Sinzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr. 226— 2. Jahrgang Saarbrücken, Samstag, 29. September 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Dec„Jdfuec" icea 2um Jleichsbischot Seite 2 10a MeiM die UlilCiacde Dc.tey? Ußton Sindaics lOictschaftss ßcaqcamm Seite 7 Die AcßeUec- Jntecnaiianale Seite 8 Neurale Polizei oder Iruppeneinmarsfli? Kein Zweifel an einer Rüdiglieflerung nadi Billers Sturz * Widiflge französisdie Erklärung Paris» 28. September. T'e hitlcrdcutschc Propaganda an der Saar sucht der Bevölkerung einzureden» daß die Abstimmung für den Status quo einen für ewige Zeiten unabänderlichen Zustand schaffen werde. Durch diese Täuschung will man Teile der deutschen Saarbcnölkernng die zwar sür Deutsch- land, aber gegen die Hitlerbarbarei ist, verleiten, den Status quo auszugeben und für die sofortige Rückgliederung nach Deutschland zu stimmen. Die Frage, ob die Abstimmung des 13. Januar 1935, wenn sie für den Status quo ausfällt, später zugunsten eines befreiten Teutschlands revidiert werden könne, beschäftigt die Abstimmungsberechtigten all der Saar außerordentlich und viele tausende Saarländer werden ihre Entscheidung von der Klärung dieser Frage abhängig machen. Zwischen Victor Schiff, dem deutsche» Vertreter des „T a i l n H e r a l d" in Paris, und der„Saarbrücker Z e i t u n g" ist in unseren Spalten über die Frage eine Polemik geführt ivorden. Da die Organe der sogenannten „deutschen Front", wie übrigens auch Herr Röchling in der„Berliner Börsen-Zeitung", den Anschein erwecken wollen, als ob sie am Besten wüßte», was die französische Negierung in ihrem Memorandum zur Saarsragc bat sagen wollen, haben wir uns an eine maßgebende Persönlichkeit der französischen Diplomatie gewandt und um Aufklärung gebeten. Die sehr interessante Antwort lautete: „Wir alle wissen, daß das Saargebict deutsch ist und daß vor noch eineinhalb Jahren nahezu Einstimmigkeit sür die Rückgliederung bestand. Inzwischen ist aber eine wach- sende Opposition dagegen entstanden» die anscheinend dauernd wächst und bis zum Avstimmungstag vielleicht eine Mehrheit sür den Status quo ergeben wird. Jeder- mann weiß» worauf dieser Umschwung zurückzuführen ist, nämlich ans die Hitlcr-Dittator. Mit der Beseitigung des jetzigen Regimes im Reich würde sich indessen höchstwahr- scheinlich die frühere Einstimmigkeit gerade- zu automatisch wiederherstellen. Dan,, wäre es höchst töricht von Frankreich, diesem neuen Umschwung nicht Rechnung zu tragen und den Standpunkt einzu- nehmen, daß das Plebiszit sür alle Ewigkeit den Status quo festgelegt habe. Im Gegenteil, die französische Regie- »ung wollte durch ihr Memorandum schon jetzt den Bölkcrbundsrat aus eine solche mögliche Entwicklung hin- weisen. Aber es ist gar nicht nötig, in diesem Zusammenhang nur an die„zweite Volks- a b sti m m u ng" zu denken. Ich könnte mir auch denken, daß bei einer Wiederkehr des früheren Ver- traucnsvcrhältnisses zwischen deutschen und französischen Staatsmännern, wie zum Beispiel einst zwischen S t r c s e m a n n und B r i a n d, Frankreich und Deutsch- land gemeinsam dem Völkerbund— der im Falle des Status quo die Souveränität über das Saargcbiet, ähn- lich wie jetzt über Danzig, erhielte—, vorschlage» würden: „Geben wir Deutschland das Saargebiet zurück, da die Gründe, die einst die Mehr- heit bewogen haben, für den Status qno zu stimmen, s o r t g c s a l l e n sind und offen- kundig wieder nahezu Einstimmigkeit sür die Rückgliederung besteht. Eine neue Volksabstimmung ist z« diesem Zweck gar nicht nötig, da das Saarparlament seinen Willen«nz«e i deuh-t-,.z u m Ausdruck ge- bracht hat." „Mehr wollte und konnte," so fügte der französische Diplomat hinzu,„das Memorandum PartyouS im gegen- wärtigen Stadium der Dinge nicht andeuten, aber auch nicht weniger. Wer es nicht versteht, dem ist eben nicht zu helfen." Wozu nur zu sagen ist: Tic Macher der sogenannten„dem- schcn Front" wissen sehr wohl, daß die Bevölkerung an der Saar deutsch ist und deutsch bleibt, und daß, sobald die Hitler- rcgierung von Deutschland gewichen ist, das Saarvolk mit elementarer Gewalt nach Deutschland drängen wird. Nie- wand kann und will dann diese Vereinigung aufhalten. Auch Frankreich weiß das, wie die vorstehenden Aeußcrungen einer hervorragenden politischen Persönlichkeit Frankreichs erneut beweisen, und darum werden alle Versuche, den klaren Tatbestand zu verwischen, scheitern. Das Saarland verlangt den Status quo zum Schuhe gegen die Verbrechen und die Schmach der Hitlerdiktatur. Das Saarland gibt den Status qno sofort zugunsten Deutschlands auf, wenn durch den Sturz Hitlers Deutsch- lands Ehre und Freiheit wieder hergcslel.lt ist. foStechlc Horch Sfafos po Die Piliclil des Völkerbundes Genf, 28. Sept. Bei jeder großen Frage im Völkerbund zeigt sich von neuem, wie verhängnisvoll für Teutschland der Auszug seiner Rcgierung aus dem Völkerbund sich auswirkt. In Verhandlungen außerhalb des Weltparlamerns sucht der deutsche Gesandte in Bern, Dr. Weizsäcker, so etwas wie eine benZchc Interessenvertretung einzuschmuggeln. Er wird sich inzwischen überzeugt haben,^daß er in dieser un- würdigen Rolle keine Erfolge hat. sowohl seine Unterredung mit dem Präsident?» der saarländischen Rcgierungs- kommission K n o x wie die mit dem italienischen Vertreter A l o i s i war ergebnislos. Neide beharren auf der Heranziehung ausländischer Poli- zeikräste Die Versuche des deutschen Gesandten, diese Ver- stärkung als unnötig zu beweisen, mußten schon an der Unzulänglichkeit seines Materials scheitern. Die Ratssitzung am Donnerstag war vollkommen beherrscht vcn der Reie des französischen Außenministers Barth»» über die Saarsrage. Durch die«chuld der Hitlerregiernng ist er cS, der im Völkerbund den Ton für die Behandlung der Saarfrage angibt. Wie immer man zu Einzelheiten seiner Rede stehen mag, imponierend ist die klare und starke Jnnehaltung der Linie des Rechts, von der sich der französische Staatsmann nicht abdrängen laßt. Von diesem feiten Boden aus vertritt er eine Politik, die der Bevölkerung„n der Saar die friedliche Abwicklung des Abstimmnnzs- kampses und die wirklich freie Abstimmung sichern will. Zu diesem Zwecke forderte er die beschleunigte Verstärk«., der saarländischen Polizei durch Neutrale und machte in diesem Zusammenhange den sehr ernsten und sehr aktuellen Sin. weis. daß ans Grund der Ratsbcschlüssc von 1925 und 1928 von dem Präsidenten des Taargcbietes sranzöjische Truppen angefordert werden können. Er weise diese Verantwortlich- leiten nicht zurück, und Frankreich würde sich ihnen nicht entziehen, wenn man einen Appell an Frankreich richte. „Aber," so fuhr Barthou fort,„ich drücke das einstimmige Gefühl meines Landes aus, wenn ich erkläre: Frankreich wünscht lebhast, daß alles vermieden werde, was sein Ein- greifen nötig machen könnte." Die Warnung an die„deutsche Front" und ihren Terror ist deutlich, denn diese und diese allein hat es in der Hand, schwere Komplikationen an der Saar zu vermeiden, indem sie endlich auch ihren Gegnern das Recht und die Möglichkeit zur freien Betätigung an der Saar gewährt, statt sie täglich mit Aechtung und Schäden aller Art zu bedrohen. Der»sichtigste Teil der Rarthouschen Rede enthielt die Forderung an den Bölkcrbundsrat, rechtzeitig zu klären, was die Saarbrvölkerung sich unter dem„Status quo" vor- zustellen bat, damit sie weiß, welche Rechte ihr unter diesem Regime gewährt werben. Die Worte des sranzösischcn Staatsmannes lassen keinen Zweifel darüber» daß an eine weitgehende Demokratisie- rung, an eine demokratische Mitarbeit der Bevölkerung in der Gesetzgebung und in der Verwaltung gedacht ist. Unter dem Status qno soll also die Saarbevölkcrnng staats- bürgerliche Rechte erhalten, die unseren Volksgenossen im Hitlerrcichc genommen worden sind. Fortsetzung siehe 2. Seite. Vor den Kanlonalwahlen Von Boris Skomorowsky(Paris) Die traditionelle Ferienzeit, die die französische Politik alljährlich im Sommer einzulegen pflegt, hat in diesem Jahre einen vorzeitigen Abschluß durch die Eröffnung der Vorbereitungsarbeiten für die Ansang Oktober statt- sindenden Kantonalwahlen erfahren. Die Kantonalwahlcn werden in Frankreich alle drei Jahre in sämtlichen Kantonen der Republik, dreitausend an der Zahl, vorgenommen(verwaltungsmäßig gliedert sich das Land— von oben nach unten— in Departements, Arrondifsements, Kantone und Gemeinden). Und zwar wählt die Hälfte der Kantone jeweils ihre Vertreter im Generalrat des Departements, die andere Hälfte bestellt ihre Vertreter in den Arrondissementsräten. Sowohl in der Selbstverwaltungskörperschaft der obersten Ver- waltungseinheit, des Departements, als auch in der der unteren Verwaltungseinheit, des Arrondifsements, ist jeder Kanton durch einen Vertreter, der für die Dauer von sechs Jahren gewählt wird, vertreten. * Die französische Selb st Verwaltung befindet sich in ausgesprochen rudimentärem Zustand. Gewisse Verwaltungsbefugnisse kommen zwar in beschränktem Umfange den Gemeinderäten zu, obgleich auch ihre Tätig- keit sich in den engen Grenzen der staatlichen Präfektoral- Verwaltung bewegt(jedem Departement steht als Chef der Exekutive und Verwaltung der von der Zentral-, regierung ernannte Präfekt vor). Dagegen ist die Rolle der Arrondifsements- und Generalräte in der lokalen Selbstverwaltung äußerst geringfügig und reduziert sich im wesentlichen auf Lebensäußerungen dekorativer und repräsentativer Art. Indessen sind jedoch die Mitglieder der Arrondifsements- und Generalräte von Amts wegen zugleich Mitglieder jenes privilegierten Wahlkörpers, dem die Bestellung der Mitglieder der ersten Kammer, des S e n a t s der Republik, zusteht. Die Wahlen der Kantons- Vertreter in den Arrondifsements und Generalräten stellen somit die erste Stufe des indirekten Wahl- Verfahrens für die Bildung der ersten Kammer dar und beanspruchen weitgehende politische Bedeutung. Zudem wird in den letzten Monaten immer wieder von einer bevorstehenden Auflösung der Kammer und dem sich daraus ergebenden„Appell an das Volk" gesprochen. Das erhöht das allgemeine Interesse für die Kantonalwahlen, die gleichsam als eine Art Generalprobe für etwaige Kammerwahlen erscheinen. In den gegenwärtigen Zeitläuften, da die Luft mit der Elektrizität des Bürgerkrieges geladen ist, kommt auch noch einer weiteren Funktion, die das Gesetz vom Jahre 1872 den Generalräten des Departements zugesteht, große Bedeutung zu. Falls nämlich die gesetzgebende Körper- schaft an der Verrichtung ihrer verfassungsmäßigen Arbeit verhindert ist. haben die Generalräte sofort, ohne eine besondere Einberufung abzuwarten, zusammenzutreten und Abgeordnete zu ernennen, die d i e provisorische Nationalversammlung bilden. In den über sechs Jahrzehnten ungestörten Ablaufs des staatlichen Lebens in der Republik hat sich bislang keine Gelegen- heit gefunden, diese Bestimmung zur Anwendung zu bringen, und manch ein autoritativer Staatsrechtslehrer hat sogar die Meinung geäußert, daß ihr keine Gesetzes- kraft mehr zukommt. Aber kann dieser verstaubte Paragraf aus dem Jahre 1872 nicht in den kommenden Monaten aktuelle Bedeutung gewinnen? * Bis in die jüngste Gegenwart hinein hat die S o z i a l i st i s ch e Partei den Kantonalwahlen kaum große Bedeutung beigemessen, sie stellte sich ihren Geg- nern vornehmlich bei Parlaments- und Gemeindewahlen zum Kampf. Aber im Verlauf des letzten Jahrzehnts haben sich auch hier erhebliche Wandlungen gezeigt. Im Jahre 1922 gab es sozialistische Kandidaten in nur 458 Kantonen, die sich auf 69 Departements verteilten: bei den letzten Kantonalwahlen im Oktober 1931 führte die Partei den Wahlkampf mit eigenen Kandidaten bereits in 1943 Kantonen, die sich auf 90 Departements, d. h. beinahe aus das ganze Staatsgebiet, veileiüe». Puch jetzt 1 $f)rf die Sozialistische Partei eine gesteigerte Agitation >i» ganzen Lande, die— das muh hervorgehoben werden — unter den con der lange anhaltenden Krise schwer heimgesuchten Bauern freundlichen Widerhall findet. Tie Kantonalwahlen gehen, wie das im politischen Oeben Frankreichs überhaupt üblich ist, in zwei Wahl- gangen vor sich. Im ersten Wahlgang ist die Sozialistische Partei bestrebt, in der größtmöglichen Anzahl von Kantonen eigene Kandidaten aufzustellen, die unter dem «anner der Partei kämpfen und ihr Programm ver- teidigen werden. In der Stichwahl ist der politische Sinn der sozialistischen Taktik, nicht f ii r jemanden, sondern gegen einen bestimmten Gegner zu stimmen, und die wZialistischen Stimmen werden daher demjenigen Kandidaten der Linken zugeführt werden, der die meisten Aussichten hat, der Reaktion den Weg zum Triumph odzuschneidcn und den im Vordertreffen stehetiden Wort- sichrer des sozialen Konservatismus, des Klerikalismus, des Nationalismus oder des Faschismus zu schlagen. * Gin ganz neues Moment trägt in den jetzigen Wahl- Kampf L i e K o m in u n i st i s ch e Partei hinein. Von der berüchtigten Theorie vom„Sozialfaschismus" aus- gehend, hat sie im Verlauf vieler Jahre ihre aüssichts- losen Kandidaturen im zweiten Wahlgang stets und ständig aufrechterhalten und damit der Reaktion zu bil- ügen Erfolgen verholfen Der Pakt über die gemeinsame Verteidigung?- und Angriffsakfion im Kampf gegen den Faschismus, den die beiden proletarischen Parteien im Juli abgeschlossen haben, hat die Fortführung dieser für die Interessen der Arbeiterklasse verhängnisvollen Taktik verständlicherweise unmöglich gemacht. In der Tat haben nun die Kommunisten im Gegensatz zu den Prophezeiungen der Pessimisten und Kleingläubigen aus unseren eigenen Reihen genügend politischen Verstand bewiesen, um ihre Wahltaktik von Grund auf zu revidieren. In dem van ihnen kürzlich veröffentlichten Wahlmanifest werden fast wörtlich die taktischen Direktiven des sozialistischen Parteitags von Toulouse vom vergangenen Mai wieder- holt. Falls ein sozialistischer Kandidat im ersten Wahl- gang mehr Stimmen bekommt als der kommunistische Bewerber, soll letzterer seine Kandidatur zurückziehen und seine Wähler auffordern, für den Sozialisten zu stimmen. Ja, mehr noch: die Kommunisten sind sogar bereit, im zweiten Wahlgang für jene Kandidaten der bürgerlichen Radikalen zu stimmen, die sich verpflichten, gegen die amtierende Nationnlblockregierung Doumergue zu kämpfen. Die kapitalistische Reaktion bemüht sich mit Leibes- Kräften darum, die Kleinbürger- und Bauernmassen mit dem berühmten roten Gespenst in Angst und Panik zu versetzen. Doch ihre Erfolge in dieser Richtung kann man als mehr denn zweifelhaft werten. Freilich haben die Führer der Radikalen Partei ihre Fahne gestrichen und ihr Programm vergessen! freilich sind sie als Geiseln in das Lager der schwärzesten Reaktion geraten. Aber im Lande selbst sind wahrhaft republikanische Traditionen nach wie vor lebendig. Das Herz dieses Landes schlägt immer Noch in der Richtung nach links. Und wenn das Land tatsächlich so stimmt. Mie sein politischer Instinkt es will, wird der Prinzipien- und ideenlosen Regierung Doumergue, in der die Radikalen Herriot und Sarraut und der Neosozialist Marctuet mit der politischen Umfallkanone Laval und dem faschistischen Abenteurer Tardieu zusammenarbeiten, fürwahr nichts anderes übrigbleiben, als sofortige Neuwahlen der Kammer auszuschreiben. 0>es(erreiit der Erklärung .Iber Oesterreich werde den Kreisen zu denken geben, die einen neuen Putsch gegen die Unantastbarkeit Oesterreichs plane». Nach dem„Petit Partiten" genießen die drei Groß- mächte nunmehr die Unterstützung Rußlands Verlin werde das Gewicht dieser Unterstützung immer mehr zu spüren be- kommen. Gestapo In«er Schwei* Basel, 28. Tept. Wie die Schweizer Telegrapücn-Agentur meldet, wurden an der deutschen Grenze zwei Deutsche, bevor sie die Grenze erreichen konnten, verhaftet. Es würde fest- gestellt, daß es sich um zwei Polizeibeamte in Zivil handelt, die Waffen bei sich trugen Tie wurden der kan- tonälen Polizei ubergeben und eine Untersuchung wurde eingeleitet. Oranienburg nickt aufgelbst Berlin, 27. September. sInpreß.t Entgegen allen Er- klärungcn und Zusicherungen des Provagandamintsteriums ist das Konzentrationslager Oranienburg nicht auigelöst wotbcN Es find wohl einige Echntzgesangene in andere Konzentrationslager. ivie Papenburg und Lichienburg, Hb- transportiert worden. Aber 40 sogenannte„unberbesserUcht Antifaschisten und etwa die gleiche Zahl oppositioneller A.Leute sind in Oranienburg geblieben, da? zur Täuschung der Oeffentlichkeit als„Festung Oranienburg" bezeichnet wird. Nach wie vor bestehen in Oranienburg die berüchtigten Tüükelkammern. in denen TT.-Leute volitilche Gefangene wahllos bis zur Bewußtlosigkeit prügeln,«c wurde bor kurzer Zeit ein junger Arzt im Alter von 25 Jahren in den Dunkelkammern solange gefoltert, bis er eines Tages er- hängt vorgefunden wurde. Ter ärztliche Befund lautete, wie stets in solchen Fällen, aus Selbstmord. VolKsrechfe durch Status quo Fortsetzung von Seite t Einen anderen Sinn kann ja auch der Status auo>ür seine deutschen Anhänger gar nicht haben: er soll ein letztes Boll- nerk der Volksrechte auf deutschem Bode» werde» gegen die Versklavung durch eine Diktatur brauner ParlSibonzen. Ter französische Außenminister verwies bann den Völker- biindsrat daraus, daß dieser vor der Abstimmung auch»och die Beamten frage, die P e n s i o n s s r a g e n. Prob- lcmc der Sozialversicherung und des Kredits usw. zu regeln habe, so daß mit einer Klärung dieser w'ch- tigsn Fragen noch im Lause dieses Jahres, wahrscheinlich im November, zu rechnen sein wird. Das ist umso wichtiger, olS die HitterregierüNg allen Verhandtüngen über Kiese wichtigen wirtschaftlichen Existenzfragen mit leeren Phrasen, es gehe nicht um materielle Tinge, ausweicht. Sobald man diesen Fragen nähertritt, wird sich zeigen, welche Gefahren für die Saarbevölkcrung bei einem Aufgehen In die Bank- rott- und Hungerwirtschasl Hitlers bestehen. Auch aus die Kirchensragc wies der sranzöstich« Außenminister hin. Deutsche Bischöfe außerhalb des Trar- gebietes üben, nicht aus freiem Willen, sondern selbst wieder unter dem Terror der Hitlerregierung, einen politischen Druck ans die katholischen Geistlichen des Taargebietcs aiis, stellen die Autorität ihres geistlichen Standes in den Dienst einer rein parteipolitischen Sache, nämlich der Agitation für den Anschluß a» den Staat der anlikirchlichen Hitlerbonzen. Auch dagegen sind Garantien notwendig. Schon vor einiger Zeit hat die A b st i m m u n g s k o m m i s s I v n. an deren Neutralität schlecht gezweifelt werde» kann, auf diese un- haltbaren kirchlichen Mißbräuche hingewiesen. Gerade die katholischen Priester im Saarqebiet, mit den wenigen Ausnahmen der von der„deutschen Front" be- zahlten geistlichen Agitatoren, witnschen dringend den Schuß gegen politischen Terror von außen. Der französisch« Außenminister hat warnend erklärt, daß die Saarfrage zu den schwersten Folgen führen könnte, wenn jemals die Vernunft der Leidenschast weichen sollte. Diese Gefahr wolle Frankreich vermeiden. Diese Gesahr müssen wir alle vermeiden. Voraussetzung ist aber, daß die Grund- satze der Freiheit und der Aufrichtigkeit in der Taarali- stimmnng vollständig und gegenseitig beobachtet iverden. ..Kraft und Deutlichkeit" Englischer Widerhall der Rede Barthous London, 28. Sept. Die am Donnerstag von Barthon in der Saarangclegenheit vor dem Völkerbund abgegebene Erklä» rnng findet in der Morgenpresie sehr große Beachtung und wird von einem Teil der Blätter in sensationeller Auf- machiing wiedergegeben. „M vrning Po st" nennt Barthous Worte eine Mah- nung an alle, die versuchten, die freie Abhaltung der Volks- abstimmung zu verhindern. Tie Wirkung des Eingreifens des französischen Außenministers sei gewesen, daß eine Ton- dersitzung des Völkerbnndsrates zur Behandlung der Saar- frage für den November einberufen worden sei. Somit hätte die RegierungSkommisiion und die Abstimmiingskommission wirtliche und wirksame Unterstützung erhalten. Im„Dailn Telegraph" ist von der Möglichkeit der Entsendung französischer Truppen nach der Taar die Rede. Der Korrespondent des Blatte? IN Genf betont, daß der citg- tische Borsitzende der Rcgierungskoinmission des Saarge- biete«, Knor, es selbst immer schwieriger finde, eine neutrale Polizeitruppc aufzustellen. In einer Genfer Meldung der„D a i l n Mail" ivird ge- sagt, da der Versuch, eine große ausländische Polizcikkuppe aufzustellen, mißglückt sei, würden jetzt die Bemühungen daraus gerichtet iverden. geeignete Leute im Saargebiet zU finden. Es werde aber immer noch geplant, wenigstens ritte kleine Stammtruppe von Ausländern als Polizeioffiziere aufzubringen. „Daily Expreß" druckt die Genfer Nachrichten in möglichst auffallender Form ab und sagt: Frankreich ist jeden Augenblick bereit, seine Truppen in das Taargebiet einwar- schieren zu lassen. Tie Androhung einer Intervention zur Erzwingung der öffentliche» Ordnung bei der Volksabitini- mnng wurde von Frankreichs 74jährigcm Außenminister in Gens vorgebracht. Sic bat Verblüffung unter de» StaätS- Männern in Gens Hervorgerufen. Man beiilrchtet, daß die französische Drohung eine kriegerische Rückwirkung i» Deutschland hervorrufen wird, und dies wird die ohnehin schon gespannte Lage noch schwieriger machen. nidcr Iren in nniicr Ein Brief des„Führers" für das Kirdtcnreglmenf Das bereits abgekündigte Eingreifen Hitlers in den cvan- peitschen Rcichskirchciikainpf ist erfolgt. Es liegt setzt ein Brief Hitlers an die oppositionellen Bi- s ch ö f c M e i s e r» n d W u r m v o r, der die Parteinahme dös„Führers" für Müller, an der in det Sache niemand zweifelt, ganz offenkundig wacht. Hitler sieht im Reichsbischof seinen Beauftragten, der die Evangelische Kirche in ein Macht- und Bollzugsorgan deö Nationalsozialismus zu ner- wabbeln hat. Wer ihn dabei stört, ist ein StaatSfeind Und bekommt über kurz oder lang die ganze Härte des Gesetzes zn spüren. Nach der Tägung der Berliner Nationalsynode, die die offene Kirchendiktatur errichtet und den Treueid der Geist- lichen festgelegt hatte, wandten sich die beiden B i s ch ö s e persönlich an Hitler. Sie baten ihn»in seine Vermittlung— in der etwas fragwürdigen Hoffnung/ daß der „Führer" an einer Vermittlungsaktion und Verständigung Interesse habe. Hitlers Antwort traf Mitte Sepembcr ein. Sie wurde im Aufrage Hitlers von Staatssekretär Meiß- ner unterzeichnet. Es heißt darin: Der Führer und Reichskanzler habe ihre Eingabe einer eingehenden Prüfung unterzogen.„Diese Prüfung hat er- geben, daß Ihre Behanptnng, die von der Reichskirchen- regicrunq zur Eingliederung der Landeskirchen getroffenen Maßnahmen würden gegen Verfassung und Gesetz ver- stoßen, nicht begründet ist. auch die von Ihnen über den Umfang der disziplinarischen Maßreglung vo» Psar- rem gemachten Angaben entsprechen nicht den Tatsachen; insbesondere ist kein Geistlicher, sei es im Disziplinarwege, sei es im Verwaltungswege, wegen Bekenntnissragen gemaßreaelt worden. Bei den noch schwebenden Disziplinar- verfahren handelt es sich in der Hauptsache um solche Geist- liche, die auch nach dem Bcsriednngsgesetz vom IS. April 1934 gegen die äußere Ordnung der RcichSkirche sich auf- gelehnt haben." Die süddeutschen Geistlichen beruhigten sich mit dieser Ab- lehnug nicht. Sie blieben dabei, daß die Beschlüsse der Rationalsynode mit den Vergewaltigungen zahlreicher Laudessynoden Rechtsbrttche seien. Bischof M e i s e r ließ über diese Ausfassung in einem neuen Schreiben keinen Zweifel: „Die Feststellung, daß das Handeln der gegenwärtigen Reichskirchenregierung fortgesetzt gegen Recht und Ver- fassung verstößt, und baß eine große Anzahl von Geistlichen uy, ihrer bekenntnismäßigen Haltung willen gcmaßregclt wurde, bin ich bereit, mit entsprechenden Beweist» zu be- legen, ebenso die Tatsache, daß die Diszipliniernng i>ch ins- gesamt aus mehr als 8M Pfarrer erstreckt. Die Entwicklung, die die kirchlichen Dinge in der letzten Zelt genommen haben, gibt mir verstärkten Anlaß zur Sorge und Bekümmernis um Kirche und Volk. Ich kann nm meines Amtes und Gewissens willen von dem eingeschlagenen Wege nicht abgehen." Die süddeutschen Bischöfe verraten»ich! geringen Nfiit. Man müßte an ihrer Intelligenz zweifeln, nähme man an, sie seien von der Aussichtslosigkeit ihrer Vorstellungen bei Hitler nicht überzeugt gewesen. Hinter ihnen steht aber»Ichr nur das Gewissen im Bewußtsein der evangelischen Freiheit. Sie wissen, daß die Schar ihrer Anhänger wächst. Bekenntnis- synode und Pfarrernötbünd entwickeln bei aller Unter- drücknng elfte mächtige moralische Wirkung unter den Gläubigen. Die Kirchen der widerspenstigen Geistliche» sind über- füllt. Es geht nm den Glauben. Er hat im prvtcstgnischen Lager heute Widerstandskräfte wachgerufen, die die schnei- digste und gewalttätigste Exekutive nicht mehr beivältigcn kann. » Die„Internationale" des Protestantismus leiht de'c Kämpfern wachsenden Beistand. Mitten in die Auseinander- setznngen innerhalb der deutjch-evangelischen Kirche kommt die Nachricht, daß der Präsident deö Exekutivkomitees des lutherischen W e l t k o n v e n t s, der amerikanische Bischof Marehead, die diesjährige Tagung des Konvents von Paris nach M ü n ch e n verlegt hat. In evangelischen Kreisen hat dieser.Beschluß des Präsidenten große Ueberraschnng aus- gelöst, da man ihn selbstverständlich mit den Vorgänge» in der deutsch-evangelischen Kirche ift Zusammenhang bringt. Die Tagung wird voraussichtlich vom 12. bis 19. November stattfinden. In dem lutherischen Weltkonvent sind die samt- lichen lutherischen Kirchen der Welt zusammengeschlossen. Dem Exekutivkomitee gehören außer de» Vertretern der deutsch-lutherischcn Kirchen Landesbischos Doktor Marah- rens lHannoverj und LandeSbischos Dr. Meiser / n 1 rttt. „Aussdiiuß der Oelleutlickkeit"»« Wenn korrupte Bonzen vor Gericht stehen Köln, 28. Tept. lJnpreßs: Vor der großen Strafkammer in Münster begann gestern der Prozeß gegen den ehemaligen Bezirksleiter der NSBO. des Gaues Westfalen, Walter Na- gel. der der Unterschlagung angeklagt ist. Mit angeklagt sind ein früherer Gaubetriebszellenobman». ler frühere Abtei- lungSleiter bei der obersten Leitung der PO. der NSDAP. Alig»st Piontck, und eine Reihe weiierer hoher Nazi-Funktionäre, wegen Betmögensaneignuiig, Untreue und Unter- schlagung. Sofort nach Beginn der Verhandlung stellte der«taatS- anwält den Antrag aiti Ausschluß der Oessetttl'chkeit für d:e ganze Dauer des Prozesses, da durch eine öffentliche Verhandlung eine Gefährdung der Staatssicherheil gefürchtet werden müsse. In bei Begründung deö A»ssch!lißanlrage beißt es melier, die Oeffentlichkeit habe zu oie er Angelegen- heil bereits Stellung genomnten/ das Gericht habe»ichis z» verbergen, aber in diesem Prozeß„stünden andere Franc» auf dem Spiel". ES sei selbstverständlich,*aß viele Volksgenossen den Wunsch hätten an dieser Berhendlung teilzu- nehmen. Es sei aber aus der Erfahrung bekannt, laß solche Prozesse den Emigranten Gelegenheit gäben, gegen das na- livnall0zialisti!che Teutschland Propaganda zu machen. DaS Siaatsintercsse erfordere somit den Ausschluß der Lessent- lichkeit. Das Gericht gab dem Antraa statt und>chloß die Oessenl- lichkeit und auch die Presse für die ganze Tauer der Ver- Handlungen aus. Der Völkerbund hat am Donnerstag seine September- tagnng abgeschlossen und für den 15. November eine Sondersitzung anberaumt, aus der Taarsragen behandelt werden sollen. Das Schwurgericht in Metz hat am Donnerstag einen Saarländer Klemens Scher er wegen Kirchenraubcs zu tll Iahren Zuchthaus und lll Iahren Anfcnthaltsverbot ver- urteilt. Scherer soll nunwehr den bentschen Gerichten aus- geliefert werden, vor denen tt sich wegen Ermordung eines Polizeibcamtcn in der Nähe von Trier zu rerantwortcn haben wird. Zwischen Mitgliedern einer politisch rechts gerichteten Organisation und Kommunisten kam es in der vergangenen Nacht im Zentrum von Paris zu einer Schießerei, bei der drei Personen so schwer verletzt worden, baß sie in hossnungs- losem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert werden m«ßten.,„„ Der„Ionr" will aus sicherer parlamentarischer Ouelle erfahren baden, daß Ministerpräsident Doumergue im Lause der am heutigen Freitag stattfindenden KabincttSbesprechung seinen Entschluß mitteilen werde, die Nationalversammlung für den 2ll Oktober nach Versailles einzuberufen. In poll- tischen Kreisen sei man der festen Ueberzeugung, daß die Siaatsresormvorschläae der Regierung die Zustimmung der großen Mehrheit d-r beiden«Kiuser iivden werden. In Düsieldori sind in der le«-!en Woche fünf Falle von spinaler Kinberläbmuno kesior'mpi morde,,. Die Schulen und Kindergärten sind vorsickohalbcr für die Dauer von drei Wochen geschlossen worden. Die„Saargänger" in den Absiimmungslisten Wo bleibt die Nachprüfung? -iie'Angelegenheit mit den Abstimmungslisten wird immer eigenartiger. Tic Zeitschrift„Westland" hat, wie wir bereits berichteten, in ihrer beachtenswerte» Untersuchung den Nachweis erbracht, dag die Zahl der Abstimmungsberechtigten unmöglich 520 0H0 feilt dürste. Inzwischen konnten wir gestern aus Genf mitteilen, dag die Abstimmungsliste um weitere 10 000 angeschwollen ist. Zu dessen stellt es sich heraus, dag zahlreiche Personen, deren Abstimmungsberechtigung auger Zweifel steht, in den Pisten nicht eingetragen sind. Es finden sich darunter merkwürdigerweise'eine Reihe von Anti- laschisten. Auch einige jüdische Familien, d i e durchaus abstimmungsberechtigt sind, sind in d e 11 Listen nicht eingetragen. Dasselbe ist von einer ganzen Reihe von Franzosen sc st- zustellen, die a m Stichtag, nämlich am 2 8. Juni 1910, ihren dauernden Wohns> y in -Saarbrücken hatten. Wenn all die fehlenden Personen hinzukommen, dann wird die Zahl der Abstimniiingsberechtigten eine solche Höhe er- reichen, dag sie ossensichtlich mit den tatsächlichen Verhält- nisten in keiner Weise in Einklang gebracht werden kann. Wie sehr die Abstimmuugslisten in Unordnung sind, geht u. a. auch aus der Tatsache hervor, dag in den Pisten, wie in diesen Tagen festgestellt werden konnte, eine Reihe von sogenannten Saargängcrn als abstimmungsberechtigt ein- getragen sind. Als Saargänger werden bekanntlich diejenigen Personen bezeichnet, die zivar im Saargebict einer Veschäf- ijgung nachgehen, ihren festen Wohnsitz jedoch augcrhalb des Saargebiets haben. Gewöhnlich begebe» sich die saargänger alle Samstage zu ihrem festen Wohnsitz, wo sie sich bei ihrer Familie bis Montag aufhalten. Tic zahlen ihre steuern in ihren Heimatgemeindcn, also augcrhalb des Saargebiets, und sind, wie ans der Wahlordnung klar hervorgeht, nicht a b st i m in u n g s b c r c ch t i g t. Im Gegensatz zu einige» anderen antifaschistischen Blätter» möchten wir ausdrücklich hervorheben, dag uns d i e E i n- t r a g u ng der saargänger in die A b st i m- m» n g s l i st e n nur recht fein kann. Bekanntlich haben gerade die um das Saargebict liegenden Grcnzdörfcr, ans denen der grögte Teil des saargänger- kontingents gebildet wird, bei den legten Hitlcrwahlen teilweise bis zu 50 Prozent mit„Rein!" gestimmt. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, dag ein großer Teil der saargänger auch bei der Abstimmung im saargebict für uns. gegen Hitler stimmen wird. Wir sind über- Haupt überzeugt, dag zahlreiche saarabstimmuugsbercchtigte, die ans dem Hakenkreuzparadies nach dem saargebict zur Abstimmung abkommandiert werden, hier bei uns im Saar- gebiet für die deutsche Freiheitsbewegung— gegen die Hitler- diktatur stimmen werden. Abel zwecks Durchführung einer geordneten Wahl ist es erforderlich, dag die Listen in Ordnung sind, und dag sich an der Abstimmung nur diejenigen beteiligen, die tatsächlich auch abstimmungsberechtigt sind. Es handelt sich nicht darum, ob die Saargänger für oder gegen uns stimmen werden, sondern es handelt sich darum, dag die Saarbevölkerung zu den auf- gestellten Liften das Vertrauen besitzt, und wir er- klären mit a l l e r T e n l l i ch k e i t— d a s möge die A b st i in in u n g s k o m m i s s i o n hören.— dag ein g r v g e r Teil der s a a r l ä n d i s ch e n B c v ö l k e r u n g dieses Vertrauen zu den'Ab st i m m u n g s l i st e u nicht besitzt. Es ist wirklich an der Zeit, dag die Nach- Prüfung so rasch wie möglich erfolgt, damit die geregelte Ab- sliuimung zu dem festgesetzten Termin stattfinden kann. Vir sind uns einig! „Wir erhalten ununterbrochen Anrufe, dag'Rainen setz- len, falsch geschrieben sind, dag die Geburtsdaten nicht richtig eingetragen sind. Abstimmungsberechtigte, die niemals'das Saargebiet verlassen haben, fehlen. Ganz krag ist folgender Fall: ein altes Ehepaar ist eingetragen, da- gegen fehlen sämtliche acht abstimmungsberechtigte Kinder in den Listen. Wir sind weit davon, diese Lücken und Ungenanigkeitcn ans gewissen Absichten zu erklären und sie politisch ans- znniünzcn. Tas mögen die tun, die es notwendig haben. Wir erwähnen sie nur, um unsere Leser daran zu erinnern, dag es dringend notwendig ist, die Listen einzusehen. Nie- wand darf sich darauf verlassen, dag es„schon stimmen wird". Tie oben angedeuteten ftälle beweisen, dag es eben nicht stimmt. ES ist die selbstverständliche Pflicht jedes Ab- stimmungsberechtigtcn dafür zu sorgen, dag er in der Libe eingetragen wird und dag alle Personalangaben richtig sind." So schreibt die„Saarbriicker Zeitung" Also gibt auch das Blatt der braunen Front zu, dag die Listen nicht in Ordnung sind. Somit sind wir uns mit den Braunen einig, dag die Listen nachgeprüft werden müssen. Tas Wort hat die Abstinininngskoinmissioii. Die Heidelberger Abrede Ihre Bedeutung für die Volksabstimmung Jeder Mann im Saargebict kennt den'Rainen„Hcidel- berger Abrede". Aber was es wirklich ist. worum es sich da- bei handelt, das wissen die Wenigsten. Hand aufs Herz, wer von all denen, die in Presse oder Versammlung davon sprechen, hat schon einmal ihren Text gelesen? Es ist gerade in letzter Zeit über die Frage, ob in dem Falle, dag die Abstimmung nicht zugunsten Hitlerdeutsch lands ausfiele, die Rentenansprüche gewahrt blieben, eine erregte Tiskussion geführt worden. Tie„Deutsche Arbeits- opserversorgung" des saargebiets hat kategorisch erklärt, dag n n r die Rückgliederung die Renten sichere, alle gegen- teiligen Behauptungen„unglaublich" seien. Wer hat nun Recht? Zunächst einmal, was ist nun eigentlich die Heidelberger Abrede? i'a müssen wir uns schon einmal einen kleinen historischen Rückblick gestatten... Bis 1918 gehörten die saarländischen Versicherten zur großen deutschen Sozialversicherung. Tie Zentralen befanden sich jenseits des Rheins, und dem- entsprechend waren auch die Reserven zentral angelegt. Mit dem Inkrafttreten des Friedensvertrages erwies»ch eine Ausewairdersetznng als nötig. Man legte daher m einem Protokoll vom 8. Juni>921 genüge„Gr n n diatz e über Angelegenheiten der- o z i a l v e r si ch c r u na fest, über deren Ausführung man iich dann in der sogenannten„Frankfurter Abrede" vom 81. Mai 21. Juni 1923 vorläufig einigte.,. In der folgenden Zeit wurde aber die deutsche sozial- Versicherung durch einschneidende neue Gesetze itaik beein- slusit, ja grundlegend geändert. Es gab serner wahrend der Jahre 1928—1926 eine solche Aen der nng der Wirtschaft l i ch e n V e r h ä l t n i s s e. bedingt durch die nach Abschluß der Frankfurter Abrede eingetretene deutsche Inflation und ihrer Folgeerscheinungen in der gesamten Weltwirtschast, daß es schon aus diesem Grunde geraten er- schien nunmehr eine endgültige Regln ng zu treuen. Ter Abschluß der diesbezüglich"u'genoinnwnen Verband- lungen bildete dann die„Heidelberger Abrede vom 18. Ok- tobcr 1927. Wir haben eingangs schon gefragt: wer kennt denn l wirk- lirf» ihren Sgnrtlaut»— Es erscheint UNS daher sehr an äÄracht«ich wir glauben alle, die mit der Materie zu tun haben— und wer ist beute nicht daran interessiert?— einen Dienst zu erweisen, wenn wir im Folgenden die wichtigsten Bestimmungen nach dem deutschen L riginallei.t.,> icien. * Tas Abkommen gliedert sich in die Abschnitte: 1. ll n s a I l v e r s i ck e r» n g. 2. Invaliden-«nd Hinterhl,ebene n.-V er- s i ch e r u n g. 3. A n g e st e l l t e n v e r s i ch e r u n g. 4 K n a p p s ch a s t l i ch r P-ns.°ns»-r icherung n*.«»hYfi ferner die nötigen Bestimmungen Uber die ES enthalt'rrne„-»ungen snamcntlich bezüglich der Auszahlung der-»tung Öic Wochen- Umrechnung der»ciicnicoini.n Hilfe, die Benutzung der v e 1 1 a n n a., c n. oie r.»i- l g an- und so weiter bei Streit Ä von K rankenka llj" nnkallve r s i ch e r u» Was den ersten A ü^ kurz daraus beschränken, zu gebt, so können wn Selbständigkeit der»en- sagen, datz cr im Wc^^ r n i sge» ossc n schalte n gegründeten kaarland^ zga, schwebenden Ansprüche iür alle seit dem■■•. cncm^gtuni im Saargebiet er- ans Unfällen, die st")^|i)jr& c}nc t, 0r iönfinc Ver- cignct baben. sciikcg.„orgenomemn, wobei die zur Er- mögensauselnaiideN tz.»xjqeren Unfallrenten des Taar- höhung der iruhe RBO. nötigen Beträge von den gebiets au!^den Stand»er^^rher die ganzen^ Bctträge bekoinme.i hatten!, als unverzinsliche und vor Ablauf der im Friedensvertrag festgelegten fünfzehn- jährigen Frist bis zur Volksabstimmung nicht zurücksorder- bare Tarlehen gegeben werden. Endgültig soll die Ver- mögensauseinandersetzung dann nach der Volksabstimmung stattfinden. Auch bezüglich des dritten Abschnitts Angestellten- Versicherung können wir uns kurz daraus beschränken, zn sagen, daß die hinsichtlich der Invaliden- und Hinter- bliebencnver"cher,i»g getroffenen Abmachungen analog an- zuwenden sind(8 82 der Abrede). *, Tie wichtigste» Bestimmungen befinden sich in den Ab- schnitte» 2 und 4. Hier ist namentlich der 8 12 zu zitieren, der grundlegend ist für das ganze'Abkommen. Tanach ist Voraussetzung für die Ausführung der Abrede, daß:„die Vorschriften ü b e r den G e g e n st a n d der Ver- s i ch c r» n g in beiden Gebieten die gleichen sind" seine Selbstverständlichkeit, da ja die gesetzliche Grundlage im Saargebict wie im Reich die R V C. ist) und ferner, daß„auch sonst in den„maß- gebenden Verhältnissen beider Gebiete eine iv c s e n t l i ch c Aenderung nicht eintritt"... Ria» sieht eine Ä ü n d i g u n g des Abkommens ist nicht vorgesehen. Lediglich die„Voraussetzung" für die Verein- barung sind gegeben. Würde beispielsweise— was wir hier sagen, ist natürlich reine Theorie: kein verünftiger Mensch denkt an diese Möglichkeit— die Volksabstimmung den An- schluß an Frankreich fordern, dann würde diese Voraus- sctzung wegsallen, weil einmal die„Vorschriften über den Gegenstand der Versicherung" leben die:RÄO.) nicht mehr die gleichen blieben, so dann aber auch die„wesentliche Aenderung" eintrete.— Tas Abkommen würde also in diesem Falle genau so gegenstandslos werden wie im Falle der Rückgliederung, und eine neue Reglung müßte eintreten. Hingegen ist für den Fall der Abstimmung für den „Status quo" nach obigem Wortlaut ganz klar, daß das Ab- kommen weiter in Kraft bleiben muß. Denn die„Bor- sckristen" bleiben in beiden Gebieten die gleichen idie RBO. bleibt in Kraft) und in den„maßgebenden Verhält- nisicn" tritt keine„wesentliche Aenderung" ein, die Ver- tragspartner sind nach wie vor einerseits das Deutsche Reich, andererseits der Völkerbund, als desse« Rcvräscn- tant die Regierungskommission die Heidelberger Abrede unterzeichnet ha«. Auch in dem Abschnitt 4„Knappschaft" ist im 8 33 lediglich die Höhe der von der Reichsknappschaft z» leisten- oen Zuschüsse festgelegt. Tiefe sind übrigens nicht einmal so hoch.^ic betragen nämlich nicht mehr als: In der Arbcitcrabtcilung sA-Kasie): Zur Jnvalidenpension 7,— RM. zur Witwenpension 8,50 RM. zum Waiscngcld 2,— RM. In der Angestelltenabteilung sB-Kafle): Zur Jnvalidenpension 20,—RM. zur Witwcnpcnsion 10,— RM. '-um Waisengeld 4.—RM. fieser Zuschuß hat mit dem sogenannten„Rcichszu- , ch u(& 1291 der RBO.)»ich, s zu tun. Er ist lediglich eine Abgeltung für die von dem Saarbriicker Knapp- schaftsverein seinerzeit nach drüben abgeführten Re- se r v c n, die das Deutsche Reich ihm nicht aus einmal, ihrem Goldwert entsprechend, wieder herauszahlen konnte.— Hingegen wird der sogenannte„Reichszuschuß"— die Bezeich- nung ist schlecht gewählt für die hier in Betracht kommenden ^erhalt»iise: der Ausdruck bezeichnet in der RBO. einen Znschnß, der zu den ans der Beitragszahlung sich errechnen- den Rentenlivhe stets gezahlt werden muß lnlso auch vor rem Abkommen und auch desgleichen in Teutschlands— in jedem Fall von dem Versicherungsträger des Gebiets gc- zahlt, wo der Berechtigte wohnt. Vergeht der Ber"*''"^ in das Rachbargcbiet.>- ändert•'•*0 ,d>" alae f> e»de «icllc, die Rentcnhöhc hingegen bleib! n.i..rändc»i. vunslige Aussichten ihr d«e Nitier vegner Paris, 20. September. iJnpreß.) L o r d M alle u, Vizepräsident des englischen Oberhauses und Vorsitzender der Kommission zur Untersuchung des Nazi- Terrors an der Saar, hat einem Vertreter des„Gegen- Angriff" ein Interview erteilt, in dem es n. a. heißt: „...Meine vielen Gespräche mit Katholiken und vor allen Dingen mit katholischen Priestern lassen mir heute.keinen Zweifel, daß auch innerhalb der sogenannten«Gleichgeschal- teten", die gezwungenermaßen innerhalb der„deutschen Front" sind, eine starke Bewegung für den Status guo vor- Händen ist, die in Kürze auch osse» zutage treten dürste... Wenn Herr Hitler behauptet, die Saarsrage stünde zwischen Frankreich und Teutschland, so ist das irreführend. Meiner Ansicht nach steht Herr Hitler zwischen der Saar und Teutschland... Viele, darunter verantwortliche Politiker, haben mir die Ueberzeugung ausgesprochen, daß Hitler-Deufschland keine all Prozent erhalten wird, vorausgesetzt, daß die gc- Heime Wahl gesichert ist..." Nochmals sei betont, daß eine Kündigung des Ab- koinmens durch einen der Beteiligten auch bei diesen Knapp- schastsrenten nicht vorgesehen ist. Warum sollte das auch sein? Wir haben vorhin erst die Vorschriften des 8 12 zitiert. Andererseits ist aber doch die Grundlage aller dieser Bestimmungen folgende: Die deutschen Anstalt?» zahlen die Zuschüsse lrichtiger müßte man sagen anteilige Beiträge an de» Renten) entsprechend de» Kapitalien, die sie ans den Leistungen der Versicherten erhalte» haben. Ta seit Gründung der selbständigen saarländischen Kassen l922 keine Beiträge mehr ins Reich abgeführt werden, muß die Hohe der deutschen'Anteilszahlungen ständig zurückgehen. Eines Tages werden sie ganz weggefallen sein, weil eben die Berechtigten, die noch nach Teutschland(also vor 1922) Beiträge gezahlt haben, gestorben sind, oder weil das Reservekapital tFall Knappschaft! in voller Höhe abgezahlt worden ist. Taft dem so ist, beweist ja die Statistik. Wurden 1931 noch rund 141 Millionen Franken aus dem Reich an die saarländischen Versicherungen gegeben, so waren es 1982 nur noch 123 Millionen. 1988 sogar nur noch ill Millionen, also in zwei Jahren eine'Abnahme von 30 Millionen Franken oder rund 22 Prozent. Was geht daraus hervor?'Run nichts anderes, als daß all das Geschrei, die deutsche Regierung würde im Fall, daß die Abstimmung für den„Status quo" aussiele, das Abkommen kündigen, d. h. die Zuschüsse sperren, und dann würden die saarländischen Kassen ruiniert sei», der saar- ländischc Sozialrentner würde seine Pension nicht mehr erhalten, eitel Blnsf ist. Zunächst einmal kann rechten s, wie oben dargelegt, die deutsche Regierung g a r nicht kündige n. Sodann sind aber auch die deutschen Beiträge ja g a r nicht solche Riesensummen, sie nehmen von Jahr zu Jahr ab, und be- schweren daher auch gar nicht so sehr die deutsche Leistungs- sähigkcit, wie es immer behauptet wird. Infolgedessen kommt auch eine Einstellung wegen Zahlungsunfähigkeit des Reichs kaum in Frage. Würde aber wirklich dieser Fall ein- treten, so wäre ei» selbständiges Saargebiet immer noch in der Lage, diese verhältnismäßig kleinen Beträge auf andere Weise auszubringen, so daß die Rentenempfänger dann immer noch besser daran wären, als ihre Leidensgefährten in Teutschland, die bei einer Zahlungsunfähigkeit des Reichs sicher nichts mehr bekämen. Toch handelt es sich, wie gesagt, gar nicht darum. Ter saarländische Sozialrentner- kann unbesorgt sein. Daß man im Reich nicht daran denkt, die Rentenzahlungen einzustellen, verkündet ja die„deutsche Front" oft genug laut und deutlich: wie sollte man also dar- an denken könkien, die für den Etat des Reiches an sich kaum eine Rolle spielenden Zuschüsse einzustellen, zu denen man sich in der Abrede»nterschriftlich verpflichtet bat. Aber auch wenn die deutschen Sozialversicherungs- anstalten wirklich selbst die Beträge nicht mehr zahlen könnten, so müßte dos Reich für sie solidarisch hasten, nicht nur wegen der in der Abrede gegebene» unterschristlichen Verpflichtung, sondern auch nach den ausdrücklichen Be- stimmnnge» des Friedensvertrages. Hier haben wir also den Kardinalpunkt. Ter saarländische Pensionär möge in der Tat, wie die Propagandisten der„deutschen Front" so schön sagen, die A» g c n a u s- machen. Er wird dann erkennen: Gibt er seine Stimme für die Rückgliederung ab, so ist bei der Ungewißheit künftiger gesetzlicher Aendernngen in Teutschland seine Ver- sorgung auch ganz ungewiß. Ten», daß in Teutschland keine weitere Rentcnkitrzung jemals eintreten wird, ist eine durch nichts bewiesene Behauptung. „Stimmt er hingegen für die Erhaltung des„Status quo", so gilt dieser„Status quo" auch für seine Pension»- ansprüche, d. h. sie bleiben ihm uuveräudcrt gesichert I. K. Ein weiterer Artikel, der sich mit der Art und Weise der Rentcnbercchnung bei Personen, die sowohl in deutschen wie auch in saarländischen Kasse» versichert waren, besaßt, und ferner die für Anträge und Rentenfestsetzung sowie für Rechtsmittel zuständigen Organe und so weiter nach dem Wortlaut der entsprechenden Paragrafen der Abrede näher erläutert, folgt. Das Testament der Oresdihowshala Wie wir bereits gemeldet haben, ist am 12. September in der Emigration die..Großmutter der russischen Revolution im Alter von 90 Jahren Katbaiina Breschko-Bresch- kowskaja gestorben. Ihrem letzten Willen gemalt wurde sie ohne geistlichen Beistand und ohne kirchliehe Zeremonien in dem Dorfe Cbvalv. ein paar Kilometer östlich von Prag, wo sie die letzten Jahre ihres Lebens verbracht hatte und wo sie gestorben ist, /ur letzten Ruhe gebettet. Nur ein russisches revolutionäres Lied erklang und umflorte rote I' ahnen wehten auf dem kleinen Friedhof. Ain offenen Grabe wurde ihr Testament verlesen. Darin heißt es:„Ich bitte Euch, daß Ihr meiner nicht im Schlechten gedenket. Alles, was ich vollbrachte, geschab aus reinem Herzen. Ich gehe aus dieser Welt in Dankbarkeit für die Menschen, die mir Gutes taten. Das Leben war mir gnädig und trug mich hoch. Allen Freunden bin ich unendlich dankbar, nicht nur in diesem, sondern auch in jenem anderen Lcbcu. Es umarmt Euch Jekateriua Breschkowskaja." „Deutsche Freiheit", Nr. 226 ARBIIT UMD WIRTSCHAFT Samstag, den 29. Sept. 1934 Kleine Wirtschaftsnackrichten Wie der Roheisenverband mitteilt, ist zwar im Inlande eine verstärkte Nachfrage seitens der Rüstungsindustrie zu verzeichnen, aber das Auslandsgeschäft ging im laufenden Monat weiter zurück. * Die Kainmzugvorräte bei den 5 deutschen Wollkämmereien haben sich Ende August auf 5 146 Tonnen vermindert, während die Vorräte in der gleichen Zeit des Vorjahres noch 9 578 Tonnen betrugen. Damit spitzt sich die Lage am deutschen Wollmarkt weiter zu, Trotz den Verboten sind die Wollpreise in Deutschland im Zusammenhang mit der sich immer stärker bemerkbar machenden Verknappung dauernd gestiegen. Da in der gleichen Zeit die Wollpreise am Weltmarkt zurückgegangen sind, ist der Preisunterschied zwischen Inland und Ausland immer gröber geworden, -ü In der Hauptversammlung der Westdeutschen Kaufhof A. G-,(ehemals Leonhard I ieH), teilt der Vorsitzende des V orstandes Dr. Baier mit, daß solange die Warenhausfrage nicht entschieden sei, die Verwaltung sich bemühen werde, im Interesse der von der Gesellschaft abhängigen Industrien und Arbeiter weiter zu arbeiten. In der ersten Hälfte des neuen Geschäftsjahres sei aber keinerlei Mehrumsatz zu verzeichnen. In der zweiten Hälfte dagegen habe sich eine leichte Besserung bemerkbar gemacht(infolge der Hamsterkäufe), die, im Vergleich zu den höheren Einzelhandelsumsätzen im Reich, nicht befriedigend sei. * Die diesjährige Tagung der Gesellschaft deutscher Metall- hätten- und Bergleute, die in Krummhühel im Riesengebirge stattgefunden hat, stand im Zeichen der durch die Devisenschwierigkeiten hervorgerufeneu Einstellungen der Zufuhr von Rohmetallen. Professor Dr. Grothe aus Clausthal erklärte In einem Vortrag, daß große Hoffnungen auf die Ausbeutung der schlesischen Met all vorkomme» nicht zu setzen seien. Er bezweifelte stark die Abbau Würdigung der schlesischen Lagerstätten, deren Aufschließung höestens für gewisse Apparatefahriken Interesse habe, aber kaum für Hüttenwerke und Privatgesellschaften. Der gute Professor scheint hierbei an bestimmte Apparate zu denken, die im Kriege Verwendung finden könnten. Sc Die in der Inflation errichteten Erzeugnisanlagen der Hanfunion A. G Schopfheim. Baden, die seit etwa vier Jahren stilliegen, sind in den Besitz eines Konsortiums über- gegangen, das die Herstellung von Kunstseide aufnehmen wjrd. Bekanntlich ist im„dritten Reich" durch die Drosse- 'HPg der Textilrahstoffeinfuhr eine Konjunktur für die Kunstseide entstanden. Paß die Errichtung von neuen Kunst- seideqfabriken unter den gegebenen Verhältnissen zu Fehlinvestitionen, sogar zu künftigen Zuasmmenhriicheu führen wird, unterliegt keinem Zweifel. » Heber die Lage der Weslerwälder Rasalt- und Stein- industrie gibt folgender Bericht Aufschluß, den wir der„Kölnischen Zeitung" entnehmen: Die Hoffnungen auf einen starben Auftrieb der Beschäftigung durch das große Straßenhauprogramm haben sich nicht in dem L'mfang erfüllt, wie man glaubte erwarten zu können. Wen» auch die Beschäftigung um etwa 30 Prozent gegen das Vorjahr gestiegen ist, so stellt das doch nicht im Verhältnis zu dep Aufwendungen, die durch das Durchhalten des größten Teils der Belegschaft im Winter entstanden sind. Die Reichsbahn hat keine nennenswerten zusätzlichen Aufträge erteilt, so daß die im Frankfurter Verteilungsschlüssel festgelegten Mengen nur unwesentlich überschritten wurden. Daraus geht also hervor, daß die Unternehmer gezwungen waren, im abgelaufenen Winter unproduktiv zu arbeiten und daß es nunmehr mit der künstlich aufgeblähten Aibeits Beschaffung zu Ende geht. * „Der deu|sthe Volkswirt" äußerst sich auffallend pessimistisch iibeer die Aussichten des Schachtchen Planes der Einfuhrbeschränkungen und Devisenkontrolle. Die Zeitschrift schreibt, daß das Ausland offenbar nur sehr langsam zu begreifen lernen werde, daß der Weg, den Deutschland beschritt, der einzig mögliche Weg war. Ausländische Exporteure hätten Korrespondenten des Blattes zu verstehen gegeben, daß ein Verschwinden Deutschlands vom internationalen Markt durchaus nicht als unmöglich zu bezeichnen sei. Die Schuhfabrik S. Wolf, Mainz, die in diesem Jahr auf ein 93jährjges Besteben zurüekblickt und zeitweise eine recht bedeutsame Rolle in der Schuhindustrie spielte, hat jetzt ihre Zahlungen einstellen müssen. Die Inhaber wenden siph in einem Rundschreiben an ihre Gläubiger, ohne jedoch bereits fest umrissene Vorschläge machen zu können. Wachsende Boykottwelle Der Schlag gegen die Fertigwarenindustrie Nachdem in der Nazipresse lange Zeit Meldungen über die W irknngen des Boykotts gegen Hitler-Deeutschland unterdrückt worejen waren, weil dem deutschen Volke systematisch verheimlicht werden sollte, wie stark, das Ausland auch gerade mit dieser wirtschaftliche» Waffe gegen das Naziregime reagierte, tauchen solche Meldungen jetzt wieder häufiger auf. Schließlich läßt sich auf die Dauer nicht verbergen, daß ganze Industriezweige, die als ausgesprochene Exportindustrien anzusprechen waren, schwer unter dem Rückgang ihrer Ausfuhr zu leiden haben und zu Arbeiterentlassungen und Produktionseinschränkungen gezwungen werden, weil der verlorene Auslandsmarkt durch Inlandsaufträge nicht wettgemacht werden kann. Eine der typischsten Ausfuhrindustrien, die einst die ganze Welt beherrschte, ist die deutsche Spiel wart nindu- s t r i e, Ihre Produkte waren in der ganzen Welt geschätzt und hätten ihren Ruf durch gediegene Ausführung und Qualität auch gegen das japanische Spielzeug behalten, wenn nicht die japanische Knnkurrenz(die äußerst hilliges, aber minderwertiges Spielzeug liefert) so empfindlich fühlbar geworden wäre, weil gleichzeitig der Boykott gegen deutsche Wzrpu einsetzte. Das starke Vordringen der japanischen Waren war erleichtert durch den Boykott der deutschen Produkte! Bereits im vorigen Jahre hatte die deutsche Spielwarenindu- stfie enorme Exportverbote; in diesem Jahre führt nach den bisher vorliegenden Zahlen die Abwärtskurvc bereits nahe an die Katastrophe. Maßstab dafür sind die Ausfuhrziffern der Monate Mai, Juni, Juli 1934, die inzwischen vorliegen(bekanntlich wird bereits in diesen Monaten für das Weihnachtsgeschäft exportiert). Es zeigt sich, daß z. B. die Ausfuhr nach Amerika, einem der wichtigsten Absatzmärkte für Spielzeug und Christbaumschmuck, die in den Vergleichsmonaten bereits 1933 gegenüber 1932 um rund 50 Prozent abgenommen hatte, 1934 nochmals eine 50prozentige Verminderung erfahren hat. Man kann also annehmen, daß 1934 kaum»od, ein Viertel der Ausfuhr von 1932 erreicht werden wird. W ährend im Juli 1932 g. B. rund 5600 dz Spielwaren nach Amerika gingen, waren es 1933 etwas über 2100 dz und 1934 nur noch 570 dz! Für die ersten sieben Monate zusammengenommen, betrugen die Ausfuhrzahlen nach USA.: 1932 21 850 dz; 1933 dagegen 11 060 dz und 1934 nur noch 4690 dz! Seit Hitlers Maehtergreifung sind in diesem einen Haupt- exportland also über 75 Prozent des Absatzes verlorengegangen. So muß die„Frankfurter Zeitung" betrübt feststellen, daß lieben Zöllen, japanischer Konkurrenz und Dollarabwertung, die Ursachen für diesen enormen Exportausfall auch„in dem gerade im amerikanische» Spielw areahaiidel teilweise 14 Milfiar Jen Reichssclulden Iii einem größeren Artikel über„Deutsche Wirtschaftsprobleme" schreibt die„Neue Zürcher Zeitung" u. a. folgendes: Es verdient Beachtung, daß sich allein die„sichtbare" Kcjehsschuld seit zwei Jahren um 1,5 Milliarden RM. und seit einem Jahr um rund 800 Millionen auf 14 Milliarden RM. vermehrt hat. Wenn nicht die Auslandsschulden des Reichs jetzt, im Gegensatz zum Vorjahre, zum Tageskurs der entwerteten Ausländ Währungen berechnet werden würden, würde die Zunahme in.c|iese» zwei Jahren sogar 2,5 Milliarden RM betragen haben, in welchem Ausmaße die Inlandschuld gestiegen ist, abgesehen von den in diesen Ziffern teilweise »uch nicht enthaltenen Vorbelastungen der Zukunft. Der Index der Lebenshaltungskosten ist zwar in den letzten zwölf Monaten nur um 4,1 Prozent gestiegen, der Großhandelsindex aber bereits um 6 Prozent, wogegen in sämtlichen ander» Ländern ein mehr oder minder starker Rückgang der Indexziffern, auf Gold berechnet, festzustellen ist. Findet diese Preisentwicklung jetzt noch einen weitern Auftrieb durch die hier angedeuteten monetären Zusammenhänge, als Folgen der Agrarpolitik oder als Folge der mit erhöhten Kosten verhunde»e» Umstellung auf die inländische Roh Stofferzeugung, so dürfte es kaum möglich sein, eine ausreichende Ausfuhr zur Sicherstellung der benötigten Roh- toffimporte zu erzielen. Drohende Qualitätsverschlechfernng Preissteigerung für ausländische Waren Auf dem iq diesen Tagen abgehaltenen Kongreß der Gesellschaft der Deutschen Metallhütten- und Bergleute in Krummhühel wurden einige bemerkenswerte Vorträge von Fachleuten gehalten. Aus diesen Vorträge» geht hervor, daß, wie Prof. Grothe ausdrücklich feststellte. ei»>- Eicher- Stellung der viel allVersorgung aus eigenen Rohstoffen nicht möglich ist. Ferner wurde festgestellt, daß die Ersatzwirtschaft praktisch zur Qualitätsverschlechterung und damit zu poch weiterer Verminderung der Ausfuhr führe. Sq erklärte beispielsweise Prof. Dr. Keßner, Karlsruhe, u. a. folgendes: Bei vielen elektrischen Maschinen und Apparaten bedeute der Ersatz von Kupfer durch Aluminium einen geringere» Wirkungsgrad und damit einp Wertminderung. Ersatz von Kupfer durch Aluminium, auch für lnlandmaschinen, sei auch deshalb bedenklich, weil das Ausland damit eine Gegenpropaganda entfalten könnte— trotzdem für Auslandlieferungen nach wie vor bestes Kupfer verwandt werde. Als wesentlichen Punkt behandelte ferner der Vortragende da Aendcrung der Konstruktion wichtiger Teile von Maschinen. Apparate» und dergleichen unter Verwendung nur deutscher Stoffe und erinnertes dabei an Beispiele aus der Krieg,zeit, von denen sich viele bis heute erhalten haben(z. B. Papierisolation für Transformatoren), Das NDB. verbreitet folgende Meldung: Die Rohstoff- und Deviscnlage hat da?» gefüllt!, daß ausländische Ware» j;n inländischen Geschäftsverkehr vielfach zu Preisen gehandelt werden, die über Weltmarktpreisen liegen. In einigen Fälle» ist sogar bereits beim E>»ka»f von Waren im Ausland ein Preis gezahlt worden, der die Weltmarktpreise übersteigt, offenbar in der irrtümlichen Meinung, daß es allejn darauf ankomme, dem Inlandmarkt Waren zuzuführen, gleichgültig zu welchen Preisen. Um dies zu verhindern, hat der Reicbswjrtschaftsminister ei»e Verordnung Über Preisec von ausländischen Waren erlasse». Eine neue Verordnung verbietet, für ausländische Waren, die der Keichswirtschaftsmiiiister durch Bekanntmachung im „Deutschen Reichsanzeiger" jeweils bezeichnet, im inländischen Geschäftsverkehr einen höheren Preis zu fordern oder sich oder einem andern versprechen oder gewähren zu lassen, als den zur Zeit des inländischen Ongebots oder Verkaufs auf den ausländischen Märkten allgemein gültigen Marktpreis für Waren gleicher Art und Güte, zuzüglich der handelsüblichen Kosten und des handelsüblichen Gewinns. Vorsätzliche oder fahrlässige Zuwiderhandlungen gegen diese Bestimmung werden unter schwere Strafe gestellt. hartnäckig betriebenen Boykott deutscher Erzeugnisse zu suchen" seien. Die Boykottbewegung in USA. gegen'deutsche Waren wirkt sich auch in der sächsischen Handschuhindustrie aus, für die bisher der amerikanische Markt zu den besten ausländischen Absatzgebieten zählte. Wie sehr die Handschuh ausfuhr nach USA zurückgegangen ist, geht aus folgenden Zahlen hervor: Die Ausfuhr deutscher Lederhandschuhe nach Amerika belief sich in den ersten sieben Monaten d J. auf 467 000 Paar gegen 1 168 000 Paar im gleichen Zeitraum des Vorjahres und 2,5 Millionen Paar in den ersten sieben Monaten 1930. Die Ausfuhr deutscher Stoffhandschuhe nach USA. ist von 4216 dz In den ersten Monaten 1928 auf 2298 dz in den ersten sieben Monaten 1930 zurückgegangen, um dann zunächst bei anhaltender Zunahme bis auf 4458 dz in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres erneut iu den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres erneut auf 2677 dz abzusinken. Das Bild, das hier für zwei Industrien aufgezeigt wird, bestätigt sich als Gesamttendenz, wenn man die Berichte der deutschen Zeitungen Über die Leipziger Herbstmesse verfolgt, die durch Herrn Schachts Eröffnungsrede noch ihre besondere Bedeutung erhielt. Wir halten uns absichtlich wieder an die deutsche Nazipresse selbst, der man getrost unterstellen kann, daß sie sich nach Kräften bemüht, den Eindruck der Messe so günstig wie möglich erscheinen zu lassen Es wird festgestellt: om Ausland sind 188 Aussteller aus 17 Ländern vertreten... Die Z a Ii I der ausländischen Aussteller ist gegenüber dem Vorjahre um ei» Drittel zurückgegangen, damals wurden 273 Aussteller gezählt... Die Zahl der ausländischen Besucher wird auf über 4000 geschätzt; sie betrug im Frühjahr 1932 zirka 15 000." Bedarf es noch anderer Beweise, wie das Ausland reagiert? Gibt es in der Welt auch nur ein Beispiel dafür, daß die Wirtschaftskrise als solche einen derartigen Zusammenbruch irgendwo herbeigeführt hätte? Man braucht es nicht mehr auszusprechen, wie stark die Ablehnung der„Braunen Messe" Hitler Deutschlands, unbeschadet der Krisenwirkungen*ira Handel und Export, zu diesem katastrophalen„Wirtschaftswunder des„dritten Reiches"" beigetragen hat! Aach in England Achtzehn reichsdeutsche Firmen, die, wie gemeldet, vor kurzem ihren Sitz nach England verlegt haben, wurden durch die Leitung der jüdischen Boykott he wgeuug in England gleichfalls dem Boykott unterworfen. In der Begründung zu diesem Beschluß erklärt das von der Organisation herausgegebene„Boyeott Bulletin", daß diese Firmen die Hälfte ihres Rohstoffbedarfes in Deutschland deckten und folglich deu Boykottbestiinmungen unterlägen. Frankreichs Außenhandel Die französischen Außenhandelszahlen für die ersten acht Monate dieses Jahres zeigen eine Schrumpfung des Gesamtvolumens um 3,8 Milliarde» auf 27,5 Milliarden franz. Fr., die überwiegend durch die Einfuhrverringerung(— 3460 Millionen) verursacht wurde. Ipi Vergleich zum Import nahm der Export nur einen geringe» Anteil an diesen' Schrumpfungsprozeß; er ging nur um drei Prozent zurück. Ein ungünstiges Symptom stellt allerdings die latsaihe dar, daß die Ausfuhr von Nahrungsmitteln und Rohstoffen zugenommen hat, während der Export von Fertigerzeugnisse»(— 10 Prozent) allein die Kosten dieser Verringerung trägt. Eine Analyse der Gewichtszahlen läßt erkennen, daß auf der Einfuhr- seite infolge der Uebereinstjmmung der Wert- und Gewicht«- zahlen die Preisverhältnisse ziemlich stabil geblieben sind. Für größere Anstrengungen der französischen Exportindustrien auf dem Wege der Preisanpassung spricht der Umstand, daß das Exportvolumen mengenmäßig um 11 Prozent gestiegen ist und daß die Ausfuhr von Fertigerzeugnissen im Gegensatz zur Senkung des Werterlöses eine Erhöhung um 13,5 Prozent erfahren hat. Bemerkenswert ist es, daß im August die Ausfuhr neuerdings eine steigende Tendenz aufweist. Sie ist von 1351 Mit Rapen Fr. im Juli auf 1391 Mi». Fr. im August gestiegen. Ein neuer Industriegigant in Rußland Eine amtliche Verfügung des Volkskommissariats für cHk Schwerindustrie gibt bekannt, daß die ersten dreizehn Viert Stätten des neuen Ma«chi»enbauunternrlimena Kranialer«! ihre Produktion aufgenommen haben. Damit ist ein neue« Industriegigant in Betrieh gesetzt worden, der wesentlich zut weiteren Industrialisierung der Sowjetrepublik beitragen wird. Das ne»e Werk, dem ein Hüttenwerk angegliedert ist, wird in erster Linie Ausrüstungsmaterial für die Schwerindustrie, insbesondere für die Hüttenindustrie und den Kohlenbergbau, liefern. Nach den sowjetrussischen Angabe» istdieKapazitätdesncuerri eh teten Werkes, das imDonezgebiet liegt, mächtiger als die derBorsig- und Krupp-Werke in Deutsch- I a n d. Die einzelnen Werkstätten«ollen ihrem Umfange nach weit größer sei», als die entsprechenden Werkstätten in den bedeutendsten westeuropäische» Maschinenbau- und Hüttenwerken. Die Größe des Betriebes kann man daran ermessen, daß im Jahre 1935 sein Bedarf an Roheisen auf 100 000, an Gußeisen auf 30 000 und an Walzwerkserzeuguis6eu auf 2Q 000 Tonnen berechnet wird. Die gesamte Sowjetpresse feiert die In? betrieb Setzung von Kramatofsk, da« ein neuesWahrzeichen der sozialistischen Wirt* • chaft der Sowjetunion darstellt, freutsdke Stimmen• freiiage zur.freutsetzen f reifkeit I'( M»I» Samstag, den 29. 9eptember 1^34 Ireiöntsse und GtesdbicMen Was hätte et mittsotten? Z)ie Jleise-Andenken eines fcamösischen^Kaufmanns »Auf der Reise durch Deutschland blieb ich einige Tage l'n Berlin, bei Freunden, guten Freunden——erzahlt ein französischer Kaufmann——„ja, wie kann ich Ihnen erklären, wieso und warum ich in Berlin in diesen Saal kam— ja, also, ich lachte über den„Witj", als mir die deutschen freunde von Juden erzählten, die sich der Hakenkreuzfahne angeschlossen haben, Hitler als ihren Führer anbeten. Die Greuelwahrheiten, die Gesetze gegen die Juden, die Morde? Ich fragte. Meine Freunde antworteten, indem sie mich in eine Versammlung der Berliner Nazi-Juden führten. Hier, hier, lesen Sie das, das drückte man mir vor der Saaltüre in die Hand, das habe ich Ihnen mitgebracht!" Der Franzose reichte mir ein Blatt; Bundeslied des Verbandes nutionaldeutscher Juden (Zu singen nach dem im Jahre 1883 gc., schriehenen Deutschen Flaggenlied des jüdischen Deutschen Robert Linderer„Stolz weht die Flagge Schwarz-Weiß-Rot", vertont von Richard Thiele.) Wir geh'n den Weg der deutschen Pflicht, Ob man auch höhnt und schilt. Wir bleiben deutsch und fragen nicht. Nur unser Herz, das gilt. Wen deutscher Wille ganz durchglüht, Der ist auch Deutschlands Kind. Uns schrieb Gott selbst es ins Gemüt, Wo wir zu Hause sind. Hart mag und heiß das Kämpfen sein Mit Haß und Unverstand,—- Wir sind auf Tod und Heben dein, Du deutsches Vaterland! Wer deutsches Kämpfen recht versteht. Der schaut nicht links noch rechts, Weil's um die deutsche Zukunft geht Des deutschen Junggeschlechts. Wir woll'n ein Deutschland hell und weit In Freiheit und in Kraft, Und wollen wissen, wenn's gedeiht: Wir haben mit geschafft! (Kehrreim wie oben.) -il er keine Antwort erhält, glaubt sich der Franzose huldigen zu müssen:„Ich mußte lachen. Ein Herr Nau- U-un sprach, erklärte, daß Hitler Deutschland gerettet habe, daß die nationalsozialistische Weltanschauung auch die der deutschen Juden sei. Die deutschen Juden können glücklich sein, daß Hitler gegen landfremde Juden vorgehe. Deutsche Juden seien Hitler dankbar— das sagte Herr Naumann den deutschen JucfeiV Und es waren nicht nur reiche Juden im Saal. Uebrigens hatte ich noch eine Freude: nach Schluß des Referats und der grausig komischen Diskussion wurde dieses Lied gesungen, dieses.,Bundeslied" Sie hätten sehen müssen, mit weichem Ernst diese Reime herausgeschrien wurden— als wollten dje Nazi-Juden ihre Furcht überschreien, ihre Furcht vor dem Verlieren ihres Geldes, ihrer Häuser, ihrer Geschäfte, Als„Deutschland über alles" mit erhobenem Arm ä la Hitler gesungen werden sollte, wollte ich den Saal verlassen; ungefähr zwanzig von diesen TLachhec 500 Versammelten wollten sich mir anschließen. Was geschah nun— was glauben Sie?" „Man drohte Ihnen, wollte Sie verprügeln," „Vielleicht. Jedenfalls schrie Herr Naumann, als man mich umringte: ,Saaltüren zu!' Worauf meine Freunde und ich laut protestierten. Herr Naumann erklärte jetzt:.Wer nicht mit uns fühlt und nicht mit dem deutschen Gruß grüßt—' und so weite«. Zwanzig Menschen verließen den Saal. V» ieder auf der Straße, verabschiedete ich midi von meinen Freunden, eilte ins Hotel, uro sofort eine telefonische Verbindung mit Paris anzumelden. Der deutsche Irrsinn muß mich angesteckt haben, denn man verstand mich am Telefon •licht, ich schien meine Frau sehr beunruhigt zu haben sie antwortetet.Was ist denn geschehen? Wie? Was hast Du denn? Wir erwarten Dich mit dem nächsten Zug.* Ich blieb nur noch zwei Tage in Deut-ch!«"' 7!--»> T Immer und immer wieder wird"in Deutschland über das Saar-Plebiszit als„die große Hoffnung" gea^eucn.»„. n an der Saar Deutsche gibt, die zu Hitler„heim" wollen, ist mir ebenso unverständlich wie die Tatsache, daß es deutsche Juden gibt, die Hitler anbeten" „Die Furcht vor dem T*ror—" Der Franzose lächelte-„Als ich in Deutschland war, fand ich eine ähnliche Entgegnung natürlich, selbstverständlich, heute, hier in Paris, empfinde ich sie nicht mehr natürlich, nicht selbstverständlich: so ansteckend ist die Furcht vor dem Terror in Deutschland Meiner Frau habe ich übrigens. der Kuriosität halber, einen Meter Ersatzstoff mitgebracht, Ihnen diesen jüdischen Ersatz-Nationalsozialismus in der Form von Versen. Audi meine Frau war über mein Geschenk nicht erfreut, Was hätte ich aus dem Land des Ersatzes mitbringen sollen? Eine Flugzeugbomhe oder echtes Giftgas in der Phiole? Nur die Kriegsindustrie arbeitet ohne Ersatzstoffe— ach, ja, ich hatte meiner Frau einen Ersatz-Gold-Ehering mitbringen sollen— Sie hörten schon von dieser neuen Verordnung? Ersatz-Eheringe— Goldersparnis — TP« nein, einen Ersatz-Ehering hätte ich meiner Frau auch nicht aus Deutschland mitbringen dürfen, nein, wirklich nicht" F-ta. }unq Almen erreichte, zwar im Schweiß gebadet, aber trotz cf,_ drückende« Last erleichtert. Die Sennerin und der Hüte»« bub sahen verwundert auf den frühen Wanderer, luden ihn zum Früstütk ein— er aber lehnte ab und eilte weiter, immer höher und höher. Der Weg war kein Weg mehr, er mußte verteufelt aufpassen, um nicht über eine der Latschen zu stolpern. Geröll bedeckte den felsigen Boden. Die zerhackten Spitzen des Berges waren greifbar nahe und de* noch so weit. Die Sonne stand s*on ziemlich hoch,|1s der Michel endlich oben angelangt war und die S*lu*ten mit den Augen absuchte. Und in die tiefste schleuderte er die Sprengbüchsen— auf dem Bau*e liegend, um nicht dem Luftdruck ausgesetzt zu sein. Mit furchtbarem Getöse explodierten die Sprengkörper, es schien, alz wollten sie den Berg zerreißen, der Donner e*ote minutenlang in der Runde. Dann wandte si* der Michel zum Gehen. Ihm war so leicht zumute, es schien ihm, als habe er mit dem Dyuspiü all da« Alte, da« ihn bisher beherrschte, abgeworfen... Nachmittags kam et zur Arbeitsstelle,«jemand fragte ihn, wo er war- Er aber drückte den Arbaitskollegeu die schwieligen Hände und sagte einfach:„I* werde nicht der einzixe sein, der nunmehr zu eu* kommt!" Völker In Sturmzelten Nr. n Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers So war es in Versailles... Im Jahre 1929 erschien im J. H. W. Dietz-Verlag in Berlin das Buch des damaligen„Vorwärts'rRedakteurs Victor Schiff:„So war es in Versailles.. Victor Schiff war als Vertreter des„Vorwärts" in den kritischen Wochen in Versailles und hat den Kampf um die„Bedingungen" miterlebt. Er hat den Menschen nahegestanden, die damals auf deutscher Seite die schwere Bürde der Verantwortung übernehmen mußten, und endlich die politischen Zusammenhänge als vortrefflicher Kenner des Auslandes tiefer als andere gesehen. Heute, wo der Kampf um Versailles durch das„dritte Reich" r-——'- 1- 4' J Samiteg, J» September 1»1« Von Victor Schiff — v viMiim uui cii aas„arme Keich" eine neue Epoche erlebt, sind Schiffs Erlebnisse und Beobachtungen noch genau so aktuell wie vor Jahren. Allzu vieles ist auch vergessen worden— von dem, was damals in Versailles war. . Wir drucken einige Kapitel aus dem Buche Schiffs ab. Im gleichen Jahre 1929 erlebte es noch die zweite Auflage. Es enthält einige Abschnitte, die von Hermann Müller, OttoLandsberg und FriedrichStampfer verfaßt wurden. Leber Hclsicu nuch Inink reich— Begegnung mil deutschen Kriegsgefangenen I iirchlbure Eindrücke von der. rotpn Zone Mißhandlung von Gefangenen— Ankunft in Versailles— Abriegelung von der Außenwelt_ Dip Haupt- delegierten I reffen ein'•"', Um die deutsche Delegation, die insgesamt etwa 180 köpfe stark war. nach Versailles zu befördern, waren nicht weniger als drei Sondcrziige erforderlich. Man mag über diesen Aufwand staunen und ibn für übertrieben halten. In diesem bestimmten halle war aber die Entsendung einer zahlenmäßig sehr starken Delegation insofern berechtigt, als man nach der letzten Antwort der Alliierten aus Spa schließen durfte, daß es sich in Versailles nicht nur um die bloße Entgegennahme eines Diktates, sondern um regelrechte mündliche Verhandlungen bandeln würde. Unter dieser Voraussetzung, die eigentlich nach allen bisherigen diplomatischen Sitten etwas Selbstverständliches gewesen wäre, war die Zahl der nach \^rsailles entsandten Haupldelegierten, Diplomaten. Sachverständigen. Sekretäre. Uebersetjer. Schreib- und Bürokräfte keineswegs zu lioch bemessen. Man mußte mit der Bildung zahlreicher Unterausschüsse der Friedenskonferenz für politische, finanzielle, wirtschaftliche, militärische, soziale und sonstige Fragen rechnen und es war eher an eine spätere Ergänzung als an eine Verringerung der Delegation gedacht. Uebrigens ist in diese Zahl von 180 Köpfen eine Schar von etwa 20 Pressevertretern eingerechnet, die in die Delegation schon deshalb gewissermaßen eingegliedert wurde, weil bei dem noch formell andauernden Kriegszustand auch den deutschen Journalisten eine Art diplomatische Immunität gesichert werden mußte. Nachdem unter Führung des Freiherrn von Lersner eine kleine Quartiermachergruppe vorausgefahren war, verließ die erste Gruppe, bestehend hauptsächlich aus den Beamten des Auswärtigen Amtes, den Mitarbeitern von Hauptdelegierten und einigen Presseberichterstattern, den Potsdamer Bahnhof am 26. April nachmittags. Die beiden weiteren Züge mit den Hauptdelegierten, den Sachverständigen und den übrigen Journalisten fuhren erst am nächsten Tage ab. Ich gehörte der Gruppe an, die in dem ersten Sonderzug Berlin verließ. Als wir am nächsten Morgen erwachten, lag Deutschland bereits hinter uns. Wir waren in Belgien, in..Feindesland"'. Zwischen Aachen und Lüttich wurden die ersten Spuren des Krieges sichtbar. Auch chronologisch waren es die„ersten"', nämlich die ältesten: einige schon wenige Stunden nach der Eröffnung der Feindseligkeiten im August 1914 zerschossene Häuser und Schlösser. Eine dieser Brandruinen, ein herrliches Schloß wenige Kilometer hinter der deutschen Grenze, wunderschön auf einem bewaldeten Hügel gelegen, nahe der Bahnstrecke und weithin sichtbar, grinst noch beute, nach 10 Jahren, den Reisenden an, der nach Belgien und Frankreich fährt. Offenbar wird gerade dieses Schloß absichtlich nicht wieder aufgebaut, um gleich an der Schwelle des Reiches die Deutschen und sonstigen Reisenden an den Völkerrechts- hruch vom 4. August 1914 eindringlich zu erinnern. Noch vor Lüttich hatten wir einen überraschenden Anblick: während der Zug in Pepinster hielt, erschienen einige deutsche Soldaten in sauberer feldgrauer Uniform, mil Dienstmütze und Lederkoppel, und sprachen ungehindert mit den deutschen Reisenden. Dabei wußten wir, daß wir die letzten noch von deutschem Militär besetzten Gegenden schon in der vergangenen Nacht bei Düsseldorf verlassen hatten und daß seitdem feldgraue Uniform nur noch von deutschen Kriegsgefangenen getragen werden konnte. Daß dies aber keine Kriegsgefangenen waren, erkannte man auf den ersten Blick. Bald hatten wir die Lösung des Rätsels: Pepinster ist die Zweigstation für die kurze Strecke nach Spa. Dort, am Sitz der Waffenstillstan Jskomtnission, waren noch einige hundert deutsche Offiziere und Soldaten tälig, die sich mitten in Feindesland frei bewegen durften, natürlich nur in der nächsten Umgebung von Spa. In Lüttich sollten wir den ersten deutschen Kriegsgefangenen begegnen. Unsere Herzen krumpften sich bei diesem Anblick und bei dem Gedanken an die 800 000 Deutschen zusammen, die noch ein halbes Jahr nach Kriegsende und längst, nachdem der letzte Kriegsgefangene aus den alliierten Heeren wieder heimbefördert worden war. noch immer als Geisel betrachtet und bei Fronarbeit zurückbehalten wurden. Daß es noch ein volles Jahr nach der Unterzeichnung des Friedens dauern würde, bis sich Frankreich bequemen würde, seine letzten Geiseln herauszugeben, ahnten wir damals freilich nicht. Für uns, die wir im Besitze diplomatischer Pässe waren und als solche Jederzeit in die Heimat zurückfahren konnten, war jedenfalls die erste Begegnung mit diesen Opfern des Krieges ergieifend. Sie hatten immerhin den Krieg lebend überstanden und waren darin glücklicher als zwei Millionen ihrer Kameraden— und doch dauerte für sie der Krieg noch fort. Die ersten Gefangenen, die wir erblickten, standen auf dem Bahnsteig von Lüttich und fegten. Sie sahen nicht schlecht genährt aus. aber zerlumpt. Wer weiß, seit wieviel Jahren sie den gleichen feldgrauen Rock trugen und was sie alles im Schützengraben und in der Gefangenschaft mit der gleichen Montur durchgemacht hatten! Sie blickten zunächst erstaunt, sodann mit einem müden Lächeln auf unsere deutschen Schlafwagen herauf und schienen nicht zu begreifen. Die Fahrt durch das Maastal führte uns zunächst durch G die vom Krieg nicht viel verspürt hatten, weil die Kampfhandlungen dort sehr weit zurücklagen und nur kurz gewesen waren. Erst bei Huy sab man die ersten zerschossenen Dörfer. Um so schlimmer war der Anblick von Namur. wo einem recht zweifelhaften Franktireur-Verdacht zahlreiche Häuser dicht am Bahnhof zum Opfer gefallen waren. Weiter ging die Fahrt durch das industriereiche Tal der Saudire, an den zahlreichen Bergwerkshiigeln und Hoch Öfen von Charleroi vorbei, der französischen Grenze entgegen. Um die Mittagszeit war der Grenzbahnhof Erquelines erreicht. Und kaum waren wir auf französischem Boden, da veränderte sich das Bild vollkommen. Bot Belgien, von den wenigen geschilderten Ausnahmen abgesehen, ein Bild des Friedens, der Arbeit, des normalen Lebens, so begann dicht hinter der französischen Grenze ein grauenhaft fantastischer Film sich vor unseren Augen abzurollen. Maubeuge selbst .... 1 I*-. I-*T■-" Aber in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit sollten wir mit eigenen Augen manche sehr häßliche und zum Glück aber auch manche sehr hübsche Szene erleben. Es war an einem kleinen zusammengeschossenen Bahnhof, ich glaube Le Cateau, wo unser Zug längere Zeit hielt. Deutsche Kriegsgefangene, die zunächst in einiger Entfernung unseres Gleises arbeiteten, näherten sich zögernd und furchtsam. Schließlich waren sie soweit herangekommen, daß man ihnen etwas zuwerfen konnte. Eine junge Sekretärin des Auswärtigen Amtes hatte aber eine Apfelsine nicht weit genug geschleudert, sie lag auf einem Nebengleis. Ein älterer Gefangener näherte sieh schüchtern dem für ihn kostbaren Geschenk. Ein Bahnbeamter der Nordbahngesellschaft stand daneben und beobachtete mit verbissenen Lippen den Vorgang. Kurz bevor der Gefangene die Stelle erreicht hatte, kam er mit großen Schritten dazwischen und gerade als der Deutsche sich bückte, zertrat er mit dem Absatz die Apfelsine, deren Saft nach allen Seiten spritzte! Dann blickte er abwechselnd uns und den Gefangenen haßerfüllt und höhnisch an und entfernte sich mit tänzelnden Schritten, stolz ob dieser Heldentat. Hätte ich dieses abscheuliche Schauspiel nicht mit eigenen Augen gesehen, es fiele mir schwer, daran zu glauben. Der Schaden war gewiß nur gering, die Erde hat in diesem Falle nur ein bißchen vergeudeten Fruchtsaft und kein kostbares Menschenblut gesogen— und doch ist mir diese zertretene Apfelsine ein Symbol für die abgrundtiefe Gemeinheit geblieben, die der Völkerhaß erzeugen kann. Man soll aber die Menschen und die Völker nicht über einen Kamm scheren. Wenige Minuten nach dieser traurigen Szene sahen wir, wie ein französischer Korporal die Zeitungen, die für die ihm unterstellten deutschen Mannschaften und die nächste Umgebung"waren noch verhältnismäßig ün-■ e J brt lad V nd a A ufh, ob u' ,d v 7 ,eil,. f."'' d veraehrt. Nur der Bahnhof glich einem Trümmerhaufen— un*'"undbdi-»winkte. Audi andere franzosische glich einem Trümmerhaufen offenbar war er jahrelang das gut getroffene Ziel franzö- sisdier Bombenflugzeuge gewesen, die die deutschen Truppenbewegungen an diesem wichtigen Knotenpunkt zu stören beauftragt waren. Jetzt verlangsamte sich das Tempo der Fahrt in auffälliger Weise. Mit jedem weiteren Kilometer steigerte sich das Bild der Verwüstung. Bei Le Cateau, wo im September 1918 der letzte große Durchbruch erfolgt war, der im Großen deutschen Hauptquartier jene Panik erzeugt hatte, die sich in flehentlichen Bitten nach Berlin äußerte, sofort eine„ver- handlungsfähige Regierung" zu bilden, waren die Spuren des Kampfes deutlich sichtbar. Von diesem Augenblick an fuhr der Zug in einem Durdisdinittstempo von höchstens 15 Kilometer in der Stunde und hielt minutenlang an jeder kleinen und kleinsten Station. Gewiß, die Eisenbahnstrecke war noch nicht wieder in idealem Zustand; manche beim deutschen Rückzug gesprengte Eisenbahnbrücke war nur notdürftig repariert und konnte daher nicht mit normaler Schnellzugs gcschwiudigkeit befahren werdeil; an dem Unterbau wurde emsig gearbeitet, teils von Annamiten. teils von deutschen Kriegsgefangenen. Aber dieses Schneckentempo war offenkundig angeordnet lind man verfolgte damit eine bestimmte Absicht.(Beweis: in den folgenden Wochen bin ich mehrfach über die gleiche Strecke in beiden Richtungen gefahren und konnte midi davon überzeugen, daß sonst beinahe die Friedensgeschwindigkeit eingehalten wurde!) Die Absicht der Franzosen war, den deutschen Friedensdelegierten stundenlang die Zerstörungen vor Augen zu führen. die der Krieg in Nordfrankreich angerichtet hatte. Man muß gestehen, daß diese Idee von feinem psychologischen Verständnis zeugte. Denn nur gefühllose, rohe Menschen konnten bei diesem Anblick gleichgültig bleiben. Und tatsächlich waren wir alle tieferschüttert, obwohl— oder gerade— weil wir die Absicht merkten. Wir sagten uns wohl, daß diese Zerstörungen zum allergrößten Teil eine unvermeidliche Begleiterscheinung des modernen Artilleriekrieges seien; wir wußten, daß sie mindestens ebenso sehr von französischen und englischen Geschützen wie von deutschen angerichtet worden waren. Diese Bummelfahrt durch die„rote Zone" sollte gewissermaßen die psychologische Vorbereitung auf die uns bevorstehenden Friedensbedingungen sein. Wir sollten auf die Büßerrolle gedrillt werden, die man uns zugedacht hatte. Man wollte den Haß im voraus begründen, der uns in Versailles umgeben würde. Stichproben dieses Hasses sollten wir schon während dieses Teiles der Fahrt erleben. Es fällt mir nicht leicht, sie zu schildern. denn es wäre wohl das beste, wenn man gewisse Dinge vergessen könnte. Aber es gibt eben Erlebnisse, die man nicht vergessen kann. Es kommt allein darauf an. welche Schlußfolgerungen man daraus zieht. Und ich hoffe, daß niemand bei der Lektüre der folgenden Zeilen etwas anderes empfinden wird als einen Abscheu vor dem Krieg überhaupt, der manche Menschen in haßerfüllte Tiere verwandelt. Je tiefer wir in dieses Gebiet des Grauens und der Verwüstung eindrangen, desto häufiger und zahlreicher sahen wir deutsche Kriegsgefangene, die unter militärischer Bewachung mit schweren Aufräumungsarbeiten beschäftigt waren. Der Jubel dieser armen Teufel, als sie unseren deutschen Zug erblickten, war unbeschreiblich. Wir waren ihnen in dieser Einöde nicht nur ein erster lebendiger Gruß aus der Heimat, von der sie zum Teil seit Jahren gewaltsam getrennt waren, wir kamen ihnen auch wie die Boten einer — wie mau annehmen durfte—- baldigen Befreiung vor. Sic schwenkten ihre runden, schmutzigen, vergilbten Mützen, wir winkten ihnen herzlich zurück. Sie riefen uns zu:„Bringt uns bald den Frieden!" Noch häufiger war aber der Ruf: „Zeitungen! Zeitungen!" Und alles, was wir an zufällig bei der Abreise als Reiselektüre mitgenommenen Blättern bei uns hatten, wanderte durch die Fenster und sie stürzten sich lachend und dankend, auch unter sich etwas raufend, darauf, wie eine Schar kleiner Kinder, denen man ein paar Kupfermünzen zuwirft. Auch etwas Obst war noch in unserem Besitz, Aepfel und Apfelsinen wurden an die Gefangenen, auf deren Begegnung wir natürlich keineswegs vorbereitet waren, verteilt, wenigstens solange unser Vorrat reichte, und das dauerte leider nicht allzu lange. Unteroffiziere und Soldaten gaben uns durch nette und witzige Zurufe zu verstehen, wie sehr sie sich über den Anblick der deutschen„Friedensboten" freuten, die auch ihnen das endgültige Kriegsende bringen würden. Einige schrien aus vollem Halse demonstrativ:„Vive la paix! A bas la guerre!" Hoch der Friede! Nieder mit dem Krieg! Und wir hatten den Eindruck, daß dieser Ruf sozialistischer Franzosen nicht nur den deutschen Zivilisten galt, sondern vielleicht noch mehr den französischen Offizieren, die uns seit Köln als Eskorte beigegeben waren und die vom Speisewagen aus diese sehr verschiedenartigen Szenen beobachten konnten. Nach einer Weile ließen uns übrigens diese Offiziere durch den Führer dieses Teils der Delegation, den damaligen Geheimrat von Keller, den jetzigen Botschafter in Buenos Aires, ersuchen, nichts mehr den deutschen Gefangenen zuzuwerfen, um unliebsame Zwischenfälle zu vermeiden. Unsere Vorräte waren aber sowieso erschöpft... Jetzt waren wir mittlerweile im ehemaligen Brennpunkt des langjährigen Kampfes angelangt. Ein Meer von BranHruineu verkündete uns St. Quentin. Schon aus der Ferne sah man das gespensterhafte Schiff der Kathedrale aus diesem Meer emporragen. Durch die hohen Mauern hindurch erblickte man den Himmel: Das Dach war eingestürzt, der stumpfe Turm zur Hälfte wegrasiert. Nun war zwar während des größten Teils des Krieges St. Quentin hintcA den deutschen Linien, es war also offenkundig die alliierte, vor allem die englische Artillerie, die dieses Zerstörungswerk vollbracht batte. Aber was halfs? Wir fühlten: Solche Unterscheidungen werden die Franzosen doch nicht machen. Wir sind es in ihren Augen, die den Krieg in ihr Land angriffslustig und mutwillig getragen haben und die an allem schuld sind. Langsam.immerlangsamer fuhren wir weiter südwärts: Terg- nier, Chauny, Noyon— überall dasselbe Bild des Schreckens: Keine Häuser, nur notdürftige, nach dem Waffenstillstand errichtete Wellblechbaracken. die dem Bahnpersonal oder den Anfräumungstrupps als Unterkunft dienten, hier und dort ein einsames Soldatengrah mit einem verrosteten französischen oder deutschen Stahlhelm, manchmal auch, in der Ferne, ein Soldatenfriedhof mit Tausenden von Kreuzen; und im übrigen: eine tiefaufgewühlte Erde, keine Bäume, keine Aecker, nur ein Granattrichter neben dem anderen, und Steine, Steine, Steine. Es war ein herrlicher, sonniger, warmer Frühlingsnachmittag. Aber in der„roten Zone" hielt noch immer der Krieg, seit einem halben Jahre beendet, die Sonne und die Natur in Schach: kaum ein grüner, frischer Fleck, alles verbrannt, vergast, verdörrt. Wir hatten das Tal der Oise erreicht. das einst au den lieblichsten und fruchtbarsten Landschaften Nordfrankreichs zählte: Die sonst bewaldeten Hügel wiesen nur noch kleine, kahle Baumstümpfe auf. die oberen Teile der Bäume lagen zerstreut auf den Hängen oder sie hingen noch am Stumpf wie geknickte Streichhölzer. Zwischendurch Schützengräben und Drahtverhaue, Granattrichter, Drahtverhaue. Trichter, Steinhaufen— das war der Film, der sich vor unseren Augen Stunde um Stunde abrollte. Erst als wir das Gebiet von Compiegne erreichten, veränderte sich die Landschaft wie durch ein Wunder. Bald sah man schon die ersten ganzen Häuser wieder, die ersten beackerten Felder, das erste Grün. Jetzt konnte die Lokomotive auf einmal schneller ziehen und nahm normales Schnellzugtempo an. Das seelische Spießrutenlaufen, das uns die französische Regierung zugedacht hatte, war nach etwa vier Stunden zu Ende. Ich muß gestehen, daß ich förmlich aufatmete, als wir dieses Gebiet verließen. Die letzten, von weittragenden deutschen Geschützen zerstörten Häuser waren der Bahnhof von Compiegne und die angrenzenden Häuser. Dann aber herrschte wieder tiefster Friede in der Landschaft. An der Oise entlang, an Greil und Chantilly vorbei näherten wir uns der Hauptstadt. Der Nachmittag ging zu Ende. Iii schneller Fahrt bogen wir südwestlich ab und machten nun einen großen Bogen um Paris herum. Bei Acheres überschritten wir die Seine in der Dämmerung. Die Lichter der Hauptstadt leuchteten in der Ferne. Kurzer Halt in St. Germain. Einige Minuten später sind wir am Ziele, Vaucresson. einem kleinen Ausflugs und Vjljenort der Pariser Bannmeile. (Portsetzung folgt.) Plcdfcrcr Nörgler, Kritikaster Das Voih und die Nazibonzen Es wird weiter gemeckert, Nach dem 30. Juni und Hitlers berühmten zwölf Geboten erst recht. Es ist erheiternd» die Not- Und Wutgefchreie in den nationalsozialistischen Blättern zu lesen. Wir zitieren einige davon aus den verschiedensten Gegenden des Reiches. Die„Westfälische Landeszeitung Rote Erde" nenNt jene Kritiker die„Hundertprozentigen" und schreibt: „Tos Hauptgewicht legen diese spießbürgerlichen Bier- dank-Patriotcn bei der Erteilung ihrer Belehrungen auf den Punkt, zu dem der Führer sagt, daß SA.-wiiHtcr nicht in L u x n s- A Ii i o m v b i l e Ii fahren dürfen. Dazu haben wir diesen Schwätzern zunächst einmal zu sagen, dasi ein wirklicher TA.-Führer das nie getan hat, alle anderen aber gehören der Vergangenheit an. Weiter brüskieren(?) sich die Itv-Prozentigcn darüber, daß SA.- Führer überhaupt Auto fahren... Man weih wirklich nicht, ob man es Unverfrorenheit oder Naivität nennen soll, was sich diese Leute, die wir nieinen, glauben, heraus- nehmen zu dürfen. Das„Hakenkreuzbanner". Mannheim, stöhnt: Jedes Glas Bier oder Wein, das ein politischer Leiter irgendwo trinkt, wird beschnüffelt. Jede Mark, die ein Pg, der jahrelang arbeitslos gewesen sein mag und sich mit seiner Familie durchhungerte, heute verdient, wird von denen, die Arbeitslosigkeit nie kannten und stets satt zu essen hatten, beredet. Um jeden Urlaubstag wird er be- neidet. Und dann kommt der gehässige schäbige Klatsch: „Haben Tie schon gehört, d a si der Herr To- wieso wegen Ii n t c r s ch l a g u n g c i n g c s p e r r t wurde? Nickt? Man sieht ihn doch schon tagelang nicht mehr! Das ist doch auffallend!.. Hab acht auf sie, Bolksgcnoue! Fahre dazwischen, wo du sie zischen, tuscheln und mUKkeln siehst! Tie werden gefährlich erst in der Masse, im Dunkeln. Die„Oberlausitzer Tagespost". Görlitz, ergeht sich in Drohungen gegen die„Moralinsauren": Weil ein Bäckerdutzend hirnkrankcr Meuterer mit der SA. Schindln der treiben wollte, pfeift und schimpft er(der Moralinsaure) gegen die ganze TA., weil ein Dutzend Verräter mit ihren Verbindungsmännern an die Wand gestellt wurden, glaubt er, die ganze SA. hin- richten und zumindest verächtlich machen und gegen sie Hetzen und wettern zu können. Die zwölf Gebote des Füh- rers sind nicht dazu da, daß über sie irgendein Rabulistikcr brütet und ihnen einen Sinn gibt, der neüe Gegensätze schafft... Das sollten sich alle die besonders hinter die OKren schreiben, die jetzt Morgenluft wittern, die nun allenthalben auftauchen, um Unruhe und irrsinnige Ge- rückte ins Volk zu tragen. Tie sind schief gewickelt, jene Moralinisten und Gerüchtemacher, wenn sie sich einbilden, das! mit ihnen viel Federlesens gemacht wird. Tie„Fränkische Tagespost", Nürnberg, wütet: Diese Itll-Prozentigen sind im Augenblick wieder heftig am Werke. Wir mochten den Herrschaften raten, ihre lose Schnauze zu halten! Fazit: Es ist immer noch zuviel Freiheit im Lande! Es wird immer noch nicht genug Schnauze gehalten! Es sind nach immer nicht genug in den Konzentrationslagern, in den Gefängnissen zu Tode geprügelt, auf der Flucht erschossen. Ja, mit dem Terror ist es— Göring kanns bezeugen— genau wie mit dem Morphium: Hat man sich erst an ihn gewöhnt, kriegt man nie genug davon, bis man daran krepiert. Wo bleibt die Milliarde. Dr. Lea? Da« rinanzgeheimnls der..deutschen Arbeitsfront' Jetzt und einst Der Führer der Deutschen Arbeitsfront. Dr. Robert Leu, hielt in Nürnberg eine Rede über„Wae brachte der Nationalsozialismus dem deutschen Arbeiter?" Einleitend sagt er, die Gewerkschaften seien übernommen worden, um diese politischen Seuchenherde dem Gegner zu entziehen, ohne daß den Arbeitern ein Schaden entstünde. Gegen Ende des alten Systems sei cS so gewesen, das! es den Gcwerkschasts- sunktionärcn hauptsächlich darauf angekommen sei, sich selber machtvolle Positionen mit hohen Gehältern aus Lebensdauer zu schaffen. Fm weiteren schilderte er den Ausstieg der deutschen Arbeitsfront im neuen Reich: am 1. März IM habe der Mitgliederstand betragen: 18 Millionen Arbeiter, Angestellte und Unternehmer, und 4 Millionen Mitglieder ans Handel. Handwerk, Gewerbe und freien Bernsen. Gesamt also 17 Millionen zahlende Mitglieder. Hler iss etu Riichhlstk nytig, Gegen die„gierigen Gewerk- schastsbvnzxn" richtete sich det Kamps aller NT.-Führer ein- schließlich des Kanzlers.„Jagt diese gierigen Bonzen aus ihren Sesseln" war der Leitgedanke. Der Vorgänger von Dr. Robert Ley, Herr Selzner, teilte aber mit, daß. die Gehälter aller Gewerkschastsnngeskellten monatlich 4,5 Millionen RM. betragen, was jährlich also 54 Millionen RM. ausmacht. Nach den beglaubigten und veröffentlichten jährlichen Abrechnungen der früheren freien Gewerkschaften, die allerdings einige Millionen weniger Mitglieder hatten und bis zuletzt aus 7 Millionen zurückgegangen waren, betrugen die Gehälter und Löhne aller Gewerkschastsangestellten aber n„r 1 Millionen Reichsmark jährlich. Eine mehr als doppelte Mitatiederzahl aber hätte eine Erhöbung der Gehälter aus böckttens etwa 5 Millionen Reichsmark jährlich bedeutet, freute aber kokten diese GcwerkschaftsangesteMen rütiv das zehnfache.— Wo fitzen nun eigentlich die gierigen Gciverk- jchaftsbonzen? Und wie steht es um die Finanzen? Rei der früheren billigen Verwaltung der Gewerkschaften erfolgten übersichtliche Vicrteljahresangaben über die Lage SmS? am Jahresende aber wurde die Jahres- büan- und was'dazu("-'hört veröffentlicht. Jedes Mitglied war dadurch über die Vermögenslage und den Mitglieder- stand seiner Gewerkschaft unterrichtet. Die jetzige Deutsche Arbeitsfront repräsentiert alle Gc- werkschaften. Heute müssen alle Arbeitnehmer ihrer Ge- werkschait angehören, daher der große Mitgliederzuwachs. Alle örtlichen Kassierer sind verpflichtet, pünktlich und fast bis zur Ttunde, die Gewcrkschaftsbciträgc an den NT.-Fnnk- tionär im zuständigen Braunen Haus abzuliefern. Seit rund eineinhalb Jahren hat die Deutsche Arbeitsfront alle diese Einnahmen, aber nicht ein einziges Mitglied weiß, wie es um die Finanzen seiner Gewerkschaft, um den Mitgliederbe- stand usw. bestellt ist. Genau betrachtet besteht auch keine Ge- werkschast. vielmehr sind nur Einzclmitglicder vorhanden, die in Ortsgruppen zusammengefaßt sind, diese wieder in Bezirks- und Landcsgrnpven, unter der Leitung von bestell- ten Führern. Aber auch diese Führer haben keine Ahnung von der Vermögenslage ihrer Gewerkschaften: die Orts- sichrer kennen nicht einmal den stand ihrer Ortskassc, der Ottsverein kann selbst über diese freiwillige Eiurichtuitg nicht verfügen. Frgcnh eiuo Abrechnung ist bisher nicht er- folgt.-•- Betrachten wir einmal die jetzigen Einnähmen der Deut-_,.... scheu Arbeitsfront. Vorhanden find 17 Millionen Mitglieder. Die billigste Gewerkschaft zahlt 66 96 Piennia Wochcnbei-" Jedem alten deutschen Gewerkschafter brennt die Frage auf den Lippen, was mit den Gewerkschastsgeldern geschieht, keiner aber darf sich erlauben, danach zu fragen. Wenn sie aber so ein elegantes NS.-Anto vorbeislitzeil sehen, sagt sich ein jeder:„Dieser Wagen fahrt auch mit meinem Geld." Sei es um diese Vermutung wie um jeden anderen Zweifel be- stellt ivie es auch sein mäg, so ist etne Milliarde Reichs- mark jährlicher Einnahme eine so große Stange Goldeswcrt. daß die fehlende Abrechnung jeden Beitragspflichtigen ausfällt. Waren solche früher jeder Gewerkschaft möglich und zwar mit Mitteln, die immer in einem rechten Verhältnis zum Gcsamtgeldcingang gestanden hat, so sollte dies auch möglich fein bei einer Aufwendung von jährlich 54 Millionen Reichsmark für Angcstelltengehälter, ivas das zehnfache von früher ist. 15 dlarh Wodt«i!«ün Da vergeht einem„Heil Hitler'.'' zu rufen Folgender Arbeitcrbrief aus dem Reiche, datiert vom 2. September wird uns zur Verfügung gestellt: Es wird in der Zeitung geschrieben, daß es schön besser geworben ist und täglich besser wird. Hier merkt m a u allerdings n o ch nichts davon. Bisher hatten wir persönlich noch immer ein Durchkommen, aber seit wir nur drei Tage arbeiten, kann ich meinen Verpflichtungen nicht nachkommen. Wir leiden jetzt direkte Not. Viele Lebensmittel sind im Preise angezogen, und der Lohn steigt nicht mit. Butter kostet ein halbes Pfund 0,80 Mark. Uns fehlt einfach der Export, und wenn der nicht kommt, dann kann sich auch das System nicht halten. Mit schönen Reden und Trommeln kann kein Volk satt werden, und wenn wir Not leiden, dann muß die ganze Volksgemcinsckwft Not leiden und nicht die Armen der Aermfte». Dan» gibt es keine Volksschicht, die noch genau so lebt wie vor dem Kriegt. Was nütze» die Worte.Kraft durch Freude, Schönheit der Arbeit usw.: wenn wir eine Mark über haben, bann müssen wir uns ein Paar Strümpfe kaufen oder was anzuziehen. Dann können wir uns nicht aus die Bahn setzen oder eine Ferienfahrt unternehmen. Wir könne» doch schon jahrelang uns nichts kaufen bei 3- und 4-Tagearbett, Anbei schicke ich Euch einmal eine Lohnrechnuiig von 3 Tagen Verdienst. Von ungefähr 20 Mark Verdienst gehen»och 93 Pfennig Blirgek- steuer, dann außerdem 76 Pfennig Verband, da habe ich dann noch gerade 16,16 und davon 6 Mark Miete pro Woche, dann stehen uns, einer dreiköpfigen Familie, noch 11,16 Mark zur Verfügung. Dan» die regelmäßige Abgabe, Licht, Wasser, Müll- und Kanalgebühren, Beerdigungskosten, Kirchensteuer nkw. Da gibt es allerdings»och verbilligte Fcttkartcn. Da steht sich ein Erwerbsloser besser, ivte wir mit drei Tagen Arbeit, und wenn ich denn noch schlechte Torten haben, dann verdiene ich üöch weniger, wie vorige Woche nur 15 Mark utid davon noch 3 Mark Abzüge. Zu der Zeit, als ich bei Euch war, haben wir noch 5 Tage gearbeitet da hatte ich noch ungefähr 40 Mark ohne Abzüge, das ging noch immer, aber jetzt, das ist schlimm und a» ivas anderes ist nicht zu denken, da vergeht es einem„Heil Hitler" zu rufen. Ich will nicht klage», aber nur schreiben, wie die Verhältnisse liegen. Es geht so wie im kaiserlichen Staats, wer die Macht hat, hat auch das Recht. Das Volk hat die Blut- und Geidopfer vom Krieg willig ertrage» und unsere ehemaligen Führer stecken-Heute vom arme» Staat ihre hohe Pension ei». Wie anders die Soldaten»nd Kämpfet von 1D-18, die schickt man ins Ungewisse. Während man die Toi- baten brauchte, hieß eS immer, des Vaterlandes Dank ist Euch gewiß. Wir haben es gemerkt. trag, die ineisten Gewerkschaften haben Wochenbeiträgc von 1 2 Reichsmark, die alten guten Gewerkschaften bezahlen wöchentlich 2—8,50 Reichsmark. Nehmen wir an. ein Teil der Mitglieder ist ohne Arbeit, dann kann aber doch mit einem zahlenden Bestaüd von 13 Millionen Mitgliedern gerechnet werden. Und der Dnrch- schnittsbetraa ist mit wöchentlich 1,50 Reichsmark nicht überschätzt. Also bcträat die Wocheneinnahinc der Deutschen Ar- ltejtsfront 10,5 Millionen Reichsmark, oder jährlich 1i40 Mil- lionen. Das sind 1 Milliarde, 140 Millionen Reichsmark. lieber diese Ri e sens« mmc wöchentlich zusaininenge- tragen durch die Gewerkschnstsbeiträge, ist bisher nicht die g e r> n g' e A b r e ck n u n g erfolg t. Und es deutet nnch nichts darauf hin, daß eine solche Abrechnung gegeben werde. Auch Dr. Leu hat keine näheren Angaben gemacht: lediglich sagte er. daß die NS.-Genieinschaft„Kraft durch Freude" im erste» Fahre etwa 40 Millionen Reichsmark kostet. Es ist dies schon ei» nennenswerier Betrag, im Rah- men der 1140 Millionen Reichsmark aber spielt er keine be- deutende Rolle. Dresden, 28. Sept. F» Glashütte im Sächsische» Erzgebirge war kürzlich der vor der Uhrmacherschnle ausgestellte hölzerne Obelisk, an dessen Teitenwändcn Werbcplnkate siir die NTB. angebracht ivarcn, umgeworfen worden. Die Täter, mehrere junge Leute, die ans Uebermut gclmndelt halsen, könnten bald ermiltclt werden. Sie mußten unter polizeilicher Aussicht de» Obelisk wieder ausrichten. Dabei wurden ihnen Plakate mit der Aufschrift„F ch bin ein Flegel gewese n" auf den Rücke» gehängt. „Flegel gewesen! Und die Flegel, die es noch sind? Die regieren in Konzentrationslager» oder in hohen Staats- ämtcrti herum, und es wird noch einige Zeit dauern, bis man sie abstraft. MM für Die joili Meli"! Upton Sinclair'« Wirtsdiafitsprogromm »er Didiier aJs öourerneur Der Felbzuq siir die nn kommenden November in den Vereinigten Staaten stattfindenden Wahlen ist in.vollem Gonge. Augenblicklich crnouien in den.verschiedenen-taaten die großen Parteien ihre Kandidaten: essind dies die Vor- wählen b'e ioaenannlen primaires. die übrigens von großer Bedeutung find. Eine dieser Wahlen hat mächtiges Aussehen erregt: eine voll»nd ganz triumphale Wahl, mit deren Hilse der Romanschriftsteller «lnt»» Sinclair zum demokratischen Kandidaten für den Gouverneur-' Posten des Staates Kalifornien bezeichnet wurde Der berühmte Versager von„Kön'g Kohle"(den wir vor«inwcn Fahren in der„VolkSstimnie" veröffentlich- eni«L Xn«I",„Pctrvl" um... hat iomft die politische Atenä betteten Die Tatsache an sich würde nicht derart über- nrfi uvtön Sinclair hierbei nicht einer neuen v öl ttischen Ein st eil nun bedient hätte. Die Geschichte dieser »nkkwllnna und seines Vorwahlersolges. die wir dem Peupl?" entnehm«l, ist ecke recht sonderbare. c!!.,,!!!!!«evtember hatte Upton Sinclair, der sich Fm verstoßenen nci| stark den kommunistischen Ten- in gewissen'einer.^ z^^Uftische Partei verlassen, um >1 ie Öjc Soziaiiitiicke variei vertanen,»m denzen genähert ha^ seine Zustimmung zu erteilen. dam.t der Polilk an, ,väs bereits großes A.n- Er sch.oß sich dt» D indessen hierbei, daß er nichts vön sehe erregte J- r J o:ri|.uuieii aufgebe, und es ist rechi wohl cae">•■ S v lt)h anlgeve. NN-, es IN reckt wohl C'J 1 f vo Angeles eiste Verwaltung geschaffe» werden, die stch aus srenvllligen begeisterten jungen Leuten zusammensetzt. - J.?usa»g der Gesch'chte Fhrc Fortsetzung ist mi Augenblick die triumphale Ernennung Upton Sinelnirs ,'>!^«,D.pr'maires. wobei er 316 000 Stimmen erhielt, ivas j.«ituni Ätimnien mehr als der andere demokratische Kandl- bat bedeutet. Wenn die Mystik in der Politik eine Kraft darstellt, woran nicht zu zweifeln ist so ist in !i".rVi nn cm ttpton Slncla'r und seine» Plan eine sehr machtige Mystik entstanden, Tie fand ein Losungswort, wie es die amerikani.chen Massen lieben. Das Programm des zGMdNcl^s ist der„Epic" geworden. Dieses gehetmnlsoolle ckLort Mnst erklärt werde»: es bildet die Anfangsbuchstaben oer Formel: Endiug poverty ln Ealisvrnie iEnde der Armut l» Kalitvrine").. Was das Programm Upton Tlnclairs selbst » t>- 0u' der Tatsache aufgebaut, daß der «taat«aliforn'en allein i 250 006 Arbeitslose zu unlerhalten i' Anstrengung muß softiit dnriti bestehen, diese wieder dem Produktionsprozeß zurückzuführen und die Staatsflnanzcn um so vieles zu entlasten. Sinclair sieht die Schaffung großer Lanöwirtschastskolonie» und Manufakturen vor, die vom Staat verwaltet werden. Um sie zu bilden, soll der Staat zu den gegenwärtigen Vaitkrvtt-Prclscii die ge- pfändeten oder verlassenen Länbereien und die geschlossenen Fabriken aufkaufen. Die Arbeitslose» sollen ln ihnen in- stallierl iverdcn. Tie sollen den volle» Nützen n»s ihrem Arbeitsprodukt ziehen, d'ese Produkte aber ivüvdcn zu be» Ge- stehungskosten verkaust Werve». Bon den Bauern solle» an Stelle der Steuer» Lebensmittel bezogen werden. Unter der Führung des Staates soll zwischen den landwirtschaftlichen und industriellen Kolonie» mit Hilse einer Gcnossenschasts- kctte der Austausch organisiert werden. Auf diese Weise, er- klärt Upton Sinclair, würde „ei,, neues Produktionssystem geschaffen, in dem die Wall Street(das Finanzkapital) nichts mehr zu suchen hätte". I» einer Rede, die an, Abend seiner Kandidaiur-Ausstellnna mit Hilse des Radios verbreitet wurde erklärte er, daß„die industrielle» Produkte den landwirtschaftlichen Distrikte» zugeführt würden und daß aus diese Wci:e ein größerer Austäüjch der landwirtschaftlichen Produkte hervorgerufen ivürdc: in kurzer Zeit würden sich alle nn der Arbeit und auf dem Wsg zum Reichtum befinden." Dieseln Programm sind dcö weiteren Tteuerresorntpläne sowie Pläne für die Fnvaliditäts- und AltcrSpensioncn cnt- halten. Das Wesentliche des Epic besteht aber vor allem da- rin, mit Hilfe und unter der Leitung des Staates Öicie Dauschsysteme zu verallgemeinern, die gerade in Kalifornien ivieder aufgetaucht sind, und von denen sich einige mit mehr oder minder Eisolg aufrechterhalten. Bon diesem Gesichts- punkte ans betrachtet, hat der Epic nicht die Originalität, welche ihm von seinen begeisterten Anhängern beigemessen wird und ebenfalls nicht den Wert, den ihm sein Verfasser verleiht. Upton Sinclair wollte zeigen, daß er Sozialist ge- blieben ist Er behauptet zu glslcher Zeit, daß sei« Pronrawm den Grundsätzen des New Deal entspr'cht und er beruft sitz aus die Politik Rooesevelts Teilte Ei nennung zum Kandidaten von Kalifornien hat trotzdem nicht wenig Erregung In Washington verursacht. Es ist dies nicht allzu schwer verständlich! Die jüdisdie Emigration» bibpkmtih Max Draun In Paris Am Dienstag, dem 2. Oktober, um 21 Uhr, findet die große, Versammlung im Deutschen Klub zu Paris statt, auf der Max Braun(Saarbrücken), Führer der Deutschen Freiheitsfront, über die Zukunft des Saargebietes spricht. Max Braun kommt aus Genf und wird sich auf der Durchreise zwei Tage in Paris aufhalten. Die Versammlung vom 2. Oktober findet statt in dem großen Saal der Mutualite, 24, Bue Saint-Victor(Metro: Maubert-Mutualite). Eintritt für Mitglieder des Klubs frei, Gastkarten zu 12, 10, 8 und 5 Franken am Saaleingang.(Stellungslose 3 Franken.) Im Vorverkauf sind Karten erhältlich im Büro Heppenheimer, 45, Bue d Hauteville, täglich von 9 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr, sowie bei den Kolporteuren der„Deutschen Freiheit". Pariser Berichte Ein Drama Im Schnellzug Sensationelle Aufklärung DNB. Paris, 28. Sept. Das rätselhafte Drama im schnell- zug Ventimiglia—Paris, in dem in der vergangenen Nacht die Leichen zweier angeblich ans Nizza stammender Kauf- leute gefunden wurden, hat jetzt zu einer sensationellen Eni- deckung geführt. Bei dem einen der beiden Toten, dessen Papiere ans den Namen Alibert lauteten, und in dem man den Mörder des anderen vermutete, handelt es sich nach deit Ermittlungen der Polizei um einen aus Polen gebürtigen Joseph Ziffer, der vor Jahresfrist die Kriminalpolizei aller Länder beschäftigt hat. Man muh ziemlich tveii zurückgreifen, um die Zusammen- hänge darzulegen, die Ziffer zu einem gehetzten Wild der Polizei machten. Im Juli 1923 wurde am strande von Tre- port bei Dieppe die Leiche einer Frau gefunden, die vier Schußwunden aufwies. Alle Nachforschungen der Polizei, den Namen der Unbekannten festzustellen,'blieben erfolglos, so daß man sich entschloß, die Angelegenheit ad acta zu legen. Fast 19 Jahre später, genau 19 Tage vor der Verjährung des Verbrechens, erhielt die Polizei einen anonnmen Brief der sowohl die Identifizierung des Opfers, als auch die Fest- stellung des Mörders erlaubte. Es handelt sich bei der Toten um eine 24jährige polnische Sängerin Helene Zawufka, die mit einem Bruder Ztffers verheiratet war. Die Untersuchung ergab weiter, daß die Unglückliche auf Beschluß eines Familienrates von ihrem Schwager ermordet worden war, um ihrem Mann die Möglichkeit zu geben, eine reiche Heirat abzuschließen. Die polnische Polizei verhaftete de» Ehemann und dessen Schwester, die beide zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt wurden. Gegen den Mörder Ziffer erließ die französische Polizei einen Steckbrief, der aber ohne Erfolg blieb, weil Ziffer es verstand, sich allen Nachforschungen zu entziehen. Erst vor ganz kurzer Zeit ivar es der Pariser Kriminalpolizei gelungen, festzustellen, daß Alibert und Ziffer ein und dieselbe Person ivaren. Seine Verhaftung stand unmittelbar bevor. Mau vermutet nun, das die Bluttat im Schnellzug ebenfalls in Zusammenhang mit der 19 Jqhrc zurückliegenden Mordangelcgenhcit steht und daß Ziffer seinen Reisegenvssen und Freund ermordete, um einen unbequemen Zeugen zu beseitigen, es dann aber vorzog, sich selbst das Leben zu nehmen. Ein Vortrag Georg Bernhards Die Association des Emigres Jsraeliteö dÄUemagne cn France hatte am Mittwoch zu einem Begrlißungsabcnd in Paris eingeladen, an dem hunderte von jüdischen Emi- grauten aus allen Kreisen und Ständen sich beteiligten. Pro- scssor Georg Bernhard sprach über das Thema„D i c jüdische Emigration". In einnndeinhalbstündigen Ausführungen wußte der Redner die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu fesseln. Bernhard wandte sich dagegen, daß man etwa die Ereignisse, die sich in Teutschland abspielten, unter einem jüdischen Gesichtspunkte sehe. Das deutsche Problem sei keineswegs ein jüdisches Problem. Dennoch aber seien die jüdischen Emigranten nicht in gleicher Weise wie die Gesamtemigrantcn zu betrachten. Während die nichtjüdischen Flüchtlinge nun wegen ihrer Weltanschauung verfolgt seien, mache man den Juden ihre Abstammung und ihre Vorfahren zum Vorwurf. Wenn man kein Freund demokratischer Grundsätze sei, könne man es verstehen, daß der politische Gegner rücksichtlos verfolgt werde. Anders sei es mit der Methode, jemand nur wegen seiner Abstammung zu schänden. Sehr energisch wandte sich der Redner gegen Ausfiih- rungcn, die Prinz H o h e n l o h c- L a n g e n b e r g kürz- lich im„Deutschen Klub" gemacht hatte und die sich dagegen aussprachen, daß Juden im Vordergründe der Emigration ständen. Der jüdische Emigrant sei gegenüber dem anderen dadurch benachteiligt, daß diesem nach dem Sturz des Hit- lerismus ohne weiteres die deutschen Grenzen wieder offen ständen, während das für die Inden Jahrelang noch nicht der Fall sein würde. Denn das Gift des Antisemitismus, mit dem man jetzt in Deutschland schon die Kinder ver- scuche, werde sich wohl erst in Jahrzehnten wieder unwirksam machen lassen. Bernhard dankte der Familie Rothschild für ihre Opferwilligkeit, die sie der Emigration gegenüber an den Tag gelegt habe. Er geißelte es aber, daß der bedeutendste Teil der französischen Judenhcii keinen Ecntimc für die Glaubensgenossen aus Deutschland geopfert habe in dem Irrwahn, daß es sich nur um eine Sache der deutschen Juden handele, wenn man gegen den Hitlerantisemitismus kämpfe. Blau könne von der französischen Regierung nicht verlangen, daß sie den jüdischen Emigranten helfe. Tie tue genug, wenn sie ihnen das Asnlrccht einräume. Jetzt müßten die französischen Juden ihre Pflicht tun. Laute Zustimmung erntete der Redner, als er mit den nationalsozialistischen Juden des Herrn N auma n n abrechnete, die er„verhinderte Nazis" nannte. Aber er fügte hinzu, daß auch unter den Juden in der Emi- gration solche verhinderten Nazis seien, die für die an- ständigen Emigranten eine unerhörte Belastung bildeten. Sie sollten so schnell wie möglich aus Frankreich ver- schwinden. Bernhards Ausführungen, die lebhaften Beifall auslösten, ging eine Ansprache des Vorsitzenden Adolf Philippsborn vorauf, der auf die Ziele der Association hinwies, deren höchster Grundsatz es sei, durch die Emigration für die Emi- gration zu arbeiten. Eingeleitet wurde der Abend von Herrn Obcrkantor Gronich, der das„Gebet" in der Vertonung von Hilter, begleitet von Herrn Kapellmeister Dr. Kainz, in ge- sanglicher Vollendung zu Gehör brachte. Zuarlander. Ihnen ist jolgende Notiz in der Nazipresse aufge- fallen:„Mit der schweizer Zaalpolizei hat es bekanntlich auch nicht geklappt. Nun hat Mugolini erklärt, der Anwerbung in Italien alle Erleichterungen angcdeihcn zu lagen. Tee Teparatistenpreste schweigt verlegen über dieses„Entgegenkommen", denn es ließe die Möglichkeit ossen, daß ivir an die saar„verfluchte Faschistenhundc" cli- Polizei bekamen. Wenn es auch nur„Italiener" sind. Aber es sind„Faschisten".— Tic verfluchte„Tcparatistcnpresse" hat keines- wcgs verlegen geschwiegen, sondern auch die Meldungen über die Möglichkeit italienischer saarpolizci registriert. Ans die Bcrbrüdc- rung zwischen Hitler- und Mugolinifaschiften sind wir sehr gespannt — nach den Kosewortcn, die sich Brannhcmdcnträger und schwarz- hemdcnlragcr gegenseitig über die Alpen hinweg zubrüllen. schweizer. Saarbrücken hat 182 900 Einwohner(männliche 63 731, weibliche 69175). „Papcn-Mooncy-Billings." Ihr Aufsatz ist recht interessant. Vir möchten ihn aber einstweilen nicht veröffentlichen. E. E. London. Besten Tank! Wird verwendet. Th. Sch. Bern. Ihnen und den Mitunterzeichneien vielen Tank' für den Brief und die freundliche sorge um unser kostbares Leben. Taß wir nicht desertieren, wissen sie. Wo unsere Ausgabe uns hinstellt, halten war aus. Tarauf können Tic sich verlassen. An mehrere. Ta die Redaktion der„Zaarbrückcr Zeitung", die nur aus Eristenzrücksichicn dem Nationalsozialismus sich hingibt, moralisch noch tief unter den überzeugt nationalsozialistischen Rc- daktcurcn steht, hat sie das angebliche Interview des Reichskanzlers a. d. WIrth nur sehr retuschiert wiedergegeben. Wieviel von dem Interview überhaupt echt ist, lassen wir dahingestellt. Tie Nazi- prege gibt Herrn Wirth jedenfalls folgenden Rat:„Heute sollte er sich hübsch bescheiden im Hintergrund halten und alles vermeiden, was die Welt an seinen schlcck)ten Abgang von der politischen Bühne erinnern konnte." „Protestant". Es ist richtig, daß die bäurische Regierung die Schriften des weltbekannten protestantische» Theologen Karl Barth verboten hat und die in de» Buchhandlungen vorhandenen Ercmplarc bat beschlagnahmen lagen. Barth ließ seinen wissen- schaftlichen Werken seit dem letzten Jahr eine Schriftenreihe über kirchliche tsegenwartsproblemc folgen. Eine nachhaltige Wirkung hatte vor allem die im Sommer 1938 erschienene Schrift„Ich sage nein", in der Barth erklärt, daß das Ende der evangelischen Kirche gekommen wäre, wenn die Lehre der Teutichcn Christen in ihr zur Alleinherrschaft kommen würde. Lieber möge die evangelische Kirche zu einem kleinen Häuflein werden und in die Katakombe» geben, als mit jener Lehre auch nur von ferne J-ricdcn schließen. Tic- jenigen, die sich dieser Lehre angeschlossen haben, betrachtet Barth entweder als Verführer oder als Verführte, und er behauptet, die Kirche in dieser„Glaubensbewegung" nur so wiedererkennen zu können, wie er stc auch am römischen Papsttum wieder erkennen möge. Barth, dcgcn Schriften im übrigen in Teutschland srei abgesetzt werden dürfen, bekleidet heute noch seinen Lehrstuhl an der Universität Bonn. Wenig bekannt ist, daß der sehr positiv gerichtete bedeutende Theologe politisch zu den demokratischen Sozialisten gehört. Bern. Für unbesetzte Pfarrstcllen im Kanton Bern haben sich 39 ans Deutschland emigrierte Pastoren gemeldet'? Bis- her konnten jedoch nur 2 Anstellung finden? Sie werden mit noch mehr emigrierten Pfarrern rechnen müssen. Tie regierende Roheit kann keinen aufrechten Charakter dulde», es sei auf einem Gebiete wie immer. Frankfurter. Ihre Mitteilung, daß der Pfarrer Vcidt an der Paulskirch« strafvcrsetzt wurde, ist recht interessant. Das hätte et sich mich nicht träumen lagen, als er in der Nationalversammlung zu Weimar so heftig gegen die bösen Sozialdemokraten loSzog. Für den Gesaniltnhalt verantwortlich: Johann P l tz ln Dud- melier: iür Fnleraie: Ctto Kuhn In Tao-brücken. Rotationsdruck und Verlast: Verlast der Ä>vlfSstimme Saarbrücken 3» Echützenstraße b.— Schließfach 776 Saarbrücken. Die Gründung der Arbeiter-Internationale Ein Gedenhbiatt zum 28. Sepember 1864 (I. I.) Es war der 28. September 1894. Ter heldenmütige Freiheitskampf Polens war vom russischen Zarismus blutig niedergeworfen. In Warschau herrschte wieder„Ordnung". ? a^ cr Martins Hall in London englische, französische, deutsche Arbeiter, Gewerkschafter und Emi- grauten, polnische und italienische Revolutionäre zusammen. Was sie erfüllte, war der Protest gegen die Bluttaten des Zarismus, der Wunsch für das Selbstbestiinmungsrecht der Völker zu demonstrieren, die Einsicht, daß es nur erkämpft werden kann durch den internationalen Freiheitskampf der Arbeiter, so entstand aus dem Blut der polnischen Frei- hcitskämpser, aus dem Haß gegen die Vormacht der Welt- reaktiv», den russischen Zarismus, der erste Keim der weit- umspannenden Organisation der kämpfenden Arbeiter. Die Versammlung in St. Martins Hall beschloß die Einsetzung eines Komitees, um das Statut der zu gründenden Organi- iation auszuarbeiten. Bei der zweiten Sitzung des Komitees, cie am 12. Oktober 1804 stattfand, wurde beschlossen, die neue Organisation„Internationale Arbeiter-Association" z» nennen. Bei der vierten Sitzung, am 1. November, wurde der von Marx ausgearbeitete Text der Jnaugnraladrcsse der Internationale angenommen. Sic schloß mit den gleichen Worten, mit denen der glühende Kampfruf des Kommu- nistischen Manifestes endete: Proletarier aller Länder ver- einigt Euch!— Die erste Internationale war gegründet. Ihre Gründung fiel in die Zeit schwärzester'Reaktion. In England regierten zwar die Liberalen, aber die Arbeiter, nach dem Ende der Ehartistenbewegung entmutigt, genossen in ihrer überwiegenden Mehrzahl keinerlei politischen Rechte. In Frankreich hatte Napoleon tu., der Vorfahr des nio- lernen Faschismus, auf dem vom Arbeiterblut der Juni- fchlachi gedüngten Boden mit List und Terror seine Herr- schalt ausgerichtet. In Preußen und Oesterreich war auf die Freiheitsbewegung von 1848 eine neue Periode des Absolu- tismus gefolgt, die noch kaum auf Wiedcrstand bei Bürgern lind Arbeitern stieß. Und fern im Osten lagerte der gewaltige Block des zaristischen Rußland, des Todfeindes jeder Frei- heits- und Emanzipationsbewegung der Massen. Und dennoch rief die Jnanguraladrcssc die Arbeiter zum ent- scheidenden Kampf aus: Die politische Macht zu erobern ist jetzt die große Pflicht der Arbeiterklasse." In den Kabinetten der Großstaatcn Europas reiften die Entscheidungen heran, aus denen der deutsch-französischc Krieg hervorgehen sollte. Das zaristische Rußland erstickte die Freiheitsregungen der von ihm unterjochten Völker im Blut.„Die Uebergriffc dieser barbarischen Macht, deren Haupt in St. Petersburg ist und deren Hände in jedem Kabinett Europas sind, haben die Arbeiterklasse die Pflicht gelehrt, sich der Geheimnisse der internationalen Politik zu bemächtigen, die diplomatischen Aktionen ihrer Regierungen zu überwachen, ihnen wenn nötig mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln entgegenzuwirken," erklärte die Jnaugu- raladresse. Und die 1. Internationale proklamierte die Pflicht zu kämpfen„für eine neue Gesellschaft, die nach innen keine andere Politik kennt als die Arbeit, weil sie nach außen keine andere Politik hat als den Frieden". Siebzig Jahre sind seit der denkwürdigen Versammlung in St. Martins Hall vergangen. Die erste Internationale ist zwölf Jahre später den Kämpfen zwischen Marxismus und Bakuninismus, dem Gegensatz zwischen der Wissenschaft der Arbeiterbewegung und der Romantik der Revolte, erlegen. Die neue, die Zweite Internationale, erwuchs 1889 über die Gräben hinweg, die der dcutsch-sranzöstsche Krieg aufge- worfen hatte. Tic Stürme des Weltkrieges haben die Jnter- nationale aufs neue zerstört. Eine Periode schlimmster Zer- rissenheit, der Spaltung in drei internationale Grnp- Vierungen war seine Folge. 1923 gelang ein entscheidender Schritt zum internationalen Wiederaufbau, die Gründung der Sozialistischen Arbeiter-Jntcrnationale. Sieben Jahr- zehnte gewaltigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Geschehens sind vorübergerauscht. Aber die Ausgaben, die die Jnauguraladresie der Internationalen Arbeiter-Association den Arbeitern aller Länder stellte, sind wahr wie je zuvor, ihre Worte lebendig und nnvcrblaßt. Was vor siebzig Jahren ein kühler Traum war— die Eroberung der politischen Macht— ist heute zur unmittel- baren Pflicht des Sozialismus geworden. Was 1894 die toll- kühne, abenteuerliche Idee einer kleinen Handvoll Revolu- lionärc schien— wer wollte leugnen, daß es heute ans der Tagesordnung der europäischen Politik steht! Gewiß, in Mitteleuropa, in Italien, in großen Teilen Osteuropas hat der Faschismus die Demokratie zerstört, die Arbeiterklasse entrechtet. Aber wer wagte zu behaupten, daß damit mehr unterging als die bloße einer unsterblichen Idee, die morgen schon stärker, selbstbewußter, auferstehen wird? Dort aber, Ivo die Demokratie unversehrt blieb, wo die Arbeiter, ivic es die Jnaugnraladrcsse nannte,„ein Element des Er- folges,— ihre große Zahl" täglich einzusetzen vermögen, wo statt der Idee der Gewalt die Gewalt der Idee offen zu wirken vermag, dort schreitet trotz aller Niederlagen die Arbeiterbewegung siegreich fori. Mag der Faschismus, diese letzte Stütze einer untergehenden Gesellschaft, mit Mord und Brand sich der Entwicklung entgegenstellen— so lange der Kapitalismus besteht, sammelt er täglich in den Betrieben und Fabriken die Kämpfer des Sozialismus, prägt er ihnen täglich in Not und Entbehrung, in lebendigstem An- ichauungsnnterricht die Lehre von den Klassengegensätzen ein, die nur der Sozialismus zu überwinden vermag, schafft er täglich aufs neue seine Totengräber. * Der russische Zarismus ist gefallen. Aber gefährlicher als er, hat der Faschismus, der aufs höchste getriebene Nationalisinus, Europa in ständige Unruhe versetzt, aus der immer unedel der Kriegsbrand emporzulodern droht. Wieder wer- den in den Gehcimberatungen der Kabinette Intrigen ge- spönnen, die die neuen Fronten eines neuen Krieges vor- zeichnen sollen. Kann es irgendeine größere Ausgabe für die Arbeiterklasse aller Länder geben als die,„die diploma- tischen Aktionen ihrer Regierungen zu überwachen", die ge- Heimen Kriegsvorbercitnngcn ans dem Dunkel ans Tages- licht zu zerren und sich der Katastrophe cntgcgenzustemmen. Ter Appell, den die Jnauguraladresie an die Arbeiter aller Länder richtete, war ein Aufruf zur Einheit. Sic hat% damit, ebenso wie das Kommunistische Manifest, der großen und unerfüllten Sehnsucht der Arbeiter Ausdruck verliehen. Jener Sehnsucht, der die geeinte Sozialistische Arbeiter- Internationale auf ihrem Griinbungskongreß in Hamburg .1923 in ihrem Statut neuerdings Kraft verlieh, indem sie erklärte: „Die TAI. ruft alle Arbeiter zur Einigkeit der sozia- listischen Bewegung in den einzelnen Ländern und in der Internationale auf. Sie ist entschlossen, mit allem Nachdruck für die Verwirklichung dieser Einigung zu arbeiten. Sie fordert die Sozialisten aller Länder aus, ihre Bemühungen zu unterstützen, indem sie sich in tatkräftiger Weise um die Herstellung einer proletarischen Einheitsfront gegen den Kapitalismus und Imperialismus, sowohl in ihrem eigenen Lande, als auch im Schöße der internationalen proletarischen Klassenorganisaiioncn bemühen." Auch diese Aufgabe, die die Jnauguraladresie vor sieben Jahrzehnten verkündete, ist heute lebendig. Immer stärker erfüllt die Erkenntnis die Arbeiter aller Länder, die auf dem Brüsseler Kongreß der TAI. ausgesprochen wurde:„Die Welt wird zur Welt der Arbeiter werden, wenn nur die Arbeiter geeint sein werden, sich sie zu erobern!" Es war ein Häuflein von Arbeitern, das 1894 in London zusammentrat: wenige von ihnen waren Vertreter größerer, tätiger Organisationen. Viele iparen Heimatlose, die die triumphierende Reaktion, die den Stürmen von 1848 gefolgt war, vertrieben hatte. Es gehörte mehr als ein Glauben, der Berge versetzen konnte, dazu, wenn diese wenigen Männer es wagten, den regierenden Machten den Kampf anzusagen. Wiederum hat die Reaktion in einer neuen Gestalt, in der Gestalt des Faschismus, in großen Teilen der Welt gesiegt. Wiederum muß wie 1804 die sozialistische Bewegung in vielen Ländern illegal, unterirdisch ihren Freiheitskampf führen. Wiederum sind es, wenn die Exekutive der Internationale zu ihren Beratungen zusammentritt, nicht wenige Emi- granten, die für die Arbeiter sprechen. Wiederum glaubt die Reaktion diese Emigranten verhöhnen und schmähen zu können. Sie hat die gewaltige Kraft vergessen, mit der sich die Emigranten, das Häuflein von 1894, zur weltbewegenden Macht erhoben, die einem Jahrhundert ihren Stempel auf- drückte. Tie ist taub den Zeichen der Zeit, die den Unter- drückten von heute in den unsterblichen Worten des Liedes von der„Internationale" unzerstörbaren Mut einflößen.