheit trotz der Verschiedenheit der Politik und der Religionen. Hat Frankreich nicht von jeher daran gehalten, das aufnahmebereite Vaterland aller Philosophen zu sein? Ist es sich nicht schuldig, die Zufluchtsstätte zu bleiben und nötigenfalls die Herberge edler Ideen zu werden, woher sie auch kommen mögen? Es ist von besonderem Wert, hier in einem leuchtenden Symbol festzustellen, daß die Kombattanten diese reine Flamme der Duldung, welche die Seele unseres Landes erleuchtet, unversehrt erhalten, bewahren und selbst in der Gefahr noch unterhalten konnten." Die Worte des Ministers sind mehr als eine schöne Geste, sie sind ein Bekenntnis und ein Gelöbnis in einer Zeit, da in dem großen Nachharlande die Intoleranz blutige Triumphe feiert. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang daran, daß vor wenigen Monaten in Mannheim durch eine nationalsozialistische Stadtverwaltung das Denkmal des deutschen Juden und Sozialdemokraten Ludwig Frank, der vor zwanzig Jahren für sein„Vaterland" auf den Schlachtfeldern Lothringens gestorben ist, zerstören ließ und sein Andenken öffentlich schändete. Hier spricht Frankreich— dort aber sprach ein Deutschland, das sieh vergeblich bemühen wird, die Achtung der freien Menschen Europas zu erringen. Die Foire Europeenne de Strasbourg Auf dem großartig gelegenen Gelände des W a e k e n ist nun die 9. Exposition in vollem Gange. Mit einer Eröffnungsfeier, zu der die Vertreter der Behörden und Wirtschafts- irrbände in großer Zahl gekommen waren, begann die Ausstellung am vergangenen Samstag. Ein großer Publikums- Zustrom ergießt sich seit diesem Tag unaufhörlich nach der Ausstellung. In weiten Hallen, Zelten und besonderen Pavillons sind die verschiedenen Erzeugnisse von Landwirtschaft, Industrie und Handel in übersichtlicher Weise gruppiert. In die Augen springen vor allem die mannigfachen Erzeugnisse, die für den täglichen Gebrauch bestimmt sind. Sie finden hei den Beschauern ein besonders lebhaftes Interesse. Die Ausstellung dauert noch bis zum 14. September. Von den größeren Veranstaltungen ist die Rally aerien zu nennen, die am vergangenen Samstag und Sonntag viele Flugzeuge der verschiedenen Gattungen nach Straßburg brachte, die mit ihren Darbietungen eine zahlreiche Menschenmenge unterhielten. Am 14. September findet ein erster elsässischer Rinderzuchttiermarkt statt. Massenentlassungen bei Mathis In der bekannten Straßburger Automobilfabrik Mathis, die sich vor einigen Tagen mit der amerikanischen Fordgesellschaft assoziierte, finden gegenwärtig Massen- cntlassungen von Arbeiters und Angestellten stall. Wie man hört, soll der Betrieb, der zuletzt 2500 Arbeiter beschäftigte, für kurze Zeit völlig stillgelegt werden. Am 1. November soll dann die Produktion wieder voll aufgenommen werden. Inzwischen will die Firma notwendige innerbetriebliche Organisationsarbeiten vornehmen lassen. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß es sich hier um die Schaffung der technischen Voraussetzungen für die Produktion nach Fordschem Muster handelt. Die angeblich vorübergehenden Entlassungen stellen trotz allem eine starke Belastung des Straßburger Arbeitsmarktes dar und haben unter der Arbeiterschaft eine erhebliche Beunruhigung ausgelöst. Ein Elsässisches Haus in Paris Der Kongreß der elsässischen Vereinigungen in Frankreich befürwortet einen Antrag der Pariser Sektion, in der Hauptstadt der Republik ein Elsässisches Haus zu errichten, in dem sämtliche touristischen und wirtschaftlichen Auskünfte über das Elsaß zentralisiert werden. Das Haus wird schon in den ersten Oktobertagen eröffnet werden. Kongreß der Radikalsozialisten Die Föderation Radicale de L Est wird ihren diesjährigen Kongreß zum erstenmal in Straßburg, und zwar am 29. und 30. September, abhalten. Die Vereinigung umfaßt 19 Departements. An der Veranstaltung wird neben einer großen Zahl führender französischer Politiker auch der Präsident der Vereinigung Edouard H e r r i o t teilnehmen. Das Neue Tage-Buch Herausgelser: Leopold Schwarzschild AUS DEM INHALT, Nr. 34 soeben erichienen PREIS 3 FRANCS Dl« Wodie Zwanzig Jahr«>«lt dar Marn« Jung« Laut« dürfen nicht arbeiten Was hilft gegen Gewalt I LEOPOLD SCHWARZSCHILD: Salvarsan für all« t ALBERT HELMAM: Pogrom In Afrika JOACHIM HANIEL: Da, deutidia Rohstoffgehelmnli Der Sdiwe zer Hoteller all Ehrengalf JOSEPH ROTH: Gott In Deutidi'and Miniaturen Wichtig* Tleuecscheiaung 4üc ieden HaCitikec! BEER, Dr. M. Die auswärtige Politik des„dritten Reiches" kartoniert Fr, 25,— gebunden Fr. 35,— J$uchhandtunQ dec VMsstunme. Saarbrücken 3, Bahnhofstraße 32 Neunkirchen, Hüttenbergstraße 41 BRIEFKASTEN Hausbesitzer i» Solu. Gelegentlich eines Besuches im Taargebiet schreiben Tie uns einen Klagcbries liber sie schlechte Lage des Hausbesitzes in Köln. Aus bcn Ringstraßen ständen Hundertc größere Wohnungen leer und in anderen Stadtteilen sei es nicht beger. Sie hätten Ihren Brief an die gleichgeschaltete Preß« des Saar» gebicles richten sollen, damit die saarländischen Hausbesitzer er» fahren, was sie bei einer Rtictglicderung der Saar an das bankrotte Hitlerreich zu erwarten haben. A. M. Als Schweizer schreiben Tie uns aus Genf:„Wohl begreise ich, daß ein Bolk sich einen Führer wählt, von dem es hosst, daß er es aus Not und Glend herausholen möchte, obwohl das einem ein» zclncn ganz unmöglich ist. Immerhin: der Ertrinkende klammert sich wohl an einen Strohhalm. Ist der Kührer ein überragender, erfahrener Mann, so ist das Kührcrprinzip noch zu verstehen. Nach» dem ich diesen Mann aber einigcmalc am Radio gehört habe, ist mein Urteil:„Ein kranker Mensch". Ich werde irre an der Wigen» schaft, in diesem Kalle an der Psychiatric, wenn sie schweigt. Wie können hochgelehrte Profcyoren, die sonst alles sehen, alles er» klären, das Winzigste ans Licht ziehen und unter die Lupe nehmen, zu diesen Källen schweigen? Denn es gibt hier nicht nur einen Kall, sondern mehrere und viele Källe. Wenn irgendwo eine Cht" lcraerkrankung gemeldet wird, welche Ticherungsmaßregeln werden dann ergrissen! Wenn aber psychische Epidemien ganze Nationen anstecken, hüllt sich die Wiyenschast in Schweigen und keinerlei Maßregeln werden für notwendig erachtet. Es wäre an Ihnen, einen Appell an die psychiatrische Wiiseuschast der ganzen Well zu richten" — Appellieren wolle» wir gerne, ob es aber in diesem„Kalle" hilft? Wir glauben es kaum. Wo solche„Fälle" zur Macht gelangen, schüchtern sie die WI|senschaft ei». Wirmes abgebrochen". Ihr schreibt uns:„Wir In unserem Westcr» walddoTfc sind von der braunen Obrigkeit entsetzlich bestraft worden. Am Wahlsonntag hatten wir gerade die orlsüblichc Kirmes. Trotz» dem soder vielleicht deswegen?) wurden in unserem Torfe, des an die 1100 Einwohner zählt, über ein Drittel antihillerische Stimmen abgegeben. C?lIfo Nein- und ungültige Stimmen sowie Stimm» cnlhaltiingcn.) Wenn das schon amtlich ausgezählt worden ist, so haben wir allen Grund anzunehmen, daß der Prozentsatz gegen Hitler noch weit höher ist. TaS geht aber auch noch an» folgendem Borkommnis hervor. Noch am Wahlabend erschien ganz plötziiib der Herr Landrat mit seinem Stabe, und es hagelte ein braunes Donnerwetter auf die Führcrgardc unseres Dorfes. Damit ober nicht genug, der Herr Landrat gab sofort den Befehl, daß die Kirmes euf der Stelle verboten s«> als Strafe dafür, daß die Gemeinde.t- so hundssämmerlich schlecht gestimmt habe. Das Weitere würde noch nachkommen. lDie übliche Drohung von neuem Terror!) So wurden denn sämtliche Gastwirtschaften abgestreift und die frohgelaunte Bürgerschaft nach Hause geschickt. Eine besonders feine Note bekam diese Razzia dadurch, daß in den sogenannten besseren Lokalen die honoren Bürger unseres in der Welt nicht unbekannten Kabrikortcs saßen, die sich anscheinend über das amtliche Ergebnis gar nicht genug freuen konnten.— Heil Kirmes!" Amsterdam. Tie schreiben uns:„In Fulda prangen nach der Wahl am bischöflichen Palais, am Pricsterseminar,»n den katholischen Pfarrhäusern in großen Lettern gc» druckt folgende Aufschriften: 14»l Lumpen und Berräter haben>" Fulda mit Rein gestimmt! Gehörst Tu auch dazu?" In Fulda singt die Hitler-Iugend, wenn sie am Tom und beim Bischofspalais vorbeizieht— sogar als die BischosSkonfcrcnz tagte—, den Bcrs im Horst-Scsiel-Licd:„Hängt die Juden, stellt die Pfaffen an die Wand." In G. bei Fuida— den Ort nennen Tie am besten nicht—> wo 78 Stimmen mit Ja abgegeben wurden, hat der von den Nazis abgesetzte srühere Bürgermeister in einer Eingabe an den Landrat Dr. Burkhard erklärt:„Ich und noch sieben andere Bauern haben mit Nein gestimmt. Ich verlange eine Untersuchung wegen Wahl» sälschung. In Kohlhaus bei Fulda, in einer ehemaligen Zellulose- fabrik, liegt ein sogenannter Sportklub, in Wirklichkeit ein Roll- kommando. Es sind dorthin wiederholt katholische Bürger verschleppt und halb tot geprügelt worden. Der Bürgermeister von Bickenbach, der einem Nazi etwa« verweigert hatte, was er nicht tun durfte, erlitt dieses Schicksal, ebenso SA.-Lenlc, die beim Dienst fehlten. Fulda zittert vor der Bande.—(Sic fragen dazu:„Was sagen dazn die Katholiken an der Saar, die nicht früh genug zu Hitler kommen möchte»?" Wir auch. Für den Gesamtinhall verantwortlich: Johann P i tz ln Tud- weiter: für Inserate: Otto Kuhn tn Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Bolksftlmme GmbH„ Saarbrücken 8, Schützcnftraße 5.— Schließfach 776 Saarbrücken. Chirurg.*Mediz. Klinik Dr.Ettinger 168ter, Avenue de Neuilly, N E U 1 LL Y«sur-Seine. Tel.: Maillot 95- 50.— Ständige Betten. Dauernder ärztlicher Tag« und Nachtdienst. Konsultation erster Professoren— Stationskranke pro Tag ab 40 Fr. Entbindungen. Gewissenhafte Behandlung. Jeglicher Korat. Kabinett für X» und ultra« violette Strahlen. Lichtbäder. Teilweise und ganze Entfettungskur.— Hochfrequenz. Diathermie. -^>■ r.»■■■. Persönliche oder schriftliche Auskünfte auf Wunsch~ 1 SetaMlzerteeiiee*nf eteioeiceftee Weretwerengeeehlfl iMHathkml. fteadltoret. Weite mä Lfkftre Hcoduits ytfunid T», bllmrt M»U lUun L rti R. Leeres: Jiacis, hd tm«e PEsl Teiefee 4 Linie« vereinigt unter 60TZARTS tt-W Prima Existens Für ein tn Deutschland bestens eingeführtes konkurrenzloses chem»techn. Präparat ist die Lizenz für alle Länder zu vergeben. Er» forder iches Kapital 6— H OX) Franken. Interessenten wollen sich schriftlich melden unter Nr. 1148 an die Expedition der „DEUTSCHEN FREIHEIT", Saarbrücken IM liir die Jett freiM" Bei übmte Hellseherin Dr.£s»scicnces occulte 5 Asfrolo le, Ch'romancie Cartomancie,Psychoaoaly e spricht geläufig deutsch 62. rue de la Rochefoucauld(i. Hof, Tr. C, 2. Stock recb|* Tag ich 2—7 Uhr außer Donnerstags—.Metro: P>^ INSERIEREN BRINGT GEWINN