Sinzigs unadhangigs Tageszeiiung Deutschlands I^r. 233— 2. Jahrgang| Saarbrücken. Mittwoch, den 10. Oktober 1934 j Ihe tredakteur: M. B r a u n Ccneuecuttg. det üstecceicfiischen Soziaidemokcatie Seite 4 Nazi cntaccht Palästina Gorifizierung des Judentums durdi den An^riii 4 Ein Nazi w.rd in Palästina Dehehrt Berlin, 9. Oktober. In Ermangelung zugkräftiger Ver- ouminungsparolen ist Reichslügenminister Goebbels vor einiger Zeit auf eine teufliche Idee gekommen. Er beauf- tragte den Ehefrcdaktcur feines„Angriff" Schwarz van Berk, einen tüchtigen nationalsozialistischen Journalisten "^Palästina zu entsenden. Van Berk suchte sich einen zu- verlässigen Journalisten aus und gab ihm entsprechende Richtlinien„für die Reise". Er machte dem jungen Mann klar, daß seine Reiseschildcrung der nordischen Rasse zum Ruhme und dem Judentum zur ewigen Schande sein müsse. Der Journalist müßte schildern, wie die Juden in Palästina schachern, stehlen, betrügen, kurzum dem deutschen Volke zeigen, wie diese Ausgeburt der Hölle dort im gelobten Land sich austobt. Van Berk gab auch dem jungen Jour- nalisten einige Nummern des„Stürmers" mit, in denen ein angeblicher Diplomat eine Schilderung über Palästina in der üblichen vornehmen Form des Streicherschen Schmier- blattes schildert. Der„Völkische Beobachter" und der„Angriff" kündigten in ganzseitigen Inseraten die bevorstehende Sensation an. „Ein Nazi sährt nach Palästina." So wird die neueste ans- sehenerrcgende Artikelserie im„Angriss" und„Völkischen Beobachter" lauten. Diese ganzseitigen Inserate waren voll von gemeinsten Anpöbeleien gegenüber den Inden, und man konnte sich danach ungcsähr schon ein Bild von der neuesten nationalsozialistischen Gemeinheit machen. Nun hat die Artikelserie im„Angriff" begonnen. Neu- gierig stürzten sich die Leser auf die Artikel, die unter dem Pseudonym„Lim" erscheinen und— es muß ot'sen zugegeben werden— diese Artikel stellen eine ungeheure Sensation dar, denn sie bedeuten nicht eine Verurteilung, sondern eine Glorifizierung des Judentums und des jüdischen Menschen. Wie kam das? Gau, einfach. Der junge nationalsozialistische Journalist kam nach Palästina mit den üblichen Vorurteilen gegen die Juden. Er kannte den jüdischen Menschen nur nach dem Streicherschen„Stürmer", nach dem Pamphlet des Herrn von Lcers„Juden sehen Dich an", nach den Artikeln des„Angriss" und nach der nationalsozialistischen Bibel „Mein Kamps". Er suchte die Gauner, Schieber und Aus- beuter. Statt besten fand er ein fleißiges und arbeitsames Volk, das mit einem beispiellosen Enthusiasmus im Kamps gegen die Wüste, im Kampf gegen die Natur steht, ein Volk, das im Schweiße seines Angesichts unter schwersten Umständen sich eine neue Existenz ausbaut. Der Hauch der tausendjährigen Kultur, der Kultur eines Volkes, das zu einer Zeit, als die Vorsahren dieses jungen nationalsozialistischen Journalisten im Teutoburger Wald in Ochsenhäuten Herumliesen, der Welt das Buch der Bücher, die Psalmen und die Propheten schenkte und jenen Naza- rener, dessen Persönlichkeit heute besudelt wird, indem man in Deutschland seine jüdische Abstammung bezweifeln will. Je mehr dieser Nazi Einblick in das Leben Palästinas gc- wann, desto, mehr verblaßte in seiner Vorstellung das ver- zerrte Bild über das Judentum, das er. der Verhetzte bisher hatte. Und als dieser junge Nationalsozialist, dieser Send- ling Goebbels, Palästina verließ, da wurde aus dem natio- nalsozialistischcn Saulus ein judenfreundlicher Paulus. Das große Wunder ist geschehen, und der„Angriss" ist wider seinen Wille« gezwungen, ein Loblied über j>cn jüdischen Ausbau und den jüdischen Menschen zu fingen. Man höre und staune, was der„Lim" im Gocbbelschen Organ schreibt: Ein jüdischer Tankwart hatte Ihn vor der Straße Tulkerem —Tel—Aviv gewarnt, da sie schlecht sei. Tatsächlich gerät Lim auch in Autofalle. In dieser ungemütlichen Situation sieht er einen Lastivagcn herannahen. Er erlebt folgende Szene: „Es ist das Lieferauto einer jüdischen Siedlung. Der Chausseur hält sofort, kommt heran. Hier gleich ein allgc- meines Wort über die Kameradschaft ans der Landstraße in Palästina. Ich fand sie stets vorbildlich, uneigennützig bis zum letzten, einerlei, ob bei Araber« oder Inden. Meine Retter machen weiter gar kein Aushcbens, holen ihren groben Wagenheber. Zwei Araber, die aus dem Wagen saßen, Helsen und in fünf Minuten ist der Wage» heraus- geholt. Ich sahre etwas zurück nnd umgehe die Stelle. Den Juden kann ich nicht bewegen, ein Ent- gelt für seine Hilse anzunehmen. So fällt für die Araber ein besonderes Balsch'sch ab" Also die Juden sind eines vorbildlichen ftu.,.. ts- sinnS fähig? Bisher haben wir im„Angriss" darüber ganz andere Dinge gelesen. Tort schrieb Goebbels, Kube und Konsorten, daß die Juden eine Pest seien und die Menschheit ausbeuteten, und baß man sie deshalb ausmerzen muß. Aber es kommt noch bester. Lim besucht eine Reihe von jüdischen Kolonien, er kommt in die berühmte Kinderkolonie Ben Schemen und zeigt überall, rote durch jüdische Sir- leit der Wüste der Boden entasten wurde. Er macht eine Reise durch das Emek Jcsreel und erzählt, wie dort die Malaria die Siedler aus dem Sumpsgebiet vertrieb, bis die Juden kamen, die es aus sich nahmen, den Sümpfen zu Leibe zu gehen. Und er erzählt dann weiter, wie das große Wunder gc- schah, wie es die Juden fertiggebracht haben, in 1V Jahren aus dieser Malaria- und Steppengcgenb einen Kulturboden zn machen, wie dort, wo einst nur Wüste war, blühende Kolonien entstanden sind. Das Kameradschaftsleben in den Kolonien macht auf den Sendling Goebbels einen großen Eindruck. Er stellt fest, daß diese Juden sich dort gegenseitig Helsen, schwere Slrbeit leisten und die Grundlage für ein neues Gemctnschaftswescn schassen. Er stellt ferner fest, daß diese Juden in den Kolonien den Gemeinschastsgcdanken in die Tat umsetzen. Tort herrscht nicht der betrügerische Hitler-Sozialismus, dort herrscht wahrer Kollektivismus. In der Kolonie Giwath Brenner wird er liebenswürdig empfangen. Tie Kolonisten begehen keinen Ritualmord an ihm, ja sie laden ihn zn ihrem be- scheidcnen Mahl in ihrem Kollektivspeisehaus ein. Und hier muß dieser Germane sich seines Landes schämen. Was er weiter im„Angriff" schreibt, ist eine versteckte Anklage gegen die Judenverfolgungen in seiner Heimat. „Sln der Rückseite des Saales, so schreibt Lim sitzen zwei junge Inden. Ihre Gesichter zeigen noch die Bläffe der nordischen Stadt. Unter den braungebrannten Gestalten fallen sie sofort ans.„Ja— sagt unser Führer— das sind zwei Deutsche. Sie sind erst vor zwei Wochen zn uns ge- kommen. Es fällt Ihnen nicht leicht, sich einzugewöhnen, aber sie werden es schon schassen." Lim kommt auch nach Tel-Aviv, und er sagt, diese Stadt ist„beispiellos". Slm Badestrand trifft er, wie er schreibt. Berlin wieder,„während das übrige Tel-Aviv vom Slrbeiter mit Bluse und Mütze beherrscht wird." „Man kann verstehen, sagt Lim, daß das jüdische Herz höher schlägt, wenn es in dieser Stadt schlagen darf. Kind- liche Freude daran, daß das alles Juden gebaut haben, Juden, beraten, Juden leiten." Er sieht mit eigenen Slugen den Aufbau Palästinas. Er ist erstaunt, daß dieses Volk, das ja angeblich nur schachern, handeln und zersetzen, nicht aber ausbauen kann, ein solches Slusbauwerk vollbringt. Und es wird ihm ängstlich dabei um die Zukunft des deutschen Exports im Orient. „Diese junge Industrie." gesteht Lim,„birgt für Europa in den Ländern des nahen Orients eine schiverc Konkur- renz. Noch ist sie in den Kinderschuhen, aber sie wächst von Tag zu Tag." So geht es weiter, spaltenlang. Slus der Anklage gegen das Judentum wird eine Gloriftzierung des Judentums. Slll das erscheint im„Angriff", im Organ des Judenhetzers Goebbels, in einer Zeit, wo Hitler Reichsführer ist und in Nürnberg seinen Freund Julius Streicher herzlichst bc- grüßt. Es geschehen Wunder auf dieser Welt! Wahrlich, Iehova hat- furchtbare Rache genommen. Er ließ durch die Feder eines Nationalsozialisten die nationalsozialistische Judenhetze als eine der niederträchtigsten Lügen des 20. Jahrhunderts entlarven. Großer„iiodiverrafeprozeß" Viele Jahre Kerker Köln, 8. Oktober. Slm Samstag ging der Prozeß wegen Vorbereitung zum Hochverrat gegen 67 Angeklagte vor dem Straf- senat des Oberlandesgerichts Hamm, der die Verhandlung im Kölner Schwurgerichtssaal durstführte, zu Ende. Das Ge- richt verurteilte wegen„kommunistischer" Umtriebe, be- gangen 1W3, einen Angeklagten zu zwei Jahren drei Mo- »aten Zuchthaus, die übrigen Angeklagten zu Gefängnis- strafen bis zu zwei Jahren zwei Monaten. 16 Angeklagte wurden freigesprochen. Parteitage in England 0. G. 2 o n b o n, 7. Oktober. Englands Innenpolitik stand vergangene Woche im Zeichen der beiden Parteitage der Parteien, die um die Herrschaft in England ringen: der Konservativen und der Labour Party. Die Konservativen debattierten zwei Tage lang in Bristol, die Labour Party fünf Tage lang in South- port. Es scheint fast paradox, daß die Konservativen, die nach wie vor die stärksten Wurzeln ihrer Kraft aus dem flachen Lande ziehen, als Tagungsort eine industrielle Großstadt wählten, während die Labour Party, die sich aus Industrieproletariat rekrutiert, in einem stillen Seebade- ort der Westküste tagte Logik hat nun einmal in Eng- land nichts zu suchen. Oer Labour Parteitag Sensationelles hat sich in Southport nicht ereignet. Dag eine starke Mehrheit die r a d i k a l e V o r s ch l ä g e d e r Socialist League. die von Sir Stafsord Cripps ge- führt wird, ablehnen würde, stand von vornherein fest, da die gemäßigten Gewerkschaften, die Kollektivmitglieder der Partei sind und en bloc abstimmen, allein über eine erhebliche Mehrheit im Parteitag verfügen. Freilich war die Mehrheit für gemäßigten Kurs noch stärker als man voraussehen konnte. Im all- gemeinen vollzog sich der Parteitag in einer ruhigen und würdigen Atmosphäre. Rur am ersten Tage gab es eine erregte Debatte, die einmal sogar zu einer Sturmszene führte. Diese Debatte drehte sich um den Beschluß des Partei- Vorstandes, wonach Zugehörigkeit zum Hilfskomitee fürdieOpferdesdeutschenundö st erreicht- schen Faschismus unvereinbar mit der Mitgliedschaft zur Labour Party sei. da dieses Komitee nur eine kommu- nistische Rebenorganisation sei. Dieser Beschluß wurde heftig angegriffen von Lord Marley, dem Borsitzen- den des englischen Komitees, von Harold Laski und vor allem von dem jungen leidenschaftlichen Bergarbeiter- funktionär AneurunBevan. Für den Vorstand ant- wartete H e r b e r t M o r r i s o n, der die sachliche Schärfe durch Humor milderte, für die Gewerkschaften der Transportarbeiterführer Bevin in einer ziemlich derben Rede; der Sturm aber wurde ausgelöst durch eine taktlose Bemerkung eines Redners des rechten Flügels, des früheren Bergbauministers S h i n w e l l, der persönliche Dinge hineinzog, und sich schließlich öffentlich entschuldigen mußte. Sachlich ging der Standpunkt des Parteivorstandes mit großer Mehrheit durch. Wert» der„Völkische Beobachter" und Blätter ähnlichen Kalibers in diesem Beschluß eine Absage der Labour Party an die Emigranten und eine Annähe- rung an das Hitlerregime erblicken, so ist das natürlich heller Unsinn. Hat doch der Präsident des Parteitages in seiner Eröffnungsrede in den schärf st emWorten gegen den Faschismus Stellung genommen, hat doch der Parteitag einstimmig eine Resolution ange- nommen, die von der englischen Regierung mehr Ent- gegen kommen gegen die deutschen E in i- g r a n t e n fordert. Bei dem Bann gegen das Hilfskomitee handelt es sich lediglich um ein Ergebnis des scharfen Gegensatzes der Labour Party zu den Kommunisten, die hinter dem Komitee stehen. Es ist sicher richtig, daß die Labour Party und die Gewerkschaften ohne viel Lärm durch den M a t t e o t t i f o n d s mehr Hilfe geleistet haben als das genannte Komitee. Slber e i N Vorwurf Bevans konnte nicht widerlegt werden: weshalb hat die Labour Party nicht vor den Kommunisten eine Organisation ge- schaffen, in der gleich dem Hilfskomitee freiheitliebende Männer und Frauen aus allen Parteien zusammen mit führenden Wissenschaftlern, Künstlern und Geistlichen den Kampf gegen die Nazibarbarei und für seine Opfer auf- nehmen?"Materielle Hilfe ist ja nicht das einzige, worauf es ankommt. Hier waren die Kommunisten die besseren Psychologen. Die Hauptdebatte in sachlicher Hinsicht ging um zwei Fragen: um die Außenpolitik und um die Frage der Ent- schädigung der Kapitalbesitzer im Falle der Sozialisierung. Hier machte die Socialist League ihre Hauptvorstöße. In der Außenpolitik gingen freilich verschiedene Störmungen durcheinander. Der Vorstand und die Gewerkschaften wollten die Frage des General st reiks bei. Kriegsausbruch in den Hintergrund schieben, da man sich jeweils nach den gegebenen Umständen richten müsse. Vorstand und Gewerkschaften(Sprecher waren Hendevson und Bevin) wollten die Bewegung dem V ö l k e r b u n d zur Verfügung stellen. Sie vertreten den Standpunkt, daß nur durch Kollektivaktionen der Friede zu sichern sei. Aber solche Kollektivaktionen könnten unter Umständen Sanktionen mili, t?r! scher Sl r t bedeuten, vor denen man nicht zurück- schrecken dürfe. Demgegenüber sagt die Social! st League, dah der Völkerbund heute eine Organisation von in der Mehrheit kapitalistischer, zum Teil sogar faschistischer Regierungen sei, und dah die englische Arbeiterbewegung sich nicht ohne weiteres dieser Organisation zur Verfügung stellen dürfe. Sie fordert daher ein Bündnis mit Sowjetruh- l a n d und schärfsten Kamps gegen jeden kapitalistischen Krieg(ohne freilich zu definieren, was das ist— wäre z. B. die Verteidigung des kapitalistischen Frankreich gegen einen Ueberfall durch Hitlerdeutschland ein kapitalistischer Krieg oder nicht?). Reben der Socialist League gab es noch eine weitere kleine Oppositionsgruppe: die R a d i k a l p a z i f i st t n, geführt von Lord Ponsoby, die einseitige restlose Abrüstung Englands oerlangen und sich z. B. gegen die vom Vorstand geforderte internationalisierte Luftflotte «enden. Die Debatte war sachlich und ernsthaft, aber völlig ab- strakt. Die durch die Existenz des Faschismus heroorge- rusenen Probleme wurden nicht einmal erwähnt. Auch die Debatte um die Entschädigung bei Sozialisierung bewegte sich in sachlichen Bahnen. Während der Vorstand das Prinzip der Kapitalentschädi- Jung nach dem Steuerwert vertrat, wollte die Socialist League den enteigneten Kapitalisten nur für eine sleber- gangszeit ein Einkommen garantieren. Der Unterschied ist sachlich weniger bedeutend als psychologisch, was von Herbert Morrison deutlich ausgesprochen wurde. Das Programm der Socialist League würde die Sparer und den Mittelstand ängstigen, auch viele Arbeiter, und den sozio- Iistischeu Wahlsieg auf den St. Nimmerleinstag hinaus- schieben Das W i r t s ch a f t s p r o g r a in m der Partei wurde rinmütig genehmigt. In der innerpolitischen Frage— der BeseitigungdesOberhause swurde ein Kom- pcomih geschlossen, das Cripps akzeptierte. Das Oberhaus soll danach beseitigt werden, sobald es Beschlüsse der v» ttlhausmehrheit zu sabotieren versucht. Auf jeden Fall aber soll die Beseitigung des Oberhauses im Laufe der ersten fünf Jahre einer Labour-Regierung in Angriff ge- nommen werden.(Cripps hatte ursprünglich Beseitigung des Oberl auses als erste Mahnahme einer Labour-Regie- rung gefordert) Interessant und für die Methoden englischer Politik be- zeichnend ist, dah Cripps zwar in seinen sachlichen Forderungen fast durchweg mit groher Mehrheit abge- lehnt wurde, dah er aber dennoch von den gleichen Menschen, die ihn abgelehnt hatten, zum ersten Male i n den Parteivorstand gewählt wurde. Reben ihm wurde noch A t t l e e, der stellvertretende Vorsitzende der Unterhaussraktion, neu in den Vorstand gewählt. InderFragedesSekretärs wurde ein radikaler Beschluh gefaht. Der Vorstand wollte nur, dah der Sekre- tär zurücktreten müsse, sobald er Minister würde. Der Parteitag hat beschlossen, dah der Sekretär nicht ein- mal Parlamentsmitglied sein darf, er soll also kein Politiker sein, sondern lediglich verwalten. Die Wahl selbst wird der Vorstand vornehmen. Herbert Morrison kommt durch diesen Beschluh als Sekretär nicht mehr in Frage. Aber die gesamte Presse sieht in ihm mehr uno mehr den eigentlichen politischenFührer der Partei. Oer konservative Parteitag Der konservative Parteitag hat an sich geringere Bedeu- tung als der Laboür-Parteitag, er hat mehr beratende Funktionen. Weder die Parlamentsfraktion noch die Führer find an seine Beschlüsse gebunden. Er soll nur einen Ueberblick über die Stimmung in der Mitgliedschaft feben. Trotzdem gab es diesmal in Bristol eine Sensation, tur mit knapper Rot entging die Führung einer Niederlage in der Indienfrage. Bei über IM) abgegebenen Stimmen erhielt die von der Regie- rung unterstützte Entschließung nur eine Mehrheit von 23 Stimmen. Der rechte Flügel war noch nie so nahe an den Sieg herangekommen. Die wilde Agitation eines er- heblichen Teiles der Rechtspresse gegen die„Kapitulation vor Indien" und damit gegen Baldwins Indienpolitik Ist also Nicht ohne Wirkung geblieben. Ein ähnliches Schicksal wird wohl der einstimmig angenommene Antrag eines anderen Führers des rechten Flügels haben, der s o- fortigeOberhausreform fordert. Die Regierung braucht sich daran nicht zu halten, da sie ja keine konserva- tive Regierung ist. sondern eine Koalitionsregierung. Wie erwartet, stimmte der Parteitag auch einem Antrag zu, der beschleunigte Aufrüstung fordert. Dieser An» trag fand allerdings die Zustimmung der Führung, der in einer eindrucksvollen Rede des Schatzkanzlers R e v t l l e Chamberlain gegeben wurde, der allerdings gleich- zeitig auf die finanziellen Konsequenzen einer Aufrüstungs- Politik hinwies. Dah die Koalitionspolitik von. der Mehrheit der Partei gebilligt wird, ging deutlich au» dem stürmischen Beifall hervor, den die die Koalitions- Politik verteidigende Rede Sir Edward Briggs fand, dessen Resolution auch fast einstimmig angenommen wurde. Auch die P l a n w i r t s ch a f t s st r ö m u n g der Iungkonserva- tiven fand Beifall, ob daraus Konsequenzen gezogen werden, ist freilich recht zweifelhaft. Jedenfalls ergina sich Baldwins mit Spannung erwartete Rede im wesentlichen in unverbindlichen Allgemeinheiten. * Parlarnenlswahlen erst 1936? London, 9. Oft. Der Lanbwirtschastsminister Walter Slliot sagte in einer Rebe in Glasgow, nach den jetzigen Plänen der Regierung würden 92 Prozent der Elendsviertel in den Städten des Landes binnen fünf Jahren beseitigt wer- den. Man hoffe aber die Arbeiten so zu beschleunigen, da» sie in drei Jahren durchgeführt werden können. Ueber die in der Presse oft erörterte Frage, wann die nächsten Parlamentswahlen stattfinden werden, sagte der Minister für öffentliche Arbeiten Gore in einer Rede in Edlngburgh, er halte es für ausgeschlossen, dag dir Parka- mentsauslösung vor Erledigung deS Haushalts von 1938 erfolgen könne, mit anderen Worte«: Die Neuwahlen sei«« erst zwischen Mai und Oktober 193« zu erwarten. Es lägen keine Anzeichen dafür vor. dah da« Vertrauen der Re- gierung zum Unterhause nachlasse. llerorlsdie Kampfe der spanischen Revolutionäre Die Pegteruna ierrooi bietet alle liodiimltfel out Madrid, 9. Oktober. In den späten Rachmittagsstunden des Montag hat fich die Lage in Madrid wieder erheb- lich zugefpitzt. In einem bis Mitternacht dauernden Ministerrat wurde beschlossen, mit allen Mitteln den einmal oorgczeichneten Weg einzuhalten. Der ehemalige Minister» prästdent Azana ist zusammen mit zwei Mitglieder» der Generalität im Flugzeug nach Frankreich entkommen. Im Rundfunk wurde nochmal» amtlich mitgeteilt, dast die Regierung alle ihr zur Verfügung stehenden Kräfte heran» ziehe» werde, um den Ausstand»ollständig zu unterdrücken. .199 Aufständische, die flch in einem Bergdorf bei Gijon verschanzt hatten, haben sich ergeben, vierüchtweise oerlautet, dah der frühere spanische sozialdemokratische Finanzminister Prieto, der ebensalls in die Aufstandobcwcgung verwickelt ist, von den Behörden verhaftet worden sei. Die Rolle des Heeres dub. Paris, 9. Oft. Wie ans Madrid»erlautet, sollen im Leichenschauhaus die Leichen von 21 Opfern der Unruhen in der Hauptstadt aufgebahrt sein. In der asturischen Hafenstadt Bison sollen 7l Ausständische in Haft sein. In gewissen Stadtvierteln von Madrid haben die Ausrlibrer, die ganz modern bewaffnet sein sollen, die Kabel durchgeschnitten, die den elektrischen Strom liefern. Wie aus Bordeaux von der französifch-fpanlschen Grenze gemeldet wird, soll am Montag in San Sebastian Ruhe ge- herrscht haben. Die Zahl der Todesopfer der Schiesiereicn von Sonntag soll vier betragen. Am Montagnachmittag sei es zu einem Zwischenfall gekommen. Die spanische Polizei In Barcelona habe französische Journalisten und Pressefoto- grasen in ihren Hotels verhastet und sie erst wieder frei- gelassen, nachdem die Fotograsen versprochen hatten, kein« Ausnahmen zu machen. Am Montagnachmittag seien die Grenzbehördcn angewiesen worden, keinen Spanier mehr au« Spanien heraus- und keinen Ausländer mehr nach Spanien hineinzulassen. Die kommunistische„H u>» a n i 1 1" berichtet, dast da» sran- zösische Innenministerium ihrem Sonderberichterstatter das Ausreisevisum nach Spanien versagt habe, obwohl es anderen französischen Zeitungskorrespondenten bewilligt worden sei. Stach einer Meldung aus Lissabon werde die portn- giesische Regierung die Flüchtlinge aus Spanien zunächst aus« nehmen und als politische Flüchtlinge ansehen. Sie betrachte aber ihren Ausenthalt in Portugal als unerwünscht wegen der Beziehungen, die zwischen den spanischen und den portu- giesischcn Revolutionären bestehen. In einer Betrachtung der spanischen Ereignisse hebt das »Journal" hervor, dast drei Heerführer die Einheit Spaniens gerenkt haben: General Franca in Madrid, General Batet in Barcelona und General Lopez Ochoa in der Provinz Asturien. Diese Heerführer sind jetzt die Gläubiger der spanischen Republik, das Heer wird nunmehr aus einen Schlag das Ansehen wiedergewinnen, das z. T. zurück- gegangen war. Bielleicht wirb es sogar eine bedeutende Rolle im Geschick Spaniens spielen. Todesurteile? dnb. Paris, 9. Oft. Eine im„Journal" veröffentlichte Mel- dnng besagt, dast Präsident Companys und die übrigen ver- hasteten katalanischen Stadträte von einem an Bord des Teportiertendampsers„Uruguay" beratenden Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden sein sollen. Di« Bestätigung der Urteile durch die Madrider Regierung stehe noch aus. Exkönig Alfons London, 9. Oktober. Der römische Korrespondent von»Tnnday Chronicle" telegrafiert seinem Blatte: der ehemalige König Alfons XIII., der sich gegenwärtig in Italien aufhalte, wartet aus den psychologischen Augenblick, um zu handeln. Ter Korrespon- dent habe in Erfahrung gebracht, dast dem König Pläne unterbreitet worden seien, nach denen er plötzlich nach Spa- nie» zurückkehren und die Führung der ronalistischen Kräfte übernehmen sollte? er solle dann die Sozialisten und Kommu- nisten vernichten um den Thron wieder in Besitz zu nehmen. Der Privatsekretär des Königs Marqui» de Torre habe aber dann folgende Mitteilung gemacht: „Der König wird nach Spanien nur dann zurückkehren, wenn die Spanier ihn darum ersuchen, um das Land vor bem völligen Zusammenbruch zu retten." Ver jugoslawische KOnlgshesnch In Paris Seine politische Bedeutung Paris, 9. Oktober. In Erwartung des Besuches des Königs Alerander I. von Südslawien wetteisern die französischen Zeitungen mit Be- grühungSartikeln. Französisch« Heerführer, die ans der Bal- kanfront ein Kommando hatten, veröffentliche» Aussätze, i» denen sie ihre persönlichen Erinnerungen an de» König aus der Kriegszeit erzählen, so Marschall Frnnchet d'Espcray und General Guillanmat. Dem Besuch des KönigS wird in Pariser mnftgebendcu Kreisen eine groste politische Bedeutung betgcmesien. Er steht in einem engen Zusammenhang mit den Bestrebungen zur Schaffung einer französtsch-italienische» Allianz. Wir haben in Unserem gestrigen Leitartikel aus diese Bcstrcbnn- gen hingewiesen und hierbei insbesondere die Stelle der jüngsten Rede Mussolinis erwähnt, die sich mit den italie- nisch-sranzöstschen Beziehungen besasttc. Es hat de» An'chcin, dast die Gegensätze, die unmittelbar zwischen Frankreich und Italien bestehen, bei gutem Willen von beiden Seiten bc- hoben werden können. Das jugoslawische Problem steht aber den Verhandlungen, die gegenwärtig zwischen den Diplo- waten der beiden Länder geführt werden, immer noch hin- dernd entgegen. In seinem heutigen Leitartikel geht der„T e m v s", der als Sprachrohr de» Quai d'Orsay gilt, aus die italienisch- Japons Imperialismus In den australischen Gewässern London, 9. Oft.„Daily Herald" meldet in«roster Ans- machung aus Brisbane: 88 Mann der Besatzung eines japa- nischen Schisses übersiele» die britische Insel Haggerstone in der Torresstraste, der Meerenge zwischen der Rordspitzc Australiens und Neuguinea. Die japanische Mannschaft lan- bete, als die Ansiedler die Insel vorübergehend verlassen hatten, um Einkäufe zu machen. Bei ihrer Rückkehr sahen die Ansiedler, dast die Japaner die Landungsbrücke zerstört, Häuser geplündert und Kokosnustplantagen in Brand gesteckt hatten.„Daily Herald" fügt hinzu, die Mastnahmen, die die australische Bundesregierung bisher zum Schutze von An- siedlern in einzelnen Austenposten getroffen habe, seien an- scheinend ungenügend. Seit langer Zeil herrsche zunehmende Unruhe Über die japanisch« Betätigung in den Gewässern um Neuguinea herum. Japanische Kansfahrteischifse und Fischerfahrzeuge zeigten ein auffallendes Interesse für Ge- biete, die weder für den Handel noch für die Fischerei Be- beutung hätten, die a-ber strategisch wichtig seien. Trau Worth in den Tod getrieben Die„Erfurter Allgemeine Zeitung" meldet, dast Frau Worth, Gatttn des ehemaligen sozialistischen Bürgermeisters von Langewiesen in Thüringen, in ihrer Zelle Selbstmord begangen habe. Frau Worth wurde vor 18 Monaten als Geisel verhaftet, al» Ihr Mann ins Ausland floh: ihre wurde aleichfalls ins Gefängnis verschleppt. Am 1. Oktober wurde sie von ihrer Tochter getrennt und ins Gefängnis von Gräfentonna überführt, wo sie sich in ihrer Zelle erhängte. Plauderei im Gemüsegeschäft— ein Jahr Gefängnis Das Schöffengericht Blankenburg verurteilte einen Dr. KluSmann zu einem Jahr Gefängnis wegen„Vergehens ge- gen die Verordnung zur Abwehr heimtückischer Angriff« aus die Regierung". Der„heimtückische Angriff" des Angeklagten bestand darin, dast er„in einem Gemüseladen Aeusterungen über angeblich« Ungesetzmäftigkeiten bei der Volksabstimmung getan und austerbem ein Gerücht weitererzählt hat, da« ge- eignet war, da« Ansehen de« Führer« und Reichskanzler« herabzusetze»". jugoslawischen Gegensätze ein. Er betont insbesondere, dast Jugoslawien den italienischen Sinflust in Albanien al« eine ständige Bedrohung betrachte. Ferner besteht«in tiefgehender Gegensatz in bezug ans das«driatische Meer. Das faschistische Italien betrachtet das Adriatische Meer als eine rein italie- nischc Domäne, während Jugoslawien nicht nur einen AuS- gang nach diesem Meere verlangt, sondern auch fordert, dast die Adria nicht nur allein Italien gehöre. ES ist eben der alte Streit zwischen den beiden Ländern, der seit den Zeiten des.Handstreiches b'An»un»io« in Finme herrührt. Der „Temps" meint, dast diese Gegensätze nicht unüberbrückbar seien und erklärt, dast die französische Diplomatie bei den sreundschastltchcn Beziehungen, die sie zu den beiden Län- der» unterhält, es versuche» wird, durch entsprechende Rai- schlage zur Beilegung der bestehende» Gegensätze und zur Befriedung im Südosten Europas beitragen werde. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, dast die bevor- stehende Unterhaltung zwischen dem König Alerander mit Donmerguc und Barthou den Zweck haben wird, eine Grund, lag« für dl« kommende» sranzösisck-italtenfschen Berhand« lnngen zn schaffen, die Barthon in Rom führen wirh. Die Hitlcrdiplomatie versucht, Jugoslawien gegen Italien aufzn- puischen, um aus dicie Weiie Frankreichs Pläne z» z«r- schlagen, aber die Pariser Presse betont, dast König Aleiander ein treuer Bundesgenosse Frankreichs war und bleiben wird. Wolflr Devisen da sind Kopenhagen, 9. Okt. lJnprest).„Arbeiterbladcd" meldet,»ast tu der letzten Zeit deuticherselts in Mengen dänische Pferde als Zugtiere für die Artillerie der Reichswehr aufgekausl worden sind. DaS Blatt stellt fest, dast„Dänemark also nicht nur Gewehre und Patronen, sondern auch lebendes Kriegsmaterial an die kriegerischen Ratio- n e n liefert." Gesterreichische Sozialisten-Führer freigelassen Wien, 9. Oft. lJnprest.) Dr. Danneberg, einer der führen- den Persönlichkeiten des ehemaltgen Wiener Gemeinderai««, Frau Proit. ehemaliges Mitglied des Zentralkomitees der Oesterreichischen Sozialdemokratischen Partei und Juliu« Braunthal, Herausgeber des sozialistischen„DaS Kleine Blatt", wurden auS der Hast entlassen. Man behauptet, die Freilassungen seien nach einer Intervention de» Völker- bundes erfolgt. P*s Na«»«*« Zwei einslnstreiche Mitglieder des protesta»Ische» Klerus von Württemberg, Dr. Hoffmann au« Ulm und Dr. Gans ans Heilbron» wurde» dnrch den Kommissar der Reichs- lirchenregiernng ihr«« Postens enthoben. In Brandenburg wurden 11 Pastoren entlassen, die an der Protestaktion«er evangelischen Synode teilgenommen hatten. Am Montagabend stürzte ei» mit vier Personen besetztes Auto, das aus einem Treidelweg längs eines Kanals fuhr, in einer Kurve bei Guindal in den Aa-Kanal. Der Wagenführer konnte die Tür des Wagens öffnen und sich durch Schwtm» me» ans Ufer retten. Er fand jedoch in der Nacht erst zw«i Stunde« später Hilfe, um d«n anderen Beistand leiste« z« können. Am Marge« entdeckte man die Leichen der drei M't, fahre». Sie hatten zwar unter Wasser anS dem Auto entkommen können, es war ihnen aber nicht mvgllch, noch ans User zu schwimmen. Titniesen, der bisherige rumänisch« Außenminister, hat fich, nachdem ihm von Tatareseu das Außenminister«»«« angeboten morde« war, noch nicht entschiede« und um«ine Bedenkfrist bis Mittwoch gebeten. Am Nachmittag wurde T'- «„lesen in dreistündiger Audienz vom König empfangen. Das Sondergefchworenengerich, in Flemingion lNe». jerfeys, da« üb«r die Anktagrerhebong im Falle Lind« b e r g h z« befinden hat. beschloß, gegen Hauptmann Anklage wegen Mordes z« erheben. Für Deutschland SAAR. BEILAGE Gegen Hitler! Volk an der Saar Volk an der Saar, steh' still, hör' zu! Volk an der Saar, deutsches du, Hits, daß Teutschland srei werde. Hilf deiner eigenen Erde! Brand schlug heraus aus dem ReichstagShau Frage, wer hat ihn angelacht? Hitlers gedungene Meute lacht Jeder weiß es. keiner wagt. Keiner mehr straflos die Wahrheit sagt. Volk an der«aar, sei deutsch, sei treu, Schaffe das Deutschland der Wahrheit neu! Buben martern Manner zu Tod', Knechtsiun bringt den Freien umS Brot, Und der Henker hat gute Zeit. Fahnen werden täglich geweiht. Und man feiert ein Tauerfest Und verpulvern den Wirtschaftsrest. Volk an der«aar, sie wollen an dich. Halte was dein, ein Neinwort sprich! Hörst du nicht, wie die Erde stöhnt Trüben, weil man sie preisend höhnt? Hörst du nicht den gekreuzigten Christ klagen aus Opfern der Hinterlist? Volk an der«aar, in den Gruben, du hörst, Und auf den Aeckern. ermannst dich und schwörst, Und in den Stuben uw's immer sei: Deutsch bleibt die«aar, doch wahr auch u» d f r e i! Fort mit der braunen, der unbcutschen Brut, Hoch deutscher Mut, deutsches Freiheitsblut Keine Stimm« der Hitlerichand'! Alle dem kommenden Vaterland! lieber getrennt als unfrei sein! Niemals zu dem dort! Nein, nein, nein! Homo christianu« Der,Separatismus des Oberbürgermeisters Neihes ine suppe auslöffeln" Das Saarbrücker Stadthaupt Dr. Neikes, ehemaliger ivillfähriger Geist des Arbeitgeberverbandes, ist ein groger Patriot. Augenblicklich meldet er mit„Heil Hitler!" in Berlin seinen„Vorgesetzten" die braunen und gleich- geschalteten Stadtverordneten Saarbrückens. Tie Herren sind am Sonntag in das Reich Goebbels gefahren. Gemeinsam mit den Saarbrücker Stadtverordneten sind auch die Stadtverordneten aus Neunkirchen und noch einigen anderen Saarorten nach Berlin gereist. Es ist also ein allgemeiner Rciserummel der gleichgeschalteten Stadt- väter nach Berlin. Wieder einmal wird im„dritten Reich" das gute Saargeld ausgegeben. Tic Staötvätcr mit Ober- bürgermeistcr Neikes an der Spitze werden in Berlin die billigen Einkäufe tätigen, um ihren Angehörigen an der Saar einige nette„Geschenke" zu bringen. Ter Geprellte wird, wie immer, der saarländische Einzelhandel sein, und Herr«avelkouls wird, wie stets, für das schlechte Geschält natürlich die Rcgicrungskoinmission verantwortlich machen. Wie wir hören soll die NeikeS-Delegation dem„Obersten Gerichtsherrn" der Morde des 80. Juni den Ehrcnbürgcr- brief von Saarbrücken überreichen. Wer die Spesen trägt, die nicht zu knapp sind, ist eine Frage, die bei dieser geheimnisvollen Reise nicht zum wenigsten interessiert. Aber auch die Geheimniskrämerei, mit der man die Einladung den beiden Arbeiterfraktionen verschwiegen hat, ist auffallend. Es gibt aber noch mehr Tinge, die der Aufklärung bc- dürfen. Neikes verdankt seine nominelle Zweidrittelmehrheit (40 Braun-Frontler gegen 8 Sozialdemokraten sowie 12 Kommunisten» lediglich dem Umstände, daß einer der „Untermenschen" aus bekannte Weise„übergetreten wurde". Dieser angeworbene Mann war der einzige KO.-Bertreter, ein Gemeindcarbeitcr, der vordem von NeikeS hinausgefegt ,vorden war. Aber es bröckelt jetzt ivicdcr etwas im Ge- bälk der Wackelfront. So ist man insbesondere der 17 ehe- maligen Zentrumsvertreter, von denen einige Hang zur Stimmenthaltung zeigen, nicht sicher. Was die braune„Melde"-Reise bezweckt, ist lediglich Propaganda und„Festigung". Tie Gackelfront, deren die Berliner Gewaltigen besonders nach ihren Clearing- Taten doch nicht ganz sicher sind, soll offenbar für die Ab- stimmung„fertig" gemacht werden. Auch will man den Neu- Hitlerianern die Einrichtungen der Berliner Kommunal- Politik(deren vorzügliche Hygiene, Volksparks, Bau- anlagen, Schulvcrhältnisse usw. durch das„fluchwürdige" System geschaffen wurden» als Wunder des nationalfozia- listischen Ausbaus zeigen.. Selbst hat man ja nicht viel hinzu- zusetzen: denn daß die City soeben wieder ihr„Palais de dance" unter dem Namen„Atlantis" bekommen hat, wie die Hitlcr-Blätter triumphierend melden, mag ja iür die Spesen der Herren ganz lockend sein, alleine aber doch für solch kostspielige Reise nicht ausreichen. Wie wir Grund haben anzunehmen, wird.an den Ge- heim-Verhandlungen auch der nach Berlin ent- schwundenc Nazi-Ftthrcr im Saarbrücker Rathaus Tr. Schwaig lder den«paniolen Eckert verdrängte» einigen Anteil haben Es handelt sich um viele Tinge, bei der n Bc- kanntwcrdc» den Saarbrücker Steuerzahlern noch die Ohren klingen werden lieber eins aber wird öffentlich besonders nicht ge- sprochen, und das ist gerade das Wichtigste. Wir ergänzen daher daS Gehcimkonventikcl durch die Mit- tcilnng. daß sich der Patriot und Berlin- Fahrer Tr. Neikes soeben als der größte der„Separatisten" betätigte und dem„Trutz- bunde" seines Freundes Savelkonls ausgezeichnetes Material lieferte. Auf Grund zuverlässiger Informationen enthüllen wir, daß der Oberbürgermeister ein französisches Tarlehen von 19 Millionen Franken, das der Stadt Saarbrücken bis 18. Januar gewährt wurde, über den Fälligkeit- und Ab- stimmungStag verlängert hat.(Ohne„Heil Hitler", wie wir glauben» Das große Tarlcke» ist von der französischen C a t s s e Fraternelle, einer Vcrsicherungskasse, gewährt worden und lief am 18. Januar ab. Mit der braunen Front sieht es also so aus: In der Agi- tation: Fernaasleitung. Antelearaticren von Bartbou und große Versprechungen. In der Praxis: Kein Geld und Anpumpen des„Erbfeindes"! M Der„legale" Herr Pirro Tie„Saarbrücker Zeitung"(Nr. 269) berichtet über eine rednerische Leistung des Landessührcrs Pirro. Neues wußte er nicht zu sagen. Tic Anhänger der„deutschen Front" gibt er jetzt mit„über" 90 v. H. der Saarländer an. Bei seinem Vorgesetzten dem deutsch-französischen Rüstungspatrioten Röchling waren es vor Monaten schon 99 v. H. Wenn der .Rückgang bis zum 18. Januar so anhält, wird auch Herr Pirro sich allmählich der Wahrheit nähern. Natürlich kämpfte Herr Pirro wieder einmal streng legal und diszipliniert. Aber so zwischendurch rutschte er doch wieder aus. Er provhczeite nämlich: „Diejenigen, die sie heute noch zum Status qua ner- führen wollen, werden ja nach der Abstimmung längst über olle Berge sein, während die Verführten die Suppe ans- löffeln müssen. Was bedeutet das„die Suppe auslöffeln?" Es ist klar: der Führer der„deutschen Front" kündigt den Saarländern Rache an, die sich erlauben werden, am 18. Januar aus sozialistischer, aus katholischer, aus sonstwie religiöser und ans allgemeinen Gründen des Deutschtums, vielleicht auch nur aus wirtschaftlichen Erwägungen gegen Hitler und seine Terroristen zu stimmen, gegen die Mörder, die unter dem Rufe„Heil Hitler!" bestialisch ihre Opfer schlachten. Wir trauen dem Pirro intellektuell gar nichts zu. Daß er sich aber als Oberster Gerichtshcrr im Stile des 80. Juni be- tätigen könnte, halten wir durchaus für möglich. Das ist nämlich einfache Henkersarbeit. Halten wir jest, daß der Landessührer der„deutschen Front" in jeder seiner Reden das„Gesindel" bedroht, das nicht dem Terror der„deutschen Front" sich fügen will. Dar- aus geht hervor, daß weder die„deutsche Front", noch die hinter ihr stehende Reichsregiernng die Absicht hat, irgend- ein Abkommen zum Schutze der freien Abstimmung zu halten. Dehennfnls eines Jungkafholihen Augenblicklich findet die Bezirkskonscrcnz des Kommn- nistischen Jugendvcrbandes an der Saar statt. Den Höhe- pnnkt des Eröffnungstages bildete die Begrüßung der Kon- lerenzteilnehmer durch einen katholischen Jungarbeiter. Ter katholische Jungarbeiter ans Großrosseln erklärte unter brausendem Beifall folgendes: „Für mich ist es eine Ehre, als katholischer Jungarbeiter, 5* Konferenz teilnehmen zu dürfen. Auch wir junge Katholiken haben allen Anlaß, gegen Hitler-Teutschland z» kämpfen. Unsere Führer wurden verhastet, unsere Kameraden hat man hingerichtet und ermordet. Ich er» klare von dieser Stelle ans meinen Eintritt in den Kom- mumst,scheu Jugcnd-Bcrband." S u,tr" n öer Bezirksleitung der SAJ. überbringt ein ^AJ.-Geno»»e der Konserenz heiße Kampfesgrüßc und w Ii Osch t der-ragung den besten Erfolg.„Wir SAJler kämpfen, so erklärte er unter dem Beifall der Delegierten, „in brüderlicher Verbundenheit mit KJV.. um Hitler am 18. Januar eine Niederlage zu bereiten." Die Verhetzung der Saar-Jagend Aus Neunkirchen wird uns geschrieben: Daß der Terror der Nationalsozialisten immer schärfere Formen annimmt ist zur Genüge bekannt. Neuerdings reiht sich die Hitlerjugend den Terrorgruppen würdig ein. Ver- wunderlich ist das ja nicht. Buben von 8 bis 11 Jahren werden verschiedene Male die Woche zusammengeholt. Außer den militärischen Uebungen gibt man anscheinend diesen Jungen» jetzt Unterricht, wie sie sich Hitlergegnern, besou- der» aber deren. Kindern gegenüber zu benehmen haben. Sicherung der Abstimmuugsfreibeit Tas Sekretariat des Untersuchungsausschusses über den Naziterror an der Saar bittet um die folgende Beröjfent- lichung: Tie Abstimmungökommission des Völkerbundes im Saar- k.ebiet verösfentlicht eine Erklärung über die Besprechungen, bie sie anläßlich des Besuches der Marley-Untersuchungs- kommission in Saarbrücken mit deren Mitgliedern gehabt hat. Die Untersuchungskommission hatte die Befürchtungen vorgetragen, die nach ihrer Feststellung in breiten Kreisen über die Geheimhaltung der Abstimmung vorhanden sind. Die Abstimmungskommission bringt in ihrer Mitteilung zum Ausdruck, daß die Untersuchungskommission unterlassen habe, die Antwort der Abstimmungskommission auf die vor- getragenen Befürchtungen zu veröffentlichen. Bradte an Hai Braun Ter französische Deputierte Professor Bracke, der vom nichigleichgcschaltcien Deutschen Klub in Paris eingeladen worden war, der Versammlung von Max Braun im Salle des Mutualiie zu präsidieren, der aber in letzter Minute wegen der Wahlkampagne daran verhindert wurde, richtete an die Teilnehmer der Versammlung folgenden Brief, der von dem Vorsitzende» der Konserenz Kurt Lenz verlesen wurde und der unseren saarländischen Genossen, die Bracke aus sei- nen mehrfachen Reden an der Taar und seinem Eintreten für die Saarfrage in der französischen Kammer bestens bekannt ist, recht interessant sein wird: „Der freundlichen Einladung, in der heutigen Versamm- lung den Borsitz zu führen, bedanre ich sehr, nicht Folge leisten zu können. Gerne hätte ich den Freunden des Deut- scheu Klubs, die durch die gegenwärtigen Verhältnisse noch gesteigerten Gefühle der Sympathie und Solidarität bezeugt, die ich gegen sie hege und die Einigen unter Ihnen nicht un- bekannt sind. Es tut mir vor allem leid, daß es mir nicht vergönnt ist, in der Persönlichkeit Eures Referenten die ganze Ar- beiterschaft und im besonderen die Sozial- demokratische Partei des Saargebiet es zu begrüßen sowie mit dem tapferen Genossen Max Braun die uns beiden gemeinsamen Erinnerungen Hoffnungen auszutauschen. Erinnerungen! Wahrscheinlich gerade jetzt, lieber Genosse Braun, schwebt Ihnen wie mir lebendiger denn je vor Die Abstimmungskonimission hat leider nicht mitgeteilt, daß die Untersuchungskommission in der Besprechung erklärt hat, daß ihr die von der Abstimmungskommission geplanten Maßnahmen nicht weitgehend genug erscheinen, um die vorhandenen Befürchtungen restlos zu zerstreuen. Die Untersuchungskommission hat ihren Bericht über ihre Untersuchnugen beendet und wird ihn in den nächsten Tagen dem Bölkerbundsrat, der Reglern ngskommision und der Abstimmungskommission überreichen. In diesem Bericht sind auch Maßnahmen angeführt, welche die Untersuchungskommission zur Sicherung der Freiheit, Un- abhängig'eit und Geheimhaltung der Wahl glaubt empfehlen zu müssen. Augen. daS erfreuliche Bild jenes Festtages in Saarbrücken, als die Hände des Franzosen Bracke sich mit den Händen des Deutschen Hermann Müller und den Händen des Wieners Max Winter verslochten und herzlich unter den Zurufen der dicht besetzten Versammlung eine innige Kette bildeten. So war die einstimmige Freundschaft des internationalen Proletariats für die deutsche Republik da- mals symbolisch dargestellt, wovon das Saargebiet ein un- trennbares Stück sein und bleiben wollte. Nun hat sich so manches verändert! Müller ruht wenig- stens im Vaterlande. Winter versucht, in Nordamerika für die Sache als Geächteter noch tätig zu sein Für alle Welt hat sich erwiesen, daß ein Hitlerland kein Vaterland, kein Deutschland mehr ist! Und doch, Genossinnen und Genossen, lebt im Geiste und im Herzen etwas, das mehr als eine Hoff- nung ist: Die Gewißheit, daß das arbeitende Boll des Saar» gebiete» versteht, so zu handeln, daß es Hand in Hand mit dem Proletariat aller Länder für den Zweck der großen Be- sreiung zielbewußt seine Pflicht erfüllt! In diesem Sinne begrüße ich den sröhliäiev Morgen im voraus, wo leine— will sagen unsere— rote Fahne srei im„sozialistischen Reich'deutscher Nation" flattern wird! Brüder, glückaui! Unser die Zukunft! Es lebe die Sozial- demokratie des Taargebietes, eö lebe die sozialistische Ar- beiterinternationale. Brack e." Daß dieser Unterricht nach bewährten Methoden, wie man sie im Reich angewendet hat und heute noch anwendet, vor sich geht, wollen wir beweisen: Tie Hitlerjugend versieht tagsüber in Neunkirchcn genau denselben Dienst, wie die älteren Jahrgänge der HJ. oder der TA. des Nachts. Lebhafte Klage wird besonders von An- mohnern der Blicsmühle, in den Waldwiesen und am Holz- gehege geführt. Kindern dort wohnender Antifaschisten ist es bald nicht mehr möglich, allein zur Schule zu gehen oder irgendwo in der Stadt einzukaufen. Sobald ein Kind die Straße verläßt, wird durch Radfahrer die Meldung weiter- gegeben. In Trupps von acht bis zehn Buben wird das Kind dann verfolgt, beschimpft, ja. nicht selten tätlich an- gegriffen Heute ist es schon so weit, daß die dort belästigten Kinder ebenfalls in größeren Trupps gehen müssen, um vor Anpöbelungen sicher zu sein. Kommt zufällig ein erwachse- ner Antifaschist hinzu, dann sind die Straßen im Augenblick von diesen Bengcls leer. Auw hier kann man beobachten, wie vorzüglich der Meldedienst klappt. Soll daK jo weiter gehen? Nein! Aber unsere Polizei sieht das nicht. Wir geben der Polizei mal einen Fingerzeig: In den letzten vier Wochen ging zweimal die Meldung durch die Neunkircher Zeitungen, daß sich 10- bis»8jährige Bilden Flaschen mit Karbid angefertigt hatten, die sie zur Explosion brachten. Einmal in der Nähe der Ziegelei, einmal in der Saarbrücker Straße. Unserer Polizei ist bekannt, wann und wo die HJ. ihre Uebungen abhält. Alfo bitteI Ueber diese Zustände braucht man sich ja nicht zu wnn- dern, wenn man neben der Ausbildung in der HJ. die Volksschulen in Neunkirchen betrachtet. Es sind ganz wenige Lehrkräfte da, die wirklich neutral sind. In den meisten Klaffen wird direkt oder indirekt gegen die Kinder gehetzt, die nicht der Hitlerjugend oder dem BdM. angehören. Es darf nicht vorkommen, wie vorige Woche in einer Neun- kircher Schule ein Lehrer geäußert hat. daß die heutigen Hitlergegner 1918 mit der Knarre auf dem Buckel geräubert und gestohlen hätten. Gehört das in die Schul«? Gewinnt mgn»o da» Vertrauen der«index l Erneuerung der österreidiisdien Sozialdemokratie Revolutionäre Beschlüsse einer Honlerenz der Wiener Sozialisten (D. D.) Die„Arbeiter-Zeitung" vom?2. September teilt mit. daß es gelungen ist. eine Tagung der Wiener Sozia- listen abzuhalten. Nach den Februarkämpfen hatten'sich tu Wien eine ganze Anzahl von Gruppen gebildet, die die illegale Arbeit unverzüglich aufnahmen/ Von der bei weitem stärksten unter den neuen Gruppen, der der Revolutionären Sozialisten, einbe- rufen, hat nun eine Wiener Konferenz getagt, an der 70 Delegierte, von verschiedenen Gruppen in allen Be- zirken Wiens gewählt, teilgenommen Kaden. Sie hat alle kampffähigen und kampfwilligen Kräfte zu der neuen Wene: sozialistischen Organisation zusammengeschlossen. Die Wiener Sozialisten haben nun wieder eine einheitliche sozioststische Organisation. Sie wird mit den sozio- lstilcben Organisationen der Bundesländer zusammen, in denen die Zersplitterung niemals so groh gewesen ist wie Vi Wien. die neue Sozialistische Partei begründen, die das ^rohe Erb? der alten Partei antreten und erneuern wird. Die Konferenz hat eine Reihe von Beschlüssen gefaßt, die in Oesterreich in Form eines Flugblattes verbreitet werden. Wir geben daraus die folgenden wieder: J. Ein Aufruf an die Arbeiter und Arbeiterinnen Als im Februar die Kanonen des Faschismus die öfter- reichliche Arbeiterbewegung in Trümmer schon, da war der Rut, mit dem unsere Besten zum Galgen gingen:„i£# lebe die Partei!"— da war der Schiour mit dem die sozialistischen Kämpfer untertauchten in die Illegalität, in Kerker und Konzentrationslager:„Wir kommen ivieder". Heute ist es so weit. Die Partei lebt. In revolutionärem Geist erneuert, ist die Partei wieder da. Gleich in den Februartagen, als fast alle früheren Vertrauensmänner hinter Gefängnismauern saften, ist ein Häuflein Unentwegter darangegangen, die versprengten Gc- nassen beisammenznhalten. die zerschlagene Organisation wieder aufzubauen. Die ganze Macht des siegreichen Faschismus stand den tapferen entgegen. Tausend Schwierigkeiten mußten überwunden werden, gewaltige Ov'er haben die treuen Genossen gebracht: die illegale Arbeit hat ihre Mär- tyrcr, ihre ungenannten Helden. Aber es ist gelungen! Dem Faschismus zum Trotz haben wir in Oesterreich eine proletarische Beivcgung wieder aus- gebaut, wie es noch nie eine im Lande einer reaktionären Gewaltherrschast gegeben hat. Sic ist die sichere Bürgschaft künftigen Sieges. Nun ist ein iveitcrer Schritt auf diesem Wege geschehen: eine»on allen Bezirken und zahlreichen Organisationen be schickte Konferenz der Revolutionären Sozialisten denen sich die aus der Sozialdemokratischen Partei hervorgegangenen Gruppen angeschlossen haben, hat beschlossen die wieder her- gestellte Bewegung in der Wiener Sozialistischen Organi- katlon zusammenzufassen, die demnächst mit den Organisa- t'vnen der Bundesländer zur Bereinigte» Sozialistischen Partei Oesterreichs zusammengeiligt werden soll. Damit ist alle Zersplitterung und Verwirrung der ersten Zeit überwunden. Die Bereinigte Sozialistische Partei ist die alleinige Vertreterin der statistische» Arbeiterschaft. Außerhalb unserer Partei kann eö keine Sozialisten geben. Die neue Partei wird sich ein sozialistisches Programm geben, für welches die von der Wiener Konferenz beschlossene revolutionäre und zielklare Prinzipiellerklärung die Grundlage abgeben soll. Wir unterbreiten die Beschlüsse der Kon- sepenz hiermit der gesamten Arbeiterschaft. Ans Grund dieser Beschlüsse fordern wir alle ans, die ehe- mals der Sozialdemokratischen Partei angehört haben und in ihrem Denken und Fühlen Sozialisten geblieben find, als Kämpfer in die Bereinigte Sozialistische Partei einzutreten. Jetzt gilt kein Zögern mehr, kein Abseitsstehen! Jetzt gibt es keine Ausslucht, man werbe wieder mittun, bis die Partei wieder ausgebaut sein ivird. Tie ist es! Zerschlagen und vcr- boten, aus Trümmern und Kerkern sind wir trotzig ivieder emvor gestiegen— und kämpfen weiter! Unsere Partei ist die allein-ae e»rb-n und Pachkalaeri» der österreichischen Sozialdemokratie und zugleich eine neue, vrr- längte revolutionäre Bewegung Sie ist die alle Gruvoen umfallende Soziakistilche Organisation, die die völlige(sin- b«ft de« österreichischen Proletariats ans ihre Fahne gr- schrieben hat. Genossen! Keinen Zank und kein Zandern mehr! Ginig und geschlossen gegen die Henkerregicrung! Vorwärts zum Sturz der Diktatur! Wer dem Faschismus feine Opfer entreißen, wer die Toten rächen und den Lebenden die Freiheit erkämpfen ivill — der komme z» uns! Wer ein Genosse mar und ist, wer mitmarschieren will im Geiste Viktor AdlcrS unter den Fahnen Wallischs und WeiftelS— der komme zu und! Schart?»ch um die Vereinigte Sozialistische Partei! Wir baden der Welt gezeigt, daß keine Macht, kein Terror die österreichische Arbeiterschaft zu beuaen vermag. Wir werden ihr zeigen, daft die österreichische Arbeiterschaft ihre ganze Kraft zu vereinen und vereint zu siegen versteht! Tie Wiener Sozialistische Organisation. 2 Prinzipieneiklärung der Wiener Sozialistischen Organisation Die Renolutionären Sozialisten Wiens vereinigen sich mit den sozialistischen Gruppen Wiens, die ans der öfter- reichlichen Sozialdemokratie hervorgegangen lind, zur Wiener Sozialistischen Organisation Die iaichistiiche Dil- tatur hat die Sozialdemokraiinbe Parle ausgelöst, ihre Per- irguensmänncr eingekerkert, ihre Organisationen zcr- schlagen, da» von der Arbeiterschaft mühsam autgebrachte Vermögen gestohlen. Im Einvernehmen mit den sozia- liftischen Gruppen der österreichischen Bundesländer wollen wir eine neue Partei ausbauen. Ohne den Beschlüssen des gegründeten Parteitages vorzu- greisen, schlägt die Wiener Organisation den Sozialisten Oesterreichs die Einigung aus der Grundlage der folgenden Prin'ipienerkläriing vor: Unsere neue Partei ist die Nachsolaerin und Erbin der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Oesterreich», die die österreichischen Arbeiter und Angestellten mit Klassen- bewußtscin erfüllt und ein halbes Iabrhundertlang ihre Klassenkämpfe geführt hat. Tie bekennt sich mit Stolz zu den alorreich-n Kämpfen und den«rasten Knlturtaten des in der Sozialdemokratie geeiniaten österreichischen Proletana.s, insbe'onde,« zu dem b-ftäonftgften Beispiel de« Februar- kämpfe». Aber sie ist sich dessen bewußt, daft die durch den Sie« des Faschismus nöllig veränderte Lage der Arbeiter- tlalle wesentliche Veränderungen in der Zielsetzung und den Methoden des Kampfes und im Aufbau der Partei erfordert. Frei von den Fehlern und Illusionen der Vergangenheit wollen wir eine neue, geeinigtc Bewegung ausbauen. Wir erblicken nur im Klassenkamps das Mittel zur Be- sreiung der Arbcitcrtlasse. Sein Ziel ist die Eroberung der Macht durch da» Proletariat um die sozialistische Gesell- schast aufzurichten Aller demokratischen Rechte berandi, mnft die Arbeiterklasse ihren ttlassenkamnl mit revolurio- nären Mitteln führen. Sie muß in unversöhnlichem revo- lutionärem Kamps die faschistische Diktatur stürzen, die Staatsmacht erobern und die eroberte Staatsmacht mit den Mitteln einer revolutionären Diktatur festhalten. Die Diktatur der Arbeiter und der Bauern wird den faschistischen Herrschastsapparat zertrümmern und einen sozialistischen Staatsapparat aufrichten. Sic wird den Wider- stand der Ausbeuterklassen, der Kapitalisten, der Groftgrund- besitzer und.ihres Trosses von Psatien, Bürokraten und Generaleu brechen, die Ausbeuterklassen durch die Ber- teilung des HerrenlandeS ans landwirtschaftliche Arbeiter, Bauernsöhne und Kleinpächter durch die Sozialisierung der grossen Unternehmungen in der Industrie, im Forstwesen, im Handel, im Verkehrswesen und im Bankwesen entmachten und damit di" Grundlagen einer sozialistischen Gesellschaft»- Ordnung schassen. Erst wenn die Diktatur diese ibre geschichtliche Funktion erfüllt hat, wird durch die Zertrümmerung der Wirtschaft- lichen und politischen Macht des Kapitalismus die Ver- ivirklichung der vollen Freiheit des einzelnen in einer sich selbst verivallenden Gemeinschaft möglich. Ueber die revolutionäre Diktatur führt ber Weg zur sozialistischen Demokratie. Wir stehen allen Formen deS FglönSwnS>n unnerlöhn- licher Feindschaft gegenüber: wir bekämvken den National- soz'alismus nicht minder als den Faschismus der Kanonen- und Galaenchristen aber die monarchistiiche Reaktion Wir kämpfen im vollen Bewußtsein daft der Faschismus nv mit revolutionären Mitteln im Kampfe um die ganze MaHt überwunden werden kann, für die wiriichaftlichen und sozialen Iiftereven der Ar- beiierklave. ffir die Wiederherstellung des Knglftinns- und Streikrechts, für das Recht der Werktätige», ihre Gesinnung z» bekenne», um diese Rechte zur Niederringuug der faschistischen Diktatur auszunützen. Dielen Kanins führen mir im enasten Einvernehmen mit den Freien Gewerkschaften Die Arbeiterklasse im Rinnen um ihre täglichen wirtschaftlichen und soziolen Interessen und dem damit untrennbar verlnnvften Kampfe n« die Wiedereroberung der Freiheitsrechte zu sammeln, zu stärken, mit revolutionärem Kampfwillen zu crftillen und zur Webrbaktigkeit zn erziehen die werktätig"" Mallen der Ärdeitsbauern, der geistigen Arbeiter, der Mittelschichten in dem Kamps gegen klerikalen Gesinnungszwang und faschistischen Terror, gegen die Herrschast de« Grost»gpitgk» und de« Groftgrnndhesines mitzureißen— das ist die w-ch- tiafte Aufgabe zur Vorbereitung der Revolution gegen den Faschismus und dam»t zur Vekre>«na des ganzen«erk- tätigen Volkes vom Kapitalismus, von Ausbentung und Arbeitslosigkeit. Zu diesem Zwecke erstrebt unsere Partei die Bereinignna der gesamten Merreichischen Arbeiterklasse. Wie sie alle Schutzbundes, in sich vereinigen will, so wünscht sie auch die Gemeinschaft der Aktion und d-S Kamptes mlt denlenlaen Teilen der Arbeiterklasse, die sich de> Kommunistischen Par- tei Oesterreich-' angeschsosie'i habe» Unser Iiel ist ein neues Hginseld: wir ruien all» österreichischen Arbeiter zur Sin- heil im revolutionären Kompl. Unsere Pa'-'ei ist mit den Proletariern aller Zander in nn'ösbarrr Schickkoisoemelbschoft und in»nerichiitterlicher Solidarität»"•6i*'»6cn Innerhalb ber Soziolistitche,, Ar- beiterinteriigftonoke, hie die vberwieoende Mehrheit des cii-nniitirf"-«' Proletariat« vertritt, sie für die ITr-fn-rmi»*'»»« aller reformistischen Illusion"». für die unversöhnlich, ksean>>richaft g»«en iegliche Unterstützung eine» imnerialistilchen Kriege», für die Anerkennung der westaekchichtiichrn revolutionären e»"isii,na der Sowjetunion nnd sjir ibre nnrNehgltloie Verteidigung, ft'tr die Vereinigung des Wektproletariat» zu einer einzigen, weltnm- spannenden Internationale' Als Nav-,n der n-nen Agriei ichigoen mir dem Partei- lag vor: Vereinigte Sozialistische Partei Oesterreichs Z. Die St,!?""«» ni den Kommunisten Die Sozialisten Wien.' erstehen die Vereinigung der ae- s"nten Arheiter^soike, also gnch die Vereinigung der So- a- fisten nnd d"r Kommunisten zu einer einzigen revolutio- nären sozialistischen Partei. One rrst'ürvnS«es..Aus asdft rss' lD.D.i Nach der Tagung der Konferenz der Wiener So- zialistcn hat das„Auslands-büro österreichischer Sozialdemokraten(8110s), dessen Sitz in Brünn tu der Tschechoslowakei ist, folgende Erklärung beschlossen, dte die„Arbetter-Zeitung" vom 22. Sept. UWl veröffentlicht: „Die Wiener Konferenz hat beschlossen, der Wiener Partei- organisation den Namen„Wiener Sozialistische Organisa. tivn" zu geben und als Namen der Part«, dem konstituieren- den Parteitage„Bereinigte Sozialistische Partei Oester- reichs" vorzuschlagen. Dle Wiener Konferenz sieht die neue Partei als„Nach- solgeriu und Erbin der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Oesterreichs" an und bekennt sich mlt Stolz zu den Kämpfen und Killturtgten der österreichischen Sozialdemokratie. Aber sie ist der Meinung, daft die durch die Veränderung der Kampfbcdingiingen de» Proletariats notwendig gewordene Erneuerung der Partei auch in einem neuen Namen Aus- druck finde» solle. Da» AuslandSbiiro. dessen Ausgabe eS ist. da» politische, moralische und materielle Erbe der alten Partei zu wahren und ,u verwalten, wird bi» zur Entscheidung de» Parteitages seinen Namen beibehalten. Um aber die„ArbeiterZeitung" auS den Diskussionen über den Namen der Partei ,u rücken, wird sie bis zur Sntschei- dung des Parteitages im Sinn« der Auffassungen und Wün- sche der Wiener Konferenz von nun an mit dem Untertitel „Organ der österreichischen Sozialisten" erscheinen." Brutalität der Regierung Schuschnigg Dieser Tage sollte ein Transport von SO Kindern notleidender Februarkämpfer in die Schweiz gehen. Die Unter- Diese Vereinigung stöfti heute noch auf Hindernisse, die hauptsächlich in der Bcrichiedenheit der internationalen Be- zichunge» und in der Stellung zu taktischen Fragen des Tagestampies bestehen. Tic Vereinigung der Sozialisten und der Kommunisten kann aber nicht durch Manöver herbeigeführt werden, durch die eine proletarische Partei der anderen ihre Mitglieder zu entreiften ihre Organisationen zu Disziplinbrüchen z.u ver- leiten, die Führung des gesamten Proletariats an sich zu reiften versucht. Tie Einladung von einzelnen Sozialisten oder einzelnen Gruppen zu einem kommunistischen Parteilag ist nur ein Manöver, das solchen Zwecken dient. Die Bereinigung muft vielmehr dadurch vorbereitet werden, daß die beiden Parteien unter vorläufiger Wah- rung ihrer organisatorischen Selbständigkeit den Kamps gegen den Kapitalismus und gegen den Faschismus ge- meinsam durchgeführten Aktionen Vertrauen zueinander gewinnen, dag, bei voller Freiheil beider Parteien, ihre Aussassungen zn vertreten, alle«»griffe gegeneinander eingestellt werden. Erst wenn aus diese Weife die politischen nnd psncholoaischcn Voranssestnngen für ein« Verstau, dignng hergestellt sein werden, können sich die beide» Par- teien über die theoretischen und organisatorischen Probleme miteinander verständige» nnd dadurch die Voraus- fetzungen ihrer Verschmelzung zu einer Partei schassen. Nicht dadurch, daft eine Partei der anderen in kleinlichem Parteiegoismus die Mitgliedr abspenstig zu machen sucht, sondern nur durch tatsächliche Gemeinschaft des Kampfes, die 'chlieftlich zu Verhandlungen und zur Verständigung der be- rukenen Vertreter der beiden Parteien ftihrt, ist die Einigung zu erreichen. Aus die'er Erwägung beschließt die Konserenz: 1 Die Teilnahme von einzelnen Sozialisten oder Gruppen an kommunistischen Parteitagen oder Konferenzen wird ob- gelehnt. Eine Delegation kann nur von der Parteileitung beschlossen werden., Die Parteileitung ivird beauftragt, ebenso wie bisher auch weiterhin dahin zu wirken, daß die Partei ihren Kampf gegen die faschistische Diktatur in ständigem Einvernehmen mit den Kommunisten führe, daß gemeinsame Aktionen mit oen Kommunisten durchgeführt werden, daß jede beleidigende Polemik zwischen den beiden Parteien und jeder Versuch einer der beiden Parteien, da« organisatorische Gefüge der anderen zu stören, vermieden werden und daß auf diese Weise Verhandlungen von Partei zu Partei über deren engere Zusammenarbeit ermöglicht und vorbereitet werden. 4. An die denossen im Schutzbund Tie Konferenz der Wiener Sozialistischen Organisation anerkennt die Bedeutung des Schutzbundes als der prole- tarischen Wehrorganisation für die Vorbereitung und Durch- fiihrnng der proletarischen Revolution zum Sturz d"s Faschismus und für die Festhaltung der eroberten Me.',t durch eine proletarische Diktatur. Sie erklärt sich daher für die weitestgehende Unterstützung des gceiniqten Schutz- bundes. Unsere Partei ist sich aber bewußt, daß der bewaffnete Aufstand gegen die faschistische Diktatur nur siegreich•• t kau», me int daS Vorgehe» der Wchrsormatio» unteritisr wird durch den Kampfivillen der werktätigen Massen. D'wer kann die Aufgabe des Schutzbundes mir erfüllt werden n engsten Einvernehmen mit den Massen der Gesamtarbeii r- schast. Wir wenden uns gegen jeden Versuch, durch die Pro»«-- g'e--nng einer..Schutzbundpartei" oder dur* den einseitig a Mißbrauch der Wehrfonnation ftir die Zwecke einer Par i Verwirrung und die Gefahr neuer Spaltung in die A'» beiterklane zu tragen. Die Konkerenz fordert alle Genosien im S^utzbund auk, sii* aui der Gruudlaac ihrer Beschlüsse in der Bereinigken Sozialistische» Partei Oesterreich» zu sammeln Für k>:e Webrhastmachmig der Arbeiterklasse ist die politiickie?- ziehung der Schntzbundqenollen in der Partei ebenso not- wendig wie die Erfüllung der militärischen Ausgaben. Kämpft mit uns unter den roten Fahnen, unter denen Wallisch, Weiße, Münichreiter gekämpft haben! Kommt zu uns in die Reihen, in denen Werl mit- marschiert ist! Für die Erziehung der Arbeitermassen zur Wehrhaitigkeit! Für die politische Mitarbeit aller Schutzbündler in der Vereinigten Sozialistischen Partei! bringung der Kinder in Schweizer Familien war iiir S Monate gesichert Im letzten Augenblick vor der Abreise hat dl« Regierung Schuschnigg den Kindertransport verboten. Schiischn'SSs Brounbuch Wien, 4. Okt. In Wien ist das erste Braunbuch erschienen, da» den Titel trägt:„Beiträge zur Geschichte de» Juli- ausstände«". Es besaßt sich damit, inwieweit Deutschland an dem Ausstand beteiligt ist. Diese» Buch bringt bisher nur teilweise bekannte Schriftstücke, daß der Aufstand von deutscher Seite vorbereitet und von deutscher Seite her geleitet wurde. B«s Scbkchsa! Rln'elens Wie». 8. Okt. lInpreß). Trotz der schweren Kompromütie- rung Dr. Rintelens durch den Naziputsch vom 25. Iulj bekleidet der frühere österreichische Gesandte in Rom formell heute immer noch seinen Posten. Auch sein Gehalt al» Ge- sandter wird nach wie vor dem Regierungdtandidalen der Dollfußmörder regelmäßig ausgezahlt. Erst in den letzten Tagen ist in Wien das Projett aufgetaucht, Major Fe» zum Nachfolger RintelenS für den Gesandteuposten in Rom zu ernennen. Rtntelen selbst ist immer noch leidend. Nach der neuestep offiziellen Version soll er sein Gedächtnis eingebüßt haben, wa» bestimmten hochgestellten Persönlichkeiten der österrei- chischeu Politik sicher sehr zustatten käme. Merkwürdiger- weise wurde bisher kein Wiener Psychiater, sondern nur ein Nervenarzt au« der Provinz zu ihm gelassen, obwohl die Wiener psychiatrische Schule sich mit Recht de» höchsten An« sehen» in der ganzen Welt erfreut, Oeulfdke Stimmen•®eil a&c zur..JJeutscftcn Sfrettkett"• Ereignisse und yesdkicMen Mittwoch, dort 10. Oktober 1934 S)es Qeistes Doitendec' t JUofessoc schceik: 9iitiec, um QoitähnCichsten... Sinn der deutschen Geschichte war e«, Hitler hervorzubringen, Sinn und Zweck des deutschen Geisteslebens, in Hitler zu gipfeln. Zu dieser Ueherzeugung muß man kommen, wenn man die Tätigkeit der besten deutschen Verleger an Hand ihrer Waschzettel, Prospekte und der Vorreden ihrer Herausgeber verfolgt— usurpiert doch gleich der eine Verlag Alfred Kröner in Leipzig, dessen klassische „Taschenausgaben" einen solchen Sündenfall am wenigsten verdient hätten, ein gutes Hutzend Denker für die Vorgeschichte des„dritten Reiches". Da lesen wir gelegentlich einer Auswahl aus Leibnizens Hauptwerken, sie dürfe,„bei der Selbstentdeckung des deutschen Geistes, in der wir stehen, größter Beachtung gewiß sein. Die großen Gedanken seiner Hauptwerke, die uns heute aufs höchste bewegen, sind noch nicht halb ausgeschöpft." Der Herausgeber Professor Dietrich Mahnke aber exferpiert Leibnia so. daß uns Hitler förmlich als späte Erfüllung der kühnsten Wunschträume des Philosophen erscheinen muß. Man höre: „Das theoretische Erkennen und Glauben vollenden sich erat im„practice denken, das ist tun, als wenns wahr wäre, und im„practice wollen, das ist alles tun, was in unseren Kräften ist, um wahr und wirklich zu machen", was wir als das Beste erkennen und glauben. Die g o 11- ä b n liebsten Menschen sind also nicht die großen Philosophen und nicht die frommen Priester, sondern die weltwirksamen„Politiker(oder) Leiter der öffentlichen Angelegenheiten, als welche sie sich bemühen, nicht allein den Glanz göttlicher Herrlichkeit in der Natur zu finden, sondern auch durch Imitation nachzuahmen". Lolche politische Menschheitsführer,„welchen Gott zugleich Verstand und Macht in hohem Grade gegeben, sind die Helden, so Gott zu Ausführung seines Wilsens als prinzipalste Instrumente geschaf- f e n"; sie sind es, die das wahre Wesen des Weltschöpfers am vollkommensten, sozusagen als seine irdischen Statthalter, repräsentieren." Wer sieht bei diesen Worten nicht den Herrn Professor Mahnke, wie er dem großen Adolf mit idealistisch geistiger Zunge die Stiefel leckt? Aber er begnügt sich beileibe nicht, bloß den einen Leibniz in Hitlertribut zu nehmen, sondern fährt nach einem kräftigen philosophisch-metaphysischen Atemholen folgendermaßen fort:„Die gleiche doppelseitige Synthese", derselbe„tiefe, echt deutsche Tatglaube. in dem die theoretisch idealisierende Weltanschauung mit der praktisch realisierenden Kulturpolitik" zusammenklingen und„die zu allen Zeiten für das wahrhaft deutsche Leben bezeichnend gewesen" sind, äußern sich;,in Meister Eckharts aktiver Mystik mit ihrem.Ausbrechen der Gottinnigkeit in die Wirksamkeit' wie in Kants Höchstwertung der.praktischen Vernunft' oder in F i c h t e s Idealismus der Tat", und sie werden„dichterisch am schönsten von Goethe in der Gestalt Fausls verklärt". Ja. offenbar sah Goethe, als er seine berühmte Verse Auf neuer Bahn den Aether zu durchdringen, zu neuen Sphären reiner Tätigkeit dichtete, genial vorausschauenden Auges bereits den herrlichen Mann aus Braunau vor sich, der sich erst unlängst in Hamburg fünfzehn Jahre unermüdlicher„Tätigkeit" selber attestiert hat. Wiedergeboren— auf der Bauchbinde Um die von Mahnke bloß im groben Umriß angedeutete Zeugenschaft des deutschen Geistes für Hitler ganz anschaulich werden zu lassen, bringen wir gleich zwei Verlage, der Inselverlag au Leipzig und der schon vor dem „großen Aufbruch" gleichgeschaltete Eugen Diedrichs in Jena,„ungekürzte Volksausgaben" der„Schriften" Meister Eckharts heraus und Diedrichs schämt sich nicht, auf der Bauchbinde der seinen zu bemerken: „In Meister Eckhart tritt zuerst und bewußt der neue, der wiedergeborene germanische Mensch in Erscheinung. Heute scheint es wie ein Dämmern durch das deutsche\ olk zu gehen, das anzeigt, als sei es reif geworden für den Apostel der Deutschen, den.heiligen und seligen Meister'. Die Uehertragung Hermann Büttners gehört als erste Schrift in jedes deutsche Haus. Alfred Rosenberg im.Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts." Doch seien zur Richtigstellung des Bildes und zur Ehre Meister Eckharts, dieses echten, Gewalt und Ueberhebung verabscheuenden Christen, folgende schöne Kernsätze seiner Lehre angeführt:„Gott ist ebenso wahrhaftig die Liebe, als er die Wahrheit ist; und ebenso als er die Güte ist, ist Gott wahrhaftig die Liebe. Liebe kann überhaupt nirgends bestehen, als wo Gleichheit und Einheit ist. Zwischen dem Knecht und dem Herrn ist die Liebe niemals gleich, und alle ungleichen Dinge fliehen sich und hassen sich untereinsnder." Oder:„Wir können wohl irdisches Gut geben; aber die Ehre, die wir einem Menschen nehmen, vermögen wir nicht wiederzuerstatten, sie wird uns allzu schwer. Darum mußt Du, lieber Mensch, auf deine Worte sehen." Und schließlich: „Das Edelste, was im Menschen ist, ist das Blut, wenn es zum Guten treibt; aber das Aergste, was im Menschen ist, ist das Blut, wenn es zum Bösen will." Rangordnung von Führer und Geführten Von dem unheiligen und jedenfalls höchst Eckhart-fernen Geist getrieben, die besten Deutschen für Adolf Hitlers Größe zeugen zu lassen, kündigt der Krönersehe Verlag als nächste Bände der„Taschenausgabe" E. M Arndts „Volk und Staat", Heinrich von Treitschkes„Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert", eine„Deutsche Geschichte seit 1918 in den Dokumenten" und eine„Deutsche Geschichte seit Bismarck" an, und wie die aussehen, bzw. eingeleitet sein werden, läßt die folgende Verlagsnotiz zu Pia ton s „S t a« t" ahnen: „Die geforderte Vereinigung von Geist und Macht in der gleichen Hand, die entworfene Rangordnung von Führern und Geführten und der Erziehungsplan für den neuen Adel» die neue Führerschicht verleihen dem Buche über seine zeitlose Geltung hinaus höchsten Gegenwartswert." Wenn es Piaton recht sein muß, mit der„Vereinigung von Geist und Macht" Hitler, Göring und Goebbels, mit dem „Erziehungsplan für den neuen Adel" die Dolchmesser und Handgranaten-Geländespiele der Hitlerjugend gemeint zu haben, so ist es für Paul de Lagarde nur mehr als billlig. daß der Band 110 der Sammlung sein„Bild unter dem Gesichtspunkt" zeigen soll,„unter dem wir heute den zu neuem Leben erweckten Künder echten Deutschtums sehen. Als Buch einer Gesinnung, die das Wohl des Ganzen über den privaten Vorteil stellt, zählt es zu den führenden Schriften des neuen Deutschland." Phänomen Kant im Lichte Schmidts Der nationalsozialistische Heißsporn Lagarde mag es nicht besser verdienen, obwohl er das„Wohl des Ganzen" und den„privaten Vorteil" weit sinnfälliger und vor allem sauberer zu scheiden wußte als die Gemeindewahlpropheten von heute. Aber wie kommt ImmanuelKant dazu, daß eine Auswahl aus den„Drei Kritiken" durch Prof. Dr. Raymond Schmidt in die Sätze ausklingt: „Wo aber ist die philosophische Persönlichkeit, die aus einer Gesamtschau des Phänomens Kant die Menschheit in Bewegung setzt? Die die Menschen zu innerer Freiheit erzieht durd) Erziehung zur Einsicht in das Wesen der Pflicht? Die den Menschen den Glauben wiedergibt an eine politische und gesellschaftliche Zukunft,»wie sie sein sollte'?" Wo? Natürlich in der Reichskanzlei zu Berlin, beziehungsweise auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden, denn Schmidt fährt prompt fort: „Wenigstens glauben wir, daß der Grundsatz, zu dem das neue Deutschland sich bekennt—.Gemeinnutz geht vor Eigennutz'— daß der Geist der Pflichterfüllung und der opfervollen Hingabe, den der Führer unteres Volkes von uns fordert, aus denselben moralischen Instinkten stammen, die Kant einst veranlaßten, den.kategorischen Imperativ der Pflicht' zu formulieren und das Wissen zu zerstören, um für den Glauben und für das rechte Handeln Platz zu machen." So reichen einander(man verzeihe das schiefe Bild der schiefen Sache zuliebe) Leibniz und Kant, Prof. Mahnke und Prof. Schmidt unter den Fittichen des Kröner-Verlages gerührt die Hand, um dem Reichsführer und Reichskanzler den gebührenden Platz in der deutschen Geistesgeschichte anzuweisen. Aber wie werden die Herren Professoren und Verleger ihr horizontales Gewerbe—*»„Gemeinnutz geht vor Eigennutz"— umstellen, bis einmal das neue Tausendjährige Reich erledigt und die Hitlerkonjunktur in der Philosophie und auf dem Büchermarkt vorbei sein wird? JUchti# Mau Aus dem Briefkasten def^^Presdner Nachrichten" ** Nichte Ann i(30. Pfg.)„Sicher hast Du auch Hitler gesehen! Ich war auch so glücklich! Nach den Bildern nahm ich an, daß des Führers Haarfarbe schwarz ist. Nun habe ich zu meinem Erstaunen gesehen, daß dies glicht-zutrifft. Des liihrers Haar erschien mir als ein wunderschönes, helles Kastanienbraun. Kannst Du mir dies bestätigen? Man sagt, ich hätte mich geirrt."— Du hast Dich nicht geirrt. Uebrigens: dem Onkel ists genau so gegangen wie Dir. Nach allen(auch gemalten) Bildern des Führers hatte er sich die Haarfarbe viel dunkler vorgestellt als sie in Wirklichkeit ist. Die meisten Maler haben den Führer offenbar nie gesehen. Das Haar ist nicht einmal„kastanienbraun", dazu fehlt ihm das „Rötliche". Es ist vielmehr„erdfarben", so wie etwa ins graue spielende Erde, wenn sie trocken wird. Aehnlich ists mit dem Auge; das malen die Maler auch viel zu dunkel, die meisten fast schwarz. Die Augen des Führers sind richtig blau, zwar nicht das norddeutsche Wasserblau, sondern blau mit starker Beimischung von grau. Vielleicht ist es aber die Festigkeit und Größe seines Blickes, was den meisten, die sein Auge nur auf Augenblicke sehen, diese Augen als sehr dunkel erscheinen läßt." Die ueudeutscfie Mite Wissenschaft der Rassewarte In Hannover tagte die Jahresversammlung der Deutschen Naturforscher und Aerzte. Auf welches Niveau diese vormals würdigste Veranstaltung der deutschen Wissenschaft herabgesunken ist, mögen einige Zitate aus den dort ver- klungenen Referaten beweisen. Prof. Schmeidler über Ziele und Methoden der theoretischen Mathematik:„Un- berchiänktheit der raathematischen Forschung ist notwendig, aber ebenstes Ziel bleibe dabei immer das Wohl des Staates und des deutschen Volkes!" Prof. Rüdin über„Erbbiologisches Denken:„Es müssen der Jugend wieder Früh- heiraten ermöglicht werden unter Befolgung der Regeln rassenhygienischer und völkischer Zuchtwahl. Eine erhöhte Kinderzahl wird nicht ausbleiben, wenn grundsätzlich nur kinderliebende Frauen geheiratet werden." Prof. Liegest, Güttingen, über die Ausbildung der Juristen:„Aufrechterhaltung der Schulung zu klarem Denken, aber nicht in Voraussetzungslosigkeit, sondern immer in Zusammenhang mit den Belangen des völkischen Lebens." Boykottdrohung gegen Oesterreicher Aus Berlin meldet die„Politische Korrespondenz": Der „Angriff" greift das„Berliner Tageblatt" heftig an, weil dieses einen Artikel brachte, der sich mit dem modernen österreichischen Schrifttum befaßt. Der Angriff tritt dafür ein, über jene österreichische Schriftsteller, die für die österreichische Idee arbeiten, in Deutsehland den Boykott»u verhängen, AutackitzCiches Mein Führer, dürfte frei ich kiesen. Ich kiette für die Autarkie. Wir brauchen dann nicht mehr Devisen. Kur Wiesen für das heim'sehe Vieh. Wie ist der Zustand doch ersprießlich, Trägt man statt Wolle Cellophan. Und kleidet sich— ganz autarkieslich— In Stoffe aus der Birke Spahn. Statt Kaffee, Tee sowie Kakao Schlürft jeder seinen Morgentrank, Und ist von diesem Mordsgebra-o Falls Mittags nicht, dann Abends krank. Und schmaucht der Bürger Heldenknaster Aus Eichenleib und Buchenrind', Wer weiß, ob dann das Tabaklaster Koch irgend welchen Anfang find't. Ernährt, gekleidet bodenständig. Ist uns das ganze Ausland wurscht. Wir löschen absolut inwendig Den Körper- wie den Wissentdurscht. Die mögen, was sie wollen, schreiben. Wir kehren einfach uns nicht drum. Wir lesen treu„Mein Kampf" und ble Für alle Zeit autarkisch dumm. Wir finden an uns selbst Genügen, Sind uns Ersafi für Welt und All: Denn Autarkie ist das Vergnügen Am selbstgeförderten Verfall! Mucki. cKenci Jiacieau Henri Marteau, der große französische Geiger ist gestorben. Ein Geiger, dem es um mehr alt Virtuosenkunststücke zu tun ist, muß sich mit der deutschen Musik befreunden. Denn wie arm wäre er ohne die Konzerte von Beethoven, Mendelssohn, Brahma, Bach und Mozart! Der Franzose Marteau setzte sich nun ganz besonders gründlich mit den deutschen Meistern auseinander. Seine besondere Liebe galt Mozart. Aber nicht nur, daß sich Marteau deutscher Kunst sehr verbunden fühlte— er lebte auch lange in Deutschland und wirkte dort bedeutsam als Lehrer. 1908 ging er als Nachfolger Joachims an die Berliner Akademie der Tonkunst und blieb bis ins erste Kriegsjahr in dieser Stellung. Auf besondere Fürsprache Kaiser Wilhelms wurde er, obgleich er Franzose war, bei Kriegsausbruch nicht interniert. 1915 verließ der Künstler jedoch freiwillig Berlin, übersiedelte nach Schweden, ließ sich dort naturalisieren und wurde Kapellmeister in Göteborg. Nach dem Krieg unterrichtete er einige Jahre an der Deutschen Akademie für Musik und darstellende Kunst in Prag und war auch Rektor dieser Anstalt. Später lehrte er wieder in Deutschland: in Leipzig und Dresden. So sehr Marteau als Virtuose und Lehrer beschäftigt war, fand er noch die Zeit, zahlreiche Stücke der Musik- literatur au bearbeiten und eine stattliche Zahl eigener Werke zu schreiben, darunter eine Oper, eine Symphonie, Kammermusik, viele Lieder und mehrere Chorwerke. Die Bedeutung des Komponisten Marteau stand freilieh wesentlich zurück hinter der Bedeutung des Geigers Marteau, der immer genannt werden wird, wenn von den großen 3 iolin- virtuosen unserer Zeit die Rede ist. WettoHschautich in£aqem „Neue Wege ärztlichen Denken«" In der Münchenr Universität wird zur Zeit eine„Akademie für Aerztliche Fortbildung" nach neudeutschen Gesichtspunkten abgehalten. Ueber die Ziele dieser Schulungskurse erklärte bei der Eröffnungsfeier der Staatskommissar für das Gesundheitswesen in Bayern, Ministerialdirektor Dr. Schnitze:„... Die Sozialversicherung wurde(vor der Machtergreifung Hitlers) umgefälscht zu einem Instrument des Klassenkampfes; im Gefolge davon wurde die ärztlich« Kunst herabgewürdigt zur Massenarbeit.." Also nicht Massenarbeit, sondern„systematische Schulung, weltanschaulich in Lagern, wissenschaftlich in Fortbildungskursen, soll die bereits praktizierenden Aerzte hinführen zu der neuen biologisch und rassisch orientierten Denkweise des uns als Ziel vorschwebenden neuen Aeratetyps..." Z)ie JJieatectaQUHQ in Rom Im Schöße der Volta-Stiftung veranstaltet die Königliche Akademie Italiens>^>m 8. big 14. Oktober in Rom eine internationale Tagung, die dem Drama und dem Theater gewidmet ist. Zum Vorsitzenden des Komitees wurde Luigi Pirin- d e 1 1 o ernannt, ferner gehören dem Komitee u. a. Ugc Ojetti, Romagnoli und Marinetti an. Einige der bekannteste* Dramatiker, Dramaturgen und Regisseure haben ihr Ef scheinen zugesagt! Gerhart Hauptmann, Clandel, Girandoux, Antoine, Maeterlinck, Yeats werden su den gestellten Hauptthemen in Vorträgen Stellung nehmen. Zur freien Diskussion stehen die aktuellen Fragen des Schauspiels im Verhältnis zur Oper, zum Massentheater und zur modernen Bühnentechnik, zum Film und Radio. Während der Tagung wird eine Fegtaufführung von Gabriele d'Annun- zios Schauspiel„La Filia die Jorio" unter der Leitung von Pirandello stattfinden. Hai er braune Garantien gegeben? Professor Dovifat, dessen Abberufung' jüngst gemeldet wurde, hat saine Tätigkeit am Deutschen Institut für Zeitungskunde wieder aufgenommen. In der Zeit vom 21. Oktober bis l. November veranstaltet das Institut«inen aei- tungspraktischen Fortbilduagiktznu», dar von Professor Do. vifat geleitet wird. Völker In Sturmzelten Nr. 4t Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers So war es in Versailles... Von Victor Schiff Die deutschen Gegenvorschläge Gerade iu diesem Punkt ist Brockdorff-Rantzau gegenüber Seeckt fest geblieben, weil er einmal allem Militaristischen abhold war und weil er zweitens die Notwendigkeit dieses Versuches klar erkannte, das Mißtrauen der Gegner durch eine weithin sichtbare Tat ad absurdum zu führen. Richtig ist— das sei schon jetzt bemerkt—, daß dieser Versuch mißlaug. Die Antwort Clemrnceaus vom 16. Juni begnügte sich mit der kaltschnäuzigen Registrierung der deutschen Bereitwilligkeit. Auf das Angebot bezüglich der Schlachtschiffe ging sie überhaupt nicht ein— offenbar, weil es den Siegern die Sprache verschlagen hatte und weil jede Antwort darauf nur ihre Verlegenheit gegenüber diesem klaren Beweis der friedlichen Gesinnung des deutschen Volkes enthüllt haben würde. Dieser I eil der deutschen Vorschläge ist übrigens damals in der deutschen Oeffentlichkeit kaum angegriffen worden, btir die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes war die Heeresfrage von sehr nebensächlicher Bedeutung im Vergleich zu den schmerzlichen Gebietsabtretungen und drückenden Fiuanzlastcn, die es vor allem anderen abzuwenden galt. Hundert Milliarden Goldmark Um so mehr wurde das finanzielle Angebot kritisiert, das die deutschen Sachverständigen gemeint hatten, verantworten zu können: Die vorgeschlagene Entschädigungssumme von 100 Milliarden Goldmark wurde als wahnsinnig hoch und unerfüllbar bezeichnet. Da unter den deutschen Sachverständigen auch jüdische Bankiers wie Melchior, Warburg und Wassermann waren, benutzten die rechtsradikalen Kreise dieses Angebot zu einer antisemitischen Hetze. Die Juden wollten das deutsche Volk an das Enteniekapital verkaufen. An der Hamburger Börse, wo Melchior und Warburg eine führende Rolle spielen, kam es zu antisemitische» Kundgebungen. Daß auch durchaus..arische" und sogar rechtsgerichtete Finanziers wie Urbig und von Stauß diesen Vorschlag mitverantwortet hatten, störte diese Kreise natürlich nicht Ueberhaupt konnte man in den Wochen von Versailles die ersten stärkeren Symptome einer Wiedergeburt der antisemitischen Bewegung in Deutschland beobachten. Die 100 Milliarden waren nur ein bequemer äußerer Anlaß dazu. Wie verhielt es sich in Wirklichkeit mit diesem Angebot? Sein Grundgedanke war, deutsches Land dem Reiche zu erhalten durch ein ungeheures finanzielles Opfer, das den Siegern in die Augen springen würdet: 100 Milliarden Gold, — mußte diese Summe nicht eine gewisse faszinierende Wirkung ausüben? Die hauptsächliche Voraussetzung war freilich klar betont: daß Deutschland keine weiteren Gebietsverluste erleide als Elsaß-Lothringen, den größten Teil der Provinz Posen und die nördliche Abstimmungszone von Schleswig. Dagegen sollten Westpreußen lind Danzig sowie Oberschlesien, Meinel, Eupen und Malmedy bei Deutschland verbleiben, auch hätte Deutschland seine früheren Kolonien im Auftrage des Völkerbundes weiter verwalten dürfen. Das Privateigentum Auch wirtschaftliche, namentlich handelspolitische Voraussetzungen waren an das Angebot geknüpft: z. B. die Rückgabe des während des Krieges im Auslande beschlagnahmten Privateigentums, die sofortige Haudelsgleichheit mit den Vertragsparteien, die Beibehaltung einer eigenen Handels- s flotte usw. Was die erste Schuldverschreibung in Höhe von 20 Milliarden betrifft, so wäre sie durch die nach dem Waffenstillstand erfolgten Zwangslieferungcn iu Kriegsmaterial— selbst wenn man nur dessen Schrottwert berücksichtigt—, an Eisenhahnmaterial, an landwirtschaftlichen Maschinen usw., die gutgeschrieben werden sollten, nicht unerheblich reduziert werden. Ebenso hätte die Anrechnung eines prozentualen Anteiia der abzutretenden Gebiete an den deutschen Staatsschulden sowie der Wert der dortigen Eisenhahnen und Staatsgüter, und schließlich die Anrechnung der noch zu erfolgenden Sachleistungen in Kohle, Benzol usw. die erste Rate weiter vermindert. Wieviel sie letzten Endes am Fälligkeitstermin vom 1. Mai 1926 betragen hätte, läßt sich schwer sagen, alier es wären jedenfalls noch viele, viele Milliarden gewesen, die Deutschland in diesen ersten fünf Jahren bezahlt haben würde. Dann würde Deutschland zehn Jahre lang je eine Milliarde aufgebracht haben und vom Jahre 1937 an weitere Annuitäten, die die deutsche Delegation selbst auf beinghe die Summe des letzten Friedensangebots-schätzte, das sind mehr als zwei Milliarden Gold. Ablehnung der Studienkommission Heute gibt ea viele Franzosen und Engländer, die bedauern, daß man auf dieses Angebot damals nicht bereitwillig eingegangen sei. Als typisch für diese Stimmung mag der Kommentar angesehen werden, mit dem im September 1928 ein bekanntes Pariser Blatt das Bild des verstorbenen Grafen Brochdorf f-Raiitza» versah:„Der Mann, der uns in Versailles 100 Milliarden Goldmark anbot, die wir leider ablehnten." Auch wenn man alle Voraussetzungen und Einschränkungen berücksichtigt, an die dieser deutsche Vorschlag geknüpft war, so bleibt in der Tat bestehen, daß Deutschland damals zu einer ungeheuren finanziellen und wirtschaftlichen Kräftanstrengung im Interesse der Wiedergutmachung des angerichteten Schadens bereit war, falls man auf seine sonstigen territorialen Vorschläge eingegangen wäre. Von den übrigen deutschen Gegenvorschlägen sei nur noch die Anregung einer unparteiischen Kommission zur Prüfung der Kriegsschuldfrage hervorgehoben. Bei der damaligen Stimmung in den Siegerstaaten war dieser Vorschlag natürlich aussichtslos. Dennoch utuJiH' et g-lw.e..><:. den. um die Gegenseite bei der erwarteten Ablehnung moralisch ins Unrecht zu setzen. Die Kriegsschuldige beschäftigte in den ersten Jahren nach dem Kriege die Gemüter hüben und drüben weit mehr, als es heute der Fall ist. Das war psychologisch begründet. Vor allein aber war im Friedensvertrag die Wieilergutinarhiingspflicht Deutschlands ans dessen aus- schließlicher Verantwortung am Kriegsausbruch hergeleitet. Nicht im Interesse einer Ehrenrettung des kaiserlichen Deutschland, sondern im Interesse der historischen Wahrheit und vor allem, um den finanziellen Lasten ihre scheinheilige Begründung zu nehmen, war Deutschland genötigt, dem Artikel 231 mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. Natürlich wurde der Vorschlag der Einsetzung einer unparteiischen Studienkonimission von der Gegenseite rundweg abgelehnt, oder vielmehr in ihrer Antwort nicht einmal erwähnt. Vielmehr wiederholte Clemenceau in seiner Mantcluote vom 16. Juni die Anklagen der Entente in verschärfter Tonart, allerdings auch nur in ganz allgemeinen Redensarten ohne jeden historisch-wisse»schuft liehen Wert. Die Kolonien Unmittelbar vor der Uebergalie der Gege.iu oililäge waren die meisten Sachverständigen abgereist. Vor ihrer Abfahrt hatte Brockdorff-Rantzau an sie eine Ansprache gerichtet. um ihnen für ihre Mitarbeit zu danken und die Hoffnung auszusprechen, daß er nochmals an sie würde appellieren müssen, falls sich nämlich die Gegner doch noch entschließen sollten, den Weg der mündlichen Verhandlungen zu beschreiten. Diese Hoffnung war zwar nur noch sehr gering, aber das deutsche Angebot erschien uns so weitgehend und so fair, daß wir allgemein dachten, es würde wenigstens auf einen Teil der Alliierten einen starken Eindruck machen. Noch immer rechnete man vor allem auf Lloyd George, von dem man wußte, daß er seiher mündliche Verhandlungen Wünschte. Indessen hatte man, wie mir scheint, einen Fehler gemacht, durch den man sich die Hilfe des britischen Premierministers verscherzte: Man hatte sich nicht dazu entschließen können, die Kolonien preiszugeben und lediglich die Anrechnung ihres Wertes auf die deutsche Repara- tionssumme vorgeschlagen. Die Kolonialfrage war aber gerade der schwache Punkt der britischen Position gegenüber den übrigen alliierten. England hatte sich den Löwenanteil an der Kolonialbeute gesichert, allerdings erst nach einem heftigen Kampf mit den Franzosen, Italienern und Japanern. Kam es zu mündlichen Verhandlungen mit den Deutschen. dann mußte Lloyd George befürchten, daß auch die Kolonialfrage abermals aufgeworfen werden könnte. Mit dieser Drohung hielten die Franzosen die Briten bei der Stangp. Angegeben, es war für die Deutschen psychologisch sehr schwer, sich in dieser Frage kampflos zu fügen und die maßlose Heuchelei der.,Abtretung an den Völkerbund" stillschweigend zu erdulden. Aber rein realpolitisch betrachtet, wäre es vielleicht doch zweckmäßiger gewesen, denn nur so konnte man einen festen Keil zwischen Lloyd George und Clemenceau treiben. Was es sechs Jahre später gewesen wäre Man mag heute nachträglich noch diese oder jene Einzel- heil au den deutschen Gegenvorschlägen kritisieren. Solche Kritik ist leicht und billig. Damals war es jedenfalls sehr schwer, die richtige Grenze zu ziehen: Wie weit mußten wir gehen, damit unser Angebot ernst genommen und diskutiert werde, wie weit durften wir gehen, ohne uns Blößen zu geben und ohne dem Feind das Spiel allzu leicht zu machen? Im großen und ganzen scheint es aber, daß die Delegation das Richtige getroffen hat. Das deutsche Angebot war diskutabel und die ganze Welt, mit Ausnahme, vielleicht von Polen, wäre heute weit besser daran, wenn der Friede auf der Grundlage der deutschen Gegenvorschläge geschlossen worden wäre. Man kann sogar ruhig sagen: würde der Friede, anstatt in einer Epoche, der allgemeinen Kriegspsychose, sechs Jahre später, in der Zeit von Locarno und Thoiry. geschlossen worden sein, er würde ungefähr so ausgesehen haben, wie ihn die deutsche Delegation am 29. Mai 1919 vorgeschlagen hat. Damals freilich war leider nicht daran zu denken. Das sollten wir bereits am Tage nach der L«hergäbe unseres Angebots erkennen. Denn die Sache fing damit an. daß der Oberste Rat der Alliierten über die deutschen Gegenvorschläge die Zensur verhängte! Es durfte in den Ententeländern nur das offizielle Resümee veröffentlicht werden, das die Leitung der Pariser Friedenskonferenz herausgab. Die deutsche Denkschrift selbst, also die Einzelheiten des deutschen Vorschlage«, seine überzeugende Begründung, all das wurde der öffentlichen Meinung der Siegerländer ein- fach unterschlagen. Dafür bezeichnete schon am ersten Tage die Pariser bürgerliche Presse übereinstimmend das deutsche Angebot als eine„Unverschämtheit". Als wir dieses Echo vernahmen, wußten wir. daß von einem mit solchen Mitteln arbeitenden Gegner kaum noch etwas Gutes zu erwarten wäre. Der volle Wortlaut der deutschen Gegenvorschläge ist dann bald danach zur Veröffentlichung freigegeben worden: nämlich am 17. Juni, nach der Uebergabe der endgültigen Bedingungen der Entente: also erst dann, als man nicht mehr zu befürchten brauchte, daß die öffentliche Meinung in England, in Amerika, in Itälien und sogar in Frankreich auf den Inhalt des deutschen Angebotes und auf seine Begründung sympathisch reagieren könnte. So geschehen im Zeichen der 14 Punkte Wilsons, dessen erster gelautet hatte:„Offene und öffentlich abgeschlossene Friedensverträge Die Diplomatie soll immer aufrichtig und vor aller Welt getrieben werden." Die letzten Wochen in Versailles Untätiges Warten— Die letzten Hoffnungen schwinden— Schlechte Nachrichten aus Deutschland— Die Deutschen in Versailles als Ausflugsziel für die Pariser— Beratungen über die künftige Taktik— Der letzte Tag Nachdem die deutschen Gegenvorschläge überreicht wurden, war die Delegation zur Untätigkeit verurteilt. Die meisten Sachverständigen, ein großer Teil der diplomatischen Beamten reisten zurück. Audi von den Hauptdelegierten blieb eigentlich nur Brockdorff-Rantzau dauernd in Versailles, die anderen, besonders die beiden Kabinettsmitglie- der Landsberg und Giesbcrls begaben sich wieder nach Weimar, um die Regicrungsgeschäfte wahrzunehmen und mit der Absiebt, erst am Tage der Ueberreichiing der endgültigen Antwort wieder in Versailles einzutreffen. Für die Zurückgebliebenen begann eine Zeit des Abwarten«, die durch die erzwungene Untätigkeit und durch die drückende Ungewißheit besonders schwer zu ertragen war. Es war ein wunderbarer heißer Sommeranfang, der Park von Trianon, den wir nur noch an bestimmten Tagen und Stunden benutzen durften, entfaltete seine schöne Pracht, welche durch die im Kriege eingetretene Vernachlässigung der verborgenen Stellen an urwaldarliger Ueppigkeit und Stille nur gewann. Aber die stundenlangen Märsche durch die Alleen und Gebüsche vermochten nicht unsere trüben Gedanken zu verscheuchen, von denen uns nur wirkliche Arbeit hätte ablenken können. Am Vormittag studierte man eifrig die französische Presse, am Abend, wenn der Kurier eintraf, die heimatlichen Zeitungen. Man erspähte die leisesten Andeutungen der Pariser Blätter über die Aufnahme der deutschen Gegenvorschläge und versuchte, aus ihnen irgend welche Fingerzeige über die kommende Antwort der Gegner zu gewinnen. Aber meist vergebens. Es waren immer die selben Leitartikel, haßerfüllt, höhnisch, zynnisch und drohend. Jede Abänderung der„noch viel zu hochherzigen" Bedingungen wurde als ein unerträglicher Gedanke zurückgewiesen, die französischen Unterhändler wurden aufgefordert. gegenüber etwaigen Einflüsterungen allzu weicher Bundesgenossen unbedingt fest zu bleiben. Die Protestkundgebungen in Deutschland seien nur Bluff, schließlich würden dir Deutschen doch unterzeichnen. Und wenn nicht, dann würde man sie schon zu zwingen wisseil. Die Haltung der Sozialisten Eine Ausnahme in diesem Chor des Hasses un! Gewalt bildeten nur die sozialistischen Blätter. Aber ihr Protest gegen die Gewaltpolitik der Sieger trug den deutlichen Stempel der Ohnmacht. Sie wagten nicht, den Deutschen die Ablehnung anzuraten. Und das ist nur allzu begreiflich: denn konnten sie sich mit dem Odium belasten, dazu bei- trafen„zu haben, daß uoeb immer nicht Schluß mit dem Kriegszustand gemacht werde? Hätten sich dann die Enttäuschung und der Zorn der eigenen Anhänger, insbesondere unter den noch immer nicht entlassenen Frontsoldaten, nicht gegen sie selbst gekehrt? Keine Partei in Frankreich konnte die Verantwortung übernehmen. So war es für die französischen Sozialisten viel bequemet, bei allem scharfen Protest gegen die eigenen Machthaber auch die deutsche Regierung und insbesondere die deutschen Mehrheitssozialisten unter Berufung auf die damaligen Anklagen der deutschen Unabhängigen anzugreifen und im übrigen darauf hinzuweisen, daß die USP. für die Unterzeichnung eintrete. Es hieße die historische Wahrheit verschweigen, wenn man nicht betonte, daß in diesem Stadium der Verhandlungen die demonstrative Propaganda der Unabhängigen für die Unterzeichnung des Vertrages die taktische Position der Deutschen nicht unerheblich erschwerte. In diesen entscheidenden Tagen, in denen die Alliierten über dje endgültigen Bedingungen berieten, war die Sorge vor einem deutschen „Nein" der einzige Grund, der sie veranlassen konnte, wesentliche Abänderungen zuzugestehen. Diese Sorge beherrschte offenkundig einen großen Teil der englischen und amerikanischen Presse, deren Echo täglich nach Versailles drang. Aber die bürgerlichen französischen Blätter erklärten diese Sorge für unbegründet. Sie verschwiegen zwar, daß auch die Unabhängigen den Inhalt des Vertrages ebenso scharf verurteilten wie jede andere deutsche Partei, umso mehr unterstrichen sie aber die Tatsache, daß der radikale Flügel der deutschen Arbeiterschaft die Unterzeichnung fordere und daß die Weimarer Regierung es kaum wagen würde, sich dieser revolutionären Volksbewegung entgegenzustellen. Man brauche«ich daher nicht besonders anzustrengen und den Deutschen weitere Konzessionen zu machen. Erstes Aufsuchen der Dolchstoßlegende Die Lektüre der deutschen Presse war zum Teil nicht viel erfreulicher. Es war deutlich zu beobachten, wie die Rechtshlätter die mächtige Protestbewegung im Volke für parteipolitische Zwecke auszunützen bestrebt waren. Die abgedroschensten Klischees aus der Zeit der Kriegspsychose wurden wieder herausgeholt und als Parolen aufgetischt: „Lieber tot als Sklav'!"„Der Gott, der Eisen wachsen ließ..." Der Protestbewegung auf dieser Seite fehlte jedes realpolitische Augenmaß, aber auch jeder sittliche Ernst. Sie trug sehr deutlich den Stempel der parteipolitischen Agitation und der Konjunkturausnuttung. f'orUetzuiig folgt) Nene Hetzkampagne gegen die Inden Besdiiadnahme judisdier Malier- Der„gefährliche Sdialom Asdi fVi,^hLr- v*? n ,. ÖCÄ Relchspropagandaministers Dr. uui^r^'s.i> r(.L l1tr"Angriff", feist in einer neuen Ar- '^elb»uci gegen angebliche„Uebergrtfse" und 'wöcHcn der in Deutschland verbliebenen Juden fort. öu..7scha"" lo^ez°g?n^ Me"^«dische »./iil«f Bezusnabme auf die im.Angriff" erscheinende Ar- m'' ä. ö 11 nach Palästina" hatte VL«««*»««: d" Hoffnung Ausdruck gegeben, .•WH*.» o.V® c objektives Bild vom Judentn-n ven vermitteln wlirdcn. Darauf erwiderte der «Arft'•«Die Judentrage ist eine politische Fraae ersten S e r;" nö k,e kann Völlens aus nur politisch, nicht ltnn ontgrrltch-moraliich vom-Standpunkt eines einzelnen aus, £?!*!; u"' öcn' Ler Erfahrungen mit einzelnen Juden gc- Ävf?nr ti* Judentum ist in Deutschland nicht assi- u''-rbar ES mag europaische Völker geben, die sich mit .>?!• ö6'i n& en und sie völlig in ihren völkischen«c- uand hereinnehmen. In Deutschland ist die Frage ent- "«'e°der schlechte, idealistisch oder materialistisch. b&tsJfvZtyPku t* 3"!' ist für alle Zeiten ans der oeutschen«chicksalsbahn ausgeschieden worden." ^iikel des„Angriff" wirb die„Jüdische schau wegen einer Erwiderung aus eine Auslassung a, Nattonalzeitung", angegriffen. Die„Neu- Sl?' a 1? ti f geschrieben:„Im Talmud oruch steht geschrieben, dag die Nichtjüdin sGojahj einem Schweine gleich und gerade gnl genug sei. dem Äuden als Magd und als Sklavin zu dienen" Die "»lna^itts«"-in/a?at?!"^-^""örcn. daß dieses Zitat de» ^'ichung sei, und erklärte, christliche Mädchen werden sehr gern grade in jüdischen»aushalten an. milf*ri ä» c m Jl* Jm' da» sie dort eine besonders gute SitÄiS?,!it"»??" gewärtigen haben. Dazu schreibt Stet,anM.. Jl h«!t i" sollen habe die besonders gute h nSit i i« der jüdische Hausherr dem st?<*? 2 re^ul» erwiesen habe. Dann folgt ant d°ra«^«^"dung. die„Jüdische Rundschau" werbe ^i daran tun sich nur jenen Aufgaben zu widmen, kür die bleiben ließ, sonst könnte auch ihr Platz leer Die Ausgabe der.-Jüdischen Rnndkcban" vom 28. Sep- fember verfiel der Beschlagnahme, weil die Zeitung eine Skizze von Schalom Asch„Chronik einer Landnahme" ge- bracht hat. Die Skizze behandelt das Leben der Ostjndcn in Amerika und enthält keinerlei Hinweis an' deutsche Ver- hältntsse. Da aber Sckaloin Aich an der Genier Jüdischen Wellkonferenz, die sich für den Bonkott Hitlerdeutschlands aussprach, teilgenommen hatte dürfen Artikel von ihm in Deutschland nicht gedruckt werden. Der„Angriff" ermahnt die„I. R.", sich an die Gepflogenheiten der deutschen Presse zu halten, wenn sie nicht in den Verdacht der StaatSseind- lichkeit kommen wolle, und droht dem Blatt mit dem voll- ständigen Verbot. Die letzte Ausgabe des„Hamburger Israelitischen Familienblattes" wurde gleichfalls beschlagnahmt, weil das Blatt die von Hitlers Stellvertreter Rudolf Hetz verklln, deten antijlldischen„Sechs Gebote" kommentiert»nd auch über die von den Behörden der j>'t>''l« Radio A. PH. Paris» 8. Oktovcr. Bon unserem Korrespondenten Wir bringen heute eine weitere Fortsefjung aus der im„Gringoire" veröffentlichten Artikelreihe ,,Hitler am Scheidewege". Etwas über die Geschehnisse des 30. Juni. Man kennt die Geschichte des Ministerialdirektors Klau- scner, jenes Führers der Katholischen Aktton, eines voll- kommenen Ehrenmannes, den man des Verrats beschuldigte, dem man den Zuspruch eines Priesters verweigerte und dessen Körper man einäscherte. Wir wollen heute von P r o b st erzählen. Dr. Probst ivar ein einflußreiches Mitglied des Kölner Zentrums: aber nach dem Beginn der braunen Diktatur kümmerte er sich nicht mehr um Politik. Er ist einzig und allein ein Freund, ein alter Mitarbeiter von Klauscncr. Persona grata beim Vatikan, hätte er seinen ehemalige» Chef retten kvnenn, indem er zu einem energischen EIngrei- feu des Vatikans Anlaß gegeben hätte. Probst mußte sterben, nicht wegen eines„Verbrechens, das er begangen hat. sondern wegen des Verbrechens, das er begehen könnte. Man achte auf das folgende Datum. Es beweist, daß die Verschwörung, daß die Vorsätzltchkeit der Bluttaten nicht den Hingerichteten vorgeworfen werden kann, sondern den Hen- kern. Am 28. Juni, zwei Tage vor den blutigen Ereignissen, empfängt Dr. Probst ein amtliches Telegramm aus dem Propagandaministerium. Man fordert ihn aus. in dringen- der Angelegenheit nach Berlin zu kommen. Als ergebener Untertan Hitlers gehorcht Dr. Probst. öS Millionen Deut- scher fielen aus den Wolken, als man ihnen zwei Tage später im Radio mitteilte, man habe eine„furchtbare Verschwö- rung" im Blut erstickt. Unser Mann kommt im Propagandaministerinm an. Zwei- fellos mit leichtem Herzen. Diese Nazidiktatur hat ihn un- gercchterwcise beiseite geschoben, will sie ihm nun endlich sein Recht werben lassen? Vielleicht ein offizielles Amt? Kaum steigt er vor der Rampe am Wilhclmsplay auS, als eine Bereitschaft, eine schwarze Polizelpatrouille ihn höflich auffordert, in ein anderes Auto zu steigen. Und Dr. Probst verschwindet noch vor seinem Freund Klauscncr. Sang- nnd klanglos geht er zugrunde. Nichts von ihm bleibt übrig. Klaufencrs Tod wird amtlich bestätigt, der von Probst nicht. Wenn jemand getötet wird, dann macht das in Tcutschand keinen Eindruck mehr. Aber wenn man ihn gewissermaßen„wegzaubert", das erregt bei den Massen eine ängstliche Neugierde. Solche vom Geheimnis»mwobe- nen Gespenster erregen mehr Furcht als Hausen von Lei- che», die man in Totenhäusern ausbahrt. Der arme Probst hat sein Amt gesunden: das eines vom Geheimnis umwobenen Gespenstes. In Köln wartet seine Familie aus ihn ohne das Mißtrauen. Sie sängt erst an sich zu beunruhigen, als und Presse In geheimnisvollen Worten von den Ereignissen des 30. Junl sprechen. Ein Verwandter, Professor I..., reist nach Berlin, geht ins Propagandaministerium. „Richtig. Dr. Probst ist vorgeladen worden. Aber man weiß nicht, was ans ihm geworben ist." „Ich glaube, daß sich der Doktor zum Polizeirevier in Lichterselde begebe» hat" Lichtersclde, wo sich die ehemalige Kadettenanstalt besin- bei, die heute Hitlers Truppen zur besonderen Verwendung als Unterschlupf dient. Lichterselde, wo man soeben Er- schieftuugen vorgenommen hatl.... Auf dem Polizeirevier weiß man nichts Man rät Herrn I..., zur Gestapo in der Prinz Albrccht-Straße Nr. 0 zu gehen. Es ist besser, sich an Gott als an seine Heiligen zu wenden, nicht wahr? Auf de» nüchternen und stillen Fluren der Gestapo eine furchtbare Wanderung. Die Büro? schicke» den unerwünschte» Gast von einem zum anderen. Man empfängt ihn höflich. Diese Herren sind ja so gut erzogen! Aber man antwortet ihm immer wieder, nachdem man ficht- barlich allerhand Papiere durchaesehcn hat: „Wir wissen nichts über Dr. Probst!" Ein Zufall macht dieser Komödie ein Ende Herr I... hat das Glück, einen gut katholischen Beamten aussindig zu mache», der also das Mitleid noch kennt. Ter Polizeibeamte weist auf eine Liste, die an der Wand seine? Zimmer» hängt: „Sehen Sie nach, ob sich der Name Ihre» Verwandten darauf befindet." Es stehen fast hundertundsünfzlg Namen daraus sämtlich soll man nur 77 Personen erschossen habeni. Probst steht unter dem Buchstaben P aus dieser alphabetischen Liste. Mit heiserer Stimme, mit umflorten Augen fragt Probst» Freund: „Wo hat man ihn begraben? Wo kann man die Leiche er- halten?" Der Beamte zuckt die Schultern. „In der Lust!" sagt er. „In der Lust, die wir atmen. Außer Schleicher und»einer Frau hat man alle eingeäschert." Die Gestapo im Ausland Prag, fl. Ott. sJnprctz.j In Marienbab wurde, wie be- richtet, vor einigen Tagen der Chauffeur Ernst Sternkops unter dem Verdacht der Mittäterschaft bei der Ermordung Theodor Lessings verhastet. Sternkops hat jetzt gestanden, daß er deutsche Kurgäste in Maricnba» beobachtet und bei den deutschen Behörden denunziert hat, so baß sie nach ihrer Rückkehr in Deutschland verhastet wurden. Bei einer Hau»- suchung wurde umfangreiches belastendes Matertal vor- gesunden, darunter«ine Fotograste Sternkops» in Reichs- wehruniform. Man erwartet, daß es aus Grund des vor- gefundenen Materials in den nächsten Tagen zu neuen Ver- Haftungen kommen werbe. £tunte foalfe Gedenktafel für Karl narr Die letzten zehn Jahre seine» Lebens hat Karl Marx in ->"'m Haus in Maitland Roat, in der Londoner Vorstadt vo«pstead, gewohnt. Der Londoner Graischastsrat hat nun den Beschluß gesaßt, an dem Hau? eine Gedenktafel mit sol- U*. Worten anbringen zu lassen:„Hier lebte Karl Marx, sozialistischer Philosoph". Die Bedeutung von Marxens Per- iönlichkeit in der Welt der Philoloohie macht feinen Lon- doner Aufenthalt jenseits aller politischen Ttellunanabme zn einer Stätte von ganz besonders histor"^->r Bedeutung. ES ist darum nur zu verwundern. daß die Gedenktafel erst jetzt an seinem Wohnhaus angebracht wurde. Anfobriel Berlin, 4. Okt. Ministerialdirektor Brandenburg vom .lleichsverkebrsministerinm nab Prellevertretern Einzel- Veiten ans der neuen NeichsverkekirSordnung bekannt, die Oktober in Kraft oc'ristfii ist. Tie bringt nor gllem ^»^kumnngen über einen Antobrikf über die technisch« Be- ichaffenheit der Jalir,rnae Ferner werden die Bestim- mnnaen über die Aushändianng des Führerscheines ae- ändert, und unur kwbiv fmfi d*r Pr>i"'v^ nach bestandener Vrttkuna den Führerschein erhält und damit selb- ständig fahren dar' I» krauen und 102 Kinder B8 Frauen und 102 Kinder, das ist ein Familienstand, der in unserer Zeit in einem europäischen Land sicherlich noch nicht dageivcscn ist. Arjttschow, der bisherige Ehef der OGPU. in der soivietrusstschcn Industriestadt Tula. hat diesen Rekord eines Bigamisten in der kurzen Zeit von fünf Jahren aufgestellt. Die Kunde drang schließlich bis nach Moskau, und Stalin ordnete persönlich die Verhaftung des Leiters der politischen Polizei von Tula an. Arjetschow ist nun wegen Bigamie zu zehn Jahren Zwangsarbeit ver- urteilt wv'd-n Er bekommt im Gegensatz zu anderen russischen Gefangenen seinen Lohn nicht ausgezahlt. Der Lohn soll nämlich für die Ernährung seiner Kinder verwandt werden. Wobei nur die Frage zu beantworten bleibt, ob ein Bater mit Gefangenenarbeit 102 Kinder ernähren kann. Ivb» Jahre auf der Hodizclfsrelsc Ein merkwürdiges Paar, dieser Herr F. Hecker und seine Gattin. Sie heirateten im August 1925; heirateten aber nicht, um einen Hausstand z» gründen, sondern um durch die Welt zu streifen.'Noch am H o ch z e i t s a b c» d marschierten sie los nach Belgien. Von dort zogen sie weiter durch Frank» reich, Spanien, Oesterreich, Italien, Griechenland, Bul- garten, Türkei, Syrien nnd den Irak. In Bagdad endlich konnten sie ihre Fußtour unterbrechen, denn man schenkte ihnen zwei Fahrräder. Nun ging es etwas schneller. Tie fuhren mit ihre» Tretmühlen»ach Indien und erreichten Kalkutta im Juli 1080. Von dort traten sie weiter nach Burma, Tiam, Malaga, Ehina, Japan und den Philippinen. Und jetzt trafen sie wieder in Kalkutta ein, nm von hier auS den Rückweg nach der Heimat anzutreten. Sie legten bis jetzt 90 000 Kilometer zurück. Sie hoffen, daß sie im Jahre 1937 ihre Reise in München vor der Feldherrnhalle beendigt haben werden. Die Route wird jetzt sein: Nord-Jndicn, Arabien, Air.ika und dann Europa. Seit etwa 10 000 Kilometern werden sie von einer deutschen Dogge begleitet, die ihnen in China zum Geschenk gemacht wurde. Diese Dogge erwies sich aus den Philippinen als sehr treuer Freund»nd Helfer. Räuberische Eingeborene verstellten ihnen bcn Weg. Vielleicht waren es auch keine Räuber, sondern nur Weißen« Hasser. Roch che Hecker seinen Revolver gezogen hatte, um sich zur Wehr zu setzen, sprang die Dogge ani den Fithrer der Eingeborenen-Hordc zu und durchbiß ihm die Kehle. Einen zweiten Angreifer erledigte der Hochzettsreisende durch einen Revolverschnß, woraufhin es die anderen vor- zogen, das Wette zu suchen. Allen belagern eine Stadl Seit vielen Monaten führen die Einwohner der inbischen Kleinstadt Pratagpur einen erbitterten Kamps gegen eine Unmenge von Affen, die offenbar im nahen Urwald nicht mehr genug Nahrung finden. Sie bemächtigten sich aller Lebensmittel, die sie erreichen konnten, und würben allmäh- lich immer frecher, als sie merkte», daß die Menschen ihnen nichts taten. Den Indern ist bekanickllch auS religiösen Gründen das Töten von Tieren verbotm. So sahen sich die Bewohner der von den Zlsien bedrängten Kleinstadt ge- zwiingen. ihre Stadt z» verbarrikadieren. Aber da» mar selbstverständlich wenig anssichtSvoll. Es ließ sich nicht»et- hindern, daß unübersehbare Horden die Stadt über- schwemmten. Jetzt hat man sich endlich entschließen müssen, die Stadt restlos zu räumen. In einer Entfernung von 30 Kilometern wollen die 1200 Einwohner von Pratagpur eine neue Stadt errichten, die in ihrer Anlage sicheren Schutz gegen die Affenplage bieten soll. Judensdilf i mlf der nahenhrenifaline Aus Bukarest wirb der„Deutschen Freiheit" berichtet: Das Tchiss„Atid", Eigentum eines jüdischen Reeder», der aus Deutschland nach Palästina ausgewandert ist, legte kürz- lich im Hasen von Braila aus der Donau an. Das Schtn, dessen UrsprunßShasen Haifa ist, ist ein moderner Bau: es soll regelmäßig die Fahrtvrrvindunq zwischen Haisa und Buda- pest herstellen. Sein Kapitän ist ein Jude namens Rosen- Ihal, der während des Krieges zu der Besatzung des be- rühmten Unterseebootes„Deutschland" gehörte. Die Mehr- zahl der Matrosen der„Atid" besteht ebenfalls au? Juden, und auf ihren Blusen tragen sie das palästinensische Abzeichen(Magen David, den sechseckigen Davidsternj. Aber ivaS vor allem überrascht, ist die Tatsache, daß diese» erste jüdische Schiff unter der Hakenkreuzsahne fährt. Tat« sächlich hat der Reeder aus Haisa den Dampfer I» Deutsch- land erworben, wo er zur deutschen Hans-'sslotic gehörte. Aber entsprechend den internationalen Schisfahrtsgesetzen muß jedes Schiff, da? der Flotte eines Lande» angehörte und infolge eine» Verkauf» die Flagge eines anderen Lande? annimmt, drei Monate lang die Flagge des Ursprung?- lanbes weiterführen. Er erübrigt sich, hinzuzufügen, daß diese? Schiff mit dem hebräischen Namen„Atid", d. h. Zukunft, in allen Häsen, wo es anlegt und bte Hakenkreuzslagge zeigt, da? größte Aus- sehen erregt. Dursl! Eugen M a ck, weiland Dienstknecht bei einem Viehhändler in Jebenhausen, ist ei» durchschlagender Beweis für die Be- kömmlichkeit des schwäbischen Nattonalgetränks. Während der Arbeit und besonder? in Abwesenheit seiner Herrschaften verspürte er de? öfter» großen, sogar sehr großen Durst. Er stieg bann bei solchem Tatbestand in den Keller, vewatsnete sich mit einem Schläuchletn und deckte seinen Bedarf aus einem noch nicht angestochenen Mostsaß. Nach zwei Monaten schon mar da? Faß mit 885 Liter Most bis auf den Grund leer! Frankreidis Wahltag Die Hanlonalrafswahleii Paris, 9. Oktober. Bon unserem Korrespondenten Tic Kantonalwahlcn. die am Sonntag in aller Ruhe in Frankreich vor sich gegangen sind, haben keinerlei n e n- uenswerte Verschiebung der politischen K r ä s t e gebracht. Während die Blätter der Rechten etwas übertrieben von einem Sieg der bürgerlichen Parteien über die Einheitsfront sprechen und hier und da sogar glauben machen wollen, daß Sozialisten und Kommunisten Vernich- tend geschlagen worden seien, versichert der sozialistische„Po- pulairc", daß die Sozialdemokraten ihre jgtim- menzahl 11 ni 8 0 Proz. vermehren konnten, wäh- rend die kommunistische„Hnmanite" sogar von einer Ber- doppclung der kommunistischen Stimmen spricht. Dabei müssen Rechts- und Linkspolitikcr zugeben, daß von einer Entscheidung überhaupt noch nicht die Rede sein kann, da diese erst im zweiten Wahlgang, der vielfach erforderlich ist, am nächsten Sonntag fallen wird. Dieser zweite Wahl- gang wird auch klar zn erkennen geben, wie ivcit die Radikal- sozialisten dort, Ivo ihre Stimmen den Ausschlag für einen Kandidaten der Linken oder Rechten gegeben haben, bereit sind, der Parole ihres Parteiführers Herrlot zn folgen, d. h. sich überall gegen die sozialdemokratischen oder kommunisti- schen Kandidaten zu entscheiden. In 398 Fällen i ft-ein zweiter Wahlgang erforderlich. Ter Kampf geht unter anderem um 8 Kommunisten und-18 Sozialdemokraten. Es wird nicht nur interessant sein, zu beobachten, wie sich die Radikalsozialisten diesen Kandidaten gegenüber verhalten; nicht minder lehrreich wird die Haltung der von der To- zialdemokratischcii Partei abgesplitterten Marquet-Gruppe ssocialistes de Francei sein, die selbst noch mit Ii Kandidaten den zweiten Wahlgang zu bestreiten haben, im übrigen aber sich jetzt entscheiden müssen, ob sie ihre Wähler der Rechten zuführen und damit ihre einstigen Genossen ossen bckämpsen wollen. * Wir lassen nun einige Prcsscstimmen über die Wahl am letzten Sonntag folgen: „Petit Par'sien" meint, der erste Eindruck gehe dahin, daß die Kandidaten, die sich iür die Politik der Regierung ausgesprochen hätten, im Borteil seien. Es scheine wohl, dasi Doumergucs und Herriots Reden von den Wählcrmassen verstanden worden seien. Der„Mottn" glaubt zu der Feststellung berechtigt zu sein, dasi T o u- mergue der Sieger sei. Doumergue und die Idee des Burgfriedens und der Einigkeit hätten am Sonntag tri- umphiert.— Henry de Kerillis glaubt im „Echo de Paris", wenn der zweite Wahlgang das Ergebnis des letzten Tonn- tags bestätige, dann könne man von einem wirklichen Eriolg des Ministerpräsidenten Doumergue sprechen. Allerdings müsse man feststellen, dasi das Land noch eine Sorglosigkeit gegenüber den inneren und äusseren Gefahren an den Tag lege, die einen zur Verzweiflung treiben könne. „Ami dn Pcuple", macht sich über Leon Blum lustig, der den Sieg der Einheits- front prophezeit habe. Der Bürger Leon Blum und die Sor- den der Einheitsfront hätten Pech gehabt. Denn der gesunde Sinn der Wähler habe sich gegen sie entschieden. „Ordre" ist der Auffassung, dasi sich keine grosse Acnderung feststellen lasse; die Wahl sei ja auch von örtlichen Fragen beherrscht gewesen.— Andre Guerin erklärt im „Oeuvre", der Kampf beginne erst. Im zweiten Wahlgana müssen sich die Neusozialisten für oder wider entscheiden. Auch die Na- dikalsozialisten mühten jetzt Farbe bekennen.— P a u l F a u r e spricht im „Populaire" von einem Siege der Linken. Der Sozialismus habe in Bewunderung erregender Weise dem gewaltigen Sturm standgehalten. Bei den letzten Kantoualwahlen hätte die Partei 43909 Stimmen erhalten, am Sonntag 64 399, b. h. 14 399 neue Wähler, was einem Gewinn von 89 Prozent entspreche. Schließlich bemerkt V a i l l a n t- C o u t u r i e r in der „Humanitc", die Kommunistische Partei habe ihre Stimmenzahl gegenüber den Wahlen von 1928 zumindest verdoppelt. Ihre Si- tuation sei im zweiten Wahlgang recht günstig. Es bestehe kein Zweifel daran, dah in sehr vielen Bezirken die Anti- saschistcn gemeinsam die Kandidaten d' r«"-"••»alfn N"ion schlagen werden. Wie Einheitsfront Vor den Stichwahlen Paris, 9. Okt. Im Laufe der Woche wird der erweiterte Vorstand der radikalsozialistischen Partei in Paris die T a k- t i k für den zweiten W a h l g a n g der Kantonalwahlcn festzulegen haben. Von Interesse ist zu erfahren, daß die Kommunistische Partei beschlossen hat. bereits i» neun Stadt- und fünf Landkantonen ihren Kandidaten zugunsten des in besserer Stichwahl stehenden marristiichen Kandidaten zurück- zuziehen. Dagegen beabsichtigen die Kommunisten in einem Stadt- und einem Lanbkanton von Lnon, im Einvernehmen mit den Marxisten dem raöikalsozialistischcn Kandidaten das Angebot zu mache», ihren Kandidaten zu ihren Gunsten zurückzuziehen, wenn die Radikalsozialisten aus ein Mindest- Programm gegenüber den Kommunisten festzulegen sich bereit erklären ivollen. In der Nacht zum D«euötaa ha« ein städtischer Angestellter in Marseille im Eifer einer politischen Debatte seinen Gegner schliesslich durch fünf Revolvcrschüsse niedergestreckt. Der Mörder hat sich daraufhin selbst der Polizei gestellt. Pariser Berichte Französischer Unterricht des Deutschen Klubs Der Unterricht für Anfänger, den eine deutschsprechende französische Lehrerin erteilt, ist von Donnerstag auf Mittwoch, 21—23 Uhr, verlegt worden. Der Unterricht hat in der vorigen Woche begonnen, doch können am Mittwoch vor Beginn des Unterrichts noch Neuanmeldungen stattfinden. Der Kursus ist für Mitglieder des Kluhs frei, für Gäste kostet er 2 Franken pro Stunde. Er findet statt im Deutschen Klub (Salons Le Peri6tylc. 31 bis, Rue Vivienne). Lotterie Die letzte 5-Millionen-Chance Die Ziehung der zweiten Klasse der Lot Ii. det Dienstag abend um 8.30 Uhr im Trocadero statt. Die Ziehung selbst geht in gewohnter Weise vor sich; aber diese Ziehung wird deshalb von besonderem Interesse sein, weil zum letztenmal ein Hauptgewinn von 5 Millionen Franken zur Verteilung kommt. In Zukunft wird nämlich dsfl große Los„nur" noch zweieinhalb Mill'onen dem glücklichen Gewinner einbringen. Diesmal kommen 20 Gewinne von je einer Million Franken zur Verteilung; außerdem zahlreiche Gewinne von 300 000, 100 000, 30 000, 25 000, 10 000, 1000 und 200 Franken. Trostpreise in Höhe von je 100 000 beziehungsweise 50 000 Franken werden diejenigen Losinhaber erhalten, die die Nummern spielen, die in der nächsten„Nachbarschaft" der Siegernummern stehen, auf die 5 Millionen oder nur eine einzige dieser Millionen fallen. 92 latirc Der langlebige$ü.^, m;u«ter Der älteste französische Bürgermeister ist dieser Tage gestorben. Es ist dies Arsene Mignen, der Bürgermeister von La Chapelle-Pallusu in der Vendee, der kürzlich, bei seinem Spaziergang stürzte und sich dabei ein Bein brach. Er wurde 92 Jahre alt. Mignen gehörte dem Stadtrat seiner Gemeinde seit 64 Jahren an und war länger als 30 Jahre Bürgermeister; als solcher war er der Doyen unter sämtlichen Bürgermeistern der französischen Republik. Im letzten Jahre starb seine Frau im Alter von 90 Jahren. Der Ehe entstammten 11 Kinder, von denen 9 noch an, Leben sind. Eins von ihnen ist der Erzbischof Mignen von Rennes. Montmartres We'nerntefesf Die freie Gemeinde von Montmartre feierte am Sonntag ihr traditionelles Weinerntefest. Zehn Karren hochbeladen mit 30 000 Kilogramm Weintrauben zogen die Butte Mont- marte herauf zum Platz du Tcrtr^, wo sie vom„Bürgermeister der freien Gemeinde von Montmartre" empfangen wurden, der in einer Ansprache die Traube als der mensch,lichten Gesundheit besonders zuträglich, rühmte. Nachdem dieser unter dem Jubel dt-r Anwesenden vorgenommene festliche Empfang vorbei war, fuhren die mit Trauben beladencn Wagen durch die malerische Rue Lepic hinunter zur Stadt und von dort zum Palais des Präsidenten, dem ein mit köstlichsten Goldwein gefüllter Korb überreicht wurde. Ab 10 Uhr vormittags verteilten dann die nach, allen Stadtgegenden fahrenden Weinwagen gratis an die Bevölkerung Weintrauben. Nachmittags erhielten zweitausend Schulkinder auf dem Platz du Carroussel ebenfalls gratis die köstliche Frucht aus den Händen der Schönheitskönigin, des Fräulein„Paris". „^Deutsche Ixeiheit" A&OHiietnentsflceise. Amerika Dollar 1,— 0,50 Argentinien Peso 3,— 1,— Belgien belg. Fr. 15,— 5,30 Dänemark Kr. 3,70 2,30 England sh 4,— 1,10 Frankreich fr. Fr. 12,— 3,75 Holland 11. 1,50 0,40 Italien Lire 10,— 5,— Luxemburg belg. Fr. 15,— 5,30 Neubelgien belg. Fr. 12,— 5,30 (Eupen-Malmedy) Oesterreich(verboten)—— Palästina sh 4,— 1,10 Polen(verboten)—— Rumänien Lei 90,— 30,— Rußland Rubel 1,—— Saargebiet tr. Fr. 12,— 7,50 Schweden Kr. 2,60 1,70 Schweiz schw. Fr. 2,40 0,80 Spanien Peseta 6,— 2,— Tschechoslowakei Kr. 30,— 5,50 » Hei Zusendung unter Kreuzband durch die Post sind die Portogebühren vom Besteller mit dem Abonnementsbetrag zu entrichten im Monat Zustellgebühr Durdi's Godflodi In der„K ölnis che n Zeitung" selbst war jüngst zu lesen, daß ihr früherer Chefredakteur Dr. Hans Pinkoio durch Freitod geendet ist. Bis zum 1. Oktober 1933, also bis zu jenem Zeitpunkt, an dem der schmutzige Konkurrenzkampf, den das Nazi-Skandalblatt„Westdeutscher Beobachter" mit allen Mitteln des SS.-Terrors gegen den Verlag Dumont-Schauburg führte, um sich dessen blühende Inseratenfarm, den„Kölner Stadtanzeiger", zu sichern(den zäheren und lederneren Bissen des Weltblattes„Kölnische Zeitung" wollte man dem geduldigen Opfer freundwilligst zur eigenen Atjung belassen), war Dr. Pinkow in dem Verlag tätig. In dem Nachruf, den die„Kölnische Zeitung" dieser Tage ihrem toten Kollegen widmete, heißt es, daß er nicht mehr die körperliche und seelische Kraft besessen habe,„sein tragisches Leiden zu überwinden"... Welch„tragisches Leiden" mag wohl über diesen bekannt- unbekannten deutschen Journalisten gekommen sein?- Nun, er war Sohn eines Ministerialbeamten, der noch unter Bis- marclc in der Reichskanzlei gedient hatte. Der junge Pinkow hatte seit über zwanzig Jahren seinem Blatt und dem Vaterland. wie er es verstand, vielerorts, auf dem Balkan, in Wien, uuf dem Posten des Chefs vom Dienst und zulefft des Hauptschriftleiters seine Arbeit gewidmet. Herr Pinkow, der erst Fünfundvier zigjährige, war deutscher Nationalist von Tradition, Schliff und Kulturgefühl.■ Sein„tragisches Leiden" war das Hillerregime, das ihm alle Ideale zerbrochen vor die Füße getcorfen hat, jenes Regime, dem Pinkows Kollegen, der Kinder zu Haus und der teuren Miete gedenkend, mit grimmiger Verachtung all dessen, was sie früher angebetet hatten, mit dicken Schweißtropfen auf der gleichgeschalteten Stirn literarische und publizistische Zweite-Buchhaller- Dienste jetjt leisten. Ein emeritiertes Weltblatt beweint sauer-süß seinen toten Kollegen... Es war einmal dem eisernen Kanzler„ein Armeekorps am Rheine wert". Wie viel wiegt's heute, unter der Gleichschaltung? Politisch und moralisch? Keinen Schuß Pulver!—, *• Professor Em.il Brunner, die zur Zeit gewichtigste Autorität der protestantischen Theologie der Schweiz, hat handfeste Bekannschaft mit dem„dritten Reich", seinen Methoden und insbesondere denen des Hitlerschen Himmels- kürassiers, des Reichsbischofs Müller, gemacht. Besagter Gelehrter von Weltruf hatte ein paar wissenschaftliche Vorträge in Dänemark angenommen. Er befand sich, gar nicht, an die IJebel dieser Welt denkend, in einem D-Zugabteil zwischen Kopenhagen und Nvkjöbing, als ihn zwei dänische Journalisten. zufällige Abteilgenossen, über seinen Standpunkt zu den kirchlichen Dingen des„dritten Reiches" befragten. Am anderen Tage schon brachte die dänische Presse ganz sinn- und wortgetreu den Tenor dieses Gelegenheitsinterviews. U. a. hatte Professor Brunner gesagt, daß das Gewicht der ausländischen protestantischen Kundgebungen gegen die Hillersche Kirchengleichschaltung dadurch— leider!— verringert werde, weil in vielen Staaten ähnliche staatskirchliche Verhältnisse herrschten, wie in Deutschland; historizisierend hatte Brunner noch bedauernd hinzugefügt, jeßt räche sich eben die Vertrauensseligkeit, mit der in der Reformationszeit das Wohl der Kirche dem Staat anvertraut wurde, um sie vor dem Zugriff Roms zu schiitjen. Soiveit— ganz richtig— die dänische Wiedergabe! Als aber dir Propagandachefs des deutschen Reichsbischofs diese Darstellung in Händen hielten, kam ihnen gleich die smarte Inspiration:„Was hatte der Brunner gesagt? In vielen Ländern herrschen die gleichen Kirchenverhältnisse wie bei uns in Deutschland? Sieliste troll, da hammer's ja! Die deutsche Kirchengleichschaltung— so erklärt Professor Brunner, Weltautorität aus der Schweiz— kann also unbedenklich forig esetjt werdenig Herr Professor Emil Brunncr ist freier Schweizer. So meint er denn wehklagend in der„Neuen Züricher Zeitung", in der er diesen Fall richtigstellt:„Daß... mein Gspräch mit dänischen Pressemännern von deutscher Seite benutjt werden konnte, um genau das Gegenteil von dem auszusagen, was ich sagen ivollte, habe ich, trotjdem ich über die Art, wie die deutsche Reichskirchenregierung mit der Wahrheit umspringt, ziemlich gut orientiert war, nicht für möglich gehalten." Nicht für möglich. Iferr Professor? War wäre schon in Hitlerdeutschland wirklich nicht möglich? -!- In Grimma in Sachsen, wo die Schönen Mädchen nur so auf den Bäumen wachsen, ist kürzlich eine Otrsgruppe der nationalsozialistischen Frauenschaft gegründet worden. Das Amtsblatt der deutschen„Frauenschaft" bringt es nicht über sich, dieses Ereignis der aufhorchenden Menschheit vorzuenthalten. Im Briefkasten teilt es aber auch die vereinigte Frauenschaft von Grimma selbst mit. Folgendermaßen lautet diese fröhliche Botschaft:„Wir haben jetjt hier eine Frauenschaft der nationalsozialistischen Frauenschaft nach heißem Kampf um die Volksseele'gegründet. Wir fragen hiermit an, was wir j e tj t tun sollen. Heil Hitler!" Nu, was schon tun? Marxisten verhaften, Armstrecken üben, Meuterer erschießen, homosexuelle Schundfilme schreiben... Die Auswahl kann doch, weiß Gott, nicht schwer fallen, meine Damen. F. E. Roth, mmmmum— l._—■ n Iii Hf9IEPICaSTF.il Adam Neuville. Briefe erreichen uns auch ohne„Einschreiben" prompt. Ter Aufsatz ist wegen der besonderen politischen Situa- tion im Saargebiet für uns nicht geeignet. Saarlouis. Sie schreiben uns:„linser Nachbar hatte seinen Sohn in ein Arbeitsdienstlager des„dritten Reiches" geschickt. Es gefiel ihm keineswegs, und der arme Junge quälte sich redlich, wie er seinen Eltern, begeisterten Anhängern des„dritten Reichs", seine herbe Enttäuschung hinsichtlich Behandlung und Ernährung klar- machen könnte. Ta erinnerte er sich, daß das Schwein im Stall seiner Eltern den hübschen Vornamen Emma erhalten hatte. Er schrieb daraufhin eine Ansichtskarte mit folgender Anschrift nach Hause:„Liebe Eltern! Es gefällt mir hier soweit ganz gut. Ich beneide nur Emma."" Für den Gesamtlnhalt verantwortlich: Johann P I Y In Dud- weiter; für Inserate: Otto Kuhn ln Saarbrücken Rotationsdruck und Verlag: Verlag der VolkSsttmme GmbH, Saarbrücken 8, Schügenstraße 5,— Schließsach 778 Saarbrücken.