Lsnzsge unabhängige Tageszeiiuug Veuischlauds 242— 2. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, den 30. Okt. 1934 I Chefredakteur: M. B r a u n Macht gegen 5ed.ee Seite 2 Die Jlatisec Saatkundgeking Seite 3 £ecne kauten, ahne zu zahlen Seite 4 Tlanies Seite 7 ttafliolisflic lugend gegen den„fflhrer" Eine Kampfansage des Saar-Katholizismus Segen die nallonaisozialisüsdie Wellansdiauunö und die Proklamationen nillers Alle Anzeichen spreche» dafür, da» man sich im„dritten Reich" auf eine neue Ae a des„Kulturkampfes" wider den K a t ft o l-t z i s m u s einrichtet. Die Heiß- sporne, au ihrer Spitze der Bannerträger Rosenberg, sind nur noch mit Mühe zurückzuhalten. Nur die Rücksicht auf den Katholizismus an der Saar hält noch den Damm. Aber unweit von der Saargrenzc, in Trier, hat man am Sonntag doch sehr deutlich geredet. Auf der Tagung der braunen Philologen und Schulmänner sprach hier der Reichs- leitet des^ Nationalsozialistischen Lchrerbund.es, Staats- minister Echem in. Wir übergehen seine pädagogischen Grundsätze. Politik für die Schule!„Freie" Wissenschaft, soweit sie dem„dritten Reich" nützt. Der Angriff ging gegen die Kirchenopposition, vor allem gegen die katholische: „Diese Volksgemeinschaft liestcn mir niemals antasten, auch nicht von den Konfessionen. Wenn der gute Wille dazu wirklich da sei, werde sich eine Trennung nie ergeben. Nur Dummheit oder verbrecherisches Tun könnten so etwas anstrebe». Dummheit müsse korrigiert, Verbrechertum müsse ausgerottet werden. Und wenn man sich in Deutsch- land mit dein Mythos der alten Germanen beschäftige und mit der Religion unserer Vorsahren, so sei das gewiss keine Gottlosigkeit. Wer das behaupte, der fei ein gemeiner Verleumder. Damit sei kein Wort gegen das Christentum gesagt, denn damals, als die alten Ger- manen sich auf ihre Art mit ihrem Gott beschäftigten, habe es ja noch keinen Christus gegeben. Der Redner erklärte, er freue sich über jeden Gläubigen und fei der Meinung, dast die Gemeinsamkeit des Christentums stark genug sein müsse zur Ueberwindung der Gottlosigkeit. Cr sei überzeugt da- von, daß er im Namen sämtlicher im NSLB. vereinigten Erzieher spreche, wenn er feststelle, da» der Bund um unsere Jugend eine harte und feste Mauer baue, dast Kon- sessionshast und theologische Spitzfindigkeit niemals an sie herankommen." Nach den Objekten dieser ungezügelten Polemik braucht man nicht lange zu suchen. CS sind die Hirtenbriefe der deutschen Bischöfe, die sich immer wieder gegen das Neuheidentum und die Vergottung des Nationalsozialismus wenden. * Der Diözesanseftretär Kaplan PI DlFer Wie grost der Gegensatz ist, zeigte sich am Sonntag, nicht sehr weit von Trier entfernt, in Saarb-ücke n. Bei einer Christkönigsfeier der katholischen Jugend in der grosten Kirche St. Michael sprach vor der sich im überfüllten Ge- wölbe drängenden Menge der Diözesensekrctär Kaplan M ü l l c r. Seine Predigt war eines der kämpte- rischsten Bekenntnisse, das man seit langem von einem be- amteten katholischen Priester vernommen hat. Wir zitieren nach der gleichgeschalteten, früher katholischen„Saarbrücker Landeszeitung" vom Montagmorgen: Was i st Recht? Ist das Recht der Wille eines einzelnen Menschen? Ist das Recht die Befehls- gemalt der herrschenden Schicht? Ist das Recht das Privileg einer besonderen Raffe? Woher hat dann das Recht seine Slutorität? Seine Gewalt, die die Menschen nickt nur äustcrlich zwingt, sondern sie auch innerlich ver- pflichtet. Reckt ohne Autorität ist kein Recht, ist nur schlecht verhüllte Gewalt! Die Autorität des Rechts kann niemals aus einem Nienschen komm e n, denn aus sick selbst kann kein Mensch einen anderen in seinem Gewissen l'ck unterwerfen— dem Wesen nach sind wir ia alle einander gleich. Und was von dem einzelnen Menschen gilt, das gilt auch von bestimmten Menscken- gruppcn, mögen sie nnn vorgeben, besseres Blut zu besitzen oder mögen sie gerade die Machtmittel in ibrer Hand haben— weder die Summier»"-» noch die Oualitat des Blutes, nock der Besitz der Machtw'ttcl erhebt einen Menschen über den anderen? Die Autorität des Rechtes kommt aus einer höheren^elt, sie kommt von Gott. Reckt, das ist der Wtlle Christi, des Königs. Deshalb stebt die Slutorität des R-cktes nnabbängig da von den Manschen,«nabbängig von Rasse und Blut, nnabbängig von Gewalt und Macht In dieser Rede wurde das Wort„Nationalsozialismus" nicht a«sa-sprochen. Mit keinem Sah wurde der„Führer" erwähnt. Aber was dieser offizielle katholische Kanzelredner sprach waren Keulensckläge geg-- die braune Gcwaltanbetung und gegen Hitler. Ein anderer katholischer Priester an der Saar, Pfarrer Ar-"ds, hat kürzlich Hitler als„Abgesandter Gottes" bezeichnet. Kaplan Müller sagt mit jedem Satze das unzweideutige und offensive Gegenteil: „Es ist ausgcjpro^cn worden, dast der Wille eines Mensche» das Recht sei, es ist gesagt worden, dast es in Zukunft kein objektives Recht mehr geben werde, es ist behauptet worden, Recht ist, was dem Volke und dem Staate nützt, Unrecht ist, was schadet. Die so sprechen, die stürzen die Autorität des Rechtes— das find die Bau- meisten, die den Neubau der Zukunft nicht aus dem Eckstein Christi, auf der Autorität des von Menschen unabhängigen Rechtes ausrichten wollen.. Aber derselbe hl. Paulus, der uns so stark zum vollen Gehorsam gegen die Obrigkeit verpflichtet, er schreibt auch das andere Wort: Macht Euch nicht zu Sklaven von Menschen st. Kor.) Wie ist das mit der Gehör- samspflicht gegenüber der staatlichen Obrigkeit zu verein- baren? Der hl. Paulus gibt selbst die Antwort indem er sagt: die Obrigkeit ist Gottes Dienerin— und: eö sind Be- auftragtc Gottes, die diesen Dienst versehen. Wir bekennen es, dast für uns niemand anderes der Inhaber der staatlichen Gewalt ist als unser König Jesus Christus. Ihm gehört unser Dienst und unser Ge- horsam, den wir der Rcgierungoautorität leisten müssen. Ihm dienen wir allein, darum lassen wir uns aus keinen Menschen verpflichten, den» für uns, die wir durch Christi Blut erkaust sind, ziemt es sich nicht, Menschen zu dienen. Wir sind aus königlichem Geschlecht und dürfen und wolle» uns nicht erniedrigen zu einem menschlischcn Dien st. Katholische Jugend! Erhalte und wahre dir den Adel eines Gehorsams, der den Menschen gegenüber frei, dafür aber umso tiefer au Chistus gebunden ist.,„Für die Frei- heit hat uns Christus frei gemacht. So steht denn fest und lastt Euch nicht aufs neue das Joch der Knechtschaft ausbürden!" sGal. 4, 8t? S, 1). „Wir sind in Christus gern und willig der recht- m ä st i g e n staatlichen Autorität gehorsam. Dieses„in Christus"— das ist eine Bindung an Verantwortung und Pflicht, wie sie in diesem Mäste bei anderen Welt- anschaunngen nicht zu finden ist, aber dieses in Christus ist zugleich unsere Freiheit, unsere innere Freiheit aller irdischen Macht und allen ungerechtfertigten Forderungen unserer Mitmenschen gegen- über. Die äussere Freiheit, sie mag uns eingeschränkt und genommen werden, aber die innere Freiheit, die soll man uns nicht antasten dürfen... In diesem Dienst kämpfen wir um Freiheit und Menschenwürde. Wir sind ganz Dein eigen. Für Dein Reich kämpfen wir. Dir halten wir die Treue, auch wenn sie harte Opfer von uns sordert, an Dich glauben wir und bekennen... Sollten diese Sätze bebuten, dast sich der saarländische Katholizismus zum„Opfer" anschickt? Will er gegen die Macht den Kampf beginnen, mit der diese widerchristlichcn Anschauungen und Lehren verbunden sind? Der Tiözesan- präses hat noch mehr gesagt, als die„Saarbrücker Landes- zeitnng" z» berichten wagt. Ein korrekter Zuhörer hat sich noch die folgenden Sätze notiert:^Wir kennen keine Edel- menschen und keine nordische Rasse, die bevorzugt werden soll Christus allein hat dem Menschen das Leben gegeben, und der allein hat das Recht, das Leben eines Menschen zu fordern." Die dicht aneinandergebrängten Gläubigen hörten sich, so berichtet uns der Kirchenbesucher weiter, diese leidenschast- liche'Predigt tiefernst und in grosser Ergriffenheit an. Sie war das Tagesgespräch des katholischen Saarbrücken. Viele wollten darin ein Zeichen sehen, daß sich der Saar-Katholi- zismus offiziell vom Hitlerismus trennen und in Kürze be- stimmte Entschlüsse im Hinblick auf die Abstimmung zu treffen gedenkt. Wir gehen nicht soweit. Wir glauben auch nicht daran, daß die katholische Hierarchie ihre vielvcrzweigte Diplo- matie preisgeben und im Saarkampf die Schlußfolge- runzen aus der katholischen Glaubens- und Sittenlehre ziehen wird. Aber es gibt zu denken, daß sie den Kaplan Müller als Kanzelredncr bei solch offiziellem Anlast vorschickte. Seine Anschauungen konnten an höherer autiritativer Stelle nicht unbekannt sein. Es ist sogar wahrscheinlich, daß diese sensationelle Rede wohlüberlegte Kollektivarbeit ist. Zwar wird darin immer wieder be- tont, daß man der„rechtmäßigen Autorität" gern und willig Gehorsam leiste. Jedes Wort des Priesters von St. Michael kann jedoch nur so gebeutet werden, daß das^dritte Reich" ver Lump, der Emigrant So mußt du aus dem Vaterlande gehn. Dies wollen sie, dies ist's, worauf sie denken; Und wo man Christtum frech zum Markte trägt. Dort wird zur Tat, was not tut, dich zu kränken. Wie hart es ist, zu steigen fremde Stiegen, Wird dann durch die Erfahrung dir entdeckt. Doch wird so schwer nichts deinen Rücken biegen Als die Gesellschaft jener schlechten Schar, Mit welcher du dem Bann wirst unterliegen. Ganz toll und ganz verrucht und undankbar, Bekämpft sie dich; doch zeiget bald, zerschlagen, Ihr Kopf, nicht deiner, wer im Rechte war. Wie dumm sie ist, das wird ihr Tun besagen; Und daß du für dich selbst Partei gemacht, Wird dir erwünschte, schöne Früchte tragen. Der Emigrant Dante Alghicri„Paradiso", Canto 17(1321). Ein Schimpfwort hallt, neben vielen anderen, gegenwärtig durch die Straßen und durch die Gassen des Saargebiets. Es lautet:„E in i g r a n t!" Es kommt gleich hinter„Ge- sindel" und„Separatist" im unerschöplichen Lexikon der verächtlichen Worte, die diesen Abstimmungsknmpf vor den Augen und den Ohren Europas begleiten. Man muß es einmal in einer Versammlung der„deutschen Front" erlebt haben, wenn ein Redner von Emigranten spricht. Da verzerren sich die anständigsten Gesichter. Selbst in zarte Frauenwangen drängt das Blut. Kommt dazu die Parole:„Hinausjagen!", dann branden die Wogen des Hasses. Muß man es immer wieder sagen, daßesimSaar- gebiet keine Emigranten gibt? Hier leben Deutsche auf deutschem Boden, die einen erzwungenen Ortswechsel im Bereich ihres Vaterlandes vorgenommen haben— in dem Augenblick, als eine diktatorische Gewalt- Herrschaft sie ächtete, beraubte und bedrohte. Wahrhaftig, einige kamen sogar bei„Nacht und Nebel", und es ist nicht zu bestreiten, daß der„Staatsanwalt" hinter ihnen her war. wie man es an beiden Saarufern immer wieder hören kann. Aber washattensiegetan?Sie hatten nichts unterschlagen, keinen andern ermordet, keinen Meineid begangen und auch den§ 175 StrGB. niemals verletzt. Sie hatten nur in einem Punkt gesündigt: in der Gesinnung und vielleicht durch Geburt. Dafür sollten sie in Schutz- Haft, ins Konzentrationslager, um später auf der Flucht er- schössen zu werden. „Legal,, hatte man das Allerbeste mit ihnen vor. Aber in der braunen Praxis konnte jeder Sadist mit ihnen machen, was er wollte. Und dann hatten diese Männer noch eine Eigenschaft, die sie den Anbetern Hitlers an der Saar unsympathisch und verdächtig machte. Sie meinten, ohne denAtemderFreiheit.ohnedieehernen TatsacheneinesRechtsstaates nicht existieren zu liefe rechtmässige Autorität tm Sinne des Katholizismus acht ist. Denn: es hat die Befehlsgewalt einem einzelne» Menschen ausgeliefert. Es erkennt nicht an, daß die Slutorität des Rechts von Gott kommt. Es hat, w'der den Apostel Paulus, Mensche» zu Sklaven gemacht. Es hat den widerchristlichen Satz, dast Recht sei, was dem Volke und dem Staate nütze, zu herrschende« Maxime er- hoben. Es proklamiert jeden Tag das Borrecht der nordischen Rasse. Es mordet Menschen unter angemaßtem Recht und ver- letzt täglich Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde. Die Botschaft ist gut und wahr. Die Einsicht ist vortrefflich. Vielleicht bedeuteten sie im Augenblick noch nicht viel mehr, als das Bekenntnis, daß der Katholizismus Opfer und Martyrium nicht allein dem oppositionellen Protestantismus überlassen will. Eine breite Breche ist schon geschlagen. Nach der Kanzelrebe des Kaplans Müller ist es mit dem Wanderpredigttum katholischer Priester zu- gunsten der braunen Front an der Saar für immer zu End«. ftonnen. So kam es, daß Deutsche zu anderen Deutschen fluchteten und freiwillig kamen, die dieses Gut noch be- setzen. Wer beschreibi ihr Erstaunen, an der deutschen Saar Männer zu finden, die Menschenrechte und Ge- smnugsfreiheit nur zu gern preiszugeben bereit sind! Aber wir wollen nicht abschweifen, nicht verteidigen, wo eine Verteidigung nicht nötig ist. An der Saar spielt sich eine Auseinandersetzung unter Deutschen ab. Diejenigen Deutschen, die aus anderen Teilen des Reiches hierher ge- Kaminen sind, nehmen an einem Kampfe teil, der auch ihre Sache ist. Ihre sogar ganz besonders! Sie kennen den un» deutschen braunen Geist, der als fremde Gewalt das Vater- land erobert hat, besser als die Männer und Frauen an der Saar. Sie warneu sie, sich nicht ihren Unterdrückern auszuliefern, aber sie stehen zugleich an der Spitze des Zuges„Heim zum Reich", wenn das Reich wieder das Heim der Deutschen geworden ist. Das ist, so deucht uns, eine vortreffliche Legitimation der„Emigranten" an der Saar. Darum auch ist ihre V e r- achtung gegenüber ihren täglichen Be- s ch i m p s e r n so groß. Sie verzeihen gern der auf- gehetzten jungen Schwarzmütze auf der Straße, nicht aber den Leuten, die sich auf Redepulten und in Redaktions- stuben die Herabwürdigung anständiger Menschen für den Hetzgebrauch präparieren. Täten sie es noch mit einiger- maßen gutem Glauben: dann wäre wenigstens eine Diskussionsgrundlage da. Aber die ist nicht gegeben, weil es sich um Männer handelt, die wider besseres Wissen und in offener Selbsterniedrigung auf Geheiß Mächtigerer schreiben. * Da ist Dr. A u g u st H e l l b r ü ck, Chefredakteur der „Saarbrücker Zeitung". Ein nicht unbegabter Mann, der aus den Gefilden des Feuilletons, wo er jahrelang nahezu „Kulturbolschewismus" betrieb, ins Politische herüber- wechselte. Sein Vorgänger, der alte Chefredakteur Nagel, ein rechtsstehender Nationalliberaler, beugte sich nicht, als Hitler zur Macht kam und ihm die Aktienmehr- heit des Verlags anheimfiel. August Hellbrück tat es. Man traute ihm zu Anfang nicht so recht im braunen Lager, in Erinnerung an zahlreiche Polemiken, die die Nazi-Presse an der Saar früher gegen den libe.alistischen, nichtarijche Künstler bevorzugenden Kollegen gerichtet hatte. Aber Dr. August Hellbrück bestand schließlich die Probe. Es ging nicht ohne Gewissensbedrückungen ab. Vertraute wissen, welche seelische Notzustände dem Herrn Chef- redakteur beschieden waren, ehe er gänzlich als Gleich- berechtigter in den braunen Gnadenhimmel aufgenommen wurde. Wir wollen nicht selbstgerecht sein. Wir wissen um die Existenzsorgen, und wir hoben viele treffliche Männer in der Geschichte erlebt, die um Frau und Kinder willen das Opfer ihrer Ueberzeugung brachten. Hier aber ist die Sach- läge eine andere. Dieser Dr. Hellbrück ist ein Typus, den es nur in der intellektuellen Nachhut dieser braunen Despotie gibt. Nicht nur. daß er die gegenwärtigen Alach!- haber um jeden Preis verteidigen, ihre Untaten unter- drücken, ihre Verwüstungen des deutschen Ansehens in der Welt ins Gegenteil umfälschen muß. Nicht nur, daß er so tun muß. als ob die Denkweise des„dritten Reiches" immer die seinige gewesen sei, weil sie mit seinem, mit ihrem geborenen Deutschsein identisch sei. Er muß noch mehr tun, und das ist das schlimmste: Er muß Männ:e, deren Charakterfestigkeit er Im geheimen achtet, an deren Liebe zu Deutschland er nicht zweifelt, deren Gesinnugs- treue im tiefsten Grunde seines Herzens von ihm selber ersehnt wird, öffentlich anprangern, als verächtliche Landesverräter beschimpfen und durch den Schmutz eines verwüstenden Abstimmungskampfes ziehen. * Wir halten dafür, daß wir auf einer höhereu moralischen Ebene stehen, vom deutschen wie vom menschlichen Stand- pankt gesehen. Im Gedenken an die großen Emigranten der Geschichte, von Dante angefangen bis zu dem letzten kleinen sozialistismen Funktionär, der aus seiner Heimat mit„Heil Hitler!" über die Grenze geprügelt wurde, lehnen wir jede Auseinandersetzung mit Herrn Dr. August Hell- brück über Emigralionsprobleme ab. Hunderte lafire((erster 123 illegale Kommunisten vor Gericht Dortmund, 29. Ott. Im Dortmunder Schwurgerichts- faal wurde am Samstag vom Vorsitzenden des 4. Strafsenats des Oberlandesgericht» Hamm gegen 127 wegen Vor- bereitung»um Hochverrat angeklagte K o m- »n« nisten au». Dortmund und Umgebung folgende» Urteil ver ündct. Drei der Angeklagten wurden frei- gesprochen: das Verfalirrn gegen einen Angeklagten, der in- zwischen verstorben ist, ist eingestellt, Zu ZuchthanS- strafen von einem Jahr drei Monaten bis zwei Iahren acht Monaten wurden 78 Angeklagte verurteilt, während 45 Angeklagte zu G e s ä n g n i s st r a s e n von einem Jahr einem Monat bis zu zwei Iahren drei Monaten vcrurteilt wurden. Sämtliche Angeklagten wurde die erlittene Unter- suchnngshait von fünf bis acht Monaten angerechnet. Die be- nutzten Abzugdonparate für Flugblätter wurden eingezogen und die dazu gebrauchten Platten vernichtet. .Rediens" in Dadtaa Ein weiteres Opfer des 30. Juni Von privater, durchaus vertrauenswürdiger Seile wird uns berichtet: Vor vier Wochen wurde in Würzburg be- kennt, daß der junge Rechtsanwalt Dr. Adler aus Würz- bnrg in Dachau. Ivo er seit längerer Zeit im Konzentration»- lagcr war, am-III. Juni 19 34„gestorben" ist. Seine Familie ist also erst vor vier Wochen von dem am»». Juni 1934 ersolgtcn Tode verständigt worden. 14 To!« Wieder ein Eisenbahnüberfall in Mandschukuo dub. Schanghai, 2». Okt. Wie die Zeitung„Sinwenpao" berichtet, bat eine chinesische Vande in der Nacht zum«onn- tag einen Zug bei Tunljao zur Entgleisung gebracht, obwohl der Zun von einem mands^urischen Wachkommando begleitet wurde ll Personen wurden getötet und über 20 verletzt. Unter den Toten befindet sich der mandschurische Militär- Berater in der Pro"--, Jeliol. Iasaki, der der japanischen fRilitnr'r inti'sieti.»< v'cnor beigeordnet war. Die ungebrochene Zinsknechtschaft Schacht verhöhnt den abgedankten Zinsknechlschaffsbrecher reder Vrannschwetg, 28. Okt. Hier wird ein„Tag des deutschen Handwerks" abgehalten. Von den Interessen des deutschen Handwerks hört man so gut wie nichts, von Treueschwüren auf den„Führer" um so mehr. Die einzige Rebe, die sich bisher mit Wirtschaftsproblemen beschäftigte, ist die des Reichswirtschaftsdiktators Schacht, und er hatte den Jnnungsmeistern keine srohe Botschaft zu bringen. Das Wichtigste in seiner Rebe war die Verkündigung rein „liberalistischer" Prinzipien hinsichtlich Kapital und ZinS. Es war eine offene Verhöhnung beS Programmattkers der NSDAP., Gottfried Feder, der vollkommen entmachtet ist und in irgendeinem Büro in Berlin sich einbildet, er arbeite für Vorortsiedlungen. Schacht sagte u. a.: Der Umstand, daß das Sparkassen- und Genossenschafts- wefen so eng mit dem Handwerk verbunden ist, wird die Aufmerksamkeit gerade bei Ihnen, nieinc Herren, daraus hinlenken, daß Sparen und Zins untrennbare Dinge und, und daß willkürliche und ungerechte Eingriffe in den sparzins das Sparen selbst unterbinden müssen. Zwangsmaßnahmen aus dem Gebiet des Zinses können zwar eine Aenbcruug bestehender' schulbverhältnisse herbeiführen, unterbinden aber ein Nenangebot von Sparkapital... Das deutsche Volk ist nicht auf Rosen gebettet und wird noch auslange Zeil n in seinen Wirtschaft- l ichcn Wiederaufstieg ringen müssen. Da muß sich jeder Stand und jeder Beruf bewußt bleiben, daß dieses Werk des Wiederaufbaues nur gelingen kann, wenK jeder an seinem Platz nicht nur da» Aeußerste an Leistung einsetzt, sondern auch in seinen Forderungen a» die Allgemeinheit sich bescheidet. Die Rcichsregierung ist deshalb stärkstens darauf bedacht, daß die Preisbildung nicht zw einer untragbaren Belastung der breiten Massen der Kmi- snmenten führt. Ich hebe deshalb hier noch einmal her- vor, daß die Innungen sich jeden mittelbaren und nn- mittelbaren Eingriffs in die Preisbildung zn enthalten haben. Sie sind nicht berechtigt, Mindestpreise, Höchst- preise oder Preisrichtlinien auszustellen. Das erste Ziel der Reichsregicrung ist die Bekämpfung der Arbeitslosig- keit, und. wenn die Frage etwaiger Lohnerhöhungen zn- rückgestellt werden muß, bis das Problem der ArbeitSlosig- keit völlig gelöst ist, so muß ans der anderen Seite darauf hingewirkt werden, daß die reale Kaufkraft de? jetzigen Lohnniveaus nicht durch Preiserhöhungen untergraben ivird Wir müssen uns alle daran gewöhnen, daß d i e u n g e- heuren Verlauste des Kriege» und der Nach- k r i e g S z e i t nicht in wenigen Jahren wieder eingeholt werden können: nur ein Volk, das einen dauernden zähen Arbeitswillen bekundet, wird die Stellung wieder er- ringen, die ihm Krieg und K r i e g s v e r l» st e g c- n o m m e n haben. Schacht muß große Torgen haben, wenn ihm sogar wieder eingefallen ist, daß das deutsche Volk durch„Krieg und Kriegsoerluste,, heruntergekommen ist. Bisher hörte man immer nur von den schmachvollen 14 Jahren„marxistischer Mißwirtschaft" in der Nachkriegszeit ltt „Teuerung wird nicht geduldet' Der Herr Baron befiehlt, aber die Preise gehorchen nicht Köln, 29. Okt. Zu den Gebieten, wo das Vertrauen zu dem nationalsozialistischen Regime am tiefsten gesunken ist, gehört die Rheinprovinz, und zwar in allen ihren Teilen. Man glaubt hier den Erklärungen des„Führers" und seiner Kreaturen schon lange malt mehr, und dementsprechend miß- traut man sowohl den Versicherungen über genügende Vor- rate an Lebensmitteln und Rohstoffen ivie den Beteuerungen, daß die Währung sest bleibe. Hier hamstert deshalb jeder, der es sich einigermaßen leisten kann. Run hat sich in der Vollsitzung der Industrie- und Handelskammer der Freiherr Kurt von Schröder gezen die„Elemente" gewandt, die Unruhe in die Wirtschaft tragen, nicht etwa gegen sich selbst und andere gewissenlose„Elemente", die dem wirtschaftlichen Tilletanten Hitler den Weg zur Macht und damit zum Ruin der deutschen Wirtschaft geebnet habe», sondern gegen die Bevölkerung, die nun einmal unvermeidliche Folgerungen aus der Knappheit und Unsicherheit des Warenmarktes zieht. Im Hanse Schröders hat bekanntlich die intrigante Be- sprechung zwischen Hitler und Popen stattgefunden, die den Sturz Schleichers zur Folge hatte. Dieser Baron von Schröder hat kurz und bündig de- kretierl: Im nationalsozialistischen Staat werde eine Tenernng nicht geduldet werden. Von einer Knappheit lebenswich- tiger Artikel könne nicht die Rede sein. Wenn wirklich in diesem oder jenem weniger lebensnotwendigen Artikel ein- mal vorübergehend eine Knappheit eintreten sollte, so gloube er, daß das deutsche Volk sich einen Sport und ein Vergnügen daraus machen werde, diese Gegenstände ver K&mpl geht weiter Das Dlsiho:sko!ieginn9 Planers-- Bischof Pleiser in Freiheit Dem neuen B i s ch o f s- K o l l e g i n m, das sich der Reichsbischof Müller beigegeben hat. gehören die Bischöfe E o ch iSachsen», Dietrich(Hessen),«iihlewein4 Prozent, Hammelfleisch 8 Prozent, Schweinefleisch 7 Pro- zent und Haferflocken ti Prozent mehr al» i. V. Textil. waren sind im Durchschnitt nm 7,7 Prozent gestiegen, manche Stoffe sogar um weit über 51) Prozent. Auch bei zahlreichen anderen Gegenständen des tägl'chen Bedarfs sind bedeutende Preissteigerungen festzustellen. Mach den Erklärungen des Reichöernährungsministers liegen die Großhandelspreise für Getreide, Schweine, Butter usw. heute in Deutschland etwa drei- bis viermal so hoch als aus dem Weltmarkt. Verbilligungen gibt es demgegenüber nirgend». Die Löhne und G e h ä l, e r sind höchstens stabil geblieben, tat- sächlich anch in ihrem Nennwert gesunken, weil die Zivangs- abgaben anhalten. Praktisch geschieht gegen die Teuerung nicht», und die Warnungen vor dem Hamstern machen die Bevölkerung nur noch mißtrauischer und nervöser. Repnbltft Slam? Der König will abdanken dnb. London, 29. Okt. Im Lause des Sonntags ist vom Sekretär des Königs von Stam mitgeteilt worden, daß die Abdankung noch nicht endgültig ist. Der König hat zwar von seiner Absicht, abzudanken, gesprochen. Wenn aber die siamesische Regierung und die Nationalversammlung bereit sind, die Vorrechte des Königs in der Frage des Todesurteils anzuerkennen, so ist der König willens, weiterhin auf dem Thron zu bleiben. Der unmittelbare Grund für den gegenwärtigen Konflikt ist folgender: Das"amesiiche Strafgesetzbuch enthält die Bestimmung, daß. wen» ei» Gefangener zum Tode oder lebenslänglicher Gefängnisstrafe verurteilt wird, die Zustimmung des Königs eingeholt werden muß, bevor das Urteil vollstreckt werden kann. Die siamesi'che Regierung unter der Ministerpräsident- schast Phya Bahols hat vor kurzem der Nationalversami»- lnng ein Gesetz unterbreitet, das die obige Bestimmung des Strafgesetzbuches abändert. Ein entsprechender Gesetzentwurf wurde von der Mationalversammlnna angenommen. Der König bat es jedoch abgelehnt. diese Abänderung zu beivil- ligen, da er der Ansicht ist. daß in einer solchen wichtiaen Frage, die eine Aenberuna des LandeSbrauckes bedeutet, der seit Urzeiten bestanden bat. das Volk seine Ansicht durch eine Volksbefraquna oder Neuwahlen ausdrücken muß. Da die Forderung des Königs abgelehnt worden ist, ist er der Ansicht, daß er nicht länger sähig»st, als Verteidiger der Rechte und Freiheiten seines Volke» zu handeln, und hält es Gencral-superinteiident D I b e l i u s. Niemöller führte ans. da» man sich in Dahlem darüber klar sein müsse, daß die «ekenntnissynode aus wirtlicher Vollmacht handle. Ehristns müsse der Herr der Kirche bleibe», wu ii er^ die wirklichen Kräfte müßten "brrgehcn. Auch die deutschchristlichen Pfarrer mufft man in brüderlicher Weise unter Hinweis ^»h r öutatiort$nelftbf)c ans ihren Irrwca aufmerksam lehr^alibrech'en" aanz Verstockten solle man den Vcr- * München, 29 Oktober iUniteb Preß). Alle polizeilichen neflen ben abgesetzten banc- svhJI rrift~ Meifcr sind ausgehoben worden. .Berlin. Man nimmt an. daß er in der m Ä m u t CU ittegierungskreisen. vielleicht sogar der se'nea'«m»?5 lrctcn'"ird. Demgegenüber stellt fflurm mifl enthobene wurttembergisch,- Landesbischof "^>""»ch immer unter p o l i z e i l i ch e r B e w a ch n n q. zuvb Iii üediesen Umständen aus dem Dhron Was ts! daran wahr? Südslawische Angriffe gegen Oesterreich TM«. Belgrad, 29. Oft Die Blätter wenden sich am Mo», ^g mit auffallender Entschiedenheit g e g e n O e st e r r e i ch. S.e werten den Wiener Behörden vor. daß sie die Unter- suchung gegen die im Zusammenhang mit dem Marseille! Amchlng in Wien verhafteten Personen»ich, zielbewußt ge- ^«würfe betreffen besonders de» Fall deS ehemal.gen Oberstleutnants P e r t i rf, c w i*, gegen den die U"" uchung nach einer Mitteilung aus Wie»»icktS Be- lastendes ergeben habe und der demznsolae in den nächsten nagelt auf freien Fuß gesetzt werden sollte. tiuha, f, fbonttüd)c„Vrcmc" teilt mit. daß der fraiizösftche « f» SIm»'1« i V d) Öic französische Gesandtschaft in ErthJS? f aegen die Freilassung von o...» erheben werde, dem das Blatt enge Beziehu». £i,«üiim r"««« 6rtr^ r' Pawelitsch vorwirft. „! veröffentlicht einen Aufsatz des tschechoslo- Verhaftung«I'^ im Zusammenhang mit der ^^"ts-5en>itz gegen die österreichischen Mon- Ä»mca/*""b be,anders den Generalsekretär der Ba- Wront. Oberst Adam, irredenlistischcr Ver. b ni»»gen mit den südslawischen Terroristen beschuldigt. Donmergue hat das Wort Nadi dem Sied Herriots in Nantes A. Ph. Poris, 29. Oktober. sVon unserem Korrespondenten) „Toumergue Hot dos Wort", sogt Andre Guerin im »Oeuvre" om Schlüsse seiner Würdigung der ous dem rodikolsoziolistischen Parteitag in Nantes fast einmütig ge- faßten Entschließung. Diese Entschließung will dem Kabinett Doumerguc die Weitcrarbeit ermöglichen, sie empfiehlt, im Falle eines Konfliktes zwischen dem Parlament, Kammer und Senat, und zwischen Kammer und Regierung zum Volks- entscheid die Zuflucht zu nehmen. Im übrigen soll Herriot mit seinen fünf radikalsozialiftischen Ministerkollegen nach bestem Wissen und Gewissen die Entscheidungen treffen, die die jeweilige politische Situation der nächsten Zeit erfordert. Die Entschließung icyweigt sich aber vollkommen darüber aus, ob der Kongreß der Forderung von Toumergue zustimmt, daß der Staatspräsident berechtigt sein soll die Kammer auf- zulösen— ohne die Zustimmung des Senats. Aber es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß der Kongreß geschloffen diese Forderung abgelehnt hat, und daß nun die radikalsozialiftischen Regicrnngsmitglicdcr keines- wegs berechtigt sind, von sich aus einer so weitgehenden Vcr- sassungsreform ihre Mitarbeit z» widmen. Es hängt nun alles davon ab, wie weit Ministerpräsident Doumerguc ge- neigt ist, von dieser Forderung abzugehen. Bei ihm liegt die Entscheidung. Er hat zivar erklärt, daß er nicht nachgeben werde, aber das ivar vor dem Parteitag in Nantes. Tie nächsten Tage schon werden zeigen, ob das innenpolitische Barometer Sturm oder, wenn nicht schönes, so doch wenigstens erträgliches Wetter anzeigen wird. „IS r e Nouvelle" rühmt die Weisheit des radikaltozia- tl,llschen Parteitages. Das Interesse des Fried.'».', das repu- bllkanischc Interesse, wie das der Nation und d».r Partei selbst hätten g.'.ietcrisch vom Parteitag Vernunft getordert. Im.Figaro" spendet Henry Vonofe» Herriot reiches Lob, der als Staatsmann in Nantes gesprochen habe. C.-J. Gignoux meint in„Journee Industrielle', manche Sätze in der Entschließung von Nantes hätten wohl den Zweck, ein Kompromiß zu erleichtern. Aber für den Ministerpräsidenten bedeute ein solches Kompromiß eine doppelte Gefahr: es führe einerseits zu halbe» Maßnahmen, andererseits enttäusche es einen bedeutenden Teil der Oeffentlichkcit, der sich durch die Entschiedenheit, mit der Toumergue seine Reformen angekündigt habe, habe bc- geistern lassen. .Ami dn Peuple" beschwört Doumerguc. keine Kon- zession hinsichtlich der VersassungSreform zu mamcn. Wenn Doumerguc jetzt nachgebe, werde er nur den Appetit der Leute von der Einheitsfront reizen. Gustave Hcrve spricht im„B i c t o i r e" von einer„Vcr- rrteilung mit Strafausschub". P.-L. Darnar stellt in der„H n m a» i t c" die Frage, ob das Votum, das grundsätzlich für den Burgfriede» sich auS- spicche, genügen werde, um die„Nationa>e Einheitsfront" am Leben z» erholten, die unter dein Druck der Mafien schon wacklig iverdc. „Die Vorsehung" Wie Hitler» Presse sie auffaßt Ter nationalsozialistische„Führer"(Nr. 285) orakelt: ES gibt Leute, die sagen, es gebe keinen Znsall, und solche, die daS Schicksal verneinen. Ter plötzliche Tod Poincares. von dem unnatürlichen Ableben seines politi- scheu Freundes Barthou nur wenige Tage getrennt, ist so auffällig, daß man an die Vorsehung die Frage richtet, ob hier nicht ein geheimer und strenger Ratschluß vor- liegt. Die hervorragendsten Vertreter einer alten politi- kchen Schule, die soviel Unheil und Verwirrung und auch Verderbe» über Europa gebracht haben, werden gleichsam zusammen abberufen als ob die Vorsehung den Menschen klar machen wollen, daß sie ans neuen Wegen gehen muffen, Poincare ist der treibende Geist und der zähe Versechter der Einkreisung deö kaiserlichen Deutschland vor dem Kriege gewesen, und er hat seine von unerbittlichem Haß gegen Deutschland diktierte Politik auch nach dem Kriege fortgesetzt und im Januar 1923 die Besetzung des Ruhr- gcbietes durchgeführt. Poincares Werk wurde, von Frank- reich aus gesehen, durch den Tieg im Weltkrieg gekrönt. Von Europa aus gesehen brachte es die Katastrophe, an der die Völker heute noch zu leiben haben. Barthou war der gelehrige Schüler Poincares. auch er glaubte an den Erfolg der Politik der Bündnisse und Rüstungen und übersah, daß Europa auf diesem Wea einer neuen entsetz- lichcii Katastrophe entgegengehen müßte. Für die Völker Europas ivar der fürchterliche Anschauungsunterricht des Weltkrieges überzeugend genug. Die Staatsmänner der alten Schule konnten vielleicht hier den Erkenntnissen ihrer Völker nicht folgen, weil sie ja damit ihre eigene schwere Verantwortung für die Katastrophe hätten zu- geben müssen. Die Vorsehung hat jetzt fast gleichzeitig zwei der hervorragendsten Vertreter dieser alten Schule abberufe». Sollte das nickt ein Warnungszeicken der Vorsehung sein, den Weg. den Europa zwangsläufig in neue? Elend führen muß. zu verlassen und neue Wege der Zusammenarbeit zu beschreiten? Um ganz sicher zu gehen, hat sich die„Vorsehung" bei ihrer„Abberufung" Barthous bekanntlich einer zuoer- lässigen deutschen Mauserpistole bedient. Vei Poincare war diese Waffe dann nicht mehr notwendig. Tie blutige politische Sensation aus Marseille gab dein Leidenden den Rest. Deutschland erwacht London, 29. Okt. Der„Daily Herald" veröffentlicht einen Artikel eines Sonderkorrespondenten unter der lieber- schrift:„Die Deutschen begreifen nun, daß sie getäuscht wurden." Ter Korrespondent schreibt:„Ich habe kürzlich, nach einer Abwesenheit von sechs Monaten, Deutschland be- reist, und es ist mir klar geworden, daß der Zauber, den 1er und seine Komparsen in Deutschland verbreitet hat- «••ii, endgültig seine Kraft verloren hat. Ter blinde Glaube an Worte»der Taten der Regierung besteht nur bei einige» hunderttausend Total-Nazis und wurde dem übrigen Teil des Landes von Joseph Goebbels aufgedrängt." Der eng- tische Journalist berichtet den folgenden Fall:„Der Auto- buS, in dem ich mich befand, wurde durch einen Aufmarsch der Nazis genötigt, zu halten. Es war ein Propaganda- marsch für das Winterhilsswerk... In dem Autobus be- ganu eine bittere Unterhaltung^„Wir habe« uicht vergesse», was sie mit dem Geld gemacht haben, das sie im vorigen Jahr sammelten... Gib. gib, sagen sie. wir habe» kaum genug für uns selbst, und das Lebe» wird teurer und teurer"... lind so fort— bis man bemerkte, daß ich mich an der Unterhaltung nicht beteiligte, und schwieg..." Christlidter Protest Segen die Judenverfolgungen „Grausam mißhandelt ihr"... Berlin, 2t>. Okt. Wie dcrToiibcrkorrcspvndcnt der Jüdische» Telcgrasen-Agcntur in Deutschland erfährt, ist in der letzten Zeit der deutschen Reichsregierung eine Flut von Protesten baptistifcher Gemeinden in der ganzen Welt gegen die Ent- rechtung und die Verfolgung, denen die Juden in Deutschland seit dem Machtantritt Hitlers ausgesetzt sind, zugegangen. Besonders seit dcni 14. Oktober lausen in der Berliner Reichskanzlei täglich Hunderte Telegramme baptistifcher Psarrgcmcindc» im Auslände mit Protesten gegen die Juden- Verfolgungen ein. * Warschau, 29. Okt. Die.Konferenz der Baptistcngcmciuden Polens sandte an die deutsche Reichsregicrung das solgeude Telegramm:„Grausam mißhandelt Ihr die Kinder der Zeugen Jehovas. Wir bitten dringend, die schimpfliche Be- Handlung der Juden einzustellen,' tut Ihr es nicht, dann möge Gottes Strafgericht über Euch kommen!" * Neunork, 29. Okt. Die Jahreskonserenz der protestantischen und der episkopalen Kirche, die im. Abgeordnetenhaus von Atlantic City tagte, faßte eine Resolution, in der die Per- solgung von Minderheiten seitens eines Ttaatsvolkcs als zivilisierter Völker unwürdig erklärt und insbesondere den in Deutschland verfolgten Inden die tiefe Sympathie der amerikanischen Christenheit ausgedrückt wird. Die Ausländer in rrankreich Ein selbstverständliches Verbot Paris. 29. Okt. Das Innenministerium teilt folgende Note mit: Es lausen häufig Reklamationen gegen Maßnahmen ein. die das Innenministerium gegen die in Frank- reich wohnhaften Ausländer getroffen hat. Hierzu sei fest- gestellt, daß trotz der Schwierigkeiten der gegenwärtigen Zeit Frankreich seine großzügige Gostsreuudschast nicht auf- gegeben hat. Aber es kann nicht zugelassen werde», daß diese Gastfreundschaft in einer Weise ausgenützt wird, die gegen die Interesse» des Landes verstößt. Diejenigen, die bei uns Zuflucht finden, müsse» sich über, die Bemühungen klar sein, die zu diesem Zwecke gemacht werden und sie müssen die Pflichten erkennen, die daraus entstehen. Es ist daher un- zulässig, daß sie ihren Ausenthalt in Frankreich ausnützen, um sich zu vergehen oder um eine Agitation zu betreiben, die unserem nationalen Leben schädlich ist. Von diesem Standpunkte ans ist es unmöglich geworden, die Gastfreundschaft an solche Ausländer ausrecht zu er- halten, die sich strafbare Delikte zuschulden kommen lassen oder die sich in das innere französische politsckc Leben ein- mischen, oder die auf unserem Bode» sich weiter an einer Bewegung beteiligen wollen, der sie vielleicht in ihrem Lande angehört haben. Nachdem diese Regeln ausgestellt und bekannt gegeben worden sind, erscheint es kaum mehr nötig zu sage», daß die .Beschwerden, von welcher Seite sie auch kommen mögen, gegen bescklossene Ausweisungen von Ausländer», die sich in obiger Weise schuldig gemacht haben, nicht berücksichtigt werden können, und daß die Entscheidungen unter allen Umständen ausrecht erhalten werden. Vlado Georgiew war etwa drei Monate im Schubarrest, und jeden Monat wurden von unbekannter Hand zweihun- dert Schilling eingezahlt. Er hatte ein gutes Herz und teilte brüderlich mit teilten Zellengenossen. Besonders diejenigen Intelligenzen bevorzugte„Dimitrofs"— so wurde Georgiern unter den Zellengenossen genannt— in seinem cugern Uni- gang, die itim in deutsch, franyösisch oder englisck förderlich sein konnten. Geläufig sprach er bulgarisch, serbisch, unga- risch niiö italienisch und schrieb Gedichte in serbokroatisch. Es lag etwas Herrisches in ihm und er zwang!»zusagen die jüngeren Zellengenossen dazu, morgens und nackiiiitlagS eine halbe Stunde Gymnastik mit ihm zu treiben. Wer sich nicht anschloß, bekam— keine Zigaretten von ihm. Sonst war Georgiew sehr wortkarg: erzählte wohl von seinen Rei- icn nach Berlin, Prag, Genf oder Genua, aber beteiligte sich niemals an politischen Unterhaltungen. Selbst in der Zeit nicht, als vierzig und mehr Leidcusgenosseu die Zelle <>7a im vierten Stock der Elisabethpromeuade mit ihm teil» teu und die Ottakringer und Floridodorser Sckntzbüudler mit blutigen, zerschlagenen Köpfen und Gliedern bei ihn eingepfercht wurden. Tie Tollsuß-Fey-Revvltc trug aber auch dazu bei. daß Georgiew mit seinem Schicksal unzusrie- den wurde Die für ihn eingezahlten Gelder waren schneller ausgebraucht als gewöhnlich Und anfangs März waren sie ganz ausgeblieben. Der Hunger zwang ihn zur Revolte. Eines Mvrgens erklärte„Dimitrofs" kategorisch, er träte in den Hungerstreik und wurde dann kurzerhand in Einzel- hast untergebracht. Ter stahlharte Charakter wurde dadurch zu noch größcrem Widerstand gereizt. AuS dem Zellenfenstcr rief er zum allgemeinen Hungerstreik auf und es kam tat- sächlich nicht allein in der Elisabethproineuade, sondern auch in dem Onergcbäudc Halmengassc, wo ebenfalls mehr als taufend inhaftierte Sozialisten uiiiergebracht waren, zu einer mehrtägigen Verweigerung der NahrungSanfnahme. Aus diesem Anlaß und— weil die Wiener Polizei noch mehr Platz für Unterbringung der Revolutionäre brauchte, wurde Vlado Georgiew Mitte März nach Ungar» abgeschoben,„schwarz" an die Grenze gestellt. Aus einem mir zugc- gangcnen Wiener Brief erfahre ich noch, daß Georgiew anck später wieder i» Wien sich aufgehalten hat. Au der Identität ist nicht zu zweifeln: die ungarischen Zeitungen haben auch zutreffendere Lichtbilder— auS bulgarischer Quelle- ge- bracht als das ans Marseille in die illustrierte Presse über- gegangene Paß-Foto des Attentäters. Ausfallend ist es ganz besonders, baß die Wiener Polizei- direktion bisher überhaupt geschwiegen hat und»och schweigt. Tasselbe gilt van Budaoeft das gleichfalls straußenartig den Kopf in den Tand steckt, als ginge Unaarn das Attentat überhaupt nichts oder— zu viel an. Die Verbalnote der jugoslawischen Regierung auf Festnahme eines mitbeteiligten Terroristen und die armiünderhastc Vollstreckung dieses Haftbefehls durch die ungarischen Behörden sprechen deutlich, in welcher Ricktn")■ die llnt-.rkuchilvgen geführt werden müssen. Wien und Budapest müssen gezwungen werden, zu antworten. Ali Ebeling. Dem HOnigsmönier von Marseille in einer Zeile sErinncrnugen aus einem Wiener Gesängnis) ic Beileidstelegramme von Hitler, Gömbös, Mussolini d Schuschnigg unterscheiden sich nickt von denen eines Majaryk ynd Baldwin und der preußische Ministerpräsident Hermann Göring kann bei den Leichenfeiern für Alexander ""» Jugoslawien im Brustton des zerknirschten Biedermannes versichern daß ini„dritten Reick" terroristische Ver- fchivörernester niemals eine Heimstatt finden könnten. Nebenbei wollte er seinem ehemalige» Freund Mussolini mit zarten Anspielungen dabei eins auswischen. Ter deutsche "uftgeueral wird dem Tuce niemals verzeihen, daß dieser ihn im Oktober vergangenen Jahres einen„wahnsinnigen Kindskopf" genannt hat, als Göring mit Balbo einen Plan ventilierte,„wie der Blitz aus heiterem Himmel durch einen Luftangriff aus Frankreich" den gordischen Knoten der euro- päischc» Zwietracht zu durchhaue». Balbo wurde in die Wüste geschickt, ohne daß der im Nonstopflug herbeigeeilte deutsche Luftfahrtministcr ihn noch retten konnte, und Gö- ring darf italienischen Boden nicht mehr betreten. . Kaum im Besitz der entrüsteten Auslassungen des preußischen Ministerpräsidenten bei dem Belgrader Begräbnis, wußte die internationale Presse das trockene Eingeständnis des Wolfs'schen Nachrichtendienstes registrieren, daß der autonomistifche Kroatenführcr Dr. Ante Paivelitsch in Ber- 'in unter de» Augen der doppclsichtigen Gestapo mit seinen Gesinnungsgenossen die Zentralleitung der terroristischen kroatische» Emigration etabliert hatte und dort auch das "on ihm redigierte„Nezarisua hratska Drzaua" verlegt wurde. Natürlich wußte die Gestapo davon nichts. Selbst- verständlich hat Alfred Rotenberg, der iinbestallte Außenminister des„dritten Reiches" nie mit diesen Außenseitern etwas zu tun gehabt. Es sind vage Vermutungen, daß im außenpolitischen Amt der NSDAP, ein umfangreicher Schriftwechsel mit Dr Ante Pawelitich und Kwaternik zu 'luden sei. Kein Kind— kein Engel ist so rein!— Könnte aber»ickt Herr Dr. Steinachcr. die rechte H"id Roscubergs. der Leiter der Auslandspropaganda— ""sonders für die„St'dmark"—, Auskunft geben? Dr. 5teinacker. ein ehemaliger österreichischer Offizier, gebür- Eger Kärntner, Organisator der 1918/19 gebildeten irregn- iäreu Baueruarmee. ivclckc Kärnten, Krai» und die Grenz- gebiete den Serben streitig machen wollte. Ist Dr. Tteinacher »ickt die Seele der Nazirevolten gegen Oesterreich gewesen »»d— auch heute noch? Ist die„Nezarisna hratska Trzava" nickt in der Dri'-Cl'rej Wilhelmstraße 199 in Noivawes bei Potsdam gedruckt worden, wo alle Nazi-AuslandSpropa- aandafchristc»— ohne Impressum natürlich— hergestellt werden, in>nelck''r Stacke anck immer verlangt werden! Azoren n'ckt der Gral Bossi-^ederigottj und Fürst Windiicharar, die„Veri>i»dnngsossi'iere" zwischen Dr. Ante Pawelitich und d"m..A'ßenpolitiicken Amt der NSDAP." Dann aber»ach eine iebr ernste Frage an Bossi-Federi- Svtti und Windischgracz: Haben die Herren in der Zeit von August bis November 1988 niemals etwas mit Vlado Geor- gieiv, dem Attentäter, in Berlin zu tun gehabt?— Doch wenn diese Fragen gestellt werden, meldet die Berliner Nazizentrale>m Brustton des Bedauerns— alle Lei- tniigen gestört. Kaum 2Taae»ach dem Doppelmord in Mar- scillc wußte die Oesfeutlichkeit, daß der Attentäter nicht der in dem gefälschte» Paß bezeichnete Kausinann Sylvester Ka- lcmen, fonder» der südslawische Terrorist Vlado Geor- g i c w ivar. Tie zwischen der fosioter Ochrana und dem Mar- seiller Erkennungsdienst ausgetauschten Fingerabdrücke sol- lcn diese Tatsache sofort einwandfrei festgestellt haben. So- gleich setzte eine wilde Hätz nach Helfershelfern und Hinter- männern ein. Wohl mehr als ein Dutzend mehr oder min- der belastete Äomviicen, Gesinnungsfreunde des Vlado Georgiew sind in Haft genomnien worden, deren Vergangen- hei» bis in die entlcgendsten Winkel mikroskopisch durchstöbert wird. Tonderbar— oder ist das»ur scheinbar—, daß über den Attentäter selbst und dessen Vorleben kaum noch greis- bare Daten verlautbart werden. Und doch sollen die Schleier um die Persönlichkeit Vlado Gcorgiews in erster Linie ge- lüftet iverdeu. Es ist selbstverständlich, daß die der Mit- ivisserschaft Verdächtigen den Attentäter von den Rockschößen zu fchüttel» versuchen. Deshalb ist es wichtig, zweckdienlichere Wege einzuschlagen und jene dunkle» Verbindungen bloßzu- l-aen. die den Terroristen einmal vielleicht schon jahrelang die Mittel in die Hand gaben, ein auskömmliches Dasein zu führen, kostspielige Reisen zu unternehmen und dann an der Ausführung des Mordplanes weiter«» arbeiten. Oben ist bereits gesagt worden, daß Vlado Georgiew vom August bis November 1938 sich in Berlin ausgehalten hat. Weiter mi'ß liier sestaessellt werden: Vlado Georgiew ivar von Ende Dezember 1983 bis Mitte März 1981 bei der Wie- »er Polizerdircktio» in der Elisabetlipromenadc in Schutz- hast. Er trug keine einwandfreien Jbcntitätsschriftcn ant sich und wurde deshalb so lange in Gewahrsam gehalten, weil Vlado Georgiew volizeilicherfeits die Auslage erhalten hatic, die notwendigen Schriften sich selbst zu verschaffen. Aus den Erfahrungen des Schreibers dieser Mitteilungen ist dieser Umstand einer allznaroßen Sparsamkeit des typischen wie- nerifche» VolkSckarakterS zuzuschreiben. Man hat da Men- schen in Schutzhaft— ein Jahr lana sitzen lassen, und wenn einer dieser Beteiligten nicht selbst Anstalten getroffen hätte, aus dem Bau herauszukommen, säße er bis heute noch. Da- zu kommt nock ein weiteres Argument: Ist ber Schübling kein armer Schlucker, sondern verfügt er über Barmittel, so hat die Wiener Polizei ein gewisses Interesse an einem längeren AiUentbalt in der Elisabethenpromenade. Die Preise der in eigener Reaie geführten Kantine sind dreifach höher als diejenigen erstklassiger Hotels. Und der Hunger zwingt de» Arrestanten, diese Preise zu zahlen: bekommt er doch in den ersten zehn Tagen nichts als zehn Deka Brot und— eine Wassersuppe. Der„fülirer" im„Sdiwarzcn Ferkel" A. Ph. Paris. 29. Oktober. (Von unserem Korrespondenten) Xavier de Hnuteclorque bringt jeftt im„Gringoire" dm zweiten Teil seiner großen Reportage aus dem ,. dritten Reich":„N ationalsozialismus o d er Sozialismus? Hitler am Scheideweg e". Diesen zweiten Teil betitelt er nicht ganz richtig „Unterwelt". Er will uns von den unsichtbaren Kräften erzählen, die in unermüdlicher Arbeit unter hinsafi ihres Lebens dem Nationalsozialismus das Grab graben. „Zurr schwarzen Ferkel" »Zum schwarzen Ferkel" nennt sich ein besseres Nestau- rant in Berlin, vom alten Schloß, dem Reichstag und dem Rcichswehrministerium etwa gleichweit cnlscrnt. Seit einem Dreivierteljabrhundert ist ein gut Teil deutscher Geschichte dorr„gekocht" worden. Zur Hobenzollernzeit traien sich hier die jungen Mitglieder der Hofgesellschaft mit ihren schönen Freundinnen. Das Kaiserreich verschwand, sie räumten den Staatsmännern der demokratischen Republik den Platz. Seit dem Reichstagsbrand und dem Regierungsantritt Hitlers bestehen die Gäste last ausschließlich aus höhereu Offizieren, die dem Kriegsminifterium angehören. Deshalb lade ich ins„Schwarze Ferkel" ein Ehepaar aus meinem Bekanntenkreis. Er Oberst a. D., Grostgrundbesttzer, begeisterter Monarchist und Abkömmling von französischen Emigranten. Sic, eine entzückende junge Frau, eine jener Berlinerinnen der guten Gesellschaft, die vielleicht nicht die Eleganz unserer Pariserinnen besitzen, ihnen aber an Schön- heit nichts nachgeben und sie vielleicht an Kultur übertreffen. Nehmen wir also in dem kleinen Hinterzimmer Platz, dort, wo der Eiserne Kanzler so oft speiste, dast man es heute noch die„Bismarckecke" nennt, und suchen wir diese be- rühmte Erinnerung auszunutzen, um die Unterhaltung aus die Politik zu bringen. Vergebliche Mühe. Man weicht meinen feinsten Anspielungen aus und spricht mit einer höflichen Ironie, dir mir zuwider ist und mich beschämt,-von der„französischen Politik". Kein Zweifel indessen: der Oberst a. D. und seine junge Gattin sind entschiedene Gegner Hitlers. Sie verkehrten mit dem unglücklichen Schleicher. Sie stehen in ständiger Ver- bindung mit Schloß Doorn, wo man dem„Führer" schwär- zcsreu Undank zum Vorwurfe macht. Haben sie Furcht oder trauen Sie mir etwa nicht? jedenfalls muß man zugeben, dast die Naziführcr am 39. Juni eines ihrer Ziele erreicht haben. Indem sie Generäle, Adlige und angesehene Bürger töteten, jagten sie allen angesehenen Männern eine Kugel in den Kops, lind besorgten ihnen auch einen ausgezeichneten Maulkorb. Ich muh wohl aussehen, als ob mir alle Felle fort- geschwommen sind. Um mich zu trösten, fragt mich der Oberst:„Wollen Sic eine Anekdote über„unseren" Göring hören? Eine eigenartige und völlig authentische Anekdote. Als im Jahre 1932 die Nationalsozialisten in allen Lagern Verbindung suchten, um ihre Machtergreifung vorzubereiten, begab sich„unser" Göring nach Doorn. Seine Majestät der Kaiser und König ist bereit, ihn zu empfangen. Er will in seiner Person nicht den Naziführcr, sondern den deutschen Fliegerhelden ehren. Man setzt sich in Gegenwart eines Herrschers nur, wenn man von ihm dazu aufgefordert wird. Eine alte Vorschrift der Etikette. Göring betritt den Empsangsraum und lästt sich sofort in einen Sessel fallen, um daS, was er seine Regic- rungsmethoden nennt, auseinanderzusetzen. Erste Unkorrekt- heit Tann Göring nassauert in Doorn Zigaretten Die hübichc Gattin des Obersten schneidet ihm das Wort in einer Empörung ab. die sich gar nicht in Worte sassen lästt: „Tann hat er nach den Zigaretten gegriffen!"^ „Last mich reden, liebste Freundin. Man mutz wissen, dast Seine Majestät eine Zortc Zigaretten rancht, die speziell für den Kaiser in der Türkei hergestellt werden. Er bietet sie 3) offeut fvecialisiie I DEUTSCHSPRECHEND) Münchener u. Pariser Fakultät 17, rue Reaumur Mttro Arti-et-Mttiers od. RApubllque ist zurückgekehrt und hat seine Praxis wieder aufgenommen rrauen-, Blut-, Haut«, Harn, und Geschlechtskrankheiten. Tripper, Syphi. Iis, Männerichwäche. Neueste Heilverfahren. Elektrizität. Harn». Samen, und Blutanalysen. Massige Bedingungen.(Auch lür Kassenversicherte.)^ Täglich von^- I und 4- 8,3ü Uhr. Sonn» und^ Feier. a^s von 9 bis 1 u. aut Rend. v. Tel. Arch.54-27^ Die„Deutsche Freiheit" Einzig» unabhängig» Tageszeitung Deutschlands mulj man regelmäßig lesen Bestellschein Ich ersuche um regelmäßige Zusendung der„Deutschen Freiheit Namei Straße:...... Ort: den Unt.rsdiriH selbst seinen Familienangehörigen nicht an. Göring sieht eine Schachtel Zigaretten offen vor sich auf dem Tischchen. Er nimmt sich davon eine, dann noch eine und noch eine... Man verabschiedet ihn kühl." „Hitler hat die Schachtel mitgenommen," sagte lachend die junge Frau. Die Unterhaltung wird lehrreich, aber gefährlich. Ter«he- malige Offizier beendet sie kurz mit einem Reimwort, das man seit dem 39. Juni in der besseren Gesellschaft in Deutsch- land flüstert: „Eh dich voll, frest dich dick. Halt das Maul von Politik." Wie alle erstklassigen Restaurants besitzt auch daS „Schwarze Ferkel" ein Goldenes Buch. Hier bittet man die Gäste, ihren Besuch durch eine Widmung zu bescheinigen. Ich blättere in diesem Goldenen Buch. Am 9. September 1032 hatte Hitler hier gespeist. Er kam in Begleitung von Goebbels, Göring und Brückner, dem Adjutanten des braunen Führers, und Frick, derzeitigem Reichsinnenminister. Man möchte gern Graphologe sein, um wissenschaftlich die Unterschristen der Persönlichkeiten zu untersuchen, die in ihren Händen den Weltsrieden halten. Goebbels Unterschrift, aufsteigend, das Papier kratzend, geradezu ein Schlag mit der Klaue einer Wildkatze. Görings. eine groste englische Mittelschrift mit plumpen fetten Zügen, waagerecht und un- gestüm wie ein Bajonettstich. Tie Ueberraschung ist Hitlers Unterschrift Sie fängt mit einem riesigen, brutal anmutenden H an, und dann fällt sie unleserlich in einem ganz kleinen ge- schmierten Purzelbaum ab. Wenn man nicht den Mann,.seine ungeheuren Reserven an elementarer Krast, seinen entfetz- lichen Charakter kennen würde, man sollte meinen, man habe es mit der Unterschrist eines Nervenschwachen zu tun. „Was hat er am 9. September 1032 gegessen?" „Der Herr Reichskanzler bestellte wie immer Eierkuchen und Apselkompott... Nein, er trank weder Wein noch Bier. Nur Wasser." Der Geschäftsführer gibt mir diese Auskünfte mit andäch- tiger Stimme, mit. ich weist nicht, welch unmerklichem Körnchen Mitleid Bor dem Vegetarier, der heute Deutsch- land regiert, hatte ein anderer Kanzler an diesem Tische ge- gessen, der ebenfalls danach trachtete, Europa umzustürzen, und der es auch ans dauerhafte Weise umgestürzt hat. Bismarck lebte nicht von Eierkuchen und Apselkompott. Er brauchte Fleisch, Fettigkeiten, Rheinwein, gutes deutsches Bier. Hinterher seine Tteingut-Pseife. Hitler raucht über- Haupt nicht... »Tragen Sie sich auch in dieses Verzeichnis ein." „Ich bin nicht bedeutend genug, um meinen Namen in diesem Eintragebuch zu vermerken, in dem sich Ihr Führer eingetragen hat. Rauh und höhnisch dringt der Offizier weiter in mich: „Schreiben Tie sich trotzdem ein!" Tann ersucht er den Geschäftsführer,„das andere Buch" zu bringen. Dieses andere Buch in Goldschnitt, in kostbares Saffian gebunden, ist den großen Feudal- lxrren. einigen allgemein bekannten Künstlern, den Mitgliedern der abgesetzten Furstenfamilien und vor allen den Hohenzollern vorbehalten. Hier findet man keine Unter- schritten von Hitlerleute» in buntem Durcheinander mit denen amerikanischer Vergniigungsreisendtt. Erzählungen von Zigaretten. Sesseln, Speisekarten und eigenhändigen Unterschriften— inan wird mir sagen, daS alles beweist nichts. Richtig. Es gestattet nur, allerhand zu ver- muten. Kleine Stöße künden eine Erderschütterung an, Risse '»-rseten einen Abgrund Dieser Abgrund klafft noch immer zwischen den braunen Führern und dem alten Deutschland. Mit dem 39. Juni war es nicht genug. Man braucht vielleicht noch mehr Leichname, um diesen Abgrund zuzuschütten. Die Rechtsopposition ist vorhanden. Wir werden uns nicht mehr mit ihr zu beschäftigen haben, denn, sollten nicht un- vorhergesehene Ereignisse eintreten, dann wird sie fortan nur eine passive Rolle spielen. Aber wenn sich das Blatt wenden sollte, wenn es den Kräften aus der Linken gelingen sollte, die Erderschütterung hervorzurufen, dann würden sicherlich die erzkonservativen Elemente mit großem Gewicht aus die Waagschale drücken. Tie würden versuchen,die Sieger in einem Kampf zu sein, den sie nicht mehr zu beginnen wagen würden. Verlag der„Deutschen Freiheit" Saarbrücken 3• Sdiützanstraßa 5. Postschließfach „Deutsche Ahonnemeutspceisc: Amerika Dollar Argentinien Peso Belgien belg. Fr. Dänemark Kr. England sh Frankreich fr. Fr. Holland 11. Italien Lire Luxemburg belg. Fr. Neubelgien belg. Fr. (Eupen-Malmedy) Oesterreich(verboten) Palästina sh Polen(verboten) Rumänien Lei Rußland Rubel Saargebiet fr. Fr. Schweden Kr. Schweiz schw. Fr. Spanien Peseta Tschechoslowakei Kr. im Monat 1.- 3,- 15,- 3,70 4,- 12- 1,50 10- 15,- 12- 4,- 90,- 1,- 12,- 2,60 2.40 6,- 30,- Zustell, gebühr 0.50, 1,- 5,30 2,30 1,10 3,75 0,40 5.- 5,30 5,30 1,10 30,- 7,50 1,70 0,80 2,- 5,50 Bei Zusendung unter Kreuzband durch die Post sind die Portogebühren vom Besteller mit dem Abonnementsbetrag zu entrichten. BRIEFKASTEN HIaaf Köln. Sie teilen uns mit, daß ganz Köln spottet über de« Riesenkaften, den der versoffene Ley auf dem rechten Rheinuser errichten will. Tie Schätzungen für die Kosten schwanken beinahe so sehr wie Ley nach Mitternacht. Tas„Haus der nationalen Ar- bei!" soll zwischen 60 und 130 Millionen Mark kosten. Ter Architekt heißt Klotz, der Kölner Oberbürgermeister Riese» und der Bauherr L e n. Also spricht man in Köln nur noch von dem Klotz» ricsenleyhaus. Rhciuländeriu. Sie stellen uns einen Prsvatbrief einer Beamten- frau zur Verfügung, die u. a. schreibt:„Unter den Arbeitern iit vielfach Erbitterung wegen der Teuerung. Schmalz 70, Kartoffeln 30, Butter Sä, Fleisch SO v. H. Die Haltbarkeit der Kleidung wird bezweifelt." „ZScstsalenkaud". Tem Privatbriefe eines Geschäftsmannes an Sie entnehmen wir:„In den Städten kommt man dem alten Stamm der Arbeitslosen nicht bei. Sie sind schlimm dran, es ist das Bauen nicht so recht anzukurbeln. Itnd solange dies nicht geht, fehlt vielen die Arbeit. Z. B. müßten die Banken doch Hypotheken für Reichs- bürgschasten geben, aber sie tun es nicht. Tas Reich hilft da und dort selbst nach, z. B. neue Kasernen, Parteilager und Schnlungs- lager, Jugendhäuser, Autostraßen: doch bei Millionen Arbeitslosen kann nicht alles bewältigt werden. Wenn nur im Winter die Zahl nicht ansteigt, das ist heute die schwere Sorge." Tr. R. M., Paris. Wir machen Sie auf eine Notiz ln der„Frank- furter Zeitung" aufmerksam, wonach ein jüdischer Geschäftsmann, der Ansang Juni 1033 Teutschland verlassen hat, vom Auslande a»S Beschwerde gegen den gegen ihn erlassenen ReichSfluchtsteuer-Bescheid erhob. Tarin machte er geltend, daß keine Flucht vorliege, sondern daß er a»S Furcht vor Belästigung ins Ausland gegangen sei. Ter Reichssinanzhof hat diese Beschwerde als nicht begründet zurück- gewiesen Ulla 311/34.). Im vorliegenden Falle, so sagt die oberste Instanz, könne von einem„Ausschluß der freien Willensbestimmung auf den Wohnsitz" nicht die Rede sein. Bei den heute in Teutschland bestehenden Berhältnisten sei nicht anzunehmen, daß dem Be- schwerdeslihrer irgendwelches Unrecht zugefügt werde. Strafbare Handlungen habe er nach seiner eigenen Angabe nicht begangen. Er hätte deshalb unbedenklich zurückkehren können, und zwar, wenn er seinen früheren Wohnort nicht wieder hätte aufsuchen wollen, an einen anderen Ort in Teutschland. L. H., B'llefranche. Warum sollten wir über Kritik beleidigt sein? Sie verkennen nur den politischen Charakter der„Deutschen Frei- heit", die weder ein sozialdemokratisches noch ein kommunistisches P a r t e i blatt fein will. Wir freuen uns, daß Sozialisten aller Richtungen zu unser» Lesern gehören, von„reformistischen" Feinden Hitlers bis zu den allerrötesten Revolutionären, zu denen Sie sich rechnen. Wir finden es fein, daß Sie uns auch in Zu- kunft Ihre Freundschaft erhalten wollen.— Im übrigen: über die Berhältnige im Saargebiet ist von draußen schwer zu urteilen. An viele. Wir danken für die Zuschriften, die sich mit unserem Verbot beschäftigt haben. Schreiben werden wir veröffentlichen. Was zu sagen war und unter den bestehenden Verhältnissen gedruckt werden konnte, stand in unserem Aufsatz„Nach dem Verbot". Wir danken allen Freunden und Freundinnen für ihr Gedenken. Aus Frankfurt. Sie teilen uns mit:„Auf Ihre Brieskastennott» von der Strafversetzung des Pfarrers Veidt von der Paulskirch: in Frankfurt a. M. erkundigte ich mich bei mir nahestehe n PaulSkirchenbesuchern und erfuhr nun, Pfarrer Veidt— Vater^n fünf Kindern— sei überhaupt abgesetzt und ohne Pension entlasten worden. Also auch er, der tu einem politischen TiSpui im September 1033 glaubte, mir erklären zu müssen, Teutschland sei jetzt wie ein Heer und jeder müsse eben Disziplin halten, konnte, ge- wistensgebunden, schließlich doch dem Tahinbrausen des hitlerisch- rosenbergschen Jnfernoangrisss nicht ausweichen und wurde erbarmungslos samt seiner Familie zertreten— er, dieser anti- marriftische Abgeordnete des Evangelischen VolkSdienstes! Für den Gesamtlnhol» verantwortlich: Johann P i tz In Dil»» wetler: sür Inserate: Otto Kuhn in S-a-brücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volkssttmme GmbH. Saarbrücken 3, Schützenltroße R.— Schließtag» 77g Saarbrücken Tleuiqheiten des Buchhandels 1 Kisch, E. Elnlrlll verboten Fr. gebunden Fr. 20.00 30.ÜO Roth, Jos. Der Antichrist Fr. 28.23 gebunden Fr. 31 1 ,00 tBuchhandCung.„DoiksstinuHt Saarbrücken 2, Trierer Straße 24 Neunkirchen, Hüttenbergstraße 41 iDichtiqe Tleuecscheinung. füc jeden HoUükec! BEER, Dr. M. Die auswärtige Politik des„dritten Reiches" kartoniert Fr.. 25,— gebunden Fr. 35,— Polygraphischer Verlag AG„ Zürich I Zu beziehen durch ßuehhandtunq, det VMsstunme Saarbrücken 2, Trierer Straße 24 Neunkirchen, Hüttenbergstraße 41 Für Deutschland SA AR. BEILAGE Gegen Hitler! Eine Saarhnndgebung in Paris (Von unserem Korrespondenten) A. Ph. Parts, 29. Oktober. Aast die gesamte französische Presse gibt ihren Lesern von einer Veranstaltung Kenntnis, die am Samstag in Paris stattfand, und bei der die berufensten Vertreter der Frei- heitskämpser an der Saar zu Worte kamen, um sranzösi- schen und englischen Journalisten, Politikern au? allen Lagern Frankreichs zu erzählen, wie ungeheuer der Terror ist, dem man die nicht hitlcrisch gesinnte Saarbcvölkerung aussetzt? wie unvollkommen die Abstinmtungslisten sind, an deren Zustandekommen nur die nationalsozialistisch einge- stellte„deutsche Front" mitgewirkt hat? wie die Einspruchs- srist bei weitem nicht ausgereicht hat, um alle die wissent- lichen und unwissentlichen Irrtümer auszumerzen, wie man darum die Einspruchsfrist verlängern und eine unparteiische Durchprüfung der Wählerlisten anordnen müsse. Alles das führte in dieser Versammlung zunächst einmal der ehemalige ungarische Ministerpräsident, Graf Karolyi, als Vertreter der Internationalen Unter- suchungskommission über den nationalsozialistischen Terror an der Saar aus. Er betonte, dast diese Kommission sich durchaus nicht, wie dies von der nationalsozialistischen Presse behauptet werde, in die Saarabstimmung einmischen wolle. Ihr Bestreben sei, die Ehrlichkeit der Abstimmung zu sichern und der ganzen Welt von dem Terror Kenntnis zu geben, den die Leute von der„deutschen Front" an der Saar allen anders Gesinnten gegenüber ausübten. Tie Vorsitzende der größten englischen Frauenorgani- sation. Miß Monica Whately, betonte, daß, gerade weil man wisse, baß die Saarländer Deutsche seien, man denen, die jetzt als Gegner des braunen Snstems Hitler- deutschland ablehnen, Gelegenheiten geben müsse, in anderen Zeiten bei einer erneuten Abstimmung sich für Teutschland zu entscheiden. Tann nahm ein katholischer Pfarrer aus dem Saargebiet das Wort. Eingehend schilderte er, wie sich im Lause der letzten Monate ein ungeheurer Wandel in der Stimmung der katholischen Geistlichkeit an der Saar voll- zogen habe. Während diese früher nicht an die„Greuel- Meldungen" aus dem Reiche habe glauben wollen, habe sie sich überzeugen müssen, daß die Dinge noch viel schlimmer lägen, als sie öffentlich geschildert werden. Mit ihnen habe sich ein großer Teil der katholischen Bevölkerung gewandelt. Man könne wohl sagen, daß jetzt schon zwei Fünftel aller Katholiken für den Status qno einträten. Dazu werde wohl bis zum 13. Januar noch ein Fünftel kommen. Rechne man nun noch die Anhänger der„Freiheitssront" hinzu, so werden die Hitlergegner nicht nur einen knappen, sondern sogar einen erheblichen Tieg davontragen. Bedauerlich sei es, daß Mitglieder der Abstimmungskommission, die Zeug"n von Kundgebungen gegen die Antifaschisten seien, diese noch zu entschuldigen suchten. Große Aufmerksamkeit fand Max Braun, der an Hand umfangreichen Materials nachwies, welches Ptuschwerk die Abstimmungslisten darstellten. Da erfuhren die Zuhörer— die Leser der„Deutschen Freiheit" kennen manche dieser Fälle —, wie man Tote in großer Zahl wieder zu beleben ver- sucht, indem man sie in den Abstimmungslistcn ihre Auser- stehung feiern läßt, wie ferner in einem kleinen Ort sieben in Anstalten internierte Geisteskranke in den Listen aufge- führt würden. Max Braun hob hervor, daß man aus drei Seiten Statistiken angefertigt habe— unparteiische Per», sönlichkcitcn hätten diese Arbeit geleistet— und das Ergeb- ins sei jedesmal, daß mindestens 79—80099 Fehleintragungen vorliegen müßten. Darum, so schloß der Redner, ergäben sich mit Notwendigkeit die beiden Forderungen: die Ein- spruchsfristcn müssen verlängert und die unparteiische Nach- Prüfung aller Listen angeordnet werden. Ter letzte Redner, der Führer der saarländischen Äommu- nisten, Fritz Pfordt, vertrat die Auffassung, daß es sich um rund 100 000 falsche Eintragungen handele. Es gehe nicht nur darum, Hitler am 13. Januar an der Saar zu schlagen, sondern vor allem damit die Tat zu vollbringen, mit der die endgültige Befreiung Teutschlands von der Naziherr- schaft eingeleitet werden könne. MUterismus gegen Mattkotizismus Unversöhnliche Gegensätze Ter Kamps der ersten nachchristlichen Jahrhunderte ist nicht anders zu begreifen als ein Kampf verschiedener Rasseseelen mit dem viel öpiigen Rasscchaos, wobei die syrisch-vordcr- asiatische Einstellung mit ihrem Aberglauben, Zauberwahn und sensuellen„Mysterien" alles Chaotische. Gebrochene, Zer- setzte hinter sich vereinigte und dem Christentum den zwie- spältigen Charakter ausdrückte, an dem es auch heute noch krankt... Tie Idee der Drei Einigkeit zum Beispiel war vielen Völkern des Mittclmcerbcckcns in der Form von Va- r, Mutter, Sohn bekannt, serner durch die Erkenntnis: •■•■•'njy-vit si-b ali-s" ldie Aaa'-eaatznstände der einigen Materie). Tie Mutter verkinvk'ildlichte die gebärende Erde, der Vater das zeugende Lichtvrinzip. An die Stelle der Mut- ter trat nun der„Heilige Geist" in bewußter Abkehr vom rein Körperlichen, das hagion pneuma der Griechen, der Prana der Inder. Diese betonte Geistigkeit war aber nicht in eine rassisch-völkischc Typik eingebettet, nicht von einem organischen Leben polar bedingt, sondern wurde zu einer rossenlosen Kraft.„Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann und Weib", so schreibt Paulus an die Galater. Auf Grund dieses alles Or- ganische leugnenden Nihilismus fordert er dann den Glau- ben in Christo, also eine Umkehrung aller Kultur schafsenden Werte des Griechen- und Römertums, die allerdings durch deren völlige Zersetzung sowieso gegeben war und dank der starken Ausschließlichkeit endlich die richtungslos gewordenen Menschen um sich scharte. Ein weiterer Schritt zur Verneinung naturhaiter Verbun- denheit geschah in der Togmatisierung der Jungfrauen- geburt, die als ein SonyenmythuS bei allen Völkern nach- weisbar ist, von den Tüdsceinscln bis nach Nordeuropa. Alfred Rosenberg, der vom Führer und Reichskanzler mit der weltanschaulichen Erziehung der Nation beauftragte Theoretiker des Nationalsozialismus in seinem Ruche„D er Mythus des 20. Jahrhundert s"- Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, 13.—16. Auflage, Seite 76/77. Das Ruth ist von der nationalsozialistischen Regierung allen Lehrerbibliolheken als geeignet empfohlen und in vielen Fällen auch katholischen Büchereien zwangsweise eingegliedert worden. Katholiken abgeschoben! Warnung für gleichgeschaltete Saar-Katholiken Ter amtliche Preußische Pressedienst teilt jetzt mit, daß der Regierungspräsident in Münster in gleicher Eigensckast an die Regierung des viel unbedeutenderen Bezirkes Lüneburg versetzt worden ist. Ter Regierungspräsident zur Bonscn in Stettin lsrüher in Köln) aber und der Landrat Freiherr v. Solemacher-Antweiler in Büren sowie der Regierungsvizepräsident in Hannover Graf von Wartemsleben dagegen werden in den einstweiligen Ruhestand— einstweilig in der Theorie und endgültig wohl für den Nazigcbranch— abgeschoben... Alle drei Verabschiedete tragen die Würde des akademischen juristischen Doktors. Alle sind als gläubige Katholiken bc- könnt. Es handelt sich also um solche Beamte, die, vom katho- tischen Standpunkt sich bewußt von der Mehrhcitsmcinung im damaligen Zentrum trennend, sich politisch gleichschalteten und dem„dritten Reich" ihre Dienste als in der Ochsentour erprobte Leute politisch widmen zu können. An die Saarfrauen! Wollt Ihr Schlange stehen wie im Kriege? In der nationalsozialistischen„Fränkischen Tageszeitung" (Nr. 260) wird über eine Rede des KrcisleiterS Pg. Zimmer- mann berichtet: Tann umriß er die Pflichten der politischen Leiter, denen er in einem ironisch-sarkastisch gehaltenen Brevier zeigte, wie der politische Leiter nicht lein darf. Schars trat er auch den Gerüchtemachern, Besserwissern und Hamsterern entgegen. Diese letzteren zeigen, daß sie keine Volksgenossen sind, wenn sie Vorräte zusammentragen, um vier Wochen länger durchhalten zu können, während die ehr- lichen und anständigen Volksgenossen verhungern. Ter nationalsozialistische„Westdeutsche Beobachter» vom 25. Oktober schreibt: ES wird gar nicht bestritten, daß die Einfuhr auSlän- bischer Rohstoffe und Lebensmittel den Deviseneingängen und Austauschmöglichkcitcn angepaßt werden muß. A n g st- c i n k ä u s e sühren zwangsläufig zu Preis- erhöh u n g e n. Tic sind aber für das schaf- sende Volk, das zudein vielfach zu kargem Lohn steht, einfach nicht tragbar. TaS also ist Hitlers Reich und seine„Volksgemeinschaft": Angsteinkäufe der Wohlhabenden,„mährend die ehr- lichen und anständigen Volksgenossen ver- Hunger n." Tie Reichsmark ist«leite, das Gold der Reichsbank ist futsch, die Söhne sinken, die Preise steigen, und ans Angst vor dem drohenden JnilationS- und Hangerwinter hamstert jeder, der noch etwas Geld hat. Und diese von Hitler verschuldete Bankrottwirtschaft sollen wir als Saarländer unterstützen? Wir denken nicht daran! Fort mit dem Reichsbankrottcur Hitler, damit das Teut'che Reich, unser Vaterland, wieder gesund werde. Tas ist die Losung am l3. Januar! Saarhommissar Borchel warnt vor RUchgliederong Auch in der benachbarten Pfalz setzen die Angstkäufe ein, und die Preise klettern sprunghaft in die Höhe. Wucher und Hamsterei überall. Ter Saarkommissar Bür/kel in seiner Eigenschaft als pfälzischer Gauleiter warnt die Saarländer i or der Rückgliederung, indem er ihnen— selbstverständlich in schonenden Worten— die Zustände im«dritten Reich" an- deutet: l. Es mehren sich die Mitteilungen von Partei- und Staatsstellen, daß noch mancherlei Versuche unternommen werden, unberechtigter Weise die Preise zu steigern. Diese Meldungen sind nicht mehr und nicht weniger alS Selbst- kritik dieser Partei- und Staatsstellen. Vor nicht zu langer Zeit habe ich daraus hingewiesen, daß die Prositschädlinge des Voltes— sie. mögen sein wer sie wollen— nicderzu halten sind durch rücksichtslosen solidarischen Boykott. Tie Arbeiter und die kleinen Leute haben allen Anspruch aus den Schutz, der ihnen vom Nationalsozialismus ver- sprachen wurde. Wer will etwa nnberechtigt Preissteige- rungcn damit begründen, daß sich die Löhne erhöht hätten? Nein, es wird niemand behaupten können, daß die Löhne gcktiegcn seien. Im Gegenteil, die Löhne sinken und die Preise st e i g e n. Ter Schutz, den die Nazis versprochen haben, ist nach des Saarkommissars eigenen Worten nicht eingetreten. Noch deutlicher kann Bürckel unmöglich werden. Wer Augen hat zu lesen, liest zwischen den Zeilen: wartet im Saargcbict, bis Teutschland wieder eine Regierung hat, die Hamstern und Wuchern verhindern kann. Ans derselben Seite der„Pirmasenser Zeitung" vom 2«. Oktober, die Bürckcls amtlichen Notruf bringt, lesen wir noch: Dieser Tage weilte der Leiter der pfälzischen Schasivoll- AufkaufSstelle im Tahnertal, um die Schafwolle aufz» kaufen. Im Gegensatz zu den Vorjahren wurde diesmal der dreifache Preis bezahlt." So wirkt Bürckels Kampf gegen die„Prositschädlinge"! Und noch steht aus derselben Seite über die Verhältnisse der Musiker in der Pfalz geschrieben: „Nicht weniger als 73 Prozent aller Musikkräfte hätten ein monatliches Einkommen von weniger als hundert Mark." Das ist doch die klare Mahnung des Saarkommissars an die Saarländer: Ich warne Neugierige! Haltet an der Saar, was Ihr habt.' Einheitsfront der Arbeitersportler Saarbrücken, 29. Oktober. Iii einer äußerst zahlreich beschickten Vcreinsvertreter- konfcrenz wurde die Verschmelzung der beiden im Saargebiel bestehenden Arbeitersportverbände, dem Landesverband Saar für Arbeitersport und Jugendpflege und dem Arbeiter-Turn- und-Sportbund, beschlossen. Einmütig und ohne Diskussion wurden nach zwei kurzen Referaten die von den Verbands- vorständen vereinbarten Ncbergangsbestimmuugcn an- genommen und die weiteren Ziele des neuen Verbandes ab- gesteckt. Sie sind diktiert von den Notwendigkeiten des Tages- kampkeS im Zaarqebiet und der Gesamteinstcllung der revolutionären Arbeiterklasse im Kampfe gegen den HitlerismuS. Als Glied der freien revolutionären Arbeiterklasse sehen die Arbeitersportler ihre erste Ausgabe darin, den HitlerismuS vom Taargcbiet fernzuhalten und durch einen Sieg des Status guo unseren Brüdern im Reich Hilfe zu bringen. In einer weiteren Entschließung an die beiden Sportinter- irationalcn wird dem Wunsche Ausdruck verliehen, daß sie die Zeichen der Zeit verstehen mögen und auf internationaler Grundlage ebenfalls eine Verschmelzung anstreben sollen. Eine weitere Entschließung bat einen Protest gegen die Inhaftierung und Mißbandlung der Antihitler in Deutsch- land zum Inhalt, die in der Freilasiung von Thälmann, Mierendorf und aller anderen AntiHitler fordert. Schon einmal haben die Arbeitcrsportlcr des Saargebiets den Anstoß gegeben zur Einheitsaktion der schafsenden Bc- völkernng: Es war an dem Abend, als die dem Landes- verband anaebörenden Arbeitcrlvortler von Belgien zurück- kehrten. Spontan fanden nck> die sozialistischen Lager zu sammrn, um in einer machtvollen Demonstration gegen Hitler und sein undcutscheS System zu protestieren, daß dieser Schlag damals gesessen hat, dafür waren uns Zeuge die betrübten Gesichter der Teutschsrontler an den Straßen- rändern und die Berichte der bürgerlichen Zeitungen. Seit diesem Ereignis ging eine große Welle der Einheitsaktionen der beiden sozialistischen Lager durch das Saaraebiet, die den Kampf der Einheitsfront gegen Hitler stark befruchtete. Und als erste sind eS wiederum die Arbciterfportler. die in ihrer gestrigen Konferenz das Beispiel gaben, die aus der Notwendigkeit des TageSkampkeS aeichlo«ene Einheitsfront zu einem festen organisatorischen Geiiige zusammen,;»- 'chweißen. Sind die Arbcitersvortler auch nicht ausschlaft- acbend im politischen Zeitgeschehen, so berechtigen uns doch die Begrüßungsschreiben befreundeter Organisationen und die Begrüßungsansprachen der Vertreter von Partei und Gc- u erkschakt zu der Hoffnung, daß das Augestrebte der Arbeiter- sportler Nachahmung finden wird. Einheitsfront der Arbei'ersporfler Man schreibt uns:„Das Eiuheitskomitee von Groß-Sulz- doch tumsassend die Ortsteile Altenwald. Hühnerseld. Neu weiler,«chnappach und.-rulzbachi begrüßen aufs freudigste das Zustandekommen der Vereinigung in der Arbeitersport- Bewegung. Dem Kongreß wünscht das Komitee die aller- besten Erfolge und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Ein- Seit der Arbeiterschaft der beste Garant für den Sieg des schaffenden Volkes ist. Unsere Kampfparole ist:„Durch Ein- hcit zum Sieg!" Freiheit! Rot Front! „Deutsche Freiheil", Nr. 212 ARBEIT UND WIRTSCHAFT Saarbrüchen, Dienstag. 30. Okt. «,Braunkohleti(BenzinsAG." Berlin_8. Okt. I nter«Irin Namen..Hraunkohlcn-Benzin- AG. wurde am 26. Oktober ein Unternehmen zur Herstellung von Treibstoffen und Schmierölen unter Verwendung von deutscher Braunkohle gegründet. Das Aktienkapital der Gesellschaft betlägt 100 M i I I. R M. Die Gründer sind: 1. Anbaltische Kohlen werke. 2. Braunkohlen- und Brikettindustrie(RuhiagJ, 3. Deutsche Erdöl. 4. Elektrowerke. 5. I. G. Farbenindustrie, 6 Ilse Bergbau. 7. Mitteldeutsche Stahlwerke, 8. Rheinische Braunkohle. 9. Sächsische Werke. 10. Werschrn-Weißenfels. Als Reich-koinmissar ist Reichsbankdirektor Dr. Den- m e r bestellt worden. Sit; der Gesellschaft ist Berlin. * Die Gründung der obigen Gesellschaft bedeutet einen entscheidenden Schritt zur A» sdeh» u» g d e r k ü n s t- lieben Renzinproduktion, die bisher aus wirtschaftlichen Gründen mit Rücksicht auf die Kosten nicht erfolgen konnte, die aber jetzt auf Befehl der Hitler-Regierung erzwungen wird. Die Kosten für Kunstbenzin sind teurer als für Nalurbenzin. und zwar etwa viermal. Durch Zölle und..Einfuhrregnlierungeii" wird das Reich den überhöhten Benzinpreis auf dem inneren deutschen Markt sichern. Es handelt sieh bei der Gründung der neuen Gesellschaft um Fehlinvestitionen. Der Ersatz von Produkteu durch andere, die das Mehrfache kosten, bedeutet steigende Unp'roduktivität der Gesamtwirtschaft, Sinken des Sozialprodukts und damit der Lebenshaltung. neue Export Schwierigkeiten und infolgedessen Vermehrung der Rohstoffe. Die Anmeldung von Devisen Frist für Devisenanzeige bis 31. Dezmber d. J. verlängert Personen, die am 1. Juni 1033 anhietungspflirlitige Devisen im 4t erte von über 200 RM. bisher nicht oder nicht vollständig angezeigt bähen, können nunmehr die Anzeigepflicht noch bis zum 31. Dezember 1934 erfüllen. Durch die Erstattung der Anzeige tritt Straffreiheit jedoch nur dann ein, wenn die Devisen»och vorhanden oder seit dein 1- Juni 1933 der Reirhshank angeboten worden sind bzw. bis zum Ablauf des 31. Dezembers 1934 angeboten werden. Sind Devisen, die anhietungspflichtig waren, vor dem 14. Juni 1933 zum Erwerb von im Ausland befindlichen anzeigepflichtigen Vermögensstiieken verwandt oder ist über solche Devisen vor dem Zeitpunkt des Inkrafttretens des Abschnitts III des Steueranpassungs- gesetzes verfügt worden und die Anbietung dadurch unmöglich geworden, so tritt Straffreiheit für die vor diesem Zeitpunkt begangenen DevisenzuWiderhandlungen nur dann ein. wenn die Werte bis zum 31. Dezember 1934 der Reichshank angezeigt und wenn auf Verlangen der Reichshank in dt r von Ihr zu bestimmenden Höhe Ersatplevisen abgeliefert werden. Desgleichen ist Straffreiheit auch für De visenzu Widerhandlungen hinsichtlich solcher anhietungs- Pflichtigen Werte(Devisen- oder Reichsmark forderungen gegen Ausländer) vorgesehen, die nach dein 1. Juni 1933 erworben sind. Der Clearingverkehr mW Frankreich Rückstand des Exporterlöses Die in diesen Tagen veröffentlichte Bilanz der französischen Verrechnungsstelle— Office Franco-Allemand des Paiements Commereiattx— per 20. Oktober zeigt diesmal eine leichte Ermäßigung des französischen Aktivsaldos im Verrechnungsverkehr mit Deutschland. Die Zahlungsanweisungen der Reirhshank an französische Exporteure betrugen am Bilanzstichtag rund 490( 440) Milk, denen für 419(365) Mi II. fFr. Iinporterklä rungen gegenüberstanden. Der französische Aktivsaldo stellte sich demnach auf über 70 Mill. gegen 75 2 Mill am 10. d. M. und 64 8 Mill. am 24. September d. J. Die Differenz zwischen den angemeldeten und erfüllten Exportförderungen ging in der Berichtszeit leicht zurück: da die ausgeglichenen Exportförderungen rund 144(96 6) Mill. betragen, stellt sieh der unerfüllte Saldo a u f 346(353) Millionen. Im Hinblick darauf, daß die ausgewiesenen Im- porterklärungen nicht den ganzen Importerlös darstellen, erscheinen die Aussichten eines Ausgleichs der deutsch französischen Waren- und Verrechnungsbilanz im Augenblick etwas günstiger. Allerdings dürfte auch im Falle eins wiederhergestellten Gleichgewichts infolge des 15,75 prozentigen Abzuges zugunsten der Finanzforderuug ein Teil des französischen Exporterlöses im Rückstand bleiben. Weiter steigende Sowjetbestellungen in England Wir haben in letzter Zeit mehrfach auf die Umschichtungen im russischen Außenhandel hingewiesen und dabei insbesondere auf die Steigerung de» englisch russischen Güteraustausches aufmerksam gemacht. Diese Entwicklung hat auch im September angehalten. Iii diesem Monat betrugen laut..Ost- Expreß-' die Sowjetauftriigr in England insgesamt 1,11 Lst. Millionen gegenüber nur 0.33 Millionen im September 1933, sie haben sieh mitbin mehr als verdreifacht. Der Gesamtbetrag der Sowjetbestellungen in den ersten neun Monaten 1934 war 7.76 Lst. Mill. gegenüber 3,16 im gleichen Zeit- abschnitt des Vorjahres. Nach Angaben der Londoner Sowjetstellen haben dabei die russischen Aufträge auf Maschinen und Zubehörteile 1.21 Lst. Mill. erreicht und sind damit gegenüber dem Vorjahr nahezu um das Fünffache, die Bestelbingen auf Stahl und Eisenlegierungen mit I 60 Mill. um das Vierfache und die Rohgummi Aufträge mit 2,17 um das Siebenfache gestiegen. Lerne kaufen ohne zu zahlen! Vor einem schweren Winter! Die Hitler und Goebbels kündigen jetzt einen harten Winter an, der schwere Opfer fordern werde. Um schwere Opfer zu bringen, haben die deutschen Massen nicht erst auf den Winter warten müssen, und daß Teuerung und Produktiouseiiisrhränkiing noch zunehmen werden. ist sicher. Trotzdem wäre es falsch, nun gerade den Höhepunkt der sich entwickelnden kritischen Situation für die bevorstehenden Wintermonate zu erwarten. Wenn die Nationalsozialisten so nachdrücklich auf die Schwierigkeiten des Winters hinweisen, so gerade deshalb, um dann triumphieren zu können, wenn der Winter leichter, als sie es ausgemalt bähen, überwunden wird. Deshalb ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, daß die Rohstoffnot. die zunächst den weiteren Wirtschaftsablauf bestimmt, erst im ersten Stadium ihrer Entwicklung ist! Trotz der Verbote und Beschränkungen ist die Einfuhr in diesem Jahre bisher höher gewesen als in der entsprechenden Periode der beiden Vorjahre. Wir habeil schon darauf hingewiesen, daß die Verrechnungsabkommen die Möglichkeit geboten hatten, trotz der Devisenbeschränkungen die Einfuhr stark zu steigern. Selbst dort, wo für Rohstoffe vollständige Einfuhrverbote erlassen worden waren, wie zum Beispiel für Wolle schon vor sechs Monaten, wurden diese Verbote daduceh unwirksam, daß dafür die Einfuhr der betreffenden Halbfabrikate und Fertigwaren vermehrt wurde. Es ist charakteristisch, daß die Einfuhr von Fertigwaren im September 75 Millionen erreichte und damit nicht nur über alle Monatsziffern dieses Jahres hinaus- dringt, sondern auch die Durehschniltaziffern der Jahre 1932 und 1933 übertraf, die 61 respektive 56 Millionen betrugen. Die Einfuhr von Rohstoffen und halbfertigen Waren betrug in den neun Monaten dieses Jahres im Durchschnitt 224.4 Millionen gegenüber einem Monatsdurchschnitt von nur 201 respektive 202 der beiden vorausgegangenen Jahre. Dem Volumen nach dürfte die Einfuhr iibricens zum Teil noch viel stärker gewachsen sein als dem Wert narli. Daß ein Milliardenhetrag dieser Einfuhr in den letzten Monaten nicht bezahlt worden, sondern eingefroren ist, erklärt zugleich, warum die bisherigen Beschränkimgsmaß- nahmen einen verhältnismäßig geringen Einfluß gehabt haben. Erst jetzt, wo die auswärtigen Exporteure und die Regierungen dem Sehacht auf seine betrügerischen Schliche gekommen sind, ist die Fortdauer der Einfuhr in dem bisherigen Umfang in Frage gestellt. Schacht hatte das Problem: Lerne kaufen, ohne zu zahlen! ja wirklich meisterhaft gelbst, aber schließlich haben es sogar Holländer und Engländer gemerkt, und Schacht muß auf andere Arten gewinnbringender Betätigung sinnen. Der hohe Stand der Einfuhr dieses Jahres hat sicher die Rollstofflager im Vergleich zu den Vorjahren anwachsen lassen, wenn auch ein Teil der vermehrten Zufuhr sofort von der vermehrten Produktion(Rüstungsindustrie!) verbraucht worden ist. Im ganzen dürfte das Konjunkturinstitut nicht unrecht haben, wenn es in seinem neuesten Vierteljahresherirht meint: ,.Die Robstofflage wird zur Zeit, abgesehen von den Einfuhrbeschränkungen und-reglungen, von folgenden Momenten bestimmt: Fast alle Industriezweige, die auf ausländische Rohstoffe angewiesen sind, haben sieh im Laufe des ersten Halbjahres, meist auch schon im vergangenen Jahre und im Jahre 1932, in größerem Umfang mit Rohstoffen vor- eingedeckt. Verglichen mit dem Stand von 1928 hat die Rohstoffversorgung durchgehend einen größeren Teil der Krisenverluste aufgeholt als die stobstoff Verarbeitung. Im Verlauf der letzten Monate mußten die angesammelten Vorräte zwar vielfach angegriffen werden(zum Beispiel in der Textilindustrie, in der Lederindustrie usw.). Die vorhandenen Lager dürften aber auch jetzt noch in gewissem Umfang verhindern, daß die Beschränkung der Einfuhr entsprechend auf die Produktion der verarbeitenden Industrien zurückwirkt. Der Verbrauch an fertigen Waren ist im allgemeinen durch umfangreiche Vorräte auf allen Stufen der Erzeugung und Verteilung gesichert." Daraus folgt aber, daß die Wirkung der Rohstoffnot nicht etwa ein im Winter plötzlich einsetzender und dann vor ' übergehender Zustand ist. sondern ein fortschreitender Prozeß, der voraussichtlich erst in mehreren Monaten seine vollen Wirkungen entfalten wird. Schon jetzt Produktionsrückgang! Ein gewisser Produktionsrückgang hat allerdings offenbar schon eingesetzt. Der letzte Bericht über die Produk- tioiisentwickluiig vom Ende August zeigt' i Vergleich zum Juli eine Abnahme des Wertes der industriellen Produktion von 4 400 Millionen RM. auf 4 310 Millionen; der Index des Produktionsumfanges(1928— 100) ist von 88.8 auf 86.6 gefallen. Die Erzeugung der Produktionsgüter stieg dabei leicht von 82.8 auf 83.1 an. aber die Erzeugung der KonsumtionsgUter fiel von 97,9 auf 91,9. Am stärksten war der Rückgang in der Textilindustrie von 103,2 auf 87,9 infolge der zwangsweisen Verkürzung der Arbeitszeit. Die Textil- indnstrie, für die die Zwangshewirtschaftnng ihrer Rohstoffe ja zuerst wirksam wurde, hat überhaupt bisher am meisten gelitten. In der Erfüllung der Lieferungsverpflich- tungen\on Garnen und Geweben treten immer mehr Stockungen ein. Die neuen Abschlüsse machen, wie der Gesamtverband deutscher Baumwollwebereien berichtet, mir einen Bruchteil einer normalen Mouatsmenge ans. Anf der ganzen Linie sind Repartierungen zu verzeichnen, seihst da. wo noch Lager vorhanden sind. Dabei werden in zunehmendem Maße Kunstspinnfasern verwandt. Diese vet- fälschten und verteuerten Gewebe sind für die Ausfuhr nicht zu gebrauchen. Die Zuteilung von Baumwolle(für Wolle gilt das gleiche) für Export/wecke macht aber nach wie vor Schwierigkeiten. Und so kommt der Verband zu dem melancholischen Schluß: „Ein Exportgeschäft wie früher ist nicht zu erreichen, da die deutschen Inlandspreise für den Wettbewerb auf dem Weltmarkt im allgemeinen zu hoch liegen, wa« besonder» für die Länder mit entwerteter Valuta zutrifft. Besonders wird von der ungünstigen Versorgungslage die Konfektionsindustrie betroffen. Namentlich in der Herrcnkonlektioii spielt die. Ersatjstoffverwcndüng bereits für die Wintersaison eine entscheidende Rolle, während bei der Damenkonfektion die neuen..Mischungen" erst für das Sommergeschäft in größerem Ausmaß in Verwendung kommen werden. Katastrophal aber ist die Wirkung auf den Export, der 1933 noch ea. 100 Millionen betrug. Die Schwierigkeiten, reine Gewebe zu exportfähigen Preisen zu erhalten und die Unmöglichkeit, bestimmte Lieferfristen einhalten zu können, erweisen sich neben den steigenden Preisen als immer stärkere Exporthemmnisse. Das hat aber bereits zur Abwanderung der deutsehen Konfektionsindustrie besonders nach England und Holland geführt. In Manchester allein haben sich neun Firmen etabliert, die mit ihren Lieferungen noch in die Wintersaison hioeinzukom-«< inen hoffen: eine Auswahl anderer eröffnet die Fabrikation in London. Das bedeutet natürlich dauernden Verlust der deutschen Absatzmärkte, die ja auch für den Pelzhandel und die Diamantenschleiferei schon verloren gegangen sind. Außenhandelskonflikf" Zu diesen Schwierigkeiten auf dein Inneiiinarkt gesellen sich nun immer größere in den Außenhandelsbeziehungen. Wir haben hier bereits den Konflikt mit den Vereinigten Staaten erwähnt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Gläubigerländerii erhalten die amerikanischen nicht die volle Bezahlung auf die Dawes- und Young-Anleihe. sondern nur 75 Prozent-— auch dies nur. solange die Reichsbank noch die Scrips- und Sperrmark zu den zugesagten Kursen ankauft. Die Ankündigung der Schlechterstellung erfolgte unmittelbar, nachdem die amerikanische Regierung in einer Note vom 10. Oktober der deutschen Regierung gegenüber die Erwartung ausgesprochen hatte, daß keine Diskriminierung erfolgen werde.(Schacht hatte früher wiederholt feierlich versichert, daß er daran nicht denke, aber was ist schon ein nationalsozialistisches Ehrenwort?) Denn„sie können unmöglich glauben, daß die deutsche Regierung, die die volle Bezahlung aller anderen Anleihegläubiger vornehme, entweder offen sich weigere, ihre unterschriebene Verpflichtung ehrenhaft einzulösen oder sich außerstande erkläre, eine Summe von weniger als eine Million Dollar zu transferieren, um ihre Verpflichtung zu erfüllen." Die einfältigen Amerikaner haben sich unterdessen nicht nur davon überzeugen können, daß es für Schacht schlechthin keine Unmöglichkeit gibt, eingegangene Verpflichtungen zu brechen, wenn es nur glaubt, das ungestraft tnn zu können, sondern sie machen noch die weitere Erfahrung, daß Deutschland den Handelsvertrag mit ihnen kündigt, um von der Verpflichtung der Meistbegünstigungs- klausel loszukommen. Deutschland droht, die Amerikaner nicht nur als Gläubiger, sondern auch als Warenlieferanten schlechter zu stellen als die Angehörigen anderer lAinder. Damit will es handelspolitische Zugeständnisse erpressen. Die Amerikaner haben zunächst das deutsche Ansinnen, sofort t in neue Handelsvertragsverhandlungen einzntrten— der alte Vertag läuft noch ein Jahr—, schroff abgelehnt. Unterdessen wächst die Beunruhigung in den anderen Ländern. Namentlich in Holland ist die Erregung sehr groß. Die Exporteure, die statt Zahlung unrerwerthare Sperrmarkforderungen erhalten haben, sind in Liquiditäts- Schwierigkeiten. Der frühere holländische Minister Dr. Posthuma entwickelt folgendes Bild, das übrigens nicht nur für Holland, sondern mit einzelnen Modifikationen für fast sämtliche Länder gilt, die mit Deutschland Beziehungen haben: ..Unzählige Genossenschaften. Aktiengesellschaften nnd andere Firmen, die normalerweise gänzlich oder größtenteils von der Ausfuhr nach Deutschland abhängig sind, sind jetzt finanziell festgelaufen. Sie können nirht weiter arbeiten, die Banken stellen die Kreditgewährung ein und viele Familien sind vom Untergang bedroht. Inzwischen produziert die niederländische Wirtschaft und namentlich der Acker- und Gartenhau. zahllose leicht verderbliche Erzeugnisse, an denen in Deutschland großer Bedarf besteht, die aber infolge dieser unerfreulichen Umstände in Holland auf dem Misthaufen landen. Dieser Zustand.st katastrophal. Es muß gehandelt werden,„nd es müssen Maßnahmen gegen diese unheilvollen Verhältnisse getroffen werden." Aber die Exporteure, Gläubiger und ihre Regierungen haben sich die Folgen selbst zuzuschreiben. Statt sich zu vereinigen und gemeinsam Maßnahmen zu ergreifen, die den ungeheuerlichen nationalsozialistischen Schwindel vereitelt hatten, suchten sie, jeder für sieh, durch Einzelverhand- lungen Sondervorteile herauszuschlagen. Sie haben separat verhandelt und sind separat betrogen worden. Würden sid, d.e Regierungen verständigen und z. B. dir Zahlung für alle deutschen Exporte in eine gemeinsame Verrechnung»- asse eiten, aus der Waren- und Fiiianzgläuhigrr befriedigt wurden so wäre dem Spiel des Schacht l.ald eiü Ende ge- ^° stnn|*politik lebt auch in der Wirt- Schaftspolitik das nationalsozialistische Regime von der Uli- entsehloasenheit„nd Uneinigkeit seiner Gegner. Aber auf tUt" frri,;A«liesen Zustand all- mahlten doch zu beseitigen! Dr. Richard Kern. 5>ns neue Glück. Nun ist es da und würgt. Kein Trost mehr ist auf Erden, da der Traum Der großen Wandlung also aufgeschreckt. Die ausgeweinten Augen sind erblindet, Verwest das Leben, unbegrabner Tod Dies stumpfe Brüten, Fürchten und Versinken. In das geheime Wut verlechzend schwelt. Kurt Lisutr.