Sinzige unabhängige Tageszeitung Veutichtauds Nr. 216— 2. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, den 18. Sept. 1934 Chefredakteur: M. B r a u n iOiedec JCiccfienkatnpf. in SüddeutscMand Seite 2 Die Verständigung, mit Rußland Seite 7 Dec lud dec!Rceschkouska[a Seite 7 Ttlussolini und ÜSacthoa Seite 8 Synagogen zerstört Schändung israelitischer Gotteshäuser Berlin, 18. September. Tic hohen jüdischen Feiertage dieses Monats fNeujahr und ^rsiihnungssestj werden von Parteigenosse» des deutschen »,rührers" nnd Reichskanzlers Adolf Hitler zum Anlast für besonders gemeine Judenverfolgungen genommen. Auö mehreren dentschen Städten gehe» uns verbürgte Berichte über die Schändung jüdischer Friedhöfe nnd ^ o t t c o h L n s c r z«. In allen Mitteilungen wird flehent- nch gebeten, nichts über die Borgänge z» veröffentlichen, d a lonft mit den schwersten Repressalien zu rech- nc» sei. Mindestens einige dieser Barbareien seiner Parteigenossen müsse» dem sogenannten deutschen„Führer" bekannt gc- mesen sein, als er auf dem Nürnberger Parteitag sprach, ^eostdem hat er in mehreren seiner Reden der antisemitischen Hetze Vorschub geleistet und de,, wüstesten und rohcstcn Judenfeind, Julius Streicher, ausgezeichnet wie keinen andere» Nationalsozialisten. Wie dieser Hitlergcift sich auswirkt, hat die jüdische Ge- mcinde von Zchwäbisch-Gmünd kurz vor ihrem Neu- iahrstagc erfahren. SA.- und SS.-Leute drangen in die ^nnagoge ein und zerstörten deren ganze Inneneinrichtung, ^'t den ttultgegenstände,, wurde Spott und Hohn gc- trieben. Zersetzt, zerrisse» und zerstört wurden sie auf die Strasse geworfen. Nach der Tat wurde die ganze jüdische Gemeinde zusam- Mengetriebcn. Einer der Banditen hielt eine Ansprache und bedrohte die gesamte Judenschast von Schwäbisch-Gmünd mit den, Tode, falls irgendeine Nachricht über die Vorgänge in die Presse gelange. Der Nationalsozialist schlost seine die Schändung der Synagoge verherrlichende«nd die Juden, auch Frauen und Kinder, mit dem Tode bedrohende Rede mit dem Rufe: "Heil Hitler!" Kein Mitglied der jüdischen Gemeinde von Schwäbisch- Gmünd hat gewagt, irgend etwas über das Ereignis vcr- lauten zu lassen. So stark wirkt die terroristische Einschüchtc- r«ng. Anständige christliche Bürger der Stadt haben aber da- mr gesorgt, dast die schändliche Tat auch austerhalb der Stadt bekannt und dem Korrespondenten der„Deutschen Freiheit" Mitgeteilt wurde. 500« saarländische Juden fluchtbereif? Paris, 18. Sept.(3m) Tie aus Deutschland aus- Bewiesene amerikanische Journalistin Dorothy Thompson, oie Gattin des Dichters und Nobelpreisträgers Sinclair Lewis, hatte sich eine Zeitlang im Saargebiet aufge- Balten und veröffentlicht nun im„Petit Parisien" einen Ctimmungsbericht. der viel Aufsehen erregt. Dorothy Thompson schreibt u. a.: „Seit Hitler ist da? wirtschaftliche Leben der Saar voll- ständig in der Schwebe. Man baut nicht mehr. Da nie- wand weist, wer>» vier Monaten an der Saar regiere» wird, wagt niemand mehr Kredite zu eröffnen, von denen gänzlich ungewiß ist, ob sie nach dem 18. Januar Mao in Mark oder in Franken zu ruckzahlbar sein werden. 5000 Juden, kleine Industrielle oder kleine Kaufleute, ver- kaufen ihren Grundbesitz oder mobilisieren ihre Kapi- talien für den Fall, dast sie rasch flüchten müssen." , Wozu freilich zu sagen ist. daß die Entscheidung wirk- "ch noch„sehr in der Schwebe" ist. Einstweilen gibt es für jeden Antifaschisten an der Saar nur eine Losung: zu kämpfen, damit das Unheil abgewendet wird. alle. Beim Juden aber ist es der Fall. Und es ist sehr lehr- reich, den geschichtlichen Hergang zu schildern, denn danach wird es keine Deutung mehr gebe», nm das ivahre Wesen des Juden zu erfassen. Ich darf darauf hinweisen, daß diese Fragen bereits wissenschaftlich geklärt sind durch unseren bedeutendsten Rassenforschcr Lanz von Licbcnfcls, der bc- reits 1901 wissenschaftliche Abhandlungen über dieses Problem veröffentlichte. L. v. Ltebenfels hat einmal nach- gewiesen, und zwar an Hand einer richtigen Bibclauslegnng nach den ältesten Niederschriften, dast eS einesteils Menschen göttlichen Ursprungs gibt, die in den ältesten Quellen als Götter und Halbgötter bezeichnet werden, während ver- schiedenc Rassen dadurch entstanden sind, dast sich diese Halb- gvtter(gefallene Engels mit entsprechenden Tieren ver- mischten. Wir finden daher auch Ucberlieferungcn, in denen Menschentiere, halb Mensch und halb Tier, beschrieben und abgebildet sind." Vom Nazi angestiftet Er brachte drei Nichtjuden um im Glauben, sie seien Juden Vor dem Wiener Standgericht hat sich der 26jährige Johann Fleischer aus Scmmering wegen des dreifachen Raubmordes, begangen an dem Wiener Ingenieur Josef Jonas, der Beamtin Emma Wesseln und der 17sährigcn Verkäuferin Dorfstcttcr zu verantworten. Die Leichen der beiden Franc» hatte der Unhold auch noch geschändet. Vor Gericht erklärte Fleischer, er sei von dem»ach Deutschland geflüchteten Nazi-Agitator Spitzer angestiftet worden, mög- lichst viele Juden umzubringen. Spitzer hatte ihm immer gesagt, es müßten möglichst viele Juden weggeräumt werden, dann würden alle a»S dem Sanatorium auf dem Scmmering davonlaufen. Auf den Vorhalt des Vor- sitzenden, dast die Getöteten gar keine Inden sind, erklärte der Angeklagte:„DaS habe ich nicht gewußt." Fleischer sagte noch auS, Spitzer habe ihm die Mordwaffe zwecks Umbringung von Juden geliehen. * Ter Mörder ist vom Wiener Standgericht zum Tode vcr- urteilt worden. Das Urteil wurde bereits vollstreckt. sieg der Sozialdemokratie Der aufgenordete Marxismus Stockholm, 17. Sept. In Schweden haben am Sonntag Wahlen zu den Landthingen stattgefunden. Wie den vorläufigen Ergebnissen zu entnehmen ist, haben die Konservativen 275(bisher 329) Mandate erhalten. Die Landwirtschaftliche Partei erhielt 217(187), die Bolltspartei 117(138), die Sozialdemokratische Partei 503(469), die Sozialistische Partei 15(3) und die Kommunistische Partei 9(6) Mandate. Die nach der nazistischen Rassentheorie so hochstehen- den Schweden, die an rassischer Reinheit Gestalten wie Hitler, Goebbels, Frick und ähnliche Mischlinge weit über» treffen, haben sich also in freier Wahl wiederum für die Sozialdemokratie entschieden. Das Ergebnis ist um so bemerkenswerter, als die Sozialdemokratie in diesem nordischen Lande die Ver- antwortung der Regierung trägt. Allerdings ist Schweden ein Land ohne Beteiligung am Weltkrieg, ohne Hungerblockade, ohne eine die Wirtschaft und die Gesellschaft zerstörende Krise. Ein Skandal wie die Kreuger-Affäre konnte noch überwunden werden, und die seelisch gesund gebliebenen Volksmassen haben diese rein kapitalistische Angelegenheit richtig politisch de- wertet. Wir beglückwünschen die schwedische Sozialdemokratie. Ihr Beispiel zeigt, daß die sozialistisch-demokratische Volksbewegung dort lebens- und kampffähig bleibt, wo die soziologischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen vorhanden sind. Arbeiter und Danern Stockholm, 17. Tcpt. Die Landthingswahlen haben insofern besondere Bedeutung, als die Zusammensetzung bei Landthings, der hauptsächlich kommunalpolitische Aufgaben zu erledigen hat, auch maßgebend ist für die künftige Ver- teilung der RelchstagSmandate in der Ersten Kammer. Die Mitglieder des LandthingS bilden n?mlich die Mehrheit der Körperschaft, welche die Abgeordneten für die Erste Kammer zu wählen hat. Die Sozialdemokraten verdanken ihren Wahlerfolg nicht zuletzt dem Eifer, mit dem sie sich auch für die Land- Wirtschaft eingesetzt haben. Es ist mit einem weiteren Zusammengehen der Sozialdemokratie mit dem Bauern- bund zu rechnen, der links eingestellt Ist. Das dicke Ende Parteisteuer für die Geschäftsleute Nürnbergs Expresserische antisemitische Propaganda Nürnberg, 17. September. Ter Führer des N ü r n b e r g- F n r t h c r Einzel- Handels fordert die offenen Verkaufsstellen in einem Auf- ruf auf, 8 Prozent des Umsatzes in der Zeit vom S. bis 10. September als freiwillige Spenden und als Ausdruck des Dankes gegenüber der Reichslcitnng abzuführen, denn die Umsätze hätten die Erwartungen weit übertroffen. Es werde geprüft werden, ob alle offenen Ver- kaussstellen dieser Aufforderung nachlom- m e n., Weltuntergang SA.-Führer in einem jüdischen Trauerzug .« Der„scher' Okkulte Rassenlehre . Berlin, 17. Zepl. fJnprest.j Neben Streichers Schandblatt, 2, cm.„Stürmer", ist das okkultistische Wochenblatt der ^>at,onalsozialisten, das den Titel„Seher" trägt, bisher offenbar nicht genügend beachtet worden. In diesem Druck- "äeugnis lesen wir:„Wir haben nach den Darstellungen einer Seherin(Medium) eine Ucbersicht aufgezeichnet und e» wäre sicher interessant, diese mit den etwa vorhandenen »ktenniästigeu Belegen und wissenschaftlichen Forschungs- "acbnissen zu vergleichen. Danach kann das Judentum gar "'cht als Rasse angesprochen werden, sondern als Kreuzungs- Produkt zwischen Mensch und Tier, so daß sich hierin die gründe erhellen, weshalb der Jude wissen,chattliche„Auf kwrung" betrieb, dast auch andere Menschen stch vom Ttcr- re.ch entwickelt haben. Daß doS nicht der Fall ist, wissen wer Nürnberg, 17. Tept. sJnprcst.) In Rinteln, Grafschaft Schaumburg, hat sich, nach einer Meldung des„Stürmer", folgendes zugetragen:„Alten Parteigenossen, kampferprobten SA.-Leuten, die seit 10 Jahren ihr letztes für die Bewegung opferten, stieg die Schamröte.ins Gesicht, als sie im Trauer- zug des Juden Lenzberg einen SA.-Truppführer und Tturmbannadjutantcn, einen Stadtverordnetenvorstehcr und Ortsgruppenleiter der NT.-Hago, einen Amtswalter des Kreisleitcrstabes, zwei Studtenräte vom Gymnasium, von denen einer Kreisfunkwart und der andere SA.-Führer ist, hinter dem Judensarge einherfchreiten sahen. Tie erklärten, das sei ei» unerhörter Skandal, eine Beleidigung der Be- wegiing. Als sie ihrer berechtigten Empörung Ausdruck gaben, suchte man sie durch Drohung mit dem Uschlaver- fahren einzuschüchtern." 13 Prozent Hochschulstudenten weniger Berlin, 15. September. sJnprcst.) Aus der soeben erschic- neuen Hochschulstatiitik für das Wintersemester 1988-34 geht hervor, dast bei sämtlichen Hochschulgattungen, mit nur zwei Ausnahmen, empfindliche Rückgänge zu verzeichnen sind. Der Rückgang gegenüber dem Vorjahr beträgt 13,09 Pro- zent. Es ist vielleicht nicht uninteressant, zu bemerken, dast unter der Herrschaft der NSD. Arbeiter Partei von 16 227 ncuinskribierten Studenten nur 855 dem Arbeitermilicu cutstammen. Amtlldie Kundgebung! Schreiben der Regierungskommission deS SaargebicteS vom»». August 1981 an den VölkerbundSrat, bctressend die Eingabe der Dentschen Front vom 16. August 1934. Saarbrücken, den 80. August 1984, Herr Generalsekretär! Ich beehre mich, Ihnen in der Anlage eine»ntcrm lg. August IBM an den Bölkerbundsrat gerichtete Eingabe der„Deutschen Front" zu übermitteln. Die RegierungSkommijsion erachtet c« sür unnütz, erneut Be- Häuptlingen im einzelnen zu widerlegen, die zum größten Teil un- richtig und tendenziös sind, und bezüglich deren sie im übrigen in den»ergangenen Monate» wiederholt Gelegenheit hatte, ihre An- sich! dem Rate zum Ausdruck zu bringen. Sie wird in der Hauptsache bestrebt sein, klarzustellen, wie sehr die Ausführungen der„Deutschen Front" Über die Beratung und Anwendung der am l. Juli 1981 in Kraft gesetzten Amnestieverord- nung irrig, wenn nicht osfenkuudig wahrheitbwidrtg sind. Zunächst ist diese Beiordnung, abgesehen von einigen gering- siigige» Aciideriingcn, fast wörtlich au» einem ReichSgesey vo« AI. Dezember 1982 übernommen worden. Genau wie dieses Amnestie- gcsetz umfaßt die von der RegierungSkommihion crlagcne Berord- »ung alle Vergehen, die nicht ausdrücklich durch den Gesetzestcr» selbst von der Wohltat der Amnestie«»»geschlossen sind. Die Fest- stcllung entbehrt daher nicht de» Interesse», dast über die Tragwette der genannten Verordnung nicht der geringste Zweifel bestehen konnte, denn ein Artikel der Verordnung enthält eine Auszählung mit näherer Bezeichnung aller Vergeben und Verbrechen, die nicht unter die Amnestie falle». Selbst ohne»roste suristische Kenntnisse(11116 es darf beiläufig bemerkt werden, dast einer der Unterzeichner der ttingabe. der Jurist ist, seit vielen Jahren den Berus eine» Recht»- a n w a l t» a u» ii b Ii war somit iedermann in der Lage, die wirk- liche Tragweite der Verordnung sehr genau zu bestimmen. Zudem hat in der betreffenden.KommijiionSberatung de» tzandeSrate» der Staatskommissar— entgegen den Behauptungen der„Deutschen Front"— ausdrücklich erklärt, daß MetnctdSverfahren, wie in der Rrichsgcfetzgcbung, in die Amnestie einbegriffen seien. Andererseits berührt die Feststellung eigenartig, dast die„Deutsch« Front" offensichtlich anniführen vergißt, daß Mitglieder verschiedener politischer Richtungen, infolgedessen auch Personen, die der„Deutschen Front" nicht fernstehen, in weit- gehendem Maße und wegen sehr schwerwiegender Handlungen der Vorteile der fraglichen Verordnung teilhaftig geworden sind. So ist— um nur ein Beispiel anzuführen— eine Person, die durch den Obersten Gerichtshof de« Saargebiete» wegen Begünstigung der öntsührung eines Saarländers zu einem Jahr Gefängnis ver- urteilt worden war. einige Tage nach ihrer Verurteilung wieder in gesetzt worden. Andere Perfahren dieser Art, die sich f. falls durch die Amnestie ein- tegierungskommtiiton hervor- Our Untersuchung befanden, sind glei- gestellt worden. Schließlich möchte die oicg.rrungorommigion ycrvor- heben, da« die Durchsicht der bei der Durchsuchung der Geschäftsstelle t.rV 1 Nr°nt" beschlagnahmten Schriststiicte den Nachweis erbracht hat, daß ohne die Amnestieverordnung sehr zahlreiche Unter- iUi>h?.? en B l ßen die Mitglieder der„Deutschen Front" hätten vor- gesehen werden mühen, wegen bedenklicher Handlungen, die unter die Strafgesetze satten, aber vor dem II. Juni 19:34 begangen wor- oen waren. i. politische Ztrastaten: »s Erlaß von Geldstrafen in 71« Fällen >j von Gefängnisstrafen in; 1(10 Fällen e) Einstellung schwebender Verfahren in 882 Fällen infolge wirtschaftlicher Not begangene Straftaten: Ii Erlaß von Geldstrafen in 4 877 Fällen 2 308 Fällen Ol von Gefängnisstrafen in ci Einstellung schwebender Verfahren in 1 742 Fällen Zu dem Abschnitt der Denkschrift, der sich mit der saarländischen Pre^e und gewigen Zeitungsverbvten befaßt, beehrt sich die Rcgic- rungSkommi^ion, die ihr vvm Deutschen Auswärtigen Amt unterm 14. August 1834 übersandte Verbalnote, die ebenfalls auf die(aar- ländischc Piene Bezug hat, zur Information des Rates dem vor- liegenden Schreiben in Abschrist beizulegen. Gleichfalls beigefügt ist eine Abschrist der Antwortnote, welche die RegierungSkommißion unterm 21. August 1884 an das Auswärtige Amt gerichtet hat. Uebcr die Haltung der Beamten hatte die Rcgierungs- komminion bercitch zu wiederholten Malen Gelegenheit, sich in ein- gehender Weise zu äußern. Tie begnügt sich mit der Feststellung, daß die„Deutsche Front" sonderbarerweise aus der'Rolle einer Ad- stimmiingspartej zu fallen scheint, wenn sie vorgibt, behaupten zu können, die Rcgicrungskommission übertrage dem oder jenem ihrer Beamten Aufträge vertraulicher Art. In bezug auf die in verschiedenen Büroräumen der„Deutschen Front" vorgenommenen Durchsuchungen hat die Rcgierungskom- Mißton bereits über die ersten Ergebniße dem Rat im einzelnen Bericht erstattet, und durch die Veröffentlichung einiger beschlagnahmten Schriftstücke ist die Berechtigung der auf Grund der be- stehenden Gesetze angeordneten Polizeimaßnahmen reichlich nach- gewiesen. Wenn auch die Tatsache zu verzeichnen ist, daß im An- ichluß an diese Maßnahmen ein Untersuchungsrichter eine außerhalb seiner Zuständigkeit liegende Verfügung treffen konnte, so steht nichtsdestoweniger demgegenüber fest, daß die Führer der„Deutschen Front" den ihnen u n t e r l a n s e n e n prozessualen Irrtum erkannt zu haben scheinen, denn sie haben nunmehr die Vermalt ungs- gerichtSbarkeit angerufen. Genehmigen Sie usw.... gez. G. G. Knox. An den Herrn Generalsekretär de» Völkerbundes, Genf. Kommunist„legal" ermordet Görings blutige Rache Ter Amtliche Preußische Pressedienst teilt mit: „Am 14. September ist in Hagen der von dem Schwur- gericht in Hagen i. W. am 21. September 1933 wegen Mordes rechtskräftig zum Tode verurteilte Franz S ch i d- z i ck aus Iserlohn hingerichtet worden. Damit hat die am 13. Januar 1933 an dem SA.-Truppensührer Hans Bern sau verübte Bluttat ihre Sühne gefunden. Wie im Urteil des Schwurgerichts festgestellt ist, hatten am 18. Januar 1933 kommunistische Funktionäre die Durch- sührung einer bewaffneten Aktion gegen d'c Nationa'- sozialisten beschlossen und in« AussühriuiH.im einzelnen fest- gelegt. Tchidzick, der über den beabstchtigten Angriff genau unterrichtet war, hatte in der Nacht vom 16. zum 17. Januar 1938 im Hause eine Mauserpistole mit mehreren Schüssen zu sich gesteckt. Während die Kommunisten planmäßig in zwei Abteilungen auf das TA.-Hcim zumarschiertcn, um die SA.-Lcutc zu überfallen, stellte er sich im Schatten eines Baumes gegenüber dem Bahnhofshotel nahe dem TA.-Heim auf die Lauer. Aus diesem Hinterhalt heraus sah er Bernsau, der seinen beim TA.-Heim von kommunistischer Uedermacht angegriffenen Kameraden zu Hilfe kommen wollte, im hellen Licht über den Platz kommen und schoß ihn kaltblütig genau zielend von hinten nieder,' am folgenden Tage starb Bcrnsau an der Schußwunde. Ter Preußische Ministerpräsident hat von seinem Be- gnadigungsrechl keinen Gebrauch gemacht, da der Täter in heimtückischer Feigheit ein für das deutsche Volk und die nationalsozialistische Bewegung ivertoolles Menschenleben vernichtet und sich damit selbst aus der deutschen Volksge- meinschast ausgeschlossen hat" Selbst aus diesem Bericht der amtlichen Fälscherzcntralr. aus der seinerzeit alle amtlichen Lügcnberichte über den Reichstagsbrand stammte», geht hervor, daß der Kommunist durch keinerlei Zeugen überlührt ist und es sich um eine willkürliche Annahme des parteiischen Schwurgerichts handelt. „Vandallsmus HJ.-Heim zerstört » Die gleichgeschaltete Presse meldet aus Grünheide lKrelS Ntederbarnimf: „In das HJ.-Heim der Gemeinde Grünheidc, das im Ge- iäude F bäude der ehemaligen Gasanstalt untergebracht ist, d-e-n•-n nachts durch ein zertrümmertes Kellerfenster unbekannte Burschen ein, zerstörten Möbelstücke und Gebrauchsgegen- stände und zerschlugen alles, was ihnen unter die Hände kam. Die Wände beschmierten sie mit roter Oelsarbe, Gerade ans den Pinseleien geht hervor, daß es sich um politische Täter handeln muß. Polizei und Gendarmerie haben die Ermittlungen ausgenommen. Die Entrüstung in der gan- zen Gegend über diesen Bandalismns ist groß." Also Bandalismns. Und ivas war es, als Herr Hitler durch SA,- und TS,-Banditen zchntonsende Privatwobnun- gen völkischer Gegner verwüsten und Arbeiterheime schän- den ließ? Das Verbrechen eines Sdirlfttelters Ordnungsstrafe wegen falscher Berichterstattung Berlin, 14. Sept. DaS Bezirksgericht Berlin der Presse beschäftigte sich heute zum erste» Male mit einem Verstoß gegen die Bestimmung des Schriftleiter-Gesetzes. die den Schriftleitern wahrheitsgemäße Berichterstat- t u n g zur Pflicht macht. Der Hauptschriftleiter einer kleinen Berliner Filmzeitschrist hatte aus Zeitungen die Nachricht von dem Lawinenunglück übernommen, das sich in diesem Jahre bei Pontrestna in der Schweiz zugetragen hatte. Im Gegensatz zu den richtigen Meldungen hatte er aber in feinem Bericht den Eindruck erweckt, als sei auch die Film- erpedition von Louis Trenker, die damals in der Nähe Bergausnahmen machte, von dem Unglück betroffen worden. Das Presfegericht nahm den verantwortlichen Hauptschristleiter in eine Ordnungsstrafe von 59 Reichsmark. LandcsMsdiof-„Judas isdiariol u Beispielloses Dokument aus den süddeutschen ifirdienkämplen Um ein vollständiges Bild von der praktischen Bedeutung der in Frage stehenden Verordnung zu geben, teilt die Rcgierungskom- Mission nachstehend die amtliche Statistik mit: Der protestantische Kirchenkainpf in Süddeutschland schlägt immer höhere Wogen. Durch die süddeutsche Presse geht jetzt ein Aufruf des„Süddeutschen Bundes Evange- lischer Christen", der den bayrischen Landesbischof M e i s c r in einer bisher noch nicht dagewesenen Weise beschuldigt und beschimpft. In diesem Aufruf wird der amtierende Landes- bischof als„Mann ohne Ehre und Charakter" bezeichnet. Es wird ihm vorgeworfen, er habe sein dem Führer gegebenes Treuebekenntnis schmählich gebrochen und den ReichSbischot Müller schmählich verraten. Die wichtigsten Stellen lauten: „Landesbischof D. Mciser hat sich damit selbst die Ehre genommen. Er ist treulos. Er ist wortbrüchig. Er ist u n ch r i st l i ch. Er hat v o l k s v e r r ä t e r i s ch ge» handelt. Er hat daS Ansehen der evangelischen Kirche aufs schwerste gefährdet und in Verruf gebracht. Christus sagte: „Wer im kleinen untreu ist. der ist es auch im großen." LandeSbifchof D. Meiser ist untreu im großen. Er ist untreu dem Volk und dem Vaterland und damit auch der Kirche gegenüber. Denn ohne Volk und Raterland kann die Kirche nicht bestehen. Landesbischos D. Meiscr hat gehandelt wie jener Verräter, den jeder ehrliche Christ verabscheuts Er hat gehandelt wie Judas Jscha- r i o t Dieser verriet seinen Herrn und Meister mit einem Kuß, Landesbischof D. Meiser verriet seinen Führer mit einem Händedruck..." Dabei ist hervorzuheben, daß die Teilnehmer zum größten Teil aus guten Pg.s bestanden. Führer der Deutschen Christen in Zehlendorf soll Prosesior F c z c r von der Tu- binger theologischen Fakultät sein. Auch in Hannover herrscht noch offener Aufruhr. Der Widerstand des Landesbischofs Marahren und der hinter ihm stehenden Pfarrer ist durch die diktatorischen Maß- nahmen der Reichskirchenregierung keineswegs gebrochen. Die Bekenntnisbewegung in Hannover umsaßt von den 985 Pfarrern rund COO sowie über 60 000 Laien. Das gegen die Berliner Kirchenregierung gerichtete Rundschreiben Marah- rens, das zum Widerstand gegen die Reichskirchcnrcgieru'g aufforderte, wurde von 773 Pfarrern bejahend, 67 vcr- »einend, 30 ausweichend beantwortet. In Frankfurt am Main tagte der deutsche Pfarrertag. Hier wurde die Durchführung des F U h r e r p r i n z i p s beschlossen. Sämtliche Pfarrvercine wurden einem Reichs- bundführcr unterstellt. Tie Abstimmung wurde nicht in der üblichen Weise, sondern durch H a n d a n s h e b c n vorge- nommen... Rücktritt Zum Schluß wird gesagt, daß die Geduld der evangelischen christlichen Bevölkerung nunmehr zu Ende sei. Tie dulde nicht mehr, daß die evangelische Kirche zum T u m m e l- platz volks- und landesverräterischer Ziele und Machenschaften gemacht werde. Tie dulde nicht mehr, daß„unwürdige, charakterlose und vaterlandslosc Geistliche" das Ansehen der Kirche schädigten und beschmutz- ten. Daher verlange die evangelische Bevölkerung die so- sortige Entfernung des wortbrüchigen und treulosen Landesbischofs D. Meiser. In der„Fränkischen Tageszeitung", dem Tprachorgan des speziellen Hitlersreundes Julius Streicher, reicht dieser Aui- ruf über anderthalb Seiten. Die Kernsätze mit den saftigsten Beschimpfungen des amtierenden Landesbischofs werden durch fingerdicken Druck herausgehoben. Man muß lange su- chen, um unter den zahlreichen Dokumenten des Kirchen- kampses ein so von Schimpsworten strotzendes Manisest zu finden.„Landesverräter" ist der evangelische bayrische Bischof schon. Es i'ehlt eigentlich nur noch die Behauptung, daß er ein Angehöriger des marxistischen llntermcnschentums sei. Vielleicht hat die Heftigkeit dieses Aufrufs noch einen an- deren Sinn. Es ist bekannt, daß der bayrische Reichsstatt- Halter Ritter von Epp und der bäurische Ministerpräsident Siebert den Protest der bayrischen Landessynode und ihres Bischofs gegen die Berliner Zentralkirchenregierung insgeheim billigen und unterstützen. Danach hat es den An- schein, daß der den Landesbischof beschimpfende Aufruf des „Süddeutschen Bundes Evangelischer Christen" gleichzeitig gewisse Unstimmigkeiten unter den braunen Diktatoren in Bayern dokumentiert. Berlin. 17. Sept.«United Preß.) Der Landcsle'ter de? Deutschen Christen im Rheinland Landrat a, T. Dr. K r u m- macher, einer der schärfsten Vorkämpfer des Reichs- bischofs, ist von seinem Posten zurückgetreten, angeb- lich, weil weitgehende Mcinungsverschiedeuhe'ten zwischen ihm und dem Reichsbischos und dem Kurs der Reichsleitung bestanden. Res Uder Reichs- und LandesDisehoi Erfolgreicher Prozeß eines gemaßregelten Pfarrers Das Landgericht Berlin verhandelte in einer Klage des Pfarrers Dr. Hans B n ch h o l tz in Bcrlin-Tempelho« ge- gen die Evangelische Kirchengemeinde Bcrlin-Tcmpelhos. Der Kläger, der Piarrer in der beklagten Kirchcngemcinde war, war durch Schreiben des Evangelischen Konsistoriums der Mark Brandenburg Unter Hinweis aus die Bestimmungen der Verordnung des Landesbischofs vom 3. Februar 1934 in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden. Der Kläger hielt diese Maßnahme ans Rechts- gründen für unwirksam und klagte die vermögensrechtlichen Ansprüche ein, die ihm als Pfarrer im aktiven Dienst zu- Die Kirchenkämpfe sind auch in anderen Gegenden Deutschlands wieder im vollen Zuge, Wir berichteten am Samstag über eine stürmisch verlaufene Versammlung der Deutschen Christen in Berlin-Zehlendorf. Die Orts- gruppe löste sich schließlich zum Zeichen deS Protestes gegen den Reichskirchenleitung auf. Bon allen Seiten wurde am Gewaltkurs des Reichsbischoss leidenschaftliche Kritik geübt. stehen würden. DaS Gericht entsprach im Urteil seinen Wünschen. Die Kirchengemeinde wurde verurteilt, an Pfarrer Dr. Buchholtz 2178 Mark sofort und vom 1. August 1934 bis zum 1. März 1935 sortlaufend am ersten eines jeden Monats je 539,86 Mark zu zahlen, ferner ihn in der von ihm bewohnten Dienstwohnung zu belassen. Die Kosten des Rechtsstreits hat die Kirchengemeinde zu tragen. In der U r t e i l s b c g r ii n- düng wird ii. a. ausgeführt, die Versetzung des Klägers in den einstweiligen Ruhestand sei unwirksam. Sic entbehre der nötigen rechtlichen Grundlage, Die Verordnung des Landesbischofs vom 3. Februar 1934 könne nicht angewandt werden, weil sie nicht rechtswirksam sei. Das folge daraus, daß ihre gesetzliche Grundlage, nämlich die Verordnung des Reichs- und Landbiichofs vom 26. Januar 1934. unaültig sei. Das Gericht schließt sich dabei an ein Rcchtsn"'"*'™ von Reichsgerichlsrat Flor an. Furcht vor dem„Blitz 61 Eine angebliche deutsche Kriegserfindung London, 17. September. Im„Sunday Dispatch" warnt I. D, S. Alan die Welt vor einer neuen deutschen Erfindung. Die bekannten Fabriken von Ernst Heinkel hätten ein ungewöhnlich schnelles Flugzenn„Blitz" hergestellt, dessen Friedenstnpe zur Personenbeförderung zivischeu den einzelnen deutschen Hauptstädten benutzt werde. Jetzt aber sei man dort zum Bau eines Kriegsflugzcuges übergegangen, das geeignet sei, alle zur Zeit geltenden Grundsätze der Lustverteidigung und des Luftangriffs über den Hausen zu werfen. Das neue Flugzeug könne eine Geschwindigkeit von 400 Klometeru je Stunde erreichen und besitze einen Altions- radius von 1600 Kilometern, Es könne eine Last von 459 Kilo Bomben mit sich führen. Charakteristisch sei daß es nicht mit Maschinengewehren ausgerüstet iei und sich nicht se.bst vcrteid ge. Vielmehr könne auch der sonst für Waffen, Maschinengewehr-' und Munition bestimmte Raum zum Transport von Bomben benutzt werden. Denn es brauche sich ja nicht zu verteidigen, da sich kaum ein Jagdflugzeug mit seiner Schnelligkeit und seiner Ausst'egsfähigkeit messen könne. Sollte es einmal überfallen werden, so werde es der Zerstörung durch seine außerordentliche Manövrierfähigkeit sicher entweichen können. Die Deutschen hielten Lustgeschwaderübungen nicht mehr für notwend'g, denn sie glaubten, so schreibt„Sunday Dispatch", daß der nächste Krieg weniger ein Luftgeschwader- krieg sein werde als vielmehr eine Massenzerstörung der auf der Erde befindlichen Gegenstände, und den Tieg werde die Nation davontragen, die in der kürzesten Zeit das meiste zerstört haben werde. Der Personen-„Blitz" fahre mit hundert Kilometer Ge- schwinbigkeit per Stunde, er habe sieben Plätze, die in Kriegözeiten gleichfalls zum Bombentransport ausgenutzt werben können. Da nun jede Maschine rund 500 Bomben transporticrcy könne und die in Frage kommenden Bomben bei einer bestimmten Temperatur explodierten, so könne man sich vorstellen, welche schreckliche Wirkung diese Geschosse an- richten könnten, deren furchtbare Weißglut jedes Lebewesen im Umkreis von zwanzig Meter vernichten würbe. Bas ideuest*» Die sieben Todesopfer des Schüssclkar» sind nach aus- opfernder Arbeit, die unter der umsichtigen Leitung des Bergführers Borger standen, geborgen und zunächst nach Partenkirchcn gebracht worden. Die Angehörigen der Ber» unglückten waren zum letzten Abschied nach Partenkirchev gekommen. 4° Im L e i ch t a t h l e t i k- L ä n d e r k a m p s gegen Finn» land errangen in Berlin die Deutschen einen Gesamtstes mit 166'/, zu 66'- Punkten. * Ein seltsames Unglück ereignete sich bei D i j o n. Ein Schmied fuhr im Auto zum Angeln und nahm seine beiden Knaben im Alter von 3 und ä Jahren mit, ebenso ein ltjähriges Mädchen. Während er zum Angeln ging, ließ er die Kinder im unbewachten Wagen zurück. Dieser geriet aus unbekannten Gründen ins Rollen und fuhr geradezu in den Fluß. Die drei Kinder kamen ums Leben. Der dreijährige Knabe konnte bisher noch nicht ausgefundcn werden. * In Vouvray ist am Sonntag ein Denkmal zur Erinnerung an die Balzacsche Romansigur des Handlvngs- reisenden Gandisiari eingeweiht warben. Da» Denkmal ist eine Stiftung der französischen Handlungsreisendcn. Wie Havas aus Gens berichtet, spricht man in öfter- reichischen Kreisen davon, daß Bundeskanzler S ch u s ch n i g g sich möglicherweise im November nach Paris z» Verhandlungen mit der französischen Regierung begeben werde. Heinkel, der über eine ausgezeichnete Facharbeiterschaft verfüge, stelle täglich etwa 100 Flugzeuge aus einer Metall- legicrung her, die allen Wettergefahren, Regen, Hagel, Schnee trotze. Außer dieser technischen Vervollkommung seiner Luft- rüstnng aber, so schließt Alan seine interessanten Ausführungen, verfüge Teutschland über eine Menge ausgebildeter erfahrener Piloten, so baß es mit einem einzigen Schlage Panzerplatten. Unterseeboote, Städte, Häsen. Eisenbahnwege und Brücken zerstören könne. Der„Populairc" teilt mit, daß nunmehr anßer dem„Po- vulaire" und der kommunistischen„Humanite" auch das französische Gewerkschaftsblatt„Le Pcuple"«Parisj und das belgische Gewerkschastsblatt„Le Pcuple"«Brüssels in Tunis verboten find. * In dem französischen Kraftwagenrennen am Munt Ventour siegte der bekannte deutsche Rennfahrer Hans Stuck. Sonntag vormittag wurde in Belgrad die internationale parlamentarisch« Wirtschastskonserenz eröffnet. äd§llmm««Msmm!88!on wanrt Vor Zusammenarbeit saarländischer Behörden mll der„denisdien fronf Saarbrücken, den 17. September 1934. Schon häufig hoben wir Gelegenheit nehmen müssen, auf s-e unzulässige Zusammenarbeit der gleichgeschalteten Behörden des Saargebietes mit der braunen Front einzugehen, -dieses Hand-in-Hand-Arbeiten hat zu von uns oft getadelten Mißständen geführt und ist darüber hinaus geeignet, i>e Richtigkeit der Abstimmungslisten absolut in Krage zu uellen. Tie AbstimmnngSkommission hat nunmehr diesem "1 roblem ihre Aufmerksamkeit zugewandt. Sie veröffentlicht folgende Bekanntmachung: Bekanntmachung der Abstimmungskommission bnb. Saarbrücken, 16. Sept. Auf Antrag der Volksabstim- mungSkommisston gibt die Regierunaskommission im Amts- blatt folgendes bekannt: Tie Volksabstimmnngskommission anerkennt mit Tank,- daß die örtlichen Behörden des Saargebiets, insofern sie bei der Aufstellung der vorläufigen Listen der Stimmberechtigten mitzuarbeiten hatten, eine vom technischen Standpunkt wert- volle Arbeit geleistet haben bzw. noch leisten. Tagegen hat die Abstimmungskommission zu ihrem Be, dauern wiederholt feststellen müssen, daß Verbindungen zw«» iche» örtlichen Behörden und einer politischen Organisation bestehen, welche diejenige Zurückhaltung verletzen, die man von den öffentlichen Beamten des Soargebietes in Sachen ber Volksabstimmung z« erwarten berechtigt ist. In ihrem Aufruf vom 1. Juli hat die Volksabstimmungs- kommisfion daraus hingewiesen, daß die Bevölkerung des Gebiets sich gemäß den Bestimmungen des Friedensvertrags über drei Fragen zu entscheiden hat: »l Beibehaltung der durch genannten Vertrag geschaffenen Rechtsordnung? h) Bereinigung mit Frankreich: c) Vereinigung mit Teutschland. ES geht daraus hervor, daß eS hinsichtlich der Abstimmung drei vollkommen gleichberechtigte Parteien gibt, deren keine als bevorzugt und ebensowenig als minoerwertig anzu- sehen ist. Im gleichen Ausruf hat die Kommission die Erwartung ausgesprochen, daß die Beamten sich jeder unmittelbaren oder mittelbaren Beeinflussung der Stimmabgabe sorgfältigst enthalten. Tiefe Erwartung ist in verschiedenen Fällen nicht erfüllt worden. Tie AbstimmnngSkommission ersucht daher sämtliche Bc- Hörden, jede Zusammenarbeit sofort einzustellen und in Zu- kunst alles sorgfältigst zu vermeiden, was als eine behörb- lich Beeinflussung der Bevölkerung aufgefaßt werden kann. Im Zusammenhang hiermit erinnert die AbstimmungS- kommisfion an die Verordnung Nr. 693 betr. die Neutralitäts- Pflicht der Beamten des Saargebiets vom 23. November 1933 sowie an die Strasbestimmungcn der Verordnung Nr. 614 betr. Ergänzung und Abänderung des Strafgesetzbuches und des GcrichtsverfassungSgesctzes vom gleichen Datum. Saarbrücken, den 12. September 1934. Ter Präsident der Abstimmungskommission: gez. D. de Iongh Wzn. kommen, und teilt« ihm mit aller Entschiedenheit mit, daß er innerhalb einer Stunde, d. h. bis mittags 12 Uhr, die gestohlenen Dokumente wieder in seinem Besitz haben wolle. Wenn das bis 12 Uhr nicht besorgt würde, so ließe er das ganze Bürgermeisteramt vom Fleck weg verhaften. Diese Drohung bewirkte Wunder: Um 12 Uhr mar das gestohlene Gut zur Stelle. Bürgermeister RupperSberg, bekannt als„Held" eine» Disziplinarverfahrens, ist durch seine engen Beziehungen zu den Nationalsozialisten bekannt geworden. Während er früher einwandfrei nach links schielte, hat er die Zeiten der Zeit verstanden und fich zu Hitler umgeschaltet. Bekanntlich befand er sich in der Waterloostraßc, als dort von der Polizei die Akten der braunen Front beschlagnahmt worden sind. TaS Dunkel über diesem Abstimmungsdiebstahl ist noch nicht ganz geklärt. Wer aber auch der Täter ist, der Fall zeigt, was man alles noch von der braunen Front zu er- warten haben wird. Oer kleine Hitler Genau nach dem Muster Hitlers„erläßt" der Landesleite? der braunen Front seine Willensäußerungen. Es klingt doch furchtbar wichtig, wenn so ein kleiner Mann wie Pirro von Genf aus seine Befehle in die Welt schickt. Das DNB. meldet: Saarbrücken, 16. Sept. Der Landesleiter der Deutschen Front Pirro hat von Genf aus folgende Verfügung erlassen: Ich ernenne hiermit das Mitglied der Deutschen Front Heinrich Rietmann zu meinem Stellvertreter und er» teile ihm meine sämtlichen Vollmachten. kommt neutrale Polizei an die Saar? Immer neae Terrorahle Vier Monate trennen die Saar von der großen Abstim- mungsentscheidung. Unruhe und Gewaltakte steigern sich, ohne daß die Polizei Durchgreifendes unternehmen kann. Teils reichen ihre Kräfte nicht aus, teils nimmt fie offen Partei für die braunen Terroristen. Der Ruf nach neu- traler Polizei, den sich Präsident Knor schon vor Wo- che» in Gens zu eigen gemacht hat, scheint nicht länger unge- hört zu verhallen. Wie verlautet, sollen Luremburg, Holland und Italien(für Südtirolj die private An- Werbung der Polizeikräfte genehmigt haben. Es wird auch von den deutschen Grenzgebieten der Tschechoslowakei in diesem Zusammenhang gesprochen. Tie„Nene Zürcher Zeitung" bekennt sich erneut als scharfe Gegnerin der Anwerbung von Polizeikräften aus der Schweiz. Das Blatt schreibt(Nr. 1648): „Wir sind überzeugt, daß auch weniger gebildete und ge- schulte Schweizer in ihrer Eigenschaft als AbstimmungS- Polizisten im Saargcbiet die erforderliche Charaktersestig- feit zeigen würden: wir wissen aber ebenso gut, daß sie deswegen von den Anhängern der„deutschen Front" im Saargebiet wenig Lob zugeteilt bekämen. Die nationalso- zialistische Rückgliederungspropaganda arbeitet im Saar- gebiet mit Mitteln, die sich mit unseren liberal-demokra- tischen Begriffen von Erlaubt und Unerlaubt im politi» scheu Kamps niemals vereinbaren lassen. Unsere Soldaten könnten nicht anders, als dagegen energisch Stellung zu nehmen, wodurch ihre Neutralität schwer gefährdet würde. Ter gegenwärtige Propagandakampf im Saargebiet ist letzten Endes ein Kampf zwischen zwei Weltanschauungen, zwischen der diktatorischen und der liberal-demokratischen. Auf welcher Seite die Großzahl der Schweizer gefühls- mäßig stehen, ist unzweifelhaft. Folge davon wäre, daß die als Abstimmungspolizei wirkende Truppe inner- halb kürzester Frist wegen ihrer, nach unserer Auffassung korrekten Haltung gegenüber den Kampsmethoden der Na- tionalsozialistcn von der Rttckgliedernngssront ebenso scharf angegriffen würde, wie seit Jahren die Saarregie- rung und einige in ihrem Tienst stehende deutsche Republikaner." Aus Grund der Erwägungen warnt das Züricher Blatt den Bundesrat vor einer Zusage, auch wenn sie nur die pri- vate Werbung betreffen sollte. Es könnten sich für die Schweiz daraus nur Unannehmlichkeiten und Gefahren er- geben. Wir würdigen diese Auffassung. Aber sie scheint uns der Logik zu entbehren. Wenn alle anderen Länder diese Auf- fassung verträten, bliebe die antihitlerisch gesinnte Bevölke- rung der Saar völlig schutzlos. Aber diese Tatsache ließe sich mit der Liberalität und er Loyalität der Schweiz schlecht vereinbaren. ist blutig. Zahlreiche lange und zwei bis drei Zentimeter breite frische Striemen verlausen über der linken Schulter-, Oberarm- und Nackengcgend. Etliche blutunterlaufene Hautstcllen befinden sich in der linken Rierengcgend. Die rechte Wcichengegcnd ist druckschmerzhaft. Ter rechte Hand- rücken ist blutunterlaufen und polsterförmig angeschwollen. Mehrere kleinere blutende Hautschrammen findet man ans der Scheitelgegend des Kopses. Acrztlicherseits muß angenommen werden, daß ein Teil dieser vielfältigen Verletzungen durch Schläge mittels harter Gegenstände verursacht worden find. Es ist mit einer Arbeitsunfähigkeit des Verletzten von vier bis sechs Wochen zu rechnen. Dr. med. Raben, Arzt, gez. Dr. Rüben. Für richtige Abschrist. Brebach, den 1». September 1934. Marke der Quittung«ber Die Polizei-Verwaltung Gebühren Der Bürgermeister Stempel d. Polizeivcrw. Brebach. Unterschrist. Plrros iisle verschwanden Der Abstimmungskommissar zaubert sie wieder herbei Saarbrücken, den 17. September 1934. Bekanntlich ist der Lanöessührcr der braunen Front, IakobPirro aus Homburg, nicht obstinimungsbcrechtigt. Er hat am 28. Juni 1919 nicht im Saargcbiet gewohnt. Mit dieser Frage hatte sich, wie wir bereits berichtet haben, der Abstimmniigsausschutz in Homburg beschäftigt. Wie wir von einem Mitglied der braunen Front erfahren, war die Ent- scheidung im Falle Pirro einstimmig, also auch mit Einschluß der Mitglieder auS der braunen Front, gefällt worden. Un- weigerlich war damit Pirro als»ichtabstimmungsberechtigt zu betrachten. Kaum war diese Entscheidung gefaßt, als aus den Akten des A b st i m m u n g s k o m m i s s a r s die Vorgänge über den Fall Pirro plötzlich verschwunden sind. Wer sie gestohlen hatte, ließ sich nicht feststellen. Der Abstinin,u»gskommissar aber ließ sich nicht verblüffen. Er ließ sich den Bürgermeister RupperSberg von Homburg Jeden las. blutige'Terror über fälle Sulzbach, 18. September. In der Nacht vom 16. aul den 17. September, gegen 12.39 Uhr, wurde in der Nähe des Marktplatzes in Sulzbach der Genosse Fritz Schneider von einem Trupp National- sozialisten hinterrücks ü b e r f a l l e n und schwer verletzt. Schneider ist ehemaliges Mitglied des Gemeinde- rates und Angestellter bei der Gemeinde Sulzbach. Ter Nationalsozialist Zahler wars mit einem Bierglas nach Schneider und traf ihn im Rücke». Im nächsten Augenblick kam der Nationalsozialist Tchenkelbe'.'er ans Altenwald auf Schneider zugesprungen, schlug mit einem harten Gegenstand in sein Gesicht und Schneider fiel bewußtlos zu Bode n. Nachdem er wieder zu sich gekommen mar, schleppte er sich zur Polizei und machte dort Strasanzeige Die Po- lizei hat Schneider dann in das Knappschastskrankenhans eingeliefert, wo ihm ein Notverband angelegt worden ist. Heute morgen ist Schneider operiert worden. Der Uebersallene gilt als einer der ruhigsten und anftän- digsten Leute in Tulzbach. Er ist 39 Jahre alt»nd i»,vorbei- ratet, einer der überzeuatesten Mitglieder der Sozialdemo- kratie. Die Wut der Nationalsozialisten gegen ihn besieht darin, weil er sich als Beamter ber Gemeinde nicht gleich- schaltet. Die beiden Nationalsozialisten wurden verhaltet und nach Ausnahme des Protokolls wieder freigelassen, trotzdem der Landjäger die Schwere der Verletzungen be- stätigte. rin dunkler lleherfall Ein„Deutsch-Frontler" soll von Polizisten mißhandelt worden sein Durch die gleichgeschaltete Presse de» Saargebiets geht in sensationeller Ausmachung ein Bericht über einen nächtlichen Uebersall aus ein Mitglied der„deutschen Front". Danach soll der Bergmann Anton Schulz aus Münchwies auf dem Wege nach seiner Behausung überfallen und schwer mißhandelt worden sein. Trotz der Länge der Be- richte bleibt die Sache sehr unklar. Tie Ueberfallenden sollen nämlich zur Landjägerei oder zur blauen Taarbrücker Po lizei gehört haben, wie sich aus den Aussagen des Ueber- fallenen ergibt. * Die Aufklärung der mysteriösen Angelegenheit wirb wobi nicht lange auf sich warten lassen. Der Fall ist jedoch eine neue Bestätigung der allgemeinen Unsicherheit im Saarge- biet. Er beweist erneut die Notwendigkeit neutraler Polizei, die die gleichgeschaltete Presse so ungern sieht. Wenn sie nun ihrerseits sogar gegen Polizeibeamte Vorwürfe erhebt, an Terroraktionen beteiligt zu sein, so ist das ein besonders durchschlagendes Argument für die Berufung von Polizei- truppen, die ganz außerhalb der Parteikämpfe des Saar- gebiets stehen. Beweise eines Terrorfalles Arzt bescheinigt furchtbare Mißhandlungen Saarbrücken, den 18. September 1934. „ In unserer Samstagnummer schilderten wir unter obiger Ileberschrnt den Terrorfall Hillebrand aus Rentrisch. Darin berichteten wir über die Verletzungen, welche die braunen Banditen Hillebrand beigebracht hatten Tie Presse der Sache zu bagatellisieren versucht und den Uebersall als eine harmlose Wirtschaftsgeschichte darzustellen fichbemiiht. ± c. gegenüber veröffentlichen wir nachstehend das arztliche»Urft des Knapp,chaltsarztes Dr. Rüben. ES zeigt am besten, in welch viehischer, unmenschlicher Weise die feigen braunen Gesellen den ihnen allein gegenüberstehenden Hillebrand zu gerichtet haben.« sf* r ,rt Dr. Earl-Ioseph Rüben,. «nappschaftsarzt. Bliesbolchen. den 7. Sept. 1934. Bliesbolchen(Saarf. Aerztliche Bescheinigung Am 7. September 1934 wurde ich nm 9.39 ttbr"bendo zur Hilfeleistung bei Her.» H i l l- b r a n d nach dem Ritt- hos(Bliesransbach! gerufen. 5>„«„letzte gibt an: er sei vor ungefähr einer S unde in Reinhei... von vielen Personen au--»litischen^ überfallen und dabei geschlagen und getreten wordcn. Ietz klagt er über Schmerzen, vor allem ,m Kops, ,m Kreuz, der Brust und in der Seite., Befund der ärztlichen Untersuchung: Das ganze l.cstch ist mit frischen Blutkrusten verschönert, die Oberlippe de linken Gesichts, älste ist geschwollen«" Eine geistige Infektion Holländisches Urteil Ober das„dritte Reich" Unter feite ein, einei.tlwl» Ze.twelee l.n« aus. Das linke Auge ist zugeschwollen, die Augenbindeya... Wir entnehmen aus der„Post Scripta" der Haagschen Post" die folgenden Abschnitte: „Das Mißtrauen de» Plänen Deutschlands gegenüber bc- herrscht nun mehr als je die internationale Politik. Was die Deutsche» wollen, läßt sich nun einmal nicht vereinigen: sie verlangen vom Ausland immer wieder, daß es an seine Friedliebendheit glaubt. Im Inland aber lassen sie die Wafsenindltstrie so.hart wie möglich arbeiten und sie wenden alle Mittel, die für die Einsuhr zur Verfügung stehen, für die Aufrüstung an. Außerdem stacheln sie die Jugend zum wildesten Nationalismus auf und lassen die Welt Demon- strationen sehen, die von ihrer kriegerischen Stimmung und ihrer Kriegspropaganda zeugen. Man kann da» Ausland nicht überzeugen, indem man die ausländische Presse be- zichtigt, unglaubwürdige Berichte zu verbreiten, während man die ernsthaften Berichte meistens nicht widerlegen, ge schweige denn leugnen kaiiu Indessen hat man die aus- ländliche Presse mit Berichten überschwemmt, deren Un richligkeit sehr häusig allzu deutlich ausgestrichen war. Tie Schwierigkeiten ber deutschen Regierung liegen zum Greifen nahe: sie will das Ausland versöhnen und gleich- zeitig ihre» Anbetern im Inland soviel wie möglich ihren Willen tun. Beides zugleich geht aber nicht, und da die deutsche Regierung nun einmal in erster Linie von der Stimmung der Ihrigen abhängig ist, kann sie nichts anderes tun als das Ausland immer wieder vor den Kopf stoßen. Daß sie über dieses Ergebnis böse ist, begreisen wir. Aber daran ist nichts zu ändern Tie Außenwelt sieht den Wider spruch und hat, wie auch Mussolini ausführte,„Mein Kampf" gelesen und nimmt Rücksicht auf Hitlers Worte, die zynisch und taktisch die Täuschung der Gegner erörtern. Wie ist ans dieser Basis Vertrauen möglich? Sogar unsere vorsichtig gewordenen belgischen Nachbarn halten Manöver in der Nähe der deutschen Grenze ab, deren Tendenz keinen Zweifel offen läßt. Wir waren dieser Tage in dieser Gegen und nah- men in einem Hotel Quartier, das uns seit langem bekannt ist. Tie Eigentümerin erzählte uns, daß sie durch die Manö- ver viel militärische Gaste hätte. Aber als sie von den Manö vern sprach, war ein Schatteen von Sorge auf ihrem freundlichen Gesicht zu sehen. Wie die Menschen im Grenzgebiet, die üble Erfahrungen gemacht haben, diese Tinge sehen, ist etwa», in das wir uns nicht ohne weiteres ganz hinein- denken können. Der deutsche Nationalismus hat sich ins. Inland ge- wendet. Tort fand der jährliche Parteikongreß i» Nürnberg statt. Ein Kongreß im eigentlichen Sinne des Wortes ist das aber nicht gewesen: denn man hat dort nicht berat- schlagt. Es war vielmehr ein religiöses Fest, um die Ge- müter zu packen und die Menge durch hinreißende Spiele, im Sinne der alten Mysterienspiele', zu bannen. Ter Nationalsozialismus wird, je mehr er seine wirtschaftlichen Grundsätze preisgibt, mehr und mehr zu einer Art von Religion oder wenn man ivill zu einer geistigen Infektion im Stile der mittelalterlichen Kinderkreuzzüge. Goebbele hat sich gebrüstet, daß der Nationalsozialismus hinsichtlich der Behandlung der Masse unerreicht dasteht. Ter Deutsche ist für so etwas sicher empfänglicher als der Holländer, weil sein Ernst unerschütterlicher ist und nicht so leicht schallendes Gelächter die Stimmung einer etwas mehr theatralischen Geste zerstört.„Wir haben die Propaganda zu einer schaffenden Kunst erhoben," hat Goebbels mit wahrscheinlich unbewußtem Zynismus bezeugt.„Tie Propaganda ist eine Funktion des modernen Staates," konstatierte er weiter. Ter Himmel möge uns davor bewahren, vor allem dieser Propaganda, die mit Terror gespickt ist." von „Deutsche Freiheit", Nr. 216 ARBIIT UND WIRTSCHAFT Dienstag, den 18. Sept. 1934 Italien und Deutsehland Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Italiens bewegen sich in einem circulus vitiosus. Die Ausfuhr ist erschwert. Eine Erhöhung der Einfuhr kann nur durch starke Absperrungs- maßnahmeu verhindert werden, die jedoch wiederum zu einem hohen Preisstand auf den Binnenmärkten führen. Dieser tritt aber in einen immer stärkeren Gegensatz zu der sinkenden Kaufkraft der Bevölkerung. Nun wurde im April eine Herabsetzung der öffentlichen Gehälter und eine Senkung der Mieten um 12 Prozent für Wohnräume und 15 Prozent für gewerbliche Räume durchgeführt. In der Privatwirtschaft soll ein allgemeiner Abbau der Gehälter und Löhne unter dem Druck der Korporationen erfolgen. Diese also noch weiter ausgedehnte Schrumpfung der Kaufkraft will man durch eine gleichzeitige Senkung der Preise wettmachen, die außerdem die Ausfuhrmöglichkeiten verbessern und damit die Zahlungsbilanz ausgleichen soll. Soweit der Plan. Man bezweifelt aber schon jetzt den Erfolg. Den Lohnsenkungen wird Widerstand entgegengesetzt. Von den Preissenkungen ist wenig zu spüren. Außerdem reicht eine Preissenkung von 10 Prozent nicht aus. um auf dem Weltmarkt den Vorsprung der anderen Länder einzuholen, wenn auch durch die steigenden Rohstoffpreise eine gewisse Annäherung der italienischen Exportpreise erfolgt. Von der Preisfrage abgesehen, ist aber handelspolitisch Italien durch die Kreditfrage stark eingeengt. Für das Iiaushaltjahr 1934 35 rechnet man mit einem neuen Defizit von drei Milliarden Lire, so daß eine Erholung der italienischen Wirtschaft undenkbar ist. Zu den deutschen Wirtschaftsschwierigkeiten schreibt die„Stampa": „Haben die Nationalsozialisten in den achtzehn Monaten ihrer Regierung die Lage gebessert oder verschlechtert? Eine genaue Antwort ist nicht möglich. Die Zahl der Arbeitslosen wurde zwar auf 2,5 Millionen vermindert, und die Indexziffern der Produktion und des Warenumschlags steigen, aber Millionen Männer arbeiten* ohne Lohn, und der Plan des Wiederaufbaus ruht auf schwachen und unsicheren finanziellen Fundamenten. Wie lange hält er? Von einer andern Seite betrachtet, zeigt sich die Lage bestimmt verschlechtert. Die Goldreserven sind verbraucht, die Ausfuhr geht zurück und die Einfuhr nimmt zu, sei es, weil die Pläne Hitlers ausgeführt werden oder weil gerüstet wird. Der Handel mit dem Ausland, der bis zum letzten Jahre aktiv war, ist nun stark passiv. Ohne Kredit, ohne Goldrüchlagen mit einer passiven Handelsbilanz kündigt Deutschland ein erweitertes Moratorium gegen das Ausland an und beginnt mit der Durchführung eines Autarkieplanes. Welches werden die Folgen sein? In erster Linie eine neue Schrumpfung des Welthandels und besonders des deutschen Handels. Die ausgiebige Verwendung von Ersatzrobstoffen, die der Plan Schachts vorsieht, wird den Absatz der deutschen Erzeugnisse nicht fördern. Welche Gewähr hat der Abnehmer, daß der Ersatzstoff nur für die für den Inlandverbrauch bestimmten Produkte verwendet werden? Länder mit einer passiven Handelsbilanz, wie Italien(mehr als 300 Milk Lire im Jahre 1933) sind imstande, sich gegen die Autarkiepläne Deutschlands zu wehren. Wir sind fest entschlossen, nur von unsern besten Kunden zu kaufen und unsern Importeuren keine deutschen Devisen zu bewilligen, wem die deutschen Kunden unsere Ware nicht kaufen oder vom Staat die zur Zahlung erforderlichen Liren nicht bekommen. Das System der geschlossenen Wirtschaft dauert an und dehnt sich aus; es bleibt nichts anderes übrig, als sich dagegen zu verteidigen." Aofgaften der Gewerlftdtötien der Sowlctäition Die russische Presse veröffentlicht den Beschluß des Zentralrates der Gewerkschaften der Sowjetunion über die Ausgestaltung der gewerkschaftlichen Organisation. Die Resolution geht aus von dem gewaltigen Wachstum der Industrie in allen ihren Zweigen, die ein riesiges Anwachsen der Arbeiterklasse mit sich brachte und damit die Gewerkschaften vor außerordentlich verantwortliche Aufgaben stellte. Die erweiterten alten Betriebe, die neuentstehenden Industriezweige und die sozialisierte Landwirtschaft haben Millionen junger Arbeiter und Arbeiterinnen in den Produktionsprozeß einbezogen. In den Jahren von 1930 bis 1933 stieg die Zahl der Arbeiter um 7,5 Millionen. Die Anzahl der jugendlichen Arbeiter zwischen 18 und 23 Jahren ist in der Hüttenindustrie 32,4, im Transportmaschinenbau 36,6, in der elektrotechnischen Industrie 35,4 Prozent. Die Zahl der in der Industrie beschäftigten Frauen stieg seit 1928 um 5 Millionen. Diese Zahlen genügen, um zu verstehen, welche gewaltigen Aufgaben vor den Gewerkschaften der Union stehen. Sie hatten diese Millionen neuer Arbeiter zu organisieren, die in den Produktionsprozeß einbezogen wurden, ohne je die schweren Arbeitsbedingungen des kapitalistischen'Systems gekannt zu haben. Im Durchschnitt sind 22 Prozent der Arbeiter auch heute noch unorganisiert. Es ist notwendig, individuellere, konkretere Formen und Methoden der Arbeit in jedem einzelnen Wirtschaftszweig zu finden, den beruflichen Interessen einzelner Arbeiterkategorien besser entgegenzukommen und insbesondere die täglichen Bedürfnisse der Arbeiter besser zu befriedigen. Dazu ist es notwendig, daß die gegenwärtig bestehenden 47 Gewerkschaften in 154 kleinere Einheiten umgewandelt werden. Dies soll zunächst dadurch geschehen, daß die bestehenden Industrie verbände entsprechend der wachsenden Spezialisierung der Industrie in mehrere Verbände bestimmter Produktionszweige aufgeteilt werden. So wird der Industrieverband der Elektrischen Industrie aufgeteilt in drei Verbände: elektrischer Maschinenbau, Schwachstromindustrie und Kraftwerkarbeiter. In anderen Fällen wird eine territoriale Aufteilung der Industrie verbände vorgenommen. So wird der Arbeiterverband der Petroleumindustrie aufgeteilt in: Verband der kaukasischen Oelfeldarbeiter t der östlichen Deifelder und in einen besonderen Verband der Arbeiter der Raffinerien. Um die Verbände den unteren Einheiten näher zu bringen, werden 65 Gewerkschaften den Sitz ihrer Zentrale nicht in Moskau, sondern im Zentrum der betreffenden Industrie haben. In 43 Industrien werden die bisher bestehenden gewerkschaftlichen Stadt- und Distriktskomitees aufgehoben, so daß die Betriebsräte direkt den Gewerkschaftszentren unterstehen werden. Gleichzeitig mit der Aufteilung der Industrie verbände in kleinere Einheiten werden innerhalb dieser Verbände Sektionen für bestimmte Arbeitergruppen geschaffen, die jedoch keine Durchbrechung des Prinzips der einheitlichen Industriegewerkschaft darstellen. So wird bei den Eisenbahnern eine Lokomotivführersektion geschaffen, bei den Bergarbeitern eine Bohrmaschinistensektion, bei den Hüttenarbeitern eine Sektion der Walzwerksarbeiter, usw. Trotz der Steigerung der Zahl der Verbände wird die Zahl der Angestellten der Gewerkschaften um 30 Prozent herabgesetzt werden, da die Hauptarbeit der Gewerkschaften und ihrer Sektionen von Betriebsarbeitern des betreffenden Industriezweiges als gewählten Vertrauensmännern verrichtet werden soll, die ihre Gewerkschaftsfunktion ehrenamtlich neben ihrer Betriebsarbeit ausüben. Die dadurch erzielte Ersparnis wird restlos für den Ausbau der kulturellen Einrichtungen der Gewerkschaften für ihre Mitglieder verwendet werden. Der Zentralrat der Gewerkschaften beschloß, daß im Laufe des kommenden Winters sämtliche Gewerkschaften Kongresse abhalten sollen, die bereits auf der neuen Grundlage einberufen werden sollen. Dem Beschluß des Zentralrates der Gewerkschaften kommt für die weitere Entwicklung der Gewerkschaften, die Verbesserung ihrer Arbeit und die Ausbreitung ihrer Organisation auf alle Arbeiter besondere Bedeutung zu. Amerika se8saf£t WSIcter In einem hochinteressanten Artikel schildert Paul Demar- rois im„Excelsior" die unerhörten Maßnahmen Amerikas zur Bekämpfung der Trockenheit, die bekanntlich in Kanada, aber auch in anderen Teilen der Vereinigten Staaten riesigen Schaden angerichtet hat. Im Staate Minnesota zum Beispiel war de^ Regenfall 10 Prozent weniger als in den normalen Jahren, dort ist eigentlich seit dem 1. Mai 1933 kein richtiger Regen gefallen. 22 Staaten, die zehnmal größer als Frankreich sind, sind durch diese chronische Trockenheit in arge Bedrängnis geraten und diese Bedrängnis wird um so größer, je mehr man sich dem Gebiet der sich tageweit erstreckenden baumlosen Ebenen im Norden Amerikas nähert. Roosevelt, so schreibt der Verfasser, habe im August die durch die Trockenheit verwüsteten Gebiete durchreist. Dabei habe er Inschriften gefunden, wie: „Sie haben uns das Bier wiedergegeben(Anspielung auf die Aufhebung der Prohibition. D. Iled.), geben Sie uns jetzt Wasser". Roosevelt habe sich nun im Parlament einen Vorschuß von vielen Millionen Dollar zur Aufforstung bewilligen lassen, da Bäume bekanntlich den Regenfall begünstigen. 345 000 Arbeitslose und 12 000 Rothäute seien augenblicklich schon mit den ersten Arbeiten für diese Aufforstung beschäftigt. Sie sollen den Kern der großen Arbeitstruppe bilden, die durch die Aufforstung Arbeit und Brot finden werde. 328 Dauerlager seien bereits gebaut, 900 bis 1000 fliegende Lager sollen noch geschaffen werden. Jetzt haben die Arbeitstruppen den Auftrag, weitere 350 neue Dauerlager zu bauen, die aus 10 bis 15 Holzhütten in moderner Ausstattung beständen, die außer dem Schlafsaal, einen Speisesaal und einen Lese- und Aufenthaltsraum enthielten. Die Arbeitswilligen, die bei den Aufforstungsarbeiten und allem, was damit zusammenhängt, beschäftigt werden, erhielten freie Wohnung, Verpflegung und Heizung. Ihre Wäsche wüschen sie sich selbst. Sie erhielten außerdem einen Dollar pro Woche Barentschädigung, den sie sparen oder an ihre Familien in der Heimat senden könnten. Dieser Arbeitsdienst sei militärisch aufgezogen, doch handele es sich um eine freiwillige Disziplin und die Vorgesetzten besäßen nicht die sonst üblichen Vorrechte. Die Arbeit selbst bestehe darin, daß ein großartiges Schutzgatter von Bäumen quer durch die Vereinigten Staaten, von Kanada bis Texas gezogen werden solle. Damit wolle man die Macht der Stürme brechen und den Boden schützen. Amerika sei oft von Windhosen überrascht, die ganze Ernten mit sich führten, ganze Stücke des Erdbodens fortreißen, die dann als mächtige Staubwolke über den weiten Ebenen hängen. Nach den Beobachtungen können geeignet angepflanzte Bäume die Geschwindigkeit des Windes im Sommer um 35 Prozent und im Winter, wenn die Blätter gefallen sind, um 20 Prozent vermindern. Das aufzuforstende Gebiet umfasse 160 Kilometer in der Breite und 1600 Kilometer in der Länge. Je tausend ausgewählte Bäume werden immer auf ungefähr einer Meile angepflanzt. Man habe teils heimische, teils solche Bäume ausgewählt, die in den noch unfruchtbareren westlichen Gebieten gediehen. Man habe große Landstriche für 99 Jahre gekauft oder gepachtet, während man die dazwischen liegenden fruchtbaren Ländereien in Privatbesitz belassen habe. Um die jungen Anpflanzungen gegen Vieh- und Wildschäden zu schützen, würden sie mit 300 000 Kilometer Eisendraht umhegt werden. Dieser Eisendraht werde seine Stütze in 30 bis 40 Millionen Pfählen finden, die in 30 000 bis 50 000 Waggons an die Arbeitsplätze geschafft werden müssen. Die Gesamtausgaben würden auf 75 Millionen Dollar geschätzt und erst in zehn Jahren werde dieser neue Grüngürtel fertiggestellt sein, Die Sparhassen Auch im Juli mehr Auszahlungen als Einlagen\ Die„Kölnische Zeitung" berichtet: Die Einlagenentwicklung bei den deutschen Sparkassen hat sich im Juli 1934 wieder gebessert. Im Sparverkehr stiegen die Einzahlungen um 34.2 auf 467 Mill. RM., während die Auszahlungen um 5,1 auf 473,2 Mill. RM. zurückgingen. Die Zunahme der Einzahlungen hält sich im saisonmäßigen Rahmen. Auch die Auszahlungen hätten saisonmäßig steigen müssen. Anscheinend war in diesem Jahr aber infolge des früheren Ferienbeginns(1. Juli) in den Gebietsteilen östlich der Elbe ein Teil der für Reisezwecke gesparten Gelder bereits Ende Juni abgehoben worden. Wie erinnerlich, waren die Auszahlungen im Juni besonders hoch. Der Rückgang der Auszahlungen im Juli dürfte jedenfalls vorwiegend durch die zeitlicheVerlngerung eines Teils der Auszahlungen gewesen sein. Immerhin waren die Auszahlungen noch um 6,2 Mill. RM. größer als die Einzahlungen. Bei Einbeziehung der Zinsgutschriften von 2,6 und der A u f w e r• tungsgutschriften von 11 Mill. RM., stieg jedoch der Spareinlagenbestand um 7,3 auf 11 675 Mill. RM. Hollands luSJJßlsrl Nach dem von der Kouinklijkc Luchtvaart-Mij.(K. L. M.) herausgeeebenen Jahresbericht 1933 hat die Gesellschaft recht günstige Betriebsergebnisse zu verzeichnen. Auf den eurooäischcn Linien ist die Anzahl beförderter Flujgäste um 96 Prozent(auf 40 917 Personen) gestiegen. Trotz der Erhöhung der Einfuhrzölle weist der Güterverkehr eine Steigerung um 41 Prozent(auf 1219,7 Tonnen) auf. Da der Ausgangspunkt der westeuropäischen Nachtpostlinien nach Skandinavien von Amsterdam nach Brüssel verlegt wurde, nahm Jie Beförderung von Postsendungen nur um insgesamt 10 Prozent zu. Eine außergewöhnlich günstige Entwicklung ist auf der Amsterdam-Batavia-Linie festzustellen, auf der alle Flüge regelmäßig durchgeführt wurden. Abgesehen von den groß n Fortschritten im Personenverkehr haben besonders die Postsendungen stark zugenommen. Deren Gesamtgewicht belief sich auf 44,9 Tonnen, das ist gegenüber dem Jahr 1932 eine Steigerung um 27 Prozent. Der Güterverkehr erhöhte sich um 43 Prozent. Außerdem wurden 3 527 560 Passagierkilometer zurückgelegt, das bedeutet 150 Prozent mehr als 1932. Auf dieser Fernluftlinie mußten sogar wiederholt Fluggäste wegen Platzmangels zurückgewiesen werden.. Palästina sind nitierdealsttiland Der offiziöse„Eildienst für Außenhandel" verbreitet die folgende Meldung aus Jerusalem: Nach amtlicher Aufstellung zeigt die Einfuhr deutscher Waren nach Palästina in den ersten drei Monaten 1934 folgendes Bild: Januar 1934 130 090 Pfund(Januar 1933 76 000 Pfund); Februar 108 000 Pfund(69 000 Pfund); März 170000 Pfund(106 000 Pfund). Demnach wurden deutsche Waren in Palästina im ersten Vierteljahr 1934 um 408 000 Pfund Sterling(gegen 251000 Pfund in der gleichen Zeit des Vorjahres) eingeführt. Die Steigerung betrifft 156 000 Pfund oder 60 Prozent. Da andererseits das Jahr 1933 bereits eine Steigerung der Einfuhrkurve deutscher Waren nach Palästina um ebenfalls 60 Prozent gegenüber 1932 gebracht hatte, springt die weitere Vergrößerung der Einfuhr deutscher Waren nach dem Mandatsgebiet in die Augen, um so mehr, als nach vorliegenden privaten Berichten auch im zweiten Vierteljahr 1934 die Wareneinfuhr nach Palästina für Deutschland ihre günstige Entwicklung beibehalten hat. Deutschland steht unter den Einfuhrländern in Palästina an zweiter Stelle nach Großbritannien; 1933 stand es prozentmäßig unter den Einfuhrländern mit den Vereinigten Staaten von Amerika gleich, die inzwischen aber überflügelt sein dürften. Die Ernte in der USSR. am I. September Bis zum 1. September waren in der ganzen Sowjetunion 67,85 Millionen Hektar Getreide abgeerntet. Der Drusch hält mit dem Fortgang der Erntearbeiten Schritt, denn zu diesem Zeitpunkte waren 59 Prozent des gemähten Getreides bereits ausgedroschen, das ist mehr als das Dreifache der in diesem Zeitpunkt des Vorjahres ausgedroschenen Menge. Unmittelbar im Anschluß an die Erntearbeiten ist die Wintersaat in den südlichen Gebieten der Union bereits in Angriff genommen worden. Ab 1. September war der Plan der Winteraussaat für Getreide bereits zu 41 Prozent erfüllt- Insgesamt waren 15,5 Millionen Hektar besät, das sind mehr als 3 Millionen gegenüber dem gleichen Zeitpunkt im Vorjahre. Die Ausbreitung der Herbstsaat in den südlichen Gebieten hat besondere Bedeutung im Kampfe gegen die Dürre, die der Wintersaat weniger schaden kann, als der Frühjahrssaat. Künstliche Bewässerung der Wolgasteppe Die Trockenheit des letzten Sommers hat mit besonderer Schärfe die Frage der Gefahren aufgerollt, die die Steppengebiete der Sowjetunion dann bedrohen, wenn die Regenmenge hinter dem üblichen Durchschnitt zurückbleibt. In seiner letzten Sitzung hat der Rat der Volkskommissare der Sowjetunion die Erfahrungen überprüft, die die Kollektivwirtschaften der Steppengebiet der Wolga im Laufe dieses Jahres gemacht haben. Es wurde festgestellt, daß die Errungenschaften auf diesem Gebiete bedeutend sind, daß es aber doch noch notwendig ist, daß die Kollektive mit Hilfe der Sowjetbehörden neue Bewässerungsanlagen schaffen, die bis zu Ende dieses Jahres 33 000 ha kollektiv bebauter Felder mit Wasser versorgen sollen. Für diese Arbeiten ist ein zinsloser Kredit von 4 Millionen Rubel zur Verfügung gestellt worden, außerdem wurde das Volkskommissariat für Landwirtschaft beauftragt, für das kommende Jahr einen Plan für die Schaffung von Bewässerungsanlagen für eine Gesamtfläche von 130 000 ha auszuarbeiten. Diese Maßnahmen bilden eine Ergänzung für die großzügigen Kanalisierungspläne der Wolga, durch die in der Periode des zweiten Fünfjahrplanes die Bewässerung großer Teile des Wolgagebietes ermöglicht werden wird. ÜL* ®eutscfie Stimmen, fZcltaie sie?..®eufsefmn Freiheit"• Ereignisse und Gesefkiehten Dienstag, den 18. Sep*ember 1934 WWVllk!» i ii. Iiii>.;|l!iiiiiibi.»suii..i. n 11 11';i!1 1 ii 1!iiitli Amaid Schimiezy s*u zwingen, stellt die Regierung Sowjetrußlanbs fest, daß dieses Verfahren des vorgeschriebenen Sckiedsaerichts und Gerichtsverfahren^, bei Streitfällen nickt a»f Ereianisse Anwendung finden kann, die vor dem Eintritt Rußlands in den Völkerbund lagen. Ich erlaube mir. der Hoffnung Ausdruck zu aeben, baß diese Erklärung von allen Mitgliedern des B-"k"bundcs im Geiste des Wunsches nach internationaler-tusammen- arbett und nach Ausrechterhaltung des Friedens im Jn^ teresse aller Nationen ausgenommen wird. uiwuiow. Mit dieser Aufnahme Rußlands wird der Schlußstein gesetzt unter eine große politische Kgmpagne, deren geistiger Vater und geschickter Inspirator der französische Außenmint- ster Bnrthou gewesen ist. Lifwinow wird die nädiske Ratssitzung leiten Anläßlich der Ausnahme Rußlands in den Völkerbund hat man festgestellt, daß das neue Bölkerbundsmitglied Sowjet- rußland in der offiziellen Bezeichnung mit u beginnt iURSS.j. Daraus ergibt sich die Tatsache, daß der russische Außenminister Litwinow bei der nächsten Ratstagung als Präsident ausgestellt wird. Damit würde Litwinow die denk- würdige Ratstagung zu leiten haben, die sich mit der Saar- Abstimmung vom 13. 1. 1935 zu beschäftigen hätte. Genf Sowjetrußland— Oesterreich MoSkan, 17. Sept. Am Sonntag erfuhr die Bevölkerung der Sowjetunion aus der Presse die Nachricht über den Bei- tritt der Regierung der Sowjetunion zum Völkerbund. Die gesamte soivjctrussischc Presse veröffentlicht eine Mitteilung der„Taß", die die vom 3. bis lö. September geführten Verhandlungen über den Eintritt Sowjetrußlands in den Völkerbund schildert. Es wird dabei erklärt daß der Beitritt zum Völkerbund nur durch den Wunsch der 30 Mächte veranlaßt worden sei, die Sowjetunion bei der gemeinsamen För- derung des Friedens als Partner zu haben. Zum Schluß wird betont, der Eintritt in den Völkerbund sei besonders in dem Augenblick zu begrüßen, wo der Briand-Kellogg-Pakt zur Sprache kommen werde, in dem ja der Krieg für unge- schlich erklärt wird. London, 17. Sept. Der Genfer Berichterstatter der„Times" meldet: Die Bemühungen um einen Pakt der Nichtein- Mischung in die österreichischen Angelegenheiten werden fort- gesetzt. Tie große Reichweite, die der Pakt ursprünglich haben sollte, ist aber beträchtlich vermindert worden. Die Mit- glieber der Kleinen Enteute haben angekündigt, daß sie für völlige Unabhängigkeit aller Donanstaaben auf der Grund- tage wirtschaftlicher Annäherung und Zusammenarbeit ein- treten. Es wird allgemein eingeräumt, daß eine Garantie der österreichischen Unabhängigkeit keinen Wert hat, sofern sie sich nicht aus eine Vereinbarung zwischen Frankreich und Italien gründet. Die Besserung der Beziehungen zwischen diesen beide» Ländern hat daher in Oesterreich und bei den Regierungen der Kleinen Entente Befriedigung her- vorgerufen. Die Besserung der Beziehungen zwischen Italien und der Kleinen Entente wird auch beachtet. Ter vorge- schlagene O st e u r o p a p a k t ist zwar nicht endgültig auf- gehoben worden, ist aber als Faktor der Stärkung der Friedensgarantien in den Hintergrund gerückt. Der Stand- punkt Großbritanniens, keine weiteren Verpflichtungen in Zcntraleuropa zu übernehmen, bleibt unverändert. Auf einer Zusammenkunft der Unterzeichner des Balkanpaktes unter Vorsitz von Maximum wurde die Frage eines Mittel- meerpakles von neuem aufgerollt. Aber der Plan hat keinen weiteren Fortschritt gemacht. rar Sowjetrnßland Eine faschistische Stimme für die Sowjetunion Rom, 17. Sept. sFTU.l Die offiziöse italienische Zeitung „Giornale d'Jtalia" bringt einen außerordentlich interessan- ten Artikel über den Konflikt im Fernen Osten, der aus dem Munde der Gegner der Sowjetunion die Bestätigung ihrer Friedenspolitik bringt. In dem Artikel heißt es: „In acht Monaten sind 0l Kasernen und Bahnhöfe an der ostchinesischcn Eisenbahn überfalle,, worden. Nenn Brücken wurden zerstört. IV Züge entgleisten durch Sabotageakte, 21 Lokomotiven»nd 207 Waggons wurden zerstört, mehr als 100 Personen getötet und 116 russische Beamte verhaftet. Es ist nickt anzunehmen, daß die Sowjetunion im Augenblick ihres Eintritts in den Völkerbund überflüssige Komplika- tionen im Ferne» Osten sucht. Sie hat andererseits eine Reihe von Nichtangriffspakten mit ihren westlichen Nachbarn abgeschlossen und damit einen Beweis friedlicher Politik ge- liefert. Schließlich hat sich ihre Lustflotte stark entwickelt. Man kann nur hoffen, daß diese Kräfte nickt in einem überflüssigen Konflikt eingesetzt werden müssen, der um so gefährlicher wäre, als er nicht ohne Rückwirkungen auf Europa bleiben könnte." Schöne Statistiken Mittelalterliche Vorbilder In der amtlichen„deutschen..Justiz" wird aus einem Strafrechtsbuch von 1821(Quistorp: Grundsätze des deutschen Peinlichen Rechtes, 6. Ausgabe) nachgewiesen, daß der jetzt durch Hitler zur Tat gemachte Gedanke:„Personen, die zwar einer Straftat nicht übet führt sind, aber dennoch als gefährlich für das Staatsivolil erscheinen, in eine besondere Art von Haft zu nehmen", schon vor dem deutschen Recht gewesen ist. Es lohnt sich, den Paragraph"50 des genannten Werkes vollinhaltlich wiederzugeben: „Obzwar nach der Regel diejenigen freizusprechen sind, welche die Tortur, ohne ein Bekenntnis abzulegen,• ausgestanden haben, so leidet doch der Satz in einigen Fallen seine Ausnahme. Denn einen solchen, der wider sich die stärksten Anzeichen gehabt und von dem alle Umstände, besonders aber sein bisheriger Lebenswandel und seine Frechheit bei der Untersuchung und Verhaftung mit Grunde vermuten lassen, daß er künftig seine Freiheit mißbrauchen und mehrere Uebel, besonders aber solche, welche die Ruhe und Sicherheit des Staates stören, stiften werde, setzt man nach überstandener Tortur nicht in Freiheit, sondern er bleibt bei mäßiger Arbeit, bis er untrügliche Zeichen seiner Besserung zu erkennen gibt, in Verwahrung... Ein solcher Gemarterter, dem man bloß der Sicherheit wegen zum Zuchthause verurteilt wird zwar angehalten, sein tägliches Brot durch seine Arbeit zu verdienen; allein im übrigen hält man ihn den Gefangenen, die zur Strafe im Zuchthause gefangen sind, nicht gleich." So sagt mit Recht Justizminister Kerrl bei einer Gautagung der NS.-Juristen:„Wer die Stimme des Blutes wahrhaft erkannt hat, der ist Nationalsozialist durch und durch, der bekennt sich zu Adolf Hitler, der uns aus Nacht und Not geführt hat in eine neue lichte Zukunft"— aus der Nacht des vermenschlichten Strafvollzugs und der Rechtssicherheit in die lichte Zukunft des Foltermeisters und der willkürlichen Freiheitsberaubung." Doch mit einem Unterschied. Jene Alten hatten noch das robuste Gewissen, ihr Verfahren für Recht und Gut zu halten. Sie bekannten sich darum offen zu ihrem Verhalten. Die Heutigen sind aber nur noch Nachzügler, die nicht mehr den Mut haben, zu ihren Handlungen im vollen Umfang zu stehen. Ihr Theaterplunder ist nicht mehr echtes Mittelalter, ist nur mehr Dekadenz des Spätkapitalismus, der sich durch aufgepinselte Wappen echt rittermäßig aufspielen möchte. Aber er steht nicht mehr zu den grausigen Dingen, die damit notwendig zusammenhängen. Er leugnet seine Taten.. Der Herausgeber Roß bemerkte dazu freilich, daß der die Tortur behandelnde Teil des Buches zum Glück, der Menschheit fast ganz veraltet sei. Aber wir wissen ja, daß solche liberalistischen Anwandlungen die nationalsozialistische Partei nicht abgehalten haben, die Blutsverbundenheit mit dem teutschen Rechtsleben der vorrevolutionären Zeit durch planmäßige Wiederaufnahme der Tortur in ihr Rache- und Besserungsverfahren sinnfällig zum Ausdruck zu bringen. Nur in dem einen Punkt haben sie sich von diesem rechtlich geordneten Marterungs- und Einsperungssystem entfernt, daß sie die Behandlung dieser Gefangenen nicht besser(wie Quistorp wollte), sondern vielfach schlimmer als die der Zuchthausgefangenen gestalteten. Sie sind insoweit noch hinter die sichtlich vom römischen Recht infizierte Formal- jurispondenz des 18. Jahrhunderts in jenes glückliche Zeitalter zurückgegangen, in dem die Richter ihre Gefangenen martern und hungern ließen nach Herzenslust. „Die rote Speisekarte" Prozeß gegen illegale Kommunisten Berlin, 14. Sept. Der 14. Strafsenat des Kaininergecichts verhandelte gegen vier Kommunisten, die den Versuch ge- macht hatten, i n e t n e m B e r l i n e r N e st a u r a» t e i n e Zelle der KPD. zu organisieren und kommunistische Propaganda zu betreiben. U. a. hatten sie eine Schrift»Tie rote Speisekarte" verbreitet. Der Hauptangeklagle Max Ferbitz wurde ivegeu Vorbereitung zum Hochverrat zu der gesetzlichen Höchststrafe von drei I a h r e n Zucht» Haus verurteilt. Seine drei Mitangeklagten erhielten je zweieinhalb Jahre Zuchthaus. Ebenfalls wegen der Anklage zur Vorbereitung zum Hoch« verrat hatten sich drei andere Kommunisten zu verantworten, die»ersucht hatten, einen„Unterbezirk Prenzlauer Berg der KPD." in Berlin zu organisieren. Ter.Hauptangeklagte Renker wurde zu der gesetzlich zulässigen Höchststrafe von drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine Ehefrau erhielt zwei Jahre drei Monate und der dritte Angeklagte zwei Jahre neun Monate Zuchthaus. Bei der Abstimmung im VölkerbunbSrat haben sich drei kleine Staaten, nämlich Argentinien, Portugal und Panama Stimme enthalten. Bemerkenswert ist, daß Rußland sich damit einverstanden erklärt hat. daß sein Aufnahmegesuch dem politischen Ausschuß der Völkerbundsversammlung zur Prüfung überwiesen wird. Ursprünglich hatten die Russen diese Prüfung nicht akzeptieren wollen. Berlin 14 Sept. lFnpreßj: Nach amtlichen Angaben ist die Arbeitslosigkeit im Monat August allein im Landes- arbeitsamtsbezirk Brandenburg um 22 036 zurückgegangen. Tn für das ganze Reich eine Abnahme der Arbeitslosenzastl um''8 000 gemeldet wurde und die anderen Bezirke gleich- falls' Siegesmeldungen verbreiteten, steht man vor einem normalerweise unlösbaren, bei den nationalsozialistischen Methoden aber sehr leicht lösbaren Rätsel der Statistik. Berlin. 14. Sept. Gegen dreizehn Kommunisten aus D o e b e l n in Sachsen bat vor dem Volksgerichts- hos ein Prozeß begonnen. Den Angeklagten wird Beschas- sung von Wassen und Munition, die Vorbereitung von Sprengstossldiebstählen und auch Giftbeschaffung vor- geworfen. Der letzte Anklagepuukt bezieht sich darauf, daß bei einem der Angeklagten eine größere Menge Zyankali gesunden worden war. So behauptet die Anklage... e ßresdikovskaja .»Großmutter der russischen Revolution" Horben m biblischen Alter von 00 Jahren ist in Ehvaly-Poeerniee fwoch, ü. September, vormittags Frau Katharina eschko-Breschkovskaja gestorben, die seinerzeit lenannte«Großmutter der Revolution". 1844 geboren, ter einer russischen Aöelssamilie, wie so viele spätere olutionäre, verlebte sie ihre Kindheit noch unter dem' wahnsinnigen und gewaltättgcn Zaren Nikolaus I., ihre ckenjahre aber in der Zeit d:r beginnenden Reformen »Zar-Befreiero" Alexander II. Ihr Vater hatte mit der lhführung der für Rußland so bedeutsamen und verhäng- ollen Agrarreformen Alexanders zu tun und sie diente als Mitarbeiterin. Sie begann sich für agrarische Fra- und für das Schicksal der Bauern zu interessieren. Die «rresorm hatte ja die russischen Bauern in eine schlim- ' Situation gebracht, als es die Leibeigrnichaft gewesen Sie konnten mit den Latisundienbcsitzern, die den Gr- canbau im großen betrieben, nicht. konkurrieren und sendeten. Die Breschkovskaja begann unter den Bauern torisch zu arbeiten, schloß sich der revolutionären Be- ivcgung an und wurde 1874 nach Sibirien verschickt. Sie verbrachte dort mehr als zwei Jahrzehnte ihres Lebens. Tie Verschickung war ja immer noch leichter zu ertragen, als die Hast in den Festungen und, sosern die Verbannten keine Zwangsarbeit zu leisten hatten und über Bargeld verfügten, konnte» sie sich das Leben in Sibirien erträglich gestalten. 1807 kehrte die Breschkovskaja aus der Verbannung zurück und widmete sich mit Feuereifer der Arbeit für die s vz i a l- revolutionäre Partei. Sie agitierte für die revo- lutionärc Bewegung auch in den Vereinigten Staaten, wo sie Geld für die Partei sammelte, die damals ihre große— allerdings, wie man erst später durch die Aufdeckung der Verrätcrrolle Ascws erfuhr— auch so unendlich tragische und groteske Zeit des terroristischen Kampfes gegen den Zarismus und die Ochrana durchlebte. Wegen ihrer Teil- nähme an der Revolution wurde die Breschkovskaja«euer- lich nach Sibirien verbannt, wo sie nun bis 1017 blieb. Im Triumph wurde sie nach dem Sturz deS Zaren zurückgeholt. Aber sie zerw'rf sich, wie die meisten Sozialrevolutionäre, mit der bolschewistischen Diktatur, ging in die Emigration und betrieb in den Vereinigten Staaten eine heftige Pro- paganda gegen den Bolschewismus. Von Amerika kam sie nach Prag. Tie 80jährige betätigte sich auch als Emigrantin noch organisatorisch, indem sie aus amerikanischem Geld zwei Internate für studierende Baucrnkinder und in Karpatho» rußland eine russische Druckerei gründete. Diese Frau, die mehr als ein Menscheualter in der Ver- bannung gelebt und Stellung, Reichtum und privates Le- bensglück einer Idee geopfert hat, konnte vvjährig doch aus ein Leben zurückblicken, das reich in einem anderen a!S dem materiellen Sinne ivar und das einen großen Sinn gehabt hat. War sie auch mit dem Ausgang der großen xus- fischen Revolution nicht einverstanden, so mag auch sie, wie manchen anderen, lange unversöhnlich gebliebenen Gegner des Towjctregimes, am Ende das Gefühl getröstet haben, daß Rußland nicht nur den Zarismus endgültig überwunden hat, sondern daß es auch unter der Führung der Svivjets wieder eine Weltmission erfüllt. Welcher Unterschied zwischen dem Rußland von 1840, das die Breschkovskaja als Kind noch gesehen hat, da die Heere Nikolaus I. in Ungarn die Konler- revolution zum Siege führten und die deutsche Revolution verhindert, und dem Rußland von 1034, das sie sterbend sah, und dessen Mission es ist, einem Sechstel der Erdoberfläche eine neue Lebensform zu geben, die Idee des Sozialismus tief nach Asien hineinzutragen und mitzubauen am Werk der Sicherung des Weltfriedens! -\t\u Dcdcisadf pariser Beridifc »er Almosen.Sozialismus' des.drillen Reldies" tPt,a>uwl' Berlin, 18. Sept. Der Reichspropagandaminister hat auf dem Tempelhofer Feld eine Rede vor ver- sammelten SA.-Leuten gehalten, die wohl den großen Winterbettel einleiten sollte. Uns zeichnete er dabei mit der in seinem Munde lobenden Erwähnung„einer ge- wissenlosen Emigrantenpresse" aus. Es ist sein Schmerz, daß er uns noch nie der Lüge überführen konnte, wie wir ihn immer wieder. Daß der 30. Juni in der SA. noch lange nicht überwunden ist, wird dadurch bewiesen, daß er auch diesmal auf die blutigen Ereignisse von damals zurückgriff. Die IV v. H. am 19. August zugegebenen „Saboteure" will er durch sanftes Zureden gewinnen, wo- bei er wohl mehr an Wahlfälschung und Wahlterror denkt als an Ueberzeugung. Zunächst ist die Hauptsorge von Goebbels der kommende Winter: Aber diese Tage einer späten Sommerherrlichkeit sind gezählt, und ein grauer, kalter Winter stehtoorderTür. Wir sind nicht von der Art jener früheren„Staatsmänner", die. wenn ein schwerer Winter zu erwarten stand, nichts anders zu sagen wußten, als daß dieser Winter eben schwer würde. Wir bereiten uns auf Gefahren und Schwierigkeiten vor, und wenn der Winter hart wird, so soll er uns ge- wappnet finden. Schon ist die ganze Bewegung in fieberhafter Tätigkeit, um das Winterhiliswerk vorzu- bereiten. Wieder wie im vergangenen Jahre werden wir vor die Nation hintreten mit dem kategorischen Imperativ: Auch im kommenden Winter wird keiner hungern, keiner frieren und keiner Not zu leiden brauchen. So redet man, wenn man sich den Titel eines Reichs- lügenministers verdient. Stellen wir dem Gewäsch des Doerbels einige Zahlen gegenüber: Im vorigen Jahre wurden durch das Winterhilfswerk gesammelt 3 2V Millionen Reichsmark, zum großen Teil in minderwertigen Naturalien. Demgegenüber hat unter den so geschmähten früheren Staatsmännern die Gesamtleistung in der S o z i a l v e r- s i ch e r u n g und in der Sozialfürsorge betragen im Jahre 1930 31: Sozialrente 4.450 Milliarden Reichsmark Arbeitslosenfürsorge 3.075 Milliarden Reichsmark Krisenfürforge 2,778 Milliarden Reichsmark Insgesamt: 10,303 Milliarden Reichsmark Die Arbeitslosigkeit war damals kaum höher, als sie heute amtlich in Deutschland zugegeben wird. Im laufenden Reichshaushalt sind die gesamten Reichszuschüsse für Sozialausgaben auf 823 Millionen Reichsmark beziffert. Seien wir groß- zügig und versechsfachen wir diese Summe, um zu den Ausgaben zu kommen, die heute vielleicht noch in den Ländern und Gemeinden und den öffentlichen Berfiche- rungsträgern für Sozialpolitik ausgegeben werden. Tann haben wir rund 5 Milliarden Reichsmark. Item: 5000 Millionen Reichsmark werden den arbeitenden Massen gestohlen, und dann gibt man ihnen 320 Millionen Reichsmark zurück, die sie zum großen Teil selbst mit aufgebracht oder doch zusammengebettelt haben und noch dazu vielfach in halbverdorbenen Nahrung?- Mitteln. Das nennt dieser Goebbels„Sozialismus". Unberücksichtigt lassen wir dabei, daß die künstlich hoch- gehaltenen Agrarpreise den industriellen Massen weitere Milliarden Reichsmark kosten und auch die Zwangsab- gaben aller Art das Einkommen kürzen. Mussolini und Barthou Paris, 18. September 10.14. Von unserem Korrespondenten In der Reihe der Probleme, die sich aus die Ausrechterhal- fünft des Friedens beziehen, gibt es eins, das die Diplomatie der Mächte unbedingt einander näher bringt, und das die Staaten veranlaßt, Freundschasis- und Bündnisverträge ab- zuschließen. Und dieses Problem heißt: Plan muß die deutsche Gefahr bannen! Als Mussolini»ach der Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Tollfuß voller Energie seine Truppen am Brenner zusammenzog, da hat nicht nur. wie sich die Leser der„Teutschen Freiheit" sicherlich erinnern werden, die französische Presse dieser festen Haltung Italiens Beifall ge- zollt. Vielmehr war sich die Mehrzahl der Mächte darüber einig, daß die militärische Operation von Bozen den Ein- druck der Begegnung von Venedig verwischte und die Bc- unruhigung beseitigte, die die Zusammenkunst Hitler- Mussolini hervorgerufen halle. Tiefe Auffassung vertritt auch der„Figaro" in einem langen Artikel, der sich mit der Borge,ch'chtc der französisch- italienischen Annäherung beschäftigt. TaS Blatt erinnert daran, daß die italienisch-deutschen Beziehungen bereits vor etwa Jahresfrist, nämlich im Oktober 1981, die erste Trübung erfahren hätten, als Hitler plötzlich Genf verlassen habe. In Rom habe man die Empöruna Mussolinis über die Pcrfidie Teutschlands noch nicht vergessen, das durch fein hinter- hältigcs Spiel.und seine ohne vorherige Mitteilung erfolgte plötzliche Abreise aus Genf alle Hoffnungen zerstört habe, die Italien an den Vicrcrpakt geknüpft habe. Und man wisse dort, daß Mussolini Hitler nicht vergeben habe. Mussolini stände überhaupt dem Nationalsozialismus in seiner Gesamt- heit mit ironischer Kritik gegenüber, wie die von ihm inspirierte» Artikel im„Popolo d'Italia" bewiesen, in denen er unter anderem die Rassentheorie Hitlers ironisierte oder sich über die hilterische» Wirtschaft?- und Arbcitsorganisa- tion lustig machte. Achnlich scharf lehne Mussolini Hitlers Buch„Mein Kamps" ab, von dem er gesagt habe, daß zwar jedermann davon spreche, aber niemand es lese. Wie stark aber vor allen Dingen Mussolini die Hitlerschen Theorien verwerfe, so schreibt„Figaro" weiter, gehe doch a»s leiner vor wenigen Tagen bei der Eröffnung der Messe von Bari gehaltenen Rede hervor, in der er unter anderem auS- geführt habe, man könne nur mitleidig eine Lehre betrachten, die die Nachkommen von Leuten ausgestellt hätten, die noch nicht einmal hätten schreiben können, als in Rom Cäsar, Virgil und Augustus lebten. Ties sei die Atmosphäre, so folgert„Figaro", d'e wohl ge- eignet sei, die Zusammenarbeit zwischen Mussolini und Barthou vorzubereiten. Barthou gehe in einem besonders ernsten geschichtlichen Augenblick nach Rom. Es gelte, den Friede» der Welt ausrecht zu erhalten. Und darum müsse die Besprechung Barthou-Mussolini als Endergebnis den Freundschastsvertrag zwischen Frankreich und Italien aus- weisen, der von beiden Staaten aufrichtig gewünscht werde. Deutschen Waffen gegen Frankreich Ein authentisches Dokument Tas„Ostschwcizerischc Tagblatt" berichtet auS St. Gallen: Ter 1897 geborene Landwehrmann 1/138 Z„ in EriSwil zuständig. in La Chaux-de-Fo»dS geboren und im St. Gal- tischen Goßau ausgewachsen, schriftstellerisch veranlagt, war im Jahre 1921 unter dem Drucke von in Kreuzlingcn er- littener verschmähter Liebe zum zweiten Male in die fran- zösische Fremdenlegion eingetreten, brannte dann aber nach einem halben Jahre wieder durch und gelangte zu den marokkanische» Berbern. Bon hier trieb es ihn ins Lager des„Blauen Sultans", der ihn, nachdem er sich akklimatisiert hatte, aus tiefster Ueberzeugung zum Islam übergetreten war und sich eine Musclmännin als Gattin genommen hatte, während einem vollen Dutzend Jahren unter ständiger Lcbensdrohnng bei allfälligen Fluchtversuchen als lieber- setzer, Dolmetscher, fremdsprachige» Unterhändler bei regulären und andern Geschäften festhielt und erst wieder frei gab. als er mit dem verräterischen Uebcrgang seines Stammes zu den Franzosen gezwungen war. sich selbst nach Spanisch-Marokko zu flüchten. Dieser Mann, stolz seiner mohamcdanischen Ueberzeugung, hatte sich nun vor Tivi- iionsgericht 6a, weil er nicht zum Landwehr-V'ederholungS- kurs 1930 eingerückt war und das den Handel bereits früher schon in Abwesenheit des Angeklagten erledigt hatte, der TienstversäumniS wegen zu verantworten und das Gericht verurteilte ihn zu vier Wochen Gefängnis, bedingt erlassen auf die Tauer von zwei Iahren. Im Verlaufe der Verhandlungen rückte nun der Ange- klagte zur größten und allseitigen Ueberraschung mit einem authentischen Dokumente heraus, in welchem er von einer deutschen Großsirma neuestcns alS landes-, sprachen-, schrill- und geschäftskundiger Unterhändler für die Lieferung deutscher Waffen und Mnniiivn an die sranzosenseindl'che« Berbcrstämme Marokkos zu gewinne» versucht wird! Welker Sehen! I Werfen Sie die„Deutsche Freiheit" nach dem Lesen nicht fort. Geben Sie das Blatt an Leute weiter, die der Aufklärung und Belehrung bedürfen I Weif ergeben! I 2. Auflage soeben erschienen! cKideezastr Von KLAUS BREDOW Fragen Sie in den Kiosken und Buchhandlungen nach. Falls die Broschüre am Ort nicht zu haben ist, lieterl die Buchhandlung der„Volksstimme", Saarbrücken, Bahnho^straße 32, gegen Voreinsendung von 3,90 französischen Franken aut das Postscheckkonto Saarbrücken Nr. 619 Verlag der„Volksstimme", Saarbrücken Das Drama auf dem Schlosse Wird man jemals die Wahrheit und die Einzelheiten de« grausigen Dramas kennen lernen, das sich auf dem Chateau d'Aynac abspielte? Diese Frage stellen die Mittagsblätter „Paris-Midi" und„Intransigeant" hei der Schilderung des traurigen Ereignisses, das sich auf dem romantisch gelegenen Schlosse entrollte. Die junge Baronin von Sevin ist entkleidet auf ihrem Bette mit durchschossener Stirn aufgefunden worden, während ihr Mörder, der Elektrotechniker Raoul Magnac, den rauchenden Revolver noch in der Hand gleichfalls tot vor ihrem Bette gefunden wurde. Und die einzigen Zeugen der Tat— ein kleiner Knabe, der, als er seiner Mutter„Guten Morgen" sagen wollte, diese aus einer Kopfwunde blutend tot auffand, und ein vierjähriges kleines Mädchen, das der Schreckensszene von ihrem Bettchen aus zusah— können nichts aussagen. Das kleine Mädchen weint ständig und schreit:„Magnac hat Mutti getötet! Magnac hat Mutt getötet!" Mehr aber weiß es, betäubt durch das Entsetzen, nicht zu sagen. Die junge Baronin von Sevin war vor einigen Jahren Krankenschwester im Krankenhause ihrer Tante in Tarn. Dort hatte sie unter anderen auch den Elektrotechniker Magnac zu betreuen, dessen sie sieh auch nach seiner Entlassung aus dem Krankenhause annahm. Die junge Frau wird als sehr gutherzig geschildert. Und so war es nur natürlich, daß, als im Schlosse ein Elektrotechniker gebraucht wurde, Magnac geholt wurde, der seit einiger Zeit im Schlosse lebte. Magnac scheint sich nun in die junge hübsche Frau verliebt zu haben. Dies scheint die einzige Erklärung für die Tragödie zu sein, die zwei Kinder ihrer Mutter und einem Mann, während er eine kurze Reise machte, jäh die geliebte Lebensgefährtin beraubt hat. Charles Diefz Duell Paris— Versailles Im allgemeinen dauert ein Duell nur kurze Zeit. Innerhalb weniger Minuten bleibt gewöhnlich der eine oder der andere der Kämpfenden auf dem Kampfplatz zurück. In der pittoresken Stadt der tausend Wunder, Paris genannt, wo so vieles so anders ist, als wir es kennen, findet schon seit hundert Jahren ein Duell statt, dessen Ausgang immer noch nicht entschieden ist. Es handelt sich dabei um ein Duell ä la Max Eyth, der in seinem Buche„Hinter Pflug und Schraubstock" erzählt, wie die Einführung des Dampfpfluges in Amerika nur durch einen Wettlauf zwischen zwei Dampfpflügen ermöglicht wurde. Aehnlich ist es auch bei dem Pariser Duell. Die beiden Gegner heißen: Schienenstrang und Landstraße. Und der Schauplatz ist die Strecke Paris—Versailles. Wie viele andere, so liebte auch der verwegene Erfinder Charles Dietz die Eisenbahn nicht, ihm war die Romantik der Landstraße stets lieber als das glitzernde Band der Stahlschiene. Andererseits aber ging ihm die Fahrt per Postkutsche nicht nur nickt schnell genug, es konnten auch nach seiner Ansicht nicht genug Personen auf einmal befördert werden. Und so ist er denn als Erfinder des Traktors anzusehen. Denn die von ihm erfundene fahrbare Maschine— D ein mit Kohlen geheizter Dampfkessel— sollte die alten massiven Postkutschen ziehn. Man kann sich vorstellen, wie vorsintflutlich ein solcher Schleppzug ausgesehen haben mag. Die leicht enthusiasmierten Pariser aber waren von seiner Erfindung begeistert. Und als Dietz am 16. September 1834 mit seinem Traktor und den beiden schwerfälligen Anhängern von der Place de la Concorde, damals noch Place Louis XV. abfuhr, bewunderte eine vielköpfige Menschenmenge sein Gefährt. Dietz fuhr den bekannten Weg am rechten Ufer der Seine entlang, über den Pont de Sevres. durch Sevres, Cha- ville und Viroflay durch bis vor die Pferdeställe am Ver- sailler Schlosse. Ganz so glatt, wie sich diese Beschreibung liest, ging aber, wie der..Jour" schildert, die Fahrt nickt vonstatten. Im Dampfkessel hatten sich kleine Spalten gebildet, durch die der Dampf entwich und dadurch wiederum wurde die Dampfkraft vermindert: Mehrmals mußte daher Halt gemacht werden, um diese Löcher zu flicken und das notwendige Wasser zur Dampferzeugung herbeizuschaffen. Trotzdem kam Dietz nach mehr als zwei Stunden gut in Versailles an, wo er von der schon lange auf der Place des Armes harrenden Menge begeistert begrüßt wurde. Dann aber streikte seine Maschine, und um sein Gefährt in eine Remise zu bringen, mußte er erst zwei kräftige Zugochsen auftreiben, die das Dampfroß nebst Anhängern abschleppten. Und das wiederum ist nichts Außergewöhnliches, denn so mancher Wagen-„Führer" ist froh, wenn er bei einer Panne Ochsen findet, die seine Karre in die Garage ziehen! Eine polnische Fabel Paris, 17. September. Von unserem Korrespondenten Eines Tages beschlossen die Tiere eine EntwassnungSkon- kerenz. Ter erste Redner war der Stier. Er sagte:„Ich fordere die vollkommene Abschaffung der Klauen und Zähne. Tie Hörver können bleiben!" „Nein," erwiderte der Löwe.„Tie Klauen und Zähne kön- nen bleiben. Aber man muß die Hörner abschaffen." „Man soll die Hörner abschassen, man soll die Klauen und Zähne beseitigen," fügte der Elefant hinzu,„aber man kann die Rüssel behalten." Ta richtete der russische Bär seinen mächtigen Körper auf und sagte:„Wir werden olles abschaffen. Wir werden nur unsere Arme behalten, damit ivir uns umarmen können." Tiefe Fabel erzählte einst der spanische Botschafter Ma- dariaga ans der Entwaffnungskonferenz, als Rußland für die vollkommene, bedingungslose Entwaffnung eintrat. „Heute aber", so meint„Jntransigeant",„wohnen wir einem noch viel seltsameren Schauspiel bei. Rußland tritt in die bürgerliche Institution des Völkerbundes ein. Tas sei nur möglich durch die beiden großen Staatsmänner Adolf Hitler und Maxim Litwinow." Für den Sesamttnhalt verantwortlich: Johann P l tz in Dud- weiter; für Inserate: Otto Kuh« tn Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volkdstlmm« GmbH, Saarhriillen d» s&iifcnftrgh b m«AlllyoÄ 770 e-grdrüc^».^