LZnzige unabhängige Tageszettung Veuischlauds ^r. 219— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, den 21. Sept. 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Vec JUichslischaf. uxilt„eamfceie JCicche Seite 2 Deutsch: englische, löictschaftsspannung Seite 4 JCitlecs Veccat an du Jugend Seite 7 Die Deckungen Tleucaths Seite 8 1184 Tote am 30. Juni Modi unvollkommene Mordliste Warum sie nldil verüiientlldit wird Ein Brief Aus Berlin erhielten wir folgenden Brief einer sehr bekannten, noch heute ira öffentlichen Lehen stehenden Persönlichkeit. Der Verfasser ist uns seit vielen Jahren bekannt. Sein Charakter und seine weitreichenden Beziehungen, die sich auch heute noch bis in die Spitzen der Ministerien und der Reichswehr erstrecken, bürgen für die Zuverlässigkeit seiner Angaben: .... Es war mir eine aufrichtige Freude, nun endlich die Ausgaben der„Deutschen Freiheit" aus den letzten Monaten im Zusammenhang lese» zn können. Bisher hatte ich nur ganz selten ein Exemplar ermischt und Auslandsreisen habe ich seit dem Umschwung schon aus Gründen persönlicher Bor- ficht nicht mehr nnternommen. Zu meiner Ueberraschung sand ich, daß auch Sie die Zahl der Opfer des 80. Juni noch viel zu niedrig angeben, wen» Tie auch selbstverständlich sofort feststellten, daß die von Reichskanzler Hitler zugegebenen 77 Erschießungen weit hinter der Wirklichkeit zurückbleiben. Tatsache ist, daß im Reichspropagandaministerium eine Toten liste mit t t 8 4 Namen kursiert. Damit Sie nicht glauben, ich hätte mich verschrieben, füge ich in Worten hinzu: Eintau sendeinhundertvierundachtzig e r- mordet! Meine unterrichteten Freu»de so gut wie ich sind aber absolut sicher, daß auch diese Zahl von der Wirklichkeit noch übertrossen wird, denn in zahlreichen kleinen Provinz- orten sind Leute ermordet worden, ohne daß eine Meldung hierüber an uns gelangte. Uebrigens hat vorübergehend die Absicht bestanden, die Totenliste der 1184 zu veröffentlichen, jedoch ist man davon abgekommen, weil sonst in jedem Orte hätte nachgeprüft werden können» ob seit dem 80. Juni oer- schwundene Lokalgrösten aus der Liste stehen und so die Liste sich wahrscheinlich ganz von selbst gewaltig vergrößert hätte. Allein in der Kadettenanstalt in Lichterselde sind rund 400 Leute erschossen worden, und zwar brauchte man dazu mehrere Tage. Tansende Bewohner von Lichterselde haben drei Tage das Salvenfeuer der Standrechtskommandos mitangehört. Es scheint mir fast, daß Sie die nachhaltende und zer- setzende Bedeutung des 30. Jnni unterschätzen, weil keine Masienslucht ans der NSDAP, eingesetzt hat. Die Freunde und Anhänger der erschossenen SA-Führer bleiben jedoch ab- sichtlich in der Partei tätig, um dort gegen Hitler und seine nächste Elique z« wirken, und der Hast, der Groll und die Rachegefühle sitzen sehr tief. Man must i„ absehbarer Zeit mit einer Serie von Attentate» gegen nationalsozia- listische Führer rechnen, und diese Furcht ist auch in den oberen Schichten der NSDAP, sehr grost. Uebrigens haben Sie keine Gründe über die Verabschiedung des Generalleutnants von Fleck mitgeteilt. Er ist vom Führer entlassen wordeti, weil sich in de,, Akten von Schlei- chers Briese Flecks gesunden haben. Die Ermordung Schleichers hat sich anders abgespielt, als es in den vielen Auslandsberichten zu lesen ist. Zeugen der Tat waren neben den Mördern nur einige am Garten- gitter der Schleicherschen Villa spielende Kinder, die hinzu- traten, als zwei Autos mit TS.-Leuten heranrasten. Schlei- cher trat in der Hausjacke vor seine Türe und wurde sofort totgeschossen. Gleich danach ereilte die Frau von Schleicher ihr Schicksal; sie wurde aber noch lebend ins Krankenhaus geschafft und ist dort nach zwei Stunden verschieden. Herr von P a p e n ist entgegen auch von Ihnen über- nommene» Behauptungen nicht misthandelt worden. Er be- sand sich, als die SS. in sein Ministerium eindrang, gerade zum Besuch bei dem erkrankten Reichswirtschastsminister. Als er erfuhr, dost sein nächster Mitarbeiter von B o s e im Vorzimmer erschossen worden war, forderte er Reichswehr- schütz für seine Wohnung an, und dort ist er länger als eine Woche von Reichswehrossizieren bewacht worden. Dast Hitler noch keinen Stellvertreter für das Reichs- lanzleramt ernannt hat, wird Ihnen längst ausgefallen sein. Was Sie aber anscheinend nicht wissen, ist, dast auch Dr. Goebbels in seinem maßlosen Ehrgeiz daraus drängt, Stellvertreter Hitlers im Reichslanzleramt zu werden. Jüngst wurde diese Frage in einem Kreise vo„ Akademikern er- örtert, an deren Tafelrunde sich auch der Neichsminister Heß, der Stellvertreter des„Führers" in der Partei, einzufinden pflegt. Er äußerte sich über die Kandidatur von Goebbels kurz und bündig:„Wenn erden Kerler nennt, trete ich aus der Partei ans." Trotz der scheinbaren Stabilisierung des Regimes ist die Ueberzeugung in politischen Kreisen fast allgemein, daß das System nicht mehr lange zu halten ist und trotz der Ein- schüchtern»» und Aengstlichkeit, die nach dem 30. Juni die so- genannte„Reaktion" ersastt hat, rechnet sie dennoch mit einer baldige» Ablösung der jetzigen Machthaber durch kon- servative und militärische Kräste. Sich darüber in Speku- lationen einzulassen, ist jedoch einstweilen zwecklos. Sicher ist jedenfalls, dast ein Umschwung zu einem geordneten kon- servativen Regime hin von de» meisten Gegnern der NSDAP, als ein Fortschritt begrüßt werden würde, und ich vermute sogar: auch vo» viele» sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeitern, auch wenn Sie mir das vielleicht nicht glauben, wobei ich gerne zugebe, dast dieses Sichabsin- den mit einem konservative» Regime für die Arbeitermassen wahrscheinlich nur vorübergehend sein würde. Jetzt aber ist bei breiten Arbeiterschichten die Stimmung:„Nur fort mit den Kerlen, egal was kommt." Die Rüstungen übersteigen jedes vorstellbare Mast und es gibt allmählich auch viele sehr nüchtern denkende Offiziere, die an die Ueberlegenheit der deutschen Luftstreitkräfte glau- den und mit der Möglichkeit eines Offensivkrieges rechnen Wenn ich auch bezweifle, daß die Generalität schon dieser Meinung ist. Die Macht der Reichswehr als politischer Fak- tor ist unter keiner der früheren Regierungen so stark gewesen wie jetzt, und sie wird in absehbarer Zeit bei großen inner- und austenpolitischen Entscheidungen aus den Schauplatz treten. Mehr ist darüber bei vorsichtiger Abwägung zur Zeit nicht zu sagen... vie„Tersttmg" der Neinsager Wie sie in Wirhlidiheif aussieht Berlin. 20. Sept. Tie gleichgeschaltete Presse will den Eindruck, erwecken, als versuche man. die Millionen Neinsager durch eine Politck der Versöhnung zu ge- Winnen. So schreibt das„Berliner Tageblatt", daß die Partei und ihre maßgeblichen Persönlichkeiten nicht nur neue Anhänger zu gewinnen hätten, sondern in den ernsten Zeiten, die noch bevorstehen, auch unter der großen Masse der in den letzten anderthalb Jahren neu- gewonnenen Anhängern ständig gegen Kleinmut u n d Zweifel zu wirken hätten. Es wäre ichlimm, so bemerkt das Blatt, wenn sich die Aufklärung und Er- ziehung allein aus die unbekannte Schar der noch zu ge- Winnenden Opponenten erstrecken tollte, so wenig daraus verzichtet werden soll, wird doch mit gleichem Nachdruck an der Befestigung der im Herzen der Nation schon ge- wonnenen Stellung zu arbeiten sein Der„Angriff" warnt in einem Aufsatz davor. die Neinsager etwa durch Einschüchterungen oder D r o h u n a e n zu gewinnen. Der Unteroffiziers- ton. der dem wilhelminiichen Softem manchen Schaden zugefügt habe, dürfe im alltäglichen Parteidienst nicht mied er auferstehen. Tie Mitglieder der Partei hätten das Volk persönlich und menschlich zu führen und alles, was die Partei an Büros und Geschäftsstellen unter- halte, fei nur dazu da, diese Arbeit zu erleichtern, nicht aber die Partei mit Dienstmiene dem Volke zu ent- fremden. Hinter diesem schönen Versöhnungstheater wird aber die'Verfolgung der politischen Gegner fortgesetzt. Es sind in den letzten Wochen Tausende Kommuni st en Sortsetzung siehe 2. Seite, Vorn Teufel geholt Der Präsident des Blutgerichts Nach kurzem Krankenlager starb a» den Folgen einer Gallenentzundung Dr. Fritz Rehn, der Präsident deS Volksgerichtshofes in Berlin, im Älter von 62 Jahren. * Das„Bolksgericht" ist erst seit dem 1. August an der Ar- bett. Nicht einmal zwei Monate Tätigkeit hat das Schicksal dem Dr. Fritz Rehn mit der kranken Galle zugemessen. In dieser kurzen Zeit hat der gallige Senatspräsident allerdings schon wild gewütet. Er hat den sozialistischen Kämpfer Alfred H ü t t i g zum Tode verurteilt, obwohl in der Nrteilsbegrün- dnng steht, daß nicht erwiesen ist, ob Hüttig überhaupt ge- schössen bat. Rehn hat also legal einen Mord verlangt. Sein Staatsanwalt ist übrigens der berüchtigte Jörns, der unter dem Verdacht steht, die Mörder von Liebknecht und Luxem- bürg begünstigt zu haben. Unter den von der Terrorjustiz erfaßten Opfern befinden sich zahlreiche tapfere Kommunisten und Sozialdemokraten. To der frühere kommunistische Reichötagsabgeordnete Georg S ch u m a n n, ein Mann, dessen Idealismus in Jahrzehnten erprobt ist. einer der sachlichsten und lautersten Abgeord- neten, die der Deutsche Reichstag je gehabt hat. Eines der letzten Urteile wurde gegen illegale Sozialdemo- k raten gefällt: 3 3 Jahre Zuchthaus. Im Monat August hat das„Bolksgericht" gegen 50 deutsche Volks- genossen, die das Verbrechen und die Schande der Hitler- diktatur über unser Vaterland bekämpften, hundertsünszehn- einhalb Jahre Zuchthaus und zweiunddreisttgeinhalb Jahre Gefängnis verhängt. Mit den Flüchen seiner Opfer beladen geht Rehn in die Eivigkeit. Ehr Deutschland- gegen Hitler! Eine Antwort an die„Saarbrücker Zeitung" Von Victor Schiff Paris 19. September. Die«Saarbrücker Zeitung" Hat sich in der vergangenen Woche mit Ausführungen beschäftigt, die ich im Rahmen einer Aussprache auf einem internationalen Pressefrüh- stück in Paris am 3. Juli über das Saar-Problem gemacht habe. Das gleichgeschaltete Blatt scheint sich darüber zu wundern, daß ich als Emigrant den rein deutschen Charakter des Saargebietes betont habe. Es meint da- her, ich käme halt„innerlich von Deutschland nicht los". Durchaus richtig! Aber dasselbe gilt für alle sozial- demokratischen deutschen Emigranten. Uns alle verbindet mit Deutschland das Bewußtsein, bessere Deutsche zu sein als jene, die Deutschlands Namen in den Augen der zivilisierten Welt geschändet haben. Von dem jetzigen Gangster-Reich haben wir uns nicht nur räumlich, sondern auch geistig völlig losgelöst. Aber unsere Liebe gehört stärker denn je dem hochentwickelten, aber geknechteten Volke, dessen beste Teile einen heldenmütigen Kampf für die Befreiung aus der jetzigen Barbarei führen. Und manche, die uns heute auf Befehl schmähen, werden uns einst dankbar dafür sein, daß wir in dieser Zeit tiefster deutscher Schmach immer wieder der gesitteten Welt zum Bewußtsein brachten, daß es ein anderes Deutschland gibt als der regierenden Gangsters, ihrer Lands- und Folterknechte und ihrer gleichgeschalteten Skribenten. Die„Saarbrücker Zeitung" meint fast mitleidig, sie hätte„volles Verständnis für die Situation eines Emi- granten". Diese Teilnahme wird hiermit dankend abge- lehnt. Denn mein Emigrantenschicksal möchte ich keines- falls gegen das Los jener Gleichgeschalteten tauschen, die um des lieben Brotes willen täglich gezwungen werden, sich selbst zu beschmutzen. Ich habe es nicht nötig, über die Verfolgung. Folterung oder Ermordung meiner politischen Freunde zu schweigen, während z. B. mancher gleichge- schaltete? ehemaliger Zentrumsjournalist an der Saar und anderswo den Mördern von Klausener, Adalbert Probst und anderen huldigen muß, um nicht auf die Straße zu fliegen. Nun flbit zu; Sache. Ich habe ln meiner Ansprache feffgüftefft, daß vor Hitlers Machtergreifung die Mehr- Heft an der Saar zugunsten der Rückgliederung mindestens 95 Prozent betragen hätte. Ich habe dabei— die„Saar- brücher Zeitung" weiß es. denn ihr hat das Stenogramm dieser Reden vorgelegen, aber sie unterschlägt es— einen begeisterten Ausspruch Max Brauns in diesem Sinne auf dem sozialistischen Parteitag zu Magdeburg im Jahre 1929 zitiert. Die heutige, wachsende Opposition, erklärte ich weiter, gelte also nicht Deutschland, sondern ausschließlich dem Hitler-Regime. Und des- halb regte ich an(am 3. Juli), man müsse den Hitler- Propagandisten gegen den Status quo das Argument aus der Hand schlagen, daß, falls eine Mehrheit gegen die Rückgliederung am 13. Januar zustande käme, das Saar- Pclk auf ewig die Gelegenheit zur Rückkehr ins Reich verscherze. Daher müßten Mittel und Wege gefunden werden, um der Saar-Bevölkerung klar zu machen, daß sie ick Aalle einer Status-quo-Mehrheit später, nach einer Wiederherstellung demokratischer und zivilisierter Zu- stände im Reich, die Möglichkeit haben würde, in einem zweiten Plebiszit für die Rückgliederung zu stimmen. Diese Anregung habe ich ohne besondere Fühlungnahme mit meinen Parteifreunden an der Saar in die Debatte geworfen. Erst später habe ich zu meiner Freude er- fahren, daß derselbe Gedanke auch von Max Braun und anderen bereits früher zur Sprache gebracht worden war. lind drei Wochen später habe ich mit Genugtuung ge- lesen, daß die Exekutive der Sozialistischen Arbeiter- internationale auf ihrer Brüsseler Tagung Ende Juli diesen Gedankengang in noch klarerer Formulierung, als ich es in meiner völlig improvisierten Ansprache hatte tun können, zur Forderung erhoben hat. Run behauptet die„Saarbrücker Zeitung", der fron, zösische Abgeordnete Andrö Fribourg hätte mich„nach vielen Verbeugungen" abfahren lassen. Das ist eine be- wußte Irreführung. Die Polemik Fribourgs gegen mich bezog sich ausschließlich auf zwei Punkte meiner Rede: 1. auf meine Ansicht, daß die französische Regierung sich bei der Festsetzung des 13. Januar 1935 als Abstimmungs- tag vorzeitig mit papiernen Garantien bezüglich eines wirklich freien Plebiszits begnügt hätte: 2. auf meine Mahnung, die jetzige Opposition gegen Hitler an der Saar t-ich' mit den ehemaligen Separatisten am Rhein zu oer- gleichen, denn mit diesem schiefen Vergleich spiele man nu: de.' Hitler-Agenten in die Hände. Mit keinem Worte hat Herr Fribourg gegen meine obenerwähnte Anregung Stellung genommen. Auch Herr Gabriel Perreux, der den Vorsitz führte, hat sich keines- wegs dagegen gewandt. Daß er meine Ausführungen als eine„deutsche Auffassung" bezeichnete, hätte ich nur dann als Kränkung empfinden können, wenn er damit gemeint hätte, ich verträte einen hitlerdeutschen Standpunkt. Seine Redewendung ist natürlich von jedem Anwesenden so oerstanden worden, wie sie gemeint war: meine Aus- führungen und Anregungen feien schon deshalb beachtens- wert, weil sie von einem Manne stammten, den er nach wie vor als einen Deutschen betrachte. Mit besonderer Genugtuung habe ick seither feststellen können, daß sich der Gedanke einer zweiten Abstimmungs- Möglichkeit nach dem Status quo trotz aller ursprüng- lichen formaljuristischen Schwierigkeiten iwM'r stärker Bahn bricht. Die jüngste französische Rote enthalt einen unzweideutigen Hinweis auf diese Möglichkeit. Es ist eine Dreistigkeit der„Saarbrücker Zeitung", dies zu bestreiten, denn sie kennt sehr wohl die inspirierten Er- Klärungen, die die führenden Pariser Blätter am Tage nach ihrer Veröffentlichung gedruckt haben und in denen ausdrücklich betont wurde, daß damit ein Gedanke Max Brauns und der Sozialistischen Arbeiterinternationale aufgegriffen worden sei. Aus der Haltung der„Saarbrücker Zeltung" läßt sich deutlich erkennen, wie sehr Hitler-Deutschland die Idee einer zweiten Volksabstimmung als einer späteren Korrekturmöglichkeit für den Status quo fürchtet. Sie beweist mir jedenfalls, wie sehr ich in meiner Rede am 3. Juli das Richtige getroffen hatte und ich bin der„Saar- brücker Zeitung" für ihre nachträgliche Bestätigung dank- bar. Ich werde auch weiterhin mit allen meinen Kräften als Emigrant, ob in der Saar- oder in allen anderen Fragen gegen Hitler kämpfen, das heißt: f ü r Deutschland! Pas Heuerte Die amerikanischen Streikunruhen haben am Mittwoch wieder zugenommen. In Nord- und Südtaro- I i n a haben bisher neun Personen bei den Unruhen den Tod gesunden. Der Staat Jalisco in Mexiko wurde von zahl- reichen Heftigen Erdstößen heimgesucht, die großen Schaden anrichteten. Bei W e i h e i w e i in E h i n a kenterte ei»chinesischer Marinetender, 20 Matrosen sind ertrunken,«0 werden vermißt. Die Gesamtzahl der Todeöopser des amerikanischen Textil- arbeiterstreiks stellt sich gegenwärtig ans dreizehn, trotz des Schutzes durch die Nationalgardc. Die Zahl der Streikenden beträgt 421000. Einer Exchangemeldung aus Gr n s znsolge haben Rarthou und Litwinow den Plan eines Paktes gegenseitigen Beistande» keineswegs ansgegcben. Der französische Korrespondent des„Daily Telegraph" meldet, die Weigerung Deutschlands nnd das mögliche fernbleiben Polens wttrden Frankreich und die Scwsciunion nicht davon abhalte«, einen Pakt mit allen europäischen Mächten»u schließen, die znm Beitritt bereit seien. 301 Jahre licrher In einem Monat Paris, 30. Sept. iJnpreß): Nach einer vorläu ige» Siatistik der„Roten Hilfe" wurden in Teutschland im Monat August allein 062 Jahre Zuchthaus und 200 Jahre Gefängnis für politische Delikte verhängt. Die BergleichSzahlen mit dem Monat August im Vorjahr weisen„nur" 140 Jahre Zucht- Haus und 100 Jahre Gefängnis aus. Im vergangene» Monat »erhängten somit die faschistischen Gerichte mehr als das Dop- peltc an Strafen als im Vorjahr. Davon entfallen aui die Tätigkeit des neugeschaffenen sogenannten„Volksgerichts" im ersten Monat seines Bestandes allein NS Jahre Zucht- hauS und 32 Jahre Gesäfignis. Die.Versöhnung" der Neinsager Fortsetzung von Seite 1. und Sozialdemokraten verhaftet worden, und zwar am meisten in den katholischen Gebieten West- deutschlands. die viele Neinstimmen aufgebracht haben. Auch frühere Zentrumsleute befinden sich unter den Verhafteten. Richtig ist, daß nach dem 19. August auch einige be- kannte Sozialdemokraten entlassen worden sind, darunter der frühere Berliner Reichstagsabgeordnete Künstler. Verschwiegen wird aber, daß alle zur Entlassung ge- kommenen Gegner Hitlers sich schriftlich verpflichten müssen, jede weitere marxistische Tätigkeit zu unterlassen und jeden Verkehr mit ihren früheren Freunden abzu- brechen. Einige führende Sozialdemokraten, deren Namen wir verschweigen, um die Gefahr für sie nicht nach zu ver- mehren, haben die Unterschrift verweigert, und ihre Haft dauert infolgedessen an. Wir bewundern lhren yerois« mus, verurteilen aber auch keineswegs diejenigen, die eins erpreßte Loyalitätserklärung abgeben, um endlich die Freiheit zu erlangen Wie klein zeigt sich Deutschlands „Führer", daß er seine Opfer zu einer solchen Erklärung nötigt. Der frühere Abgeordnete Künstler ist, wie die meisten Entlassenen, in einem bejammernswerten Zustande. Unter den noch immer in Haft Befindlichen ist der frühere Führer der sozialdemokratischen Landtagsfraktion Preußens, E r n st H e i l m a n n. Er befindet sich in Polizeihaft und hat über seine Behandlung nicht mehr zu klagen. Anscheinend gibt man ihm aber die Freiheit nicht, weil er nach den entsetzlichen Folterungen im Konzen- trationslager zu einer Ruine geworden und ein lebendiges Zeugnis der schändlichen Greuel ist. die Hitler und die Banditen zu oerantworten haben, denen wehrlose Ge- fangene im Konzentrationslager ausgeliefert worden sind. Reichsblschof will..romfreie Kirche** Offene Kampfansage des offiziellen Kirchenbeauftragten Adolf Hitlers gegen Katholiken, Juden und oppositionelle Geistliche— Die wichtigsten Stellen der Rede Müllers vom amtlichen Deutschen Nachrichtenbüro unterschlagen— Die Kämpfe in Süddeutschland gehen weiter— Pfarrer in Schutzhaft Berlin 20. Sept. Nach>v>e vor hält sich Hannover als «itz der Opposition gegen die Berliner Rcichskirchenzentrale Müllers. Der Landesbischoi Marahren ist bislier nicht niedergezwungen worden. Mehr ai» BOO Pfarrer und Zehn- taufende der Gläubigen stehen bekennerisch hinter ihm. So- eben hat nun der R e i ch s b i s ch o s höchstpersönlich versucht, die Ungetreuen von Hannover wieder zu gewinnen. Im Knppelsaal der Stadthallc von Hannover hielt er in über- fttllter Versammlung eine Rede, die deutlicher als alle bis- herigen Kundgebungen erkennen läßt, in welcher Zielrich- tung die Rcichskirchcnrcgierung mit seinem hitlcrtreucn Reichsbischos wandeln will. Der Rcichsbischos stellt an die Spitze seiner Rede den Grundsatz, daß die evangelische Kirche sich in de» national- sozialistischen Staat einzuordnen habe. Der National- sozialismus ist für ihn„der Appell an den natürlichen In- stinkl des Menschen, a» da« innerste Wesen, an das Gefühl für Freiheit, für Ehre, Anstand»nd Zucht, eine Bewegung, die ihre K rast aus Treue. Gehorsam. Glauben nnd Gottvcrtraucn genommen habe". Aus diesen Gründe» habe er sich der Bewegung angeschlossen, und als er dann mit dein Führer zusammengekommen sei. da habe er sich gesagt:„I ch g e h ö r c an die Seite diele« Mannes, solange ich aus Erden lebe." Es wird eine Zeit geben, wo solche Sätze, gesprochen vom ersten Repräsentanten der evangelischen Kirche, als Anzeichen der tiefsten Erniedrigung des Protestantismus gewertet werden dürfte». Wir haben keinen Anlaß, uns mit ihnen aus- cinanderzusctzen. In dieser Rede ließ der Reichsbischof zum ersten Maie deutlich erkennen, daß sich die Vereinheitlichung der cvan- gciischcn Kirche keineswegs nur auf die Organisation be- zieht. Er sagte wörtlich: „Wag wir wollen, ist eine romsreicdcntschcKirchc. Da» Ziel, für da» wir kämpfen, ist: Ein Staat, ein Boll, eine Kirche." Der Reichsbischol sagt also offen dem Katholizismus den Kampf an. Die katholische Gianbcnswclt ist ohne den Papst, also ohne„Rom", nicht denkbar. Damit wirb dem Katholi- ziSmus als gleichberechtigte Glaubens- und Kirchenmacht offiziell vom Beauftragten Hitler« der Boden entzogen. Der Kampf gegen„Rom" proklamier» den offenen nnd uneingeschränkten Kulturkamps mit jeder nur wünschenswerten Klarheit. Vor dieser Entscheidung gibt es auch für die gleichgeschalteten Katholiken im„dritten Reich" kein Aus- weichen mehr. Hier müssen sich auch die deutschen Bischöfe bekennen und wahrmachcn, was sie wiederholt in ihren Hirtenbriefen den Gläubigen empfahlen, unter Um- ständen zu„Märtyrern" zu werden und die Fahnen deS alten„Kaiakombcngeistes" zu entfalten. Müller begnügte sich nicht mit der Herauslvr^.iutg an den Katholizismus. Er drohte der evangelischen Opposition mit schärfster Abrechnung. Er bekannte sich zu»,'chonungslosen Kampf gegen die Juden: „Znm ersten Male seit Christi Zeit habe nun ein Volk es gewagt, den Inden Kamps anzusagen. In diesem Kamps gegen die Juden müssen die Christen alle zn- ia,nmen stehen." Diese Worte soll man„lasten stöhn". Der verantwortliche, vom Rcichssührer mit der Kirchensührung beauftragte Mann ist damit endgültig festgelegt. Es hilft ihm nichts, daß das Deutsche Nachrichtenbüro bei der Wiedergabc seiner Rede die Stellen vom Hinauswurf der oppositionellen Pfarrer und die Stellen gegen die Juden unter- schlagen hat. Der Welt kann nicht vorenthalten werden, daß die deutsche evangelische Kirche von einem Widerchristen geleitet wird, der sich bei seiner Haltung ausdrücklich auf das besondere Vertrauen des Führers und Reichskanzlers beruft. * Mit unverminderter Schärfe geht inzwischen der süd- deutsche Ktrchenkampf weiter fort. Aus Stuttgart wird berichtet, daß es auch hier zu öffentlichen Kund- gedungen tirchenoppositioneller Protestanten zugunsten de» disziplinierten LandesbischoiS Wurm gegen das Reichs- kirchenregim« gekommen ist. Nähere Nachrichten liegen bis zur Stunde nicht vor, da über die Presse eine strenge Zensur ausgeübt wird. Es läßt tief blicken, daß der Stuttgarter Sender von„bedauerlichen Ausschreitungen" spricht. Den Zei- tungen ist verboten, irgend etwa« über diese Kämpfe, mit Ausnahme der Bekanntmachung des Reichsbischois, zu ver» öffentlichen. Jetzt ve>össenilicht„United Preß" einen Brief des LandesbischoiS Wurm an den württembergischcn Ministerpräsidenten Mcrgenlhalcr, in dem der Reichs- kirchenregicrung angesichts der zwangsweisen Eingliederung der Landeskirchen erneut Rechtsbruch vorgeworfen wird. Die von der Nationalsynode geforderte Eidesformel wider- spreche dem religiösen Empfinden. Man schrecke nicht vor „Verleumdungen" gegen die Landesbischöfe Meiser und Wurm zurück... * Am wildesten tobt jedoch der Reichskirchenkrach in Bayern. Der Landesbischof Meiser läßt sich durch die Androhung von Repressalien nicht entmutigen. Bei der Hetze gegen ihn steht Streicher«„Fränkische Tageszeitung" in vorderster Linie. Sie gab einem Pfarrer Auer das Wort, der bchaup- tct, daß Meiser ein„Spion" ist. Wörtlich:„Uebcr die Feindschaft Messers und seine« Anhanges gegen das„dritte Reich" ist von den Freiheitsliebenden Material gesammelt und wird verwerte t."' Was das ifti„dritten Reich" bedeutet, bedarf keiner Erlänternng. Schon gestern berichteten wir, daß der Hanptschrtitleitcr der„Allgemeinen Rundschau", Pfarrer K ä ß l e r von Zürndorf, in T ch» tz h a s t genommen worden f«\ Er soll einem anderen Pfarrer gegenüber gesagt haben, wenn man ihn hängen wolle, dann möge man es gleich tun. In einem halben Jahr sei es zu spät. Einem an- deren Pfarrer gegenüber soll Käßler nach der Volksabsitm- miing erklärt haben:„D a s T e st a m e n t H i n d e n b u r g S ist gefälscht." Die„Fränkische Tageszeitung" toit. Dieser„infamen Hetze" müsse das Handwerk geigt werben.„Die Verhaftung Käß- lrrs werde von jedem alten und wirklichen Nationaliozia- listen mit offenkundiger Befriedigung empfunden werden." Jnzwtichen sammeln sich die Getrauen um Meiser. Vor d'ei Dogen erscholl ihr Gesang in den Straßen München»:„Ein feste Vurg ist unser Gott". Die Dinge haben sich so zugespitzt, daß ein diktatorischer Vesebl zur Abberufung Meiicrs auS Berlin die Schar der Widerspenstigen um ein VUftc*?« vermehren dürfte. Ausdehnung des ßtesensireths Zusammenstöße dnb. Nenyork, 20. Sept. Wie der Führer der streitenden Textilarbeiter, Gorman, mitteilt, sind etwa 100 000 Arbeiter der der Textilindusirie verwandten Industrien ausgefordert worden, am Montag in den Streik zu treten. Im Lause des Mittwochabend ist es in den verschiedenen Streikgebieten wiederum zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Streitenden und der Polizei gekommen. In Wotcrvillc lMaines wurde ein Polizist bei einem Hand- gemenge mit Streikenden verletzt. In Philadelphia ging die Polizei mit Knüppeln vor, um Ansammlungen der Streiken- den zu zerstreuen. Der Belagerungszustand in Georgia wurde verlängert. In Little Falls iNeuyorks wurde die Polizei von Streikenden umringt. Die Beamten sahen sich genötigt, mit Tränengasbomben gegen die Menge vorzu- gehen. Wie man zu wissen glaubt, soll Präsioent Rooievelt die Absicht haben, in den Arbcttskampf selbst einzugreifen: aller- ding« dürfte zunächst das Arbeilsamt mit der"»'gung der Angelegenheit beaustragt werden. Sowiekrußland wird vorgehen Die«Franks. Zeitung" teilt mit, daß von den polnischen Staatsangehörigen, die auf den Schiffen der Gisingen Ame rika-Linie Gesellschaftsfähigen nach Leningrad mitmachen, jedesmal einige in Leningrad bleiben und sich weigern, die Rückfahrt anzutreten. Bon den 108 Polen, die die letzte Gesellschaftsreise nach Leningrad mitmachten, stnd 20 nicht mehr nach Polen zurückgekehrt. Diese Auswanderung nach Sowjetrußland auf dem Wege über Gesellschaftsreisen zeigt deutlich, daß zahlreiche Polen es vorziehen, in der Sowjetunion Beschäftigung zu suche«, als im Lande der Pilsudsti-Diktatur stempeln zu gehen. Der„Erbfeind" drudtfc die Gutscheine Ein Meiner Beifrag zur Treuekundgebung Saarbrücken, den 20. September 1084. Nicht nur die Weltgeschichte— auch die Zeitgeschichte liebt ihre Treppenwitze. Und sie hat sich einen besonders hübschen mit der sogenannten Hitlerschen Saar treuekundgebung in Koblenz-Ehrenbreitstein vom 20. August d. I. erlaubt. Es suhren die hitlerdeutschen Männlein und Weiblein, die Hitteritchen und Hitlergänscheu und natürlich in besonders großer Zahl die, die nicht alle werden und von denen schon der deutsche Dichter Friedrich v. Schiller klagte, daß mit ihrer Dummheit die Götter vergebens kämpften. Es ging ihnen sauschlecht in ihren elenden Nachtquartieren und bei ihrem stundenlangen Warten ans den Clou des Tages(Clou —. nicht Clownls. Um ihre schwachgewordenen Magen wieder ein wenig ausznsrischen und die längst zum Katzenjammer gewordene Begeisterung wieder ein wenig auszuwärmen, wurde den bedauernswerten Opfern ihres„Führers" aus Grund eines Gutscheins ein C i n t o p s g e r i ch t ver- absolgt. Dieser Gutschein sah folgendermaßen aus: SAAR-TREUEKUNDGEBUNG Kotüenz-EtwenDrf listen am 26 n. 1914 VC K> Cn Os Gutschein i EINTOPFGERICHT VC >o u ch l e li n t e d c r P r ä s i d e n t d e s L a n d e s a r b e> t s a m, s in Hannover ab. Auf eine Beschwerde beim Reichs- arbcitsminifter hin wurde die Entlassung in eine Kundi- g u n g zum 30. September umgewandelt..lls ein Ein- spruch hierauf keinen Erfolg hatte, rieten die drei Angestellten das Arbeitsgericht Göttingen an. In der oerbmib- lung hob der Vertreter des Arbeitsamts hervor, die.Kündigung sei durch die Verhältnis!? des Betriebes bedingt, alle anderen Angestellten des Arbeitsamtes gehörte» der NSDAP, an. Es könne ihnen nicht zugemutet ipeidfen, mit den Klägern noch weiter zu arbeiten, denn sie hätten sich ö n r ch ihre n Eintritt in den damaligen „S lahlhcl in" a l s Gegner des N a t i o n a l s oz i a- l i s m us erwiesen. Die Entscheidung des Arbeitsgerichts lautete, die K l S- g e t seien wieder etnzustelle n oder es sei ihnen eine Entschädigung zu zahlen. Die Kündigung sei un- billig hart. Tie Beweisaufnahme habe keinerlei Anhalts- punkte ergeben, dast die Kläger nicht aus dem Bode» des Heu- «igen Staates stünden. Trotz mehrfacher Aufforderung sei der Beweis nicht erbracht worden, dast die Kläger„links" eingestellt seien. Ter Eintritt in den„Stahlhelm" könne nicht ohne nähere Begründung als staatsfeindliche Gesinnung be- wertet werden. Außerdem gehörten die Kläger seil September UM glich der S.A. an, seien also vollwertig in die Reihen der nationalsozialistischen Kämpfer ausgenommen worden. Ten anderen Angestellten könne wohl zugemutet werden, mit ihnen zu arbeiten. Da das Arbeitsamt gegen dieses Urteil Berufung einlegte, hatte setzt das Laudesarbeitsgericht H a n» o v e r über den Fall zu entscheiden. Das Arbeitsani! brachte dabei vor, zwei d e r K l ä g e r h ä t t e n s i ch i n b e s ch i in p f e n d e r F o r m über die NSDA P. geäußert. Einer der Kläger stritt aber unter Eid ab, die Aensteruugen, die man ihm zur Last legte, getan zu haben. Das Landesarbeitsgericht wies die Berufung daraushin z n r ü ck. Es iiihrte aus, in keinem Falle sei bewiesen, dast die Kläger politisch unzuverlässig seien. Die Kündigung sei unbillig. Wenn die Beamten und Angestellten mit den Klägern nicht arbeiten wollten, so sei das disziptin- widrig. Berechtigte Zweifel" Berlin, 20. Sept. Ter preustische Innenminister stellt in einem Erlast an alle nachgeordneten Behörden einschließlich der Gemeinden und Gemeindeverbände und der sonstigen der Staatsanssicht unterstehenden Körperschaften fest, dast auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Beriissbeam- tentumS die politische Zuverlässigkeit der Schutzpblizeibeam- ten besonders überprüft worden sei. Es erübrige sich daher, im Dienst befindliche Schutzpolizeibeamte, die sich um eine Uebernahmc in Bcamtcnstcllen anderer Behörden bewerben, einer erneuten Prüfung in politischer Hinsicht zu unterziehen. Sofern trotzdem berechtigte Zweifel an der politischen Einstellung eines Bewerbers bestünden, sollten diese dur'ch Rückfrage bei seiner Dienststelle geklärt werden. vle aufgelösten Logen Warum nur die kleineren? Berlin, 20. Sept. Auf Grund des Erlasses des preußischen Ministers des Innern vom 8. Januar dieses Jahres ist die Auslösung folgender Freimaurerlogen erfolgt:„Zum preu stischen Adler" in In st er bürg,„Hermann zur Bruderliebe" in S o l d i n,„Zum Leoparden" in Lucka u,„Wilhelm zur Weisheit und Brudertreue" in Lübbe»,„Karl zu den drei Greisen" in G r e i s s w a l d,„Franz zum treuen Her- zen" in Greisshagen,„Julius zu den drei Herzen" in Anklam,„Zur Eintracht" in Treptow,„Zu den drei Degen" in Halle an der Saale,„Friedrich zur Unsterblichkeit" in Stade,„Georg zur wahren Brudertreue" in Kehr(Regierungsbezirk Aurichl und„Aurora" in Min- d e n. * Es fällt bei dieser Zusammenstellung aus, daß G-öring nur Logen in kleineren Orten auslösen liest. Wie steht es mit den grosten Logen, die im Zeichen der Freimaurerei Sammel- punkte der konservativen Bourgeois waren und vielfach monarchistischer Sammlung Raum gewährten. Sie scheinen im stillen weiter zu bestehen. Vielleicht wagt sich Göring an die hier dominierenden Leute mit altpreustischer Logentradition nicht gern heran. Zuchthaus und Sicherungsverwahrung Für illegale Kommunisten Berlin, 20. Sept. Im Hochverrats und Giftprozeß gegen die 17 vor dem zweiten Senat des Volksgerichts unter An- klage stehenden Kommunisten aus Döbeln(Sachsen! und Um gebung wurde das Urteil verkündet. Der 44jährige Haupt- angeklagte, Robert Wolfes, erhielt unter Einbeziehung der gegen ihn vom Landgericht Freiberg(Sachsens verhängten Strafe insgesamt 10 Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Eh:- verlost. Außerdem wurde die Sicherungsverwahrung gegen ihn angeordnet. Zehn weitere Angeklagte erhielten wegen Beteiligung an der Zyankali- und Wassenbeschassnng sowie an der Vorbereitung der Sprengstossdiebstähle Zuchthausstrafen von l'/a bis 3 Iahren neben entsprechenden Ehren strafen. Zwei weitere Angeklagte wurden freigesprochen, während die übrigen Angeklagten Gefängnisstrafen von l bis 1', Iahren erhielten. Des„fiihrers" Freund freu*«W Frankfurter Schlachthof judenrein Die Kreisbauernschaft Ansbach gibt bekannt: Wie aus Frankfurt am Main hierher gemeldet wurde, war der letzte graste Schlachtviehmarkt dort v o l l st ä n d i g frei von jüdischen Händlern. Dies ist umso beachtens- werter, als Frankfurt einen der größten und besten Schlachtviehmärkte hat. Aus diesem Anlast waren die Hallen des Marktes mit den Fahnen des neuen Deutschland geziert, und sowohl bei den Käufern wie auch Verkäufern konnte man die Freude über den judensreien und judenreinen Markt von den Gesichtern ablesen. „Wir in Franken",% schreibt die„Fränkische Tageszei- tuiig" Streichers dazu,„freuen uns um so mehr, dast die Fern- Haltung der Juden von den Viehmärkten nun auch auf den grosten Schlachlviehmärkteu Platz gegriffen hat. Und noch einmal, deutscher Bauer: Schalte den Inden vom Viehhandel aus, damit du nicht mehr um den Lohn deiner Arbeit betro- gen wirst." „Es lebe der Duce" Ter„Popolo d'Italia" berichtet, dast künftighin in der Korrespondenz der Faschistischen Partei nur noch der Gruß: „Es lebe der D u e e!" Verwendung finden soll. Er knüpft die Hoffnung daran, daß sich diesem Beispiel alle Italiener anschließen werden. Das ist also„Heil Hitler!" auf»nissvtinisch. Endlich ein außenpolitischer Erfolg des„Führers". Altöl- eine Kostbarkeit Das bayerische Staatsministerium hat angeordnet, daß künftig das bei sämtlichen Staatsbehörden und staatlichen Betrieben anfallende Altöl gesammelt und aufbewahrt wird, um einer späteren Regeneration zugeführt zu werden. Tie Gemeinden, Bezirke und Kreise, die Privatwirtschaft und die gesamte Bevölkerung werden dringend aufgefordert, zur Vermeidung von Materialverschleiideriing das Altöl gleichfalls zu sammeln. „Deutsche Freiheit", Nr. 219 ARBEIT UM» WIRTSCHAFT Freitag, den 21. Sept. 19X4. Die deafsdi-engllsdic WlrlsdiaHsspannung Der Zahlungsverkehr im Stocken— Die Warengläubiger verlangen ihr Recht— Die englische Delegation in Berlin Seit einigen Tagen befindet«ich in Berlin unter Führung 'on Sir Frederic Leith-Roß eine englische Delegation, die mit der Reichsregierung neue Verhandlungen über die künftigen deutsch-englischen Handelsbeziehungen aufgenommen hat. Die Entsendung der englischen Delegation ist zunächst einmal auf den sogenannten„Neuen Plan" Schachts zurückzuführen, der sich in ipancher Beziehung im Gegensat} zu den bisherigen Abmachungen zwischen England und Deutschland befindet. Die Engländer befürchten, daß die generelle Drosselung der deutschen Einfuhr die deutsch-englischen Handelbeziehungen sehr ungünstig beeinflussen werde. Sir Frederic Leith-Roß wird voraussichtlich Zusicherungen zu erlangen versuchen, wonach England weiterhin nach dem Grundsaß der Meistbegünstigung behandelt und der prozentuale Anteil Englands an der gesamten Einfuhr nicht verringert werde. Es ist sehr zweifelhaft, daß die Hitlerregierüng auf diese englischen Forderungen eingehen wird, denn das würde praktisch die Durchlöcherung des neuen Plans und damit der ganzen Devisenpolitik Schachts bedeuten. Das„dritte Reich" ist zur Vermeidung einer Inflation unter allen Umständen gezwungen, eine Drosselung, und zwar eine wesentliche Drosselung der Einfuhr herbeizuführen. Es kann höchstens nur einige Ausnahmen insofern machen, als sich diy Engländer bereit erklären, ihrerseits gewisse Zusicherungen für die deutsche Ausfuhr nach England zu machen. Aber auch diese Ausnahmen England gegenüber können nur beschränkter Natur«ein. In engster Verbindung mit dieser generellen Frage der deutsch-englischen Handelsbeziehungen wird die englische Delegation auch eine Klärung darüber herbeiführen müssen, inwieweit das englische Zahlungsabkommen vom 20. August aufrechterhalten werden kann. Dieses Abkommen sieht unter anderem vor, daß die deutschen Importeure britischer Waren ihre Fakturen bei der. Reichsbank auf das Sondermark-Konto der Bank von England in Mark begleichen können. Die Markbestände wurden auf ein Sonderkonto bei der Bank von England transferiert, und die gegen Sterling an britische Importeure deutscher Ware verkaufte Sondermark wurde dazu verwandt, um die Forderungen der britischen Exportfirmen auszugleichen. Schacht hat bereits kürzlich erklärt, daß das Anschwellen der Sondermarkkonten der ausländischen Notenbanken bei der Reichsbank für ihn eine große Sorge bedeute. Diese Sonderkonten belasten für die Zukunft die ohnehin hoffnungslose deutsche Devisenbilanz. Die Reichsbank hat deshalb in dem Abkommen vom 20. August durchgesetzt, daß sie die Zahlungen auf das Sonderkonto sperren könne, wenn der Betrag des englischen Kontos 5 Millionen Reichsmark überschreitet. Von diesem Recht hat die Reichsbank in diesen Tagen Gebrauch gemacht. Die Aufgabe der britischen Delegation wird es also sein, eine Lösung zu finden, um das Verminderter Erntetag Neue amtliche Angaben Nach der Mitteilung des Statistischen Reichsamts- ird die diesjährige Getreideernte(Brotgetreide sowie Gerste und Hafer) für Anfang September 1934 auf 20,5 Millionen Tonnen geschätzt. Diese Schätzung ist unseres Erachtens auffallend optimistisch, denn sie übersteigt die Juli-Schätzung um nicht weniger als 1,3 Millionen Tonnen. Man kann sich natürlich bei der Schätzung gelegentlich irren. Aber daß der Irrtum ein solch' großer ist, ist wenig wahrscheinlich. Vielmehr ist anzunehmen, daß aus politischen Gründen, zur Hebung der Stimmung, das Statistische Reichsamt eine kleine Korrektur nach oben vorgenommen hat. Aber auch diese mit Absicht optimistisch gehaltenen Zahlen können nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß der diesjährige Ernteertrag hinter dem vorjährigen weit zurücksteht. Nach der Septembervorschätzung soll die diesjährige Brotgetreideernte 12,07 Millionen Tonnen betragen gegen 14,5 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr. Auch die Gersteernte ist geringer als im vorigen Jahre(rund 3 Millionen Tonnen gegen 3,5 Millionen Tonuez» im vergangenen Jahr). Ganz besonders schlimm steht es aber mit Hafer. Das Statistische Reichsamt schätzt die diesjährige Haferernte auf 5,3 Millionen Tonnen gegen 6,9 im vergangenen Jahr. Sie steht sogar um 1 Million Tonnen oder 16,4 Prozent hinter dem zehnjährigen Erntedurchschnitt zurück. Damit erklärt sich auch die große Futtermittelknappheit, die sich augenblicklich im„dritten Reich" bemerkbar macht, und die bereits zu Massenschlachtungen von Vieh geführt hat. Auch die Gemüseernte zeigt einen erheblichen Rückgang. Für Pflückerbsen sind bereits die Angaben bekanntgegeben. Aus diesen geht hervor, daß die Ernte an Pflückerbsen (Schoten) in den hauptsächlichsten Anbaugebieten infolge der ungewöhnlichen Trockenheit und dem stärkeren Auftreten tierischer Schädlinge nur 34,6 Dz. pro Hektar gegen 77,3 Dz. im Vorjahre betrug. Dementsprechend ist auch der Gesamtertrag, obwohl die Anbaufläche um 1000 Hektar auf 5613 Hektar gestiegen ist, wesentlich zurückgegangen, und»war von rund 360 000 Dz. auf nur 194 000 Dz. Ersatx! Ueberau Ersatz! Schlechtere Schokolade Die Ersatzstoff- und Zwangswirtschaft schreitet im Hitlerparadies mit Riesenschritten vorwärts. Wir haben kürzlich berichtet, daß für goldene Trauringe bereits ein„hundertprozentiger" Ersatzstoff geschaffen worden ist und daß der Verkauf von Winterobst verboten ist, weil dieses Obst zur Herstellung der„Heldenbutter", der Kriegsmarmelade, verwandt werden soll. Nunmehr werden neue Bestimmungen über die Herstellung von Schokolade bekannt. Vor einigen Wochen ist auch ein Kommissar für die Kakaowirtschaft eingesetzt worden, der, wie es amtlich immer so schön heißt, die Kakaowirtschaft „regeln" sollte. Die Reglung besteht darin, daß nunmehr der Kakaogehalt bei der Schokoladenherstellung wesentlich herab- grseßt wird. Durch die Herabsetzung der Kakaobestandteile wird eine wesentliche Ersparung von Rohkakao erzielt, dessen Vorräte nicht groß sind, und der jetzt im Zusammenhang mit dem„Neuen Plan" nur in kleineren Mengen eingeführt wird. An Stelle der fehlenden Kakaobestände soll künftighin ein Mehrverbrauch von 10—15 Prozent Milchpulver und Zucker erfolgen. Praktisch bedeutet das eine Verschlechterung der Schokoladenqualität. Nicht umsonst wird ausdrücklich in der neuen.Verordnung erklärt, daß diese Reglung nicht für diejenigen Kakaoartikel erfolgt, die für den Export bestimmt sind, da sonst Deutschland am Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig wäre. Interessant ist es auch, daß in den nächsten zwei Monaten, im Hinblick auf das Weihnachtsgeschäft, ein erhöhter Bedarf an Rohkakao erwartet wird. An Stelle der Verwendung von reinem Kakaopulver wird deshalb eine vorzugsweise Verwendung von Haferkakao, Malzkakao, Hafermalzkakao, Eichelkakao und Schokoladenpulver vorgesehen. Ferner sind verschiedene Bestimmungen über den Höchstgehalt an Kakaomasse bei den verschiedenen Schokoladensorten erlassen worden. Bezeichnend für die neue Zwangswirtschaft in Kakao ist, daß der Treuhänder für die Rohlcakao verarbeitenden Betriebe ein generelles Verbot der Verwendung von Kakaomasse als Ueberzeug erlassen hat. „Deutsches Papier" Sehr bedenkliche Folgen werden die Pläne über die Ersatzstoffwirtschaft in der Holzindustrie haben. In Bonn bat soeben die diesjährige Tagung des deutschen Forstvereins begonnen. Dort werden die Pläne über die neue Verwendungsmöglichkeiten für inländisches Holz beraten. Die Prelssleigerang und Wirrwarr gegenwärtig ins Stödten geratene deutsch-englische Zahlungsabkommen wieder in Gang zu bringen. Auch die Frage des Transfers der rückständigen Waren- schulden wird zur Debatte gestellt werden. Diese Warenschulden stellen ein trauriges Kapitel aus der neudeutschen Wirtschaftspolitik dar. Wie oft hat Hitler vor der Machtergreifung erklärt, daß seine Regierung die Privatschulden voll und ganz bezahlen werde! Aber auch dieses Versprechen hat Hitler, wie so manches Versprechen, das er gegenüber dem deutschen Volke gegeben hat, nicht gehalten. Das „dritte Reich" hat nicht nur die Rückzahlung der Privatschulden, sondern es hat darüber hinaus praktisch auch die Zahlung für Warenschulden eingestellt. Die Engländer lieferten in den letzten Monaten ziemlich große Mengen von Kohle und Feingarnen. Die aus diesen Lieferungen schuldenden Beträge sind von deutscher Seite nicht beglidien worden. Die Engländer, insbesondere die Garnlieferanten haben erklärt, daß sie ihre Lieferungen einstellen werden. Obwohl von hitlerdeutscher Seite wiederholt erklärt wurde, daß die Einstellung der englischen Feingarnlieferungen keinen Schlag für die deutsche Industrie, sondern vielmehr für die englischen Lieferanten selbst bedeute, stimmt diese Feststellung nicht. Denn eine ganze Reihe von weiterverarbeitenden Textilindustrien, insbesondere die Chemnißer Handschuh- und Strumpfindustrie, ist aus technischen Gründen auf den Bezug der englischen Feingarne angewiesen. Außerdem sind die englischen Feingarne bis zu 50 Prozent billiger als die entsprechenden Feingarne deutscher Herkunft. Die Einstellung der englischen Garnlieferanten würde deshalb im Endergebnis die Produktion des Chemnitzer Industriebezirkes gefährden, die Herstellung selbst verteuern und damit die Konkurrenzfähigkeit auf den Exportmärkten in Frage stellen. Um diesen Zustand zu verhindern, wurde auf Betreiben der Chemnitzer Handelskammer den englischen Baumwollgarnexporteuren ein Angebot bezüglich der Liquidierung der rüchständigen Warenschulden gemacht. Dieses Angebot ist abgelehnt worden. Von deutscher Seite ist nämlich vorgeschlagen worden, die Verteilung der Rückzahlung auf 12 Monate bei 4prozentiger Verzinsung auszudehnen. Die größten Bedenken erweckte jedoch der Vorschlag einer sechsmonatigen Zahlungsfrist für neue Lieferungen, statt der gewohnten Periode von 30 Tagen. Das würde praktisch eine Erhöhung der deutschen Warenschulden um den sechsfachen Betrag bedeuten. Die Verhandlungen in Berlin werden nun zeigen, inwieweit es gelingen wird, unter den gegebenen Verhältnissen eine Verständigung zwischen England und dem„dritten Reich" herbeizuführen. Eins steht jedoch fest: das bisherige Gebaren von deutscher Seite hat das Mißtrauen des englischen Kaufmanns gegenüber seinem hitlerdeutschen Partner verstärkt— ein Umstand, der nicht dazu geeignet ist, die gegenseitigen Handelsbeziehungen zu fördern. Die deutschen Preise steigen heftig. Seit im Mai die Verwendung ausländischer Rohstoffe eingeschränkt wurde, sind praktisch nur die Waren mit amtlichen Höchstpreisen stabil geblieben. Fast alle anderen sind im Preise gestiegen— teilweise um 25 Prozent und mehr. Um wie wichtige Waren es sich dabei zum Teil handelt, zeigt unsere Tabelle, die auf amtlichen Zahlen beruht, nämlich auf den laufenden Veröffentlichungen des Statistischen Reichsamts: Alles in Mark je 100 kg 28. 8. 25. 7. 20. 6. 30. 5- Kartoffeln gelbe Berlin Erbsen Viktoria Speck inländischer Schrott Stahl Ia Maschinenguß- bruch Ia Wolle Austr. A. 1934: 1933: 1934 t 1933: 1934: 1933: 1934: 1933: 1934: 1933: 1934: 1933: 7— 2,36 60,— 30,50 190,— 144.— 3.90 3,20 4.— 3,40 8,88 3.20 55,— 26,75 175,— 146,— 3,80 3,15 4.— 3,30 600,— 395,— 7,10 3,20 26,75 175,— 130,— 3,80 3.20 4.10 3.40' 520.— 360,— 4 ,20 2,50 42.— 25,— 175,— 138,— 3,85 3,20 4.10 3,40 490,— 345.— (Neues Tagebuch.) ,Der Segen der Not" Unter dieser stimmungsvollen Ueberschrift veröffentlicht das Mannheimer„H akenkreuzbanner" einen großen Artikel über die Wirtschaftslage, dem wir die folgenden Zitate entnehmen:. Und wenn wir uns von der Einfuhr von Baumwolle frei machen können, dann mögen die Baumwollpreise so billig werden wie noch nie: das deutsch? Volk zahlt dann höhere Preise für die Stoffe, aber es ist wirtschaftlich frei geworden. Ob das deutsche Erzeugnis sich teurer stellt als die auf dem Weltmarkt angebotene Ware, das ist für die national Wirtschaft liehe Betrachtung und Wertung nicht von Belang..."(Inpreß.) Neue Bewässerungspläne in Mittelasien Das Volkskommissariat Kasakstans bestätigte den Plun zur Rekonstruktion und Erweiterung des Bewässerungssystems der sogenannten„Hungersteppe", wo die besten Baumwollfelder Kasakstans und Usbekistans liegen. Die bewässerte Fläche wird in nächster Zeit auf 171 000 Hektar gesteigert werden, während sie augenblicklich nur 73 000 Hektar beträgt. Dann soll sie allmählich auf 350 000 Hektar erweitert werden. Der Verkehr in den palästinischen Häfen steigt (ITF.) Der Schiffsverkehr in den palästinischen Häfen steigt sprunghaft. Im Jahre 1932 waren 974 Schiffe mit etw.i 2 Millionen Tonnen eingelaufen; im Jahre 1933 waren es »chon 1312 Schiffe mit etwa 3,3 Millionen Tonnen. Besonders der Verkehr in dem kürzlich ausgebauten Hafen von HätFii entwickelt sich sehr stark. Die Zahl dort eingelaufener Schiffe i«t von 787 mit 1,7 Millionen Tonnen im Jahre 1932 auf 1062 mit 2,6 Millionen Tonnen im Jahre 1933 gestiegen. „Luftschutzblockwarte" als Lumpensammler Der Reichswirtschaftsminister und der preußische Minister für Wirtschaft und Arbeit haben, wie das NDZ. meldet, In einem Schreiben an den Reichsluftschutjhund die Anregung gegeben, angesichts der Rohstofflage mit allem Nachdruck darauf au halten, daß die in den Haushalten vorhandenen wollenen und baumwollenen Lumpen nicht etwa verbrannt oder als Müll beseitigt, sondern gesammelt und der Wiederverwertung zugeführt werden, da sie den Rohstoff für die Herstellung von Kunstwolle und Baumwolle bilden. Die Luftschußblockwarte sollen angewiesen werden, die Bevölkerung bei der Entriimpelung der Hausböden auf diese Notwendigkeit aufmerksam zu machen und die Ablieferung aller Lumpen an die Händler anzuregen. Die Krise in der Wollindustrie In einem Geschäftsbericht über die Lage der Leipziger Wollkämmerei wird auf die drohende Verknappung der Rohstoffe durch die neue Devisenverordnung hingewiesen und gefordert, durch Kompensationsgeschäfte mit anderen Staaten die Rohwollzufuhr wieder in Gang zu bringen,„damit wenigstens der gegenwärtige Beschäftigungsgrad aufrecht erhalten werden kann". Die Rentabilität der Wollindustrie hätte sich, so führt der Bericht aus, infolge der Arbeitszeitbeschränkung und infolge der Unmöglichkeit, die Unkosten herabzusetzen, empfindlich verringert.(Inpreß.) Holzinteressenten wollen insbesondere die bedeutende deutsche Papierfabrikation vergewaltigen. Bekanntlich stellt sieh der jährliche Bedarf der deutschen Papierfabriken auf zirka 9 Millionen Festmeter Fichtenholz. Aus technischen und qualitativen Gründen werden von dieser Menge nicht weniger als 4 Millionen Festmeter eingeführt. Nun wollen die Hintermänner des deutschen Foristvereins den Gedanken lancieren, daß diese vier Millionen Festmeter ausländischen Fichtenholzes durch deutsches Kiefernholz er- seßt wird. Aus technischen Gründen können die Papierfabriken, die auf Fichtenholz eingerichtet sind, kein Kiefernholz verwenden. Unter diesen Umständen würde die Verwendung von Kiefernholz die Errichtung neuer Fabriken bedeuten. Tatsächlich ist auch in Norddeutschland der Bau einiger Papierfabriken auf der Grundlage des Kiefernholzes geplant. Eine solche Entwicklung würde nicht nur einen schweren Schlag gegen die beieits bestehenden Papierfabriken, sondern auch enorme Fehlinvestitionen bedeuten, deren katastrophale Folgen wir bereits alle aus den Inflationszeiten kennen. Alle diese Vorgänge zeigen, in was für eine Zwickmühle die Wirtschaft unter dem Hakenkreuz geraten ist, und wir werden demnächst noch„weitere Wunder" erleben, die, über kura oder lang, den Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft bringen werden. f)eutsdke Stimmen•(Beilage xur„1 Deutschten&weilkeit"• Ereignisse und GesdkieMen if jf 1 Ii'''W'MDWD Ffltag, den 21. September 1934 Mge&Caßte(Bcäiute d D'e Studenten waren einst Hitlers feurigste und zuverlässigste Wegbereiter. Ihr Ungestüm und ihre Meisterlosig- keit versehte die deutsche Hochschule eine Zeitlang in Anarchie. Der Zustand ist heute, so lautet ein Bericht der Basler„National Zeitung", ein anderer. Die von oben geforderte unwürdige Verleugnung und Ausstoßung aller nicht vollarisch Alten Herren und die vom Staate gedeckten Anremplungen durch die Hitlerjugend haben die Korporationsstudenten dem Regime entfremdet, so sehr, daß der Staat selbst den Korporationen entgegenkommen mußte, indem er den Vorsitzenden der deutschen Studentenschaft, den radikalen Parteimatador Staebel, durch einen Mann der mildern Tonart ersetzte. Aber das Einlenken hat nicht genügt. Die farbentragenden Studenten lehnen das„dritte Bei« h", wie es sich seit dem 30. Januarl933 entwickelte, immer mehr als ein ihnen wesensfremdes, ja feindliches Element ab. Immer mehr Widerstände machen sich auch in der zwar stets noch stark nationalsozialistisch gesinnten ehemals freien Studentenschaft breit. Hier sind die jungen Leute in keinem Traditionsgefühl getroffen und verletzt, sondern sehen sich bedroht in ihrer wissenschaftlichen und beruflichen Zukunft überhaupt. Der streng militaristische, alles nivellierende, geistfremde, geistfeindliche Staat mit seinen kommandierten Arbeits- und Schulungslagern und den Dutzenden anderer Obligatorien verhindert die Studenten einfach an der Arbeit und am anständigen Studium. Alles in allem gerechnet, betrug die durchschnittliche Kollegienzeit an den deutschen Universitäten letztes Semester knappe zwei Monate! Enttäuschung herrscht überall, und heimliche Auflehnung macht sich in den preußischen Universitäten gleichermaßen breit wie in den süddeutschen. Der Rektor der Freiburger Universität, der Philoaophieprofeasor Heidegger, ein bekannter Nationalsozialist, hat vor dieser latenten Unzufriedenheit vor einiger Zeit die Segel streichen und abdanken müssen. Und im berüchtigten„Stürmer" des Nürnberger Stadtgewaltigen Streicher stand neulich ein Bericht aus München, der mit geradezu entsetzlichen Worten die offen feindselige Haltung eines großen Teils der Münchener Studenten gegen das Regime schildert. Die Symptome seien jedoch nicht überschätzt, Tausende von Studenten sind vom äußern Glanz des„dritten Reiches" immer noch begeistert, und die Gegengewalt, die gesammelte, organisierte, zielsichere, die sich dem Hitlerschen Staate mit Erfolg in den Weg stellen könnte, ist auch mit dem kräftigsten Vergrößerungsglase noch nirgends zu entdecken. * Die deutsche Universitätsstadt, an die der Schreiber denkt, tat klein und von alter und ruhmreicher Tradition. Ihr Zustand mag als typisch gelten. Ihr Name sei aus den bekannten Gründen natürlich verschwiegen. Schon das Verhältnis zwischen Studenten und Bürgerschaft ist charakteristisch. Die alten^uien Beziehungen wurden planmäßig zerstört. Da 2)ie Zuckertüte Von Manfred Es ist nach Mitternacht. In der Straßenbahn sitzt ein Arbeiter. Seine Kleider riechen nach Oel und Eisen. Sein Gesicht ist geschwärzt. In den Falten am Hals hat sich Kohlenstaub zu schwarzen Striemen zusammengeschoben. Auf der glatteren Haut hinterm Ohr ist jede Pore ein Kohlepunkt. Man sieht das alles sehr genau, haarscharf wie gestochen; jeden Faden der geflickten Jacke könnte man zählen, denn der Mann sitzt müde, mit gekrümmtem Rücken vornübergebeugt, die Ellenbogen auf diö Oberschenkel gestützt, die Hände zwischen den Knien schlaff ineinandergelegt. Auch die Hände sind schwarz. Nur die ringsum schwarz geränderten Fingernägel schimmern ganz hell; es erinnert an das Weiße im Auge eines Negers. In der linken Jackentasche steckt ein flacher Kaffeekrug: dieser sichtbare Streifen hellblau emaillierten Blechs ist das einzig Farbige im Bilde des Mannes. Bei den Bremsstößen des Wagens schwankt der gebeugte Oberkörper widerstandslos hin und her. Alle Kraft hat der Mann dort gelassen, wo er bis Mitternacht gearbeitet hat. Der Rest„Mensch" fährt nach Hause. Nein, es läßt sich nur passiv ausdrücken: er wird gefahren.„Von der Arbeit zugerichtet", denkt man, und„die Arbeit" erscheint als etwas Böses, ein Untier, das allnächtlich die Kraft dieses Mannes frißt wie der Adler des Zeus die Leber des angeschmiedeten Prometheus; es läßt ihm Zeit, sich auszuruhen und mit frischen Kräften wiederzukommen, die es wieder frißt-— und so ein Leben lang. Die Fahrt geht weit in die Vorstadt hinaus. Nach geraumer Zeit richtet sich der schlafende Arbeiter aufgeschreckt auf, blickt verstört um sich und starrt sekundenlang durch die Scheiben, um zu ergründen, an welcher Stelle seiner Heimfahrt wir augenscheinlich sind. Dann lehnt er sich zurück. Jetzt kann man sehen, daß der Mann noch gar nicht alt ist, Mitte der Dreißig etwa; gute, junge Kraft, bekommt„die Arbeit" täglich zu fressen. Der Mann denkt vor sich hin. Er denkt mit der Beharr- lidikeit einfacher Leute, die lange an einem Punkt verweilen und den gleichen Gedanken durch Wiederholung eindringlicher machen, so wie ein Ornament durch Aneinanderreihung der gleichen Figur entsteht. Sold,es Denken spiegelt sich. nicht in den Mienen, starr und unbeweglich bleiben die Augen auf einen irgendwo erfaßten Punkt gerichtet. Die nächste Umwelt bemerken sie nicht, sie schauen hindurch gleich der fotografischen Linse, die, auf weite Entfernung eingestellt, die Nähe nur unscharf abbildet. Es kommt uns nur nicht zum Bewußtsein, daß wir mit unseren Augen fortwährend die gleich wechselnde Scharfeinstellung vornehmen wie der Fotograf an seiner Kamera. Wenn wir die Bilder unserer Wahrnehmung auf der Netzhaut fixieren könnten, würden wir erstaunt sein über die vielen unscharfen Bilder, die wir aufnehmen......»,,„ Während meine Gedanken abschweifen, hat der Mann •ine Bewegung gemacht, die mich ihm wieder auwendet. Er hat aus seinem Denken heraus in die reckt« Rocktasche gegriffen und«in« Tüte hervorgebracht. Eine kleine, spitze, weiße Tüte. Er macht sie auf und schaut lange hinein. Ls sind rote und grüne Bonbons in der Tüte, die er seinem ie kleine deutsche Universitätsstadt das deutsche Volk bald vom ersten Kindesschrei an bis zum Todesseufzer reglementiert und kommandiert wird, so muß der Staat durch seine Beauftragten auch bestimmen, bei wem die Studenten wohnen dürfen und bei wem nicht. Ohne Rücksicht auf Lage und Güte der Zimmer befiehlt der nationalsozialistische Ortsführer der Studentenschaft, daß zunächst alle verfügbaren Zimmer bei Arbeiter- und Kleinbeamtenfamilien besetzt werden, erst dann kommen die seit Generationen als ruhig bekannten und vermieteten Studentenbuden in den Bürgerhäusern an die Reihe, sie bleiben aber meistens leer, weil dann der Wohnbedarf schon gedeckt ist. Privatdozenten und Professoren, die keine eigene Wohnung haben, müssen sich den Befehlen des allmächtigen Orts- führers, eines Jünglings noch zarten Alters, genau so widerspruchslos fügen wie die Studenten. Wie oft kommt es vor, daß Dozenten ihre Kollegien und Studenten ihre Examen zwangsweise vom Lärm kinderreicher Familien umbrandet vorbereiten müssen; unterdessen stehen die ruhigen Studierstuben leer und wenn deren Besitzer dennoch kühn genug sind und vermieten, so werden ihre Namen, falls man sie ertappt, schandenhalber als Feinde des Staates veröffentlicht. Die Parteizugehörigkeit und politische Zuverlässigkeit gibt selbstverständlich auch hier den Ausschlag. Als unzuverlässig gilt schon ein Abonnement auf die„Frankfurter Zeitung", Am Tag meines Besuches befand sich die Professorensckaft in beträchtlicher Aufregung: jener Befehl wurde bekanntgegeben, wonach die deutschen Dozenten, wie alle anderen Staatsbeamten auch(die Rektoren werden, wie bekannt, nicht mehr von der Dozeutenschaft gewählt, sondern vom Ministerium bestimmt und der Universität gegebenenfalls aufoktroyiert), einen Treueid auf Adolf Hitler persönlich ablegen müssen. Ein Dozent meinte, die Erregung sei so groß, daß mindestens die Hälfte des Lehrkörpers sich entschlossen zeigte, den Eid zu verweigern, fügte dann aber skeptisch lächelnd hinzu,„entschlossen sicherlich heute, morgen jedoch oder gar übermorgen wahrscheinlich nicht mehr. Was wollen Sie! Wir sind keine Helden. Der Verdienst, die Familie! Der Druck von oben und die Furcht sind zu groß."...„Universitätsprofessor sein, Geistesarbeit verpflichtet vielleicht doch etwas. Wenn auch die deutschen Geistesarbeiter sich wie Krämer betragen, dann wird das„dritte Reick" allerdings tausend Jahre dauern."...„Sie mögen recht haben. Diese furchtbare deutsche Krisis ist vor allem eine Krisis der geistigen Feigheit." ¥ Ein anderer Dozent sieht den baldigen Zusammenbruch der deutschen Universitäten als Stätte der höheren Bildung und der Wissenschaft in der Tatsacke der„hanebüchenen Inkompetenz" der Leitung der in Frage stehenden Ministerien beschlossen. Zwar sei, genau wie im Kirckenkonflikt, die Hoffnung berechtigt, daß der allzugroße Druck einen reinigenden Gegendruck erzeugen werde.„Das„dritte Reich" ist vielleicht nur die unvermeidliche große deutsche Reinigung«- kur, der Tunnel, durch den wir erst hindurch müssen.." Ein Tunnel— wie oft wird dieses Gleichnis jetzt genannt- * Tags darauf wurde ein Zwischenfall bekannt, der sich am Abend zuvor während der in Masse besuchten Vorlesung eines Gelehrten von europäischem Ruf ereignet hatte. Der Dozent hatte geglaubt, zu Beginn, des Kollegs die Konzession eines zwar nur angedeuteten Hitlergrußes machen zu müssen. Darauf allgemeines Gelächter der Studenten. Der Professor lächelte verständnisvoll mit. Jetzt aber wissen sich die Studenten vor lauter ehrlicher Freude kaum zu fasesn und scharren ihrem Lehrer sekundenlang Zustimmung und Applaus.-< „Mähe, ich midi" Philosophie der Knechtschaft In den naturwissenschaftlichen Märchen von Kurd Laßwitz — sie erschienen vor einem Menschenalter— gibt es ein» Episode mit einer philosophischen Spinne, die ein Zoologe zu Beobachtungszwecken in ein Reagenzglas eingesperrt hat. Irgendwer bemitleidet sie, aber die Spinne begreift nickti „Der Mensch hat mich nicht in seinem Glase, sondern in dem Glase des Menschen habe i c h mich!" Warum uns das just in Erinnerung kommt?— Aus geringfügigem Anlaß. Bei Gelegenheit des Nürnberger Parteitages hat der Reickspressechef Dietrich geäußert: „In Deutschland jedenfalls war die Reform der Press« unerläßlich, nickt um die Freiheit der Presse zu vernichten, sondern um die Unfreiheit aus ihr zu entfernen und um die Basis wieder herzustellen, auf der allein eine innerlich freie Presse gedeihen kann". Innerlich freie Presse...„Hitler hat mich nicht im Käfig, in Hitlers Käfig habe ich mich!"— Es ist doch etwas Schönes um ein philosophisch veranlagtes Volk. Max Maasen, Otta lüaCttucq Judenboykott am Theater In der bevorstehenden Berliner Theatersaison sollten auck diesmal wieder zwei jüdische Schauspieler auftreten, die bereits im vergangenen Winter in Berlin Hauptrollen inne hatten: nämlich Max Hansen und Otto Wallburg. Die Proben für die Stücke hatten bereits begonnen, als vom Propagandaministerium die Nachricht eintraf, daß beide Schauspieler nickt auftreten dürfen. Begründet wird dieses Verbot mit dem Beschluß des jüdischen Weltkongresses in Genf, der bekanntlich einen neuerlichen verschärften Boykott des Weitjudentunis gegen Deutschland angekündigt hatte. Angesichts dieses Boykottbeschlusses bestände, so heißt es in einer Erklärung des Propagandaministeriums, die Gefahr, daß bei Aufführungen, in denen jüdische Schauspieler auftreten würden, die öffentliche Ruhe gestört würde.,, Kinde mitbringt. Er schaut noch immer hinein. Dann faltet er die Ti'»e wieder zu, schiebt sie langsam in die Tasche und sitzt wiener vornübergebeugt in der Haltung müder, plagender Erwartung auf das Ende dieser Fahrt. Nun kann man den Weg nachgehen, den seine Gedanken gegangen sind: Müdigkeit, das Bett daheim, die endliche Ruhe. Alles ist genau vorstellbar: die enge Wohnung über drei, vier dunklen Stiegen; vor den Türen schimmern die herausgestellten leeren Milchflaschen. Die Wohnung von der Sommerhitze bedrückt, tagsüber vom Straßenlärm durchdrungen, von den Gerüchen der Vorstadt geschwängert. Alles steht eng aufeinander. Zwischen Schrank und Betten bleibt nur ein schmaler Gang. Gelebt wird in der Küche. Man wäscht sich an der Wasserleitung. Ein kleiner, gesprungener Spiegel hängt über dem Ausguß. Ein bunter Abreißkalender mit der Reklame einer Firma ist angeheftet. Der billige, viel zu laut eingestellte Radioapparat schreit Konzertmusik gegen die Wände, und wie auf dem Lande ein krähender Hahn dem andern antworten aus der beißen Straße andere Lautsprecher, alle mit der gleichen lauten Musik. Die Frau— wie wird sie sein. Vielleicht ruhig und gutmütig, und nach dem ersten Kinde schon zu formloser Fülle neigend? Oder mager, schrill und griesgrämig, unlustig gemacht durch das ewige Nachrechnen der paar Mark, die der Mann heimbringt? Ein guter, gescheiter Kamerad oder eine zänkische Elster, die dem Mann mit dem Hausklatsch von gestern in den Ohren liegt? Oder eine gedankenlose Putzhenne, die mit leichter Hand fortträgt, was der Mann schwer verdient? Es gibt verschiedene Frauen. Es fahren Mädchen mit ihren Liebhabern hier im Wagen mit, Mädchen aus der Vorstadt, durch deren Jugenderscheinung hindurch«ich schon ahnen läßt, wie sie einmal sein werden, jede ein Männer- Schicksal, im Guten oder im Schlimmen. Und auf sie selber wartet das Los; Glückstreffer gibt es nicht viele im Leben. Und so geht es dann weiter, Tag für Tag— wofür lebt der Mensch? Aber der Mann hat daheim noch ein Kind. Zwei- oder drei- oder vierjährig; in diesem Alter sind sich Jungen und Mädel noch ganz gleich, nur einfach: Kind. Vielleicht ist es noch das erste und einzige in junger Ehe. Jetzt schläft es mit heißen Backen, das zierliche Spielwerk der Finger zu kleinen, spaßigen Fäusten geballt. Die Wimpern säumen wie zarte Federchen die geschlossenen Lieder. Die schwarzweiße Mickymaus aus Stoff, ohne die das Kind nicht schlafen geht, ist an den Bettrand gerollt; da liegt sie wie eine putzige Traumfledermaus mit ihren großen, schwarzen Ohren. An das Kind hat der Mann gedacht, als er mit seinen schwarzen Händen für einen Groschen die roten und grünen Bonbons in der weißen Tüte kaufte. Sein Schweiß und die Schwielen seiner Hände haben sich in die blanke Münze verwandelt, die er hingab für das Kind. Und als er vorhin die Tüte aufmachte und so lange hineinschaute in das Grün und Rot des Zuckerwerks, hat er auck an das Kind gedacht. Morgen früh, wenn er ausgeschlafen haben wird, werden die Hände nickt, mehr ganz so schwarz sein, nur die Nagelfalze bleiben schwarz für immer; und wenn er in die Tasche der geflickten Jacke am Türhaken greifen wird, wird da» Kind jauchzend in die kleinen Hände klatschen: der Vater hat ihm etwas mitgebracht! An diesen Augenblick hat der Mann vorhin gedacht, für diese kleine Freude lebt er, für weiter nichts. Und nun versinkt er wieder im Halbschlaf vornübergebeugt, müde und wie zerschlagen. Dem Arbeiter gegenüber sitzt ein gutangezogener Bürger Seinen Mantel'.01 er neben sich gelegt; er ist auf Kuns! seide gearbeitet. Und so sieht auch der Mann aus: auf Kunstseide gearbeitet. Glänzend, aber nicht eckt. Sicher braucht et den Groschen nickt umdrehen, bevor er ihn ausgibt. Auch et ist müde. Allem Anschein nach kommt er aus einem Nacktlokal. Er hat Geld ausgegeben und dämmert nun schlaff und leer vor sich hin. Man möchte nickt„er" sein, so zwecklos scheint es zu sein, wie er zwischen Verdienen und Geldausgeben«ein Leben verbringt. Wahrscheinlich hat auck er«ein« Plage mit Kursen und Krise und Spekulationen; vorhin hat er versucht, in der schon erschienenen Morgenzeitung den Wirtschaftsbericht zu lesen. Aber auch wenn immer alles gut abläuft: wofür plagt er«ich eigentlich? Wofür plagen sie sich alle: die Mädchen, die morgen wieder an der Schreibmaschine, am laufenden Band, zwischen den Paketstapeln der Versandabteilung oder an den Nähmaschinen einer Wäschefabrik sitzen werden, der Schaffner, der sechs- oder acht- oder zehnmal die gleiche Strecke hin und her fährt, Fahrscheine locht, an jeder Haltestelle die Glocke zieht und froh Ist, wenn er nach Hause gehen darf? Für das Leben, das immer und ewig den gleichen Rundlauf macht vom Arbeitstag zu Arbeitstag Und für ein bißchen Freude, zu armselig, um schon Glück zu sein. Glück— sind nicht alle diese Menschen überhaupt für immer ausgestoßen aus dem Glückslande? Und wo liegt es? Alles erscheint fragwürdig, freudlos und traurig in dieser Nachtstunde, in der der Wagen in den Schienen kreischt. Glück— Arbeit, Tätigkeit kann Glück sein. Aber für wie wenige ist sie es. Diesem Arbeiter seinen Lohn erhöhen, seine Arbeitszeit zu verkürzen, ihm menschliche und soziale Freiheit zu sickern, sein Leben zu erleichtern, es hell, sauber und froh zu machen, dafür lohnt es einzutreten mit aller Kraft des Wollens und der Ueberzeugung. Das ist alles, was wir tun können: einander helfen. Aber verloren bleibt das Paradies, das die Menschen nur in ihren Träumen erschaut haben. Nur Kinder leben einige Jahre im Paradies, In ihren klaren, gläubigen Augen spiegelt sich sein Glanz. Und wenn sie es erkennen, ist es schon verloren; das ist der Sinn der uralten Legende. Wir können nur aus dem vertraulichen Drucke einer kleinen warmen Kinderhand Trost und Glauben empfangen. Für ihre Kinder lebt die Menschheit. In ihren Augen sieht sie das verlorene Paradies noch einmal wieder. Als der müde Arbeiter vorhin die weiße Tüte öffnete und lange hineinsah in das Grün und Rot des billigen Zuckerwerks, da leuchteten in seine Gedanken hinein die glücklichen Augen seines Kindes, an das er dachte. Aus diesen kleinen Spiegeln schimmerte beglücken^ und ungreifbar, nur für die flüchtige Sekunde einer Gefühlsregung auftauchend, das entschwundene Traumland der eigenen Kindheit. Und wenn das Kind einmal erwachsen und selber schon alt geworden sein wird, wird das die Erinnerung unverlöschbar bewahren: das Bild des Vaters, der die kleine, weiße Tüte aus der Tasche zieht. Diese kleine, billige Zuckertüte, für einen GrosJjen aus müden, arbeitsschwarzen Händen erstanden, umschloß in diesem Augenblick die Liebe. Sie ist das Glück. Und dafür lebt der Mensch, Völker In Sturmzaltan Nr. 14 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Meine Gefangenschaft Von Joseph Cailiaux Joseph Cailiaux gab in dem vorangegange die schwere Anklage, sein Land an den Fein hen Kapitel ein lebendiges Bild der politischend verraten zu iahen. Er fragt zum Schluß:„Die Situation Frankreichs vor dem Kriege. Seine D Freiheit des Denkens und Schreibens ist, denk arstellung war zugleich seine Verteidigung gegene ich, in diesem Lande zu Hause." Mein„Staatssreich" Selbst wenn ich in der Stille meines Arbeitszimmers bis ins kleinste hinein einen Staatsstreich vorgesehen hätte— ich habe es niemals getan—, selbst wenn ich die lächerliche, tolle These niedergeschrieben und entwickelt hätte, daß die Zentral- märhte nicht die geringste Schuld an der Entfesselung des Weltkonfliktes hätten— wieso konnte ich Vorwürfen aus- gesetzt sein, solange ich sou diesen unwahrscheinlichen Projekten, von diesen ausschweifenden Denkgeburten niemandem etwas mitgeteilt hätte? Nun hat man aber suchen, anfragen. umherstüberu mögen soviel man wollte; man hat anerkennen müssen, daß niemand von meinen Papieren Kenntnis gehabt hatte, und daß die Ideen, wie ich es verschiedentlich ausdrückte, meinein Hirn nur entstiegen sind, um in meinen Geldschrank zu steigen. Herr Peres hat sich gezwungen gesehen zu dem Zugeständnis, daß für eine Anklage kein Material vorlag, und hat nun behauptet, man finde in diesen Schriften die geistige Vorbedingung für ein Komplott gegen die Sicherheit des Staates nach außen hin, und aus der geistigen Veranlagung, die er mir damit zuschrieb, seien die hypothetischen Intrigen entsprungen. die mir zur Last gelegt werden. Wie bequem ist solches Vernünfteln! Wie bequem ist es, zu schreiben, wie es der Präsident der Untersuchungskommissiou getan bat, daß die Studie, betitelt:„Die Verantwortliche«'", eine für die Verbreitung fertige Broschüre darstelle, und daß ich die Absicht gehabt habe, sie an die Oeffentlichkeit zu bringen am Tage eines Mißerfolges unserer Waffen, um die Volkswut zu hetzen gegen die Leute, die im August 1914 am Steuer gesessen und die Kriegserklärung hatten unterzeichnen müssen! Wo ist der Beweis, auf den diese Annahme sich stützt? Es ist keiner da. Wie bequem ist es, zu behaupten, daß unter den zerstreuten, hingekritzelten, auf Teufel-komm-heraus geschriebenen Notizen, die man in buntem Gemisch mit anderen Papierfetzen gefunden hat, ein Abschnitt.„Rubikon"' betitelt, die Staatsstreichidee zum Ausdruck bringe— während diese Zeilen von meiner Hand ganz einfach vorsehen, daß die Regierung, zu deren Konstituierung ich etwa berufen würde, bei den Kammern die Abstimmung über ein Gesetz zu beantragen und im Notfälle durchzudrücken haben könnte, das in einem einzigen Artikel unter der Marke „Rubikon" der vollziehenden Gewalt das Recht zuspräche, einige Monate lang vermittels dekretierter Gesetze die Legislatur auszuüben! Wozu kann man sich nicht versteigen, wenn man die ganze Tonleiter der Hypothesen durchläuft? Und ich wiederhole: Auf welches Recht stützt man sich, wenn man diese Hypothesen aufstellt? Die Verantwortlichen Stellen wir die Dinge richtig. Fern von den öffentlichen Geschäften, fern von der Regierung. habe ich während des Krieges gearbeitet; ich denke, das war mein gutes Recht. 1915 schrieb ich mein Buch „Agadir. Meine äußere Politik", das 1919 erschienen ist, und zu gleicher Zeit warf ich im Zeitraum von einigen Wochen hastig eine Studie über die Schuld am Kriege aufs Papier. Ich dachte so wenig daran, sie ungekürzt zu veröffentlichen, daß ich alsbald ganze Seiten herausschnitt, um sie»ach einigen Aenderungen lediglich formaler Natur in mein Werk über die Ereignisse von 1911 zu übernehmen. Und das ist ja schon eine ausreichende Widerlegung der Behauptung von den Projekten, auf die des Herrn Peres' Einbildungskraft verfallen ist. Doch ich gehe weiter. Die Studie„Die Verantwortlichen" zerfällt in zwei Teile. Im ersten Teil werden die weit zurückliegenden Ursprünge des Welthrandes abgehandelt. Ich stelle die Politik das Maßhaltens und der Vorsicht, wie Camhetta, Jules Ferry, Waldeck-Rousseau sie verfolgten, in Parallele zur nationalistischen Politik. Ich zeige, wie von 1912 an die traditionelle Politik der republikanischen Partei Schritt für Schritt aufgegeben wurde, wie Herr Poincare. der zuerst Ministerpräsident war und alsdann dank der Unterstützung der Rechten zum Amt eines Präsidenten der Republik aufstieg, sich der Mithilfe entsann, welche die Etappen seines Aufstiegs bestimmt hatte, sowie der Umstände, denen sie entsprungen war, wie unter den Ministem, die unter seiner Aegide aufeinander folgten, einige die prahlerische und frivole Politik trieben, die den Nationalisten am Herzen lag und zu deren Entfaltung das Staatsoberhaupt ermutigte, wenn es sie nicht gar einleitete. Reifliche Erwägung konnte mir nicht den Gedanken nahebringen, daß die wesentlichen Ideen aus dem ersten Teil der„Verantwortlichen" irgendwelcher Einschränkung bedürften. Einzig gewisse Porträts von Persönlichkeiten des höchsten Staatsdienstes sind über-* trieben herausgemeißelt. mit zuviel Bitterkeit in der Feder. Man hat, denke ich. das Recht auf Revision seiner Korrekturen.... Welchen Fehler hat die französische Politik gemacht? Im zweiten Teil der Arbeit fasse ich die unmittelbaren Ursprünge des Konfliktes ins Auge, und die Art der Ausführung läßt auf geringere Selbstgewißheit des Gedankens schließen. Wenn ich schreibe, daß der Kriegswille Wilhelms II. zugleich voller Schwanken und Leidenschaft war und sich gebeugt hätte, wenn er auf eine stolze und würdevolle Entschlossenheit zum Frieden gestoßen wäre, dann bringe ich ohne Frage damit eine Ansicht zum Ausdruck, die ich zur Stunde noch hege. Ebenfalls habe ich das Gefühl, daß es in Frankreichs Interesse lag. Zeit zu gewinnen, weil die Zeit für uns gegen die Deutschen arbeitete und weil man es hätte erreichen können, wen» mau Klugheit und Ruhe an den Tag gelegt hätte, wie sie hei uns gefehlt haben. Ich hin immer noch überzeugt davon, daß es ein Fehler von Seiten der französischen Regierung war, wenn sie der russischen Mobilmachung, die Deutschland den gesuchte» Vor- wand für Anfrollung des Dramas lieferte, nicht im Einvernehmen mit England vorbeugte oder sie wenigstens hinausschob. Gewiß, ich halte mir vor Augen, daß einige von meinen Freunden, und zwar von den hosten, solche, mit denen ich gewöhnlich in voller Gedankengemeinschaft lebe, der-Meinung sind, ich sei zu tief von den Erinnerungen vom Jahre 1911 her durchdrungen gewesen, ich habe mir, weil es mir zur Zeit von Agadir gelungen war, den Krieg zu verhindern, nun eingebildet, das gleiche Ergebnis hätte 1914 erzielt werden können, ich habe nicht an das Abtreten des Herrn von Kiderlen gedacht und daran, daß er im Sekretariat für Auswärtige Angelegenheiten des Kaiserreichs ersetzt worden war durch einen gelehrigen Schüler der Alldeutschen. Ich weiß den Einwurf zn würdigen. Ich halte ihn nicht für entscheidend. Aber ich würde mich hüten, mich endgültig zu äußern, ohne vorher mit peinlichster Aufmerksamkeit alle die Dokumente über die Ursprünge des Konflikts geprüft zu haben, die schon erschienen sind oder die in den nächsten Jahren herauskommen werden. Werden sie die Ideen bestätigen, die ich mir bewahre? Ich bin davon überzeugt. Werden sie meine Ideen abschwächen? Möglich. Was ich weiß, ist dieses: über die unmittelbaren Ursachen des großen Krieges werde ich nichts erscheinen lassen, bevor die Archive der meisten Regierungen den Kern ihrer Geheimnisse ausgeliefert halten. Was ich weiß, ist dieses; immer war es so meine Absicht, niemals halte ich daran gedacht, die Studie zu veröffentlichen, die ich für mich allein geschrieben hatte, unt Ideen festzuhalten und Tatsachen zu notieren, die sich vor meinem Blick enthüllt hatten. Ich hatte sie nach Italien mitgenommen, nur um sie bei Gelegenheit zu überarbeiten, um nach Bedürfnis daraus zu schöpfen, wie mir das schon vorgekommen war, während der Mußestunden, die ich in einem Erholungsaufenthalt zu finden gedachte, von dem ich mir vorstellte, er würde friedlich verlaufen. „Ich wollte eine Umgestaltung der parlamentarischen Regierungsform" Mit weichet» Recht schreibt man mir andere Absichten zu? Nicht eine Zeile, nicht ein Wort von mir. nicht eine Zeugenaussage— nichts, was die wildfantastisrhen Behauptungen stützen könnte, mit denen Herr Peres um sich wirft! Kein Zweifel, er hätte Aehnliches behaupten können von den Schriftstellern, die seit Unterzeichnung des Friedensvertrages iiber die Ursachen oder iiher die Ereignisse des Krieges Bücher von weit giftigerer Wirkung hatten erscheinen lassen als die„Verantwortlichen" es sind, und deren Manuskripte höchstwahrscheinlich entdeckt worden wären, wenn man 1917 oder 1918 ihre Schubladen geleert, ihre Geldschränke durchstöbert hätte. Der gleiche Gedankenprozeß mit Umschweifen, kühner noch, anläßlich der Notizen mit dem Titel„Projekte". Hier kann man nicht behaupten, daß man vor einer sorgfältig abgefaßten Studie steht wie hei den„Verantwortlichen". Es handelt sich»in hisweiler verworrene, oftmals widerspruchsvolle Aufzeichnungen, um Zustände der Gedankenflucht. Ich erhebe nachdrücklich zum Anspruch einige von den Ideen, die mir durch den Kopf gegangen sind. Sie sind mir im Geiste haften gebliehen. Ich erhebe nachdrücklich zum Anspruch die Auffassung, die ich 1915 von der Kriegführung hatte: ich wollte sie intensiver gestalten durch Errichtung des einheitlichen Oberbefehls, durch Berufung des Generals Sarrail an die Spitze der Armeen, durch Uebertragung der Leitung aller militärischen Operationen an den Obersten Rat der Nationalverteidigung, durch Entsendung von Parlamentariern zu den Armeen. Ich erhebe nachdrücklich zum Anspruch, was ich schrieb über den Friedensvertrag, wie er hätte kommen sollen: ich wollte, daß seine Klauseln dein Lande zur Billigung unterbreitet würden durch das technische Mittel der Neuwahl, ich bestand darauf, daß er für alle Mächte Verfügungen umschließe, die zwischen ihnen eine Verbindung gegen erneute Kriege schaffen sollten. Ich erkenne an, daß ich andererseits eine Umgestaltung unserer parlamentarischen Regierungsfnrm ins Auge gefaßt habe, die ich für unerläßlich halte. Zwei beherrschende Ideen: das Referendum ist einzuführen, mit anderen Worten, der direkten Gesetzgebung ist ihr Recht zu gehen, und auf dem Wege über eine Erweiterung des Staatsrates, in dem die Vertreter des Handels, der Industrie, der Arbeitergruppen Platz finden würden, ist der Wirtsrhaftsstaat oder vielmehr der. technische Staat neben dem politischen Staate zu organisieren. Die verhängnisvollen Zettel Daß in all diesen aufs Geratewohl zusammengefaßten Iden wenig Ordnung herrscht, versteht sich von selbst. Daß in die Ausführung zahlreiche wenig überlegte Dinge sich eingeschlichen haben— das wird niemanden überraschen von all denen, die gewohnt sind, niederzuschreiben, was ihnen durch den Kopf geht. Daß ich in gewissen Augenblicken, wenn ich meinem dein Autoritativen zugeneigten, von schnellen Lösungen eingenommenen Tempera ment nachgab, auf dem Papier Regierungshanrllungen ins Auge gefaßt habe, an deren Umsetzung in die Tat ich an verantwortlicher Stelle niemals gedacht haben würde, das stelle ich nicht in Abrede. Wenn man sich darauf versteift, Zeile für Zeile, Wort für Wort die Notizen zu erörtern, die ein Politiker für sich allein aufgezeichnet hat. dann ist es nicht einmal der Prozeß gegen das Denken eines Menschen, was man unternimmt, sondern der Prozeß gegen die Blasen, die sein Gehirn wirft. Zum Schluß ein bereits angedeuteter Vergleich: im Laufe der Durchsuchungen, die in den Büroräumen der..Actio» Franchise" vorgenommen wurden, hat man eine Reihe von Zetteln gefunden, von denen ich einige zitiert habe und durch die der Plan erwiesen wird, nach dem vor dem Kriege die Regierungsform umgestürzt und 1917, angesichts des Feindes, die Operation wieder aufgenommen werden sollte. Man könnte nun zweideutig werden und Spitzfindigkeiten häufen. Die Leute, die 1917 eine Liste der Offiziere aufstellten. welche die Kavallerieregimenter in der Nähe von Paris kommandierten, die ihre Meinungen verzeichneten und niederschrieben, sie könnten auf den oder jenen General zählen, der ihnen gesagt hätte:„Ich werde mittun" -— diese Leute bereiteten einen Gewaltstreich vor und hatten sich Spießgesellen gesichert. Für sie— Einstellung des Verfahrens! Was sage ich? der Prokurator der Republik verleiht ihnen Diplome für Patriotismus in seinem Bericht, weil sie zwar anerkennen, daß sie vor dem Kriege den Umsturz der Republik geplant haben, dann aber auf Ehre und jeder Wahrscheinlichkeit entgegen versichern, sie hätten mit dem Tage, an dem der Konflikt ausgebrochen ist. Pläne zurückgestellt, deren Wiederaufnahme sie sich vorbehalten. Sie sagen das ausdrücklich. Unnütz einer Parallele zu folgen, deren Aufzeichnung genügt— und die dartut, was dabei herauskommt, wenn die Waage der Gerechtigkeit belastet wird mit dem Gewicht der politischen Leidenschaften— jener Leidenschaften, deren Ausbrechen im Lauf meiner italienischen Reise vom Dezember 1916 bis Januar 1917 wir jetzt in Art und Wirkung beobachten wollen. Die italienische Reise Ich habe diese Reise geschildert, die ich mir nur als Er» holungsreise gedacht habe. Ich nahm an, ich würde während dieser kurzen Ausspannung um so ungeschorener bleiben, als ich bereits zweimal, im Jahre 1916, in Italien gewesen war und das erstemal im Monat April nur einen leichten Aerger gehabt hatte(einige Artikel iiher meine Anwesenheit in einer Florentiner Zeitung), während ich das zeitemnal, als ich im Oktober meine Frau wiedertreffen wollte— sie beendigte gerade ihren Aufenthalt in Monte- calini, wo sie die Quellen gebraucht hatte—, allen Schwierigkeiten irgendwelcher Art aus dem Wege gegangen war, indem ich mit Zustimmung des Ministeriums des Auswärtigen unter dem Mädchennamen der Frau Cailiaux reiste. Ich dachte mir. ich würde vor jeglicher Neugierde geschützt sein, wenn ich mich noch einmal wieder verkappte. Ich ahnte nicht, daß gerade die Vorsichtsmaßregeln, die ich ergriff, um mir die Ruhe zu sichern, sich gegen mich wenden würden; ich ahnte ebensowenig, auf welche feindselige Haltung von seilen des Palais Farnsse ich stoßen würde. Herr Kahn, der im Namen der Liga für Menschenrechte eine bemerkenswerte Studie über die italienischen Affären veröffentlicht hat. schreibt:„Herr Cailiaux hatte in Italien unerkannt passieren wollen. Er übersah, daß er, noch bevor er hinreiste, sich dort bekannt gemacht hatte und verkannt worden war." Nichts ist so wahr wie dieses. Ich war keineswegs auf dem laufenden über den Pressefeldzug. der jenseits der Alpen gediehen war: ich wußte nicht, daß der Eintritt Italiens in den Krieg die deutsche Propaganda, verschweißt mit dem französischen Nationalismus, die italienischen Zeitungen mit Artikeln überschwemmt hatte, in denen ich als Drahtzieher mannigfaltiger Intrigen dargestellt wurde— mit jenen Artikeln, von denen ich einige wiedergegeben habe. Sie waren in solchem Maße in die Kreise der Presse eingedrungen, daß der Direktor des„Secolo", der großen frankophilen Zeitung von Mailand, folgendes erklären kann:„Ich habe Herrn Cailiaux niemals kennen gelernt. Ich habe niemals auch nur indirekte Beziehungen zu ihm gehabt. Erst als ich erfuhr, daß er sich in Italien befand, habe ich ihn anzugreifen gesucht, besorgt wie ich war wegen seiner notorischen Zuneigung zu einer Verständigung mit Deutschland... und seiner ausgesprochenen gefühlsmäßigen Gegensätzlichkeit zu England." Und Herr Verelli. Redakteur am„Popolo d'Italia", schreibt:„Ich habe Herrn Cailiaux in meiner Zeitung angegriffen, weil er nach Italien kam. im voraus behaftet mit dem Rufe der Deutschfreundlichkeit!" Wae diesen Ruf betrifft, so lege ich Wert darauf, noch einmal zu betonen, wer ihn mir angehängt hatte: die französische Nationalistenpresse, deren Quertreibereien die deutschen und die italienische» Zeitungen einfach wiedergegeben haben. Große Aufregung Aber diese Quertreibereien waren, wie man sieht, in Italien in eine gewisse Sphäre der öffentlichen Meinung eingedrungen. Das Zusammenfallen meiner Ankunft in% Rom am 11. Dezember 1916 mit dem Erscheinen einer Friedensnote des Herrn von Bethinann-Holl weg. die ich doch nicht voraussehen konnte, und die am 12. ausgegeben wurde, insbesondere aber die Tatsache, daß ich unter einem Namen reiste, der mir nicht zugehörte: dies alles brachte eine Anzahl jener neugierigen Zaungäste der Politik, von denen es in Rom wimmelt, zu der Ueberzeugung, daß ich nach Italien komme, um hier im Einvernehmen mit der französischen Regierung oder auch außer Zusammenhang mit ihr eine politische Operation durchzuführen. (Fortsetzung folgt*.) L ers Verrat an der Jugend Das System fOrsMet den Winter gegen Arbelterelend Die fortschreitende Entrechtung der deutschen Arbeiter hm eine neue Etappe erreicht. Der erste und entscheidende schlag war der Raub des Koalitionsrechts, die völlige Lahmlegung der Gewerkschaften in einem Ausmaß, das sogar das italienische Borbild hinter sich ließ, die Beseitigung des kollektiven Arbeitsvertrages, die Unterstellung der„Gefolgschaft" unter die Willkür der„Führer des Betriebes". Die Vernichtung der Organisationen nahm der Arbeiterschaft das Mitbestimmungsrecht bei der Gestal- tung des Arbeitsverhältnisses, löste ihren wirtschaftlichen und politischen Zusammenholt auf und verwandelte sie wieder in die amorphe, zu jeder gemeinsamen Aktion un- fähige Masse der Zeit des Frühkapitalismus. Zugleich wurde eiiv Teil der von der Diktatur entrechteten Masse zu Zwangsarbeitern gemacht, die in die Arbeitslager ge- chickt, als Notstandsarbeiter zu schwersten und oft voll- kommen unproduktiven Arbeiten verwandt oder als Land- Helfer den großen und kleinen Agrariern zur Ausbeutung überliefert wurden. I Die Versklavung der Landarbeiter Man hätte glauben können, daß eine weitere Ver- schlechterung eines solchen Zustandes kaum mehr möglich sei. Aber das hieß, die Arbeiterfeindschaft der Hitlerdiktatur doch noch zu unterschätzen. Manche werden sich vielleicht erinnern, daß im Kaiserreich von Zeit zu Zeit sich im Reichstag ein Abgeordneter auf der äußersten Rechten erhob und zur Bekämpfung des Landarbeiter- mangels eine Einschränkung der Freizügigkeit, ein Ver- bat der Abwanderung von Landarbeitern in die Städte forderte. So reaktionär das Parlament des Kaiserreiches auch war, diese Forderung stieß auf taube Ohren. Was aber die Junker weder im preußischen Dreiklassenparla- ment noch im Reichstag je durchsetzen konnten, Hitler hat es verwirklicht. Am 15. Mai verabschiedete das Reichs- Kabinett ein Gesetz zur„Reglung des Arbeits- einsähe s". Es sollte, wie es damals in dem offiziösen Kommentar hieß,„den Bedarf der Landwirtschaft an den notwendigen Arbeitskräften sicherstellen" und das war zugleich die nationalsozialistische Ausrede— die„Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in den Großstädten wirk» samer gestalten". Das Gesetz gibt dem Präsidenten der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung die Befugnis, für Bezirke mit höherer Arbeitslosigkeit anzuordnen, daß Personen, die in diesen Bezirken keinen Wohnort haben, dort als Arbeiter und Angestellte nur mit seiner vor- herigen Zustimmung eingestellt werden dürften. Das Ge- setz ist ein reines Ausnahmegesetz gegen die Arbeiter. Selbständige ieder Art. Unternehmer, Kaufleute, Handwerker. Pngehörige freier Berufe jind natürlich von.jeder DeschräMtWL agsgeumumen. Dg?.. Metz MerbuM aber nicht nur den örtlichen Zuzug, der Präsident kann auch anordnen, daß Personen, die in der Landwirtschaft tätig sind, in anderen als landwirtschaftlichen Betrieben ohne seine vorherige Zustimmung nicht eingestellt werden dürfen. In der Tat ist in den Wirtschaftszweigen, in denen bisher vom Lande Abwandernde am ehesten Aufnahme gefunden haben, beim Bergbau, der Eisen- und Stahlgewinnung, beim Baugewerbe, bei den Unterhalts- arbeiten der Bahnen und der Reichspost, ein B e s ch ä f t i- gungsverbot erfolgt. Für die weiblichen Personen tritt noch die Beschäftigungssperre in der Obst- und Ge- müseverwertungsindustrie, sowie für die Berufe als Kellnerinnen, Köchinnen, Hotel- und Zimmermädchen, ge- lernte und ungelernte Arbeiterinnen im Gast- und Schankwirtschaftsgewerbe hinzu. Doch auch damit noch nicht genug! Der Präsident hat überdies das Recht, Unternehmer zur Entlassung von bereits vorher einge- stellten landwirtschaftlichen Arbeitskräften zu verpflichten. In der letzten Zeit ist von der Einschränkung der Frei- zügigkeit in fortschreitendem Maße Gebrauch gemacht worden. Neben Berlin. Hamburg und Breslau ist auch für eine ganze Reihe anderer Städte, namentlich des rheinischen und mitteldeutschen Industriegebiets, der Zugang gesperrt. Neben dieser direkten Sperre funktio» niert noch eine kaum minder wirksame indirekte. Eine sehr große Anzahl von Städten und Industriegemeinden sind ermächtigt worden, für„Personen, die in die Ge- meinde neu zuziehen, die Unterstützung unter strengster Prüfung der Hilfsbedürftigkeit auf das zur Fristung des Lebens unerläßliche Maß oder auf Anstaltspflege" zu be- schränken. Da die Hitlerdiktatur die Unterstützungssätze ohnedies an die Grenze des Existenzminimums hinunter- gebracht hat, braucht nicht ausgemalt zu werden, da diese neuverordnete weitere Senkung eine Verurteilung zu langsamem Hungertod bedeutet. Hörig wie im Mittelalter Für die Landarbeiter bedeutet die Aufhebung der Freizügigkeit die Verwandlung in Hörige, die sich höchstens dadurch von den mittelalterlichen Hörigen unterscheiden, daß sie— mehr theoretisch als praktisch— vielleicht noch eine gewisse Auswahl unter ihren Aus- beutern haben. Nach dem Raub des Koalitionsrechts, nach Vernichtung ihrer Organisation sind sie umsomehr auf Gnade und Ungnade den Agrariern ausgeliefert, als ihnen ja durch die Zwangsarbeit der Landhelfer eine unerträg- liche Schmutzkonkurrenz erwachsen ist. So entsetzlich ist die Wirkung dieser Bestimmung, daß sie selbst in nationalsozialistischen Reihen Protest ausge- löst hat. Der Leiter der Reichsbetriebsgemeinschaft Land- Wirtschaft, G u t s m i e d l. wies im„Informationsdienst" der Deutschen Arbeitsfront auf die katastrophalen Lohn- und Wohnungsverhältnisse insbesondere der verheirateten Landarbeiter hin. Die Landflucht bewege sich noch immer in aussteigender Richtung. Ter Mangel an landwirtschaft- liehen Arbeitskräften werde zur Zeit auf 60 000 bis 70 000 oder noch höher geschätzt. Aus der anderen Seite habe sich die Zahl der arbeitslosen Landarbeiter auf 53 650 gestellt, von denen 83 Prozent verheiratet seien. Man werde nicht rücksichtslos an den Ursachen vorbeigehen und nicht ohne weiteres Maßnahmen gegen Landarbeiter zur Anwendung bringen können, die dem Kampf um ihre Existenz auf dem Lande unverschuldet unterlägen. Der deutsche Landarbeiter sei der Ueberzeugüng gewesen, daß er im national- sozialistischen Staat als gelernter Beruf anerkannt werde. Das sei aber bis jetzt, infolge des Wirkens reaktionärer Kräfte, nicht erfolgt. Der Land- arbeiter müsse im Gegenteil immer wieder feststellen, daß er als ungelernter Arbeiter angesehen werde, daß seine Arbeit in ihrer Bedeutung für das deutsche Volk nicht entsprechend gewürdigt werde.„Vielfach, so erklärt Gutsmiedl, ist es so, daß der deutsche Landarbeiter als der wirtschaftlich S ch w ä ch st e nicht nur für einen zum Leben tatsächlich nicht ausreichen- d e n L o h n vom Morgen bis zum späten Abend arbeiten muß, sondern er muß darüber hinaus vielfach eine B e- Handlung erfahren, wie man sie nicht einmal dem Vieh zuteil werden läßt." Wenn sich der deutsche Landarbeiter aus all diesen Gründen hilfesuchend in den Verbänden und später in der Deutschen Arbeitsfront or- ganisiert habe, so sei andererseits festzustellen, daß ihm heute selbst seine Organisation erschwert werde, daß vielfach Betriebsführer ihre Landarbeiter e n t- ließen, wenn sie Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront seien. Es werde die Aufgabe der Arbeitsfront und des Reichsnährstandes sein, dafür zu sorgen, daß dem Land- arbeiter in Zukunft bessere Lebens- und Auf- stiegsmöglichkeiten gegeben und in sozialer Hin- ficht die gleichen Rechte wie den übrigen deutschen Arbeitern zugestanden würden. Gutsmiedl empfiehlt da- her. das„Gesetz zur Regelung des Arbeitseinsatzes" vor- sichtig zu handhaben. Der Protest ist natürlich wirkungslos verhallt: das Ge- setz wird in immer größerem Umfange angewandt und der Beweis ist wieder einmal geliefert, wie völlig einfluh- und bedeutungslos die Arbeitsfront ist, wie ihre einzige wirk- liche Funktion nur darin besteht, den riesigen Apparat zu mästen, den sich der Doktor L e y aufgezogen hat. Die Aufhebung der Freizügigkeit für die Landarbeiter erfolgt in der Zeit, in der durch das Erbhofgesetz die jüngeren Bauernsöhne erbarmungslos ins Proletariat ge- schleudert, die Masse des Landproletariats also ständig vermehrt wird, Zwangsproletarisierung, Lohnsenkung, Unfreiheit— das sind die Errungenschaften, die Hitler der Landarbeiterschaft gebracht hat. Der VerraL an der Jugend Bildete die Aufhebung der Freizügigkeit und die Per« Wandlung des Landarbeiters in einen mittelalterlichen Hörigen eine zweite Etappe auf dem Wege der Entrechtung der Arbeiter, so folgt jetzt als dritte ein Eingriff, der mit voller Wucht die jugendlichen Arbeiter trifft. Durch eine Verordnung vom 19. August hat Schacht in seiner Errungenschaft als Reichswirtschaftsminister ver- fügt, daß der Präsident der Reichsanstolt für Arbeitslosen- Versicherung allein ermächtigt ist, die Verteilung von Arbeitskräften, insbesondere ihren Austausch zu regeln; jede Betätigung anderer Stellen auf diesem Gebiete ist verboten. Herr S y r u p hat sich beeilt, von dieser Be- sugnis Gebrauch zu machen. Tie Unternehmer sollen die „Deutsche Jieifieit" ABanaementspceise. Amerika Argentinien Belgien Dänemark England Frankreich Holland Italien Luxemburg Neubelgien (Eupen-Malmedy) Oesterreich Palästina Polen Rumänien Rußland Saargebiet Schweden Schweiz Spanien Dollar Peso belg. Fr. Kr. sh fr. Fr. 11. Lire belg. Fr. belg. Fr. (verboten) sh (verboten) Lei Rubel i ir. Fr. Kr. schw. Fr. Peseta im Monat 1.- 3. 15.- 3,70 4,- 12.- 1.50 10- 15.- 12,- 4.- 90,- 1,- 12,- 2,60 2,40 6,- 50.- Zusteil gebühr 0.50 1,- 5.30 2,30 1,10 3,75 0.40 5- 5,30 5,30 1,10 30,- 7,50 1,70 0,80 2.- 5,50 Tschechoslowakei Kr. Bei Zusendung unter Kreuzband durch die Post sind die Portogebübren vom Bestellet mit dem Abonnementsbetrag zu entrichten. jugendlichen Arbeiter und Angestellten bis zu 25 Iahren entlassen und an ihre Stelle ältere, namentlich ver- heiratete, einstellen. In Zukunft dürfen Personen unter 25 Iahren nur noch mit Zustimmung der Arbeitsämter neu eingestellt werden. Ausgenommen hiervon sind Lehr- linge, mit denen ein Lehrvertrag über mindestens zwei Jahre abgeschlossen wird. Vom Auslausch sind ausge- schlössen die Arbeiter der Land-, Forst- und Hauswirtschaft und der Schiffahrt. Verheiratete Männer. Unterhaitsrier- pflichtete. Lehrlinge, ehemalige Wehrmachtsangehörige und natürlich auch die„alten Kämpfer" der NSDAP, sind ebenfalls vom Austausch auszunehmen. Die Anordnung bedeutet, daß für einen großen Ttii der jugendlichen Arbeiter die berufliche Ausbildung ver- nichtet, die Fortbildung bedroht ist. Was soll mit ihnen geschehen? Sie sollen in die Arbeitsdienstlager gebracht oder als Landhelfer verwandt werden. Als Landhelfer werden etwa 200 000 Jugendliche bereits jetzt mißbraucht und die Zahl ist nicht sehr steigerungssähig. Im Arbeits- dienst werden 230 000 Leute beschäftigt. Aber auch der Arbeitsdienst ist nicht mehr erweiterungssähig. Die Kosten betragen je Mann und Kalendertag 2,14 Reichsmark. E-ne Verdoppelung des Arbeitsdienstes würde etwa 170 Mil- lionen Reichsmark erfordern, wozu noch 50 Millionen als Kosten für die Errichtung der Lager hinzukämen. Trotz- dem also nach der offiziellen Versicherung keine„unfrei- willige Arbeitslosigkeit" für die Entlassenen eintreten soll, wird doch ein großer Teil der Beschäftigungslosigkeit an- heimfallen. Für die Volkswirtschaft aber bedeutet dies» Maßnahme auf alle Fälle eine Verschlechterung des Nach- wuchses und der Bedrohung der de tschen Qualität«, arbeit, auf der die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft beruhte. Jugendliche Arbeiter, die aus ihrem Berus herausgerissen werden, um mit groben Erd- und Feldarbeiten beschäftigt zu werden, verlieren die Fähig- kett, feine Arbeiten zu verrichten. Die Zukunft der deut- scheu Industrie wird aufs Leichtfertigste gefährdet. Für die Nationalsozialisten sind freilich andere Er- wägungen maßgebend. Die Diktatur fürchtet den Winter und die steigende Arbeitslosigkeit. Da lohnt sich der Versuch, die jungen energischen Arbeiter aus den Betrieben und aus den Städten fortzubringen und sie durch gefügigere ä l t ere Familienväter zu ersetzen, die noch dazu von der Furcht erfüllt sind, den neuen Arbeitsplatz wieder zu verlieren! Die Ersetzung durch die älteren Familienväter bedeutet zugleich eine Ersparnis an Arbeitslosenunter st ützung, während die als Lohnhelfer oder in den Arbeitsdienst ge- preßten Jugendlichen nicht in der Arbeitslosenstatistik er- scheinen werden. Für die Unternehmer wird sich dabei, wenigstens was die Löhne betrifft, nicht viel ändern, penn aus keinen Fall werden sie den Familienvätern mehr zahlen, als die Jugendlichen erhalten haben. Und für die Angestellten über 40 Jahre stricht für Arbeiters kennen sie aus den Mitteln der Reichsanstolt Zuschüsse erhalten. Die jugendlichen Jahrgänge aber werden in den Arbeits- lagern zwar nicht tüchtige Arbeiter, wohl aber gut- gedrillte Soldaten werden. Als Partei der Jugend haben die Nationalsozialisten den Kampf um die Macht geführt. Wer die Jugend hat. hat die Zukunft, haben sie unaufhörlich verkündet. Auf Weisung des Schacht stoßen sie jetzt einen großen Teil der arbeitenden Jugend ins Elend der Arbeitslosigkeit, schicken sie aus den Städten als Zwangsarbeiter aufs Land und rauben ihr die Zukunft. Viele Versprechungen hat der Hitler gebrochen, aber dieser Verrat an der Jugend ist von allen vielleicht doch der schmählichste! Dr. Richard Kern. Zum Abslimmungsbefnig Man schreibt uns: Wie das verhältnismäßig schlechte Abstimmungsresultat in Nicderbanern zustande kam, kann man sich vorstellen, wenn man erfährt, daß in Griesbach und Passau ohne Zelle abgestimmt wurde, also die Wahl öffentlich war. Fn anderen Orten dieser Provinz wird es nicht viel besser um das Wahlgeheimnis bestellt gewesen sein. In D i l l i n g e n an der Donau wurden, wie zuver- lässig mitgeteilt wird, die Namen der Nein-Stimmer nach Schluß der Abstimmung am Marktplatz öffentlich bekannt- gegeben. In Tutzing bei München gab der Wahlvorsteher nach Auszählung des Resultates seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß der Ort einhellig mit Ja gestimmt habe. Zehn von den Neinsagern mußten diese fälschende Rede über sich ergehen lassen, ohne sofort Protest erheben zu können, denn Dachau liegt nicht weit davon. Versammlungs-.Freiheit" Man schreibt uns aus Berlin: Der Stellvertreter des „Führers" Rudolf Heß hat einen Erraß herausgegeben, der bestimmt, ein Druck auf die Betriebsmitglicöer zum Besuch von Versammlungen dürfe nicht ausgeübt werden. Wie es in Wirklichkeit aussieht, zeigt folgende Tatsache: In der„Bewag" Neukölln lBcrliner Elektrizitäts-Werke AG.i sind ab 1. 8..1934 innerhalb der Arbeitsfront besondere Blocks zu je 1ä Mann gebildet worden, um eine bessere Kontrolle über die nationalsozialistische Gesinnung und die tfreiwilligej Teilnahme an den offiziellen Veranstaltungen zu haben. Monatsbeitrag außer ArbeitSfrontgcbühr 50 Psg. Durch besondere„Schulungsbriefc" sollen diese Blocks „richtig erzogen werden". Wer den Schwindel nicht mitmacht, verliert seinen Arbeitsplatz. Höhere Posten lund damit-bessere Bezahlung! dürfen laut Anweisung der Bewagsührung nur noch Parteigenossen mit niedriger MitgltedSnummer erhalte», t„Nieder mit dem Parteibuchsystem!") Die Drohungen Neuraths Erstannen In London und Paris Berlin, öcit 20. September 1034. Der Reichsaußenministcr Freiher von Neurath hielt anläßlich der Schlußsitzung des internationalen Straßenban- kongresses in der Krolloper eine große außenpolitische Rede. Cr stellte zwei Hauptforderungen auf, mit denen Hitler- Deutschland an die anderen Regierungen herantreten und„auf deren Erfüllung das„dritte Reich" bestehen müsse": „Die Gleichberechtigung in militärischen Rüstungen und die Forderung, die bevorstehende Reglung der Saarsrage so durchgeführt zu sehen, wie das dem Gebot politischer Bernunst und den geltenden Vertragsbestimmungen cnt- spreche". Nachdem Herr von Neurath sich über die Vorgeschichte des Versailler Vertrags hinsichtlich der Bildung des Saargebiets ausgelassen hatte, formulierte er Deutschlands Anspruch wie folgt: „Die Wiedervereinigung des Saargcbicts mit dem beut- schcn Mutterland ist die einzig mögliche Lösung. Alles andere ist nur eine Wiederholung und Verschlimmerung der verhängnisvollen Fehler von ISIS." Herr von Neurath steht also nicht ans dem Standpunkte, daß Hitlcrdeutschland vertragsmäßig handeln ivird, d. h. daß es jede Entscheidung respektieren ivird, wie anch immer sie ausfallen möge. Ganz im Sinne Hitlers droht er unmiß- verständlich mit dem hitlcrdcutschen Widerstande, falls eine andere Lösung als die Wiedervereinigung in Frage kommen sollte. Infolgedessen lautet seine Forderung bezüglich der Saarsrage nicht, daß eine vertragsmäßige Lösung erstrebt werde, sondern ausdrücklich so. daß die geltenden Vertrags- bestimmungen gewahrt werden sollen, soweit sie„politischer Vernunft" entsprechen. Während Außenminister Barthon in der französischen Dens- schrift sich peinlichst an de» Vertrag hält und jede seiner For- derungeu nur auS dem Vertrage hergeleitet ivird und kein Raum für sogenannte ins Uferlose dehnbare„politische Vcr- rinnst" bleibt, sagt Hitlcrdeutschland durch den Mund seiner berufenen Vertreter immer wieder, daß cö von den drei möglichen Lösungen nur eine einzige anerkennen wolle, näm- lich die ihm günstige. Wir nehmen an, daß die nächste Völker- bundSratssitzung Gelegenheit bieten wird, darüber mal ein deutliches Wort an die Berliner Adresse zu richten. llcberhanpt war die Rede von Neuraths mit versteckten Drohungen gespickt. Unter Anspielung auf die Barthousche Denkschrift und die Frage der Eigentumsrechte an den Saar- gruben— solange diese an Frankreich nicht in Gold zurück- gezahlt sind—, erklärte er: Angesichts gewisser in letzter Zeit laut gewordener An- rcgnngcn möchte ich nur aus einen Punkt mit allem Ernst und Nachdruck hinweisen: Man sollte sich nicht Reglungcn dieser oder jene» Art in die Gedanken kommen lassen, die aus eine Beeinträchtigung der deutschen Souveränität in der Zukunft hinauslaufen würden. Dafür bietet der Ver- faillcr Vertrag keinerlei Handhabe. ES würde vielmehr dem Wesen und dem Sinne der Volksabstimmung wider- sprechen, wenn man im Taargebiet ei» anderes Regime aufrichten wollte als das, für das sich die Bevölkerung entscheiden wird. Ich hoffe, man wird anch bei den andern beteiligte« Stellen erkennen, daß solche Pläne— denen wir niemals unser« Zustimmung geben könnten— nicht nur dem Vertrag widersprechen, sonder,, daß ihre Ver- wirklichung auch ein politischer Fehler wäre, der für die künftige Entwicklung der internationalen Beziehungen die nachteiligsten Folgen haben würde." Hinter diesen drohenden Worten des ReichSanßenminlstcrs sieht man förmlich die Reichswehr, die TA.,.die TS., die Arbeitsdienstfreiwilltgen und das übrige uniformierte Hitler- deutschland aufmarschieren. Wenn irgend etwas geeignet ist, die ganze Welt in dem offenen Gegensatz zu Hitlcrdeutschland zu bestärken, so ist es diese an das Schwert schlagende Taktik der braunen Führer. „Ersfaunlidie Erklärung" London, 20. Sept.„Daily Telegraph" schreibt u. a.: Bezug- lich der allgemeinen Außenpolitik habe Freiherr v. Neurath erklärt, daß Deutschland nur in zwei Punkten positive Forderungen zu stellen habe. Ter eine sei eine„befriedigende Reglung" der Saarsragc: der andere.fei„völlige Gleich- berechtig»«? aus de», Gebiete der Rüstungen". Was den ersten Punkt betreffe, so bilde die letzte Denkschrift von Mister Knox an de» Völkerbund einen eindrucksvollen Kom- mentar zu Deutschlands erstaunlicher Erklärung, daß es alles mögliche getan habe, um eine„freie und ehrliche Volks- abstimmung" zu sichern. Was den zweiten Punkt betreffe, so habe Deutschland das Recht zum Wiederaufrüsten in prari mit zunehmender Kühnheit vertreten, seitdem es den Völker- bund verlassen habe. Abgesehen davon: Wenn die deutsche Regierung es im Augenblick vorz'che, nur zwei„positive Forderungen" zu stellen, wie lange werde dieser Augenblick dauern? Wenn diese beiden Forderungen befriedigt seien, werde eine Kette von anderen unverzüglich folgen. „Oeiahrlldies MiOverständnis" Paris, 20. Sept. Der Berliner Havasvertreter zerpflückt die Rede u. schreibt, der Reichsaußenministe habe hinsichtlich der deutschen Außenpolitik die schon hänsig vorgebrachten Be- tcucrnnge» wiederholt. Diese Wiederholungen erhöhte» aber »ich, d'c Ueberzengungskrait der Beteuerungen. Herr von Neurath habe sich gehütet, die geringste Anspielung ans ge- wisse, so beunruhigende Tatsachen zu machen, die man alle Augenblicke im neuen Deutschland feststelle._ Der Rcichs- anßenminister habe die Rüstungsgleichheit gefordert, dam«t Deutschland des Friedens sicher fei und damit Deutschland, wie er sagte, ein Faktor des Friedens in Europa werde: dadurch gestehe er ein, daß es gegenwärtig nicht ein solcher sei: das laufe daraus hinaus, daß der Friedenswille Deutsch- lands, den alle seine leitenden Männer beteuerte», sämt- licher Mittel zur Kriegssiihrnng bedürfe, um wirksam zu sein. Hinsichtlich der S a a r f r a g e, so sährt der Havas- Vertreter fori,,.^ habe sich Herr v. Neurath allgemein aus den Versa,ller Vertrag berufen, sich aber wohl gehütet, die geringste An- spielung ans die Abtretung der deutschen Souveränitäts- rechte an den Völkerbund zu machen, und aus die Tatsache, daß der Völkerbund aus Grund dieser Abtretung über die Souveränität entscheidet, unter die das Gebiet in Berück- sichtigung der Wünsche der Bevölkerung gestellt werde. Zum Schluß habe der Reichsaußcnminister hiifzugesügt, falls über das Schicksal des Saargebieres entgegen der Zuftim- mung Deutschlands entschieden würde, würden sich daraus die ungünstigsten Folgen für die internationalen Be- Ziehungen ergeben. Diese kaum verhüllte Drohung stehe in Widerspruch zu der Beteuerung des festen Willens Deutsch- landS, ein stabiler Faktor des europäischen Friedens zu sein. Zu den Bemerkungen Neuraths hinsichtl'ch einer politisch vernünftigen Reglung der Saarfragc betont der„Matin"- Vertreter, ei» jeder sei sich darüber einig, daß in der Saar- frage der Bcrsailler Vertrag zur Anwendung kommen müsse. Aber ob das Ergebnis der Abstimmung„vernünftig"(in dem Sinne, wie Herr v. Neurath das Wort gebrauchte! aus- fallen werde, das sei Sache der Saarländer. Nach den ersten Auswirkungen der Rede auf die öffentliche Meinung sei ein gefährliches Mißverständnis im Entstehen und werde sich noch verschärfen: v. Neurath sage zum Auslände:„Behindert uns nicht etwa im Saar- gebiet unter Ausbeutung der Vertragsbestimmungen!" Aber Deutschland begreife das Wort in einfacherer Weise wie folgt: Laßt es euch nicht etwa einladen, uns nicht eine Mehr- beit im Saargebiet znstandezubringcn. Die internationale öffentliche Meinung würde gnt daran tun, den Schluß der Rede Neuraths und dieie Drohung zur Kenntnis zu nehmen. DaS alles wäre aber noch bedenklicher, wenn Deutschland schon jetzt über das Heer verfügte, daß es wünsche und das Neurath«ordere. Der„Petit Parisien" uberschreibt einen längeren Auszug aus der Neurath-Rcdc wie folgt:„Eine wichtige Nationale Niederlage Internationaler Paht gegen die DNA. Paris, 20 Sept. Der Genfer Berichterstatter des „Petit Parisien" glaubt hinsichtlich der Behandlung der öfter- reichischen Frage melden zu können, daß man sehr eifrig auf eine„in jeder Beziehung empfehlenswerte" Lösung hin- arbeite, die in einer wichtigen internationalen Garantie be- stehen würde, z. B., daß sich der Völkerbund zum Garanten der Unabhängigkeit Oesterreichs mache und daß die Groß- mächte nötigenfalls dieser Garantie mit allen Mitteln, ein- schließlich materieller Mittel, Achtung verschaffen würden. Dann würde die„Anschlußgefahr" für immer behoben sein. Ter Berichterstatter sagt, e Verhandlungen seien allerdings langwierig. Nach der in Genf weilenden außenpolitischen Bcrichterstat- terin des„Oeuvre" dürfte die österreichische Frage ihre Lö- sung in einer Reihe von Abkommen finden. tt ,» des„dritten Reiches Ansdilufigefahr" Das erste Abkommen würde dahin gehen, daß die Groß- mächte und die Kleine Entente die Habsburger Frage als internationale Frage anerkennen(wodurch die Schwierigkeit umgangen würde, die Wiener Regierung zu einer schriftlichen Verpflichtung der Nichtwiedcrcinsctzung der Habsburger zu veranlagen!. Ein zweites Abkommen würde die Opposition der Mächte gegenüber dem Anschluß zum G e- g e n st a n d haben, und ein drittes Abkommen würde wirt- schaftliche Vergünstigungen enthalten, die die Nachbarländer Oesterreichs sich untereinander einräumen würden, falls die ersten beiden Abkommen zustandckommen. Voraussetzung für diese Abkommen sei die Einigung Frankreichs, Italiens und SüdslawicstS. Nach dieser' ichtnng erstrecken sich gegenwärtig die Bemühungen Barthous. mmm 2. Auflage soeben erschienen! Mittet cast Von KLAUS BREDOW Fragen Sie in den Kiosken und Buchhandlungen nach. Falls die Broschüre am Ort nicht zu haben ist, liefert die Buchhandlung der„Volksstimme", Saarbrücken, Bahnho^straße 32, gegen Voreinsendung von 3,90 französischen Franken auf das Postscheckkonto Saarbrücken Nr. 619 Verlag der„Volksstimme", Saarbrücken . w^ f! —- außenpolitische Rede". Der Reichsaubenminister drohe mit wirtschaftlichen Vergeltungsmaßnahmen den Ländern, die den Kauf deutscher Erzeugnisse verweigern würden. „L e R e p u b l i q u e" sagt: Wenn'Neuraths anerkennende Worte für den Frieden ausrichtig wären, so müsse man doch feststellen, daß er zur gleichen Zeit Tinge wolle, dce den Frieden i ch iv i e r i g g c st a l i e t e n, wahrender alles a b l e h n c, w a s ihn stärken könne. Deutich- land verlange, um am Werke des Friedens mitzuarbeiten, im voraus eine Legalisierung des Wettrüstens,^.as«et et» ärgerlicher Widerspruch. Polens Vorstoß Die Frage der Revision der Minderheitenverträge DNB. London, 20. Sept.„Times" meldet aus Genf, es verlaute, daß die polnische Regierung ihren von Oberst Beck dargelegten Standpunkt in der Frage des Minderheiten- schutzes aufrechterhalte. Angesichts dieser Tatsache sei unter verschiedenen kleineren Mächten ein Vorschlag erörtert wor- den, im 6. Ausschuß der Völkerbundsversammlung, der sich mit dem polnischen Antrag aus Verallgemeinerung der Min- derheitenbestimmungen bekaffen werde, anzuregen, den Ar- Ii fei 10 der Völkerbundssatzung zur Anwendung zu bringen, der die Revision von unzeitgemäß gewordenen Verträgen vorsieht. Es werde angenommen, daß der Antrag Polens zum Ausdruck bringe, die Minderhcitenverträge, die der vor 1s Jahren bestehenden Lage entsprachen, seien jetzt veraltet. Zum hundertsten Todestage Puschkins Moskau, 20. Scpt.(F2U.) Anläßlich des für das Jahr 10"? bevorstehenden Hundertsten Todesiages des großen russischen Dichters, P n s ch k i n, dem Schöpfer der russischen Literatursprache, dem Ahnherr» der modernen russischen Literatur, faßte das Präsidium des Zentral-Epekutio-Komitees der llSSR. den Beschluß, unter dem Vorsitz von Gort, ein Puschkin-Komitee der Sowjetunion zu schaffen. Mitglieder dieses Komitees sind: Woröschilow, Kuibyschew. Kiroiv, Schall an ow, Icnukidsc, Stczki. Bubnow sowie eine Reihe anderer Regicrungsmitglieder, Mitglieder der Akademie der Wissen- ichasten, Literaten, Dichter, Schriftsteller, Künstler der Sow- jetunion. Das Komitee ist bereits beauftragt worden, die Ausarbeitung von Maßnahmen vorzunehmen, für die Ver- emigung des Gedächtnisses an diese» großen Dichter, sowie für die breite Bekanntmachung seines Schafsens unter den Werktätigen der Sowjetunion. »eher den Internationalismus „Die Entwicklung der Welt zeigt, daß Völker und Staaten nicht isoliert leben können: neben ihrer Organisation streben sie die Organisation unter sich, die zwischenstaatliche und internationale Organisation, an. Die Menschheit organisiert sich nach und nach als Ganzes, es ist nur die Frage: soll die Organisation der Staaten, Völker und Kontinente ans dem Wege der Gewalt ldurch Unterjochung! oder friedlich, föderativ durch politische, wirtschaftliche und kulturelle Abkom- wen erfolgen. Die Entwicklung der Menschheit offenbart sich als Entwicklung der Gegenseitigkeit, des kulturellen, sprach- lichen und bevölkerungsmäßigen Synkretismus. Im Anfang der kulturellen Entwicklung, solange es keine festere und nmsasicndcre staatliche Organisation gab, bestand dieser Synkretismus zwischen den benachbarten Stämmen: gewisse Staaten erlangten ein politisches llcbergeivicht über die Nachbarstaaten— es entstanden Weltstaatcn, Großmächte. Jetzt handelt es sich darum, der Vereinheitlichung der Konti- nente und der ganzen Menschheit behilflich zu sei». Wenn ich von der Politik verlange, daß lie der Menschheit diene, sage ich nicht damit, daß sie nicht national«ein soll, aber daß sie gerecht und anständig sein soll. Tie Menschheit besteht»'cht darin, daß wir uns für die ganze Menschheit ereifern, aber dar'n. daß wir immer und in allem menschlich handeln. DaS ist alles." T. G. M a s a r y k. Annemarie Lesser In Zürich ist soeben eine Frau gestorben, deren abenteuer- lichcs Leben schon mehrfach in den Zeitungen ausiührlich geschildert wurde. Seit fünfzehn Iahren war Annemarie Lesser, die unter dem Namen„Fräulein Doktor" der deutschen Spionage während des Krieges große Dienste ge- leistet hatte, eine in einer Züricher Privatklinik als nnheil- bare Morphinistin lebendig Begrabene. Die Welt hatte sie schon vergessen, obgleich ihr Name seinerzeit durch die Welt ging. Als ganz junges Mädchen trat sie am 1. August 1014 in den Dienst des deutschen Kricgsspionagebüros ein. Sie ver- stand es mit ihrer ungeheueren Geschicklichkeit, ihrer Klugheit und ihrem Ebarmc stets, der französischen Gegen- spionage zu entwichen, während sie ihrerseits bedeutende antideutsche Spione, wie den schönen„Costa", den Griechen Kndoyanis und die in Erzählungen und Filmen legenden- Haff verherrlichte Mnta Hari ans Messer lieferte. Ihre Rer- vcn waren dem aufreibenden Berufe aber nicht ganz ge- wachsen, so griff sie zu den Rauschmitteln Morphium und Kokain. Und was zuerst zur Auspeitschnng der Nerven bei Erfüllung neuer Berufspflichtcn diente, wurde allmählich Gewohnheit und schließlich Leidenschaft und Krankheit. Boll- komme» verseucht von den Giften,«vurde sie von ihren Freunden in eine Züricher Privatheilanstalt gebracht, wo die Kosten vom Deutschen Reich als.Pension für geleistete Dienste gezahlt wurden. Aber auch dort konnte sie durch un- bekannte hilfreiche Hände immer wieder Kokain-er zum Vergessen ihrer Vergehe», wie sie sagte— bekommen, und dort ist sie. noch iung, aber total verbraucht, vergessen von der Welt jetzt gestorben. Paris Deutscher Klub Arn Samstag, dem 22. September, um 21 Uhr: Geselliges Beisammensein mit Tanz.— Zeitungslektüre.— Schachspiele. Eintritt für Mitglieder frei, für Gäste 5,— Fr. Gäste willkommen. Die Rechtsstelle für deutsche Flüchtlinge Die Rcchtsstelle für deutsche Flüchtlinge, 5, Avenue de la Repuhlique, Paris Xle(Berufsberatung) ersucht uns um folgende Mitteilung: Die große Bedrängnis zahlreicher Flüchtlinge macht es dringend erforderlich, daß alle hier lebenden Deutschen bei der Vergebung von Arbeiten und Aufträgen soweit irgend möglich ihre in Not befindlichen Landsleute berücksichtigen Wir bitten daher alle Gelegenheiten hierzu, die nach den gesetzlichen Bestimmungen keiner besonderen Genehmigung bedürfen(sog. freie Beschäftigung), uns mitzuteilen, damit wir uns bemühen können, geeignete Kräfte zu empfehlen. Für den Gesamtinhalt oernntroortMcf): Johann P i tz ln D»d» weiler: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbtlläen. NotoilonZdruck und Verlag: Verlag der Volkssllmme GmbH„ Saarbrücken 3, «Sützenstraße 5,— Schließfach 776 Saarbrücken.