Pentjake Nr. 215 2. Jahrgang Fretheil Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Saarbrücken, Sonntag Montag, 16./17. Sept. 1934 Chefredakteur: M. Bra un Reichskirchenkrach Eine KorruptionsDer württembergische Landesbischof gemaßregelt sache wird ihm angehängt Wachsender protestantischer Widerstand aus Bayern gegen Berlin" Reichsbischof Mullers Einführung am 27. September steht im Zeichen des Sturms Ein Gewaltaft hat die angekündigte Unterwerfung der evangelischen Landeskirchen von Württemberg und Bayern eingeleitet. Der Reichsbischof hat soeben den Landesbischof Wurm von Württemberg„ bis auf weiteres beurlaubt". Begründet wird die Maßnahme in der üblichen Weise. Wurm soll versucht haben, Gelder der Landeskirche den ordentlichen firchlichen Zwecken zu entziehen. Mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Landesbischofs wurde der Stadtpfarrer Krauß in Ebingen beauftragt. Verantwortlich für diese Aktion ist Befennern der evangelischen Freiheit entbrannt, die nach der grundsätzlichen Auffassung Luthers auf der Souveränität der Gemeinden beruht. Die Berliner Kirchendiktatoren haben ihr Ziel der Einheit und Einigkeit der deutschen evangelischen Kirche nicht erreicht. Gegen sie stehen Millionen von Gläubigen, die überwiegend nicht aus politischer Opposition, sondern aus religiösen Gewissensgründen den Reichsbischof von Hitlers Gnaden ablehnen. der jetzt in der Reichsfirchenregierung tonangebende Stirchen Höhepunkte! fommissar Jäger. Er hat die Aufgabe, die Landeskirche Württembergs in ein Korruptionsverfahren zu verwickeln, um auf diese Weise den Angriff gegen die protestantischen Freiheitsrechte in Württemberg als Säuberungsaftion" anpreisen zu fönnen. Gegen die bayerische Landessynode sind ähnliche Maßnahmen geplant. Aber sie sind viel schwieriger durchzuführen. Die einstimmigen Beschlüsse der Landessynode gegen die Eingliederung in die Reichsfirche war ein Mißtrauensvotum gegen die Reichskirchenregierung von beispielloser Schärfe. Unter den Angen der bayerischen nationalsozialistischen Machthabern fonnte sich eine Opposition gegen„ Berlin" entfalten, die durch ein einstimmiges Vertrauensvotum für den bayerischen Landesbischof Meiier scharf unterstrichen wurde. Man sagt dem bayerischen Landesbischof gute Bes ziehungen zum Reichsstatthalter von Epp, zu dem bane: rischen Ministerpräsidenten Siebert, einem Protestans ten, und zu zahlreichen anderen bayerischen Regierungsstellen nach. Mit Meiser stehen auch langjährige Nationalsozialisten in der Kirche im Kampf gegen die Nationalsynode und gegen den Reichsbischof. Der Völkische Beobachter" hat es sogar gewagt, die bayerische Protesterflärung gegen die Berliner Beschlüsse abzudrucken. Meiser hat jetzt in einer firchenamtlichen Erklärung alle Maßnahmen zur Eingliederung der bayerischen Landeskirche in die Reichskirche als ungültig er: flärt. Aus allem geht hervor, daß Meisers Position äußerst starf ist, und daß mit seiner Absetzung nach württembergischem Muster nicht zu rechnen ist. Im Gegenteil! Der banes rische Protestantensturm gegen die Berliner Beschlüsse erhält dauernden neuen Zuzug und bringt die Berliner Kircheats diftatoren in eine peinliche Lage. Sie haben jetzt den Arierparagrafen auf dem Gebiete der Landeskirchen, der im vorigen Jahre durch die firchlichen Ansprüche vorübergehend aufgehoben war, wieder hergestellt. Auch auf dem Gebiete der Kirche wird die Rassengefeßgebung zwangsweise mit allen Konsequenzen durchgeführt. Gleichzeitig dauern die Maßreglungen und Disziplinarverfahren weiter fort. Gegen den Landesbischof Marahren von Hanover ist eine Strafaktion mit dem Ziele der Absetzung eingeleitet worden. Marahren gilt als Führer der Protestler gegen die den Geistlichen vorgelegte Eides formel. Die Geistlichen find be reit den Huldigungseid für das Staatsoberhaupt zu leisten, wehren sich jedoch, gegen seine Verfopplung mit dem kirch lichen Diensteid, weil sie die Pflicht zum Gehorsam gegenüber der Reichsfirchenregierung und der Nationalfynode nicht anerkennen. Die Einspruchfundgebung wurde außer von den Hannoverschen, bayerischen und württembergischen Landesbischöfen, von dem Bischof 3 än fer von Breslau, dem Generalsuperintendenten 3öllner aus Düsseldorf, Profeffor Althaus von der Universität Erlangen und zahlreichen Pfarrern aus allen Teilen des Reiches unterzeichnet. Der erste Gegenschlag der Reichsfirchenregierung gegen Marahren besteht in der gegen ihn gerichteten Entziehung der kirchlichen Verwaltung. Aus der langen Reihe der neuen Maßreglungen bekenntnistreuer Geistlicher nennen wir die folgenden: Den früheren Direktor der Spandauer Apologetischen Zentrale, D. Karl Sumeiber, juspendierten Superintendent in Wustermart, wurde die Abhaltung von Gottesdiensten in seiner Wohnung verboten. Superintendent Krause in Grimmen wurde zwangsweise in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Pastor Harms in Guelzow wurde ohne Angabe ven Gründen benzlaubt. Paſt or Maerker in Rostok wurde im Interesse des Dienstes strafverfeßt. Und so weiter. Auf der ganzen Linie ist in Deutschland der Kampf zwi= schen dem nationalsozialistischen Staatskirchenſyſtem und den Die drohende Verlustliste Berlin, 15. Sept. Für den 27. September war die feierliche Einführung Dr. Ludwig Müllers im Berliner Dom als Reichsbischof vorgesehen. Sie soll mit größtem Pomp statt finden, aber das Wesentliche wird zu diesem Termin nicht crreicht sein: die Verwirklichung der evangelischen Kirchen einbeit. Die süddeutschen Landesbischöfe werden fehlen. Sie fordern nach wie vor Beseitigung der ebenso ungefeßlichen wie dem protestantischen Geist zuwiderlaufenden Zentralbehörde. Der Treueid auf Adolf Hitler, der von den deutschen Pfarrern gefordert wird, wird von tausenden Pfarrern verweigert werden, wobei es sich weniger um ein politisches Bekenntnis, als um ein Zeichen des Gewissenskonfliktes handelt, in dem sich die opponierenden Pfarrer befinden. Die „ Basler Nationalzeitung" bemerkt zu diesen Kämpfen: „ Basler Nationalzeitung" bemerkt zu diesen Kämpfen: Wenn die nationalsozialistische Staatsführung, die von blindem Glauben an die Allmacht der primitiven Brachialgewalt besessen scheint, nicht im letzten Augenblick zur Besinnung fommt, so wird sie die Kirche genau so verlieren, wie sie schon Oesterreich verlor, wie sie im Frühjahr möglicherweise auch das Saargebiet und später noch vieles andere dazu verlieren kann." Nach einer Mitteilung des„ Berliner Tageblatts" kam es in der Ortsgruppe Berlin- Zehlendorf von Deutschen Christen zu stürmischen Auseinandersetzungen. Die Ortsgruppenleitung legte schließlich ihr Amt nieder, nachdem die gehaltenen Referate einen Gegensatz zur Reichsfirchenführung proflamiert hatten, Ersatz Oberheid Statt Stabschef jetzt Vikar Berlin, 15. Sept. Am Mittwoch wurde Pastor Engelfe in das Amt des Vifars der Deutschen Evangelischen Kirche berufen. Der Auftrag dieses Amtes liegt in der Stellvertretung und besonderen Hilfeleistung des Reichsbischofs; auch das Sekretariat des Reichsbischofs ist ihm unterstellt. Das Amt des reichsbischöflichen Vitars hatte bis zu seinem Ausscheiden aus der Kirchenregierung Bischof Oberheid befleidet, der überhaupt der erste reichsbischöfliche Vifar war, nachdem dieser Posten ursprünglich die Bezeichnung Chef des Stabe 3" gehabt hatte. Briei eines Geistlichen Saacpräsident Knox gegen Lügen der ,, Deutschen Front" Seite 3 Die Wirtschaftssiege und der Parteitag Seite 4 Die Theorie vom Krebserreger Görres- Gesellschaft Seite 7 Yabu Seite? gratuliect Hitler Die Hundspeitsche Verluderter Journalismus Seite 7 Diese Worte entstammen einer Sammlung von Schimpf worten, die der Chefredakteur der ,, Saarbrücker Zeitung" Dr. August Hellbrück, sozusagen geistiger Kopf der sogenannten„ deutschen Front" gegen uns schleudert. Er keift gegen uns und meint die saarländische Regierungskommission des Völkerbundes. In der Form einer Anfrage hat er vor einigen Tagen an bie Regierungskommission den Auftrag erteilt, unverzüglich die Deutsche Freiheit" zu verbieten und für ihre Redakteure sofort ein Konzentrationslager zu er richten. Denn wir hätten den Herrn Adolf Hitler bes leidigt, weil wir ihn wahrheitswidrig verdächtigten, der Führer einer Räuberbande von Leuten wie Röhm, Heines, Ernst und Konsorten gewesen zu sein. Weiter sollten wir den toten Reichspräsidenten von Hindenburg in Walhall geschmäht haben, weil wir ihm nachsagten, er hätte den erwähnten bekanntlich sehr ehrenwerten Herren den Staat ausgeliefert. Wir haben uns erlaubt, für unseren guten Glauben so gewichtige Zeugnisse wie Kundmachungen und Reden des Herrn deutschen„ Führers" und Reichskanzlers Adolf Hitler beizubringen und leise an Schenkungs-, Steuerund Subventionsgeschichten der Familie Hindenburg zu erinnern. Dagegen weiß Herr Dr. August Hellbrück nichts zu sagen. Er wundert sich nur, daß die saarländische Regierungskommission nicht zu seinem Schuße eingreift, wenn er, wie stets, auf von uns vorgebrachte Tatsachen nichts zu erwidern hat. Anscheinend ist aber die Regierungskommission über die Grenzen der Pressefreiheit anderer Meinung als Dr. August Hellbrück. Das will ihm nicht in den Kopf. Darum schreit er gegen uns nach der Hundspeitsche, deren Handhabung leichter ist als die Verteidigung der von uns charakterisierten politischen Persönlichkeiten. Herr Chefredakteur August Hellbrück glaubt bei den Mitglieder, der Regierungskommission dadurch Eindruck zu machen, daß er deren Staatsoberhäupter mit Herrn Adolf Hitler in Vergleich zieht. Er merkt gar nicht, daß er unsere Kritik dick unterstreicht. Man stelle sich vor, daß ein Präsident der französischen Republik oder ein König von England öffentlich einen Ritualmordgreuelerzähler, einen Pornographen und Pogromhetzer seinen Freund nenne und sich mit ihm in jeder Beziehung solidarisiere. Wie würde Herr Dr. August Hellbrück als Federheld der sittenstrengen germanischen„ deutschen Front" eine solche Bloßstellung eines fremden Staatsoberhauptes beurteilen? Daß aber in Nürnberg soeben die herzlichste Verbrüderung zwischen dem in der ganzen Welt eindeutig ein. geschäßten Ritualmord- Streicher und Herrn Adolf Hitler stattgefunden hat, ist nicht gut zu bestreiten. Wir ver weisen auf verzückte Berichte in Streichers„ Fränkischer Tageszeitung" vom 13. September. Wenn das für das deutsche Staatsoberhaupt beleidigend sein sollte, tragen wahrhaftig nicht wir die Schuld daran. Herr Dr. August Hellbrück fühlt sich von der faarlän dischen Regierungskommission fürchterlich verlassen. Er jammert, daß er Gemeinheiten, Unverschämtheiten, Beleidigungen hinnehmen müsse. Der arme Kerl fühlt sich in der Situation eines Menschen,„ der an Händen und Füßen geknebelt ist und sich noch anspucken lassen muß". Wir finden, das sind in Verbindung mit Hundspeitsche geradezu masochistische Fantasien. Sie passen in das Milieu der von ihm und seinem geliebten Parteiführer so lange verhimmelten Röhm, Heines und ähnlicher neu deutscher Heroen. Wir wollen Herrn Chefredakteur Dr. August Hellbrück auf einen Gedanken bringen, der ihm entfallen zu sein Ein katholischer Priester schreibt einem Freunde scheint: Es gibt im Saargebiet nicht nur fremde Regieunferes Blattes: ... Du kennst gewiß aus Deiner Studienzeit das Dörfchen Niederbieber bei Fulda. Dort hat sich eine furchtbare Tragödie zugetragen. Ein etwas schwachsinniger, aber durchaus nicht geisteskranker, harmloser, braver Bauernknecht, namens Bläuel, sollte sterilisiert werden. Der Arme, der, als das Verfahren eingeleitet war, zum Hohn und Spott der Kinder des Dorfes wurde, die ihm nachliefen und schrien:„ Du bekommst die Hoden abofs geschnitten!", versteckte sich. Er wurde gefunden, wehrte sich verzweifelt, in der Randjäger einfing und nach Fulda transportierte. Unter dem Messer des Chirurgen ist er verschieden. Wie hätte sich der Arme träumen lassen, daß ihm nach Tode Ehrungen rungsmänner, sondern auch deutsche Richter. Wir fordern ihn auf, die Ehre der von uns hart angegriffenen deutschen Politiker durch ein Für und wider vor deutschen Gerichten zu wahren. Das scheint uns würdiger zu sein als das Verbotsgewinsel vor Aus. ländern. Also: Wir behaupten, daß Herr Chefredakteur Dr. August Hellbrück sich zum Mitwisser und Mitschuldigen non Räuberbanden, von Terroristen, Totschlägern, Mördern und notorischen Sittlichkeitsverbrechern gemacht hat, indem er deren Taten jahrelang verschwiegen und ehrlos verlogen die Zeitungen der Verbreitung von„ Greuelden verd Katholiten en auteil werden würden, leber märchen" beschuldigte, die der Wahrheit und der Ehre zweitausend aus allen Dörfern der Rhön begleiteten seinen Leichenzug, ein stummer Protest der frommen Rhönbauern gegen die Vergewaltigung ihrer Religion durch das jezige Regiment Wotans und Hitlers, se des deutschen Namens dienen. Wir behaupten ferner, daß Chefredakteur Dr. August Hellbrück in ehrlofer journalistischer Pflichtvergessenheit Surch feiges Schweigen die öffentliche Meinung irreführt über die Zuſammenhänge, bie smilchen der Genkung Zum Prozeß gegen Thälmann eines an Familie Oskar von Hindenburg und den Osthilfefubventionen und dem Sturz und der Ermordung des Reichskanzlers und Generals von Schleicher bestehen. Das genügt doch zu einer Klage, Herr Dr. August Hellbrück? Fliehen sie nicht wieder unter den Schutz von Ausländern! Schwingen Sie nicht wieder die Hundspeitsche, sondern stellen Sie sich zu einer Beweisaufnahme vor Richtern, denen mehr zu vertrauen als wir Sie aller Anlaß haben. Treten Sie an! Wir stehen bereit. Radbruch! Was hitleramtlich gemeldet wird Berlin, 14. Sept.( DNB.) Wie aus Kowno gemeldet wird, ist Professor Radbruch von einem mit der Universität Kowno geschlossenen Vertrage, vom nächsten Semester ab dort Vorlesungen über deutsches Strafrecht abzuhalten, zurückgetreten. Das„ Deutsche Nachrichtenbüro" erfährt hierzu von zuständiger Stelle: Diese Meldung entspricht den Tatsachen. Profeffor Radbruch hat sich auf deutsch e amtliche Ver anlassung in loyaler Weise dazu entschlossen, die an ihn ergangene Berufung abzulehnen. Hiermit entfallen alle gegen ihn in der letzten Zeit in einzelnen Blätter gerichteten Angriffe. ..Juden raus!" Eine Artistenversammlung aufgelöst Hamburg, 14. Sept. Eine Versammlung des Berufsverbandes deutscher Artisten, die von mehreren hundert Personen besucht war, wurde am Donnerstag von der Polizei aufgelöst. Beim Eintreffen der Redner entstand Unruhe. Dr. Leuner, der Verbandsführer der Varietedirektoren, erklärte im Auftrag von Staatsrat Habedanf, dem Hamburger Gaubetriebszellenobmann, daß Nichtarier die Versammlung zu verlassen hätten. Als dieser Aufforde rung nicht Folge geleistet wurde, gab Staatsrat Habedank der Polizei dek Befehl, die Widerstrebenden festzunehmen. Die Unruhe dauerte aber an, so daß auf Veranlassung des Vertreters der Reichstheater.ammer die Versammlung aufgelöst wurde. Um Polens Vorstof Genf, 14. Sept. In der heutigen Völkerbundsversammlung führte Außenminister Simon u. a. aus: Außenminister Beck habe in seiner Rede zwei Punkte behandelt, nämlich den Vorschlag der Verallgemeinerung der Minderheitenschutzverträge und den Hinweis auf die beson dere Lage der schon durch die Minderheitenverträge gebundenen Länder. Diese beiden Fragen hätten nicht das ge= ringste miteinander zu tun: die Frage der Berallgemeine= rung des vertraglichen Minderheitenschußes sei völlig unab hängig von der Frage der schon bestehenden und übernom menen Verpflichtungen. Er verstehe deshalb auch nicht recht, was Bed mit der Ankündigung meine, daß Polen in den internationalen Organen nicht mehr mitarbeite, solange die Frage der Verallgemeinerung ungelöst sei. Denn die Verträge seien auch von anderen Ländern unterzeichnet worden, darunter auch England. Sie könnten nicht einseitig gekündigt werden, Simon schloß seine Rede mit dem Hinweis auf Artifel 93 des Friedensvertrages, durch den die Schaf= fung Polens beschlossen worden sei. Außenminister Barthou schloß sich grundsätzlich dem Standpunkt Simons an. Er wies darauf hin, daß Po= Lens Beispiel die Autorität der Friedensverträge erschüttere und andere Staaten veranlassen könnte, ebenso zu handeln. Kein Staat fönne sich einseitig von diesen Verpflichtungen loslagen, ohne das hierfür für Aenderungen vorgesehene Verfahren zu beachten und mit anderen Staaten vorher zu verhandeln. Er könne es aber nicht glauben, daß es die Absicht Becks sei, die Versammlung in dieser Weise vor eine vollendete Tatsache zu stellen. Richtig ausgelegt, könnte die Initiative Polens dann vielleicht die entstandene Unruhe und die Versuchung, die sich für andere Mächte bilden fönnte, wieder aus der Welt schaffen. Keine Isolierung Rußlands Wer hat die Sowjetunion noch nicht anerkannt? Mosfan, 14. Sept.( FSU.) Das Journal de Moscou" veröffentlicht eine Uebersicht über die europäischen Staaten, die bisher die diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion noch nicht aufgenommen haben. Es sind dies: Albanien, Andorra, Belgien, Liechtenstein, Luxemburg, Niederlande, Monako, Portugal, der Vatikan, San Marino und die Schweiz. Alle diese Staaten haben zusammengenommen eine Oberfläche von 231 670 Quadratkilometer und eine Einwohnerzahl von 27,8 Millionen, oder weniger als ein Sechstel der Einwohnerzahl der Sowjetunion. Alle diese Länder zusammengenommen, stellen noch nicht zwei Prozent der Oberfläche Europas dar und noch nicht ein halbes Prozent der europäischen Bevölkerung, was sie aber nicht hindert, im Gegensatz zu allen Großmächten und Industriestaaten Europas die Politif der Joslierung der Sowjetunion fortseßen zu wollen. Jagd auf Litwinow Paris, 15. September 1984. Die ernsten Berichte über die Genfer Tage sollen doch der heiteren Seite nicht entbehren. Und darum schildert A. de Gobart, der nach Genf entfandte Berichterstatter des Intransigeant" seinem Blatte in humorist scher Weise, wie die Journalisten Jagd auf den russischen Außenminister Litwinow gemacht haben, um ihn zu interviewen, ohne daß es ihnen gelungen sei, das so kostbare Wild zu erspähen. Er, Gobart hatte am Mittwoch Morgen gehört, Litwinow sei in Evian. Also habe er sich schleunigst aufs Dampfboot gesetzt um über den schönen Genfer See nach Evian zu fah= ren. Dort habe er zwar den französischen Außenminister, Herrn Barthou, getroffen, der seinen gewohnten MorgenSpaziergang machte. Herr Barthou habe ihn gefragt: Wo wollen Sie so zeitig hin?"" Ich bin auf der Suche nach Herrn Litwinow, ich glaube zu wissen, daß er sich hier aufhält!"„ Ach", habe Herr Barthou erwidert, das ist zwecklos; Voruntersuchung abgeschlossen Berlin, 14. September 1934. Das Voruntersuchungsverfahren gegen Ernst Thälmann ist plößlich abgeschlossen worden. Wir haben inzwischen folgende Einzelheiten ermitteln können. Die offizielle Auskunft, die dem spanischen Journalisten Ar me it o gegeben wurde, daß der Thälmannprozeß nicht vor dem Volksgericht stattfindet; weitere Auskunft, die Christofol, dem Sekretär der Autonomen Zollbeamtengewerkschaften in Marseille gegeben wurde, daß der Prozeß wahrscheinlich in 3 Monaten stattfindet, ist gleichfalls feineswegs glaubwürdig. Von drei verschiedenen Seiten erhalten wir Bestätigung, daß starke Tendenz vorhanden, den Thälmannprozeß vor dem Volksgericht in furzer Zeit überraschend durchzuführen, um die Oeffentlichkeit vor vollendete Tatsachen zu stellen. Aus ursprünglicher Anklageschrift wurden Teile entfernt, die bei Bauern und A.- Leuten Anti- Hitlerstimmung hätten fördern können. Da Ermittlungen seit 18 Monaten ergebnislos blieben, hat ein Gestapo- Agent Protokolle angefertigt, um unter Verwendung einiger Säße aus Reden Thäl manns, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden, Thälmann Aufforderung zu Gewalttaten, Sprengstoffvergehen und Attentate gegen führende Politiker zur Last zu legen. Hineingearbeitete Thälmannfäße sollen dem Protokoll den Anschein der Echtheit geben. Wir erfahren weiter: der heute noch von antifaschistischen Arbeitern gebrauchte Gruß" Rot Front!" soll als Beweis für die Weiterführung des Roten Frontkämpferbundes, als ein Versuch der Sammlung staatsfeindlicher Kräfte und das Aussprechen dieses Grußes als Hochverrat erklärt werden. Sämtliche Referate, Artikel und Broschüren Thälmanns, seit dem Jahre 1925 werden zur Begründung der Anklage herangezogen. Thälmann soll die persönliche Verantwortung für alle Zeitungsartifel und Broschüren der KPD. ganz Deutschlands übernehmen. Das Auftreten Thälmanns im Oktober 1932 in Paris, wo er die Streichung der Ausgaben für Militär und Polizei und Ueberweisung der freiwerdenden Beträge an die Kriegsbeschädigten und Arbeitslosen forderte, wird als Hoch- und Landesverrat in der Anklage betrachtet. Die Anflage ignoriert völlig, daß im Reichstagsbrandprozeß und im Kunz- Prozeß der versuchte Nachweis, die KPD. hätte im Frühjahr 1933 zum bewaffneten Ausstand aufgerufen, völlig scheiterte. Nach unseren zuverlässigen Informationen befindet sich unter den Belastungsmaterialien ein fantastischer Aufstandsplan", zu dem wir eine sehr schlimme Einzelheit zufällig erfahren konnten. Das Belastungsdokument" ist zwar fertig, aber im Augenblick find einige frühere Kommunisten fürchterlich mißhandelt worden, weil sie sich weigerten. zu Protokoll zu geben, daß ihnen dieser Revolutionsplan" vom Zentralfomitee der KPD. zugegangen sei, damit sie ihn verstecken. Angesichts der Gärung in Deutschland, des großen Weltprotestes gegen den Terror und des Stimmungsumschwunges im Saargebiet sind die Meinungen über das Datum des Prozesses außerordentlich geteilt. Alle unsere Gewährsleute berichten übereinstimmend, daß die Gefahr eines plöslichen ganz furzfristigen Prozesses unter Ausschaltung der Deffentlichkeit außerordentlich groß ist, weil Göring mit dem Thälmannprozeß unbedingt den Nachweis erbringen will, für die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit" der auf Grund des Reichstagsbrandes einseßenden Terrorwellen und der auf der Neichstagsbrandstiftung aufgebauten faschistischen Terrorgesetzgebung, die im„ Boltsgerichtshof" ihre bisherige Krönung erfahren hat Neubauer Berlin, 14. Sept.( Inpreß.) Elisabeth Howard, Londone Mitglied der Gesellschaft der Freunde, die vor kurzem mi dem Auslandspressechef der NSDAP., Hansstängt, über di Freilassuna des früheren fommunistischen Abgeordneten Dr Neubauer und des ehemaligen Bürgermeisters von Magde burg, Reuter, sprach, ist im Flugzeug erneut in Tempelho angekommen. Sie erflärte, daß sie die Absicht habe, Neubauer, der seit mehr als 18 Monaten gefangen gehalten wird und im Papenburger Moorlager interniert ist, zu besuchen. Frau Howard hat heute bei den deutschen Behörden um die Erlaubnis nachgesucht, Neubauer einen Besuch machen zu dürfen. Sie hofft, daß es ihr möglich sein wird, die Ueberführung Neubauers, der tuberkulös und herzfranf ist, in ein Krankenhaus durchzusetzen. Drosselung der Einfuhr Dennoch die Hande'sbilanz noch passiv dub Berlin, 14 September. Im August fonnte die Passivität der deutschen Außenhandelsbilanz nicht unerheblich vermindert werden. Der Einfuhrüberschuß ermäßigte sich von 41 Millionen Nm. im Juli auf nicht ganz 9 Millionen. I m August 1933 war allerdings die Handelsbilanz noch mit 66 Millionen Rm, aktiv. Tie Verbesserung der Handelsbilanz ist zurückzuführen auf eine Verminderung der Einfuhr einerseits und Steigerung der Ausfuhr andererseits. Die Einfuhr betrug 342,5 Millionen Rm. gegen 362,8 Millionen Rm im Vormonat, war also um 6 Prozent geringer. Den stärksten Anteil an dem Rückgang hatten Lebensmittel und Getränke, die von 98,9 Millionen Rm. im Vormonat auf 81,4 Millionen Rm. zurückgingen. Diese Verminderung ist ebenso wie die Eteigerung im Vormonat als eine Saisonerscheinung zu betrachten. Die Rohstoffeinfuhr ging von 1992 auf 194,9 weiter zurück. Der Rückgang ist mit 2 Prozent wesentlich geringer als im Vormonat, in dem er mehr als 10 Prozent betragen hatte. Bei einigen Waren, besonders Textilrohstoffen, Kautschut usw. ergaben sich zwar noch nennenswerte Einfuhrrückgänge; ihnen stehen aber auf anderen Gebieten, vor allem bei Delfrüchten, Steigerungen gegenüber. Die Fertigwareneinfuhr hat sich geringfügig von 62,3 auf 63,7 Millionen Rm. erhöht. Die Erhöhung entspricht der Saisontendenz. Die Ausfuhr ist von 321 Millionen auf 334 Millionen Rm. im Juli, aljo um etwa 4 Prozent gestiegen. An der Stets gerung waren Rohstoffe und Fertigwaren etwa gleichmäßig beteiligt. und zwar stieg die Ausfuhr von Rohstoffen und Halbwaren von 61,9 auf 64,4 Millionen Rm., und die Ausfuhr von Fertigwaren von 250,4 auf 262,2 Millionen, die Ausfuhr von Lebensmittel und Getränken ist von 8,8 auf 7,1 Millionen Rm. zurückgegangen. Bei der Ausfuhr von Rohjen ist eine Erhöhung von Kalisalzen von 1,3 Millionen n. hervorzuheben. An der Steigerung der Fertigwarenausfuhr waren Tex ilfertigwaren mit 4,5 Millionen, chemischen und pharmazeutischen Erzeugnissen um 2,5 Millionen, Maschinen mit 1,9 Millionen Rm. und Papier und Papierwaren mit 1,1 Millionen Rm. beteiligt. Das DNB. vergißt zu bemerken, daß im August 1933 die Ausfuhr noch 412,5 Millionen Rm. betrug und gegenüber dem Juli 1933 um 27 Millionen Rm. gestiegen war. Es ist also in jeder Beziehung ein Rückschlag eingetreten. ..Heldenbutter" und Trauringersatz Immer mehr den herrlichen Zeiten entgegen Die Lage im dritten Reich" wird immer besser. Jetzt sind bereits Maßnahmen ergriffen worden, damit dem deutschen Volf unter dem Hakenkreuzbanner alle Herrlichkeiten aus der Kriegszeit in Erinnerung gebracht werden. Nachdem die unzähligen Ueberwachungsstellen errichtet worden sind, nachdem die Textilproduktion und die Verwendung von unedlen Metallen eingeschränkt worden sind, wird ein weiterer Schritt zur Schaffung einer lückenlosen Kriegsbewirtschaftung unternommen. Die Marmelade soll wieder an stelle von Butter fommen! Marmelade wird wieder zu„ Heldenbutter" wie im Kriege. sad 2 Bekanntlich ist der Ernteertrag an Futtermitteln in diesem Jahr bedeutend zurückgegangen. Die Ernteergebnisse für Gerste und Hafer sind mit 8,4 Millionen Tonnen um fast 20 Prozent hinter dem Vorjahrsstande von 10,4 Millionen Tonnen zurückgeblieben. Da infolge der Devisenknappheit die Einfuhr von Futtermitteln gedrosselt werden mußte, hat sich ein ders artiger Mangel an Futtermitteln bemerkbar gemacht, daß die Landwirtschaft sich genötigt sieht, in zunehmendem Maße zu Schlachtungen zu schreiten. So übersteigen beispielsweise im Juni allein die beschauten Schlachtungen bei Kühen ich weiß zwar nicht, wo Herr Litwinow ist, aber hier ist er sicher nicht!" Gobart telefonierte nun mit Chamonig, Annecy, mit Aigles- Bains. An feinem der Orte war auch nur der Schatten des russischen Außenministers gesehen worden. Verzweifelt wandte fich Gobart an diejenige hohe russische Persönlichkeit, die ihm Evian als Aufenthaltsort Litwinow genannt hatte. " Ja", sagte dieser, er hat Marienbad am 4. September verlassen und zwar mit dem gleichen Zuge wie Herr Benesch. Er ist in Lausanne am 5. September angekommen...." Und seitdem....? Das Interview sollte aber doch geliefert werden, was tun? Die Ministerjäger sezten die ergebnislose Jagd fort. Er stellte fest, daß die notwendige Korrespondenz der franzöftschen Delegation des Völkerbundes und Herrn Barthou einerseits und Herrn Litwinow andererseits in etwas um= ständlicher Weise über die Sowjetbotschaft in Paris stattfand, wo der Stellvertreter des verstorbenen Botschafters, Herr Rosenberg alle Depeschen und Briefe in Empfang nahm und den Text abschriftlich einmal nach Moskau und das andere Mal an Herrn Bitwinow weiter andte. Das System genügte allen Beteiligten, die sich nicht den Kopf zerbrachen, wo Herr Litminow eigentlich sei. Die amerikanischen Kollegen des französischen Journalisten ließen in ihrem Jagdeifer nicht nach. Sie suchten in Autos 30 Prozent die Vorjahrsziffer. Im Juli und August hat fich zweifellos die Lage in dieser Richtung verschärft. Die Rückwirtungen auf die Butterversorgung im tommenden Winter dürften unter diesen Umständen faum ausbleiben. Allgemein wird deshalb eine Ra tionierung der Butterzuteilung erwartet un? damit erklärt sich auch die neueste Verordnung, daß der Kleinverkauf von Winteräpfeln bis auf weiteres im ganze „ Dritten Reich" verboten worden ist. Diese Maßnahme hat nur den einen Zweck, die erforder: lichen Mengen von Aepfeln zur Herstellung von Marmelade für den Fall unzureichender Butterzufuhr bereitzustellen. Also der zweite Winter der Hitlerherrlichkeit bringt die Kriegsmarmelade. Aber auch noch andere Annehmlichkeiten werden dem deutschen Volk beschert. Die goldenen Trauringe sollen abges schafft werden. Statt dessen tritt an ihre Stelle, wie es so schön heißt, ein hundertprozentiger Erfaß". Die Deusche Gold- und Silberanſtalt hat nämlich in Zusammenarbeit mit der Fachgruppe für Trauringe im Reichsverband der deutschen Edelmetall- und Goldwarenindustrie eine weiße Edelmetallegierung hergestellt. Dieses Metall soll jetzt angesichts der Goldschwindfucht der Reichsbank das Gold bei den Trauringen, Steineinfassungen, Goldkronen usw. ersetzen. systematisch die ganzen Ortschaften am Genfer See mit all den entzückenden verfchwiegenen Lofalen ab, doch nirgends war Herr Litwinow. Da endlich hörte de Gobart am Donnerstagmorgen, Lit winow wohne mit seiner ganzen Familie seit dem 7. September in San Remo im Grand Hotel nicht weit von Ventimiglia. Telefonisch wurde diese Tatsache bestätigt und bes glückt wollte der Journalist nach San Remo fahren, aber seine Freude wurde stark gedämpft, als die Stimme am anderen Ende der Telefonstrippe hinzufügte:„ Herr Litwinow ist bereits Mittwoch abgereist. Er wird Freitag am Genser See sein." Nun fann die Jagd weitergehen. Und es dürfte dabei noch manch lustiges Zwischenspiel geben. Denn der aus Moskau mittlerweile eingetroffene Sonderberichterstatter der ruffischen Nachrichtenagentur erzählte seinen Kollegen:„ Wir haben die Spur des Ministers bereits in Moskau verloren und die Pariser Sowjetbotschaft um Hilfe gebeten!" In der Nacht zum Samstag wurde vollkommenes Cravess ständnis über den Eintritt Sowjetrußlands in den Völkers bund erzielt. Terrormaterial vor dem Landesrat des Saargebiets goli Sozialistische Abgeordnete legen es vor Die Sizungen des Landesrats des Saar gebiets sind, gleich was für Vorlagen zur Beratung stehen, erfüllt von den kommenden politischen Kämpfen der Abstimmungszeit. In der Sitzung von Freitag legten in Abwehr von Reden der„ deutschen Front" mehrere sozialistische Abgeordnete Beweismaterial für den braunen Terror an der Saar vor. Wir entnehmen diesen anflägerischen Reden einige Stellen: Abg. Petri: Zahlreiche Terrorfälle zeigen, wo die Zustände bis zur Abtimmung hintreiben. Jede Saarfundgebung im„ dritten Reich", jede Rundfunkrede mit unerhörten Berleumdungen gegen Andersdenkende im Saargebiet zeitigte bisher ihre Früchte. Berhekte, aufgewiegelte Menschen, die in ihren nationalsozialistischen Leidenschaften in höchfter Potenz zu Gewalttätigkeiten übergehen, die alles bisher im Saargebiet Vorgekommene übertreffen. Bandenüberfälle anf einzelne Personen sind an der Tagesordnung. Wildwest sett im Saargebiet seine Geschichte fort. Der nicht nach der Hitlerparole gleichgeschaltete Bürger im Saargebiet steht in steter Gefahr, von Banden überfallen und erschlagen zu werden. Und das alles unter der Obhut und Betreuung des Völkerbundes und seiner Organe. Ist der Ueberfall auf den Abgeord: neten Sommer nicht ein unerhörter Vorgang, der die Erefutivinstanzen zu einem scharfen Eingreifen gegen die Täter und ihre sintermänner veranlassen müßte? Aehnlich liegt der Fall Franz Beder, Elversberg, und seiner Kameraden, auf die ein bandenmäßiger Ueberfall ausgeführt wurde. Mit Eisenstangen, Stahlruten und Ochsenziemern wurden diese Mitglieder der Anti: faschistischen Front von einer Bande von 30 Rowdys vichig mißhandelt und zusammengehauen. Stundenlang konnten an diesem Mittwochabend des 5. September 1934 diese Helden der sogenannten„ deutschen Front" in Elversberg ihr Unwesen treiben, ohne daß von den acht Sicherheits heamten dagegen eingeschritten wurde. Hunderte von Menschen hatten sich nach der Tat am Tat: ort eingefunden, nur tein Polizist oder Land: jäger war anwesend. Nach langem Suchen nach ihnen wurden sie herbeigerufen. Sieben Personen wurden an diesem Abend nacheinander in Elversberg in den verschiedenen Straßen verfolgt und zufammengeschlagen. Aehnliche Vorgänge passierten in Neunkirchen.. Abg. Lieser: Bis zum Jahre 1933 gab es feine Saarfrage, gab es feinen Streit und feine Meinung über die Rückgliede: rung. Es ist das„ Verdienst“ eines Adolf Hitler, der die Saarfrage zu einem Weltproblem gemacht hat. Neben dem Eintreten Rußlands in den Völferbund, wenn Sie es auch vorhin so belächelt haben, ist heute in Genf die wichtigste Frage die Rückgliederung des Saargebietes. Zwei Fronten stehen sich nun dank der Innen- und Außenpolitik eines Adolf Hitler gegenüber. 99 Prozent und 1 Prozent. Denn Adolf Hitler hat es doch selbst auf Ehrenbreitstein am 26. August gesagt:„ 99 Prozent werden am 13. Januar 1935 für das„ dritte Reich" stimmen. Da ist doch die Frage gestattet: anch 213 Hitler gewählt? Und Hindenburg ist hingegangen und hat Hitler gegen Sie als Reichskanzler eingesetzt in einem Augenblick, wo man Dr. Brüning einen falten Abgang bereitet Hat, der rechtzeitig gewarnt wurde und einen Urlaub nam England angetreten hat, sonst wäre er unter den Opfern, deren Liste leider bis zum heutigen Tage noch nicht vers öffentlicht ist, gewesen. Warten Sie nicht darauf, die Liste wird nie veröffentlicht werden, sonst würde man gewahr werden, welch scheußliches Verbrechen am 30. Juni 1934 im ,, dritten Reich" begangen worden ist. Noch 100 Tage, hat Herr Beder gejagt. Jawohl, Herr Becker, und jeder, meine Herren von der deutschen Front", noch 100 Tage, dann ist aber bestimmt Ihr Spuf um. Das eine Prozent wird wachsen. Sie werden am 13. Januar Ihr blanes Wunder erleben. Und der Sieg wird unser sein. Knox gegen„ deutsche Front" Eine Antwort von äußerster Schärfe dnb. Saarbrücken, 14 Sept. Die Regierungskommission hat am 30. August die Denkschrift der„ deutschen Front" vom 16. August mit folgendem Bericht weitergereicht: Herr Generalsekretär. Ich beehre mich, Ihnen in der Anlage eine unterm 16. August an den Völkerbundsrat gerichtete Eingabe der Deutschen Front" zu übermitteln: Die Regierungsfommission erachtet es für unnüz, erneut Behauptungen im einzelnen zu widerlegen, die zum größten Teil unrichtig und tendenziös sind, und bezüglich deren sie im übrigen in den vergangenen Monaten wiederholt Gelegenheit hatte, ihre Ansicht dem Rate zum Ausdruck zu bringen Sie wird in der Hauptsache bestrebt sein, klarzustellen, wie sehr die Ausführungen der Deutschen Front" über die Beratung und Anwendung der am 1. Juli 1934 in Kraft ge= sezten Amnestieverordnung irrig, wenn nicht offenfundig wahrheitswidrig sind. Fast wörtlich Zunächst ist diese Verordnung, abgesehen von einigen geringfügigen Aenderungen, fast wörtlich aus einem Reichs= gesetz vom 20. Dezember 1932 übernommen worden. Genau wie dieses Amnestiegesetz umfaßt die von der Regierungskommission erlassene Verordnung alle Vergehen, die nicht ausdrücklich durch den Gesetzestert selbst von der Wohltat der Amnestie ausgeschlossen sind. Die Feststellung entbehrt daher nicht des Interesses, daß über die Tragweite der genannten Verordnung nicht der geringste Zweifel bestehen konnte, denn ein Artikel der Verordnung enthält eine Aufzählung mit näherer Bezeichnung aller Vergehen und Verbrechen, die nicht unter die Amnestie fallen. Selbst ohne große juristische Kenntnisse( und es darf beiläufig bemerkt werden, daß einer der Unterzeichner der Eingabe, der Jurist ist, seit vielen Jahren den Beruf eines Rechtsanwalts ausübt) war somit jedermann in der Lage, die wirkliche Tragweite der Verordnung sehr genau zu bestimmen. Zudem hat in der betr. Kommissionsberatung des Landesrats der Staats fommissar entgegen den Behauptungen der Deutschen Front" ausdrücklich erklärt, daß Meineidsverfahren, wie in der Reichsgesetzgebung, in die Amnestie einbegriffen seien. Feststellungen Andere Verfahren dieser Art, die sich in der Untersuchung befanden, find gleichfalls durch die Amnestie eingestellt wor den. Schließlich möchte die Regierungsfommission hervorheben, daß die Durchsicht der bei der Durchsuchung der Geschäftsstelle der Deutschen Front" beschlagnahmten Schriftstücke den Nachweis erbracht hat, daß ohne die Amnestieverordnung sehr zahlreiche Untersuchungen gegen Mitglieder der Deutschen Front" hätten vorgesehen werden müssen megen bedenklicher Handlungen, die unter die Strafgesetze fallen, aber vor dem 11. Juni 1934 begangen worden waren. 11m ein vollständiges Bild von der praktischen Bedeutung der in Frage stehenden Verordnung zu geben, teilt die Regierungsfommiffion, nachstehend die amtliche Statistif mit: 1. Politische Straftaten: a) Erlaß von Geldstrafen in b) von Gefängnisstrafen in c) Einstellung schwebender Verfahren in 746 Fällen; 2. Infolge wirtschaftlicher Not begangene Straftaten: a) Erlaß von Geldstrafen in b) von Gefängnisstrafen in 160 Fällen; 882 Fällen. 4977 Fällen; 2300 Fällen; 1742 Fällen. c) Einstellung schwebender Verfahren in Zu dem Abschnitt der Denkschrift, der sich mit der saarlän= dischen Presse und gewissen Zeitungsverboten befaßt, beehrt sich die Regierungskommission, die ihr vom Deutschen Aus= wärtigen Amt unterm 14. August 1934 übersandte Verbalnote, die ebenfalls auf die saarländische Presse Bezug hat, zur Information des Rates dem vorliegenden Schreiben in Abschrift beizulegen. Gleichfalls beigefügt ist eine Abschrift der Antwortnote, welche die Regierungskommission unterm 21. August 1934 an das Auswärtige Amt gerichtet hat. Ueber die Haltung der Beamten hatte die Regierungs fommission bereits zu wiederholten Malen Gelegenheit, sich in eingehender Weise zu äußern. Sie begnügt sich mit der Feststellung, daß die„ Deutsche Front" sonderbarerweise aus der Rolle einer Abstimmungspartei zu fallen scheint, wenn sie vorgibt behaupten zu können, die Regierungskommission erteile dem oder fenem ihrer Beamten Aufträge vertraulicher Art. Die Beweise In bezug auf die in verschiedenen Büroräumen der Deutschen Front" vorgenommenen Durchsuchungen hat die Regierungsfommission bereits über die ersten Ergebnisse dem Rat im einzelnen Bericht erstattet, und durch die Veröffentlichung einiger beschlagnahmten Schriftstücke ist die Andererseits berührt die Feststellung eigenartig, daß die Berechtigung der auf Grund der bestehenden Geseze angeDeutsche Front offensichtlich anzuführen vergißt, daß Mitglieder verschiedener politischer Richtungen, infolgedeffen auch Personen, die der Deutschen Front nicht fernstehen, in weitgehendem Maße und wegen sehr schwerwiegender Handlungen der Vorteile der fraglichen Berordnung teilhaftig geworden sind. So ist um nur ein Beispiel anzuführen eine Person, die durch den Obersten Gerichtshof des Saargebiets wegen Begünstigung der Entführung eines Saarländers zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden war, einige Tage nach ihrer Verurteilung wieder in Freiheit gesetzt worden. Barum geben Sie sich denn so viele, jo koloffale Mühe, and Botschaft von Paula Wallisch noch das eine Prozent herumzubringen, warum die große Angst vor diesem einen Prozent. Vor der Gleichschaltung, als die Zentrumspartei noch bestand, als sie ihren Selbstmord noch nicht durchgeführt hatte, da meldete der deutsche amtliche Rundfunk, da waren die Marristen alle Augenblicke tot, jeden Tag konnte man drei: bis viermal hören: Der ist übergetreten, jener ist übergetreten, eine rich: tige Lügenmethode, der Marrismus wurde jede Woche dreibis viermal totgefagt. Heute wird die Einheitsfront totge: jagt. Dasselbe haben wir in der letzten Woche auch von dem Frankfurter Sender gehört. Und trotzdem sehen wir, daß von der deutschen Front" jeden Tag ein schärferer Kampf gegen die bereits Totgefagten geführt wird. Es muß da etwas nicht in Ordnung sein. Dentschriften über Denkschriften gehen von der„ dentschen Front" an den Völkerbund nach Genf. Warum denn, meine Herren, eine Denkschrift anf die andere? Warum denn eine Delegation um die andere nach Genf beordern. Ihr habt doch 99 Prozent(?), warum denn der ganze Streit? Sie haben in Ihrer Denkschrift oder in Ihrer Presse an= gezweifelt, daß das richtig ist, wenn wir gesagt haben, daß eine ganze Maffe Nichtabstimmungsberechtigter in die Liste hineingekommen ist. Meine Herren, fragen Sie mal selbst in Ihren eigenen Auskunftsstellen, die können es Ihnen am besten erzählen, wie man Nichtabstimmungsberechtigte in die Abstimmungslisten hineinschmuggeln. fann. Aber Sie haben ja als Abgeordnete die amtliche Zählung vor sich. Sie brauchen nur den Bericht des Statistischen Amtes des Saargebietes nachzublättern, da finden Sie die Zahl, und ganz gering geschäßt, meine Herren, wenn es Tatsache sein sollte, daß 520 000 Abstimmungsberechtigte in der Liste stehen, so fönnen Sie selber sich ausrechnen, daß mindestens 50 000 hineingeschmuggelt worden sind. Bitte, vergleichen Sie selber die Zahlen, die auch Sie zugestellt bekommen haben, dann fönnen Sie es selbst errechnen. An die Abstimmungskommission richten wir von dieser Stelle aus die Aufforderung: Genan nachzuprüfen, um die Hineingeschmuggelten aus den Abstimmungsliften wieder herauszubringen. Sie verlangen Knebelung der Presse im Saargebiet so= weit es die Einheitsfront angeht, weil die Freiheit" das tote Staatsoberhaupt, Hindenburg, beschimpit haben soll. Ja, meine Herren: Hat Hindenburg die Treue gehalten? Ich meine, das habt doch Ihr vom Zentrum alle deutlich verspürt? Saben wir nicht tren zusammengestanden damals. als millionenfache Wähler, und haben Hindenburg gegen Dem OND. wird aus Brünn berichtet: Baula Wal. lisch, die Witwe des Märtyrers der steirischen Arbeiter, Koloman Wallisch, ist von der Regierung DollfußSchuschnigg auch nach der Hinrichtung ihres Mannes im Gefängnis behalten worden, obwohl sie an schweren Lähmungserscheinungen erkrankt ist. Sie wurde zu einem Jahr schweren Kerkers verurteilt. Wegen ihrer Krankheit wurde ihr Strafaufschub gewährt. Sie ist nun vollständig genesen und am 30. Auguſt in einem Flugzeug von Jugoslawien, nach Bratislawa und von dort nach Brünn gekommen. Von dort hat sie den österreichischen Arbeitern und Arbeiterinnen folgenden Gruß gesendet: Liebe Genossen und Genofsinnen! Seitdem ich das berüchtigte Leobener Kreisgericht verlassen habe, sind mir im Sanatorium Eggenberg bei Graz, im Erholungsheim Laßnizhöhe und in Maribor unzählige Beweise der Liebe, Treue und Anhänglichkeit entgegengebracht worden, wofür ich allen von dieser Stelle aus herzlichst danke. Niemals hätte ich soviel Leid, Schmerz und Trauer ertragen, wäre ich nicht überzeugt, daß es überall Menschen gibt, die mit mir fühlen und mein Schicksal teilen. In seiner letzten Stunde gab mir mein Mann noch den Austrag. allen Genoffen und Genosinnen noch Dank für ihre bisherige Mitarbeit zu jagen, sie zu bitten, so wie bisher mutig und tapfer weiterzufämpfen für die Befreiung des Proletariats. Mutig und tapfer ging er zum Galgen in der festen Ueberzeugung, daß ein revolutionäres Proletariat wohl zeitweise geschlagen, nie aber besiegt werden kann. Große Opfer haben wir alle gebracht doch hätten wir niemals die Errungenschaften und die Freiheit, die wir doch zumindest eine Zeitlang hatten, genießen können, hätten unsere Vorfämpfer nicht auch große Opfer für uns gebracht. Wenn man sich Sozialist nennt, so ist damit auch die Pflicht verbunden, Pionierarbeit zu leisten, um der leidenden Menschheit zu helfen. Dumme und beschränkte Leute' sagen oft:„ Laiset Euch nicht mit der Politik ein oder haltet we..igstens zu den Stärkeren." Das ist nicht unsere Natur. Das steht nicht in unserem Belieben. Wir müssen unserer innersten Ueberzeugung folgen, das heilige Feuer, das in unseren Herzen brennt, treibt uns vorwärts. Wir tragen ein Ideal im Herzen; für dieses Ideal wollen wir leben, kämpfen und auch sterben, wenn es sein muß. Wir sind Revolutionäre, das heißt Menschen, die aufs tiefste durchdrungen sind von der Erkenntnis der Schändlichkeit und der Abscheulichkeit der herrschenden Zustände, die Millionen Menschen unverschuldet zu Leid, Not und Unglück verurteilen. Wir wollen die Welt verbessern, wollen den Menschen eine schönere, glücklichere Heimat und ein wahres Baterland schaffen, und dienen darum der Sache des Sozia ordneten Polizeimaßnahmen reichlich nachgewiesen. Wenn auch die Tatsache zu verzeichnen ist, daß im Anschluß an diese Maßnahmen ein Untersuchungsrichter eine außerhalb seiner Zuständigkeit liegende Verfügung treffen fonnte, so steht nichtsdestoweniger demgegenüber fest, daß die Führer der „ Deutschen Front" den ihnen unterlaufenen prozessualen Irrtum erfannt zu haben scheinen, denn sie haben nunmehr die Verwaltungsgerichtsbarkeit angerufen. Genehmigen Sie usw. gez.: G. G. noy An den Herrn Generalsekretär des Bölferbundes, lismus, der nach unserer unerschütterlichen Meinung und heiligsten Ueberzeugung berufen ist, die Menschen in eine schönere und beffere Welt zu führen. Diese heilige Ueberzeugung haben soviele mit ihrem teuren Blute besiegelt. Nie fönnen solche Opfer verloren gehen, nie werden wir diese Opfer vergessen, die ihrer Ueberzeugung, die der Sache der Menschheit gebracht wurden. Auch müssen wir unseren Geist freihalten, frei von äußeren Phrasen und Gerüchte sind dazu angetan, Menschen, die uns und von inneren Fesseln, von Vorurteilen und Aberglauben. Klassengenossen wollen wir unseren Kampf ansagen, nein, dem Kapitalismus und seiner Folgeerscheinung, dem Faschismus. nabestehen, in ihren persönlichen Gefühlen zu kränken. Nicht Darum, Arbeiter und Arbeiterinnen des Kopfes und der Sand, schließt eine Front gegen unseren Feind! Selft mit, unsere unsterblichen Opfer zu rächen! Es muß der Tag der Vergeltung und der Befreiung kommen! Wenn man auch glaubt, das Proletariat vernichtet zu haben, so ist es eine große Täuschung. Auch im„ besiegten" Oesterreich lebt es, wird es weiter kämpfen und schließlich siegen! Haltet aus, bleibt tapfer, kämpft weiter! Denn die Freiheit ist das kostbarste Gut. Man lernt sie erst schätzen, wenn man sie verloren hat. Mit einem herzlichen Freiheit"! Bürgermeister Seitz Paula Wallisch. Der Gefangene muß seine Bewachung bezahlen Dem OND. wird aus Wien berichtet: Das Spiel, das sich die Regierung Schuschniga- Starhemberg mit dem noch immer als Untersuchungshäftlina behandelten Bürgermeister Seis erlaubt, wächst sich nachgerade zu einem europäischen Standal aus. Da Seiß schwerfrank ist, mußte er in eine Heilanstalt gebracht werden. Dort muß er nicht nur die Kosten seines Aufenthaltes und seiner Behandlung bezahlen, sondern er muß auch der österreichischen Regierung einen Ersatz für die Kosten seiner Bewachung im Spital leisten. Vor dem Kranfenzimmer stehen Tag und Nacht zwei Kriminalpolizisten. Da für eine Stunde Bewachung durch einen Kriminal= polizisten drei Schilling berechnet werden, muß Seik täglich 144 Schilling an Bewachungskosten an den öfterreichischen Staat bezahlen. Noch bevor Seiß in die Heilanstalt transportiert wurde, mußte seine Gattin, eine pensionierte Lehrerin, ein Depot von 3000 Schilling erlegen. Diese große Summe ist in 25 Tagen aufgebraucht worden. Seiß hat er tlärt, daß er völlig vermögenslos und außerstande ist, die Bewachungskosten aufzubringen. Er hat daher verlangt, in die Zelle des Landesgerichtes zurückgebracht zu werden. Seiß wird weiter in Untersuchungshaft gehalten, obwohl überhaupt niemand mehr daran zweifelt, daß der„ Hochverrats" Prozeß gegen den ersten Präsidenten der österrei chischen Republit überhaupt niemals stattfinden wird. ,, Deutsche Freiheit", Nr. 215 ARBEIT UND WIRTSCHAFT Deutschlands Metallsorgen Die Kölnische Zeitung" berichtet: rm Im Zusammenhang mit der in diesem Monat durch neue Fördermaßnahmen eingeleiteten Steigerung der deutschen Zink- und Bleigewinnung ist ein Ueberblick über die Versorgungslage der deutschen Metallindustrie bei den übrigen Nichteisenmetallen angebracht. Bisher stand im deutschen Verbrauch an führender Stelle das Kupfer. Die deutsche Kupferhüttenerzeugung stieg zwar im Juli auf 4106 Tonnen gegen 3400 Tonnen im Juni, aber die Gewinnung von Raffinade- und Elektrolytkupfer ging von 15 831 Tonnen im Juni auf 13 916 Tonnen im Juli zurück. Die Gesamterzeugung der ersten sieben Monate war mit fast 106 000 Tonnen Raffinadekupfer allerdings wesentlich höher als die vorjährige( knapp 90 000 Tonnen). Es ist keine Frage, daß die Kupferbewirtschaftung die erste Aufgabe für die Metallüberwachungsstelle darstellt. Die Lösung wurde zu einem Teil dadurch herbeizuführen gesucht, daß Kupfer im Verbrauch durch Aluminium und seine sehr mannigfaltigen Legierungen soweit als möglich ersetzt wird. Es ist jedoch noch nicht möglich, festzustellen, in welchem Ausmaß Aluminium als Austauschwerkstoff für Kupfer eintreten kann. Man schätzt die Einsparungsmöglichkeiten bei Kupfer infolge der bisher getroffenen Verbrauchsbeschränkungen auf 10 000 bis 20 000 Tonnen im Jahr, an deren Stelle 4000 bis 8000 Tonnen Aluminium treten würden. man Der gegenwärtige Gesamt verbrauch an Kupfer dürfte sich aber auf mindestens 180000 Tonnen jährlich belaufen, Es muß also geprüft werden, ob noch weitere Verwendungsmöglichkeiten für Kupfer abgebaut und an das Aluminium abgetreten werden könnten. Eine solche Klärung wäre auch im Interesse des Ausbaus der Aluminiumerzeugung notwendig, da man kaum zu Betriebserweiterungen bei den deutschen Aluminiumhütten übergehen kann, wenn nicht ihre Rentabilität auf längere Frist gesichert weiß. Die deutsche Aluminiumerzeugung hat naturgemäß in diesem Jahr eine starke Erhöhung erfahren; sie dürfte wahrscheinlich erheblich über 40 Prozent der Leistungsfähigkeit( wie verschiedentlich angenommen wird) liegen. Gegenüber einer Aluminiumgewinnung von 18 400 Tonnen im Jahre 1933 kann man sicherlich für 1934 mit einer Jahreserzeugung von etwa 35 000 Tonnen rechnen( bei einer Gesamtleistungsmöglichkeit von etwa 50 000 Tonnen). Der Verbrauch dürfte voraussichtlich ebenso hoch sein, gegen 27 500 Tonnen im Vorjahr. Aehnlich wie bei Kupfer ist die Lage auch bei Blei, das in Deutschland nicht in ausreichender Menge gewonnen werden kann. Bekanntlich wird auch in der deutschen Bleiproduktion jede Anstrengung gemacht, die Gewinnung zu erhöhen, um die Einfuhr zu sparen. Die deutsche Bleierzeugung betrug bis Ende Juli insgesamt 71 100 Tonnen gegen 66 800 Tonnen in der gleichen Vorjahrszeit. Damit soll die deutsche Jahresleistungsmöglichkeit zu etwa 60 Prozent ausgenugt sein. Eine höhere Ausnutzung der deutschen Bleihütten- Anlage bei Blei würde nicht nur eine stárkere deutsche Bleierzgewinnung, sondern auch eine Erhöhung der Erzeinfuhr bedingen. Man rechnet damit, daß, wenn die Einfuhrhemmungen wegfallen könnten, die deutschen Bleihütten den Inlandbedarf zu etwa 80 Prozent decken könnten. Austauschmöglichkeiten sind natürlich auch bei Blei vorhanden; sie haben aber ihre Grenzen bei bestimmten Verwendungszwecken, wo vornehmlich die Weichheit und Biegsamkeit des Bleis eine besondere Rolle spielt. Es bleibt dann noch Zinn. Hier kann man die Leistungsfähigkeit der deutschen Hütten auf 90 Prozent des Jahresverbrauchs schätzen. Die deutschen Zinnhütten sollen gegenwärtig zu 40 Prozent beschäftigt sein. Es ist zweifelhaft, ob es gelingt, die Erzeugung von Zinn zu steigern; die Entdeckung neuer bedeutender Zinnvorkommen in Deutschland ist unwahrscheinlich, und die Beschaffung von Zinnerzen aus dem Ausland dürfte nicht nur durch die Devisenlage, sondern auch durch die internationale Zinndrosselung sehr erschwert hzw. unmöglich gemacht sein. Der deutsche Zinnverbrauch schwankte in den letzten Jahren zwischen 11 000 und 17 000 Tonnen, die Hüttenerzeugung zwischen 3000 und 7000 Tonnen.( Die Erzgewinnung ist mit etwa 100 Tonnen völlig unbeträchtlich.) Im letzten Jahr stand einem Rohbenzinverbrauch von 15 600 Tonnen eine Zinnerzeugung von 4500 Tonnen gegenüber. Die Erzeugung wird also die Bedarfslücke wohl kaumschließen können. Es bestehen aber Aussichten dafür, daß Zinn durch andere Metalle, vor allem Aluminium, in vielen Fällen wird ersetzt werden können. Auch Zinn! Die Ueberwachungsstelle für unedle Metalle veröffentlicht eine Berichtigung des§ 4 der Anordnung 10 betreffend die Beschränkung des Zinnverbrauchs für Inlandsware, weil nach dem Wortlaut der Veröffentlichung vom 16. August Mißdeutungen möglich erscheinen. Duisburg verfällt 95 Ueber den Verfall des Geschäftes in der niederrheinischen Hafenstadt Duisburg lesen wir in der Westfälischen Landeszeitung":" Die Nachfrage nach Schiffsraum aus dem freien Markt ist sehr klein. Bergwärts werden kaum Schiffe verlangt, und im Talverkehr beschränken sie sich auch nur auf verhältnismäßig wenige Schiffe arbeitstäglich. Partikulierschiffe.... müssen bis zu vier Wochen liegen, ehe sie eingeteilt werden können. Die Ruhrorter Reede liegt zu beiden Seiten wieder voll von leeren, Schiffen.... Trotz der kürzer werdenden Tage macht sich noch kein Nachlassen des Leerraumangebotes bemerkbar. Es sind Schiffe in allen Größen und Typen auf dem Markt.... Wer zu billig verkauft... Der Breslauer Textilfachverband schloß seine Mindestankündigungspreise mit der zackigen Feststellung: ,, Wer gegen obige Anordnung verstößt, bricht Standesehre und WettSaarbrücken, Sonntag/ Montag, 16./17. Sept. 1934 Hitlers Wirtschafts- Sicge" auf dem Parteitag Von Jan Severin Obwohl der Nürnberger Parteitag der NSDAP. zum weitaus größten Teil mit militärischen Aufmärschen und mit Verkündigungen der tausendjährigen Lebensdauer des heute in Deutschland herrschenden Regimes ausgefüllt war und obwohl man unter den zwölf Sondertagungen nur eine einzige, und zwar die kürzeste, für die Behandlung der Wirtschaftsfragen reservierte, sah sich Hitler doch gezwungen. vor seinen Anhängern die bisher auf dem Felde der Wirtschaft erreichten Siege aufzuzählen. Der Widerspruch zu der tatsächlichen Lage, in der sich Deutschland heute befindet, war aber so groß, daß die gleichgeschaltete Presse über diesen, eigentlich wichtigsten Teil aller Ausführungen, die das bisher angeblich wirklich Erreichte zeigen sollten, zumeist kurz oder mit Schweigen hinwegging. im Einer dieser Hauptpunkte besteht in der Erklärung:„ Die Maßnahmen der Arbeitsbeschaffung sind, großen gesehen, von einem unerhörten Erfolg begleitet gewesen." Der eigentliche Erfolg besteht bei nüchterner Betrachtung der heutigen Lage darin, daß man nach scharfen Kürzungen der Arbeitszeit in einer immer größeren Reihe von Betrieben zu Entlassungen schreitet, und daß die meisten Fabriken nur noch damit beschäftigt sind, die letzten vorhandenen Rohstoffe aufzuarbeiten. Noch vor 2 Monaten verkündete man, daß die Voreindeckungen mit ausländischen Rohstoffen den Bedarf auf mindestens fünf Monate sichern. Soeben aber ist man gezwungen, zuzugeben, daß sich die Baumwollvorräte der deutschen Spinnereien am 31. Juli auf 217 000 Ballen gegen 265 000 Ballen im Vorjahre belaufen, und daß diese Läger für die jetzt so stark gedrosselten Betriebe noch für zwei Monate ausreichen. Wie große Schwierigkeiten es macht, die Arbeiterentlassungen in gewissen Grenzen zu halten, geht am deutlichsten aus der neuesten Verordnung hervor, nach der alle jungen Arbeiter und Angestellten unter 25 Jahren ihren Arbeitsplatz zugunsten der älteren verlassen und in die Arbeitsdienstlager geschickt werden sollen. Für jeden der als Ersatz eingestellten Arbeiter von über 40 Jahren wird eine Entschädigung aus der Reichskasse gezahlt, weil ,, vorauszusehen sei, daß diese alten Leute nicht mehr das vorschriftsmäßige Arbeitsquantum leisten. Die in den Arbeitsdienstlagern untergebrachten jungen Leute werden natürlich auch aus Steuergeldern erhalten, so daß diese ganze Transaktion Riesenbeträge kosten muß, die neuerdings durch Arbeitsbeschaffungswechsel aufgebracht werden müssen. Ob es wirklich gelingt, alle auf diese Weise entlassenen jüngeren weiblichen Arbeitskräfte als Hausgehilfinnen unterzubringen, ist mehr als unwahrscheinlich. Auch hier also ergeben sich neue gewaltige Kosten. In Wirklichkeit werden alle diese jungen Leute arbeitslos. Trotzdem wird man wahrscheinlich in den nächsten Wochen statt einer Steigerung der Erwerbslosenziffer um eineinhalb Millionen eine Senkung dieser Ziffer veröffentlichen. Grade diese im Augenblick erfolgende Maßnahme gibt ein typisches Beispiel für die Berechtigung der in Nürnberg aufgestellten Behauptung von dem ,, unerhörten" Erfolge der Arbeitsheschaffung und der enormen Senkung der Arbeitslosenziffer. Gleichzeitig hat der Reichskanzler in Nürnberg verkündet: ,.Die deutsche Mark ist stabil geblieben, und dies trot aller Exportschwierigkeiten." Was von der Stabilität der cffiziellen Reichsmark zu halten ist, bildet schon seit langem kaum mehr Gegenstand irgendwelcher Zweifel im Auslande. Sie hat einen von der Reichsbank selbst bestimmten Liebhaberwert, wie alle unverkäuflichen Dinge, da man sie im Auslande zum Bezuge deutscher Waren, der über die Clearings- bzw. über Sperrmarkzahlungen erfolgt, nicht benötigt. Eine bessere Illustration zu dieser Behauptung von der Stabilität der Mark, die übrigens vor der Machtergreifung des heutigen Regimes und einer Zeit, als immerhin noch ein sehr beträchtlicher Teil der Auslandsschulden gezahlt wurde, Eewerbsmoral und hat die Folgen zu tragen." Gegen diese Drohung wandte sich eine Breslauer Firma an die Landgerichtskammer für Handelssachen, um eine einstweilige Verfügung zu erzielen, die dem Verband derartige Drohungen untersage. Das Gericht hat die Erlassung einer Verfügung abgelehnt, so daß also die Drohung zu Recht besteht. Marxiöhne und Hitleriöhne Gleichgeschaltete Zeitungen bringen eine Uebersicht der Lohnentwicklung in der rheinischen Bimsindustrie. Die Aufstellung sieht so aus: Z: it Stundenlohn Zeit Stundenlohn tatsächlich vorhanden war, bieten die Sperrmarkkurse. Sic zeigen heute ein Disagio, das für die einzelnen Sorten zwischen 64 und 69 Prozent liegt. Die für Käufe in Deutschland tatsächlich verwandte Sperrmark hat also nur noch ein Drittel des eigentlichen Goldwertes der Reichsmark. Die im deutschen Inland frei zu erwerbende sogenannte„, Exportvaluta" hat ein Aufgeld von jetzt zirka 160 Prozent, so daß derjenige, der sie kaufen will, mehr als das zweieinhalbfache des amtlichen Berliner Kurses für Dollars, Pfunde, Gulden usw. zahlen muß. Mindestens ebenso kommt die Unrichtig. keit der Behauptung von der Stabilität der Mark auch in den ständig steigenden Inlandspreisen zum Ausdruck, die in einem krassen Gegensatz zu dem ständigen Sinken der Löhne steht. Diese Teuerungswelle beginnt sich in den letten Wochen auch bereits auf die früher aus dem Auslande eingeführten Rohstoffe auszudehnen. Selbst die offiziellen Notierungen an den deutschen Warenmärkten können dies trotz aller Manipulationen nicht mehr verschweigen. So liegt der Zinkpreis in Deutschland bereits offiziell um 25 Prozent schon höher als am Weltmarkt, und derjenige von Blei sogar um 38 Prozent. Weiter hat Hitler in Nürnberg erklärt, daß die deutschen Sparguthaben gewaltig zunehmen". Die Abhebungen bei den Sparkassen sind von Monat zu Monat größer als die Einzahlungen. Besonders deutlich zeigt sich aber die wahre Lage an dem kürzlich veröffentlichten Ausweis der Berliner Banken per Ende Juli, nach dem die Einlagen eine Verminderung um 107 Millionen RM. erfahren haben. Man behauptet zwar, daß zirka 40 Millionen RM. für das Ausland flüssig gemacht wurden. Auch dann bleibt noch eine Verminderung um annähernd 70 Millionen. Für diesen sich von Monat zu Monat verschärfenden Kreditorenschwund gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder sind die Einleger gezwungen, ihre Bankguthaben nach und nach zur Aufrechterhaltung ihrer Betriebe oder für die eigene Lebenshaltung abzubeben, oder aber die Einlagen werden aus Mangel an Vertrauen zur Währung zurückgezogen. Da die Hamsterkäufe bei ständig steigenden Preisen fortgesetzt zunehmen allein in der Konfektion zeigt sich eine Umsatzerhöhung um 31 Prozent gegenüber dem Vorjahre, und die Publikationskäufe in der Möbelbranche haben sich sogar in einem einzigen Monat um volle 100 Prozent erhöht!, ergeben sich für beide Erklärungen Anhaltspunkte. Als Erfolge der Hitlerdeutschen Wirtschaftspolitik sind sie aber jedenfalls nicht anzusehen. In einem ebenso krassen Widerspruch zur Wirklichkeit steht die in Hitlers Nürnberger Rede aufgestellte Behauptung von der ständigen Zunahme der Beiträge und Steuern sowie der Besserung der Staatsfinanzen. Auch hier bieten die soeben veröffentlichten neuen Angaben für Juli einen klaren Beweis. Die Reichseinnahmen haben sich in diesem Monat tatsächlich von 473,8 auf 568 Millionen RM. erhöht. Dieser Steigerung von 94,2 Millionen steht aber eine solche der Ausgaben von 504 auf 717 Millionen RM, gegenüber. In diesem einen Monat Juli ist also das Defizit neuerdings um 118,6 Millionen gewachsen, so daß sich das Gesamtdefizit seit Beginn des Etatjahres jetzt auf nicht weniger als 1790 Millionen RM. erhöht hat, um die das bisherige riesige Defizit also wieder gestiegen ist. Allein für diese letzten Monate ist aber noch das sehr große weitere Defizit des außerordentlichen Budgets von 2,5 Milliarden RM. zu berücksichtigen. Dabei sind allé zukünftigen Einnahmequellen Das nüchterne Bild der Wirklichkeit vorweggenommen. sieht also sehr viel anders aus als dasjenige, das Hitler auf dem Nürnberger Parteitag als Resultat der Wirtschaftspolitik des..dritten Reiches" entworfen hat. Selbst die überzeugtesten Nationalsozialisten in Deutschland dürften, wenn sie rechnen können, kaum noch behaupten. daß diese Wirk lichkeit besser ist als das, was man in Nürnberg so stolz vorgewiesen hat. Tauschbeziehungen sind danach um 30 Jahre der Entwicklung, um den Fortschritt einer ganzen Generation, zurückgeworfen worden. Verlorener Spielwarenmarkt Die Ausfuhr der deutschen Spielwarenindustrie nach den Vereinigten Staaten zeigt im laufenden Jahr eine noch weit ungünstigere Entwicklung als in den an sid schon höchst unbefriedigenden Vorjahren. Die nachstehend veranschaulichte Entwicklung der deutschen Spielzeug- und Christbaumschmuckausfuhr nach Amerika läßt erkennen, daß die sonst in den Monaten Juni und Juli stets schon in vollem Gang befindlichen Vorbereitungen für das große Weihnachtsgeschäft diesmal so gut wie ganz ausgeblieben sind. Ausfuhr nach USA in dz Mai.. 15. 1. 1924 0,42 1.7. 1929 0,74 1. 7. 1924 0,46 1. 1. 1930 0,74 1. 1. 1925 0,60 1. 7. 1930 0,74 1. 7. 1925 0,60 1. 1. 1931 Juni 0,74 • 18. 1. 1926 0,60 1. 7. 1931 0,68 Juli • 1. 7. 1926 0,60 1. 1. 1932 0,60 1. 1. 1927 0,63 1. 7. 1932 0,55 1. 7. 1927 0,63 1. 1. 1933 1. 1. 1928 0,70 1. 7. 1928 0,70 1. 7. 1933 1. 1. 1934 0.55 0,55 0,55 1. 1. 1929 0,70 Klarer Aufstieg in den Zeiten der marxistischen Miẞwirtschaft". Absturz, seitdem der Einfluß der Gewerkschaften zurückgedrängt ist. Geht es nun wenigstens den Unternehmern besser? Nein, auch ihnen geht es schlechter, sagt die ,, K. Z.". Dafür haben nun aber Unternehmer und Arbeiter das dritte( Bankrott-) Reich. Die Schrumpfung des Welthandels wird durch folgende Zahlen gekennzeichnet. Der Wertumsats des Welthandels betrug 1929: 284,1 Milliarden, 1930: 228,8, 1931: 163,9, 1932: 109,8 und 1933 nur noch 99,1 Milliarden. Damit bewegen sich die Umsätze bereits auf einem Stand wie am Anfang des Jahrhunderts. Die internationalen . 1931 1932 1933 1934 3352 1.401 870 166 5 699 2891 785 328 8573 5591 2127 568 7 Monate.25 168 21 842 11 062 4 693 Die Ursache der scharfen Schrumpfung der deutschen Spielzeugausfuhr nach den Vereinigten Staaten dürfte neben den hohen amerikanischen Schutzöllen auch in der Beeinträchtigung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit durch die Dollar entwertung, in der Verschärfung der ausländischen und insbesondere des japanischen Wettbewerbs und nicht zuletzt wohl auch in dem gerade im amerikanischen Spielwarenhandel teilweise äußerst hartnäckig betriebenen Boykott deutscher Erzeugnisse zu suchen sein. Neues Zwangsclearing 55 Die Frankfurter Zeitung" berichtet: Privaten Meldungen aus Bogota zufolge hat die kolumbianische Regierung zu dem Zahlungsverkehr mit Deutschland ein Zwangsclearing verfügt, das bereits am 5. September in Kraft getreten ist. Diese Nachricht bedeutet eine neue Enttäuschung der Exportkreise. Deutsche Stimmen Beilage zur Deutschen Freiheit" Ereignisse und Geschichten n. Beilage sur„ Deutschen Freiheit". Erelésse Sonntag- Montag, den 16. und 17. September 1934 Das braune Kitschkino ,, Darum immer gleich mord" Von Bruno Brandy nach Nürnberg 615 wie in der deutsch stammt aus dem Kino. Hier war manNSDAP. mit Baronen, Gräfinnen und allerhöchsten Herrschaften beisammen. Hier herrscht der Held, der alles kann und alles rettet; hier waltete die deus ex machina, die Macht im Hintergrunde, das große Wunder, auf das man in der rauhen Wirklichkeit vergeblich wartete, das es aber, wie der Kitschfilm für 70 Pfennig immer wieder augenscheinlich bewies, gar nicht zu selten gab. Warum also sollte es in der Politik nicht sein? Die Antwort schallte jahrelang durch die Straßen: Weil der ,, starke Mann" von den verbonzten Parteien eben nicht rangelassen wurde! Hier im schlechten Massenfilm regierten die groben knalligen Effekte, die dreinfahrende Faust, die falsche Rührseligkeit, die verlogene Unwirklichkeit, die zwei Stunden lang so schön war und die man im Leben nicht antraf. Warum? Weil offenbar spitsfindige, nüchterne Bürokraten und Materialisten" regierten, zu denen wohl auch die Marxisten gehörten. Daß die Zahl derer groß ist, die nach literarischen Vorbildern leben, weiß man aus unzähligen klassischen Beispielen. ,, Werthers Leiden" haben im Zeitalter der Empfindsamkeit eine Selbstmordepidemie entfesselt. Murgers ..Bohéme" wurde jahrzehntelang nicht nur von allen jungen Dichtergenerationen kopiert, sondern vor allem von den Dilettanten, denen eine literarische Zigeunerperiode als bequemste Talent- Legitimation erschien; ihre Murger- Kopie scheiterte meistens nur daran, daß der zahlungsfähige Barbemuche fehlte. Und wie viele gar die Sensationsliteratur auf dem Gewissen hat, erweisen die Strafakten der Gerichte. Mindestens so breit und noch suggestiver als die Wirkung der Schundliteratur ist die des Films. Er hat Operette und Theater zurückgedrängt, er erspart das umständliche Lesen und bleibt durch die Plastik seiner Bilder schärfer haften. In jedem Lande werden in jeder Woche aber Millionen vom Film erfaßt, beeinflußt, gemodelt, und da der Kitschfilm mit seiner Verbiegung der Wirklichkeit den Sehnsüchten indifferenter Massen am weitesten entgegenkommt, ist die soziale Wirkung unschwer abzuschätzen. Beispiel: Hitler- Deutschland. Es wird vom Ausland oft mit einem Greuelfilm verglichen, und wie seine politischen Denk- ,, blutiger Rache", denn sie kannten ihr Publikum. Und eine wenn a inhalte vom Stammtisch geliefert wurden, so hat schlechtes Kino stark an der seelischen Verkorksung des Hitler- Deutschschen mitgearbeitet. Abermillionen saßen vor FridericusRex- Filmen, berauschten sich am Takt der marschierenden Beine und an den Militärmärschen, den militaristischen Kriegstänzen unserer Zeit. Im märchenhaften Glanz der Bilder, unter den forschen Klängen des Hohenfriedbergers, erstrahlte das den Massen der Indifferenten als das Heil, die Rettung aus einer Not, deren Ursachen sie nicht begriffen. Hörten sie dasselbe nationalistische Getöse nicht auch von erschien sie nicht als den Nazi- Demagogen? Und die SA. nur braune Fortsetzung des Filmtraumes? Vom Krieg wußten die jungen Wählerschichten nichts mehr, im eignen Land hatten sie ihn nicht erlebt, und der Soldatenzauber, der in Musik gesetzt von der Leinwand erstrahlte, appellierte nicht umsonst an die Gefühle eines Volkes, das vulgärsten Kasernengeist als Luft der Heimat von Kindesbeinen an einatmete. ,, Schön ist das Soldatenleben", lehrten Militärschwänke, in denen die Köchin und ihr Soldat, der Rekrut und sein Feldwebel in spaßigderber Schicksalsgemeinschaft gezeigt wurden mit ein bißchen Schinderei zwar, aber es war ja nicht so gemeint, und vor allem sah man deutlich, wie verführerisch eine Uniform auf die Mädchen wirkte. In Serien konnten diese blödesten, antiquierten Militärhumoresken" gedreht werden; selten machten die Kinos so gute Geschäfte. Das gabs nur in deutschen Zonen. Nirgends sonst konnte die Filmproduktion so läppische Kasernenspäße wagen. Hier war die Tradition, hier war das Publikum für solchen Zimt, hier wurde das geglaubt. Aber stärker noch als gelegentlicher Soldatenzauber und reaktionäre Wochenschau wirkten die allgemeinen Elemente des schlechten Kinos für den deutschen Faschismus. Da gabs nicht die feinen Zwischentöne und einfachen Linien des wirklichen Lebens, die dem Durchschnittsmenschen immer uninteressant bleiben, weil sie von seinem Auge kaum wahrgenommen werden, sondern im Kitschfilm der breiten Schichten herrscht Schwarzweiß, triumphiert eine papierene Sprache, die auf einfache Gemüter mit ihrer Geschraubtheit starken Eindruck macht. Hitlers verblassenstes Schmierenララ Vor allem aber wurde hier rasch, direkt und blutig Rache genommen; jeder Kriminalfilm zeigte den edlen Rächer am Werke. Jeden Tag schrien auch die Nazi- Demagogen nach es klingt wie ein Rechtfertigungsversuch, wenn ein faschistischer Kritiker kürzlich in der ,, DAZ." versuchte, diese Rachegesinnung mit den Urgefühlen des ,, freien Mannes" zu verklären. Der rächende Detektiv im Kriminalfilm, schreibt der Es riecht das Heu, der Käfer summt, Die Weltproteste sind verstummt. Wir Herrscher ruhn im Grünen. Wenn ringsum laue Sommernacht ( Und meine Leibstandarte wacht) Wer soll sich da erkühnen?! bran Von Papen hat sein Agreement, Die Reichswehr zieht an meinem Strang. Röhm ist zu Gott befohlen, C M w briste Jint er liqA Die Italiener schreiben sanft, Das Rindvieh grast am Wiesenranft. Da kann man sich erholen! Herr Schacht diktiert den Wirtschaftskram, Freund Streicher macht die Juden zahm, Die Buch- Tantièmen sprießen; Die Wissenschaft entdeckt Ersatz, Herr Meißner steht am alten Platz. Soll man da nicht genießen? Zwar mischt sich in die Sommerluft Schon hie und da Verwesungsduft, Maulwurf und Würmer krauchen Die Nase zu, nicht hingesehn. Erholung!!( Eh die Stürme wehn.) Ich kann sie bald gebrauchen. Weltkongrep noush A Karl Schug. Edle, erfülle eine Ursehnsucht, die in uns allen schlummere: für jüdische Wissenschaft und Kultur 666 ,, Blutrache gibt es nicht und kann es im Staat der Millionen nicht mehr geben. A ber unser Sinn bleibt hungrig nach dieser verlorenen Staatsgewalt des freien Mannes und seiner Sippe gegen den Uebeltäter.. So stelle jedes Kinoparkett vor einem Kriminalfilm gleich sam eine einige Sippe wie in der Vorzeit dar, die auf privatem Kriegspfad zur Vollbringung privater Rache unterwegs sei: darum immer gleich ,, Biutrache natürlich Mord. Und wehe dem Täter, der am Schluß nicht umgebracht wird! Der Staat mag Zuchthaus verhängen der freie Mann schlägt, wenn er straft, dem Bösen abschließend den Schädel ein. So ist das merkwürdige und oft beklagte Interesse allen Publikums für die Kriminalgeschichte durchaus nicht krankhaft..." Nein, aber krankhaft und grauenhaft ist die breite Wirkung manchen Kriminalschundes, das kranke HitlerDeutschland ist Zeuge dafür. Die private Blutrache" wurde dort sozusagen in Permanenz erklärt: sie mordet und fol. tert in Konzentrationslagern, sie tobt sich nur an Wehrlosen aus und räumt siene 30. Juni gelegentlich auch etliche der eigenen Blutrachegenossen aus dem Wege, deren ,, Sippen" dann diese Füsiladen als gemeinen, rechts- und normwidrigen Meuchelmord und hinterlistigen Verrat bezeichnen. Wir sind damit nur scheinbar vom Thema abgekommen, denn gerade die obige Mordphilosophie und die sadistischen Exzesse der braunen Gangsterei zeigen, wie sehr ihre ureigenste Mentalität, ihre Seelenverfassung, ihr falsches Pathos; ihre Art, die Welt falsch zu sehen und unbequeme Realität zu ignorieren wie sehr dies alles den peinlichen Stempel des gleichen Kitschkinos trägt, aus dem sich Hitlers Anhängerschaft rekrutiert. Deutsche Erde? Nein, die Flimmerkiste von vorgestern ist ihre Heimat. Nikolai Hartmann, der„ Platoniker" Von Paul Strube Ein Hitler- Professor versehen In Deutschland brauchen zweifelhafte Machtansprüche nur mit philosophisch klingenden Bezeichnungen werden, um alle sittlichen und sozialen Fragwürdigkeiten zu verdecken. Die absolute Monarchie war von Gottes Gnaden, war eine gottgewollte Abhängigkeit" und alles, was in ihrem Namen geschah, war der Kritik unterstellt. Das HitlerRegime ist der totalitäre Staat" und mit diesem Titel gewappnet, soll er mit allem, was dort vor sich geht, unantastbar sein. Der totalitäre Staat, was ist denn ihm soviel nachzurühmen? Professor Nikolai Hartmann, Ordinarius für Philosophie an der Universität Berlin, hat das jetzt herausbekommen. Der Staats- Hegelianismus sei mit ihm und in ihm vollendet. Zum ersten Male sei die ,, platonische Idee des Staates" in die Wirklichkeit getreten. Wenn das geschehen sei, so stünde es gut um den Staat. Noch immer habe es sich gezeigt, daß ein Gebilde, das diese Stufe erreicht habe, das reif geworden sei, eine platonische Idee zu vertreten, ewigen Bestand habe. Man ersieht jetzt, warum Hitler so zuversichtlich mit einem tausendjährigen Alter des ,, dritten Reiches" rechnet. Der Professor Hartmann hat es ihm versprochen. Mit der platonischen Idee kann man lange herumhadern. Eine ganze Bibliothek von Streitschriften haben die Fachphilosophen darüber bereits zusammengeschrieben. Man wird wohl allen Auffassungen einigermaßen gerecht, wenn man sie als die aller erfahrbaren Wirklichkeit enthobene, dabei aber diese Wirklichkeit doch erst produzierende Macht jenseits der Einzeldinge beschreibt. Ohne die Idee Menschheit" geben, noch so hochtrabend als Staatslenker gebärden, die nur vor der ,, Geschichte" oder ihrem eigenen Gewissen verantwortlich sind, was sie tun, tun sie im höheren Auftrag des totalitären Staates, der für praktische Haftbarmachung keine faßbare Angriffsfläche bietet, und der Professor Nikolai Hartmann gibt ihnen dazu seinen Segen. In dieser Situation kennen wir uns historisch bereits aus. Die Berchtold und Wilhelm, die Iswolski und d'Annnunzio entfesselten den Krieg. Als es galt, die Verantwortung zu tragen, schoben sie ebenfalls allerhand überpersönliche Mächte vor. Imperialistische Zwistigkeiten, rassische Gegensätzlichkeiten, der natürliche" Eroberungsdrang jugendlicher Völker, nur nicht die Wilhelm und Berchtold sollten den Krieg entfesselt haben. Gewiß, es gab geschichtlich gewordene Kräfte, deren Zusammenstoß zum Kriege trieb. Aber verlieren deshalb die Repräsentanten dieser Kräfte, die gewissenlosen Spieler mit Völkerfrieden und Völkerglück ihre persönliche Verantwortung? Soweit wie die Kriegstreiber von 1914 sind die regierenden Nazis nun auch schon. Sie schieben immer ihren totalitären Staat vor, wenn ihr Hunnenregiment der Kritik unterzogen wird. Der totalitäre Staat gebiete es, daß die Gewissensfreiheit in religiösen Dingen aufhöre, der totalitäre Staat bürde der Wissenschaft das Rasseprinzip auf, setze sich über den Raub an Gut, Ehre und Freiheit der Person hinweg. Der„ Liberalismus" möge diese Ansprüche berücksichtigen, der totalitäre Staat sei darüber hinaus. Der Exekutivausschuß des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts in Wilna hat gemeinsam mit dem Mitglied seines Ehrenpräsidiums und Leiter der historischen Sektion des Instituts, Professor Simon Dubnow, während seines einwöchigen Besuches in Wilna eine Reihe von Beratungen über die künftige Arbeit des JWI. abgehalten, in denen u. a. beschlossen wurde, anläßlich des 10jährigen Jubiläums des Instituts für den Sommer 1935 den ersten Weltkongreß für jüdische Wissenschaft und Kultur nach Wilna einzuberufen. Nach dem vorläufigen Programm, das dem zu Sukkoth zusammentretenden Rat der Zentralverwaltung des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts zur Bestätigung vorgelegt werden soll, werden die Arbeiten des Kongresses dem Gesamtthema ,, Der Aufbau des jüdischen Lebens" untergeordnet sein. Als Referenten sind neben den Mitgliedern der wissenschaftlichen Sektion des JWI. eine Reihe außerhalb des Instituts stehender hervorragender jüdischer Wissenschaftler vorgesehen. Im Rahmen des Kongresses soll ein ,, Tag der jiddischen Literatur" abgehalten werden. Die Organisierung dieser Sonderveranstaltung wird dem jüdi. schen Pen- Klub übertragen. Ferner wird ein Tag des jüdischen sozialen Lebens" stattfinden, auf dem die großen auf sozialem Gebiet tätigen jüdischen Organisationen Berichte Weitere Einzelheiten des Programms erstatten werden. werden nach der Tagung des Rates der Zentralverwaltung veröffentlicht werden. 99 die Die Besprechungen mit Professor Dubnow betrafen ferner den Plan der Einrichtung einer„, Aspirantur" zur junger jüdischer Wissenschaftler in Einführung selbständige Forschungsarbeit. Prof. Dubnow hat sich bereit erklärt, das im Rahmen dieser Einrichtung vorgesehene Geschichtsseminar während einiger Monate im Jahr zu leiten. Adolf Hitlers ,, Mondkalb" ,, Das Mondkalb mit den vollendet schönen Beinen". So wurde vor einigen Jahren die Tänzerin Leni Riefenstahl bei ihrem ersten Auftreten durch Fred Hildenbrand im ,, Berliner Tageblatt" kritisiert. Heute ist Leni Riefenstahl nicht nur die Allgewaltige des deutschen Filmwesens, die mit ihren 23 Jahren für alle Kunstfragen des ,, dritten Reiches" von ausschlaggebender Bedeutung ist, sondern auch die intime Freundin Hitlers. Sie kann, wenn sie die Reichskanzlei betritt und der persönliche Adjutant Hitlers, Bruckner, ihr mitteilt, daß der Führer im Kabinettsrat sei, sich erlauben zu erklären:„ Der wird bald beendet sein, sagen Sie ihm, daß ich um vier Uhr mit ihm Kaffee trinken möchte!" Und dabei soll, wie der ,, Paris- Soir" mitteilt, Leni nicht einmal eine reine Arierin sein. Ihre Mutter, so heißt es, sei Jüdin, und ihre jüdischen Verwandten könnten heute noch nicht begreifen, durch welches Wunder Leni bis zu den Stufen des Thrones" habe emporsteigen können. Im übrigen hat Leni viele jüdische Bewunderer und Freunde. So soll ihre kostbare Wohnung in Wilmersdorf das Geschenk eines jüdischen Industriellen sein. Schauert Hitler nicht bei dem Gedanken, wenn er bei Leni den Tee nimmt, in einem Sessel zu sitzen, der mit dem Gelde der verdammten Juden bezahlt ist? Leni Riefenstahl hatte die Aufgabe, den gewaltigen Propagandafilm des Nürnberger Kongresses zu drehen. So hält diese junge Frau eine Macht in ihren kleinen Händen, wie sie vielleicht ehemals die Dubarry unter Louis XV. besessen hat. Wie wird ihr Schicksal sein? Wird es auch so schaurig wie das der Dubarry sich vollenden? Die platonische Idee mag auf wunderbare Einfälle kom- Wie beseitigt man men, Herr Professor Hartmann, verbrecherisch handelt sie nicht. Wer hat die Bartholomäusnacht vom 30. Juni verschuldet? gibt es keinen Menschen. Die Idee war zuerst da, die Einzel- Aus einer Arbeiterpartei gebilde wurden daraus. Wie weit diese Sondergestalten gelungen oder mißlungen sind, das entscheidet ihr Abstand von der Idee oder ihre Kongruenz mit der Idee. Um ganz Auch der Staat verdankt seine Existenz solchem Zauber. dem platonischen Maßstab zu entsprechen, müsse er total, müsse er nationalsozialistisch sein. Also lehrt Nikolai Hartmann, der einst ein guter Europäer war, jetzt aber nur noch ein braver deutscher Wissenschaftsbeamter ist, zum höheren Ruhm Hitlers an der Universität Berlin. Nun sind die regierenden Verbrecher fein heraus. Sie können sich noch so aufdringlich als oberste Matadoren ausDas Archiv der Geschichte der Technik und des Handwerks, das als selbständige Abteilung der Deutschen Arbeitsfront angegliedert wurde, hat als Leiter den Herren Carl Grafen von Klinckowström erhalten. Gegen den deutschen Film Deutsche Filme dürfen nur noch unter der Bedingung in die Tschechoslowakei eingeführt werden, daß sie einkopierte tschechische Titel haben. Die Polizei hat den Auftrag erhalten, die Einhaltung dieser Bestimmungen zu überwachen. Klassengegensätze? Es gibt in Deutschland wieder eine neue Art von ,, Führerschule". Sie wurde in Hamburg errichtet, heißt ,, Gauführerschule V" und dient allen Ernstes der Beilegung des Klassenkampfes. Wie das gemacht wird? Ganz einfach! ,, Wirtschaftsführer" und ,, Gefolgsmänner", Unternehmer, Angestellte und Arbeiter werden für 6( in Worten: sechs) Tage in diese Schule gesteckt, die eine Art Arbeitslager ist, und wenn sie wieder herauskommen, sind sie so geläutert, daß alle Klassengegensätze sie nicht mehr zu kränken vermögen. Im Völkischen Beobachter heißt es: Die Unterschiede von Stand und Rang sind hier durch das ganze äußere Leben verwischt. Während des Wehrsports kommandiert jeder die anderen umschichtig. Völker in Sturmzeiten Nr. 22 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Sonntag- Montag, 16. u. 17. Sept. ntag, 16. u. 17. Sept. Von Meine Gefangenschaft Joseph Joseph Caillaux, der bedeutende Franzose, Minister und Kabinettschef schon vor dem Kriege, stand während des großen Ringens in seinem Lande unter schwerem Verdacht. Er sollte heimlich mit den Gegnern seines Vaterlandes im Bunde gewesen sein. Er wurde am 14. Januar 1918 verhaftet und saẞ lange im Gefängnis in Untersuchung. Seine politischen Gegner, zu denen vor allem Poincaré und Clemençeau gehörten, rechneten mit seiner sicheren Vernichtung. Es kam anders. Im April 1920 wurde er freigesprochen und rehabilitiert. der Das Buch von Joseph Caillaux: ,, Meine Gefangenschaft" erschien Anfang 1921. Es gibt ein sehr lebendiges Bild der französischen Zustände und Problem in jenen kritischen Jahren Probleme und der Intrigen. Wir entnehmen ihm einige besonders lebendige Abschnitte. Joseph Caillaux ist heute noch sehr aktiver Finanzsachverständiger der radikalsozialistischen Partei. Wir stellen seine Einleitung zu Anfang des Buches an die Spitze. All denen, welche... All denen, die mich unterstützt haben im Laufe der Prüfungen, die ich seit nahezu zehn Jahren erdulden mußte; all denen, die es mir gedankt haben, daß ich den Weltfrieden erhielt an jenem Tage, wo ich in Verfolgung einer überlieferungstreuen Politik, deren Grundzeichnung ich schärfer herausstrich, die Krise von Agadir entknotet; all denen, die während der zweieinhalb Jahre meiner Folterung mich getröstet haben durch Zurufe des Vertrauens über die Gitter meiner Gefängnisse hinweg; all denen, die mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit die Etappen meines Schmerzensweges verfolgt haben; all denen, die mich so prächtig verteidigt haben durch die Feder, durch das Wort, durch enthusiatistische Zurufe; allen den Männern, allen den Frauen, die als meine Zuhörer vor dem Staatsgerichtshofe oder als Leser meiner Verteidigungsrede mir die rührende Huldigung ihrer Sympathie darbrachten; allen den Männern, allen den Frauen, die am letzten Tage, an dem ich sprach, die Tribünen füllten und die Gewölbe des Senats widerhallen ließen von Beifall, dessen Echo sich weit über den Luxembourg hinaus fortpflanzte; allen den Männern, allen den Frauen, die mich begriffen oder erraten haben, bringe ich dieses Buch dar. Ich habe es geschrieben ohne Haß- ,, Mein Herz ist für die Liebe da, nicht für den Haß," sagt die Antigone des Sophokles, ich habe es geschrieben ohne Leidenschaft. Ich habe mich anstrengen müssen, um die Aufwallungen meines Wesens zu zügeln. Ich habe nicht gesagt, wie sehr man mich hat leiden lassen. Ich habe nur in abgeschwächter Darstellung die Behandlungsmethoden geschildert, denen ich unterzogen wurde. Ich habe nicht von den moralischen Schmerzen gesprochen, die man mich erdulden ließ. Ach! der Schmerz der Nächte auf dem Lager der Zelle, wenn man den fliehenden Schlaf zu erhaschen sucht und daran denkt, daß eine Regierung der nackten Brutalität, nur um die, niedrigen Leidenschaften zu befriedigen, die ihre Gehilfen entfesselt haben, nur um eine weit ausgreifende demokratische Bewegung zum Stillstand zu bringen, vielleicht auch auf Geheiß geheimnisvoller Eingebungen, auf alle Fälle aber, um sich mit der Rolle des Retters zu schmücken, daß eine solche Regierung gegen einen Mann, den sie vorsichtigerweise vorher einkerkerte, die ungeheuerlichsten Anklagen zusammengeschleppt hat! Der Schmerz der Nächte, in denen man bedenkt, daß Millionen von braven Leuten die Lügen, die im Publikum verbreitet werden, annehmen könnten als brave Münze, ja, ohne Frage sie annehmen! Und man überblickt noch einmal sein Leben, und man stößt auf keine einzige Handlung, die nicht diktiert wäre durch die Liebe zum Lande, und die schärfste Gewissensprüfung bringt nicht einen einzigen Gedanken zum Vorschein, den nicht der Dienst am allgemeinen Wohl eingegeben hätte. Einzig ein Fehler: daß man von der Politik, von den Geschicken Frankreichs andere Auffassungen gehabt hat als die Herren der Stunde, daß man Wert gelegt hat auf die Vermählung des Glaubens an das Vaterland mit der Sorge um die Menschheit, großen Ueberlieferungen gemäß, daß man gleichzeitig die Gefahren jeglicher Art ins Auge gefaßt hat, denen das Vaterland ausgesetzt war, und auf alle Klippen, wie sie auch heißen mochten, den Blick gerichtet hat, daß man ängstlich die Zukunft erforscht und sich in gewissen Stunden das Wort von Vergniaud ins Gedächtnis gerufen hat: ,, Seid auf der Hut, daß nicht inmitten seiner Triumphe Frankreich jenen berühmten Monumenten gleiche, die in Aegypten die Zeit besiegt haben. Der Fremde, der vorbeikommt, staunt über ihre Größe. Will er aber eindringen, was findet er? Leblose Asche und das Schweigen der Gräber! Und da steigen nun aus der Hülle des Halbdunkels die Geister der Leute auf, die wegen der gleichen Verbrechen der Gesinnung und des Denkens gehetzt wurden: die Ketzerführer, die Freidenker, näher unserem Blick die Staatsmänner der Revolution, deren Prozesse so eng verwandt sind mit dem, der am Horizonte steht, und viele andere noch; alle, alle bezichtigt dunkler Machenschaften, des Einverständnisses mit dem Feinde, gefährlicher Komplotte gegen die Sicherheit des Staates, und was weiß ich? ..Unerschöpflich ist das Wörterbuch der Heuchelei und der Rechtsbeugung," rief Benjamin Constant aus. Unerschöpflich sind die Quellen der Verleumdung, sagt man sich, und neben den Malesherbes, den Vergniaud, den Danton gewahrt man die Männer, die, ohne das Martyrium der Schmachprozesse erduldet zu haben, bis aufs Blut bearbeitet wurden durch die Beleidigung, die ihnen das Leben kostete; man gewahrt Jules Ferry, Jaurès... große Schatten, die einen Zug bilden! Bewunderungswürdige Reihe, in der man mit Freuden Platz nehmen wird! Aber das Denken schwenkt um und würgt sich ab in der Augst der schlaflosen Nacht: wird man diesen legten Trost haben? Die Bilder der großen Verfolgten erstrahlen auf der Leinwand der Geschichte... nicht alle.... es sind Männer da, die bis ins Grab an ihre Hüften geklebt das Nessushemd der Verleumdung trugen. Leiden für die Idee, Jahre hinbringen in einem Gehenna, angeklagt oder verurteilt wegen eines Ueberzeugungsverbrechens, ist nichts. Man kann seiner Zeit nicht dienen, ohne über sie hinauszuschreiten, und der Henker hat stets noch den Vorläufer belauert. Doch dies auszudenken: daß kraft der Lüge und ihrer Macht man im Abgrund der Schmach versinken kann, daß der Name, den man trägt, und der rein ist von aller Befleckung, mit Schlamm bespritzt werden kann... ein unerträglicheres Leiden gibt es nicht. Einige Worte von einem Freunde, der nicht abfällt das ist viel bei denen, die nichts schulden eine Blumensendung von einem jener Demütigen, die in den volkstümlichen Versammlungen mit einer rührenden Glut den großherzigen Tribunen Beifall spenden, die wider die haßwürdige Ungerechtigkeit sich aufbäumen, Briefe von Unbekannten, von denen die einen ihren Glauben hinausrufen, von denen die anderen von den Wirren ihres Gewissens sprechen dies alles zerstreut den schlimmen Traum, cs gibt der stummen Meinung Ausdruck, die immer noch wacht. Und nun diese stumme Meinung lückenlos zu unterrichten es aufgeklärt wurde sie bereits durch die Abwicklung des Gerichtsdramas, durch die unglaubliche Langsamkeit der Untersuchung, durch die Umgestaltung des Hochverratsprozesses in einen politischen Prozeß, durch den Zuständig. keitsverzicht des Kriegsgerichts zugunsten des Staatsgerichtshofes, durch die Debatte vor dem Senat, durch den Zusammenbruch der Anklage, durch den Jammer eines Urteilsspruches, von dem einer der an ihm Beteiligten hat sagen können, daß er eine Freisprechung in Feigheit sei- darum habe ich diesen Band geschrieben. ..Ich zitiere dich vor Gottes Tribunal!" rief dem Könige von Frankreich der Großmeister des Templerordens, Jacques Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde Von Wilhelm Voigt de In Freiheit! Ich wollte zunächst meine bunester in ihrer Wohnung aufsuchen, sie war aber leider nicht zu Hause. Deshalb besuchte ich erst einmal die nächsten Bekannten, unter ihnen auch die Frau Riemer, mit der die Presse sich späterhin so viel und in ganz vortreffender Weise beschäftigt hat. Um aber doch auch die, die sich durch Sammlungen usw. um mich bemüht hatten, von dem Gnadenakt Sr. Majestät ir Kenntnis zu setzen, fuhr ich noch an demselben Abend zur Redaktion der Zeitschrift: ,, Die Welt am Montag". Auch da große Ueberraschung und die ersten Glückwünsche! Ich kehrte hierauf noch einmal zur Wohnung meiner Schwester zurück, welche ich auch jetzt noch nicht antraf, und wartete in der Nähe, bis sie endlich von ihrem Ausgange heimkehrte. Am andern Morgen hatte ich zunächst viele geschäftliche Sachen zu besorgen und um schneller damit zustandezukommen, bediente ich mich der Droschke. Aber schon war Frau Fama geschäftig gewesen. Alle Welt wußte von meiner Befreiung. Und bald hatten sich denn auch die Pioniere der modernen Zivilisation, die Amateurfotografen und Fotografen vom Fach eingestellt; und während ich den Fuß auf den Tritt der Droschke stellte, war bereits eine Anzahl von Objektiven auf mich gerichtet, um diesen denkwürdigen Moment zu verewigen. Schon am frühen Morgen hatte die Post eine große Anzahl Briefe für mich gebracht, und ich wollte die Muße der Fahrt dazu benutzen, um sie auf dem Wege zur Stadt zu lesen. Als ich aber einen Augenblick hinter mich schaute, sah, ich, wie die Fotografengesellschaft im Auto hinter mir herfuhr, an jedem Haltepunkt umstellten sie meine Droschke so, daß mein Kutscher nicht losfahren konnte, die Zwischenzeit benutzten sie, um mich in allen möglichen Stellungen aufzunehmen. Ich habe ziemlich drei Stunden gebraucht, bis es mir endlich gelang, ihren Glasaugen zu entkommen. Notwendigerweise mußte ich auch noch einmal in die Gefangenenanstalt Tegel zurückkehren, um mich in ordnungsmäßiger Weise zu verabschieden. Beim Verlassen der Anstalt fand ich vor den Toren des Hauses eine große Menschenmenge vor, auch hier wieder hatte sich der unvermeidliche Fotograf eingefunden; ferner eine Anzahl von anderen Herren, die aus der Situation Kapital schlagen wollten. Es schwirrt mir heute noch in den Ohren, wenn ich daran denke, was für Anträge und Zumutungen mir damals gemacht worden sind. Ich konnte mich unmöglich in diesem Augenblick schon zr irgendeiner geschäftlichen Abmachung verstehen, weil ich ir stinktiv fühlte, daß ich den meisten nur als Mittel zum Zweck dienen sollte. ( Schluß) Caillaux Molay, zu, wie er auf den Scheiterhaufen stieg. Ich aber, und mir zur Seite steht jene Weltmeinung, die ich anrufe, zitiere vor das Tribunal der Geschichte die direkten und indirekten Urheber, die niedrigen Handwerksknechte einer Machenschaft, die angezettelt wurde zu dem Zwecke, zugleich die Ausdehnung jener großen Rassen zu fördern, welche die Welt beherrschen wollen, und die Gegenrevolution, deren Thronbesteigung, wenn sie stattfinden sollte, die Totenglocke eines entgleisten Frankreich läuten würde. J. Caillaux. Der Krieg Die Strömungen der öffentlichen Meinung im Jahre 1917 - Clemenceau oder Caillaux Die ,, Action Française" Unter den Stürmen, welche die Menschheit schütteln, ziehen die Massen dahin gleich den unermeßlichen Herden der Ver dammten in der Göttlichen Komödie, ziehen hin und sterben, mitgerissen durch die Allmacht der großen Worte, die große Ideen heraufbeschwören. Millionen von Menschen sind losgestürzt gegen die Ungläubigen, gegen die Ketzer, im Namen Christi, im Namen des Evangeliums der Milde und des Wohltuns, das vom Berge herab gepredigt wurde. Heute flattert das große Bild des Vaterlandes vor den drängenden, stoßwütigen Massen. In der nationalen Idee gehen die zerbröckelnden alten Religionen unter. Auf beiden Seiten der Grenzen nützt man, um die Völker gegeneinander zu bringen, die Glaubenslehren aus, die ehemals sie vereinigten, und die heute in die Falten der Fahnen gehüllt verschwinden. Der Patriotismus mauert einen neuen Glauben. Er würde groß sein und Bewunderung verdienen, wenn er ganz einfach den Willen der Menschen zum Ausdruck brächte, über sich selbst zu verfügen, die Erbgüter an Aufklärung, Ueberlieferung und Kultur unversehrt zu erhalten, um auch diese zum inneren Reichtum der Menschheit beizusteuern, wenn er sich ver bände mit dem großen Ideal eines Bundes der Vaterländer. Aber genau wie die Inquisition Freibriefe für sich in den heiligen Schriften zu finden vorgab, welche die größten Worte verzeichnet halten, die über die Erde gehallt sind, genau so suchen die Fanatiker sich des Patriotismus zu bemächtigen, ihn loszulösen von dem menschheitlichen Ideal, dessen Stempel die französische Revolution ihm aufgedrückt. und ihn zu tauchen in eine Flut tyrannischer Leidenschaft. Sie verdächtigen die entspannenden Formeln, die schmieg samen Lösungen, die doch so wesentlich sind für das Leben der Völker wie für das Leben der Einzelnen. Sie wollen eine neue Religion schaffen, eine Staatsreligion, noch blinder und unduldsamer als die anderen. Und den Erleuchteten zur Seite, sich in ihrem Schatten verbergend, schreiten die geschickten Macher und die Gierigen. Diese dienen unter dem Deckmantel des Patriotismus ganz einfach dem Götzen, den ein großer indischer Dichter den ungeheuerlichen Gott des Gewinns" nennt. Jene versuchen, ihrem Ehrgeiz zu Nutz und Frommen, die geheiligte Idee an sich zu reißen und sich, nach dem ewig gleichen Verfahren, gegenseitig zu überbieten, fachen die Uebertreibungen an, sie streben dahin, um das große Gefühl herum die Mauern der Eitelkeit und des Hasses zu errichten, sie erdichten Riten, fabrizieren Dogmen als Hürden, in denen sie die großen ängstlichen Herden einpferchen wollen, Fanatiker, gefräßige Ehrgeizige und Macher werden sich verständigen, um den Wutausbrüchen der rekrutierten Massen die Männer zu opfern, die etwa sich weigern sollten, die große Idee des Vaterlandes zu beflecken, die etwa hartnäckig dabei bleiben sollten, daß die wahre Formel des Patriotismus diese ist: alle Nationen in Freiheit und Gerechtigkeit auszusöhnen suchen; sich um ihre Annäherung und ihre Vereinigung zugunsten des allgemeinen Fortschrittes der Menschheit bemühen, den Haß einzuschränken suchen; sowie die schreckensvollen Konflikte zwischen Volk und Volk ausbrechen, den Kult des Hasses ans Schandbrett nageln, das Entstehen unüberbrückbarer Klüfte vermeiden, das Unheil eindämmen. Mit schlimmerer Zügellosigkeit noch werden sie die Männer verfolgen, die sich auf diese große Lehre festgelegt haben und dazu den Sinn für die Realitäten mitbringen, die das Schiff ihres Landes nicht von einem Sturmwind der Leidenschaft mit fortreißen lassen wollen. sondern im wildesten Sturm aufmerksam auf alle Klippen von welcher Seite sie auch dräuen, die Männer, die Maßhalten und Klugheit predigen. Gegen diese Leute geht man im zwanzigsten Jahrhundert mit der gleichen Erbitterung vor, wie es im sechzehnten Jahrhundert die Leute der Liga taten gegen alle, die sie mit Verachtung ,, die Politiker" nannten, und die den gesunden Menschenverstand zum Ausdruck brachten, die Ruhe und die Versöhnlichkeit, die ein tiefes Gefühl hatten für die Interessen des Landes. Man will mit den Männern fertig werden, die auf dieser Linie fortfahren. Man hat es versucht, von 1913 bis 1914. Man ist noch nicht völlig zum Ziel gelangt. Aber es wird einen neuen Vorstoß geben. Nur wird die letzte Ausführung angesichts der Schwierigkeiten vertagt, die einer unmittelbaren Verwirklichung im Wege stehen.. Man besteht darauf, mich aus der Regierung zu entfernen. Sei's drum! Ich habe keinen Gedanken als: dienen in aller Stille, mit meinen Voten zu Hilfe kommen, über deren Ausbleiben sich die jeweiligen Machthaber nie beklagen können, derart dienen, daß ich in dem Halbdunkel, dahinein.man mich verbannen will, kein Hindernis bilde für die Entwickelung einer Kriegspolitik, die mir gewiß ernste Befürchtungen einflößt, von der ich aber hoffe, daß ihre Schwächen der große, freie Wind forttragen, hinwegfegen wird, der über die französische Erde bläst. Ich ziehe mich so weit zurück, daß ich kein Ministerium berate, daß ich mich sogar hüte, meine Meinung über die großen finanziellen Operationen und die entstehenden Steuerprobleme zu äußern, obwohl ich die Lösungen, mit denen man an sie herantritt, erbärmlich finde, ( Fortsegung folgt.)/ Görres- Gesellschaft G Eine Vereinigung, die ihren Namen nicht mehr verdient Unter den zahlreichen katholischen Organisationen in Deutschland hatte die Görres- Gesellschaft einen besonders guten Ruf. Auf ihren alljährigen Generalversammlungen zeugte sie von der Weite fatholischen Geisteslebens, bemüht, die Problematik der Zeit in die von der Kirche umfaßte Glaubenswelt einzugliedern. man Die diesjährige Generalversammlung fand kürzlich in Trier statt.„ Pflege der katholischen Wissenschaft" betonte ihre Fruchtbarkeit und ihre Ebenbürtigkeit. Aber wer geglaubt hat, daß solch eine Versammlung katholischer Akademiker und Priester etwas von dem fämpferischen Geist von Josef Görres besitzen würde, sah sich bald enttäuscht. Die Generalversammlung beschloß Huldigungs- Telegramme an den Papst und an den„ Führer" Adolf Hitler. Im vergangenen Jahre saß unter seinen Freunden in der Görres- Gesellschaft Ministerialdirektor Dr. Klausener, der unter der Verantwortung Adolf Hitlers ermordet und verbrannt wurde, infolge eines„ Mißverständnisses". Vor dieser Tatsache hätten alle Repräsentationspflichten schweigen müssen, säßen in der Görres- Gesellschaft Männer des fatholischen Katakombengeistes. Die Einsprüche gegen das„ dritte Reich" und seine weltanschaulichen Totalitätsansprüche wurden in sanfte und umschreibende Worte gekleidet. Loyalität bis zum letzten Hauch, stille, stille, kein Geräusch gemacht! Wo in diesem Hitlerlande geistige Menschen beisammen sizen, gleich welcher Fakultät und welchen Glaubens: immer schwebt über ihnen die lähmende Furcht. * Der Trierer Bischof Bornewasser sagte in seiher Eröffnungsansprache, daß der Geist der Gründungszeit der Görres- Gesellschaft nicht gestorben ist". Wissen und Glauben seien beide von Gott. Und Gott, die ewige untrügliche Wahrheit, kann sich nicht widersprechen. Die Würde der Wissenschaft bestehe darin, daß sie die Wahrheit sage. Wie im„ dritten Reich" die Würde der Wissenschaft verletzt worden ist durch die unwissenschaftliche und gottlose Raffentheorie, wie die Wahrheit niedergetreten wurde durch die Beseitigung der freien Forschung und Lehre: davon hörte man in Trier fein Wort. Vielleicht fühlten sich die Männer der Görres- Gesellschaft gerade dazu nicht besonders berufen. Gibt es ein geeigneteres Forum als die Görres- Gesellschaft gegen den weltanschaulichen Diftator Rosenberg, den offenen Feind der katholischen Kirche, der den Papst in seinem„ Mythus" herausfordert und verhöhnt? Bischof Bornemasser glaubte, mit einem Lächeln der Weisen" gegen Rosenberg genug gesagt zu haben. Er sprach von einem ,, bielgelesenen modernen, vielen zum Lesen aufgezwunge= nen Schriftsteller". Wüßten wir nicht, welch muntere Sprache der Trierer Bischof einsehen kann, eine Sprache von Heftigfeit und Leidenschaft, so würden wir uns über diese sanfte Ironie nicht wundern. Auf der Saarbrücker Tagung des fatholischen Jungvolks sprach er von„ Lüge" und„ Verleumdung" in der Polemit gegen ein katholisches Blatt, das gegen die Auslieferung des Saar- Ratholizismus. an den Terror des dritten Reiches" fämpft. Alfred Rosenberg hat, wie uns däucht, von gläubig- katholischem Standpunkt schlim= meres getan. Er hat vom Papst als„ Medizinmann" ge= sprochen, der seine sauberhaft dämonische Weltauffassung" machtpolitisch durchsetzen wolle. Er höhnt in seinem„ Mythus" über die kirchlichen Legenden und Feste:„ Jesus sei, streng genommen, abgesetzt und ersetzt durch das römische System, gekrönt von dem Papst sich nennenden Medizinmann." Der Trierer Bischof Bornewasser begnügt sich vor solchen Säßen ,, mit der stillen Heiterfeit" eines alten Domherrn. Er macht aus der Not die Tugend des Ausweichens, die für die ganze Generalversammlung der Görres- Gesellschaft kennzeichnend war. Verdient sie noch, den Namen dieses Kämpfers zu tragen? Selbst der alte Görres, der im Bereich des Katholizismus nach den Stürmen wilder Jugendjahre seine seelische Heimat gefunden hatte- wie hätte er geblitzt gegen die Feigen und die Lauen des Glaubens und der Kirche! Und Görres, der Junge, der in den Stürmen der französischen Revolution entflammte Freiheitskämpfer: wie müssen sich diejenigen schämen, die heute mit seinem Namen paradieren, wenn sie Säße wie diese lesen: Deutsche Christen Ob unter den erschossenen SA.- Führern sich auch GruppenWir sind feine flavenseelen. Wir wollen militärische Despotien geendigt, alle Aussaugungen, Erpressungen, Räubereien abgeholfen sehen... Wir wollen, daß beim Eintreten dieser Wahl nicht elende Schwäch= linge, Pinsel oder Bösewichter über das Vaterland entscheiden... Wir fordern Festig feit und Mut von euch in Verteidigung der Rechte des Bürgers gegen gewaltsame Eingriffe... Die Mächtigen der Erde hören nicht gerne die Wahrheit aus einem sterblichen Munde. Unparteilichkeit im strengsten Sinne ist mein erstes Gesez, und Wahrheitsliebe mein zweites. Wohl weiß ich, daß nur, in dem ich auf diese Art allen gro= ßen und kleinen, mächtigen und ohnmächti= genDespoten, Aussaugern, Blutegeln, Ego= isten, Böseivichtern, Usurpatoren, Schwach köpfen den Krieg ankündigen, ein schwerer Kampf bevorsteht. Aber es sei darum: Für eine gute Sache bin ich zur Aufopferung bereit, sollte sie mir noch so nahe gehen." Die Zeitung, für die der junge Görres solche Säße schrieb, hieß„ Das Rothe Blatt" und erschien 1797 für Koblenz. Wir wollen gar nicht so grausam sein, von den älteren Herren der Görres- Gesellschaft eine Haltung gegen Usurpatoren von heute zu fordern, wie sie derjenigen des Namengebers ihrer Gesellschaft entspräche. Aber der Name Görres in Wappen verpflichtet immerhin zur Flucht vor der feigen Anpassung an die herrschende Gewalt; verpflichtet zum Wahrheitswillen und zum blizenden Zorn des Schußpatrons. nochmals abfommandierten Trost zu überbringen hatten, ist nicht bekannt geworden. führer Koch- Koblenz befand, das stand lange Zeit nicht feft. Die deutsche Briefzensur Befanntlich hatten sowohl jaarländische als auch ausländisce Zeitungen eine Meldung gebracht, daß es diesem Koch gelungen sei, die Grenzpfähle des Mordreiches hinter sich zu bringen. Auch hatte ja die hitleroffizelle Bilderzeitung, die in der Woche vom 30. Juni herausfam, noch ein Heldenepos auf diesen Mann gesungen. Inzwischen hat sich bestätigt, daß auch Koch erschossen worden ist. Von einem SA.- Führer, der ihm nahe stand, erfahren wir folgende Einzelheiten: Auch Frau Koch war über das Schicksal ihres Mannes lange ununterrichtet. Sie hoffte ganz bestimmt, daß sich alle Beschuldigungen gegen ihn als böswillige Verleumdungen ehrgeiziger und unfähiger Unterführer herausstellen müßten, wenn erit ihr Gatte jeinem Führer Adolf Hitler gegenüber stehen würde, um sich zu verteidigen und die Intriganten anzuflagen. Frau Koch, die seit der Versetzung und Beförderung ihres Mannes von Schlesien nach Koblenz Sortselbst eine herrschaftliche Villa mit etwa 10 Räumen auf das Modernste eingerichtet hatte, konnte sich einfach nicht denken. daß man ihrem in SA.- Kreisen allseits beliebten Branne mißtrauen. noch viel weniger, daß man ihm nach dem Leben trachten würde. Um so bestiger muß diese Frau erschrocken sein, als nach in die Villa der Frau Gruppenführer begaben, um ihr mit= zuteilen, daß ihr Mann standrechtlich erschossen worden sei. vielen Tagen bangen Wartens, völlig unerwartet und rücksichtslos, zwei eigens hierfür abfommandierte Geistliche sich Die Urne mit der Asche kam dann auch richtig gleich hinterher an. Frau Koch ist Mutter von drei Kindern, und sie trug in diesen Tagen ein viertes Kind unter dem Herzen. Trotz der ungeheuren Aufregung und ihres Zustandes wollte sich Frau Koch selbst mit ihren Kindern zum Führer" begeben. Sie traf in aller Eile Vorbereitungen zur Fahrt nach Berlin. Doch es kam nicht mehr dazu. Eine Fehlgeburt auf Leben und Tod verhinderte die geplante Reise. Ob ihr die beiden Geistlichen, vielleicht als Führer der deutschen Christen", Dic Theoric vom Krebserreger Eine Erklärung des Präsidenten des Reichsgesundheitsamtes Vor Vertretern der Presse führte der Präsident des Reichsgesundheitsamtes, Professor Dr. Reiter, zu den Veröffentlichungen Dr. v. Brehmers über die Ursache und Bekämpfung der Krebsfrankheit folgendes aus: Bon jeher hat das deutsche Volk großes Interesse für gesundheitliche Fragen gezeigt, und es ist daher nicht verwunderlich, wenn es in einer Zeit, die ein tiefes inneres Verständnis für die Volksgesundheit offenbart, auf gesundheit liche Fragen, die alle Menschen interessieren müssen, laut und auffällig reagiert. In den letzten Tagen haben die Veröffentlichungen über die Ursache und die Bekämpfung der Krebserkrankung durch den Chemiker Dr. v. Brehmer nicht nur in Deutschland, sondern weit über die deutschen Grenzen hinaus ungeheures Aufsehen erregt. Inhaltlich gliedern sich diese Mitteilungen im wesentlichen nach folgenden Richtungen: 1. Herr von Brehmer glaubt, den Erreger der Krebserkrankung gefunden zu haben. Hierzu ist folgendes zu bemerken: Schon vor Brehmer haben wohl Millionen von Einzeluntersuchungen stattgefunden, durch die der Inhalt der Geschwülste von Menschen und Tieren einer mikroskopischen und bakteriologischen Prüfung unterzogen wurde, auch haLen mikroskopische und bakteriologische Untersuchungen des Blutes von Krebskranken durch geschulte Bakteriologen in vielen Hunderttausenden von Fällen stattgefunden sollte nicht einer dieser Wissenschaftler die Fähigkeit besessen haben, auch die von Brehmer entdeckten", mit den einfachsten Mitteln sehr leicht darstellbaren Gebilde zu finden? Wir wissen, daß steriles, bakteriologisches Arbeiten die Voraussetzung jeder experimentellen bakteriologischen Forschung ist. In diesem Zusammenhang erscheint es auffällig, daß Herr von Brehmer„ beffere" Ergebnisse hat bei Untersuchungen von Blut aus der Fingerbeere als aus Blut der Armvene. Ein geschulter Bakteriologe- Herr von Brehmer ist Chemiker-, würde wohl die Vielgestaltigkeit der gezüchteten Gebilde zu einer Kritif seiner Arbeit auf Sterilität machen, nicht aber aus dem„ Ergebnis" den Schluß auf die Vielgestaltigkeit der„ Erreger" ziehen, für deren Realität jeder, aber auch jeder Beweis fehlt, und sie auch nicht durch recht naiv erscheinende Erklärungen zu rechtfertigen versuchen, die in der gesamten Welt der Mikroorganismen einzigartig dastehen. Es wäre unbedingt seine Pflicht gemesen, vor der Veröffentlichung derartiger Befunde" die Mei= nung der Fach bakteriologen, unter ausführlicher Vorlegung seines Materials, zu befragen. Den Beweis, daß es sich um tatsächliche Erreger von Krebserkrankungen handelt, bleibt Herr von Brehmer in we seine icinen Beröffentlichungen nöllig schuldia Angaben die sich auf diese Frage eritreten. Heweisen für einen bafteriolonen gerade das Gegenteil. 2. Die Auffassung Herrn von Brehmers über die Krebsbereitschaft verdient daneaen anders bewertet zu werden. Hier liegen zweifellos Anfäße vor, das Wesen der Krebserkrankung von einem Standpunkt zu betrachten, dem volle Beachtung gebührt. Eine andere, mir nebensächlich erscheinende Frage ist, ob die von Herrn von Brehmer angegebene Meßmethodik zur Bestimmung der Ph- Zahl und damit nach seiner Ansicht der Krebsbereitschaftsgrenzen physikalisch richtig ist. Selbst wenn es sich bei seiner Technik nicht um die Feststellung der Ph- Zahl handeln sollte, wäre dieser Methodik Aufmerksamkeit zu schenken, denn sie würde genügen, wenn sie eindeutige Ergebnisse bei Krebskranken und bei Nichtkrebskranken konstant zeigt. Es wäre möglich, daß wir berechtigt sind, von einer Krebsbereitschaft in Verbindung mit der Ph- Zahl oder deren ,, Aequivalent" zu sprechen, aber auch das hat Herr von Brehmer bisher wenigstens in seinen Arbeiten nur behauptet, denn er hat nicht bewiesen, daß bei einem anscheinend gesunden Menschen, der aber nach seinen Angaben schon eine Krebsbereitschaft besitzt, nun tatsächlich nach einer bestimmten Zeit die Krebserkrankung eingetreten ist. Herr von Brehmer gibt weiterhin an, daß es gelingt, eine Verschiebung der Krebsbereitschaft durch cine bestimmte Diät erzeugen zu können. Für diese Angabe führt er auch seine Beobachtungen an Meerschweinchen an. Es würde interessieren, zu erfahren, wieviel Meerschweinchen er zu dieser Feststellung benutzt hat. Meines Wissens waren es drei bis vier. Ob bei allen die gleiche Beobachtung gemacht werden konnte, wird nicht gesagt. Wäre sie gemacht worden, so würde sie eine unaeheur wichtige Beobachtung darstellen, zumal da Herr von Brehmer weiterhin behauptet, es sei gelungen, das Meerschweinchen hierdurch für den Krebs empfänglich zu machen. Ein fritischer Forscher hätte diese Beobachtung sich sofort durch Wiederholung des Versuches, der für viele Hunderttausende von franken Menschen die wichtigsten Folgerungen hätte, an Hunderten von Tieren bestätigen lassen, aber nichts von. alledem! 3. Was die Behandlung des Krebses an Men= schen betrifft, so stüßen sich die Angaben des Herrn von Brehmer angeblich auf etwa 60 Fälle. In seinen Mitteilun= gen ist nicht angegeben, welche Krebserkrankungen in den einzelnen Fällen vorgelegen haben, nicht, seit wann diese beſtanden haben, nicht, wie lange sie nach Einleitung der Behandlung unter Beobachtung waren. Seine„ Behandlung" des Krebses verneint dabei keineswegs das Messer, sondern benutzt dieses, wie auch die Strahlenbehandlung und Hormonenbehandlung nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Gegenwart. Herr von Brehmer gibt hierzu eine bestimmte Diät, verrät aber nicht die Art dieser Diät. Auch hier möchte man jedoch glauben, daß die Erforschung der Krebsprobleme einen erneuten Impuls erfährt, wenngleich der Gedanke, durch diätische Maßnahmen den Verlauf der Krebserkranfung zu beeinflussen, ein ganz alter und befannter ist. Als nen fügt Herr von Brehmer Einspritzungen einer aus Pflanzen hergestellten Ertrafiflüssigkeit hinzu, deren zusammensetzung nicht verraten wird und deren Wirkungsweise auf die„ Erreger" unter geradezu mystischen Vorstellungen steht. Das Organ der Partei des tschechoslowakischen Außenministers Dr. Benesch beginnt mit der Veröffentlichung einer Artifelreihe über Deutschland, die ein genaues Bild des deutschen Alltagslebens zu geben verspricht. Im ersten Artikel berichtet der Verfasser Dr. Jiri Hejda, daß eine überaus strenge Briefzensur ausgeübt werde. Briefe aus Deutschland, die an Banken oder Zeitungen adressiert sind, werden regelmäßig geöffnet. Die Zenjur erstreckt sich sowohl auf Briefe, die aus dem Ausland fommen, wie auch auf Briefe, die ins Ausland gehen. Paris JunggesellenWohnung mit Bad und Küche möbl., zu vermieten. Heizung, Warmwas ser, Teleton 7, Aven. du Colonel Bonnet Passy Wecbt für die ,, Deutsche Freiheit" Deutsches Lehrgut in der Normandie bildet Jungen und Mäd chen praktisch und theoretisch in Haus, Hot und Viehwirtschaft sowie Gartnerei aus Alles inbegriffen, erstkl. Verpflegung Preis mona lich 540- Fr. Câteau de Petiville par Bavent, Calvados Berühmte Hellseherin Mme Maria ZEV Dr. ès sciences occultes Astrolo ie, Chiromancie Cartomancie, Psychoanaly.e spricht geläufig deutsch 62, rue de la Rochefoucauld( i. Hot, Tr. C. 2. Stock rechts Täg ich 2-7 Uhr außer Donnerstags Metro: Piga le 4. Sprechen wir über das, was Herr von Brehmer uns zu sagen hat und was durch Form und Inhalt seiner Mitteilungen zu einer Sensation nicht nur innerhalb der medizinischen Welt, sondern weit über deren Grenzen hinaus führte und führen mußte, das Urteil: Die über den Krebserreger selbst gemachten Angaben des Herrn von Brehmer beruhen auf von ihm gemachten Beobachtungen, deren zweifellos bona fide erfolgte Begründungen aber nicht nur unwissenschaftlich, spn= dern leichtfertia und fantastisch erscheinen müssen, solange er feine eraften, wissenschaftlichen Beweise erbringt. Wertvoller erscheint der Hinweis auf die Krebsbereitschaft und deren eventuelle Nachweismöglichkeit im Blut, wobei unberücksichtigt bleiben kann, ob die von ihm angegebene Methodik tatsächlich die Ph- 3iffer anzeigt. Vor= aussetzung bleibt, daß seine Angaben einer weiteren Prüfung standhalten. Auch die Berücksichtgung der Diät des Krebskranken verdient Beachtung, weil sie neue Anregungen gibt, auf diesem Gebiete weitere Beobachtungen zu machen. Es ist leider oft beim besten Willen der Presse nicht immer zu vermeiden, daß wissenschaftliche Mitteilungen der Fachpresse in Tageszeitungen einen falschen und entstellten Widerhall finden. Anders liegen jedoch die Dinge, wenn nun das, was in einem wissenschaftlichen Fachorgan publiziert wird, durch ergänzende" Mitteilungen des gleichen Autors in Tageszeitungen, unter Umständen verstärkt durch Wiedergabe eines Lichtbildes, in einer Form erneut in die Deffentlichkeit gelangt, die zwangsweise zu den schwersten Beunruhigungen weitester Kreise der Bevölkerung führen muß. Damit wird nicht nur das in einer wissenschaftlichen Publikation gegebenenfalls Wertvolle diffamiert, sondern es trifft diefe Diffamierung auch den Autor selbst. Herr von Brehmer hat der deutschen Wissenschaft im Inland und Ausland durch seine Publikationen in der medizinischen Welt wie durch seine Interviews in den Tageszeitungen ein ent ichlechten Dienst ermiesen, denn die deutsche Wissenschaft pflegt sich im allgemeinen durch ihre Graf: heit und Gründlichkeit besonders auszuzeichnen. Den schlechtesten Dienst erwies er aber den vielen Kranken und Geen, bei denen einerseits übertriebene und ganz falsche Heffnun gen, andererseits aber auch nicht unbedenkliche Befürchtungen vor der Ansteckung mit Krebs erweckt wurden! Die Oeffentlichkeit muß heute energisch fordern. daß sowohl alle Mitteilungen des Herrn von Brehmer bis in affe Einzelheiten einer einwandfreien wissenschaftItchen ritit unterzogen werden. Hierzu gehören die Nachprüfungen seiner Angaben über den Erreger", über die Verschiebung der Ph- Rahl des Blutes durch bestimmte Maßnahmen und die dadurch angeblich zu beeinflussende Krebsempfänglichkeit bei Tier und Mensch und ganz besonders die Nachprüfung der von Brehmer angeblich geheilten 60 Krebsfranken unter Vorlage der diese betreffenden Kran= fengeschichten. Das Reichsgefundheitsamt stellt sich für diese Arbeiten, ohne daß Herrn von Brehmer hierdurch irgendwelche persönlichen Unkoffen entstehen, selbstverständlich zur Verfügung. Der Nazikampf gegen Österreich Die Entscheidung bis nach der Saarabstimmung vertagt Paris, 15. Sept. Der Sonderberichterstatter des„ Excelfior" meldet aus München, daß als Abschluß des Nürnberger Kongresses der Stellvertreter des Führers Heß, der Stabschef der SA. Lutze und der Reichsleiter der NSDAP. Amann eine Zusammenfunft mit Mitgliedern der österreichischen Nazis gehabt hätten. Ungefähr 200 Oesterreicher, die am Nürnberger Kongreß teilgenommen hätten, wären bei dieser Zusammenkunft zugegen gewesen. Sie hätten folgende Instruktionen erhalten: 1. Die Entscheidungsschlacht in Oesterreich werde erst nach der Saarabstimmung, d. h. also im Januar geschlagen werden und man werde sich des bei der Saarabstimmung entfachten Enthusiasmus bedienen. 2. Die österreichischen Nazis müßten die Regierung Schuschnigg als volfsfremd" verdächtigen und freie Neuwahl" fordern. Der Erfolg liegt in der Reklame! Inserieren Sie deshalb in der ,, Deutschen Freiheit" 3. Die Neuwahl der Führer der österreichischen NSDAP. Werbt für die„ Deutsche Freiheit" ( Ersatz für Habicht- Frauenfeld) werde am 1. November stattfinden. Zu diesem Tage sollen sich alle österreichischen Nazis, die man für fähig hält, an einer politischen Aktion mitzumirfen, und die man aus den Flüchtlingen in Bayern, Jugoslawien und der Schweiz auswählen werde, sich nach Mün then begeben, wo sie ihre Befehle von dem neuen Gauleiter entgegen nehmen werden. Dieser Gauleiter der 10. Region( Oesterreich) der NSDAP. werde direkt und ohne Zwischenführer von Rudolf Heß ab= hängen. ,, Großfürstin Tatiana" Paris, den 15. September 1984. Die Gerüchte, daß nicht alle Mitglieder des russischen Herrscherhauses ermordet sind, wollen nicht verstummen. Man wird sich wohl daran erinnern, daß vor einigen Jahren eine gewisse Anastasia Tschaikovsky in Paris auftauchte und behauptete, die Großfürstin Tatiana von Rußland, eine der Töchter des ermordeten Zaren Nikolaus II. zu sein. Fast ein Jahr lang hielt Anastasia Tichaikovsky die Welt in Spannung, dann konnte ihr der Betrug nachgewiesen werden und die Betrügerin wanderte in den Vereinigten Staaten, wohin fie fich inzwischen gewandt hatte, ins Gefängnis. Jetzt meldet der„ Excelsior" aus Belgrad, daß in Jugoslamien große Erregung über das Auftauchen einer gewissen Nathalie Menchov Radichtchov herrsche, die dort in Begleitung ihres polnischen Sekretärs Doktor Krasoviti ange fommen ist und behauptet, in Wahrheit die Großfürstin Tatiana zu sein. Die Geschichte, die die junge Frau erzählt, trägt in vielem den Stempel der Wahrheit, während einige Einzelheiten etwas sonderbar anmuten. Die jugoslawischen Behörden forschen zur Zeit nach, um festzustellen, ob das, was in folgendem berichtet wird, einer Prüfung standhält: Nathalie Menchov Radichtchov erzählt, daß fie ebenso wie Pariser Berichte Das Cinema Studio Parnasse zeigt ab 14. September zu seiner Wiedereröffnung den wunderschönen Film von Gustav Fröhlich ,, Die Reifende Jugend". Es ist das alte und doch ewig neue Thema von der Erziehung der heranwachsenden Jugend. In den Hauptrollen Heinrich George, Hertha Thiele und S. Liwen. Der Film läuft in der originaldeutschen Fassung mit französischen Ueberschriften. Wie kristallenes Quellenwasser wirkt auf den Zuschauer diese bezaubernd schöne und reine Jugend. Der Volkswitz hat seinerzeit Flotows Lied aus der Oper ,, Martha",„ Martha, Martha, Du entschwandest" dahin abgeändert, daß er hinzufügte:„ Und mit Dir mein Portemonnaie". Die reiche Amerikanerin Frau Kurtis, die auf Schloß Buryères bei Saint Michel im dichten Walde von Bagnloes- de l'orne wohnt, kann das Lied dahin variieren, daß sie singt:„ Und mit Dir mein Kollier!" Denn ihre 24jährige Kammerfrau Anna Fuchs war seit einigen Tagen unter Mitnahme ihres kostbaren Perlenkolliers, das 123 Perlen im Gesamtwerte von 500 000 Franken enthält, verschwunden. Außerdem hatte sie noch einen fotografischen Apparat und eine goldene, diamantenbesetzte Uhr mitgehen heißen. Jetzt ist zwar die ungetreue Kammerfrau wieder aufgefunden, aber die Wertsachen sind nach wie vor verschwunden. Gottesdienst am Versöhnungstag Wir werden um Veröffentlichung folgender Mitteilung. gebeten: Der von der Association des Emigrés Israélites. d'Allemagne en France in Paris veranstaltete Gottesdienst beginnt am Kolnidre- Abend( Vorabend des Versöhnungstages) erst um 6.30 Uhr und nicht um 6 Uhr, wie auf den Einlaßkarten vermerkt ist. Vor dem eigentlichen Beginn des Festgottesdienstes findet die feierliche Einholung einer Thora-( Gesetzes-) Rolle statt, die von einer deutschen Gemeinde gestiftet wurde. Wichtige Neuerscheinung für jeden Tolitiker! BEER, Dr. M. Die auswärtige Politik des ,, dritten Reiches" kartoniert Fr. 25, gebunden Fr. 35, Polygraphischer Verlag AG., Zürich I Zu beziehen durch: Buchhandlung der Volksstimme Saarbrücken 3, Bahnhofstraße 32 Neunkirchen, Hüttenbergstraße 41 Studio Parnasse Demnächst erscheint ein neuer Film von Karl Fröhlich ,, Reifende Jugend"( Jeunesse Boulversee) Dieses Filmwerk hat in der ganzen Kinowelt auf Grund seines behandelnden Themas und durch das ungewöhnliche Spiel von Hertha Tiele, Heinrich George und C. Lieven, geradezu eine Revolution hervorgerufen. Dieser Film ist hinsichtlich seines Erfolg. dem Flm., Mädchen in Uniform" ebenbürtig. Er wird in der Original Version gezeigt werden mit tranzösischen Untertiteln. Schweizerisches und eistasischer Worstwarengeschäft Kuchenbackerel, Konditorei, Weine and Likers Produits Schmid 76, Boulevard de Strasbourg, 8, rue SL Laurent bel Gare de l'Est Telefon 4 Linien vereinigt unter BOTZARIS 61-1 Paris, Chirurg.- Mediz. Klinik Dr. Ettinger 168 ter, Avenue de Neuilly, NEUILLY- sur- Seine. Tel.: Maillot 95-50. Ständige Betten. Dauernder ärztlicher Tag und Nachtdienst, Konsultation erster Professoren Stationskranke pro Tag ab 40 Fr. Entbindungen. Gewissenhafte Behandlung. Jeglicher Komt. Kabinett für X- und ultraviolette Strahlen. Lichtbäder. Teilweise und ganze Entlettungskur. Hochfrequenz. Diathermie. Persönliche oder schriftliche Auskünfte aut Wunsch die anderen Mitglieder der kaiserlich russischen Familie in BRIEFKASTEN der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1918 in einen Keller in Jekaterinburg gebracht worden sei, um dort erschossen zu werden. Jedes Familienmitglied sei vor seinem Erscheinen vor dem Henfer namentlich aufgerufen worden. Als nun der Namensaufruf der Großfürstin Tatiana erfolgte, habe die ihr sehr ergebene Kammerfrau geistesgegenwärtig die Lampe umgeworfen und die jähe Dunkelheit und Verwirrung benußt, um Tatiana zum Kellerausgang zu zerren. Dort aber mehrte ein Rosat den Ausgana und schlug Tatiana mit seinem Gewehrkolben ins Gesicht und in der Tat, Nathalie Menchov Radichtchov hat in ihrem Gesicht eine Narbe, die von einer derartigen Verwunduna herrühren kann. Während nun die Kammerfrau gefangen genommen wurde, gelang es Tatiana, unbemerkt in das in der Nähe des Schreckenstellers liegende Nonnenkloster von Novot zu flüchten, wo sie sich mit Hilfe des Türwächters in einem Keller verbergen fonnte. Die Oberi.. des Klosters Eugenie Ivanova Mentchoff habe fich dann ihrer angenommen. Bei der Einnahme von Jekaterinbura durch die Truppen des Admirals Koltschaf floh die Großfürstin mit der Oberin und wurde von dieser als ihre Tochter ausgegeben. Sie lebte mit der Oberin bis zum Jahre 1920 zusammen, dann flüchtete fie nach Warschau, wo sie in das Kloster Charite eintrat, dort blieb sie bis 1932, um dann eine Zuflucht im Kloster Dafavine zu suchen, das sie am 16. februar 1934, uchdem sie die Bekanntschaft des Doktor Krasoviti aemacht hatte, verließ. Die Großfürstin Tatiana oder die, die sich dafür ausgibt, lebt auch in Belgrad in großer Einsamfeit, um ihre durch die abenteuerlichen Jahre erschütterte Gesundheit wiederherzustellen und im Gebet Vergessen der tragischen Geschehen zu finden, deren einziger lebender Ruge fie, wenn sich ihre Geschichte als wahr erweist, sein würde. Soweit noch Plätze verfügbar sind, können Eintrittskarten in beschränkter Zahl am Dienstag, dem 18. September, von 10 Uhr vormittags bis 6 Uhr abends am Eingang der Salle Wagram, 39 Avenue de Wagram, Paris, gelöst werden. Höhe 240 Die Umgegend von Reims ist nicht nur sehr wildreich, sie weist auch heute noch, sechszehn Jahre nach Kriegsende, ungewöhnlich zahlreiche Spuren des erbitterten Ringens auf, das gerade in diesem Abschnitt in der Nähe der Höhe 240, die von den Landleuten ,, Mont Sur" genannt wird, stattfand. Es kommt häufig vor, daß Jäger, die in dieser zwischen Gueux und Vrigny gelegenen Gegend, in dem sogenannten ,, Niemandsland" ihrer Liebhaberei nachgehen, durch die Sonne gebleichte Menschenknochen, die letzten Ueberreste der dort gefallenen Soldaten finden. Die verlassenen Schützengräben sind teilweise eingefallen, das Gras wächst wieder. Aber der Boden ist immer noch übersät mit Granatsplittern, Stacheldrahtresten, Granaten, deutschen Munitionskisten und Granathülsen jeden Kalibers. Man findet dort in diesem schauerlichen ,, Niemandsland", wie„ Paris- Midi" schildert, die Knochen der Gefallenen haufenweise. Der vom Regen durchweichte Boden hat sich gesenkt, und die Skelette der dort in Eile beerdigten Soldaten kommen wieder ans Tages licht. Man findet auch zahlreiche deutsche und französische Helme, Eßgeräte, Kochkessel und anderes mehr. Bedauerlich ist nur, so meint ,, Paris- Midi", daß die Besucher dieses Niemandslandes die Knochen der Toten als Andenken mitschleppen:„ Die Toten des Feldzuges von 1914-1918 haben ein Recht auf ewige Ruhe, selbst im Niemandsland Reims." Wie ist doch die Zeitung so interessant"... Obgleich Frankreich eine Republik ist, bringen die Franzosen doch dem, was die Fürstlichkeiten tun, ein ungemein reges Interesse entgegen. Und besonders die Verlobung des Prinzen Georg von England mit der Prinzessin Marina erregt die ungeteilteste Aufmerksamkeit der französischen Presse, die spaltenlange Berichte über das bräutliche Glück des jungen Paares bringt. Der Leser erfährt genau, wie ,, sie" ..ihn" kennen gelernt hat, wie sie sich ineinander verliebten und wie es endlich in der lauschigen Stille der jugoslawischen Wälder zur Verlobung kam. Jetzt ist Prinz Georg mit seiner Braut auf der Durchreise nach England in Paris, und das gibt den Blättern erneut Gelegenheit, sich mit dem jungen Paare zu beschäftigen. Die Herzen all der kleinen Midinettes und Stenotypistinnen, die der jungen Wäscherinnen und Verkäuferinnen schlagen höher, wenn sie im ,, Intransigeant" sehen, wie Marina sich die schönsten Hüte bei ihrer Putzmacherin aussucht und wie sie, die, wie immer wieder hervorgehoben wird, eine ,, echte Pariserin" sei, sich soeben in einem eleganten Schneideratelier in der Rue Royale ihr Brautkleid bestellt hat. Aber nicht nur das bräutliche Glück des jungen Prinzenpaares beschäftigt die Gemüter. Die Tatsache, daß die junge Prinzessin Maria- Jose de Piemont, die Frau des italienischen Kronprinzen, ein Kindchen erwartet, ist mindestens ebenso interessant. Sie gibt jedenfalls allen Pariser Blättern Gelegenheit, eingehend nicht nur jede Phase des gegenwärtigen Lebens der jungen Mutter zu beschreiben, nicht nur Einzelheiten über die Aussteuer des zu erwartenden kleinen Erdenbürgers zu bringen, sondern auch die Wiege, die die Stadt Neapel der Prinzessin zum Geschenk machte, wurde von allen Seiten in den Zeitungen abgebildet. Und der Leitartikel des Paris- Soir", der auf der ersten Seite dieses großen Boulevardblattes die ganze erste Spalte einnimmt, trägt die Ueberschrift: Die Neapolitaner erwarten mit Ungeduld die 101 Schüsse, die die Geburt eines Prinzen anzeigen, 109 „ Hitlerfaschismus und der Prager Vorstand". Seit einiger Zeit heben wir Diskussionsbeiträge über die aktuellen Probleme des Sozialismus veröffentlicht. In unserer Ausgabe vom Freitag hat ein im Reiche illegal arbeitender füh render früherer Sozialdemokrat dazu das Wort genommen. Wir haben in einer redaktionellen Bemerkung unsere Vorbehalte zu dem Aufsatz gemacht, hielten uns aber nicht für berechtigt, die Meinung eines Mannes, der unmittelbar im Reiche an der Front gegen Hitler steht, zu unterdrücken. Es scheint uns nicht flug und anständig zu sein, von der Etappe her zu schulmeistern. Das kommunistische Blatt in Saarbrücken ist anderer Meinung. Damit haben wir uns abzufinden. Unsachlich und unehrlich ist es aber, wenn es den Verfasser als ein Mitglied oder einen Vertreter des Prager Vorstandes" bezeichnet. Das wird für jeden, der nicht bösen Willens ist, schon durch den Inhalt des Aufiazzes widerlegt Wir stellen aber auch ausdrücklich fest, daß der Verfasser in keinerlei Beziehungen zu dem Vorstand der Sozialdemokratie Deutschlands, Siz Prag, steht. Er lehnt ihn ab. Im übrigen setzen wir die Diskussions beiträge fort mit keinem anderen Ziele, als der Erkenntnis und der Klärung zu dienen. Für diejenigen, die die Notwendigkeit einer solchen sachlichen Aussprache nicht begreifen und sie mit abgenüßten polemischen Tricks und mit vergiftenden Unterstellungen abzutun versuchen, sind diese Aufsäße nicht geschrieben. Man kann sich für einen Revolutionär halten und doch zu den konservativsten cwig Gestrigen gehören. Dr. Ludwig Quidde. Die deutsche Liga für Menschenrechte schreibt uns:„ Nach dem Bericht in der Morgenausgabe der„ Neuen Zürcher Zeitung" vom 5. September 1934 hat auf dem 30. Weltfriedensfongreß in Locarno Professor Dr. Ludwig Quidde im Zusammenhang mit einer Resolution zugunsten der Unabhängigkeit Oesterreichs nicht weniger originell die Anschlußfrage gestreift. Einleitend bemerkte Quidde, daß er sich bei den Ausschußberatungen über Deutschland berührende Fragen( es handelt sich um die Verurteilung der Hitlerschen Methoden und um eine Geste zur Befreiung der pazifistischen Führer Küster und von Ossiekfy) der Stimme enthalten habe, um nicht die Möglichkeit einer allfälligen Rückkehr nach Deutschland zu gefährden. Alsdann bekannte er sich als Anhänger des Anschlusses Oesterreichs an Deutschland, was mit demokratischer und pazifistischer Gesinnung durchaus vereinbar jei." Darauf hat fofort die Seftion Strasbourg der Deutschen Liga für Menschenrechte an das Präsidium des Kongresses folgendes Telegramm ge= sandt:„ Protestieren schärfstens gegen unerhörte unpazifistische Haltung Quiddes. Deutsche Liga Menschenrechte Strasbourg." Herr Quidde ist ein sehr alter Mann, Wir wollen ihm nicht vergessen, daß er ein halbes Jahrhundert ein sehr tapferer und uneigennüßiger Kämpfer für die Völkerverständigung gewesen ist. Givis romanus. Sie machen uns auf eine besondere Bosheit in der italienischen Presse aufmerksam:„ Das offizielle Organ der faschistischen Partei„ Popolo d'Italia" bringt auf seiner ersten Seite einen Artikel über den deutschen Rassismus, dessen Autorschaft allgemein dem Regierungschef Mussolini zugeschrieben wird, der von Zeit zu Zeit seine Ansichten in den Spalten dieser Zeitung anonym darzulegen pflegt. Der Artikel knüpft an die Tatsache an, daß die deutschen Behörden in den neu herausgegebenen Pässen vermerken, ob der Paßinhaber rein arischer Abstammung oder Nichtarier" set, und kommt zu der Schlußfolgerung, daß eine deutsche Rasse" nie existiert hat und nie existieren wird. Das deutsche Volk war von je ein Gemisch verschiedener Völker und Stämme; sollte man mit einer Reinigung" des deutschen Volkes jetzt beginnen, so müßte es nach Meinung der Sachverständigen mindestens noch 600 Jahre dauern, bis eine reine deutsche Rasse sich herausgebildet. Wir haben also, heißt es ironisch zum Schluß, genug Zeit, um diese Angelegenheit noch einmal in Ruhe zu überlegen." Richtig! Und dabei ist noch das große Pech, daß Hitlers eigene Rasse auch in 600 Jahren nicht zu reinigen ist, weil sein Geschlecht mit ihm stirbt. Emigrant. Einem Briefe von Ihnen entnehmen wir:„ Meine Reise innerhalb Deutschlands dehnte ich bis zum letzten Augenblid der Gültigkeit des Billetts aus. Ich war ja gerade in eine Zeit der unerfreulichsten Art hereingekommen, aber... im übrigen war es höchst interessant für den Zuschauer, der das Rückreisebillett schon in der Tasche hat. Die meiste Hoffnung und Aufmunterung rahm ich aus Hamburg mit, wo meine Freunde... einen solchen Opfermut und zielbewußte Tatkraft entfalten, wo doch noch so unendlich Gutes und Kühnes geleistet wird, daß ich Deutschland nicht ganz so verzweifelt ob seiner Mentalität verließ, wie es mir vor Hamburg zu Mute war." Literatur „ Die neue Weltbühne"( Prag X, 3izfova 4c).„ Nürnberg und Genf" heißt der Leitartikel der neuen Nummer 37. Ernst Ottwalt und Johannes R. Becher nehmen zu dem Problem der„ Literarischen Rückschalter", der zurückgekehrten Gleichgeschalteten, Stellung. Der Artifel von Becher ist ein Ausschnitt aus seiner auf dem Schrifts stellerkongreß der Sowjetunion gehaltenen Rede. Die Stellung der Schweiz zum Völkerbundseintritt Rußlands und zu den Saarproblemen beleuchtet Josef Halperin in seinem Aufsatz,„ Die Schweiz sagt Nein". H. v. Gerlach macht auf ein interessantes Dofument über Papen aufmerksam, das von den Aeußerungen des neuen deutschen Gesandten für Oesterreich beim Abschluß des Laufanner Vertrages berichtet. Gunnar Leistikom schreibt über Sozias listen in Norwegen, H. N. Brailsford über Faschisten in England. Außerdem enthält die Nummer ein Gedicht über den Philofophenfengreß, eine Kritik des mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Buches von Malraux, die Wochenschau des Weltfaschismus und des Widerstands und vieles andere mehr. Werbt für die Deutsche Freiheit"! Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Biz in Dub. weiler; für Inferate: Otto Run in Saarbrüden. Rotationsdrud und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH., Saarbrücken 8, Schübenstraße 5. Sließfag 776 Saarbrüden,