Im Saargebiet verbeten Edition de Paris Pariser Ausgabe Sinzigs unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr. 239— 2. Jahrgang| Sonntag Montag, den 14.15. Oktober 1934 I Chefredakteur: M. B r a u n JUicfistaqs&caüd testlas aufgeklärt • Seile 2 7 lach mehc Veekote qefotded Seite 5 Qeheutiuis dec TUckelmmzeu Seite 6 Wir sind im Saargcblet verholen t Die Deutsche Freiheit*' für zwei Wortien aus dem Abstimmungshampie ausgeschaltet Aufatmen in der„deutschen Front"- Wir fassen nicht lodter und geben nicht nach... Verfügung beireffend Verbot der Tageszeitung„Deutsche Zrechett" Auf Grund des Artikels 15 Absah 6 der Verordnung vom 28. Nooember 1933 betreffend Abänderung und Ergänzung der Verordnung vom 20. Mai 1933 zur Aufrechterh^ltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit n der Fassung des Artikels 1 der Verordnung vom 4. September 1934 betreffend Ergänzung des Artikels 15 der Verordnung vom 28. November 199 betreffend Abänderung und Ergänzung der Verordnung vom 20. Mai 1933^Amtsblatt 1933, Nr. 21) zur Auf.cchlerhallung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit, wir in Erwägung, daß die„Deutsche Freiheit" in ihrer Nu nmer 236 vom 11. Oktober 1934 unter der Ileberschrist „Nuhnieher des Attentats" einen Artikel enthält, der den Tatbestand der obenbszeichneten Verordnung erfüllt, folgendes verfügt: Artikel 1 Die Tageszeitung„Deutsche Freiheit" sowie jede cngeblich neue Druckschrift, die sich sachlich als die alle darstellt, oder als ihr Ersatz anzusehen ist, wird m.t sofortiger Wirkung im Srargebiet auf d-e Daner von zwei Wochen verboten. Artikel 2 Der Direktor des Innern wird mit der Durchführung dieser Beifügung beauftragt. Saarbrücken, den 12. Oktober 1934. Das Mitgl'ed der Regierungskommission für die Angelegenheiten des Innern: gez. G. G. K n o x. Für die gleichlautende Abschrift: Der Dncklor des Innern und des Kabinetts: gez. Unterschrift. I« unserem Aussap„Nutznießer des Attentat»" sind nicht etwa Herr Adolf Hitler und ähnliche ehrenwerte Zeitgenossen einer direkten oder indirekten Beteiligung au dein Attentat von Marseille beschuldigt worden, sondern der Verfasser hat lediglich ausgeführt, daß infolge der Ermordung von Alexander und Barlhou die Entscheidung des Spiels um Mussolini, an dem nun einmal Hitler hervorragend beteiligt ist. hinausgeschoben ist. Die Basler„National-Zeitung" hat dieselbe politische Folgerung in diesen Worten gezogen: Trotz den kroatischen Schwierigkeiten und Gefahren gilt Jugoslawien i„ Berlin besonders militärisch sehr viel, soviel, daß der jugoslawischen Armee zugetraut wird, sie könnte den Herren Italiens im Ernstsall nicht nur mit Erfolg Widerstand leisten, sondern fie sogar besiegen, und wenn Lord Rothermcre das Gespenst eines militärische» Blocks Deutschland-Polen-Jugoslawien-Ungarn-Japan an die Wand malt, der im Kriegsfall imstande sein werde smit englischer Nentralitätj, ein sranzösilch-italieuijch-tschecho- slowakisch-russisches Bündnis auf die«nie zu zwingen, so deckt sich seine Ankündigung mit dem Urteil deutsch er militärischer Kreise, die sich, flankiert von Polen und Jugoslawien als den beiden Völkern mit den nach Frankreich und Deutschland weitaus besten euro- päischen Heeren, gar nicht mehr so verlassen vorkommen würden. Bon Berlin aus gesehen, ist es keines» wegS ausgemacht, daß die jugoslawische Freundschaft für Frankreich die Belastung durch die jugoslawische Angst vor Italien aus die Dauer aushalten könnte. Ganz«nsenti- mental und realpolitisch ausgesgstt, bedeutet die Kata- ftrophe von Marseille sür Deutschland «inen Glücksfall, vor allem einen Zeitge- wiun. Bon Berlin aus betrachtet, steht aus einmal alles in Frage: der sranzösisch-italienischc DauerauSgleich und Friede, der nur mit Einbeziehung Jugoslawiens zu erreichen ist, und sogar die französisch- jugoslawische Freundschaft selbst, denn nicht d a ö c r st e- mal würde«ine politische Freundschaft durch politische Attentate getroffen und ge- st ort. Marseille hat Deutschland Lust ver- s ch a s s i. Der trotz aller autarkischen Prahlereien in Berlin doch sehr stark empfundene Albdruck der Isolierung drückt momentan nicht mehr so schwer. Wo die Nutznießer des Attentats sitzen, ist also für jeden denkenden Menschen klar.$$cr die Anstifter sind, das wird noch untersucht. Kein Verbot wird uns hindern, uns an dieser Untersuchung zu beteilige», denn sie dient der Enl- giflung der Atmosphäre Europas. Der politische Mord ist nicht eine RcgierungSmethode der Demokraten und der Sozialisten, sondern eines der vielen Terrormittel faschistischer Diktaturen. Daß aber in der un- gesetzlichen Tötung von politische» Gegnern der von Adolf Hitler gegründete, beseelte und geführte Nationalsozialis- mus den Weltrekord hält, weiß seit dem 30. Juni und dem 25, Juli jedes Kind. Gewiß hat die deutsche Ncichsrcgiernng in Paris und in Belgrad herzlichst kondoliert und ihre Presse hat sich diesem Beileid angeschlossen, aber millionenfach kann man in Hitler- deutschland von Anhängern des Nationalsozialismus die freudige Genugtuung über das blutige Ende eines Staats- mannes wie Barthou hören, der, nicht zuletzt auch um des Saargebietes willen, sehr unbegucm geworden war. Als Europäer und Sozialisten haben wir die Pflicht, immer und immer ivieder aus diese faschistische Massenverrohung hinzu- weisen, von der sich leider weder die Regierungen noch die Regierten in den Ländern mit zivilisiertem Bersassungs. leben eine Vorstellung machen können. Es ist und bleibt das Unglück und die größte Gefahr sür Europa, daß die verant- wortlichen Staatsmänner»nd auch ein großer Teil der Presse Westeuropas noch immer nicht voll begreifen können, welcher gigantischen Verbreche» der Nationalsozialismus fähig ist, wenn es um seine Machtbehauptung geht. Die Macht ist ihm alles, und Menschlichkeit ist ihm nichts. sFortsetzung siehe nächste Seite!) Geld ans Hänchen Der Verschwörer Nowak sagt aus! Paris, 13. Oktober. Der in Andermatt verhaftete Verschwörer^Nowok hat dos Geständnis abgelegt, daß man am 28. September im Cafe„Deuts6)er Kaiser" in München ihm und seinem Komplicen den Befehl gegeben habe, sich nach Paris zu begeben. SiehättenzudiesemZweck 5 0 0 0 Franken erhalten. Es sei ihnen aller- dings nicht gesagt worden, was sie in Frankreich tun sollen. Sie hätten geschworen, daß sie alle ihnen in letzter Stunde gegebenen Befehle ausführen würden, lieber die Person des geheimnisvollen Auftraggebers hüllt sich Nowak in Schweigen. rraßftrclclis Begierungshrlse Von unserem Korrespondenten A. Ph. Paris, 13. Oktober. Frankreich hat zur Zeit innen- und außenpolitische Sorgen, und es ist schwer, bei einer Betrachtung der gegen- wärtigen politischen Entwicklung dieses Landes die einen genau von den anderen zu scheiden. Das Kabinett Doumergue wird in seiner heutigen Zusammensetzung den Montag nicht überleben. Innenminister Sarraut hat be- reits seine Demission angeboten, und Ministerpräsident Doumergue hat diesen Schritt gutgeheißen. Das Außen- Ministerium ist durch den jähen Tod von Barthou sreige- worden. Aber es erscheint sicher, daß Ministerpräsident Doumergue sich kaum damit begnügen wird, diese beiden Ministerien einfach durch rein porteseuillemäßige Ver- änderungen in seinem Kabinett zu besetzen. Plan muß damit rechnen, daß die gesamte Regierung am Anfang der nächsten Woche ihre Demission geben und Doumergue dann vom Präsidenten Lebrun mit der Neubildung des Kabi- netts betraut werden wird. Man rechnet mit einem Ruck nach rechts. Kandidaten- namen tauchen auf und oerschwinden sehr schnell wieder. Niemand kann eine sichere Prognose stellen; denn der Ministerpräsident, der mit dem Staatspräsidenten Lebrun die Situation bereits besprochen hat. schweigt sich über seine Pläne aus, und von ihm wird die Entscheidung ab- hängen. Diese Entscheidung wird wesentlich vom Aus- sali der am Sonntag stattfindenden Stichwahlen ab- hängen. Die Kantonalwahlen, die sonst hier nur unter- geordnete Bedeutung haben, werden diesmal als politische Wetterzeichen gewertet. Kein Zweifel kann daran bestehen, daß das französische Volk in seiner überwältigenden Mehrheit die Fortsetzung des außenpolitischen Kurses wünscht, den Barthou ver- folgt hat. Das Vertrauen, das Barthou genoß, wird aber sein Nachfolger nur dann besitzen, wenn er nicht nur die gleichen Fähigkeiten und die gleiche Geschicklichkeit nach- weist, sondern wenn auch das neue Kabinett Doumergue die Autorität besitzt, auf die das alte sich stützen konnte. Diese Autorität hatte ihm einerseits der jetzige Minister- Präsident verliehen, andererseits verdankte es sie gerade der erfolgreichen Außenpolitik Louis Barthous. So ist es selbstverständlich, daß die Zeitungen sich, ob- wohl sich über dem toten Außenminister das Grab noch nicht geschlossen hat, ausführlich über die Frage seiner Nachfolgerschaft und über die gesamte innenpolitische Situation aussprechen. In der„V i c t o i r e" schreibt Gustave Herne,„wenn eine Regierung verfault ist, so passiert notwendigerweise im Augenblick, wo man am wenigstens damit rechnet, eine Geschichte wie die Sache Stawisky. wie die Affäre Prince, wie das scheußliche Attentat von Marseille, das selbst den unaufmerksamsten und schwerhörigsten Menschen die Tiefe des Nebels aufzeigt, wie in anderer Art dies durch die schmutzige Assäre Noziere geschieht." i• iL^L C o Ii^ e®* emu"9 begreife nicht, wie es möglich ..*),^8 Stunden nach dem furchtbaren Ereignis von Marseille noch keine Maßnahmen gegen diejenigen er- $1 rt n seien, die es durch ihre Nachlässigkeit ver- schuldet hatten, bemerkt Alexis Taille in„L a P r e f s t". irs gebe eben Verantwortliche oben wie unten, das fei der Grund für dieses Verhalten. „Am i du P e u p l e" stellt die Frage, welche Männer Barthou und Sarraut ersetzen werden. Das Blatt meint, daß Herriot und Tardieu die nötigen Eigenschaften dafür mitbrachten. Wir glauben allerdings nicht, dah ^oumergue sich in diesem Sinne entscheiden werde; denn, wie die„Deutsche Freiheit" schon gestern hervorhob, würde der weit rechts stehende Tardieu als Innenminister für die Radikalsozialisten nicht tragbar sein können. Im„Figaro" will Lucien Romier sich damit abfinden, daß die Mängel des parlamentarischen Favoritentums in der Verwaltung und sonst wo sich in einem Tage beseitigen lassen. Aber der Chef dieser Verwaltung könne in kürzerer Zeit seine Verantwortlichkeit erkennen. An dem Tage, wo die Minister sprächen:„Ich bin allein verantwortlich und übernehme alle moralischen Verpflichtungen aus dieser Verantwortlichkeit", würde die öffentliche Meinung viele Fehler verzeihen. Außenpolitischen Fragen wendet sich Saint Brice im „I o u r n a l" zu. Er führt aus, Italien hätte jetzt eine große Gelegenheit, Weitsicht und Klugheit zu beweisen. Man wäre überrascht, wenn das ein Staasmann wie Mussolini nicht begreifen würde. Sei nicht der ganze Streit um die Adria zurückzuführen auf das serbische Miß- trauen gegen eine italienische Politik, die seit zehn Iahren ebenso Furcht vor«iner Vorherrschaft Iugo- slawieng gehabt, wie sie mit der Zerbrechlichkeit des jugoslawischen Block» gerechnet habe. Jetzt müsse man wohl in Rom erkennen, daß die Jugoslawen sich um den Thron ihres minderjährigen Königs scharten. Jetzt wäre die Gelegenheit da, eine Geste vertrauensvoller Sympathie zu machen, die ohne jeden Argwohn und ohne jede List sei. ,,P a r i»- S o i r" gibt Gabriel Perreux das Wort zu einer Betrachtung der von Barthou befolgten Politik. Perreux erklärt, man könne nicht sagen, daß Barthous Politik sich gegen irgend jemand gerichtet habe. Ebenso wie König Alexander keine Bedenken gehabt habe, sich mit Bulgarien auszusöhnen, habe Barthou in gleicher Weise Deutschland im Ostpakt ein Friedensangebot ge- macht, in jenem Ostpakt, der die Grundlage des Balkan- paktes werden sollte. vr.«ml Hilter entlassen Mierendorff, Heilmann, Ossietzky, Lüdemann bleiben eingekerkert Die»Neue Zürcher Zeitung" berichtet aus Berlin: Der bekannte Pazifist Dr. Kurt H i l l e r, einer der Führer der ehemaligen Deutschen Friedensgesellschaft, ist auS dem Konzentrationslager Lichtenburg entlassen worden. Dagegen bleibt Karl v. Ossitzky in Haft, ebenso der mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnete Kriegsfreiwillige und spätere sozialdemokratische Politiker Dr. Karl Mierendorff, der ehemalige sozialdemokratische Landtagsabgeorbnete Heilmann und der frühere preußische Finanzmtnister Lüdemann, der zuletzt Oberpräsibent von Schlesien war und gleichfalls zur Sozialdemokratie gehörte. Unter den kommunistischen Gefangenen zählen Thälmann, Torgler und Werner Hirsch, der frühere Chefredakteur der „Noten Fahne", zu den bekanntesten Namen. Der schon mehrfach angekündigte, aber immer wieder hinausgezögerte Prozeß gegen Thälmann war neuerdings für den kommen- den IS. Oktober vor den Schranken des Volksgerichtshofs in Berlin angesetzt, wurde dann aber nochmals um sechs Wochen verschoben. Der in der Strafanstalt Plötzensee bei Berlin internierte Torgler soll dem Vernehmen nach nicht unter Anklage gestellt werden. Hie Opfer des 30. Juni Das„Neue WienerJournal" bestätigt unsere Mel» dung, die wir vor einiger Zeit gebracht haben, wonach die Zahl der Opfer, die am 80. Juni und 1. Juli ermordet wurden, 1184 beträgt. Da»„Neue Wiener Journal" bestätigt ferner unsere Behauptung, daß sich im Propagandaminist«- rium ein« List« dieser Opfer befindet, die der obigen Zahl entspricht. London, 18. Okt. Die Führer des„Jewish Representative Council" haben erklärt, daß sie bereit sind, die Boykott-Be- wegung sofort«inzustellen, wenn Hitler die deutschen Inden wieder in jene Positionen einsetzt, die sie vor seiner Macht- ergreifung innehatten? wenn der jüdischen Bevölkerung Deutschland» rechtlich und faktisch die gleichen Rechte wi« allen ander«» deutschen Bürgern eingeräumt werden: wenn die antijlldisch« Bewegung in Deutschland vollkommen und restlos eingestellt werde. G«b« Hitler diesbezüglich nicht die notwendigen Garantien, f» werde der Boykott mit gestriger- ter Intensität alle« Drohungen zum Trotz fortgeführt werde».' ver Abstieg des Flosse-Verlags Saar-Röchlings Forderungen Berlin, 11. Okt. Trotz der komplizierten EanierungSopera- tionen ist der Verlag Masse feit seiner Gleichschaltung in ständigem Abstieg begriffen. Der Tod deS ehemaligen Ver- lagsdirektor» Meyer hat diese Schwierigkeiten nicht nur bis zur offenen Krise gesteigert, sondern zugleich sorgsam verhüllt« politische Fäden zwischen Mossehaus und Schwer- inbustrie zu Tage treten lassen. Es stellt sich nämlich heraus, daß der verstorbene Verlagsdirektor eine sehr hohe Schulden- last hinterlassen hat, dt« zu einem großen Teil aus einer For- derun« des Saarindustriellen Röchling besteht. Mey«r selbst war, ehe er ins Mossehaus berufen wurde, bei Röchling beschäftigt gewesen. Von Röchling wurde er als Sanierer zur„Frankfurter Allgemeinen Versicherungsgesellschaft" ent- sanbt, um dann, wieber al»„Sanierer", von der Dresdner Bank in das Mossehaus bestellt zu werden. Im Zusammenhang mit diesen Schwierigkeiten wird jetzt offiziell bestätigt, daß das„Berliner Tageblatt" nur noch 11 000 Abonnenten habe, eine Ziffer, die von jedem Provinzblättchen ttbertrosfen wird. Die Gesamtauflage be- trägt 60 000 Exemplare, von denen aber im Straßenverkauf ein Remittentenfatz von">0 biß 60 Prozent abgehen. Am letz- ten Monatsultimo sind im„Berliner Tageblatt" ein« Reihe von Kündigungen und Gchaltrcbnktionen ausgesprochen worden. Wir sind im Soargcbiet Fortsetzung von Seite I Der Nationalsozialismus ist zu einer geistige« AuS- einandersetzung nicht fähig. Er kennt nur die Unterdrückung, die Einkerkerung, die Tötung des politischen Gegners. Wir sind stolz darauf, daß die Nationalsozialisten unS an die Spitze ihrer Mordlisten gesetzt haben. Zeigt das doch, wie gefährlich wir ihnen sind. Bisher hatte man uns, im Saar- gebiet wenigstens, nur durch Zuschriften, die alle erdenk- lichen Mordarten ausmalen, unsere Tobeskandidatur be- stätigt. Heute fordert nun auch ein offizielles Organ der Nationalsozialisten und der sogenannten Deutschen Front", wie wir an anderer Stelle wörtlich zitieren, unsere Hin- richtung durch den Strang. Wir nehmen das nur zur Kennt- nis. Daß uns weder Drohung noch Tat erschüttern, weiß niemand besser als die Nationalsozialisten. Immerhin geben wir ihnen zu bedenken, daß nicht sicher ist, wie lange noch Herr Hitler„Oberster Gerichtsherr" spielt, und welche Staatsgewalt nach ihm den Galgen und das Schafott Hand- habt. ^Das Verbot der„Deutschen Freiheit" gilt nur für da» Saargebiet. Unsere AuslandöauSgaben, die dreiunddreißig Länder erreichen und zur Wut der nationalsozialistischen Machthaber unermüdlich über diese und ihre Leistungen auf- klären, werden außerhalb des Saargebietes erscheinen. Ge- rade durch das Verbot im Saargebiet, das einer gemeinsam, lärmend und'wochenlang geäußerten Forderung der „deutschen Front" entspricht, werden die weitesten auslänbl- schen Kreise erfahren, wie nervös die Nationasozialisten und Deidisfagsbrand restlos Sensationelle Enthüllung Drantlngs Stockholm, 13. Oktober. Der schwedische Senator Branting veröffentlicht im „Sozialdemokraten" einen sensationellen Artikel mit der Ueberschrift:„Das Geheimnis des Reichstagsbrandes ist restlos aufgeklärt." In dem Artikel teilt Branting mit. daß der Obergruppenführer Ernst, vor seiner Ermordung am 30. Juni,«inen detaillierten schriftlichen Bericht über die Geschichte des Reichstagsbrandes verfaßt habe. Die Ermor- dung Ernst's sei in erster Linie auf den Wunsch zurückzu- führen gewesen, sich eines lästigen Zeugen zu entledigen. Aber das Dokument blieb. Man glaubte zuerst, es befinde sich im Besitze Dr. Sacks sdes ehemaligen Verteidigers von Torglerl, der daraufhin kurz nach dem 30. Juni verhastet wurde. Sack wurde erst freigelassen, als er den glaubwürdi- gen Beweis erbrachte, daß er das Dokument nicht besitze. „Indes", schreibt Branting.„das Dokument befand sich in Hände« einer anderen Persönlichkeit, und heute ist es in un- Marseille Der fünfte Mittater Paris, 18. Okt. Wie verlautet, soll die geheimnisvolle fünfte Person, die die Leitung der Verschwörer von Mar- seilte hatte, ein früherer Agramer Rechtsanwalt Dr. Pavi- litsch sein, der schriftliche Weisungen des Führers einer Terrororgantsation vorwies. « Lim die Nachfolge Barthous Paris, 18. Okt. Ministerpräsident Doumergue hatte am Freitagabend eine längere Unterredung mit dem Kolonial- minister Laval, die in der Presse allgemein dahin gedeutet wird, daß die Aussichten Laval». als Nachfolger Barthous die Leitung des Außenministeriums zu übernehmen, gestiegen sind. Man rechnet noch für heute nachmittaa. d. h. sobald die Beifetzungsseterlichkeiten kür Barthou beendigt sein werden, mit der Lösung der teilweise« Mintsterkrise. Die Umbildung dürfte, wenn man den Voraussagen der Morgenpresse Glauben sckie'Nken darf, auf das notwendigste beschränkt bleiben. Außerdem gilt als wahrscheinlich, daß Herrtot und Tardieu StaatSminister ohne Bttnisteramt bleiben, damit durch Umbesetzung dieser Ministerposten nicht baS politische Gleichgewicht des Kabinetts gestört wird. Ob die Umbildung unter diesen Umständen auch das Justizministerium betref- fen wird, ist im Augenblick noch nicht zu übersehen. AlS künf- t'ger Innenminister kommt«in radikalsozialistischer Ab- geordneter in Frage. verboten! ihre gleichgeschalteten Lakaien an der Saar geworden sind. Man haßt un» nicht nur, man fürchtet unsl Wäre die „deutsche Front" nicht in ihrem Glauben an die Rückgliede- rung tief erschüttert, würde sie nicht seit Wochen ein Trommelfeuer von Polemiken, die freilich alle Blindgänger sind, gegen uns eröffnen und in ihrem ohnmächtige» Zorn täglich kreischen: Verbietet! Verbietet doch! Aufatmend schreibt heute das offizielle Blatt de» Herrn Hitler, die„Deutsche Front": Vierzehn Tage verboten! Das ist der sechste Teil des Abstimmungskampfes.„Wären die Burschen nicht hierher gekommen, der„Abstimmungskamps" wäre am 18. Janur ei» Spaziergang des Saarvolks in die Abstimmnngslokale geworden." Können wir unS eine größere Auszeichnung wünschen? Eine große Hoffnung hat die von uns so elend zusammen- gestaucht« Gesellschaft: am 13. Januar, daran klammern sie sich, müßten wir aus dem Saargebiet verschwinden. Das ist ihre einzige Hoffnung. Nur mit dem Terror und unter dem Terror können dies« armseligen Kreaturen leben. Daß auch nach dem 18. Januar und immer das Saargcbiet deutsch und frei bleibt, statt hitlerisch versklavt zu werben, dafür kämpfen wir, und das werben wir erreichen. Nicht vor und nicht nach dem 13. Januar gibt es Schon- fristen für die Berderber Deutschlands. Unser Element ist der Kampf, und immer werden wir Mittel und Möglichkeiten finden, diesen Kampf für Deutsch- landS Freiheit zu führen. aulgeklärt fercm Besitz. Es wurde aufS gewissenhaftest, auf fein« Authentizität untersucht. Schriftsachverständige haben die Un- terschrift nachgeprüft, so daß heute kein Zweifel mehr über seine Echtheit besteht. Es wird in einem„Weißbuch" nebst auderen Dokumente» üb«r den 80. Juni vcrössentlicht wer- frltt." „Wir begegnen in dem Ernst'sche» Bericht denselben Na- men, die seit dem 88. Februar 1938 in aller Munde wareu. Es sind die Namen von Göring, Goebbels, Heines, Helldorf, Röhm und von Ernst selbst. Darüber hinaus wird die Rolle einer Anzahl weiterer SA.-Ftthrer bei der Brandstiftung anfgeklärt, deren Name« bisher noch nicht genannt wurden." „Die Geständnisse Ernft'S stellen-in historisches Dokument von unschätzbarem Werte dar." Der Artikel BrantingS bestätigt voll und ganz die Anga- ben, die wir seinerzeit in der„Deutschen Freiheit" über den Reichstagsbrand gemacht haben. Die Persönlichkeit Bran- tingS spricht dafür, daß die obigen Enthüllungen erst nach ge- wissenhaster Prüfung gemacht worden sind. Sdirumpfung und Drosselung Kölns Stadthaushalt Da« BerwaltunqSblatt der Stadt Köln vom 1. Oktober enthält eine Verfügung, in der es u. a. heißt: Die von Reich und Staat seit der Festsetzung der Haus- Kaltsatzung ber Stadt Köln für 1034 getroffenen gesetzlichen Maßnahmen haben zur Folge gehabt, baß für das Rech- nungSjahr 1034 mit ganz erheblichen W e n i g e r e i n- nahmen, inbesondere an Steuern, zu rechnen ist, die bei weitem noch nicht die Ersparnisse, die in den zum 5. Juli 1084 eingereichten mutmaßlichen Abschlüssen vorgesehen sind, gebeckt werden. Die Stadt Köln ist daher gezwungen, die im Saushaltplan vorgesehenen Ausgabe- mittel noch wesentlich stärker einzuschränken, wenn sie, wie es auch von ber Aufsichtsbehörde gefordert wird, eine Erhöhung des Haushaltfehlbetrags vermeiden will. Bei dieser Sachlage kann grundsätzlich nicht damit ge- rechnet werden, daß, wenn infolg« der Belebung der Wirt- schaft einzelne Verwaltungszweige eine günstige finanzielle Entwicklung»eigen, Mehreinnahmen oder Ersparnisse bei den Ausgabemttteln für andre Zwecke zur Verfügung ge- stellt werden. Es muß vielmehr unter Berücksichtigung der Gesamtlage mit allen nur erdenklichen Mitteln versucht werden, den Ausgleich der Mehr- belastungen und darüber hinaus den Ausgleich des GesamthauShalts zu erreichen Deutschlands Luitanfrüstung Eine Mitteilung des englisdien Arheltsblaffes London» 13. Oktober. „Daily Herald", daS Blatt der Arbeiterpartei, bringt eine Meldung aus Dresden, in der ein Sonderberichterstatter mitteilt, daß er auf dem Wege von Frankfurt a. d. Oder unterwegs schlüssige Beweise über Deutschlands Luftauf- rllstung erhalten habe. „Ich habe, so sagt er, einen bedeutenden Teil ber neuen Luftstreitkräfte gesehen, die in militärischer Gliederung flogen. Infolgedessen bin ich in der Lage, alle amtlichen Er- klärungen zu widerlegen, die jedes Mal dann veröffentlicht werden, wenn man dem Auslande beibringt, daß Deutsch- land seine Borbereitungen in der Luft verstärkt, und die fort- gesetzt behaupten, baß das ganze Flugwesen einen voll- kommen unmilitärischen Charakter habe. Ich habe selbst 150 Apparate gezählt, die in militärischer Gliederung flogen. Es wäre merkwürdig, wollte man uns einreden, daß diese Maschinen für den Zivilgebrauch bestimmt seien, oder daß ein so gegliederter Flug vom kaufmännischen Standpunkt aus Vorteil bieten könne. Als ich mich in der Gegend von KottbuS, 100 Kilometer von Dresden, befand, sah ich gruppenweise Maschinen aufsteigen und in der Ferne verschwinden. Man sah keinen Flughafen: um so vielen Maschinen Obdach zu geben, müßte ein Flug- Hafen von ungeheurer Größe sein— wenn er sich über der Erde befindet. Geheime Nachforschungen zeigten mir, daß sich in der Näh- von Kottbus ein unterirdischer Flughafen von großem Aus- maß befindet, der geschickt versteckt und bombensicher ist. Jedenfalls hat dort General Göring, ber Luftfahrtminister, an sicherem Orte einen Teil der geheimen Flugstreitkräfte untergebracht. Di« deutschen Ingenieure haben nicht nur diese Armee von Flugzeugen gebaut: sie haben auch das Problem gelöst, das jahrelang den Ingenieuren aller Länder vergebliche Arbeit gemacht hat: das Problem ber Herstellung des geräuschlosen Flugzeuges. Fast täglich sieht man in der Kottbuser Gegend ein Flugzeug, das mehr oder weniger geräuschlos dahin- fliegt. Dieses Flugzeug fliegt niemals allein. Es hat immer eine zweite Maschine bei sich, deren Gegenwart leicht erklär- lich ist. Das Geräusch, das von diesem zweiten Apparat aus- geht, verhindert natürlich, daß man sich darüber klar wird, daß der erste Apparat lautlos fliegt." „Evening News" kommentiert diese Mitteilung de» „Daily Herald", die mit der des Berliner Korrespondent:.» der„Times" übereinstimmt, ber einen Tag vor dem Bericht deS Arbeiterblattes von einer außergewöhnlichen und ge- heimnisvollen Fliegertätigkeit sprach, die man in Deutsch- land bemerken könne.„Evening News" beglückwünscht das Arbeiterblatt dazu, daß es sich nicht fürchte, die Wahrheit zu sagen. Aber es erhobt gleichzeitig gegen den„Daily Herald" den Vorwurf, daß er sich dagegen wehre, wenn man England den nötigen Schutz gegen Angriffe in der Luft geben wolle. „Denn," so schließt„Evening News",„wer könne be- haupten, daß diese Lustflotten, die in KottbuS und ander- wärtS Uebungen machten, nicht unter im Augenblick unvor- hergesehenen Umständen, daß diese selben Lustslotten nicht dazu dienen werden, London mit Bomben und Giftga» dem Erdboden gleich zu machen?" Karl Haufshg- 80 fahre alt MM mtt dem UCOtSÖlCn VOlKC CIlttWCM" Am 1R~i->>«—'-*—-"■*—' Sfm 16. Oktober wird Karl KautSky achtzig Jahre alt. Wer das Glück hat, mit ihm persönlich verkehren zu können, hat Gelegenheit, immer aufs neue die fabelhafte Frische zu bewundern, mit der dieser„Alte" jeden Morgen sich an den Schreibtisch setzt und heute noch sein Arbeitspensum ganz ebenso erledigt, wie in all den Jahrzehnten, in denen er unermüdlich und unerschütterlich an dem geistigen Rüstzeug der Arbeiterklasse schmiedete. Vor kurzem war der fünfzigste Geburtstag der„Neuen Zeit", der großen Revue des wissenschaftlichen Tozialis- mus. der Karl Kautsky von der Gründung an durch ein Drittel Jahrhundert als leitender Redakteur das Gepräge gab. Generationen von Sozialisten haben aus den Artikeln und Büchern Karl Kautskys die Fundamente marxistischen Denkens in sich aufgenommen und aus seiner klaren, tief» grllndigen Stellungnahme zu den Tagesproblemen der so- zialistjschen Taktik immer gelernt, auch dort und vielleicht sogar dort am meisten, wo sie seinen Auffassungen nicht folgen konnten und sich mit seinen kraftvollen Argumente» auseinandersetzen mußten. Bor zehn Jahren, an seinem siebzigsten Geburtstag, konnte die versammelte Exekutive der Sozialistischen Ar« beiter-Jntcrnationale Karl Kautsky bei einer Feier in Lon- don persönlich den Dank aussprechen für die Arbeit seines Lebens, das stets der Arbeiterklasse geweiht war. Die Feier seines achtzigsten Geburtstags wird aus den Kreis seiner Familie beschränkt sein— sie ist umschattet von der Tragödie des roten Wien. Selbst der Austro, saschismus ist nicht vor der Ungeheuerlichkeit zurückgeschreckt, diesen großen Gelehrten, der seit vielen Jahren nicht mehr in die proletarische Politik eingegriffen, zu bc- lästigen. Aber seine nächsten Wiener Freunde sind im Gefängnis und Exil. Vor zehn Jahren hielt Bürger- mcister Karl Seist bei einer intimen, ebenso schlichten wie herzlichen Geburtstagsfeier im Wiener Rathaus die Festrede aus den große» Lehrer der Arbeiterklasse, heute ist der Wiener Bürgermeister noch immer in den Fesseln der österreichischen Diktatur. Nicht durch ein Fest können die Freunde und Verehrer Karl Kautskys ihre Dankbarkeit und Liebe bekunden, aber in allen Teilen der Welt wird am 16. Oktober bei großen Lehrmeister des Marxismus, des stets unerschrockenen, überzeugungstreuen Kämpfers gedacht werden. horf-Zadtfwart Für die Ehewahl Berlin, 18. Okt. Im Publikationoorgan des Reichsnähr« standes wirb der Vorschlag begründet, zur Förderung der Rassenhygiene die Dorfärztc mit dem neu einzusühren- den Amte des„Z u ch t w a r t s" zu bekleiden. Jedes größere Dorf wäre zusammen mit den benachbarten kleineren Sied- lungen einem solchen„Zuchtwart" zu unterstellen, der bei der Ehewahl der ländlichen Jugend ein Mit- spracherecht auszuüben hätte. Insbesondere soll er verhindern, daß seelisch und geistig besonders hochwertige Menschen ihr Blut mit Angehörigen von Familien mischen, die in dieser Beziehung erheblich unter dem Durchschnitt stehen. Ehepaaren, in denen beidseitigen Ahnenreihen schon gleichartige Krankheiten vorgekommen sind, wird der„Zucht- wart" den Rat erteilen, sich in der Zahl der Kinder Bcschrän- kungen aufzuerlegen. Dagegen hat er de» rassisch hoch- stehenden Ehepaaren klarzumachen, daß sie ver- pilichtet sind, eine möglich st große Zahl von Kin- d c r n z u h a b e n. Damit nicht genug, sieht das Projekt vor, daß die Torsärzte ihrerseits einen Stamm von neuen„Zucht- warten" erzeugen sollen, die nacheinander alle wieder im gleichen Dorf wirken, so daß die eugenctischen Kenntnisse und Ersahrungen sich in der Familie weiter vererben. Steht nun eigentlich Adolf Hitler rassisch hoch? Wenn ja. warum wird ihm nicht klar gemacht,„eine möglichst große Zahl von Kindern zu haben?" Welche Hindernisse bestehen für die Fortpflanzung der Dynastie Hitler? ver denfsdie Reldisftthrer hat dos Wort London, 18. Oktober. Das in London vor einem Jahre gebildete jüdische Komitee erklärte, die Juden seien bereit, den Boykott deutscher Waren einzustellen, wenn die deutschen Juden wieder Voll- bürger ihres Landes würden. Dem Korrespondenten des „Daily Herald", P. M. Horowitz, gegenüber erklärte der Vorsitzende des Komitees die Beweggründe für diesen über- raschenden Beschluß? er sei nicht etwa durch die jüngste Rede Hitlers zustandegekommen, in dem dieser von einer„teuf- tischen jüdischen Clique" gesprochen habe, die Schuld an dem deutschen WirtschaftSelcnd sei. Denn die Juden bildeten weder eine Clique noch seien sie teuflisch. Ter Boykott gegen deutsche Waren sei nur eine Folge der nationalsozialistischen Angriffe gegen die deutschen Glaubensbrüdcr. „Wir sind," so sagte der Vorsitzende weiter,„nicht mit dem deutschen Volke entzweit, und wir haben volles Verständnis für die Not, die ihm in diesem Winter droht. Wir wünschen nichts sehnlicher, als daß der deutsche Wohlstand baldigst wieder hergestellt wird. Wir wollen gern dazu beitragen, unter der Boraussetzung, daß Teutschland all seinen Bürgern die gleichen Rechte und die gleichen Vorteile gewährt. Hitler kann daS sofortige Ende des Boykotts erreichen, wenn er den deutschen Juden die Stellung wiedergibt, die sie einnahmen, ehe er Kanzler wurde. Aber wir müssen erklären, daß, wenn diese unerläßlichen Znsicherungen uns nicht gegeben werden, wir den Boykott in doppelter Stärke fortsetzen und uns durch keine Drohung einschüchtern lassen werden. Jetzt hat Hitler das Wort. Unser Borschlag ist ehrlich, und Hitler kann jetzt beweisen, daß er ehrlich seinem Volke helfen will, indem er unser Angebot annimmt." „Wir veraessen Dlrtt nlditi" Mühsam-Feier im Konzentrationslager Berlin, 11. Okt.(Jnpreßl. Wie wir von einem ehemaligen Gefangenen des Konzentrationslagers Oranienburg er- fahren, fand vier Tage nach der Ermordung Erich Müh- sams eine ergreifende Feier seiner Kameraden im Kon- zcntrattonSlager statt. Die Lagcrtnsassen versammelten sich zu verabredeten Stunde in der Aufenthaltshalle und san- gen eine Reihe von Liedern, darunter das berühmte im Kon- zentrationSlager Papenburg entstandene„Meerlied". s„Auf und nieder ziehn die Posten— vierfach ist umzäunt die Burg..."). Dann sprang einer der Gefangenen auf den Tisch und rief:„Erich Mühsam wir vergessen Dich nicht!" Im ganzen Lager wurde zum Zeichen der Trauer und des Pro- testes zwei Minuten Schweigen gewahrt. Der Mut zu dieser Demonstration ist um so bewunderns- werter, als die meisten Gefangenen bereits über 16 Monate gesangen sind und trotzdem die kameradschaftliche Solidarität ungebrochen aufrecht erhalten. Andi das ist vorüber Die bunten Schülermützen bleiben Als zu Beginn des Schuljahres einige Untergliederungen der Hitler-Jugend versuchten, das Tragen von Schüler» mützen zu verhindern und dazu schritten, Schülermützcn zu verbrennen, um damit zum Ausdruck zu bringen, daß die Zeit der Trennung zwischen den Schülern der söge- nannten höheren Schulen und den Volksschülern vorüber sei, erließ der zuständige Minister ein Verbot des Berbren- nens der Mützen. Ein neuer Erlaß des Rcichsunterrichts- Ministers weist daraus hin, daß die Schüler lediglich bercch- tigt, jedoch nicht verpflichtet seien, Schlllermlltzen zu tragen. Er beabsichtigte auch nicht, eine solche Verpflichtung auszusprechen. Jedoch könne er es nicht billigen, wenn durch Zwangsmaßnahmen das Tragen von Schttlermützen unter- Kunden werde. Er werbe dahin wirken, daß solche Ueber- griffe unterbleiben. Wieder ein Bischof gemaßregdt DNB. meldet aus München: Durch eine Verordnung, die aus Grund des Artikels 6 der Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche erlassen wurde, ist der Landesbischof D. Metfor mit sofortiger Wirkung auS feinem Amt abberufen worden. Veranlassung hierzu bot die dauernde Weigerung, rechtmäßig ergangene Gesetze der Deutschen Eevangclischen Kirche durchzuführen. Für die Ausübung der AmtSbesngnisse eines Landes- bischoss der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Bayern rechts des Rheine werden vorläufig zwei geistliche Kom- 'missare bestellt, der eine in Nürnberg für Franken, der andere in München für Altbayern und die Obcrpfalz. * Soweit die Meldung des amtlichen Nachrichtenbüros. Nachdem wir gestern über den Hausarrest des württem- bergischen Bischof D. Wurm berichteten, wird nun auch der Bischof D. M e i s e r der Evangelischen Landeskirche ge- maßregelt. Da der Bischof die Diktatur des Reichsbischofs Müller nicht anerkennt, so wird auch D. Meiser mit Hilfe der Gestapo, wie D. Wurm, zu seinem Rücktritt gezwungen. Die gewaltsame„Säuberung" der evangelischen Kirche von oppositionellen Bischöfen und Pfarrern, die die Dik- tatur des unchristlichcn Agenten des Nationalsozialismus Müller bekänipsen. zeigt das wahre Gesicht deS„dritten Reichs", das die Kirche vergewaltigt. Nach der Eaarabstim- mung wird die Reihe an die katholische Kirche kommen. Nur Geduld! Jeder kommt dran, wer von der Gnade des Nationalsozialismus zu leben Hofft. Der Sitz des neuen Bischofs Natürlich Nürnberg Infolge des Widerstandes der rechtmäßigen evangelischen Landeskirche Bayern hat der Neichsbischof Müller einen neuen Anschlag gegen die bayrische Ktrchenopposition vor- bereitet. Der Bischofssitz in München wird abgeschafft und ein neues Bistum mit dem Sitz in Nürnberg, der Residenz von Julius Streicher, geschaffen. Zum kommissarischen Lei- ter der bayrischen evangelischen Kirche ist eine Kreatur de? Reichsbischofs, der Pastor HanS Sommer ernannt, der die Geschäfte in Nürnberg führen wird. In weiten Kreisen der Anhänger der evangelischen Kirche in München herrscht große Empörung über das ungesetzliche Vorgehen des Reichsbischoss Müller, der die Einheit der evangelischen Kirche zerschlägt. Nach einer Mitteilung des Pariser„Tempo" haben zahlreiche Protestanten in Mün- che» gegen den Beschluß dcö Reichsbischoss demonstriert. Der Gottesdienst verlief in den meisten Kirchen der Stadt im Zeichen des Protestes. Die Zahl der Anwesenden wird auf etwa 800N geschätzt. In der St. Matthäuskirche erklärte der Bischof Meiser, daß man gegenüber der evangelische« Landeskirche Gewalt angewandt hat«nd er forderte die Gläubigen ans. ihm weiterhin ihr Vertrauen zn schenken. Nach Beendigung des Gottesdienstes wurde das Auto des Bischofs Meiser von taufenden Personen umringt. Er wurde von der Menge begrüßt, die zu Ehren des Bischofs mehrmals „Heil" ausriefen. Später drang eine Menge in den Hof bei Bischosspalais ein, das etwa 50 Meter vom Braunen HauS entfernt liegt. Die Menge demonstrierte von neuem tür den Bischo^ und rief wiederholt:„Wir lassen uns nicht von unserer alten Kirche trennen!" Sfraßburgcr Wodicnsdiao Zwischen 1. und 2. Wahlgang Straßburg, 12. Oktober 1934. Her erste Wahlgang zu den Kreisrats- und Generalratswahlen ist vorbei. Wenn auch keine sensationellen Ueber- raschungen festzustellen waren, so läßt sich doch an einigen Plätzen die Beobachtung machen, daß Parteien und Inter- essentengruppen, deren Stellung diesmal besonders stark umkämpfj war, sich erstaunlich gut gehalten haben. In Straßburg wurde der Demokrat Henry L e v y, ausscheidender Generalrat, im Kanton Nord schon im ersten Wahlgang wiedergewählt, während im Südkanton der Maire H u e b e r, ebenfalls ausscheidender Generalrat seinen Sitz auf den ersten Anhieb hin nicht behaupten konnte. Er kommt am morgigen Sonntag unter sehr ungünstigen Umständen in die Nachwahl. In diesem Kanton steht an zweiter Stelle in der Stimmenzahl der Sozialist N a e g e l e n, zu dessen beinahe 1100 Stimmen im zweiten Wahlgang noch 450 kommunistische und 500 radikalsozialistische Stimmen kommen werden, da diese beide Parteien sich entschlossen haben, für Naegelen einzutreten. Ob Hueber über die gleichen Reserven verfügt, wird sich erst am Wahlabend feststellen lassen. Jedenfalls ist die Position des Straßburger Maire außerordentlich gefährdet und es wäre ein bemerkenswerter Erfolg der Einheitsfronttaktik, wenn es gelingen würde, dem Oppositionskommunisten Hueber das Mandat zu entreißen. Bei den Kreisratswahlen wurde im Kanton Ost der Oppositionskommunist H e y 8 c h im ersten Wahlgang mit etwa 300 Stimmen Mehrheit gewählt, während der Sozialist H i n k e r 2221 und der Kommunist Kuhn 1064 Stimmen erhielten. Auch hier hätte es nur eines allerletzten Kräfteeinsatzes bedurft, der anscheinend nicht unternommen worden ist, um den Oppositionskommunisten zn verdrängen. Im Kanton West steht am Sonntag der Kommunist Sch äffe r, der von den Sozialisten unterstützt wird, in aussichtsreicher Position. Wenn alle Anstrengungen gemacht werden, die notwendig sind, kann es gelingen, das nicht befriedigende Ergebnis des ersten Wahlganges zu korrigieren. Auch im Kanton Schiltigheim wird wohl der auf Grund des Eiuheitsfrontabkommens von den Sozialisten unterstützte Kommunist S o r g u s am Sonntag durchs Ziel gehen. Im allgemeinen läßt sich über den Ausgang der Wahlen sagen, daß Kommunisten und Sozialisten stimmenmäßig zwar ihre Position halten, teilweise sogar verbessern konnten, daß aber der Anteil an gewählten Kandidaten immer noch äußerst unbefriedigend ist. Die katholische UPR. heimste wieder die meisten Sitze ein, da sie über eine Wählerschaft verfügt, die alle Kommandos der Parteileitung bedenkenlos befolgt. Die Autonomisten schnitten sehr schlecht ab, während APNA und Radikalsozialisten ihre Positionen im allgemeinen halten konnten. Der zweite Wahlgang am morgigen Sonntag wird erst einen genauen Gesamtüberblick zulassen. Bemühungen um Küstners Freilassung erfolglos Obwohl inzwischen sich bereits das französische Konsulat in Karlsruhe mehrmals für den in Neulauterburg verhafteten und in Germersheim im Gefängnis sitzenden Straßburger Schiffer Kästner verwendet hat, bleiben bis beute alle Bemühungen erfolglos. Küstner wurde, wie man jetzt von der aus Holland zurückgekehrten Mutter des Verhafteten erfährt von SA Deuten, die gemeinsam mit deutschen Zollbeamten das Schiff durchsuchten, festgenommen. Man kann ihm lediglich zum Vorwurf machen, daß er eine in Deutschland verbotene Straßburger Zeitung im Besitz hatte. Kommen nicht auch täglich sehr viele Deutsche nach Straßburg, die hier verbotene deutsche Zeitungen mitbringen? Im schlimnzsten Falle nimmt man ihnen diese Blätter weg. Sonst aber läßt man die Untertanen Hitlers ungeschoren. Das „dritte Reich" jedoch erlaubt sich die Frechheit, französische Staatsbürger, wie das nun schon öfter vorgekommen ist, wegen des Besitzes einer verbotenen Zeitung zu verhaften und ins Gefängnis zu werfen. Vielleicht würde den Hitleragenten die Lust zu diesem Vorgehen geschmälert, wenn man sich hier entschließen könnte, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Prinzessin auf der Durchreise Um ihre Schwester in Paris, die Köningin Marie von Jugoslawien zu besuchen, kam am Mittwoch die Prinzessin 11 e a n a von Rumänien mit dem Flugzeug von Bukarest hier an. Sie wurde von den Vertretern des Präfekten empfangen und weilte bis zur Abfahrt des Pariser Schnellzugs auf Jer Präfektur. Die Spaltung der KPO. Der Ausschluß der Herren Hueber und Mourer aus der KPO.(J. V. K. 0.) führte dazu, daß es jetzt im Gemeinderat .Jinientreue" Oppositionskommunisten und„oppositionelle" KPO.-Leute gibt. Der linientreue H i r t z e 1 gab dieser Tage im Gemeinderat eine Erklärung ab, die auch nach außen hin den Trennungsstrich zwischen den beiden Gruppen aufzeigte. Für den Nichteingeweihten ist es jetzt wirklich nicht ganz leicht, sich in diesem Tohuwabohu auszukennen. Sechzehn Jahre nach dem Kriege heimgekehrt Eine große Ueberraschung erlebten dieser Tage die Einwohner von R e i c h s h o f e n, als einer ihrer Mitbürger, der bis 1926 überhaupt als tot galt, aus Rußland zurückkehrte, wohin er während des Krieges verschlagen worden war. Joseph Garny absolvierte seine Militärzeit 1915 in Saarbrücken beim 174 Infanterieregiment, mit dem er nach Rußland kam. Dort geriet er in Gefangenschaft. In seiner Heimat galt er als tot, weil man zehn Jahre lang keine Nachrichten von ihm erhielt. Erst 1926 k-ckn ein Brief bei seinen Eltern an. Nun sorgte das französische Konsulat für ihn und jetzt konnte er nach sechzehn Jahren endlich wieder den Heimatboden betreten. Das für ihn auf dem Friedhof früher schon aufgestellte Todeskreuz ist gleichzeitig ein Zeichen für die Irrfahrten, die der Weltkrieg einzelnen Menschen auferlegte. Die Krise in der elsässischen Textilindustrie Die Wollspinnereien und Webereien des Elsaß sind nur noch zu 25 Prozent ihrer Produktionskapazität beschäftigt. Der Export ist auf den Nullpunkt gesunken, nach Deutschland wird infolge der Devisenschwierigkeiten überhaupt nicht mehr exportiert. Auch in den Baumwollspinnereien, die noch zu dreißig und vierzig Prozent beschäftigt sind, ist die Lage nicht viel besser. Die durchschnittliche Arbeitszeit beträgt nur 32 Stunden in der Woche. Kunst in Straßburg Nachdem nun das Stadttheater seine regelmäßigen Vorstellungen wieder aufgenommen hat, beginnt auch das Konzertleben wieder in den Vordergrund zu treten. Am Sonntag veranstalten die Arbeitersänger im Sängerhaus ein großes Konzert, an dem viele Chöre beteiligt sind, am 19. Oktober singt Lotte Lehmann und am 26. Oktober stellt sich das Lener-Quartett in einem großen Konzert im Hector Berlioz-Saal vor. Der Vorverkauf für die beiden letztgenannten Veranstaltungen ist bei Wolf in der Meisengasse.£, 0. I Die Sorge In Paris Um die Zukunft der französischen Außenpolitik A. Ph. Paris, 12. Oktober. Von unserem Korrespondenten Man behauptet so gern, baß die Franzosen eitel sind, und vor allem werfen diejenigen dem französischen Volk diese Untugend vor. die, wie Millionen Deutscher, sie nur aus Schulbüchern kennen, deren Herausgeber durchaus nicht immer der Völkerverständigung diene» wollten. Wenn man aber in diesen Tagen einen Blick in die französische Presse wirft, die zum großen Teile mit peinlicher Gewissenhastig- keit alle jene Aeußertingen verzeichnet, in denen das Aus» land seinem Mitgefühl über das tragische Geschick des er- mordeten Außenministers Ausdruck gibt, dann könnte man zunächst einmal der Auffassung sein, daß der Vorwurf der Eitelkeit den Franzosen nicht zu Unrecht gemacht wird. Aber, wenn man den wahren Gründen für dieses Verhalten der französischen Presse nachgeht, dann wird man sehr bald fest- stellen müssen, daß diese Registrierung von BeileidSknnd- gebiingen nichts, aber auch gar nichts mit selbstgefälliger Eitelkeit zu tun hat. BarthouS Tod, ein Blitz ans heiterem Himmel, hat hier Sorgen und Bestirchtnngcn geweckt, die das ganze französische Volk vom einfachsten Mann ans der Straße bis zu seinen führenden Staatsmännern teilt. Ni-sits sii^chtet der Franzose so sehr wie eine„splendid Isolation". Die Geschichte der letzten zwanzig Jahre hat cS ihn nelchrt. daß das Wort von dem starken, der am mächtigsten ist wenn er allein ist. nicht richtig ist. Bartbou hatte alles getan, um seinen Landslenten das Gefühl des Alleinseins in der Stunde der Gefahr z» nehmen und das Band fester zu knüpfen, da? sich um dieses Lnnd»nd seine freunde aus schwerer Zeit schlingt. Das ist nun die große Frage, die jeden Franzosen in diesen Tagen bewegt: wird das Merk auch mit seinem Meister begraben? Werden die Fäden nicht abm-isien, die der Tote, den man jetzt im Uhrensaal am Quai d'Orsan aufgebahrt hat. so klug zu knüpfen verstanden hat? Darum bucht man sorgfältig all die Stimmen des Auslandes, in denen das Mitgefühl für Frank- reichs Verlust zum Ausdruck kommt. Man will feststellen, ob der Boden günstig ist, ob alle Voraussetzungen bleiben für Ein Worl Darlhoos Bukarest, 18. Oktober. 3""«•••»esigen politischen Kreisen erinnert man sich aus Anlaß des Todes des französischen Außenministers Barthou wieder eines wenig bekannten Zwischenfalls, der sich bei dem Besuche Barthous in^.nänien abgespielt hatte. Bei der Festsitzung, die die rumänische Kammer zu Ehren Barthous abhielt, richtete der bekannte Antisemitensührer Universitätsprosessor A. G. Couza„namens der rumä- nischen Nationalisten und der gesamten Christenheit" an Barthou die AuNordcrung, dazu beizutragen,„daß die Welt von dem Parast:-* der Juden befreit wird". Barthou erwid-rte ibm:„Nationalist bin ich in richtigem Ausmaß, wo es gilt, die Rechte meiner Nation und ihre Interessen zu verteidigen, aber ebenso die Rechte all der Nationalitäten, die unterdrückt wurden oder es noch sind. Ehrist bin ich gleichfalls, ohne aber jemals meine freie An- sicht über die religiöse Toleranz, ausgegeben zu haben... Aber außerdem bin ich Katholik sich war als Kind Chor- knabej, aber ich pflege nicht Geheimzeremonien. Das ist der Grund, wcShalb ich in Genf laut die Stimme meines Landes, die Stimme Frankreichs zu Gehör brachte." »er Aflenfalsflim Auch in Frankreich beschlagnahmt Cherbonrg, 18. Oktober. Hier beschlagnahmte die politische Polizei sieben Filme, die während des Attentats in Marseille gedreht worden waren. Das Material, das siir die Untersuchung der Vorgänge bei dem Attentat unendlich wichtig ist, konnte in dem Augenblick ! wer gestellt werden, als es dem Kapitän des in Cherbourg ankernden Hapagdampsers„Bremen" zur Weiterbeförderung nach Amerika übergeben werden sollte. itartaädftger Widerstand in Spanien Paris, 13. Oktober. In A st u r i e n wird noch weiter gekämpft. Trotzdeni bereits 8000 Mann reguläre Truppen und eine Division Fremdenlegionäre seit vier Tagen ununterbrochen im Ge- sccht liegen, ist es noch nicht gelungen, den Hauptstützpunkt der Rebellen, Oviedo. zu besetzen. Die Aus st ä n d i s ch e n kämpfen mit Todesverachtung und sind im Besitz von zwei Kanonen. Selbst die vier Flugzeugstafseln, die schon Hunderte«>on Bomben abgeworfen haben, konnten die Widerstandskraft nicht brechen Ein Beispiel von der Hart- näckigkeit des Kampfes zeigen die Vorgänge in kleinen un- bekannten Orten, wo die Aufständischen in einem Fall 15 0 Tote n n d> n eineni andern 5 8 Opfer zu verzeichnen halten Bei dem Kampf um Oviedo wurde auch die b e r ii h ni t e Kathedrale der Stadt aus deni 15. Jahr- hundert, die zu den wertvollsten gotischen Kunstdenkmälern Spaniens gehört. inBrandge setzt. Trotzder T a u s e n d e von Verhaftungen in A st u r i e n i st die Regierung dort noch nicht Herr der Lage Ungarischer Protest Paris, 18. Okt. Die ungarische Gesandtschast in Paris stellt ini Auftrage des ungarischen Außenministeriums die Nach- richt in Abrede, daß der Mörder von Marseille zu einer Gruppe kroatischer Emigranten des Lagers von Janka Puszta gehört habe. Das ungarische Außenministerium er- hebe kategorisch Einspruch gegen jede Unterstellung, die darauf ausgehe, irgendeine Verbindung zwischen den tra- gischen Ereignissen von Marseille und Ungarn herzustellen. In Ungarn gebe es im übrigen keine kroatischen Emi- grantenlager. * Wie der„Petit Parisien" berichtet, ha« Minister- Präsident Doumergne am Freitagabend den französischen Botschafter in Berlin, Franeots-Poncet empfangen. geworden. Präsident R o o s e v e l t wandte sich in einer Presse- konserenz gegen alle Gerüchte, denen zufolge er etne weitere Abwertung des Dollars vorbereite. eine Fortsetzung des Werkes, das Barthou so hoffnungsvoll begonnen hat. Barthous außenpolitische Linie war die des französischen Volkes, dessen Bertauen er in überwältigendem Maße be» saß. Darum kann Gallus im„Jntransigeant" mit Recht sagen, zu der Trauer Frankreichs geselle sich eine Sorge. Aus die Kunde von den Schüssen von Marseille habe man sich ge- fragt, ob der Frieden nicht in Genf sei, ob die Verband- lungen, die Barthou erfolgreich begonnen habe, sortgesetzt werden. Denn man wisse wohl, daß Deutschland seit einigen Monaten versuche. Jugoslawien zu umgarnen und daß, wenn ihm dies gelungen wäre, dies hätte sehr gefährlich werden können. Deshalb habe Mussolini an Belgrad Worte der Ver- ständigungsbereitschaft gerichtet, die Barthou näher erläutern wollte. Die Grundlagen eines Bündnisses sollten in Paris untersucht und endgültig in Rom bei den Unterhaltungen festgelegt werden, die Barthou mit dem Dnce geplant habe. Es sei also klar, von welcher Bedeutung Aleranders Reise nach Frankreich gewesen sei. Die friedliche Aufgabe, an der Frankreich arbeite, sei unterbrochen worden, aber zweifellos werde sie von Doumer- gue und dem Mann weiter aekührt werden, den er vielleicht zu seiner Unterstützung wählen werde. Das französisch- italienische Bündnis sei eine Notwendigkeit, nicht nur für die beiden Völker, sondern für Europa. Die Freundschaft Jugo- slawiens mit Italien und Frankreich sei ebenso notwendig für den Frieden Mitteleuropas. Man solle sich freuen über die Zusicherung, die man aus Rom erhalten habe, daß die Pläne des ermordeten Ministers nicht ausgegeben würden Wladimir d'Ormesson erklärt im„Figaro", die Außenpolitik, die Frankreich treiben müsse, sei ganz einfach. Man müsse gewisse Grundsätze beobachten und sich daran mit allen Kräften halten. Frankreich wolle den Frieden, die Ordnung, den guten Willen bei der Ausführung der Ver- träge und die Ächtung vor getroffenen Vereinbarungen... Es wolle nicht, daß man Europa mit List oder Gewalt zer- schlage... Frankreich sei zu jedem Uebereinkommen bereit, vorausgesetzt, daß man mit offenen Karten vor aller Augen sviele. Frankreich halte engste lleberein'timmung mit seinen Verbündeten,' die Achse dieser Politik führe durch London, Paris und Rom. Reden Jahre Schändliches Urteil gegen einen Tschechoslowaken Bor einigen Wochen ist der Vertrauensmann der Lokal- organisation der Deutschen Sozialdemokratie in der Tschecho- klowakei, Franz A sch e r l, beim B e e r e n p f l ii ck e n im Grenzwald von bäuerischen SA.-Leuten verhaftet worden. Man hat ihn beschuldigt, daß er von seinem Grenzort aus die illegale Arbeit gegen das Hitlcregime unterstützt habe. Ascherl ist nach Nürnberg eingeliefert worden. Nun kommt die Nachricht, daß Ascherl von einem Gerichte des „dritten Reiches" zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. Tieben Jahre Gefängnis wegen der Beschuldigung, daß von Richerts Wohnung aus illegale sozialdemokratii be Zeitungen den Weg nach Teutschland gefunden hrocn so'cn Dabei konnte diese Anklage nur ans Tpitzelberichten^- ruhen. Weichet Vlcuut sucht eine(unge interessante Jtau Bin 19 lahre alt, Jüdin, vermögend, große elegante Erscheinung. Staatsexamen, musik» und kunstliebend. In Frage kommt mi< rei e. geistig, hochstehende Persönlichkeit von feinster Wesensart, großer schlanker Typ, im Alter von 30 bis 40 lahren. Am liebsten Journalist, Künstler Kaufmann oder Jurist Nur C nstgememte Zuschriften erbeten mit B«ld an d»e Geschäfts- stelle des Blattes unter Chiffre M. B. ICO Der ferne Osten Der Vormarsch der chinesischen roten Armee Schanghai, 10. Okt. fJnpreß.I Zehntausend Mann der chinesischen Roten Armee, die von Kiangsi aus ihren Vor- marsch über die Provinzen Hunan und Kwoitjchou an- getreten hatten, haben den Rcgierungstruppeu der dritten und vierten Armee eine Niederlage beigebracht Sie sind daraufhin in die Provinz Setschuan eingedrungen und haben die Zugänge der Stadt Tschungking im Südosten dieser Provinz besetzt. Das Personal des deutschen Konsulats der Stadt, sowie die Vertreter ausländischer Handelsfirmen sind nach Hankau geflüchtet. Tie Nanking-Truppen sollen aus der ganzen Linie im Rückzug begriffen sein. „Mobilisierung der gesamten Nation" Tokio, 10. Oft. In einem Interview mit der japanischen Presse erklärte Krtegsminister Hajaaei solange die intcr- nationale Lage so außerordentlich schwierig sei wie jetzt, müßten nicht nur die Militärs, sondern die gesamte Be- völkcrung mit ganz besonderer Energie Handel». Die Armee halte eS kür notwendig, einen Plan zur Mobilmachung der gesamte» Nation auszuarbeiten und es sei sehr wahrschein- lich, daß ans die erste Broschüre des Kriegsministerilims, die so viel Staub aufgewirbelt habe, in Kürze eine zweit? Ver- össentlichnng folgen werde. fFttpreß-f Pariser Berichte Wamsende rremdenfeindsdiolt Auch eine Folge des Attentats Paris, 13. Oktober. Von unserem Korrespondenten Der Stadtrat des Pariser Verwaltungsbezirks Chanssee d'Antin, Alexandre Biscarre, richtete an den Polizeipräfek- ten ein Schreiben, in dem es heißt: „Im Augenblick, wo Paris und ganz Frankreich trauern um den König, der unter den Kugeln eines ausländischen Mörders gefallen ist, wird jeder Franzose mit Bitterkeit an die viel zu weitherzigen Maßnahmen denken, denen sich die Ausländer in Frankreich zu erfreuen haben. Nach der Statistik des Arbeitsmarktes wurden in der letzten Woche 2218 Ausländer als Industriearbeiter in 1 rankreich zugelassen. 944 ausländische Arbeiter, die bereits hier wohnen, erhielten durch Vermittlung von Stellenverinitt- lungsbüros Arbeitsstellen. Das bedeutet in einer V oche Arbeit für 3283 Ausländer, von denen, wie das Einwanderungs- biiro bestätigt, 2218 erst in der letzten Woche nach f rankreich gekommen sind. Ich verkenne durchaus nicht den Unterschied zwischen unerwünschten Ausländern, die Paris unsicher machen, und den wirklichen Arbeitern. Aber angesichts des scheußlichen Verbrechens, das eine befreundete Nation in tiefe Trauer versetzte, und der Arbeitslosigkeit der französischen Arbeiter erscheint es unerläßlich, alle Maßnahmen zu ergreifen, um unseren Arbeitern und Angestellten die Arbeit zu geben, die sie brauchen." Hitler-Karten— halber Preis? Paris, 13. Oktober. Der„Figaro" erzählt:.Einer unserer Freunde wollte bei einem Besuch in Rom Postkarten kaufen, auf denen Mussolini dargestellt war. Er suchte»ich sechs Karten aus und fragte den Händler nach ibroin Preis. „Das Stüde einen Lire." „A'ch. das ist aber sehr teuer." „Ja, dafür ist es aber auch der Duce!" „Haben Sie nichts Billigeres?" „Natürlich, mein Herr, hier: Herr Hitler, nur 50 Centimes!" Sprechstunde fiur die Leser der„Deutschen kre-he« Eine Sprechstunde für die Leser der„Deutschen Freiheit" findet an jedem Montag und Mittwoch von 17.30 bis 19 Uhr in Paris 20e, 10, Avenue de la Porte de Menilmontant, statt Ein ehemaliger deutscher Rechtsanwalt und Notar wird unseren Lesern kostenlos Auskunft in allen juristischen Fiagen erteilen. Außerdem können sie unentgeltlich in allen F.migrationsfragen, Berufsumschichtung usw. beraten werden. Schriftliche Anfragen sind unter Beifügung des Kuckportos zu richten an die Redaction de la„Deutsche Freiheit, Bureau parisien, 10, Avenue de la Porte de Menilmontant, Paris 20e.,, Die Sprechstunde findet erstmalig am Montag, 15. Oktober, statt. Deutscher Klub Am Sonntag, dem 14. Oktober, veranstaltet der Klub einen Ausflug nach Versailles. Besichtigung des Schlosses und des Parks. Treffnunkt: Place de la Concorde, Ecke Rue Royal um 14.30 Uhr. Weiterfahrt mit dem städtischen Autobus. Gäste willkommen. flrleJ toasten Schweizer»ärger. Sie übermitteln uns daS In der Schweiz er- scheinende tSoebbelsbta.t„Der Aeichsdentsche". Das berichtet in v iir 40 Uber den Portrag eines deutschen Studenten vor Schweizer Studenten u. a:..Kann Deutschland nicht aussät,ren, so wird es euch keine Rohstoffe kaufen. Geh. seine Wirt'chas. schlecht, so wird es auch nich, daran denken, seine Zinsen von der Tubst-u» zu zahlen. Das Reich ha. sich in Gedanken und Daten daraus ein- gestellt, daß es zehn.Jahre hungern nnd zehn Jahre von der H-n» in de« Mund leben muß tzinmal wird es die Welt begreifen.^ie sell sich nicht in unserer Zähigkeit täuschen. Wir stehen inmitten von tzuropa mit verschränkten Armen. Wir haben hungern gelernt. Wir können warten."— Hungern scheint das einzige zu sein, waS der deutsche«tudent gelernt hat, ober es war nicht gerade das Persprechen zehnjährigen Hungernd, das Hitler zu einem großen Anhang verholsen hat. „Ziidbähinen". Tie schreiben uns n. a.:„Mir fällt seit einiger Zeit ans dag die aus Berlin einlaufende» Briese scheinbar nicht mehr kontrolliert werden. ES fehlen auch die bekannten weißen Berschlns.marken der sogenannten Devisenkontrolle Anbei übersende ich Ihnen einen Briefumschlag, ans dem mir die Bestemi'etnng von zwei Berliner Postämtern ausfällt, was ungewöhnlich ist. Ich vermute, daß das AusgabepostamI IE. Z> Ausländsbriefe an eine im Postamt SS. c befindliche politische Zensurstelle weiterleitet. Die zwei Stunden Differenz wären bei dem Rohrvosindtz und auch fönst ausreichend Die haufenweise Dessnnng von Privatbriefen hat im Ausland Unwillen enegt. Hat man vielleicht deshalb zu einer etwa» weniger auffallenden Beschnnffelung von„Greuel- Itignern" gegriffen?" Für den Gelamtinhatl verantwortlich stehenn P I e in Dnd- weiter: für Anlernte: Ctto 9 u h n In Sou-hrilrfen Raiartonsdrucl und Berlog: Bertaa der Botkssiimme MmbH„ Saarbrlldeu S. Echlltzenstraße d.— Schtleßlach 77b Saarbrücken. Dnr.tfur > DEUTSCHSPRECHEND' München®» u Pariser Fakultät 17, rue Reaumur M6tro Arti-er-M6tiers od. R6publique ist zurückgekehrt und hat seine Praxis wieder aufgenommen Frauen», Blut«, Haut», Harn» und Geschlechtskrankheiten. Tripper, Syphilis. Münnerschwüche. Neueste Heilverfahren. Elektrizität. Harn». Samen und ßtutanaiysen. Massige Bedingungen.(Auch lüi Kassenversicherfe, Täglich von d.| und 4- 8,30 Uhr. Sonn* und Feier von 9 bis l u. au! Rend- v. Tel. Arch.54-27 Berühmte Hellseherin Mmn Maria Uli Dr ese Erhebungen lediglich statistischen Zwecken dienen, werden die Angaben der einzelnen Betriebe streng geheimgehalten und auch anderen Behörden niAt zugängliA gemacht Zar Technik des polnischen Hördes Hintergründe und Verschwörergruppen Parts, den 12. Oktober 1934. Die neuen Feststellungen über die MSrderwasfen von Marseille, die geheimnisvollen persönliche« Verhält, nlsse des Täters und seiner Komplicen, drängen die Untersuchung nach den Hintergründen der scheußlichen Mordtat von Marseille immer mehr in eine ganz bestimmte Richtung. Um in die zunächst noch verworrenen Tatbestände eine gewisse Klärung zu bringen, haben wir uns an einen Sachverständigen gewandt. Wir bringen nachstehend ein Interview mit dieser Persönlichkeit— nennen wir st- Dr. F. M.—, die schon vor mehreren Jahren mit de« Studien über die internationalen Berschwörerorganisationen begonnen hat. „Meinen Sie Herr Doktor, daß der Mord in Marseille die Tat eines südslawischen Fanatikers war, oder daß der Mörder in irgendwelchem Auftrage gehandelt hat?" „Ihre Frage ist nicht richtig gestellt. Der Mut, mit dem der Mörder sein Attentat durchführte, spricht dafür, baß er ein Fanatiker ist. der furchtlos dem sicheren Tobe entgegen- ging. Das schließt aber gar nicht aus, daß er die Hinter- männer hatte, die ganz andere Ziele verfolgten. Sehen Sie, wenn ich Tie ermorden will, so kann ich das auf drei Wegen erreichen. Entweder kann ich selbst Sie morden, oder ich kaufe mir einen Verbrecher, der Sie ermordet. Die dritte Möglichkeit ist aber für unseren Fall am wichtigsten. Sie besteht darin, daß ich einen Mann finde, die Sie haßt und Sie furchtbar gern ermorden möchte, der aber keine Mittel dafür hat. Es fehlt ihm. sagen wir, das Geld um einen Revolver zu kaufen und ohne Revolver kann er nicht an Sie herankommen. Dann mache ich folgendes: Ich gebe diesem Mann— am besten durch eine» Vermittler— einen Revolver oder das Geld, mit der er einen Revolver kaufen kann. In diesem Fall wird der Mann Sie ermorden aus seinem Haß Ihnen gegenüber, und gleichzeitig wird er meinen Austrag durchführen." Oer'Terrorist»I, Mittel „Sie betrachten also den Marseiller Mord als einen dritten Fall?" „Jawohl. DaS ist überhaupt die Methode, wie der Mord als ein außenpolitisches Mittel verwendet wird. Von wem wurde Dollfuß ermordet? Bon seinen fanatischen inner- politischen Gegnern. Diese innerpolitischen Gegner habe» aber ihrevWaffen und ihre Geldmittel von einer aus- ländischen Macht bekommen. Sie wurden von den Agenten dieser ausländischen Macht organisiert und geführt. ES ist also klar, daß nicht der Mann allein, der Dollfuß nieder- geschossen hat, der Mörder war." „Und wer waren die Hintermänner des letzten Mordes?" „Wozu stellen Sie mir eine so peinliche Frage? Ich habe schon meine feste Ueberzeugung. Ich bin aber ein Wissen- schaftler und ich kann nur dann für die Oeffentlichkeit, auch wenn ich, worum ich Sie bitte, nicht genannt werde, nur bann eine Erklärung abgeben, wenn ich für Sie einen lückenlosen Beweis führen kann. Soweit sind wir noch nicht. Aber wenn eS Ihnen nicht genügt, daß man die Frage stellt, in wessen Interesse die Ermordung des Königs und von Barthou lag, so will ich Sie noch folgendes fragen: In welchem Land bestand schon früher ein ausgearbeitetes System der Fememörder? Was ist mit diesen Fememördern und ihren Hintermännern geschehen? Sitzen sie im Zucht- haus oder aus den verantwortlichen amtlichen Posten?" V erschwörergruppen „Mir ist aber, Herr Doktor, die Verbindung mit den Kroaten oder Macedoniern nicht klar." „Mich wundert diese Verbindung gar nicht. Namentlich nach dem Kriege sind mehrere internationale Verschwörer- gruppen entstanden. Besonders interessant sind die Fälle, in welchen die überzeugten Fanatiker mit den Abenteurer« und mit den gekauften Subjekten im Rahmen der gleichen Organisation tätig sind. In Danzig z. B. wimmelte eS von solchen Organisationen, die für alle möglichen Mächte arbeiteten. Es wurde sptonlert gleichzeitig für mehrere Staaten, und es wurden zugleich verschiedene dunkle Ge- schäfte gemacht. Eine Danziger Organisation wurde ge- leitet von dem Polen Pzelyezewsky, Bruder eines am An- fang des Jahrhunderts sehr bekannten Romanschriftstellers, und sie arbeitete in der Hauptsache für Polen. In dieser Organisation war aber Schlageter tätig. Die Nazis, mit denen ich über diese Sache sprach, gaben mir die Tatsache du, sagten aber, Schlageter habe auch in dieser Organisation für Deutschland gearbeitet. Das ist aber nicht wahr. DaS aber nur nebenbei. Viele ähnliche Organisationen gab eS auch in Berlin und in Deutschland überhaupt. Besonders aktiv waren sie im Jahre 1928, als ich von einem Zufall ausgegangen, den Weg zur Aufklärung mancher hochinter- essanten Zusammenhänge gefunden habe. Wissen Sie, daß ich so wie jetzt mit Ihnen einmal mit einem„Vergtfter" ge- sprachen habt? Der Mann hat allerdings niemanden ver- giftet. Er gehörte zu einer Organisation der Vergsster, der kein einziges Attentat gelungen war. Wenn ich Ihnen das jetzt erzähle, so tue ich das deshalb, weil die Erfahrungen zeigen, daß es für die Privatorganisationen, die nicht über große Geldmittel verfügen und bestimmte Materialien nicht geliefert bekommen, meistens außerordentlich schwierig ist, erfolgreich Attentate gegen stark bewachte Persönlichkeiten durchzuführen." „Ich bitte mich ,u entschuldigen, ich sehe aber noch keine Verbindung mit den slavischen Verschwörern." Nazi-Verbindungen „Sie wollen vielleicht viel zu viel wissen. Manch« Dinge sind noch nicht spruchreif. Einiges werde ich Ihnen aber doch sagen. Besonders stark waren die Verbindungen zwt- schen den deutschen nationalsozialistischen Verschwörern und den sogenannten„weißen" russischen Emigranten. Viele von diesen Verbindungen wurde« seinerzeit während der Kämpfe im Baltikum gegen die Sowj^regierung an- geknüpft. Die Russen galten überhaupt als Fachleute für die Verschwörung. Ihrerseits haben diese„weißen" Russen zum Teil enge Verbindungen mit verschiedenen slavischen Verschwörern angeknüpft. Die Russen waren und sind überall dabei, wo eS sich um einen Kampf gegen Sowjet- rußland, aber auch wo es sich»m einen wilden und reaktiv- oären Nationalismus handelt. Co entstand eine eigenartige Internationale, die mit slavischen Elementen stark durch- setzt ist." „Jetzt fällt mir auf, daß in der gestrigen Meldung von „Le Jour" über eine merkwürdige Warnung der Warner als ein Russe bezeichnet war." „Und dieser Umstand spricht für die Glaubwürdigkeit der Meldung. Ich glaube, daß fast in jeder solchen Organisation die„weißen" russischen Emigranten dabei sind. Bei vielen von ihnen ist daS zum Beruf geworden." „Wie kann mau es aber erklären, daß ein solcher Russe gewarnt, d. h. die Sache verraten hat? Das scheint mir nicht gut möglich zu sein." „Das ist durchaus möglich. Ich kenne den Fall, als im Jahre 1928 ein solcher Russe, der zu verschiedenen deutschen Berschwörerorganisationen Verbindungen hatte, vor einem Attentat auf Severins gewarnt hat. Das konnte er aus be- stimmten Gründen nicht billigen. Es handelte sich um einen Versuch der Vergiftung nach einer ganz bestimmten Me- thobe. Ich kenne diesen Fall ganz genau, weil ich selbst die Warnung weitergeleitet habe. Ich weiß auch, daß die gleiche Organisation auch einen sowjetrussischen Staatsmann vergiften wollte. Damals ist es nicht gelungen, die Organi- sation aufzudecken. Der Mann, über den die Spure» führten, starb plötzlich und geheimnisvoll. Sie werden jetzt wohl verstehen, warum ich Sie, was meinen Namen an- betrifft, um eine strenge Diskretion gebeten habe." „Das sind ganz unheimliche Dinge!" Ein Verschwörerstaat „Ja. Und das unheimlichste dabei ist. baß es heute eine« Staat gibt, der in seiner Außenpolitik die Methoden solcher Organisationen übernimmt und sich meiner festen Ueber- zeugung nach solcher Organisationen bedient. Ich möchte Ihnen nur noch eins sagen: Ich mache Sie besonders auf die Ecke in Europa aufmerksam, wo Ungarn, Jugoslavien und Steiermark aneinander grenzen. Dort existierten die Verbindungen von Kroaten über bestimmte ungarische Kreise zu den Nationalsozialisten schon früher. Nach dem 2ö. Juli sind viele österreichische Nazis nach ihrer Nieder- läge in den südslavtschen Teil dieses Gebietes geflüchtet. Ich habe das Gefühl, daß auch die Lösung des Geheimnisses des letzten Mordes nicht zuletzt in dieser Ecke zu suchen ist. Und noch eins. Sie haben über die Waffen, die bei dem Mörder gefunden wurden, gelesen. Geld haben die Wer- schwörer zweifelsohne auch genug gehabt. Ich wiederhole: Wenn ich Sie ermorden wolle, würde ich Ihrem„sana- tischen" Feind die Waffe und das Geld geben." Mordwaffen ans Hltlerdeutsdiland Paris, 18. Okt. Heute veröffentlichten einige französische Zeitungen fotografische Aufnahmen der Mauserpistole, aus welcher der Täter geschossen hat. Von einer sachverständigen Seite erhalten wir dazu folgende Aufklärungen. Die Mauser- pistole, um die es sich handelt, hat einen Vorläufer in den Mauserpistolen, die während des Krieges von verschiedenen deutschen Feldtruppenteilen verwendet wurden. Sie existierte damals in zwei Ausführungen mit Kaliber 9 mm und 7,68 Millimeter. Die Reichweite dieser Waffe belief sich auf fünf- hundert Meter. Die in Marseille verwendete deutsche Mauserpistole ist eine solche allerneuesten Modells, das bis- her kaum bekannt ist. Während die alte Pistole, die normal ein Magazin von 19 Schuß besaß, bei jedem Schuß abgezogen werben mußte, besitzt das neue Modell neben dieser Mög- lichkett die unendlich viel gefährlichere, sie als Maschinen- pistole zu verwenden. Die Feuergeschwindigkeit dieser Waffe ist in diesem Falle— und es bedarf nur eines Druckes auf einen Knopf, um das zu erreichen— ungeheuer groß. Mit der Pistole können in einer Minute theoretisch gesehen 280 Schüsse abgegeben werden. Da da in der Mordwaffe ver- wendete Magazin 20 Schuß enthielt, konnte der Täter aus nächster Nähe in vier Sekunden alle Schüsse abgeben und mit absoluter Sicherheit die von ihm gewählten Opfer töten. Es ist dabei interessant zu wissen, daß Kclemen außerdem eine automatische Pistole des Systems Walther bei sich trug. Auch bei ihr handelt es sich um eine erstklassige Feuerwaffe, die neun Patronen faßt. Insgesamt besaß der Täter 104 Pi- stolenpatronen. Die unheimlichste Entdeckung, die bei der Durchsuchung von Kelemen gemacht wurde, war die einer Handgranate. Sie ist in ihrer Art als Kriegswaffe von jedem Fachmann sofort zu erkennen und ähnelt in vielen Teilen einem in Frankreich üblichen Modell, ohne ihm jedoch gleich zu sein. Es war keine Fabrikmarke an ihr zu entdecken. Ihr Mantel aus gerilltem Stahlguß faßt 80 Gramm hochbrisanten Sprengstoff.„Er schließt aber möglicherweise auch noch das letzte Geheimnis des großen Verbrechens ein," sagte einem Pressevertreter der Leiter der Marseiller Surete, Die Komplicen fn deutscher Sprache vernommen Paris, den 18. Oktober 1984. Wie der„Matin" meldet, hat die vernehmend« Polizei die beiden festgenommenen Komplicen des Mörders Kalemcn, die außerordentlich schlecht französisch sprachen, nach den von ihnen beherrschten Sprachen gefragt. Zunächst gaben beide an, nur portugiesisch zu sprechen. Dann räumten sie ein, auch jugoslawisch sprechen zu können und gaben schließlich zu, auch die deutsche Sprache leidlich zu beherrschen, Daraufhin wurde dann die Vernehmung in deutscher Sprache durchge- führt. Eine interessante Feststellung teilt der Berichterstatter deS „Ercelsior" mit. Er hatte Gelegenheit, einem Teil deS Ver- hörs beizuwohnen und hörte«. a. auch die Frage an die Ver» haftete«:„Was haben Sie im letzten Monat in München ge» macht?" Näheres konnte der Journalist, wie er mitteilte, nicht erfahre«. Er meinte aber, schon die Frage nach München allein hätte genügt. „Le Journal" veröffentlicht eine Meldung, wonach die bei- den verhafteten Jugoslawen ebenso wie Kalemen von München über die Schweiz nach Frankreich ge- kommen seien. Nach dem„Journal" sprechen beide Verhaf- teten ziemlich geläufig die deutsche Sprache. ES ist allgemein aufgefallen, daß die beiden Verhafteten BeneS und Nowak nennen, sich offenbar fälschlicherweise die Namen deS tschechoslowakischen Außenministers und seines Adjutanten Nowak zugelegt haben. „Le Ouotidien" gibt der Mutmaßung Raum, daß Kalemen und seine Komplicen der bekannten kroatischen Terror- organisatio« angehören, die bereits im Dezember 1933 den Versuch unternommen hatte, König Alexander in Zagreb zu ermorden. .Ouotidien"«acht«och daraus aufmerksam, daß die Führe, dieser Terrororgauisation stch nach dem Siege Hitlers nach Deutschland begeben hätten, um vo« Hitler»«d Rosenberg Unterstützung zu erbitten. Diese kroatische Terrororganisation hat damals in Berlin ein« Zeitlang ihre Zeitung„Der unabhängige kroatische Staat" herausgegeben. Diese Terroristen gaben ihrer Pro» paganda eine hitlerische Färbung. Selbst die Rassentheorte ,ehlt« dabei nicht. An diese Feststellung schließt der„Ouotidien" folgende Betrachtung: „Die Tragödie von Marseille zeigt, wohin die Intrigen gewisser Revisionisten führen, die von gewissen„verantwort- lichen" Staatsmännern ermutigt werden. Va» nutzen die FriedenSerklärungen, wenn man seine Konspirationen ge- gen die Nachbarn fortsetzt." Has Verhör in Annemasse PariS, 12. Okt. DaS Verhör der in Annemasse festgenom- menen Benesch und Novak hat bisher zu folgendem Ergeb- nis geführt: Der Paß NovakS ist am B. August 1984 in Trieft ausgestellt worden. Er enthält einen am 26. September in Thier- ceaux eingetragenen französischen Einreisevermerk. deS- gleichen der Paß Beneschs, der am 18. Juni in Paris aus- gestellt worden ist. Benesch und Novak haben aber zugegeben, daß die Bisa und die Einreisevermerke gefälscht sind. Die Paßeintragungen werben deshalb einer besonderen chemischen Prüfung unterzogen werden. Die Verhafteten behaupten, daß ihnen die Pässe kurz vor der Grenzllberschreitung zugestellt worden sind: durch wen, haben sie nicht verraten. Sie haben zugegeben, einer revolutionären Vereinigung anzugehören, deren nähere Beschreibung sie: verweigern. Sie behaupten, Befehl erhalten zu haben, sich nach Paris zu begeben und dort eine führende Persönlichkeit ihrer Bereinigung zu tres- sen, von der sie einen besonderen Auftrag entgegennehmen sollten, iedoch hätten sie an dem angegebenen Tresspunkt ver- geblich gewartet. Um sich die Zeit zu vertreiben, hätten sie die Umgebung von Paris besucht und so auch in Fontaine- bleau geweilt. Hier hätten sie durch Rundfunk und Presse von bemMarseillerAttentat Kenntnis erhalten und sich scheu- nigst Fahrkarten nach Thonon besorgt in der Hoffnung, auf demselben Weg, auf dem sie gekommen waren, zurückkehren zu können. Benesch, der sich anscheinend längere Zeit auch in Brasilien ausgehalten hat. weist ein« sehr starke Aehnlichkeit mit einem gewissen Nalis auf, der der französischen und der südslawischen Polizei als verdächtig bekannt war. Einen ein- wandsreien Beweis wird aber erst der Vergleich der Finger- abdrücke ergeben. Aus Grund der bisherigen Feststellungen hält die Polizei die beiden Verdächtigen weiter in Haft. Ihnen wird zunächst Paßfälschnng und heimliche Gr-»,Überschreitung^ ferner Mitwisserschaft an dem Mord von Marseille zur Last gelegt. Die Verhafteten werden im Lause deS Abends der Staats» anwaltfchaft in Bonnevtlle zugeführt werden, die über ihr« Einlieferung in das Gefängnis von Bonnevill« oder Annecy beschließen wird. An eine Uebersühruna nach Paris ist vor- läufig nicht gedacht. Paris. 12. Okt. Die Vernehmung der beiden in Thonon verhasteten Südslawen, die am Freitagmorgen in Annemasse im Beisein des südslawischen Vertreters beim Völkerbund Fotitsch fortgesetzt wurde, hat jetzt zu greisbaren Ergebnissen geführt. Die beiden der Mittäterschaft verdächtigen Ange- klagten haben zugegeben, daß sie der südslawischen Terro» ristenorganisatton Pamelitsch angehören. Von dieser Orga« nisation hätten sie Anweisung erhalten, sich zu einer beson- deren Mission nach Frankreich zu begeben, wo ihnen weitere Anweisungen mitgeteilt werden sollten. Sollten dies« An- Weisungen am 9. 10. in Paris nicht eingetroffen sein, sollten sie stch von Evian nach Lausanne begeben, um dort nähere Einzelheiten abzuwarten. Rajtitsch, genannt Benesch, hat ferner erklärt, daß ihm ein gewisser Sarbaut den falschen Paß in Paris ausgehändigt habe, während Novak behauptet, ein gewisser Hans Petit habe ihm seinen Paß in Zürich übergeben. Weitere Nachforschungen der Polizei haben er- geben, daß Novak bereit« im November 1933 unter dem Namen Tikmir in Marseille zu vier Monaten Gefängnis ver. urteilt worden ist. Nachdem er nach Absitzung der Strafe aus Frankreich ausgewiesen war, wurde er im Juni d. I, ein zwettesmal in Nizza unter dem Namen Daniel Latin ver- hastet und nochmals verurteilt. Besprechungen bei Doumergue Parts, 12. Okt. Ministerpräsident Doumergue hatte Frei« tagvormittag eine längere Unterredung mit den Ministern Tardieii und Hyrriot. Tardie» hatte auch bei dem zuriick- getretenen Innenminister Sarraut vorgesprochen. _ Dcu^sdie Stimmen• 0eila£e zur..Deutschen Freiheit"• treignisse und Gestfkidkten Sonntag-Montag, don 14. und 15. Oktober 1534 Besuch im deutschen, Strahlend klauer Himmel wölbte sich über dem hessischen Dörfchen Doofingen an der Doofe, als unser schnittiger Mercedeswagen in die Dorfstraße einbog. Hier hat der Wille des l iihrers den ersten deutschen Hegehof erstehen lassen, und mit des Allmächtigen Hilfe wird hier der.Grundstein neuer germanischer Rasse gelegt. Am Eingang des Hegehofs, über dessen Tor stolz und in deutschen Lettern der Name„Hegehof Baidur von Schiraeh" prangt, stehen zwei zackige braune Jungens, den Revolvergurt umgeschnallt, und steil redten sich ihre Arme zum Himmel empor, als wir dem Wagen entsteigen. Wir treten ein. Der Obzuf(Oberster Zucht-Fiihrer) begrüßt uns mit deutschem Gruß. Stolz führt er uns durch die mustergültig eingerichteten Räume. Im ersten Saal sind in langer Reihe dreißig weiße Betten aufgestellt: hier schlafen dreißig deutsche Hitlermädchen, die nach sorgfältigster Prüfung auf Herz und Nieren sowie anderer Körperteile ausgewählt wurden, die Stammütter der neuen Menschheit zu werden, lieber jedem Bett ist der Name des Mädchens, das es beherbergt, angebracht, und unser Herz schlägt höher, als wir Namen lesen wie Thusnelda Knorrig. Kriemhild Schulze, Edeltraut Meier, Brunhildis Lehmann, Hitlerike Schückelgruber und so weiter. Die Mädchen sind nicht im Saal. Teils ergehen sie sich auf den duftigen Wiesen und laben sich an frischem Grün, teils haben sie sich am Waldrand gelagert, teils plätschern sie im hellen Wasser der Doofe. Zweie von ihnen aber obliegen ihren Pflichten als Stammütter eines neuen, heldischen Geschlechts. Der zweite Saal, kleiner als der erste, birgt die Betten der fünf SS.-Männer, die als die Stammväter des neuen Germanentums ausersehen sind.„Erst waren es sieben," erzählt uns der Obzuf,„aber einer war den hohen Anforderungen, die der Führer an ihn stellte, nicht gewachsen; er liegt auf dem Bergfriedhof. Und bei dem anderen mußten wir feststellen, daß die Urgroßbase seiner Schwägerin großmütter- licherseits einmal von einem Juden geküßt worden war; er l^egt im Staatskrankenhaus." Einer der fünf Uebriggeblie- benen ist grade damit beschäftigt, sich die blauen Hühneraugen zu schneiden, zwei andere betrachten sich das Buch „Hitler, wie ihn keiner kennt", einer ist bei den Gefährtinnen auf der Wiese, und der letzte, der tüchtigste von allen, wie der Obzuf betont, ist grade daran, gemeinsam mit Hitlerike und Brunhildis das neue Geschlecht aufzubauen. Rechterhand ist ein großer Arztraum eingerichtet. Tag für Tag wird hier das arische Blut der Hofinsassen untersucht, sie werden gewogen, mit Höhensonne bestrahlt und überhaupt eingehend beobachtet. Jedesmal vor und nach der Pflichterfüllung werden die Partner auf Herz-, Atem- und Darmtätigkeit geprüft. Drei deutsche Aerzte sind hier Tag und Nacht beschäftigt. Die Jiette v Pete Baum geht durch die Erkralher Straße in Düsseldorf. Plötzlich fällt ihm ein, daß er sich ein paar Zigarren kaufen muß. Drüben ist ein Zigarrenladen. Friedrich Knepperding heißt der Inhaber. Herr Baum kennt Herrn Knepperding flüchtig, ein paarmal hat er seine Zigarren bei ihm gekauft.„Die zu 20 Pfennig, Marke Reichspräsident, sind schön milde, ganz Ihr Geschmack Line Kiste.' Herr Baum nimmt die Kiste und bezahlt. Der SA.-Mann, der sich grade ein Päckchen„Stürmer gekauft hat, hat nur gesehen: ein Jude hat eine Kiste Zigarren erworben. Sonst nichts. Er weiß nichts von der Zigarrenkiste Marke„Reichs- Präsident". Herr Baum aber weiß: unten in der Kiste schlummern zwei kleine Flaschen... Hans Stein schlendert ziellos durch das Villenviertel von Hannover. Er hat Hunger. Die Wohle ist knapp. Soll man es hier mal versuchen? denkt er und klingelt schon. Frau Baum ist eine mitleidige Frau mit einem guten Herzen. Sie gibt dem armen Bettler ein Stullenpaket. Es enthält eine ä'iillc: und zwei kleine Flaschen... Abends stehen zwei Mann an dem großen Zaun, der die Hanomag-Werke umschließt. Eine Schupostreife kommt vorbei. Der Zaun ist feucht. Der eine Mann knöpft grade die Hose zu, der andere sagt, einen Blick auf den feuchten Zaun werfend:„So hoch?! Du altes Schwein!" Die Schupos grinsen und gehen weiter, gemütlich mit dem Gummiknüppel schlendernd. Am nächsten Mittag um 12 Uhr besichtigt Staatsrat Dr. Ley, Führer der Deutschen Arbeitsfront, die Hanomag- Werke. Um 11 Uhr visitiert die SA. nochmals die ganze Gegend. Nichts Verdächtiges festzustellen. Und der große Zaun liegt ruhig und friedlich da. Um 12 Uhr aber schreit es in riesigen roten Lettern vom Zaun: „Nieder mit dein Arbeitermörder Ley! Rot Front lebt trotz Verbot!" Bosa Beestens Dieser Name erweckt Erinnerungen an die großen Jahre des Berliner Theaters. Rosa Bertens war seine große Tragödin mit schillernd-dämonischem Einschlag, gleich bedeutsam als Heroine wie als Salonschlager mit einem bezaubernden Konversationstalent. Vor wenigen Wochen erst starb ihr Gatte Paul Block, der langjährige Redakteur des„Berliner Tageblattes". Nun ist sie ihm, als Opfer einer Herzschwäche mit einer Lungenentzündung, allzu schnell in den Tod gefolgt. Jüdin oder Marxistin Die nationalsozialistischen Behörden haben die Einfuhr der Werke der schwedischen Nobelpreisträgerin Selma Lager- 1 o e f nach Deutschland verboten. Frau Lagerloef, die weder Jüdin noch Marxistin ist, hat sich bekanntlich wiederholt IIS;»Iii'••u,..;,.,».., 1 Bekenntnis zu Deutschland Wenn auch die andern dich zu lieben meinen. Die Recht und Freiheit ganz aus dir verbannt. Ich weiß: Man muß erst ferne um dich weinen Um wahrhaft dich zu lieben, deutsches Land! Wenn auch die andern lärmend mit dir prahlen. Die deinen Namen schauerlich entehrt, Die Wunder deiner grünen Fluren strahlen Nur dem ins Herz, der sich nach dir verzehrt. Wenn auch die andern national sich nennen, Die feige sich zum Bruderkrieg bekannt, Der reinen Liebe Opferflamtnen brennen In unsren Herzen, deutsches Vaterland!. „ Liberaler. Dec leaune Vogel Gebete zu„Gott dem Allmächtigen" „Ihre Sache ist unsere. Sache!" sagte Adolf Hitler feierlich. Zu wem sagte er das? Zu den Kriegsopfern? Zu den Arbeitslosen? Zu den Familien verschütteter Bergarbeiter? Nein, er sagte es abwechslungshalber diesmal zum Geschäftsführer des Coburger Bundes für Vogelschutz. Denn große Worte sind die einzige Ware, die im „dritten Reich" billiger geworden ist, große Worte werden zu Ramschpreisen abgegeben. Aber der Coburger Vogelschutzmann revangierte sich dennoch in nobelster Weise. Er sträubte seine Federn und schrieb in die„Coburger National-Zeitung" dieses: „Der Obrrsalzberg ist heute ein Wallfahrtsort für Tausende und Abertausende geworden, die zu Adolf Hitler sich bekennen. Ein Wallfahrtsort erfordert Gebete. Und millionenfach werden solche schon aufgestiegen sein zu Gott dem Allmächtigen, von denen, denen<• vergönnt war, auf dem Obersalzberg vor Hitler unmittelbar vorbeigehen zu können. Ja, es ist nicht zu schildern, wenn er, umgeben von seinen Getreuen, jeden Tag bei jedem Wetter Ovationen in solchen Riesenausmaßen entgegennimmt— Ein Blick aus des Führers Auge entschädigt vollauf, und befriedigt zieht die Riesenschar von dannen, im Bewußtsein, einem der größten und bedeutendsten Männer ins Auge geschaut, einen freundlichen, unvergeßlichen Blick aus stahlklaren Augen empfangen zu haben. Wenn nach dieser beachtlichen Leistung des Geschäftsführers nicht jeder Deutsche, der einen\ ogel hat, dem Coburger Bund für Vogelschutz beitritt, muß man an der\4eit verzweifeln. Jzaak JscaeCs Der berühmte Maler und Führer der impressionistischen Schule Hollands, Izaak Israels, ist von einem Automobil überfahren woiden und den hierbei erlittenen Verletzungen erlegen. Izaak Israels, Sohu des großen Meisters Jozef Israels, gehörte zu den bedeutendsten Vertretern der Pariser impressionistischen Schule in Holland, die bekanntlich von Edouard Manet begründet worden war. Er vertrat mit größter Konsequenz deren anfänglich so umstürzlerisch.ich gebärdenden Grundsätze noch bis in unsere Gegenwart hinein deren Malerei sich doch längst anderen Zielen zugewendet hatte. Vater Jozef Israels suchte in großen Zeichen Rem- brandts in Nebaldüster und seinen Halbschatten seinen stimmungsvoll verschleierten Weg. Er war der Maler der arbeitsamen Armut, der Bedrückten und Dürftigen, der Fischer und Schiffer— sein Sohn Izaak hielt es mit den Pariser überfeinerten, vornehmen, den snohbistischen, eleganten Gesellschaftskreisen. Er war ein brillanter Virtuos der bunten Farbenmosaiken, der erstaunlichen Lichteffekte. Seine Damenbildnisse boten immer koloristische Finessen, die er blendend servierte. Die Kühnheit seines Vortrages war außerordentlich, die unbedingte Sicherheit seiner Pinselführung höchst erstaunlich. Er trug seine Pigmente sehr pastos auf, Fleck saß da an Fleck mit unfehlbarer Prägnanz. Vor einigen Jahren war ein Bild, Frauenporträt kleineren Formats, das Aufsehen erregte, im Haager Künstlerhaus zu sehen. Kein größerer Gegensatz als zwischen dem stillen, tiefen, im Grau schwelgende Vater und dem turbulenten, an der leuchtenden Außenseite der Erscheinungen haftenden Sohn, der aber auch in seiner Art ein starker Meister war. Dec 9Ucc Ohecpcäsident „Gott im KintV' Anläßlich der letzten Tagung des Schlesischen Lehrerbundes in Breslau hielt Oberpräsident Brückner eine Rede, in der er erklärte:„Gegenüber falschen Vorstellungen stelle ich fest: nur der Führer allein vermag zu entscheiden, was Nationalsozialismus ist und was nicht." Die Aufgabe der Lehrerschaft sei, eine Brücke zu bauen zwischen der Jugend und der Frontsoldatengeneration. Nach der Rede Brückners erklärte Staatsminister Schemm, „der Lehrer müsse im deutschen Kinde den Gott finden, der im Kinde stecke, um ihn dann herauszumeißeln. Sinnbilder fiir die aus dem Kinde herauszumeißelnde Gottheit seien Adolf Hitler, Pestalozzi und Fichte. „Vechiete.ich.. Das staatsgefährliche Philologenblatt Erlaß des preußischen Kultusministers:„Unter Hinweis auf die in Nr. 32 des„Deutschen Philologenblattes", Jahrgang 1934, erhobenen unerhörten Angriffe auf hohe Regierungsbeamte und alte Nationalsozialisten verbiete ich den nachgeordneten Behörden, den Bezug der Zeitschrift und rate den Lehrpersonen Preußens davon ah, die Zeitsc 7 rift