Sinzigs unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr. 234— 2. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, den 9. Oktober 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Die Aufrüstung. dec Jieicfiswefit Seite 2 Jiückgiiedeeung bedeutet Vecteuecung d£ebenshaCtung Seite 3 Der Aufwand'«^nan'en Seite 8 Illegaler HeMcnKampf Ein Derfdri aus dem unttrirdisdien Deuisdiiand Berlin, 7. Oktober. Die^ täglichen Meldungen von politischen Verhaftungen und Hochverratsversahren im„dritten Reich" lassen erken- nen, das, der Widerstand der Masse gegen die Hitler-Diktatur »u einer immer größeren Gefahr sür das Regime wird und daß die revolutionären antifaschistischen Kämpfer in Deutsch- land sich auch durch den mörderischen Terror der Gestapo und der LZ. nicht abschrecken, durch Spitzeleicn und Verrat nicht verwirren lassen. Dabei ist zu beobachten, baß seit etwa zwei Monaten eine starke Ernüchterung und eine bemerkenswert« geistige Um- stellung im unterirdischen Teutschland eingetreten ist. Bis etwa zum Tode Hindenburgs haben viele Illegale eine tiefe Erschütterung oder gar einen Sturz des Regimes von den Spannungen zwischen den alten konservativ-autoritären Schichten, wir sie sich ur die Reichswehr und die hohe Büro- kratie gruppieren, und dem mit der„Revolution" kokettieren- den HitlerfaschiSmus erivartet. Diese tiefen Gegensätze be- stehen trotz aller äußeren Gleichschaltung auch heute noch, aber die Illegalen stellen sie zunächst nicht mehr in ihre politischen Berechnungen ein. Insofern hat die Emigration von draußen richtiger gesehen als die Illegalität im Reiche, die eine Zeit- lang von al!.,u großem Optimismus beseelt wirr futö den Skeptizismus der Emigration, der umfassendere Nachrichtenquellen zur Verfügung stehen, nicht recht begriff. Es ist bemerkenswert, daß die Verabschiedung aller Jllu- sionen über den Aktivismus der Opposition von Rechts, die unsere Freunde natürlich keineswegs zu unterstützen beab- sichtigen, keineswegs zu einer Depression unserer Kämpfer geführt hat. Ganz im Gegenteil! Die Organisationen sowohl der Sozialdemokraten wie der Kommunist und der Bertrieb von illegalen Schrillen, die zum Teil aus dem Auslande eingeschmuggelt, in wachsen- dem Mäste aber auch im Reich hergestellt, werden mehr und mehr ausgeba-t und spannen sich über das ganze Land. Jede illegale Gruppe grenzt sich gegenüber der anderen ab. weil.te Borsicht geboten ist. Man arbeitet nebenein- ander aber nicht gegeneinander. Diese Geheimorganisationen stehen o. Mitglieberzahlen gewiß weit hinter den Riesen- zahlen zurück, die in der Legalität die proletarischen Organi- saüonen auszuweisen haben, rechnen aber schon wieder mit zchntausendcn Mitglieder«, die mit Material beliefert wer- den und bestimmte finanzielle Opfer bringen. Hinter diesen illegal arbeiten" m Kaders stehen die Massen der früheren G ipiungssreunde, die noch passiv bleiben, aber durchaus in Treue zu ihrer alten sozialistischen Ueberzeugung verharren. Bon illegalen Sozialdemokraten hört man, daß ihre Par- tei schon wieder in etwa lHW deutschen Orten arbeitet. Unter„Partei" ist da allerdings sowohl organisatorisch wie geistig etwas ganz anderes zu verstehen als das, was uns in alten friedlichen Zeiten unter SPD bekannt war. Tie alten U,,ul oder in größeren Bezirken bekannten Funk- tionären müssen schon aus Gründen der Vorsicht in der ille- galcn Betätigung zurückstehen. Man stößt durchweg aus noch jüngere unbekannte Kämpfer, die mit erstaunlicher Umsicht, ohne jede Romantik und dafür mit emer Zähigkeit, die aus tiefer Einsicht erwächst, ihre lebensgefährliche Tätigkeit ver- ncht.... ers wächst da eine neue führende Schicht heran, die durchaus gewillt ist, dem revolutionären Befreiungskämpfe des deutscheu ArbcitsvolkeS eigene und spezifisch deutsche Charakterzüge zu geben. An der theoretischen Klärung wird eifrig gearbeitet. Man richtet sich auf längere Fristen ein drängt jedoch auch auf Vorbereitungen, die Eingreifen er- möglichen, wenn die Entwicklung tn Deutschland rasch einen stürmischen Verlauf nehmen sollte. Die Illegalen, ohne Unterschied der Richtung, glauben nicht an eine friedliche Ablösung oder Evolution des jetzigen Systems, sondern an die Unvermcidlichkeit innerer und wahrscheinlich auch äußerer Katastrophen, die das von Hitler betre ne Bott der Arbeiter, Bauern und Jntellek- tuellcn zur.ozialiftjschen Aktion ans die große welt- geschichtliche Bühne Deutschlands führen werden. Es ist richtig, daß von den indifferenten politisch un- geschulten Massen viele dem Propagandasystem Hitlers er- legen sind, jedoch wird kein Nationalst zialist im vertrauten Gespräch behaupten, daß Hitler irgendwo nennenswerte Pro- feinten bei den geschulten Marxisten gemacht hätte, und heute darf man ruhig und ohne jede Übertreibung sagen, daß die wirklich sozialistische Bewegung längst wieder im Bor- dringen ist. Ans e'ner Hiega'en zm«n« Berlin, 8. Okt. sJnpreß). Wir entnehmen der in Berlin erscheinenden illegalen Zeitung„Parole" den folgenden Be- richt: „In Elsfleth bei Bremen fand vor einigen Wochen eine Bersaininlung mit dem Thema„Stellung des Stahl- Helms zur SA." statt. Referent war der Bremer Statthalter Römer höchst persönlich. Nach dem Referat wurde er össent- lich von einem Mann gefragt, ob es wahr sei, daß er 80 080 Mark im Jahre verdiene. Römer mußte das bejahe». Da antwortete ihm der Mann:„Sie sind ein Lump und gehören ins Zuchthaus!" Er wurde natürlich sofort verhaftet. In der Gerichtsverhandlung erklärte der Tapfere, Riß er Römer nur mit seinen eigenen Worten geantwortet hätte. Er wies ein von Römer unterzeichnetes Flugblatt vor. das vor der Machtergreifung der Nazis verteilt worden war. Es trug in fetter Schrift die Worte:„Wer mehr als 18888 Mark im Jahr verdient, ist ein Lump und gehört ins Zuchthaus!" Staafegefährliffle Rchiair.eprospehlc... Was ein Engender beobadi'ere Bezeichnend für die Kühnheit, den Umfang und die Er- folge des illegalen Kampfes in Deutschland ist ein Bericht, ? stlerdeutsch- land das größte Interesse, seine V n zu seinem früheren Bundes? nrssen. die in en. s. hren viel zu wünschen übrig ließen, zu verb n Jrankreichwill v o r a l l e m e r r e i eh e n, d ef i n u k u n f t M u s s o- linisichderfranzösisstenO'itikinE uropa nicht widersetzt, daß er sicl insbesondere für die Unanla st barkeit der Friedensver- träge einsetzt und daß er in der Rüstungs- frage die französische These akzeptiert. Propaganda gegenüber der TA geändert habe Mit der Ans- klärung über die blutigen Vorgänge jenes Tages und über ihre Hintergründe wende man sich nun auch an die früheren Parteisoldaten Hitlers, deren Unzufriedenheit immer offen- sichtlicher werde. Die Verbreitung dieser antisaschistischen Propaganda er- fasse trotz der verschärften Untcrbrücknngsmaßnahmeu sei- tens der Polizei und der ST. immer iveiterc Kreise des Bot- kes. Sic wachse, wie der englische Korrespondent meint, in demselben Maße, in dem die Verbreitung der gleichgeschalteten Preise sinkt— also unaufhaltsam. Den» eben erst berichtet die„Neue Zürcher Zeitung" wieder von dem rapi- den Sinken der Auflagenzisser der reichsdeutschen Blätter und vom Tode dreier ehemals großer deutscher Provinz- zeitungen: der Bremer„Weser-Zellnng", der„Mainzer Tageszeitung" und der„Danziger Allgemeinen Zeitung". Besonders bemerkenswert ist die Feststellung des Korrespondenten des„Daily Telegraph" daß die illegalen Zei Mnge» in Deutschland nicht nur über einen großen unk estcn Abonnen^enkre's»erlügen sondern auch mit einer erstaunlichen Regelmäßigkeit erscheinen. Jüngst, so berichte« der Korrespondent, habe sich eine illegale Wochenschrift bei ihren Lesern in aller Form dafür entschuldigt, daß sie einmal wegen besonderer Schwierigkeiten nicht an demselben Wochentage erscheinen konnte, an dem sie bis dahin immer erschienen und erwartet wurde. Die Koloniel?nsprii-,-e Was steht nun. vom il'!enis""'n trachtet, einer dauernden französ' schast im Wege? Um sich darü' muß man wissen, welche Ziele<. r 'p»Nt aus be- Zscken Freund- z ver schaffen, t Imperialls» fahr lehn e Zuck haus- Kommunistenprozesse in Kassel Kassel, 6. Okt. Der Strafsenat des Kasseler£...10.1618« gerichts verhandelte gegen 17 Kommnnisten aus Thüringen, die dort die KPD. neu ausgebaut und eine illegale Bezirks- leitung mit starkem Propagandaapparat gebildet hatten. Das Gericht erkannte wegen versuchten Hochverrats gegen die 17 Angeklagten aus insgesamt 4 8 Jahre, 8 Monate Zuchthaus und 2 Jahre, 8 Monate Gefängnis,' die höchste Zuchthausstrafe lautete ans 8 Jahre. In einem anderen Berkalireti hatten sich fi stommnussten :us Mühlhausen in Thürlv"en>-• r-'.'rejtung um Hochverrat zu ve""? worten.?>»mnuiiiiftijche Organisation als E'veranlotlub ge nl£, Urteil lautete ruf 5 Jahre Zuchthaus gegen den Haupiangeklagten, de» 24jährigen Herbert Bechcrer. Ter SSjährigc Franz Liedke erhielt 4 Jahre, 2 weitere Angeklagte ie 8 Jahre, der fünfte Angeklagte 2 Jahre Zuchthaus bei Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte. Als straferschwcrend ivurde das„hartnäckige Leugnen" der Angeklagten angesehen. iw Mittelmeer, insbesondere in Nord- und Zentral- asriko verfolgt. Das faschistische Italien stellt ganz be- stimmte Kolonialansprüche. Die Forderungen Italien» gehen auf den Geheimvertrag vom 26. April 1V15 zurück, in welchem Frankreich und England dem künftigen italienischen Bundesgenossen die Vergrößerung seiner afri- konischen Besitzungen zusagte. Aber diese Zusage ist in den Friedensverträgen nicht eingehalten worden. Indessen ist für das faschistische Italien die Vergrößerung seines Kolonialreiches eine Lebensfrage geworden, nachdem sein Bevölkerungsüberschuß von Amerika, Frankreich und der Schweiz kaum noch aufgenommen wird, und der Aus- wandererstrom sich nach Afrika, insbesondere nach dem französischen Tunis ergießt. Italien verlangt, daß Frank- reich mit seinen Bestrebungen, die italienischen Aus- Wanderer in Tunis als französische Staatsangehörige zu betrachten, aufhöre. Italien wünsche, daß diese Aus- Wanderer weiter Italiener bleiben und betrachtet sie als Vorkämpfer feiner kolonialen Expansion. E i n weiterer Streitpunkt ist die Südgrenze Lydiens. Die Italiener erstreben die Besitzergreifung des Gebietes um den Tschod-See, das den Franzosen ge- hört. Die Besitzergreifung dieses Gebietes würde den Italienern die Möglichkeit bieten, von Tripolis aus eine direkte Verbindung zu den reichen englischen und fron- zösischen Kolonien in Mittel- und Südafrika zu schaffen. Wenn Mussolini in seiner Rede von Verhandlungen zwischen Frankreich und Italien spricht, so muß es sich— das ergibt sich aus dem bisherigen Komplex der französisch- italienischen Gegensätze— bei diesen Verhandlungen vor allem um diese zwei Kolonialprobleme, handeln. Darüber hinaus geht es auch um die Frage der Flotten- gleichheitderbeidenMächteimMittelmeer. Aber so wichtig auch diese ist, ihre Lösung hängt wesentlich davon ab, ob man zu einer Einigung in den übrigen Fragen gelangt. Es läßt sich augenblicklich noch nicht übersehen, ob wirk- lich die Grundlagen einer italienisch-französischen Freundschaft geschaffen werden. Dies wird sich erst nach der in Aussicht gestellten Reise Barthous nach Rom zeigen. Aber gerade deswegen ist dieser Reise die größte politische Bedeutung beizumessen, denn von ihr wird es abhängen, ob durch eine französisch-italie- Nische Annäherung eine neue Verschiebung der Kräfteverhältnisse in Europa zuun- gunsten des„dritten Reiches" zustande- kommen wird. Hitlers Gegenschachzug Die Hitlerregierung ist sich der katastrophalen Folgen en er französisch-italienischen Freundschaft für die außen- politische Lahe des„dritten Reiches" durchaus bewußt. Hitler hat seine ganze Außenpolitik auf die Freundschaft mit Mussolini aufgebaut. Er hat zu diesem Zweck sogar die Deutschen Südtirols verraten. Die Süd- tiroler sind zwar der I t a l i e n i s i e r u n g anheim gefallen, aber das Opfer blieb umsonst. Oesterreich ist ins italienische Fahr- wasser geraten, und der Duce, den das Hitlerregime so be- wundert, der Duce. der im vorigen Jahr noch zum Nllrn- berger Parteitag eine besondere Delegation seiner Partei zur Begrüßung entsandt hatte, sucht Freundschaft mit dem französischen„Erbfeind". Die deutsche Diplomatie entwickelt deshalb augenblick- lich eine lebhafte Aktivität. Der deutsche Botschafter in Rom. v o n H a s s e l, ist in Berlin gewesen und ist wieder mit besonderen Instruktionen nach Rom zurückgekehrt. In der Wilhelmstraße, so geht das aus verschiedenen aus- ländischen Pressemeldungen hervor, soll man die Absicht haben. Mussolini einen Freundschaftsvertrag anzubieten, in welchem, nach dem Vorbild des Abkommens in Polen, das„dritte Reich" für die nächsten zehn Jahre sich jeder Aktivität in Oesterreich enthalten wird. Auf diese Weise hofft man Mussolini von einem Freundschaftsvertrag mit Frankreich abzubringen. Auf der anderen Seite wird auch schwereres Geschütz aufgefahren. Die W i I h e l in st r a ß e nutzt die italienisch-jugoslawische Gegensätze aus, um eine Annäherung zwischen Jugoslawien und Deutsch- land herbeizuführen. Die deutsche Diplomatie ist bestrebt, die Kleine Entente zu sprengen, falls es zu einer'französisch-italienischen Verständigung kommt. Die nächsten Wochen werden zeigen, wer in diesem Kampfe um die italienische Freundschaft Sieger bleiben wird— Frankreich oder das„dritte Reich". „las von Rom!" Zu den zahlreichen Kirchengründungen hat sich eine neue gesellt. Tie heißt„katholisch-national-kirchliche Bewegung. Hinter ihr sollen römischkatholischc und altkatholische Per- sönlichketten stehen, die mit Reichsbischos Müller im Bunde sind. Angeblich will die Bereinigung eine katholische deutsche Nationalkirche mit einem von Rom unabhängigen Bischof errichten, die sich vorbehaltlos unter den Führer Adolf Hitler stellt. Wir glauben nicht, daß diese allerneueste Bewegung eine Zukunft hat, ebensowenig wie wir glauben, daß hinter ihr wirklich einflußreiche Persönlichkeiten stehen. Die„romsreie Einheitskirche", die der Reichsbischos vor kurzem gefordert hat, hat die Gegensätze zum Katholizismus und der pro- teftantischen Zentralkirchenregierung so verschärst, daß jeder Versuch, irgendetwas anderes„Romfreies" zu schaffen, die lirchenpolitischen Schwierigkeiten ungeheuer verschärfen würde. Daran ist umso weniger zu denken, als das„dritte Reich" gerade in diesem Augenblick wegen der T a a r die Verbitterung der Katholiken nicht steigern möchte. Erst nach- her dürfte man wieder„freie Hand" haben. Bemerkenswert sind einige Aeußernngen des„Katho- lischen Kirchenblattes" des Berliner Bistums. Jede Glaubensspaltung würde, so heißt es hier, mit ihren ver- beerenden Folgen als nationales Unglück des deutschen Volkes empfunden werden. Einheit von Staat, Volk und Kirche könnten nach katholischem Gesichtspunkt nur in der von Gott durch Christi« gestifteten und geleiteten Kirche be- gründet sein. Nur diese eine heilige, katholische und aposto- lischt Kirche könne nach katholischer Ueberzeugung Grund- läge Weg und Ziel der Glaubensgemeinschaft sein.„Dem „Los von Rom" letzt der Katholik sein„Unlösbar von Rom und treu z» Rom!" entgegen,«nd wenn es sein mnh. bis zum letzten BlntStropsen." so« der„geheimen" zur offenen Rüstung? Um die nilitarklauseln des Vertrages von Versailles A. Ph. Paris, 8. Oktober. pielt, von ungeheuerer Bedeutung ist, hat sich nicht erst nach dem 30. Juni gezeigt, dessen Auswirkungen für Hitler ja nur deS« halb nicht gefährlich werden konnten, weil er sich der be- waffneten Macht mit Haut und Haar verschrieben hat. Auch ein Zwischenfall, der sich, wie man erst jetzt erfährt, anläßlich des Nürnberger Nationalsozialistischen Parteitages er- eignete, beweist letzten Endes nur, wie stark sich die mili- tärischen Kreise im neuen Deutschland fühlen. Ueber diesen Zwischenfall berichtet„Petit Parisien" aus sicherer Quelle: „Generalmajor Heinrici, der ehemalige Chef des„Wehr- amtes" im Reichswehrministerium spielte bei diesem Zwi- schenfall eine groß: Rolle. Er nahm am Nürnberger Partei- tag teil und mar während der Galavorstellung im dortigen Stadttheater anwesend. Als nun der wegen seines rück- sichtslosen Antisemitismus überall berüchtigte Oberpräsident und Frankenftthrer der Partei Streicher das Theater be- trat, standen alle Zuhörer auf und entboten ihm den Hitler- Gruß. Nur General Heinrici blieb sitzen. Deshalb machte ihm Streicher einige Augenblicke später recht heftige Vor- würfe. Heinrici beschwerte sich deshalb bei seinem Borge- setzten. General von Blomberg unterrichtete Hitler von dem Vorgefallenen, der nun entschieden haben soll, daß Streicher sich zu entschuldigen habe. Die Folge war ein Briefwechsel zwischen Heinrici und Streicher. Während aber der Frankensührcr seinen Brief mit dem üblichen Gruß schloß:„Hell, Hitler!" enthielt das Schreiben des Generals am Schluß die Wort«:„Heil, Hin- denburg!" Hitler soll nun diese Formel als«ine persönliche Beleidigung aufgefaßt und vom Reichswehrminister die Ent- lassung des Schuldigen verlangt haben. Tatsächlich soll denn auch lSoneral Heinrici sofort seine Pensionierung erhalten haben. Die Militärkreise sollen sich darüber sehr aufgeregt und Herrn von Blomberg vorgeworfen haben, er habe wie- der einmal vor den Forderungen der Nazis kapituliert." va§ Edio der Rede Plus« A. Ph. Paris, 8. Oktober. Bon unserem Korrespondenten Mussolinis Rede wurde hier mit großer Ungeduld er- ivartet, und die Tonntagsblätter geben ihren Lesern aus- führlich Kenntnis von ihrem Inhalt. Dabei verfehlen sie nicht, die Worte hervorzuheben, die der Duce an die Hitler- regierung richtete, ebenso wie sie die Stellen ausführlich bringen, die sich auf das Verhältnis Italiens zu Frankreich beziehen. Die Kommentare der französischen Presse sind noch sehr spärlich, die meisten Blätter halten mit ihrer eigenen Meinung vorläufig zurück, ivas wohl damit zusammenhängt, daß diese Blätter erst einmal die Stellungnahme des O.uai d'Orsai kennen lernen ivollen. Von den wenigen Blättern, die sich zur Mussolinirede äußern, halten„I n t r a n s i g e a n t" und„Excelsior" mit ihrer Zustimmung nicht zurück, während„E ch o de Paris", wie das dem politischen Charakter dieses Blattes entspricht, schon deshalb mit Mussolini unzufrieden ist, iveil der Duce das Ende das Kapitalismus prophezeit hat. Gallus meint im„I n t r a n s i g e a n t", man werde außer in Deutschland in der ganzen Welt Mussolinis Rede mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben. Dabei nähre der italienische Staatsmann gegen Deutschland durch- aus keine feinblicken Gefühle. Er sage>a sogar, es sei keine Entwicklung der Geickickte Europas ohne Deutschland mög- lich. Aber er gebe gleichzeitig Deutschland zu verstehen, daß er an Oesterreichs Unabhängigkeit nickt rübren lasse und es für richtig halte, wenn Och Deutschland aus dem europäischen Konzert nicht ausschließe. Gallus eripnrrt dann weiter an die Freundschaft, die zu- nächst zwischen dem„dritten Reich" und Italien bestanden habe, die aber dann in die Brücke gegangen sei, als die Er- mordung von Dollsuß den Italienern die wahre Natur des Nationalsozialismus gezeigt habe. Jetzt nun feien die Italiener Frankreich freundlicher als Deutschland gessnnt. Aber, so fährt der französische Journaiist fort, man dürfe nicht bezüglich der italienisck-sranzösiscken Freundschaft sich zu schnell einbilden, daß das Endergebnis mit Händen zu greisen sei. Jede wahre Freundschaft sei ein Werk der Zeit, ohne die eS nur unüberlegte und»erbrecklickc Tnmpatbien gebe. Die Atmosphäre habe sich verbessert, habe Mussolini in zurückhaltendem Tone erklärt, und er habe weiter ge- sagt:„Wenn wir einig werden, wie wir es hoffen, dann ivird das für beide Länder und für Europas Interesse sehr nützlich und fruchtbar sein. In einigen Wochen werde man die Eröffnung der Be- spreckungen erleben. Die Franzosen hoffen, daß sie zu einem französisch-italienischen Bündnis führten, dessen Notwendig- keit nicht nur in Geograsie, nicht nur in der Geschichte, sondern in der Natur der beiden Völker geschrieben sei. Im„E r c e l s i o r" sagt Marcel Paus unter anderem, dadurch, daß Mussolini das Reich unverblümt aufgefordert habe, zu den Normen des internationalen Lebens, vielleicht sogar nach Gens zurückzukehren, iverdc beträchtlich die Be- dcutung der Tonderverhandlungen abgeschwächt, die Berlin mit Rom anzuknüpfen bestrebt sei, um den französisch- italienischen Verhandlungen zuvorzukommen. Der Duce sei ein viel zu weitsichtiger Politiker, als daß er durch unklare deutsche Zusicherungen ßck dahin bringen ließe, über die Hitlerintrique in Oesterreich den Schleier der Vergessenheit zu ziehen. Ebenso könnte man Mussolini sagen:..Wir wollen wieder Freunde werden. Ich will Oester- reich fünf oder zeb» Jahre geben, die ick brauche, um das neue Deutschland lest zu verankern»nd leine militärischen Kräfte zu verstärken Tann wird die österreichische Frage f»* von selber lösen!" Der Beweis, daß der Duce wenig Neiaung hat, sich zum Narren halten zu lassen, schließt Marcel Paus, finde sich in dem Teil seiner Rede, der sich mit der französisch-italienischen Annäherung befasse. P e r l> n a r äußert im„E ck o de Paris" lein beut- liches Mißfallen, wenn er sagt, Mussolinis Rede könne kaum die Franzosen über Italiens Absichten kurz vor der Reise Bnrtho"s noch Rom berubi,-„>n. Der Diktat-r se» der Au^t. Geld« nnd Wirtschaftskrise der letzt»,, fünf Jad»e zur endaültiaen Er» ledianng des Kapitalismus und Liberalismus führen. Das sei mebr eine nravhetische Vorhersage als eine tatsäch- liche Feststellung. Man bearei'». daß solche Worte den Italienern ana-n»bn, seien, die all- jhre Freiheiten verlören nnd in vielerlei.s>s„sicht iib-r ibr Vermögen nur in ziemlich beschränktem Umkange verspäten. ES sei imm»r tröstlich zu denken, daß das llnaliick. unter de,,, p,g„ leide, aus einer Weltkataktrovbe berrsiftre. nnd srtiber oder später keiner da- von verschont bleibe Aber, lo sr»at Pertinar^ welche« System werde dann an die Stelle des Kapitalismus treten? Katholiken werden betrogen Sorge nm Ma'erlal Müller gegen das Konkordat Reichsbischos Müller hielt bekanntlich am Montag in Stutt- gärt eine Rede, die in allen deutschen Zeitungen ausführlich wiedergegeben wurde. Fünf Tage später, in ihrem ersten Morgenblatt vom Freitag, dem ö. Oktober bringt nun plötz- lich die„Frankfurter Zeitung" die folgende sensationelle Notiz: „Der Reichsbischos in Stuttgart. In seiner Stuttgarter Rede von Montag abend erklärte der Reichsbischos nach dem Bericht des Deutschen Nach- ricktenbüros u. a.: Wir schließen kein Konkordat ab. Wir haben mit dem deutschen Staat keine äiscoräi». Denn dieserStaat sind wir selbst." Offenbar haben alle deutschen Blätter diesen neuerlichen Aussall des Reichsbischof gegen die von der S a a r p o l i t i k bedingten Konkordatsbcmühungen Hitlers verschwiegen. Merkwürdigerweise aber fand die„Frankfurter" s Tage später den Mut, die Stelle doch noch zu bringen. Goebbels Adjutant Regierungskommissar für Ullstein Berlin, 6. Oktober. Der bekannte Ullstein-Vcrlag wird ab l. Januar der Kontrolle des Propagandaministeriums unter- stellt. Zu diesem Dalum wird der Verlag einen Regierungs- kommissär in Gestalt des persönlichen Adjutanten deS ReichSpropagandaministerS Goebbels, Staatssekretär Hancke, erhalten, der die Leitung des gesamten Zeitungsverlags übernehme» wird Aufforderung an die Minister a. D. London, 8. Oktober. Nicht ohne eine gewisse Ueberraschnng hört man in hiesige» politischen Kreisen, daß die Regierung soeben alle ehemaligen Minister und alle früheren Staatssekretäre aufgefordert hat, alle amtlichen Dokumente zurückzugeben, die sich in ihrem Besitz befinden. Zu den Ministern, die diese Aufforderung erhalten haben, gehören unter anderem Lloyd G«arge«r Austen Chamberlain, Henderson. Lord Tnowden ift». Es fehlt an jeder amtlichen Erklärung zu diesem Ersuchen, das ohne Vorgang in der parlamentarischen Geschichte Eng- lands ist. In der Downing Street, wo das Ministerpräsidium seinen sitz hat. gibt man nur zur Antwort, daß diese» Er luchen an alle ehemaligen Rcgterungsmitglieder gerichtet sei und vom Sekretariat des Kabinetts stamme. Eine ander» Erklärung könne nicht gegeben werden. Brillseber Dampfer gescheitert Hongkong, 8. Okt. Die Rettungsboote des britischen Kreuzers„Suffolk" konnten am Montagvormittag an den am PatraS-Riff fungesähr 200 Meilen von Hongkong) ge- icheiterten Dampfer„City of Cambridge" nicht heran- kommen, da der Seegang zn stark war. Die Besatzung des Dampfers besteht aus 80 Mann. Das Wrack befindet sich in einer äußerst gefährdeten Lage. Ein«ergungsdampfer. der am Sonntag von Hongkong zur Hilfeleistung ausgegangen war, mußte wegen schweren Sturmes wieder in den Hafen zurückkehren. Fahrgäste sind nicht an Bord der.City of Cambridge".* Für Deutschland Gegen Hitler! „Katholiken Solche und solche Tie früher katholische, jetzt für den Tausscheinkatholiken Hitler gleichgeschaltete„Taarbrücker Landeszeitung" tut in einer Polemik gegen uns so, als hätte sie immer noch etwas mit Katholizismus zu tun. To bemängelt sie das Austreten des Fürsten Hohen- lohe-Langenburg in einer Saar-Versammlung in Paris, wo dieser Katholik neben Mar Braun gesprochen hat. Tas Blatt bezweifelt die katholische Rechtgläubigkeit des Herrn und findet überhaupt den Katholizismus der Hohen- lohes anfechtbar, schon der alte Onkel Chlodwig, der in den neunziger. Jahren Reichskanzler war, habe es mit seinen religiösen Pflichten nicht sehr ernst genommen. Wir wissen in der Familiengeschichte der Hohenlohes nicht so gut Bescheid, um dem Blatt mit Erfolg widersprechen zu können, und wollen deshalb einmal unterstellen, das; es aus- nahmsweise die Wahrheit geschrieben hätte. Es erhebt sich dann aber folgende Frage: Ist eS eigentlich mit dem Katholizismus des deutschen Reichskanzlers, „Führers" und Geldgebers— aus Reichsmitteln natürlich— der„Taarbrücker Landcszeitung" besser bestellt als mit dem der Hohelohes? Kann uns die früher katholische„Landes- Zeitung" verraten, wie es mit der Ersüllung der kirchlichen Pflichten bei Herrn Adolf Hitler steht? Eine ähnliche Frage haben wir früher schon gestellt, ohne dah die Hüter des heiligen katholischen Glaubens darauf hätten eine Antwort geben können. Mag es mit dem Katholizismus der Hohenlohes stehen wie immer, es ist uns bisher nicht bekannt geworden, daß einer dieser Herren Katholiken um ihres Glaubens willen hatte hisnchlachtcn und ihre Leichname hätte einäschern lassen, wie es unter„Heil Hitler" im Reiche des Auchkatho- liken Adolf Hitler geschehen ist. Hält also die frühere katholische„Landeszeitung" den Tausscheinchristen Adolf Hitler, den Obersten Gerichtsherrn für die Morde an Klausener und Probst für einen besseren Katholiken als den mit Mcnichenblut nicht bespritzten Fürsten Hohenlohe-Langenburg? Antwort werden wir selbstverständlich nicht erhalten, da bei dieser Torte„Katholiken" die Angst vor der Ungnade ihrer Geldgeber tausendmal gröster ist als die Treue zu einer Religion, mit der sie innerlich nie etwas zu tun hatten, auch wenn sie sie, früher vielleicht in gutem Glauben, äußerlich bekannten. Tas Blatt regt sich an anderer Ttelle über irgendeine Tchlägerci in irgendeiner Wahlversammlung Frankreichs aus und fragt hochmoraliich:„Ist das ein Vorbild?!" Natürlich ist das kein Vorbild. Tagegen ist es für gute " Christen jjewiß vorbildlich und christlich, einer Regierung zu dienen, die am 30. Juni 1200 ihr nicht genehme Bürger ohne Untersuchung und ohne Richterspruch ermorden ließ und jeden einsperrt, der sich erdreistet, eine eigene Meinung haben zu wollen..... Ihr von der„Landeszeitung" seid uns eine schöne Torte Katholiken: Verschiebung? Hitlerdeutsches Dementi Tie„V o l k s st i m m e" berichtet aus Paris: Gegenüber den hitlcrdeutschen Tementis aus dem Hinter- halt, die zunächst über das„Berliner Tageblatt" und jetzt durch die„T e u t s ch e diplomatische Korr«- s p o n d e n z" erfolgten, stellen wir»och einmal ganz ein- deutig und mit aller Bestimmtheit lest, daß sich allerhöchste hitlerdentsche Diplomaten im Auslände bei bestimmten Völkerbundsstaaten um die Vertagung der T a a r- abstimmung für einige Jahre bemiiht haben und als hitlerdeutjchc Gegenleistung sttr eine solche langfristige Vertagung der Saarabstimmung eine Revision der deutschen Haltung zum Ostpakt und zum Völkerbund anbosen. Von diesen Tatsachen, die übrigens bezeichnenderweise hitleramt- lich n i ch t dementiert sind, beißt keine Maus einen Faden ab. Uebrigcns hält Madame Genevieve Tabouis ihre Darstellung im„O e u v r e" nach wie vor restlos ausrecht. Ter plumpe Versuch der„Teutschen diplomatischen Korre- spondenz", nach der Methode„Haltet den Tieb", den tatsäch- lich von autorativstcr Ttelle ausgesprochenen hitlerdeutschen Wunsch nach mehrjähriger Verschiebung der Abstimmung als ein„französisches Schwindelmanöver" hinzustellen, begegnet hier nur einem mitleidigen Lächeln. Nur die absolute Ueber- legenheit Frankreichs und sein Festhalten an gewissen inier- nationalen diplomatischen Verschiegenheitsgrundiätzen hat es bis heute daran gehindert deutlicher zu werden! Saar-Deuhsdirifleu Gens. 6. Ottober 1984. Tas Gcneralsekretariat des Völkerbundes veröffentlicht drei Taardenkschriften: Tie erste ist die der Einheitsfront, die unseren Lesern bekannt ist: die zweite ist eine katholische T a a r p c t i t i o n, die Chefredakteur Hossmann von der„Neuen Taar-Post" im Namen von 200 Delegierten der nichtgleichgeschalteten christlichen Taarbevölkerung übersandt hat und auf die wir unten näher eingehen werden, und die dritte ist die Schmähschrift der. sogenannten„deutschen Front" zur Polizeisrage, von der Präsident Knox in seinem Begleitschreiben feststellt, daß Meie Tudclschrist aus u n- z u t r e s s c n d e n und tendenziösen Grund- lagen beruht, die bereits in der gleichgeschalteten Zaarpresse verönenllichl wurden, noch ehe sie dem Völker- bundssekretariat zugegangen war was in Zukunft Ze>- tungsverbote nach sich ziehen wird. RUAgllederuug bedeutet Verteuerung der ... hei sinkenden Einkommen Das„Neue Tagebuch" bringt in seiner letzten Nummer eine interessante Vergleichsaufftellung über die Lebens- mittelpreisc in Ludwigshaken und Saarbrücken. Diese Ausstellung^»'tätigt die allgemein bekannte Tatsache, daß im Falle des Anschlusses der Saar an Hitler, die Taararbeiter. Angestellten und Beamten t-inc mindestens 20prozentige Erhöhung ihrer Lebenshaltung bei gleichzeitigem Rückgang ihres Einkommens erwartet. Im einzelnen entnehmen wir dem„N. T." folgendes: Die deutsche Regierung, voran Dr. Goebbels, hat dem Land bereits ein riesiaes Arbeitsbcschassungsprograwm und einen gewaltigen Wirtschastsauffchwung versprochen. Darüber auch nur zu diskutieren, ist zwecklos. Aber es gibt eine andere Seite des Problems, bei der man nicht auf Versprechungen angewiesen ist, sondern sür die u n- be st reitbare Tatsachen vorliegen. Diese Seite ist bis- her noch nicht beachtet worden. Es gibt nämlich im Saargcbiet Preise und es gibt auch in Teutschland Preise. Die deutschen Preise unterliegen autarkischem Hochschutzzoll und den son- stigen Veranstaltungen der Diktatur. Wie verhalten sie sich zueinander? Wir haben den Vergleich für einige wichtige Lebensmittel in entsprechender Standardqualität durchgeführt. Wir stellen gegenüber die Ladenpreise in Saarbrücken snach einer eigenen Erhebung des„NTB."j und die Ladenpreise in L u d- Lebenshaltung wigshafen, dem Hauptort der Pfalz, dem das Saargebiet noch dem Anschluß angegliedert werden soll snach Angaben im 1. Septemberhest von„Wirtschast und Statistik"!. Es kosten in Reichsmark: Deutsche Preise in Saar- in Ludwigs- höher als brücken Hafen Saarpreise um: Schwarzbrot 1 kg.—,25—,35 41) Prozent Reis 1 kg.—,43—,60 40 Prozent Kartoffeln 5 kg.—,45—,55 22 Prozent Rindfleisch 1 kg.—,92 1,50 63 Prozent Schweinefleisch 1 kg. 1,57 1,70 8 Prozent Speck, fetter, geräucher, 1 kg. 1,64 2,20 34 Prozent Bollmilch l Liter— ,21—,26 24 Prozent Butter t kg. 2,87 3,10 8 Prozent Eier- 1 St.—,09 0,10 10 Prozent Man kann so viel Waren in die Liste ausnehmen, wie man will: das Bild bleibt immer dasselbe. Dazu kommen die beständig wachsenden Lohn- und Gehalts- kttrzungen und die immer noch zunehmenden Abzüge bei weit höherer Tteuerbelastung und teureren Mieten. Und die ein- zige Gegenleistung des„dritten Reiches" besteht darin, daß man täglich einige Male„Heil Hitler" schreien, den römischen Gruß machen und das Krummkrcuz anbeten— oder aber den Weg ins Konzentrationslager antreten darf. Sabotage und Terror Tie„Taarbrücker Landeszeitung" berichtet in ihrer Rum- mcr vom 3. Oktober, daß sie von„Lord Marlen", dem Vor- sitzenden des berüchtigten„Zentralunterluchungskomnnssions- kommitees in merkwürdiger Allwissenheit angekündigte Saalverordnung der Regierungskonimission verkündet wor- den ist." Gemeint ist der Erlaß der Abstimmungskommission demzufolge die unter dem Truck der„deutschen Front" bis- her von den(Gemeinden und Privateigentümern den Anhän- gern des Status quo oerweigerten Versammlungssäle nunmehr zwangsweise allen Parteien des Saargcbiets zur Verfügung zu stellen sind. Tie„Taarbrücker Landeszeitung" versuch, in dem Artikel, die Internationale Untersuchungs- kommission des Lord Marlcy und den Erlaß der Abstim- mungskommission miteinander in Verbindung z» bringen in der Absicht, beide in den Augen der Taarhevölkerung herabzusetzen. Hätte es noch eines Beweises bedurft, daß die llntersuchunqskommission über den Nazi-Terror an der Taar freudig begrüßt worden ist, der erneute Wutausbruch .Die Laie hat sldi versdilimmerf Die Eingabe der Katholiken Tie katholische Saarpetition macht geltend, daß t r o tz d e r G a r a n t i e n. die der Völkerbundsrat für notwendig erach- tet hat. und die im Lause der deutsch-sranzösischen Verhandlungen vom 4. Juni 1934 festgelegt worden sind, man bei der Prüfnna der Situation im Saargcbiet nicht versichern könnte, daß selbst jetzt die freie, geheime und aufrichtige Abstimmung gesichert ist. Im Gegenteil, die Spionage und die Truck- mittel, denen alle Gegner Hitlers von seilen der Organisa- tion der„deutschen Front" und anderer Elemente ausgesetzt sind, die im Saargebiet mehr oder weniger sür Konto der offiziellen deutschen Behörden arbeiten, hätten sich seither noch verschlimmert: insbesondere werde die Kampagne gegen alle Freunde und Anhänger dieser Bewegung und gegen deren Zeitung, die„Nene Saar-Post", mit einer Heftigkeit und mit Druckmitteln geführt, die kaum überboten werden könnten. Tie christliche Bevölkerung des Taarge- vieles hofft, daß alle ihre religiösen und kulturellen Rechte und Institutionen integral aufrecht erhalten und garantiert werden. Weiterhin wird eine klare Definition des Ausdruckes Status quo verlangt. Für die Arbeiter und Angestellten der Saar sei es auch sehr wichtig daß ihre soziale« Rechte garantiert würden. Saarländer in den Vereinig*. Staa'en Kürzlich fand in Nenuork eine Konserenz saarländischer, deutscher und elsässischer Organisationen statt, die nach dem Referat eines Vertreters des amerikanischen Komitees gegen faschistische Unterdrückung in Deutschland die Bildung eines Komitees für den Status quo im Taargebiet beschloß. Unter den an der Konferenz teilnehmenden Organisationen ist be- sonders zu erwähnen der Verband der deutschen Klubs in Neunork, der Heimatbund der Saarländer und die Anti- Naziföderation. Ein Kommunique der Gründungssitznng des Komitees wurde von der gesamten amerikanischen Presse wieder- gegeben. Tie Konserenz beschloß die Abhaltung einer breiten Taarkonsercnz Anfang Oktober in Nennork. Tic beschloß weiterhin die Entsendung von Protestdelegationen zu den deutschen Konsulaten»nd zum Vorsitzenden des Kongresses der Vereinigten Staaten, um dem wachsende» Terror im Saargcbiet»nd i» Hitlcrdeutschland entgegenzutreten. Gleichzeitig wurde eine Bcgriißungsadrcsse an die Saar- organisationen»nd an ihre antisaschistische Einheitsfront abgesandt. Mit besonderem Beifall nahmen die Versammelten einen Antrag an, wonach das neugebildete Komitee an die Kom- munistische und Sozialistische Partei der Vereinigten zwecks Unterstützung des Kampfes im Taargebiet heran- treten sollte. Zum Schlüsse wurde eine Resolution zur Taar- frage angenommen, worin an alle Beteiligten eine breite Tolibaritätskampagne in allerbreitesten Schichten betont und an alle ein dringender Appell zum Anschluß gerichtet wird. In der Resolution wird hingewiesen auf die organisierten Bemühungen zur Einschüchterung der Bevölkerung im Saar gebiet, aus die täglichen Ausfälle. Gcivaltaktc, am die Möq. lichkeit eines bewaffneten Einfalls und eines Nazipntschs der„Taarbrücker Landeszeitung" wäre baS beste Zeugnis dafür. Tie Mitglieder der Untcrsuchungskommission haben bei ihrem Besuch bei der Abstimmungskommission an, die Be- fürchlungcn der Bevölkerung, daß die Wahl nicht frei, un- abhängig und geheim sein werde, hingewiesen. Tie„Saar- brückcr Landeszcitung" liefert in dem oben zitierten Ar- tikel einen neuen Beweis dafür. Sie schreibt, daß die Ver- ordnung nur von der Ucberlassung„geeigneter" Räume spreche, und daß katholische, evangelische und manche andern Säle für kommunistische Versammlungen nicht geeignet sind. Hier ist einer der Wege angedeutet, aus dem die Sabotage der Verordnung erfolgen soll. Wie wir erfahren, wird die Un- tersuchungskommission über den Nazi-Terror an der Saar die inzwischen bei ihr eingelauienen Beschwerden und Mit- teilungen über Sabotageversnchc und-absichle» der„deutschen Front" gegen die„Taalverordnung" an de» Völkerbund weiterleiten. im Saargcbiet, der um so wahrscheinlicher beabsichtigt iei> als die Chancen, einen Sieg im Saargebiet z» erringen, durch die wachsende Einheitsbewegung gegen Hitler sür die Nationalsozialisten geringer werden. Tie Resolution lenkt gleichzeitig die Aunnerksamkeit der amerikanischen Ocssentlichkeit aui die von der deutschen Re- gierung in Amerika finanzierten Bemühungen, die daraus hinzielen, die Bewegung zur llnterdrucksctznng der Abstim- mungsbercchtigten beim Plebiszit sür die Rückkehr des Saar- gebiets nach Hitlerdeutschland zu entwickeln, wobei sie den Saarländern die Reisekosten nach dem Taargebiet»nd zu- rück in Aussicht stellen. Nur 10 lumpige narhiein für die Saar Wir haben schon wiederholt an dieser Stelle aus den Unfug mit den zahlreichen Reisen der Saarcinwohner nach dem „dritten Reich" hingewiesen. Jede Woche ist aui der anderen Seite der Zollgrenze irgendein nationalsozialistischer Rum- mel, zu dem Tausendc von Saarländern abkommandiert wer- den. Tie Folge davon ist, daß diese taufenden Tcutschsrontler ihre Einkäufe im„dritten Reich" tätige» und damit dem saarländischen Handel und Gewerbe eine«»ich, wieder gut- zumachenden Schaden zufügen. Wenn die Marxisten und an- deren„Landesverräter" nicht da wären, dann könnte der saarländische Einzelhandel bald seine Verkäufe einstellen. Beruht wenigstens dieser Reiseverkehr aus Gegenseitigkeit? Kommen wenigstens zahlreiche Reisende auch aus dem Reich nach dem Saargcbiet? Im Gegenteil! Es werden die größten Schwierigkeiten im Zusammenhang mit den Tcvisenbestim- mungen sür Reisen nach der Saar gemacht. In diesen Tagen sind diese Bestimmungen sogar so sehr verichärst worden, daß praktisch die Reise» Reichsdeutscher nach der Taar lahm- gelegt werden. Wie wir schon in der Nummer vom 5. Oktober berichtet haben, dar! man nach den neuesten Reiseverkehrsbestimmun- gen im Rahmen der Freigrenzen nur noch 10 RM. im Kalendermonat sür Reisen nach dem Ausland mitnehmen. Nun könnte man doch annehmen, daß man gegenüber dem Taargebiet, wo bekanntlich die„notleidenden deutschen Brü- der unter dek Fremdherrschast stöhnen", eine Ausnahme macht. Herr Goebbels ist zw a r sehr großzügig in seinen Versprechungen. Bei jeder seiner Reden nimmt er den Mund sehr voll nnd stellt dem Saargcbiet Arbeitsbeschaffung, Ausbau der Kohlengruben, die Errich- tung des Saarpialzkanals und noch andere Mätzchen in Aus ficht. Aber wenn es gilt, keine Versprechungen zu machen, sondern einige Vergünstigungen der Saar zu gewähren, dann benehmen sich unsere„teuren Brüder" im Reiche mehr als schäbig. Tie haben durch ihren Schacht in einer Verordnung ausdrücklich erklärt, daß die Reisesreiqrenze von nur sage und schreibe 10 RM. auch für die Saar Gültigkeit hat. To sind sie. die Leute! TaS gute Taargcld entziehen sie dem Taargebiet durch Veranstaltung von Rummeln aber ,'elber erweisen sie nicht das geringste Enlgcqe, k m nn Nicht umlonst b>. ßt es im Volksmund- Teutsch die Saar, Aber nur gegen bar. „Deutsche Freiheit", Nr. 234 UMD WIRTSCHAFT Saarbrücken, Dienstag, 9. Okt. 1934 Kleine Wirf schaf tsnachrichfen Nach einen) Beri^it der„Frankfurter Zeitung" stellen sich die überfälligen Warenschulden, die das„dritte Reich durch die Manipulationen Schachts nicht beglichen hat auf nicht weniger als 500 Millionen Mark. Diese Summe entspricht ungefähr einer Einfuhrhöhe von durchschnittlich zwei Monaten Diese Einfuhr hat sieh somit das„dritte Reich" ohne Gegenleistung vollzogen. * Nach einer Anordnung der Ueberwachungsstellc für unedle Metalle, wonach der Bedarf ftfrdie nächsten drei Monate eingeschränkt wird Petriebe der ersten Verarbeitungsstufe dürfen unedle Metalle nw soweit einkaufen, als ihr Bedarf daran durch Lagerbestände, Lieferverträge und im eigenen Betriebe oder aus Umarbeitungsgeschäften zu erwartendes Abfallmaterial n cht bereits für die nächsten drei Kalendermonatc gedeckt ist. * T)ie Auswirkungen des Boykotts in den Vereinigten Staaten offenbaren sich in einer immer stärkeren Passivität der deutschen Ausfuhr gegenüber USA. Im ersten Quartal 1934 hat Deutschland aus Amer'ka Lebensmittel in Höhe von über 37 Millionen Mark, Rohstoffe für 182 2 Millionen Mark und Fertigwarenerzeugnisse für. 25 5 Millionen Mark eingeführt. Gleichzeitig ist Ausfuhr nach Amerika, die selbst noch im letzten Quartal 1933 über 60 Millionen Mark betrug, auf 47 2 Millionen Mark gefallen. Die Passivität des deutschen Außenhandels mit Amerika stellt sich somit auf 197 6 Millionen Mark. Im zweiten Quarts! dieses Jahres ist che Ausfuhr um weitere 10 Millionen auf 37.6 Millionen Mark gesunken. Die Reichsrogiernng hat sich zur Entlastung der Devisen- hdanz entschlossen, den deutschen Flachsanbau weiter zu fördern. Bekanntlich ist die Flachsanbaufläche bereits im Jahre 1934 um 100 Prozent auf 8787 Hektar gestiegen. Diese Vergrößerung des Flachsanbaus erklärt sich mit der Drosselung der Einfuhr. Nun bestehen Pläne, im kommenden Jahr die Flachsanbaufläche auf sogar 30 000 Hektar zu erhöhen. Es erscheint aber zweifelhaft, ob es gelingen wird, diese fantastischen Ziele auch nur annährend zu erfüllen. Jedenfalls handelt es sich auch hierbei um Fehldispositionen, da bei Wiederherstellung normaler Verhältnisse, der deutsche Flachsanbau von der russischen und baltischen Konkurrenz, die, wie es schon einmal unmittelbar nach dem Kriege der Fall war, schwer betroffen wird. Einer neuen Verordnung zufolge bedarf die Einfuhr von Taschenuhren aus der Schweiz einer besonderen Genehmigung. Diese Maßnahme bedeutet einen Schlag gegen die schweizer Uhrenindustrie. Der Umsatz der Warenhäuser lag im August n"ih dein Bericht des Instituts für Konjunkturforschung im ^.Ueberblick" um 14 Prozent über Vorjahrshöhe; im Juli und August zusammen macht die Zunahme 10 3 Prozent aus. Die Steigerung der Umsätze im August wird in der Hauptsache von den Textil und Hausratabteilungen getragen. Die Traktorenfabrik in Charkow feierte am 1 Oktober ihr dreijähriges Bestehen. In diesen drei Jahren hat dieses Werk bereits 80 000 Traktoren abgeliefert. Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres wurden 31 000 Traktoren hergestellt. Das sind 40 Prozent mehr als in der gleichen Zeit des vergangenen Jahres. Um den Betrieb herum ist im Laufe der letzten drei Jahre eine neue Stadt mit 60 000 Einwohnern gegründet. Erdöl- Fehlbohrungen Die kleiner« Sparrr betrogen Hitlers„Planwirtschaft" hat bereits zu einem heillosen Durcheinander geführt und für das Spekulanten- und Schieberwesen einen günstigen Nährboden geschaffen. Hitlers Appell„Deutschlands Selbstversorgung vom Ausland unabhängig zu machen", hat u. a. einen Erdöl Bohrungsfimmel hervorgerufen. Welch' verheerende Folgen diese neueste Krankheit im„dritten Reich" bereits angerichtet bat. wie viele Leichtgläubige durch die zahlreichen Fantasie Projekte über deutsche Erdölvorkommen hereingefallen sind, mag man aus folgender halbamtlicher Erklärung ersehen: Das Reichs wirtschaftsministerium erläßt angesichts der in der letzten Zeit wieder stark gewachsenen Erdölspekulation bzw. wegen der Beteiligung an neuen Bohrungen usw. deutliche Warnungen: In letzter Zeit mehren sich wieder die Fälle, in denen private Unternehmer das Publikum zur Beteiligung an Erd- ölUnternehmungen auffordern. Die hierzu gemachten Angaben sind in vielen Fällen geeignet, über die tatsächliche Bedeutung einer solchen Beteiligung ein falsches Bild hervorzurufen. Es wird in meist übertriebener Form auf die Gewinnmöglichkeiten, die in Bohrungen auf Erdöl liegen, hingewiesen. aber verschwiegen, daß ein außerordentlich großes Risiko mit derartigen Unternehmungen verbunden ist. Oft werden diesen Angaben auch Aeußcrungen dritter, als Sach- verständige bezeichnete Personen beigefügt, durch die der Eindruck einer sichern Gewinnmöglichkeit beim Publikum noch verstärkt wird. Demgegenüber muß darauf hingewiesen werden, daß in ja-^em Fall für die Niederbringung von Bohrungen erhebliche Kapitalien erforderlich sind und bei jedem Unternehmen mit Fehlbobrungrn zu rechnen ist Wie die Erfahrung zeigt, dient die oben geschilderte Reklame meist lediglich spekulativen Zwecken; die auf diesem Wege gegründeten Gesellschaften entbehren der soliden finanziellen, geschäftlichen und sachlichen Unterlage, Romantische Agrarpolitik Der Märchenerzähler Darre In Deutschland wurde in diesen Tagen das„Erntefest" gefeiert. Wieder wurden Millionen vergeudet; die Größe des Festes stand im umgekehrten Verhältnis zur Größe der diesjährigen Ernte, die ja erheblich hinter der vorjährigen zurückgeblieben ist. Was tut's? Die Herren habens ja dazu und" che Millionen für die Propaganda spielen keine Rolle, die werden aus de» Topf genommen, in dem sich die Milliarden der Gläubiger angesammelt haben. Der Reichsernährungsminister Darre, der Diktator über die deutsche Landwirtschaft, hat als Auftakt eine Rede gehalten, in der er nach seiner Art und für seine Zwecke die bisherigen Resultate seiner Politik zusammenfaßte. Durch das Reichserbhofgesetz und das Reichnährstandgesetz seien zwei ganz neue Gedanken hineingetragen worden: Sicherheit und Ordnung. Das stimmt ja.'Durch das Erbhofgesetz haben die Bauern die Sicherheit erhalten, daß sie zur Verbesserung und Ausgestaltung ihres Betriebes unter keinen Umständen Kredite erhalten können und daß ihre Kinder unweigerlich ins Landproletariat gestoßen werden. Die Beseitigung der Freizügigkeit verhindert zugleich diese Enterbten des„dritten Reiches''daran, sich in den Städten eine neue Existenz aufbauen zu können. Deshalb vielleicht war der sonst so Geschwätzige in diesem Punkt sehr wortkarg und sprach um so ausführlicher über das zweite Gesetz, das durch Absperrung der ausländischen Zufuhr und durch Einführung der Festpreise das landwirtschaftliche Gebiet aus den„freien Märkten und ihren Gesetzen herausgelöst" habe. Die Wirkungen schildert nun Darre— wii haben darüber in der„Deutschen Freiheit" schon ausführlich berichtet— folgendermaßen: Roggen kostete im August in Rotterdam 56 Mark, in Deutschland 159 Mark je Tonne; Weizen in Liverpool 69 Mark, in Deutschland 199; Schweine in Chikago 12 Mark, in Deutschland 47 Mark je Zentner; Butter in Kopenhagen 78 Mark, in Deutschland 251 Mark je Doppelzentner; Speck in Kopenhagen 107 Mark, in Deutschland 184 Mark je Doppelzentner; Eier in Kopenhagen 3*/» Pfennig in Deutschland 8 Pfg. das Stück. Diese Angaben sind, wir wollen es ausdrücklich wiederholen— kein Greuelmärchen, sondern wörtliches Zitat. Leider fehlen Angaben über die Preisunterschiede in den Futtermitteln. Es würde sonst klar werden, daß für die Bauern die Preissteigerungen ihrer Produkte zum Teil wettgemacht weiden durch die Steigerung ihrer Produktionsmittel und daß die Hauptgewinner der nationalsozialistischen Agrarpolitik die Getreide und Futtermittel produzierenden Großgrundbesitzer sind. Darre beruft sich darauf, daß die Weltmarktpreise, die er zum Vergleich herangezogen hat, auch in anderen Ländern durch protektionistische Maßnahmen um ihre Wirkung gebracht werden, und es ist pikant, daß er zum Zeugen dessen gerade das liberalistisch verruchte Frankreich anführt. Dort sind allerdings eine Reihe Lebensmittelpreise durch protektionistische Maßnahmen in die Höhe getrieben worden. Der Unterschied ist nur. daß die französische Regierung eben jetzt nach Mitteln und Wegen sucht, die Preise herunterzukriegen, während die Nationalsozialisten sie immer noch zu erhöhen trachten und die Preissteigerung als den größten Erfolg ihrer Wirtschaftspolitik anpreisen. Eine Lüge aber ist es, wenn der Darre behauptet, die fortgesetzte Steigerung der Ernährungskosten hätte keine fühlbare Belastung des Verbrauchs herbeigeführt. Man brauchte einen Gegenbeweis ja eigentlich gar nicht anzuführen. Denn die Erhöbung des agrarischen Einkommens kann ja nur, da es sich wesentlich um die Preissteigerung und nicht um die Mengenvermehrung der landwirtschaftlichen Produkte handelt, nur daher rühren, daß die städtischen Konsumenten jetzt einen größeren Teil ihies Einkommens für die Lebensmittelversorgung auf- wenden müssen als früher und da, nach den Angaben des Konjunkturinstituts das kapitalistische Einkommen aller Art seit dem Herrschaftsantritt Hitlers gestiegen ist, muß die Milliardcncrhöhung des agrarischen Einkommens im wesentlichen von den Arbeitern, Angestellten und Beamten aufgebracht werden. Es trifft sich aber gut. daß gerade jetzt auch der statistische Nachweis geliefert werden kann, daß der Darre lügt. Mit großem Tamtam vfrkiindet eben die gleichgeschaltete Presse das„anhaltende Steigen der Einzelhandelsumsätze". Na Hi den Ermittlungen der„Forschungsstelle für den Handel", deren schönfärberische Tendenzen übrigens außer Zweifel stehen, waren die Einzelhandelsumsätze im August 15 Prozent, im Juli 10 Prozent und im ersten Halbjahr 1934 um 12 Prozent hoher als im Vorjahre. Die Steigerung im Augu»t ec klärt sich zum großen Teil daraus, daß die Saison- Schlußverkäufe diesmal im August statt im Juli stattfanden. Ein Teil der.Steigerung erklärt sich im übrigen aus der Preisentwicklung, denn die Einzelhandelspreise sind seit einem Jahr um reichlich 5 Prozent gestiegen, wobei die wirkliche Preissteigerung sicher größer ist als sie der amtliche Index erscheinen läßt. Nur ein Teil der Umsatzzunahmen entfällt also auf den Kauf giößerer Mengen öden besserer Qualitäten. Wie steh» es aber mit der Ernährung? Die Lebensmittel- Umsätze erhöhten sich um 6,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr, die Ernährungskosten sind aber nach den offiziellen Angaben um 7"» Prozent gestiegen! Damit ist aber der mathematische Beweis geliefert, daß die deutschen Massen sich Um mehr Geld nur weniger Lebensmittel kaufen konnten als im Vorjahr, daß der Ernährungszustand sich verschlechtert hat, daß trotz Zunahme der Bevölkerung (und innechalb der Bevölkerung der Erwachsenen), trotz der vielgerühmten Zunahme der Beschäftigung die Massen nicht einmal den Ernährungsstand aufrechterhalten konnten, auf den sie auf dem Höhepunkt der Krise herabgedrückt waren. Die Wirklichkeit ist sicher noch schlimmer als das statistische Bild erscheinen läßt. Aber auch die offizielle Statistik reicht aus, um den Darre der Lüge zu überführen und den Beweis zu liefern, daß die nationalsozialistische Agrarpolitik die Verelendung der Massen noch gesteigert hat. So haben wir den Darre auf der ersten Lüge ertappt, doch die zweite folgt sogleich Er leugnet, daß seine Agrarpolitik mit den„außenwirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands in Konflikt gekommen' sei. Die Behauptung ist genau so wahr wie die frühere. Iii Wirklichkeit sind sämtliche Handelsverträge. die den deutschen Fertigwarenexport nach Skandinavien, den Randstaaten, nach Belgien, Holland, Frankreich und nach Südosteuropa ermöglicht hatten, entweder gekündigt worden, um die agrarische Zwangswirtschaft und ihre Preissteigerungen durchführen zu können. Lebten früher etwa 3'/> Millionen qualifizierter Arbeiter von der Bcschäfti- gun für den industriellen Export, so hat die nationalsozialistische Agrarpolitik 2 bis 2'- Millionen aus der Arbeit geworfen. Der Milliardenverlust, der durch die Vernichtung des Exports hervorgerufen worden ist. muß zu den Milliarden hinzugezählt werden, die durch die Preissteigerung den Arbeitern und Konsumenten auferlegt worden ist, um die Kosten beurteilen zu können, die aufgewandt werden mußten, um das Erntedankfest feiern zu können. Diese Expvrtbedroliung steigert sich fortwährend durch eine Politik, die die Ausdehnung der agrarischen Produktion ohne Rücksicht auf die Kosten immer weiter betreibt. Darre rühmt sich, daß die Anbaufläche für Oelfriirhte von 5200 auf 26 700 Hektar, für Flachs von 4900 auf 8800 Hektar, für Hanf, Nessel usw. von 210 auf 380 Hektar im Jahr 1934 gestiegen ist. Leider verrät er nichts von den Zuschüssen aus Steuergeldern und den Preiserhöhungen für die Industrie, die für diese Anbauerweiterung geleistet werden mußten. Neulich hat ein„prominenter" Nationalsozialist die Behauptung vertreten, was im Inland gewonnen und produziert werden könne, sei„immer billiger" als das ausländische Erzeugnis. Dieser Irrsinn regiert jetzt die deutsche Wirtschaftspolitik und der Darre selbst rühmt sich der„Romantik", aus der heraus er seine Politik betreibt! Diese Romantik, diese„Verachtung von Vernunft und Wissenschaft", die allerdings für die Ignoranten und Scharlatane, die die Herrschaft über Deutschland an sich gerissen haben, die einzig gemäße Ideologie ist, kommt dem deutschen Volke teuer zu stehen. Sie vernichtet in immer höherem Maß und immer beschleunigterem Tempo die deutsche Wirtschaft. Sie hat ihr durch die Vernichtung des Exportes die Mittel zur Versorgung mit den lebenswichtigen und unentbehrlichen Rohstoffen geraubt, sie nach außen mit ullen Ländern in Konflikt gebracht und führt jetzt im Innern zu fortgesefjter Lähmung. Darre aber erklärt:„Diese Romantik. die zunächst unwirtschaftlich und lächerlich erscheinen möge, aber schließlich doch zum Wohle des gesamten deutschen Volkes ausschlagen wird, ist eben eine ganz besondere Eigenart der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik". Jawohl, eine besondere Eigenart und nicht zuletzt an dieser wird die nationalsozialistische Herrschaft zugrunde gehen. Dann wird es ein wirkliches Erntedankfest geben— das Erntedankfest des deutschen Volkes. Dr. Richard Kern. so daß die als Beteiligung gegebenen Gelder in den allermeisten Fällen verloren sind. Diese Gelder werden zum großen Teil von kleinen Sparern hingegeben, an die sich die Vertreter und Agenten der betreffenden Firmen in erster Linie wenden in der raeist richtigen Erwartung, daß diese über die nötige Erfahrung nicht verfügen und deshalb am leichtesten zur Hergabe von Geldern zu bewegen sind. Es muß deshalb nachdrücklich darauf hingewiesen werden, daß die Aufsuchung und Erschließung der deutschen Erdöllagerstätten mit Rücksicht auf das darin liegende große natürliche Risiko nur finanziell kräftigen Unternehmungen vorbehalten bleiben muß. Diese haben in letzter Zeit, wie bekannt, von Seiten des Reichs Darlehen zur Niederbringung von Aufschlußbohrungen erhalten. Um so weniger liegt es im national wirtschaftlichen Interesse, daß sich einzelne Unternehmer an das Publikum wenden, um mit dessen Ersparnissen ihre Geschäfte zu machen. Es wird deshalb vor der Beteiligung an derartigen Unternehmungen dringend gewarnt. Ausfuhrrückgang nach dem Fernen Offen Die„O statistische Rundschau" veröffentlicht die folgende Statistik über den Rückgang der deutschen Ausfuhr nach den Ländern des Fernen Ostens: Ausfuhr nach: 1. Halbjahr— in Millionen RM. 1932 1933 1934 Japan 48,4 42 1 41.2 China 43.3 39,9 37.3 Holländisch Indien... 23.1 17,7 14,6 Australien 8,2 9,3 10.0 Philippinen».» 4,8 4,7 3.3 Malaiischer Archipel... 4.0 3,2 3.2 Deutschland importiert aus dem Fernen Osten h-upts Hi- lieh Rohstoffe. Die Handelsbilanz mit den fernösll dien Ländern wies im ersten Halbjahr 1933 ein Passivsaldo in Höhe von 113 Millionen Mark auf, das sich für das erste Halbjahr 1934 auf 164 Millionen Mark erhöhte, &euts&he Stimmen•'Beilage zur.,!Deutsdken Freiheit*• Ereignisse und Qestfkidtien Dienstag, den 9. Oktober 1934 2Jte StaiUmq. fJhomas Manns Zuc jüdischen fcaqe fCiUec und Qoelfie Thomas Mann hat eine Reise nach Amerika hinter lieh. Hier hat er eine Erklärung zu den deutschen Problemen abgegeben, die sehr aufschlußreich sind. Wir finden sie(nach dem„Neuen Tagebuch") in der„American Hebrew and Jeivish Tribüne" vom 7. September: „Ich möchte vorweg gleich betonen, daß sich in meiner Einstellung zur jüdischen Frage in den letzten zwei Jahren nichts geändert hat. Ich persönlich bin überzeugt, daß die abendländische Gesittung auf zwei Pfeilern beruht; erstens auf der Zivilisation und Kultur der Mittelmeerländer, zweitens auf dem Chri- s»«tum. Und es besteht wohl kein Zweifel darüber, daß f l-* Christentum ohne die Juden geistig und geschichtlich undenkbar ist. Aus der Geistesgeschichte geht klar hervor, daß ein überzeugter Abendländer unvorstellbar ist, der nicht voi s Judentum beeinflußt worden wäre. Ick, als überzeugter Europäer und Mensch des Westens, fühle mich mit dem Christentum in jeder Form verbunden. Der Katholizismus ist mir fremder als der Protestantismus, dessen Gehalt mir natürlich wichtiger ist als seine kirchlichen Manifestationen. Die großen Protagonisten des geistigen Protestantismus waren ja auch Nietzsche und Goethe. Deswegen ist es so schwer für mich, zu verstehen, wie die deutschen Nationalsozialisten dazu kommen. Nietzsche jetzt offiziell zu„ihrem Vorläufer'" zu machen! Nietzsche selbst hatte ja nur Hohnworte und Abscheu für jede Form von Antisemitismus."' Musik- Umschau Arnold Schönberg, der hier kürzlich anläßlich seines 60. Geburtstages ausführlich gewürdigt wurde, ist in seiner Heimatstadt Wien durch einige Radiokouzerte und eine Festschrift geehrt worden, in der etwa 30 der international bekanntesten Dirigenten, Komponisten und Schriftsteller ihre Glückwünsche sammelten. So grüßt u. a. der bekannte holländische Dirigent Willem Mengelberg„den Pionier auf neuen Gebieten der Tonkunst, den genialen Kompo- nisten und den großen Menschen Arnold Schönberg". Alma Maria Mahler, die Witwe Gustav Mahlers, eines der ersten Förderer des jungen Schernberg, l)ari\is Milhaud. der um die Verbreitung Schönbergscher Werke in den westlichen Ländern hochverdiente Pariser Komponist, Franz Weriel, Egon Wellesz, Anton von Webern und Alban Berg seien aus der Reihe der Gratulanten besonders erwähnt. Daß keiner der „modernen" Musikjünger des„dritten Reiches" es gewagt hat, dem in Boston wirkenden Jubilar einen Glückwunsch zu übersenden, versteht sich von selbst. Bruno Walter, neben Schönberg, Klemperer und dem verstorbenen Schreker wohl der prominenteste„musikalische" Emigrant, scheint endlich wieder eine dauernde Wirkungsstätte gefunden zu haben. Wie aus Amsterdam berichtet wird, steht das Concertgebouw-Orchester in diesem Jahre drei Monate unter seiner Leitung, und wie gut informierte Kreise versichern, soll sich hieraus eine Dauer Verpflichtung an das beste Orchester Hollands entwickeln. Auch Hermann Scherchen, der modernste und kämpferischste' aller deutschen Dirigenten, dessen„Kultur- Bolschewismus" den Musikbonzen Neudeutschlands ein Dorn im Auge ist, wird als Gastdirigent einige Amsterdamer Konzerte leiten. Zunächst wird er Bachs..Kunst der Fuge" in der Bearbeitung des verstorbenen Wolfgang Gräser zur holländischen Erstaufführung bringen. Der Beginn der neuen Pariser Konzertsaison wird wiederum Gastspiele zweier großer Dirigenten bringen. Das Orchester Straraw wird einige Konzerte unter Arturo Tos- Dec Joass-!BaMett Ende und Neubeginn Mit der Unerbittlichkeit einer Natuih ta-u^phe vollendet sich der deutsche Kunstruin unter der Herrschaft der i aun® n Usurpatoren. Eine deutsche Literatur existiert seit dem Beginn des Bluhogestammels nur noch außerhalb der Grenzen des„dritten Reiches", die besten Kräfte der deutschen Musik befinden sich in der Emigration, selbst eine Institution wie Bayreuth, die von den Anfängen an dem - azismus aufs innigste verbunden war, wird von ihm langsam aber sicher zugrunde gerichtet, was die diesjährigen—- in künstlerischem Niveau und Besuch katastrophalen— Festspiele schlagend bewiesen haben. Nun dehnt sich der ünstlerische Bankrott auch auf ein Gebiet aus, das seiner _v" r nac h vom politischen Geschehen am unabhängigsten s len: Es gibt in Deutschland, das vor einigen Jahren das -am aller Reformbestrebungen auf dem Gebiet der orperkultur war, so gut wie keinen Kunsttanz mehr, 'i o von Laban ist aus den Staatsdiensten als Leiter des „ r! Ber Upemhalletts ausgeschieden. Er hat einer liebenswürdigen Durchschnittskraft Platz gemacht. Seine einst weltberühmten Schülerinnen Wigman und Palucca spielen, obwohl gleichschaltungsbereit, keine sehr große Rolle mehr; und nun kommt die Nachricht aus England, daß auch Kurt Jooß und seine Mitarbeiter das„dritte Reich" endgültig verlassen haben. Man erinnert sich des Welterfolges, den Jooß mit seinem pazifistischen T a n z d r a m a„Der g r ü n e Tisch hatte. Der Pariser Tänzerkongreß zeichnete ihn mit dem ersten Preis für dieses mutige Werk aus, und eine Welttournee mit diesem Stück, die März 1933 begann, enthob ihn zunächst der Auseinandersetzung mit den neuen deutschen Machthaber!!. Jetzt hat Jooß endgültig seine deutsche Stellung geräumt, hauptsächlich wohl deshalb, weil er am" seine jüdischen, nichtarischen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht verzichten wollte. In Dardington bei Tod- ness(Südengland) hat er eine neue Schule gegründet, wo er bereits im nächsten Sommer Tanzfestspiele veranstalten wird und wo er eine neue Welttournee mit neuem Repertoire vor- Auf die Frage, ob er einen richtigen Kern in der Behauptung sehe, daß die Juden in den„radikalen Bewegungen" maßgebend seien, erwiderte Thoraas Mann: „Der Ausdruck„Radikalismus" in diesem Zusammenhang scheint mir falsch. Die Juden sind Exponenten der universalen Zivilisation. Sie haben von den Griechen die ordnende Macht der Vernunft übernommen— den Willen, die Dinge durch Vernunft zu bewältigen. In dieser Hinsicht waren die Griechen den Deutschen voraus. So betrachtet, scheint es mir übrigens, daß der deutsche Antisemitismus sich eigentlich nicht so sehr gegen die Juden in dieser Eigenschaft wandte, als vielmehr in ihrer Eigenschaft als Verkörperer der Zivilisation und Kultur des Mittelmeers. Damit eng verbunden ist nun die Frage des„Radikalismus". Denn der ist das Verlangen nach Verbesserung des menschlichen Loses, er ist der ewige Kampf, die menschliche Brutalität niederzuzwingen und der Vernunft die Oberhand zu verschaffen. Diese hohen Bestrebungen sind in den Juden eben stärker als in den Deutschen." Thomas Mann bekannte sich schließlich zu dem Glauben, „daß der Antisemitismus dem Geist der wirklichen Christen in Deutschland fremd ist", und wies auf die aktive Opposition unter den Katholiken hin:„Kardinal Faulhabers kräftige und mehrfach öffentlich bekundete Gegnerschaft gegen den Arierparagrafen und andere unchristliche Manifestationen ist eines der hoffnungsvollsten Zeichen. Die wirklichen Christen wissen ganz genau, daß sie und d"» luden unlösbar miteinander verbunden sind." c a n i n i s Leitung in Paris und in der französischen Provinz geben, während Felix von Weingartner mit dem Orchester Pasdeloup konzertieren wird. Beide in Deutschland nicht mehr auftretenden Künstler haben während des Sommers in Salzburg(teilweise als Ersatzmänner für den diplomatisch„erkrankten" Richard Strauß) Triumphe gefeiert. Im„dritten Reich" ist eine Hausse in„Sommer- nachtstrau m"-Musik ausgebrochen, nachdem der gewaltige Josef höchstselbst die meisterliche, unsterbliche Men- delssohnsche Musik als„unerwünscht" bezeichnet hat. Soeben ist in Berlin das Machwerk eines braunen Ersatzlieferanten für jüdische Musik mit Glanz durchgefallen, was sogar die Musikkritiker gleichgschaltetster Couleur feststellen mußten. Nun geht die Meldung durch die Presse, daß der diesjährige Goethe Preisträger, Hans Pfitzner, dazu ausersehen sei, die neue arishe Shakespeare-Musik zu schaffen. Wird der Musiknazi Pfitzner, der in seinen Memoiren und Pamphleten soviel von romantischer Gesinnung, Werktreue, Ehrung der alten Meister schwafelt, noch so viel künstlerisches Gewissen haben, das Ansinnen der braunen Kunst- honzen zurückzuweisen, oder wird er sich selbst für alle Zeiten zum lächerlichen Goebbels-Kuli stempeln? Das„Mainzer Journal"', einst ein katholisches Blatt, teilt in seiner Nummer vom 20. September mit:„Der Landesverband der hessischen Feuerwehren hat angeordnet, daß die Feuerwehren hei ihren öffentlichen Auftreten Schalmeien- musik als ondeutsch nicht mehr spielen dürfen. Ebenso wird das Mitführen von Pauken in ihren Trommler- und Pfeiferkorps untersagt." Wir schlagen vor, die Musik im neuen Deutschland überhaupt zu verbieten. Vom Fremdwort „Musik" bis zum französisch amerikanischen„Saxofon", von dem demokratisch mit Ideen der französischen Revolution tödlich infizierten Beethoven bis zum kulturbolschewistischen Schönberg, nichts an dieser hohen menschlichen Kunst ist teutseh, sie hat wahrlich nichts im entmenschten„dritten Reich" zu suchen! bereitet. Man kann Jooß zu diesem mutigen Schritt nur beglückwünschen, er hat das beste für sich und seine Kunst getan: nur schleunige Flucht rettet vor dem Kunsttod im „dritten Reich"! P- W. faschistisches fanoptihuni Eine internationale Ausstellung Wie wir erfahren, wird im Herbst dieses Jahres in Pariseineinternationale Ausstellu ii güher den Faschismus in einer durchaus neuartigen und originellen Form stattfinden. Die Initiative dazu geht von einem Kreis französischer Wissenschaftler und Künstler, sowie von den großen pazifistischen und fortschrittlich gesinnten Organisationen aus. Die Ausstellung wird von den großen kulturellen und sozialen Problemen ausgehen, die in der Nachkriegszeit die europäische Zivilisation von Grund auf erschütterten und, nach diesem historischen Ueberhlick, eine reich dokumentierte Schau über alle Erscheinungsformen und nationalen Spielarten des Faschismus geben. Als technisches Vorbild werden die internationalen Ausstellungen wie„Presse" in Köln und die Hygieneausstellung von Dresden dienen; die künstlerische Leitung liegt in den Händen von Franz Masereel. Besondere Abteilungen der Ausstellung werden gewidmet sein den modernen Formen der Sklavenarbeit, wie sie im Arbeitsdienst und in der Landhilfe verwirklicht wurden; der faschistischen Kunst, der faschistischen Wissenschaft usw. Technisch besonders interessant ist die geplante Darstellung des nächsten Krieges, als eines Krieges der Maschinen, die an Modellen und Reliefs vorgeführt werden. Eine weitere Abteilung,„Die Generation von 1950", behandelt das Problem der in der faschistischen Psychose heranwachsenden Jugend; schließlich wird ein„Faschistisches Panoptikum" die Schreckenskammer des Terrors, der Volksverblödung, des Kitsches und der Kulturbarbarei zeigen. Mit der Beschaffung des dokumentarischen Materials wurde das Institut zum Studium des Faschismus in Paris betraut. Eine Ballade Herr Hitler, der das Zeitliche gesegnet, Marschiert im Stechschritt stramm zum Himmelstor Als er Herrn Goethe unterivegs begegnet, Stellt er sich ihm als Führer Deutschlands vor. Herr Goethe unterdrückt ein breites Schmunzeln: „Von Ihnen habe ich schon viel gehört." Und fährt dann fort mit leichtem Stirnerunzeln: „Sie haben doch den deutschen Geist zerstört!" „Sie Untermensch!" schreit Hitler voll Empörung „Sie Greuelhefjer! Herr, Sie wagen, es. Mich anzuklagen der Kulturzerstörung? Wenn Sie nicht schweigen, ruf ich die SS.!• Ich bin der deutscherseits mit größten Zielen Betraute Heiland, völkische Sektion! Wenn meine Pläne auch ins Wasser fielen. Die Welt zu norden bleibt des Volks Mission! Sie aber waren schon vor hundert Jahren Ein Volksverräter und ein Pazifist; Sie sollten eigentlich zur Hölle fahren; Der Himmel ist zu schad' für solchen Mist." Herr Goethe lächelt fern bei diesen Worten Und sieht voll Mitleid auf den Mann vor ihm: „Verzeihen Sie, ich bin nicht Doktor Dorten. Weshalb beschimpfen Sie mich so intim? Ich habe, als ich lebte, viel geschrieben In einer Sprache, die man Deutsch genannt. Von dieser Sprache scheint nicht viel geblieben, Zumindest Ihnen scheint Sie unbekannt. Schon damals wurde ich nicht oft verstanden; Jegt aber ist in meinem Volk, mir scheint, Verständnis überhaupt nicht mehr vorhanden. Der Deutsche ivurde Deutschlands schlimmster Feind. Denn Deutschland, wie es seine Lehrer wollten. Ist das Gehege für den reinen Geist. Doch Ihre Lehre, für die Köpfe rollten, Ist Unrat, den der Mob als Wunder preist. Ich rate Ihnen, schleunigst umzukehren! Elysium ist nicht der Ort für Sie; Und,— sollten Sie die Unterwelt beehren,— Selbst Satan, merken Sie, empfängt Sie nie!" Horatio. Wecfcls neues Weck Der Titel des neuen Werkes von Franz Werfe! lautet: „Der Weg der Verheißung. Ein Bibelspiel." Der Dichter selbst äußert sich zu dieser Bezeichnung, daß der Untertitel darauf hinweise, daß in dem Spiel nur die Worte der Bibel selbst verwandt würden, und er, bis auf dramatisch notwendige Anknüpfungen und Dialog-Steigerungen, nichts Eigenes hinzu erfunden habe.„Der Zuschauer erlebt somit keine Bibeldichtung, sondern den ganzen geschichtlichen Weg von Abrahams Berufung bis zur Zerstörung des Salomonischen Tempels in den Hauptereignissen und in den Hauptfiguren." Das Stück zerfällt in zwei Dramen: in das reale Drama einer jüdischen, zeitlosen Gemeinde, die vor Verfolgungen in ein Bethaus flüchtet und deren Rabbi zur Stärkung des Mutes mit der Vorlesung der Bibel beginnt. Aus dieser Vorlesung wächst das visionäre Drama, das monumental, ohne psychologische Konturierung oder Umdeutung, zu dem realen Vordergrund, den es überhöht, steht. Qcoßmuitec muß uxandecu Es wird jedem politischen Leiter verboten, zwecks Nachforschung seiner arischen Abstammung im Ausland mit den entsprechenden deutschen diplomatischen oder konsularischen Vertretungen direkt in Verbindung zu treten. Aus einem Erlaß des Bayreuther Gauamtsleiters, veröffentlicht in der„Bayerischen Ostwacht". Die Gebeine der arischen Großmütter scheinen sich demnach, um den ständigen Belästigungen zu entgehen, ins Aus land geflüchtet zu haben. Die deei f! Die Nummer des„Völkischen Beobachters" vom 17 September enthält auf ihren ersten beiden Seiten Ber'chtf übe" folgende Veranstaltungen: Westfalentag im Münsterland, Westdeutsche Flinkausstellung(Köln), Grenzlandschau für Bauernkultur(Bad Kreuz r, ii), Straßenbaukongreßteilnehmer am Tannenbergdenkmal, Ausstellung„Deutsche Arbeit im deutschen Westen* (Essen), Kurhessischer Kreisopfertag(Kassel), Festwoche des Deutschen Auslandsinstituts(Stuttgart), Gebieteführertag der HJ.(München). Immer noch Feste, Feiern, Feuerwerk— je größer die Not, um so mehr! Es fehlt nur das„Fett des verhungerten Arbeiters"! Der deutsche Export hat in einer Branche um ein Vielfaches zugenommen, in der illegalen Witzbranch«- näml'ch! „Wie alt wollen Sie werden?" „Tausend Jahre!" „Warum so lebensüberdrüesig?" «I I Völker in Sturmzeiten im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers So war es in Versailles Von Victor Schiff Die deutschen Gegenvorschläge Deutschland bietet an Und nun folgen Deutschland» positive Angebote: „1- Deutschland bietet an, mit der eigenen Entwaffnung allen anderen Völkern voranzugehen, um zu zeigen, daß es helfen will, das neue Zeitalter des Rechtsfriedens herbeizuführen. Es gibt die allgemeine Wehrpflieht auf und verringert, von Uehergangsbestiinmiingen abgesehen, sein Heer auf 100 000 Mann. Es verzichtet sogar auf die Schlachtschiffe, die ihm seine Feinde noch lassen wollen. Aber es seht voraus, daß es sofort als gleichberechtigter Staat in den Völkerbund aufgenommen wird. Es seht voraus, daß ein echter Völkerhund entsteht, der alle Nationen einschließt, die guten Willens sind, auch die Feinde von heute. Der Bund muß von einem Verantwortungsgefühl gegenüber der Menschheit getragen werden und über eine Zwangsgewalt verfügen, die stark und zuverlässig genug ist, um die Grenzen seiner Mitglieder zu schühcn. 2. In territorialen Fragen stellt sich Deutschland rückhaltlos auf den Boden des Wilsonprogramuis. Es verzichtet auf seine Staatshoheit in Elsaß-Lothringen, wünscht aber dort freie Volksabstimmung. Es tritt den größten Teil der Provinz Posen, die unbestreitbar polnisch besiedelten Gebiete nebst der Hauptsadt Posen, an Polen ah. Es ist bereit, den Polen durch Einräumung von Freihäfen in Darizig. Königsberg und Memel, durch eine Weichsel- Schiffahrtsakte und durch besondere Eisenbahnverträge freien und sicheren Zugang zum Meer unter internationaler Garantie zu gewähren. Deutschland ist bereit, die wirtschaftliehe Versorgung Frankreichs mit Kohlen, besonders aus dem Saargehiet, bis zur Wiederherstellung der französischen Bergwerke zu sichern. Die vorwiegend dänischen Gebiete Schleswigs werden auf Grund einer V nlksahstimmung Dänemark überlassen. Deutschland verlangt, daß das Selhsthestimmuugsrecht auch zugunsten der Deutschen in Oesterreich und Böhmen geachtet wird. Es ist bereit, seine sämtlichen Kolonien der Gemeinschaftsverwaltung des Völkerbundes zu linterstellen, wenn es als dessen Mandatar anerkannt wird. 3. Deutschland ist bereit, die ihm nach dem vereinbarten Fricdensprogramm obliegenden Zahlungen bis zur Höchst- summe von 100 Milliarden Mark Gold zu leisten, und zwar 20 Milliarden Mark Gold bis zum 1. Mai 1926. alsdann die restlichen 80 Milliarden Mark Gold in unverzinslichen Jahresraten. Diese Raten sollen grundsätzlich einen bestimmten Prozentsah der deutschen Reichs- und Staatseinnahmen ausmachen. Die Rate wird dem früheren Friedenshudget nahekommen. In den ersten zehn Jahren soll die Rate je eine Milliarde Gold nicht übersteigen. Der deutsche Steuerzahler soll nicht weniger belastet sein als der des höchstbelastcten in der Wicdcrgut- madiungskoinmission vertretenen Staates. Deutschland seht hierbei voraus, daß es keine weiteren territorialen Opfer als die vorerwähnten zu bringen hat und wieder wirtschaftliche Bewegungsfreiheit nach innen und außen erhält. 4. Deutschland ist bereit, seine gesamte wirtschaftliche Kraft dein Dienst der Wiederherstellung zu widmen. Es wünscht bei der Wiederherstellung der zerstörten Gebiete in Belgien und Nordfrankreich werktätig mitzuarbeiten. Für den Produktionsausfall der zerstörten Gruben Nordfrankreichs sollen während der ersten fünf Jahre bis zn 20 Millionen Tonnen Kohle jährlich geliefert werden. Deutschland wird weitere Kohlcnlieferimgen für Frankreich, Belgien, Italien und Luxemburg ermöglichen. Ferner ist Deutschland zu bedeutenden Lieferungen von Benzol, Steinkohlenteer, schwefelsaurem Ammoniak sowie Farbstoffen und Arzneimitteln hereil. 5. Schließlich bietet Deutschland an. seinen gesamten Handelsschiffen um in einen Weltpool einzubringen, einen Teil der Frachten dem Gegner zur Verrechnung auf den Schadenersah zur Verfügung zu stellen und ihnen für eine Reihe von Jahren auf deutschen Werften Tonnage in einer ihre Forderungen übersteigenden Höhe zu bauen. 6. Zum Ersah der in Belgien und Nordfrankreiih vernichteten Flußschiffe bietet Deutschland Flußfahrzeuge aus eigenem Bestände an. 7. Deutschland glaubt, zur beschleunigten Erfüllung seiner Entschädigungsfrisl in der Ueherlassung von industriellen Beteiligungen, insbesondere an Kohlengruben zur Sicherung der Kohlenbezüge, einen geeigneten Weg zu sehen. 8. Deutschland will, in Uebercinstimmung mit dem Willen der organisierten Arbeiter der ganzen Welt, die Arbeiter in allen Ländern frei und gleichberechtigt sehen. Es will ihnen im Friedensverträge das Recht sichern, über die Sozialpolitik und Sozialversicherung selbst entscheidend mitzustimmen. 9. Die deutsche Delegation stellt erneut ihre Forderung nach einer neutralen Untersuchung über die Verantwortlichkeit für den Krieg und die Schuld während des Krieges. Eine unparteiische Kommission sollte das Recht haben, die Archive aller kriegführenden Länder einzusehen und alle hauptbeteiligten Personen verantwortlich zu vernehmen. Nur die Zuversicht, daß die Schuldfrage unbefangen geprüft wird, kann den verfeindeten Völkern die Gesinnung geben, die notwendig ist. um den Völkerbund zu bauen. Das sind nur die wichtigsten Vorschläge, die wir zu machen haben. Wegen weiterer großer Opfer sowie wegen der Einzelheiten verweist die Delegation auf die Denkschrift und ihre Anlage. Ein letzter Appell Die für die Ausarbeitung dieser Denkschrift uns gesetzte Frist war so kurz, daß es unmöglich war, alle Fragen zu erschöpfen. Eine fruchtbare und aufklärende Verhandlung könnte nur in mündlichen Unterredungen stattfinden. Dieser Friede soll das größte Vertragswerk der Geschichte werden. Es gibt kein Beispiel, daß so umfassende Verhandlungen nur durch schriftlichen Notenaustausch geführt worden sind. Die Empfindungen der Völker, die so ungeheure Opfer gebracht haben, verlangt, daß die Bestimmung über ihr Geschick in offenem, rückhaltlosem Gedankenaustausch erfolgt nach dem Grundsatz:„Offene Friedensverträge, die offen zustande gekommen sind; und danach sollen keine internationalen Vereinbarungen irgendwelcher Art mehr geheim getroffen werden, sondern die Diplomatie immer offen und vor aller Welt arbeiten." Deutschland soll den ihm vorgelegten Vertrag mit seiner Unterschrift versehen und ihn erfüllen. Auch in»einer Not ist ihm das Redet zu heilig, als daß es sieh dazu hergehen könnte. Bedingungen anzunehmen, für deren Erfüllung es nicht einstehen kann. Wohl haben immer wieder in der Geschichte der letzten Jahrzehnte die Friedensverträge der Großmächte das Recht des Stärkeren verkündet. Aber jeder von diesen Friedensschlüssen gehört zu den Urhebern oder Verlängerern des Weltkrieges. o in diesem Kriege der Sieger zum Besiegten gesprochen, in Brest-Litowsk und Bukarest, waren seine Machtworte nur eine Aussaat künftigen Unfriedens. Die hohen Ziele, die zuerst unsere Gegner für ihre Kriegführung aufgestellt haben, das neue Zeitalter gesicherten Rechtsfriedens, erfordern einen Vertrag von anderer Gesinnung. Nur ein Zusammenarbeiten aller Völker, ein Zusammenarbeiten der Hände und der Geister kann einen Danerfriedeti schaffen. Wir täuschen uns nicht darüber, wie stark der Haß und die Erbitterung sind, die dieser Krieg erzeugte; und doch sind die Kräfte, die für eine Einigung der Menschheit am Werke sind, jetzt stärker als je zuvor. Es ist die geschichtliche Aufgabe der Friedenskonf--.-•>7 von Versailles, diese Einigung herbeizuführen." Berufung auf die 14 Punkte Wilsons Diese Mantelnote war die knappe Zusammenfassung einer sehr ausführlichen Denkschrift, in der zn den einzelnen Bedingungen des uns übermittelten Entwurfs eingehend Stellung genommen wurde. Diese Stellungnahme wurde in jedem einzelnen Falle besonders begründet. So entstand ein umfangreiches Dokument, das als Ersatz für die verweigerten mündlichen Verhandlungen dienen sollte. Leitender Gedanke dieser Gegenvorschläge war, daß wir versuchen müßten, die Gegner zu den 14 Punkten Wilsons zurückzuführen. Jeder unvoreingenommene Beurteiler wird heute zugeben müssen, daß. das deutsche Angebot dem Wilson-Programm unvergleichlich hesser entsprach, als der Entwurf der Sieger. Und wer wird bestreiten wollen, daß Europa heute viel friedlicher sein würdp, wenn man auf dieses Angebot eingegangen wäre? Damals freilich dachten die Sieger nur an eine Art des..Friedens": nämlich an die größtmögliche Schwächung Deutschlands auf allen Gebieten und mit allen Mitteln: wirtschaftlichen, territorialen, strategischen. moralischen. So war das Wilson-Programm mißbraucht worden, um alles aus ihm herauszuholen, was sieh gegen Deutschland anwenden ließ. Dort, wo es zugunsten des deutschen Standpunktes sprach hatte man sich einfach darüber hinweggesetzt. Westen und Osten Es war wohl ein Fehler, daß du!,>> Ürgeuvorschläge die Auwendung des Selbstbestimuiuiigsrechts in einem Atemzuge für die Deutschen in Oesterreich und in Böhmen forderten. Etwas mehr realpolitische Geschmeidigkeit wäre hier angebracht gewesen, um nicht das Durchführbare durch das Unerreichbare zu belasten In bezog auf Elsaß-Lothringen wurde eine Volksabstimmung gewünscht— nicht gefordert. Audi diese Anregung war unter den damaligen Verhältnissen eine Illusion. Seit ihrem Einzug in Straßburg war für die Franzosen die Parole Poincarcs„Le plebiscite est fait!"—„Die Abstimmung i s t vollzogen!" feststellender Grundsatz. Heute allerdings bedauern manche kluge Franzosen angesichts der autouomistischen Bestrebungen, daß sie damals jene Volksabstimmung so hochmütig ablehnten, die ihnen zweifellos eitlen überwältigenden Erfolg gebracht und allen späteren Rckriminatioucn einen Riegel vorgeschoben haben würde. Im Osten war das deutsche(fngehot gewiß sehr weit entfernt von den ursprünglichen Forderungen der Sieger. Indessen war es nicht möglich, so gleich unser letztes Wort auszusprechen. Gegenüber den Maximalforderungen der Entente war es notwendig, eine Art Mindestangehot zu unterbreiten, in der Hoffnung, daß man sieh schließlich auf einer mittleren Linie einigen würde. Diese mittlere Linie wäre eine Volks- abstimmung in den strittigen Gebieten gewesen. Bezüglich Obersehlesien war man relativ unbesorgt: hallen doch die Wahlen zur Nationalversammlung in dieser Provinz trotz polnischer Stiminenthalluiigsparole eine Beteiligung von rund 60 Prozent für die verschiedenen deutschen Listen ergeben. Posen dagegen galt von vornherein als verloren. Am schwierigsten war das Problem Westpreußen-Danzig. Die Schaffung des Korridors zu vermeiden, war das Hauptziel der deutschen Abordnung. Demgegenüber stand das Versprechen Wilsons an Polen, ihm einen freien Zugang zum Meere zu verschaffen. Eine Volksabstimmung in West- prenßen einschließlich Danzigs hätte eine überwältigende Mehrheit für Deutschland ergeben, ohne Dan/ig war das Ergebnis zumindest zweifelhaft Auch hier hoffte man durch da* Angebot von poluiscbeu Freihäfen an der Ostsee, von Eisen bahn Verträgen und Flußsehiffahrtsabkommen die Grundlage für eine Einigung auf der mittleren Linie zu schaffen. Tiefstes Mißtrauen! Alles in allem waren die deutschen- Gegenvorschläge in territorialer Hinsicht durchaus fair und es hätte sich auf dieser Grundlage zweifellos eine Einigung erzielen lassen können, wenn nicht vor allem Frankreich durch den Gedanken hypnotisiert gewesen wäre. Deutschland im Osten zu zerstückeln Dieser Gedanke entsprang vorwiegend militärisch-strategischen Erwägungen: Frankreichs traditionelle Politik vor dem Kriege beruhte auf dem Bündnis mit Deutschlands Nachharn im Osten, Rußland. Damals kümmerte man sich herzlich wenig um die„polnische Freundschaft", die sentimentalen Erinnerungen an die polnischen Freiheitskämpfe wurden der diplomatischen und militärischen Solidarität mit dem zaristischen Rußland schlankweg geopfert. Nach dem Abfall Sowjet-Rußlands von der Entente wurde Polen die frühere militärische Aufgabe Rußlands gegen Deutschland zugedacht. Man verbrämte diese Politik mit den auf einmal wieder entdeckten althergebrachten Sympathien der westlichen Demokratien für das polnische Freiheitssehnen, aber das wahre Motiv war rein strategischer Natur. Darin hat sich seit zehn Jahren leider nicht viel geändert, aber einsichtige und wirklich demokratische Franzosen erkennen immer deutlicher, daß die deutsch-französische Verständigung mindestens so wichtig auch im französischen Interesse ist. wie eine hundertprozentige Solidarität mit Polen. In den Zeiten von Versailles dachte Frankreich aber an alles andere als an die Möglichkeit einer späteren Versöhnung mit Deutschland. Deutschland mit allen Mitteln auf möglichst lange Zeit niederzuhalten— das war der einzige Gedanke Clemenceaus und seiner Mitarbeiter. Nicht allein der Haß hatte diese Politik diktiert, sondern vor allem die Angst. Eine nur allzu begreifliche Angst, wenn man bedenkt, welche furchtbaren Prüfungen Frankreich während des Krieges auf eigenem Boden erduldet hatte. Obwohl es fast die ganze Welt auf seiner Seite zählte, während Deutschland von Anfang an nur morsche Staaten als Bundesgenossen gewonnen hatte, war es den Franzosen fünfzig Monate lang nicht gelungen, die Deutschen aus Nordfrankreich und Belgien militärisch zn vertreiben. Den Grad des deutschen Zusammenbruchs erkannte man in Paris nicht, oder man hielt ihn für eine rein vorübergehende Erscheinung. An die geistige Wandlung in Deutschland seit der Revolution wollte man nicht glauben, oder jedenfalls sie nicht zugeben: denn von dem Augenblick an, wo man diese Wandlung anerkannte, wäre man zu einer loyalen Behandlung des besiegten deutschen Volkes, entsprechend den eigenen feierlichen Zusagen, verpflichtet gewesen. Mißtrauen war. teils aus Ueherzeugung, teils au« B-r V->g, die Parole der französischen Unterhändler. „Zu höflich, um ehrlich zu sein" Erst kürzlich hat der hauptsächliche militärische B r der Clemenceaus, General Mnrdaeq, in seinem Erinnerungshuch über den Waffenstillstand eine Episode erwähnt, die für dieses grundsätzliche Mißtrauen charakteristisch ist. Er schildert, wie am 10. November vormittags der Marschall loch vom Ort der Waffenstillstandsverhandlungen berichtete, „daß die deutschen Abgesandten sich besonders entgegenkommend. ja zuvorkommend zeigten und daß sie, um— wie sie sagten— ein überflüssiges Blutvergießen zu vermeiden. Wert darauf legten, die Stellen anzugeben, an denen sich Erdminen in den von den französischen Truppen neueroberten Gebieten befanden." „Zu höflich, um ehrlich zu sein," so rief Clemenccau aus, als ich ihm diese ausgezeichneten, aber seltsamen Absichten meldete....„Wie dem auch sei. mit. solchen Kerlen muß man vorsichtig sein." Das war am vorletzten Tage des Krieges. Aber Clemenceau war sechs Monate später genau derselbe geblieben. Und sein grenzenloses Mißtrauen gegen Deutschland wurde zweifelos von den meisten Alliierten geteilt. Es galt nun in erster Linie, dieses Mißtrauen durch eine weithin sichtbare Tat zu zerstören, oder wenigstens zu erschüttern. Deshalb stellten die deutschen Gegenvorschläge vor allem ein fast restloses Eingehen auf die Abrüstungsbedingungen des Entwurfs dar. Ja. die deutsche Delegation ging sogar spontan noch weiter, indem sie auf die Schlachtschiffe freiwillig verzichten wollte, die eins der Vertrag beließ(allerdings, wie in der ausführlichen Denkschrift erläutert wurde, unter entsprechenden Gegenleistungen finanzieller Natur). Voraussetzung war lediglieh die sofortige Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund und die Erfüllung des Versprechens einer darauf folgenden allgemeinen Abrüstung auch der Siegerstaaten. Innere Auseinandersetzungen in der deutschen Delegation Diesem Teil der Antwort waren schwere Kämpfe innerhalb der deutschen Delegation vorausgegangen. Namentlich der General von Seeckt hatte sich gegen die Bereitschaft zum Verzicht auf die allgemeine Wehrpflicht auf das entschiedenste gesträubt. Als er mit seiner Ansicht nicht durchdrang. verließ er Versailles mit seinen militärischen Begleitern. Wenn aber heute von deutschiiatioiialer Seite der Versuch gemacht wird, wie das kürzlich in der„Kreuz-Zeitung" geschehen ist, die Dinge so darzustellen, als wäre auch Brock- dorff-Rantzau damals von sozialistischer und demokratischer Seite in diesem Punkte überstimmt worden, so ist da* eine plumpe Geschichtsfälschung, die man sich nur leisten kann, weil der deutsche Delegationsfiihrer inzwischen gestorben ist. Aber sein Bruder, der Graf zu Rantzau, hat inzwischen, obwohl seihst ein durchaus konservitav denkender Mann, mit Recht festgestellt, daß sein Bruder nicht gewohnt war. für Oiince verantu örtlich zu zeichnen, die er selbst innerlich uicht billigte. (Fortsetzung f»lx>) Aus dem keime des saarhommlssars Dürfte! Lebensmittel teurer und Ein Bericht aus der Pfalz Aus der Pfalz erhalten wir von absolut zuverlässiger Seite einen allgemeinen Lagebricht. Im nachsolgcnden veröffentlichen wir zunächst die Ausführungen unseres Gewährsmannes Uber die wirtschaftliche Lage in der Bürckel-Satrapie. J. Warenmarkt: Das Brot wurde nicht teurer, aber schlechter. Preissteigerungen gehen weiter bei Fett, Ocl, Textilwaren, Kleidern. Gummi, Holz, Möbel. Ein Fahrrad- schlauch, der früher 50 Pfennig kostete, kostet z. B. jetzt eine Mark. Das Fleisch ist neuerdings wieder um 0 Pfennig auf- geschlagen, die Wurst um l0 Prozent. Margarine, Kakao und Schokolade sind teurer und schlechter geworden. Beim teurer gewordenen Zucker sieht man schon äußerlich die schlechtere Qualität, er ist grau geworden. Ueber die starke Erhöhung der Futtcrmittelpreise wird sehr geklagt. Die hohen Mieten sind geblieben und deshalb drückender geworden. Dazu kommt die Erhöhung der Wohlsahrtsabgabe aus die Mieten um 1 Prozent und an einigen Orten wurden neu eingeführt, Müllabfuhr und Kehrichtgebtthren, die auch der Mieter zahlen muß. Für die Knappheit der Textilwaren wird als Beispiel angeführt, daß eine Bestellung für 70 Mark nur mit einer Lieferung für 12 Mark befriedigt wurde. Die Lieferanten haben ihre Kunden verständigt, daß die Bestellungen nur in geringem Umfang, zum Teil gar nicht, erledigt werden kön- nen. Der künstliche Gummi ist so teuer wie der natürliche. Ein für die Schuhindustrie gelieferter Ersatzgummi kann auch schon nicht mehr geliefert werden, weil dazu ein ausländischer Rohstoff erforderlich ist, der fehlt. 2. Arbeitsmarkt: E s macht sich überall e i n e Z u- nähme der Arbeitslosen zahl bemerkbar. Bei Sulzer wurde in der Gießerei eine ganze Schicht von 84 Mann entlassen. In den Metallbetrieben herrscht großer Rohstoffmangel. Der Baubetrieb Nery hat in Ludwigshascn 33 Mann entlassen. Neusscr in Pirmasens hat auf einmal ISO Personen entlassen und später einzeln so viele, daß man von 40 Prozent der Belegschaft spricht. Die Arbcitslosenzahl wurde auch in Ludwigshafen durch verschiedene Tricks verringert. Zunächst werden die jungen Leute zwangsweise zum Arbeitsdienst eingereiht. Hunderte weibliche Erwerbslose wurden ausgeschieden mit dem Be- merken, sie könnten als Hausbedienstete»der Landhclser gehen. Aus diese Weise wurden-auch zahlreiche andere Er- werbslosc aus der Statistik entscrnt, aber sie sind weiter er- werbslos Arbeitsdienstlcr, die ihren Dienst absolviert haben, halten oft andere an der Meldung ab, unter Hinweis aus die ungünstigen Verhältnisse. Die Umfrage wegen der Entlassung der jugendlichen Arbeit"! hat bereits begonnen und große Erregung hervor- gerufen. In großer Verlegenheit sind viele Handwerker, die ihre Gesellen gerne entlassen möchten wegen Arbeitsmangel, sich aber nicht trauen. In einem Fall wurden 15 Gesellen beschäftigt, von denen jetzt neun entlassen wurden, weil es ganz unmöglich war, sie länger zu. halten. Die Herrichtung des großen Flugplatzes in Pirmasens, die bisher durch 1000 bis 3000 Wqhlsahrtscrwerbslose erfolgt, geschieht jetzt nach den Grundsätzen der Notstandsarbeit und unter der Taxnung eines Sportplatzes. 3. Betriebsberichterstattung: jjiJV A n fi t nfabrik i n Ludwigs Hasen arbeitet normal. Jetzt ist ein großer Neubau vorgesehen zwischen Ludwigshasen und Oppau am Sportplatz, über dessen Zweck qllerhand Gerüchte im Um- lauf sind. Man spricht von Gassabrikatio», aber auch von künstlichem Benzin. Der Export soll zurückgegangen sein. Das macht sich besonders in der Gcrbstoffabrikation be- merkbar. Die F i r m a K n o l l, Ludwigshaken, hat ihren Export in Medikamenten erhöht, es geht aber sehr viel nach Italien und Rußland. Zahl der Arbeiter und Arbeitsstunden haben sich nicht verändert. Der Schuh sab rikbetrteb Rothaar. Waldsischbach, sollte im Frühjahr erweitert werben, aber wegen Rohstoff- Mangel wurde die Absicht aufgegeben. Jetzt erfolgt dtt Er- vle Ohrfelge Hanfstacngl und die Harvard University Herr Hanfstaengl, der früher einmal an der Harvard- llniversity studiert hat und auf diese Tatsache geziemend stolz ist, hat von dieser vornehmsten Lehranstalt der USA. eine moralische Ohrfeige erhalten, die eigentlich an Hitler adressiert ist. Hanfstacngl hat der Harvard-Univcrsitn eine Spende von 1000 Dollar zukommen lassen, die dazu bestimmt sollte, einem Harvard-Studentcn ein einjähriges Studium an einer deutschen Universität zu ermöglichen. Tarauthin hat das Rektorat der Universität die Spende zu- ruckgewiesen und in einem Begleitbrief, gezeichnet von Dr. B. Cynant, Präsident der Universität, erklärt, daß diese nicht ivillens ist, eine Gabe vo» einer Person anzu- nehmen, die der Führung einer politischen Partei nahe steht, die den deutschen Universitäten den schwersten Schaden zu- gefügt hat, durch Maßnahmen, die den Grundprinzipien aller zivilisierten Universitäten der Welt Hohn sprechen". * Hanfstaengl hat eine dicke Haut Berlin, 8. Okt. lJnprcß). Wie berichtet hat die amerika» Nische Harvard-Universität eine Spende von Hitlers Presse- ches Hanfstaengl in ausgesprochen beleidigender Form ab- gelehnt Nunmehr läßt Herr Hanfstaengl erklären, daß er sein Angebot trotzdem aufrecht erhalte. Erntedarrefest ohne Diplomaten Berlin, 2. Okt. Für das Erntedankfest auf dem Bückeberg hatte baS Rrovagandaministeriiim wie üblich auch das diplo- mansche Korps eingeladen. Die Einladung wurde iedoch von keinem einzige,, diplomatische» Vertreter befolgt. Tie Nazi, presse hütet sich ein Wort darüber zu schreiben, da ihr ihr Rein fall mit dem Nürnberger Parteikongreß noch zu leb- hast in Erinnerung ist. Damals schrieb der„Völkische Be- obachtcr", alle Großmächte seien in Nürnberg vertreten ae- wesen: woraus sich herausstellte, daß nur der japanische Botschafter erschienen war. de Der Vertreter des Deutschen Nach ch. c.? b it r o s in Mailand. Dr. Wilhelm Bianchi, ist von de« italie, «isch«n Behörde« ans Italien ausgewiesen war. de» sdilcditcr Weiterung doch. Sic ward damit begründet, daß die Firma einen Auslandskrcdit zum Bezug von Rohstoffen erhalten habe. Sic könne sich das auch leisten, weil durch den starken Export das Auslandsguthaben höher sei, ais die Schuld. Die kleinen Betriebe müssen fast durchweg einschränken. Auch der größte Betrieb, Rheinberger, mit 2000 Arbeitern, arbeitet erheblich verkürzt, und zwar von 30 bis 40 Stunden. Bei Neufser, der auch annähernd 2000 Arbeiter b.'schä'iigte, wird trotz starker Entlassungen nur 3 Tage ge- arbc.ct. Von der N T B O. i st in d c n B e t r i e b c n sehr wenig zu merke n. Tie tritt nur durch die Veranstal- tnngen der„Kraft durch Freude" in Erscheinung, die Haupt- sächlich Reisen für besser gestellte Arbeiter und Angestellte organisiert. Die Vertrauensräte sind für die Arbeiter ganz bedeutungs- los, sie nehmen sich ihrer Interessen nicht an. Die Beleg- schassen sind ganz apathisch geworden, sie lassen sich alles gc- fallen, weil sie sich nicht wehren können. Soweit die Leute eine Auskunft oder eine Stütze ivollcn, halten sie s i ch an die früheren Betriebsräte,deren Ansehen sehr gestiegen« st, a li ch bei früheren Nörglern. Die Löhne sind in der Anilinfabrik geblieben. In allen übrigen Branchen sind Abzüge in verschiedenen Formen er- folgt. Besonders die Akkordsätze wurden stark herabgesetzt. In der Schuhindustrie besteht formell der alte Tarifvertrag weiter, aber durch fast allgemeine Umstellung aus Akkordlöhne s i n d erhebliche Senkungen eingetreten. Die ivillkürlichen Abzüge für allerhand Zwecke waren in letzter Zeit etwas geringer. Für die Zeit ab 1. Oktober ist die Ein- zichunq der Vcrbandsbeiträgc durch den Betrieb angekündigt. 4. Landwirtschast: Die Unruhe über das Erhofgesetz hat sich nach nicht gelegt. ES sind zahlreiche Ttreitversabren ein- geleitet, um die Ernennung zum Erbhosbauern rückgängig zu machen, tt c b c r die Z w a» g s a b l i c s c r n n g der Kartoffeln herrscht große Uti zu friedenden, weil für jeden Sack ein Betrag von 45 Psg. angeblich als «teuer in Abzug kommt. Interessant ist, daß man städtische Erwerbslose zivangSiveisc auf das Land schickte, während ländliche TA. Leute bevorzugt in den Städten eingestellt iverdcn müssen. 5. Handel und Gewerbe: Es wird sehr geklagt, was sich bcioudcrs stark bei den Konsumvereinen auswirkt, ivobci der Einzelhandel nichts gewinnt. Das beweist am besten den fr a ii t k i a f trückgang. Die Neichsznschijsse für Hansreparaturen gehe» sehr schlecht ein, neue Arbeiten sind sehr selten geworden. Die Bürstenmacher in der Pfalz klagen, weil sie mit einer Zuteilung von««,«• 5 Prozent Devise« das er- forderliche Rohmaterial auS Südamerika nicht mehr beziehen können. Große Mengen Material lagern in Holland. Die Kleinbetriebe der Schuhindustrie leiden sehr stark an dem Mangel an Ehevreaur- und Boxkalileder sowie an Lcder. futter. Wer nicht sehr kreditwürdig ist, kann aar nichts mebr erhalten. Der Großbetrieb Neufser war z. B. stark auf Kredit eingestellt und leidet deshalb genau so stark wie die Klein- betriebe, die im allgemeinen nur noch gegen bar kaufen können. Wer noch Materialien hat, gibt sie nur gegen bar ab. Die Stimmung über die Arbeitsschlacht ist sehr mies, weil die in der ersten Begeisterung oder ünterZwang eingestellten Arbeiter, soweit die Entlassung noch verhindert wird, zur Plage geworden sind. 0. Sozialpolitik: In Ludwiflshasen wurde ein besonderes Büro eingerichtet, um Eintreibungen von Unterstützungs- rückzahlungen durchzuführen. Das Vorgehen i st sehr brutal und wäre früher ganz»ndenkbarge- iv c s e». Für einen Krankenschein müssen jetzt die Erwerbs- losen 15 bis 25 Psg. bezahlen. Die RS. Wohlfahrt hat alle anderen Organisationen ziemlich lahmgelegt. Der Betriebs- fithrer ist verpflichtet, dafür zu sorgen, daß alle Arbeiter ihr angehören und daß ihr Beitrag von mindestens 10 Psg. pro Woche und bei Beamten mindestens 2 RM. pro Monat in Abzug kommt. Tie Aktion„Mutter und Kind" war ein großer Mißerfolg. „Kruft an sidi erwlinsdn" Aber sie führt zur Entlassung Berlin, 6. Okt. In den Veröffentlichungen der Deutschen Arbeitsfront wird ein Urteil des LandeSarbeits- »erichtes Berlin mitgeteilt und gut geheißen, das ein selbst im„dritten Reich" ungewohntes Maß von Zynismus aufiveist. Ein„Gefolgsmann"-- d. h. ein Arbeiter— hatte einen Bericht über Mißstände in seinem Betrieb ausgestellt und diesen Bericht mit der Bitte um Weitergabe an die Deutsche Arbeitsfront dem Zellenobniann übermittelt. Der „Gefolgsmann" wurde daraufhin fristlos entlassen und das Landesarbeitsgericht Berlin bestätigte die Entlassung. In der Begründung erklärte das Arbeitsgericht, solche Berichte konnten keineswegs dem Aufbau des deutschen Arbeit»- und Wirtschaftsleben fördernd sein, sie seien lediglich gr- eignet, daS Vertrauensverhältnis zwischen Führer und Ge- folgschast zu untergraben. Die Autorität des Betrieböführcrs wäre gefährdet gewesen, ivenn der Berichtsschreibcr weiter der Betriebsgemeinschaft angehört hätte. So iveit das Urteil des Arbeitsgerichtes. Das Kommentar in den Blättern der Deutschen Arbeitsfront erklärt nun, daß es„wohl manchmal notivendig sei, Mitteilungen über Miß- stände, die unter dem nationalsozialistischen Deutschland in deutschen Betrieben nicht mehr geduldet werden können, durch die zuständigen Organe der NTBO. an die Deutsche Arbeitsfront gelangen zu lallen." Solche Berichte müßten aber„in sachlicher und unpersönlicher Form" gehalten sein, was bei dem Bericht des entlassenen Gefolgsmannes nicht der Fall gewesen sei. Tie Deutsche Arbeitsfront billige da- her das Urteil.. Das heißt: Kritik ist an sich erwünscht, und wirb bloß mit fristloser Entlassung bestrast. Dies ist der wahr» Sinn der vom Führer verkündeten„BetriebSgemeinschaft". Hunger polizeilich verboten Das sprunghafte Ansteigen der Bettelei in Deutschland hat die Hamburger Polizeibehörde zu der folgenden Erklärung veranlaßt:„Aus Publikumskreisen wird geklagt, daß in letzter Zeit das Bettlerunwesen, daS so gut wie verschwunden war. sich wieder zu zeigen beginnt. Die Polizei hat daher die nötigen Maßnahmen angeordnet, bittet aber das Publikum um tatkräftige Unterstützung. Wer durch Bettler belästigt wirb, weise die Leute grundsätzlich ab und benachrichtige die nächste Polizeimache." s(Niedrer eesundlieilsiuslaiid der voiüssdiliier Die Praxis der Nazi-Rassenhygiene Die Nationalsozialisten versichern bei jeder Gelegenheit, daß es ihnen vor allem darum zu tu» sei, eine„erbgesunoe Raste" ans dem deutschen Volke zu machen. Aber der«m« norduugsrummel sieht in der Praxis ganz anders aus. D»e Förderung des Kapitalismus, der unter dem Nationalsozialismus die wildesten Orgien feiert, muß zwangsläufig zu einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der breiten Masten führen und damit alle Bemühungen zur Schaffung einer„erbgesunden Raste" über den Hause» werfen. Wir haben erst neulich über die Unterernährung der schul« Pflichtigen Kinder in einem Teil des rheinisch-westsalifchen Industriegebietes berichtet. Aber nicht bester steht es auch in Gebieten ans, die man nicht als solch ausgesprochene Indu» striegebiete wie Rheinland-Westsalen, werten kann. Uns negt beispielsweise der s ch u l ä r z t l i ch e I a h r e S b e^r> ch t d e r Stadt Pirmasens vor. Daraus ergibt sich, daß auch im Reiche BürckelS. der bayerischen Pfalz, der Gesundheits- zustand der Kinder sehr viel zu wünschen übrig laßt. * In dem schulärztlichen Jahresbericht heißt es, daß Heilkuren im Schuljahr 1934„nur in ganz dringenden Fällen" durch- geführt iverdcn konnten. Wie sehen nun die Schulen>m nationalsozialistischen Paradies aus? Ter Bericht gibt dar- über folgende Auskunft. Auch der Zustand der Schulhäuser wurde überprüft. Es sehlle nicht an Beanstandungen, insbesondere in den älteren Schulhäusern. Die rußigen und schmutzigen Wände, die zer- schlissenen Böden und jplittrigen Requisiten konnte» mancher- ort» ebensowenig übersehen werden, wie das erneuerungs- bedürftige Treppenhaus im ErerzierplatzschulHaus und die fast überall zu kleinen, ungenügenden Abortanlagen. Tie Heizanlage im Exerzicrplatzschulhaus wurde als veraltet und ungesund festgestellt. Wörtlich heißt es serner in dem Bericht: „In erster Linie ist Raummangel vorhanden. Viele Klassen- zimmer sind überfüllt. Dieser Zustand wird dadurch noch iveiter verschlimmert, daß in Zukunft der Zuzug zu den Mittelschulen nachläßt und damit auch die ober:,, Klaffen größer werden. Der Bau eines weiteren Schulhauses wild dringend. Hierbei sei noch erivähnt, daß die Kinder der Sied- lunge» einen äußerst weiten Schulweg haben. Zum größten Teil sind sie i» der Horebschule»»tergebracht.^Die Mittags- pause wird bei diesen Kindern fast ganz vom Schulweg aus- gefüllt." lieber den körperlichen Zustand der Schuljugend gibt der Bericht folgende Einzelheiten: In sehr gutem körperlichen Allgemeinzüstand(1) waren 127 Knaben, 289 Mädchen: im durchschnittlichen, d. h. genügend gutem(2) 769 Knaben, 748 Mädchen, in körperlich schlechtem 266 Knaben und 258 Mädchen. Es entfallen also auf Gruppe 1: 15,2— 68, 3:=? 22 Hundertteile. Unter die dritte Gruppe von 524 entfallen 18 v. H. auf konstitutionell Schwache: Untcrernährtc 7 v. H.: 3 v. H. Ungepflegte: 15 v. H. unter schlechten häuslichen Verhältnissen Stehende: 7 v. H. mit Kopsungezieser iletztcre säst nur Mädchens. Diese Prozent- zahlen, die auf die Gesamtzahl der Untersuchten bezogen sind, zeigen die große Not weiser Volkskreise. Abgesehen von den konstitutionell Schwachen verbleibt immer noch eine große Zahl von Kindern, bei denen die häuslichen Lebenobed'n- gungen, sei es infolge Armut oder infolge Versagen» der Eltern, ungenügend sind. Es zeigt sich auch gelegentlich der gesundheitlichen Betreuung der Kinder, daß Mütter durch jahrelange Fabriktätigkeit zu schlechten Hausfrauen und Kindererzieberinnen geworden sind: manche von ihnen haben infolge früherer Fabriktätigkeit überhaupt niemals einen Haushalt führen lernen. Die Zahnpflege läßt in Pirmasens noch viel zu wünschen übrig. Fehlerlose, gesunde Zähne hatten nur 12 v. H. der Kinder, vollkommen sanierte sin Ordnung gebrachtes 14 v. H. Kranke Zähne wurden bei 74 v. H. festgestellt. Tie Milchgebisse fanden sich in einem oft ganz verheerenden Zustande. Im vierten Schuljahr fanden sich die meisten schlechten Gebisse. Gegen das Regime Sdinsdintgg Erklärung der internationalen Untersuchungs- kommission Die Internationale Untersuchungskommission über die Er- eignisse in Oesterreich, die ihren Sitz in Paris hat, verössent- licht aus Anlaß der neuen Verhandlungen über die„Un- abhängigkeit" Oesterreichs eine Erklärung, in der es u. a. heißt: „Die Untersuchuiigskoinmission hat sich davon überzeugt, daß mindestens zwei Drittel der Gesainkbevölkerung Oester- reich», und vier Fünftel der BnndeShauptstadr Wie»>m schärssten Gegensatz zur Regierung Schuschnigg-Starhemberg stehe» und von ihr diktatorisch unterdrückt werden, woraus sich auch ergibt, daß diese Regierung keine Stabilität haben kann. Die Internationale Untersuchungskommission über die Ereignisse in Oesterreich erhebt die Forderung, die Regierung Schuschnigg-Starhemberg nicht anzuerkennen, ihr keinerlei politische, wirtschaftliche und finanzielle Garantien zu ge- währen, vielmehr zu verlangen, daß sämtliche politischen, soziale» und ivirtschaftliche» Rechte der Bevölkerung Oester- reich» garantiert, das Verbot der Arbeiterparteien, der Ge- werkschaften und kulturelle» Organisationen jeder Art aus« gehoben und sämtliche demokratischen Freiheiten für die Selbstbestimmung und Selbstregieruna der Bevölkerung ge» währleiftet werden. Sie protestiert mit aller Schärfe gegen die zahlreichen Hin- richtungen von Arbeitern, die 8000 Jahre Kerker, die gegen Beteiligte an den Februarkämpfen verhängt wurden und gegen die»och schwebenden Prozesse. Sie protestiert mit aller Schärfe dagegen, daß noch immer Taufende von Arbeitern, Intellektuellen und Funktionären von Arbeiterorganisatio- ne» teils in Gefängnissen, teils in„Anhaltelagern" gefangen gehalten werden, ohne daß die Justizbehörde» ihnen einen Prozeß machen können." Die Erklärung der Internationalen UntersiichiingSkom- mission über die Vorgänge in Oesterreich ist unterzeichnet: Prof. Paul L a n g e v i n. Prof. L e v y- Brühl, Prof. Prenant, Jean Painleve, Andre Malraux, Ga- briel Cubenet, Frau Lahy-Hollebeque, I. Strachen. Frau Haden-Guest. Dr. Helmut Klotz und Jlja E h r e n b u r g. Mvi für die„WM SM"! Frankreichs Stimmungsbarometer Einstweilen keine nennenswerten Verschiebungen- Viele Stichwahlen Paris 8. Eft. Ein um 3,30 Uhr frz. Zt. vom Innenministerium ausgegebenes Wahlergebnis umfasit etwa die Hälfte der Ergebnisse der Kanlonaiivahien, und zwar 1518. Danach erhielten: Konservative KZ sminuS 5) Rechtsrepublikaner(Marin) 227 lplus 9) Linksrcpublikaner 240(plus 4) Unabh. Radikale 112(minus 7) Radifalsozlalisten 400 splus 1) Rcpubl. Sozialisten 48(plus 3) Neusozialisten 13(plus 1) Sozial. Partei 58(minus 5) Kommunisten 11(minus 1) Stichwahl 3 41 47 29 101 23 11 48 3 Bon bekannten Persönlichkeiten, die im ersten Wahlgang bereits gewählt sind, sind zu nennen: Tie Senatoren Ele- mcntcl, de Jouvencl, le Troguer, Raynaldy sowie die. Ab- geordneten Palmade, Chapcdelainc, und Eampinchi. Alle vier Minister, die kandidiert hatten(Sarraut, Flandin, Mar- quet, Marin) sind im ersten Wahlgangc geivählt worden. In einem Kanton bei Taices haben die Wähler gestreikt, um gegen die Nichtbewilligung der Ausgaben für die Er- richtung einer Schule zu protestieren. In Marseille feierten nachts junge Leute den Erfolg ihres Kandidaten, indem sie Revolvcrschüsse in die Luft feuerten. Einer dieser Schüsse ging einem Paffanten in den linken Oberschenkel, so daß er in ein Krankenhaus überführt wer- den mußte. Der Aufstand in Spanien Das Militär gehordil den Defehien der Regierung- Der Aufstand angeDlidi niedergesdiiagen Tie Bildung der neuen Regierung Lerroux hat in Spanien Kämpfe ausgelöst, die den Charakter eines Rurger- krieges angenommen haben. Tie Sozialisten und die Kommunisten haben aus die Regierungsbildung mit dem Generalstreik geantwortet, dem sich auch die Anarcho-Syndikalisten angeschloffen haben. In Madrid und vielen andern Städten sowie im Kohlenrevier in Asturien kam es zu blutigen Zusammenstößen, aus denen sich regelrechte Schlachten entwickelt haben. Samstag abend wurde in Barcelona Katalonien zur unabhängigen Republik im Rahmen des künftige» spanischen Bundesstaates ausgernsen. Tie Truppen der zentralen Regierung haben am Sonntag früh- morgen« den Sturm gegen das Regicrungsgebäude begonnen. Tie katalanische Regierung mußte angesichts der militärischen Ucbermacht sich ergeben. Ueber den weiteren Verlaus der Kämpfe tu Spanien und insbesondere in Katalonien läßt sich zur Stunde kein klares Bild machen, zumal nur einseitige Informationen von der zentralen Regierung in Madrid vorliegen. Ter Führer der radikalen Partei, Lerroux, hat seine neue Regierung als eine Koalitionsregierung mit den offenen Feinden^er demokratischen Verfassung, mit den Monarchisten und den Gruppen, die sich zum Faschismus bekennen, ge- bildet. Es stand von vornherein fest, daß eine solche Regie- rungsbildung für die ganze republikanische Linke ein Signal zum außerparlamentarischen Kampfe sein würde. Tie Kampf- ansage erfolgte nicht nur von Sozialisten und Kommunisten, sonder« auch von den bürgerlichen demokratischen Parteien. Während aber sich die letzteren mit dem Abbruch aller Be- Ziehungen zur Regierung begnügten, haben die proletarischen Organisationen de» Generalstreik proklamiert, der auch in ganz Spanien im starken Umfang.durchgeführt wurde. Tie Regierung antwortete sofort mit der Mobilmachung aller bewaffneten Kräfte und mit Tausenden von Verhaftungen. Sic hat am Samstag über das ganze Land den Bclagerungs- zustand verhängt. Die proletarischen Organisationen leisteten einen sehr energischen Widerstand, so daß der Kampf all- mählich zu einem bewaffneten Aufstand wurde. Besonders heftig wird im Kohlenrevier in Asturien gekämpft. Da wir in der Hauptsache auf die einseitigen Informationen der Re- gicrnng angewiesen sind, erscheint es unmöglich, ein wirklich objektives Bild der Lage zu gewinnen. Es wird aber sogar auf Grund dieser Informationen festgestellt, daß„die Lage in Madrid noch unübersichtlich ist und eS fraglich erscheint, ob der marxistische Widerstand schon gebrochen ist". Tie Re- gierung kämpft mit der Anwendung aller Kriegsmittel. Tie Truppen werden durch die Flugzeuge unterstützt. Schon am ersten Tage wurde die Zahl der Toten offiziell mit 200 an- gegeben.- Einen besonderen Charakter hat der Kampf in Katalonien angenommen. In dieser Provinz waren immer die Bestre- bungen zur Autonomie und sogar zur Abtrennung von Spanien stark verbreitet. Der spanischen Republik ist es ge- lungen, die katalanische Frage zu regeln, indem Katalonien aus seine staatliche Unabhängigkeit verzichtete und sich mit der Lage einer Provinz mit ziemlich weitgehender Autonomie zufrieden gab. Die Rcchtsentwicklung der spanischen Politik machte aber die llnabhängigkcitsbestrebungen in Katalonien wieder lebendig und die neue Regierungsbildung hat zum Bruch der katolonischcn Provinzregicrung mit der Zentral- regierung in Madrid geführt. Am Samstagnachmittag hat die katatonische Regierung beschloffe», Katalonien zu einer freien Republik auszurufen. Um 29.17 Uhr erschien der Prä- fident der katalanischen Regierung Companys aus dem Bal, kon des Regierungsgcbäudes und verlas die Unabhängig- keitserklärung, die von der gewaltigen Menge mit Begeisterung ausgenommen wurde. Tie Unabhängigkeitserklärung lautete: „Katalanen! Tie monarchistischen und faschistischen Kräfte haben die Macht ergrissen, um die Republik zu zerstören. So entsteht der Eindruck, daß sich die Republik in großer Gefahr befindet. Alle guten Republikaner halten zusammen, um zu verhindern, daß die Republik zerstört wird. Üatalo- nien kann dem ganzen spanischen Volk, das für die Frei- heit kämpft, nicht seine Solidarität verweigern. Katalonien bricht olle Beziehungen mit den Behörden, die in Spanien regieren. Tie Regierung proklamiert den katalanischen Staat der spanischen Bundesrepublik. In dieser feierlichen Stunde übernehmen das Volk, die Regierung und das Parlament von Katalonien alle Machtbesugniffe in Kata- lonien. In einem außerordentlich schweren Augenblick ver- lange ich von jedem eine beispielhaste und absolute Tiszip« litt. Tie Regierung von Katalonien wird unerbittlich gegen die sein, die die Ordnung verletzen. Es lebe Katalonien und es lebe die Freiheit!" Tie weiteren Borgänge sind noch nicht ganz klar. Fest steht, daß die Regierungstrnppcn, die in Barcelona waren(etwa 10 000) und aus den Nichtkataloniern bestanden, den Befehlen der Madrider Regierung Folge geleistet haben. Ihr erster Angrisk ans da« Viegiernngsgebände, der schon am späten Abend am Sametag erfolgte, wurde abgeschlagen. Am näch- sten Morgen haben aber die Truppen den Angriff mit solcher militärischen Ucbermacht gestthrt, daß kein Widerstand mög- lich und die katatonische Regierung gezwungen war, sich zu ergeben. Tagegen ist völlig unbekannt, wie sich die Kämpfe im übrigen Katalonien entwickelten. Tie übergroße Mehrheit der Bevölkerung scheint auf der Seite ihrer Provinzregierung zu stehen. Tie Madrider Regierung hat nach Katalonien Truppenverstärkungen, militärische Flugzeuge und fünf Kriegsschiffe geschickt. Diese Tatsache steht im offenbaren Widerspruch zur Behauptung, daß der Aufstand in Katalonien schon völlig zusammengebrochen sei. Die Berichterstattung zen und die Ueberwachung aller Telegrafen- und Telefon- linien außerordentlich erschwert. Noch Immer Kample dnb. Paris, 8. Eft. Nach einer Mitteilung des spanischen Kriegsministeriums wird in Gijon gekämpft. Tic Aufständischen, die sich auf den Berg Santa Catalina zurückgezogen hatten, wurden im Laufe des Sonntagnachmittag von dem aus Ferrol gekommenen Kreuzer„Libertad" unter Feuer genommen. Der Befehlshaber der Regiernngsstrcitkräfte in Ka.'alo- nien General Bated ließ in Barcelona sämtliche öffentlichen Gebäude und den Rundfunksender besetzen. In Gerone wur- den beim Einzug der Regierungstruppen ein Major und ein Hauptmann getötet. Im übrigen ist in Madrid das Gerücht im Umlauf, daß die Aufständischen in Asturien ein Gebäude der Marine- beerben in Gijon besetzt haben sollen und jetzt von der Polizei belagert werden. Wie aus Barcelona berichtet wird, hat der Präsident von Katalonien, Companys, nach seiner Verhaftung erklärt,-er übernehme die ganze Verantwortung für das, was inner- halb der Generalidad vor sich gegangen sei. Der Bürgermeister von Barcelona, der ebenfalls verhaftet wurde, hat die Verantwortung, was im Rathans vor sich ging, übernommen. Wie aus Barcelona weiter verlautet, sind die Regierunastruvvcn ziemlich erschöpft. Als Vcrstär- kung werden in Barcelona ein Bataillon Infanterie, eine Batterie Fremdenlegion und ein Flugzevaae'chwadcr er- wartet. Vier Torpedogeschwader liegen im Hafen, weitere Verstärkungen sind angekündigt. In Barcelona waren die Nacht über die Straßen gesperrt. Die Zahl der Verhafteten in Barcelona überschreitet 500. Mit der Verwaltung der Ge- neralidaö Kataloniens ist ein Oberst und mit der Leitung der Stadtverwaltung ein Major betraut worden. Im Laufe der Nacht kam eS in Barcelona ebenfalls in den Straßen zu einigen Schießereien. „Sehr geehrter Herr Minister" Ein Brief, der keinen Erfolg haben wird Berlin, 3. Oktober. Ter Verein der ausländischen Presse zu Berlin hat an dcil Rcichspropagandaministcr Dr. Gocb- bei« das folgende Schreiben gesandt: „Sehr geehrter Herr Minister! In seiner Reportage über das Gesamtbild, das sich ihm bot, hat der Fnnkbcrichtcrstattcr bei der Saarkundgebung auf dem Ehrenbreitstein am Sonn- tag, 20. August, etwa folgendes ausgeführt:„Und da sitzen die Ausländer, die sicher auch einen starken Eindruck be- kommen werden. Tann gehen sie aber und lügen in ihren Zeitungen." Der Funkberichtcrstatter hat also, noch ehe sich die vom Propagandaministerium eingeladenen Gäste an ihre Arbeit machen und ihren Bericht abfassen konnten, diese Gäste be- reits vor dem ganzen deutschen Volk diffamiert und sie zu Lügnern gestempelt. Ter Vorstand des Vereins der aus- ländischen Presse legt entschieden Protest gegen eine der- artige Verleumdung ein. Er ergreift die Gelegenheit, um mit ernster Sorge darauf hinzuweisen, daß sich seit geraumer Zeit eine systematische Aktion gegen die hier ansässigen Aus- landsjournaliften bemerkbar macht. Ausdrücke wie„aus- ländische Journaille" sind an der Tagesordnung und die „Auslandspresse" wird oft als etwas verabscheuungswür- diges hingestellt. Auslandsjournalistcn von Rang, darunter Frauen uitö Männer, die schon seit Iahren sich wohlwollend für Teutschland im Rahmen ihrer eigenen nationalen Mög- lichkcit eingesetzt haben, sind bei Veranstaltungen, zu denen sie eingeladen wurde», mit Angriffen auf ihren Stand be- dacht worden. Dazu kommt, daß in jüngster Zeit vcrschie- dene Mitglieder des Vereins von Organen der Geheime» Staatspolizei in unwürdiger Weil« heimgesucht worden sink. Daß die Haussuchungen ergebnislos verliefen, ändert nicht» an der Tatsache, daß die Opfer solcher llebergrisfe ver- stimmt und enttäuscht, wenn nicht gar verbittert werden. Der Vorstand des Vereins der ausländischen Presse hat sich mit dieser Beschwerde an Sie sehr geehrter Herr Mi- nister. gewandt, in der lleberzeugung, daß ihnen die Ge- schehnissc nicht bekannt sind und daß Sie im gegenseitige» In- teresse das Nötige veranlassen werden, um die auslän- dischen Bernfsjournalisten in Zukunft gegen Verunglimp- fungen und Schikanen zu schützen." * Goebbels der Schützer der ausländischen Presse. Auch eine Aufgabe. Er, der in seiner wüsten Rundfunkrebe nach dem Mordfest des 30. Juni das Schimpf-Tignal gegen die Aus- landprcffe gegeben hat. Zeit verboten würden, wegen dem Artikel„Räuberbande— Reichspräsident". Sie haben sich jedoch glänzend aus der Schlinge zu ziehen verstanden und nun provozieren Sie bei Ihrem Gegner noch einen Prozest. Wahrlich, das nennt man unerschrockene Kämpfer. Alle Hochachtung! Sie kennen aber auch Ihren feigen Gegner, der eben nicht imstande ist, mit geistigen Massen zu kämpfen, sondern nur mit Gewalt.— Ors ist sehr intcregant, festzustellen, wie bei uns in der Schweiz die Stimmung gewechselt hat. Mährend dem Kriege hat man hier die täglichen Zeitungen mit den Neuigkeiten vom Äricgsschau- play verschlungen und sich über jeden deutschen Tieg gefreut, wie wenn es einen selbst anginge. Man hat laut sympathisiert mit Deutschland. Und heute? Aber erst seit Hitler. Ss wagt selten einer von drübci an seinem Wagen die Schandkreuzfähnchen nicht recht» zeitig zu entfernen. Auch ich persönlich würde solche wegreisten, hatte jedoch noch nie Gelegenheit dazu. Unsere paar Fröntler haben keine Zukunft: sie versallen der Lächerlichkeit. Man braucht ja nur mit dem Finger über den Bodens« z» zeigen und auf jene«Gr- folge" aufmerksam zu machen. Mabrlich der„Gau Schweiz" in „Großdcutschland" würde diesem Hitler viel Bauchweh bereiten, denn der wäre in seinen 10CO Jahren nicht gleichzuschalten, ftch hatte vor einigen Monaten Gelegenheit, mit einem ST-Fübrer au» München zu politisieren. Gr hatte in der Schweiz Berwandt« besucht. Natürlich in Zivil. Er war aber basf von so viel Belesen- Iicit, was ich natürlich zum großen Teil Ihrer Zeitung verdanke. Ich erfuhr dann später in dieser Wirtschaft, daß er um alles meiuen Namen erfahren wollte." Für den Gesamlinhalt verantwortlich! Johann P t tz tn Dud» weiter, für Inserate: Cito Kuhn in Saarbrücken Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volk»sttmme GmbH. Saarbrücken 8, Schlltzenstroße 5.— Schließlach 776 Saardrücken. j)«r y# i W-WlDtz»