Sinzig« unabhängige Tageszeitung veutlchlauds Nr. 229— 2. Jahrgang Saarbrücken, Mittwoch, 3. Oktober 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Christian Roth £ebensfoCd eines deutschen QegenceuaCutionäcs Seite 4 Deutsche Induslrleuot Veriraulidics Rundschreiben einer Maschinenfabrih Wir erhalten von befreundeter Seite aus Deutschland nach- feiten der deutschen Industrie infolge der schrumpfenden folgendes Rundschreiben, dessen Inhalt für die Schwierig- Ausfuhr bezeichnend ist. Das Rundschreiben lautet: MASCHINENFABRIK KOENIQ-WERKgmbh. Berlin-Charlottenburg 4/ Guben Charlottenburg 4,im August 1934 An einen kleinen Kreis von Fachleuten des graphischen Gebietes wenden wir uns in folgender Sache: Wir suchen neben unseren Koenigs Bogenanlegern einen Fabrikationsartikel, der geeignet ist, die Lücke auszufüllen, die der zu rückgegangene Auslands-Absatz hervorruft und"bitten Sie, uns zu schreiben, falls Sie etwa aus Ihrer Fachkenntnis heraus in der Lage sind, uns einen Vorschlag zu machen für einen Artikel, den wir aufnehmen könnten. Es kommen nur maschinenmäßig herstellbare Artikel in Betracht, für die ein gewisser grössererMengenbe darf vorliegt sowohl schon bekannte Sachen, die z. B. durch mehr Reklame in grösserem Umfange abgesetzt werden können oder überhaupt neue Maschinen, in diesem Falle genügt uns die Angabe des Zweckes der Maschine, ohne nähere Einzelheiten. Sie würden uns zu Dank verpflichten, wenn Sie uns einen entsprechenden Fingerzeig geben würden. Wir würden bitten, diesbezügliche Briefe unfrankiert an uns abzusenden. Wir sehen in vorliegender Bitte eine Anregung, uns eine Gefälligkeit zu erweisen. Sollte sich aus dieser ein ersprießliches Geschäft entwickeln, so würden wir uns zu einer Belohnung erbieten, ohne jedoch eine rechtliche Verpflichtung zu einer solchen zu übernehmen. Wir haben bisher schon von uns aus Erwägungen nach den verschiedensten Seiten hin angestellt, aber es ist uns nichts eingefallen, was Erfolg verspricht, zumal Sachen von einem geringeren Einzelwert ausscheiden dürften. Wir sprechen im voraus unseren Dank aus, falls Sie versuchen, uns mit Ihrem sachkundigen Rat behilflich zu sein und uns Vorschläge zu machen, und wir würden uns freuen, wenn sich ein Ergebnis zeigen sollte. Mit deutschem Gruss Maschinenfabrik Koenig-Werk G.m.b.H. De» wahrhaft kläglichen Ton dieses Rundschreibens einer um ihren Ausland-Absatz gebrachten Maschinensabrik muß man mit den Sicgesfanfaren vergleichen, die Hitler und seine Unterbonzcn über ihre„Erfolge" sür Teutschland immer wieder hiuausschmettern. Ter„Führer" eilt von Fest zu Fest und läßt sich triumphal feiern, aber in dem von ihm mehr kujonierten als regierten Reiche geht es überall rückwärts. Fabrikanten setzen Prämien aus für den, der in ihrer verzweifelten Situation einen Rat weiß, welchen Artikel sie auf den unbeschäftigten Maschinen fabrizieren und durch cnt- sprechende Reklame im Jnlande absetzen könnten. Für die Rückeroberung des Auslandmarktes gibt man überhaupt die Hoffnung auf. Die Fabrikanten bemühe» W vor dem drohenden Zusammenbruch zu retten und suchen verzweifelt nach neuen ProduktionSmöglichkeiten, um wenig- stens bis zu einem gewissen Grade den Betriebsgang auf- rcchtznerhalten. Derartige Produktionsumstellungcn bergen aber in sich große Gefahren für die gesamte deutsche Wirtschast. Tie Auf- nähme einer neuen Erzeugung ist stets mit Kapitalinvcsti- tioncn verbunden, die zu Fehlinvestitionen werden. Wenn heute beispielsweise die Kunstseidenproduktion auf Kosten der Banmwollwarenerzeugung enorm ausgedehnt wird, wenn Kunstwollerzeugnisse und Ersatzstoffe ihre Produktion auf Kosten der Wollindustrie vergrößern, wenn neue Papier- warcnfabriken ins Leben gerufen werden, die ausschließlich deutsches Holz verarbeiten sollen, so handelt es sich hier UP Englischer Brief O.G. London, Ende September. Longsam erwacht die englische Politik wieder aus ihrem Sommerschlaf. Die Minister kommen aus ihren Ferien zurück, der erste Kabinettsrat nach den langen Ferien hat bereits unter Baldwins Vorsitz stattgefunden. Auch Macdonald ist auf dem Heimwege nach seinem drei- monatigen Erholungsurlaub— nicht allzuoiele freilich werden seine Rückkehr zur aktiven Politik mit der gleichen freudigen Erleichterung begrüßen, mit der seiner- zeit seine Urlaubsreise nach Kanade begrüßt wurde. Tie Presse beschäftigt sich wieder mehr mit politischen Problemen, wenn aust andere Fragen, wie der Stapellauf des Riesendampfers und der Besuch der Prinzessin Marina, der Braut des jüngsten Königssohnes, nach wie vor einen Riesenplatz in den Zeitungen verschlingen. Das Parlament tritt im Oktober wieder zusammen, ohne allerdings allzuwichtigen Beratungsstoff vorzufinden. Die wichtigen Dinge sind zunächst der Regierung allein vorbehalten: im Innern vor allem der Kampf gegen bie Arbeitslosigkeit, nach außen die Stellungnahw zu den drängenden europäischen Problemen. Englands innere Sorgen^~ Die Arbeitslosigkeit ist in dem letzten halbes Jahr ziemlich stabil geblieben, die Hoffnung auf wei- teren Rückgang hat sich nicht erfüllt. Die Regierung hat bisher die Dinge treiben lassen; als Aeußerftes hat sie sich dazu entschlossen, Kommissare in die vier Hauptfach- liehen Elendsgebiete zu entsenden, wo die Arbeitslosig- keit seit vielen Jahren chronisch ist und ganze Industrie- städte verelendet sind. Die Berichte dieser Beauftragten liegen jetzt vor fveröffentlicht wurden sie nicht). Wird die Regierung nun endlich handeln? Die Iungkonser- vativen und ihre Freunde drängen, sie wollen AK- tionen sehen, sie fordern öffentliche Arbeiten und propa- gieren zum Teil sogar Planwirtschaft. Aber noch wiegen die alten Herren in der Regierung vor. Man spricht jetzt allerdings wieder von einer Regierungs- Umbildung, die jüngeren Kräften den Weg bahnen soll. Der Innenminister, ein trockener Bürokrat, der Gesund- heitsministcr, der für das Versagen der Wohnungspolitik verantwortlich ist, und der Kolonialminister werden als die ausersehenen Opfer genannt, die durch Versetzung ins Oberhaus getröstet werden sollen. A u ß e n m i n i st e r Simon steht diesmal offenbar nicht mehr auf der Ab- bauliste, er ist nicht mehr so unpopulär wie vor einem halben Jahr, seine Genfer Rede„gegen" Polen hat sogar eine durchweg gute Presse gehabt._. Was will Englands Außenpolitik? Allerdings darf man sich nicht über die Tatsachs täuschen, daß die englische Außenpolitik sachlich gesehen nach wie vor schwankend und unklar ist. Zeitweise sah es so aus, als habe sich England— beein- druckt durch die Verlogenheit der Nazipolitik— endgültig der französisch-russisch-italienischen Front an- geschlossen. Baldwin sprach das berühmt gewordene Wort von der„Grenze am Rhein", England billigte offiziell den Ostpaktvorschlag, die oft offiziöse„Times" erklärte damals in einem Leitartikel, die Stellungnahme Deutsch- lands zu diefem Vorschlag sei ein Prüfstein für die Ehr- lichkeit Hitlers. Aber als Deutschland jetzt den Pakt ab- lehnte, war man in England ganz zufrieden, weil man wieder ein Stück Verantwortung lasgeworden zu sein glaubt. Auch in der österreichischen Frage sucht Kapitalfehlinvestitionen. Denn bei Wiederherstellung nor- malcr Verhältnisse wivd diese künstlich aufgeblähte Produk- tion zwecklos sein. Die Werkssriedhöfe aus der Kriegs- und Inflationszeit, die man heute noch in Deutschland findet, reden eine stiimme, aber deutliche Sprache. Sie sind eine Warnung für alle die, die denken und sehen können. Sie erinnern daran, daß Fehl- investitionen nach Jahren, wie schon einmal, zum Verhäng- nis der Allgemeinheit werden. Vor zwei Jahren hat der gewissenlose und leichtfertige, heute nach allen Regeln der Kunst abgesägte Franz v. Pape» als Reichskanzler in Lausanne bie Früchte der mühevollen und dornenreichen„Erfüllungspolitik" Rathenaus und Strescmanns geerntet. Deutschland wurde endlich von Repa- rationszahlungen befreit. Der Weg zum Aufstieg schien offen zu sein. Eine neue, bessere Zukunft winkte dem deutschen Volk nach Jahren der Leiden. Aber da kam am 30. Januar 1038 Adolf Hitler, und es begann das politische und wirt- schaftliche Hasardeurspiel. Billiger innerpolitischer Tema- gogie wegen wurde in gewissenloser Weise allen Wirtschaft- lichen Gesetzen zum Trotz der Arbeitsbeschasfungs- und Rüstungörummel in die Wege geleitet. Heute sehen wir bereits die FrüKte dieser gewissenlosen Politik» England sich mehr und mehr von den anderen interessierten Mächten zu distanzieren. Die alte Parole des Ausweichens von Widerständen und vor Bindungen ist wieder Trumpf. So ist man bereit, Polen in der Min- derheitenfrage nachzugeben— man ärgert sich höchstens über die Methoden Becks, aber gibt ihm in der Sache mehr oder weniger Recht. Auf der Rechten propagieren die Presselords die Isolie- rungspolitik, auf der Linken fürchtet man aus einem unfruchtbaren Gefühlspazifismus heraus jede Politik, die zu einem Konflikt führen könnte, und ist daher allzuleicht bereit, jedem der droht, nachzugeben, nur um ihn zu beruhigen. Daß eine solche schwankende und unverbindliche Politik gerade die Snrupellosen an- feuert und dadurch geradezu Konflikte herbeiführt, sehen diese blinden Gesühlspazifisten nicht. Die Gewerkschaften haben freilich die Gefährlichkeit dieses un- realen Pazifismus erkannt. Auf ihrem jüngsten Kongreß haben sie die Forderung, jeden Krieg mit Generalstreik zu beantworten, abgelehnt, mit der ausdrücklichen Begründung, daß eine solche Hal- tung nur den faschistischen Ländern nützen würde, da dort ja der Generalstreik vor allein schon seine Borberei- tung und Propagierung unmöglich sei. Wird die Labour Party den gleichen Realismus zeigen? Wir werden es bald sehen. Die Parteien tagen Anfang Oktober tritt in Southport der Labour-Partei- tag zusammen. Zur gleichen Zeit tagen die Konservativen in Bristol. Die Liberalen hatten bereits die Tagung ihres Zentralausschusses dieser Tage und der Gewerk- schaftskongreß hat ebenfalls bereits kürzlich statt- gefunden. Die Liberalen hatten eine folgenschwere Entschei- dung zu fällen. Sie standen vor der Frage, ob sie aus Angst vor dem Tode Selbstmord begehen sollten. An sich ist die Situation dieser Partei hoffnungs- los. Sie hat keine klare Politik und ist außerdem i n drei Teile gespalten: die Simon-Liberalen (genannt nach dem Außenminister Sir John Simon), die in der Regierung sitzen und sich nur noch nominell von den Konservativen unterscheiden, die oppositionellen und freihänderischen Samuel-Liberalen, die über die Parteimaschine oerfügen, und das Familien- grüppchen Lloyd Georges. Ein führender alter Samuel-Liberaler hatte nun den Vorschlag gemacht, die Partei solle bei den nächsten Wahlen nur noch in aus- sichtsreichen Wahlkreisen Kandidaten aufstellen. Da die Zahl solcher Wahlkreise sehr gering ist, wäre das eine Art Selbstmord gewesen. Der Zentralausschuß lehnte auch diesen Vorschlag fast einstimmig ab: sie will mit mindestens 400 Kandidaten in die Wahl ziehen. Daß sie auch nur einen nennenswerten Teil da- von durchbringen wird, ist ausgeschlossen, aber bei der Eigenart des englischen Wahlrechts kann dieser Be- fchluß doch weitreichende Folgen haben. Der konservative Parteitag findet kein großes Interesse, selbst nicht in der eigenen Presse. Der rechte Flügel unter Führung von Churchill und Lord Lloyd läuft Sturm gegen die herrschende gemäßigte Gruppe unter Baldwin, aber niemand erwartet vom Parteitag einen Sieg der Rechten, der sog. D i e h a r d s. Der Kampf dreht sich im wesentlichen um die folgenden Fragen: 1. Soll die K o a l i t i o n s p g l i t i k mit Macdonald und der Simon-Gruppe fortgesetzt werden oder soll man wieder zur rein konservativen Politik und Regierung zurückkehren? 2. Die Indienpolitik (die Diehards bekämpfen die angebliche Verzfchtspolitik der Regierung und das Nachgeben gegenüber der indischen Freiheitsbewegung). 3. Die Rüstungs- Politik(die Rechte wirft der Regierung vor. daß sie zu langsam und zu wenig aufrüste). 4. Die Reform des Oberhauses(die Rechte will durch eine recht- zeitige Scheindemokratisierung des Oberhauses, die aber den Konservativen die Herrschaft lassen soll, einer eventuellen Labourmehrheit im Unterhaus einen Hemmschuh in den Weg stellen). Daß die Rechte Bald- win ernstlich gefährlich werden kann, scheint zur Zeit ausgeschlossen, wenn auch vor allem in der Rüstungs- frage Beschlüsse möglich sind, die die Regierung zur Eile antreiben sollen. Labourparty zwischen Reformismus und Radikalismus Mehr Interesse findet der kommende L a b o u r> Parteitag in der gesamten Presse. Die Hochstim- mung des vorigen Jahres in der Labour Party, wo man vielfach mit der Mehrheit bei den nächsten Wahlen rechnete, hat zwar einer nüchternen Betrachtung Platz gemacht. Zwar gelang es. London zum ersten Male zu erobern, aber andere Nachwahlen waren weniger günstig, und auch die M i t g l i e d e r z a h l der Partei hat nicht zugenommen, es ist sogar ein leichter Rückgang zu verzeichnen. Trotz aller Nüchternheit beschäftigt man sich aber nach wie vor ernsthaft mit den Problemen nach der Machtergreifung. Hier ist es der alt- bekannte Kampf zwischen Reformismus und Radikalismus, der immer wiederkehrt. In Eng- land ist man sich zwar darüber einig, daß eine sozia- listische Regierung die Wirtschaftsumgestaltung energisch in Angriff nehmen müsse, man ist sich auch darüber einig, daß zuerst das Kreditwesen und die Schlüssel- industriell sozialisiert werden müssen, aber man ist sich nicht einig über Tempo und Methoden. Tie Gewerkschaften bilden den reformistischen Flügel. Tie haben sich auf ihrem Kongreß u. a. mit der Sozialisie- rung der Eisenindustrie befaßt. Es wurde zwar die Vergesellschaftung(nicht Verstaatlichung) dieser Indu- strie gefordert, aber die Entschließung war recht zurück- haltend und vorsichtig, sie betonte, daß die Sozialisie- rung ein langwieriger Prozeß sein müsse und stellte die Schwierigkeiten stark in den Vordergrund. Der dem Labour-Parteitag zu diesen Fragen vorliegende Bericht ist zwar etwas entschiedener. Das neue Wirt- schaftsprogramm sieht die völlige, sofort zu be- ginnende Sozialisierung des Kreditwesens und der wich- tigen Industrien vor. Den bisherigen Eigentümern soll dabei"ine Enlsclä^igung gewährt werden, aber nur in engen T i'zen m der Form einer zeitlich beschränkten Rentenablösung. Aber die Reformisten sehen in diesem Programm nur ein Ziel, der radikale Flügel um Cripps fordert dagegen, daß die nächste Labour- regierung ein sozialistisches Fünfjahres- Programm der Sozialisierung aufstellen soll, das als Mindestprogramm in einer Parlamentsperiode durch- geführt werden müsse: der Cripps-Flügel will weiter, daß bereits jetzt angegeben werde, mit welchen Mitteln der zu erwartende Widerstand der Kapitalisten(sei es im Oberhaus, sei es in der Presse, sei es an der Börse) gebrochen werden solle. Es ist sicher, daß der Cripps- Flügel sich nicht durchsetzen wird, wenn auch der Partei- vorstand jetzt die Beseitigung des Oberhauses als Ziel proklamiert hat. Neben dieser allgemeinen Programmdebatte wird die Außenpolitik eine er- hebliche Rolle spiesen. Der außenpolitische Teil des Programmentwurfs ist noch von der farblosen pazifisti- schen Ideologie durchsetzt, die nicht wahrhaben will, daß sich gewisse Dinge in Europa geändert hatten. Aber die Schwenkungen der Gewerkschaften wird auch auf die Partei Rückwirkungen haben, wenngleich dort der Widerstand der meist aus dem liberalen Lager kommen- den Pazifisten stärker sein wird. Ein Kampf wird auch um die Beteiligung an von Kommunisten gegründeten Sonderorganisationen entbrennen, vor allem um das Hilfskomitee für die Opfer des deutschen Faschismus, an dem u a. Lord Marley, Ellen Wilkinson. Harold Laski und andere führende Labour- leute eine rege Tätigkeit entfalten. Wenn auch dieses Komitee nicht immer gerade mit Takt und Geschick arbeitet, so ist es dennoch zweifelhaft, ob das vom Parteivorstand geforderte Verbot der Teilnahme von Labourmitgliedern an diesem Komitee gerade besonders klug ist. Hier scheint engherzige Parteibürokratie sich gegen die sonst in England übliche weitsichtigere Haltung durchgesetzt zu haben. Schließlich wird der Parteitag noch eine wichtige personelle Entscheidung zu fällen haben. H e n- derson hat sein Amt als Generalsekretär der Partei niedergelegt. Er ist alt, krank und abgekämpft und versteht die heutige Zeit nicht mehr immer. Wer wird sein Nachfolger in diesem wichtigen Parteiamt werden? Drei Namen werden genannt: Morrison, Greenwood und Middleton. Morrisons Wahl wäre ein Programm, dieser an sich auf dem rechten Flügel stehende Mann ist eine Führerpersönlichkeit starken Formats, dabei ein wahrer Sozialist und ein fähi- ger Verwaltungsmann. Greenwood, Gesundheits- minister des letzten Labourkabinetts, ist etwas farbloser als Morrison, aber auch er ist ein Politiker von Rang mit theoretischen Qualitäten. Middleton dagegen, bisher stellvertretender Sekretär, ist ein Mann der Parteibürokratie, er würde verwalten— sicherlich ausgezeichnet verwalten— aber nicht führen. Die Per- sonenwahl wird darüber entscheiden, welche Bedeutung dem Amt des Sekretärs in Zukunft zukommt. Die per- sonelle Entscheidung hat also auch erhebliche sachliche Bedeutung. Außenpolitische Schwenkung Rumäniens ro'gen von Titnleskus Rßdftritt Bukarest, 2. Oktober. Tie Regierung Talarescu ist zurückgetreten. Nach einem amtlichen Kommunique be- gründet Tatarescu seinen Schritt damit, daß dem König vor der Eröffnung der Arbeiten der gesetzgebenden Körper- schatten Gelegenheit gegeben werben müsse, die politische Lage zu prüfen, sowohl was die von der Regierung bisher gc- leistete Arbeit betreffe, als auch hinsichtlich der kür die kom- wende Zeit in Aussicht genommenen Lösungen. Tatarescu selbst hat mitgeteilt, daß er bei der Neubildung der Regie- rung g e iv i s s e A c n d c r u n g c n i» der Zusammen- s e tz u n g des Kabinetts vornehmen werde. Wie kurz nach der Neubctrauung Tatareicus mit der Nc- gicrungsbildung aus Kreisen, die Außenminister Titulescu nahestehen, bekannt wird dürste sich Tnule'cn nicht bereit zeigen, das Außenministerium im neuen Kabinett Tatarescu wieder zu übernehmen. Urteile in Paris Paris, 2 Oktober. Tie Pariser Blätter bedauern einmütig de» Rücktritt Titulescus. ES scheint sicher, daß ihn die außen- politische» Ereignisse und die beson-dere Lage in Gens zum Rücktritt veranlaßt habe». Verschiedene Blätter Hoffen, daß der Rücktritt nur vorübergehend sei. „L e I o u r" weist aus den Zwiespalt hin, der König Carol und seinen Ministerpräsidenten Tatarescu von Titulcscu trenne. ES handele sich nicht etwa nur um eilte formale Kabinettsumbildung, sondern um eine viel ernstere Aenderung. Titulescu gehe, weil sein Ministerpräsident, seine Kollegen und die Mehrheit setner Partei eine Politik ablehnten, die darauf Hinauslaufe, de» Wolf(d. h. Sowjetrußland) in die Hürde zu lassen. Sein Abtreten bedeute, daß Rumänien sich von Frankreich entferne. Das sei ein« Folge der erstaunlichen DU spanischen Wirren Rücktritt der Regierung Samper Madrid, 1. Oktober. Die spanische Regierung hat am Montagnachmittag ihren Rücktritt beschlossen. Nach dreimonatiger Ferienpause trat das Parlament unter umfassenden Sicherheitsmaßnahmen der Polizei zusammen. Ministerpräsident Samper nahm sofort das Wort, um feine bisherige Politik zu rechtfertigen. Dann erklärte der Führer der Katholischen Volksaktion Eil Nobles, seine Partei werde die Regierung nicht mehr unterstützen. Die Kabinettsmitglieder zogen sich darauf zur Beratung zurück. Nach kurzer Zeit teilte der Land- wirtschastsminister der Presse den Rücktrittsbeschluß der Regierung mit. In spanischen politischen Kreisen rechnet man damit, daß der Staatspräsident nochmals den früheren Regie- rungschef Leroux mit der Bildung des Kabinetts beauf- tragen wird. Leroux verhandelte in den letzten Tagen mit Gil Nobles und soll nach einer unbestätigten Meldung zu einer Verständigung mit dem Führer der Katholischen Volksaktion gekommen sein. Diese Regierungsaktion ist möglicherweise geeignet, die spanische Sphinx einer Entschleierung entgegen zu führen. Die politischen Zusammenhänge Spaniens sind für den Außenstehenden außerordentlich verworren. Wir geben unserem Madrider Berichterstatter das Wort in einem Bericht, den er vor etwa einer Woche absandte: Zuriidt nadt OenS? Ein Berliner Aufsatz Paris, 2. Oktober 1934. (Von unserem Korrespondenten) Die französischen Blätter geben fast ausnahmslos den Inhalt eines Artikels wieder, den Paul Schefser im„Ber- liner Tageblatt" veröffentlicht hat, und in dem er geradezu eine Lanze für den Völkerbund bricht. Man müsse, so sagt er, den Völkerbund nehmen, wie er nun einmal sei. Er leide an all den Unvollkommenheiten, die nun einmal menschlichen Tingen anhasteten. Aber er besitze unstreitbar politische Be- deutung, die noch durch Ereignisse vergröbert worden sei, die sich in Abwesenheit der Deutschen begeben hätten. Der Völkerbund stelle ein wichtiges Element dar für die Unter- Handlungen, die Deutschland mit einem großen Teil der euro- päischcn Nationen zur Erlangung seiner Rechte pflegen müsse. Die französischen Zeitungen sind der Auffassung, daß in Anbetracht des strengen Regiments, das in Teutschland über die Presse geführt werde, keine deutsche Zeitung unter ihrer eigenen Verantwortlichkeit derartige Sätze schreiben würde. Man stellt die Frage, ob Deutschland etwa in naher oder serner Znknnft in den Völkerbund zurückkehren wolle. sowjetfreundlichen Politik des Quai d'Orsau. Rumänien sei damit auf die Verlustliste zu setzen, aus der bereits Polen stehe. „Oeuvre" hält den Rücktritt Titulescus, salls er end- gültig werden sollte, als sehr beunruhigend für diejenigen Kreise in Frankreich und Europa, die vor allem auf die Er- Haltung des Status quo bedacht seien. In Bukarest mache sich wie fast überall in der Welt das Bedürsnis nach neuen For- mein und neuen Männern bemerkbar. Die Gegner der Kleinen Entente würden besonders glücklich sein, wenn sie sich Titulescu entledigen könnten, der wohl am meisten sür die Einheit der Kleinen Entente getan habe. „E ch o d c P a r i s", das den staatsmännischen Fähigkeiten Titulescus Anerkennung zollt, spricht von einem außenpoli- tischen Druck, für den das Blatt Berlin, Rom und Warschau verantwortlich machen möchte. König Carol müsse sich klar werden, daß er jetzt zwischen einem Abenteuer und der Be- fcstigung der bisher erzielten Ergebnisse zu wählen habe. Bei der jetzigen Lage würde Titulescus Fortgang von allen Friedensfreunden bedauert werden: denn niemand habe grö- bereu Anteil genommen an allen Versuchen, die Verträge und internationalen Gesetze gegen jeden gewaltsamen oder heim- tückischen Angriff zu verteidigen als er. „E r c e l s i o r" ist der Meinung, daß der Vorstoß des pol- irischen Außenministers Beck in der Minderheitenfrage in Genf direkt zum Ausbruch der Regierungskrise in Rumänien beigetragen habe. Titulescu habe wohl das Gefühl gehabt, in dieser Frage von seinem Ministerpräsidenten nicht ener- gisch genug unterstützt worden zu sein. Wie jedenfalls auch die Krise ausgehen möge, Frankreich habe nur de» einen Wunsch, daß bei den kommenden französisch-iüdslawischcn und fran- zösisch-italieniichcn Verhandlungen die Kleine Entente nicht zu schwanken beginne. Die„roten flleger" „Ueberfall" auf Berlin Berlin, 2. Okt. Ein l4jähriger Arbeitcrjunge auS Berlin stand dieser Tage vor Gericht unter der Anklage, am I. Mai 1933 illegale Flugblätter verteilt zu haben. Im Laufe des Prozesses stellte sich heraus, daß derselbe Junge im Juli vorigen Jahres vom Tache eines Gebäudes am Alexander- platz Flugblätter hinunterflattern ließ. Tiefe Knabcntat ivar der Ursprung der berühmten ÄocbbclS-Legcnde über die geheimnisvolle» antifaschistischen Flieger, die Berlin überflogen haben sollten. Wie erinnerlich, hatte kein Mensch die legendären roten Flleger gesehen, wohl aber das Propa- gandaministerium der Presse anbefohlen, eine große Kam- pagnc für den Ausbau der deutschen Lustflotte einzuleiten. Wie man sieht, haben Lügen mitunter sehr lange Beine im „dritten Reich". Werner Hirsch freigelassen Prag, 2. Okt. In Prag ist der frühere Chefredakteur der „Roten Fahne" und Mitarbeiter Thälmanns, Werner Hirsch, eingetroffen. Er war 1933 gemeinsam mit Thäl- mann verhastet worden und hatte den Leidensweg durch eine Reihe von Gefängnissen und Konzentrationslager durch- gemacht. Das Heuest* „Echo be Paris" will ankündigen können, daß Minister» Präsident Doumergne in seiner nächsten Rundfunkrede einen besonders scharfen Borstoß gegen den Marr'omuS unter- nehmen und in einem unmittelbaren Ausruf an die Ar» bciterklaflc die„trügerischen Versprechungen der Sozialisten und Kommunisten" brandmarken werde. Während einer Wahlversammlung zum Generalrat kam es zu einem Krawall, wobei zwei Personen vcrleßt wurden. In mehreren Kantonen verzichtete man Berlammiungen ab- zuhalten und die Bevölkerung wurde durch Wahlplakatc ver» ständigt. Der Gerichtshof in Sofia fällte sein Urteil gegen 3» Kom- munisten, von denen» zum Tode, i zn lebenslänglicher Zwangsarbeit, 33 zu Gefängnisstrafen bis zu 12 Jahren ver» urteilt wurden. 39 Berurteilte erhielten Strafaufschub. In der Untersuchung gegen den der Entführung deS Lindbergh-Kindes verdächtigen Hauptmann sind bis- her keinerlei Fortschritte erzielt worden. Wie aus Malta berichtet wird, haben die dortigen Rechtsanwälte eine» 24stttndigen Proteststreik gegen die Einführung der maltefifchcn Sprache als Gerichtslprache er, klärt. Sie haben den Richtern mitgeteilt, daß sie am D'ens» tag, an dem die höheren Gerichtshöfe ihre Tätigkeit beginnen, keiner Verhandlung beiwohnen werden. Tie Arbeiterpartei begrüßt dagegen die Einführung des Maltesischen in den Gerichten und bezeichnet aus Maueranschlägen den gestrige» Montag als einen bedeutsamen Tag sür Malta. Für Deutschland SAAR. BEILAGE Gegen Hitler! «oranllca Dir die jüdische ninderhell Genf, 2. Okt. In Zusammenhang mit der Sondersitzung oes Rates des Völkerbundes zur Erörterung des Saar- Problems, die für November einberufen iverde» soll, vcr- tautet hier, daß das Saarland nie ein Teil Hitlerdeutsch- lanös werden wird, wenn die deutsche Regierung sich nicht bereit erklärt, die Rechte der Juden dort zu garantieren. i, Telegraphen Agentur erfährt, daß der Rat veabsichtige, die Frage des Schutzes der Juden in der Saar zu einer der Hauptfragen zu machen. Graf Alois,, der Vorsitzende des Dreierkomitees, das der Völkerbund zur Be- Handlung der Saar-Frage ernannt hat, wird an die deutsche Regierung die Frage richten, ob sie beabsichtige, die Rechte oer yttöeit in der«aar zu garantieren, falls das Ergebnis der Volksabstimmung vom Januar 1935 das Saargebiet miedet mit Dentschland vereinigen wurde. Wenn die' Ant- wort der deulichcn Regierung nicht definitiv den Willen zur Gewährung vollen«chntzes für die Juden des Saarlandcs ÄM?,«üSdruck bringen wird, wird— wie verlaute,— der oolferbuitö eine Reiolutlon annehmen, in der es zur Ve- dingung gemacht wird, daß die Vereinigung des Saar- gebietes mit Deutschland— selbst wenn die Volksabstimmung für Hitler-Deutschland ausfiele— völlig davon ab- sffiü«?, fItöe Garantien Teutschland geben wird, die i>cr£oor ÄU schüren. Vekanntlich werden ictzt schon zwischen dem Vorsitzenden des Ausschusses >ur«aar-Fragen Varon Aloisi und dem deutschen Gesandten geführt"® e' i,ärfcr Verhandlungen über die Saar-Frage Tie Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt auch, daß der Obcrlindober- Rummel Völkerbund die ihm vom Joint Foreign Eommittee des' Voard os Teputies of Britisch Jews und vom Comitä des Delegations Juives unterbreileten Memoranda betreffend den Schutz der jüdischen Rechte in der Saar in der außer- ordentlichen Sitzung des Völkcrbundsrates im November behandeln wird. Ein Tonder-Mcmoranbum Über das jüdische Problem im Saargebiet wurde auch von Dr. Scgal, dem politischen Ver- treter der Revisionistischen Exekutive, Gras Aloisi, über- geben.Das Memorandum bringt die Hoffnung zum Ans- druck, daß der Völkerbund alle nur möglichen juristischen Maßnahmen ergreifen wird, damit ein spezieller Paragraf, der den^legalen Status und die politischen Rechte der Juden in der Saar garantiert, vorgesehen wird, ungeachtet dessen, wie das Ergebnis der Volksabstimmung ausfallen wirb. Soweit die Meldung aus Gens. Wer wird zweifeln, daß Hitler alle„Garantien" geivährt? Und wer wird zweifeln, daß er jede Zusicherung bricht? Und wie will der Völker- bund den Mann des 30. Juni zwingen, seine Zusagen zu halten? Wenn die Welt ruhig zusieht, daß Hitlerdeutschland „geheim" aufrüstet, wird sie schwerlich Sanktionen zugunsten einiger tausend Juden im Taargebiet ergreisen. Es gibt nur eine Garantie gegen Hitlers Barbarentum: man muß ihm durch die Abstimmung am 13. Januar de» Weg ins Saargebiet versperren. »as Geständnis des..Reldisldhrers" Am«onntag lanö in Zweibritcken der zweite saardeutsche Kriegsopfer- und Soldarenkag statt.„Ucber 29 9»u Saar- deutiche— so berichtet hocherfreut die braune Presse— waren herbeigeeilt, um gemeinsam mit den Brüdern aus dem Reich ein überwältigendes Treuebekenntnis zum Führer und Reichskanzler abzulegen." Schon wieder einmal sind also viele tausend Saarländer mit der Registermark»ach dem Reich gefahren. So geht es Woche für Woche. Immer ncne raufende werden nach dem Reich abkommandiert und da wundert man sich im Saargebiet, daß hier das Geschäft im Einzelhandel zurückgeht. , Und nun zum.Kriegsopfertag selbst. Der Rcichssührcr der Kriegsopfer mit dem schönen Namen Oberlindober, hat in uveibrückc» eine große Rsde gehalten. Diesem Nazisührer ist eine kleine Entgleisung unterlaufen. Er sagte:„Es ist vermessen, heute zu sagen, daß wirtschaftliche Notwendigkeiten eine andere Entscheidung des Saargebietes erzwingen, als die Entscheidung für das Deutschtum und für das deutsche Volk, denn jene Wirtschast, meine Kameraden, ist bedingt durch die Kräfte, die in dieser Wirtschaft lebendig sind. Und wenn sich in der saarländischen Wirtschast die Arme deutscher Männer regen, wenn deutscher Geist diese Wirtschast zur Blüte und zur Entfaltung bringt, so werden diele Motoren der Wirtschaft stillstehen in dem Augenblick, in welchem die lebendige Verbindung zu dem gesamten deutschen Volkskör- per abgerissen wird." liitlcrlodfvdgcl Unter„Lockvögel" versteht man im Einzelhandel solche Waren, die im Schaufenster unter dem Einkaufspreis aus- gestellt werden, um aus diese Weise das Publikum zum Kauf zu verlocken. Dieser eines„ehrbaren.Kaufmanns" unwürdige Anreißermethode bedient sich heute das Hitlerregime, um die Saarbevölkerung zu bluffen. Allmählich sehen auch die ge- rissensten Agitatoren der braunen Front selbst ein. daß man allein mit der Parole„die Stimme des Blutes" die Saar- bevölkcrung t'ür sich nicht gewinnen kann. Man muß schon den Saarbewohnern etivas Konkreteres bieten. Vor einiger Zeit machte man zu diesem Zweck eine große Reklame für die Ferngasversorgung. Die braune Presse an der Saar überschlug sich, um auszumalen, welch wunderbare Aussichten dem Saargebict durch die Ferngas- Versorgung winke. Nun ist es aber still geworden um dieses Projekt, denn die antisaschistischen Blätter konnten ganz ein- deutig den Nachweis erbringen, daß die Ferngasversorgung ein glatter Betrug ist» daß sie zwar Kommerzienrat Röchling, der hinter diesem ganzen Projekt steckt, große Verdienste abwerfen wird, daß sie aber dem Saargebiet nur Nachteile bringen muß, weil die Fern, gasversorgung einen Teil der Kumpels und der Gas- arbeitet brotlos macheu wird. Nun hat man sich lange den Kops zerbrochen, wie man eigentlich die Saarbcvölkerung neuerdings täuschen könnte. Endlich ist man auf eine geniale Idee gekomme». Das Deutsche Nachrichtenbüro verbreitete i» diesen Tagen folgende Meldung: „München, 27. Sept. Tie Reichsregierung sowie die preußische und bäuerische Regierung haben in großzügiger Weise beschlossen, die Ostcrtalbahn bis an die Saargrenze zu bauen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß die Bahn innerhalb des Saargcbicts sofort nach der Rückgliederung fortgesetzt wird. Die genannten Regierungen werden mit aller Beschleunigustg eine Gesellschaft zum Bau und Be- trieb der Lstertalbahn nach dem Vorbild der preußischen An Drohungen von nationalsozialistischer Seite, die auch in diesem letzten Satz ganz unverblümt enthalten sind, haben wir uns schon so daran geivöhnt, daß wir uns lediglich daraus beschränken, diese neue Verletzung der Abstimmungswahl- kampagne zu registrieren. Bemerkenswert ist es, daß dieser Obcrlindober glatt zugibt, daß die„wirtschaftlichen Not- wendigkciten, die Ansrechtcrhaltung des bisherigen Zustan- des erfordern. Die Rückgliederung bedeutet wirtschaftlichen Znsammenbruch.— Das gesteht nunmehr auch der Ober- lindobcr, und mit ihm die ganze braune Gesellschaft ein. Bisher hieß es immer, daß derartige Behauptungen„Lügen der Marxisten" seien. Aber die Wahrheit kann aus die Dauer eben nicht verheimlicht werden. Und nun müssen sie selbst zu- geben, daß die Rückgliederung dem Saargebiet einen schweren Schlag versetzen wird. Aber, da er mit wirtschaftlichen Argumenten nichts anfangen kann, forden der Oberlindobcr die Saarländer auf. deshalb für Hitler zu stimmen, weil dies„die Stimme des Blutes" erfordere. Auch das ist ein Fehler, daß der„Reichs- ftihrer" an die Stimme des Blutes erinnert,' denn die Stimme des Blutes der Tanfenden von deutschen Männern und Frauen, die in den Folterkammern der SA., SS. und der Gestapo geflossen ist. schreit zum Himmel und ruit zur Vergeltung. Oer kleine!akod Und der Staatsmann Barthon Tie sogenannte„deutsche Front" schwimmt in Geld. Man zieht es den Sozialrentnern und Kriegsbeschädigten im Reiche ab und gibt es für Agitation ins Saargebiet. To kann man denn ein Telegramm von der Länge mehrerer Leit- artikcl an den französischen Außenminister Barthou schicken und diese geistige Leistung in vielen zehntausend Exemplaren aus die Straße werfen. Das Telegramm ist zunächst ein feierlicher Schwur auf die verbrieften heiligen Rechte des Verjailler Vertrages. Tie Front, die sich schandenhalber„deutsch" nennt, gibt sich die erdenklichste Mühe, dem Franzosen klar zu machen, daß im Falle einer Abstimmungsmehrhcit für den Status gua unter gar keinen Umstanden demokratische Rechte für die Saarländer gewährt werden dürften. Es müsse unser allen Umständen die Diktatur der fremden Regierungskommission bleiben. So legt nämlich die sozusagen„deutsche Front" den Bertrag von Versailles aus. Glücklicherweise sind Barthon und andere ehemalige Kriegsgegner vernünftiger. Man wird die saarländische Versaillesschwärmerei zu den Akten lege». Anscheinend hat Herr Pirro die Schwäche des Herrn Hitler für Frankreich, die dieser seinem jüdischen Interviewer Sa- muel gebeichtet ha,, etwas allzu weitgehend aufgefaßt. Ohne Flegelei gebt es aber natürlich nicht ab, wenn Knoten sich in europäische Verhandlungen einmischen. So unterstellt denn die„deutsche Front" Herrn Barthou. daß er„als sran- zösischer Minister unsere deutsche völkische Zukunft bestim- mcn" wolle. Der alte Herr, dessen politische Weisheit wir unseren deutschen Staatsmännern wünschen, wird milde lächeln. Alle Welt weiß ja, daß er als zivilisierter Europäer die demokratische Selbstbestimmung der Saarländer für die Zukunft ihrer Heimat sichern will, und zwar gegen jeden Terror.'Darum geht es und freilich auch darum, daß nach dem 13. Januar nicht die siegende Mehrheit die unterlegene Minderheit foltern, morden, einsperren, ächten, schänden, be- stehlen und berauben dar!, wie es unter dem Ruie„Heil Hitler!" seit 17 Monaten im Reiche geschieht. Dieselbe„.deutsche Front", die Herrn Barthou wegen seiner Rede für das Völkerrecht anrempelt, ließ zivci Tage früher durch die„Saarbrückcr Zeitung" verkünden, daß die„Galgen- frist" für die marxistische Presse nur noch bis zum lg. Januar dauern werde. Man muß dankbar anerkenne», daß die Her- ren in ihrer sinnlosen Wut heran sbriillen, was sie wollen: die Unterdrückung und Entrechtung jeder Minder- heit, den Terror als Etaalsgrundsatz. Jakob Pirro an Louis Barthou! Ter Knüppel gegen da« Florett! Ter provinzielle Polterer gegen-den weltmännischen Diplomaten— wenn das nur nicht schief geht, Jakob Pirro! Der mehr ruhmredige als ruhmreiche Landessührer sollte sich daran erinnern, daß der alte franzosenfresscrische Ernst Moritz Arndt nicht nur Blut- und Eijengesänge gedichtet hat, sonder« auch eine hübsche„Klage um den kleinen Jakob mir der sorgenvollen Frage:„Wo ist der kleine>Gkob ge- blieben? Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm zu Haus!" vcr naggenunfug Kleinbahnen bilden. Diese wird mit dem Bau der Bahn so bald wie möglich beginnen." Ter Sinn dieser Ankündigung als Lockmittel für die Abstimmung tritt zu deutlich in Erscheinung. Ausgerechnet genau bis an die Grenze soll der Schienenstrang geführt werden. Dieser Plan, dessen Durchführung im übrigen keineswegs feststeht, ist also zu recht durchsichtigen Zwecken angekündigt worden. Dasselbe muß auch von den Plänen gesagt werden, die für eine erhöhte Abnahme der Saarkohlc bestehen. Bekanntlich gehen nur 1» Prozent des gesamten Taarkohlcnabsatzes nach dem„dritten Reich" und so droht dem Saarkohlen- bergbau im Falle der Rückgliederung ein Z»s a m m e n b r» ch. Ilm nun den saarländischen Kumpel irrezuführen, und ihm eine paradiesische Zukunft zu ver- sprechen, werden jetzt Mitteilungen über Verhandlungen in Berlin verbreitet, die angeblich den Zweck haben, die saar- ländische Kohle nach der Rückgliederung im„dritten Reich" auszunehmen. Es soll ein Softem geschaffen werden ftir den Fall, daß Frankreich nach der Rückkehr des SaargebietS zu Deutschland aus die Verwendung von Saarkohle weitgehend verzichtet. Demnächst werden wir also die freudige Nachricht hören, daß die Saarkohle selbstverständlich einen erhöhten Absatz im „dritten Reich" finden wird. Ein jeder weiß, daß man ein künstliches Absatzgebiet nicht schassen kann, und wenn man auch wirklich vorübergehend der Saarkohle noch weitere 19 Prozent ihres bisherigen Absatzes zubilligen wird, so wird damit erstens einmal das Saartohlenproblem doch nicht gelöst — denn ivohin soll dann der immer noch ver- bliebenc größere Rest der Saarkohle gehen —, zweitens aber wird ja dieser Lockvogel nur bis zum Ab- stimmungstagc seine Gültigkeit haben. Nach dem Tische wird man es anders lesen. Dafür werden die Kohlenbarone des Ruhrgebiets, die immer schon auis schärfste die Saarkohle bekämpft haben. Sorge tragen. D i e Herren von der Ruhr haben nicht umso» st ihre guten Be- zichungen zu Hitler und Göring. Die braune Front nimmt jede Nationalsozialist,icke Kund« gebung zum Anlaß,»m die Saarbewohncr zum Flaggen zu zwingen. Mit den Hakenkrenzsahnen soll vach aupen der falsche Eindruck erweckt werde», daß die Saar braun sei. Auch das Erntedarrsiest gab den braunen Drahtziehern an der Saar erneut den Anlaß zu», Flaggen. Tie Blockwarte bekamen die entsprechende Aniveisung und übten an» die einzelnen Mieter in bekannter Weise einen entsprechenden Druck aus. Aber allmählich wird auch den Anhängern der braunen Front diese Flaggerei zu dumm. Damit erklart sich auch die Tatsache, daß sie diesmal recht dürftig ausfiel. Wie die wirkliche Stimmung unter den Deutschsrontlern angesichts des Flagaenrummels ist, zeigt auch tolgendes Schreiben, das die„Volksstimmc" erhalten hat und denen Original in der Redaktion des Blattes einzusehen ist: T o a r b r ü ck e n. den 29. September 1931. Heute, Samstag, abend genau d Uhr lausen die Block warts überall herum und fordern die Leute zum Flaggen auf. Ist das kein Terror, Indem ich Deutschsrontlcr bin. kommt mir diese gezwungene Flaggerci oben raus. Was sagt die Abstimmungskommission dazu? Ein T e u t s ch s r v n t l e r. Katholihenveratogen gestohlen So geht es auch an der Saar Wie die„Frankfurter Zeitung" meldet, hat der basische Minister des Innern auf Grund»es Gesetzes über die Ein- ziehung volks- und staatsseindlichen Vermögens das Vcr- mögen' des„BolkövcreinS für das katholische Deutschland" im Bereich des Landes Baden eingezogen, da es zu volkS- und staatsseindlichen Bestrebung?» bestimmt gewesen sei. * Diese Meldung versieht das Organ der braunen Front, die katholische„Saarpsalz" mit folgender Anmerkung: „Es wäre eine Mitteilung darüber sehr am Platze, in- wiefern das Vermögen des Volksvereins volks- und staats- feindlich sein soll." * Das ist däucht uns. eine sehr überflüssige Frage. Tie setzt voraus, daß im„dritten Reich" Recht und Gesetz bestehen. Das gleichgeschaltete Blatt sollte wissen, daß Hitler.Teutschland mi, dem katholischen Vermögen nach einer Rückglic derung genau so an der Saar verfahren würde. Lebensbild eines denisdien Gegenrevolntlonflrs Christian Rom Dr. Christian N o t li. Generalstaatsanivalt am bay- milchen Verivaltungsgerichtshof, dessen Tod die Zeitungen melden, hat die Hinmvrdung seines früheren Chefs, Herrn v. Kah r, nicht um drei Monate überlebt. Roth war von den Typen, die die bayrische Gegenrevolu- tton emporgeschivemmt hat, eine der übelsten. Vor dem Kriege machte er als junger Bezirksamts- a s s e s s o r bei der Polizeidirektion München dadurch von sich reden, dag er dem russischen Zarismus politische Opfer in die Finger zu spiele» suchte. Rußland hatte mit Bayern in der Zeit vor der deutschen Einigung von 1870 71 einen Auslieferungsvertrag im Jahre 1835 geschlossen. Dieser Beitrag war als ein fossiler Rest der deutschen Kleinstaaterei auch im deutschen Kaiserreich als eine Art bayrisches Reservalrecht bestehen geblieben. Rußland hatte in München eine eigene diplomatische Vertretung, in der ein Gesandtschaitsattachee von Bibikow traurige Berühmtheit erlangte. Er suchte durch agcnts provoratcurs emigrierte Russen zu auslieserungs- sähigen Taten zu veranlassen und beschuldigte, soweit ihm das bei Emigranten, die er ans Messer liefern wollte, nicht gelang, die Betreffenden gemeiner Verbrechen, z. B. des Bankraubes. Die Liebesdienste, die ihm bei solchem Tun Roth leistete, beschäftigten wiederholt die Oeffentlichkeit und gelegentlich auch den Landtag. Mit Ausbruch deS Weltkrieges wurde Roth als Haupt- mann der Reserve mit der Leitung der Polizei- abteilung des stellvertretenden General- k o m m a n d o S 1. A. K. zu München betraut. Er brachte es, wiewohl er in wehrfähigem Alter und kerngesund war. doch fertig, den ganzen Krieg auf diesem Drllckebergerposten zuzubringen. Die sast unumschränkte Macht, die er damals über das öffentliche Leben seines GencralkommandobercicheS ausübte,, steigerte sein ohnehin schon übermäßig ausgebildetes Selbstbewußtsein,«eine giftig gehässigen Verfolgungen jeder freiheitlichen Regung und jedes FriedensgcdankenS während dieser Zeit>dcr Krieg konnte solchen Heimkriegern gar nicht lange genug dauern» sind Geschichte geworden. Kurt Eisner hat diesem System in seiner Schrift„Unterdrücktes aus dem Weltkrieg" ein für den Konterfeiten trauriges Denk- mal geseht. Die Zahl derer, die Roth während des Krieges wegen ihrer Ueberzeuanng ruinierte, ist bedeutend. Als im Oktober 1318 infolge der katastrophalen Rachrich- ten von der Front, des Verlangens Hindenburgs und Luden- dorsfs an die politische Leitung nach sofortigen Wasfcnstill- standsvcrhanblungen, eine starke Welle der Unruke auch durch Bayern ging und die Monarchie sich zum ersten Male ernst- lich gefährdet sah. wurde Roth mit der Leitung eventueller Abivehrmaßnahnien gegen revolutionäreEr- Hebungen betraut. Er ließ„zuverlässige" Hcimattruppcn aus Fahnenjunkern und Berutsunterossizieren zuiammen- setzen und glaubte, damit den Lauf der Geschichte aufhalten zu können. Alkein sein Abivchrunternehmen brach in der ersten Stunde der revolutionären Erhebung kläglich zuiam- wen. Auch er selbst dachte nicht daran an der Spitze seiner Abwehrtrupp«»...getreu seinem Fahneneid, für seinen König den Heldentod zu erleiden. Gleich den anderen Militärs zog er es vielmehr vor. sich sofort mit in die bekannten Mause- löcher zu verkriechen. Nur Eingeweihte kannten den großen Mann im schwarzen Bürgerrock und steifen Hut, der Jedem, der ihm begegnete, eifrig versicherte, man müsse abwarten und dürfe sein Urteil über die neue Zeit nicht überstürzen, es sei sinnlos, ihr Widerstand zu leisten. Erst als sich im April 1313 die sozialdemokratische Regie- rung Hossmann zur Niederwerfung der kommunistischen Räterepublik in Bayern Militär aufstellte und sich mit Leu- ten wie dem heutigen Hitlerstatthalter v. Epp einließ, was sich zu spät als ein verhängnisvoller politischer Fehler zeigte, sah auch Roth seine Zeit»vieder gekommen. Plötzlich tauchte er in feldgrauer Honptmannsuniform wieder bei den Miin- chen zernierenden Truppen aus und stellte der sozialdenio- kratischen Regierung seine wertvollen Dienste„loyal" zur Verfügung, die sie fehlerhastcrweise annahm. Von den Kamp- fen bei der Einnahme Münchens drückte er sich wieder, erst nach der Einnahme saß er aus einmal, wie vorden» im Generalkommando, als juristischer Referent in der Münche- ner Stadtkommandant«»? und übte sich in seiner alten Tätig- keit. ZeitungSvcrbote, Standgerichtsanzeigen, Verhaftungen, Einsperrungen, Ausiveisungen, Erschießungen. Was speziell die letzteren angeht, so schuf Roth auf eigene Faust sofort nach dem Einzug der Regicrungstruppen in München und vorder Einsetzung von ivenipstens scheingesetzlichen Standgerichten sogenannte„militärische Standgerichte" ohne jede Rechtsgrundlage. In irgendivelchen Kellern Münchens „amtierten"»vildgewordene Offiziere und Spießer als„Vor- sitzende" und ließen wahllos Leute abknallen, nachdem sie sich„schuldig" bekannt hatten, der Sozialdeinokralistlen Partei anzugehören. Vielfach ginge» die„Gerichte" auch in die Wohnungen der Denunzierten hin und legten sie gleich dort kunzhändig um. Die Regierung hat später zugegeben, daß diese„Versahren", bei denen nach amtlichem Zugestand- nis gegen 233 M e n s ch c n füsiliert»v u r d e n, keinerlei Rechtsgrundlage hatten. Gegen den nach außen ver- ontwortlichen„Schöpfer" dieser Taten, den»vürttembcrgischcn Gcneralinaior Haas, wurde ein Ermittlungsverfahren ein- geleitet und— selbstverständlich— eingestellt, gegen Roth, der die„Befehle" des Haas zugestandeneriveise verfaßt hatte, kam es nicht cininal zur Einleitung eines Verfahrens. Mit»velcher Brutalität Roth in dieser Zeit vorging, dafür genügt ein einziges Beispiel. Als der.Hochverratsprozeß gegen L e v i n e- N> s s c n vor dein Münchener Stand gericht gemacht»vurde, erschien Roth bei dem Borsitzenden des Gerichtes, dem inzwischen verstorbenen Landgerichtöpräsi- denten Dr. Stadclmeyer, und erklärte, wenn in dieser Sache nicht ein Todesurteil vollstreckt»verde, könne er(!) nicht mehr für die Sicherheit von München garantiere». Das Gericht erließ ein Todesurteil. An die Stelle der fozialdemo- kratischen Regierung Hosimann»var mittlerweile nach dcr Niederwerfung der Räterepublik eine Koalitionsregierung ans Bayerischer Volkspartei, Demokraten und Tozialdemr krate» getreten, in der die Sozialdemokraten keine Mehrheit mehr hatten. Das Bürgertum hatte die Niederwerfung der Räterepublik durch die Sozialdemokraten mit der Präsen- tiering seiner eigenen politischen Wechsel beantwortet und i.» den sogenannten Einivohnerwehren den ersten Grundstock zur Gegenrevolution in Bayern gelegt. Diese neue Regierung versagte Levine die Begnadigung. Tie Begründung lautete, er habe ehrlos gehandelt, indem er ein hochverräterisches Unternehmen fortsetzte, dessen Aussicht«- losigkeit er erkannt habe. Levine wurde also unter dem Druck Roths erschossen,»veil er bei seinen Leuten blieb, als diese unterlagen und nicht ausriß, wie Wilhelm 2. im November 1018 und Adolf Hitler in» November 1323. * Als diese und andere Heldentaten Roths bekannt»vurden. war es der Regierung infolge vieler öffentlicher Angriffe nicht mehr möglich. Roth auf seinem Posten in der Stadtkom- »nandantur zu halten. Er»vurde zum Vorstand des Bezirks- amtes in dem Vorortsnest Dachau ernannt, das erst in der Hitlerperiode durch die Einrichtung des Konzentrations- lagers seine traurige Weltberühmtheit erlangt hat. Ein rundes Dreivierteljahr»var er dort in der Zivil- venvaltnng tätig, als der K a p p- P u t s ch im März 1 323 seine Wellen auch nach Bayern schlug und Roth bei dieser Gelegenheit in die Regierung hochichivemmte. Als am 13. 3. 1323 die Koalitionsregierung Hossmann„von einen» Leutnant und zehn Mann" auf Betreiben des von den Sozialdemokraten ins Amt berufenen Münchener Polizei- Präsidenten und nachmaligen Hitlerputschisten P o e h n e r danonaezagt»vurde.»vurde sie durch das stockreaktionäre Ministerium von K a h r ersetzt, zu dessen Justizminister Roth berufen wurde. Er hatte sich inzwischen parteimäßig den Deutichnationalen angeschlossen Die Periode der Justiz- ministerschait Roths ist durch das Wort des Abgeordneten Dr. Held, des späteren bayerischen Ministerpräsidenten charakterisiert, daß in diese-- Ze>»„ein anständiger Mensch in Bauern seines Lebens nicht sicher ivar". Roth deckte alle Fememorde, die damals, zum ersten Male in der neueren deutschen Geschichte, aus den Kreisen der ehemaligen Ein- »vohnerivchr heraus organisiert und begange»»vurden. Tic Protokolle des Fcmeaussckune« des Deutschen Reichstages geben ausführlichen Ausschluß über die ebenso hinterhältig verlogene»vir schändliche Rolle, die Roth in diesem dunklen Abschnitt der bayerischen Geschichte gespielt hat. vor allem in den bekannten Fewemordkällen Sandweier, Dobner, Härtung. Garci s, in denen er teils die Meuchelmörder direkt amtlich begünstigte, teils als ihr Mitwisser nichts gegen sie unternahm. Von Kohr seinerseits deckte Roth gegen alle Angriffe. Die beid.'n hatten sich schätzen gelernt, als Kaste noch Präsident der Regierung von Oberbayern, Roth als Dachauer Bezirksoberg"»mann sein Untergebner roiii. indem sie gemeinsam die 5-rdnunacn des sozialdeinokratischcn Innenministers E n d r: s sabotierten. * Schließlich»vurde das Treiben der auf Geheiß der Entente aufgelösten Einivohnerwcbrvcrbände derart toll, daß die Re- gicrnng von Kohr darüber stolperte und durch die unter Führung des bayerischen Volksparteilers v. Knill! ng stehende Regierung ersetzt»vurde. In diesem Kabinett war Roth nicht mehr Jnstizminister. Sein Nachfolger»vurde der seines Kommentars bedürftige Franz Gärtner. Die Bayerische Volkspartei als die größte Partei des Landes be- traute die sehr, schivankende Gestalt Knilling mit der Führung der Regiernng in der Hoffnung, daß.sie die Eliaue der rechts- radikale» Verbände durch klein» Konzessionen in».Zaume halten und die Parteiherrschaft der Bayerischen Volksygrt»j hierdurch konservieren»verde. Allein diese R"chi»ii"g. die die damalige politische Weisheit des S ch a e s s e r- F'iigels der Bayerischen Volksoartei»viderspiegelte, erivics sich als ein schwerer Irrtum. Die Hochverratsoraanilation«». gehätschelt von der Regierung>-nd vor allem von der Justiz,»vuchsen zulehends und crivicsen sich ihren Förderern von der Ban. riichcn Volkspartei gegenüber g»s äußerst undankbar. Die Flucht in die Oeffentlichkeit, die später der bayrische Innen- minister T ch»v c n e r mit seinem Buch über bayrische Ge- beimnerbände und»Ger die verbrecherischen ltn»er»a>sunaen der.Instiz unter der ifciib»"»»« p»ürtn»rz ar'r<,t. sind ei» Be- leg dafür,»vie»veit die Dinge damals in Bayern gediehen »oarcn. Ro'h selbst verschwand nach seinem Ausscheiden aus dem Ministeramt eine Weile ans dem öffentlichen Leben. Er er- hielt den Titel eines„Ministerialrates a. D." und betätigte sich als Gcschäitcinacher in verschiedenen kapitalistischen Gesellschaften. Vor allem hat er dein Münchener Großeiievbänd- lcr Z c l l c r, der in verschiedene Femesgchen venvickelt gewesen»var, viel Geld gekostet. Es war durchaus charakteri- »'tisch, daß Roth»ach seinem Ausscheiden aus dom A»nt sich von diesem Mann anstellen ließ. In dieser Tätigkeit kam er auch durch das Wirken für ein und dieselbe GmbH, mit dem Zinsknersttschastsbrechcr G o t t s r i e d Feder in geschält- liche Berührung und durch ihn mit den Nazi in Fühlung. Roth snnibathisiert: mit den Nazi, ohne der Nazipartci bei- zutreten und ohne bei den Deutschnationalen auszutreten. Wenige Monate vor dem Hitlerputsch sagten die Nazi einen großen Einzug ihrer Kolonnen in München nach Rückkunft von einer„Felddienstübung" an. Unter den Klängen des Liedes„Wir»vollen keine Judenrepublik. pfui Judenrevu- blik" zogen sie durch das Siegestor in München ein. Zu den Honoratioren, die diese vaterländische Parade abnahmen, ge- hörte auch der Ministerialrat Dr. Christian Roth. Diese Demonstration sollte eine deutliche Mahnung an seine Partei sein, in der Repierungskoalition für seine Wiederbeschäs- tigung zu sorgen. Allein die Erpressung hatte keine Wirkung. * To näherte sich Roth bis zun» Hitlerputsch zusehends mehr den Nazi. v. K a h r»var inzwischen von der Regiernng Knil- ling im September 1323 als Gcneralstaatskommisiar mit dik- tatarischen Bollmachten eingesetzt»vorden. Als der Hitler- putsch ausbrach,»var Roth auf Seite der Putschisten. An dem 8. ll. 1323, an dem der sozialdemokratische erste Bürgermeister von München und eine Reihe sozialdemokratischer Stadträte "on den Nazi aus dem Rathaus herauSgeschleppt und zunächst in eine» München« Bierkeller verbracht wurden, sahen sie dort unter den Nazihonoratioren auch Herrn Roth. Einer »on ihnen, der inzivischen verstorbene Vorsitzende der sozial- demokratischen StadtratSsraktion, wendete sich an Roth mtt ^er Frage, ob er gegenüber dieser rechtSioidrigen Gewal' nicht einzugreifen gedenke. Allein der Justizminister a. D drehte ihm den Rücken und ließ die Schande ohne jeden Ver »ich der Gegenwirkung geschehen. Am nächsten Tag»var der H i t l e r p u t s ch durch v. Kahr niedergeschlagen, Hitler und seine Unterführer teils auSge- »iisen, teils verhaftet. Unter den Gefangenen des Herrn -. Kahr befand sich auch Roth. Strafrechtlich war ihm nach Ansicht der Staatsanwaltschaft, freilich nichts nachzuweisen. Er kam als Schutzhäftling in die Festung LandSberg, wo er Monate lang festgehalten wurde. Dort entdeckte er in seinen unfreiwilligen Mußestunden witzigerweise, daß eS ehltz deutsche Reichsverfassung gebe und wendete sich in lang- atmigen Eingaben über die„VersassungSividrigkeit" seiner Festhaltung an die Regierung und die öffentlichen Körper- schatten, voll der Klage über das„Gewaltregiment"». Kahr. Kurz nach seiner Entlassung aus der Hast»vurde Roth alS Abgeordneter des„Völkischen Blocks", einer Eintagskonkurrenzorganisation der Nazi, in den bayrischen Landtag geivählt. Seine politische Rolle»var geringsügigo um so stärker aber sein erpresserischer Druck auf die jetzt auA der Bayerischen Bolkspartei, Deutschnationalen und Bauern- bund bestehende Regierungskoalition, ihn»vieder zum Nutzem des Vaterlandes zu beschäftigen. Dieser Druck ivollte etwas, bedeuten, denn Roth»vußte aus der Femezeit noch viel, was der Regierungskolition sehr lästig sein konnte. Und so ereig- ncte sich die politische Groteske, daß das Koalitionsministe- riuin Held, das an die Stelle des Ministeriums Knilling getreten»var, v. Kahr nach der Einstellung des gegen ihn »vegcn Hochverrats anhängigen Ermittlungsverfahrens zum Präsidenten des bayrischen V-'ivaltungsgerichtshofes, den von ihm verhafteten Putschisten Roth aber zum General- st a a t s a n»v a l t dieses Gerichtshofes ernannte. Der abge- halfterte Generalstaatskommissar und der Herr Putschist mußten nun friedlich in den Sitzungen die tiefgreifenden Rechtsfragen des Froschsangcs in der Pfalz, der Kommunal- abgaben, des Wegerechtes und was dergleichen Geheimnisse des bayrischen Verwaltungsrcchtes mehr sind, zusammen einer Lösung cntgegenttihrcn, der Herr Putschist mußte»vohl- formulierte Anträac stellen und der Herr Präsident mußte ihnen stattgeben oder sie hinunterbügeln. Weder v. Kahr, noch Roth, noch oie Regicrungkoalition schämten sich dieses offenen Eingeständnisses, daß man Leute in S t a a t S st e l l e n beruft, um ihnen den Dt und zu verbinden, v. Kahr ging nach einigen Jahren dieser Tätigkeit in Pension. Die Rache der Nazi für seinen Tieg vom November 1323 hat ihn am 33. 6. 1334 erreicht. Roth ist an diesem Tage nichts ge- ichchen. Während die Todesanzeige für Kahr. den geivesenen Ministerpräsidenten und Generalstaatskommissar, wochenlang in den Zeitungen nicht erscheinen durste,»vährend die bay- rischc Regierung von der Ermordung des früheren bayrischen Regierungschefs nicht mit einem Wort Notiz nahm, brachten Hitlerpresse und bayrische Regierung aus Roth schleimige Nachrufe. Sein Nachfolger, der jetzige bayrische Justizminister Frank l> hat in einem„Handschreiben" an die Witioe, dessen Veröffentlichung nicht versäumt»vurde, dem Verstorbenen olle nur denkbaren edlen Eigenschaften attestiert. Diese Hinrichtung nach dem Tode hat nicht einmal Roth verdient. Sie zeigt aber immerhin, wer er war. Denn sage mir, was Frank Ii über Dich sagt und ich sage Dir, wer Tu bist... Skegertratd Sorgen um sein Schicksal Amsterdam, 1. Oktober 1384. Wie„De Tijb" berichtet und„Het Volk" bestätigt, ist man in den katholischen Kreisen Teutschlands in großer Unruhe um das Schicksal des früheren ReichSarbeitsnrinisterS Dr. Slegerwald, der eine führende Rolle im früheren Zentrum gespielt hat. Nach der Machtergreifung Hitlers hatte sich Stcgcrivald mit seiner Familie aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Seit einige» Wochen ist Dr. Ttegerivald spurlos verschwun- den. Man macht sich große Unruhe um ihn. Nach Gerüchten sollte es ihm gelungen sein, im letzten Augenblick sich nach England in Sicherheit zu bringen. Jedoch herrscht in Deutsch- lard die Meinung vor, daß Dr. Stegerwald ein Schlachtopicr seiner politischen Gegner geivordcn ist. Man nimmt an, daß er ermordet»vurde. * Wir«eben die Meldung der holländischen Zeitungen mit allem Vorbehalt. Ttegerivald»vurde in ausländischen Zei- tungcn als einer an den Verhandlungen Beteiligten genannt, die zivischen oppositionellen Teilen der„Deutschen Arbeits- front" und christlichen Geiverkichaften gepflogen»vorden sind. Korruption ttn..drillen Reich" Vier räuberische Bonzen Münster, 1. Oktober. Nach viertägigen Verhandlungen ver» urteilte die Große Straskaminer des Landgerichts vier e h e»»»a l i g e A m t s»v a l t e r der nationalsozialistische»» Betriebszellenorganisation des Gaues Westfalen wegen Unterschlagung, Vermögensenteignung und Betrug« zu Freiheitsstrafen von drei Jahren Zuchthaus biS zwei- einhalb Jahren Gefängnis, verbunden mit schiveren Geld» büßen. * Königsberg, 1. Oktober. Die Große Strafkammer fällte am Samstag in dem Betrugsprozeß gegen den früheren Grnerallandschaftsdirektor von Hippel das Urteil. Ter Angeklagte»vurde zu z»v e i Jahren Zuchthaus, 15 030 Mark Geldstrafe, Aberkennung der Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Acmter aus die Tauer von drei Jahren und zur Bezahlung der Kosten des Verfahrens verurteilt. Tie Unter- suchungshatt»vird in vollem Umfange angerechnet. Ter Haft- beseht bleibt aufrechterhalten. Rie Demonstration kn München lieber die Kundgebung für den Bischof M e i s e r in Mün- chen an» 16. September liegen jetzt von einem Augenzeugen -unerläisige Angaben vor. die diese Demonstration alS weitaus bedeutender erscheinen lassen, als die Berichte der gleichgeschalteten Journalisten zugaben. Der Demonstra» tionszug, gut 2030 Personen, beivegte sich von der Ma.thäus- kirche am Stachus zum Gebäude des Kirchenrates in der Arcisstraße. Am Balkon des Hauses zeigte sich Dr. Meiser, von der Menge stürmisch begrüßt und hielt eine Ansprache. Noch während dieser hörte man von der Menge Schmäh- rufe gegen die Rcichsregierung und den R e i ch S b i f ch o f Müller. Nachdem Dr. Mei.er sich zu- rückgezogen hatte, drang die Menge gegen das Braune Haus vor. Hier erschienen zivei Uebersallkominaudos. die den Zug auflösen ivollte». Da es ihnen mißlang, kam Ver- stärkung in Form von 2 SA.-Trupps der Stabsivache. Die „Rädelsführer"»vurden verhaftet und mit dem Auto fort- geschafft. Einer der Verhafteten schrie mit seinem ganzen Stimmauswand:„Wir gehören Gott und nicht dem Führer!" Von dem Absingen des Teutschland-Liedes oder gar des Zuhälterliedes, wovon die gleichgeschalteten Zei- tungen berichteten, kann keine Rebe sein.. &eutscfke Stimmen• föeilage zur„Deulsdien&veifkeit"• tretgnissiT und Gesüfkidkten Mittwoch, den 3. Oktober 1934 £wt deutschet O&ecßämanec £iu Rcief. au die„Deutsche Jceiheit"- ohne JCvmmentae Unsere Klasse hat 23 Schüler. Von diesen haben neunzehn vollständig das Denken verlernt. Das heißt: sie stehen bedingungslos zu Hitler Sie sind wirkliche Nationalsozialisten, denn Nationalsozialist ist der, der dem Führer in blindem Gehorsam folgt. Die zwei anderen Klassenkameraden sind streng katholisch und riskieren hin und wieder kleine kritische Bemerkungen. Einer ist Halbjude, und schließlich ich, der äußerlich ja auch ganz gebräunt ist. Außer dem Nichtarier gehören alle der Hitlerjugend an. Ich war der letzte, der ihr beigetreten ist, im Oktober vorigen Jahces mußte>ch es. tun. weil ich mir meine nächste Zukunft nicht versauen wollte. Nur„national Zuverlässige" erhalten nach dem Abitur ein Zeugnis, das sie berechtigt, weiter zu studieren. Jeder, der über achtzehn Jahre alt ist und der Hitler- jugend beitritt, bekommt automatisch eine Funktion, er wird dem Leiter der Front zugewiesen, der für Geländeübungen.„Wanderungen" und ähnliche Militärspiele verantwortlich ist, oder er gerät in die„innere Verwaltung", wird Pressereferent, hat für Propaganda, Kolportage der Jugendzeitschriften und anderes mehr zu sorgen. Eine solche Funktion wurde mir gegebe 1. Abstimmungen und ähnliche demokratische Antiquitäten kennen wir ja bekanntlich nicht mehr. Die\ äter meiner Klassenkollegen sind meist Gewerbetreibende, Inhaber kleinei Läden und teilweise auch qualifizierte Arbeiter, die früher bürgerlichen Parteien oder der SPD. ihre Stimme gegeben haben. Wenn ich dann und wann einen meiner Mitschüler besudle, konnte ich bemerken, daß die Eltern heinahe geduckt und scheu in ihrer eigenen Wohnung sind, als ob sie sich vor ihrem Sohn fürditen. Und es ist tatsächlidi so, daß Vater und Mutter dieser Jungen oft noch ihre alte Gesinnung haben, während der Herr filius von außen und innen braun geworden ist. Während von Obersekunda an aufwärts fast hundert Prozent der Schüler in der Hitlerjugend organisiert sind, steht es ganz anders in Sexta. Quinta und Quarta, wo etwa zwei Drittel der Schüler außerhalb der H.-J. stehen. Es mag wohl damit zusammenhängen— wenigstens in unserem Gymnasium, das in einer großen sächsischen Stadt ist—, daß sich die jüngeren Gymnasiasten noch keine Sorgen vor dem Abitur machen müssen und sie immerhin stärker unter dem Einfluß ihrer Eltern stehen. Wie sich jedoch die H.-J.Erziehung auf einen Zwölfjährigen auswirkt, möge folgende gar nicht so heitere Episode beweisen: Die Eltern eines meiner Klassenkameraden waren für einige Tage zu Verwandten gefahren. Zu Hause blieben der Primaner und sein zwölfjähriger Bruder, der eifriges H.-J.-Mitglied ist. Einige Paar Schuhe standen herum, die geputzt werden mußten. Der Aeltere bat den Kleinen, dies zu tun. Nein, er mache es nicht, erwiderte jener eigensinnig. Freundliches Zureden half nicht. Endlich sagte der Kleine streng:„Du mußt es mir befehlen, dann tue ich es!" Dem Aelteren blieb nichts anderes übrig, als sich in Positur zu stellen und Bubi anzubrüllen:„Bubi, putz die Schuhe!" Worauf Bubi seinerseits sich stramm hinstellte,„Zu Befehl!" schrie und mit Blitzeseile die Schuhe zu putzen begann. Dies Zwiegespräch ging in größtem Ernst vor sich... Leider ist diese kleine banale Episode zu charakteristisch... Sinnlosester Kadavergehorsam, das ist letzten Endes das Fundament der ganzen Hitler-Jugend, die Basis, auf der ihr sogenanntes Gemeinschaftsleben ruht. Gerade das scheint mir so außerordentlich verändert in Deutschland, seit Hitler an die Macht gekommen ist: Während früher trotz der unzähligen Parteien und Parteichen immer wieder Gemeinschaft lebte und erlebt wurde, ist das heute nicht so. Wieviel Feindschaft und Haß untereinander, wieviel Intrigen und Klatschereien gegeneinander— innerhalb der Hitler- Jugend! Keiner traut dem andern. Früher, also in untern Klassen, diskutierten wir heftig über Cäsar, seine Feldzüge, über Ovid, über die Staatsmänner Roms und Griechenlands. In einem im Querido Verlag, Amsterdam, erschienenen Buche„Bilanz der deutschen Judenheit 1933" gibt Arnold Zweig eine Analyse und Darstellung des heutigen Zustandes der deutschen Judenheit. Im Schlußkapitel schreibt er über die europäische Lösung der Judenfrage u. a.: „Die Judenfrage war bisher falsch gestellt. In einer Gesellschaft von Staaten, entstanden durch gewalthafte Eroberung lebten die Juden als Gruppe gestaltlos und ohne öffentliche und rechtliche Anerkennung. Ihre Emanzipation verdanken sie den Menschenrechten, die die französische Revolution folgerichtig verkündete, der großherzigen Zuversicht weniger Staatsmänner vom Range des genialen Mirabeau, des großen G. E. Lessing Sie sagten voraus: vom Drucke befreit und ihrer Ausnahmestellung enthoben, würden sich die Juden als gute Staatsbürger und nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft bewähren. Heute, nach hundertfünfzig Jahren, haben sie diesen Beweis erbracht... Und trotzdem hat ein großer Staat in der Mitte Europas diese Segnungen von 1789 wieder rückgängig gemacht, spukt in vielen anderen seiner Nachbarvölker der gleiche Ungeist. Aber eine Befreiung, die von Knappheit des Lebensraumes und krisenhafter Not so leicht bedroht werden kann, hat nicht sehr tief gegriffen. Es muß ein Konstruktionsfehler im Gesellschaftsbau vorliegen, der an dieser Stelle aufklafft.- Wir beh*urt*n nun: die Emanzipation ward nicht der Judenheit a>» Ganzem zugebilligt, sondern den einzelnen Juden zugestanden und nicht um willen ihres Judentums, sondern trotz ihre« Judentum» Obwohl sie Juden seien, solle Heute dagegen wagen das die wenigsten— zu leicht können solche Gespräche schließlich in eine Sackgasse führen; zu leicht kann der Diskussionspartner die Worte verdreht weitergeben, zu leicht könnten sie„falsch" gedeutet werden.,. Unsere letzten Aufsatzthemen?„Horst Wessel", „Schlageter",„Verrat in der Weltgeschichte",„Adolf Hitler als Staatsführer",„Erziehung im Arb tsdienst". Ich biß mir auf die Lippen, um das Lachen nicht herauskullern zu 'lassen, und schrieb dabei als guter Deutscher über den Helden Horst Wessel. Ich schrieb den blödesten Blödsinn; Zuhälter sind doch zu große Heroen... Und ich erhielt eine Zwei.— Unser Geschichtslehrer ist ein Januargefallener. Früher gab er sich liberal. Eine Kritik— eine versteckte, versteht sich— wagen meist nur die Lehrer, die schon längere Zeit in der NSDAP, organisiert sind.(Nach dem 30. Juni bemerkte ich das ganz besonders.) In der letzten Zeit sind etwa sechzig Prozent unserer Lehrer aus dem nationalsozialistischen Lehrerbund ausgetreten. Von einem Lehrerbund waren sie immerhin anderes gewohnt. Auch liier sind es größtenteils alte Mitglieder der NSDAP., die sich diesen Schritt erlaubt haben. In der Partei sind sie geblieben.(Braucht eigentlich nicht besonders erwähnt zu werden.) Vor einigen Monaten stieg unser„nationalpolitisches Schulungslager". Herrgott, war das ein Theater! Diese vierzehn Tage in einer Jugendherberge, für die ein jeder von uns 19,— Mark bezahlen mußte, waren tatsächlich lehrreich, aber in anderm Sinn, als es sich die Organisatoren vorgestellt hatten. Organisation...: So gut wie gar nicht. Alles ging drunter und drüber. Frühmorgens um sechs Uhr bekamen wir zwei Schnitten Brot mit Margarine und ein braunes Gesöff, dann heraus in die Kälte, Freiübungen, Marschieren, dann„Unterricht": Militärtheoretisches. Wir hatten vor uns Holzattrappen von Maschinengewehren, Tanks usw., außerdem Tafeln mit den Bezeichnungen einzelner Giftgase, über deren Wirkung wir von den jungen Lehrern recht drastisch und plastisch unterrichtet wurden. Vielen Primanern tat es nur leid, daß sie nicht richtige Maschinengewehre und Tanks vor sich hatten. Beinahe empfanden sie es als Beleidigung, daß man ihnen„Spielzeug" vorsetzte und sie wie„kleine Kinder" behandelte. Zu Mittag bekamen wir ein dünnes Süppchen, von dem wir nie wußten, woraus es eigentlich bestand. Nach anderthalb Ruhestunden rassetheoretischer Unterricht. Ganz neue„Werke" neuester Größen hatten wir dabei zu benutzen. Es fiel mir auf, daß Herr Günther überhaupt nicht erwähnt wurde. Ob auch er in Ungnade gefallen ist-...? Abends.noch Marsch durch Wald und Geländeübungen im Halbdunkel. Brot mit Bratkartoffeln und „Kaffee" beendeten den Abend. Hungrig und frierend krochen wir ins Bett. Schon in der ersten Nacht brach im Schlafsaal eine richtige Revolte aus. Wir schmissen mit Schemeln und Decken und machten einen Riesenradau. Daraufhin erschien einer der Lehrer und drohte uns mancherlei an. Am nächsten Morgen fand eine längere Untersuchung der Vorgänge statt, wir beschwerten uns über das miserable Essen. Es wurde Besserung zugesagt, doch wurden nur die Rationen erhöht. Und wir gewöhnten uns daran und wurden wieder brave Nationalsozialisten... Noch viel könnte ich erzählen— über die Herrschaften, die die Hitler-Jugend führen und durchweg elegante Autos besitzen, sie aber nicht direkt vor dem Eingang der H.-J.-Häuser halten lassen.(Fotos zum Beweis können also nicht gemacht werden...) Ich könnte erzählen von den amtlich zugewiesenen Büchern, aus denen wir Primaner Stoff zu schöpfen haben..., von den Schwierigkeiten, auf allen Gebieten gänzlich neue Schulbücher zu schaffen.(Wer könnte das schließlich tun, und auf welcher Geistesgrundlage...?) Doch will ich meinen kurzen Bericht schließen mit dem Versprechen, Ihnen noch weitere Mitteilungen zukommen zu lassen, wenn es an der Zeit ist. man Hoffnungen auf sie setzen, mahnten damals die führenden Geister. Heute haben die Juden überall bewiesen, daß es gut war. sie zu befreien, weil sie Juden sind. Weil sie aus diesem Blute, aus dieser Erbmasse, mit solchen Schicksalen und dieser Schöpferkraft begabt, der menschlichen Gesellschaft diese Dienste geleistet haben und jeden Augenblick weiterleisten können, muß man sie vollwertig in die Gesellschaft der Nationen aufnehmen und ehrlich sprechen, nachdem man sie lo lange, laut oder verschwiegen, im Zustande der Unehrlichkeit belassen hat. Ohne ihnen irgendetwas von ihren Staatsbürgerrechten zu nehmen, muß man, ihrer außergewöhnlichen sozialen und nationalen Struktur Rechnung tragend, sie auch noch als Volk anerkennen und ihnen, wo sie danach verlangen, die Konstitution als nationale Minderheit und als selbständiges Mit- glied der Völkergesellschaft zubilligen. Der Völkerbund in Genf hat alleine diejenigen bitter enttäuscht, die von ihm erwarteten, was sein Begründer Woodrow Wilson von ihm hoffte. Er hat vor der Souveränität seiner Mitglieder allzu ängstlich Halt gemacht und seine moralische Kraft vergeudet dadurch, daß er sich nicht die Machtmittel schuf, Europa zusammenzufassen, zu organisieren und die Störer einer sinnvollen Symbiose durch wirtschaftliche und politische Maßnahmen zur Vernunft zu bringen. Er müßte jetzt endlich wenigstens in der Judenfrage einen entscheidenden Schritt tun. Er müßte Vertreter des jüdischen Volkes als solche in seiner Mitte aufnehmen und in einem .eierlichen Akt der Erde vor Augen führen, daß die Epoche der Willkür in der Behandlung dieser Minderheit zu Ende Vectocene JCactnonie Vor meinen Fenstern braust das blaue Meer, Und Berge schweigen steinern in die Zeiten. Im Winde schwanken Palmen hin und her. Und Städte schimmern aus besonnten Weiten. In goldner Klarheit dehnt sich jeder Tag! Was will der Haß auf dieser schönen Erde? Den Hassenden, dem Gott verzeihen mag. Wir hassen ihn, damit die Liebe werde! Rings um uns singt die große Harmonie. Allein die Menschen sind aus ihr vertrieben. Wir suchen die verlorne Melodie, Von der uns Einsamen ein Klang geblieben. 0 Brüder, klagt nicht:„Ihr erreicht sie nie!" Sie wird erklingen, wenn wir wieder lieben! Horatis. Qam Skandinavien lacht Wirths Judenblut Da der germanische Ras»enprofessor W i r t h nach seiner Niederlage in der Berliner Uralinda-Diskussion in echter Nazimanier seine Gegner politisch zu denunzieren suchte, sahen sich einige Vertreter ernster deutscher Wissenschaft genötigt den Unsinn seiner Rassenforschung auch schriftlich zu erhärten. Der Berliner Germanist G. H ü b n e r brachte eine entsprechende Schrift heraus, für die einige gleichgeschaltete Blätter entschieden Stellung nehmen. Man erfährt dabei, daß über Wirths Blödsinn„ganz Skandinavien lacht..." Man müsse— schreibt die Berliner Börsenzeitung — Hübner zustimmen, wenn er gegen Ende seiner Schrift sagt, man könne■ es• sozusagen tragisch finden,„daß Hermann Wirth, der sich so gern guf das Erberinnern beruft, das in ihm schwingt, einem solchen Irrtum verfallen mußte..." Dies scheint uns auch das Wichtigste am Fall Wirth. Auf das nebelhafte„Erberinnern" stützt der ganze Hakenkreuz- lerische Ideologenchorus seine Gewalttheorien; auch der Landwirtschaftsminister Darre— o arme deutsche Bauern — erklärte sich in diesem Rassenstreit entschieden gegen das Fachwissen und für das nebulöseste Erberinnern des Laien- tums. Bei der ersten Gelegenheit jedoch, wo die„Stimme des Blutes" angerufen wurde, und die Handschrift der Ahnen rekognoszieren sollte, versagte sie und verherrlichte eine liberalistische Fälschung, eine Chronik, die den Ideen der französischen Revolution huldigt— verherrlicht solch ein artfremdes Demokratenopus als altfriesische Germanenbibel! Was nun?— fragt verzweifelt der Völkische. Entweder es ist völlig Essig mit dem Erberinnern, oder das altgermanische Blut wallte liberaüstisch— in beiden Fällen wackeln geistige Grundlagen des„dritten Reiches". Oder aber die Hakenkreuzideologen sind eine urdeutsche, wurzellose Promenadenmischung mit dito Erbmasse! Die Blubo-Innung hat zu wählen, und das alles sind Fragen, mit denen sich die Wissenschaft Gangsteriens im Ernst zu beschäftigen hat! Die leste Reklame „In Deutschland verboten" Als Deutschland noch nicht ans Braunkreuz geschlagea war, konnte man in der Propagandarubrik ausländischer Blätter nicht selten lesen:„Dies Buch... hatte in Deutschland Hunderttausende Leser."„Dieser Film war einer det stärksten Erfolge der Berliner Saison." Die Propagandamanager wußten, wie hoch das damalige Deutschland als Kulturfaktor im Ausland eingeschätzt wurde. Die Art, wie sie den Buch- und Filmerfolg in Deutschland als beispielhaft und wegweisend hinstellten, sagte deutlicher als langwierige Analysen, mit welchen Augen die Kulturwelt auf das„nachnovemberliche" Deutschland sah. Jetzt konnte man in französischen Blättern in den letzten Tagen lesen:„Dieser Film ist in Deutschland verboten." In englischen Zeitungen:„Das Buch ist in Deutschland beschlagnahmt worden. Eine dringlichere Empfehlung erübrigt sich." In der spanischen Presse:„Dies Werk steht auf der Liste der in Deutschland verbotenen Bücher. Niemand sollte deshalb versäumen, es gründlich zu studieren!" In der Schweizer Presse:„Vergessen Sie nicht— dieses Stück darf in Deutschland nicht gespielt werden!" Die Geschäftspropaganda, dieser untrügliche Barometer der Volksstimmung, gleich fern jeder Sentimentalität und jeder ideellen Stellungnahme, die Propaganda als messerscharf anzeigender Seismograf menschlicher Gefühle, Neigungen und Abneigungen, verrät uns, wie tief das Deutschland det Nationalsozialismus gesunken ist! Pieie. 9ta(> gegen die Ul'dcdec Gorki über einen jungen Dichter In einem Feuilleton, das die„Prawda" veröffentlicht entwirft Maxim Gorki das Bild eines jungen Dichters, neun Jahre alt, von dem er Gelegenheit hatte, ein Gedicht über Hitler und Goebbels zu hören. Gorki schreibt:„Der Junge las schlecht, aber ich war betroffen von der Kraft seines Gefühlt, von seinem tiefen und wilden Haß gegen die Mörder... diesem menschlichen Haß, der nur aus tiefster Liebe zu den Werktätigen geboren werden kann, zu den Menschen, die unter dem Joch der Elenden und Mörder leiden, welche versucht haben, Dimitroff einzukreisen und die jetzt Thälmann töten wollen, wie sie zahlreiche Kämpfer für die Freiheit des Proletariats bereits getötet haben... Alt der Junge geendet hatte, bedauerte ich, daß die gereiften Dichter nicht die Kraft des Ausdrucks haben wie dieses Kind, das in seinem kurzen Leben noch nicht gelitten hat und dem doch die Leiden und jene, die den Arbeitern mehr und mehr Leiden aufbürden, schon so tief verhaßt sind," Die Juden als„Volk" -Arnold Zwei?-£in Appell an den VölAecluud Völkar In Sturmxaltan Hr. M Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Mlttwodi, J. Oktobar 1»M So war es in Versailles... „Die Stunde der schweren Abrechnung..." Ein Weltkongreß und»ein Präsident— Clemenceaus Triumph— Keine mündlichen Verhandlungen Brockdorffs weltgeschichtliche Vorlesung Von unserem Hotel his zum Trianon-Palace-Hotel am Fände des Parks von Versailles ist nur ein kurzer Spaziergang. Aber er führt aus dem umzäunten Raum heraus, in dem wir uns frei bewegen dürfen. Autos mit militärischer Begleitung bringen 11ns am 7. Mai, 3 Uhr nachmittags, dorthin.\Vir sind im ganzen fünf deutsche r 0" r j ,a'' S' en'^ enen Ps f'laubt ist, der Ueberreichung des Friedensvertrages beizuwohnen. In dem Augenblick unseres Eintritts ist der Saal schon gefüllt. An hufeisenförmiger Tafel sitzen die Vertreter von siebenundzwanzig Nationen, die im Kriege unsere Feinde gewesen sind, und die sieh vereinigt haben, uns ihre Gesetze des Friedens aufzuerlegen. Richtiger, die gekommen sind, um den Beschlüssen der großen Fünf die höhere Weihe zu verleihen und einen Akt der Repräsentation zu vollziehen, wie ihn die Geschichte noch nicht kennt. Ks ist wahrhaftig die Welt, die hier vertreten ist. Wer fehlt.' Die österreichisch-ungarische Monarchie— sie besteht nicht mehr! Bulgarien, die Türkei, unsere gewesenen Bundesgenossen, Rußland, das vorzeitig aus der Reihe gesprungene, rätselhafte, vielen Hort der Hoffnung, dann Spanien und ein paar kleine Neutrale... sonst sind alle d a! Von den Rassen der Erde fehlen die Indianer und die Australneger. Sonst ist so ziemlich alles vorhanden, vom leichtesten Elfenbeingelb zum tiefsten Kaffeebraun oder Schwarz. In dieser großen Versammlung taucht mancher Kopf auf, der mir in vergangenen Friedenszeiten begegnet ist. Da ist neben Clemenceau Lloyd George. Ich sah ihn zuletzt im Januar 1910 in einer Wählerversaiumlung in Beckham. Ganz deutlich klingen mir seine Worte von damals im Ohr:„Torheit zu glauben, ein Krieg zwischen England und Deutschland sei unvermeidlich! Wir haben jahrhundertelange Kriege gegen Frankreich geführt uud sind jetzt seine besten Freunde. Jahrzehntelang ging die Mär vom russischen Bär und dem englischen Walfisch— heute vertragen sie beide sich ausgezeichnet. Warum, frage ich, »eilen wir nicht auch mit Deutschland in Frieden und Freundschaft leben können?" Ich höre Beifall aus tausend Kehlen, Klatschen von Händen—— wieviele davon mögen vier Jahre später zum Gewehr gegriffen haben? Lloyd George hatte damals braunes, wallendes Haar. Wie. weiß er geworden ist! Man ist noch nicht vollzählig, wartet scheinbar auf wen— da wird die Tür aufgerissen. Es erscheint der Klavier- Virtuose P a d e r e w< k i. jetzt Polens Ministerpräsident, wirft die Künstlermähne zurück, sieht sich beifallsgewohnt um. Nun haben alle Platz genommen. Wieder öffnet sich die Tür, jetzt langsam, feierlich. Ein Beamter, eine Art von Zere- monienmeister in prunkvoller Uniform stößt mit seinem Stab auf den Boden uud ruft: „Messieurs, les delegues allemauds!" Als erster kommt der Graf, der noch grüner aussieht alt gewöhnlich, aber gefaßt ist und sich mit Würde verneigt. Der Gruß wird durch Erheben von den Plätzen erwidert. Dann Landsherg, Giesherts. keiner!, Melchior, Schücking. Sie alle blaß und abgemagert— jetzt merkt man es plötzlich. Solange wir unter uns waren, fiel das weiter nicht auf. Jetzt springt der Unterschied in die Augen. Jetzt weiß man auch, warum die anderen siegen mußten. Einige hohe Beamte, zwei Dolmetscher und ein Stenograf, beschließen den Zug. Die Deutschen nehmen an zwei Tischen Platz, die cjuer zum Ende des Hufeisens, von den anderen getrennt, aufgestellt sind. Es sieht nach Anklagebank aus. Und nun erhebt sich der Mann, der in dieser Stunde die triumphale Genugtuung seines Lehens erfährt. Clemenceau. Er führt den Vorsitz dieser weltgeschichtlichen Versammlung. neben ihm sitzen Wilson und Lloyd George, die \ ereinigten Staaten und das Britische Weltreich, und ringsherum sitzen die Vertreter fast alier Völker der Welt. Frankreich aber ist Präsident dieses Kongresses der Sieger, und ihm gegenüber sitzt geschlagen, blaß, fiebernd—-Deutschland. Als Jüngling hat er das erste Versailles erlebt, ein gütiges Schicksal hat ihm gewährt, daß er als Greis das zweite erleben und in seinem Mittelpunkt stehen darf. Die Figur bleibt fast starr, das gelbe Gesicht mit den schiefen Mongolenaugen und dem huschigen Schnurrhart bewegt sieh kaum. Der Franzose, der hier spricht, ist ein Mann, dem die Macht der Rede gegeben ist. um zu kämpfen. Jetzt genießt er mit Selbstbeherrschung den Sieg. „Meine Herren Delegierten des Deutschen Reiches! Es ist nicht Zeit und Ort für überflüssige Worte. Sie sehen vor sich die beglaubigten Vertreter der kleinen und großen Mächte, die sich vereinigt haben, um den schrecklichen Krieg, der ihnen aufgezwungen worden ist, zum Ende zu führen. Die Stunde der schweren Abrechnung ist gekommen. Sie haben um den Frieden gebeten. Wir sind geneigt, ihn Ihnen zu gewähren. Wir überreichen Ihnen hiermit das Buch, das unsere Friedensbedinguugen enthällt... Derz weite Friede n von Versailles ist von den hier vertretenen Völkern zu teuer erkauft, als daß sie es über sich bringen könnten, allein die Folgen dieses Krieges zu tragen. Um Ihnen aber meine Auffassung vollständig mitzuteilen, muß ich hinzufügen, daß dieser zweite Frieden von Versailles allzu teuer von un« erkauft worden ist. als daß wir nicht entschlossen sein so'ltc«•- hr gl- Genugtuungen und S'"herheifen fiir die P.wei die-cs Friedens zu erlangen." Das ist eigentlich alles. Es folgen nun noch einige Bemerkungen über das Verfahren, die freilich derart sind, daß sie die deutschen Delegierten zusammenzucken lassen. Binnen 15 Tagen sollen sie ihre schriftlichen Bemerkungen machen und Fragen stellen. Schriftlich soll die Antwort erfolgen. Keine mündlichen Verhandlungen? Ja, wozu sind wird dann eigentlich hier? Während die Rede ins Englische und Deutsche übersetzt wird, durchschreitet der Sekretär der Friedenskonferenz D u t a s t a, den Saal und überreicht eine starke, blaßgelb geheftete Druckschrift großen Formals dem Grafen Brock dorff-Rantzan. Der erhebt jetzt die Hand und erhält das Wort. Alle Blicke richten»ich auf ihn und zeigen Erstaunen. Clemenceau hatte stehend gesprochen. Brockdorff, der viel Jüngere, bleibt sitzen. Ueher dieses Sitzenbleiben ist viel geredet worden. War es eine Geste des Trostes? Sollte es ein Zeiche,, sein, daß man lieher ungezogen als demütig erscheinen wollte? Der Graf hat es später rein technisch erklärt. Er hatte ein umfängliches Dokument zu verlesen, das konnte er hesser im Sitzen. I nd dieses Dokument war eins von zweien, die er mitgenommen hatte; eine mildere und eine schärfere Fassung. Nach Clemenceaus Rede wählte er die schärfere: „Meine Herren! Wir sind tief durchdrungen von der erhabenen Aufgabe, die uns mit Ihnen zusammengeführt hat, der Welt einen dauernden Frieden zu gehen. Wir täuschen uns nicht über den Umfang unserer Niederlage, den Grad unserer Ohnmacht. Wir wissen, daß die Gewalt der deutschen Waffen gebrochen ist. Wir kennen die Macht des Hasses, die uns hier entgegentritt... Es wird von uns verlangt, daß wir uns als die allein Schuldigen am Kriege bekennen, ein solches Bekenntnis wäre in meinem Munde eine Lüge. Der deutsche Sprecher will„die frühere deutsche Regierung" nicht von jeder Verantwortung reinwaschen.... ..aber wir bestreiten, daß Deutschland, dessen Volk überzeugt war. einen Verteidigungskrieg zu führen, allein mit der Schuld belastet ist. In den letzten 50 Jahren hat der I m p e r i a I i s in Ii s aller europäische» Staaten die internationale Lage dauernd vergiftet. Frevel sind— nicht voii einem allein— in der Art. den Krieg zu führen, verübt worden. Wir wiederholen die Erklärung, die bei Beginn des Krieges im deutschen Reichstag abgegeben wurde: „Belgien ist Unrecht geschehen, und wir wollen es wieder gutmache n." Leidenschaft hat das Gewissen der Völker stumpf gemacht.„Die Hunderttausende von Nichtkämpfern, die seit dem LI. November (dem Tage des Waffenstillstandes) an der Blockade zugrunde gingen, wurden mit kalter Ueberlegnng getötet... Das Maß der Schuld aller Beteiligten kann nur eine unparteiische Untersuchung feststellen.. Unser Bundesgenosse, sagt Brockdorff weiter, ist das Recht. Er erinnert an die Grundsätze Wilsons, die für beide Mit fieberhafter Ungeduld wartete das Gros der Delegation im Hotel des Reservoirs auf die Rückkehr der Hauptdelegierten und der wenigen übrigen Deutschen, die der Ueberrcichungszercmonie beigewohnt hatten, aus dem Trianon-Palace. Alles in allem mag zwischen Abfahrt und Rückkehr kaum mehr als eine Stunde verstrichen sein. In der Zwischenzeit beobachteten wir zur Ablenkung das Kreiseil unzähliger Militärflugzeuge, die aus Anlaß des Tages aufgeboten worden waren uud die Luft mit ihrem Summen erdröhnen ließen. Plötzlich tauchte in der Ferne, am Eingang des Parkes, ein Auto auf. gefolgt von einem zweiten, einem dritten usw. Nun wußten wir: es ist zu Ende. Nach wenigen Sekunden hielten alle Wagen vor dem Hotel. Die Delegierten stiegen ans, voran Brockdorff-Raiitzau. Alle sahen ernst und blaß ans.\tir wurden sofort gebeten, uns im großen Speisesaal zu versammeln, wo der Delegationsführer Bericht erstatten würde. Gleich danach gab Brockdorff-Raiitzau eine kurze Schilderung des Vorgefallenen. Er erzählte, daß er zwei Redeeutwiirfe vorbereitet hatte, einen konzilianten und einen schärferen, je. nach Inhalt und Ton der Ansprache des Konferen/.versitzenden Clemenceau. Aber schon nach den ersten Worten des„Tigers":„Die Stunde der schweren Abrechnung ist gekommen!" sei ihm klar geworden, daß nur die zweite, die schärfere Fassung für seine Antwortrede in Frage kommen würde. Ei habe diese Antwort sitzend— er betonte nachdrücklich„sitzend"— abgegeben, und instinktiv wunderten sich manche von uns über diese Demonstration, dir wir, hei aller Würdigung seiner Gründe, für einen Fehler hielten und heute noch halten.(Aber diese Etikettefrage ist ini Rahmen des ganzen Geschehens völlig belanglos. Mögen Lloyd George und Wilson über das, was sie als Unhöflidikeit oder gar als Provokation empfunden haben sollen, noch so sehr verärgert gewesen sein, an der endgültigen Gestaltung des Friedensvertrages wird da» gewiß nicht einen einzigen i Punkt geändert haben.) Teile bindend sind So sind wir bereit, Zerstörtes aufhauen zu helfen und„der Menschheit neue Ziele politischen und sozialen Fort- Schrittes zu zeige n". Dabei wird es unsere Hauptaufgabe sein, die verwüstete Menschenkraft der beteiligten Völker durch einen internationalen Schuft von Leben, Gesundheit und Freiheit der arbeitenden Massen wieder a u f z u rieht e n. Wiederaufbau soll rasch und gründlich geleistet werden. Aber nicht durch Kriegsgefangene! Ihre weitere Zurückhaltung müßte Verzweiflung und Haß erregen. Will man Entschädigungen haben, darf man Deutschland nicht zum Zusammenbruch treiben, sonst droht dir Gefahr des Ruins für ganz Europa. Und weiter wörtlich:^ „Es gibt nur ein Mittel, um sie zu bannen: das rückhaltlose Bekenntnis zu der wirtschaftlichen und sozialen Solidarität der Völker, zu einem freien und umfassenden Völkerbund. Meine Herren! Der erhabene Gedanke, aus dem furchtbarsten Unheil der Weltgeschichte durch den Völkerbund den größten Fortichritt der Mrnschheitsentwiikliing herzuleiten, ist ausgesprochen und wird sich durchsetzen. Nur wenn sich die Tore zum Völkerbund allen Nationen öffnen, die guten Willens sind, wird das Ziel erreicht werden, nur dann sind die Toten des Krieges nicht umsonst gestorben. Das deutsche Volk ist innerlich bereit, sich mit seinem schweren Los abzufinden, wenn an den vereinbarten Grundlagen des Friedens nicht gerüttelt wird. Ein Friede, der nicht im Namen des Rechts vor der Welt verteidigt werden kann, würde immer neue Widerstände gegen sich aufrufen. Niemand wäre in der Lage, ihn mit gutem Gewissen zu unterzeichnen, denn er wäre unerfüllbar. Niemand könnte für seine Ausführung die Gewahr, die in der Unterschrift liegen soll, übernehmen. Wir werden das uns übergehene Dokument mit gutem Hillen und der Hoffnung piiifen, daß das Endergebnis unserer Zusammenkunft von um allen gezeichnet werden kann." Brockdorff ist zu Ende. Er hat nicht wie Clemenceau als dramatischer Sprecher gewirkt. Sachlich war er stärker. Clemenceau hat Eile, ein Kapitel der Geschichte ahzu- schließen, er will den Sieg, die Macht in starren Formen verewigen. Hinter ihm sitzt der Marschall F o c h. Brockdorff hat keine militärische Begleitung, aber hinter ihm stehen unsichtbar Fichte und Hegel, Lassalle und M a r x. Wer besiegt ist, ist doch nicht ohnmächtig: Aus Geist fließen die Quellen neuer Kraft.... Die deutschen Dolmetscher treten in Funktion. Michaelis (englisch) ist prächtig. Er schmettert dem— wie uns scheint — etwas betreten dasitzenden Wilson die Säfte, die ihn betreffen, mit jungenhafter Keckheit ins Gesicht. Schauer (französisch) versagt, stottert, ringt nach Luft. Er ist deutsch- französischer Anwalt, lebt seit einem Menschenalter in Paris — jetzt ists, als hätte er sein Französisch verlernt und wäre dem Herzen und der Zunge nach wieder nur Deutscher... Seine Konstitution ist der furchtbaren Belastung nicht gewachsen. Sein Versagen ist das erste Anzeichen beginnender schwerer Krankheit. „Ist noch etwas zu bemerken?" sagt der Vorsitzende Clemenceau. Es ist nichts mehr zu bemerken. Ein paar Minuten später rollen die Autos der einen zurück nach Paris, die der anderen zurück in die umzäunte Reservation in Versailles. Der Akt hatte nachmittags 3 Uhr 5 Minuten begonnen, 3 Uhr 50 Minuten war er zu Ende. Ueher den Inhalt des soeben überreichten Vertrages konnten natürlich Mitteilungen noch nicht gemacht werden. Zunächst war ja überhaupt nur ein Exemplar übergeben worden, aber einige weitere sollten jeden Augenblick folgen. Alle der englischen oder französischen Sprache kundigen Herren wurden gebeten, sich sofort in das Zimmer von Dr. Simons zu begeben, wo die Ueberseftungsarbeit unversüglirh verteilt werden würde. Etwa zwanzig Mann stellten sich für diese Aufgabe zur Verfügung. Jedem Uebersefter wurde ein Tippfräulein beigegeben. Wir brauchten in Dr. Simons Zimmer nicht lange zu warten. Nach wenigen Minuten erschien Justitiar Dr. Gans mit den neu eingetroffenen Exemplaren. Jeder von uns erhielt einen Abschnitt des Vertrages, der aus dem Band einfach herausgerissen wurde, und begab sich sofort zur Arbeit. Ich bekam das Kapitel über das Saargebiet nebst dessen sehr ausführlichen Anlagen. Rein technisch-organisatorisch wurde in jenen Tagen von der Delegation und den entsprechenden Berliner Stellen eine schöne Leistung vollbracht. Um Mitternacht lag der ganze Friedensvertrag fix und fertig übersetzt vor. Die einzelnen Abschnitte wurden gesammelt, geordnet und in der Nacht begann die Vervielfältigungsarbeit. Am nächsten Morgen standen der Delegation etwa fünfzig Exemplare dieser Ueberseftung zur Verfügung, während mit dem ersten Zuge ein Sonderkurier nach Berlin abging, der weitere Exemplare für die Regierung mitnahm. Am übernächsten Tage wurde sofort nach Eintreffen des Kuriers in Berlin ein Exemplar an die Reichsdruckerei geschickt, am Abend darauf lagen die Friedensbedingungen in ihrer vorläufigen Ueberseftung bereits als stattliches Buch vor, und weitere 24 Stunden später hatte jeder Angehörige der Friedensdelegation in Versailles ein solches gedrucktes Exemplar in Händen! (Fortsetzung folgt) Nach der Überreichung Jeder übersetzt ein Stück des Vertrages— Man unterrichtet sich gegenseitig über den Inhalt—» Niedergeschlagenheit— Keine mündlichen Verhandlungen— Die Plenarsitzung der Delegierten am 8. Mai— Katastrophale Prophezeiungen— Erste Gegensätze— Eine aufrüttelnde Mahnung Vom„dritten keim enttäuschte Tranen Die lauten und die Stillen Am 7. August sollte die Totenfeier für Hindenburg in Szene gehen. Am ö. August übersandte eine starke Gruppe nationaler Frauen dem deutschen Reichsinnen- minister Frick folgendes Telegramm: Deutschlands Frauen und Mütter wollen und müssen bei der nationalen Totenfeier am Tannenbergdenkmal vertreten sein! Bieltausende deutscher Frauen. Aber als die Beisetzungsfeierlichkeit begann, zeigte es sich, daß„wegen Raummangels" nur männliche Teil- nehmer eingeladen worden waren. In der„Deutschen Kämpferin", einer durchaus nationalsozialistisch einge- stellten Frauenzeitschrift, ertönte darob ein Klagelied: Daß auch hier wieder die Mütter des Volkes sich durch eine weithin sichtbare Geste ausgeschlossen sahen von der Gemeinschaft der Nation, ist von allen leidenschaftlich deutschbewußten Frauen in schmerzlicher Ueberraschung und unter dem niederdrückenden Gefühl verletzter Ehre hingenommen ivorden Zahllose Vertreter fremder Regierungen, deren jede, wenn es ihr beliebt, uns über- morgen wieder in alle Abgründe des Krieges reißen kann, waren bei der Totenfeier für den„Vater des Vater- landes" vertreten— aber für die Mütter des Vaterlandes war„kein Raum". Diejenigen weiblichen Volksgenossen, die(Ich in bedingungsloser Hingabe am Schicksal der Nation beteiligt und verantwortlich fühlen, buchen in schmerzlicher Erschütterung diese neue Erfahrung." Eine„neue Erfahrung", nicht die erste, nicht die letzte — wahrlich nicht die schlimmste. Millionen Hitlerwähle- rinnen haben sich das„dritte Reich" ganz anders vor- gestellt und der Dank des Vaterlandes schmeckt ihnen bitter. In einem deutschen Fachorgan„Die Aerztin" be- schwer! sicheinejungeMedizinerin: Wir alle haben es erlebt, dieses Von-Krankenhaus-zu Krankenhaus-, Von-Ehef-zu-Chef-Rennen und immer - wieder die teils höflich ummantelte, teils deutliche Aus- kunst erhalten, daß weibliche Aerzte jetzt nicht erwünscht feien. Der Ehef eines hiesigen Krankenhauses äußerte sich über eine ihm bestens empfohlene Kollegin:„Ich möchte die Dame wegen ihrer guten Leistungen, die ich ja kenne, so gern annehmen. Aber was meinen Tie wohl, wie ich in Teufels Küche käme, wenn ich jetzt eine Frau auf meiner Abteilung einstellen würde!" Andere schreiben von vornherein in die Stellenangebote:„Keine Aerztin!" Die Stellen in den Krankenhäusern sind inzwischen von ganz jungen männlichen Kollegen besetzt, die größtenteils weder in ihrer persönlichen Einstellung zur Sache, noch in ihrer bisherigen Ausbildung dem„Leistungsprinzip" ge- recht werden, die aber den Vorteil haben, männlichen Ge- schlechts geboren zu sein." Die letzte Bemerkung wirft ein interessantes Licht auf die Zustände in den deutschen Krankenhäusern. Diese „ganz jungen Kollegen" sind nämlich nicht nur Männer, sie sind vor allem auch SA.-Männer von Anbeginn. Und das zählt mehr als jede Leistung. Die enttäuschten Hitlerwählerinnen der oberen Stände finden wenigstens noch hier und da Gelegenheit, ihre Stimme zu erheben, sich zu beschweren. Viel grausamer ist das Los der Frauen aus dem Proletariat. Sie haben in ihrer übergroßen Mehrheit das„dritte Reich" nicht gewollt, sie sind nicht mitschuldig an Deutschlands Zu- sammenbruch wie ihre bürgerlichen Schwestern. Aber sie leiden am schwersten. Sie werden gezwungen, unbezahlte oder schlechtbezahlte Haus- und. Landstellen anzunehmen, wenn Entlassungen vorgenommen werden, so sind sie zu- erst an der Reihe, wenn neue Stetten zu besetzen sind, so kommen sie gewöhnlich nicht in Frage, denn die ganze weibliche Konkurrenz ist„nicht erwünscht". Aber sie müssen schweigen— keine Zeitung öffnet ihnen ihre Spalten, keine Frauenzeitschrift erhebt für sie Anklage. Es gibt wieder eine Art„Frauenbewegung", die dem Lette-Verein um 1870 gleicht, jenem exklusiven Klub, der in den Statuten eine Bestimmung hatte, daß über das Los der Arbeiterinnen, Dienstboten und Wäscherinnen nicht debattiert werden dürfe. Die Proletarierfrauen müssen schweigen— aber ihre Rechtlosigkeit unterscheidet sich von der des vorigen Jahr- Hunderts in einem wesentlichen Punkte: es ist organisierte Rechtlosigkeit. Die Frauen von damals durften nicht organisiert sein, die Arbeiterinnen von heute müssen es sein. Die„Führerin der deutschen Frauen", Gertrud Scholtz-Klink, gewährte unlängst den Zeitungen ein Interview. Sie orakelte: Ich habe die Erfahrung gemacht, daß es da sür uns Frauen ein ausgezeichnetes Mittel gibt: wir wollen nicht mit lauten Forderungen kommen und auch nicht mit langen Programmen. Wir wollen durch die täglichen und stillen Leistungen beweisen, daß wir da sind und wozu wir da sind. Damit unterstellen wir uns den natürlichen Ge- setzen und Gegebenheiten. Dann brauchen wir nicht mehr um Rechte zu kämpfen, dann ergeben sie sich von selbst „aus der Situation". Was die Fabrikarbeiterin anlangt, so macht sich die Frauenfllhrerin wenig Kopfzerbrechen: Selbst an der Maschine wird die Frau alles, was ihr Wert gibt, bewahren können, solange die ihr inne- wohnende Kraft die Arbeit bestimmt und sie nicht„Ar- beitssklavin" wird. Und wie fängt man es an. daß fie keine Sklavin wird? Erhöht man die Löhne, damit sie außerhalb der Fabrik ein menschenwürdiges Dasein führen, nicht in täglichen Kleinsorgen ersticken, ihren Blick weiten kann? Nein, das wären ja„laute Forderungen". Frau Scholtz-Klink weiß ein viel einfacheres Mittel: Ich sagte vorhin: bei der berufstätigen Frau kommt alles nur darauf an, daß ihre Fraulichkeit nicht unter der Arbeit verkümmert— so stelle» wir ihr heute„soziale Vetriebsarbeiterinncn" und„Vertraucnssranen" zur Seite, die sie mit nationalsozialistischem Geist erfüllen sollen." Und nationalsozialistischer Geist ersetzt ohne weiteres ein warmes Mittagessen. Es ist„organisierte Rechtlosigkeit" im wahrsten Sinne. Tie Großmütter wurden daran gehindert, sich zusammen- zuschließen, damit sie nicht etwa das Denken erlernten. Die Enkelinnen, die Jahre freier Geistesschulung hinter sich haben, werden gezwungen, sich zu organisieren, damit sie das Denken wieder v e r lernen, damit sie, vom Phrasenschwall der„Vertrauensfrauen" betäubt, ihre eigene Meinung aufgeben. Doch das Mittel zieht nicht. Die Frauen der oberen Stände meckern ein wenig in ihren Zeitschriften und be- kennen sich im übrigen nach wie vor zu jedem„Führer", der bereit ist, ihre Klasse vor dem Bolschewistenschreck zu retten. Die Proletarierfrauen schweigen— aber ihr Schweigen ist für das„dritte Reich" gefährlicher als die Unzufriedenheit der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen, denn sie wissen, daß die Frau allein sich nicht befreien kann, so lange das Menschenrecht in Ketten liegt. Und sie sind tapfer. Was sie in der Freizeit tun, erzählen sie den„Vertrauensmann" bestimmt nicht. Aber wenn einst das Hohelied der stillen, der„illegalen" Arbeit im „dritten Reich" geschrieben wird, so wird den Frauen mehr als ein Kapitel gewidmet sein. „saune" Ein Epilog zum 30. Juni Breslau, 29. Sept. lInpreßf: Unter den Opfern des 39. Juni befand sich auch der Ttadtbaurat Kamphausen aus Wal- denburg, ein früherer Deutschuationalcr. Seine Ermordung, die aus Grund persönlicher Feindschaft mit SS.-Fllhrern aus seiner Gegend erfolgte, hat jetzt zu einer nachträglich inszenierten Justizkomödic geführt, die durchgeführt werden mußte, um die schleichen Großgrundbesitzer und Industriellen zu beruhigen, bei denen der Fall Kamphausen große Er- regung hervorgerufen hatte. Obwohl der Tatbestand des vor- bedachten Meuchelmordes einwandfrei vom Gericht ermittelt wurde, erhielt der eigentliche Mörder Deponie wegen„Tot- schlag" nur 5 Jahre Gefängnis. Seine Mithelfer, die TS.- Leute Förster und Jenke kamen mit 2 bziv. 1 Ialire Gefäng- uis davon. Die wirklichen Anstifter des Mordes blieben im Prozeß begreiflicherweise ungenannt. Bnnle Spane Der Pflanzenbeschwörer Zum sechzigsten Gründungsjubiläum des berühmtesten Unternehmens der russischen Pflanzenzucht hatten sich in der kleinen innerrussischen Stadt Michurinsk etwa 600 hohe Regierungsbeamte und Wissenschaftler eingefunden. Im Mittelpunkt der Feier.stand der noch lebende Gründer des Unternehmens, der 79jährige Pionier des russischen Pflanzenbaus, Iwan Wladimirowitsch Mich uri». Der Volksmund nennt ihn den Pflanzenzaubcrcr. Vor sechzig Iahren begann er ganz im kleinen sein Werk, tu dessen Verfolgung er eine große Menge von P s l a n z e n a r t e n in Rußland e i n f ü h r t e, die dort bis dahin völlig unbekannt waren. In seiner Muster- gartnerei, die er zunächst im primitivsten Stil, im Hinter- garten seines Hauses eingerichtet hatte, dann aber auf das Grundstück eines ehemaligen Klosters verlegte, widmete er sich vor allem der Ausgabe, ausländische Baum- und Blumen- artenden Bedingungen des russischen Klimas anzupassen. In alle Teile des russischen Reiches gingen die Pflanzen- i?angen aus der kleinen Stadt des Tchwarzerdegebiets, ab- geschickt von Michurin, der selbst die Grenzen seines G e- a u r t sö r t e s niemals überschritten hat. Selbst in den ark- tischen Gegenden wurden wetterhart gezüchtete Bäume und Gartenpilanzen ans der Michurinschen Gärtnerei an- gevilanzt und haben sich dort ausgezeichnet beivährt. Gegenwärtig arbeitet Michurin an der Züchtung eines in nordlichen Gegenden gedeihenden und Früchte tragenden Zitronenbaums. Noch ist es nicht so weit, der Baum * tragt noch keine Früchte. Aber durch Kreuzung mit Wein- stöckcn hofft Michurin auch dies Ziel zu erreichen. Michurin ist der Gegenstand mancherlei Ehrungen. Regierungsbeamte uberreichten ihm ein Dokument, das ihm den Titel„Ehren- Wissenschaftler der Republik" verleiht. Außerdem trägt Michurins Geburtsort, der bisher«ozlow hieß, von heute an den Namen Michurinsk. Schließlich ist zu Michurins Ehren in Minchurinsk ein Kongreß der russischen Gartenbauer. Der Nobelpreisträger Pawlow 85 Jahre alt Am 27. September feierte die Sowjetunion und mit ihr die Wissenschaft der ganzen Welt den 8 5. Geburtstag des berühmten russischen Gelehrten Iivan P e t r o w i t s ch Pawlow. Sohn eines Geistlichen, studierte er im alten Petersburg Medizin. 1899 wird er Professor der Medizinischen Akademie und verbleibt auf diesem Posten ununterbrochen bis 1934. Einen Namen in der Wissenschaft hat er sich durch seine Untersuchungen über die Funktionen der wichtigsten Ver- dauungsdrüsen bei Tieren und Menschen erivorben. Tie Schrift über das Ergebnis seiner Arbeiten, die 1897 erschienen ist, hat in der ganzen medizinischen Welt stärksten Widerhall gesunden und die Pawlowschen Erfahrungen werden in allen europäischen Krankenhäusern bei der Heilung der Darin- und Magenerkrankungen angewandt. Seine Arbeit findet überall Anerkennung. Pawlow wird zum Mitglied der Petersburger Akademie der Wissen- schalten gewählt und wird bald darauf Nobelpreisträger. Seine weiteren Unternehmungen in seinem inzwischen weltberühmt gewordenen Laboratorium sind für die Wissen- schatt von größter Bedeutung. Die wissenschaftliche» Arbeiten Pawlows finden auch die Anerkennung der sowjetrussischen Regierung. Anläßlich des 79. Geburtstages des großen Gelehrten— es war mitten int Bürgerkrieg— unterzeichnet Lenin ein Dekret, in welchen, der Staatsverlag angewiesen wird, die Ergebnisse der Arbeiten des Akademikers Pawlow— seine Vorträge und Reden— herauszugeben. Dieses Sammelwerk ist in all- europäischen Sprachen übersetzt worden. Heute leitet der 82jährige drei große Laboratorien, in denen über 50 Wissenschaftler dauernd neue Versuche an Tieren machen. Dario Nicodemi f In Rom ist am Montag der bekannte italienische Theater» schriftsteller Dario Nicodemi gestorben. Er wurde im Jahre 1875 in Livorno geboren und verbrachte seine erste Jugend- zeit in Buenos Aires, ivorauf er sich in Paris niederließ. Vor etwa 29 Jahren kehrte er nach Italien zurück. Er hhtter- läßt eine große Anzahl von Lustspielen und Dramen. Gedenktafel für Karl Marx sl. 1.1 Die letzten zehn Jahre seines Lebens hat Karl Marx in einem Haus in Maitland Roab, in der Londoner Vor- stadt Hampstead gewohnt. Der Londoner GrafschastSrat hat nun den Beschluß gesaßt an dem Haus eine Gedenktafel mit folgenden Worten anbringen zu lassen:„Hier lebte Karl Marx, sozialistischer Philosoph". Die Bedeutung von Mar- xens Persönlichkeit in der Welt der Philosophie macht seinen Segen JOdisdie Jagendverbände Eine Anordnung Levetzows Ter Berliner Polizeipräsident von L e v e tz v w hat eine Anordnung erlassen, die einen schweren Schlag gegen die jüdischen Iugendverbändc darstellt. Danach ist den Ange- hörigen dieser Verbände für die Zukunft folgendes verboten: 1. Das öffentliche Tragen einheitlicher Kleidung, Uniform, Kluft usw. Hierzu gehört auch das Anlegen einer Bundes- tracht oder zu einer solchen gehörende Kleidungsstücke und Abzeichen unter Zivilkleidern sowie das Tragen jeder son- stigen, auch nur teilweise» einheitlichen Bekleidung, die als Ersatz für die bisherige Bundcstracht anzusehen ist. 2. Gemeinsame Aüf- und Ausmärschc, wehrsportliche und Geländeübungen, insbesondere solche in feldmarschmäßiger Ausrüstung sowie jegliches geschlossene Marschieren. Sportliche Hebungen, Spaziergänge, Ausflüge und Wan- derungen im kleineren Rahmen werden von diesem Ver- bot nicht umfaßt, soweit hierbei jeder demonstrative Cha- rakter sehlt.^ 3. Das öffentliche Zeigen oder Mitführen von Fahnen, Vannern, Wimpeln sowie Feldzeichen aller Art. 4. Das Zusammenlebe», in Wohngemeinschaften und leg- liches gemeinsame Uebernachten. insbesondere in Privat» räumen und gelten. 5. Die Herstellung und Verbreitung von Presseerzrugnisien aller Art, insbesondere von Flugblättern und Filmen. Die Nichtbeiolgung dieser Anordnung kann die Berhän- gung der Schutzhast nach sich ziehen. Diese Anordnung des Berliner Polizeipräsidenten, die>tch würdig in die Reihe ähnlicher Polizeianordnungen in anderen Städten stellt, bedeutet praktisch die Lahmlegung der ohnehin stark eingeschränkten Tätigkeit der jüdischen Jugend» verbände. Aber selbstverständlich geschieht nach Goebbels den Juden in Deutschland nichts, und die diesbezüglichen Mit- tcilungen der antifaschistischen und ausländischen Preise sind „glatte Erfindungen". Und wenn wir dann gelegentlich dem Reichslügenminister aus Grund der tatsächlichen und nicht- erfundenen Vorgänge in Deutschland unsere Meinung lagen, dann stellt er sich sehr gekränkt hin. hält Rundfunkrede» und schließt sie voller Entrüstung mit seinem neudcutschen Gruß „Pfui Teufel". Ja, wirklich„Psui Teufel" vor soviel Nieder- tracht und Feigheit. „«einer bangem and frieren?" Abbau der Wohlfahrtspflege Wie stark der„Abbau" in der Fürsorge bereits sortgeschrit- tcn ist, beweisen sogar die offiziellen Zahlen über ihre Kosten, die jetzt veröffentlicht ivorden sind. Die Auswendungen sür die Hilfsbedürftigen, die nicht in Anstalten untergebracht sind, betrugen im letzten Jahre vor der Naziherrschast <1932 33» 2 997 Millionen Mark, während sie im Jahre 1933 34 auf 1,896 Millionen Mark gesunken sind. Die Für- sorgevcrbände haben also an den Armen mehr als 239 Millio- neu Mark erspart. Aus den Kopf der Bevölkerung»mgc- rechnet, ist eine Senkung der Belastung durch die Fürsorge- lcistungcn von 32,2 RM. im vorangehenden auf 28,6 RM. im letzten Jahre eingetreten. Den Notleidenden ist dabei in viel stärkerem Maße Hilfe entzogen worden, als diese Zahlen beweisen. Von den aufgeivandten Fnrsorgemitteln sind nur 1648,5 Millionen RM. für eigentliche Unterstütz»«- gen ausgegeben ivorden. Und dabei hat man zahlreiche Not- leidende, die nicht genügend„staatserhaltend" dachten, von jeder Hilfe ausgeschlossen, so daß man die verminderten Mit- tel auf eine viel geringere Zahl verteilen und im Jahre jeder Familie durchschnittlich statt 498 RM. sogar 468 RM. zuwenden konnte, wobei die Leiden der Abgewiesenen nicht gezählt werden. Die kümmerlichen Leistungen des Winter- Hilfswerks, die init 329 Millionen angegeben»verde», cnt- halten zum erheblichen Teile ziveiselhastc Nahrungsmittel, »vie halbverdorbene Kartoffeln, und alte Kleidungsstücke, deren man sich gern entledigt hat. Ihnen gegenüber hat nian die Tozialleistungcn der frühe- ren Jahre in ganz unverhältnismäßigem Maße herabgesetzt. Während im Jahre 1939/31 bei fast gleicher sozialer Gesamt- läge für Arbeiisloscnfürsorge 4,459 Milliarden RM., für Kriscnsürsorge 3,975 Milliarden NM. und für Sozialrenten 4,459 Milliarden ausgegeben wurden, sind jetzt a» Reichs- zuschüsien sür die Tozialausgaben nur noch 823 Millionen Reichsmark vorgesehen. Zu diesen treten die Leistungen der öffentlichen Versicherungsträger, der Länder und Gemein- den, die nach den Ersahrungen der Praxis höchstens das Vierfache der Reichöleistung betragen. Dann stehen dem srü- Heren Tozialausivand von 19,3 Milliarden nur noch 4,1 Milliarden RM. gegenüber. Diese„Ersparnis" bedeutet ge- acnüber der armen Bevölkerung bei Berücksichtigung der Verteuerung aller Lebensmittel eine schivcrc Verelendung, die durch die„sreiivilligcn Leistungen" des Winterhilss- werks in keiner Weise ernsthaft gemildert wird. Londoner Aufenthalt jenseits aller politische» Stellungnahme zu einer Stätte von ganz besonders historischer Bedeutung. Es ist darum nur zu verwundern, daß die Gedenktafel erst jetzt an seinem Wohnhans angebracht ivurdc. Amerikanische Sportler und Hitlers Ehrenwort Auf Grund der Zusicherungen, die die deutsche Regierung dem American Olympic Eommittee betreffend faire BcHand» lung jüdischer Sportler gegeben hat, hat das America» Olum- vic Eommittee auf seiner Sitzung am 26. September die Teilnahme der Vereinigten Staaten an den internationalen Olnmpiichcn Spielen 1936 in Berlin beschlossen. Nachdem die jüdischen Mitglieder des Eomitee, EharleS Ornstein und Fräulein Charlotte Epstein, sich gegen die An- »ahme dieses Beschlusses energisch aussprachen und an der Abstimmung nicht teilnahmen, ivurdc die Beschlußresolution einmütig angenommen. Zugleich mit der Annahme der Rc- solution hat das American Olnmpic Eommittee eine War- nung erlassen, daß, falls Deutschland seine Zusage betreffend faire Behandlung der Juden im Sport verletzt, die Rcsolu- tion zurückgezogen werden wird. Die Resolution lautet: „Angesichts der von dem Deutsche» Olympische» Komitee und den Vertretern der deutschen Regierung gegebenen Z u- s i ch e r u n g c n, nehmen wir die Einladung dc^ Deutschen Olympischen Komitees zur Teilnahme an der Wclt-Olym- piade in Berlin an." Der Beschluß des American Olnmpic Eommittee bat in Ivetten Kreisen der jüdischen und nichtjüdischen Oessentlichkeit in Amerika starkes Befremden hervorgerufen. Es wird dar- auf hingewiesen, daß die Resolution in Widerspruch steht zu der Haltung der Mehrzahl der Mitglieder der»'merican Athletic Union und nur von einem Teil der Mitglieder des American Olympic Eommittee, der der Siyung bei- wohnte, angenommen wurde. Das Loch-Neß-Ungeheuer Dem Loch-Neß-Ungeheuer soll nunmehr ,ni. un. modernsten Mitteln der Tiefseetechnik zu Leibe gegangen werden. Der bekannte amerikanische Tiesseesoricher W i l l i a m s o n beabsichtigt, auf den Boden des Loch Neß hinabzusteigen, und zwar in einem starkwandigen EZenrohr, dessen unteres Ende sich zu einem Raum von zwei Meter Durchmesser erweitert. Dieser Raum ist mit GlaSsenstern versehen, die es ermöglichen sollen, fotografische Ausnahmen im Wasser zu mache». Aos Oesferreidis Konzentrationslagern In Wollersdorf allein 5063 Gefangene Tie Regierung«chuschnigg hat sich unter dem Eindruck ihrer Genfer Erfahrungen aus die Gesangeiicnstatistie ge- morsen. Tic ftiirftiit Ttarhemberg hat in Gens verkündet, öaß nicht einmal ein sechzehnte! Prozent der Bevölkerung eingesperrt sei, also mindestens 10 000 Menschen in Oesterreich Gefangene sind, Zwei Tage später hat der Bundeskanzler schuschnigg selbst beim Appell seiner Wiener„Tturmscharen" eine Rede gehalten, in der er eine ganze Statistik über Wollersdorf zum Bortrag brachte. Er stützte sich ans eine amtliche Feststellung vom»3. September. Nach dieser sind in Wollersdorf 4307 Nationalsozialisten und 556 „vinksorientierte", also Sozialdemokraten, eingesperrt. Das ergibt die schöne Summe von 5063 Gefangenen in Völlers- dorf. Bon 818 Nationalsozialisten erklärt Tr. Schuschnigg selbst, daß sie nicht infolge gerichtlicher E n t s ch e i- dung, sondern„durch Verwaltungsverfahren" angehalten werden. Bezüglich der„Linksorientiertcn" hüllt sich Tr. Schuschnigg in Schweigen. Aber es unterliegt keinem Zweifel, daß keiner dieser 556 Gefangenen aus Grund gerichtlicher Entscheidung nach Wöllersdors kam, sondern bloß„durch Bcr- waltungsversahrcn", was nichts anderes bedeutet, als daß sie durch P o l i z c i iv i l l k ü r in P r ä v e n t i v h a f t gesetzt wurden. 5063 Gefangene sind allein in Wöllersdors. Ueber die an- deren Konzentrationslager, über Messendorf bei Graz, Har- land bei St. Pölten, Kaisersteinbruch im Burgenland hat Dr. Schuschnigg nicht gesprochen. Eine Ergänzung der Statistik wäre also höchst aufschlußreich. Inzwischen hat aber Dr. Schuschnigg aus seiner statistischen Erhebung sogleich die praktischen Konsequenzen gezogen. Am 24. September, also am Tag nach der amtlichen Feststellung, wurde durch einen Beschluß des Ministerrats ein„Rundesgesetz" erlassen, durch das die KonzentrationS- lager in Oesterreich zu einer dauernden Einrichtung Pariser Berichte Ein Ehedrama Das bekannte Hospital Bretonneau im Montmartreviertel von Paris ist Sonntag abend der Schauplatz eines Ehedramas geworden, bei dem eine Frau schwer verbrannt und zwei weitere leicht verletzt wurden. Die junge 23jährige Frau Soumail hatte ihren Mann vor etwa zwei Monaten verlassen, weil sie seine Roheiten nicht länger ertragen konnte. Sie hatte ihr sechsjähriges Töchterchen zu ihren Eltern gegeben und war selbst glücklich, eine Stellung als Krankenpflegerin in der Kinderabteilung des Hospitals Bretonneau gefunden zu haben. Ihr Mann aber hatte ihren Aufenthalt entdeckt und bedrohte sie von neuem. Am Sonntagabend nun hatte er das Gitter des Hospitals überklettert und war unbefugt in die Station eingedrungen, in der seine Frau beschäftigt war. Er fand seine Frau auf der Kinderstation und übergoß sie, ehe sie sich wehren konnte, mit Vitriol. Schwerverletzt brach die junge Frau zusammen. Ihr wurde von zwei anderen Pflegerinnen sofort die erste Hilfe zuteil, die sich bei der Hilfeleistung aber durch die ätzende Flüssigkeit selbst verletzten. Der Täter wurde im Park des Krankenhauses unter einer Bank versteckt aufgefunden und der Polizei übergeben. Goldene Doppelhochzeit Eine goldene Hochzeit ist sicher ein seltenes Ereignis, wen» aber gleich zwei Paare goldene Hochzeit feiern und wenn diese zwei Paare noch zwei Brüder und zwei Schwestern sind, so dürfte das doch ein Ereignis sein, das jahrzehntelang sich nicht wiederholt. Eine solche goldene Doppelhochzeit wurde Samstag unter Beteiligung der ganzen Bevölkerung in dem kleinen Städtchen Pontchartrain im Departement Seine und Oise gefeiert. Um 11 Uhr fand in der Kirche Saint Lin de Pont Chartrain die feierliche Einsegnung der beiden Jubelpaare, Herr und Frau Paul Pascal und Herr und Frau Georges Bascal statt. Beide Brüder hatten vor fünfzig Jahren zwei Schwestern in Paris geheiratet. Die Kinder, Enkel- Gute Geldanlage oder Teilhaberschaft Für Vergrößerung bekannten Restaurants Monaco (Monte»Carlo) werden 120— 1500 0 Fr. gesucht mit stiller oder tätiger Teilhaberschaft. Ausbau mit Laden für Sport' oder Luxusartikel ist beabsichtigt. Keine Steuern. Näheres: Mr. Andre, 20, rne Grimaldi, Monaco. kinder, Verwandten und Freunde wohnten dem schönen Familienfest bei, das die glücklichen Eheleute im„jugendlichen" Alter von 78 beziehungsweise 76 Jahren in voller körperlicher Frische begingen. Auch in Frankreich zahlt man Steuern Ohne Steuerreformen wird man den Lebensstandard nicht verbilligen können, das ist die Ansicht aller Kaufleute. Denn sie müssen vierzehn verschiedene Steuern bezahlen: Grundsteuern, Patent, Steuern auf unveräußerliches Gut, Automobil-, Pferd- und Wagensteuer, Stempelmarken für Aktien, Obligationen und Gründungsanteile, Steuern auf Schuldforderungen, Depots und Bürgschaften, Steuern für die Handelskammer, örtliche und kommunale Steuern, Lehrlingssteuern, Beiträge für die Beschäftigung von Kriegsbeschädigten, Gewerbesteuern, Zoll, Steuer auf Einkommen aus geschäftlichen Betrieben und noch Sondersteuern. Die Aktiengesellschaften haben allein im Jahre über 700 Millionen an Steuern der vorbezeichneten Art aufbringen müssen, mit anderen Worten, wenn der Aktionär eine Dividende von 100 Fr. erhält, empfängt der Staat 231 Fr. So mußte z. B. die Galerie Lafayette im Jahre 1932 mehr als 47 Millionen Fr. an Steuern und Abgaben zahlen, sie arbeitet also, wie die Verwaltung erklärt, von drei Tagen in der Woche zwei Tage lediglich für den Staat. w Pas Warenbaus„Bon Marchs" mußte an den Si«sii»«iel gemacht werden. Ans Grllnd dieses„Bundesgesetzes" kann in Zukunft„die durch den Sicherheitsdirektor zu verfügende AnHaltung aus eine befristete A n h a l t e d a u e r oder aus eine unbestimmte Zeit erkannt" werden. Auch sozial wird vorgesorgt:„Für die Dauer der Unterbringung im Auhaltelager ruht der Bezug von Renten aus der öfter- reichischen Sozialversicherung." In seiner Rede bei den Stnrmscharen hat Dr. Schusch- nigg eine tiefe Wahrheit verkündet: Er sagte:„Die Ein- richtung der Anhaltelager ist keine österreichische Erfindung." In der Tat ist Dr. Schuschnigg auch in diesem Punkt der gelehrige Schüler der H i t l e r- M e t h o d e n. Der Disdioi von Bradford Ein Vorbild für deutsche Kirchenfürsten In Bradford fEnglandj fand ein vom Hilfskomitee für die Opfer des Hitlersaschismus veranstaltetes Meeting statt, in dem außer Mister I. B. Priestley, Bnvnan Adams, I. R. Eampbell, Miß Ellen Wilkinson auch der Bischof von Brad- ford das Wort nahm. Er wandte sich in feiner Rede gegen die anonymen Brief- schreiber, die ihm zum Vorwurf machen, daß er das englische Prestige und seine Kirche in den Sumpf ziehe.„Ich zitiere diesen Brief," sagte der Bischof,„nicht allein weil er albern, unwissend und schlecht geschrieben ist, sondern weil er mir Gelegenheit gibt zu betonen, daß die Versammlung nicht allein stattfindet wegen den Juden, sondern stattfindet für die Opfer der Tyrannei. Wir protestieren im Namen der Gerechtigkeit. Wenn irgend jemand mit irgend einer poli- tischen Meinung hier stehen wird, um gegen Tyrannei und Grausamkeit zu protestieren, werde ich ihm zur Seite stehen." Tie Versammlung nahm eine Resolution an, die das Ent- setzen über die Grausamkeiten des deutschen Faschismus ausdrückt und dem Welthilfskomitee für die Opfer des Hitlerfaschismus Unterstützung in seinem Kampfe zusagt. 37 Millionen abführen, während die Aktionäre nur 18 Millionen erhielten. Beim„Louvre" ist die Steuerschraube so stark angezogen, daß diese Firma von 305 Arbeitstagen im Jahre 214 nur zur Aufbringung der Steuern arbeitet, während sie lediglich 91 Tage für ihren eigenen Bedarf schafft. Die Stahlwerke von Longwy haben ihren Angestellten im verflossenen Jahre 84 Prozent, dem Staat 16 Prozent und den Aktionären nichts bezahlt. Ein großer Kohlenhändler, das Haus Bernot Freres. weist nach, daß er im Jahre 1932 137 Tage gearbeitet hat, um seinen Verpflichtungen für Löhne und Gehälter gerecht zu werden; weitere 105 Tage mußte er arbeiten, um die Steuern zu bezahlen, weitere 82 Tage waren nötig zur Deckung der allgemeinen Unkosten, 14 weitere Tage Arbeit wurden gebraucht, um die Kosten der Erhaltung des Inventars zu decken und lediglich an 97 Tagen im Jahre konnte der Kohlenhändler für seinen Verdienst arbeiten. Aus dieser kurzen Zusammenstellung geht hervor, daß die Krise auch in Frankreich ohne umwälzende Veränderung auf dem Gebiete der Besteuerung sich kaum beheben läßt. „Vollschlank und reich" In den„Breslauer Neuesten Nachrichten" konnte man kürzlich folgendes Inserat lesen:„Mein Führer wünscht, daß ich mich verheirate. Aus diesem Grunde suche ich ein junges evangelisches Mädchen, rein arischer Abstammung, blond, vollschlank und reich". Eine zweite Rede von Max Braun Nachdem Max Braun am Dienstag im Deutschen Klub über die Zukunft des Saargebiets sprach, ergreift er heute abend, Mittwoch, um 21 Uhr, erneut das Wort im Salle Wagram, 39, Avenue, de Wagram, in einer von der französischen sozialistischen Partei gemeinsam mit deutschen Gesinnungsfreunden veranstalteten Pariser Saarkundgebung. Außer Braun sind für heute abend folgende Redner vorgesehen: Jean Duclos von der Kommunistischen Partei, Jean Z i r o ra s k y von der Sozialistischen und als katholischer Redner der Prinz Max Karl zu Hohenlohe- Langenberg.— Eintritt: 2 Franken, Mitglieder des Deutschen Klubs haben freien Eintritt. Die Gesamteinnahme wird dem Kampffonds für das Saargebiet überwiesen. Französischer Sprachunterricht Am Donnerstag, 4. Oktober, um 21 Uhr, beginnt ein neuer Kursus der französischen Sprache für Anfänger, und am Montag, 8. Oktober, um 21 Uhr, für Fortgeschrittene im Deutschen Klub(Salons le Peristyle, 31 bis, Rue Vivienne). Der Unterricht findet einmal wöchentlich von 21—23 Uhr statt, auf Wunsch häufiger. Direkte Methode. Den Unterricht erteilt eine deutschsprechende französische Lehrerin.— Beteiligung für Klubmitglieder frei. Für Gäste: 2 Franken pro Stunde. Literatur Neues Buch der Büchergilde Sturm über Etiffli», Roman von Fakob Bührer, Illustrationen von Fritz Pauli. Verlag der Büchergildc Gretenberg. Mitglied- preis 1,— Franken. Stifflis? Wo liegt Ttissli»?— Ter Name klingt durchaus ver- traut, aber... Man schlagt im schweizerischen Crtslersikon nach. Nein es gfbt keinS. So wenig wie ein Seldwvta. Aber wer Bührer» neuen Roman gelesen bat. wird überzeugt sein, so sehr Seldwyla hundertmal im schweizer Unterland liegt, so ost liegt Stisslis in unseren Bergen. In einem Kapitel, da» den launigen Titel trägt „Fetzt kommt der Fodel" wird der tiefen Gemütsveranlagu.cg des schweizerischen Bergbauern ein Hobe» Lied gesungen. TaS mag bei Bührer überraschen, aber nur diejenigen, die überlade», das, der scharte Gesellschaftskritik«!: immer von einem starken Glaube» an die seelischen Fähigkeiten de» Menschen ausging, und die Ursache der menschlichen Unzulänglichkeit in den unzulänglichen gesell- schaftlichen Einrichtungen erkannte, So gut wären die Menschen veranlagt, aber sie verkümmern und verrohen unter ihren Einrich- t»iigcn, und doch bestünden Möglichkeiten, die Eristenzbedingungen zu ändern. Das ist der Inhalt dieser mit einem mitreiftenden inner« Tempo geschriebenen Erzählung, die von warmer Freude am Men- scheu und Gegenständlichen sich zum überstürzenden dramatische» Geschehen steigert.— Bührer sagt in der Zeitschrift„Büchergildc", daß es ihm darum zu tun war,„ein Porträt des heutigen Schweizer- Volkes zu malen"..Indem er einen jungen Arbeiter in der Ichform seine Lebensgeschichte erzählen läßt, gelingt im Zusammenspiel mit den Ereignissen jm Berzdorf, ein treffendes Porträt der heutige» Zchweij, BRIEFKASTEN Luis. Besten Tank. Wir prüfen bald. Dr. med., Neapel. Sie teilen uns mit:„Bei der Entbindung des italienischen.«lronprinzesstn Jose Maria wurde der berühmte jüdisch« Gvnäkologc und Prvscgor an der Universität Rom Tr. Artom, der au» Rom nach Neapel berufen worden war, zur medizinischen Hilfe- leistung herangezogen." Zustände in Musfolinien! Hitler muß noch- mal Hinsahren, um den richtigen Faschismus zu lehren. Wenn Hit- lers mal eine Prinzessin bekommen sollten, wird Julius Streicher als Geburtshelfer fungieren. „Ferien in der Heimat". Ihrem Briefe entnehmen wir:„Der Streit in der kommunistischen und der sozialdemokratischen Presse über die Parteilinie des„Roten Stoßtrupps" ist überslüssig. Ter RS. war weder eine Zusammensasiung illegaler Sozialdemokraten, noch eine solche illegaler Kommunisten. Sei» Kurzprogramm distanzierte siel, ausdrücklich und unzweideutig von der Politik der früheren SPD. und der früheren KPD. Richtig ist, daß die Mehrzahl der RS.-Leute junge Sozialisten waren. Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß sie ausnahmslos der früheren Partei» sührung sehr kritisch gegenüberstanden. Es ist sachlich irreführend, den RS. als einen Bestandteil der illegalen sozialdemokratischen oder kommunistischen Arbeit zu betrachten und zu bezeichnen. Dia Publikation dieses Irrtums, die in Nr. 64 des„Neuen Vorwärts" begann, ist außerdem taktisch bedenklich, da sie nachträglich die These des Staatsanwaltes stützt, der die Schwere der Strasanträge mit der angeblich engen Verbindung zwischen RS. und Prag recht» fertigt. Eine solche enge Verbindung hat nie bestanden! Ter RS. war der erste große und opferreiche Versuch, die Grundlagen für eine neue sozialistische Front zu schassen. Es ist mir ein Bedürfnis, bei dieser Gelegenheit der Schriftleitung der„Deutschen Freiheit" die vielfachen Urteile reichsdeutscher Freunde bekannt- zugeben, denen die Lektüre der Zeitung ermöglicht wurde. Sie sind erfreut, daß in dem Blatte auch jene Stimmen Gehör finden, die eine neue sozialistische Front der-weckmäßigsten Vereinigung aller Widerstandskräste gleichsetzen. Die große Mehrheit der jüngeren sozialistischen Generation bekennt sich zu dieser Ueberzeugnnq und arbeitet im Rahmen der geringen Möglichkeiten an ihrer Verivirk- lichung. tTas Geschehen seit Januar 1933 hat auch größere Kreise junger Kommunisten wesentlich kritisch gemacht.) Taß die Schrift- leitung jener Diskussion Raum gibt, findet den begeisterten Beifall dieser jüngeren Kreise." Eure Zustimmung freut unS sehr: wir werden auch in Zukunst jede Sckiulmeisterei unterlassen und der suchenden ernsten Selbst- kritik Raum gewähren.„Wer fertig ist, dem ist nicht» recht zu machen, ein Werdender wird immer dankbar sein." Die Wahrheit gebietet, hinzuzufügen, daß unseres Wissens der oft geschmähte Prager Parteivorstand gegen die von euch gerühmte Toleranz der „D. F." nie etwas eingewendet hat. A. P. Berlin. Sie machen uns auf einen neuen Erwerbszweig aufmerksam. Findige Leute verkaufen Familienwavpen, womit sie auf dem Lande teilweise Erfolg haben, da die Bauern glauben, durch den Besitz eines solchen Wappen» nun gegen alle Schikanen „gewappnet" zu lein. Solche Sorgen hat man derzeit in Deutsch- land. Die„NS.-Landpost" gibt den Bauern nun zum Beweise dessen, wie der Reichsnährstand den Bauern hilft, genaue Anweisungen, daß man nicht ohne weiteres unkontrollierbaren Verkäufern ver- trauen solle. Man müsse sich vielmehr an die Kreisbauernfchaft wenden, die die Angelegenheit an die Landesbauernschast oder den Reichsnährstand weitergebe. Dieser setzt sich, mit dem Stabsami de» Reichsbauernsübrers und dem Reichsverein für Sippenforschung und Wappenkunde in Verbindung. Danach werde der.Auftrag mit den nötigen Unterlagen einem erfahrenen.Heraldiker übergeben. —.Hoffentlich gibt es auch Bauern genug, deren Stolz in dem alten Spruche liegt:„Tas beste Wappen in der Welt, das ist der Pflug im Ackerfeld." Amsterdam. Sie teilen nn» mit:„Fn Doorn hat«? bisher eine Straße gegeben, die den Namen„Hirtler-Laan" trug. Daraufhin richteten die Toorner Bürger eine Petition an den Gemeinderat, in der sie um Aeuderung des Straßennamens baten, da sie nicht einmal mit einem zusätzlichen„r" an den Namen Hitlers erinnert werden wollten. Der Gemeinderat beschloß darauf tatsächlich, den Namen der Straße zu ändern." Ausgerechnet in Doorn! Konnte das der Emigrant Wilhelm II. nicht verhindern? Fllr den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P l tz in Dud- weiter: für Inserate: Lito Kuhn in Saarbrücken. Notationsdruck und Verlag: Verlag der Volkssttmme GmbH, Saarbrücken S, Schlltzcnstraße d.— Schließfach 778 Saarbrücken. „^Deutsche Jteikeit" Aßmnementspceise: Amerika Argentinien Belgien Dänemark England Frankreich Holland Italien Luxemburg Neubelgien (Eupen-Malmedy) Oesterreich Palästina Polen Rumänien Rußland Saargebiet Schweden Schweiz Spanien Dollar Peso belg. Fr. Kr. sh fr. Fr. fl. Lire belg. Fr. belg. Fr. (verboten) sh (verboten) Lei Rubel fr. Fr. Kr. schw. Fr. Peseta T schechoslo wakei Kr. im Monat 1- 3,- 15,- 3,70 4,- 12,- 1,50 10- 15,- 12,- 4,- 90,- 1,- 12,- 2,60 2.40 6,- 30,- ZustelL gebühr! 0.50, 1,- 5,30 2,30 1,10 3,75 0,40 5- 5,30 5,30 1,10 30,- 7,50 1,70 0,80 2,- 5,50 Bei Zusendung unter Kreuzband durch die Post sind die Portogebühren vom Besteller mit dem Abonnementsbetrag zu entrichten.