Pan Freiheit Nr. 211 2. Jahrgang Dec Führer über sich selbst Ein illegaler Flugzettel Seite 2 Deutsche Wirtschaftsberichte Seite 4 Faschismus und Nazismus Seite 7 Wie ein Franzose uns sieht Seite 8 Chefredakteur: M. Braun Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Saarbrücken, Mittwoch, 12. Sept. 1934 Moskaus Weg nach Genf Das Ende eines langen unnützen Streites der sozialistischen Internationalen Eine geschichtliche Lehre Genf, 11. September. Nachdem in der geheimen Ratssitzung die Einigung über die Gewährung eines ständigen Ratssizes für Sowietrußland erzielt worden ist, erscheint dessen Eintritt in den Völkerbund gesichert. Ueber die Form der EinTabung gibt es noch Meinungsverschiedenheiten, die wohl im Laufe des heutigen Tages ausgeräumt werden dürften. Wir freuen uns über die Eingliederung der großen soziaInstischen Macht in den Völkerbund, so begrenzt sich auch die Wirkung des Völkerbundes erwiesen haben mag. Die große Wendung Sowjetrußlands nach Genf ruft die Erinnerung an den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund wach. Die Beteiligung Deutschlands an den Einrichtungen in Genf war eines der Ziele sozialdemokratischer Außenpolitik, und nur mit Hilfe der Sozialdemokratie fonnte Stresemann den Erfolg erreichen, der seit Jahren von der großen deutschen Arbeiterpartei realpolitisch und feineswegs in pazifistischem Ueberschwang angestrebt worden war. Es ist unmöglich, in dieser Stunde zu verschweigen, welche Stellung damals die bolschewistische 3. Internationale gegen die Völkerbundspolitik der Sozialdemokratie eingenommen bat. Nicht aus Rechthaberet, sondern lediglich um zu zeigen, wie unnötig tiefe Gegensäße zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten konstruiert worden sind, erinnern wir an den Aufruf der 3. Internationale vom April 1926. Er ri: f die Arbeiter und Werktätigen Europas und der Welt auf: Bereinigt euch zum Kampfe gegen den Völterbund!" Der Aufruf begann mit den Worten: " Die pazifistische Legende, der Völkerbund könne und werde den Weltfrieden auf kapitalistischer Grundlage fichern, ist zerstört." Die bolschewistische Internationale begnügte sich nicht mit einer Einzelkritik an der Politik des Völkerbundes, die vom Standpunkt des Sozialisten wirklich zu viel Kritik herausforderte, sondern sie verdammte den Völkerbund überhaupt. Dabei berief sie sich auf die höchste Autorität des Bolschewismus, auf Benin, wie folgt: „ Die Warnungen der Kommunistischen Internationale werden durch die Wirklichkeit, durch das Leben bestätigt. Bereits im Frühjahr 1919 sah Lenin diesen Gang der Ereignisse voraus, er nannte den Völkerbund bereits im Moment seiner Gründung einen Bund von Räubern und Volkswürgern. Arbeiter aller Länder, Werktätige Europas und der ganzen Welt. Wehrt euch, vereinigt euch, rüftet zum Kampf gegen die sen Bund von Räubern und Volkswürgern." Tie in dem Aufruf in die internationale Arbeiterwelt damals geschleuderten Parolen lauten:„ Bruch mit dem Völkerbund!" Man wird zugeben, daß diese Formulierungen weitgehend preisgegeben worden sind. Selbstverständlich fehlt in dem Aufruf dann die Pointe nicht, die sich gegen die Sozialdemokratie richtete, der nach der bolschewistischen Theorie den revolutionären Grundsätzen abtrünnigen parlamentarischen Partei. Ihr wird vorgeworfen: „ Ohne Rücksicht auf die Interessen der werktätigen Massen, unbekümmert um die Forderungen des revolutio= nären Proletariats, haben die sozialdemokrati: schen Führer nicht nur jeden Vorschlag zum gemein: samen Kampf gegen den Völkerbund abgelehnt, son= dern direkt aktiv an dem Völkerbund und in ähnlichen Organen des Imperialismus mitgewirft." Man stelle fich die damaligen Wirkungen des Aufrufes vor: in allen Parlamenten Europas, in der Arbeiterpresse aller Sprachen, in Millionen Flugschriften, in ungezählten Versammlungen wurde die Völkerbundspolitik zwischen den beiden großen Richtungen des Sozialismus umstritten. Die großen Kaders der Arbeiterbewegung wurden gegenseitig verfeindet und verhetzt wegen einer rein taftischen Frage, die jeder Zweig der Internationale nach den besonderen Verhältnissen und Bedingungen seines Landes hätte beantworten müssen. So tut es jetzt auch Rußland, das sich aus be= rechtigten nationalen Sicherheitsgründen, die aus der Spannung im Fernen Osten erwachsen, westeuropäisch neu orientiert. Wir meinen, daß sich aus diesem Stellungswechsel des Bolschewismus eine Lehre für alle Richtungen des Sozialismus ziehen ließe. Auch die stärksten Theoretiker können irren, auch ihre Analysen und Konstruktionen haben nicht Ewigkeitswert, sondern werden überholt oder modifiziert durch starke Realitäten auf den politischen Kampfplägen. Sind nun die russischen Staatsmänner charakterlose Opportunisten oder schwächliche reformistische Koalitionspolitifer geworden, weil sie mit der fapitalistischen Demokratie Frankreichs sich verbünden oder im Völkerbundsrat, in dem rur kapitalistische Staaten vertreten sind, Plazz nehmen? Wir sind weit davon entfernt, solche Vorwürfe zu erheben. Im Gegenteil. Wir bejahen die Außenpolitik Rußlands, gerade auch, weil wir diesen gewaltigen Faftor sozialistischer Politif erhalten wissen wollen. An die Theoretiker und die politischen Führer beider groken Richtungen des internationalen Sozialismus scheint uns aber die große und erfreuliche Schwenkung Rußlands nach Genf die Mahnung zu richten: viel mehr Toleranz gegenüber dem taktisch anders gerichteten Sozialisten und viel weniger selbstsichere Rechthaberei. Es ist verhängnisvoll, schwankende politische Auffassungen als geoffenbarte Dogmen auszurufen und Sozialisten anderer Richtung als Verräter zu diffamieren. Uns scheint, daß die beiden großen Arbeiterparteien aus den letzten zwei Jahrzehnten viel zu lernen haben, wenn sie den Weg und die Entschlüsse zu einer dauernden Kooperation finden sollen. Deutschlands Absage zum Ostpakt Die alte außenpolitische Walze Das Deutsche Nachrichtenbüro teilt mit: Die deutsche Reichsregierung hat nach sorgfältiger Prüfung des bekannten Planes eines sogenannten Ostpaktes die beteiligten Regierungen nunmehr über ihre Stellungnahme unterrichtet. Wie man weiß, handelt es sich bei dem vorgeschlagenen neuen Sicherheitssystem in Osteuropa vor allem um die Verpflichtung der acht Paktteilnehmer, nämlich Deutschland, der Sowjetunion, Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland und Tschechoslowakei, zur automatischen gegenseitigen militärischen Unterstüßung im Kriegsfalle. Außerdem soll die Sowjetunion eine Garantie für den Rheinpakt von Locarno und Frankreich eine Garantie für den Ostpakt übernehmen. Diese Garantien sollen sich evtl. auch zugunsten Deutschlands auswirken. Das ganze System setzt die Zugehörigkeit der Teilnehmerstaaten zum Völkerbund voraus und will diese Staaten auch in gewissen grundlegenden Fragen der europäischen Politik Bu einer bestimmten Haltung im Völkerbund verpflichten. In ihren Bemerkungen über dieses Projekt hat sich die deutsche Regierung zunächst grundsäßlich dahin ausgesprochen, daß sie keine Möglichkeit ſieht, einem derartigen intersolange ihre Gleichberechtigung auf dem Gebiete der Rüstungen noch von gewissen Mächten in Zweifel gezogen wird. Der gleiche Gesichtspunkt ist auch für die Frage des künftigen Verhältnisses Deutschlands zum Völkerbund maßgebend. Was die Unterstüßungspflicht der Paktteilnehmer angeht, so hat die deutsche Regierung dargelegt, daß sich der Verwirtlichung dieses an die Sanktionsbestimmungen des Völkerbundsstatuts anschließenden Gedanken bisher bei allen internationalen Verhandlungen unüberwindliche Schwierigkeiten Fortfebung fehe 2. Seite, entgegengestellt haben, Otto Wels ausgebürgert Berlin, 11. Sept. Der„ Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Verordnung des Reichsinnenministers, durch die das Vermögen von Otto Wels, dem Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, für endgültig bes schlagnahmt erklärt wird. Wels wurde gleichzeitig die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Das„ Vermögen" von Otto Wels besteht in einem hypotkefarisch belasteten Häuschen in Friedrichshagen bei Berlin. Raub und Ausbürgerung sind die Auszeichnungen, die Herr Hitler an seine gefährlichsten Gegner verleiht. Avantgarde Vorabdruck aus ,, Grenzen der Gewalt. Aussichten und Wirkungen bewaffneter Erhebungen des Proletariats", erschienen bei der Verlagsanstalt ,, Graphia", Karlsbad. Die Verfechter der Diktatur gehen aus von der Jdee einer Avantgarde des Proletariats. Dieses sei viel zu dumm, um sich selbst befreien zu können, nur eine Elite an seiner Spizze vermöge das, die sich erhebe und das Proletariat nach sich ziehe. Das ist keine neue Idee, sie wurde schon vor vier Menschenaltern geboren. Bereits Babeuf prägte sie( 1796), nachdem die große französische Revolution in schlimmer Reaktion geendet hatte. Diese Jdee fand dann im Blanquismus ihre energischste Ver körperung. Sie führte zu nichts als zu einer ununterbrochenen Kette von Niederlagen. Jedesmal, so oft die „ Avantgarde" in Bewegung gesetzt wurde, erwies es sich, daß ihr nichts nachfolgte, daß sie nicht imftande sei, auch nur einen Bruchteil des Volkes mit sich zu reißen. Sie war die Vorhut einer Armee, die bloß in der Fantasie der Verschworenen, existierte. Diese freilich wähnten stets, das Volk dürfte nach Revolution und warte nur auf ein Signal, um loszuschlagen. Auch wo solches der Fall, bedarf es eines gewaltigen Ereignisses, das die Massen weit tiefer erregt als der Butsch einiger hundert Verschworenen. Das gilt auch heute. Selbst der Aufstand des am meisten kampfbereiten Teils der Schutzbündler in den Februartagen in Wien, der sicher ein aufrüttelndes Ereignis war, vermochte die große Mehrheit der Wiener Arbeiter nicht zu einer Aktion fortzureißen. Einen Aufstand von gleicher Intensität im jetzigen Desterreich zu wiederholen, ist aber nicht mehr möglich. Ein neuer Aufstandsversuch würde weder über soviel Waffen noch auch über so viel Menschen verfügen als der des österreichischen Schutzbundes, der als legale Organisation gegründet worden. Eine neue Verschwörung würde von der Polizei entdeckt werden, lange ehe sie mehrere tausend Mitglieder gewonnen hätte. Avantgarden dieser Art könnten nur die Zahl der nutzlosen Opfer vermehren, die im Freiheitskcripfe fallen sicher wieder neue Helden. Aber Helden sind nicht dazu da, daß man sie in sinnlosen Experimenten veh.mentet. Die Avantgarde, die wir brauchen, ist ganz anderer Art. Ihre Aufgaben sind jene, die schon das„ kommunistische Manifest" als die des Bundes der Kommunisten bezeichnete, dem Marg und Engels 1847 beitraten. Sie sollen sein„ der praktisch entschiedenste, immer weiter treibende Teil" der Arbeiterschaft und sollen streben, „ theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats bie Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung vorauszuhaben". Also diese Avantgarde soll aus den entschlossensten Sozialisten bestehen, aber auch den weitsichtigsten, am besten unterrichteten. Sie sollen dem Proletariat Zuvers sicht zu einer Sache einflößen, aber auch vermehrtes Wissen. Sie sollen durch hohe Entschlossenheit und Einsicht imstande sein, jede seiner Regungen zweckmäßig zu organisieren und zu gestalten. Ohne geistige Ueberlegenheit über die Gegner ist für die Sozialisten kein Sieg möglich. Je mehr die„ Gleich Mitteilung der Wahrheit unterbindet, desto notwendiger schaltung" alle geistige Selbständigkeit unterdrückt, jede wird die Informierung der Massen über den wirklichen Stand der Welt und über die allgemeinen Resultate Der proletarischen Bewegung". Je klarer die Einsicht darüber, desto größer wird die Einheitlichkeit der proletarischen Bewegung werden, die so unerläßlich ist für thren Sieg. Ihre geistige Einheit muß ihrer organiDeutschlands Absage zum Ostpakt fatorischen vorangehen. Die geistige Ueberlegenheit Die alte außenpolitische Walze Fortsetzung von Seite 1 proletarischer Massen über ihre Gegner herbeizuführen, wird die wichtigste Aufgabe der Avantgarde, die wir brauchen. Wer zu ihr gehören will, muß trachten, diese Ueberlegenheit durch Informierung seiner Umgebung auch dieser beizubringen. Bis zum Weltkrieg verstand fich das für jeden Sozialdemokraten von selbst als Grundlage jedes praktischen Wirkens in den Organisationen, zu denen er gehörte. Heute leben wir in einem Zeitalter des Kultus der rohen Gewalt und der Verachtung alles Buchwissens", an dessen Stelle der bloße Instinkt gesetzt wird, etwa der„ Rasseninstinkt". Heute ist es leider notwendig, die Notwendigkeit der Erwerbung und Verbreitung höheren Wissens für das Proletariat erst besonders zu betonen und darzulegen, früher Friedenssicherung mehr Erfolg versprechen. Deutschland, dessen zentrale Lage inmitten hochgerüsteter Staaten zu besonderer Vorsicht zwingt, kann keine Ver= pflichtung auf sich nehmen, die es in einen im Osten möglichen Konfliktsfall hineinziehen und zum wahrscheinlichen Kriegsschauplatz machen würde. war das eine Selbstverständlichkeit. Noch in einem anderen Sinne brauchen wir eine Für die in dem Paktsystem vorgesehenen Sondergarantien Frankreichs und der Sowjetunion liegt kein reales politisches Bedürfnis vor. Deutschland kann jedenfalls von solchen Garantien keinen Vorteil für sich erwarten. Die deutsche Regierung glaubt, daß andere Methoden der Avantgarde für das Heer des Proletariats. Eine Avant- automatische militärische Unterstüßungspflicht im Kriegsfalle, garde in der Internationale. Die Demokratie ist heute vielfach deshalb in Verruf geraten, weil sie die großen Aufgaben nicht zu lösen vermochte, die ihr die Zeit nach dem Weltkrieg stellte. Das rührte daher, daß keine der sozialistischen Parteien die absolute Mehrheit im Staate erlangte, die bürgerlichen Parteien aber kein umfassendes Programm sozialer Weiterentwicklung mehr haben. Sie lösen sich auf in kurzsichtige Interessenklüngel, die sich untereinander um die Ausplünderung des Staates, das heißt, seiner Arbeiter, raufen. Dieser Zustand, der aus den gegebenen fozialen Machtverhältnissen hervorgeht, wird der Demokratie in die Schuhe geschoben. Die Diktatur, die in manchen Staaten an Stelle der Demokratie tritt, bringt freilich keine Verbesserung dieses Zustandes, sondern eine arge Verschlechterung, weil sie dem Proletariat alle Selbständigkeit und Widerstandskraft nimmt und dadurch gerade jenes Element lähmt, das angesichts der allgemeinen Auflösung in beschränkte InteressenIm allgemeinen würde sie dabei zweiseitigen Verträgen den Vorzug geben. Sie lehnt aber auch mehrseitige Verträge nicht ab. Nur müßte der Schwerpunkt dabei nicht auf die sondern auf die Nichtangriffsverpflichtung und auf die Verpflichtung der an einem Konflikt interessierten Mächte zur Konsultation gelegt werden. Diese Verpflichtungen ließen sich im Sinne friedlicher Kriegsverhütungsmaßnahmen sehr wohl zu realen Friedensgarantien ausgestalten, ohne daß damit die Gefahr von ernsten Komplikationen verbunden wäre, wie sie der jetzt von den anderen Mächten vorgeschlagene Unterstützungspakt sicherlich zur Folge haben müßte. Der Wortlaut der deutschen Note liegt nicht vor. Daß sie Deutschlands außenpolitische Lage noch mehr verschlechtern wird, insbesondere in England, ist gewiß. Erster Widerhall dnb. Paris, 11. Sept. Die Antwortnote der Reichsregterung an die europäischen Großmächte in der Frage des Ostpattes findet größte Beachtung. Da amtlicherseits feine Erflärung über den Inhalt dieser Note abgegeben wurde, begnügen sich die Blätter vorläufig mit der Wiedergabe der furzen Mitteilung des Deutschen Nachrichtenbüros, aus der fie allgemein die Schlußfolgerung ziehen, daß die Reichsregierung sich weigere, dem Vorschlage der Mächte in ihrer jeßigen Form zuzustimmen. Das„ Deuvre" erklärt, es handle sich um eine glatte Ablehnung Deutschlands und es sei zu befürchten, daß diese Haltung neue Schwierigkeiten herausbeschwören werde. Das Journal" meint, daß Deutschland nur den Versuch mache, zu handeln. Allerdings sei wenig Aussicht auf Erfolg, denn Barthou habe es der Reichsregierung deutlich genug lichung der Rüstungsgleichheit zu erlangen, vergeblich seien. zu verstehen gegeben, daß die Versuche, die sofortige Berwirtvorgeschlagene Sicherheitssystem fönne natürlich nicht die Das„ Echo de Paris" meint, das von den Mächten Zustimmung eines Landes finden, das sich auf den Krieg vorbereite. Es sei zu hoffen, daß Deutschlands Gegenvorschläge nirgend Illusionen auslösten. Das von Deutschland vorgeschlagene System sei das sicherste Mittel, um Frankreich mit seinen Verbündeten im Often zu überwerfen. Ein erster Versuch dieser Methode würde Frankreich die Freundschaft Polens fosten. Deutschland wolle nicht, daß den augenblicklichen Grenzen eine Kollektivgarantie gegeben werde, weil es nach Gutdünken angreifen wolle. Es wolle mit Frankreich in gutem Einver nehmen bleiben, während es im Donaubecken handle und umgekehrt. Der„ Führer“ über sich selbst vertretungen der Ausbeuter das Interesse der Allgemein Was er und Streicher zu einem Franzosen sagen heit und des arbeitenden Volkes noch einigermaßen zur Geltung brachte. Jeder demokratische Staat hat ökonomisch schwer zu kämpfen, solange er nicht eine sozialistische Mehrheit aufweist, aber die Diktaturen müssen ökonomisch verfallen. Am besten gedeihen heute jene Gemeinwesen, in denen die Demokratie besteht und gleichzeitig ihre sozialdemokratischen Parteien stark genug sind, die Richtung der Politik zu bestimmen. Je mehr das offenkundig wird, desto mehr muß die Anziehungskraft des demokratischen Sozialismus und damit der Demokratie überall wieder wachsen. Jeder Erfolg der Sozialdemokratie in einem demokratischen Staat wird zu einem Erfolg für sie auch außerhalb seiner Grenzen in der ganzen Welt. Diese zerfällt jetzt immer mehr in eine demokratische und eine ,, autoritäre" Hälfte. Die autoritäre Hälfte kann sich dauernd nicht behaupten, da sie in zu unversöhnlichem Widerspruch zu dem Freiheitsstreben des moder nen Menschen steht, das sich nicht für immer unterdrücken läßt. Aber zu einem raschen und baldigen Sieg der demokratischen Hälfte im Wettbewerb gehört eine höhere ökonomische Leistungsfähigkeit der Demokratie. Die Menschen fordern nicht bloß Freiheit allein, sondern auch Wohlstand und Sicherheit der Existenz. Der Staat, dem es gelingt, diesen drei Forderungen 3uerit ausreichend zu entsprechen, der muß, wenn er nur einigermaßen ausgedehnt ist, die Führung der Welt im Lauf der sozialen Höherentwicklung gewinnen. Das wird aber jener Staat sein, in dem zuerst eine sozialistische Partei mit demokratischen Mitteln die absolute Mehrheit im Volke und seiner Vertretung erlangt. Am nächsten unter den Großstaaten steht heute England diesem Ziele. Vielleicht ist es den englischen Arbeitern beschieden, zur Avantgarde der sozialistischen Bewegung in der Welt zu werden. Seit dem Weltkrieg bewegt sich die moderne Gesellschaft in einem verhängnisvollen Zirkel. Der Krieg mit seinen Folgen hat einen großen Teil des Proletariats demoralisiert und zerklüftet. Er hat dadurch die Demokratie untergrahen und den Diktatoren den Weg gebahnt. Diese drücken das Proletariat noch tiefer herab. Woher soll da die Kraft kommen, die diesen Zirkel durch bricht? Das kann nur geschehen durch das Proletariat eines Staates, in dem noch die Demokratie gilt, die Arbeiterklasse noch am geschlossensten und selbständigsten dasteht und diese auf Grund der Demokratie zu politischer Allmacht gelangt. Sie muß dann so Gewaltiges und Beglückendes leisten, daß die Werbekraft der Demokratie und des demokra tischen Sozialismus überall dort unwiderstehlich wird, wo die historische Entwicklung bereits vor dem Aufkommen der Diktatoren ein starkes und selbstbewußtes Proletariat geschaffen hatte. Gewiß, die Bedingungen einer Diktatur einer jeden, auch einer arbeiterfreundlichen lassen die arbeitenden Massen intellektuell und moralisch verkommen, fördern ihre Unwissenheit, ihre Unselbständigkeit, ihre Knechtfeligkeit und Heuchelei. Aber das Proletariat ist in den A. Ph. Paris, 11. September. Von unserem Korrespondenten Wir werden uns nicht wundern, wenn wir in der deutschen, Hitler gefälligen, also charakterlosen Presse lesen werden, ganz Frankreich stehe unter dem Eindruck des nationalsozialistischen Parteitages in Nürnberg und wenn man sich zum Beweis für diese Behauptung auf das Zeugnis von Philippe Barrès, dem Sonderberichterstatter des„ Matin", berufen wird, der nicht verschweigt, wie überwältigend der Aufmarsch der braunen Massen und alles das, was in Nürnberg dazu gehörte, auf ihn gewirkt habe. Aber wir sind sicher, daß diese gefällige deutsche Presse ihren Lesern verschweigen wird, aus welchen Gründen Barrès seinen begeisterten Bericht gibt, nämlich nur, damit die Franzosen erkennen, daß hinter der braunen Fassade von Nürnberg mit ihrem Heildonner der Aufmarsch der kriegsgeübten Massen sich vollzieht, die einmal Alldeutschland schaffen sollen, zu dem unter anderen nach der Jdeologie des„ dritten Reiches" auch Elsaß- Lothringen gehört. Philippe Barrès hatte in der alten Burg zu Nürnberg eine Unterredung mit Hitler. Er schildert zunächst, wie die Begeisterung der im Burghof versammelten Massen immer wieder zu dem Saale hinauftobt, in dem sich der„ Führer" mit einigen wenigen Getreuen befindet. Er sagt, man merkte, daß diese wahnsinnige Begeisterung des Volkes Hitler besonders wegen der Ausländer gefallen habe, die sie miterlebt hätten. Richtig! Es will überhaupt scheinen, als ob dieser ganze Parteitag, dieser Aufmarsch der braunen Massen in Nürnberg nur um des Auslandes willen aufgezogen wurde. Der französische Korrespondent stellt sich Julius Streicher vor. Selbstbewußt sagt dieser sofort:„ Ich bin Streicher, den man den Schrecken des Frankenlandes nennt. Sie fragen mich nicht, wo die Juden sind, die ich getötet habe? Neulich sagte ein Däne zu mir: 3000 sollen es gewesen sein." Ich erwiderte: Nein, 30 000." Der Korrespondent verrät nicht, welchen Eindruck diese Worte des Herrn Frankenführers auf ihn gemacht haben. Aber er erzählt weiter: „ Streicher flopft Heß auf die Schulter. Ebenso klopft er Herrn von Tschammer- Osten, Deutschlands oberstem Sportführer auf die Schulter. Sein Lachen hallt von der Wölbung wieder. Man hört Sporen und Stiefel auf den Fliesen. Ich denke an die Bilder von Gustave Dore, an die alten Erzählungen über die Ritter Karls des Großen und an ihren Kampf mit den deutschen Edelleuten, mit Ganelon, dem Schrecken des Harzes!" Doch nun berichtet Barres, wie Streicher zu ihm sagt: Der Kampf gegen die Juden ist eine periodische Erscheinung in der Geschichte. Aber man wird wohl die Entscheidungsschlacht schlagen müssen" Hier schaltet der Berichterstatter ein: Hitler fagte nichts dazu..." Hitler Schweigen gerade an dieser Stelle redet Bände. Doch geben wir Barres wieder das Wort: „ Ein hübsches Mädchen betritt den Raum mit einem Arm voll roter Schwertlilien, die Hitler annimmt, um sie sofort einem SA.- Mann zu übergeben. Langsam drückt er mit gleichzeitig durchbohrendem und freundlichem Blick dem jungen Mädchen die Hand. Du bist die Tochter des Burgwarts? Ja. Du wirst Dich während Deines ganzen Lebens an diesen Tag erinnern. Ja. Lange noch schaut er das Mädchen an, legt ihm die Hand auf die Schulter. Als sie dem Weinen nahe ist, verabschiedet er sie mit einer Handbewegung, und sie zieht sich mit einer Verbeugung zurück. Jetzt kommt der Berichterstatter mit Hitler selbst ins Gespräch. Der„ Führer" sagt:„ Sehen Sie, vor fünfzehn Jahren war diese Stadt in Bayern die kommunistischste und marristischste. Als ich hier zum ersten Male reden wollte, sagte man mir: Sie werden eine Ortsgruppe der Partei vorfinden. Und ich fand eine Horde Kommunisten um fünf oder sechs Nationalsozialisten. Es war eine der schlimmsten Versammlungen, die ich kennen lernte. Aber ich habe doch ein " paar Worte gesprochen. Ein Jahr darauf kam ich wieder, und da sie gemerkt haben, daß ich gefährlich war, wurde es schlimmer. Zwei Stunden lang mußte ich ihre Diskussions redner mit anhören, zwei Stunden lang nannte man mich Mörder. Ich sah mich schon in jedem Augenblick durch das Fenster fliegen, besonders als sie einen Kriegsblinden auf das Podium schleppten, der auf alles das zu schimpfen ansing, was die Menschen in der Welt verehren konnten. Aber der Zufall wollte es. daß auch ich eine Zeitlang kriegsblind gewesen war. Damals sagte ich zu der Menge:„ Ich weiß alles, was dieser Mensch fühlt. Auch ich war geblendet wie er und noch mehr als er. Aber ich fand das Licht wieder!" Ich sagte noch viele ähnliche Dinge, die sie beruhigten. Aber es hat Zeit, Reden, Flugblätter und nochmals Flugblätter und nochmals Reden gekostet, um diese Stadt zu erobern..." Sehen Sie", so fuhr Hitler fort,„ man muß mit den Leuten reden können. Die große Masse ist schlicht. In schlichter Weise muß man sie gewinnen. Ich weiß immer, wen ich vor mir habe, und ich spreche für den, den ich vor mir habe. Für den Wert eines Redners gibt es nur einen Maßstab: die Wirkung, die von ihm ausgeht. Man darf zum Bolt nicht in gebildeten Wendungen sprechen... Viel leicht fragen sich mitunter die Intellektuellen, warum ich einen einfachen Gedanken so oft wiederhole, warum ich ihn mit einem noch einfacheren Bilde unterstreiche. Ich wende mich da eben nicht an die Intellektuellen. Der gewaltige Frrtum der bürgerlichen Parteien besteht darin, daß sie sich in den Kopf setzten, mit dem Volk in gebildeter Sprache zu reden. Man muß die Deffentlichkeit in ihrer Verschiedenheit unterscheiden können. Es gibt Redner, die nur zu Intelleftuellen reden können, es gibt andere, die nur zum Volf sprechen können. Der wahre Redner aber muß auf beide wirfen." Hitler sieht mit begreiflichem Stolz die Massen um sich, die er gewonnen hat. Die abseits Stehenden, die zahlreicher find, will er nicht sehen. Daß er mit seinen von ihm selbst so gerühmten rhetorischen Wirkungen die ganze Welt gegen Deutschland aufgebracht hat, begreift er nicht, wie er auch fein Gefühl dafür hat, daß es für einen Staatsmann unmöglich sein müßte, sich mit einem Pornographen wie Streicher einzulassen. Klaffenkämpfen der letzten hundert Jahre aus der am wieder anknüpfte, wo die Reaktion fie niedergeworfen Der Terror des Reichsbischofs tiefsten stehenden zu der höchstentwickelten Schicht der arbeitenden Klasse geworden. Es hat in diesen hundert Jahren so gewaltige moralische und intellektuelle Geminne in den Hirnen der Angehörigen dieser Schicht angehäuft, daß sie nicht so schnell wieder verloren gehen, wenn sie auch zeitweise durch brutale Unterdrückungs maßregeln verhindert werden, offen zutage zu treten. Große Volksbewegungen bleiben in unserer Zeit allgemeiner Unsicherheit nirgends aus. Wo es zu einer folchen Bewegung in einer Diktatur kommt, werden rasch alle die degradierenden Einflüsse der Unterdrückung überwunden, wird das Proletariat sofort wieder nicht nur zu seiner früheren Kraft und Intelligenz aufsteigen, jondern es wird in seinen Freiheitskämpfen erhöhte Kräfte und Einsichten gewinnen. Noch nie wurde eine Periode der Reaktion in der Weise überwunden, daß die revolutionäre Klasse dort hatte. Stets stellte sichs heraus, daß das Proletariat und die Volksmasse überhaupt am Ende der Reaktionsperiode höher stand, als es bei ihrem Beginn gewesen. Wie viel reifer als 1848 zeigten sich in den Staaten kapitalistischer Industrie die Proletarier in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts! Die Reaktion nach 1849 brachte in ihren ersten Jahren höchste Verwirrung in die Reihen der geschlagenen Revolutionäre. Aber sobald das Proletariat sich nur einigermaßen wieder zu orientieren und zu regen begann, lernte es rapid aus den Erfahrungen zu regen begann, lernte es rapid aus den Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart. So wird das Proletariat auch diesmal wieder aus der Zeit seiner Brüfungen geläutert und gekräftigt hervor gehen, besser als bisher befähigt, seine große historische Mission erfolgreich durchzuführen, allen Mühseligen und Beladenen Freiheit, Frieden, Wohlstand, Sicherheit zu bringen. Berlin, 10. Sept. Der Terror des Reichsbischofs Müller hat nun auch vor dem hannoverschen Landesbischof D. Mahrarens nicht Halt gemacht, obwohl von 800 Hannoverschen Pfarrern dem Landesbischof gerade in den lezten Tagen noch 750 Geistliche ihr uneingeschränktes Vertrauen schriftlich bestätigt hatten. Die Reichskirchenregierung hat ein neues Gesetz erlassen, durch das Mahrarens die ihm übertragenen besonderen Vollmachten genommen worden find. hat an den Reichsinnenminister Frick ein Schreiben gerichtet, München, 10. Sept. Der bayerische Landesbischof Meiser in dem er der Erwartung Ausdruck gibt, daß die Reichsregierung dem Reichsbischof Müller die Verkündung von Gefeßen untersagt, die alle Rechte der Landeskirchen aufhebt. Unterdessen setzt Müller, der das Vertrauen Hitlers be= fitt, seine diftatorischen Maßnahmen gegen die Mitglieder der Kirchenoppofition fort. Man spricht von nicht weniger als 1200 oppofitionellen Pfarrern, die von der Kirchenregierung threr Poften enthoben worden sind. Einheitsfront des Saargebiets an den Völkerbund Monsignore Panico im Saargebiet Der päpstliche Delegat für das Saargebiet, Monsignore Panico, ist am Montagabend in Saarbrücken eingetroffen. Forderung zur Sicherung gegen Terrorakte, zur Durchführung feine der aus gefesmäßiger Verpflichtung herrührenden Zaheiner wirklichen freien Abstimmung Die Einheitsfront des Saargebietes, unterzeichnet Mar Braun und Frizz Pfordt, hat an den Völkerbundsrat durch die Abstimmungskommission des Saargebiets eine Dentschrift gerichtet, Wir entnehmer dem wichtigen Dokument: I. Wir gestatten uns, erneut die Aufmerksamkeit des Hohen Völkerbundsrates auf den nationalsozialistischen Terror im Saargebiet zu lenken, der die Freiheit und Aufrichtigkeit der Abstimmung auf das schwerste gefährdet. Die bereits in früheren Denkschriften dem Hohen Völkerbundsrat mitgeteilten Terror-, Boykott-, Aechtungs- und Diffamierungsmaßnahmen der Nationalsozialisten bestehen in verschärfter Form und vergrößertem Umfange weiter: Die Gleichschaltung der saarländischen Kommunen und anderer Selbstverwaltungsförperschaften mit ihrer schweren Schädigung aller saarländischen Gegner des Nationalsozialismus; die nationalsozialistische Zersetzung des gesamten Beamtenförpers, insbesondere auch in der Erefutive; die nationalsozialistische Infizierung der Justiz und der Schule; der Gesinnungszwang mit der beständigen Bedrohung der Brotlosmachung auf die Arbeiter, Angestellten und Beamten; der Gesinnungsterror im gesellschaftlichen und Vereinsleben mit der ständigen Androhung von Represalien nach dem Abstimmungstag usw. Dazu kommen fteigendem Maße physische Terroratte, die planmäßig vorbereitet und durchgeführt werden, und denen gegenüber sich die bestehende Exekutive als unzureichend und unzuverlässig erwiesen hat. Die Attentate auf den Landesratsabgeordneten Sommer in Heiligenwald, auf den sozialistischen Parteivorsitzenden Becker in Elversberg, auf den früheren Reichsmufifleiter der NSDAP. Hillebrandt in Rentrisch, auf den Polizeikommissar Machts in Saarbrücken, die Nazi- Ueberfälle in Ottweiler, St. Arnual, Sulzbach usw., die Tränengasbomben gegen die Anti- Hitler- Rundgebung in Sulzbach mit der Freilassung bes Täters und eine Reihe anderer Terrorfälle, die sich noch in allerjüngster Zeit ereignet haben, verlangen gebicterisch ganz energische Maßnahmen gegen diesen Terror. Wir fordern einen ausreichenden Schutz der Abstimmungsfreiheit, der so stark sein muß. daß er auch der drohenden Gefahr eines Putsches wie eines Einmarsches nationalsozialistischer Truppenteile gewachsen sein muß. Die Massen der Hitlergegner an der Saar erklären sich ausdrücklich bereit, den Schutz ihrer Heimat gegen widerrechtliche und gewalttätige Aktivnen des Nationalsozialismus zu übernehmen. Allein seit der letzten Völkerbundstagung sind unserer Beschwerdestelle über 500 Terrorfälle gemeldet und einwandfrei belegt worden. Dazu kommen die dauernden Verletzungen der Vereinbarungen vom 4. Juni durch den hitleramtlichen Rundfunk und durch fortwährende aggressive Einmischungen reichsdeutscher Regierungsstellen und Regierungsmänner in die Angelegenheit der Saar- Volfsabstimmung. Mit der zu nehmenden Aussichtslosigkeit eines Hitlersieges am 13. Ja nuar wird die Anwendung der Nazi- Methoden gegen Desterreich auch auf die Saar übertragen. II. Eine weitere Gefahr für die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit der Abstimmung liegt in der Art und Weise der Herstellung der Abstimmungslisten. Die Objektivität, Lonalität und Neutralität der Abstimmungsfommission wurde und wird durch die Maßnahmen der gleichgeschalteten Kommunalverwaltungen beeinträchtigt. Diese haben sowohl bei der Aufstellung der Listen wie bei den Vorschlägen für die Gemeinde- Wahlausschüsse in unfairer und gefährlicher Einseitigkeit gehandelt, die noch durch unlautere Machenschaften der sogenannten„ Deutschen Front" unterstützt wurde. Von insgesamt 84 Gemeinde- Wahlausschüssen sind nur in acht die Gegner des Nationalsozialismus nertreten, während 76 Ausschüsse restlos mit Anhängern der nationalsozialistischen„ Deutschen Front" besetzt sind. Die Tätigkeit dieser Ausschüsse geht über rein technische Funktionen weit hinaus, so daß ihre Zusammensetzung eine schwere Gefahr für die Ehrlichkeit der Abstimmung darstellt. Die jetzt herausgekommene ganz unmöglich hohe Zahl der angeblich Abstimmungsberechtigten, die aller Statistik widerspricht, beweist bereits, mit welchen Methoden seitens der National= sozialisten zur Irreführung der Abstim= mungsfommission gearbeitet worden ist. Demgegenüber ist eine besonders scharfe und bis auf den einzelnen Fall durchgeführte Kontrolle durch unparteiische Beauftragte unter Teilnahme der Vertreter aller Bevölferungsfreise unbedingt erforderlich. Falls die dafür vorhandenen Organe bei der Kürze der Zeit nicht ausreichen, muß ihre Zahl unter Berücksichtigung des Prinzips der Barität vermehrt werden. Insbesondere ist eine lückenloje Ausmerzung der doppelten Eintragung erforderlich. Die Freiheit der Abstimmung würde gefährdet sein, wenn richt 1. eine Beschlagnahme der Säle, Plakatjäulen und Kundgebungsplätze und eine Aufhebung aller Boykottierungs- und Diskriminierungsmaßnahmen gegen die Zeitungen der Hitlergegner an der Saar durch die Selbstverwaltungsförperschaften und 2. eine Freigabe der öffentlichen Propaganda erfolgt. III. Wir machen den Hohen Völkerbundsrat darauf aufmerksam, daß seitens der nationalsozialistischen Deutschen Front" wider besseres Wissen in demagogischer Weise die irreführende Auffassung verbreitet wird, daß die Pensions und Renten empfänger bei einer Abstimmung gegen Hitler lungen des„ Dritten Reiches" mehr zu erwarten hätten. Demgegenüber stellen wir fest, daß die Rechte auf dem Gebiete der Sozialversicherung und der Pensionen unabhängig vom Ausgang der Volksabstimmung sind, daß die Zahlungen des Dritten Reiches" gefeßmäßige Verpflichtungen dar stellen und daß für die Sozialrentner und Rentenempfänger ausreichende Garantien bestehen bzw. weitere geschaffen werden müssen. IV. Der von der Einheitsfront des Saargebiets vertretene Volksteil ist der Auffassung, daß die künftige Gestaltung des Saargebietes im Status quo das Selbstbestimmungsrecht der Bevölkerung einsetießlich des Rechtes, den Status des Gebietes zu ändern, umfaßt. Christliches Gewerkschaftsbüro besetzt Ein schwerer Terrorfall an der Saar Verstoß gegen die Verordnungen der Regierungskommission Saarbrücken, den 10. September 1934. Heute hat sich in Saarbrücken ein neuer unerhörter Terrorfall ereignet. Drei Gruppen SA.- Leute besetzten heute vormittag die Büros des christlichen Metallarbeiterverbandes, teilweise unter Anwendung von Gewalt, um auf Anordnung hitlerdeutscher Behörden den gleichgeschal teten christlichen Gewerkschaftssekretär Otto Pick zu be seitigen, da Pick der neuen Richtung nicht mehr paßt. Die SA.- Leute mußten mit Hilfe der Polizei entfernt werden. Im Laufe des Nachmittags besetzte die SA. aufs neue die Büros, auf denen sie nichts verloren hat, brachte Sicherheitsschlösser an, um die bisherige Leitung des Verbandes am Betreten der Büros zu hindern und wurde abermals durch das Ueberfallfommando hinausgejagt. Die Polizei versiegelte sodann die Büros. Alles weitere wird sich vor dem Gericht abspielen. Die Hintergründe Die„ Volfsstimme" berichtet über die Vorgeschichte des Gewaltstreiches unter den Augen der Völkerbundsregie rung: In der braunen Gewerkschaftsfront an der Saar ist ein sehr tiefgehender Konflikt ausgebrochen. Zwei Fronten stehen sich gegenüber. Auf der einen Seite der schwarzbraune Peter Kiefer, auf der anderen Seite der gleichgeschaltete christliche Gewerkschaftssekretär Otto Pick. Pick vertrat den Standpunkt, daß die Arbeiterschaft unter feinen Umständen die Kosten der Rückgliederung tragen dürfe. Röchling und Peter Kiefer waren sich also einig, daß der gleichgeschaltete Gewerkschaftssekretär Pick verschwinden müsse. Da der Verband des Herrn Pick aber absolut selbständig ist, ist diese Lösung mit großen Schwierigkeiten verbunden. Am vergangenen Sonntag wurden also per Freifahrtschein eine Reihe absolut hitlerund röchlingtreuer Funktionäre nach Zweibrücken beordert, wo der Abteilungsleiter der Deutschen Arbeitsfront, Herr Kalwar, Berlin, den Plan zur Beseitigung Picks entwarf. Gegen Otto Pick wurden die tollsten Verleumdungen verbreitet. Kronzeuge gegen Pick war ein früherer Gewerfschaftssekretär, der wegen Unterschlagungen im Verband entlassen und verhaftet worden war. In Zweibrücken wurde von Berlin die Order gegeben, die Büros des christlichen Metallarbeiterverbandes am Montag sofort mit SA. zu besetzen und Pick hinauszuschmeißen. So fam es zu den geradezu sensationellen Vorfällen innerhalb der braunen Gewerkschaftsfront an der Saar. Man macht das nach bekannter Methode. Man ließ in der Zweibrücker Versammlung einen Rechtsanwalt aus SaarDer tägliche Terrorfall brücken mit einem juristischen Gutachten" aufmarschieren. Nicht genug damit: es mußte dem mißliebigen Sekretär Pick „ Korruption" nachgewiesen werden. Man nahm eine Ent schließung an, in der es heißt: ,, Nach den in der Versammlung getroffenen Feststellungen ist die Bestellung des Otto Pick zum Verbandsleiter und die ihm herausgearbeitete Sagung mangels gültigen Generalversammlungsbeschlusses nichtig. Otto Pid hat nach den in der Versammlung weiterhin getroffenen Feststellungen, erhärtet durch geprüfte Urkunden und verhörte Zeugen, seit Jahren unter Mißbrauch seiner Stellung als Bezirks- und Verbandsleiter in schwerster Schädigung des ihm anvertrauten Verbandsvermögens sich persönlich be: reichert; er hat sich des Vertrauens der Mitglieder unwürdig gezeigt. Der derzeitige Vorstand wird daher aufgefordert, mit sofortiger Wirkung eine ordentliche Mitgliederversammfung einzuberufen zwecks Prüfung dieser Vorgänge. Der Vorstand wird weiter aufgefordert, sich bis zu der zu treffenden Entschließung der Mitgliederversammlung jeder Geschäftstätigkeit zu enthalten." Diese Vorfälle stellen nicht nur einen unerhörten Eingriff in das Vereinsrecht an der Saar dar, nicht nur einen widerrechtlichen Eingriff in die Tätigkeit des christlichen Metallarbeiterverbandes, sondern vor allem eine einzig dastehende Einmischung reichsdeutscher Hitlerbehörden in das Gewerkschaftsleben der Saar.: Wenn die Regierungsfommission auf Grund dieser unerhörten Vorfälle nicht endlich zu den schärfsten Gegenmaßnahmen greift und dem Hitler- Terror an der Saar ein Ende macht, werden sich in den nächsten Tagen und Wochen noch ganz andere Dinge im Saargebiet ereignen. Bekanntlich ist von den hitlerdeutschen Behörden die Inszenierung eines Generalstreifs im Saargebiet geplant, der von Berlin finanziert werden soll. Berlin verspricht sich sehr viel davon. Die Terrorwelle verdichtet sich mehr und mehr, die Regierungskommission fann nur noch Herr der Lage bleiben, wenn sie mit eiserner Entschlossenheit und mit den schärfsten Mitteln gegen die braunen Terroristen, die Ord= nung und Sicherheit im Saargebiet so schwer gefährden, vorgeht. Unbegreiflich bleibt uns bis zur Stunde, weshalb die illegale SA.- Truppe, die in so widerrechtlicher Weise fremde Gewerkschaftsbüros besetzte, nicht sofort in Saft genommen wurde. Mit Protokollen allein ist gegen solchen Terror nicht anzukommen.. ,, So, das hast Du von dem Status quo!" Saarbrücken, 10. Sept. In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde in Püttlingen der Sohn des Volkshauswirtes von drei Nationalsozialisten überfallen, niedergeschlagen und schwer mißhandelt. Der Ueberfall ereignete sich in der Mitte des Ortes. Als der Schwerverletzte wehrlos am Boden lag, rief ihm noch einer der Nationalsozialisten zu: ,, So, das hast Du von dem Status quo." Dem nichtgleichgeschalteten jungen Mann ist u. a. die untere Zahnreihe ausgeschlagen worden. Die Nationalsozia listen haben mit geradezu bestialischer Brutalität auf ihn eingeschlagen. Das Martyrium eines Kindes in Hitler deutschland Diese Terrorfälle häufen sich in den letzten Wochen in m gesehenem Ausmaße. Die Erfahrung hat gezeigt, daß di Gerichte den angeklagten Nationalsozialisten mit größter Wohlwollen entgegentreten. Kein Wunder, die meisten Rich ter gehören gleichfalls der deutschen Front" an. Der größt Teil der Polizei bzw. der Landjäger ist unzuverlässig. Di Bevölkerung ist schutzlos. Wenn wir die letzten Wochen furz Revue passieren lassen, so häufen sich die Terrorfälle bergehoch. Wie ist es möglich, daß der braune„ Ordnungs dienst" mit Genehmigung der Behörden seine sogenannte Patrouillen durchführen darf, ja, daß er überhaupt erlaubt ist? zahlloser Familien von eingeferferten Antifaschisten aus. Das Welthilfskomitee für die Opfer des Hitlerfaschismus richtet an die ganze Welt den dringenden Appell: erfämpft durch Massenproteste und Massenspenden die Befreiung Frau Opfer des Hitlerfaschismus aus Gefangenschaft und Not! Judenhetze Ein zwölljähriger Junge muß Strällingsarbeit verrichten. Beimlers und ihres Kindes, erfämpft die Rettung aller well sein Vater aus Dachau entflohen ist Der Fall des ehemaligen Abgeordneten Hans Beimler ist bekannt. Knapp vor seinem„ Selbstmord", ausgehungert und zerschlagen, gelang es ihm im Mai 1933, aus dem Konzentrationslager Dachau zu entfliehen. Daraufhin wur den seine Frau, seine Schwägerin und sein Sohn von der Hitlerpolizei festgenommen. Frau Beimler befindet sich heute, nach 15 Monaten, noch immer als Geisel im Strafvollzugsgefängnis Stadelheim, obwohl sie weder unter Anflage gestellt, noch rechtmäßig verurteilt wurde. Dort befindet sich auch ihre Schwester; ihr 12jähriger Junge wurde in eine Erziehungsanstalt nach Wasserburg am Inn gebracht. Die Zuschrift eines oppositionellen Katholiken aus Südbayern, die an das Welthilfsfomitee für die Opfer des Hitlerfaschismus gelangt, wirft ein grelles Licht auf die unmenschlichen Schikanen, die Kinder eingeferferter Antifaschisten heute im„ Dritten Reich" erleiden müssen. Der fleine Hans Beimler befindet sich ohne Verbindung mit seiner Mutter, die er seit 15 Monaten nicht mehr sehen durfte, im Erziehungsheim. Seine„ Erziehung" besteht darin, daß man den schmächtigen Jungen, der für sein Alter noch klein ist, als Mi aurergehilfen vier Stunden täg lich in Wind und Wetter schwere Lasten tragen und die här teste förperliche Arbeit verrichten läßt. Vier weitere Stunden pro Tag muß er die Schule besuchen und als„ Bolſchemiſtentſprößling" unter dem Sohn der Lehrer national sozialistische Lieder auswendig lernen. Was vom Tag übrig bleibt, muß der körperlich völlig erschöpfte Junge auf " Schularbeiten" anwenden, die je nach Mutwillen und Laune seiner Lehrer gelegentlich besondere Strafarbeiten sind. Da bei ist seine Ernährung völlig unzureichend. Niemand weiß. welche körperliche Schädigungen das Kind jetzt schon für sein ganzes Leben davongetragen hat. Der Geijelfall der Frau Beimler, das Martyrium des kleinen Hans, sind keine Einzelfälle. So sieht das Schicksal In verschiedenen Gegenden Deutschlands, beispielsweise. zwischen Magdeburg und Braunschweig, sind neuerdings in zahlreichen Dörfern auffallende rote plakate angeklebt mit verschiedenen Aufschriften, zum Beispiel:„ Wer vom Juden frist, stirbt daran. Die Juden sind unser Unglück. Der Jude boykottiert deutsche Waren, denkt daran." Versöhnungsfeldzug Das Mitteilungsblatt der Reichsbetriebsgemeinschaft Verkehr und öffentliche Betriebe,„ Arbeit und Staat", gibt den Neinsagern der letzten Wahl in einem einzigen, furzen Artikel, folgende Kosenamen: Lumpen, gefränfte Leberwürste, Dummföpfe, Hefe, politische Kindsföpfe, Patentnarren, verhinderte Schieber. Wenn sich die Neinsager auch dadurch nicht gewinnen lassen, ist ihnen nicht zu helfen. ,, Deutsche Freiheit", Nr. 211 Mors( HAFI Saarbrücken, 12. Sept. 1934 ARBEIT UND Einkommen und Kaufkraft Die ,, Frankfurter Zeitung" schreibt: Die Kaufkraft der Konsumenten hat sich Ein Dokument nicht in dem Maße erhöht wie die Einzel Rohstoffmangel überall handelsumsätze. In den letzten eineinhalb Jahren sind nämlich auch die Preise gestiegen, zwar in einigem Abstand zu deen Großhandelspreisen, aber doch in überraschend schneller Anpassung an diese. Großhande: sindex ( 1913-100 Lebenshaltungsindex ( 1913/ 14-100) insgesamt Ernährg. Kleidung insgesamt o.Wohn.) 1933 Januar 116,4 107,3 112,1 91,0 80,9 Agrar industr. produkte Fertigw. 113,0 Juni 118,2 110,7 110,6 92,9 85,1 112,1 Dezember. 120,8 114.2 112.8 96,2 937 113,9 1934 Januar 120,7 114,1 113,2 95.3 92,9 114 1 Februar 120,5 113,8 113,5 96,2 91,9 114,5 Marz 120,4 113,5 114.1 95,9 9.6 1146 April. 120,4 113,7 114,7 95.8 90,5 114,7 Mai 120,1 113,3 115,0 962 915 114,9 Juni Juli 121,6 115,5 115,2 97.2 93,7 114.9 123,3 117,8 1157 98,9 97,5 115,0 Der Lebenshaltungsindex( ohne Wohnung), der die Preisbewegung im Einzelhandel annähernd wiedergibt, hat sich seit Anfang 1933 um rund 6 Prozent erhöht, der Ernährungsindex allein um 9 Prozent, der Bekleidungsindex seit Mitte 1933 um etwa 4,5 Prozent. Es läßt sich angesichts der Fehlergrenze bei den Unterschätzungen an Hand dieses Vergleichs nicht genau sagen, wieviel von der Umsatzerhöhung auf Preissteigerung und wieviel auf mengenmäßige Verbrauchszunahme entfällt, aber man wird annehmen dürfen, daß diese mehr als die Hälfte, also bei einer wertmäßigen Umsatzsteigerung um ein Zehntel mehr als 5 Prozent ausmacht. Der Großhandelsindex erhöhte sich im selben Zeitraum um 8,7 Prozent, der Agrarindex um 20 Prozent, der Fertigwarenindex um noch nicht 2 Prozent. Wenn also auch der Einzelhandel dem Anstieg der Großhandelspreise allmählich folgte, so hat sich doch, wie jedesaml im Aufschwung, die Spanne zwischen Großhandels- und Kleinhandelspreisen zunächst eingeengt, besonders bei Agrarprodukten, bei denen bekanntlich teilweise der Versuch unternommen wird, die Erzeugerpreise auskömmlich zu gestalten, ohne die Konsumentenpreise zu verändern. Der Einzelhandel konnte demnach vorläufig die Erhöhung seiner Einkaufspreise Erhöhung seiner Einkaufspreise nicht voll auf den Konsumenten weiterwälzen, zumal die wachsame Kontrolle des großen Käuferpublikums angesichts der Parole gegen Preiserhöhungen hier ein Hemmnis besonderer Art darstellt. Immerhin ist es bemerkenswert, daß bei den Nahrungs- und Genußmitteln eine wertmäßige Umsatzsteigerung infolge der höheren Agrarpreise mit einer mengenmäßigen Abnahme verbunden war. Bei weniger verderblichen Produkten stammen freilich die Einzelhandelslagen noch zum Teil aus Zeiten mit niedrigeren Preisen, so daß die Kürzung der Handelsspanne noch nicht durchweg in Erscheinung tritt. Aber auf die Dauer kann diese Preisbewegung auf die Rentabilität des Handels natürlich nicht ohne Einfluß bleiben. Andererseits haben das Einzelhandels- Sperrgesetz, die Zurückdrängung der Warenhäuser und ihrer Reklamemethoden, das Zugabeverbot, die Rabattbeschränkung, die Neureglung der Sonderverkäufe usw. den Wettbewerb gemindert und oft auch die Kosten herabgedrückt. Das Sterben auf dem Rhein 95... Ueberall Kein Gebiet deutscher Wirtschaft bleibt von der Rohstofftnappheit verschont. In steigendem Maße wirkt sich die Snappheit auf allen Wirtschaftsgebieten aus und veranlaßt Breissteigerungen. Diese Preissteigerungen treffen eine bereits franke und mit Schwierigkeiten kämpfende Wirtschaft. Es ist eine nicht abreißende Kette: Devisenmangel, Rohstoffknappheit, Produktenmangel, Preissteigerung. Karten und Briefe des Inhalts, wie das nebenstehende Dofument, werden aus den verschiedensten Geschäftszweigen versandt zu einer Zeit, in der Adolf Hitler sechs mal Bandwürmer redet und seinen armen Untertanen und der Welt von Deutschlands gloriosem Aufstica etwas vorredet. Wir alle fennen die weiteren Folgen der Rohstoffknappheit. Haben wir doch alle den Krieg und sein Wirtschaftselend mit gemacht. Wie recht hatte die ausländische Presse, die angesichts der Nürnberger Tagung böhnisch feststellte, Hitler- Deutschland Betr.: Maschinen- Bänder. 99 20 22 , den 30. 8. 34. Infolge eines noch laufenden günstigen Abschluss- Restes bin ich in der Lage, Sie bei umgehender Entschliessung in der bewährten Qualität F doppelt, 5- fach genäht, undehnbar, 24/25 27 mm breit 11. 11,50 12,40 14. per 100 m ( auch alle Unter- und Oberbänder für BuchdruckSchnellpressen noch zu früheren Preisen vorrätig!) 18 15 Mk. 7,40 9.-zu vorstehenden alten Ausnahme- Notierungen- also ohne den bekannten Material- Wertzuschlag!-zu bedienen. Durch die bedauerliche Rohmaterial- Verknappung und langfristigen Liefertermine der Webereien ist die Nachfrage augenblicklich sehr gross und ich hoffe gern, postwendend von Ihnen zu hören. Es handelt sich hier wirklich um ein VorzugsAngebot, worauf ich ganz besonders hinweisen möchte. sei zwar unerreicht in Demonstrationen, Massenaufmärschen, ellenlangen politischen Reden, Gemeinschaftsgefühl, Stiefel ämtern bezog und somit in der Statistik erschien, zahlt nun in den Fahrpausen der Schiffseigner die Unterstützung aus und erhält sie seinerseits von Staat bzw. Arbeitsamt zurück. Auf diese Weise wird verhütet, daß die in Wirklic.keit arbeitslosen Schiffsknechte usw. in der amtlichen Statistik erscheinen müssen. Auf solche Weise versucht man im neuen Deutschland sich selbst und das dumme deutsche Volk zu betrügen und auch der übrigen Welt Sand in die Augen zu streuen. Rückläufige Druckpapier- Ausfuhr Deutschlands Druckpapier- Ausfuhr betrug in den ersten sieben Monaten 1934 374 605 dz im Werte von RM. 4,98 Millionen gegen 598 502 dz von RM. 8,53 Millionen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres und 760 740 dz von RM. 14,77 Millionen in den ersten sieben Monaten 1932. Die Ausfuhr nach Frankreich ist von 498 527 dz 1929( alles Reparationssachlieferungen) auf 108 178 dz 1933 und 87 653 dz 1934 gesunken, die nach Holland von 139 938 dz auf 101 987 und 69 853 dz und nach Argentinien von 197 069 dz auf 114 221 dz und 21 443 dz. Die tschechoslowakische Hadernausfuhr hat heuer bereits in den ersten sieben Monaten 6 Millionen Kc., somit einen Erlös gebracht, der dem Gesamterlös des ganzen Vorjahres entspricht. Diesen steilen Anstieg der Hadernausfuhr der C. S. R. führt die bezügliche Estrop- Information cuf die verschärfte deutsche Rohstoffautarkie zurück, in deren praktischer Auswirkung die deutsche Textilindustrie in immer stärkerem Ausmaße zur Verwendung von Ersatzstoffen wird. Es ist nun klar ,, daß hierdurch Hadern und andere Textil abfälle gesucht und höher bewertet werden. gezwungen Juda hili! OY B Dem Mannheimer ,, Hakenkreuzbanner" entnehmen wir Deutschland kauft Lumpen die folgende Bilanz der Rheinschiffahrt: eine gewisse Stille. Es fehlt nach wie vor an Ladungsangebot.... Auch jetzt bedingte das stärkere Angebot an zur Verfügung stehendem Kahnraum eine Verminderung in der Beschäftigung des Schiffahrtsgewerbes und ein allmähliches Sinken der Frachten.... Insbesondere im Verkehr mit der Schweiz und Süddeutschland hat sich ein teilweise nicht unerheblicher Rückgang gezeigt.. In den Seehäfen haben die Anfuhren von Massengütern nach Deutschland ebenfalls nachgelassen.... Das Ladungsangebot im Ausgangsverkehr war nur ungenügend, so daß die Ladefähigkeit der Dampfer nicht voll ausgenutzt werden konnte und für die Reedereien dadurch ein nicht unerheblicher Frachtausfall entstanden ist.... Die Verladung von Brennstoffen, besonders nach Süddeutschland und der Schweiz ... ist im Monat August wesentlich zurückgegangen und hat zu einer entsprechenden einschränkenden Beschäftigung sowohl bei den Reedereien als auch bei der Partikulierschiffahrt geführt.... Die Frachten konnten sich infolge der mit dem günstigen Wasserstand verbundenen besseren Ausnutzung der Fahrzeuge und unter dem Druck des dadurch verursachten Kahnraumüberangebotes nicht behaupten, und es trat ein allmählicher Rückgang der Frachten ein.. Im Schleppgeschäft hat sich ebenso wie im Frachtgeschäft eine Abschwächung in der Beschäftigung bemerkbar gemacht. Da während des ganzen Monats ein Ueberangebot an Schleppkraft herrschte, war eine fortlaufende Infahrthaltung der Schlepper nicht immer möglich.... In Neuyork, 9. Sept.( Inpreẞ): Wie United Preß aus gut unterrichteten Kreisen erfährt, macht der deutsche Reichsbankpräsident Schacht Anstrengungen, um die einflußreichen deutschen jüdischen Bankiers und Industriellen am ,, Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft" in weitgehenderem Maße als bisher teilnehmen zu lassen. Bei einer Reihe von internationalen Transaktionen haben in der letzten Zeit jüdische Finanziers in Deutschland an prominenter Stelle mitgewirkt. In unterrichteten Kreisen ist weiter davon die Rede, daß Schacht mit Sir Henry Deterding vor dessen Abreise nach Amerika eine Unterredung gehabt hat. Deterding soll sich ausdrücklich bereit erklärt haben, zu versuchen, den jüdischen Boykott gegen deutsche Waren zu mildern. den Speditions- und Umschlagsbetrieben hat sich die Ge- Waggonindustric klagt und hofft schäftslage auch im August nicht gebessert; die Beschäftigung war nach wie vor ungenügend. Besonders in den privaten Hafenumschlagsbetrieben ist mangels Zulauf von Gütern aller Art ein weiterer Rückgang eingetreten, so daß" und hier wird in dem ganzen Katastrophenbericht einmal eine Zahl genannt ,, die meisten Anlagen nicht über 15 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit beschäftigt waren." Wie auf dem Rhein die Arbeitsschlacht geschlagen wird Man schreibt uns: Auf einem kurzen illegalen Besuch im ,, dritten Reich" traf ich einen alten Bekannten, der als Schiffer auf Rhein, Ruhr usw. seit seiner Jugend sein Leben fristet. Die Krise hat auch er in den letzten Jahren öfter zu spüren bekommen, indem er in immer kürzeren Perioden von der Arbeitslosigkeit betroffen und zum Stempeln verurteilt war. Auf meine Frage, wie es ihm im ,, dritten Reich" gehe und ob auch er an dem Segen des neuen Staates teilnehmen könne, erfuhr ich folgendes: Die anfallenden Frachten werden, im Gegensatz zu früher, wo freie Konkurrenz maßgebend war, auf den vorhandenen Frachtraum verteilt, was nur recht und billig ist. Trotzdem entstehen Fahrpausen von sechs bis acht Wochen. Während nun früher das Schiffspersonal die Arbeitslosenunterstützung von den ArbeitsZu den Meldungen über neue Waggonbauaufträge wird aus Fachkreisen mitgeteilt, daß solche Nachrichten falsche Vorstellungen über die Lage in der Waggonindustric erwecken könnten. Die tatsächliche Lage in dieser Industrie sei so, daß seit den sogenannten normalen Bestellungen der Deutschen Reichsbahngesellschaft an die Waggonindustrie von jährlich 150 bis 200 Millionen RM. in den letzten Jahren durchschnittlich nur etwa 20-30 Prozent dieser Summe vergeben worden sind. Im Jahre 1934 sei eine leichte Besserung eingetreten. Wie sich die Lage im Jahre 1935 gestalten werde, stehe noch nicht fest. Die bisher bekannten Aufträge der Reichsbahn seien so gering wie die der letzten Jahre. Auch das Geschäft mit anderen Kunden der Industrie liegt noch stark danieder. Im ganzen habe also die' Waggonindustrie an der durch die Maßnahmen der Regierung herbeigeführten innerdeutschen Wirtschaftsbelebung noch kaum teilgenommen. Das sei an sich begreiflich, da die Beschäftigungskurve dieser Industrie der allgemeinen Beschäftigungskurve immer erst in einem Abstand von etwa einem Jahr folge. Jedenfalls müsse, so wird besonders betont, noch viel für diese Industrie geschehen, bevor sie ihren alten Arbeiterstand, der größtenteils noch erwerbslos sei, wieder zur Arbeit zurückrufen könne. Mit deutschem Gruss! ( Unterschrift) gedröhn und Heil! Heil! Hitler- Deutschland versage aber vollständig, in allen wirtschaftlichen und sozialen Fragen. Rußlands Außenhandel England überflügelt Deutschland Der Gesamtbetrag des russischen Außenhandels stellte sich im ersten Halbjahr 1934, wie bereist kurz gemeldet, auf 292 Mill. Rubel gegenüber 399,4 Mill. in der entsprechenden Zeit des Vorjahres. Dabei betrug die russische Ausfuhr 181,4 Mill. gegenüber 212,8 Mill. im ersten Halbjahr 1933 und die Einfuhr 110,6 Mill. gegenüber 185,6 Mill. Die Handelsbilanz war im Berichtshalbjahr mit 70,8 Mill. Rubel aktiv gegenüber einer Aktivität von 27,2 Mill. im ersten Halbjahr 1933. Auf die wichtigsten Länder verteilte sich die russische Aus- und Einfuhr im ersten Halbjahr 1934 im Vergleich zum Vorjahr wie folgt( in Mill. Rubel): England. Deutschland Mongolei Italien Holland Frankreich USA. Belgien Persien Ausfuhr 1. Halbjahr 1934 1933 Einfuhr # 1. Halbjahr 1934 1933 Gesamtumsatz 1. Halbjahr 1934 1933 33,6 31,8 21,5 18,2 55,1 50,0 33,1 47,8 16,2 99,0 49,3 146,8 16,9 13,6 6,2 6,3 23,1 19,9 9,7 11,3 6,7 9,4 16,4 20,7 9,8 9,9 7,0 2,0 16,8 11,9 11,5 12,2 5,4 3,0 16.9 15,2 6,5 5,4 8,8 5,8 15,3 11,2 8,5 12,1 3,8 0,3 12,3 12,4 5,7 5,3 8,0 5,7 13,7 11,0 Mithin stand dem Gesamtumsaty nach sowie in der Ausund Einfuhr der Räteunion England im Berichtshalbjahr an erster Stelle. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 1933 ist die Rußlandeinfuhr aus England um 3,3 Mill. Rubel gestiegen, während die Einfuhr Deutschlands nach Rußland um nicht weniger als 82,8 Mill. Rubel zurückgegangen ist. Es muß indes darauf hingewiesen werden, daß der Vergleich mit dem Vorjahr infolge der im Jahre 1934 vorgenommenen grundlegenden Aenderung in den Berechnungsmethoden der russischen Außenhandelsstatistik nur ein ungefähres Bild geben kann. Insbesondere betrifft dies die Angaben über die russische Ausfuhr nach den einzelnen Ländern. Acropianzüge Zwischen Moskau und Charkow Moskau, 9. September. Zwischen der Hauptstadt der Sowjetunion und dem bedeutendsten Industriezentrum der Sowjetukraine Charkow ist laut einer Estrop- Information mit dem 1. September ein regelmäßiger Aeroplanzugsverkehr für Post- und Warentransporte eingerichtet worden. Die Aeroplanzüge bestehen aus einem Motorflugzeug und aus zwei bis drei Segelflugzeugen, die dem Motorflugzeug angehängt und von ihm geschleppt werden. Die Segelflugzeuge, die ausschließlich Frachten mit sich führen, werden am Bestimmungsort abgekoppelt, während der Zug den Flug ohne Zwischenlandung fortsetzt. Obgleich nun die Manövrierfähigkeit bei Schlechtwetter einstweilen noch nicht genügend gesichert erscheint, wird in den großen Versuchswerkstätten der Sowjets schon jetzt alles daran gesetzt, um diesen noch ungewohnten Zugsverkehr in den Lüften auch bei ungüngem Wetter möglichst aufrechtzuerhalten, Radium in Sowjet- Asien Der Chefingenieur des Trusts ,, Sredasgeodesia", L. Vo ẞ, meldet aus Taschkent, daß der Trust in der Nähe def Naphthaquellen nördlich von Andishan ein beträchtliches Vorkommen radiumaktiver Ur anerze entdeckt hat. Die technischen Bedingungen für die Ausbeutung dieses Vorkommen liegen laut der bezüglichen Estrop- Information recht günstig, indem die Funkstätten von den Eisenbahnstationen Andishan, Utsch- Kurgan und Chakulj- Abad nur 35 bis 40 Kilometer entfernt sind. Da die Quellen der Umgebung ebenfalls gesteigerte Radiumaktivität zeigen, schlägt der Trust zugleich die Schaffung eines Kurortes im benachbarten Quellengebiet vor. Deutsche Stimmen Beilage zur Deutschen Freiheit" Ereignisse und Geschichten en. Bellace sur„ Derischen Mittwoch, den 12. September 1934 Bei Maxim Gorki Gemäß der Verordnung vom 4. Februar 1933 für das Land Preußen wurden nach Mitteilung des Deutschen Kriminalpolizeiblattes sämtliche von Maxim Gorki verfaßten und in deutscher Sprache erschienenen Druckschriften beschlagnahmt und eingezogen. Wir besichtigen eine Fabrik, in der Lastautomobile hergestellt werden, drei in der Stunde. Im Eingang zu dem Werk, das zwanzigtausend Arbeiter beschäftigt, hängen lange Schriftstücke, kalligraphisch geschrieben oder maschinengetippt, von eifrig studierenden Arbeitern umdrängt. Eine Liste neuer Bestimmungen, Verbote, Lohnstaffelungen? Eine Ehrentafel der Stoßbrigadler und ihrer Rekordleistungen? Oder Speisezettel der Zentralküche? Nein, all das findet man in der täglich erscheinenden acht Seiten starken Werkzeitung. Hier aber, an der exponiertesten Stelle des Betriebs, schlägt man ein Verzeichnis neu erscheinender Bücher an, dazu kurze Inhaltsangaben und die Urteile führender Kritiker. Diese Bücher sind in der Leihbibliothek des Werks zu haben, alle Arbeiter sind Abonnenten und Leser. * Jeder sechste Tag ist in Rußland Frei- Tag; der Wochenkalender ist abgeschafft, die Tage führen keine Namen. An einem Frei- Tag fand ein Flugmeeting statt, fünfhunderttausend Moskauer wanderten den stundenweiten Weg zum Flugfeld hinaus. Ueber dem Feld schwebten Fesselballons, an denen riesige Porträts von Bilder hingen, kilometerweit sichtbar: die Stalin, Thälmann und Dimitrow, vor allem das Bild Maxim Gorkis! Wir sahen eine Luftparade mit Geschwader- Exerzieren, Loopings, Bombenwerfen, Luftschirm- Abstürzen. Drei Flugzeuge warfen in wenigen Minuten fünfundsiebzig Soldaten ab, fünfundsiebzig Fallschirme beschatteten ein imaginäres Schlachtfeld. Eine ganze Abteilung junger Mädchen sprang aus zweitausend Meter Höhe ab, sie ließen sich fünfzehnhundert Meter tief wie Steine durch die Luft schießen und rissen die Leine erst fünfhundert Meter über dem Erdboden. Man warf lebende Kühe und Schweine ab: die Tscheljuskin- Aktion zeigte, daß die Luftflotte das große AmbulanzUnternehmen unserer Tage ist. Das Ereignis des Tages war die Parade des größten Landflugzeugs der Welt, an Dimensionen nur von dem WasserNeben ihm sahen die flugzeug Dornier- Wal übertroffen, die eben noch Riesen Bomben- und Fallschirmabwerfer, schienen, wie Küken neben der Henne aus. Dieses UeberFlugzeug trägt eine Druckerei, Arbeitsräume, den technischen und redaktionellen Stab einer Zeitung, es empfängt die drahtlosen Sendungen aller Welt und kann ganze Länder mit immer neuen Flugblättern überschütten. Es ist der Stolz Rußlands und führt den Namen„ Maxim Gorki"! * Maxim Gorki, der seinen Weg als Analphabet, Vagabund, Gelegenheitsarbeiter begonnen hat, ist Liebling, geistiger Führer, Abgott des Volkes. Seine Werke sind in Rußland in neunzehn Millionen Exemplaren verbreitet; kein Dichter der Weltliteratur hat je, lebend oder tot, soviel Macht über die Seelen, soviel Anbetung und Ruhm genossen, ist wie er der Berater Aller gewesen, mächtiger als Staatsleiter und Feldherren; nie und in keinem Land war ein Dichter so wie er Vater des Landes. Eine solche Stellung war selbst einem Goethe, Tolstoi, Dickens so tief sie in die Massen dringen nicht erreichbar, weil noch nie ein Staat der schönen Literatur die Position eingeräumt hat, die sie heute in Rußland besitzt. Zu Ehren dieses Kongresses wurden sechs Millionen Bücher zeitgenössischer Autoren gedruckt und über Rußland gestreut, die Kongreßberichte füllen den Hauptteil aller Blätter des Reiches, bis in die letzten Dorfzeitungen; keimende Talente werden aufgespürt wie Petroleum- Quellen, mochten Galgenhumor Es gibt in buchstäblichem Sinne Galgenhumor, einen Humor bei Menschen, die ihrer Hinrichtung entgegensehen. Wahrscheinlich hat die Sache davon ihren Namen. Mitunter haben die Delinquenten bemerkenswert gute Witze gemacht. Bevor ihr Geist zum Erlöschen verurteilt war, wuchs er hoch über sein sonstiges Niveau hinaus. Ein Priester besuchte einen Mörder in der Armensünderzelle. ,, Gehen Sie in sich," redete er ihm zu ,,, nach wenigen Stunden werden Sie Ihrem himmlischen Richter Rechenschaft abzulegen haben." Der Verbrecher erwiderte gelassen:„, Ohne Kopf, Herr Pfarrer, ich bin doch kein Bauchredner." Ein anderer Mörder wurde zur Hinrichtungsstätte geführt. Plöglich geht ein Platzregen hernieder. Der Delinquent wendet sich an den Scharfrichter, schaut ihn mitleidig an und ruft ihm zu: ,, Na, mein Lieber, Sie müssen noch mal nach Hause gehen, ich Gott sei Dank, nicht." 80 Das sind keine literarisch ersonnenen Scherze, das sind Aeußerungen von Frevlern, die es kurz vor dem Schafott gelüstete, noch einmal Witze zu reißen. Ein guter Witz ist immer irgendwie ein Protest. Wogegen wird hier protestiert? Sicher dagegen, daß man die Situation gar zu traurig nehme. Verbrechen, Sühne, Nichts. Schuldig werden wir alle einmal; wir alle sind schließlich dem Tod verfallen. Warum düsteres Zeremoniell? Warum dabei gleich die Begleitmusik des Welteinsturzes? Im Grunde genommen hat auch Sokrates Galgenhumor von dieser Art gezeigt. Man nimmt die Szene von seiner Hinrichtung viel zu düster, obwohl Plato, der Berichterstatter, ganz im Willen des Meisters seine geniale Darstellungsgabe aufgeboten hat, um die Tragik der Situation versöhnlich abzuklären. Sokrates hat den Schierlingsbecher getrunken, er spürt schon die Wirkung des Giftes. Da macht er zuguterletzt noch einen Wit:„ Vergeßt mir nicht, dem Asklepios einen Hahn zu opfern." Der gute Esser und der gute Zecher, der er immer gewesen ist, sträubt sich dagegen, angesichts des Todes nur das Todesgrauen um sich aufkommen zu lassen. Er erinnert an den schmackhafte Braten und damit an das Leben, wie er es die langen Jahre Von Balder Olden umschützt wie Thronerben. Die Würdenträger dieses Landes von hundertsechzig Millionen Seelen sind seine Dichter. Im Kongreß- Saal spricht ein Kritiker und Literaturhistoriker; Maxim Gorki, rotbraun von Gesicht, mit grauem, buschigem Schnurrbart, bäurisch- weise anzusehen und jugendfrisch mit achtundsechzig Jahren, sitzt über das Präsidentenpult gebeugt und lauscht; achthundert oder neunhundert Delegierte aller Autoren- Verbände, aller Nationen des Reiches lauschen Reiches lauschen da plötzlich wird der Redner unterbrochen. Die Jugend will zum Wort! Und in den Festsaal Buben und marschieren hundert Kinder ein ,,, Pioniere", Mädchen zwischen zwölf und sechzehn Jahren, alle in knappsten Turnanzügen, mit nackten Armen und Beinen, alle mit belebten, bewegten, hellen Gesichtern. Sechs Kinder besteigen die Vorstands- Estrade und verkünden- mit verteilten den Dichtern ihren Rollen, in selbstgeschmiedeten Versen Dank für das Geleistete und ihre Forderungen für die kommende Produktion. Sie verlangen: das Leben selbst in neuen Werken, seine redliche Wirklichkeit, das Abenteuer und den Frieden, nichts Ersonnenes, nichts Gesponnenes, nichts aus Marzipan. Später rückte eine Deputation der Soldaten ein, wieder eine Stunde später kam die der Marine. 95 ,, Kommt zu uns auf die Kriegsschiffe!" rief ihr Sprecher. , Wir geben Euch die besten Plätze und das beste Brot; teilt unser Leben, lernt navigieren und schießen, laßt Euch unsere Freundschaft gefallen und dann schreibt uns Bücher, die voll von unserer Wirklichkeit sind!" Zum Schluß wandte er sich an Maxim Gorki: ,, Lieber, junger Genosse, lieber Maxim Maximowitsch!" Er feierte ihn als den vertrauten, geliebten, besten aller Kameraden. ,, Die Lufttruppen haben jetzt ein Flugzeug, das deinen Namen trägt. Aber wir Mariner haben noch keinen Maxim Gorki in unserer Flotte!" Wir ausländischen Delegierten und eine große Anzahl russischer Autoren sind zu Gast auf Maxim Gorkis ,, Datsche", seinem Landsity es ist ein stilles altes Schlößchen in Gärten und Wäldern, eine gute Autostunde von Moskau. Maxim Gorki beantwortet Fragen, spricht über neue Werke, erkundigt sich nach den Meinungen in den Heimatländern seiner Gäste. Da steht ein Chinesenmädchen auf, eine zierliche, dunkelhäutige junge Schriftstellerin, Hu- Schi- Lan, unser aller Liebling. Sie spricht Deutsch, aber nur in Satzbrocken, Substantiven, seltsam akzentuierten kleinen Wortschreien; sie erzählt von einer Freundin, die Gorkis Werke ins Chinesische übersetzt hat und sich so sehr wünschte ,,, alte Golki" einmal ins Auge sehen zu dürfen. Aber man hat sie lebendig begraben, und nach ihr sind in China noch zwei Uebersetzer von„ alte Golki" ermordet worden, und die Zahl der ermordeten, lebendig begrabenen, tot gefolterten Dichter und Schriftsteller in China ist riesengroß ,,, Aber wenn man ein Herz hat man kann es nicht schweigen," sagt Hu weinend, und sie und ihre Kameraden würden weiter dichten und schreiben und für die Freiheit sterben. Gorki weinte- das war seltsam, denn Hus Rede war noch nicht übersetzt, und er hatte uns nicht verraten, daß er Deutsch versteht. Er kennt wohl auch nur wenige Worte, und als er sich dann wohl dieselben, die Hu beherrscht zu ihr neigte, nur um durch Tränen in ihr tränennasses Gesicht zu lächeln, war es, als läge sie, zart und winzig, an seiner breiten, guten Bauernbrust, sein Schügling, sein Kind. Hu hat in Gefängnissen gesessen, zuletzt in einem deutschen Gefängnis, viele Monate lang, und sie ist jung, sie wird noch lange leben und leiden. Aber diesen ganzen Abend, der sich bis zum Morgen hinzog, war sie immer neben ,, alte Golki", sprach mit ihm, trank mit ihm und fühlte die gemordete Freundin nah. Fronemanns Enthüllungen Die Lieblingsschriftsteller Hitlers In ihrer Beilage Junge Nation" gibt die Kölnische Zeitung" Wilhelm Fronemann, einem, wie sie sagt ,,, der besten Kenner deutscher Jugendliteratur gleich bekannt als Lehrer und Schriftsteller, das Wort zu einem Aufsatz über das Jugendbuch im ,, dritten Reich". Fronemann gesteht: ,, Wer heute in Buch- und Papierläden die ausgestellten Bücher für die Jugend mustert, dem fällt auf, daß sie fast sämtlich vom Weltkrieg, von der Nachkriegszeit und von der nationalsozialistischen Revolution und ihren Helden handeln. Wer sich aber in diese neue Literatur hineinliest, der entdeckt bald, daß es sich zum größten Teil um reines Konjunkturschrifttum handelt... Die öffentliche Jugendschriftenkritik ist tatsächlich tot... Als die Papierflut einsetzte, die sich mit dem Hakenkreuz deckte, fehlte es an sachkundigen Referenten, die zu unterscheiden wußten, was echt und was Konjunkturmache war. Also ließ man die Finger davon." 99 Ueber Hitlers Lieblingsschriftsteller sagt Fronemann. Wie verwirrt die Lage war und noch ist, zeigt die neue Propagandawelle für den guten alten Karl May, der es sich zu Lebzeiten sicher nicht hat träumen lassen, daß seine Kolportage im ,, dritten Reich" als mustergültige literarische Gestaltung für die Jugend von hohen und höchsten Stellen empfohlen würde; denn er war ein Verherrlicher jeder Rassenmischung, überzeugter Pazifist und Freund der Berta von Suttner, seine Gesinnung paẞt also zur nationalsozialistischen Gedankenwelt wie die Faust aufs Auge. Das wußte zwar nur der belustigte Fachkenner..." Hitler hat seine literarische Neigung zweimal bekundet: das erstemal, als er den Pornographen Ewers mit der Herstellung einer Biographie des Zuhälters Horst Wessel beauftragte. Damals versuchte die Westfälische Landeszeitung", ihn mit Unkenntnis zu entschuldigen. Jetzt muß er erleben, daß der ,, Fachkenner" sich über seine Liebe zu Karl May ebenfalls belustigt. Der Nationalste aller Deutschen besitzt offensichtlich einen untrüglichen Instinkt. Patentnaccen" Versöhnungsfeldzug Das Mitteilungsblatt der Reichsbetriebsgemeinschaft Ver kehr und öffentliche Betriebe ,,, Arbeit und Staat", gibt den Neinsagern der letzten Wahl in einem einzigen, kurzen Artikel, folgende Kosenamen: Lumpen, gekränkte Leberwürste, Dummköpfe, Hefe, politische Kindsköpfe, Patentnarren, verhinderte Schieber. Wenn sich die Neinsager auch dadurch nicht gewinnen lassen, ist ihnen nicht zu helfen. Eisenstein als Theaterregisseur Der bekannte Sowjetfilmregisseur S. M. Eisenstein wird im kommenden Jahre als Regisseur am Moskauer Revolutionstheater mitarbeiten. In einer Unterredung mit Pressevertretern erläuterte er, daß diese Rückkehr vom Theater( Eisenstein begann seine Laufbahn als Mitarbeiter des Regisseurs W. Meyerhold) nicht eine Abkehr vom Film bedeutet. Eisenstein sieht aber gegenwärtig gewaltige Möglichkeiten in der Arbeit für das Theater, das seinerseits wieder befruchtend auf die Arbeit des Tonfilms wirken kann, ohne daß die beiden Kunstformen vermengt werden. Ganz besondere Schöpfung Gottes. 66 Der Literaturbonze Friedrich Griese hielt bei der Stehr- Feier der Deutschen Akademie der Dichtung die Festrede. Er sagte wörtlich: ,, Nun ist aber das Volk, und vor. nehmlich das deutsche Volk, eine ganz besondere Schöpfung Gottes, und das darf, gerade im Hinblick auf die epische Sprache Hermann Stehrs, nicht übersehen werden." Und diese Leute wundern sich, wenn man ihr Geschwätz als ,, Neue Weltbühne" Symptome eines krankhaften Größenwahns bezeichnet. hindurch neben ihnen, neben Frau Xanthippe geführt hat. Vorderhand geht ihn der Tod allein etwas an. Er nimmt ihn aber gar nicht so tragisch; die anderen sollen ihn auch nicht so wichtig nehmen. Speisen sollen sie und dabei der Wissenschaft des Asklepios, der Medizin, gedenken, die ja auch für das Leben da ist. Ein Wity in weltgeschichtlich denkwürdiger Situation. Aus echtem Galgenhumor ist er entstanden. Die Sache mit dem Galgenhumor muß man aber nicht so wörtlich nehmen. Es braucht kein Verbrechen zu geschehen, keine Armensünderzelle da zu sein, keine Hinrichtung bevorzustehen. Immer, wenn jemand in bösen Stunden über den Anlaß seines Mißbehagens Witze macht, ist echter Galgenhumor am Werk. Der Galgenhumorist protestiert auch gegen die falsche Taktik, die böse Sachlage durch Ueberwärtigkeiten vollends unerträglich zu machen. Seht die Dinge nicht gar so furchtbar an, sonst wachsen sie euch über den Kopf und ihr seid verloren. Stemmt ihr euch dagegen, so erklärt ihr sie für einen Feind, der überwindbar ist. Im Witz ist solche Abwehr sehr gut möglich, ringt eurer Misere eine spaßhafte Nuance ab und ihr habt das Elend zu einem Teil überwunden. Der unglückliche Erich Mühsam, in besseren Tagen ein guter Satiriker und Humorist, war in den schlimmsten Zeiten seines Lebens ein heroischer Galgenhumorist. Wenn Kameraden im Konzentrationslager ihn nach der Länge Wir waren ihrer Haft befragten, pflegte er zu erwidern: 99 der Befreiung noch nie so nahe wie jetzt. Soeben sind wir ihr schon wieder um ein halbe Minute nähergerückt." Der Galgenhumor degradiert das Leid. Dem Leiden wird eine gewisse Desis seines Giftes entzogen. Ein großes Volk im Nachbarreich flüchtet heute zum Galgenhumor. Es geht vielen dort schlecht. Keiner darf sagen, was er leidet. Das Verbot führt zu vielem Kummer ein weiteres Leid. Da sitzen sie zusammen, vergewissern sien wesenheit von Lauschern und Denunzianten und erzählen sich Wite. Echte Produkte des Galgenhumors. Man erzählt etwa folgende Geschichte: In der Elektrischen hat eine Dame wegen der großen Hige ihrem Schoßhündchen den 44 Maulkorb abgenommen. Der Schaffner verlangt, daß sie dem Tier den Maulkorb wieder anlegt. Sie weigert sich, es gibt eine Auseinandersetzung. Ein Fahrgast mischt sich ein. ,, Aber, gnädige Frau, warum soll es der Hund besser haben als wir? Wir müssen doch alle einen Maulkorb tragen!" Die Leute von der SA. müssen froh sein, wenn sie das Existenzminimum haben. Vor den Ferien hatten sie Angst, daß ihnen auch das verloren geht. Da macht ein Witz die Runde. Für Arbeit und Brot ist gesorgt. Jeder SA.- Mann bekomme für die Urlaubszeit einen Hammer und ein Faltboot. Mit dem Hammer dürfe er die Zeit totschlagen, mit dem Faltboot könne er sich über Wasser halten. Da geht allerdings der Galgenhumor schon über die subjektiven Erledigungen hinaus. Er begnügt sich nicht mehr, die seelischen Belastungen der Betroffenen zu mildern; da kämpft er gegen die äußern Mißstände satirisch an. Im echten Galgenhumor steckt Kritik, steckt der Protest gegen objektive Belastung, von denen sich die Menschen befreien wollen. Und wenn der Galgenhumor sich an das große Uebel, an soziale Unzulänglichkeiten, an die Urgründe des Weltschmerzes heranwagt, dann kann er revolutionäre Kraft entfalten. Aus einem Galgenhumor von diesem Format hört man die Aufforderung heraus: ,, Ecrasez l'infame". Voltaire hat ihn besessen. Heinrich Heine annähernd ebenso. Der eine hat die korrupte Welt des ersten Standes damit zur Guillotine hingespottet, der andere die Revolutionäre von 1848 auf die Barrikaden gelockt. Beide haben sie geholfen, der quälenden Sentimentalität à la Werther ein Ende zu machen. Viel Frevel gibt's, wer kann's verneinen? Viel Greuel lebt im Sonnenlicht; Doch jämmerlichern gibt es keinen, Als Schurken, sigend zu Gericht. Nikolaus Franz Lenau( Niem bach von Strehlenau), Savonarola, Die Tortur, Verszeilen 3281-3284, Völker in Sturmzeiten Nr. 18 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Mittwoch, 12. September 1934 Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde Von Wilhelm Voigt Im vorangegangenen Kapitel schilderte Voigt, wie alle seine Bemühungen um Arbeit vergeblich blieben. Ein Ausweisungsbefehl folgte dem anderen- wo er sich immer einige Zeit auf der Arbeitssuche aufhielt. Er empfand es beinahe als Erleichterung, daß er für Berlin und die dreißig im Ausweisungsbefehl angeführten Ortschaften vierzehn Tage Zeit hatte. Er konnte sich noch etwas bei seiner Schwester aufhalten, bei der er ein kurzes Asyl gefunden hatte. Wie ich auf die Idee kam Ich ließ nun zunächst diese Zeit ruhig verstreichen und bemühte mich um einen neuen Arbeitsplatz. Hinsichtlich dessen hatte ich mich nach auswärts gewandt. Pirmasens, Prag und Münchengrätz boten mir annähernd gleiche Offerten. Pirmasens sogar noch etwas höher. Aber was nützte mir das, hatte ich doch zwei Ausweisungen im Deutschen Reiche erhalten, da konnte ich unmöglich erwarten, daß sich die bayerischen Behörden einem preuBischen Untertan gegenüber in einem solchen Falle rücksichtsvoller erzeigen würden als die eigenen Landesbehörden. Für Böhmen kam nun noch hinzu, daß eine Niederlassung ohne gültigen Paß für einen Ausländer überhaupt gänzlich ausgeschlossen ist. Mein künftiges Wohl und Wehe knüpfte sich daran, daß ich mich in den Besitz eines Passes sette. Während meines Aufenthaltes hatte meine Schwester mich mit einer Frau bekannt gemacht, von der sie glaubte, es sei für mich zweckdienlich, wenn ich mich mit ihr verheiratete. Es wäre vielleicht möglich gewesen, wenn die Behörde mir damals freundlicher entgegengekommen wäre, daß diese geplante Heirat zustande kam. Allerdings hätte ich eine schwere Last damit auf meine Schultern geladen. Zu der Familie gehörte nämlich ein fünfjähriger Knabe, der sozusagen auf der Straße aufgewachsen war, alle die Unarten eines Straßenjungen an sich hatte und den doch seine Mutter so verzog, daß schon ein harter Blick, mit dem man die Unarten ihres Lieblings rügte, sie auf das äußerste erregen und erbittern konnte. Hätte ich damals geheiratet oder täte ich es heute, so wären täglicher Hader und Streit die unausbleiblichen Folgen. Das ist ihr und auch mir zur Genüge klar geworden, und ich kann es nur tief beklagen, daß seinerzeit in einem Teil der Presse dahingehende Nachrichten verbreitet worden sind. In jenen Tagen las ich in einer Zeitung einen Artikel, der die Ausweisungsklage behandelte. Darin wurde ausgeführt, daß selbst eine ganz geringe Vorstrafe der Polizeibehörde dazu dienen könnte, der bestraften Person den Aufenthalt in ihrem Ort zu erschweren oder ganz unmöglich zu machen. Wobei man gar nicht daran zu denken brauchte, daß ein Beamter pflichtwidrig das ihm amtlich zur Kenntnis Gekommene auf privatem Wege weiterverbreitete. Dieser Artikel ließ mich nicht wieder los. Und ich kam zu der Erkenntnis, daß ich mich auf jeden Fall in den Besitz einiger Paßformulare segen müsse. Nur ist mir hier ein großer Irrtum passiert. Meinen ersten Paß hatte ich nicht von der Polizeibehörde erhalten, wie ich glaubte, sondern das Landratsamt hatte ihn mir ausgestellt. Es schrieben damals zwei Brüder, Schulkameraden von mir, der eine im Büro der Polizeiverwaltung, der andere im Sekretariat des Landratsamtes. Ich hatte mir damals von dem einen Bruder den Nachweis ausfüllen lassen, und der andere Bruder hatte mir den Paẞ ausgestellt, und das war mir im Laufe der Jahre entfallen. Ich glaubte, daß die Paßformulare in dem Sekretariat der Polizeiverwaltung aufbewahrt würden, und beschloß demgemäß, mir dieselben aus irgendeinem mir zugänglichen Büro zu holen. Die Frage drehte sich nur noch um das ,, Wie und Wo??" Ich hatte zwei Möglichkeiten; entweder mittels nächtlichen Einbruchs mir Zugang in die Büroräume zu verschaffen, um die Spinde und Fächer einer Durchsicht zu unterziehen oder aber durch einen Gewaltakt, wie ich ihn schließlich ausgeführt habe, am hellen Tage die Behörde einfach festzulegen und dann das zu nehmen, was ich brauchte und was man mir versagte. Ich hatte mich bereits auf den Standpunkt gestellt, daß ich nun auch meinerseits gar keine Veranlassung hatte, den Behörden mit irgendwelcher Rücksicht zu begegnen. Auch über das ,, Wie" hatte ich mir meine Gedanken gemacht. Der Plan meiner Köpenickiade begann in mir zu reifen! Außerdem mußte ich mit Recht annehmen, daß, nachdem ich zwei Ausweisungen hinter mir hatte, auch die nachfolgenden Orte, die ich aufsuchte, mit der gleichen Rücksichtslosigkeit gegen mich verfahren würden. Wenn vielleicht heute einer oder der andere sagen würde: ,, Nein, das wäre nicht geschehen!", so ist das wertlos, denn was mir damals widerfuhr, das ist schon vor Jahren Tausenden geboten worden, ohne daß sich je eine Hand oder ein Fuß zur Hilfe gerührt hätte. Und nun kommt die Frage: ,, Wie sind Sie nur eigentlich auf die Idee gekommen?" ihrer Beantwortung schon etwas näher. Ich hatte analoge Vorgänge, wie sie der Tag von Köpenick" bietet, schon aus der Geschichte kennengelernt. Ich erinnere mich an den Großen Kurfürsten, der auch den Bürgermeister von Königsberg in der Nacht von seinen Tranbanten ausheben und nach Brandenburg schaffen ließ, wo er, wenn ich nicht irre, 28 Jahre in der Gefangenschaft verbringen mußte. Auch an die Geschichte des Michael Kohlhaas dachte ich, der vielleicht den bekanntesten Typ des Rechtbrechers aus gekränktem Gerechtigkeitsgefühl darstellt. Genug, ich arbeitete meinen Plan aus und habe bewiesen, daß ich der Mann war, ihn auch durchzuführen. Was soll da alles Gerede, womit man an meinem Vorgehen, ja selbst an meiner Uniform herumkritisiert?!... Beispielsweise, ich. hätte keinen Helm getragen! Der Helm stand ruhig in meiner Wohnung auf dem Tische, Ich hielt es aber nicht der Sachlage nach nötig. 17 Stunden lang einen Helm auf dem Kopfe zu tragen zu einer Diensthandlung, die ich bequemer in der Mütze ausführen konnte und wollte. Mein Feldzugsplan Es handelte sich für mich lediglich darum, von wo ich mir die Mannschaft nehmen konnte oder wollte, und außerdem, wie ich am bequemsten von dem Orte der Uebernahme der Mannschaft bis an den Ort der Tat gelangen konnte. Anfangs hatte ich beabsichtigt, mir ein Kommando, das vom Truppentransport zurückkehrte, von einem Bahnhof Berlins aufzunehmen und damit zu operieren. Zu diesem Behufe hatte ich mich zunächst eines Abends auf den Schlesischen Bahnhof begeben, über welchen, wie ich wußte, sehr viel Transporte ziehen. Aber gerade an dem Abend, wo ich mich dort aufhielt, war keine Mannschaft vorhanden. So beschloß ich denn, eine der abgelösten Wachen von dem Tegeler Schießstande zu verwenden. Dazu mußte ich mir aber klar werden, welchen Ort ich heimsuchen wollte. Ich hatte die Wahl zwischen Bernau, Oranienburg, Fürstenwalde, Nauen oder Köpenick. Ich hatte mich, um vorläufig einmal einen Ueberblick zu finden, bereits am Tage vorher nach Nauen begeben. Dort stieß ich denn, als ich nach Berlin zurückkehren wollte, mit dem Großen Generalstabe und den Offizieren der Kriegsakademie zusammen, die an dem Tage nach Nauen gefahren waren, um sich über die Einrichtungen der drahtlosen Telegrafie zu informieren. Einen Moment war ich etwas verblüfft, aber ich nahm die Dinge, wie sie eben waren, und so wurde ich auch nicht weiter behelligt. Nauen schien mir aber durch das dazwischenliegende Spandau zu gefährlich, und so entschloß ich mich für Köpenick, weil ich dies mit Benutzung der Bahn am schnellsten erreichen konnte. Ich wußte, daß das Fehlen der Mannschaften in der Kaserne zunächst keine Beunruhigung hervorrufen würde, und so hatte ich vollständig Zeit, meine Absichten in Köpenick auszuführen. Daß ich mich keineswegs verrechnet hatte, beweisen die nachfolgenden Tatsachen. Mit Rücksicht darauf, daß ein spätes Verlassen meiner Wohnung den Einwohnern des Hauses auffällig erscheinen und gleich zu meiner Entdeckung führen könnte, mußte ich so früh als möglich fortgehen. So kleidete ich mich denn in meinem Zimmer an und verließ morgens gegen 3.30 Uhr meine Wohnung. Zunächst fuhr ich mit dem nächsten Zuge um 4 Uhr früh nach Köpenick, um wenigstens das Rathaus zu sehen, kehrte aber bereits um 6 Uhr nach Berlin zurück, nachdem ich in einem entlegenen besseren Lokal gefrühstückt hatte. Dort verweilte ich einige Stunden und begab mich in einer Droschke nach der Seestraße, stieg dort aus und machte mich mit dem Orte bekannt, wo die Wachen kampierten. Nachdem ich mich genügend informiert, suchte ich wieder ein Gartenlokal auf, in welchem ich zu Mittag speiste. Auf dem Wege dahin hatte ich noch eine Begegnung mit einem Major der Luftschifferabteilung. Auch das bürgt zur Genüge dafür, daß die so sehr bemängelte Uniform in durchaus tadellosem Zustande war. Nachdem ich gespeist, begab ich mich etwa um 11.30 Uhr auf den Platz, um die Wachen in Empfang zu nehmen. Wider mein Erwarten sah ich bereits eine im Abmarsch begriffen. Wie ich später erfuhr, war es die Mannschaft von der Schwimmanstalt. Da sie nicht in ordnungsmäßiger Weise grüßte, rief ich ihr zu: Halt! Und der Kommandierende der Wachtmannschaft ließ halten und machte mir in vorschriftsmäßiger Weise die Meldung über das ,, Woher und Wohin!" Ich muß hierzu bemerken, daß mich dieser Gefreite nach annähernd zwei Jahren, als ich zu meiner Erholung im Kurhaus Jaegerhof bei Duisburg weilte, besuchte. Er wohnte nämlich in der Nachbarschaft in Homberg a. Rh. Ich fragte ihn gesprächsweise, was er sich denn gedacht hätte, als ich ihn anrief. Er antwortete mir, er hätte geglaubt, er würde drei Tage bekommen und dadurch auch die Knöpfe verlieren, weil er mich nicht hätte sehen wollen, um mir nicht mit seinem Kommando die Achtungsbezeugung leisten zu müssen. Ich teilte also ihm und der Mannschaft mit, daß sie jetzt nicht zur Kaserne marschieren dürften, sondern auf höhern Befehl durch mich zu einer anderen Dienstleistung kommandiert würden. Dann befahl ich dem Gefreiten, auch die zunächst gelegene Wache von dem Schießstande des 2. Garderegiments herbeizurufen. Dies geschah in kürzester Frist. Als auch die zweite Wache herangetreten und ihr Führer die vorschriftsmäßige Meldung gemacht hatte, teilte ich ihm dasselbe mit, bestimmte den ersten Wachtkommandanten zum Kommandierenden des Ganzen, ließ ihn die Mannschaft rangieren und schließen und befahl den zweiten Kommandanten an die Queue. Darauf befahl ich den Abmarsch zum Bahnhof Putlitzstraße. Ich hatte, mit Rücksicht darauf, daß die Mannschaft ja nicht zur Kaserne zurückmarschieren konnte, bestimmt, daß sie sich zunächst in der ersten Bahnhofsrestauration durch ein Glas Bier erfrischen und dann in Köpenick zu Mittag speisen sollte. Die nötigen Barmittel dazu händigte ich dem Führer ein. Ebenso die Fahrkarte da ich einen Wagen nicht requirieren mocht So ging's nach Köpenick! In Rummelsburg mußte umgestiegen werden. Da noch etwas Zeit war, traten die Mannschaften ans Büfett, um sich zu stärken. Bei dieser Gelegenheit machte ich die Bemerkung, daß sie sich in etwas breiter Weise mit der Zivilbevölkerung unterhielten. Um für Köpenick das unmöglich zu machen, beschloß ich, ein kleines Korrektionsmittel anzuwenden, ließ der Mannschaft vor der Hand aber freien Willen, obgleich ich sie hätte antreten und ,, Gewehr bei Fuß" dastehen lasser können. In Köpenick habe ich dann die Mannschaft in der Restauration zu Mittag speisen lassen. Ich hatte ihnen dazu 4 Stunde Zeit gegeben, währenddessen spazierte ich auf dem Korridor des Bahnhofes auf und ab. Pünktlich trat die Mannschaft heraus. Ich ließ zunächst vor dem Bahnhofe aufmarschieren und machte die Diensteinteilung für das Rathaus. Dann ließ ich die Seitengewehre aufpflanzen, lediglich um die Mannschaft daran zu erinnern, daß sie nicht zum Vergnügen, sondern zum Dienst kommandiert sei. Es klappte alles, und ich hatte während der Dauer meines dortigen Aufenthaltes keine Veranlassung, noch einmal eine Rüge zu erteilen. Instruktionen für die Behandlung einzelner Personen hielt ich nicht für notwendig, da ich aus Erfahrung weiß wie sich das auch in diesem Falle wieder bestätigte, daß ein Mann, der auch nur ein Jahr gedient hat, vollständig darüber informiert ist, wie er einen ihm zugeteilten Gefangenen zu behandeln hat. Instruktionen zu irgendeiner gewalttätigen Handlung hatte von meiner Seite niemand erhalten. Ich wußte genau, daß ich zu dem, was ich befehlen würde, unbedingten Gehorsam finden oder ihn mir jedenfalls verschaffen würde. Später ist die Frage aufgeworfen worden, was ich wohl getan hätte, wenn nun die Bevölkerung Partei für ihre Behörde ergriffen und mich und meine Mannschaft angegriffen hätte. Diese Frage zu beantworten, ist gar nicht möglich. Im gegebenen Augenblick würde ich eben gehandelt haben, wie es für einen Offizier in solcher Lage geboten ist! Zur Attacke marsch marsch!! Wir zogen also zum Rathaus, und nachdem ich dort in ordnungsmäßiger Weise die Posten hatte aufstellen lassen, verfügte ich mich in das Innere. Auf der Vortreppe begegnete mir ein Ortsgendarm, und da er augenblicklich dienstfrei war, kommandierte ich ihn sofort zum Dienst und wies ihn für alles Weitere an meinen Truppenführer, den Gefreiten. Ich hatte bestimmt, daß die erste Wache, welche aus vier Gardefüsilieren bestand, die drei Portale mit je einem Posten zu besetzen hatte. Der Führer der Wache, mein Truppenkommandeur, hatte zunächst das Kommando über das Rathaus und auch gleichzeitig den Ordonnanzdienst bei mir. Ohne meine Erlaubnis durfte niemand das Rathaus betreten oder verlassen. Ich betrat nun also das Rathaus, sechs Grenadiere und einen Füsilier hinter mir. Zunächst suchte ich mir das Zimmer des Sektretärs auf, das im ersten Stock lag. Als ich die Tür öffnete, saß der Herr ruhig auf seinem Sity. Ich teilte ihm mit, daß ich Auftrag hätte, ihn nach Berlin zur Neuen Wache zu schaffen, und daß er sich demgemäß reisefertig machen möge. Er hatte nicht viel dagegen einzuwenden, und so stellte ich ihm zwei Hüter zur Seite, die dafür zu sorgen hatten, daß ihm keine Unannehmlichkeiten zustoßen konnten. Von hier begab ich mich in das nebenliegende Zimmer des Bürgermeisters. Bei meinem Eintritte saß dieser hinter seinem Tisch auf seinem Sessel und schien etwas überrascht. Als er meine Charge jedoch erkannte, sprang er auf. Und wie ich auch ihm mitteilte, daß ich ihn auf Allerhöchsten Befehl nach Berlin zur Wache zu bringen hätte, war er, wie be greiflich, zunächst darüber sehr bestürzt. Er hat mich um Aufklärung, und ich beteuerte ihm, daß er ja dort alles erfahren würde. Und als er weiter in mich drang, ihm zu seiner Beruhigung doch zu sagen, was eigentlich gegen ihn vorliege, da habe ich ihm völlig wahrheitsgetreu gesagt: ich wüßte das nicht. Er versuchte nun noch alle möglichen Ausreden und Einwendungen; als Antwort stellte ich auch ihm zwei Grenadiere vor und übergab ihn deren Hut. In meiner ostpreußischen Heimat ist gewöhnlich der Stadtkassenrendant bekannt unter dem Namen Stadtkämmerer. Er ist dort gleichzeitig der stellvertretende Bürgermeister. Ich nahm an, daß das hier ebenso sei, und wollte den in Frage kommenden Herrn gleichfalls aufsuchen. Auf dem Wege zum untersten Stock fiel es mir aber ein, daß ich noch gar keine Polizeibeamten gesehen hatte, und um mich darüber zu informieren, wo die Herren eigentlich steckten, schritt ich den Korridor nach links ab und kam so vor das Zimmer des Polizeiinspektors. Der saß gemütlich in seinen Sessel gelehnt und schlummerte. Ich weckte ihn. Er schaute ganz verblüfft drein. Darauf fragte ich ihn, ob er denn dafür von der guten Stadt Köpenick bezahlt würde, daß er hier säße und schlummerte? Er möchte die Güte haben, sich hinauszubemühen und dafür zu sorgen, daß in den Straßen die nötige Ordnung eingehalten würde und in dem Verkehr keine Störung eintrete. Schleunigst entfernte er sich, wurde aber von dem Posten am Portale nicht durchgelassen und kam ganz verdugt und verstört zu mir zurü ( Fortsetzung folgt.) Faschismus und Nazismus Vorbemerkung der Redaktion: Der berühmte Historifer Guglielmo Ferrero äußert sich über die Probleme des italienischen Faschismus und des deutschen„ Nazismus" im Genfer Journal des Nations" in einer Weise, die auch unsere Leser lebhaft interessieren wird. Widersprochen werden muß aber seiner Meinung, daß Hindenburg durch die politische Situation im Januar 1933 genötigt war, Hitler zur Macht zu berufen. Das war um so weniger der Fall, als die Massenbasis Hitlers schon damals im Schwin den war. Ein Staatsoberhaupt von normaler geistiger und moralischer Beschaffenheit hätte niemals den Staat einer Räuberbande ausgeliefert, wie es Hindenburg unter Bruch seiner Treuepflicht und seines Eides getan hat. Man hat in Europa oft zwischen Faschismus und Nazismus Vergleiche angestellt. Gleichen sie einander oder sind sie voneinander verschieden? Und wenn sie sich von einander unterscheiden, worin? Die Meinungen sind geteilt. Es gibt Bewunderer des Nazismus. die den Faschismus verabscheuen, und Bewunderer des Faschismus, die den Nazismus verabscheuen. Es gibt auch Leute, die gleicherweise den Nazismus und den Faschismus verabscheuen oder bewundern. Die Leidenschaften, die die beiden Parteien in Bewegung sezzen, die Ideen, zu denen sie sich bekennen, die Mittel, die sie beim Regieren anwenden, sind die gleichen. Es ist eine Mischung von popularisiertem Bismarckismus und modernifiertem Bonapartismus. Ihr Etatismus, ihr Militarismus, ihr Nationalismus sind von Bismarck für die Bierbank übersetzt. Die zwangsmäßige Organisierung der allgemeinen Wahlen, die ständige Mobilisierung des Volkes und seiner künstlichen Begeisterung sind Erfindungen der beiden Bonaparte. Bonaparte und Bismarck stehen in diesen beiden Bewegungen wieder auf, verunstaltet durch eine geradezu ungeheuerliche Vergröberung. Es gibt aber auch Unterschiede. Der hauptsächlichste ist der, daß der Nazismus in Deutschland eine große Massenbewegung geworden ist und daß er zu einer gewissen Zeit 1931 und 1932- fast die Hälfte Deutschlands hinter sich gebracht hat, während der italienische Faschismus niemals eine so gewichtige Massengefolgschaft besessen hat, weder bei den Bauern noch bei den Arbeitern, noch im Mittelstand. Im Jahre 1921, vierzehn oder fünfzehn Monate vor der Berufung des Faschismus zur Macht, versicherte Giolitti als Innenminister in einer Kammerrede, daß die eingeschriedenen Mitglieder der Fasci 160 000 seien. Die Organisation war mächtig, aber außerhalb dieser Organisation hatte der Faschismus im Lande keine breite Basis der Sympathien, ausgenommen in den wohlhabenden Klassen, die aber in Italien viel weniger zahlreich sind als in vielen anderen Ländern. Diese Situation des Faschismus hatte sich im Oktober 1922, als er zur Macht berufen wurde, nicht sehr geändert. Es war eine kleine Minderheit, die stark organisiert war, die aber von der ungeheuren Masse des Volkes mit Feindseligkeit, Mißtrauen oder Gleichgültigkeit betrachtet wurde. Dieser Unterschied ist sehr wichtig. Er erklärt die Verschiedenheit der Lage und Entwicklung der beiden Parteien. Krisen der Monarchie Für den Faschismus war es die große Schwierigkeit, an die Macht zu kommen, denn das hing ausschließlich vom König ab. Es hätte genügt, wenn der König im Oktober 1922 zur Zeit des Marsches auf Rom ein Dekret über den Belagerungszustand unterzeichnet hätte, um den Faschismus für alle Zeit zum Verzicht auf seine Ambitionen zu zwingen. Er besaß ja keine Waffe, um von der Regierung die Machtübernahme ertroßen zu können. Aber nachdem er einmal zur Macht gelangt war, war seine Aufgabe verhältnismäßig leicht. Das Land verlangte von ihm nichts, außer daß es nicht erschüttert und hin und her geschleudert würde. Die neue Regierung brauchte schließlich nur die 30 000 bis 40 000 Leute zufrieden zu stellen, die ihr geholfen hatten, die Macht zu gewinnen und die ihr helfen konnten, sie zu behalten. und das war ein leichtes Stück Arbeit für einen Diktator über ein Land mit 40 Millionen Einwohnern. Die Lage des Nazismus war aber gerade umgekehrt. Ihm war es verhältnismäßig leicht. sich des Staates zu bemäch= tigen, denn das ungeheure Gefolge im Lande, das er ge= gewonnen hatte, war eine gewaltige Waffe, um den Präsidenten Hindenburg zu zwingen, ihm die Macht zu übergeben. Hindenburg war ein Gegner des Nazismus, aber er wurde nach langem Widerstand zu Beginn des Jahres 1933 gezwungen, ihn zur Macht zu berufen, nachdem er alle onderen Kombinationen ausprobiert hatte, weil die Nazis auf der einen Seite, die Kommunisten auf der anderen, zusommen die Mehrheit des Parlaments bildeten und es einer parlamentarischen Regierung unmöglich machten, nach dem Mehrheitsprinzip zu funktionieren. Seit er aber zur Macht gekommen ist, findet sich der Nazismus den furchtbarsten Schwierigkeiten gegenüber, die der Faschismus niemals ge= fannt hat: er hatte eine so ungeheuere Popularität erworben, indem er Hoffnungen jeder Art erweckt hatte. Und jetzt sollte er seine Versprechen halten. Das heißt, er sollte Wunder tun. Der Faschismus und der Nazismus sind heute von einer gewaltigen Krise der Unzufriedenheit erfaßt, die durch die Ergebnisse ihrer Politik verursacht ist. Aber diese Krise ist über Italien erst nach zwölf Jahren gekommen, über Deutschland schon nach anderthalb. Dies deshalb, weil das italie= nische Volk vom Faschismus nie etwas erhofft hat, während das deutsche vom Nazismus Wunder erwartete. Ein zweiter Unterschied in der Situation der beiden Parteien, der von großer Wichtigkeit ist, besteht darin, daß Italien noch eine Monarchie, Deutschland schon eine Republik i st. Dieser Unterschied macht die Stellung des Faschismus viel solider als die des Nazismus. Der hauptsächlichste Grund, warum die faschistische Regierung sich so leicht durchsetzen konnte, besteht darin, daß sie die kräftigste Unterstützung durch die alte monarchistische Regalität fand. Sie konnte ganz und gar über die Armee verfügen, über die Gendarmerie, die Gerichte, die Verwaltung, die Polizei des alten Regimes, dessen Fortsetzung mit Vergröberung aller seiner Fehler sie geworden ist. Die alte Legalität hat ihr gedient und sie gestüßt, weil sie niemals an ihr faschistisch- revolutionäres Programm geglaubt hat. In Deutschland ist das nicht so. Hier ist das revolutionäre Programm ernster zu nehmen, und was von der alten Regalität übrig geblieben ist, nimmt gegenüber dem Nazismus die Die jüdische Rechtsanwaltschaft handelte, die in den Borständen der Anwalts fammer n im ,, dritten Reich" Von Hans Kilian I. Die Rechtsanwaltschaft gehörte in der Zeit, zu der DeutschTand noch ein Rechtsstaat war, zu den wichtigsten und geachtetsten akademischen Berufen. Neben dem Richtertum und der Staatsanwaltschaft war sie als drittes und gleichberechtigte Organ der Rechtspflege" anerkannt. Nach der Lage der Gesetzgebung war der Rechtsanwalt, wenn er nur dazu gewillt war, zu einer freien und von staatlichen Einflüssen unabhängigen Berufsausübung im Rahmen der Geseze gegenüber den Berufsgenossen war er verpflichtet, Verstöße gegen die Kollegialitätspflicht wurden ehrengerichtlich geahndet. Eine gesetzliche Benachteiligung des jüdischen Teils der Anwaltschaft war ausgeschlossen. Die jüdische Anwaltschaft bildete im Gegenteil innerhalb der deutschen Anwaltschaft eine gewisse Elite. Die Entwick lung dazu kam nicht von ungefähr und hatte ihre guten Gründe. Nicht als ob gesagt werden könnte, daß die große Masse der jüdischen Juristen fachlich begabter gewesen wäre. als ihre„ arischen" Fachgenossen. Wohl aber wurden die Juden, auch wenn sie in den staatlichen Prüfungen hervorragende Resultate erzielten, im Staatsdienst vielfach gegenüber„ arischen" Randidaten mit gleichem Prüfungsergebnis zurückießt. In große Bezierfe der juristischen Tätigkeit, wie 3. B. in den staatlichen Verwaltungsdienst, in den diplomatischen Dienst, in die Militärjustiz, sind die Juden nicht oder faum eingedrungen. In der Ziviljustiz erreichten sie im allgemeinen nur Richterposten in Kollegialgerichten, repräsentative Posten in hohen Gerichten jedoch äußerst selten. Wenn der jüdische Assessor mit erflaffigem Prüfungsergebnis im Justizministerium oder im Innenministerium sich beim Personalreferenten nach den Aussichlen im Staatsdienst erfundigte, gab es nur wenige Referenten, die ihm nicht unverhohlen abrieten. In der Zeit vor dem Krieg war dieser Zustand so ziemlich allgemein und ausnahmslos. Während des Krieges und nach dem Kriege wurde er gemildert, aufgehört hat er nie. Die Nolae war, daß die„ Arier", die die besten Prüfungsergebnisse hatten, regelmäßia in den Staatsdienst einströmten, während der arische Teil der Rechtsanwaltschaft das Sammelbecken der mittleren und schlechteren Noteninhaber war, die noch ihrem Prüfungsergebnis keine Aussicht hatten, im Staatsdienst genügend vorwärts zu kommen. Bei den Juden hingegen gingen die als hervorragend Ausgewiese nen zur Rechtsanwaltschaft. Denn gerade ihnen paßte es vielfach nicht, in der Staatsfarriere trotz aleicher Leistung ur geduldet oder hinter die„ Anderen" aurückgesetzt zu sein. Sie zngen hann lieber den freien Wettbewerb in der Rechtscumarschaft vor. Suffolche Meise mar das Girna der indiichen Anwaltschaft traditionell wienschaftlich höherstehend und vom urteilsfähigen Teil des Publikums stärker gesucht als das Gros der„ arischen" Rechtsanwälte. Dies war auch der Grund, warum Juden in erheblicher Bahl in die Vorstände der anwaltschaftlichen Standesorganisationen gewählt wurden. Soweit es sich um diejenigen handelte, die in den Vorständen der Anwaltskammern figurierten, waren es in neuerer Zeit nicht immer die besten und unabhängigsten Vertreter ihres Faches, sondern vielfach Streber, die alles darum gaben, ihre„ arischen" Kollegen an reaktionärem Gehaben wenn möglich zu übertrumpfen. Soweit es sich dagegen um das Präsidium und die Vorstände der örtlichen Anwalts vereine handelte, waren von jüdischen Anwälten in ihnen viele wirkliche Pierden des Standes, man denke nur an Männer wie wiartin Druder, Adolf Heilberg, Mar Hachenburg, Julius Magnus, Mar Friedländer, Albert Pinner, Felig Bondi, James Breit, Julius Lehmann, May Als= berg, Alfred Werner, Heinrich Reinach ,, um nur einige der ausgeprägtesten Erscheinungen von theoretisch wie praktisch gleich bedeutsamen Anwälten zu nennen. Diese im besten Sinne wohlerworbene Geltung der jüdischen Anwaltschaft war schon lange Gegenstand giftigen Neides und Hafses vieler geistig und wirtschaftlich zurückgebliebenen„ Arier". Nicht als ob nicht auch der„ arische" Teil der Anwaltschaft sehr erhebliche Repräsentanten besten Anwaltsstiles in stattlicher Zahl aufzuweisen gehabt hätte! Prozentual aber, das kann nicht bestritten werden, hatte die jüdische Anwaltschaft unter diesen Umständen das Uebergewicht geiwig und wirtschaftlich innerhalb der deutschen Anwaltschaft erlangt. Da dieses Uebergewicht mit anständigen Mitteln nicht zu beseitigen war, solange seine Ursachen nachwirkten und sich erneuerten, schlossen sich die geistig Wermsten und sittlich Niedrigsten unter der Anwaltschaft schon frühzeitig in steigendem Maße der nationalsozialistischen Partei an. in der Hoffnung, bei einem Siege des„ dritten Reichs" dereinst einmal die lästige jüdische Konkurrenz mit dem KommißStiefel beseitigen und damit ihre eigene Inferiorität dem Publikum bequemer aufdrängen zu können. Vielleicht der einzige Mann von einem gewissen wissenschaftlichen und rednerischen Format, der früh als Nationalsozialist hervortrat, war Walter Quetgebrune. Das durchschnitt= liche Niveau der Nazionwälte, vor allem der Vertreter und Verteidiger Hitlers und seiner Paladine, in den Prozessen, die die Deffentlichfeit vor allem interessierten, wie Preßprozesse und Landfriedensbruchprozesse. war unter fedem Hund. Was von Typen wie Frank II und Freisler zu halten war. darüber gab es in der gesamten an ständi= gen Anwaltschaft ohne Rücksicht auf Rasse und Konfession nur eine Meinung: sie waren als überlaute Schreier, als ordinäre Demaavaen, platte Schwäßer und zu 99 Prozent als vollendete Nichtskönner schlechterdings mißachtet, zum großen Teil ständige passive Kundschaft der anwaltschaftlichen Ehrengerichte und in einer ganzen Anzahl von Eremplaren nur durch die demokratische parlamentarische Immunität vor dem ehrengerichtlichen Ausschluß aus dem Stande wegen pflichtwidrigen und unwürdigen Verhaltens halbwegs gesichert. Um so mehr hekten und trieben sie für die „ Reiniauna" des Standes von Juden, ohne daß das kritiklofe Publikum das ihnen ob dieser Hebe zulief, fich ousreichens flar ehte. in melchem Maße es sich um einen jedes Anstandes, baren unlauteren Wettbewerb handelte. II. Alles was niedrig ist, hat mit dem Siege des„ dritten Reiches" seine Erfüllung oder doch seinen verheißungsvollen " Von Guglielmo Ferrero Haltung einer mißtrauischen Mitarbeit ein. In Italien be= nüßt und verbraucht der Faschismus das Ansehen und die Gesetzlichkeit der Monarchie, des Schlüssels der alten Regalität. Er kompromittiert sie und zieht sie in seine eigene Illegitimität hinein. In Deutschland besitzt Hitler eine solche Reserve der Vergangenheit, die er verschleudern fönnte, nicht mehr. Er versucht, dem Nazismus die Unterstützung eines Restes der alten Legalität zu sichern, indem er sich durch einen neuen Staatsstreich der Reichspräsidentenschaft bemächtigt hat. Das ist ein Verfahren, das mit einem viel größeren Risiko verbunden ist. Ich glaube, in den Ereignissen, die sich vorbereiten, wird man die Folgen dieser Verschiedenheiten beobachten können. Im Grunde gehen diese Verschiedenheiten auf eine sehr wichtige und zumeist übersehene Grundtatsache zurück: nämlich daß alle diese Bewegungen, die in so vielen Ländern zur Aufrichtung einer Diktatur geführt haben, keine Krisen der Demokratie sind, wie man so oft sagt, sondern Krisen der Monarchie. Alle diese Bewegungen sind entstanden und haben Erfolg ge= habt entweder in Ländern, wo noch die absolute oder die Halbabsolute Monarchie besteht- oder aber in Ländern, in denen 1914 noch die absolute oder die halbabsolute Monarchie bestand Rußland, Deutschland, Desterreich- Ungarn. Und die Diftatur ist viel stärker und hat es viel bennemer in Ländern, die noch Monarchien sind, wie Italien, als in Rän= dern, in denen die Republik wenigstens schon seit 1918 eristiert, wie in Deutschland. Im Gegensatz dazu haben die alten Republiken, wie Frankreich und die Schweiz, die alten parlamentarischen Monarchien, wie England, Belgien, Holland, die skandina= vischen Länder, bisher allen Versuchen widerstanden, die in der Absicht gemacht wurden, Begungen diktatorischen Charakters dort zu imitieren. Faschismus und Nazismus sind Krankheiten der Monorchie. Sie treten auf, entweder während des Todesfampies oder sogleich nach dem Zusammenbruch einer alten absoluten oder halbabsoluten Monarchie. Anfang gefunden. So kann es nicht Wunder nehmen, daß sich die Nazi, zur Macht gekommen, sofort auch auf die Anwaltsgesetzgebung stürzten, wobei ihnen die Abnc. ing ihres Zaren Hitler gegen die jüdischen Anwälte, der er chon vor Gericht so drastischen Ausdruck verliehen hatte, daß er hiewegen im zweiten Reich gestraft worden war, sehr zustatten fam. Der Umbruch" war nur wenige Wochen alt, uls das„ Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft" vom 7. 4. 1933 das Licht der Welt erblickte, in dem ein Teil der nazistischen Wettbewerbsmethoden seine Erfüllung fand. Es bestimmte, die Zulassung von Rechtsanwälten nichtarischer Abstammung„ fönne" bis 30. 9. 1933 zurückgenoms men und die Neuzulassung nichtarischer Personen versagt werden. Die Regierung wußte, daß unter dem Naziregiment fein Befehl, sondern nur eine Ermächtigung nötig war, um innerhalb des betroffenen Personenfreises ganze Arbeit zu machen. Tatsächlich sind mit diesem Hilfsmittel schädigungslos verdrängt worden, was in der Mehrzahl mindestens 95 Prozent der Betroffenen aus dem Beruf entder Fälle den wirtschaftlichen und sozialen Ruin bedeutete. Troßdem kam ein gewisser Kompromißcharakter der Vorschrift dadurch zum Ausdruck, daß man die sogenannten „ Altanwälte", die schon seit dem 1. 8. 1914 zugelassen waren, ausnahm, ferner die Frontsoldaten" im Sinne der Beamtengesetzgebung. Auch dieses Kompromiß war eine echt nationalsozialistische Niedrigkeit. Der Jude mußte sich die Fortdauer seiner Anwaltszulassung durch den Nachweis friegerischer Leistungen erkaufen, der„ Arier" war auch als vollendeter Drückeberger des Weiterwirkens in der„ gereinig ten" Anwaltschaft ohne weiteres würdig. Ein geistig und ethisch hochstehender Anwalt, der den Krieg zum Beispiel wegen irgend eines förperlichen Gebrechens nicht an der Front hatte mitmachen können, war aus dem Beruf fortan ausgeschlossen, junge Bürschchen dagegen, die im Krieg noch die Schulbank drückten, waren vollwertige Mitalieder des Anwaltsbarreaus, wenn sie nur eine arische Großmutter hatten. Aber trotzdem erregte dieses Kompromiß bei der Mehrzahl der Nazi- Anwälte helle Wut, es kam sogar zu Protestversammlungen". Das Kompromiß war ihnen noch viel zu enständig und großzügig. Wollte das„ dritte Reich" nur eine Spur von der " Autorität“ zeigen, die es immer als seinen Hauptmesens zug ausgegeben hatte, dann durfte es vor dem Protest= geſchrei nicht offiziell zurückweichen. Es mußte sich damit begnügen, eine Menge der hündischsten Gemeinheiten inoffiziell zu dulden und zu fördern, mit denen die arische Anmaltsedelrasse nunmehr daranging, das Geschäft der nach dem Gesetz weiterhin zugelaffenen nichtarischen" Anmälte an ruinieren und diese aus dem Konkurrensfomni chgültig Anwälte, unter der Hand wurde alles geten, um die zugelassenen Juden seien in jeder Beziehung gleichberechtigte Anwälte, unter der Hand wurde Alles getan, um die zuge= lassenen Juden zu schifanieren, zu entwürdigen und wirtschaftlich noch weiter zu ruinieren. damit aus Ehren- und wirtschaftlichen Gründen möglichst viele genütiat fein mür den, auf die erlaubte Berufsausübung freiwillig" zu verzichten. Die Methoden, mit denen dies unternommen mirde und ihre Rückwirfung auf die jüdische und die„ arische" Anwaltschaft in Deutschland sollen Gegenstand eines weiteren Aufsatzes sein, der sich an diesen anschließt. Sandler- Präsident in Genf Die verbrannten Leichen Der sozialistische Außenminister Schwedens führt den Vorsitz Strande entfernt gegenüber Asbury Park. Es war nicht Eine deutliche Ansprache Beneschs Genf, 10. Sept. 1934.( Eig. Drahtb.) Durch den Präsidenten Benesch wurde heute vormittag die Völkerbundssizung eröffnet. Zum Präsidenten der Völkerbundsversammlung wurde der sozialistische Außenminister Schwedens, Sandler, gewählt. Er überraschte den Völkerbund mit der ganz unformellen und lafonischen Erklärung, daß er nicht daran denke, nunmehr ein wohlvorbereitetes Manuskript hervorzuziehen und der Versammlung einen mehr oder weniger langen Text vorzulesen, sondern er danke der Versammlung für das ihm bewiesene Vertrauen und hoffe auf ersprießliche Zusammenarbeit! Die Eröffnungsrede Beneschs war eine Sensation. Mit absoluter Offenheit ging der Redner auf die Schwächen des Völkerbundes ein, wies auf sein Versagen im südamerikanischen Chaco- Konflikt hin wie im Konflift im Fernen Often, führte aber als Positivum an, daß es ihm gelungen sei, den Frieden in Europa selbst zu erhalten. Obwohl Deutschland und Japan leider aus dem Völkerbund ausgetreten seien, werde durch den Beitritt des größten europäischen Staates, nämlich Sowjetrußlands, ein mehr als guter Ausgleich geschaffen. Dieser Eintritt Sowjetrußlands in den Völkerbund sei für den europäischen Frieden von größter Wichtigkeit. Die Rede Benesche war ein ernstes Bekenntnis zum Gedanken des Völkerbundes. Benesch prägte im Laufe seiner Rede u. a. den Saß, daß sich einige Völfer in ihrer moralischen Haltlosigkeit dem Absolutismus verschrieben hätten, heute aber noch ratloser seien als vorher. Dieser Satz war sehr deutlich an die Adresse Hitler- Deutschlands gerichtet. In Genf lächelt man allgemein über die Delegation der braunen Front. Röchling hat in ungewohnter Freigebigkeit ( United Preß.) Das noch immer brennende Wrack der „ Morro Castle" liegt nunmehr etwa 70 Meter vom möglich, das Wrack ins Dock zu schleppen, bevor der Brand endgültig gelöscht worden war. Die Feuerwehrleute, die das Feuer zu bekämpfen suchen, müssen Gasmasken tragen. Auch die Bemannung des Kutters, der den Betriebskommissar der Küstenwache an das Wrack der„ Morro Castle" brachte, ist mit Gasmasken versehen. Der Kommandant gab einem Vertreter der United Preß eine Schilderung seines Instruktionsganges durch das Unglücksschiff:„ Das Ded war jo heiß, daß meine dicken Schuhsohlen völlig durch brannten. Als wir durch die enge Gänge über verbogene Stahlträger und verkohlte Balfen unseren Weg suchten, boten die an vielen Stellen haufenweise liegenden verbrannten Leichen einen fürchterlichen Anblick. Bis zur Kommandobrücke war es kaum möglich zu gelangen, da die Hitze geradezu wahnsinnig wurde. Unter der Brücke wütet immer noch das Feuer." eine große Anzahl seines Buches:„ Deutsch ist die aar" Fünf Bergsteiger abgestürzt unter die anwesenden Journalisten verteilt. Man hat zwar aus Gründen der Höflichkeit das Buchgeschenk angenommen, aber schon überlegt man sich, wo man es still ablegen kann, denn keiner der Journalisten beabsichtigt, dieses einseitig^ e= schriebene Buch zu lesen, damit seine Zeit zu vergeuden Wie ein Franzose uns sicht Er vergißt die vielen Millionen Friedensfreunde auch in Deutschland Paris, 11. September 1934. ( Von unserem Korrespondenten) Im Intransigeant" zeigt Gallus die Verschiedenheit der französischen und deutschen Lebensauffassung auf; so wie er es begreift: „ Der Krieg ist an sich fein Gut!" Wer spricht so? Einer unserer berühmtesten Kriegsführer, Marschall Petain! Die Franzosen hassen nach ihrer ganzen Veranlagung den Krieg. Wenn sie ihn führen müssen, verstehen sie es so gut, wie nur irgend einer. Das haben sie bewiesen. Sie sind imflande, vier Jahre lang einen Heldenmut zu entfalten, wie sie darin zu keiner Zeit und von feinem Lande übertroffen wurden. Aber selbst in dem Augenblick, wo sie zu den Waffen greifen, denken sie nur an die glücklichen Stunden, wo sie wieder in Frieden diese Waffen niederlegen können. Und die Generäle teilen dieses Gefühl mit dem einfachsten Soldaten. Aber was denft ihnen gegenüber das andere Volf, das von Anbeginn ihrer Geschichte sie unaufhörlich angreift? Marschall Petain sagt es auch: " Deutschland besitzt ganz besonders als Merkmal seiner Rasse nicht nur diese kriegerische Tugend, die ihm auf den Schlachtfeldern Erfolge brachte, sondern es findet noch dazu Gefallen an der Gewalt, ebenso wie es dauernd die Neigung hat, seine Waffen zu schwingen, um damit seine Politik zu stützen." Und er fügt hinzu:„ Möge der Gedanke an seine Toten es erinnern, daß die Menschheit nach so viel erlittenen Prüfungen nur noch den Wunsch hat, ihre Wunden zu verbinden, nur noch arbeiten will, um wieder zu einigem Wohlbefinden zu gelangen und nur noch versucht, dauernde und friedliche Harmonie in ihrem Innern zu schaffen."„ Ja, aber in dem Augenblick, da unser Kriegsminister diese großen Worte äußerte," so sagt Gallus weiter, nahm Hitler am anderen Ufer des Rheines Paraden ab, bei denen selbst Frauen und Kinder im Taft marschierten. Er verherrlichte seine SA., die sich aus Kriegsfreiwilligen zusammenseßt. Er erflärte, sie sei die Kraft, auf der seine Autorität beruht. Der Gedanke an den Tod weckt in Deutschland nur die Erinnerung daran, daß es eine Schande ist, im Bett zu sterben. Wenn Deutschland fönnte, mit welch freudiger Begeisterung würde es sich auf uns stürzen. Aber, Gott sei dant, fann es das nicht!" * Der Vergleich, den Gallus zieht, ist recht interessant. Nur vergißt er, daß auch die Franzosen, wie jedes andere Volk, unrühmliche Perioden in ihrer Staatsführung hatten. So die zwei Jahrzehnte Napoleons III, mit seinen Prestigefriegen und der. Unterdrückung und Korruption im Innern. Die französische Emigration hat diesen Napoleon damals etwa genau so eingeschäßt wie wir jetzt Hitler, und das mit Recht. ..Morro Castle" Die Untersuchung führte bisher zu keinen sicheren Resultaten DNB. Neuyorf, 10. Sept. Im gedrängt vollen Sizungssaal der Neuyorker Zollbehörde begann unter dem Vorsiz des Hilfsdirektors der Inspektionsbehörde für die Handelsmarine Dickerson Hooves die Untersuchung der Bundesbehörde über die Katastrophe der„ Morro Castle". Als erster Zeuge wurde der Stellvertreter des Kapitäns Warms vernommen. Als man ihm den Tod seines Freundes, des Kapitäns schilderte, brach Warms zusammen. Er erflärte, daß der Kapitän am Freitagabend ganz plötzlich infolge einer afuten Verdauungsstörung gestorben sei. Bei der Ausreise sei der Kapitän ganz gesund gewesen. Warms sagte ferner aus, daß er als Brandursache Brandstiftung vermute. Diese Vermutung begründe er durch die Tatsache, daß bereits auf der vorigen Reise ein Brandstiftungsversuch unternommen worden sei. Von dem Ausbruch des Feuers habe er um 2.45 Uhr früh Nachricht erhalten. 311 dieser Zeit meldete die Deckwache das Auftreten von Feuer und Rauch in den Ventilatoren an der Backbordseite mitt= schiffs. Er, Warms, habe darauf sofort den zweiten Offizier angewiesen, sofort die nötigen Maßahmen zu treffen. Kurz darauf habe die im Salon befindliche Nachtwache Feuer in der Bibliothek gemeldet. Der Brand war hier in einem Schrank ausgebrochen, dessen Türen aufsprangen. Im Innern wurde Gasolin festgestellt. Gegen 3 Uhr habe er Generalalarm gegeben. Die Mannschaft sei heraufgerufen. worden und die Stewards und die Salonwache hätten Anweisung erhalten, die Passagiere zu wecken. Ein Blitzschlag tomme als Brandursache nicht in Frage. 77 Tote festgestellt 60 Vermiẞte dub. Neuyork, 10. Sept. Nach den neuesten Meldungen find 77 Tote der„ Morro Castle" festgestellt, vermißt werden 60 Personen, und zwar 29 Fahrgäste und 31 Mitalieder der Bejagung. Bericht eines Augenzeugen ,, Die meisten lebendig verbrannt" Einer der geretteten weiblichen Passagiere, die Tochter des Generals Domingo Mendez Capote, des Führers der revolutionären Bewegung gegen Machado, Senorita Rennee, berichtete über ihre Erlebnisse in dieser Schreckensnacht wie folgt:„ Ich bin sicher, daß die meisten lebendig verbrannt sind, während sie in ihren Betten schliefen. Ein Warnungssignal wurde nicht gleich gegeben. Ich verdanke mein Leben nur einem Zufall. Ich wurde durch ein knatterndes Geräusch, das sich anhörte, als ob Holz zersplitterte, aus dem Schlaf geweckt. Ich sprang aus dem Bett, stürzte zur Kabinentür und riß sie auf. Eine hohe Flammenlohe schlug mir entgegen. Es gelang mir gerade noch, die Tür wieder zuzuschlagen. Dann suchte ich nach einem Ausweg. Der einzige war das Kabinenfenster, das auf Deck hinausführte. Ich öffnete es und versuchte durch die Luke ins Freie zu kriechen. Troß meiner Todesangst wollte ich diesen Versuch schon aufgeben, weil die Luke viel zu eng war. Da rief mich ein Matrose an: Kommen Sie nur heraus, ich helfe Ihnen, wir werden es schon schaffen." Schließlich stand ich an Deck. 15 Minuten beobachtete ich die heldenhaften Anstrengungen der Matrosen, die den Brand zu löschen versuchten. Mit anderen Baffagieren zusammen stieg ich dann in das einzige brauchbare Rettungsbopt an Steuerbord. Den Matrosen gelang es auch, das Boot aus der Hellinge zu schwingen und herabzulassen. Wir befürchteten jedoch alle, daß im nächsten Augen= blick die Seile von den Flammen ergriffen werden könnten, und daß das Boot in die hochgehende See abstürzen könnte. Nachdem das Boot jedoch glücklich aufs Wasser aufsetzte, warfen wir schnell los und ruderten aus Leibeskräften, um von dem brennenden Schiff fortzukommen. Wir jahen Furchtbares, aus vielen Luken steckten vom Brande eingeschlossene Passagiere die Köpfe heraus, andere sahen wir in dem Flammenmeer auf Ded herumlaufen. Wir schrien ihnen zu, über Bord zu springen. Sie sprangen jedoch nicht ins Wasser. Warum, weiß ich nicht. Es ist möglich, daß einige von ihnen es taten. Wir suchten auf jeden Fall die Oberfläche des Wassers nach schwimmenden Menschen ab, fanden jedoch niemand. Dann ruderten wir an Land..." Aeusserst günstige Kapitalanlage! 100 000 fr. Franken gegen erste Hypothek zu leihen gesucht: Garanthie: Neuerbautes schulaenfreies Geschäftshaus im Verkaufswert vo" 400 060 Franken. gelegen zu Luxemburg" Stadt Angebote unter R. K. Nummer 555 an aie Grschäftsstelle der ,, FREIHEIT" Pacis JunggesellenWohnung mit Bad und Küche möbl., zu vermieten. 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Rotationsdrud und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH., Saarbrüden 3, Schüßenstraße 5. Echließfach 776 Saarbrüden. ,, Deutsche Freiheit" Abonnementspreise: Amerika Argentinien Belgien Dänemark im Zustell Monat gebühr 1,0,50 3,-1, Dollar Peso belg. Fr. 15,- 5,30 Kr. 3,70 2,30 England Frankreich sh 4,-1,10 fr. Fr. 12,-3,75 Holland fl. Italien Luxemburg Neubelgien ( Eupen- Malmedy) Oesterreich Palästina Polen Rumänien Rußland Saargebiet Schweden Schweiz Spanien 1,50 0,40 Lire 10, 5, belg. Fr. 15,- 5,30 belg. Fr. 12, 5,30 4,-1,10 ( verboten)-#sh ( verboten) Tschechoslowakei 30 Lei 90,-30, Rubel 1, fr. Fr. 12,- 7,50 Kr. schw. Fr. 2,60 1,70 2,40 0,80 Peseta 6,- 2, Kr. 30,-5,50 Bei Zusendung unter Kreuzband durch die Post sind die Portogebühren vom Besteller mit dem Abonnementsbetrag zu entrichten Hitler cast Von KLAUS BREDOW Fragen Sie in den Kiosken und Buchhandlungen nach. Falls die Broschüre am Ort nicht zu haben ist, liefert die Buchhandlung der ,, Volksstimme", Saarbrücken, Bahnhofstraße 32, gegen Voreinsendung von 3,90 französischen Franken auf das Postscheckkonto Saarbrücken Nr. 619 Verlag der„, Volksstimme", Saarbrücken