Einzige unabhängige Tageszeiinug DeuischSands k^lr. 236— 2. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, 11. Oktober 1934 Chefredakteur: M. B r a u n i Dec Saackammissuc xLcafU Seite 3 TJlassemechaftunqen twt Sazialisten Seite 4 Wie es zum Ausstand in Spanien kam Seite 7 fölenduxeck WintecfiÜfe Seite 8 Attentate gegen Europas frieden Die politischen norde: Bukarest—Warschau—30. Juni—Wien—narselüc Zufälle oder Hintergründe? Paris, 10. Oktober. Am Tage nach der Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Dr. Engelbert Dollsust hat das„Oeuvre" an eine Geschichte erinnert, die mau sich im vorigen November nach dem deutschen Volksentscheid er- zählte, der den Austritt Deutschlands ans dem Völkerbund bestätigte. Danach soll ein deutscher Nationalsozialist von Rang im Lause einer politischen Unterhaltung erklärt haben, daß durch sechs oder sieben politische Morde in Europa tiefere Ergebnisse siir die deutsche Politik zu erreichen find.alS durch alle Verhandlungen mit den Regierungsstellen oder im Böl- kerbund. Im vorigen Jahre hat man diese Aeusterung gewiß nicht ernst genommen, aber seitdem zieht sich eine breite blutige Spur von politischen Morden durch Europa. Im Januar wurde der rumänische Ministerprästdent D uca von Elementen ermordet, die das Land nach national- sozialistische» Grundsätzen regieren möchte». Das nächste Opfer war der polnische Innenminister Ptc- razkis, getötet von einer faschistischen Gruppe, die sich die Rassentheorie der Nationalsozialisten zu eigen gemacht hat. Daß das Attentat unmittelbar nach der Anwesenheit des Reichspropagandaministers Dr. Goebbels in Warschau er- folgte, war peinlich, aber wirklich nur ein Znsall Nach dem grauenhaften blutigen Zwischenakt des 80. Juni im Innern Deutschlands wurde Dollsust von National- sozialisten in Wien ermordet, und zwar unmittelbar vor seiner Reise nach Rieeione, die der Aussprache mit Mussolini dienen sollte. Es ist ein eigenartiges Zusammentressen, das nun die Er- mordung des Königs Alexander ebenfalls unmittel- bar vor wichtigen Verhandlungen erfolgt, deren Ergebnis nicht gerade im Interesse des deutsche» Faschismus liegen sollte. Noch eigenartiger ist der Zufall, dast auch der sran- zösische Austenminister Barthou 14 Tage vor seiner entschei- denden Reise nach Rom von tödlichen Kugeln getroffen wurde. Diese Reise Barthous nach Rom wurde seit Wochen in der faschistischen Presse Deutschlands mit begreiflichem Misttrane« erörtert. Der Mörder von Marseille soll ein Kroate sein. Angesichts der Unterdrückung der kroatischen Minderheit in Ingo- flauste» wäre deshalb das Attentat ans König Alexander mit den innerpolitischen Zuständen in Jugoslawien zu erklären. Es bleibt aber die furchtbare Tatsache, dast ausser dem König Alexander auch der Lenker der französischen Austenpolitik un- mittelbar vor der Vollendung seiner sehr wichtigen Ausgabe» erschossen wurde, dicht vor der Krönung der diplomatischen Triumphe, die er in den letzten Monaten für Frankreich er- zielt hat. Man»tust sich fragen, warum der Kroate, wenn er nur aus Fanatismus gegen König Alexander schob, zu- gleich den französischen Austenminister niederstreckte. Diese Frage ist um so mehr berechtigt als der Attentäter sich nach dem Mord selbst das Leben nehmen wollte. Das wäre ihm zweifellos gelungen, wenn er sich aus die Tötung Alexanders beschränkt hätte. Es erhebt sich also die Frage: Warum die tödlichen Schüsse auch auf Rarthou? Man wird angesichts der Häufung der Attentate in diesem Jahre und ihrer Zusammenhänge mit wichtige» internatio- nalen Verhandlungen, deren Gruppierung klar ist, sehr nach de» Hintergründen und den Hintermännern dieser furcht- baren, den Frieden Europas gefährdenden Geschehnisse zu suchen haben. Wie Hitlers Presse hetzte In Saarbrücken erscheint ein„Abendblatt". Es nennt sich„Organ der Deutschen Front" und ist als solches an- erkannt. Seine Aufgabe ist es. gegen politische Gegner die gemeine Sprache und die persönliche Hetze zu führen, die andere Zeitungen der„deutschen Front" aus Rücksichten auf das Inseratengeschäft und die kultivierteren Teile ihrer Leserschaft vermeiden müssen. Dieses„Abendblatt" beschäftigt sich seit Wochen immer wieder mit dem Außenminister Barthou, dem es nicht verzeiht, daß-er für die Abstimmungsfreiheit an der Saar eintritt. Wie das Blatt hetzte, dafür nur eine Probe. Genau vierundzwanzig Stunden vor dem Attentat auf Barthou druckte das„Organ der Deutschen Front" folgende Gemeinheiten über den schon vom Tode um- schatteten französischen Staatsmann ab: Per Eindradi in Belgrad Der lltührige Kronprinz als König— Degentsdiaftsrat Was den gefeierten Louis Barthou angeht, so kann man jeden Tag von seinem alten Freunde Leon Daudet höre», dast dieser„Lustgrei s",„ n y n p h o in a n e Sadist", berüchtigte Kunde der Pariser Prostitution, der selbst in Genf beim„offiziellen Bankett seine Tischnachbarin mit obszönen Redensarten be- lästigt", nicht zum Repräsentanten Frankreichs auf lange Frist mehr qualifiziert ist, sondern endlich in das„Sana- torium" gesteckt werden soll, wohin„gefährliche Narren",„moralisch Irrsinnige" seiner Art(mir zitieren immer die„Actio» Francaise) von Gottes und Rechts wegen gehören... „Wir zitieren immer die„Action Francaise." Man merkt aber, mit welchem Behagen das„Abend- blatt" die geistig und moralisch verwandte französische Stimme wiedergab. Belgrad, in. x>kt. Tie Nachricht von der Ermordung des Königs Alexander traf in Belgrad in den Abendstunden des Dienstags ein. wurde aber nicht veröffentlicht. Es sickerten aber Gerüchte durch und verbreiteten sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Gleichzeitig wurden die Tcleson- und Tele- grasenlcitungen mit dem Auslande und der Provinz unter- brachen. Da niemand Genaues über den Anschlag wnstie, entstand in der Bevölkerung Verwirrung. Alle Kinos unter- brachen ihre Vorstellungen, und alle Gaststätten wurden gc- schlössen. Die Strasten wurden sofort durch die gesamte Gendarmerie besetzt und die öffentlichen Gebäude durch starke Posten gesichert. Da in den Strasten ein lebhafter Strasten- verkehr herrschte, kam es an einigen Stellen zu großen Stauungen. Schließlich eibetn die Menschen in unbestimmter Furcht so rasch wie möglich in ihre Wohnungen. Eine halbe Slunde später waren die Straßen fast menschenleer. Der Ministerrat trat nach dem Eintreffen der ersten Nach- richten sofort zusammen, um die nötigen Beschlüsse zn fassen Die Beratungen des Ministerrats dauerten um 2 Uhr nachts noch an. Inzwischen war nichts Genaues festzustellen. Nur die Rundfunkhörer, die das Ausland erreichen konnten, konnten sich in den Abendstunden ein Bild machen. Ter größte Teil der hauptstädtischen Bevölkerung aber wußte nur, daß der König toi war. Von den übrigen Opfern des Anschlages war nicht einmal gerüchtweise die Rede. Als die erste Verwirrung des Volkes gewichen war, brach große Empörung durch. Gegen die mutmaßlichen Urheber des An- schlages wurden Verwünschungen laut. Ueber die weitere Entwicklung ist bekannt, dast der Krön- prinz Peter, der im 11. Lebensjahre steht, am heutigen Mitt- woch zum König ausgerufen werden wird.— Der Minister- rat arbeitet an einer entsprechenden Proklamation. Dem jungen König wird ein R e g e n t s ch a f t s r a t zur Seite gc- stellt werden, dessen Mitglieder aber noch unbekannt sind. Fortsetzung siehe 2. Seite. Nutznießer des Attentats Wieder' einmal sind europäische Staatsmänner von einer Mörderkugel getroffen. Wieder einmal werden die geplagten europäischen Völker von^ Entsetzen ersaßt, wieder einmal steig! das Gespenst von Serajewo über dem unruhigen Europa auf. König Alexander von Jugoslawien und der Lenker der Geschicke der französischen Außenpolitik, Außenminister Barthou, sind einem Attentat in Marseille zum Opfer ge- fallen. Frankreich hat mit einem Schlage einen hervor- ragenden Staatsmann und einen treuen Bundesgenossen verloren. Außenminister Bauthou hat in der kurzen Zeit seiner Tätigkeit seine staatsmänniscken Fähigkeiten offenbart. Als er das Erbe von P a u l- B o n c o u r übernommen hatte, war die außenpolitische Lage Frankreichs außen- politisch ungünstig. Frankreich hatte durch seine zögernde und unentschlossene Politik sein Ansehen in Europa ver- loren.-Das sichtbarste Zeichen für den Verlust dieses Prestiges war die Durchbrechung des Ringes um Deutsch- land durch den Abschluß des berühmten Berliner Proto- Kalls zwischen dem„dritten Reich" und Polen. Barthou begann sofort, eine aktive Außenpolitik zu betreiben. Seine Reisen nach Warschau, Prag, Belgrad und Bukarest haben zu einer Befestigung der Beziehungen zwischen Frankreich und diesen Ländern geführt. Außerdem— und das gehört vielleicht zu den wichtigsten Erfolgen seiner Politik— war es ihm gelungen, England wieder für Frankreich zu gewinnen und eine Zusicherung von eng- lischer Seite zu bekommen, daß das britische Reich im Falle ernster Komplikationen am Rhein hinter Frank- reich stehen werde. Dann ist unter Barthou die Annähe- rung zwischen Sowjetrußland und Frankreich erfolgt. Das enge Zusammengehen der beiden Länder offenbarte sich in der Aufnahme Sowjetrußlands in den Völkerbund und in der Ausarbeitung der Pläne für einen Ostpakt. In den letzten Monaten bereitete Barthou einen neuen Vorstoß vor. Die neuen Pläne sollten die Krönung seiner bisherigen Politik sein. Er wollte die bestehenden Gegen- sätze mit Italien beseitigen und mit dem Duce ein Freund- schaftsabkommen abschließen. Die Schüsse vom 25. Juli begünstigten seine Absichten, denn das psychologische Mo- ment war gekommen, wo Mussolini empört und entsetzt von dem Wortbruch Hitlers sich vom„dritten Reich" ab- wandte. Wir haben in der„Deutschen Freiheil" gerade in den letzten Tagen uns eingehend mit dem Problem der fran- ösisch-italienischen Annäherung beschäftigt. Wir haben >ie Rede Mussolinis auf dem Platze vor dem Mailänder Dom eingehend kommentiert und zeigten dabei, welche Hindernisse die französiscke und italienische Diplomatie zu überwinden hat, damit die geplante Allianz abgeschlossen werden könnte. Es hatte auch den Anschein, daß die Gegensätze, die zwischen Italien und Frankreich unmittel- bar bestehen, einer Lösung entgegengingen. Wie wir aber in unserer gestrigen Ausgabe noch, anläßlich des bevor- stehenden Besuches des Königs Alexander von Iugo- slawien betonten, mußte noch die künftige G e st a l- tung der italienisch-jugoslawischen Be« Ziehungen geklärt werden, damit alle in Frage kommenden Reibungsflächen zwischen Frankreich und Italien beseitigt werden. Diese Reibungsfläcken ergaben sich zwangsläufig aus der Tatsache, daß Jugoslawien Bundesgenosse der französischen Republik ist. Ende Oktober sollte Außenminister Barthou nach Rom gehen, um mit Mussolini das Abkommen endgültig vor- zubereiten. Vorher mußte er aber mit dem König Alexander, dem tatsächlichen Lenker der jugoslawischen Außenpolitik, eingehend die Möglichkeiten besprechen, und Bedingungen einer jugoslawisch-italienischen Verständi- gung besprechen. Barthou wollte zwischen Mussolini und Alexander die Rolle des ehrlichen Maklers spielen. Das sind die politischen Zusammenhänge des jugoslawischen Königsbesuches in Frankreich. Das„dritte Reich" haf die Entwicklung, die sich nach den. Schüssen van Wien ergab, mit größter Aufmerksamkeit verfolgt, Hitler und sein Neurath haben eine recht starke I 1 . Wttioität entwickelt, um dem Schachzug Barthous wirksam entgegenzutreten. Auf der einen Seite wurde die deutsche Diplomatie in Rom mobilisiert und selbst der Prinz von Hessen, ein strammer Nationalsozialist, wurde in diesen Tagen nach Rom entsandt, um einflußreiche politische Kreise Italiens von einer Verständigung mit Frankreich abzubringen. Ter Prinz von Hessen ist bekanntlich mit der Prinzessin Mafalda, einer Tochter des italienischen Königspaares, verheiratet und verfügt damit über ausge- zeichnete Beziehungen am italienischen Hof. Der Prinz von Hessen soll gewissermaßen die Rolle des Fürsten von Bulow übernehmen, die dieser ehemalige Kanzler während seiner berühmten Mission im Jahre 1915 in Rom gespielt hatte. Zu gleicher Zeit entwickelte die deutsche Diplomatie eine lebhaste Tätigkeit auch in Jugoslawien. Hier fielen Hitlers Quertreibereien auf einen günstigen Nährboden, denn die Beziehungen zwischen Jugoslawien und Italien sind seit Iahren gespannt. Wir haben in der„Deutschen Freiheit" vor einigen Tagen darauf hingewiesen, daß Jugoslawien in dem italienischen Bordringen in Albanien und in den Ansprüchen des faschistischen Italiens auf die alleinige Herrschaft an der Adria eine Gefahr für seine Existenz erblickt. Die deutsche Diplomatie nutzte diese Gegensätze aus, um den regierenden Männern Jugoslawiens klar zu machen, daß Barthou in seiner Rolle als ehrlicher Makler zwischen Italien und Jugoslawien praktisch die Interessen Jugoslawiens fallen läßt. Jugoslawien hätte unter diesen Umständen kein Interesse mehr an dem Bündnis mit Frankreich und mit den übrigen Ländern der Kleinen Entente. König Alexander I. gehörte zwar auch zu den- jenigen, die einer Verständigung mit Italien nicht wohl- wollend gegenüberstanden. Aber dieser Soldat, der den Weltkrieg Schulter an Schüller mit seinem französischen Bundesgenossen mitgemacht hat, war dem Gedanken der Allianz mit Frankreich treu geblieben. Deshalb hat er trotz starker Widerstände am Belgrader Hof seine Todes- fahrt nach Frankreich angetreten. In Marseille ereilte ihn und seinen Freund Barthou das Schicksal. Aug den Tatsachen geht klar hervor, daß der Nutznießer dieses Attentats das„dritte Reich" ist. Hitler hat durch die Ermordung des Königs Alexander und Barthous die Entscheidung des Spiels um Mussolini hinausgeschoben.- Der Ring, der im Südosten um Deutschland geschlossen werden sollte, bleibt nach wie vor offen. Die Verständi. gung zwischen Frankreich und Italien einerseits sowie Jugoslawien und Italien andererseits hat sich mindestens verzögert, denn die beiden maßgebendsten Persönlich- keilen, die diese Verständigung bringen sollten, sind heute tot. Wie die begonnenen, sehr schwierigen Verhandlungen zu einem guten Abschluß geführt werden sollen und durch welche Männer, ist noch nicht abzusehen. Wie denn über- Haupt die Folgen des Attentats für Europa noch nicht ab- zuschätzen sind. Ueber unserem Erdteil liegen Ungewiß- heit und Unheil. Ein Augenzeuge berichtet Der tollkühne Attentäter Marseille, 9. Okt. Piollet, der neben dem Wagen des Königs Alexander ritt, berichtet über den Verlaus des An- schlags folgendes: Ter Wagen, in dem sich König Alexander, Außenminister Barthou und General Georges befanden, war gervoe in Höhe der Börse, als ich bemerkte, wie ein Mann sich auS der Menge löste, an dem Polizeibeamten vorbeiglttt, der am Bürgerstei» stand, und an meinem Pferd vorbei auf daS Trittbrett des königlichen Wagens sprang. Ich gab meinem Pserd die Sporen, aber obwohl das Pferd sehr schnell vor- sprang, konnte ich nicht verhindern, daß der Attentäter leinen Arm ausstreckte und mehrere Schüsse aus den König aogib. Ich erhob meinen Säbel und streckte mit zwei Schlägen den Mann zu Boden, während der Kraitwagensllhrer-»ige Schüsse ans ihn abgab. Ter,Mörder suhr aber, obgleich rc am Boden lag, fort, zu schießen. Seine Kugeln trafen zwei Poli- zeibeamtc und eine Frau, die sich in der ersten Reihe der Schaulustigen befand. Polizei und Gardemobile stürzte stch auf den Mörder und versuchte, die Menge von dem Wogen fernzuhalten. Der zu Boden gefallene Attentäter wurde auf- gehoben, woraus sich die Menge auf ihn warf und ilj-i gelyncht hätte, wenn die Polizei ihn nicht rechtzeitig beiseite geschafft hätte. Fotografien der tat Im Augenblick der Schüsse DNB. Paris, 10. Okt. Ein großer Teil der Morgenprcsse veröffentlicht die Berichte über das Attentat gegen den König von Südslawien und den französischen Außenminister mit Trauerrand. Außerdem finden sich bezeichnende Prefsefoto- grasten. Die eine stellt die Begrüßungsszene dar, bei der König Alexander und Barthou sich die Hand schütteln, die andere zeigt— von vorn ausgenommen— den Wage» im Augenblick des Attentats Man sieht die Gestalt des Mörders aus dem Trittbrett hängen und man bemerkt, wie der be- gleitende Offizier sein Pferd herumreißt, um das Attentat zu verhindern. Ein anderes Bild ist seitlich ausgenommen. Man steht ans dem Kisten des Wagens, da das Verdeck aus- geschlagen ist, die bewußtlose Gestalt des Königs Wiederum ein anderes Bild zeigt, wie der schwer verletzte französische General Georges in Galauniform mit Dreimaster wegge- trage» wirb. Das Auto, gegen das der Anschlag vollführt wurde, war wie folgt beseht: Ans dem Rücksitz König Alexander und Außenminister Barthou, ihnen gegenüber General George». Ter Wagen wurde von einem Polizeichaufseur gesteuert. Das„Journal" gibt dem Wunsch Ausdruck, daß die Leiche des ermordeten südslawischen Königs als besondere Ehrung nach Paris übergeführt werde, das ja daS Ziel seines Besuche» war, und eine Nacht am Grabmal des unbekannten Soldaten unter dem Triumphbogen aufgebahrt werde, damit die Bevölkerung von Paris dem ans französischem Boden ge» sallenen ausländischen Herrscher ein« letzte Ehrung erweisen könne. ver Paß des Mörders Paris, 10. Okt. Die Nachprüfung des bei dem Mörder des Königs Alexander und Barthous gefundenen PasteS hat zu der Feststellung geführt, daß er vom tschechoslowakischen Kon- sulat in Agram ausgestellt ist. Auf diese Weise findet auch die Tatsache ihre Erklärung, daß die Belgrader Behörde» die Ausstellung eine» solchen Paste« auf den Namen Kalemen in ihren Listen nicht feststellen konnten. Der Paß trägt ein Visum der fttdslawischen Behörden, gültig für alle Ausland»- reisen außer Sowjetrußland Ferner fand man im Paß die Grenzvisen SttöslawienS, der Schweiz und Frankreich». ver Eindruck in Belgrad Fortsetzung von Seite 1 Alexanders Testament Belgrad, 10. Okt. In Anwesenheit von Prinz Paul, Ministerpräsident Zuluwitsch, dem Belgrader Stadtkomman- danten, Kommandant der königlichen Garde Giivkowitsch und dem Flügeladjutantcn des verstorbenen Königs wurd- die Testamentseröffnung vorgenommen. In dem Tests- ment hat König Alexander während der Minderjährigkeit des Königs Peter Regenten eingesetzt: Prinz Paul Kara- georgiewitsch, den Senator und ehemaligen Minister Zedent», Stankowitsch»nd den Ban der Banschast Sau Tr. Ivo Perowitsch. Als Nachfolger für Prinz Paul ist der Kom- inandierende General und militärische Befehlshaber von Belgrad Tomitsch, für Senator Stankowitsch der Senator Banjanik und für Perowitsch Senator Zetz bestimmt worden. Peter II. Belgrad, 10. Okt. Die Ageuce Avals kündigt amtlich an, daß der älteste Sohn des in Marseille verstorbenen Königs Alexander I. als Peter II. am 11. Oktober den Thron Süd» slawiens besteigt. In der Proklamation a» das Volk hierzu beißt es: Unser großer König Alexander I. ist als Opfer eines erbärmlichen Anschlages am 9. Oktober um 1 Uhr i» Marseille verstorben. Der Märtnrerkönig hat mit seinem Blut sein Friedens- werk besiegelt, für das er seine Reise in das verbündete Frankreich unternommen hatte. Gemäß Art. 30 der Ver- sassung besteigt sein erstgeborener Sohn, König P:ter II., den Thron de» Königreichs' Südslawiens. Tie königliche Regierung, das Heer und die Flotte haben König Peter II. den Treueid geschworen. Tie kgl. Regierung übernimmt in Uebereinstimmung mit Art. 45 der Veriasiung die Rc» gierung bis zum 11. Oktober, um die Ablegung des Treu- eide» gemäß Art. 59 und 4? der Verfassung vorzubereiten. Tie letzten Worte, die König Alexander mit seinem letzten Seufzer aushauchte, legen Zeugnis ab für seine unendliche Vaterlandsliebe. Er sägte:„Wacht über Südslawie.i" tgl. Regierung ruft die ganze südslawische Nation au».>n Treue und Würde über diese Erbschaft zu wachen. Peter II. wurde am 0. September 1928 in Belgrad geboren * „König" Peter in England London, 10. Okt. Der elfjährige Kronprinz Peter von Südslawien hatte in der Chendroyschnle von Turry noch zwei Jahre als Zögling leben sollen. Als der Schuldirektor durch einen telefonischen Anruf verständigt wurde, nahm der Prinz gerade an Tchulspielen teil. Es wurde beschloffen, ihm die große Aenderung, die in seinem Leben eingetreten iTx, erst am Mittwochvormittag bekannt zu geben. Prinz Peter ging daher völlig ahnungslos zu Bett. Einstweilen steht nur fest, daß der Prinz zum Begräbnis seines Vaters nach Süd- slawien zurückkehren wird. Wahrscheinlich wird dann seine Erziehung in Südslawien durch Privatunterricht sortgesetzt werden. Königin Witwe Mari. Paris, 10. Okt. Ter Sonderzug, mit dem Königin Maria nach Paris fahren sollte, ist infolge des Anschlages nach Mar- seille umgeleitet worden. Nachdem die Königin die traurige Nachricht von der Ermordung des Königs Alexand:r er- halten hatte, erlitt sie einen Ohnmachtsansall. Der Zug wurde in Sons-les-Saunier angehalten, damit Aerzte der Königin Beistand leisten könnten. Tie Ankunft deS Sonder- zugcs in Marseille dürste daher mit Verspätung erw gen. Tie Gattin des Ttaatsminsters Herriot hat'<<*< bt r Königin zur Verfügung gestellt und begleitet sie bis Marseille. Poris hau den Atem an Wie die iranzösisdie Nanptstadt die Nadirldit aus Marseiile erlebte A. Ph. Paris, 10. Oktober. Von unserem Korrespondenten Paris hält den Atem an. Altentat auf den König Alexander von Jugoslawien, wenige Minuten nachdem er in Marseille französischen Boden betreten hat! Man kann, man will es nicht glauben.„Gott sei Tank, der König ist unocr- letzt geblieben," so meldet es„PariS-Soir" in seiner E.-Aus- gäbe. Aber schon wenige Zeilen weiter dementiert sich die Zeitung selber:„Ter König wurde getroffen und zur Präick- tnr geschafft." Ein späteres Telegramm aus Marseille meldet:„Die Acrzte untersuchen ih» augenblicklich. Man kann noch nichts über seinen Zustand sagen." Eine Stunde banger Erwartung folgt. Einer fragt den andern nach'Nachrichten aus Marseille Dann kommt die Kunde: König Alexander ist tot! Trauer erfüllt alle, die diese Kunde erfahren. Aber jeder atmet doch auf, da ihm das bestätigt wird, was ja selbstverständlich ist: daß kein Franzose diese furchtbare, diese wahnsinnige Mordtat be- gangen hat. Dann erscheinen Tonderausgaben des„PariS-Soir" und des"Jntransigcant".»nd nun trifft e» die Leser wie Keulen- schlägc:„Barthou ist ermordet!" ES ist, als ob daS Herz von Piris stillsteht. Unwillkürlich dämpft jeder die Stimme, und einer flüstert dem andern zu:„Weißt du schon. Barthou?... Alles ist erschüttert, er- griffen, gepackt, zu Boden geschmettert. Paris hält den Atem an Das Herz dieser lebensprtthen- den Stadt scheint auszusetzen. Es ist, als ob die Stadt des Lichtes in diesen Stunden einen Flor über all ihren Glanz gezogen hat. Einen mächtigen Trauerflor. Denn ganz Paris und mit ihm ganz Frankreich trauert um den Mann, besten ganzes Leben Dienst an seinem Vaterlandc war. Man weiß, Barthou hat gegen ungeheure Widerstände kaum ein Jahr vor Kriegsausbruch die dreijährige Dienstzeit in Frankreich durchgesetzt,' so war nicht zuletzt er es. der Frankreich half, alle Kräfte für den Weltkrieg einsetzen zu können. Zwanzig Jahre später kam Adolf Hitler ans Ruder, der Mann, der in seinem Buch„Mein Kamps", der Bibel des „dritten Reiches" nur ein Ziel kennt: das deutsche Volk für die Abrechnung mit dem„vernegerten" Frankreich zu trainieren. Wir kennen die Wege der offenen und geheimen Propaganda, die die deutsche Außenpolitik seit dem 30. Januar geht. Alle diese Wege haben und hatten nur ein UnermeBIldie Iraner lBon unserem Korrespondenten) Paris. 10. Oktober. A. Ph. Frankreichs Trauer um Alexander I. und den Außenminister Barthou ist unermeßlich. Die großen Zei- tungen erscheinen mit Trauerrand und Ueberschriften wie „Jugoslawien und Frankreich in Trauer" sind zu lesen, lieberall wird betont, welche hervorragenden Garanten deü Friedens die beiden Männer waren, die den Mordkugeln zum Opfer fielen. Immer wieder wird hervorgehoben, daß das Blut Alexander I. und von Barthou von neuem die Freundschaft zwischen Belgrad und Paris besiegelt und vor allem wird eins gesagt: Barthous Werk habe wohl Störungen und Unterbrechungen erlitten, aber es wird fortgesetzt in seinem Geiste. Frankreichs Außenpolitik wird den Weg weiter gehen, den sein bedeutender Außenminister ihm vorgezeigt habe. „Petit P arisie n", der dem Außenministerium nahesteht, widmet warme Wor»e der Freundschaft dem toten König Alexander und würdigt in anerkennenden Sätzen Barthous Tätigkeit. Das Blatt sagt, sein diplomatisches Werk, das schon soweit gediehen sei, bleibt unvollendet. Aber eS werde fortgesetzt. Die Tatsache, daß an der Spitze der Regierung Doumergue steht, mit dem Barthou dauernd in naher Fühlung und vollkommener Ein- miitigkeit zusammengearbeitet habe, sei dafür eine sichere Bürgschaft. Barthous Nachfolger am Ouai d'Orsay werde mit Herz und Seele die unternommene Aufgabe fortsetzen. „M a t l n" fordert zur Einigkeit ans gegen die Banditen, dir ■ die Gewalttat auf den König verübt haben, gegen dies'nlgen. die mit Bürgerkrieg arbeiten,»nd— an andere mit»rieg. Leon Balby erklärt sich im„I o u r" nicht damit zufrieden, daß Garraut etwa zurücktrete. Die ganze französische Regie- rung müsse ihre Demission geben, um e» Toumergne mögZiel: in außenpolitischer Beziehung einen Ring zu schmieden, der sich fest um Frankreich legen sollte, um es für die braunen Politik r sturmreif zu machen. Als Barthou am Ouai d'Orsap einzog? war die Gefahr für Frankreich außerordentlich groß geworden, daß das außenpolitische Spiel der Hitler, Goebbels und Rosenberg von Ersol-> gekrönt sein würde. Barthou warf daS Steuer Herum. Nicht KriegSpolitik gegen Deutschland war sein Zi-l Wäre das der Fall gewesen, wir würden, trotzdem unsere ganze Feindschaft dem braunen Regime gehört, gerade ans Liebe zu unserem deutschen Vaterlanbe, dem trotz alle- dem und alledem unser Herz gehört, kaum Worte der Auer- kennung für daS Wirken des großen Staatsmannes Barthou finde». Barthou wollte den Frieden, den er um so glühender lieble, als er wußte, welche Wunden der Krieg seinem Lande geschlagen botie Weil Barthou ein Mann des Friedens war, wurde er der stärkste, energischste und erfolgreichste Gegen- spieler der Wilhelmstraße, so erfolgreich, daß er den Herren in Berlin eine Karte nach der anderen aus der Hand schlug. So verloren sie die österreichische und italienische Karte: so wußte er den iranzösisch-englischeu Beziehungen neuen In- halt zu geben? so konnte er Sowjetrußland an^Frankreichs Seirc führe«» so suchte er Jugoslawien und Italien mit- einander anSzuschnen, um den Gefahrenherd zu beschwören, dea die Welrerecke im Südosten Europas für Europa noch iminr bedeutet. Als Barth?» die letzten Steine in diesen Bau der Be- sriedung Europas fügen, als er mit Alexander von Jugo« slawien verhandeln wollte, um die Basis für ein Freund- schastsabkommen Frankreich-Jtalien-Jugoslawien zu finden, mußte« st-rben und mit ihm König Alexander. Eigenartige Gedanken drängen sich dem erschütterten Be- obachter auf: Dollsuß mußte sterben, als er Muffolini aus- suchen wollte, um mit seiner Hilfe Oesterreichs Unabhängig- keit gegen Hitlerdcutschland zu sichern. Alexander von Jugo- sla vier mußte sterben, als er mit Frankreich zusammen den italienisch-jugoslaivischcn Gegensatz beseitigen wollte. Barthou uiußte sterben, als er zu seiner Fahrt nach Rom rüstete, um dort die französisch-italienische Entente aeaen Hitler zu schassen. Seltsame Wege geht oft die Weltgeschichte. Wird bald ein Lichtstrahl das Dunkel aufhellen, in dem sich diejenigen bergen, die die Kugeln der Mordschützen von Marseille ae< lenkt haben? lich zu machen, eine Regierung zu bilden, die in der Lage sei, das Land sauber und ehrenhaft zu regieren. Im gleichen Blatt schneidet George».Mareens« die Frage an, wer der intellektuelle Urheber der Mordtaten des S. Oktober sind, nnd er sagt recht deutlich, die Frage sei er» lanbt, ob nicht der Mörder bewußt oder unbewußt nur ei« Instrument in der Hand jener dnnkle» Macht sei, die mit Mord«nd Grenzzwischen» fallen Krieg zwischen Alpen»nd Adria z« säen versuche. Eben erst habe man Tollfnß beiseite ge- bracht. Viele wackere Menschen seien in Europa hin. gemordet worden— und immer von derselben Seite Im„Excelsior" schreibt der frühere Staatspräsident Mille ran d er erblicke durch das Ableben des König Alexander von Jugoslawien furchtbare Aussichten für alle Nationen, die den Frieden lieben. Für sie nun sei der Tod des Königs und Barthous ein unersetzlicher Verlust ,r f 0 l, J"L We"""tischen Konsequenzen der Schüsse von Marseille. TaS Blatt nennt als Kandidaten'ür die Nachfolge Barthous die Namen von Herriot, Tardieu und Paul-Boncour. Aber man denkt auch daran, daß Toumergne selbst, um die Stabilität der französischen Außenpolitik zu sichern, das Amt des Außenminister» mit k<8 Ministerpräsidenten vereinige« könnte. "t. L.? 0tÖ 1 fcfn,tn'«er ein Interesse an de» Ermordung Alexanders habe, an der Berwirrung Europa»? Wem. man auch heute darüber noch keine schlüssige Antwort geben könne, dürse man doch diese Frage nicht aus den Auge« Ühu"iüsse energisch vertreten werden. Ehrende Worte widmet LeonBIumim.Populaire' dem toten Außenminister. In scharfen Worte» verurteilt er dl« Ermordung des jugoslawischen König», dessen faschistische Regierungsmethoden er ablehnt, dafür aber betont, daß mit ibm d,e internationale Sozialdemokratie, die so sehr unter oem politischen Mord zu leiden habe immer»»*«rn--. Kanu'fmUM 5„s\- Befreiung abgelehnt Hab».' Für Deutschland Gegen Hitler! Schutz der Saar! Schutz der Saar! Schutz» der Saar! Seid gewarnt, es droht Gefahr! Handwerksmann, Prolet und Bauer, schließt die Front zu einer Mauer! Schutz der Saar! Schutz der Saar! Glaubt ihm nicht! Glaubt ihm nicht, was euch Hitler jetzt verspricht! Was feit Fahren er versprochen, bat er hundertfach gebrochen! Glaubt ihm nicht! Glaubt ihm nicht! Wachsam sein! Wachsam sein! Laßt die Braunen nicht herein! Ihren Weg zeigt die Geschichte: Terror. Mord und Standgerichte! Wachsam sein! Wachsam sein! Kurz die Frist! Kurz die Frist, bis die Saar ein Kerker ist! Siegt das Hakenkreuz, dann müssen eure Mutigsten es büken— Kurz die Frist! Knrz die Frist! Schutz der Saar! Schutz der Saar! Bor der braunen Henkersschar. Traut nicht ihrem Sieggeheule! Hört, sie scharten schon die Beile. Blutig droht der Januar! Schutz der Saar! Tchuy der Saar! Hannes Möhren. Gegen die katlioüsdie Opposition Terror«egen ihre Presse Die„Neue Saar-Post" berichtet: Verspätet kommt uns ein Vorfall zu Ohren, der eine ganz neue Methode des Nazi-Terrors an der Taar enthüllt. Wir berichten, waS uns von durchaus zuverlässiger Seite mit- geteilt wird und wir betonen ausdrücklich, dast wir an der Richtigkeit der Darstellung nicht den geringsten Zweifel hegen.. In ein katholisches Pfarrhaus in der Nähe von Lebach kam vor etwa zehn Tagen Herr Knappschastsarzt Dr. M i ch e e l aus Taarwellingen. Ter Pfarrer war nicht an- wescnd, und so konnte sich der Besucher nur mit dem Kaplan unterhalten. Dr. Micheel erklärte, im Auftrage des Herrn Studienassessors Reichert zu kommen, der zu diesem r Schritt persönlich die Zustimmung des hoch- würdigsten Herrn Bischofs von Trier eingeholt habe. Dr. Micheel sei beauftragt, darüber Auskunft einzu- holen, welche Stellung der Herr Pfarrer gegenüber der „Neuen Saar-Pest" einnehme. Wohlverstanden, der Herr Doktor sagte„Pest", nicht„Post". Sollte der Herr Pastor nicht von der Zeitung lassen wollen, erklärte dann der Abgesandte des Herrn Reichert, so werde man„M i t t e l und Wege" finden, um den Bezug der „NSP." zu unterbinden. Damit werde man sich nicht be- gnttgen. Sondern man werde den Pfarrer„zu zwingen wissen", sich in einer öffentlichen Erklärung von der „NSP." zu distanzieren. Einen zweiten Fall möchten wir hier nur kurz streifen, da sich die zuständigen Stellen damit zu befassen haben werden. Ter Gemeindediener Peter Z i e g l e r aus L a b a ch hat den Boten der„NSP." in Reisweiler unter Drohungen zu zwingen versucht, ihm die Liste der Abonnenten unserer Zeirung auszuhändigen. Dieser Versiich wurde verschiedent- üch wiederholt. stlmmbüroieifer Bern, g. Okt. Wie der„Bund" erfährt, werden von den s°0 für die Saarabstimmung zu ernennenden Stimmbürolei- tern 350 dänische, ebensoviele schweizerische und 100 luxem- burgische Staatsbürger berufen werden. Da es sich dabei um Leute handeln uuist, die in der Führung von Abstim- mungSlokalen eine gewisse Erfahrung besitzen, wird man sich in der Hauptsache an höhere Gemeindebeamte. Leiter ständiger Wahlausschüsse, Präsidenten von Gemeinden und Korporationen wenden. Finanzausschuß des Völkerbundes und die Saar Genf, 0. Okt. Der aus französische Anregung von der Völ- kerbundsversammlung eingesetzte Tonderausschuß, der die Aufgabe erhalten hat, eine Untersuchung über die Ursachen, die Tragweite, die Methoden und die Ergebnisse der Ber- rcchnungS- und Clearingabkommen zu unternehmen, wird am 18. Oktober in Paris zusammentreten. Dem Ausschuß sollen 10 Mitglieder angehören. Davon sollen der Finanz- ausschuß und der Wirtschaftsausschuß des Völkerbundes je fünf Mitglieder ernennen. Der Wirtschaftsausschuß hat be- reitS folgende Mitglieder für diesen Zweck abgeordnet: Den Engländer Leith-Roß, den Schweizer Stucki, den Italiener di Nola, den Oesterreichcr Schüller und den Franzosen Elbel. Der Finanzausschuß, der am 14. Oktober zu einer außer« ordentlichen Tagung zusammentritt, die zum großen Teil den mit der Saarsrage zusammenhängenden Finanzsragen gewidmet sein wird, wird erst dann die ihm zukommenden Ernennungen sür den obigen Sonderausschuß vornehmen. Saartragen in Paris Gens, 0. Okt. Wie jetzt bekannt wird, soll die am 14. Ok- tober beginnende außerordentliche Tagung des Finanzaus- schusses des Völkerbundes nicht wie üblich in Genf, sondern in Paris stattfinden. Tie Verlegung dieser Tagung, die sich hauptsächlich mit Währungs- und Anleihesragen beschäftigen wird, die mit der Saar-Abstimmung zusammenhängen und die durch das Memorandum der französischen Regierung so- wie den Brief des Präsidenten Knox vom 24. August 1034 ausgeworfen worden sind, wird im Bölkerbundssekretariat damit erklärt, daß einige Mitglieder des Finanzausschusses den Wunsch geäußert hätten, sich in Paris zu«reifen.' Sein„positives Christentum" Es ist doch zu merkwürdig: immer wenn die christ- gläubigen Zeitungen der„deutschen Front" im Saargebiet sich die Aufgabe stellen, uns finsteren marxistischen Seelen das lichte Heil ihrer Religion zu bringen, stellen sie die kaum begonnene Predigt ein. Wir meinen also das Heil Jesu Christi und nicht das Heil Hitler! Für uns ist nämlich die Bergpredigt und das nationalsozialistische Parteiprogramm noch zweierlei. Neulich wollte uns die„Saarbrücker Zeitung" über katho- tische Moraltheologic belehren, aber sie blieb schon in den ersten Ansangssätzcn stecken. Wir müssen uns also aus diesem Gebiete einstweilen mit dem begnügen, was uns eigenes Studium und der langjährige freundschaftliche Verkehr mit hervorragenden katholischen Theologen beigebracht hat. DaS ist immerhin schade: da in charakterfesten Jnseratenplantagen wie der„Saarbrücker Zeitung" bekanntlich besonders große theologische Leuchten und tiefreligiöse Naturen sich anzu- siedeln pflegen. Auch oce„Saarbrücker Landeszeitung", die noch ab und zu schwache Erinnerungen an ihre katholische Vergangenheit pflegt, verwandelt ihre Redseligkeit in verlegenes Schweigen, wenn u bescheiden um einige höfliche Auskünste bitten. Dabei ging es in diesem Falle gar nicht um uns, sondern um den großen Deutschen, dessen„positives Christentum" uns auch schon von der„Landeszeitung" als leuchtendes Vorbild gepriesen worden ist, also um Adolf Hitler, der irgendwo in seinen Papieren einen katholischen Tausschein besitzt. Wenn er ihn noch besitzt! Wir hätten auch nach einem so bekannten Katholiken, wie den nächst Julius Streicher intimsten Freund des„Führers", also nach Dr. Josef Goebbels, fragen können. Er hat auf Kosten des katholischen AlbertuS-Magnus-Vercins studiert, und als er durch politische Geschäftemachers« und durch Heirat Millionär geworden war, mußten ihn die deutschen Katholiken so und so oft öffentlich mahnen, bis er herausrückte, was ihm geliehen worden war. Noch immer ist Dr. Goebbels Katholik. Dennoch hat er sich mit der ge- schiedencn Frau eine» Protestanten verheiratet, lebt also nach der katholischen Lehre in einem verbrecherischen Konku- binat. Uns würde das weiter nicht interessieren, aber wie hoch schäumte die moralische Entrüstung der katholischen Presse auf, wenn marxistische Führer, die keineswegs auf ihren katholischen Tausschein pochten, gegen die Morallehrcn des Katholizismus verstießen. Wie sanft dagegen beurteilen die sozusagen katholischen Zeitungen die Todsünde eines natio- nalsozialistijchen katholischen Ministers. Warum klärt man unS vielleicht nur ununterrichtete Leute nicht endlich über die tieferen religiösen Gründe dieser offensichtlichen Wider- sprüche auf? Auch der„Führer" Adolf Hitler ist Katholik und rühmt sich seines positiven Christentums. Immer wieder lesen wir darüber in katholischen Zeitungen dcS Taargebietes oder doch in Blättern, die katholism tun, wie etwa der„Saar- brücker LandeSzeitung". Jeden Tag sehen wir auch in katho- tischen Zeitungen daS Bild Adolf Hitlers. Nie aber noch ist er uns vorgeführt worden als Besucher einer katholischen Kirche oder einer katholischen Prozession oder auch nur einer katho- tischen Versammlung oder überhaupt irgend einer katholischen Veranstaltung. Ter Katholik Adolf Hitler! Er scheint eine sonderbare Scheu zu haben, sich in Gesellschaft seiner Glaubensgenossen zu bewegen. Wir hätten gerne einmal von der katholischen Presse des Saargebietes gehört, wann der Katholik Adolf Hitler zum letzten Male seine religiösen Pflichten erfüllt hat, wie es mit seinem Kirchenbesuch und mit seiner Beichte steht. Rcli- gion ist doch nur nach einem, übrigens mißdeuteten, marxistischen Programmsatz Privatsache? Nicht wahr, vcr- ehrte„Landeszeitung"? Wenn ein Staatsoberhaupt dem Volke als positiver Christ vorgeführt wird, so sollte man doch meinen, daß er in seiner eigenen Konfession positiv sich be tätigt. Wie kommt es, daß darüber in der katholischen Presse auch des Taargebietes so gar nichts verlautet? Wir fragen also rund heraus: wie steht es mit dem Katho- lizismuS des in den katholischen Kirchen- und Steuerbüchern geführten Katholiken Adolf Hitler? Wenn Blätter wie die„LandeSzeitung", die uns alle paar Tage unseren angeblichen Mangel an Christentum vorhalten, aus unsere klare bestimmte Anfrage schweigen, so ist nur die eine Antwort möglich: das„positive Christentum" des Katho liken Adolk Hitler ist ebenso viel wert, wie seine sonstigen Leistungen: ein Reklameetikett und sonst nichts, und die „Saarbrücker LandeSzeitung" scheint das sehr wohl zu wissen. Sollten wir Unrecht haben, sind wir bereit, uns zu be- richtigen. Dazu ist nur notwendig, daß uns die katholisch- tuende„Landeszeitung" Auskunst gibt: wie steht es mit dem Katholizismus ihres von ihr über alle sonstigen^deutschen Katholiken gestellten katholischen„Führers"? Man kann doch als Katholik nicht einen großen Sünder mit„Heil Hitler" grüßen, wenn er nichts anderes ist als ein verlorenes Schaf der heiligen katholischen Kirche und ihrer Hirten. Per Saarkommissar droht Der Reichskanzler hat den pfälzischen Nazi-Gaulciter B ü r ck e l zum Saarkommissar ernannt. An Stelle des nach Wien abgeschobenen Herrn von Pape«. Bürckel ist also nun in Saarfragen der unmittelbare Stellvertreter Hitlers. Ter Direktor vom Europadienst der Hearst-Presse hat ge- legentlich eines Besuches im Saargebiet eine längere Unter- rcdung mit dem Saar-Kommissar Bürckel gehabt. Nach dem Bericht des Engländers hat Bürckel zunächst seiner Hoffnung Ausdruck gegeben, daß eine vollkommene Einigung zwischen dem Papst und Hitler noch vor der Saarabstimmung zustande kommen werde. Dann fuhr er fort: „Was die Juden anbelangt, so wirb man nichts gegen sie unternehmen, vorausgesetzt, daß sie aus gewisse kultu» relle Gebräuche und die Finanzspekulation verzichten. Wenn die Taar wieder deutsch ist, werden sämtliche Emigranten und politischen Flüchtlinge der deutschen Justiz übergeben, sosern fie ihren Ausenthalt über den Tag hinaus verlängern, an dem das Ergebnis der Abstimmung bekanutge- worden ist." „Finanzspekulationen", ohne die der Kapitalismus nun einmal nicht lebe» kann, scheint also Herr Bürckel nur den Ariern im Saargebiet vorbehalten zu wollen. In Wirklich- keit bedeutet natürlich diese vorlaute Weisheit des Bürckel ganz etwas anderes: es ist das klare Bekenntnis, daß man die Juden im Taargebiet aus dem Geschästsleben ausschalten, sie wirtschaftlich ruinieren will, wie das ja auch im Reiche mit heißem Bemühen geschieht. WaS Bürckel sonst unter „nichts unternehmen" versteht, sind Pogrome. Treten sie, wie zu erwarten, dennoch ein, so werden eS, wie im Reiche,„ver- kleidete Kommunisten" oder„Provokateure" sein, mit denen die NaziS nichts zu tun haben. Daß„sämtliche Emigranten und Flüchtlinge" den deutschen Gerichten übergeben werden sollen, daS heißt der SA. und TS. zur Folterung oder zum Erschießen auf der Flucht oder zum Selbstmord durch Erhängen im Gefängnis, nimmt man ohne Ueberraschung zur Kenntnis. Man wird nichts anderes erwartet haben. Da spricht Bürckel bestimmt ganz im Sinne des deutschen Reichskanzlers. Bemerkenswert ist nur eine Frechheit: die Aeußerung des Saarkommissars. daß die Hätz auf die politischen Gegner— und da wird man siel, keineswegs aus„politische Flüchtlinge" beschränken— nicht erst nach der Rückgliederung, sondern an dem Tag beginnen soll,„an dem das Ergebnis der Abstim- mung bekannt gegeben ist". Von dieser Offenherzigkeit nehmen wir mit großer Besrie- digung Kenntnis. Wir haben stets das gleiche behauptet und sind dafür von der Presse der„deutschen Front" heftig ver- dächtigt worden, wir täten der disziplinierten und legalen braunen Front Unrecht. Hier haben wir das Bekenntnis des Saarkommissars selbst: er pfeift nach der Abstimmung ans die»och amtierenden Be- Hörden. Sein Ziel ist ber Tag der Rache. Man wird seine wichtige Aeußerung entsprechend beachten müssen. vi« UrbeHcr Sportler gegen den Terror on der Soor Ter 7. Kongreß der Sozialistischen Arbeiter-Sport-Jnter- nationale nahm einstimmig eine Entschließung an, die sich mit dem faschistischen Terror an der Saar und in Danzig be- schäftigt. Die Resolution lautet: „Die Delegierten des 7. Kongresses der Sozialistischen Arbeiter-Tport-Jntcrnationale aus den verschiedensten Ländern nehmen Kenntnis von dem ungeheuren Terror, den die Faschisten im Taargebiet und in Danzig aus alle aufrechten antifaschistischen Freiheitskämvscr ausüben. Insbesondere nehmen sie Kenntnis davon, unter welch schwierigen Verhältnissen unsere Arbeitersportler an der Saar und in Tanzig für die Idee des Arbeitersportes zu kämpfen und zu leiben haben. Die Delegierten des 7. Kongresses der Sozialistischen Arbciter-Sport-Jnternationale entbieten allen antifaschi- stischcn Freiheitskämp'ern an der Saar und in Danzig in ihrem schweren Ringen heiße Kaiypfesgrüße, versichern den saarländischen Freiheitskämpfern im Kampfe gegen die Auslieferung des Taargebietes an Hitler-Deutschland ihre ganz besondere Solidarität." da, grosse führende Jugendblatt im Kampfe gegen den Faschismus-n J Krieg ist soeben erschienen. Die Zeitung gehört in die Hände von hunderttausende», jungen Arbeitern, Bauern, Studenten. EINE KAMPFZEITUNG VON DER JUGEND FUER DIE JUGEND 14 Seiten, reich illustriert, Preis 60 cts., 15 Rappen, 80 Heller.— Bei Bestellung von 100 Stück und mehr hohen Rabatt.— FORDERT PROBE-EXEMPLARE AX' Verlag«FREIE JUGEND» Saarbrücken, Nauwieserntrasso 48 Plassenverhaffungen von Sozialisten im Reiche Heinsen niemand V» VfflVtrtltVA iMfA r$y«IM>Q«MMtlthl*! Eine neue Sdiredtenswelie in Sfiddeufsdisand ' Man schreibt uns aus dem Reiche: Alle Erklärungen der Regierung, sie wolle sich mit ihren früheren Gegnern vcr- söhnen, sind Schwindel. In den letzten Wochen sind so viele taufende Sozialdemokraten und Kommunisten verhaftet worden, dast die bescheidene„Amnestie", die meistens Krimi- nclle,'Nazis und nnr vereinzelt ganz zermürbte Opier der Sozialdemokratie nnd ocs Kommunismus in den Kerkern ketraf. längst mehr als ausgeglichen ist. Auch die Hinrich» >ung des Antifaschisten Jasper in Hambi rg ist ein blutiger Hohn ans Hitlers„Amnestie". Uns sind seit Woche» große Masienverhaftungen im Rhein- lond bekannt, und gerade dort, wo cS am 19. August viele Neinstimmen gab. Nun setzt sich der Jusliztcrror auch in ''»deren Iondesteilen fort. Seit etwa 14 Tagen tobt in Süddeutichland die Gestapo /s Herrn Hitler aus die unmenmilichste Weise. Wohl in der Ausführung der Mahnungen, die ehemaligen Sozialisten durch Aufklärung und Belehrung für Hitler zu gewinnen, bo.t man in der Pfalz, in Baden, in Hesse», in Württem- Hers morgens in der Frühe die Leute aus dem Bette, die anderes getan haben, als dast sie ausrechte Männer geblieben sind und ihre politische Gesinnung nicht an die Ber- brecherbande Hitlers verkaust haben. Tie Haussuchungen jagen sich förmlich. Es gibt Häuser, die mehrere Tage immer und immer iviedcr durchsucht werden, ohne dast Belastendes gefunden wurde. TieS beweist am besten, dast es sich um reine Terrorakte handelt. Jel.' kommt die Rache für die Abstimmung im August. Gegen das Ausland heuchelte man To^ranz. und im Unland herrscht die brutale Polizeifaust. Am schwersten wütet die Polizei in der Pfalz, im Gebiet des Saarabstimmungskommissars Bürckcl. Es ist gut, daß dieser P rr noch■- der Saarabstimmung den Saarländern «icsen^bslimmungsunterricht gibt. Frauen, deren Männer nicht gleich zu finden ivarcn, wirft man unbarmherzig an Stelle ihrer Männer in die Gefängnisse. Auch Frauen in Schwangerschaft. Tie Bestie tobt wie in den Märztagen 193:1. lieber die Behandlung der Verhafteten in den Gesängnissen kommen die schwersten Klagen. Männer, die i» bester Ge- sundheit eingeliefert wurden, waren nach einigen Tagen Hitlerhast kaum mehr zu erkennen. TaS„neue Teutschland" erbringt wieder einmal vor der ganzen Welt den Beweis, was es in Wirklichkeit ist, ein Reich der Barbaren. ES gibt keine Möglichkeit für die Verhafteten, sich Rechtsschutz zu verschaffen, seelisch geauält und gemartert, sollen sie im Ge- fängniS vernichtet werden. TaS Ziel, durch solch brutale Verfolgungen die sozialistische Gesinnung zu zerstören, werden die Banditen jedoch nicht erreichen. Jetzt schon bekommen wir Meldungen, dast diese Massenverhaftung von Unschuldigen unter den ans- recht gebliebenen Arbeitern die Erbitterung noch gesteigert bat. Jetzt erst recht:„Nieder mit Hitler!", so lautet die aus- gegebene Losung. Tiefer neue Schlag der Hitlcr-Büttel gegen die von früher her bekannten Sozialisten zeugt von Feigheit und Angst. Man wird der Schwierigkeiten im Innern nicht Herr. Tie Bankrottpolitik wächst ihnen über den Kopf, und nun versucht man mit brutalen Gewaltakten die VolkSmafsen einzuschüchtern. Auch diese Rechnung geht daneben. Tic Ab- rcchnnng kommt, denen mögen die deutschen Ga-astcr sicher sein. Hollge Szenen des 30. Juni k. Ph. Paris, 0. Oktober. (Von unserem Korrespondent«: n.) Miedet erzählt uns Xavier de Hauteclocque in .,Gi ingoire" von den Bestialitäten der braunen Uschla. Au* Versehen ermordet Tie Geschichte von W i l l y W e i st«der Verfasser bemerkt, daß er ans Familienrücksichten den Namen dlejes^Uichla- opfers geändert hat. Gemeint ist der Kunstlrititer Schmidt. Red.„T. F."j aus München ivurde mir von einem deutschen „Beobachter" beim Völkerbund berichtet. Kunsttritiker, dessen'Ruf über Teutschlands Grenzen hin- ausging, ein Man», der den politischen Lärm verachtete, an- gesehener Schriftsteller ivar er in jener Nacht zum 30. Juni weggegangen, ohne an etwas böses zu denken. Und selbst dann, wenn er gewußt hätte, was sich gerade damals im Nazi- Hauptquartier ereignete, hätte sich Willy Weiß nicht im ge- riphsten darum Sorge gemacht. Tiefer Kunstkritiker ist in seinem Herzen ein Nazi, er ver- ehrt Hitler wie so viele Bürger. Würde Hitler die Hälfte aller Deutsche»"erschießen lassen— Willy Weiß würde ihm recht geben. Es klingelt an der Wohnungstür Leute in schwarzer Klei- duug dringen ein mit einem Totcnkvps als anmutigen Zier- rat an der Kappe. „Heißen Tic Weiß? Sind Sie Journalist?" Ter arme Kerl fügt sich. Man heißt ihn aufstehen. Man dringt ihn ivcg. Man erichicßt ihn. Während der letzten schrecklichen Minuten erhob er lauten Protest, sprach von seiner Achtung vor den Gesetzen, seiner Unschuld, seiner Liebe zum Führer. Ter schwarze Offizier begnügt sich damit, eine Liste ein- zusehen, auf der sich der Name Weist, Journalist in München befindet. Tie Personen, die aus dieser Liste stehen, sollen „bcileitegebrach." werden. ^ Willy Weiß ist tot, man merkte, dast man damit eine Dummheit gemacht halte. Man hatte einen Weiß um die Ecke bringen sollen, aber der Vorname dieses Vcrfehmlen lautete „Paul"... Paul oder Willy mit solchen Einzelheiten gab man sich in der Stacht zuni 80. Juni nicht ab. Glücklicherweise befand sich Paul Weist, ein Journalist, der auf dem linken Flügel der Nazipartci stand, in Italien in dem Augenblick als er unter den Opfern des Gemetzels fei- nen Play ausfüllen sollte. Paul dachte garnicht daran, nach Teutschland zurückzukehren, um dem unglücklichen Willn Ge- iell'chast zu leisten. Er teilte nur schlecht und recht den natio- nalsozialistischen Führern mit, ivic bedauerlich der„Irrtum bezüglich der Person" sei, dessen Nutznießer er ohne seinen Willen sei. Der Herrenreiter und der Tod Lavier de Hanteclocque berichtet nun weiter, wie die Uschla auch nach Popen ihre blutigen Hände ausstreckt. Er erzählt ein persönlicher Freund des Vizekanzlers habe ihm darüber interessante Mitteilungen vertraulicher Art gemacht. Wenn die braune Diktatur einmal falle, und man den Henkern den Prozeß mache, dann werde auch Tr. E...^euaniS ab- legen. Ter franzö'"Me Journalist macht zunächst einige Mit- teilungen über Popens Person. Er teilt mit, daß Pape« ein „Satzjunker" sei, d. h. seine Vorfahren seien durch AuS- beutung von Salzbergwerken reich geworden Aber auch durch Heiraten. So habe auch Franz von Pape» im Jahre 190.", ein Fräulein von Boch geheiratet, die mit der französische» Fg- mjlie Viltcroy verwandt sei. Pape» sei nicht nur Katholik, iondern noch dazu päpstlicher Kammerhcrr. Aber die deutschen Katholiken machten ihm den Vorwurf, daß er sie wiederholt verraten habe. Als Offizier habe er dem feudalen 5. Ulanen- reaiment angehört, aber im Jahre 1039 habe er die Regie- rung seines Landes d-iii Jnfanteriegcsreitcn Hitler, einem Oesterrelchcr, ausocltescrt. Nach diesen einleitenden Bemerkungen kommt Haute- eloque darauf zu sprechen, welche Bedeutung der 30. Juni für Herrn von Pape» haben sollte. Er berichtet: „Kurz nor dem 30. Juni gibt der Vizekanzler seinem Sekretär Jung den Auftrag, eine Rede zugunsten der unter- drückten Katholiken anzufertigen. Herr von Pape» hält diese Rede in Marburg. Tic Aufregung, die diese Philippika im Ausland hervoruft. die Erregung, in die sie die Massen dei Gläubigen in Teutschland versetzt, das alles bringt die NazU i» Wut. Man kann sagen, daß das Blutbad des 30. Juni, de dem katholische Führer umkamen, seinen offiziellen Ur> sprnng in dieser heftigen und vielleicht unvorsichtigen Predigt hatte. Feststellen muß man. dast man Herrn von Papen während seiner ganzen Laufbahn keinerlei Feigheit vorwerfen kann. Als er in Marburg spricht, setzt er sein Leben auis Spiel wie man gleich sehen wird. Toch sein erstaunliches Glück will daß andere an seiner Stelle immer für das zahlen, was dh Geschichte als gewollte Ungeschicklichkeiten oder als unfrei- willige Arglist ansieht... Tic Sintflut ist da, eS kommt zu dem blutigen 30. Juni 1934. Vor seiner Abreise nach München und Wicssee gibt Hitler Göring den Auftrag, die Situation zu bereinigen. Ta» geht in der Nazipolitik nur mit Blut. TaS ist der Grundsatz GöringS, als er die Lichterielder Hinrichtungen rrganisiert. Seit dem 12. September 1933, wo Papen ihn vor ganz Teutschland wie einen Schulbuben behandelte, haßt der berühmte Flieger den Ulanensranz. Göring schickt einen Trupp schwarzer Polizcibeamter nach der Voststraße 1 zum Vizekanzler. Zu seinem Glück war dieser gerade ausgeritten. Tie TS.-Lcute dringen in feine Amtsräumc mit Kolben- schlügen ein, durchwühlen die Tckmbladen. Jung, der Ver- sasser der Marburger Rede,' will sich diesem gewalttätigen Vorgehen in den Weg stellen. Wie eine» Hund tötet man ihn. Ter andere Sekretär, Herr von Bose, eilt ihm zu Hilfe. Auch er muß sterben. Als der schöne Franz vom Spazierritt heimkehrt, findet er seine Räume voll Blut. Tie Leichen seiner Sekretäre hat In Marienburg sprach ein Bannführer der Hitlerjugend» Weymann, zu den Jungarbeiterinnen zweier Fabriken. Er sagte: Wir zwingen keinen von euch, in den Bund Deutscher Mädels zu kommen. Ihr sollt s e l b st erkennen, daß dort euer Play ist. Aber mir sagen es offen, in Zukunft müßt ihr einer dem Staat dienenden Organisation angehört». Ter Staat dient euch. Und darum ist eure sittliche Pflicht, dem Staat zu dienen... Es ist jetzt ein Erlast vom Führer der Teutschcn Ar- beitsfront herausgekommen, der besagt, daß jedes Mit- glicd der Arbeitsfront von 14 bis 18 Jahren auch Mitglied der Hitlerjugend sein muß Andernfalls er aus der Ar- beitsfront ausgeschlossen wird. Ich zwinge keinen, Mitglied im Bund Deutscher Mädel zu werden. Aber ich kann nicht verstehen weshalb ihr cS nicht werdet. Von Zwang kann da wirklich keine Rede sein. Wer auS der Arbeitsfront ausgeschlossen wird, muß zwar ein bißchen verhungern, denn er bekommt keine Arbeit mehr, aber der Hitlerjugend liegt ja gerade daran, dast die Mädchen frei- willig zu ihr kommen, da kann man ihr so ein ganz kleines Truckmittelchcn nicht verargen. Kolioiisdier Jlodiverräler Ein Steckbrief Tie Geheime Staatspolizei hat einen Steckbrief gegen den bisherigen Gauleiter der Deutschen Jugend- kraft iTJKs. Ballhorn, erlassen. Ballhorn, der flüchtig ist. wird des Hochverrats beschuldigt. Tie Deutsche Ju- gendkrast ist der bekannte allein von der Regierung autori- sierte katholische Jugendverband Deutschlands, der seinen Sitz in Tüsseldors hat. man schon weggeschafft, um sie zu verbrenne-. Herr von Papen wird darüber eine tapfere Rede halten, wenn man die Urne mit der Asche des treuen Herrn von Bose in geweihter Erde beisetzen wird. Nur eine Rede und noch da- zu in kleinem Kreise... Am 30. Juni, nachmittags 3.30 Uhr, rief der Vizekanzler, wie man mir sagte, die Reichswehr um Schutz an. Man erklärte noch, dast die Soldaten, die Gene- ral von Blomberg zu Popens Verteidigung schickte, gegen einen neuen Angriff von Görings Getreuen die Bajonette fällen mußten. Herr von Papen soll danach viermal den unglücklichen Hindcnburg. den diese Unordnung auss Totenbett geworfen hatte, um seine Entlassung gebeten haben. Als keine Aus- stcht mehr bestand, den alten Herrn zu retten, riet Pape» ihm, Hitler die aauze Macht auszuliefern. Tic künstigen Geschichtsschreiber werden einmal die Rolle »on Popens Persönlichkeit zu beurteilen haben. Wir wollen darüber nur noch ein Wort sagen. Als Papen am 17. November 193? seinem Tchutzherrn Hindenbnrg das EntlassunaSgesuch der„Baronsregierung", der letzten Hoffnung des alten Preußen, überbrachte, schüttelte der Feldmarschall recht nachdenklich sein greises Haupt. Tann reichte er dem Junker eine Fotografie, auf die er folgende beredte und traurige Widmung geschrieben ha"»:„Ich hatt' einen Kameraden!" Einen guten, echten Kameraden? I!irc Amnestie r ®eutsn die Welt des Mannes, in sein Hauptgebiet eindringt, sondern wir empfinden es als natürlich, wenn diese beiden Welten geschieden bleiben. Jedes Kind, das die Frau zur Welt bringt, ist eine Schlacht, die sie besteht für Sein oder Nichtsein ihres Volkes. Wenn früher die liberalen und intellektualistischen Frauenbewegungen in ihren Programmen viele, viele Punkte enthielten, die ihren Ausgang vom sogenannten Geiste hatten, dann enthält das Programm unterer nationalsozialistischen Frauenbewegung eigentlich nur einen einzigen Punkt und dies« Punkt heißt das Kind." Wo bleibt hier die in„unserer Rasse begründete R'.ttef lichkeit" gegen die erwerbstätige Frau? Der Schüler teel wird seine Worte besser wägen und sich mehr zusammen nehmen müssen, sonst ist an seine Versetzung in eine höhere Klasse nicht zu denken.— Und was sagt die deutsche Fr"» zu diesem Kampf um ihre Haut? Sie hat nichts zu sagen! T>ec Xcaum des^Dceinefuiiähciqeu In Deutschland noch nicht erwacht Der berühmte sozialistische Schriftsteller H. G. Wells veröffentlicht jetzt im„Daily Herald" seine Selbstbiographie Er schildert in feiner Selbstironil die unfreien Träume seiner Knabenzeit: wie er einmal ein Cromwell, dann wieder ein George Washington oder ein Napoleon in seiner Frühzeit werden wollte. Als Dreizehnjäriger trieb Wells mit Leidenschaft Germanistik und begeisterte sich für reines Ariertum. „Tatsächlich," schreibt er,„ist Adolf Hitler nichts anderes alt die Verwirklichung meines Dreizehn jabr-Knabentrautnes. Eine ganze Generation in Deutschland hat es nicht fertig gebracht, erwachsen zu werden." H. G. Wells unterschätzt in liebenswürdiger Bescheidenheit sich selbst. Er überschätzt ebenso die heutigen Regenten Deutschlands. Sie sind wohl so unreif wie durchschnittliche Jungen, aber viel unreifer als ein 13jähriger H. G. Wells! Barbusse in Moskau Henri Barbusse ist in Moskau eingetroffen. Er wurde auf dem Bahnhof von den Vertretern der Arbeiterorganisationen und der Gesellschaft für die kulturelle Xerbindung mit dem Aualand empfingen. Vftlkar In Sturmzaltan Nr. 41 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste So war es in Versailles... Von Victor Schiff Die letzten Wochen in Versailles Die Dolchstoßlegende taucht auf Entweder man gebürdete sich so, als wäre ein militärischer Widerstand möglich, oder man machte die Revolution und die Republik, dafür verantwortlich. daß ein solcher Widerstand nicht mehr möglich sei. Von dieser Zeit datiert das Auftauchen der Dolchstoßlegende, die Reiiiwaschungsaktion für die Monarchie, che Haßpropaganda gegen die Republik— mit einem orte die große reaktionäre Welle, die erst sechs oder sieben Jahre später zugleich mit einer Besserung der außenpolitischen Lage—- abebben sollte. Auf der anderen Seite die linksradikale Presse, die auf diese reaktionären Kundgebungen mit einer gesteigerten Aktion für den Frieden um jeden Preis reagierte und die Weimarer Parteien sowie die Friedensdelegation beschuldigte, durch ihre Ablehnungspolitik dem Nationalsozialismus un.l Monarchismus Vorschub zu leisten! Kir uns deutsche Republikaner, die nach Versailles zwar ohne allzu große Illusionen, aber mit dem aufrichtigen Vi mische gekommen waren, einen wirklichen dauernden Frieden zu schließen, war die Lage besonders bitter. Wir standen dem Haß der Gegenseite am nächsten. Die frischgedrucklen Pariser Zeitungen, die Zurufe der Spaziergänger gaben uns täglich neue Kostproben der fortdauernden Kriegspsychose. Seit dem Tage, an dem wir die furchtbaren Bedingungen der Sieger kannten, wußten wir, daß ein Neuaufflammen des -Nationalsozialismus und des Monarchismus in Deutschland unvermeidlich sein würde. Gewiß: wir würden den Kampf gegen diese reaktionären Kräfte aufnehmen, aber hatten es die Sieger nicht geradezu darauf abgesehen, der deutschen Republik das Leben unmöglich zu machen? Weit davon entfernt, die naheliegende Ursache dieser selbstverschuldeten Rückwirkungen zu erkennen, mittle die französische Presse diese Kundgebungen der deutschen Reaktion für ihre Zwecke aus, indem sie nun täglich schrieb: Die Deutschen, die gegen diesen milden und gerechten Frieden protestieren, beweisen damit nur. daß sie die alten geblieben sind. Ihre Republik st nur Mummenschanz— Camouflage; hinter der republikanischen Fassade, die man nur aufgerichtet hat, um die Sieger bei den Verhandlungen zu täuschen, kommt bereits wieder der alle aggressive Monarchismus zum Vorschein. Nun erst recht keine Milde, keine Zugeständnisse! So arbeiten sich die Monarchisten hüben und drüben wieder einmal gegenseitig in die Hände— lind wir. in Versailles standen diesem Treiben machtlos gegenüber. Unser ehrlicher Friedenswille wurde absichtlich nicht geglaubt, unser Protest gegen die Bedingungen wurde als Nationalismus hingestellt, unsere republikanische Gesinnung als Zweckmäßigkeitsheuchelei verdächtigt. Die deutschen Delegierten als Ausflugsziel Darüber hinaus wurde jeder einzelne wen uns. über den man in drn Redaktionen der Pariser Boulevardblätter etwas zu„wissen" glaubte, mal in dieser, mal ni jener Zeitung verhöhnt oder verleumdet. In letzter Zeit teilten wir das Schicksal mit einigen Mitgliedern der österreichischen Delegation, die in ähnlicher Lage wie wir in St. Germain-cn-Laye lebten. An den schönen Sonntagiiachmittägen waren wir das Ausflugsziel Tausender von neugierigen Parisern.„Voir les Boches a\ ersailles". das war das Sonntagsprogramm unzähliger braver Bürger, die in Ermangelung der„grandes eaux", der noch nicht wieder in Betrieb gesetzten berühmten Springbrunnen des Sonnenkönigs, wenigstens die andere Attraktion von Versailles besichtigten wollten. In dichten Reihen standen sie hinter den Zäunen, die uns von der Außenwelt oder, wie Pariser Blätter ritterlich geschmackvoll betonten, von der zivilisierte^ Welt trennten. So wie mau bei Hagenbeck die Raubtiere in relativer Bewegungsfreiheit gefahrlos beobachten kann, wurden wir als seltsame Geschöpfe begafft. Die Menge der Sonntagsausflügler verhielt sich im allgemeinen korrekt und anständig. Nur ah und zu ein Pfiff, ein Schimpfwort— es war fast immer das gleiche —, zuweilen ein witziger Zuruf, sonst aber nur das stumme, neugierige Anglotzen großer und kleiner Besucher eines Zoologischen Gartens. Auf den Gesichtern der Kinder las man zuweilen wie ein Erstaunen darüber, daß die Deutschen eigentlich Menschen seien wie die anderen.., Letzte Hoffnungen Die Hoffnung, daß es überhaupt noch zu mündlichen Verhandlungen kommen könnte, halten wir inzwischen endgültig begraben. Jetzt konzentrierte sich die einzige und letzte Hoffnung auf wesentliche Milderung des ursprünglichen Diktates. Die deutschen Gegenvorschläge erschienen uns so stark begründet, so durchschlagend, daß wir uns kaum vorstellen konnten, sie würden an Wilson und Lloyd George wirkungslos abprallen. Abär würde das Entgegenkommen nur annähernd so weit sein, daß der endgültige Verlrag für uns annehmbar wäre? Das war die große Frage, die wir von Iriih bis abends unter uns debattierten, wobei von Tag zu 1 ag wir immer mehr zu der Auffassung kamen, daß das Endergebnis so unbefriedigend sein würde, daß die Entscheidung im Sinne der Ablehnung uns leider nicht allzu schwer fallen dürfte. Besonders die Tatsache, daß nicht einmal der Wortlaut der deutschen Gegenvorschläge und ihre Begründung in den Ententeländern veröffentlicht werden durfte, stimmte uns äußerst pessimistisch. Die Kriegszensur sorgte also sogar dafür, daß den gegnerischen Völkern die Kenntnis unserer Argumente vorenthalten wurde. Nur die von den alliierten Regierungsstellen genehmigten Inhaltsangaben und Auszüge durften veröffentlicht werden, die wichtigsten ethnographischen und statistischen Argumente wurden einfach unterschlagen! Wie sollte da noch ein einiger- maßen befriedigtes Ergebnis»rw artet werden? Vorbereitung des geistigen Kampfes Das war namentlich die Ansicht des Grafen Broekdorff- Rantzau. der nunmehr die letzten Tage in Versailles dazu verwendete, den Kampf für die Ablehnung in Weimar vorzubereiten. Es fanden wiederholt bei ihm Besprechungen statt, in denen Vorschläge für die nach der Ablehnung einzuschlagende Taktik und zu ergreifenden Maßnahmen beraten wurden. An einen militärischen Widerstand dachte natürlich kein Mensch. Es konnte sich also nur um einen geistigen Kampf handeln, um propagandistische Maßnahmen im In- und Ausland. Es wurden Aufrufe und Verordnungen entworfen, besonders für die westdeutschen Gebiete, deren Besetzung durch die alliierten Truppen zu erwarten war. Ueber die Taktik im Osten gingen die Meinungen auseinander. Sollten c.ffensive Kampfhandlungen gegen die polnischen Freischärler, die durch ein vorläufiges Abkommen eingestellt worden waren, wieder eröffnet oder zumindest stillschweigend geduldet werden, oder sollte man sich auf die strikte Devensive beschränken? In diesem Punkte, darüber war man sich im klaren, konnte man noch so bestimmte Beschlüsse fassen, die tatsächliche Entscheidung würde doch von der unmittelbar interessierten Bevölkerung getroffen werden— und wie sie ausfallen würde, darüber war man sich nach den Verzweiflungsausbriichen der Deutschen in West- prrußen und Oberschlesien seit dem 8. Mai kaum im Zweifel. Und Sowjet-Rußland? Viel schwieriger war das Problem, wie man sich Sowjet- Rußland gegenüber verhalten sollte. Die Wiederaufnahme offizieller Beziehungen zur Moskauer Regierung war uns unmittelbar nach dem Waffenstillstand von den siegreichen Ländern ausdrücklich verboten worden. Das war sogar eine der Voraussetzungen für die Eröffnung der Friedensverband- Inngen gewesen. Später waren wir sogar durch die bolschewistischen Versuche, gewaltsam in Ostpreußen einzudringen, zu einer Art kriegsmäßiger Abwehr im Baltikum gedrängt worden. Darüber hinaus herrschte seit den blutigen Spar- takusputschen in Berlin, Bayern und Sachsen auch innerpolitisch eine solche Abneigung gegen alles Bolschewistische, daß man sich eine plötzliche Umstellung dieser Politik aus außenpolitischen Gründen schwer vorstellen konnte. Sie wäre jedenfalls in weitesten Kreisen sowohl im Bürgertum — ans kapitalistischen Gründen— wie selbst in der sozialistischen Arbeiterschaft— aus innerpolitischen Gründen— kaum verstanden worden. Dennoch wurde in den Erörterungen innerhalb der Delegation dieser Faktor sehr ernsthaft in Rechnung gestellt, insbesondere von Brockdorff Rantzau, der die Notwendigkeit klar erkannte, einer Ablehnungspolitik durch die Drohung mit dem Bolschewismus den stärksten Nachdruck zu verleihen. Letzter T. Als endlich bekannt wurde, daß die endgültige Antwort der Alliierten am 16. Juni übergeben werden würde, reisten die Mitglieder de» Reichskabinetts, Landsberg und Giesbert, ans Weimar nach Versailles zurück. Sie trafen am Morgen des 16. Juni in Versailles ein, die Delegation hatte inzwischen ihre technischen Dispositionen getroffen, um unmittelbar nach der Ueberreiehung des Dokuments abzureisen. Nur ein kleiner Stab sollte unter Leitung des Gesandten von Haniel zurückbleiben, um die Verbindung zwischen der Reichsregierung in Weimar und den Alliierten auf alle Fälle aufrechtzuerhalten, auch einige Pressevertreter blieben zurück. Alle übrigen packt»« ihre Koffer. Ein letzter;-pzrie-gang durch den schönen, sonnigen Park, der alle diese Wochen hindurch unser einziger Trost, unsere einzige Ah!*nfeung gewesen war— am Nachmittag wurde das Gepäck vrladen und nach dem Bahnhof von Noisy abtransportier». wo unser Sonderiug unter Dampf gehalten wurde. Stunde um Stunde verging. Wiederholt erschienen Abgesandte des Hanptqnartieres der Alliierten und baten, wir möchten uns noch etwas gedulden. Technische Schwierigkeiten in der Staatsdruckerei hätten die Herstellung der Ausgabe der endgültigen Bedingungen verzögert. Schließlich wurde die Uebergahe für spätestens 7 Uhr abends in Aussicht gestellt. Unsere Nerven waren auf eine schwere Probe gestellt. Ein Händedruck Jemand klopfte an meine Zimmertür. Es erschien der Etagendiener des Hotels, der sich von mir verabschieden wollte. Er fragte mich mit zitternder Stimme, ob denn das Gerücht wahr sei. daß die Delegation endgültig abreise Ich bestätigte ihm, daß nach unserer allgemeinen Ueberzeugung die Bedingungen derart sein dürften, daß wir sie nicht unter- zeichnen könnten. Daher hielt ich unsere Rückkehr nach Versailles Dir ausgeschlossen. Der brave Mann war sichtlich erschüttert. Er war dem Weinen nahe: ob denn dieser verfluchte Krieg niemals ein Ende nehmen würde? Er hätte vier Jahre an der Front gedient, am Ende werde man ihn wieder einrücken lassen? Ich beruhigte ihn: von uns aus würde kein Krieg mehr geführt werden, aber wir könnten auch nicht einen so ungerechten Frieden unterschreiben. Mit dem Verlust Elsaß-Lothringens hätten wir uns längst abgefunden, ebenso mit der Tragung der Kosten für den Wiederaufbau Nordfrankreichs und Belgiens und mit vielem anderen auch. Die Zerstückelung Deutschlands im Osten, sogar ohne Volksabstimmungen, sei aber für uns unannehmbar. Der kleine Zimmerkellner schüttelte erstaunt den Kopf und meinte: ..Davon wissen wir ja gar nichts. Dafür haben wir auch gar nicht vier Jahre an der Front gekämpft!" ' Wir gaben uns die Hand und sahen uns an. Die Augen dieses französischen Proletariers waren voll Tränen— und ich gestehe: meine auch. Ultimatum und Rückreise „Fast nichts geändert"!— Abfahrt aus dem Hotel— Die wildgewordene Menge— Di« Ueber- setzungsarbeit im fahrenden Zug— Empörung über die Mantelnote— Wieder auf deutschem Boden— Die ersten Zweifel Es war wohl 6.J0 Uhr nachmittags, als es plötzlich im Hotel lebendig wurde. Der Hof füllte sich in wenigen Minuten mit Gruppen von Journalisten und reisefertigen Delegationsmitgliedern. Man erfuhr, daß der französische Botschafter Dutasta. der als Generalsekretär der Konferenz der offizielle Verbindungsmann zwischen den Alliierten und den Deutschen war, sich soeben bei Herrn von Lersner hatte anmelden lassen. Die Unterredung war nur kurz. Bald erschien Dutasta wieder an der Schwelle der Treppe und fuhr davon. Es dauerte nicht lange und wir wußten Bescheid: fünftägiges Ultimatum! Innerhalb dieser Frist mußte sich die Nationalversammlung schlüssig werden. Also sofort abreisen! Wie die endgültigen Vorschläge aussahen, das erfuhr man nur nach und nach. Man hörte, daß eine Mantelnote überreicht worden war und ebenso einige frischgedruckte Exemplare des endgültigen Friedensvertrages. Außerdem noch zwei Exemplare des ursprünglichen Textes, in die Abänderungen zur schnelleren Orientierung mit roter Tinte eingetragen waren. Geheimrat Gaus erschien nach einer Weile und gab mit bewegter Stimme ein Resumee seiner schnellen Durchsicht des korrigierten Exemplarcs:..Fast nichts geändert!" Diese drei Worte..Fast nichts geändert!" klangen in unsere Ohren wie das Niedersausen des Fallbeiles einer Guillotine. Gewiß, wir hatten schon seit einigen Tagen nur noch ganz geringe Hoffnungen, aber auch diese kümmerlichen Hoffnungsreste wurden durch diese drei Worte zerstampft. Dr. Gaus teilte weiter mit, daß. soweit man bisher habe übersehen können, die einzige wesentliche^ erbesserung in der Anordnung einer Volksabstimmung für Oberschlesien liege. Sonst seien nur kleine Grenzkorrekturen an der west- preußischen Grenze vorgenommen, deren genaue Tragweite man erst durch ein Studium der Karte werde beurteilen können. Auf eine Volksabstimmung in der südlichen Zone des Schleswig wurde verzichtet, das sei aber vor allem das Verdienst der dänischen Regierung selber. Im übrigen gäbe es eine Anzahl von kleinen Aendernngen, namentlich im juristischen Teil, aber an dem Gesamtbild ändere sich dadurch nichts: unannehmbar! Die Manteluote Clemenceans habe er selber noch nicht gelesen, aber er höre, daß sie von schwersten Beleidigungen strotze Lärmen und Pfeifen Inzwischen wurden die ersten Militärauto« bereitgestellt und fuhren ab zum Biibvhnf. In jedem drei oder vier Deut- »die, ein Militärrlisnffcur sowie als Ehrene«koite für die Hauptdelegierten je ein Offizier. Während wir auf die Rückkehr der ersten Wagen warteten, die uns abholen sollten, erschienen einigen deutsche Pressevertreter in großer Aufregung und berichteten, daß die Zugangsstraßen zum Hotel schwarz von johlenden Menscbenmassen seien, die die abfahrenden Deutschen wüst beschimpften. Wir traten hinaus zur Ave ine des Reservoirs. Ein starkes Polizei- und Geu- darmerieaufgebot sperrte die Straße ab. Hinter dieser Sperre stand eine wogende Menge. Ihr Lärmen und Pfeifen drang aus der Ferne bis an unser Ohr. Das erste leere Militärauto kehrte inzwischen vom Bahnhof zurück. Der junge Chaulleur war puterrot und rief seinen am Hoteleingang stehenden Kameraden wütend zu:„Die sind total verrückt geworden!" Dabei sprang er ab und besichtigte sorgfältig seinen Wagen. Ein zweites Auto tauchte auf, dann ein drittes. Bei diesem war die Schntzscheibe eingeschlagen. Der Oberst Henry erschien mit anderen Offizieren und fragte aufgeregt nach dem Kommissar Qudaille. Dieser war gerade aus dem Hotel hinausgerannt, offenbar um die Menschen persönlich zn beruhigen. Wieder fuhr ein Wagen mit Deutschen ab: als e« an die Sperre gelangte, steigerte sich das Gebrüll. Bald war die Gruppe, der ich zugeteilt war. an der Reihe. Schneller Abschied von den Zurückbleibenden, ein paar Scherzworte über diese sonderbaren Abreiseumstände, los! Das Auto rast die Avenue herunter, bremst, biegt ein und nun haben wir die Bescherung: in dichtem Spalier stehen Kopf an Kopf Männer, Frauen und Kinder, die sich wie toll gebärden. Viele Kinder Sie schreien, gestikulieren, lachen, strecken uns die Luft, meist natürlich immer dasselbe: Boches! Viele Kinder darunter, deren Anblick das Herz ergreift: sie verstehen zwar noch weniger als die Erwachsenen, was sie tun, aber sie kreischen, weil es die Großen so machen. Bald fliegen nicht nur Schmähungen, sondern auch Gegenstände durch die Luft: •zusammengeballte Zeitungen. Apfelsinenschalen, auch eine faule Apfelsine streift den Kopf unseres Militärchauffeurs und fällt aufs Trittbrett. Dieser flucht und tutet, was er fluchen und tuten kann. Die von beiden Seiten vordrängenden Menschen, von eitlem Gendarmen oder Polizisten alle fünfzehn oder zwanzig Mater nur mit Not im Zaum gehalten, bilden eine schmale Gasse, durch die der Wagen nur langsam vorwärts kann, wenn man nicht Gefahr laufen will, den einen oder anderen anzufahren 'Eprtijka»s-folgt! Wie es zum Aufstand in Spanien Kam Ein Bericht for die„Deutsche Freiheit* Der nachfolgende Bericht unseres Korrespondenten I. W^in Madrid ist uns auf Umwegen unmittelbar aus dem Lager der Revolutionie zugegangen. Er ist. so- Weit er sich mit den Kämpfen beschäftigt, überholt, behält aber seinen Wert als eine Schilderung der Hintergründe des Aufstandes. Die politische Situation in Spanien war unhaltbar ge- worden, das Minderheitskabinctj des radikalen Verlegen- heitsministcrs Samper vom Tage seines Regierungsantritt« ab zum Sturz verurteilt. Tamper wollt? zwei Göttern dienen, dem radikalen Gott Lerroux, seinem Partei- »anicn auS dem Heuer geholt, er mußte dem Zwicgespann Gil RobleS — Lerroux den Weg ebnen. Immer stärker ging der politische Kampf des letzten halben Jahres gegen die Ardeiterschaft als den Feind der „Geschäftemacher". Der„Socialifta", das Organ der Ar- beitcrlchast statte es gewagt, schmutzige Handelsmanövcr der radikalen Kabinettsmitglieder als faul zu bezeichnen. Gil Nobles wiederum war nnznfriedrn, weil der Klerus nicht i« seine alten Reckte eingesetzt wurde, weil die Agrarreform trotz allen Widerstandes sortgesetzt wurde usw. Er hatte in Mussolini, Hitler und Dollsusi diktatorische Bor- bilder kennen gelernt, die ihn zur Nachahmung reizten. Er ist nicht dumm genug, um nicht zu begreifen, das» die Ent- Wicklung der Geschichte mehr denn je aus den Endkamns zwischen Arbeiterschaft und Kapitalismus hindrängt. Die Arbeiterschaft muhte unter allen Umständen ihrer Macht entkleidet werden. Ging cs nicht auf legale Weise, würde man eS mit der illegalen versuchen, und deni legalen Weg konnte man nachhelfen. So fand man die Waffen im Voltshaus in Madrid, so fand man den„furchtbaren Nevolntionsplan" in den Tasche» des Studenten, der Waffen verlud. Aber Tamper hat trotzen, nicht verstanden, es beiden Herren auch nur in dieser Beziehung recht zu machen. Er ging nicht energisch genug gegen diejenigen vor, in deren Be- sitz sich die Waffen befanden. Er wagte es nicht, ohne Prozeh Sozialistische Partei und Gewerkschaften zu verbieten, trotzdem„El Debatc" ihn täg- lich dazu aufforderte. Dgz» wuchsen ihm die Schwierigkeiten mit Katalonien und den Baskenlandc» über den Kops. Kata- loniens Autonomie, soll zunichte gemacht und die der Basken verhindert werden, so fordert Gil RobleS. Tamper aber, selbst Verfechter autonomistischcr Ideen und bis vor kurzer „Keit Vorsitzender der Valrncianische» Antonomistischen Par- tei ging auch hjkr nicht mit der von Gil Nobles erwünschten Energie vor. Saiuxcx.Ion.uU:..fallen...«il Nobles hatte Zeit gesunden, seine Vo^rcjj^ng^n aeaen den nllgcmcincn Gene- ralstreik und.den..geplanten Auistand der revolutionären Arbeiterschaft z» treffe«. Gil Nobles fühlte sich stark genug, jetzt selbst den Kampf Mit seinen Gegnern aufzunehmen. Lerroux hate es zu übernehmen, Alcala Zamora willfährig zu machen. Bevor die Krise stattfand, wußte man be- reit», daß Lerroux und Gil Nobles gemeinsam das Staats- schiff übernehmen wollten. To fiel Tamper. Sein Sturz bot ein recht klägliches Schauspiel. Mit allen Mitteln versuchte er während der Parlaments-ErössnungSsitzung sein„poli- tische« Zögern" vor Gil.Nobles zu rechtfertigen. Man ge- wann durch seine Haltung unwillkürlich den Eindruck, als ob ein Uebereinkommcn zwischen ihm und Gil RobleS bestlinde, das seinem Kabinett noch eine kurze Daseinsfrist zuerkenne» wollte. Aber Gil Nobles machte Tamper einen Strich durch die Rechnung. Er griff ibn mit solcher Heftigkeit an, daß Samper mit einige Sensibilität keine Konscguenzen daraus bätte ziehen und abdanken müssen. Trotzdem versuchte er nochmals, seine Rechtfertigung aufzunehmen, und cS ereignete sich der beispiellose Hall, dali ein Ministerpräsident das Parlament ausfvrdertc, sich zu seiner Verteidigungsrede zu äußern, aber von keiner Seite her auch nnr der leiseste» Antwort gewürdigt wurde. Ter Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Die Krise hat trotz ihrer langen Latenz eine Verhältnis- mästig langsame Lösung erfahren. In linksbürgerlichen Kreisen glaubt man, mit dem Postulat der republika- niichen Ideen Alcala Zamoras fest rechnen zu können. Man hegte den Wn,ischtraum, der Staatspräsident werde Lerronr und Gil Nobles nach Hause schicken, einem Repn- blikaner der Mitte Kabinettsbildung und Auflösung»- Dekret für das Parlament übertragen. Aber Alcala Zamora, der seit über einem Jahr einen heroischen Kampf mit sich selbst ausficht, der nun endgültig dem Einslust der Jesuiten erlegen ist. enttäuschte die Links republikaner aufs heftigste Nicht nur, dast er Lerroux aufs reue zur Regierungsbildung heranzog, sonder» er gestattete ihm gleichzeitig, drei Leute des Gil Nobles in das neue Kabi- nett zu übernehme». Diese drei Parteifreunde des Führer« der Aceton Populär sind bekannt dafür, dast sie besonders stark unter de», Einflust der Jesuiten stehen. Hinzu kommt, dast sie gerade für diejenigen Portefeuilles bestimmt wurden, die die Grundlagen der republikanischen Verfassung verteidigen: für das LanbivirtschastSministerium, daS Arbeits- und das Justizministerium. Der Kainps vom Arbeitsministc- rium her gegen die Agrarreform und vom Justizministerium aus gegen die antiklerikalen Gesetze der Verfassung. Durch Tieg der klerikalen Tendenzen in diesen drei Ministerien wäre das Programm der Accion Populär durchgeführt... Die Arbeiterschaft, die genau weist, wie das„legale" Zur- Macht-Kommen ihrer Heinde ende» must. nämlich mit der endgültigen Zerschlagung ihrer Organisationen, konnte einer solchen Entwicklung nicht mehr ruhig zusehen. Der Bekebl zum Generalstreik wurde beim Bekanntwerden der Ministerliste am 8. Oktober abends ausgegeben. Dieser Streik ist kein Proteststreik mehr wie seine Vorgänger,' er bildet die lkeberleitnng zur revolutionären Bewegung der spanischen Arbeiterschaft. Trotzdem ist eS in Madrid bis ans kleinere Zwischenfälle bis zum Abend des 5. Oktober verhältnismäßig ruhig zugegangen. Ter Streikverlauf war folgender: Am 8. Oktober, 12 Uhr nachts, zogen sich Taxis nnd Straßenbahnen in ihre Depots zurück und gaben damit das Tional zum Streik. Tie Drucker stellten ihre Arbeit ein, die Bäcker blieben zu Hanse, und am 4. Oktober früh war Madrids Geschäitsleben stillgelegt. Zwar versuchten die Kauf- leute heimlich ihre Ware loszuschlagen, aber die Angst bin- derte sie daran, den Streikenden zum Trotz die Läden zu öffnen. obgleich viele von ihnen eS gern getan hätte». Im Laule des Vormittag« de? gleichen TogeS begannen Pioniertruppen den Straßenbahn- und Autobusverkehr auszunehmen. Hinter zwei bis an die Zähne bewaffneten Soldaten- schafsnern standen drei bis vier, selbst fünf, ebenfalls schwer- bewaffnete Polizisten. Merkwürdig berührte es, daß die Streikenden diese Straßenbahnen trotz der polizeilichen Be- wachung ungehindert passieren ließen. Während ich diesen Artikel in die Maschine schreibe, scheint sich die Situation wesentlich zu ändern. Vor meiner Türe sind eben im Abstand von Ist Minuten eine Reihe von Schnß- salven gefallen, die Hensterläden der Häuser schließen sich hermetisch, die Straßen, eben noch belebt, sind wie leergefegt. Das Telefon geht noch. AuS anderen Stadtvierteln berichtet man mir ebenfalls von Schießereien. Es scheint, daß es in Madrid jetzt losgeht. Man hört Maschinengewehr- seuer. In den Provinzen wird heftig gekämpft. Besonders im Norden, in Asturien und im Baskenlandc. Truppen sind unterwegs, um die Aufständischen niederzuwerfen. Hluazeug- gcschivadcr und Kriegsschiffe sind eingesetzt worden: wie die Mannschaften stch verhalten werden, ist vorläufig sehr in- gewiß. Im Norden sind bis jetzt die Arbeiter Herren der Situation. Katalonien wird im Moment, wo es in Madrid losgeht, ebenfalls in den Kainpf eintreten, d. h. also noch im Laufe der heutigen Nacht. Im Süden habe» sich die Land- arbeite,' erhoben. Alan spricht von Triivvenerbebunaen aeaeu ihre Ok'iziere, von Uebersällen von Arbeitern auf Kasernen. Aber die Nachrichte» aus den Provinzen und selbst auS der Stadl sind außerordentlich ivärlich. Die letzte Nachricht ans Katalonien meldet die Ausrufung der katatonischen Republik dui"^ den Präsidenten der Gen^ralidad. Eompanns. Da- mit ist der Ausstand in sein entscheidendes Stadium getreten. Die Zentralmacht hat außer den Arbeitern die Provinzen Katalonien und Baskenland in ihrer Gesamtheit gegen sich. Auch die Generalidad besitzt Hlugzeuae. Aus dem Kampf der Arbeiter i r* Krieg zwischen zwei Staatsmächten geworden, wie er ausläuft, und wie seine einzelnen Resultate lauten ivcrdcn, ist im Augenblick nicht vorauszusagen. Vor Ucbcr- raschungcn isi man in Spanien niemals sicher. -!- Nach den letzten Meldungen der spanischen Regierung slauen die Kämpfe in Spanien immer mehr ab. Nur in einzelnen Provinzen macht sich noch ein Widerstand der Auf« ständischen bemerkbar. Auch die Wiederausnahme der Arbeit macht weitere Fortschritte. Romain Hollands Gruß Zu Rußlands Eintritt in den Völkerbund No in a i n Rolland, den ein schweres Leiden seit langer Zeit ans Haus fesselt, hat seine Freude über den Eintritt der Towjctregicrung in den Völkerbund in folgender Er- llärnng zum Ausdruck gebracht: „Als Internationalist und als Franzose freue ich mich des Eintritt» der Sowjetunion in den Völkerbund. Kein Land hat sein Schicksal so unverbrüchlich mit dem des Friedens verbunden, wie die Sowjetunion. Während alle Nationen im Laufe der Jahrhunderte ständig trachteten, mit Hilfe von Raubkriegen ihre Macht zu steigern oder in Kriegen einen Ausweg aus sozialen Krisen gesucht haben, fordert die Sowjetunion nichts anderes und nichts mehr als den Frieden,.» ni> s i e,. w i.ll d c n Frieden, um z» siegen, und sie will sicLen durch das bloße Beispiel ihrer machtvollen Arbeit und ihres gigantischen AusbauS. Möge dieses große Beispiel alle Völker der Welt zum Wetteifer im Kampfe für den Frieden anspornen. Romain Rolland." Vor den Stichwahlen In krankreich Paris, 10. Oktober. Von unserem Korrespondenten Während die Rechisprcsse am Montag sich nicht genug darin tun konnte, von dem Siege der bürgerlichen Parteien bei den Kantonalwahlcn und der gewaltigen Niederlage der Ein- heitssront zu sprechen ist sie letzt etwas vorsichtiger und zu- rückhaltender geworden. Mit gedämpftem Trommclklang geht es dem zweiten Wahlgaugc am nächsten Tonntag entgegen. Nach dem nunmehr vorliegenden endgültigen Ergebnis sind 1201 Kandidaten gewählt, während 317 Stichwahlen ausstehen. Sozialisten und Kommunisten haben ganz geringe Verluste, wenn nian die Mandalszahlen betrachtet, z» buchen? aber tatsächlich ist ihre Stimmcnzahl ganz erheblich ge- wachsen. Dazu stehen beide Parteien in sehr aussichtsreicher Situation bei den Stichwahlen, sodaß sie nicht nur daß Manko ausgleichen, sondern bestimmt sogar mit nicht unbeträchtlicher Erhöhung ihrer Mandatszahlen— dies trifft vor allem aus die Sozialisten zu— aus der Abstimmung am kommenden Sonntag hervorgehen werden. Im„Jntransigeant" meint Leopold Blond, die Einheitsfrontparrcirii rvnnrrn>» der Stichwahl nur dann siegen, wenn die Parteigänger der Orbnungsparteicn nicht Disziplin hielten. Das ist eine deut- liche Anspielung auf die Radikalsozialistcn, die durchaus nicht einheitlich sich für die Milte und Rechte entscheiden wer- den, wie man in diesen Kreisen daS von ihnen erwartet. Andre Guerin erklärt im„Oeuvre". auf kommunistischer und sozialdemokratischer Seite sei schon lange Klarheit geschaffen durch Leon Blum, der ausgeführt habe, man werde eigene Kandidaturen zurückziehen gegen jeden Kandidaten, der sähig und vertrauenswürdig iei, um die Reaktion, den Faschismus, den nationalen Block und seine Freunde zu schlagen. Andererseits frage es sich, ob die Ra- dikalsozialisten, die sich der Einheitsfront gegenüber feindlich verhielten, mit der Unterstützung des Zentrums und der Rechten rechnen könnten. Wie sei ed ferner mit der Haltung der Neusozialisten bestellt? Kurz und gut, so schließt Guerin, selten nur sei eine Stichwahl so offen gewesen. Selten aber auch seien ihre Konseguenzen größer gewesen. „Libcrte" glaubt den Radikalsozialisten gut zureden zu müssen, wenn sie sagt, es scheine, daß ihre Pflicht ihnen klar vorgczeichnet sei und ihr Interesse sie führen müsse. Die Radikalen, daS fei ja auch der Sinn der Nationalen Einheitsfront, sollten dar- aut verzichten. Vorteile bei der extremen Linken zu suchen. Mit einem solchen Verzicht würden sie am besten ihrem Ideal dienen. Resigniert meint Leon Bailbv im„Jour":„Weder Nieder- läge noch bedeutender Sieg. Ein noch unentschiedener Tag. So erscheint die Bilanz der Sonntagswahlen, die uns zu Hoffnungen berechtigt, wenn wir weiter arbeiten." „Paris-Midi" sucht seinen Lesern klar zu machen, welche Aufmerksamkeit die Kantonalwahlen in Teutschland erregt haben. Es heißt da unter anderem, nirgendwo habe man diese Wahlen!o sehr als ein politisches Zeichen gcwertet als in Berlin. Mit sel- tenem Interesse habe man dort das Wahlergebnis erwartet. Die verschiedensten Voraussagen seien gemacht worden, wo- bei die geheime Hoffnung bestanden habe, daß die fron- zösischen Wählermassen sich in ihrer Mehrheit für die Redst«-- oder Linksradikalen aussprechen und so das demokratische Gebäude erschüttern würden. Kein Wunder, daß die„Deutsche Allgemeine Zeitung" schreibe, diese Volksbefragung habe in erheblichem Maße enttauscht. Der Berliner Korrewondent des„Paris-Midi" fragt:«Wen enttäuscht? Natürlich Berlin!" Holländische Zwischenrufe Deutschland und die Schweiz Wir entnehmen aus der„Post Scripta" der Haagschen Post: „Zwischen Deutschland und der Schweiz buttert es äugen- blicklich nicht übel. Ungefähr alle schweizerischen Zeitungen sind in Deutschland verboten. Das gilt hauptsächlich von den dentsch-schweizerischen Blättern, die für die natioualsozia- listische Regierung die unangenehme Eigenschaft haben, freie Blätter zu sein, deren Inhalt von jedem Deutschen begriffen werden kann. Wenn man sich den französischen, holländischen mtft dänischen Zeitungen gegenüber in Deutschland noch in gewissem Sinne nachsichtig zeigt, so geschieht dies, weil die große Masse sie doch nicht lesen kann. Die Schweizer nehmen den Deutschen die Verbote sehr übel. Und die Schweizer Presse zeigt sich darum keineswegs freundlicher. Wenn die schweizersche Regierung den Deutschen dieser Tage einen Ge- satten getan hat, indem sie die Mächte bat, die neutrale Poli- zei für das Saargebiet nicht in der Schweiz zu rekrutieren, so geschah dies aus rein schweizersche» Ueberlegungen und keinesfalls, nm den Deutschen zu gefallen. Tagegen braucht man wohl kaum daran zu zweifeln, daß die großen Extra- kredite iür die schweizersche Landesverteidigung wohl be- stimmt im Hinblick auf die Deutschen gewährt werden. Man bat durch nationalsozialistische Ausdringlichkeit und Ein- Mischung schon genug Zwischenfälle gehabt. Den Höhepunkt bildete die Entdeckung, daß man über schweizer Gebiet Mord- waffen nach Oesterreich schmuggeln wollte. Dafür hat sich die deutsche Regierung aber auf gebührende Weise entschul- digt und Genugtuung angeboten." „Deutschland nicht zur Debatte" An anderer Stelle lesen wir in der Haagschen Post: „Bei allen internationalen und nationalen Valuta- und Geldaulagcfragen steht Teutschland nicht zur Debatte. Dieses Land hat sich durch seine sonderbaren Methoden faktisch außerhalb die wirtschaftliche Gemeinschaft der Völker gestellt. Man hat feststellen können, daß dieses Land lieber seine auS- ländischen Gläubiger düpierte, als von einem großzügigen Ankauf von Grundstoffen abzusehen, die nötig waren für das Zustandekommen einer inländischen Schcinkonjunktur mit verdächtigem politischen Gehalt nnd für die Herstellung von Kriegsmaterial. Sehr großes Aufsehen erregte das kontant bezahlte, in Amerika gekaufte, Flugzeug, wie sich auS dem Verhör der WasfenhaiidclSkoinniission ergab. Außerdem hat Deutschland ganz unnötig emp- kindliche Stellen angerührt, die der vorhandenen aus- länbischen Vorliebe für deutsche Produkte nicht gut ge- tan haben. Und abgesehen davon sind Millionen über die Grenzen verschwunden mit den Slaatsbiirgcrn, die'infolge der berüchtigten Rassentheoricn. die ihnen das Leben zur Hölle machten, emigriert sind. Wir brauchen wohl nicht an die Verleugnung der feierlich unterzeichneten Goldklauseln und andere Schikanen zu erinnern. Selbst an die Ver- tragsschändnng. bei der den Trusts der DawcS-Anleihe das Recht zuerkannt wird, gewisse Staatseinnahmen mit Be schlag zu belegen, stört man sick kaum noch. Nian ist es nicht anders gewöhnt. Denn man erlebte ja lchon das vollkommene Kaltstellen der Saldi von Besitzern der abgelösten Obliga- tionen, obwohl in dem ursprünglichen Moratoriumgesetz mit soviel Nachdruck betont wurde, daß die ZinsenauSzahlungen von abgelösten aber noch nicht ausbezahlten Obligationen durch die Konveisionskasse lKoususionskasse!j fortgesetzt wer- den sollte." Deutsche Einheit! Wir entnehmen an«„De Provinciale Groninger Eou- rant": „Ter intellektuelle Teil der deutschen Bevölkerung— die verhältnismäßig wenigen, die mit Herz und Seele National- sozialisten sind, nicht mitgerechnet!— kommen von Tag zu Tag mehr in Opposition gegen die Folgen des heutigen Systems. Wer mit diesem hochentwickelten Teil der Bevöl- kerung bekannt und vertraut ist, kann hier eine Kritik ver- nehmen, die sich nicht hinter der des Auslände« zu verstecken braucht. Langeweile. Eifersucht, Mißtrauen, Haß und Neid dominieren in den Reihen der höchsten Machthaber in einer Weise, die man nicht für möglich halten sollte.„Einheit" hält man da nur noch nach außen hin ausrecht und zwar mit Mitteln, die dem einflußreichen Beamten nur die Wahl lassen zwischen: Sich-Abrackern und Freiheitsberaubung." Ernüchterung! Einer der Korrespondenten von„Het Handelsblad" lAmsterdaml schreibt u. a. an seine Zeitung:„Ich sprach gestern mit Arbeitern und Handwerkern, die das Erntefest Sonntag am Radio miterlebt hatten. Und was ich erwartete, geschah auch. Man nahm mir, dem Ausländer, gegenüber kein Blatt vor den Mund und gab sich keine Mühe, die Ver- bitterung, die in weiten Kreisen der Bevölkerung herrscht, zu verbergen. Nein, neben den ehrlich Begeisterten stehen noch stets die bereits Enttäuschten, und die, die auch bis heute noch nicht unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Propaganda gekommen sind. Ties sind vor allem die älteren Bauern, Handwerker und Fabrikarbeiter— um von einem sehr großen Prozentsatz, den sogenannten Intellektuellen, nicht einmal zu sprechen. Diese nennen innerhalb ihren vier Wänden die heutige Regierung die größte Heimsuchung, durch die das eifrige und ehrliche deutsche Volk getroffen werden konnte. Tie ergreifen gerne jede ungefährliche Gelegenheit, um zuzugeben, daß die Hitler-Regierung ihrer Meinung nach Deutschland nicht vorwärts, sondern einen großen Schritt rückwärts gebracht hat. Sie nehmen beunruhigt das Steigen der Preise von Lebensmitteln, Kleidern. Stoffen und Haushaltsartikeln wahr und fragen sich ab, wohin es führen muß, wenn diese steigenden Preise weiter Hand in Hand gehen mit stets kleiner werdenden Verdiensten nnd Verminderung der Kaufkraft. Neben diesem Teil der Bevftl- kerung, der durch die groß ausgezogene Staatspropaganda in positivem Sinne bearbeitet wird— und hier gilt es vor allem die jugendlichen Elemente— stehen die Millionen Aeltercn, die viel ernsthafter, als die Regierung vielleicht vermutet, über den äußerlichen festlichen Prunk, über die ausgeblasenen Worte nnd die fetten Parolen nachdenken, und die sich dadurch veranlaßt fühlen, sich sehr entschieden vom Nationalsozialis- muS abzuwenden. Hitler kämpft um die Snmpath'e und die Mitarbeit dieser„indifferenten Masse", die gestern ihre Stimme für ihn abgegeben hat und morgen ebenso, bereit- willig gegen ihn stimmen kann. Wir bekommen nicht den Eindruck, daß er in dieser Hinsicht auf dem Wege ist. Erfolge zu buchen." Der aroße Winterbluff Propagandaiheater in der Krofloper- inner, der Warner Goebbels der Sparsame- Was hinter den Zahlen stecht.. .«Schlagartig« soll in Kürze die Winterhilfe 1934/33 tut Hitlerrcich einsetzen. Die Männer, die stets von Würde und Schlichtheit reden, wohin immer sie in ihren LuxuS- autoS kommen, benutzen diesen Anlaß zu neuer repräsen- lobler Reklame. Früher, in den verbrecherischen vierzehn Fahren, geschah das Selbstverständliche von selbst, ohne Ans- Hebens davon zu machen. Die Sozial- und Wohlfahrtspolitik der Fahre von„Weimar" wird immer zu den Ruhmes- blättern deutscher Leistungen gehören. Heute wird die Sozial- Politik im Umfange von Milliarden Mark abgebaut, mäh- rend zur gleichen Zeit die Winterhilfe über die ungeheuren Verluste an Volksvermögen und Bolkswohlfahrt hinweg- täuschen soll. Ter„Führer" eröffnete das Winterhilfswerk am Dicns- tag durch eine Kundgebung in der überfüllten Krolloper. Adolf Hitler als Redner: es ist immer dasselbe. Er kommt erst in Schwung, wenn er die Politik der deutschen Republik rhetorisch zerschmettern kann. Dann erst zucken die Funken aus seinem Hirn. Man hätte früher Volk und Reich dem Hunger und dem Elend ausgeliefert. Jetzt aber, unter Seiner Führung, werde durch„brüderliche Einigung" alles besser. Freilich, er ist nicht mit allen seinen Volksgenossen zu- frieden. ES gebe noch„wohlsituierte GcsellschastSschichtcn", die„oberen Zehntausend", die noch nicht gebührend opferten. Wir haben leider nie erfahren, was Adolf Hitler, der Autor des Millionenschlagcrs„Mein Kampf", beteiligt am dominierenden Eher-Berlag, selber geopfert hat. Und die braune Bonzokratic unter ihm!„Wir verlangen von nie- mandcm, etwas zu tun, was er nicht selbst zu tun bereit wäre": einen solchen Satz ivagte später Herr Dr. Josef Goebbels in seiner Rede. Dieser Mann, einst ein Minderbemittelter in jedem Betracht, Student und Dokto- rant dailk der Wohlfahrt katholischer Organisationen, ist heute Millionär. Die„Eroberung Berlins" hat sich für ihn in Gestalt einer Villa, eines Gutes in Mecklenburg und einem Park von Lurusautos rentiert, von den Bankkonten abgesehen. Was ist Herr Goebbels, gemessen an seinem Wohl- stand,„zu tun bereit", was die andern, die durch den Ratio- nalsozialiSmus Rang und hohe Einkünfte erworben? Wir haben die Spenden dieser Herrschaften nie erfahren. Würden sie opfern nach dem Maße ihrer Gewinne durch das„dritte Reich": die Winterhilfe hätte gar keine Organisation nötig und könnte im Geldc schwimmen. * Ter„Führer" bekennt sich zu der Auffassung, daß im Rationalsozialismus die Meinung, die Verwendung eines Vermögens sei in jedem Umfange nur Privat- angelegenheit bcS einzelnen, eine„Korrektur" erfahren müsse. Die hohen Gönner Hitlers, die von der berühmten Unterredung in der Kölner Villa des schwerindnstricllen Vertrauensmannes BaronS von Schröder an seinem Aus- stieg mit ihren Sympathien begleiteten, brauchen nicht zu zittern. Hitler wird ihnen nichts tun. Tie fürchten nicht einmal das Eintopfgericht, dessen Wiederkehr Herr Goebbels mit diesen Worte» angekündigt hat: „Im Eintopsgericht an einem Sonntag jedes Monats soll die Ratio» sich vom ersten bis zum letzten zusammen- schließen in einer großen und edlen Solidarität. Der ideelle Wert dieser Demonstration übertrifft dabei bei weitem noch den materiellen. Jeden Monat einmal wollen wir alle, Führer, Minister, Reichsleiter und Gauleiter, Generale, Offiziere und Soldaten, Großindustrielle und Bergarbeiter, Hanbelskönioe und Angestellten, mit den Aermsten des Voltes ei n Essen essen, um dabei zn lernen, wie gering und nichtig der Wert des Magendienstes dem Wert des Dienstes an der Nation gegenüber ist." Nun gibt es freilich sehr verschiedene Eintopsgerichte. Es gibt wahre Leckerbissen in einem Topfe, die das Wochen- einkommen einer Arbeiterfamilie kosten. Es gibt aber auch eine Elenbssuppc in einem Topf, vor deren Geruch die „Führer" aller Garnituren schaudernd zurückschrecken. Man sieht, der„Dienst an der Nation" hat seine verschiedenen Seiten. Dieses Eintopfgericht ist das beste Symbol des Bettelsozialismus der„Tat" im„dritten Reiche". * Herr Goebbels prunkte mit den Zahlen für die Winterhilfe des vergangenen Jahres. Man hat für 320 Millionen Werte verteilt. Das macht 4 Mark pro Monat auf den Kopf bei rund 17 Millionen Unterstützten. Diese Riefenzahlen sind also ein einziger Bluff, wenn man sie auf die wirk- liche Leistung für den einzelnen umrechnet. Greisen wir noch einige heraus. 12 322 960 Brote wurden angeblich verteilt. DaS heißt, daß bei 17 Millionen Unterstützten noch n>a>t ein- mal einer ein ganzes Brot erhalten hat. Bei 13»43 634 Zentner Kartoffel» entfallen auf den Kopf des Unlerstüvtc'i weit weitem noch nicht ein Zentner. Herr Goebbels bezieht sich dabei rühmend auf die„freiwillig" geleistetem Abzüge für Lohn- und Gehaltsempfänger. Die Freiwilligkeit dieser Leistung war, wie Millionen Minderbemittelte zahne- knirschend erleben mußten, das Resultat äußersten politischen und sozialen Druckes. Was ganz überwiegend den Minderbemittelt"! kort- genommen wurde, wurde andern Minderbemittelten wieder gegeben: das ist das Fazit der Winterhilfe, die grase braune Solidarität. An dieser Stelle erinnerte sich Herr Goebbels an die Millionen, die in den Händen der amts.oaltenden Kassierer zurückgeblieben waren. Drohend vermerkt der Herr Propagandaminister, daß die Regierung entschlösse. sei, mit drakonischen Strafen vorzugehen, wo immer sich ein„kor- rupter Ansatz zeigen sollte. Ein Staat, dessen Wesen auf Korruption und Korrumpierung beruht, und der für sich selbst jede echte Volkskontrvlle gewaltsam unterdrückt, wird bei allen Drohungen die Herren Kassierer der Winterhilfe immer wieder zu Griffen in die Kasse anregen. Diese Organisation belastet das Volksvermögen schwer und gänzlich unproduktiv. Man berechnet ihre Kosten nach Mil- lionen. Triebe das„dritte Reich" eine vernünftige Wirtschaftspolitik, so könnte der frühere Standort der deutschen Sozialpolitik aufrechterhalten werden. Tic könnte diese ganze wilde Bettelei überflüssig machen und das Zehnfache von dem erbringen, was heute erpreßt wird. Dafür aber will die braune Führung auf einem anderen Gebiet zur spartanischen Einfachheit zurückkehren. Wörtlich sagte Herr Goebbels: „Die Regierung selbst wird angesichts der Not des Volkes wie im Vorjahre mit einem Mindestmaß an Repräsentation auskommen. Sie will den Arme» nicht das aufreizende Schauspiel des vergangenen Regimes bieten, ihre Minister bei Gastereien und Völlereien zu sehen, während das Volk hungert. Wenn wir als Nation keinen Uebcrschuß haben, so wollen wir das, was wir besitzen, ehrlich so verteilen, daß jeder wenigstens etwas hat." Niemals ist das Geld zu leerer Repräsentation so heraus- geworfen worden, wie in den ersten anderthalb Jahren dieses „dritten Reiches". Ter Führer baut ganze Prunkstraßen in München. In Köln läßt er mit Dr. Ley das„Hans der Ar- beit" in einer Länge von 330 Meter unter Beseitigung der früheren Messebauten errichten. Hunderttausende und Mil- lionen werden für Aufmärsche, für Tribünen, für Schmuck und Fahnen verschwendet, von den Luxuslimousinen der Amtswalter ganz abgesehen. Jetzt wollen sie alle wieder ganz einfach werden, schlichte Bürger, ehrlich alles verteilend,„da- mit jeder.wenigstens etwas hat". Goebbels pries zugnterletzt den Führer als den„m o r a- l i s ch e n Gesetzgeber des deutschen Volkes". Moral: das ist bei uns so Titte im„dritten Reich", lieber den Leichen der im Sommer gemordeten Freunde breiten sich nunmehr die freundliche» Aspekte der Winrerhilfe. Vorbereitungen der Rätewahlen In der Sowjeinnion In der ganzen Sowjetunion werden Vorbereitungen für die ordentlichen Rätewahlen getrosten. 9 0 Millionen W ä h- l e r werden für die bevorstehenden Wahlen in Bewegung gesetzt. Jeder Werktätige in der Sowjetunion, welcher das 19. Lebensjahr erreicht hat. ist wähl- berechtigt, unabhängig davon, Ivo er sich im Augenblick der Wahl aushält. Die Zahl der Wahlberechtigten beweist er- neut, welche großen Massen unmittelbar durch die Räte ver- treten werden. Die sowjetischen Blätter veröffentlichen die Verordnung der Regierung über die Durchführungsbestimmungen der Rätewahlen und der Wahl der Delegierten zum 7. Räte- kongrcß der Sowjetunion. Die Delegierten zum Unions- rätekongrcß werden auf den Gau-, Gebiets- sowie Rate- kongressen der Bundesrepubliken gewählt. Tie Torfrätc- mahlen begannen am 1. Oktober. Die Verordnung der Regie- rung über Aendernngen und Ergänzung der Wahlinstruktion enthält H i n w e i s c über die erleichterte Wieder- Verleihung des Wahlrechtes an Personen, die kein Wahlrecht haben und die sich durch ehrliche Arbeit bei den Maßnahmen der Toivjetmacht hervortaten. Tics bc- trifft in erster Linie die Kinder verschickter Großbauern l.Ku- lakenj, und zwar sowohl derjenigen, die mit ihren Eltern zusamincnleben als auch derjenige«, bei denen das nicht der Fall ist. Sic können das Wahlrecht in ihrem Wohnort er- halten, wenn sie sich mit gesellschaftlich nützlicher Arbeit be- schäftigcn und ehrlich arbeiten. Die gesamte Wahlkampagne wird unter der Losung des Kampfes für d i e er- s o l g r e i ch e Durchführung des A u s b a u S d e r klassenlosen Gesellschaft und der Beseitigung kapitalistischer Ikebcrbleibsel in Wirtschast und dem Bewußt- sein der Menschen organisiert und durchgeführt werden Anll Kriegs KongreO in Chlhago Am 29. und 30. September fand in Ehikago der zweite Kongreß gegen Krieg und Faschismus statt, der von der amerikanischen Liga gegen Krieg und Faschismus ein- berufen wurde. Der erste Kongreß, der vor genau einem Jahre abgehalten worden war und an dem Henri Barbusse da» Hauptrefcrat gehalten hatte, war von 2616 Delegierten aus 85 Staate» aus USA. besucht worden. Ans dem zweiten Kongreß waren rund.3999 Deligierie«nd Gäste versammelt. Der Kongreß wurde durch ein Meeting er- öffnet, an dem 15000 Personen teilnahmen. Au? Nenyork ging ein besonderer Antikriegszug nach Ehikago ah, Serbien»nd Kalten freu Grundsätze der französischen Außenpolitik Paris, 10. Oktober. lieber Frankreichs Außenpolitik schreibt Henry Berenger, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Senats, in der„Agence Economigue et Financiere": „Frankreich bleibt Serbien und Italien treu, ohne vor die Wahl gestellt zu werden, ob es die Partei des einen gegen den anderen nehmen soll. Es glaubt sogar, sich nicht mit dieser rein das Gleich- gewicht haltenden Rolle zu begnügen. ES sucht, es holst die dynamischen Punkte einer Zusammenarbeit zu finden, die sich auf das gemeinsame Ziel richten, das der allgemeine Frie- den für die Unabhängigkeit eines jeden zum Wohle aller bleibt. Das ist auch der Grundsatz unserer Diplomatie. Darin liegt nichts Geheimnisvolles, nichts Verborgenes. Es vereint in aller Oeffcntlichkeit die Interessen Frankreichs mit der Befriedung Europas und dem Glücke der Welt. Mußte man nicht, um das zu erreichen, sehr viele Hinder- nisse überwinden, sehr viele Intrigen aus dem Wege schassen, fehr viele Mißverständnisse klären, die oft künstlicher als echt waren? Wird man nicht zweifellos seine Eigenliebe besiegen, feinen Appetit mäßigen, seinen Eigensinn abtun müssen? Wenn man das Ziel vor Augen hat, dann hat man eS noch nicht erreicht. Mussolinis Rede bringt unS ihm aber wenig- steus nahe." Moshan- Rom- Paris Moskau, 4. Oktober 1934. Die..Jstwestija" behandelt in einem Artikel„Den Kamps für Oesterreich". Tie betrachtet dabei die Situation, wie sie seit oeni 2.3. Juli sich entwickelt hat und die Ergebnisse der lln- terhaltnngen. die man in Genf gepflogen hat. Das Blatt drückt die Hoffnung aus, daß die zwischen Barthou und Mussolini bevorstehende Unterredung zu einem Einvernehmen führen wird, an dem auch die Kleine Enteute teilhaben ivird. Gleichzeitig kommt die„Prawda" aus das Interview zu- rück, das Mussolini mit dem bekannten amerikanischen Journalisten Knickerbocker hatte.„Prawda" zitiert Mussolinis Worte:„Das gegenseitige Verständnis Frankreichs und Italiens ist notwendig für das Einvernehmen aus der Grundlage freundschaftlicher Zusammenarbeit der Staaten, die den Frieden in Europa hüten" Man beobachtet also, daß Moskau die französifch-italic- nifche Annäherung begrüßt, die geeignet ist. den Appetit der Nazis zu zügeln und so den europäischen Frieden zu sichern, Louis varlhon Saarbrücken, 10. Oktober. Im Jahre 1862 in den Pyrenäen geboren, trat Jean- Louis Barthou schon mit 27 Jahren als Parlamentarier in das öffentliche politische Leben ein. Er ivurde 1889 ins Parlament gewählt und schon 1894 zum ersten Mal Minister. Als 72igcr ermordet, hatte er 45 Jahre Politik hinter sich. Zwei Jahre jünger als Poincare, gleichen Alters mit Briand und ein Jahr jünger als Doumcrguc: Taö ist die Genera- tio», zu der Barthou gehörte— Die Generation der großen Parlamentarier, die fast alle, jeder auf seine Art, die Tradi- tionen der große» Revolution mit gewissem konservativen Zug in ihrem politischen Denken verbanden. Trotzdem Bar- thou zn de» interessantesten Köpfen dieser Generation ge- hörte, hatte er bis in die letzte Zeit zwar eine bedeutsame, aber keine führende Stellung in der französischen Politik ge- habt. Mehrfacher Minister, war er nur einmal und für ziem- lich kurze Zeit— 1913— Ministerpräsident. Allerdings ist es eine außerordentlich bedeutsame Ministerpräsiöentschaft ge- ivesen. Barthon setzte gegen alle Widerstände die dreijährige Dienstzeit durch und verstärkte die französischen Rüstungen. Nach-dem Kriege war Barthou von 1920 bis 1922 Kriegs- minister im Kabinett Briand, von 1922 bis 1924 Justizmini- ster im Kabinett Poincares, 1926 Justizminister und 1930 noch einmal Kriegsminister. Er vertrat Frankreich 1922 auf der Konferenz in Genua und war vier Jahre lang Präsident der Reparationskommission. Nach 1930 schien seine politische Lausbahn schon abgeschlossen. Seine Generation verließ die politische Bühne. Poiucarc zog sich ivcgen seiner schivercn Krankheit von der Politik zurück. Toumergue war nach dem Ablauf seiner Präsidentschaft entschlossen, seinen Lebens- abend in der idyllischen Stille seines Landsitzes zu verbrin- gen. Briand, der keine Rast lannte, starb. Man fing schon an, die alte republikanische Garde zu vergessen. Nach dem 6. Februar aber wurde sie wieder gerufen, die Geschicke Frankreichs zu leiten. Donmergue wurde Minister- Präsident und bildete die Regierung des Waffenstillstandes. Als 72jähriger wurde Barthou Außenminister und schon nach wenigen Wochen staunte die ganze Welt über seine jugend- liche Frische, seine erstaunliche Vitalität. Erst jetzt kam für Barthou die große Zeitz die jetzt durch die Schüsse der Verbrecher abgebrochen wurde. Barthou war alles andere als ein Nur-Politiker. Er ivar ein außerordentlich kultivierter Mensch von vielseitiger Bil- dung und ein hervorragender Schriftsteller. Er war Akadc- miker, und das spürte man auch in seinen Reden und in seinen diplomatischen Dokumenten. Man spürte die Schule der großen französische» Logiker in der klassischen Einfachheit und Genauigkeit der Formulierungen, in der echt sranzö- fischen Klarheit des Denkens, die auch durch die Ausbrüche seines jugendlichen Temperaments nie getrübt wurde. Barthou hat viele Bücher geschrieben: über die großen Fign- rcn der französischen Revolution, über Victor Hugo, über Wagner, Heinrich Heine und noch viele andere. Er hat auch Bücher gesammelt, und seine Sammlung der wertvollen und seltenen Bücher ist bemüht in den Fachkreisen der Welt. Viel- leicht haben diese Studien und Liebhabereien Barthou frü- her gehindert aus die Dauer eine führende Stellung in der Politik einzunehmen. Sie haben aber gewiß diesem kulti- vierte» Geist den letzte» Schliff gegeben und den Glanz sei- ncr letzten Periode vorbereitet. -i- Dournergue Außenminister Paris, 10. Okt. Bis zur cngültigen Reglung der Nach- folge BarthouS hat Ministerpräsident Toumergue die Leitung des französischen AußenministeriumS übernommen. vie Opfer von Marseille Drei Tote, neun Verletzte DNB. Paris, 10. Okt. Die Zahl der Todesopfer des An- schlags in Marseille stellt sich wie folgt dar: König Alexander, Außenminister Barthon und der Polizeibeamte Galy. Ber- letzt wurden und im Krankenhaus in Behandlung sind neun Personen, darunter der französische General Georges, Mit- glied des Obersten Kriegsrates, der nachts operiert ivurde und dessen Befinden sehr erst ist: ferner drei Franzosen(darunter ein Kino-Operateurf, vier Französinnen und ein 14jähriger Junge. Die Verletzungen der letzten acht Personen geben zu keinen Besorgnissen Anlaß. Außerdem sind zwei weitere Ver- letzte in ihren Wohnungen in ärztlicher Behandlung, und zwar ein Polizeiinspektor, der einen Beinschuß davongetragen hat, und eine Witwe. Deutscher Klub Am Samstag, dem 13. Oktober, um 21 Uhr, geselliges Beisammensein mit Tanz.— Am Dienstag, dem 16. Oktober, um 21 Uhr, spricht Dr. med. Wansihel über..Meine Lrleb- nisse als Fliichtlingsarzt". Der Reinertrag dieses Abends wird zwei Emigrantenhilfskassen überwiesen. Der Eintritt am Samstag resp. am Dienstag ist für Mitglieder frei, für Gäste 5 Fr.(Stellungslose 3 Fr.). Gäste willkommen.— Der Deutsche Klub ist der Treffpunkt aller Nichtgleich- geschalteten. Seine Adresse lautet: Salons Le Peristyle, 31 bis. Rue Vivienne(Metro Bourse). gilt den KesointinHalt verantwortlich: Johann Pitz in Dud» weiter: für Inserate: Lltv Kuhn ln Saarbrücken. Rotationddruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH, Saarbrücken 8, Schllvenstratze 5,— Schließfach 770 Saarbrücken, 3>oc