Sinzigs unabhSngige Tageszeiiung Deuischiands I^r. 220— 2. Jahrgang Saarbrücken, Samstag, den 22. Sept. 1934 Chefredakteur: M. B r a u n lDeutschet JCiccfienkcieq Seite 2 AttL fiic den Status qua '" Seite 3 JataCqeuxait und AußenpoiUik Ocanienbucq Seite 7 Seite 8 Der„rubrer liebt Frankreich Ein inniges Freundschaftsangebot des deutschen Reichskanzlers an die luden und Freimaurer des rernegerten Frankreich Wann kommt der Saarputsdi? Der rranzosenfreund i Es geht den Deutschland regierenden Herren schlecht. Nicht persönlich, denn die Herren Hitler, Goebbels, Gö- ring, Hess, Ley und alle anderen haben sich durch Fleiß und Sparsamkeit vor und noch mehr nach der Machtergreifung ein nur nach Millionen Reichsmark zu bezifferndes Vermögen erworben und sind so einigermaßen gegen die Wechselfälle des menschlichen Lebens gesichert. Traurig ist ihre Lage nur politisch, und auch da sind nicht eigentlich sie, sondern die Deutschen leidtragend. Immerhin wollen die Herren an der Macht bleiben, und das ist beim besten Willen auf die Dauer nicht möglich, wenn die politische und ivirtschaftliche Selbstisolierung Deutschlands anhält. Den Ring um Deutschland militärisch zu durchstoßen, geht troß fieberhafter Rüstung noch nicht an. Deshalb spielen die Herren nun die Mißverstandenen. Die ganze U elt hat»ich getäuscht, wenn sie den Nationalismus Hitlers innerpolitisch für ein rohes Instrument des Terrors und außenpolitisch für ein Instrument der Revanche und der Expansion hielt. Die vielen franzosen- und polenfresserischen Reden des gottbegnadeten„Führers" und die heiligen Prophetenworte in der Bibel aller Deutschen,„Mein Kampf", waren nur freie dichterische Phantasie, waren im Grunde nur Vorbereitung auf die große Enthüllung der Wahrheit: Hitler als pazifistischer Weltbürger und Schwärmer für eine deutsch-französische Entente. Er hat Anspruch darauf, nicht nur Nobelpreisträger des Friedens zu wer- . den, sondern auch Ehrenbürger der französischen Revolution, wie weiland Friedrich Schiller. Denn wer tat mehr für Frieden und Menschenrechte als der Osaf aller Nationalsozialisten, der edle Führer frommer Scharen deutscher Jünglinve in Komißstiefeln, mit Dolch und Fahrtenmesscr„Blut und Ehre"? Sehr in Mode sind jeßt heiße Liebeserklärungen an Frankreich. Herr Heß machte den Anfang im Pariser „1 n t r a n s i g e a n t". Nur verschämt brachte die deutsche Presse Bruchstücke des französischen Liebesgesanges. Ganz verschwieg sie, daß der Stellvertreter des„Führers" sich für seine franzosenfreundlichen Erklärungen ausgerechnet das Blatt des jüdischen Bankiers Dreyfuß und eines Außenpolitikers mit dem rein arischen Namen Laßarus ausgesucht hatte. Nun aber tritt der„Führer" höchstpersönlich frieden- und freudestrahlend bei den Herren Dreyfuß und Laßarus ein. Sein dem Sonderberichterstatter des„Intransigeant" gegebenes Interview klingt so unglaublich, daß Herr Luden Leinas unter dem Text der goldenen Hitlerworte folgendes Attest im Faksimile reproduzieren läßt: „Dieses Interview ist authentisch.— von Ribben- trop— 13. 9. 34.— Telefon Berlin Jäger 7411." Nun hat das Wort Europas großer Pazifist Adolf Hitler: Frage: Wie denkt der Führer über die zu- künftigen deutsch-französischen Beziehungen? Antwort: Sie wissen ja, daß ich seit dem Tage meines Regierungsantritts bestrebt war. die Atmosphäre zwischen Frankreich und Deutschland zu klären und zu entgiften. To hatte ich beispielsweise seinerzeit den Gedanken, dast man zu einem gegenseitigen Vertrag in der Taarfrage kommen sollte. Es schien mir immer klar, daß, wenn man nicht in dieser Weise vorgehe, die beiderseitige Propaganda in Gang käme und die Beziehungen zwischen den beiden Ländern dadurch nicht gebessert wurden. Gewiß, man hat mir entgegengehalten, baß der Vcrsailler Vertrag einem solchen Abkommen entgegenstände. Aber dieser Einwurf schien mir niemals sonderlich überzeugend, denn wenn heute Deutschland und Frankreich erklärten, sie wollten sich über die Taarfrage verständigen, und wenn die Saarbevölkerung sich einverstanden erklärte, dann würde sicherlich keine der in Genf vertretenen Nationen dagegen Einspruch erheben. Wir zweifeln gar nicht daran, daß die Taarbevölkerung geschlossen für uns stimmen wird, aber ein Abkommen wäre sicherlich vorzuziehen gewesen, das einen Beweis von Groß- zügigkcit geben wüxde. Den« man wäre jo zum ersten Male in einer wichtigen Frage zu einer Uebereinstimmung zwischen den beiden Ländern gekommen, was ein sehr günstiger Anfang für die Besserung der Beziehungen zwischen Frankreich und Teutschland gewesen wäre. Frage: Wird Deutschland in den Völker- bund zurückkehren, und unter welchen Be- dingungen? Antwort: Wir verließen seinerzeit den Völkerbund, weil man uns wie ein Volk zweiten Ranges behandeln wollte. Die Franzosen hätten an unserer Stelle genau so gehandelt. Auf die Frage nach unserer etwaigen Rückkehr in den Völkerbund könnte man folgende Antwort geben: Die Frage wird geprüft werden, wenn uns die völlige Gleichheit der Rechte zugesichert ist. Es scheint angebracht, sich darüber Rechenschaft abzulegen, daß bedeutungsvolle Veränderungen im Völkerbunde vor sich gehen. Ebenso wäre es nötig, die Entwicklung zu ver- folgen, die dadurch geschaffen wurde, baß man neue Mit-- gliedcr aufnahm, die die Verwirklichung eines besonderen Programmes verfolgen, wie zum Beispiel die Vorbereitung der Ausbreitung des kommunistischen Ideals über die ganze Pelt. Frage: Warum sind Sie nicht dem Ostpakt beigetreten? Antwort: Deutschlands Standpunkt hierzu und die Einwände des Deutschen Reiches gegen gewisse Artikel dieses Paktes sind den anderen Regierungen schon zur Kenntnis gebracht worden. Ter Kanzler fährt fort: Das deutsche Volk hat eine Schwäche für Frankreich, und es schätzt es nicht nur wegen seiner ritterlichen Haltung, sondern auch, weil es sich während des Weltkrieges heldenmütig geschlagen hat. Es wäre außerordentlich nützlich, wenn möglichst viele Franzosen nach Deutschland kämen: sie könnten sich dann überzeugen, daß kein Terrorregime herrscht und daß sich im Gegenteil das Volk selbst im wahren Sinne des Wortes regiert. So weit Hitlers Erklärungen. Feierlich unter- zeichnet sie Lucien Lemas mit seinem Namen, wobei er vorausschicket:„Das sind die Erklärungen, die ich aus dem Munde des Führers empfangen habe und die Herr von Ribbentrop durchgelesen und beglaubigt hat." Gallus antwortet recht trocken im„Intransigeant" auf Hitlers Liebeserklärung an Frankreich. Er sagt: „Hitler versichert, das deutsche Volk hat eine Schwäche für Frankreich. Wir möchten es gern glauben. Man dürfte aber nicht wissen, daß gegenwärtig die deutschen Fabriken in einem Tempo so viel Kriegsmaterial er- zeugen, das die sachverständigen Beobachter überrascht und erschreckt." * Der Franz&senlre&itr Wir haben den Parteiführer Hitler immer für einen großen Lügner gehalten. Sein persönlicher Lebensstil ist verlogen kitschig, alle seine Reden und Schriften strotzen von groben Unwahrheiten. Nur durch eine ins Gigan- tische gewachsene Lügenpropaganda konnte er viele im Grunde einfältige Deutsche verwirren und so zur Macht gelangen. Aus der großen Lüge seines demagogischen politischen Hetzwirkens kommt er nun nicht mehr heraus. Er ist für alle Welt unglaubwürdig und wird es bleiben. Sein Vorbild Mussolini hatte, zur Macht gelangt, soviel Einsicht und Kraft, seine agitatorische Demagogie von einst abzuschwören und die weitere Verbreitung gewisser eigener Reden, Schriften und Programme aus der Zeit seines Aufstiegs glatt zu verbieten. Hitler ivagt das nicht und kann es nicht wagen. Er bewegt sich in dem unlösbaren Widerspruch, dem Auslande als der gereifte, abgeklärte, friedliche Staats- mann erscheinen zu wollen und zugleich der nationalistisch verhetzten deutschen Jugend, und dem blöden deutschen Klare offiziöse Drohungen Deutschlands Berlin, 20. September. Unter der Ueberschrift„Positive Forderungen" schreibt die Dcutsch-Tiplomatische Korrespon- dcnz u. a.: Mit großem Ernst und bemerkenswerter Ausführlichkeit sprach der Reichsaußcnminister über die Saarfrage. Deutschland hat leider Grund zu der Annahme, daß von feiten des anderen Interessenten Schwierigkeiten aufge- morsen werden, die die reibungslose Durchführung der vertraglichen Bestimmungen und die gewissenhafte Achtung des Willens der Bevölkerung beeinträchtigen sollen. Weil auf französischer Seite vertragswidrige Kombinationen er- örtert werden, die eine heikle Situation zwi- schen Deutschland und Frankreich schaffen könnten, ist die Saarfrage ihrem Wesen nach eine deutsch-französische Angelegenheit. Im Interesse der guten Beziehungen beider Länder muß deshalb immer wieder an Frankreich der Appell gerichtet werden, die normale Liquidierung des in Versailles ohne Not untcrnom- menen und nicht im französischen Sinne verlaufenen Saar- expcrimcnts durch nichts zu stören, was die Zukunft be- lasten kann. Es ist keine Drohung gegen irgend jemand, wenn von deutscher Seite rechtzeitig auf die U n z u- träglichkeiten und Gefahren aufmerksam gemacht wird, die ans einer Vergewaltigung des kla- ren Willens der Abstimmungsberechtigten entstehen würden. * Das soll zwar keine Drohung sein, ist aber die klare An- kündiguug von deutschen Gewaltmaßnahmen, wenn Frank- reich auf der„normalen Liquidierung" des Saarproblems nach der Abstimmung besteht, also beispielsweise ans den Rückkauf der Saargruben in Gold, auf der Regelung der sonstigen Finanz-, Wirtschafts- und Währungssragcn durch gegenseitige Verhandlungen. Hitlerdcutschland wünscht zu diktieren, und es bereitet sich auf gewalttätige Lösungen vor, wenn Frankreich sich nicht fügt. Das ist die eindeutige Situation an der Saar. Wer sich darüber noch täuscht, sollte ins Kloster gehen, statt europäische Politik zu betreiben. Spießerpublikum als der eisenrasselnde, vor der ganzen Welt nicht zurückweichende heroische Held kommender deutscher Siege. Es ist kaum zu glauben: Er macht Frankreich eine innige Liebeserklärung und läßt zugleich noch immer in seinem Lebens- und Bekenntnisbuch„Mein Kampf" millionenfach das deutsche Volk wie folgt gegen Frankreich verhetzen: Nicht»ur, daß es sFrankreW in immer größerem Um- fang ans den farbigen Menschenbeständen seines Riesen» reichs das Heer ergänzt, macht es auch rassisch in seiner Vernegerung so rapide Fortschritte, daß man tatsächlich von einer Entstehung eines afrikanischen Staates auf europäischem B o den reden kann... Ein gewaltiges, geschlossenes Siedlungsgebiet vom Rhein bis zum Kongo, erfüllt von einer aus dauernder Bastardisierung lang- sam sich bildenden niederen Rasse. l„Mein Kamps" S. 730.) Nur in Frankreich besteht heute mehr denn je eine innere Uebereinstimmung zwischen den Absichten der Börse, der sie tragenden Juden und den Wünschen einer chauvinistisch ei«gestellten nationalen S t a a t s k u n st. Allein gerade in dieser Identität liegt eine immense Gefahr für Deutschland. Gerade ans diesem Grunde ist„nd bleibt Frankreich der weitaus furchtbarste Feind. Dieses an sich immer mehr der Vcrncgerung anheimfallende Volk bedeutet in seiner Bindung an die Ziele der jüdischen Wcltbeherrschung eine lauernde Gefahr für den Bestand der weißen Rasse Europas. Denn die Verpestung dnrch Neger- bl«t am Rhein im Herzen Europas entspricht ebenso- sehr der saditzisch-pcrverscn Rachsucht dieses chauvinistischen Erbfeindes«nsereS BolkeS. u>ie der eisiigkalten Ueberlegung der Anden, auf diesem Wege die Bastardisierung des europäischen Kontinents im Mittelpunkt zu beginnen... („Mein Kampf" S. 704.) Was Frankreich, angespornt durch eigene Rachsucht, planmäßig geführt durch den Anden, heute in Europa betreibt, ist eine Zünde wider den Bestand der weihen Menschheit und wird auf dieses Volk der- einst alle Rachegeister eines Geschlechts Hetzen, das in der Rosienschande die Erbsünde der Menschheit erkannt ha». Für Deutschland jedoch bedeutet die französische Gefahr die Verpflichtung, unter Zurückstellung aller Gcfühlsmomente, dem die Hand zu reichen, der, ebenso bedroht wie wir, Frankreichs Hcrrschgeliiste nicht erdulden und ertragen will.(„Mein Kampf" S. 708.) Man weiß, daß Herr Dr. Goebbels diese irren Be- schimpfungen eines großen Kulturvolkes mit den Aus- Wirkungen der„Haftpsychose" des Herrn Hitler zu ent- schuldigen versucht. Die literarischen Niederschläge einer psychischen Erkrankung sind aber heute noch Lehrbuch und Glaubenssätze für die regierende deutsche Partei und werden der deutschen Jugend als höchstes deutsches Ge- dankengut aufgezwungen. Die Frage ist, ob nicht auch die jetzigen genau gegen- teiligen Erklärungen des Herrn Hitler einer Psychose entspringen, nämlich der Angstpsychose, dast er und sein Blendwerk zugrunde gehen könnten, wenn es ihm nicht gelingt, die Welt über seine wahren politischen Absichten, die hinter den riesenhaften deutschen Rüstungen liegen, zu täuschen. * Der Oankler Der„Führer" und Reichskanzler bedauert, daß Frank- reich sich mit dem„dritten Reich" nicht überdasSaar- gebiet verständigen wolle. Aber er hat doch die Denkschrift des Herrn Barthou gelesen? Und doch auch wohl die Höhnischen und verletzenden Unterstellungen, mit denen die ganze deutsche Presse die französischen Ver- Handlungsangebote abgelehnt hat? Freilich enthielt die französische Denkschrift keine allgemeinen Friedensphrasen und Liebesbeteuerungen wie die Interviews Hitlers, sondern konkrete geschäftliche Formulierungen, wie sie sich aus den Fragen der Wirtschaft und der Währung nun einmal ergeben. Mit keinem Wort geht der deutsche „Führer" auf die ihm so peinlichen Realitäten ein. Wie stets in seiner politischen Laufbahn weicht er allen realen Entscheidungen aus und bewegt sich in den weiten wert- losen Gebieten der politischen Phraseologie. So bleibt er sich auch treu, wenn er fantasiert, das S a a r o o l k werde ohne Zweifel geschloffen für Deutsch- land stimmen. Niemand kann einen Staatsführer ernst nehmen, der so lächerlich formuliert. Wenn das Saar- vvlk einig für Hitlerdeutschland wäre, warum dann noch die gewaltigen Ausgaben für Propaganda, die riesenhaften Saarparaden im Reiche, die tägliche Indienststellung des ganzen deutschen Rundfunkapparates für die Saar» agitation? Die Wahrheit ist, daß Hitler gemeine und jämmerliche Angst hat vor dem 13. Januar und seinen Folgen. Daher sein wirres Gerede. Seine Erklärungen über den P ö l k e r b u n d sind noch wertloser als das übrige Interview. Er oerlangt erst leat'chlands volle Gleichberechtigung und will dann prüfen, ob er gnädigst bereit ist. in den Völkerbund zurückzukehren. Als ob so eine Ve'b'ndlung überhaupt möglich wäre! Er beschwert sich über das Eindringen der Bolschcwisten in den Völkerbund und begreift nicht, daß er selbst ihnen die Tore zum Völkerbundspalast ge- öffnet hat. Mehr Franzosen nach Deutschland! Das ist Hitlers Einladung an das vernegerte, bastardifierte, rassenschänderlsche französische Volk! Die Franzosen sollen sich in Deutschland davon über- zeugen, daß der Oberste Gerichtsherr der 1200 Regie- rungsmorde des 30. Juni, daß der oberste Wächter aller Konzentrationslager mit Frauen und Kindern als Geiseln, daß der oberste Chef aller braunen Häuser mit ihren Folterkellern, daß der oberste Kerkermeister der überfüllten deutschen Zuchthäuser und Gefängnisse ganz und gar ohne Terror regiert. Die Franzosen sollen endlich als herzlich willkommene Gäste in Deutschland einsehen lernen, daß das„dritte Reich" mit seinem Verbot jeder der Regierungspartei nicht genehmen Geistesrichtung, mit seiner Unterdrückung jeder politischen Opposition, mit seiner Ausschaltung ^edes eigenen Gedankens in Wort und Schrift, mit seiner Vernichtung jeder Presse-, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit mit seiner Unterbindung jeder Kritik, mit seinen„Wahlen" unter Verbot jeder Gegenkandidatur ein wahres Muster der Selbstregierung einer freien Nation darstellt. Die Franzosen leben in einer unbegreif- lichen Verblendung, wenn sie als Erben ihrer großen Revolution von der Souveränität eines Volkes andere Vorstellungen haben, als der„Führer" von Deutschlands veredelter Demokratie. Mit Gaukeleien versucht Hitler das schwierige deutsch- französische Problem, das die Schicksalsfrage Europas ist, in Dunst aufzulösen. Es bleibt aber drohend und schwer über Europa stehen. Von Ebert über Stresemann bis Hermann Müller und Brüning war die deutsch-französische Aussöhnung in den Bereich des Möglichen und Wahrscheinlichen vorgetragen worden. Es gibt nur einen Ausweg: die Vernichtung des worden. Durch Hitlers Haft-, Angst-, Hetz und Kriegs- Psychosen ist das große Werk der deutsch-französischen An- Näherung gestört worden. Es gibt nur einen Ausweg: die Vernichtung des gefährlichen und unberechenbaren Störenfriedes und die Ausschaltung seiner Haßpsychosen au» der europäischen Politik. Dann Ist der Weg zur deutsch-französischen Verständigung und zur Einigung Europas wieder offen, Hitler im Relchsklrchenkompf Die Tragikomödie der„romfreien Klrdie"de§ Steldisbfsdiofs Müller Der Orkan um den Turm der Reichskirchenregierunz hat seinen Höhepunkt erreicht. Die Forderung nach der„rsm- freien" Kirche, die der Reichsbischof in seiner Rede in Hannover ausstellte, hat alles, was in seinem Protest gegen die Berliner Kirchendiktatur noch zurückhaltend war, aus seiner Ruhe aufgescheucht. Unter den deutschen Katholiken herrscht helle Empörung. Sie werfen dem evangelischen Reichsbischof vor, daß er die katholische Kirche in Deutschland beseitigen und sie in irgendeiner kirchlichen Einheitsorgani- sation aufgehen lassen wolle. Die gleichgeschaltete„Saar- brücker Landeszeitung" wagt zu sagen, daß solche Bestrebun- gen auf eine offene Vergewaltigung des katholischen Glaubens und Gewissens hin- ausliefen und Teutschland in unübersehbare Aus- einandersetzungen und Wirren hineinstürzen müßten. Wie kommt man aus solch peinlicher Lage heraus? Das nationalsozialistische Rezept ist sehr einfach und vielbewährt. Man streitet alles ab. Sofort dementiert der Reichs- bischof Müller jene heikle Stelle in seiner Rede, obwohl sie vom offiziellen Deutschen Nachrichtenbüro wiedergegeben worden war. Er läßt erklären, daß er lediglich eine„h i st o r- rische Betrachtung" angestellt habe über die Ziele Martin Luthers, die darin bestanden hätten, die Kirche von Rom zu befreien. Es liege ihm vollkommen fern, einen neuen konfessionellen Streit hervorzurufen. Mit einem Seufzer der Erleichterung begrüßt die„Landcszeitung" diese Richtig- stellung, und sie tut so, als ob sie ihr vollen Glauben schenkt. Damit der Humor nicht fehle, verbreitet jetzt das Deutsche Nachrichtenbüro eine neue Fassung der Rede des Reichs- bischoss Müller, die sie mit leichter Telbstironie selbst als „nachträglich" bezeichnet. Es versteht sich von selbst, daß darin die Wendung von der„romfreicn" Kirche fehlt. Der Konflikt in Sllddcntschland und in Hannover dauert in unverminderter Schärf« fort und bedroht die evangelische Kirche mit einem Schisma.„United Preß" will sogar wissen, daß ein persönliches Eingreifen Hitlers in den Kirche»konflikt unmittelbar bevorstehe. Er werde schon in den nächsten Tagen eine Konferenz von pro- minentcn Persönlichkeiten der evangelischen Kirche nach Berlin einberufen. Wie wenig übrigens auk amtliche Er- klärungen zu geben ist, zeigt die Tatsache, baß der Kirchen- kommiffar, M nisterialdirektor I ä g e r, bei der Vereidigung des Personals in den bisherigen Amtsräumen der Kirchen- fllhrung in Stuttgart wörtlich(nach der„Neuen Zürcher Zeitung") gesagt hat, „bei der Aktion der Reichskirchenregiernng bestehe das Nahziel in der vereinigten deutschen evangelischen Kirche, das Fernziel aber bleibe die einige deutsche Kirche mit der Uebcrwindung der Konfession." Der Widerstand gegen die R-ichskirchenregierung nimmt gerade in Württemberg immer schärfere Formen an. 8 5 Prozent aller w U r t t e m b e r g i s ch c n P s a r r e r verlasen am Sonntag von den Kanzeln einen von der alten Kirchenregierung unterzeichneten Ausruf gegen die neue Kirchenführung. Nicht viel anders ist es in Bayern. Vor dem Amtsgcbaude des Landesbischois Meiser wurde eine Vollst und- gebung organisiert, wobei wilde Drohungen gegen den Landesbischof ausgestoßen wurden. Die Polizei zerstreute schließlich die Kundgeber. Am nächsten Tonntag soll im Berliner Dom endlich die feierliche Amtseinsetzung des Reichsbischofs stattfinden. Der Bruderrat der Bckenntniskirchc richtete an die angeichtosse- nen Pfarrer ein Schreiben mit der Aufforderung, am kommenden Sonntag in den Gottesdiensten der Amtseinführung des Reichsbischofs nicht zu gedenken und die Kirchen auf keinen Fall slaggen zu lassen... Ein Aufruf Popens Eis ist alles in bester Ordnung Vizekanzler a. D. von P a p e n war der„Führer" der Ar- beitsgemeinschaft katholischer Deutscher, die sich soeben aufgelöst hat. Die peinliche Lage, in der sich damit Herr von Papen befindet, veranlaßt ihn jetzt zu einer Er- klärung. Es heißt darin, die Aufgabe der AkD. sei gewesen, die„Verständigung zwischen dem deutschen Katholizismus und der nationalsozialistischen Doktrin" zu erleichtern. Jetzt habe der„Führer" und Reichskanzler die Stellung des natio- nalsozialistischen Staates zur christlichen und katholischen Kirche unzweideutig dargelegt. Niemand zweifle an seinem Wort, aber auch niemand habe das Recht, seinen Absichten entgegen zn handeln. Man darf mit Recht vermuten, daß sich dieser Satz gegen die„romfreie Einheitskirche" richten soll, die der Rcichsbischos in Hannover verkündet hat. Tie Arbeitsgemeinschaft katho- lischer Deutscher des Saargebiets läßt übrigen» erklären, daß für sie die Auflösung keine Gültigk"" babe. Tie kämpfe wei- ter für ein„flammendes Bekci""> des katholischen Volks- tciles an der Saar für unser einzigesundherrliches Deutschlands. Man siebt hier leider ein nicht ganz selten gewordenes Bild. Männer des Glaubens und der Kirch? hal- ten den Raub ihrer Frciheitsrechte. politisch--? k'rch- Neue Sdiretiiensarfeile Die Reglerungsreden Ober„Yersöbnong" sind Sdiwindei 86 Jahre Herker Im Bielefelder Landgericht verhandelte der Zweite Straf- scnat des Obcrlandesgerichts Hamm vier Tage lang unter Ausschluß der Oeffentlichkeit gegen 65 Kommunisten, die unter der Anklage der Vorbereitung zum Hoch- verrat standen. Auf Grund der Beweisaufnahme kam das Gericht zur Freisprechung von elf Angeklagten wegen Mangels an Beweisen, in den übrigen Fällen zur Verurtei- lung wegen Vorbereitung zum Hochverrat, zum Teil in Tat- einheit mit Vergehen gegen das Tprengstosfgesetz und gegen das Tchußwasfenaesetz. Es wurden insgesamt 86 Jahre zwei Monate Freiheitsstrafen verhängt, und zwar gegen zwölf Angeklagte Zuchthausstrafen von insgesamt 24 Jahren 7 Monaten und gegen 42 Angeklagte Ge- sängnis st rasen von zusammen 61 Jahren 7 M o n a t e n. Im Einzelsall betrug die höchste Strafe drei Jahre Zuchthaus. Das Gericht brachte in der Urteils- begründung zum Ausdruck, das Strafmaß sei milde aus- gefallen, weil es sich bei den Angeklagten nicht um k'onders sanatische Anhänger der KPD. handle. Illegal für wenige Tage Der 1. Strafsenat des Berliner Volksgerichtshofs verhan- Helte eine Anklage auf Vorbereitung zumHochver- rat, degangen im Frühjahr 1938, gegen den 36jähr'gen Erich Didzuhn aus Berlin und die bereits bestrafte» Rolf Rhodin aus Dresden, Artur Dombrowski aus Breslau und Werner Jurr ans Berlin. Didzuhn hatte seine Wohnung kür die iileaale Weiter- führung der Roten Hilfe alö Büro zur Bersugun^ äc* stellt und dieses Büro mit vier geheimen Ausgängen und ver- schiedenen, von ihm selbst eingebauten Alarm- und War- iiungssignalcn gesichert. Als am 20. März 1933 der'(.Hitze! gemeldet wurde, daß sich im Büro deö Didzuhn der beiiich- tigte Kommunist Max Holz(?) verborgen halteundlich zwei Kriminalbeamte in die Unter den Linden befindlichen Räume begaben, stellte sich heraus, dan Didzuhn vorher seinen Mitangeklagten Rhodin und Jurr ötc Flucht cum einen Geheimausgang aus seiner Wohnung ermöglich! hatte. Ter 1. Senat des Volksgerichtshofes verurteilte I u r r zu 3 Jahren Zuchthaus. Didzuhn und Rhodin»u>e L Jahre» und Dombrowski zu 1 Jahr 9 Monate Ge- sängnis. Ans Grund der Beweisaufnahme habe das Volks- geeicht, wie der Vorsitzende in der Urteilsbegründung hervor- hob, die Ueberzcugung gewonnen, daß alle vier Angeklagten sich mehr oder weniger schuldig gemacht hätten. S'c hätten versucht, nach der Besetzung des Gebäudes der Roten Hilfe ihre Tätigkeit von dem Büro des Didzuhn aus illegal fort- zusetzen. Tie Ziele der Roten Hilfe seien dieselben gewesen, wie d'e der Kommunistischen Partei, nämlich den gemalt- samen Umsturz zu betreiben. Bei dem Strafmaß habe der Senat berücksichtigt, daß die illegale Arbeit von Didzuhn, Rhodin und Dombrowski sich nur auf wenige Tage beschränkte: Jurr dagegen habe seine Arbeit bis Januar 1934 fortgesetzt. Darthon gibt Interviews (Von unserem Korrespondenten> Paris, 21. September. Der.französische Außenminister Louis Barthou ver- ließ Genf Mittwoch abend und kam Donnerstag morgen in Paris an. Ter vielbeschäftigte Minister, der soeben sein außerordentliches Geschick bei den Genfer Verhandlungen be- wiesen hat. wurde natürlich bei seiner Ankunft, wie üblich, von der Meute der Pressefotografen und Berichterstatter er- wartet. Er erklärte einem Redakteur des„Paris-Midi", daß die Zulassung der Towjetregierung zum Völkerbund ein zwar schwieriges aber unbedingt notwendiges Unternehmen gewesen sei. Barthou sagte, er sei glücklich, eine Lösung ge- iunden zu haben, an der Frankreichs Freunde und Alliierte hätten in bestem Einvernehmen mitarbeiten können. Krieg Im Frieden Brennender Tank London, 21. Tept. Bei den gegenwärtig in du N.uie von Swindon stattfindenden Felddienstübungen verunglückte am Donnerstag ein 16 Tonnentank der ersten englischen Tank- brigade: aus noch nicht aufgeklärter Ursache geriet der Ben- zinvorrat der Kriegsmaschine in Brand und brachte seine Geschütz, und Maschinengewehrmunition zur Explosion. Die Mannschaft konnte sich rechtzeitig durch Abspringen retten. Der führerlose Tank, aus dem 10 Meter Hohe Flammen emporschössen, rollte unter fortwährenden Explosionen und Detonationen einen Hügel abwärts. Ein aus seinem Weg befindlicher anderer Tank wurde von seinem Führer zur Seite gerissen und zerbrach dabei einen Telegrafenmast. Der durchgegangene Tank blieb schließlich in einer Hecke hängen und brannte völlig au». ff5Z)S VsSUiSZlt« II» IIIIMfl—IIIIIT II—II II 1 1—HIHI■II——TT1 Wie der„Bayrisch? Kurier" meldet, wurden zwei Ge» mcindeangehörige aus Puch(Bayern) in S ch u tz h a s t qe- nommen. weil sie den ersten Bürgermeister von Puch auf öffentlicher Straße und vor den versammelten Gemeinde- bürgern beleidigt und gegen den Gcmeindcrat„gehetzt" hätten. Die französischen Morgenblätter befassen sich sehr eingehend mit dem Bericht von Gnillaume. der Verfasser des Berichts über den Tod des Gerichtsrats Prince. Die französische Regierung hat die„B« r l i n e r B ö r s e n, Zeitung" für die Verbreitung im französischen Staat», gebiet bis auf weitere» verboten. Ein Hindufchriftstellcr namens Maharaj Nathnrom. der wegen„Lästerung des Propheten" verklagt worden war, wurde am Donnerstag, als er im Hof des Gerichtsgesäng, nisses in Karatschi auf die Urteilsverkündung wartete, von einer Anzahl von empörten Mohammedanern angegriffen und durch Dolchstiche so schwer verletzt, daß er nach der Aus, nähme in ein Krankenhaus seinen Verletzungen erlag. Die sraa'ichen Aeußerungen befanden sich in einem vo« dem Schriftsteller veröffentlichten Ruch über die Geschichte de» Islam. Die vom englischen Lnstfahrtministerium unternommenen Versuche mit einem neuen Geränschfänger kür Fingzeuge sind so erfolgreich verlausen, daß nnnmehr sämtliche Bomben« mas-6inen damit ans-erüstet werden tollen. Man hörte bei den Versuchen vom Boden auS von einem Flngzevg in 15 Me'er flöhe nicht mehr a>« von e'uem Auto. mäb,<>nd bei einer Höhe von über 866 Meter überhaupt kein Geräusch mehr vernehmbar war. Der Taßagentur werden zichlreich neue Verhaftungen von Beamten der estchinesischen Bahn gemeldet. Mt Dcflscnklanmc der Saarwirlsdiafl"«■«»"«>"'!« Unter der obigen Ueberschrift, erschien in der„Saarbrücker Zeitung", in der Ausgabe vom 1». September, ein Artikel, den dcr Schriftleiter des Handelsteils, Ludwig Kreutz, ver- fastt hat. Die Eingabe der Handelskammer und des Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen an den Wirtschaftsminister der Saarregierung, Herr» Morize über die Verzögerung der Auszahlungen an saar- ländische Firmen durch die Office-sranco-allemand in Paris, nimmt Herr Kreutz zum Anlast, um eine demagogische, auf die Dummheit und die Unwissenheit seiner Leser speku- lierenöe Darstellung der Dinge zu geben. Der Schriftleiter des Handelsteils der„Saarbrücker Zeitung" schreibt u. a.: „Als Deutschland mit Frankreich die Abmachungen über die Einrichtung einer sogenannten Verrechnungsstelle traf, da bestand wohl auf beiden Seiten kein Zweifel darüber, dast die Filtrierung des gesamten Handelsverkehrs durch einen solchen Kompcnsationsapparat den Umfang des Warenver- kehrs nur nachteilig beeinflussen konnte. Es war ein dornen- voller Ausweg aus der handelspolitischen Verwirrung. Die ersten Erfahrungen mit der Neuordnung haben die verhängnisvolle Sperrwirkung des bürokratischen Schemas rasch bestätigt. Der französische Kaufmann, der nicht un- bedingt ans den deutschen Warenverkehr augewiesen war, bog den neuen Zahlungsformalitäten nach Möglichkeit aus. Der deutsche Export suchte mit aller Kraft seine Position zu halten, aber mährend für beide Gruppen diese Fragen nicht gerade an den Nerv des wirtschaftlichen Lebens rührten, steht die Saarwirtschast zwischen den Fronten. Die Hilsslofigteit, in die ste dnrch die gegenwärtige staatliche Zwitterstellung des Saargebietes gedrängt wird, ist ihr mit dieser Ordnung wieder einmal recht drastisch z« Gemttte geführt worden." Herr Kreutz stellt also die Dinge so dar, dast der saarlän- dischen Wirtschaft in bezug auf die Auszahlungen für Liefe- rungen nach Deutschland durch die Office-sranco-allemand nur dadurch Schwierigkeiten entstanden sind, weil eben das Saargebiet„durch die gegenwärtige staatliche Zwitter- stcllung" in einen„Zustand der Hilflosigkeit" gedrängt ist. Und damit ja kein Zweifel entsteht, wer die Schuld an diesen Schwierigkeiten hat, fügt Herr Kreutz hinzu: „Die Reichobank hat zur Erleichterung unserer Lage getan, was in ihren Kräften stand. Frankreich aber hat im Taargebiet nur die eine Sorge, die ewige Sorge des Rent- ners, wie seine Kapitalanlagen verflüssigt werden können." Bisher hat man wenigstens im Handelsteil de» Versuch gemacht, von Fälschungen und Verdrehungen Abstand zu nehmen und lediglich die Dinge zugunsten des braunen Regimes zu übertreiben. Aber nunmehr ist„das Fälscher- prinzip" auch in den Handelsteil der braunen Zeitungen an der Saar eingedrungen. Bon den Dcvisenschwierigkejten des vielgerühmten„dritten Reichs" weih Herr Kreutz gar nichts. Für ihn ist das ge- missenlose Verschleudern des Gold- und Devisenbestandes der Reichsbank ein„Greuelmärchen". Er weist auch nichts davon, daß das glorreiche„dritte Reich" derart bankrott ist, dast cS weder in der Lage ist, die Schulden an die Geldgläubiger, noch sogar die Schulden der Warengläubiger zu begleichen. Warum befinden sich denn eigentlich uz Berlin eine englische Handelsdelegation? Wir wollen Herrn Kreutz das Geheim- nis verraten: weil nämlich sein pleitegegangenes„dritte Reich" den Engländern für die Kohlen- und Garnliefernngen kein Geld bezahlt. Und wie standen die Dinge im Saargebiet im Monat Juli, vor Unterzeichnung des deutsch-französischen Handels« abkommend? Das bantrotte„dritte Reich" war damals, ebenso wie heute, nicht in der Lage, den saarländischen Lieseranten, die nach Deutschland ausführten, die Gelder zu überweisen. Die Hüttenmagnate, wie Herr Röchling, wurden zwar be- vorzugt behandelt, aber die saarländische Industrie in ihrer Gesamtheit wird uns bestätigen können, dast sie in jenen Tagen nicht wustte, woran sie ist, und die Befürchtung hatte, ihre Lieserungen nach dem„dritten Reich" einstellen zu müsien, da dieses nicht zahlte. Und ist dem Herrn Kreutz nicht bekannt, dast in jenen Tagen eine Delegation der Saar- brücker Handelskammer nach Verlin gefahren ist, um bei Schacht zu betteln, dast das Saargebiet aus politischen Grün- den bevorzugt behandelt werden soll? Ein Ausweg schien nicht möglich zu sein. Er kam aber doch, aber nicht von der Seite, von der die braune Front ihn er- wartete. Es wurde das bekannte dentsch-sranzösische Zahlnngs- abkommen, das neue Clearing-Verfahren, abgeschlossen, das dem Lieseranten aus dem französischen Zollgebiet, also auch au» dem Saargebiet, die Bezahlung der Franken- betrüge durch das Offiee-sranco-allemand in Paris sichert. Dieses Zahlungsabkommen war die rettende Tat gerade für die Taarindustrie, soweit sie nach dem Reich liefert. Denn von jetzt ab zahlt das Geld nicht der nazideutsche faule Kunde, sondern die französische Elearingstelle. Die Saarwirtschast hat also, angesichts des vollständigen Bankrotts des„dritten Reichs" von diesem Zahlungsabkommen nur profitiert. Dieses Abkommen bildet die eigentliche Voraussetzung für den weiteren dentsch-saarländischcn Warenverkehr. Von alledem scheint Herr Kreutz nichts zu wissen. Er meist nichts davon, dast dieses Clearing-Abkommcn aus der Zwangslage heraus abgeschlossen wurde, weil eben sein „drittes Reich" nicht mehr zahlen konnte. Natürlich weist ein jeder, daß das Clearing-Verfahren kein idealer Zustand ist, dast es seiner Natur nach bürokratisch schwerfällig ist. Aber wem hat die saarländische Wirtschaft das Clearing-Verfahren zu verdanken? Einzig und allein dem bankrotten„dritten Reich". Und wenn heute Herr Kreutz schreibt: es sei wieder einmal der Beweis erbracht,„wie schütz- und machtlos das Saargcbict als zwergstaatliches Gebilde zwischen den großen Entscheidungen der Völker stehe", so ist ihn« darauf zu antworten, dast gerade durch den Schutz des französischen Staates es gelungen war, von der Saarwirtschast das Schlimmste abzuwenden, denn ohne Clearing-Bersahren wäre der Erport aus dem Saargebiet nach dem„dritten Reich" praktisch z« einer Unmöglichkeit geworden. Und wenn sich die braunen Skribenten über die jetzige Schwierigkeiten beschweren, dann sollen sie bitte sich gefälligst au die richtige Adresse wenden: nämlich an ihren„obersten Gerichtsherrn" und seinen Reichs- bankrotteur Schacht. Daß auch der deutsche Rundfunk im Stile der„Saarbrücker Zeitung" hetzt— und zwar gibt er die Schuld der Regie- rungskommijswn, zcisth welche Verlogenheit der Kreaturen des„dritten Reichs" wir int Abstimungskampfe noch zu er- warten habe». Rai für den Status quo Eine Erklärung deutsdier Geistesarbeiter Deutsche spreche» zu Euch' Saarländer! Wollt Ihr ein Teil sein der faschistischen Barbarei? Wollt Jh den Tod der Geistesfreiheit? Wollt J6r Euer Leben verbringen hinter dem Stachel- drahtzaun des riesigen Konzentrationslagers, das sich Hitler- dcutschland nennt? Wollt Ihr, dast Eure Frauen und Töchter aus Brot und Arbeit vertrieben werden? Wollt Ihr, dast Euren Söhnen bis zum 25. Lebensjahr der Zutritt zur Arbeit verboten wird? Wollt Ihr einbezogen werden in Hitlers Wirtschafts- katastrophe? Wollt Ihr, daß Eure Religion verhöhnt und Eure Geist- lichen ins Konzentrationslager geschleppt werden? Wollt Ihr mitschuldig sein an Mord, Mißhandlungen und grausamer Verfolgung? Wollt Ihr einen neuen furchtbaren Krieg, schlimmer noch als das letzte Weltgemcvel, das Millionen Tote gekostet hat? Nein, deutsche Saarländer, das wollt Ihr nicht! Ihr wollt, dast das Taargebiet auch weiterhin ein Brücken- köpf des Freiheitskampfes für Deutschland bleibt! Ihr wollte Euer Selbstbestimmungsrecht wahren und frei entscheiden über Eure Bereinigung mit dem von Hitler be- freiten Deutschland! Deutsche Saarländer, Männer und Frauen, Arbeiter, In- tcllcktuclle, Angestellte, Bauern und Gewerbetreibende, Ihr wollt den Frieden! Darum gegen die Auslieferung der Saar an Hitler- Deutschland! Stimmt für den Status quo! Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Professor E. I. Gumbel, Leonhard Frank, Alfred Nerr, Johannes R. Becher, Oskar Maria Gras, Pros. Georg Bernhard, Ernst Toller, Balder Olden, Anna Seghers, Theodor Plivier, Erwin Piscator, Prinz Max Karl zu Hohenlohe-Langenbnrg, Carola Neher, Leopold Schwarzschild, Gustav von Wangenheim, Klans Mann, Gustav Regler, Erich Weinert, Ernst Ottwalt, Dr. Kurt Rosenfeld, Bodo Uhse, John Heartsiel, Walter Schön- stedt, Alfred Kantoroviez» Willi Bredel, Peter Maslowski. „frei ist der Dursdi (6 •• Paris, 21. September. Von unserem Korrespondenten Im„Petit Parisien" beschäftigt sich Jean^ de P a n g e in einem langen Artikel mit dem Sinn der Saar- abstimmung. Der Verfasser fragt, woher die leidenschaftliche Anteilnahme komme, mit der die ganze Welt die Vorgänge an der Saar verfolge. Er gibt aus diese Frage selbst die Ant- wort, indem er sagt:„Das ist die Ueberzeugung, dast endlich das Hitlerregime einer Volksabstimmung unterworfen wird, deren Unparteilichkeit durch den Völkerbund garantiert wird." Niemand verwehre, so heißt es in dem Artikel weiter, den Saarländern ihr Deutschtum, itnd niemand versuche daran etwas zu ändern. Daraus erkläre sich auch das geringe Interesse, das bis vor einiger Zeit der bevorstehenden Abstimmung entgegengebracht wurde. Aber nun werde an der Saar Hitlers Schicksal entschie- den werden, denn sein in Deutschland schon geschwächtes Prestige werde einem ungünstigen Saar-Wahlaussall nicht mehr standhalten. Bisher habe er selbst immer seine Volks- abstimmungen organisieren und durch einen unsagbaren Druck übrigens ständig sich vermindernde Mehrheiten er- langen können. Das werde er diesmal, wenn ihm der Völ- kerbund die Saar nicht bedingungslos überlasse, nicht tun können. Es handele sich also bei der Abstimmung des 13. Ja- nuar nicht allein um das Schicksal der Saar, es handele sich um ganz Teutschland, dessen Geschick dort entschieden werde. ver Drudf aul das Gewissen Ein Arzt fürchtet den Terror Saarbrücken, den 20. September 1084 In der gleichgeschalteten Presse lesen wir folgende Erklärung Dr. Rüben, Knappschaftsarzt in Blicsbolchen, über- mittelt uns folgende Erklärung: „In der„Deutschen F r e i h e i t" lNr. 216 vom 18. 9. 34) ist unter dem Artikel:„Beweise eines Terrorfalles" eine von mir ausgestellte ärztliche Bescheinigung für Gerichts- zwecke über den Augcnblicksbefund eines Verletzten ver- öfsentlicht worden. Ich erkläre hierzu, daß dieses zu politischen Zwecken miß- brauchte Attest ohne mein Wissen und gegen meinen Willen veröffentlicht worden ist." Ein Schulbeispiel des Gewisscnsterrors. Die Angst vor der braunen Front und vor drohendem Boykott zwingt den Arzt, diese überflüssige und selbstverständliche Erklärung ab- zugeben. In der gleichgeschalteten Presse finden wir am Tage nach- her ein Attest des Dr. G. Hild aus Wiebelskirchen über die Verletzung des Schulz aus Münchwies. Die Abstimmungskommission mag einmal darauf achten, ob nun auch eine Erklärung des Dr. Hild in den Zeitungen erfolgen wird, daß er dieses Attest nicht zur Veröffent- lichung ausgestellt hat. Dieser Arzt denkt nicht daran. Er hat keinen Boykott zu fürchten. Der Boykott ivird eben nur von der braunen Front ausgeübt. Häusern der Studentenschaften auszubauen. Sämtliche ört- lichen Kameradschastshäuser unterstehen einem örtlichen Führer. * Für eine einheitliche Ausrüstung in diesen Kameradschastö- hänsern ist die Deutsche Studentenschast verantwortlich. Sie hat das Recht, die Führer der Kameradschastshäuser ein- und abzusetzen. Die Deutsche Studentenschaft bestimmt eine einheitliche Tracht für die Belegschaften sämtlicher Kameradschastshäuser. Die Kameradschastshäuser dürfen nicht nach konfessionellen Gesichtspunkten belegt und ge- leitet werden. * Diese Verfügung vollendet die Unisormie- r u n g des deutschen S tu deuten tu ms. Tie ist zugleich das Ende des Verbindungsstudenten. Die akademischen Frei- heilen, die umrankt waren von politisch-romantischem Rebel- lentum in der Acra der deutschen Einhcits- und Freiheits- kämpfe des 19. Jahrhunderts, hat das„dritte Reich" zu Grabe getragen. Ueberflüssig, unser» Standpunkt zu der „Burschcnherrlichkcit" zu erläutern, wie sie sich später mit akadcmisch-feudaler Inzucht im Zeichen der Bierzipscl ent- wickelt hat. Aber die jetzige Zerstörung der persönlichen Frei- heit, die Einordnung der Studenten in die braunen Batail- lone ist ein Schlag gegen den Geist und gegen den Sinn des Studiums. Denn es wird nur noch betrieben, soweit Zeit dazu da ist, und es Ivird uniformiert, Iveil Wissenschaft nur noch betrieben wird,„soweit sie Teutschland nützt". Die neuen studentischen Kameradschastshäuser sind übrigens, wie uns mitgeteilt wirb, eine ziemlich kostspielige Angelegenheit. Ter monatliche Pensionspreis beträgt 80 Mk. Dazu kommen nicht geringe Umlagen für Zeitungen und Bücher. Minderbemittelte Studenten sind dadurch vom Ge- nust der Kameraderic ausgeschlossen. In den Gemein- schaftshäusern wird die neue akademische Bonzokratie hoch gezüchtet. Das ist die Verwirk- lichung für„Volksgemeinschaft". In der vonncr Anatomie Alle Studenten in Drill und Uniformen!— Die neue„Knmerodsdiafts- d« Leichname geköpfte, Kommunisten erzleliung" In Oemeinsdiaftsliäusern- Eine kostspielige Sodie Ter„Rcichsschastsftihrer" der Studierenden an den deut- schen Hoch- und Fachschulen Hai eine Verfügung über die Kameradschaftscrziehung der deutschen Studentenschast er- lassen, welche die vollständige llniiormierung und den mili- lärischen Drill der Studenten sicherstellt. Die Verfügung muß man in ihren wesentlichen Teilen selbst gelesen haben, um sich ein Urteil über das bilden zu können, was an Un- sreiheit und geistloser Unisormierung im„dritten Reich'" alles möglich ist. * Nachdem der„Reichsschastssührcr" festgestellt hat, dast im Winter 1934/86 nur etwa 4000 Abiturienten aus dem Arbeitsdienst an die Hochschulen kommen, verfügt er fol- gendcs: 1. Jeder Abiturient, der zum Wintersemester 1334 Sä zu stu- Vieren beabsichtigt, ebenso jeder Student, der zum Wintersemester 1934 35 sein zweites Studiersemester beginnt, hat sich big zum 1. Oktober 1934 bei der Studentenschast derjenigen Hochschule zu melden, aus der er studieren will. 2. Jeder Student, der zum Wintersemester 1984 8» das erste bzw. zweite Semester beginnt, ist verpflichtet, während der nächsten beide,, Semester in einem von der Deutschen Studentenschast anerkannten Kameradschaft auch zu wohnen. S.Laut Anordnung des Reichssührers der Deutschen Stu- dentenschrist ist es den Einzelstudentenschasten untersagt, so- genannte staatliche Kameradschastshäuser der Studenten- schaft neu zu errichten und auszubauen. Kameradschastö- Häuser sind nach Mastgabe des vorhandenen akademischen Nachwuchses vom Führer der örtlichen Studentenschaft ans den vorhandenen eingerichteten Wohnkameradschaften der Korporationen und aus den bestehenden Kameradschafts» Bon einem antifaschistischen Studenten, der als Werk- stubcnt in Bonn studiert, erfährt die Rote Hilfe Köln die kaum glaubliche Nachrichten, dast ein bekannter Bonner Medizinprofessor nach der Abschlachtung der sechs Jung- arbeiter im Kölner Rlingelpütz im November vorigen Iah- res drei der Leichen von der Staatsanwaltschaft für die Bon- ner Anatomie angefordert habe. Diese Gefühlsroheit wird durch die Tatsache verstärkt, dast die Kölner Staatsanwalt- schaftsbehörde nicht nur die Leichen auslieferte, sondern auch ausdrücklich ihre Zustimmung für deren Verwendung in der Bonner Anatomie gab. Der Gewährsmann der Roten Hilfe berichtet, dast die abgeschlagenen Köpfe der anti- faschistischen Arbeiter„vorläufig" in Spiritus gesetzt sind, um an ihnen an einen späteren Termin Hirnuntersuchungen vorzunehmen.—Erst verurteilt man 6 unschuldige Arbeiter zum Tode, dann läßt man ihnen von betrunkenen Scharf- richten, nach mehreren Fehlschlägen die Köpse abschlagen und stellt diese in einer deutschen Universitätsanatomie aus. Auf den kaltblütigen Mord iolgt die zynische Leichenschändung. Das ist das wahre Gesicht des„dritten Reichs" und seiner Gangster. „Deutsche Freiheit", Nr. 220 A3B21T UMD WIRTSCHAFT Samstag, den 22. Sept. 1934 Die verunglückte Statistik Wenn Wahrheit wäre, was Lüge ist, dann wäre die faschistische Regierung Deutschlands die erfolgreichste von allen im Kampfe gegen die Arbeitslosigkeit. In den von ihren Aemtern veröffentlichten Statistiken läßt sie die Zahlenreihen aufmarschieren, mit denen der Beweis erbracht werden soll, daß die Arbeitslosigkeit seit Ende Januar 1933 bis Ende Juli 1934 von 6 Millionen auf 2 426 000 gesunken sein soll. Aber das Abschreiben auf dem Papier, selbst das Hineinpressen von hundert lausenden Arbeitslosen in den Arbeitsdienst, in die Landhilfe usw. und der rigorose Entzug der Unterstützung bringen noch keine tatsächliche Verminderung der Arbeitslosigkeit. Ende Juli 1934 steht die Arbeitslosenziffer den 6 Millionen vom Januar 1933 noch immer näher als der 2'/« Millionen, die die Spitzen des Dritten Reiches zugeben. Zu ihrer Blamage werden die Nationalsozialisten mit den von ihnen aufgeführten Zahlenkunststüdcchen nicht ganz fertig. Trotz aller ihrer Bemühungen gelingt es ihnen nicht, die verschiedenen Ziffern miteinander in Uebereiustimiuung zu bringen. Das zeigen wieder die neuesten Veröffentlichungen. Danach soll im Juni die Arbeitslosigkeit um 48 000 zurückgegangen sein. Wären diese 48 000 in dem Produktionsprozeß untergekommen, so müßte die Zahl der Beschäftigten um 48 000 zugenommen haben. Aber die Beschäftigtenzahl weist im Juni einen Rückgang von 15 560 000 auf 15 529 000, also um rund 31 000, auf! Im Juli ergibt sich eine ähnliche Differenz: in diesem Monat ist die Zahl der Beschäftigten nach der Statistik um 30 000 gestiegen, die Zahl der Arbeitslosen soll dagegen nicht nur um 30 000, sondern um 54 000 zurückgegangen sein! Das sind also 24 000, die zu den 79 000 im Juni hinzukommen— 103 000 Arbeitslose, die, ohne in den Produktionsprozeß eingereiht worden zu sein, aus der Arbeitslosenstatistik verschwunden sind. Der Widerspruch wird noch deutlicher: Nach der Statistik hat sich die Arbeitslosenziffer von April bis Juli um 372 000 vermindert. Die Zahl derer aber, die nach der versicherungsmäßigen Arbeitslosenunterstützung als Hauptunterstützungsempfänger anerkannt sind, ist in der gleichen Zeit von 249 000 auf 290 000 gestiegen, also um 41 000! Mindestens die 41 000 sind als Arbeitslose in diesen vier Monaten neu hinzugekommen. Da nun Ende Juli insgesamt 372 000 Arbeitslose weniger vorhanden sein sollen als Ende April, so müßten, unter Berücksichtigung, daß in der versicherungsmäßigen Arbeitslosenunterstützung 41 000 mehr Hauptunterstützungsempfänger vorhanden sind, die Krisen- und Wohlfahrtsunterstützten um 413 000 Personen abgenommen haben. Die Statistik meldet jedoch nur einen Rückgang von 324 000, nämlich 111 000 in der Krise und 213 000 in der Wohlfahrt! Es ergibt sich hier eine Differenz von 90 00 0. Die Unwahrheit in den Himmel schrien die Zahlen der Beschäftigten- und Arbeitslosenstatistiken vom letzten Vierteljahr 1933. Damals wurde ein Rückgang der Beschäftigten um 640 000 und gleichzeitig— statt einer entsprechenden Zunahme der Arbeitslosigkeit— ein Rückgang von 790 000 Arbeitslosen gemeldet. Man ersieht daraus, welchen Wert die Statistiken des Dritten Reiches haben. Vom Trümmerfeld der Genossenschaften Vor kurzem fand die Gesellschaftsversammlung des Reichsbundes der deutschen Verbrauchergenossenschaften statt. Der Geschäftsführer, Pege Grahl, eröffnete die Tagung mit einer lamentablen Rede, in der ihm wörtlich, der nur durch die Psychoanalyse zu erklärende Satz entfuhr:„Ich habe nie daran gezweifelt, daß der weite Blick unseres Führers Adolf Hitler F.inrichtungen verurteilen wird, die sich der deutsche Arbeiter geschaffen, der bestes deutsches Menschengut in sich birgt." Nach dieser richtigen Feststellung (die man auf Seite 463 der Rundschau des Reichsbundes der deutschen.Verbrauchergenossenschaften findet) stellte der gleichgeschaltete Geschäftsführer Henry Everling fest:„Das Jahr 1933 hat für die deutsche Verbrauchergenossenschaftsbewegung die schwerste Belastung gebracht, die je einem Wirtschaftsunternehmen zugemutet worden ist. Wir haben zunächst wie alle übrigen Unternehmungen die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise über uns ergeben lassen müssen: Rückgang der Kaufkraft und damit Rückgang des Umsatzes. Hierüber hätten wir uns nicht beklagen dürfen, weil das eine Wirkung ist, die alle Unternehmen in Deutschland gleichermaßen getroffen hat..." Im Anschluß hieran führt Everling aus. daß ein Generalsturm auf die Genossenschaften einsetzte und daß man sich wundern müsse, daß die Bewegung diesen Sturm überstanden habe. Wie schwer die Wunden sind, die die Bewegung erlitten hat, zeigen die Bilanzzahlen: die Belanzsumme ist um 18 Millionen Reichsmark geringer wie im Vorjahr. Der Umsatz des Reichsbundes einschließlich der Gcpag Köln betrug im Jahre 1933 313 Millionen RM., 1932, auch zusammengezählt, 395 Millionen Mark. Das ist ein Umsatzrückgang von 20 Prozent. Der Umsatz der gesamten Verbrauchergenossenschaften betrug im Jahre 1933 704 Millionen Mark und 1932 920 Millionen Mark. Es ist also ein Umsatzrückgang von 23 Prozent eingetreten. Auf dem Verbandstag des Revisionsverbandes der deutschen Verbrauchergenossenschaften e. V. ergänzte der Diplomkaufmann Reinhold Zirwas Everlings trauriges Bild: „So konnten das Jahr 1933 und die bereits verstrichenen Monate des Jahres 1934 keinen Aufschwung für unsere Verbrauchergenossenschaften bringen. Sie waren vielmehr die Zeit tiefster Depression, einp Zeit unerträglicher Ungewißheit, die Zeit eines unendlich zermürbenden Kleinkampfs auf schier hoffnungsloser Position." Nach diesem Bekenntnis führt Zirwas aus:„Der Umsatzrückgang beträgt im Gesamtbild von 1094 berichtenden Genossenschaften im Jahre 1933 gegenüber 1932 durchschnittlich 19.9 Prozent. Scheidet man die gefährdeten Fälle aus, so ist bei 1026 als gesund zu bezeichnenden Genossenschaften ein Umsatzeinbruch von nur 14,4 Prozent eingetreten, während er bei den als gefährdet anzusehenden Genossenschaften rund 29 Prozent beträgt. Für das erste Halbjahr 1934 werden wir noch weitere Rückgänge zu verzeichnen haben, die im Durchschnitt auf etwa 11 Prozent gegenüber 1933 zu veranschlagen sind." Diese bitteren Worte der Wahrheit sind natürlich in einen Brei von Geschwätz eingerührt, aber dieser Brei vermag die Wahrheit nicht mehr zu verdecken. Die deutsche Wirtschaftlage ist nicht mehr zu verschleiern. Plan vermelde übertriebene Garnierungen Devisen Iflr Reiseverkehr Bis Mitte April 1934 war die Freigrenze, innerhalb der jedermann Devisen gegen Eintragung in seinen Reisepaß ohne Devisengenehmigung nach dem Ausland überweisen oder mitnehmen konnte, auf 200 RM. im Kalendermonat festgesetzt worden. Damals wurde sie aber auf 50 RM. herabgesetzt, nur für den Reiseverkehr wurde noch gestaltet, weitere 150 RM. innerhalb eines Kalendermonats in Form von Reiseschecks, Kreditbriefen oder Hotelgutscheinen gegen Eintragung in den Reisepaß ohne Devisengenehmigung über die Grenze mitzunehmen. Da gleichzeitig die Versendung von Reichsmarknoten nach dem Ausland verboten wurde, bedeuteten die neuen Bestimmungen in der Praxis, daß die 50 RM. nur in deutschem Hartgeld mitgenommen werden können. Im Reiseverkehr mit der Schweiz werden bekanntlich über die Freigrenze hinaus 500 RM. in Form von Kreditbriefen usw. gestattet. Durch eine neue Verordnung ist jetzt insofern eine Erleichterung eingetreten, als zukünftig auch minderjährige Personen auf Grund der Freigrenze Devisen gegen Eintragung in ihren Reisepaß oder den Paß ihrer Eltern erwerben können. Auf der andern Seite ist aber die Freigrenze, soweit sie zur Bezahlung von Warenlieferungen aus dem Auslande dient, von 50 auf 10 RM. im Monat herabgesetzt worden. Für Prämienüberweisungen bei Valutaversicherungen ist die Freigrenze neuerdings gänzlich in Fortfall gekommen. Zunahme der Wechselproteste im Juli Im Juli 1934 sind 44 200 Wechsel mit einem Gesamtbetrag von 5,6 Millionen RM. zu Protest gegangen. Gegenüber dem Vormonat hat sich die Anzahl um 1,6 Prozent und der Gesamtbetrag um 3,1 Prozent vergrößert. Der Durchschnittsbetrag war mit 128 RM. im Juli etwas größer als im Juni 126 RM.). Auf den Arbeitstag entfielen im Juli 1637 Protestwechsel mit einem Gesamtbetrag von 209 000 RM. gegenüber 1673 Wechseln mit 210 500 RM. im Juni. Der Anteil des Gesamtbetrages der im Berichtsmonat zu Protest gegangenen Wechsel im Gesamtbetrage der drei Monate vorher überhaupt gezogenen Wechsel(Protestquote) ist mit 1,06 pro Mille etwas höher als im Vormonat(0,89 pro Mille). Im Juli des Vorjahres betrug die Quote 0,90 pro Mille. Holz stall ßenzln Im Zusammenhang mit den fieberhaften Bemühungen, die deutsche' Treibstoffversorguug vom Auslande unabhängig zu machen, über die wir in unserer gestrigen Ausgabe berichtet hatten, verdient eine von der Provinzial- verwaltung in Hannover einberufene Tagung besondere Beachtung. Die Tagung war von prominenten Vertretern der Regierung, der Partei, der Reichsbahn Verwaltung und der Industrie beschickt; zu ihren wichtigsten Programmpunkten gehörte die Propagierung des sogenannten Holz- Generators. Es handelt sich dabei um einen Motor, der mit Holz-Verbrennungsgasen angetrieben wird. Aus dem Tagungsbericht geht hervor, daß bereits an die 1000 Fahrzeuge mit Holzgeneratoren in Betrieb seien. Wenn man berücksichtige, daß der jährliche Devisenbedarf für flüssige Brennstoffe sich auf über 300 Millionen RM. belaufe, könne die Bedeutung des Holz-Generators gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, denn er ermögliche es. Deutschland in der Tieibstoffrage vom Ausland unabhängig zu machen. Der deutsche Forstverein habe sich entschlossen, allen Besitzern von Holz-Generatoren für das erste. Halbjahr das notwendige Holz gratis zur Verfügung zu stellen. Außerdem würde Personen, die ihr Fahrzeug auf Holz umstellen, ein Darlehen von 800 RM. gewährt. Das Lesen von deutschen Fachblättern ist heute sehr zu emnfehlen. Dort kann man nämlich bisweilen etwas über die wirkliche Lage im Dritten Reich erfahren, dort kann man sich ein Bild darüber machen, wohin die nationalsozialistische Mißwirtschaft Deutschland hineinmanövriert hat. Besonders interessant sind in dieser Beziehung augenblicklich die Textil-Fachzeitschriften. Die Rohstoffknappheit, vor allem in der Wollindustrie, macht der gleichgeschalteten„Texiii- zeitung" begreiflicherweise großes Kopfzerbrechen. Sie macht deshalb verschiedene praktische Vorschläge zur Milderung der Rohstoffnot. Dabei vertritt sie die Ansicht, daß die Abfallwirtschaft, das Sammeln von Lumpen, planmäßiger zu gestalten sei. Sie schlägt dabei folgendes vor: „In den Musterzimmern und Musterarchiven lagern so viele veraltete, nicht mehr brauchbare Musterabschnitte und auch größere Reste, daß es sich empfiehlt, diese Räume alle einmal gründlichst durchzusehen und zu räumen. Es wird sich hier in vielen Betrieben unendlich viel Material finden, das sich zur Herstellung von neuen Gespinsten gebrauchen läßt. Größte Sparsamkeit im ganzen Musterwesen sei als besondere Pflicht allerseits, auch für die gesamte Stoffe verarbeitende Industrie, anempfohlen. .... Aus diesem Grunde müssen unbedingt sofort beim Zuschnitt alle nicht zum fertigen Stück zur VeraiLeitung kommenden Abfälle schon am Zoschneiiletisch gesammelt werden. Am betten: man bringe an den Zuschneidetischen Säcke an oder stelle Behälter auf, in die alle Abfälle gesammelt werden. Technisch leicht durchführbar, können die Abfälle an dieser Stelle schon möglichst qualitativ gesondert werden, z. B. reine Kammgarnstoffe, Ulsterstoffe, Schlafrockstoffe usw. müssen getrennt gehalten werden. Man erspart den Altstoffhändlern und Abfallhändlern die größere Sortierarbeit und kann selbst entsprechend höhere Preise R-JH* für die Abfälle erzielen.***" WllklzictS .... Bei der sparsamsten Bewirtschaftung darf man aber nicht außer acht lassen, die Fertigfabrikate so herzustellen, daß sie einer natürlichen, aber nicht übertriebenen Mode entsprechen, einer Mode, die auch für den Export brauchbar ist. Man vermeide übertriebene, oft zwecklose Garnierungen, viel Stoff erforderliche Außentaschen, Sättel, Gürtel usw., an den Kleidungsstücken. Als eine stoffvergeudende Belastung wird auch das Verlangen nach Reservekragen- und Reservegürteln angesehen, obwohl in den meisten Fällen sie keine Verwendung finden." Auch in der Zeitschrift„Die Welt im Heim" werden von einer gewissen Magda Trott(nomen est omen!) den Hausfrauen Anweisungen gegeben, wie sie helfen könnten,„Devisen zu sparen". Sie schreibt:„Die deutsche Frau muß wieder(wie im Kriege also) dazu übergehen, unbrauchbar gewordene Sachen, die kein Flicken, Stopfen, Wenden, Umarbeiten mehr lohnen, sorgfältig zu sammeln. Der Lumpenmann wird schon kommen! Keine Sorge, denn die deutsche Industrie braucht das alte Zeug." Und nachdem die Magda Trott ein Loblied auf die Kunstwolle angestimmt, aus der angeblich„die schönsten, ansehnlichsten und haltbarsten Stoffe" gemacht werden,(da lacht der Fachmann!) schließt sie ihren hochpatriotischen Artikel mit den Worten:„Wir sammeln also wieder Lumpen! Wir heben jeden Hader auf. Der Lumpensammler kommt schon." So sehen also die„gewaltigen" Erfolge des Nationalsozialismus im Kampf um den Wiederaufstieg Deutschlands aus. Eidieiuahao statt Sdiokoiade Hamberg stirb! ab In den hiesigen gntinformierten Wirtschaftskreisen rechnet man mit einem neuen Erlaß des Wirtschaftsministe- riums, der die Zahl der Ersatzstoffe um einen besonders „bitteren" vermehren wird: es handelt sich um einen Erlaß über die„Streckung" von Schokolade. Nach der Verfügung sollen zunächst die billigen Schokoladesorten(Kochschokolade) durch Zugabe von Haferkakao und Eichelkakao gestreckt werden Der Warenverkehr des Hamburger Hafens ist im Sommer 1934 wieder beträchtlich gesunken. Im Juli ist der Wareneingang rund 46 000 Tonnen oder 4.4 Prozent, der Warenausgang um 75 000 Tonnen oder 15,2 Prozent gegenüber dem Vormonat gesunken. Im Vergleich zum gleichen Monat des vorigen Jahres ist der Rückgang noch krasser: der Wareneingang ging gegenüber 1933 um 10,6 Prozent, der Warenausgang um 26,5 Prozent zurück! Die Stadt Essen veröffentlicht etliche Zahlen über den Kinobesudi. aus dem hervorgeht, daß dieser ständig zurückgeht. In den Monaten Januar bis Juli 1934 besuchten 2 445 379 gegen 1933 2 919 704 Personen die Essener Kinos. Gleichzeitig fand eine Abwanderung aus den teueren Kinos in die billigen der Altstadt statt. Die Sowjet-Automobil- und Traktoren-Industrie Die Automobil- und Traktorenindustrie gibt vielleicht mehr als irgendeine andere ein schlagendes Beispiel der allgemeinen industriellen Entwicklung in der Sowjetunion. Im Jahre 1928 stieg die Produktion der Automobile unf Traktoren auf 2000 resp. 1200. Allein der Tagesdurchschnitt der Traktorenproduktion des Tsdieljabinsker Werkes belief sich auf 1100 Einheiten. Mit Ausnahme der Molotow- Werke(Gorki) erfüllten alle Automobil- und Traktorenwerke der USSR. ihr Augustprogramm. Der Tagesdurchschnitt der Stalin-Werke stieg für 1.5 To. Wagen auf 133, der der Stalin-Werke für 3 To. Lastkraftwagen auf 73, der der Jaroslaw-Wcrkc für 5 To. Lastkraftwagen auf 8 und für leichtere Wagen auf 49 Einheiten. Im August lieferten die Stalingrader Traktorenwerke täglich 146 Traktoren, während die Charkower Werke täglich 136 lieferten. Einen Rekord leisteten die Tscheljabinskpr Werke mit einer Tagesproduktion von 40 Raupenschleppern. Die Werke haben ein ständiges Steigen der Produktion von 10 pro Tag im Januar, 17 im März, 33 im Juni und 40 im August zu verzeichnen. Der Jahresplan für die Traktorenproduktion ist schon zu 67,9 Prozent erfüllt, für die Lastkraftwagen zu 62,1 Prozent und für leichte Motorenwagen 63,1 Prozent. Die Erhöhung der Produktion im Vergleich zum Jahre 1933 ist von großer Bedcutune. Die Produktion von Traktoren, Kraftwagen und leichten Wagen erhöhte sich während der acht Monate des laufei den Jahres um 32,3 Prozent resp. 34,1 Prozent end 128,3 Prozent im Vergleich zur selben Periode des Jahres 1933, Qeutsdke Wimmert« föeilage asziz„Deutschen drei freit"• creignisse und&es€fiitfkten ';;.i""ii» Hi—i •'il'iji,.ili''';j!j|:jl|i;!l 11'•! jiÜMirllll'I ' I::!.' •Ulii. Samstag, den 22. September 1934 .iiul V 1 Auskunft£cteiit das txit JCuUuc Sammlung der Kräfte— Von HeinrichMann Im Septemberheft der im Querido-Verlag in Amsterdam erscheinenden literarischen Monatsschrift„Die Sammlung" veröffentlicht Heinrich Mann einen für die geistigen Aufgaben in der Emigration grundlegenden Aufsaß, mit ebenso wuchtender und scharfer Kritik an denen, die sich dem„dritten Reich" unterworfen. Wir entnehmen den Aufsaß: Au» Deutschland dringen heimlich, auf den geschicktesten l Me egen die Klagen über das Ende des geistigen Lebens, die Entrechtung der intellektuell Gesinnten, über den Raub, den die herrsehende Bande vornimmt an den kulturellen Einrichtungen„der vergangenen 14 Jahre", soweit sie die Einrichtungen nicht schon zerstört hat. Die Arbeit der Versuchsschulen und die Schul-Landheim-Bewegung wurden auf Ausstellungen als nationalsozialistische Errungenschaften vorgeführt, aber Fotografien mit den Jahreszahlen 1927, 1923 liegen offen daneben. Unabänderliches System: hier wie überall ist es die augenscheinliche Lüge, die hinzunehmen aus Furcht und Schwäche jeder gezwungen sein soll. Es gibt immer noch einzelne, die es schwer ertragen, es gibt Kreise, wenn auch kaum mehr Schichten. Aber da auf Umwegen protestiert wird, da gelitten und geklagt wird, alles heimlich, könnte im Verborgenen auch gekämpft werden. In einem solchen Lande sollte wohl einer am wenigstens fehlen: der Gott, der ihnen gibt, zu sagen, was sie leiden. Vielleicht, daß jemand am Abend seine Tür schließt und endlich ablegt, was ihm den ganzen Tag vor sich selbst übel gemacht hat, seine Angst und Heuchelei. Dreifach verwahrt erwartet ihn seine Arbeit, eine aufrichtige Beschreibung des umgebenden Lebens und seines eigenen, wobei dann schöne Dinge ans Licht kommen könnten, das„dritte Reich" als Welt der Herzen: wie es sie zurichtet, was es ihnen aufzunehmen und hindurchzupumpen gibt. Dieser Schriftsteller wäre ein Held, obwohl ein unterirdischer, sein Werk wäre dem schlechtesten Leben abgerungen und wäre die Befreiung des Erniedrigten. Das könnte dortzulande heranwachsen in einer drohenden Stille; nur wissen wir es nicht. Auch kann die geheime Schlacht hinter der verschlossenen Zimm.ertür endlich doch verloren gehen. Viel kommt auf die Dauer des„dritten Reiches" an und auf die weitere Haltung der unterworfenen Deutschen, die wahrhaftig nichts Gutes versprechen. Sie sind längst weitab von der Wirklichkeit und erkennen das Ungeheuerste nicht mehr. Sie werden sich noch derart wegwerfen an das regierende Verbrechen, daß der unter ihnen ausharrende Schriftsteller den Mut verliert und seine Arbeit am liebsten ins Feuer steckte. Er hat es zu schwer— ein einzelner, und ein ganzes Land setzt ihn unter Druck, mit eifriger Beihilfe der gesamten Schriftsteller. Der Kampf um die Sccli wird aussichtsreicher jenseits dyr Grenze, so schwere Mühe es jetzt auch macht, sich physisch zu erhalten. Man ist außerhalb des Bereichs der staatlichen Bestechungen und Versorgungen. Audi kommen keine Zwangsankäufe von Büchern und befohlene Bühnen aufführen! gen jemals vor, wenn man emigriert ist. Vor allem das Gefährlichste ist hintertrieben, unser Absatz an ein freiwilliges Publikum, das heute zweifellos größer wäre, als das„dritte Reith" noch verträgt. Auch fehlt der Rückhalt an einer Orga- nisation der Wohlgelittenen. Viel eher werden die Schriftsteller im Exil von Deutschland her verfolgt, persönlich und in ihren Schriften. Sie sollen wo möglich noch verlieren, was an Erwerb nach dem Verlust des deutschen Marktes in der Welt für sie übrig bleibt. Das deutsche Propagandaministeriuni hat Helfer überall, und diese raten dem fremden Publikum, doch nicht die Flüchtlinge zu lesen, die liir ihr Land ja nichts bedeuten, sondern die echten Deutschen, c..e geduckt in ihren Villen wohnen und kein wahres W ort vorbringen. gesetzt, dies wäre jemals ihre Natur gewesen. Indessen, Deutschland ist kein sicheres Land, in ihren V lllen wohnen alle nur vorläufig. Die seither Eiitheunateten kannten schon zu Hause die Existenzangst, das verbreiterte deutsche Gefühl neben dem Haß, und mitbeteiligt an jeder deutschen Katastrophe. Sie haben ihre Existenzangst in die Fremde getragen; jetzt leg' sie ab oder geh mit ihr zu Grunde! Bei dieser Wahl, vor die jeder gestellt wird, haben die Prüfungen des Exils sich in strenge Wohltaten verwandelt. Man steht allein und ist gehalten, sowohl stärker als bescheidener zu werden. Es ist die gute alte Schule des Unglücks, die zuletzt immer auch die des Glücks ist. Nimm dich zusammen und erwarte nicht viel. Vor allem erwarte, was dir noch beschieden sein soll, von deiner Arbeit allein, n cht aber von der unernsten Uebereinkunft, etwas zu bedeuten. Wie war das, früher einmal, beim literarischen Gemeinschaftsleben? Man beriet, redete, feierte, ließ es darauf ankommen, ob das alles mit der feindlichen Wirklichkeit auch nur Fühlung hatte,— und dabei ging man zusammen mit Erscheinungen und Ausgeburten, die sich nicht erst ausdrücklich zu erklären brauchten nachher im„dritten Reich": schon damals war ihnen der Verrat von der Stirn abzulesen. Sie rechneten nämlich mit dem Sturz der Republik, was auch wir hätten tun können, unsere Fähigkeit zu berechnen halte allenfalls ausgereicht. Dafür sitzen manche noch auf ihren Posten, manche auch nicht. Es hilft nicht viel zu berechnen, und das Glück der Entfernten ist grade, endgültig entruckt zu sein dem Dunstkreis niedriger Berechnungen. Man hat im Exil niemand zu schonen, aber das mm ein nebensach- Leber Vorteil. Der größere ist: die Abhängigkeiten smcl überstanden, keine falschen Freunde sind mitzufuhren im Leben, keine minderwertigen Gefährten zu ertragen. Andererseits sind auch die Gegner-und Kritiker meistens unterwegs abhanden gekommen Aber die-migrierten Schriftsteller können sich, sogar ohne Gegnerschaft und Kritik. hinlänglich verlassen auf ihre Strenge gegen sich seihst. Angenommen, daß niemand ihnen im Wege wäre, so werden sie auch nicht getragen von niemand und nichts. Die Kratt ihrer eigenen ungeschützten Persönlichkeit entscheidet ganz allein, wir viel sie in dieser neuen Einsamkeit noch sein Werden-.,., Kein Zweifel, daß es Einsamkeit ist sogar^ weiteste Einsamkeit, die sich geistig erfahren laß• ur l zurückgelassenen Deutschland wäre sie noch grenzen oser. u r draußen ist die geistige Umwelt dem Gast doch wenigstens verwandt. Aber er kennt seine über die Erde verstreuten Leser nicht, er muß in fremden Sprachen erscheinen, ihm fehlen die einst aus dem Publikum empfangenen Zeichen des guten Willens und des Dankes. Wenn jetzt Besucher bei ihm eintreten aus dem Lande, das ihn aufgenommen hat, dann sind es fast immer hervorragende Ausnahmen. Von ihnen hört er:„Sie sollen wissen, daß wir Sie achten und lieben"— und das ist nicht dasselbe, als wenn er früher von Leuten, die weiter nichts zu bieten hatten, Bitten um Autogramme, manchmal aber auch eine Träne erhielt. Man war anderswo sogar mit der Dummheit verbunden. Jetzt ist es viel, bei einem einzigen Freund hierzulande eine mehr als intellektuelle Teilnahme zu finden. Aus früheren Tagen ist fast alles verloren gegangen; nur dieser Freund bewährt sich grade an unseren weniger anziehenden Erlebnissen, und das ist ein sogenannter Fremder, mit anderem nationalen Anhang als der unsere. Fragt sich, was der unsere wert war. Auskunft erteilt das Exil. Hier sind wir in der Mitte der Wohltaten, die aus der Verbannung entspringen. Grade das Alleinstehn ist eine der strengsten und größten. Es arbeitet die Freundschalt höchst plastisch heraus, erhebt aber auch die Persönlichkeit zu dem Außerordentlichen, das sie sein kann; und das ist eine Antwort. Ueber das Zufällige hinaus ist es die zu erwartende Antwort auf den Mißbrauch, der dauernd getrieben worden ist mit verschiedenen Gemeinschaften, voran die Volksgemeinschaft. Das Wort Gemeinschaft hat in Zuständen der Auflösung, wie den deutschen, als Ausrede gedient, um alles bedientenhaft mitzumachen wie es kam, für sich selbst aber zuchtlos zu verlottern. Es ist an der Zeit, der Gemeinschaft, vielmehr der trostlosen Selbstaufgabe, die so genannt wird, die persönliche Festigkeit beispielhaft entgegenzusetzen: noch einmal das eigene Recht im sittlichen und im geistigen Verstände,— das hat schon öfter hinweggeholfen über Auflösungsprozesse. Die bis zum äußersten getriebene Persönlichkeit ist nachgrade das Gebotene, ob man es weiß oder nicht. Die Stärke der alleinstehenden Persönlichkeit sollte wieder begriffen werden, zu lange ist diese Kenntnis abhanden gekommen. Niemand hat, in dem allgemeinen leeren Uebereinstim- men, Uchereinmarschieren und Fünfgradeseinlassen, bei sich verwirklicht, daß jede entscheidende Wandlung einer Gesamtheit vorher der Verbannten, der aus drohender Stille Handelnden sehr nötig bedurft hat. Es ist bisher nicht in Beziehung gebracht worden zu den nächstliegenden Ereignissen und Erwartungen, daß einstmals Dostojewski nach Sibirien verschickt wurde und daß auch Tolstoi unter der Gefahr stand. Zu seiner Zeit hat Victor Hugo achtzehn Jahre, die ganze Dauer der verhaßten Diktatur, auf einer winzigen englischen Insel ausgeharrt, und Voltaire hat noch zahlreichere von seinen Tagen flüchtig und in der Fremde verbracht. So war ihre Gemeinschaft mit ihrer Nation beschaffen, und das war die wirklich ergiebige Art. Wir wollen weitergehn und hinzunehmen, daß Goethe, seit dem Ende Napoleons, in Weimar ausgelialten hat wie ein Verbannter. Ihn umgab ein Land, wo die ihm teure Gesittung ung-iichert war wie je, das erfüllt war, auch damals nach wenig ehrenvollen Kriegen, von dem üblichen giftigen Haß gegen die Denkenden und dem gewohnten Blutdurst aus Minderwertigkeit. Besucher kamen nach Weimar nicht anders als nach Sankt Helena oder Jersey, er aber reiste nicht, und in einem gewissen Zeitabschnitt hat er für sein Leben gefürchtet. Der Mord gehörte, wie heute v zum Wesen der Nationalen, sie waren in allem, wie wir sie kennen. V or hundert Jahren konnte sie nur nicht zur Macht, davor stand einiges— aber fester als alles die eine abweisende Gestalt. Die Frist seither, in der Deutschland den mäßigeren Ansprüchen auf Gesittung noch genügt hat, nicht einmal sie wäre gewährt worden ohne Goethe: einen derer, die das Weltgewissen waren im Exil. Alle diese arbeiteten, nichts weiter; und ihre Werke halte die Gabe, die herrschende Macht zu überragen in der Kenntnis und Führung der Menschen. Ihre Werke waren besser gestaltet und geordnet als die Gesellschaft. Dort war die bestehende Ordnung ein Betrug, der enthüllt wurde durch die wahre Ordnung der Werke, durch ihre Klarkeit und Redlichkeit. Sittliche Verantwortung, in den Kunstwerken war sie verbreitet, nicht in der Wirklichkeit. Daher trugen die Werke in sich mehr Dauer als die herrschende Macht. Das ist alles. Es kam nicht auf Meinung und Absicht an, sondern einzig auf Dasein—- das Dasein von Persönlichkeiten, die über das auferlegte Gesetz hinauslebten. So wurden sie selbst Gesetz. Sie waren durchaus allein, alle hatten Enttäuschungen und Verrat zu erfahren, mehrere den Sturz aus den Höhen des öffentlichen Lebens. Das eine wie das andere machte sie reicher um ein ungemeines Leiden. Ihr Reichtum an Gestalten erhielt sie in einer Freudigkeit ohne gleichen: sie umfaßte Sterben, Werden und das was bleibt. Sie wollten nichts anderes haben und sein, obwohl sie eigentlich alle Flüchtlinge und Ausgewanderte waren. Das ist aber die menschliche Lage, in der einige ihre ganze Kraft erst gefunden haben. Die Gesamtheit scheint solche Beispiele der Ausdauer und Zuversicht manchmal aus sich verbannt zu haben, damit sie vorwegnähmen, was die Gesamtheit lernen mußte: Sammlung der Kräfte. Ward ein Erdteil der Kultur erschlossen, wurden viele Menschen totgeschossen. Andre wieder wurden aufgehängt. Millionen ließ man auch verhungern oder vor den Wohlfahrtsämtern lungern. Töricht ist, wer sich dabei was denkt. Denn man muß doch logisch daraus schließen- Wer Kanonen macht, will damit schießen, weil man anders nichts damit gewinnt. Löhne zahlt man nicht, kann man sie senken. Und wer Galgen baut, will auch mal henken, weil die Galgen ja sonst zwecklos sind. Zweckbewußt wird der Kulturweltjünger: Aus der Luft holt er sich künstlich Dünger. Seine Felder tragen davon schwer. In der Viehzucht macht er Trieberstattung neuerdings mit künstlicher Begattung. Und den Mehrertrag—- schmeißt er ins Meer. Er verbrennt ihn unter den Maschinen, die die Kohlenförderung bedienen. Dann schwimmt er im Kohlenüberfluß. Schweine füttert er den jungen Kühen, um aus denen Schweinemast zu brühen, weil er ja das Fleisch verbrauchen muß. Sieht man mal ein Bild von Rockefeller, dann begreift man die Geschichte schneller und wird mit dem' wahren Grund bekannt. Wie ein Geier brüstet sich der Alte. Geldwahn grinst aus jeder Antlitzfalte. Leider ist der Wahnsinn militant. Darum wirkt er sich so furchtbar voll aus. Darum ist die Welt ein wüstes Tollhaus und bestimmt kein Sanatorium. Jeder streckt sich traurig nach der Decke. Die Vernunft steht weinend an der Ecke, und der Laie fragt naiv: warum? Der Rote Hans. „Quteft TJlotQen,$4. Tagesparole„Aufwärts im dritten Reich" Aus Weimar wird eine Mitteilung der Kreisamtsleiter der NSBO. und der„deutschen Arbeitsfrbnt" gemeldet, wonach entsprechend dem Wunsche des Führers der„deutschen Arbeitsfront" die bisherige Stempelkontrolle in der Waggonfabrik Weimar abgeschafft ist. Die Tagesarbeit beginnt dort jetzt mit dem jeweiligen Morgenspruch und der Tagesparole, die am Tage des Wegfalls der Stempelkontrolle hieß:..Aufwärts im„dritten Reich"!" Dieser Sehritt der Betriebsführung, so fügen der Kreisleiter der NSBO. und der DAF. hinzu,„ist hocherfreulich und verdient Nachahmung. zumal da im deutschen Vaterland erst drei oder vier Unterpehmungen die Stempelkontrolle abgeschafft haben," Die neue£iteealut Die„nationale" Bibliothek Der Verlag Franz Eher Nachf., München, an dem Hitler mit 51 Prozent beteiligt ist, bringt demnächst ein Verzeichnis von 100 Büchern heraus, das eine Anweisung zur Schaffung von Parteibüchereien„deutschen Schrifttums" bedeutet. In diesem Verzeichnis der„nationalsten Literatur" steht an zweiter Stelle Houstcn Stuart Chamberlain, gebürtiger Engländer, an dritter Stelle Alfred Rosen- 4 b e r g, gebürtiger Balte, an erster Stelle Hitler, gebürtiger Böhme. Dann folgen Darre, Göring, Streicher und von Goebbels:„Kampf uin Berlin"— das letzte Goebbels-Buch„Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei", das den mit allen Mitteln betriebenen Schacher der Nationalsozialisten um Ministersessel aufzeigt, ist aus der Liste ferngehalten worden. Ferner findet sich in der Rubrik„Nationalsozialismus und Weltanschauung" ein Buch der Ingeborg Wessel und ein Band Nietzsche. Die Aeußerungen Nietzsches gegen den Antisemitismus werden verschwiegen werden. In der Abteilung„Geschichte" sind genannt:„Ursprung und Verbreitung der Germanen";„Vom Hakenkreuz"; ..Altgermanische Kultur in Wort und Bild" und„Versailles". Zur„Bevölkerungsfrage" gehören:„Handbuch der Judenfrage";„Rassenkunde des deutschen Volkes";. Rassenkunde des jüdischen Volkes";„Rassenhygienische Fibel";„Von deutschen Ahnen für deutsche Enkel";„Kunst und Rasse";„Ras- senpflege im völkischen Staat" und von Richard Wagner„Das Judentum in der Musik". Die Literaturgattung„Krieg und Nachkrieg" umfaßt nicht weniger als dreiundzwanzig Bände, darunter:„So war der Krieg";„Scapa Flow"; Jüngers„In Stahlgewittern" und Jobsts blutrünstiger„Schlageter". Die Sammlung wird abgeschlossen mit einem Rayon..Dichtung", vor allem Kriegsdichtung:„Das Feld unserer Ehre";„Das harte Geschlecht";„Die Fanfare", * Heutige Literaturkritik In der„Deutschen Allgemeinen Zetiung" war die Besp.c- chung eines Buches„Parteigenosse Schmiedecke" erschienen, in der der Verfasser der Kritik gesagt hat:„Dem Geist des neuen Deutschland ist dieses Buch fern". Der Roman sei „ein mißglückter Versuch". Dazu veröffentlicht der„Völkische Beobachter die folgende Drohung:„Uns scheint..., daß Herr Kn.(der Kritiker der„DAZ.") dem Geist des neuen Reiches noch sehr, sehr fern ist, und wir werden uns dagegen zu wehren wissen, daß derartige Elemente sich weiterhin, angeblich kritisch urteilend, an Büchern vergreifen, die eine große Bedeutung haben." Der Kritiker der„DAZ." wird geradezu der Majestätsbeleidigung beschuldigt:„Das Buch trägt zudem den Unbedenklichkeitsvermerk der Prüflings- ko mm ission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums, so daß ein Angriff dagegen... zugleich als Angriff gegen eine Dienststelle der Reichsleitung zu bewerten ist". Die medizinischen Hochschulen Rußlands Trotz der wachsenden Zahl der Studenten der Medizin f» der Sowjetunion, die von 26100 im Jahre 1928 auf 48 000 im laufenden Jahre stieg, ist die Zahl der Aerzte in der Sowjetunion noch ungenügend. Im neuen Studienjahr sind 2-1 neue medizinische Hochschulen in Betrieb genommen worden, aber auch diese Zahl entspricht noch nicht den wachsenden Bedürfnissen nach ärztlicher Versorgung des Landes. Das Zentralexekutivkomitee der SU. hat dsher in seiner letzten Sitzung beschlossen, die Zahl der in die medizinischen Hochschulen neu aufzunehmenden Studenten wesentlich zu vermehren. Für das laufende Jahr ist die Zahl der neu eintretenden Studenten 15 500, sie soll jedoch bis 193< auf 30 500 gebracht werden, so daß insgesamt in den nächsten 4 Jahren 103 000 Studenten sich der medizinischen Laufbahn widmen sollen. VöSker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Meine Die Berichte von Joseph Caillaux, gegeben vor seinen Richtern, geben in wachsender dramatischer Spamnung ein Bild von der Tätigkeit eines friedliebenden Europäers mitten im Kriege. Jeder Schritt, jede Reise wird ihm freilich verdacht und dient zur Formulierung schwerster Anklagen, gegen die sich nun Joseph Caillaux, gestützt auf gute Gründe, zäh verteidigt. Botschafter Barrere in Rom Man beginnt sich aufzuregen über die Leute, die ich getroffen habe oder noch treffe, über die Spaziergänge, die ich gemacht habe oder noch mache. Man versucht fortan ein Wort von mir zu erhaschen. Wie später einmal der„Avanti", die Zeitung der Sozialistenpartei, in einem geistreich gallischen Satze bemerkt, beobachtet und analysiert man fortan„die geringsten persönlichen Aussonderungen des Herrn- Caillaux". Mit alledem wäre es nicht weit her gewesen, wenn ich nicht gegen mich die gereizte Stimmung der Bolschaft gehabt hätte. Herr Barrere hat eingewandt, daß der Paß. den ich mir auf einen angenommenen Namen hatte ausstellen lassen, geeignet sei, in Italien Neugierde zu erwecken und unsere Nachbarn, denen die Politik im Blute liegt, zu dem Glauben zu bringen, ich käme nach Rom, um irgendwelchen„Com- binazione" nachzugehen. Der Einwurf ist gerechtfertigt— ich habe das schon anerkannt—, aber wäre es denn nicht für den Botschafter, der ja im voraus von der Existenz dieses Passes unterrichtet war, nächstliegende Pflicht gewesen, zunächst seihe. Regierung und dann mich zu warnen? Warum hat er es nicht getan? Vor allem aber, warum hat er mich nicht gewarnt vor einigen von den Personen; mit denen ich infolge zufälliger Vorstellung zusammentreffen mußte, wenn er der Ansicht war, daß die Zudringlichkeiten des Herrn Cavallini und seiner Freunde geeignet seien, mich zu kompromittieren oder zum mindesten eine üppige ßliitenpracht von Klatschgeschichten aufschießen zu lassen? Und wenn wir einmal zugehen, was Herr Barrere behauptete, und was im Widerspruch steht zu verschiedenen Tatsachen, nämlich, daß er über meine Zufallsbeziehungen erst informiert worden sei, als schon in ganz Rom das Gerede über mich umlief — warum hat er dann nicht Aufklärungen von mir verlangt?, warum hat er mir nicht yum mindesten eine Warnung zukommen lassen? Die Intrigen Ich weiß, wie es um die Politik steht, ich weiß auch, daß Interviews, öffentliche Erklärungen und zweckentsprechende Besuche schnell damit aufräumen. Ich würde meine. Erfahrung im öffentlichen Leben zur Verfügung gestellt haben, um eine oberflächliche Erregung zum• Schweigen zu bringen. Allerdings ziehe ich in Betracht, was die rechte Hand des Botschafters, sein erster Sekretär. Herr Charles Roux, in seiner Aussage angegeben und was er vor dem Staatsgericht wiederholt hat. Er hat behauptet, man hätte wohl einen Politiker warnen können, der einen zufälligen Fehler in der Wahl seiner Beziehungen machte, wie etwa den Abgeordneten Leboucq, der auf der Durchreise in Rom eifrig mit Cavallini verkehrt hatte, und den die Gesandtschaft aufgefordert hatte, so weit wie möglich seinen Aufenthalt in diesem Hause einzuschränken, daß es aber unnütz gewesen wäre, die gleichen Warnungen Herrn Caillaux zukommen zu lassen, denn dieser habe„Beziehungen nach seinem Geschmack und seinen eigenen Geschmack in seinen Beziehungen". Eine Prägung, die mit Eleganz darauf berechnet ist, eine absichtliche Unterlassung zu verschleiern! Eine Prägung, unter der eine einfache Retourkutsche sich verbirgt! Was! Weil Gewährsleute— man weiß ja, weltheil Grad von Vertrauen Leute von diesem Schlage verdienen— über Aeußerungen berichtet haben, die sie nicht seihst gehört, sondern aus zweiter, wenn nicht aus dritter Hand erhalten haben, wie wir ja sehen werden, darum dekretiert ein Botschaftssekretär, diese Aeußerungen, wie sie einem Politiker erster Ordnung zugeschrieben werden, seien authentisch. Er zieht nicht in Betracht, daß es die nächstliegende Pflicht seines Vorgesetzten gewesen wäre, mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten, der in Frage steht, zu sprechen oder ihm zum mindesten Gelegenheit zu ei»"»» Aussprache zu geben. Im Vatikan und bei den Sozialisten Doch ich bedauere sagen zu müssen, daß die Dinge, die Herr Roux vorbringt, nicht der Wahrheit entsprechen. Es ist nicht wahr, daß vorgebliche Unterredungen, die späterhin sämtlich dementiert wurden— mit Ausnahme der Unterredung mit Martini, und hier werden wir ja sehen, was der Bericht wert ist, den mau darüber machte—, dementiert durch Briefe oder durch Aussagen, daß diese vorgeblichen Unterredungen die Botschaft in Aufregung versetzt haben. Die Botschaft hatte sich von vorneherein aufgeregt. Man hat ihr dann eingeredet, oder sie hat es sich seihst eingeredet, daß ich nach Rom gekommen sei, um in Beziehungen zum Vatikan, zu der offiziellen Sozialisten-Partei, zu den neutralistischen Führern zu treten! Unbestreitbare Tatsache! Die Berichte des beigeordneten Militärattaches, Herrn Nohlemaire— heute ist er Abgeordneter— sind zusammengefaßt in einer langen Note, die der französischen Regierung in den ersten Tagen des Januar 1917 übermittelt wurde mit der Unterschrift des Botschafters, der infolgedessen die Verantwortung dafür zu tragen hat. Alle Beschwerden, die man gegen mich auf dem Herzen hat, sind lang und breit darin aufgeführt. Was sind das für Beschwerden? Die Hauptbesch werde, die nach der Aussage des Herrn Malvy die Aufmerksamkeit der französischen Regierung wachgerufen hat, liegt in folgendem lapidaren Satze umschlossen:„Am Tage nach seiner Ankunft in Rom ist Herr Caillaux im Vatikan." Folgt ein längerer Bericht über die Sprache, die ich geführt haben soll, sei es dem Kardinal Gaspari, sei es pazifistischen Prälaten gegenüber. Man bemerkt, daß meine Aeußerungen völlig im Einklang stehen mit der hei den römischen Prälaten gebräuchlichen Sprechweise. Ich glaube es ohne weiteres: Man legt mir Sätze in den Mund, die in den„Camere" des Vatikans widerhallen, und man wundert sich nachher über den Einklang. Sobald man diesen Einklang hergestellt hat, sobald man sich darauf geeinigt hat, daß ich wiederhole, was Mgr. Pacelli oder Mgr. Migone sagt, oder wovon man glaubt, daß sie es sagen— von diesem Augenblicke an werden nun alle meine Unterredungen nach dem gleichen Modell aufgebaut werden müssen, und man wird mich in Rom spazieren führen in dem klerikalen Mantel, mit dem man mich bekleidet. Aber ich habe mich nach der Note der Botschaft nicht darauf beschränkt, midi dem Heiligen Stuhl zu nähern. Ich habe mit den Führern der Sozialisten-Partei gesprochen; man bezeichnet sie namentlich: Herr Turati, Herr Treves, Herr Modigliani. In Verfolgung meiner Absichten habe ich natürlich mit den Neutralisten konferiert, mit den Freunden des Herrn Giolitti. Ich habe das Verbrechen begangen, mit Herrn Nitli zusammenzutreffen. Allerdings, so sagt man dazu, hat Herr C. auch Herrn Martini getroffen und hat dieser voller Nachsicht— das sind die W orte der Botschaft— erklärt,..er hätte die Sprache eines guten Franzosen geführt". Der Bericht, den ich analysiere, liefert alsdann eine selbstverständlich durchaus unrichtige Zusammenfassung dieser Unterredung. Man legt mir darin eine Sprache in den Mund, die über alles hinausgeht, was Herr Martini mir in der Folgezeit zuschreiben soll, aber man behält von diesem Besuche nichts in Händen; man sieht ein, daß ich im Gespräch mit einem leidenschaftlichen Anhänger der Intervention, mit einem Franzosen freund von jeher, notwendigerweise, was für Ideen man mir auch zuschreiben mag, mich mit ihm habe in Einklang bringen müssen. Andernfalls würde der ehemalige Kolonialminister aus dem Kabinett Salandra der Unterredung unverzüglich ein Ende bereitet haben. Das ist die Erwägung, die er selbst späterhin in einem seiner Ehrlichkeitsanfälle hat anstellen müssen. Man geht also darüber hinweg. Briand dachte an Ausweisung Auf meinen sonstigen Besuchen beruht nun die gegen mich gerichtete Anklageakte, die, das muß man anerkennen, ansehnlich und schwerwiegend ist. Es ist in der Tat gewiß, daß, wenn ich mich auf meinen Reisen nach Rom ohne irgendwelchen Auftrag außerhalb jeder Verbindung mit der Regierung nacheinander mit dem Vatikan, mit den offiziellen Sozialisten, mit den Neutralisten angebiedert habe, daß ich mich dann mit Schritten zur Annäherung abgegeben habe, dir man schon al Deckmantel für gefährliche politische Machenschaften beargwöhnen kann. Und weil man diesen Verkehr für erwiesen erachtet, faßt Herr Sonnino, der gleichfalls davon überzeugt ist. daß ich midi zum Vatikan begehen habe— er hat es zu wiederholten Malen gesagt—, und faßt Herr Briand, beeinflußt durdi die Berichte seines Botschafters, für einen Augenblick meine Ausweisung aus Italien ins Auge. Indessen, mau verzichtet darauf. Die Frage wird angeschnitten in einer italienischen Regicrungssitjiuig, aber ein Minister erhebt Einspruch. Er fragt, ob die Ministerräte dazu geschaffen seien, solchergestalt Klatsch- gesdiichlen auszukramen. Der französischen Botschaft ist es nicht in den Sinn gekommen, das Gehäuf von Albernheiten, das sie zusammengescharrt hat. ebenso zu qualifizieren. Warum? Weil die Vorurteile, welche gewisse Leute mir gegenüber nähren, ihnen den Ausblick auf die Wahrheit versperren, ja ihnen das Suchen danach verbieten. Diese Vorurteile sind— ich will es gerne glauben— nicht bestimmt durch kleinliche persönliche Fragen. Ich will mich gern davon überzeugen lassen, daß ein ziemlich heftiger Streitfall, der im November 1916 zwischen dem Botschafter und mir entstand infolge einer Kränkung, die man Frau Caillaux antat, indem man ihr die Tür der Botschaft verschloß, keineswegs auf die Stimmung des Herrn Barrere und seines ersten Sekretärs mir gegenüber von Einfluß gewesen ist; gegen jene Kränkung habe ich mich damals heftig empört, und sie veranlaßte Herrn Briand, Herrn Charles Roux zu einem Besuch hei meiner Frau aufzufordern, um ihr sein.... Bedauern auszudrücken. Herr Charles Roux hat allerdings zum Quai d'Orsay telegraphiert, dieser Schritt sei ilun so peinlich gewesen. daß er unter anderen zeitlichen Umständen lieber sein Entlassungsgesuch eingereicht hätte, als den Schritt zu tun. Caillaux greift scharf an Doch hat er seither ausgeführt, es sei ihm unangenehm gewesen, daß er den Anschein erwecken mußte, als suchte er einen Stützpunkt für seine Laufbahn durch den Besuch bei der Frau eines ehemaligen Regierungsoherhauptes. und ich habe mich durchaus überzeugen lassen durch eine Erklärung. von der, wie jeder merken wird, ein Hauch von Aufrichtigkeit ausgeht. Ich habe ebenso davon überzeugen lassen, daß Herr Barrere keineswegs unter dem Eindruck der paar Sätze gestanden hat, die etwa Herrn Martini über ihn gesagt habe, damals, als ich unter Feststellung der Dienste, die er früher einmal der Sache der Annäherung zwischen Frankreich und Italien wirklich geleistet hat. geäußert haben soll, die Stunde seiner Abberufung dürfte nahe bevorstehen. Schließlich kann ich mich auch nicht entschließen zu glauben, was immerhin qualifizierte Personen mir gesagt haben, daß nämlich Herr Barrere so argwöhnisch sei. daß er nur schwer die Anwesenheit eines französischen Politikers, wer es auch sein mochte, in Rom ertragen, und daß er sich in der Regel befleißigt hätte, entweder den Lästigen in Verruf zu bringen oder ihm Schwierigkeiten zu bereiten. Man könnte, so ha» Von Joseph Caillaux man mir versichert. Beispiele anführen. Ich schiebe alle diese Erläuterungen beiseite; höheren und vor allem tiefer verwurzelten Gründen ist der seelische Zustand des Botschafters und seiner Umgebung zuzuschreiben. Und zunächst einmal, wer ist Herr Barrere? Rochefort spricht in den„Aventures de ma Vie" von seiner englischen Verbannungszeit nach 1871 und von den Umständen, unter denen er die„Lanterne" herausbrachte— und zeichnet dabei folgendes Porträt von Camille Barrere: „Der Mann, der für mich die erste Nummer der„Lanterne" übersetzte, war ein junger Konskribierter, der nach dem Aufstand der Kommune zum Tode verurteilt worden war und damals in London ein Leben voller Bedrängnis führte. Er hieß Barrere und schien nach dem Vorbilde seines Urgroßvaters, der am 9. Thermidor zwei Reden in der Tasche trug, eine zur Unterstützung und die andere zur Bekämpfung Robespierres. in seiner Gesinnung nicht eben sehr fest zu sein. Er achtete auf die Richtung, aus der der Wind blies, und als er sich entschieden hatte, daß er vom Opportunismus herwehte, bot dieser, persönlich übrigens angenehme, liebenswürdige junge Mann Gambetta seine Unterwerfung an gegen einen diplomatischen Posten, den man ihm aber nicht verhökerte." Herr Barrere ist nicht beim Opportunismus stehen gehlieben; er ist geschwind beim Nationalismus gelandet. Die Gerechtigkeit erheischt den Zusatz, daß der Schriftsteller, der seiner Gewohnheit gemäß an ihm seine Ironie übte, denselben Weg gegangen ist und etappenweise verbrannt hat, was er angebetet hatte: von der äußersten Linken ist er zum Boulangismus hinühergesprungen. Aber wenigstens hat Henri Rochefort doch nicht versucht, sich für seine Vergangenheit Verzeihung zu erwirken, während das hei Herrn Barriere die vorherrschende Sorge gewesen zu sein scheint. Zu diesem Zweck hat er den Snobismus kultiviert und den Nationalismus auf die Spitze getrieben. „Ich will ohne Rückhalt sagen, was ich denke".. Ich traf ihn zum ersten Male auf einer Jagd in der Umgehung von Paris, hei welcher er an seinen Hund seine Kenntnisse in der englischen Sprache verschwendete, die er äußerst geläufig sprach. Er legte W ert auf diese Feststellung. Da ich mich wunderte, gab er zu bedenken, daß sein Hund eine andere Sprache als die englische nicht verstehen könne, da er ja im Vereinigten Königreich das Licht der Welt erblickt hätte. Ein kleiner lächerlicher Zug, der sich aber recht wohl mit dem Geschmack in Einklang bringen läßt, den der französische Botschafter in Rom an den Salons des„schwarzen Adels" bekundete, der mit dem Vatikan verbunden und .— in Pararithese sei es vermerkt— nichts weniger als französisch gesinnt ist. Zum zweiten Male sah ich Herrn Barriere während der Krise von 1911. Herr de Selves hat mich mit Erfolg um die Erlaubnis, ihn zu einer wichtigen Zusammenkunft in meiner Wohnung in der Rue de la Boetie mitzubringen, hei der Minister und zwei andere Botschafter vertreten waren. Die Diskussion war ein wenig bewegt. Herr Barrere unterstützte, ohne in allen Punkten unrecht zu haben, so muß ich schon anerkennen, gewisse Ideen des Herrn de Selves gegen seine Kollegen. Einer von diesen fragte mich einige Stunden später, warum ich Herrn Barrere an dieser Konferenz habe teilnehmen lassen.„Sie wissen doch, wie wir ihn nennen?" sagte er mir,„efl ist der miles gloriosus unserer Diplomatie."" Die Anspielung auf den ruhmredigen Soldaten des J'lautus brachte midi ins Lachen. Es schien mir, daß sie körperlich und seelisch wohl auf den Mann paßte, auf den man sie in Anwendung brachte. Ich will nicht etwa seine Qualitäten in Abrede stellen: Aktivität, Schwung, weltmännische Art, eine starke Ergebenheit seinem Lande gegenüber— Eigenschaften, die es ihm gestattet haben, die Dienste zu leisten, auf die ich bereits anspielte. Aber ich werde sein U erk nicht schmälern, wenn ich nun sage, daß es ein Wunder ist, wenn seine Fehler, die Fehler des ruhmredigen Soldaten: Großtuerei, Frivolität, Mangel an Feingefühl, blinde Leichtgläubigkeit im Dienste der Leidenschaft— insbesondere der Leidenschaft, gleichzeitig aber auch des Autoritätshungers— sein Werk nicht zum Scheitern gebracht haben. Diese Schwächen der geistigen Veranlagung, die Schwächen des..miles gloriosus". mußten Herrn Barriere geneigt machen, gierig die Gerüchte zu verschlingen, die über einen Mann umliefen, von dessen Ideen er wußte, daß sie den seinigen äußerst fernstanden, ich meine, jenen Ideen, die er im Laufe seiner politischen Wanderfahrten sich erworben hatte. Er war um so weniger in der Lage, sich dessen zu erwehren, als seine Denkart, wie ich sie beobachtet und geschildert habe, ihn dazu hinneigen ließ, die Einflüsterungen seiner Umgehung gelehrig aufzunehmen. Ich will ohne Rückhalt, sagen, was ich denke: es drängt sich mir die Annahme auf, daß er keine Umfrage über mich veranlaßt, daß er die Schüssel des niedrigen Geschwätzes, die man ihm aufgetischt hatte, nicht bestellt hatte. Er hat nur davon gekostet, ohne sich vorher um den Ursprung und die Art der Zutaten zu kümmern. und Urteilsspruch Februar 1920. Ich stehe vor dem Staalsgericht. In aller Eile eine Rückschau über die Verhandlungen. Mein Verhör in diesem Saal, zu Füßen dieser Tribüne, wo ich als Minister so oft die Siaatsinteresseu verteidigt habe! Meine politischen Gegner selbst erkennen an, daß ich mich mit der gleichen Freiheit in der Haltung und mit der gleichen Ruhe ausspreche, als wenn ich auf eine Interpellation antworte. Es scheint mir, als ließe die Ausführung, an die ich nun herangehe, als ließe die Antwort, die ich gebe, die Anklageakte in nichts, zum mindesten auf ein äußerst Georges, zusammenschrumpfen. (Fortsetzung folgt) TotalgewaBfi und Auftanpolitik Noch vor dem Tode des Reichspräsidenten von Hinden- bürg hat das deutsche Reichskabinett auf Grund des Ge- setzes vom 30. Januar 1934, das ihm die Möglichkeit gibt, neues Verfassungsrecht zu setzen, ein Gesetz beschlossen, dessen erster und entscheidender Paragraf sagt: „Tos Amt des Reichspräsidenten wird mit dem des Kanzlers vereinigt, infolgedessen gehen die bisherigen Befugnisse des Reichspräsidenten auf den Führer und Reichskanzler über. Er bestimmt seinen Stellvertreter." Die Rechtslage Durch dieses Gesetz wird dem Reichsführer Adolf Hitler eine Machtvollkommenheit erteilt, wie sie in die- fem Ausmatze weder irgendwelche modernen Staaten, noch auch die Diktaturen der Antike in Europa gekannt haben. Lediglich die Allgewalt der Chane und Despoten im Orient und die Häuptlingsgewalt bei manchen, pri- mitiven Völkern können zum Vergleiche für diese Art von Staatsgewalt herangezogen werden. Als Reichspräsident vertritt nach Artikel 45, 46 und 47 der in diesen Paragrafen formal noch nicht außer Kraft gesetzten Reichsverfassung Adolf Hitler das Reich völkerrechtlich. Er schließt im Namen des Reiches Bünd- nisse und andere Verträge mit auswärtigen Mächten, er beglaubigt und empfängt die Gesandten. Kriegserniä- rung und Friedensschluß erfolgen zwar durch Reichs- gefetz, aber auch diese Reichsgesetzgebung ruht auf Grund des Gesetzes zur Behebung der Not von Volk und Reich vom 30. Januar 1934 ausschließlich bei der Reichsregie- rung. für deren Politik der Reichskanzler die Richtlinien bestimmt sArt. 56). T'.e Beschlüsse der Reichsregierung werden zwar mit Stimmenmehrheit gefaßt, aber da die Stimmenmehrheit von Mitgliedern der NSDAP, gebildet wird, die ihrerseits dem unumschränkten Willen des Parteiführers Adolf Hitler unterstehen, so ist die Voll- macht Hitlers, von sich aus die Außenpolitik des Reiches zu bestimmen, rechtlich und auch faktisch politisch un- umgrenzt. Rechtlich ist die Zustimmung des Reichstages hierzu durch dos zweite der obengenannten Gesetze nicht mehr erforderlich. Praktisch würde die Zusammensetzung des Reichstages aus Angehörigen der Nationalsozialisti- sehen Partei dem Führer auf dem Wege über die Partei- disziplin die volle Sicherheit für die Durchsetzung seines Willens garantieren. Irgendeine Form der Verantwort- lichkeit besteht nicht, da aus den gleichen Gründen die Reichstagsmitglieder eine Anklage über Verfassungs- Verletzung bei dem Staatsgerichtshof weder de jure noch de facto einzureichen in der Lage sind. Aber nicht nur das formelle Recht der Entscheidung über Krieg und Frieden, sowie über die Handhabung der auswärtigen Politik liegt ausschließlich bei Adolf Hitler, sondern durch die Bestimmung des Artikels 47: „Ter Reichspräsident hat den Oberbefehl über die ge- samte Wehrmacht des Reiches." ist er auch unbeschränkter Herr über die gesayite be- wafsnete Macht. Ebenso ist ihm die SA., SS. und das gesamte Arbeitsdienstheer unterstellt. Seine Funktion als oberster Gerichtsherr und als Leiter des gesamten inzwischen verreichlichten Bildungs- wesens sowie der gesamten wirtschaftlichen und sozialen Gesetzgebung hat er eine Totalgewalt in Händen, die es ihm gestattet, alle materiellen und geistigen Rüstungen für außenpolitische Auseinandersetzungen nach seinem Willen zu gestalten. llm so bedeutsamer ist die Frage nach den außenpoli- tischen Auffassungen Hitlers. Hitlers außenpolitische Richtlinien Die grundsätzlichen Auffassungen Adolf Hitlers sind festgelegt in dem Programm der NSDAP, und in seiner Schrift„Mein Kampf". a)Das Programm. Lieber die außenpolitischen Auffassungen der NSDAP, orientieren in dem heute noch gültigen und unabgeän- derten Programm vom 24. Februar 1920 die Paragrafen 1 bis 3. Sie lauten: 1 1. Wir fordern den Zusammenschluß aller Deutschen auf Grund des Telbstbestimmungsrechts aller Völker zu einem Grosideutschland. £ 2. Wir fordern die Gleichberechtigung des deutschen Volkes gegenüber den anderen Nationen, Aus- Hebung der Friedensverträge von Vcr- s a i l l e s und St. G e r m a i n. 8 3. Wir fordern Land und Boden lKoloniens zur Ernährung unseres Volkes und Ansiedlung unseres Bevölkerungsüberschusses. b)„M ein Kamp f". Das Bekenntnisbuch Adolf Hitlers„Mein Kampf" er- läutert die programmatischen Richtlinien an vielen Stellen. Als die„geschichtliche Mission des National- soztalismus" stellt es fest: „Tic nationalsozialistische Regierung muß versuchen, das Mißverhältnis zwischen unserer Volkszahl und un- sercr Bodensläche— diese als Ernährungsquelle sowohl wie auch als machtpolitischcr Stühpunkt angesehen— zwischen unserer historischen Vergangenheit und der Aus- sichtslosigkeit unkerer Ohnmacht in der Gegenwart zu be- seitigen"es Bündnisses seit den unglücklichen Erklärungen Hugen- bergs in London deutlich geworden war. Man argwöbnts wohl mit Recht, daß mit Polen ein Ausgleich wegen des Korridors durch Abmachungen gesucht werden sollte, deren Opfer nur die Sowjetukraine sein konnte. Auch jetzt, wo die Frage eines Ostlocarno zur Debatte steht, enthüllt sich der aggressive Charakter der Hitler- schen Ost-olitik durck die Ablehnung einer Friedens- garantie für die baltischen Staaten. Die seinerzeit von der litauischen Regierung vereitelten Putschpläne im Memelgebiet dürften auch mit Wissen der deutschen Außenpolitik vor sich gegangen sein, jedenfalls ist man weder von ihnen noch von ihren Drahtziehern jemals in Berlin sichtbar abgerückt. Nach Westen hin ist man kurz getreten. Freundschafts- beteuerunegn an die Adresse Englands weckselten mit Angeboten von Nichtangriffspakten an die Adresse Frankreichs. Diese Angebote Hitlers mußten aber wirkungslos bleiben, weil sie begleitet waren von einem deutschen Ab- rüstungsmemorandum, in dem nach wie vor ein Mann- schaftsbestand von 300 000 gefordert wurde. Das am 6. August einem Korrespondenten der„Daily Mail" gegebene Interview Hitlers läßt trotz aller Frie- densbeteuerungen die wahre außenpolitische Einstellung Hitlers erkennen, wenn er sagt: „Unsere Schritte, ivie wir sie tun, sind bestimmt, der Tatsache gerecht zu werden, daß wir aus dem Kontinent von einem Ring von mächtigen Feinden umgeben sind, die eines Tages Forderungen an uns stellen könnten, die wir nicht annehmen können." Die Mission des Herrn von Ribbentrop wurde illu- forisch gemacht durch die immer wiederholte ablehnende Haltung Teutschlands gegenüber der Abrüstungskonfe- renz. Die Ableugnung aller Angriffsabsichten auf Oester- reich ist erst erfolgt nach einer mit allen Rütteln des Terrors anderthalb Jahre hindurch betriebenen Propa- ganda, die in scharfen Rundfunkreden Habichts und Frauenfelds und in der Aufstellung der österreichischen Legion ihren sichtbarsten Ausdruck fand. Wenn jetzt nach der Ermordung von Dr. Dollfuß und der für Deutschland doppelt peinlichen außenpolitischen Schwenkung Musso- linis, Hitler für einige Zeit kurzzutreten sucht, so kann doch kein Zweifel darüber bestehen, raß er in diesem Punkte zeitweilig und taktisch, nicht aber dauernd und prinzipiell nachzugeben bereit ist. Darauf deuten auch in dem erwähnten„Daily-Mail"-Intervicw die Worte hin: „Die Frage des Anschlusics ist nicht ein Problem des heutigen Tages." Das Verhalten gegenüber Oesterreich ist charakteristisch für den ganzen Tenor der Außenpolitik des„dritten Reiches". Die Uebertragung der gesamten Staatsgewalt auf die Person Hitlers ist als eine Verschärfung der europäischen Sicherheitskrise zu betrachten. Jeder hemmende Einfluß von anderer Seite fehlt, der Herr über die bewaffnete und zivile Macht des Reiches, der Herr über Krieg und Frieden Deutschlands ist nun der Angelpunkt des Pro- blems geworden: Krieg oder Frieden Europas? Hisforiftus: Der Faschismus als Massenbewegung tzein Aufstieg und feine Zerfcstung Verlagsanstalt„Graphia", Karlsbad. In vier Kapiteln von stärkster Anschaulichkeit gibt hier ein be- kannter deutscher Hochschullehrer, der in seltener Art die Fähigkeit des wtstenschaftlich geschulten Historikers und die Lebensnahe des Politiker» in eine», Urteil zun, Ausdruck bringt, eine Neberstcht tiber die faschistische» Bewegungen Euiopas. Die in ihren Methoden dem Faschismus ähnlichste antiliberale Bewegung, vor dem Krieg-, war die Bewegung»er echtrustischen Leute unter dem Zarismus. Sie konnte ihre Pogrom« nur durchführcn weil die Staatsgewalt ihr entwcdcr half oder schweigend zusah. HistorikuS leitet aus dieser Tatsache die wichtige Erkenntnis ab daß erst ein« Zersetzung dcS staatlichen Apparats die Stoßtruppform de» modernen Faschismus ermöglicht. Ties« Zersetzung gab es vor dem Kriege nur in Ruß- land. Nach dem Krieg tiitt die Stoßtruppform des Faschismus nun in all den Ländern auf. deren Staatsapparat durch Krieg oder Krise eine Zersetzung erfahren hat. Zunächst in Italien. Bei der Unter- suchung de? italienischen Faschismus und feiner historischen Stellung und Aulgave kommt HistorikuS zu Srgebntsten, die von der biShe- rigen Betrachtungsweise und ihren Resultaten sehr verschieden sind. In aedeänater Kttrze stellt der Versager die Entwicklung des deut- schen Faschismus dar. Er fleht die Wurzeln der NSDAP, zunächst in den Freikorps und in der akademischen Jugend. Der AntisemitiS- mus gab der Partei die Möglichkeit ihrer erfolgreichen antikapita- liftischen Agitation. Mit wenigen Zahlen wird das Dahinschwinden der republikanisch-demokraiischen Volksmehrheit nach der Revolution dargelegt und gezeigt, weshalb die sozialistischen Parteien nicht mehr in der Lage waren, die revolutionäre Situation der Wcltwirtschasts- trise im sozialistisch-demokratischen Sinne zu nützen. Der Faschis- mus konnte in der gleichen Zeit die jeweiligen Regierungen und ihre Methoden in schärfster Weise kritisieren, und er gab den schwan- kenden politische» Gefühlen der Masse dabei beredten Ausdruck. So eriolglc mit der Politisierung der Magen auch ihre Faschisierung. Aber der Faschismus konnte in feinem hemmungslosen Macht- willen, mit Hilfe der tollsten Versprechungen, die Plagen wohl zu- nächst an sich bringen, zur Macht gelangt, ist er jedoch nicht in der Loge, sie festzuhalten. Ist Mugolinis Parte! heute an der Oberfläche noch intakt, so zeigt Hitlers kruppe alle Spuren ihrer Zersetzung offen auf. Die Ereignige des SO. Juni sind darin ein großer Fort- schritt, weil sie der NSDAP, nicht mehr gestatten, sich sozialistisch zu gebärden: die Zweideutigkeit ist dahin, die Partei stellt sich dar als Truppe de» absterbenden Kapitalismus, und keine grundsätzliche Er- kenntni» von Marx ist durch das Ereignis des Faschismus zu re- vidieren. Grenzen der Gewalt Aussichten und Wirkungen bewaffneter Erhebungen des Proletariats Verlagsanstalt„Graphia", Karlsbad. In unserer Gegenwart spricht die Gewalt das erste und, wie es lcheint. auch be* letzte Wort; fit triumphiert scheinbar so vollständig über Vernunft und Wil>enlchast, Kultur»nd Sitte, dag bei vielen der Glaube an andere Mächte völlig schwindet und ein wahrer Aber- glaube an die Grenzenlosigkeit der Gewalt um sich greift. Tiesem Aberglauben tritt der Verfasser mit dem ganzen Rüstzeug seine» Wissens entgegen. Er ordnet die deutschen, die Österreichischen Ereignisse der letzten Zeit ein in die geschichtliche Entwicklungsrcihe — und wir erkennen mit ihm, daß es sich hier keineswegs um Vor- gänge handeil, die dem Lauf der Geschichte eine neue Richtung geben, sondern nur um Slörungserscheinungcn, zwar von gigantischem Ausmaß, aber auch von vergänglicher Art. Gegenüber rein gesühl»- mäßigen Wertungen, die Deutschland im Verhältnis zu Oesterreich als disqualifiziert erscheinen lagen, bemüht er sich, auch der beut- schen Arbeiterbewegung gerecht zu werden. Sic als feige oder als minderwertig anzusehen, sei unbegründet Ihre Niederlage» 1083 und 1683 seien letzten Endes ebenso das Ergebnis ihrer Machtlosig- teil, wie ihr grandioser Sieg 1920 beim Kapp.Putsch die Folge de» Seibstbcn'iißiicinS der in diesem Kamps geeinten Valksmngen ge- wese» ist. Dem Hcldenkamps der österreichischen Tchutzbündler läßt er alle Ehre und allen Ruhm, aber eindringlich warnt er davor, ihn zum kritischen Maßstab aller sozialistischen Werte»nd zum alleinigen Vorbild für künftige Kämpfe z» machen. Den» schließlich wird eS dir geistige Ueberlcgenheit sein, die dem Sozialismus den Tieg gewinnen wird. Tie Führung der Welt im Laus der sozialen Höhen- entwicklung wird, nach der Ileberzeugung des Versagers, der Staat gewinnen, in dem zuerst eine sozialistische Partei, mit demokra- tischen Mitteln, die absolute Mehrheit im Volke und seine Vcrire- tung erlangen wird. Am nächsten diesem Ziel sieht er unter den Großstaaten heute England. Den Versager erfüllt die Zuversicht, daß das Proletariat, wie nach früheren Reakttonspcrloden so auch diesmal, aus der Zeit seiner Prüfung geläutert und gekräftigt hervorgehen wird, bester alS bis- her besähigt, seine große historische Migion erfolgreich durchzniiib- ren. Ter Versager legitimiert sich durch eine cnzgklopädisibe srnnt» nis der marxistische» Literatur»nd durch eine Länder»nd Zeiten umfassende Weite des Gesichtskreises. Tie Tiefe seiner Einsicht, die Weite seiner Erfahrungen machen es ihm möglich, manches zu sehen, wofür andere, die ausschließlicher als er in der Gegenwart leben, heute noch blind sind, Was ist mit Oranienburg? Aufgelöst oder Berlin, SN. September. Aeropreß erfährt von besonderer Seite: Um den Anschein zn erivcctcn, daß durch die Hitler- Amnestie auch eine größere Anzahl von politischen Schutz- Hoitlingen entlassen ivordcn sei, verbreitete die deutsche Presse aut Geheiß des Propogandaministeriums die Meldung, im Zusammenhang mit der Amnestie sei das Oranienburger Konzentrationslager ausgelöst worden. Es handelt sich jedoch hierbei um eine glatte U n w a h r h e i t. Tie Auflösung des Lagers erfolgte bereits am 14. Juli im Anschlug an die Entfernung der dortigen TA. und die Uebernohme des La- gers durch die TT. Unmittelbar nach dem 30. Juni ivar bereits, wie bekannt, das Lager nachts überraschend von der Polizeitruppe z. b. B. W c ck e umstellt worden. Maschinen- gewehre wurden in Stellung gebracht und die TA.-Posten über die Stacheldrahtzäune hinweg von der Polizei entwasf- vet. Taraus erfolgte die radikale Entwaffnung des gesamten Lagers, wobei die SA.-Führcr durch den die Akten leitenden Polizeihauptmann mit dem Erschienen bedroht wurden, falls sie Waffen verheimlichten. Tic TA.-Führer, voran der stellvertretende Kommandant, Obersturmführer Stahl- köpf, benahmen sich ausicrordentlich feige und versuchten, die Verantwortung aus die— Schutzhaftgefangenen abzuschieben(!), denen sie den Austrag gaben, sämtliche vor- handencn Waffen der Polizei zu übergeben(zum Verständnis dieser etwas verwunderlich klingenden Nachricht sei mitge- teilt, dag das Mißtrauen der Führer gegen die Unzuvcr- lägigkeit der Mannschaften so groß ist, daß man eS vorzieht, auf den Schreibstuben, in der Materialvcrwaltung usw. Häftlinge zu beschäftigen). Es wurde lediglich eine kleine An- zahl von Karabinern für den Nachtdienst im Lager zurückgelassen. Einige Tage später erfolgte dann, ivicderum„schlag- artig", die Besetzung des Lagers durch württembergische 22.- Truppen unter Führung des Brigadcführers Eicke, des In- spcktors der Gestapo für sämtliche Konzentrationslager Teutschlands. Unter der SA. herrschte wegen des plötzlichen Hinaus- wurss größte Erbitterung. Tic meisten SA-Leute weigerten sich, nm llebernahme in die TT. nachzusuchen, wie ihnen durch Eicke vorgeschlagen wurde. Tic Ueberprüsung der finanziellen Lage des Lagers ergab eine solch ungeheure Schuldenlast, daß die llebernahme und Weitcrsührung des Lagers durch die SS. oder im Staatsbetrieb unmöglich war. Tos Oranienburger Lager war, was bisher kaum be- kannt sein dürste, ein Privat unternehmen der SA.- Standarte 213, die von den Behörden für jeden unterge- brachten Gefangenen eine bestimmte Geldsumme bekam und darüber hinaus durch die„Verleihung" der Arbeits- krästc an Guts- und Forftvcrwaltnngen, Gemeinden und Landräte, d. h. durch Anwendung primitiver Formen der Sklaverei, Geschäfte machte. Die Standarte hatte Z- B. nach dem i. Mai unter dem Vorwand, daß im Lager ein revo- lutionärcs Lied gesungen worden sei, eigenmächtig eine Entlasiungssperre verhängt und die von den Behörden angeordneten Entlastungen einzelner Gefangener einfach abgestoppt, um die Arbeitskrast dieser Gefangenen weiter als Einnahmequelle benutzen zu können. Als nun am 14. Juli nach dem Einzug der TT. das Lager wegen seiner Schuldenlast geschlossen ivurdc, erfolgte die Ueberführung sämtlicher TchutzKäitlinge(ca. 800) nach dem Konzentrationslager L i ch t c n b u r g. Entlasten wurden lediglich ein ehenialigcr Reichswehrmajor und eine ganz kleine Anzahl von Gefangenen, deren Entlastung be- reits seit Monaten augeordnet und bisher von der TA.- Kommandantur verhindert ivordcn war. Wenn jetzt die Schließung des Lagers als Folge der Amnestie hingestellt wird, obwohl sie längst vorher erfolgte, so ist das nur eine Wiederholung ähnlicher Methoden der Irre- f ü h r u n g des Auslandes, wie sie schon zu Weihnachten 1033 und im Frühjahr 1034 mit der Schließung der Lager Bran- denburg und Sonnenburg betrieben wurde. Auch damals wurden die Lager nicht wegen großer Mastencntlassiingen geschlossen, sondern weil man infolge der riesigen Kali! poli- tischer Zuchthausurteile die Lager in neue Zuchthäuser um- wandeln mußte und die Schntzhaftgesangenen in andere La- ger überführte Konzeiilraflonslager Adolf Hitler: Deine Opfer klagen an! Verlagsanstalt„Graphia", Karlsbad. Tiefes Buch ist ein Appell an das Gewissen der Welt! Totumen- kerische Berichte ehemaliger Gefangener aus den Konzcntraiions- logern Tachau, Könlgstein, Sonnenburg, Brandenburg, Eolditz, Sachscnburg, Selchenbach, Papenburg, Lichtenburg, Moringen, Hohn- stein und Oranienburg. Marterstätten, deren Namen man im „dritten Reich" nur flüsternd nennt, werden darin vorgelegt. Alles, Ivos bisher an Tatsachenberichten über das Teutschland Adolf Hit- lers veröffentlicht wurde, mag es noch so auswühlend und furcht- bar erschienen sein, bleibt iveit hinter dem zurück, ivas hier mit- geleilt wird. Nur ein Buch in der gesamten Weltliteratur könnte diesem Dokument an die«eile gestellt werden, und das stammt aus der Zeit des finstersten Mittelalters.(*s ist der„Hexenhammer", der genaue Anweisungen enthält, wie Heren und Zauberer zu foltern sind, um sie zu zwingen, ihre Untaten z» gestehen. Tic Zeit des „Hexenhammers" glaubte die Welt längst überwunden. Jetzt muß sie erkennen, daß Adolf Hitler sie wieder erweckte und an Tausenden deutscher Bürger Martcrungcn verüben liest, die alles, ivas die mittelalterlichen Hcrenverfolger an Grausamkeiten erdachten, weit hinter sich zurücklagen. Mit einem Raffinement sondergleichen quä- lcn seine Henkersknechte, die SA.. vor allem aber auch die Truppe der TS.,— die, wie die Morde vom 30. Juni zeigen, Hitlers ganzes Vertrauen besitzt, seine politischen Gegner in den Konzentrationslagern. Jede Pervcrsion und jede seelische Abnormalität lästt sich an diesen Berichten studieren. Aus jeder Zeile ruft die getretene Kreatur die Menschheit um Hilfe. Kinder. Frauen, Männer, Greisinnen und Greise werden nach den gleichen Methoden behandelt: dabei verstehen es die Kerkermeister, selbst Einrichtungen, die als hugienischc gedacht waren, zu Folter- Instrumenten auszugestalten. SA.-Acrzte fügen sich ihrer Umgebung anpassungsfähig ein und foltern mit! Keinem Kriegsgefangenen, in die Hand welchen Volkes er immer gefallen ist, wurde jemals soviel Schmach und Oual auferlegt, wie in diesen Konzentrationslagern Deutschen durch Deutsche. Nirgends außerhalb Teutschlands ist es möglich, daß man Gefangene zwingt, Kot zu essen, sich mit Kot zu beschmieren, sich gegenseitig sexuell in niedrigster Art zu schänden. Wo wäre eS möglich, daß man Gefangenen in Zellen unterbringt, die den in deutschen Konzentrationslagern üblichen Bunkern ent- sprechen: Räumen, die so knapp und eng sind, daß der Gefangene sich in. ihnen aufrechtstehend wie in einem gemauerten Sarge be- findet. Tic Lagerordnungcn aller Konzentrationslager im„dritten Reich" sehen das ständige„Standrccht" vor— wonach jeder Lager- insagc bei jeder noch so geringen Verfehlung sofort und ohne jedes Gerichtsverfahren erschossen werden kann. Das alles geschieht mitten in Europa, das alle? geschieht— im Lande Goethes und Kants. Vor Jahrzehnten hat sich die zivilisierte Welt über die zaristischen Greuel in Sibirien entrüstet, nichts aber von dem, was in Sibirien geschah, ist mit dem zu vergleichen, was in den vorliegenden reich illustrierten Dokumenten berichtet und durch mehr als 8ä<> Namen angeschuldigter SA.- und TS.-Leute srwie ihrer Opfer und Gefangenen belegt wird. ES ist, als seien die tierischen Instinkte, die die moderne Zivilisation längst überwunden glanbte, neuerlich im Herzen Europas lebendig geworden. Sorgen wir dafür, daß sie nicht dauernd Gewalt über die Menschen be- lemmcn. Wenn die Welt noch ein Gewissen hat, dann muß es sich bei diesen Dokumenten melden. Jede einzelne der mitgeteilten Schandtaten ist nachprüfbar und ohne viel Mühe von einer unpar- teiischen Kommigion in ihrer Wahrheit festzustellen. Tie Dokumente stellen nicht nur die Handlungen kleiner und wenig verantwortlicher SA.- und SS.-Männer scsi: aus der Gc- samtheit der Berichte ist daS Ttzstem als solches deutlich zu er- kennen. Um dieses S n st e m geht es und nicht»m die Ausschreitung einzelner. Für das System verantwortlich ist im despotisch regierten Deutschland der Mann, der sich zum Diktator des Staates machte: der Mann Adolf Hitler! Seine Opfer klagen ihn an! Polizeiinspektor als Führer einer Verbrecherbandei Paris, 20. Sept. In Lille ist eine Verbrecherbanöe ermit- tclt worden, deren Raubzüge um so größeres Aussehen er- regen, als ein in der Stadt sehr bekannter Polizeiinspcktor das Haupt der Bande ist. Seinen Vorgesetzten ist der noch in jugendlichem Alter stehende Inspektor durch sein feudales Auftreten uttd seine Gepflogenheiten, die Unsummen ver- schlangen, aufgefallen. Nach längeren Bemühungen gelang es. seinem Treiben aus die Spur zu kommen. Mit Hille einer Reihe von Freunden hatte er eine regelrechte Bande zusammengestellt, die in der Hauptsache Kokainschiebungen vornahm ünd auch ani den Rennplätzen eine nicht einwand- freie Tätigkeit entfaltete. Tie Angelegenheit dürfte in Nordsrankreich noch weitere Kreise ziehen, da bekannte Persönlichkeiten es nicht, ver- schmäht haben sollen, die Tienste dieser Bande in Anspruch zu nehmen. Ter Sohn eines bekannten Industriellen, dessen Name noch verschwiegen wird, soll Mitglied dieser Bande gewesen sein, die bis auf drei Personen, die im Augenblick der Verhaftung entweichen konnten, dingfest gemacht wurde. Ein neuer Fall von Gangsterfeme in Neuyork Neuyork, 20. Sept. In einem Klub im Stadtteil Brooklyn hat sich ein neuer aufsehenerregender Fall von Gangsterseme ereignet. Das von den Gangstern ausgesprochene Todesurteil wurde an dem jungen Spieler Fred Bocci vollstreckt, der ge- rade aus dem Gefängnis entlassen worden war. Bocci spielte nachts in dem Klub Karten, als plötzlich zwei bewaffnete Männer in die Räume eindrangen. Einer der Eindringlinge rief Bocci zu:„Wenn du beten willst, beeile dich!" worauf dieser niederkniete. Plötzlich erhob er sich jedoch und ver- suchte, eine Telefonzelle zu erreichen, um die Polizei zu be- nachrichtigen. Das„Hinrichtungskommando" war aber schneller. Kurz vor der Telefonzelle brach Bocci von vier Kugeln tödlich getroffen zusammen. WgSTLAND Unabhängige deutsche Wocherzeltung erscheint in Saarbrücken jeden Freitag. „Westland" behandelt in unparteiischer Weise politische, kulturelle und wirt» schaftliche Fragen. Besondere Auf. merksamkeit widmet es der deutschen Entwicklung Die nationalsozialistische revolutionäre Uebergangszeit will es begreifen und nicht bejammern helfen Deshalb späht„Westland" nicht„Angriffspunkte" aus. sondern sucht ein umfassendes Bild zu geben Es wendet sich an den selbständig denkenden Leser, der mit ihm dieWahrheit für die schärfste Waffe des politischen Kampfes hält. Aus der neuesten Nummer: Zu viel Wahrheit Jungens ohne Uniform Detcrding erobert das Dritte Reich Aus dem Colunibiahaus Hunderttausend zuviel in den Abstimmungslisten Die Sorgen des Dr. Savelkoulg Die regelmäßige Zustellung erfolgt durch die Westland-Verlags-G. m. b. H Saa brücken 3 ♦ Brauerstraße<—8 ♦ Telefon 21014 „^Deutsche Iceiheit" dßonaefuealspceise: Amerika Argentinien Belgien Dänemark England Frankreich Holland Italien Luxemburg Neubelgien (Eupen-Malmedy) Oesterreich Palästina Polen Rumänien Rußland Saargebiet Schweden Schweiz Spanien T schechoslo wakei Dollar Peso belg. Fr. Kr. sh fr. Fr. 11. Lire belg. Fr. belg. Fr. (verboten) sh (verboten) Lei Rubel tr. Fr. Kr. schw. Fr. Peseta Kr. 0.50 1.- 5,30 2,30 1,10 3,75 0,40 5.- 5,30 5,30 1,10 30.- 7,50 1,70 0,80 2- 5,50 Bei Zusendung unter Kreuzband durch die Post sind die Portogebühren vom Besteller mit dem Abonnementsbetrag zu entrichten. im Monat 1.- 3,~ 15.— 3,70 4.- 12.- 1,50 10- 15.- 12.- 4.- 90,- 1,- 12,- 2,60 2,40 6,- 30,- Zustell, gebühr Die„Deutsche Freiheit" Wir bitten daher alle Gelegenheiten hierzu, die nach den gesetzlichen Bestimmungen keiner besonderen Genehmigung bedürfen(sog. freie Beschäftigung), uns mitzuteilen, damit wir uns bemühen können, geeignete Kräfte zu empfehlen. Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschland» Deutscher Klub mulj man regelmäßig lesen Am Samstag, dem 22. September, um 21 Uhr: Gesellige» Beisammensein mit Tanz. Zeitungslektüre.— Schachspiele. Eintritt für Mitglieder frei, für Gäste 5.— Fr. Gäste willkommen. Bestellschein Ich ersuche um regelmässige Zusendung der„Deutschen Freiheit" Namei— Strafjai Ort:... , den Untarschriff Verlag der„Deutschen Freiheit 1' Saarbrücken 3• Schützenstrafje 5• Postschließfach 776 Paris Die Rechtsstelle für deutsche Flüchtlinge Die Rechtsstelle für deutsche Flüchtlinge, 5, Avenue de la Republique, Paris Xle(Berufsberatung) ersucht uns um folgende Mitteilung: Die große Bedrängnis zahlreicher Flüchtlinge macht es dringend erforderlich, daß alle hier lebenden Deutschen bei der Vergebung von Arbeiten und Aufträgen soweit irgend möglich ihr« in Not befindlichen Landsleute berücksichtigen. MlfiFKASTEN G. Brüssel. Besten Tank füt den Bericht. Er wird stückweise verwendet. S. L.. Paris. ES ist uns unmöglich, Aufrufe zu Sammlungen für Emigranten zu veröffentlichen, wenn es sich nicht um ein genau legitimiertes Komitee handelt, degcn Arbeit irgendwie kontrolliert wird. Ehur. Sic teilen uns mit:„In dem berühmten Wallfahrtsort Ein» siedeln, zu dem auch viele Tausend Pilger aus dem„dritten Reiche" strömen und aus das beste aufgenommen werden, ist leider unter den vielen durchwegs sehr gut geführten Gasthöfen einer, dessen Be» sitzer als Deutscher Mitglied der Nazipartei ist und sich nicht geniert, mit dem Nazizeichen für„Amtswalter" herumzulaufen. Das ist natürlich auch am Orte bekannt geworden, und man hat ein großes Hakenkreuz an sein Haus hingcmalt. Trotz Reinigungsversuchen ist das Hakenkreuz noch gut zu erkennen. Vorsicht ist geboten." „Funktionär der KPD." Wir freuen uns, daß Sie unser Blatt regelmäßig lesen und als Informationsquelle schätzen. Tie er» wähnte Zuschrift aus der Schweiz hat sich allerdings aiS ungenau erwiesen. Wir wollten den Notruf des Emigranten nicht ganz unter- drücken. Wir werden eine Erwiderung veröffentlichen. Aus Ihrem Briese drucken wir hier ab:„Richtig ist, daß die Praxis der kanto- nalen und eidgenössischen Frcmdcnpolizeistellen und Organe gegen- über politischen Flüchtlingen, besonders wenn sie keine begüterten Mitmenschen sind, verwerflich ist. In der Sache hat da Ihr Korre- spondcnt reckt, aber in der Art wie er die Sache darstellt, versiert sie leider an Wirkung. Noch vor einem Jahre gab es in der ganzen Schweiz etwa 200 gemeldete politische Flüchtlinge, davon etwa 160 im Aanton und in der Stadt Zürich. Heute mag es noch etwa 50 in der ganzen Schweiz geben. Alle übrigen wurden rücksichtslos ab- geschoben." Ob die von ihnen genannten Zahlen nicht doch viel zu gering sind? Für den Gcsamtinhalt verantwortlich: Johann P t tz tn Dudweiler: für Inserat«: Otto Kuhn tn Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volkssttmme GmbH, Saarbrücken 3, Schützenstraße 5,»» SchltehfaH 770 Saarbrücken,