Einzige unabhängige Tageszeitung veutschlands Nr. 243— 2. Jahrgang Saarbrücken, Mittwoch, den 31. Okt. 1934 Chefredakteur: M. B r a u n D ec Z)annecstag diesec Woche ist im Saacgebiet gesetzlicher Jeieetag[Allerheiligen). Ilnsece Zeitung kann deshalb mocgen nicht ecscheinen Hermann und Lily Von blauen Augen, olympischen Göttern und Politik Ein Göring-inlerview _ Belgrad, so. Oktober. -tie 22jährigc Malerin und Journalistin Lily Sergueiew bereist gegenwärtig auf ihrem Fahrrad Eurova. Nachdem sie bereits 3600 Kiloinercr auf diese Weise zurückgelegt hatte, besand iic sich gerade zur Zeit der Beisetzungsscicrlichkeiten Mr den ermordeten iugoslawischcn König Alexander I. in Belgrad, wo es ihr auf Arund freundschaftlicher Beziehungen ni der jugoslawischen Hauptstadt gelang, eine Unterredung mit Göring zu haben. «ie erzählt, welche Schwierigkeiten sie überwinden mußte, um Görings Zustimmung zu einem Interview zu erhalten, «ie wird um 3 Uhr nachmittags zur deutschen Gesandtschaft in Belgrad bestellt, aber um 6.1-5 Uhr wartet sie noch immer. Endlich ruft sie Görings Adjutant Bobenschatz:„Bitte Fräu- lein!" Doch lassen wir sie nun selbst erzählen. „Man öffnet mir die Tür. Der Augenblick ist da. Ein großer Salon. Blumen, helle Beleuchtung. Göring steht, er kehrt mir den Nttckcn zu. blättert in einer Zeitung. Er trägt die blaue Uniform eines FliegergencralS. Bei meinem Ein- tritt dreht er sich um und reicht mir die Hand. „Sie sprechen, glaube ich. weder französisch'noch englisch." sage ich zu ihm.„Leiber spreche ich nur sehr schlecht deutsch." „Ich kann etwas französisch, aber sie reden sehr gut deutsch. Wir wollen uns also in dieser Sprache unterhalten. Wo haben Sie deutsch gelernt?" „In Deutschland." Und ich erzählte ihm von meiner vorjährigen Reise. Als ich ihm erzähle, daß ich den Weg Paris—Warschau zu Fuß zurückgelegt habe, ruft Göring:„Unglaublich!" Lilli Scrgueiew erzählt nun begeistert von Görings blauen Augen.„Ich wage kaum zu glauben, daß ich mich dem ersten Manne Deutschlands nach Hitler gegenüber befinde. Seine Stimme, die ich im Reichstag hallen gehört habe, hat einen sanften Klang. Er hat ganz helle blaue Augen, blonde Haare, sein energisches Gesicht kennt ja jeder. Ich hatte ihn für unnahbar gehalten, als Ich ihn zum ersten Male in der ReichStagssitzung am letzten 13. Juli aus seinem Präsidentensitz wie einen olympischen Gott dasitzen sah. Ich finde ihn so ganz anders, von einem Wesen, das noch durch sein oft ironisches Lachen unterstrichen wird./ „Ich habe Tie ivarten lassen?" „Fa. ich habe zwei Fahre aus diesen Augenblick gewartet." „Er hebt die Augenbrauen. Lächelnd befreit er mich aus meiner Verlegenheit. „Ja," sage ich.„Seit zwei Jahren besuche ich Berlin, um Hitler und Sie kennen zu lernen. Natürlich ohne jeden Erfolg!" „Sie hätten mich telefonisch anrufen sollen, und ich hätte schon alles zustande gebracht." „Werden Tie mir einen Besuch beim Führer ermöglichen, wenn ich wieder nach Berlin komme?" „Ja." „Dann werde ich wieder hinkommen." „Wann?" „Im Januar." „Einverstanden. Sie sollen Ihn dann sehen." Jetzt bin ich ruhig.„Gestatten Sie mir, Ihnen einige Fragen zu stellen?" „Ich höre Ihnen zu." „Welchen Eindruck haben Sie von Ihrem Aufenthalt in Belgrad?" „Ich bin tief ergriffen von dem Schmerz dieses Volkes. Von diesen Leute», die. während wir im Zuge dahinrollten, auf den Knien laaen als der Leichenzug vorttberkam. Bon den Kerzen, von den Blumen, die sie mitbrachten. Bon dem Emp- fang, den sie ihrem toten Herrscher in Topola bereiteten. Ich fand die Trauerseier großartig in ihrer Einfachheit und in- folge deS Anteils, den die Bevölkerung daran nahm. Aber vor allem bewundere ich. wie ausgezeichnet die Poli.zei or- ganisicrt ist. Ich bin selbst Chef der deutscheu Polizei. Schließ- lich konnte ich mich noch vor der Königin verneigen, die sich so tapfer bei der Trauerfeier ausrecht erhielt." „Welches werden Ihrer Meinung nach die Folgen des traulichen Endes des König« aui die europäische Politik sein?" „Das kann man schwer voraussehen Alle? wird von dem Einfluß abbänaen. den dieser Tod aus die innere Politik des Lande? haben wird. Denn von dieser Politik hängt gegen- wärtig das ganze europäische Gleichgewicht ab. Wenn Prinz Paul, die Minister, das Volk lund das ist meine tiefe Ueber- zcugung) die Politik des Königs Alexander fortsetzen, dann wird die Ruhe erhalten bleiben: nichts wird sich bann im Innern ändern und nichts wird also die Außenpolitik be- einflussen können. Wenn dagegen die Parteien, die vom König für entbehr- lich gehalten und von ihm beseitigt worden waren, wieder in die Erscheinung treten und zur Macht kommen, dann kann man sich aus die Anarchie im Innern des Landes«nd aus die schlimmsten Folgen in der ganzen Welt gcsaßt machen." Diese letzten Ausführungen machte Göring in französischer Sprache, wohl, um jedes Mißverständnis bei seiner Hörerin auszuschließen. „Und glauben Sie, daß der Tod des Königs Einfluß auf die französisch-jugoslawischen Beziehungen ausübt?" „Meiner Meinung nach nicht. Denn die Beziehungen zwischen Jugoslawien und Frankreich sind eine„Tradition"." „Eine Tradition?" «Ja, eine Tradition seit dem Kriege." „Und aus die deutsch-jugoilawischen Beziehungen?" „Die Benehunaen zwischen linieren beiden Ländern sind gut und ich glaube nicht, daß sie sich irgendwie ändern werden." Welches wird, Ihrer Meinung nach, die Wirkimg der Er- mordung des Königs auf die Kleine Entente sein?" „Ich will Ihnen antworten, wie in der Außenpolitik: alles wird von der Innenpolitik des Landes abhängen. Obgleich die eigentliche Seele und der Schöpfer der Kleinen Entente dahin ist, glaube ich nicht, daß, sofern seine Nachfolger die vom König vorgezeichnete Linie innehalten, irgendeine Aenderung eintritt." „Glauben Sie nicht, daß nun, wo der König nicht mehr da ist, die beiden anderen Staaten der Kleinen Entente ver- suchen werden, die deutsch-jugoslawischen Beziehungen zu stören?" „Obgleich Bencsch ein erbitterter Feind meines Landes ist. glaube nicht nicht, daß er die vorhandenen Beziehungen beeinflussen könnte." Da ich kel« Wort verstehe, sagt mir Göring dies auf fran- Zöstsch. „In welcher Sprache unterhielten Sie sich gestern mit Mar- schall Petain?" „Französisch. Marschall Petain ist eine bedeutende Gestalt, nicht nur in physischem, sondern auch in moralischem Sinne. In dem Zuge, der uns nach Topola brachte, bot er mir einen Platz neben sich an. und wir plauderten lange. Er ist ein wirklich vornehmer Soldat, und ich begreife, daß er im Heere einen solchen Einfluß hat und bei seinen Leuten so beliebt ist." „Und jetzt wollen wir noch zu einem anderen Lande über- gehen: was halten Sie von Oesterreich? Wird dort der Nationalsozialismus ans Ruder kommen?" Präsident Göring lacht:„Oesterreich? DaS ist gegen- wärtig der dunkle Punkt! Sicher ist, daß die augenblickliche Regierung nicht lange dauern kann. Sie steht im Gegensatz zu Menschcnrecht»nd zur Gerechtigkeit" Dreimal schon hat man dem Ministerpräsidenten mitgeteilt, daß man auf ihn wartet.„Ich bin beschäftigt. Noch einen Augenblick," erwiderte er jedesmal. Ich will ibn nicht länger zurückhalten. Ich stehe aus und bitte ihn, etwas in mein kleines Buch zu schreiben. Er trägt ein:„Ein Deutschland der Ehre wird immer der sicherste Garant für den Frieden der Welt sein. Hermann Göring. General der Infanterie. Bel- grab, 111. 10. 1084." „Werden Sie Ihr Versprechen nicht vergessen?" „Nein! Nein! Im Januar in Berlin!" Eies ohne Worte Mendelssohns Denkmal entfernt Düsseldorf, 29. Okt. Am Ttadttheater auf dem Hindenburg- wall ist das Denkmal Felix Mendelssohn-Bar» t h o l d y s entfernt worden.^ Diese Tat ist die Schlußfolgerung aus der öffentlichen Aechlung Mendelssohns durch die Reichsmusikkammer. Dieser deulscheste aller deutschen Komponisten hat, trotz un- arischer Abkunft den Ruhm deutscher Musik in die Welt ge- tragen. Jetzt soll auch seine Musik zu Shakespeares „Sommernachtstraum", die von der ReichSmusikkammcr aus- drücklich„genial" bezeichnet wird, auf dem Wege über ein germanisches Preisausschreiben ersetzt werden. Unzählige Künstler sind bereits am Werke. Wesl-Ost oder Süd-Ost? Wo liegen die gefährlichsten Spannungen? Paris, Ende Oktober. A. Sch. Reinen Tisch im europäischen Südosten machen: Dieses Ziel steht heute im Vordergrunde der französi- schen Außenpolitik. Für Quai d'Orsay ist gegenwärtig die Verständigung mit Italien das aktuellste Bedürfnis. Darüber hat Laval mit dem französischen Botschafter in Rom ausführlich konferiert, es geht dabei bereits um ein fest umrissenes Programm und ganz bestimmte sachliche Kompensationsobjekte. Für die große europäische Politik ist der Südosten gewiß ein Nebentheater, ihre entscheiden- den zentralen Gegensätze liegen nicht an der Donau, es sind die deutsch-franzosischen und die deutsch-russischen Gegensätze. Die Achse der großen europäischen Spannungs- felder liegt an der Linie Paris-Berlin—Moskau in der Richtung West-Ost. Aber der Wirrwarr im Südosten hindert die Vorbereitung der großen kontinental-euro- päischen Entscheidungen. Solange zwischen Bukarest und Innsbruck, zwischen München und Saloniki die Verhält- nisse unübersichtlich sind, der Kampf aller gegen alle tobt, ist die Regluno der Sickerheitsfragen in West- und Ost- europa unmöglich. Wie 1914 kann der Funke aus dem Süd-Often ganz Europa zur Explosion bringen. Für das Hitlerdeutschland ist der Süd-Osten eine Gefahrenzone, weil der deutsche Faschismus hier auf den italienischen Faschismus stößt. Aber das„dritte Reich" sieht im Süd- Osten auch seine große Chance, hier treibt es seine ge- wagtesten Kombinationen, hier sucht es krampfhaft nach neuen Verbündeten, hier will es alle Fronten auflockern. Hier wird der tolle Versuch unternommen, den Erbfeind Jugoslawien gegen den faschistischen Verbündeten Italien auszuspielen. Frankreich will dieser Unsicherheit, im Südosten ein Ende bereiten. Laval will jenen, neben der Rußlands- Politik wichtigsten Teil des außenpolitischen Testaments von Barthou realisieren, der die A u s s ch a l t u n g d e s „dritten Reiches" aus dem europäischen S ü d- O st e n vorsieht. Die Mittel dazu sind die fran» zösisch-italienische Verständigung und die Herstellung des Gleichgewichts zwischen Italien und der Kleinen Entente im Donau-Becken. Erst nach der Lösung dieser Aufgabe wird die Gewähr geschaffen werden, daß die Explosion im Süd-Osten die Sicherheitspolitik in der Richtung West-Ost nicht durchkreuzt. Frankreich ist bereit. Italien dafür Kompensationen zu geben, aber es stellt auch feine Bedingungen. Die wichtigste unter ihnen ist, daß Italien jede Unter st ützung des ungarischen Revisionismus einzu- stellen hat, daß der Faden zwischen Rom und Buda- pest zerschnitten werden soll. Italien wird vor die Wahl gestellt, für Ungarn oder für die Kleine Entente zu optieren, die Wahl für Ungarn wird einer Entscheidung gegen Frankreich und gegen die Kleine Entente gleich- gestellt. Solange Italien Ungarn unterstützt, bleibt die Kleine Entente bedroht, fungiert Budapest als eine Brücke zwischen Rom und Berlin. Rom m i t Budapest kann in das neue System des Gleichgewichts im Süd-Osten nicht einbezogen werden. Mit anderen Worten: die Stabil!- sierung der Verhältnisse in Süd-Osten kann unter Beteili- gung Italiens nur durch die Spaltung des faschistisch- revisionistischen Staatenblocks erfolgen. Nur Rom allein kann fein Nutznießer werden, Berlin und Buda- pest sollen ausgeschaltet werden, die außenpolitische Stabilisierung der gesamteuropäischen Gegenrevolution wird dadurch unmöglich. Budapest ist bisher der ent- scheidende Stützpunkt Italiens im Süd-Osten gewesen. Der von Frankreich verlangte Bruch mit Budapest würde also eine radikale Umkehr in der Außenpolitik Mussolinis zur Folge haben müssen. Kann Mussolini diesen Bruch vollziehen? Er kann ihn wohl versprechen Aber ausführen— und auf die Dauer? Das System der festen Bündnisse oder auch nur auf die Dauer gefaßten Reglungen widerspricht dem außenpolitischen Grundsatz des italienischen Faschismus. Hier gilt das Wort, das Mussolini jeden außenpoliti- schen Kontrahenten gleichzeitig als den Feind und den Freund betrachtet. Die Proportion der gleichzeitigen Feind-und-Freund-Behandlung kann geändert werden, nicht das System. Hier gibt es keine endgültigen Brüche und keine festen Verbündeten. Das bedeutet noch nicht, daß Mussolini letzten Endes die Politik von 1915 nicht wiederholt. Aber erst nach unzähligen Schwankungen und Zweideutigkeiten So wird die französische Außen- Politik, auch bei den allergrößten Anstrengungen, kaum imstande sein, im Südosten eine bleibende Stabilisierung der Verhältnisse zu erwirken Die großen konti. nentaleuropäischen S i ch er b e i ts f r o g en in der Richtung West-Ost werden kaum vom Süd-Osten her entlastet werden können. In Mazedonien und in Oesterreich, in der Slowakei und in Dalmatien, in Siebenbürgen und in Kroatien bleiben Sprengstoffe bestehen, die im Moseltal und an der Meine! furchtbare Detonationen erzeugen können, Goebbels Abienkuntisahtion Wirrwarr m der„Arbeitsfront" Viel Geschrei, aber keine Preissenkung Die von Goebbels angekündigte Akiion gegen die Preis- ftcificri«iifl, die„schlagartig" einsetzen soll, erweist sich immer deutlicher als ein Ablenkungsmanöver Wie aus nachfolgen- der parteiamtlicher Knndgebuiig hervorgehl, soll die„Ak- tion" lediglich den Zweck haben,„Material" zu sammeln. Von-,einer soiortige» Preissenkung ist keine Rede. Tie Parteileitung lege Wert daraus, io heißt es in der Kundgebung, noch einmal festzustellen, da» es sich hier ledig- lich um eine Aktion handelt, deren Ziel es ist, eine einge- bcnde Uebersicht über die tatsachlichen Verhältnisse zu er- langen und Stimmungsberichte zu sammeln Tirekte Eingriffe in die Preisgestaltung seien also verboten. Tie Parteiglicdernngen würden ihre Kon- trolle im ive'entljcheii aus diejenigen Vernisgenossen be- schränken, welche dei Partei oder der Arbeitsfront angc- hören. Tic Industrie- und Handelskammer» sowie die Hand- werkskammer» seien gebeten worden, die Kontroll« siir die nicht organisierten Betriebe vorzunehmen. Wie bereits mitgeteilt, würden den ausführenden Partei- stelle» genaue llebersichlen über die Preisentwicklung der einzelnen Warcngruppe» zugeleitet ivcrden, um in jedem stalle ein volkswirtschaftlich und ivirtschastspolUisch richtiges Urteil zu erhalten Es«verde auch berücksichtigt werden müssen, ob eventuelle Preissteigerungen ausschließlich auf das Konto der Letzibäiidler, der Einzelhändler, gesetzt w:rden müßten oder ob die Produktion und der Großhandel die eiaenlliche Ursache zu der Preissteigerung seien. Es sei ersichtlich, daß der Erfolg der gesamten Aktion von einer klugen und alle Möglichkeiten prüfenden Turchsührung ob- hänge, wolle man nicht Gefahr lanien, ei» völlig unrichtiges oder'chiefes Bild über die tatsächliche Lage zu erhalten. Ta- bei sei der Ersola in gleichem Maße von dem richtigen Ein- sah der Parteigliederungen als auch von der Vereitwillig- kei«»nd U»terstützn»o der Wirtschaft selbst abhängig. Es dürfe in der Oeffentlichkeit nicht der Eindruck entstehen, als handle es sich hier» m eine B e r g e l t u n g S- a k t i o n, u in g e iv' f s c ll e b c l t ä t e r zu b r a n d in a r- ken, sondern man müsse sich dessen bewußt lein, daß es gelte, einerseits die llrsachcn berechtigter Klagen der Käufer- schalt zu beseitigen»nd andererseits überflüssigem Geschwätz und Gerüchten ein Ende zu bereiten. Für da» Gebiet der Lebensmittel müsse besonders be- achtet werden, daß hier große Warengruppen bereits der unmittelbaren Preiskontrolle und der Einwirkung staatlicher Stellen unterliegen, so daß hier Preise garantiert seien, die gesamtwirtschaftlich berechtigt seien und nationalsozialistischer Wirtschaftsdisziplin entsprächen. Schließlich sei noch daraus liinznweiien daß die mit der Turchsührung beaus- tragten Stellen der Partei anaewiesen seien, die Kontrolle so anzusetzen daß ieglichc» Mißtrauen der Geschäftswelt in bczun aus Schnüffeleien und AnSkiindichaftercicn irgend- welcher Betriebsgeheimnisse unterbunden werde. Der selbstlose Döring Er ernennt andere— nicht sich selbst Aus Berlin wird amtlich berichtet:„Ministerpräsident Göring hat den Schauspieler Paul H a r t m a n n zum Preußischen Staatsschauspieler ernannt." Paul Hartmann ist ein ebenso stattlicher wie vortrefflicher Künstler. Aber die Qualität eine» Staatsschauipielers— be- sitzt sie nicht Göring bereit»? Er kann den natürlichen Rang- unterschied nur durch seine eigene Ernennung zum Ober- staatsschauspieler erneuern, versteht sich mit einer neuen Fan- tasieuniform, halb Orpheus, halb Karl Moor. Die neue..nodisdiulrelie" Erst erzogen durch Hitlerjugend! Hamburg, 30. Okt. Tie„Schleswig-Holsteinische Tage»- zcitung" berichtet aus Eutin: Zwischen der Schnlbchördc des oldcnburgischen Landesteils Lübeck und dem Führer de» Bannes 137, Fricke, ist folgendes Abkommen getroffen worden: Tic Vergebung der Hochschulreife wird in Zu- kunit nach folgenden Gesichtspunkten erfolgen: l. Ist der be- treffende Schiller politisch als unbedenklich und als politisch brauchbar bekannt? 2. Sind seine charakterlich«» und persön- lichen Veranlagungen so. daß er später als ein nutzbringendes und förderndes Mitglied des Staates eingesetzt werden kann? Zu diesen beiden Fragen soll die Entscheidung bei dem Aann- sührer der HJ. liegen, da die charakterlich« und politische Er- zichung die hauptsächlichste Aufgabe der Hitler-Jugend ist. Hierdurch ist die Möglichkeit gegeben, HI.-Führern, die charakterlich, politisch und persönlich durchaus einwandfrei sind, zur Hochschulreife bzw. zum Abitur zu verhelfen, auch dann, wenn ihre Leistungen nur genügend sind. Tiefe Ab- mochnng gilt auch sinngemäß siir die Versetzung in die Ober- stufe. Angrlll" lllr DavelKsdi ♦» Berlin, 80. Okt. Ter„Angriff". Organ des Zentralvcr- lages der NSTAP-, veröffentlicht einen Artikel eine» gewissen„Dr. Sizia Karaiskakis". der ein Plädoyer für den kroatischen T e r r o r i st c» f Ii h r e r T r. Ante Pavelitsch bedeutet. In leiten Lettern wird betont, daß Tr. Ante Paveliti'ch keineswegs„ein gewisser" Pavelitsch, sondern eine markante Persönlichkeit sei. Er habe erst nach dem jugoslawischen Staatsstreich zu terroristischen Methoden gegriffen. Weiter gesteht der„Angriff" nunmehr ein. daß Pavelitsch und sei» Mitarbeiter Ielitich ll n t e r i ch l u p s in Berlin gesunden hatten, eine Tatsache, die die Welt- presse seit Wochen festgestellt hat, die aber bisher von der Goebbelspressc niit Andeutungen oder völligem Still- schweigen übergangen worden war. Rachdem Pavelitsch, fährt da» Naziblatt fort, in Wien Verbindung mit den mazedoni- scheu Nationalisten ausgenommen hatte, wandte er sich nach Berlin. Er ließ Tr. Ielitsch kommen und gab das kroatische Kampforgan„Nezavisma Hrvatjka Trzava" heran»! ein zweites kroatische» Blatt erschien in Tanzig unter der Lei- tung von Ielitich. Zu diesem Artikel des„Angrjss" ist daran zu erinnern, daß Göring in Belgrad behauptete, die deutsche Polizei habe keine Spuren irgendwelcher Betätigung der kroatischen Emigranten in Teutschland gefunden. v'e aewsfsNi'n fVa'ffn dar Mörder Belgrad, 80. Okt. jInpreß.» Tic jugoslawische Presse be- tont, daß die kroatischen Terroristen sich stets Waffen deutschen Ursprungs bedient haben. Je eine große Bestellung wurde im Juni 1032 den Firmen Mauser und Walter übergeben, die Vermittlerrolle spielte dabei die Firma Bernardoni in Trieft.„Politika" bezweifelt sogar die Existenz diese» Triester Hause« und hält es für nützlich, aufzudecken, welche Personen die Waffen an die Marseille» Attentäter lieferten. .Hallet Disziplin?" Vor einigen Tagen ist das neue Statut der„Deutschen Arbeitsfront" erschienen. Gleichzeitig gab es einen wunder- schönen, in den Sphären reinster Harmonie schwebenden Aufruf des Herrn Dr. Ler>. Alles war wieder einmal in herrlichster Volksgemeinschaft. Die gleichgeschalteten Redakteure traten in heiligen Wettbewerb mit ihren Nazi- Kollegen. Einer suchte den andern in der feierlichen Ver- herrlichung des angeblich so gelungenen Einigungswerks übertreffen. Die neue harmonische Volksgemeinschaft, das heiht der Propagandaschwindel Leys. hat gerade drei Tage ge- dauert, und schon ist auf allen Seiten ein solcher Krach um die Auslegung der paar Phrasen des Statuts im Gange, daß Ley einen neuen Aufruf erlassen muß. der für jeden, der lesen kann, deutlich genug sagt, wie es hinter den fest- lichen Kulissen der„Deutschen Arbeitsfront" aussieht: Tic Weimarer Verfassung ist nicht von ihren Feinden, sondern von ihren Freunden in Grund und Boden geritten worden, und so erhebe ich in dieser Stunde an Euch schassende Deutsche den dringenden Appell: Haltet Disziplin! Euch Amtswalter der TAF. mache ich daiiir verantivort- lich. daß mit dieser Vertonung des Führers fein«org- fältig umgegangen wird. Werdet nicht übermütig, miß- achtet die Waffe nicht, die Euch der Führer gegeben hat, son-deru erobert Euch, genau wie bisher, d u r m iahen Fleiß und unermüdliche Opfer die Achtung der- jenigen, die Ihr zu betreuen habt. In Bälde werde ich zu jedem Abschnitt der Verordnung genaueste Ausstthrungsbestimlnungen geben, und ich unter- sage jedem Amtswalter, von sich aus diese Verfassung will- kürlich auszulegen. Wir dürien und wollen nicht, daß unsere Feinde, die Reaktion, die versteckten Libe- r a l i st e n u ii d M a r x i st e n, ans einem falschen Ueber- mut unsererseits billige Triumphe ziehen. Jeden Fehler werden sie genauestens registrieren und eines Tages vorlegen Bislang, solange die Arbeitsfront nickt anerkannt war, richteten solche Fehler nicht allzuviel Schaden an. Jetzt jedoch, wo uns der Führer durch seine Verordnung vor dem Volk und vor der Welt anerkennt, tragen wir damit eine ungeheure Verantwortung. Dessen sei sich jeder, selbst der letzte Blockivalter. bewußt. Deshalb haltet Disziplin, seid auf der Hut, laßt Euch nicht aufhetzen, und arbeitet genau so weiter wie bisher. Dem Führer jedoch wollen wir damit danken, daß er in einem Jahr von uns sagen soll:„Sie haben meine Verfassung der Arbeit richtig verstanden und zum Segen des Volkes angewandt. Heil Hitler! gez. Dr. Robert L e y. Der..Maxismus" ist angeblich mausetot, aber es kann drüben keine Proklamation mehr erlassen werden, die nicht Angstrufe gegen ihn enthält. Die„Marxisten", das heißt alle denkenden Arbeiter der Stirn und der Faust, haben den Ley und sein Statut „durchaus richtig" verstanden, und sie werden dafür sorgen, daß die innere Unruhe nicht aufhört, bis Deutsch- land von den politischen Hochstaplern und Reichs- bankrotteuren befreit ist. »er sdienßlidie Plan Sdiadils Cr gibt es selber zu Ter redelnstige ReichSbankpräsident und ReichswirtschaftS» minister Dr. Schacht hat wiedermal eine große Rede gehalten und diesmal in einer Kundgebung de» Verbände» der mittel- deutichen Industrie. Diese Rede ist an sich wenig bedeutsam. Er hat erneut zu beweisen versucht, daß der ganze Arbeits- beschafsungsschwindel eine Notwendigkeit war, und daß an der Rohsioffnot natürlich da» böse Ausland schuld sel, keine»- fall» aber die Blut-uiid-Boben-Politik Darre» und der Rassenwahn de»„obersten Gerichtsherrn". Interessant aber war r», daß Schacht angesichts der gewaltigen Unzufrieden- heit, die im Lande wegen seiner Devisenpolitik herrscht, das Eingeständnis machen mußte, daß sein neuer Plan die deutsche Wirtschast in eine äußerst schwierige Lage versetzt und eine unerträgliche Ueberbürokratisterung schafft. Er erklärte wörtlich: „Ich erkläre Ihnen, daß ohne diesen sogenannten neuen Plan, den ich mit Billigung des Führer» eingeführt habe, nicht, durchzukommen ist. Der neue Plan ist scheußlich nicht nur deshalb, weil er uns an sich große Entbehrungen ans- erlegt. Daran sind wir ja gewöhnt. Er ist scheußlich auch darnm, weil er mit einer Unmenge von Bürokratie und Or- ganisation verbunden ist." Er mußte auch da» Eingeständnis machen, daß es mit der Periode de» Ausstieg» zu Ende sei und daß im Gegenteil schwere Zeiten bevorstehen. Er drückte dies wie folgt auS: „Wir werden ganz zweifellos den Riemen enger schnallen müssen, aber zum Verzagtscin ist absolut kein Grund vor- Händen. Ich wünsche Ihnen hier keine Märchen vorzu- erzählen, und ich wünsche Ihren Beifall nicht siir Dinge, die ich hinterher nicht vertreten kann. Wir sind mit Roh- stosien durchaus nicht ausreichend versorgt, aber Not ist in keiner Weise vorhanden. Da» kann ich Ihnen sagen, und wenn wir vielleicht auch an Rohstoffen verhältnismäßig knapp sind, an unsichtbaren in den Lagern sind wir so reich» lich versorgt, daß insbesondere der Konsument der breiten Masse sich gar keine Sorgen zu machen braucht. Ich bcdaure die armen Hausfrauen, die immer herumlaufen und sagen: Ich muß mir rasch noch drei Stück Seise taufen, denn die Seise wird jetzt knapp. Nein, meine Freunde, wir haben ge- nttgend Seife, wir haben genug zum Anziehen und wir haben genug zu esse» und zu trinken. Aber wir werden uns auch zweifellos einrichten müssen, daß wir Devisen, die wir be- sitzen und die wir noch bekommen, in erster Linie sachgemäß für die Rohstoffe verwenden, die wir brauchen." Notstandsgebiet Kiel Immer besser h. b. Nunmehr hat auch die Stadt Kiel das Recht er- halten, fremde Erwerbslose verhungern zu lassen. Dos Presseamt der Stadt Kiel hat mit Bewilligung des Innen- Ministeriums folgende Bekanntmachung erlassen: „Die Stadt Kiel ist zur Notstandsgemeinde erklärt worden. Wer dort zuzieht und die öffentliche Wohlfahrt»- pflege in Anspruch nehmen muh, erhält, soweit er nicht Rentner ist, eine erheblich geringere Unterstützung als andere Hilfsbedürftige. Für landwirtschaftliche Arbeiter wird ausnahmslos keine Barunterstützung mehr bezahlt, sondern nur noch Unterkunft und Verpflegung im Obbach- loienofyl geboten und diese auch nur gegen entsprechende Arbeitsleistung. Darum, landwirtschaftliche Arbeiter, meidet nach Möglichkeit die Großstadt." Reich""^* 6ben mit^^"schritlen vorwärts im„dritten Macdonald lllr Aufrüstung Er gibt sein Abrüstungsideal preis London, 20. Okt. Macdvnalb machte in dem Teil feiner bereit» gemeldeten Rede, in dem er sich mit der„Ausleh- iiungsvorlage" der Regierung befaßte, auch kurze Be- Merklingen über die Rüstungsfrage: er sagte: Wir lausen Ge- ""' r Gefahren gelausen, indem mir unsere Rüstungen und Verteidigungskräfte auf ein Mindestmaß Herabietzen ließen. Wir sind Gefahren gelaufen, um der Welt zu zeigen, baß wir aufrichtig sind. Wir sind in der Lag« geweicn, zu einer internationalen Konferenz nach der anderen zu gehen und den Leuten gerade ins Auge zu sehen, Seemächte betrachtet. Immerhin wäre nia» z» Abändern,!- die nicht mit uns übereinstimmten und nicht aan, so von der aen am Waihingtvncr Vertrag glund,atzlich bereit, und zwar Friedensliebe erfüllt waren wie wir es rls«uir ist nach der..Times" bei der.brl.ifchen Delegation.eine.grö- lm6en 1Ulfcrc lauen, don.it wir diesen Völkern und diesen Nationen ins Auge blicken und einen großen Antrieb zur Rettung des Friedens geben können. Soweit ich in Betracht komme, mach e ich ictzt lagen, baß es für uns nunmehr notwendig ist. angesichts de» Beispiels, das uns eine Nation nach der anderen gibt.« ch r i t t e z n t u n.» m n n» i n d e r W e l t zu> ch ü tz c n. Japans riotfenansprüdie Die Schwierigkeiten der Flottenkonferenz London, 30. Okt. Tie Morgenpresse befaßt sich mit dem bisherigen Verlauf der Flottenbefprechiingen. Die Lage gilt keineswegs als anSstchtSvoll. Japans Forderungen solle» vorläufig eine völlige Stockung der Verhandlunge» herbeigeführt haben„Times" berichtet Einzelheiten über die Aus- spräche zwischen den englischen und amerikanischen Vertre- tcrn am Montagvormiitag Dabei soll hauptsächlich die Lage behandelt ivorde» sein, die durch die neuen japanischen Vorschläge entstände» ist. Sowohl im englischen wie im aineri- konischen Lager wird al» Hanpthtnberni« die japanische Forderung nach völliger Gleichheit der Gesamttonnage der drei ßere Bereitschaft dazu zu finden, als bei der amerikanilchen Gegenüber den japanischen Vertnchen, zwischen Kriegsichissen mit ausgesprochenem Angrisfscharaktcr und solchen mit aus- gesprochenem Verteidigungscharakter z» unterscheiden, ist man auf britischer Seite keineswegs geneigt, zuzugeben, daß das ll-Bovi ausschließlich eine Verteidigungswaffe dar- .stelle. In der Frage der Großkampfichifse Ist keine Aendcrung z» verzeichnen. Tie britische Regierung hat ja wiederholt ihre Bereitschaft bekundet, Größe und Bestückung der Linien- schisse hcrgbziisetzen. aber die Amerikgner wollen nicht unter die Grenze von 31,000 Tonne» heruntergehen. Auch zwischen den amerikanischen»nd javanische» Vertretern hat am Mon- tagvormittag der„Times" zufolge eine zwanglose Aus- spräche stattgefunden. Der japanische Botschafter Matsudcira hat dabei dem Führer der amerikanische» Delegation. Nor- man Davis, weitere Einzelheiten über die japanische» Vorschläge mitgeteilt Von de» Amerikanern ivurde daraufhin die Bildung eines kleinen SachverständigenaiisschusieS vor- geschlagen. Von japanischer Seite wurde baS abgelehnt, da die Einigung über die Grundlinien noch nicht weit genug gediehen sei. Nack Feststellungen der„Times" sind die Be- svrecs">»ge»>,ocb keineswegs io weit, daß sick sci-o» festere ilmrisse feststellen ließen. Auch von einer Sonderoere'n- barung zwischen zwei von den drei beteiligte» Mächten könne keineswegs die Rede sein. Ein japanischer Minenleger traf in dem Haien von Lnan- Ticknan bei Tientfw«in und landet» dort tj» Mann Marin?- soldaten Die Landung der Truppen erfolgte wegen japanfeindlicher Knndgebnnge«. Döhmsoldalen h 3??Ä'.r,! IS™,* 1 ,: 1"' 1""'"SU* icne, jn Tettingen lAmt Konstanz«, kam es;n einer arö- »ereu«ch agerei. Als der mitwirkende Spielmännszugder 4 öm?°.chuüttag durch das Dorf marschierte, rufen(»8 r«ffnn m„ C'« f 1®i ucrn.Röhmsoldaten" nachge- Lij VZ' tr l.i r m„,«chlägerei. in deren Folg« der stellten^ wurde. Seine Leute ? nnund-Ultimatum: Wenn der Führer i» 10 Minn- ämillt w« I i ,r r Raihaus! Darauf wurden aber— i n!ir i« riiH i ü ontoiumen. Am Abend *^" f lioberc Anordnung von Konstanz ""»«»»««•<» * (ftu Soldat ans Lnnepille lehnte sich zu«.«it ans den, Fenster des E.sendahnzugea Als der Zug durch einen ^Yl>cr«t«"""chtung kommender * cn* npi M Unvorsichtigen und zerschmetterte i)a. Für Deutschland Gegen Hitler! BQrdfcl Hann von Versailles nidit lassen .^ et Berfailles-Bürckel hat in seiner großen Rede in Kai- serslautern sich als eifriger Anhänger des Verfatüer Tik- tats vorgestellt. Entweder ioll sich das Saarvolk Hitler nn- terwerfen oder es soll ein sllr allemal zur„Strafe" von -r eutschland losgelöst werden. Wie es einein echten Partei- tanatiker geziemt der die Interessen seiner Partei über die Interesse» Teutschlands stellt sprach Biirckcl in Kaisers- lautern folgende volksverräterischen Sätze: „Teutschland erwartet vom Völkerbund, daß diese Abstim- munq ein für allemal gültig ist. daß also eine zweite Ab- ftimmung niemals in Frage kommen kann, weil eine zweite Abstimmung gegen de« Bersailler«ertraa verstößt ... Ein Status quo aber als Uebergangsstadium für jene, die erst später zu Teutschland wollen, ist eine Vertrags- Verletzung. Wir sind überzeugt, daß Frankreich dem Ber- trag treu bleiben wird und daß die Herren vom Status quo auf die zweite Abstimmung ewig warten müssen." Vürckel ruft also Frankreich aus, im Falle der Niederlage Hitlers an der Saar den Status-quo-Zustand zu verewigen. Soweit treibt der Haß gegen die marxistische Arbeiterschaft und gegen die katholische Opposition den Abgesandten Hit- lers! Biirckcl setzt sein landcsverrätcrisches Treiben fort und er hat alle Hebel in Vemegung gesetzt, damit die deutsche Saar nur zu H-tler. nie aber zum ewigen Teutschland zn- riickkehren darf. Tas Recht des Saarvolkes ans eine zweite Abstimmung für Teutschland, wenn einst der undeutsche Hit- lerismus beseitigt wird, versuch, er jetzt unter allen Um- ständen zu vereiteln. Zu diesem Zweck beauftragt er aus dem Umwege über Berlin den deutschen Gesandten in Bern, von Weizsäcker, beim Baron Aloisi, de»»Vorsitzenden des Trcierausschnnes für die Saar geltend zu machen, daß eine zweite A b st i m m u n'g eine„V c r I c ß it n g" des Bersailler Vertrags sei. Auch bemüht sich Weizsäcker, dem Baron Alois, auseinanderzusetzen, daß die Zulassung einer zweiten Abstimmung eine„unzulässige Ein- Mischung des Völkerbundes" in den Abstimmungskamps be- deuten würde. Inwieweit diese landesverräterischen Intri- gen des Versailles-Bürckels bei den Völkerbundsbürokraten Erfolg hatten, wissen wir nicht. In gut unterrichteten Krci- sei, wird behauptet, daß die Aktion Biirckels gegen das deutsche Saarvolk ans einige Mitglieder des Hohen Rats „ihren Eindruck nicht verfehlte" Wir sind also schon so weit, daß die braunen Verräter sich bei ausländischen Regierungen als Beschützer des Bersailler Vertrages aufspielen nn» nur ihr Parteisüppchen kochen zu können. Tie Streichung der Reparationszahlungen, die vor- zeitige Räumung der Rheinlande stand auch im Widerspruch zu dem„Buchstaben" des Berkailler Vertrages. Aber keinem Menschen fiel es in Teutschland ein, dagegen zu protestieren. Rur den Braune» bleib, es vorbehalten, in einer Auseinandersetzung zwischen Teutschen den Schatten Cle- m e n c e a u S anzurufen. Wenn wir Antifaschisten siir Status quo gegen Hitler find, dann schreit die Bande:„Status quo ist nur ein UebergangS- stadium für die sranzöfiiche Annexion des Saargebiets." Wenn wir darauf antworten:„Nein, als Tcntschc wollen wir zurück zu Teutschland. Wen» Hitler gestürzt ist, muß deshalb eine zweite Abstimmung stattfinden", und die Franzosen'agen, um zn zeigen daß sie keine Absicht haben, aus die Saar die Hand zu legen-„Wir sind mit der zweiten Ab- stimmung einverstanden" dann ist es der Röchling-Biirckel- Front wieder nicht rech, und sie schreit:„Nein, das geht nicht, das widerspricht dem Buchstaben des Bersailler Tiktats." Sie kennen nur eine Parole: A u s l i es e r u n g derSaar an das braune M'o r d-Z n ch t h a n S- R e g i m e. Aber das werden wir ihnen vereiteln: Hitler wird an der Saar geschlagen und daniit wird das ivahrc Teutschland auscr- stehen. „Fantasie" und Wirhiidiheli Tie sogenannte„deutsche Front" an der Saar bekommt Sorgenfalten. Es hat sich bis ins letzte Saardorf herum- gesprochen, daß die Reichsmark des Reichsbankrotts nicht mehr los zu werden ist oder doch nur mit einem Tisagio bis zu 20 Prozent sofern man nicht mit einem Ausweis des Devisenkommissars gesegnet ist. Ties Papier aber ist beinahe so schwer zu erlangen wie ei» großer Lottcriegeivinn. Tie„Saarbrückxr Zeitung" ist immerhin schon so iveit, zuzugestehen, daß in dem herrlichen„dritten Reich" einige „Störungen" eingetreten sind. Tann aber belehrt sie uns: „Teutschland hat immerhin das ungeheure Trümmer- selb, das der große.Kriseneinbruch von 1020 hinterließ, ausgeräumt Seine Wirtschaft ist im Aufstieg, ihre Ord- nung steht fest. Sie santasieren von Teuerung und Warenmangel und beschwören die Schatten ans den verworrenen Zeilen der deutschen Inflation wieder herauf. Einzel- crscheinnngcn, falsch gedeutet werden bei ihnen ausgemalt zu einem bedrückenden Mvnnmcntalgemälde Wirtschaft- licher Not Nun: gegenwärtig liegen im Reich die Preise der Bedarfsartikel noch ausnahmslos unter dem Preis- niveau der Hochkonjunktur von 1026/27. Tic Staatsschulden sind niedriger als die der anderen Großstaaten, die Etats sind ausgeglichen. Sie Stenern fallen, die Spar- kasseneinlagen steigen bedarf es»och eines stärkeren Be- weises für die Befestigung des Vertrauens in die wirt- schaftliche Zukunft." Hitlcrdeutschland hat in der Tat das„Trümmerfeld" des Jahres 1029„aufgeräumt": die drei Milliarden Gold und Devisen in der Rcichsbank und zwei Drittel des deutschen Außenhandels sind„aufgeräumt". „Einzelerscheinungen" haben wir Dummköpfe mißver- standen? Wie schade, Saß die„Saarbriicker Zeitung" die ..voll, Utt»" Aber nur für Hitler K- tholiken? Die früher katholische, jetzt hitlerisch gekaufte„Saarbriicker Lanbcszeitnng" regt sich auf: Tie Absicht der Kommunisten, ausgerechnet die k a t h o- tischen B e r e i n S h ä u s e r für ihren haßerfüllten Kampf gegen Teutschland zu benutzen, tritt immer mehr in Erscheinung. Uns wird jetzt ein Fall bekannt, der in besonderem Maße die unerträgliche Belastung spürbar macht, die gerade der katholischen Bevölkeruna aus der An- ivendung der Saalverordnung erwächst. Dieser Tage haben nämlich Vertreter der sozialistischen und kommunistischen Partei den Versuch gemacht, sich das Burbacher Volkshaus für eine Knndgebnng zu sichern. Ter An- trag wurde von den Persönlichkeiten, die dieses katholische HauS zu betreuen haben, selbstverständlich abgelehnt. Dem zu erivartenden Hinweis aus die Taalvcrorbnnng, der an der Ablehnung naturgemäß nichts ändern konnte, folgte die uns von früher bekannte Aenßernng, daß man a e- rade auf die Benutzung des katholischen Bercinshauses Gewicht lege. Hier begegnen wir wieder einmal dein offensichtlichen Versuch, mit der mißbräuchlichen Jnansprnch- nähme der Taalverordniing gleichzeitig provokatorische Zwecke zu verbinden. Es steht zu erwarten, daß die bolsche- wistische Einheitsfront nunmehr die zuständige Stelle der Abstimmungskommission mit einem Antrag auf zwangs- weise Bereitstellung des Saales befassen wird. Die Ab- stimmungskommission wird dann zu entscheiden haben, ob sie dieses katholische Haus kür eine kommunistische Versammlung und für die Provokationen zur Verfügung stellen will, die mit ihr beabsichtigt sind. Dieser Burbacher Fast ill aus bestimmten Grünben bc- sonders bcmerkensivert. Das BolkshauS wurde nämlich dies ist ein einzigartiges Beispiel für die opferfreudige „Einzelerscheinungen" grundsätzlich verschweigt: sonst hatte sie doch so schön Gelegenheit, uns zu belehren und ihren Lesern zu zeigen, wie böse und beschränkt wir sind. Oder sollte man sich vor der Wirkung der„Einzel- erscheinungen" aus das Saargebiet fürchten? Wir veröffentlichen zum Reichsbankrott Hitlers und Schachts grundsätzlich nur Kommentare der Bankrotteure selbst und ihrer Presse. Zu dem herrlichen„Mvnumentalgeniälde", das die„Saar- brücker Zeitung" entwirft, nur einige kleine Richtigstellnn- gen: Tie Sparkasseneinlage»„steigen"? Nein, die AuS Zahlungen sind größer als die Ein Zahlungen. Tie Steuern„fallen"? Nein, es ist erst ihr„Fallen", und zwar auch nur einem kleinen Teil der Steuerzahler, in Aussicht gestellt, aber der prozentuale Abzug auch bei dem Einkommen der Minderbemittelten zum Winter- Hilfswerk und zu anderen Spenden ist schon in Kraft. Die Preise sind„noch" ausnahmslos unter dem Preis- Niveau der Hochkonjunktur von 1026/27? Erstens ist daS gc- logen und zweitens verschweigt daS Schwindelblatt, daß das Volkseinkommen unter Hitler nach feinen eigenen Zah- len rund 46 Milliarden im Jahre beträgt gegen etwa 76 Milliarden unter der„marxistischen Mißwirtschaft" ber Jahre 1026 27. „Bedarf es noch eines stärkere» Beweises"— für die Rat- uii'd Hilflosigkeit der a'e'chgeschalteten Presse, die ein ban- krottes Unter.»-::-,'rc n'" f"♦ i mliigen soll? Kraft katholischer Solidarität— in sechsjähriger Gemein- schaitsarbeit von katholischen Arbeitern in ihrer Freizeit erbaut. Die Arbeiter, die unter schwersten persönlichen Opfern dieses Werk schufen, standen von jeher, vor und nach dem Kriege, im schärfste» weltanschaulichen Gegensatz zu denen, die es jetzt siir sich in Anspruch nehmen wollen. Der politische Zweck und die kommunistische Haltung, die in diesem katholischen Bercinshaus nun vertreten werden sollen, widersprechen auf das schärfste dem Geiste, aus dem es geschaffen, und der Bestimmung, die ihin gegeben wurde. Das Haus sollte, so wurde bei seiner Einweihung ausdrück- lieft verkündet, im Dienste christlicher Gemeinschast stehen und nicht einer Gottlosen-Partei dienen: das galt bisher und das gilt auch heute noch. Ob die Kommunisten des SaargebietS eine Gottlosenpartci sind, steht noch nicht fest. Die katholischen Pfarrer, die in den Versammlungen der Einheitsfront austreten, sind jedenfalls anderer Meinung. Man darf wohl annehmen, daß die von der„Landeszeitnng" beschützten und verteidigten und angc- heilten nationalsozialistischen Massenmörder des 30. Juni gottloser sind als die kommunistischen Arbeiter an der Saar. Auch die Hitler-katholische„Sandeszeitung" wird nicht be- Haupte», daß deutsche Kommunisten deutsche Katholikenführer bestialisch ermordet und eingeäschert hätte». Tie katholische Solidarität, die das Haus in Burbach er- baut hat, in Ehren. Mag sie sich auch gegenüber denen zeigen, die gegen die Mörder der deutschen Katholikenführer kämpfen und die Religionsgemeinschaften des Taargebietes soivie alle zivilisierten geistigen Strömungen vor dem blu- tigen Terror Hitler-Teutschlands bewahren wollen. Tie katholischen Arbeiter werden gern in die Versammlung ihrer sozialistischen Arbeitsbrüder kommen, und auf die H i t l e r- K a t h o l i k e n in der„LandeSzeitung" wird man gern verzichten. Mitlerismus gegen Jiatholizismus Unversöhnliche Gegensätze Die christliche, die alten Lebensformen auswühlende Ttrö- mung erschien dem Pharisäer Saulus vielversprechend und ausnutzbar. Er schloß sich ihr mit plötzlichem Entschluß an und, ausgerüstet mit einem unzähmbaren Fanatismus, pre- digte er die internationale Weltrevolution gegen das römische Kaiserreich. Seine Lehren bilden bis aus heute trotz aller Rettungsversuche den jüdischen Grundstock, gleichsam die talmudistisch-orientalische Seite der römischen, aber auch der lutherischen Kirche. Paulus hat, was man in kireft- liehen Kreisen nie zugeben wird, dem unterdrückten natio- nal-jüdischen Ausstand die internationale Auswirkung gc- geben und dem Rassenchaos der alte» Welt den Weg noch weiter geebnet, und die Juden in Rom werden sehr wohl gcivnßt habe»,»varum sie ihm ihre Synagoge für seine Pro pagandaredcn zur Verfügung stellten. Daß Paulus sich strotz gelegentlicher Kritik des Jüdischen) bewußt gewesen ist, doch eine jüdische Sache zu vertreten, geht aus einigen gar zu offenherzigen Stellen seiner Briese hervor... Was Jesus Herkunst betrifft, so liegt, wie schon von Ehamberlain und Delitzsch betont worden ist, nicht der ge- ringste zwingende Grund zur Annahme vor, daß Jesus jüdischer Herkunft gewesen, wenn er auch in jüdischen Ge- dankengängen aufgewachsen ist.. Laut dem syrischen Ehristenprediger Ephram(4. Jahrhundert) hatte Jesus zur Mutter ein danaitisches Weib salso aus Tan geburtigt) und einen Lateiner zum Vater. Ephram sieht darin nichts Unehrenhaftes und fügt hinzu:„Jesus hat so seine Abstain- mung von zwei allergrößten und allerbcrllhmtesten Völkern hergeleitet, die mütterliche nämlich von den Syriern, die väterliche von den Römern." Ephram setzt dieses Wissen als allbekannt voraus. Alfred Rosenberg, der vom Führer und Reichskanzler mit der iveltanschauliehcn Erziehung der Nation beauftragte Theoretiker des Nationalsozialismus in seinem Buche„Der Mythus des 20. Jahrhundert Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestalten/tarn pfe unserer Zeit, 13.—16. Auflage, Seite 74 76. Das Buch ist von der nationalsozialistischen Regierung allen Lehrerbibliotheken als geeignet empfohlen und in vielen Fällen auch katholischen Büchereien zwangsweise eingegliedert worden. . zermalme die Dedrfldter" Die Katholikenparole an der Saar Wir haben gestern ausführlich über die große katholische und daher antihitlerische ChristkönigSseier der katholischen Jugend Saarbrückens in der Michaelskirchc berichtet. Ergänzend rvird uns noch mitgeteilt, daß die Gemeinde Psalinen betete, darunter die Stelle: „Den Elende» im Volke schaff' er Recht und Heil den Kindern armer Leute, doch den Bedrücker möge er zer- malmen!" Im stillen Gebete gedachten die jungen Katholiken ihres am 30. Juni unter„Heil Hitler!" ermordeten Führers Probst. Ein politischer S'raianfrag Die Regierungskommission, Abteilung össcntliche Ar- beiten, hat in bezug auf den in Nummer 22 der Wochen- schrift„Der Trutzbund" vom 28. Oktober 1034 erschienenen Artikel.„Eisenbahnpräsident Nicklaus und der Tepara- tismus", Strasantrag bei der Staatsanwaltschaft beim Obersten Abstimmungsgerichtshof gestellt. Saar-lnferesse in Polen „Die Entscheidung liegt bei den Katholiken" Warschau. 30. Oktober. Tie hiesige„Polska Zbrajna" beschäftigt sich in einem län- gcren Artikel mit der Saarsrage. Das Blatt weist darauf hin, daß die Nachbarschaft der Saar mit Elsaß-Lothringen zwischen beiden Gebieten ein unzerstörbares gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis geschaffen habe, da beide in ihrer wirtschaftlichen Struktur verschiedenartig seien und sich er- gänzten. Tas Taargebiet führe aus Elsaß-Lothringen außer Eisenerz landwirtschaftliche Erzeugnisse ein und führe dorthin mehr als 40 Prozent seiner Kohlen- und metallurgischen Erzeugung aus. Die Saarproduktion sinde ihren Hauptabsatzmarkt in Frankreich. Darüber seien sich ebenso die Wirtschastskreise wie die breiten Massen der Taarbevölke- rnng klar. Diese Tatsache sei auch das Hauptargument der Anhänger des Status quo. Tie Lage, die durch diesen Status quo geschaffen sei. sei für die Saar sehr günstig, die seit 1023 zum französischen Zollsystem gehöre, dabei aber Zollfreiheit für ihre Ausfuhr nach Teutschland genieße. Am Schlüsse kommt das Blatt auf den Kamps zwischen der ,/deutschen Front" und der„Freiheitsfront" der Sozialisten und Kommunisten zu sprechen. Tie entscheidende Rolle, so sagt es. würden unzweifelhaft die Katholiken spielen, in deren Reihen eine starke Bewegung für den Status quo im Flusse fei. Amtlicher hitlerdentscher Greuelberidit Politische Gefangene in Deutschland Wieder ein englischer Protest JH. In einem Brief an„The New GtateSman and Nation" weifen sechs englische Persönlichkeiten ans die poli- tischen Gesangenen in Deutschland hin. Die Unterzeichner sind: G. P. Gooch, Maro Agnes Hamilton, Winifred Holtby, John MaeMurray, Henry W. Nevinson, A. Maude, Royden. Es sind Namen von gutem Klang: G. G. Gooch, ein be- kannter Historiker? Mary Agnes Hamilton, eine Schrift- Heilerin? John MaeMurray von der Universität Oxford sübrigens Kriegsteilnehmer)? Henry W. Revinson, der be- rühmte Beteran des englischen Journalismus, Kriegskorre- fpondent i» flleii Feldzügen seit 1807, an den Dardanellen verwundet, Borkämpser gegen die Sklaverei, Verfasser zahl- reicher Bücher? Agnes Maude Noyden, eine Pionierin der englischen Frauenbewegung. Der Brief lautet: Zu Ansang des gegenwärtigen Regimes in Deutschland wiiyte man, daß viele Tausende von Liberalen, Sozialisten, Kommunisten, Pazifisten und jüdischen Intellektuellen in Konzentrationslagern gefangen gehalten wurden und schiver unter Mißhandlungen litten. Man gibt sich wohl seht nicht im selben Maße Rechenschaft darüber, daß trotz der laut ver- kündeten Amnestie bei Hindenburgs Tob heute der gleiche Zustand andauert. Gr ist tatsächlich noch schlimmer, denn das Propaganbaministerium und das Reichsjnstizministerium be- nützen die Amnestie, um zu erklären, die Konzentrations- lager bildeten nun einen so„unbedeutenden" Teil des deutschen Lebens, daß man Ausländern keinen Zutritt mehr zu gestalten brauche. Plan will damit den Eindruck erwecken, daß es nur noch wenige Gefangene gebe, und daß es ihnen gut gehe. Dem ist bei weitem nicht so. Die Zahl ist immer noch groß, und es sind bekannte Leute darunter. Zum Beispiel: Ernst Thälmann, der nun nach achtzehn Monaten bald vom„Bolks"gerichishof abgeurteilt werde» soll? Ernst Torgler, der im ReichstagSbrand-Prozeß frei- gesprochen wurde? Earl von Ossietzky. der ehemalige Leiter der pazifistischen Wochenschrift„Die Weltbühne"? Dr. Earl Mierendorss, ehemaliger sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter? Fritz Küster, ehemaliger Präsident der„Deutschen Friedensgeselljchast"? Dr. Hans Litten, der parteilose Rechtsanwalt, der von 1928 bis 1982 Arbeiter vor Gericht verteidigte? Dr. Theodor Neubauer, ehemaliger kommunistischer Reichstagsabgeordneter, dessen Freilassung vor einigen Monaten versprochen wurde? Ludwig Renn, der weltberühmte Bersasier von„Krieg" und anderen pazifistischen Romanen. ES sind auch noch viele in Hast, die keiner regiernngsfeind- lichen Tätigkeit beschuldigt, aber als Geiseln für andere An- gehörige ihrer Familien festgehalten werden. Darunter be- finden sich: Frau Else Steinfurth, die Witwe des kommunistischen preußischen Landtagsabgeordneten, der im vergangenen Februar von den Nazis hingerichtet wurde. Ihr Gesnnd- beitszustand ist derart, daß man mit ihrem baldigen Ab- leben rechnet, wenn sie nicht entlasten wird? Frau Eenta Beimler, deren Mann aus dem Dachauer Lager floh? ferner ihre Schwester und ihr junger Nesse? Frau Annemarie Jacobs, eine Krankenpflegerin? Frau Eilly Nadolny, die junge Frau eines komm»- Nistischen Kämpfers, die verhaftet ivurde, als sie sich nach seinem Schicksal erkundigte. Man hat auch nur zu guten Grund zu der Annahme, daß verschiedene dieser Leute— Männer und Frauen im Ge- Gefängnis schwer mißhandelt wurden,»m Geständnisse zu erlangen oder die verwandten einzuschüchtern. Dieser Brief war bereits gesetzt, als die Redaktion des „New Staiesman" von der Berurteilung Dr. Nenbaners wegen„Urkundenfälschung" erfuhr. Aus dem Nadiueben der SX. Wir druckten neulich aus der„Kölnischen Zeitung" einen Gerichtsbericht aus Köln ab. Ein„alter Kämpfer" hatte nach kurzem Wortwechsel einen Mann totgeschlagen. Daß ihn der Ermordete irgend- wie bedroht oder auch nur belästigt habe, behauptete nicht einmal der Angeklagte. Er wurde auf Grund der Hitleramnestie freigesprochen, der er nur im Uebereifer für die NSDAP, gehandelt habe. Jetfl stand ein nationalsozialistischer Sturm- / ü h r e r unter der Anklage des versuchten T otschlags vor dem Schwurgericht. Er wurde freigesprochen. Die gleichgeschaltete Presse Kölns berichtet: Am Montag stand vor dem Kölner Schöffengericht ein älterer Sturmsührer unter der Anklage des versuchten Tot- schlags. Der Angeklagte saß am Abend des Karnevalssams- tag mit seiner Frau und einigen Bekannten in einer Wirt- schaft in Mülheim. Plötzlich bekam ein am Tisch sitzendes Ehepaar Streit, in dessen Verlauf sich die Ehefrau erhob und verärgert das Lokal verließ. Der Augeklagte ging ihr bald darauf in Gesellschaft eines Freundes und denen Frau nach, um sie zurückzuholen. Da angenommen ivurde, daß die junge Frau zunächst in den in der Nähe liegenden Stadtgarten gegangen war, gingen die beiden Herren und die Dame dorthin, wo sie sich vor dem Eingang teilten, damit die Gesuchte nicht ans einem andern Weg den Garten ver- lassen konnte. Der Angeklagte traf hinten im Garten auf einer Bank ein Liebespaar an, dessen Verhalten ihn veran- laßte, den jungen Mann zur Rede zu stellen. Nach der Dar- stellung des Angeklagten erwiderte ihm nun der Gestellte, er sei SA.-Mann. was er treibe, ginge niemand etwas an. Der Angeklagte erwiderte ihm daraus, da habe er Pech gehabt, er sei nämlich Sturmsührer, und deshalb verlange er de» Aus- weis von dem Untergebenen. Er selbst wies sich mit seinem Ausweis als Sturmsührer aus. Darüber kam es aber zwischen beiden zu einem Handgemenge, bei dem der Auge- klagte von dem jungen Mann ins Gesicht geschlagen wurde. Der Sturmsührer gab nun zwei Schüsse in die Luit ab, zur Warnung für seinen Angreiser und um seinen Freund herbeizurufe». Dieser hörte auch die Schüsse, ging dem Schall nach und stieß so zu der Gruppe. Nun benahm sich der junge SA.-Mann dem Freund gegenüber derart, daß es auch mit dem Hinzugekommene» zu einem Handgemenge kam. Inzwischen war ein neuer Mann ausgetaucht, der sich als SS- Mann bezeichnete und die Partei des SA-Mannes ergriff. Als man nun z» viere» den Stadtgarten verließ, vie..unblutige" Revolution Nazimorde in der Statistik Tie Statistik über die Sterblichkeit im ersten Vierteljahr 1982, 1988 und 1984 gibt die Bewegung über dieses Gebiet der Bevölkerungsvorgänge wieder. Sie zeigt, daß im ersten Vierteljahr 1988 die Sterblichkeit in Deutschland bedeutend höher war als im gleichen Vierteljahr des Jahres vor- her und des Jahres nachher. Es betrugen die Sterbeziffern der über Einjährigen auf je tausend Einwohner und auf ein volles Jahr berechnet im ersten Vierteljahr: 1082 10,0, 1083 12.4, 1084 10,7 Das erste Vierteljahr 1083 brachte die Machtübernahme durch H.tler. Es kam dabei zivar nicht zur„Nacht der langen Messer", aber vorher und nachher wurden in Deutschland viele hunderte Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden ermordet oder totgeschlagen. Die Statistik führt die hohe Sterblichkeitszifser vor allem ans die in den ersten Monaten 1083 angeblich grassierende pfiff dieser SS.-Mann auf den Fingern, und deshalb rannte ihm der Freund des Angeklagten nach, um zu fragen, was das zu bedeuten habe. Inzwischen begann aber der SA.-Mann ivieder den Angeklagten zu stoßen, und nun zog dieser seinen Revolver und forderte den anderen zum letzten Male aus, ihm zur Wache z» folgen und keine Umstände zu machen. Trotzdem benahm sich der SA.-Mann weiter widerspenstig, und nun ieuerte der Angeklagte einen Schuß aus ihn ab, der den SA.-Mann in die Hand traf und in seiner Brust stecke» blieb. Ein zweiter Schuß traf die Brieftasche des SA.-Mannes und rief keine Verletzung hervor, er war auch nach der Dar- stellung des Sturmführers ohne seinen Willen losgegangen. In der Verhandlung bestritt der SA.-Mann als Zeuge, sich überhaupt nicht als SA.-Mann ausgegeben zu haben, ebensowenig wollte ihm bekannt gewesen sei», daß er in dem Angeklagten einen Vorgesetzten vor sich gehabt hatte. Sehr breit und ausführlich schilderte der Freund des Ange- klagten die Vorgänge. Auch nach seiner Aussage hatte sich der Zeuge so widerspenstig benommen, daß überhaupt nichts anderes übrigblieb, als ihn grob anzufassen. Nach der Beweisausnahme beantragte Erster Staatsan- ivalt T h e i s s e n den F r e i s p r u ch des Angeklagte» oder Einstellung des Verfahrens aus Grund des Amnestie- gesetzes Das Urteil lautete aus F r e i s p r u ch ans Kosten der Staatskasse. In der Begründung ging der Vorsitzende noch einmal auf den Vorgang in seinen Einzel- heilen ein. ES sei die Pflicht des Angeklagten gewesen, sagte er. den widerspenstigen Untergebenen zur Wache zu bringen. Der Zeuge könne sich nicht darauf berufen, er habe nicht geglaubt, einen Sturmsührer vor sich zu haben, denn der Angeklagte habe ihn noch gewarnt, er werde von seiner Waffe Gebrauch machen. Alles spreche dabei gegen die Tötungsabsicht des Angeklagten, der nur die Absicht ge- habt habe, den SA.-Mann zur Wache zu bringen. Es sei auch nicht anzunehmen, daß sich der Angeklagte über den Grundsatz der Kameradschaft hinwegsetzen wollte. Objektiv erscheine, daß er nicht berechtigt gewesen sei, auch nicht nach der TA.-Dienstordnung von der Waffe Gebrauch z» machen. Aber der Angeklagte mache geltend, daß er sich in seinem Recht gefühlt habe, und dieser Ansfassung pflichte auch der Brigadeführer bei. Es sei also dem Angeklagten danach nicht nachzuweisen, daß er sich nicht für berechtigt gehalten habe, zur Aufrechterhaltnng der Disziplin von der Waiie Gebranch zu machen. Ans dieser subjektiven Einstellung sei dem Angeklagten kein Verschulde» nachzuweisen. Grippe zurück. Sie muß aber doch zugeben, daß in den Ge- meinden mit über IL000 Einwohnern die Zahl der an Ge- Hirnschlag und Lähmung ohne nähere Angaben, an Herz- krankhetten und Lungenentzündung Gestorbene» im ersten Vierteljahr 1988 vedeutend höher war, und zwar um 1420. Es ist bekannt geworden, daß bei einer ganzen Anzahl von Opfern, die de» Mißhandlungen in den SA.-»afernen, den Gefängnissen und de» Konzentrationslagern erlegen sin^ der nationalsozialistische Arzt als Todesursache Gehirn» schlag, Herzschlag, Herzkrankheiten oder Lungenentzündung amtlich festgestellt hat. Außerdem kamen im ersten Viertel- jähr 1088 215 Personen durch Mörd oder Totschlag ums Leben. Auch diese Ziffer liegt erheblich über denen der Jahre 1082 und>084. Es erscheint demnach in diesen hohen Sterblichkeitszisferu ei» Teil der von den Faschisten gemordeten Opfer wieder. Entgegen den periodisch wiederkehrenden Beteuerungen der führenden Nationalsozialisten, die kaum 80 biS 40 Opfer Ihrer„Revolution" zugeben, ist die Zahl der bei der Aus- richtung des faschistischen Terrorregimes Gemordeten vorsichtig mit mindestens 1300 Personen einzusetzen. Tragödie in Italien Amnestiert und doch weiter gefangen Es ist längst bekannt, daß die von Mussolini gewährten „Amnestien" nichts als Komödie sind, die das Ausland täuschen, aber den Opsen, der faschistischen Verfolgung keinen Vorteil bringen soll. Der Fall Alexander Perti- n i, des jungen Helden des italienischen Antifaschismus, erschüttert aber selbst jene, die beim Faschismus auf das Schlimmste gefaßt sind. Pertini wurde im Mai 1028 iu Italien verhaltet, wohin er sich illegal zu Propagandazwecken begeben hatte. Eine Verurteilung zu zehn Iahren Kerker bildete den Abschluß eines Prozesses, in dessen Verlauf Pertini sich so mutig benahm, daß er selbst dem römische» Korrespondenten des„Temps"— und das will viel sage»— Bewunderung abnötigte. Vorher schon war Pertini in Abwesenheit zu einigen Monaten Gefängnis verurteilt worden, weil er Italien in demselben Boot verlasse» hatte, das Ende 102«! Filippo Turati nach Korsika entführte. Insgesamt betrug seine Strafe daher zehn Jahre und vier Monate. Am 3. November 1082, zum zehnten Gedenktag des„glor- reichen" Marsches auf Rom, geruhte Mussolini, ein Amnestie- dekret vom König unterschreibe» z» lassen, das zwar keinem der am härtesten verurteilten„Feinden des Regimes" die Freiheit brachte, im Falle Pertini jedoch zwei ganz bestimmte Wirkungen nach sich zog: die völlige und endgültige Tilgung der Verurteilung ivegen des»»erlaubten Verlanens des Landes und die Herabsetzung der Strafe wegen illegaler Propaganda aus sieben Jahre. In der Folge soll Pertini, soviel man weiß, in der zwei- ten Hälfte des Jahres 1038 neuerlich zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt worden sein, weil er andere Hast- linge gegen die Verfolgungen der faschistischen Kerkermeister verteidigt hatte. lDaS hinderte ihn jedoch nicht,«Is Zeuge vor den, Gericht der Insel Elba eine gewaltige Anklage gegen de» Faschismus, seine Kerker und seine Kerkermeister zu erheben: sie erschütterte selbst die Richter, verur,achte Ttraßendemonstrationen und bewirkte, daß der Prozeß ver- lagt und— hinter verschlossenen Türen zu Ende geführt ™Nun*kam die jüngste Amnestie vom September 1981 anS Anlaß der Geburt ein? Kindes in der Familie des italie- Nischen.Kronprinzen Auch um diese Amnestie ivurde sehr viel Lärm gemacht, aber auch sic war sorgfältig abgewogen, um nur ja nicht den schäristen Gegner« de» Regimes dl« Freiheit zu gebe» Immerhin brachte das neue Dekret für Pertini eine neue Herabsetzung jeder der beiden Strafen von 1028 und 1088 um zwei Jahre. Das bedeutet, daß von der Verurteilung von 1033 nichts mehr übrig blieb und daß die Strafe von 1028 auf fünf Jahre vermindert wurde. Nachdem nun Pertini bereits seit sechs Jahre» i m G esängnis sitzt— und das für eine bloße Propagandasahrt!—, hätte er unverzüglich in Freiheit ge- setzt werden müssen. Tatsächlich wurde Pertinis Mutter— eine Frau von 80 Iahren, die nur den einzigen Sohn be- sitzt— verständigt, daß er demnächst nach Hause kommen «verde. Aber das Gegenteil traf ein: die Mutter wartet noch immer auf ihren Sohn. Was ist vorgefallen? Das ist schiver festzustellen, denn das Regime Mussolinis liebt die Oefientlichteit nicht— in solchen Fällen. Und es gibt in Italien leider niemand, der es wagen könnte, für eine willkürliche Haftverlängerung Rechenschaft zu fordern. Gleich wie die Korporationsgesetze für die Arbeiter nicht gelten, so gilt die Amnestie nicht für die Antifaschisten, insbesondere bann nicht, ivenn sie aufrechte und heldenhafte Männer vom Schlage Alexander Per- tini sind. Was an ihm verübt wird, ist nicht nur Unrecht, sondern Grausamkeit Nach den aus Italien einlaufenden Nachrichten befindet sich Pertini der schon vor seiner Verhaftung lungen- krank ivar, gesundheitlich im schlechtesten Zustand. Wenn er »och einige Monate in Hast gehalten ivird, ivird man der achtzigjährigen Mutter nur mehr einen Sarg zurückgeben können. Und ivird sie überhaupt noch ani Leben sein, um ihn zu empfangen? Ist die Liste der Opfer Mussolinis noch nicht lang genug? Gibt eS in Italien wirklich niemand, der es wagt, dem Diktator zu sagen, baß weder er noch sein Regime, noch das unglückliche Italien etwas zu gewinnen haben,wenn dieser Liste ruhmreicher Märtyrer der Name des jungen sozialistischen Helden und seiner Mutter hinzugefügt wird? Und wenn sich niemand in Italien erhebt, so muß sich die Stimme der ganzen Welt erbebe»! Es gilt, den Amnestien des Faschismus die scheinheilige Maske vom Shylvck-Gesicht zu reiße». Es gilt zu zeigen, daß, wen» sie doch durch Zufall einem Geaner des Regimes zustatten kommen könnten, man es wohl versteht, ihre Vorteile durch erbärmliche, von oben befohlene Schliche zunichte zu machen, die zu wahren Hinrichtungen werden. Es gilt, die sofortige Freilassung des jnnaen Helden zu verlangen, der in den Kerkern Italiens dahinsiecht? es gilt, eine wirkliche Amnestie zu fordern, die keine Komödie und keine Gelegenheit einer Rechtsverweigerung sei» darf, die einer Mordtat gleich- kommt. Ein roler Graf Gras H isayoshi H i j j k a t a. der in Japan als links- radikaler Schriftsteller unter den, Pseudonym?)oshi Hijikata und als Besitzer eines„proletarischen" Theaters in Tsukiji sehr bekannt ist, ist vom Amt für Pairie und Heraldik beim Kaiserlichen Hofministerium seines Grasentitels für verlustig erklärt worden. Als Grund für diese Maß- nahine ivird eine kommunistische Rede angegeben, die der jetzt 30 Jahre alte Gras in Moskau auf einer Schriftsteller- Versammlung gehalten hat. Es handelt sich anscheinend um die Beteiligung des Grafen am Kongreß der Sowjetschrift- steiler, der in Moskau Ende August und Ansang September stattgefunden hat und bei dem auch ausländische Schriftsteller anwesend waren. Im Verhandlungsbericht der Sowjet- zeitungen war der Name Hijikatas unter den Rednern aller- dings nicht verzeichnet. Das Büro erklärte das Auftreten Hijikatas in Moskau und seine ganze kommunistische Tätig- keit mit der Grafenwttrde unvereinbar. Die Einwilligung der Krone zu der Titelentziehung wurde erteilt. Graf Hijikata ist der Enkel von Hisamoto Hijikata, dem ersten Hosminister nach der Meijiresiauration. Nach den Berichten japanischer Zeitungen lebt Hijikata jetzt in Moskau. »ermann Ganswindf Der Erfinder Hermann G a n s w.» d t ist, wie Ber- liier Blätter berichten, im Alter von 78 Jahren in Berlin- Schöneberg gestorben. Ganswinbt, der bereits im Jahre 1883 ein Patent ilir ein lenkbares Luftschiff erhielt, mit dem er nach dem Mars zu fliegen beabsichtigte, hat um die Jahr- hundertivende als Erfinder viel von sich reden gemacht. Neben seinen Luftschiffplänen beschäftigte er sich vor allem mit der Konstruktion eines TretmotorrabeS und einer Tretmotor- droschke, mit der er sogar einmal quer durch Berlin fuhr. Die Entwicklung der Technik ging dann über Ganswinbt hin- weg, so daß der Erfinder, der übrigens 21 Kinder hatte, immer mehr in Not geriet und bis zu seinem Tode mit sinau« »iellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. ^Deutsche Stimmen•(Beilage zur.^Deutschen Pteifkeit"» Ereignisse und öesdiidWcn «.'!>,'i.'lll'lllflIllMliliiilliiH'ffinilll'inifflHBMHBl'IWMIIii.lIßiiOMtSIIIIBIIIinuillIHlii'•.•■•••luitSt'UIMUMMnitl• luMmnimwmiii~ h... i—.—■■ i Ii W mii■ i>,»«,»» i»„»,>»>»». n»iiai»ainnt»IUIIinttIUIM>I»M»ßIßI»1IIÜÜIIIIItzßlIllll!ll!llllllIIlllümiIII!lII!iIIII!I!Il!]I!II!!II!!!l!!!l!!!I^l!!u!Il'!nü WMWWWMMZKMDSM Mittwoch, den 31. Oktober 1934 ■Ml«!»!». Sic£mest Cas&zt %)ec jüdische Ahn vecseuchtec QeschCechtec Es war in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, als sich ein junger Mann aus seiner Vaterstadt Köln auf die Wanderung machte. In einem bekannten Bankhause, das alles andere flenn arischen Ursprungs war, hatte er eben ausgelernt. Jenes Bankhaus übrigens, aus dem noch weitere„Wirtsrhafts- i w.^"/«"8'neen. deren Mentor aus dem„ältesten Adel „ fur 1 elnon der Begründer des glorreichen„dritten Weiches namheh Herrn Baron von Schröder, ebenfalls unentbehrlich gewesen ist. Dieser Mentor hieß Louis Hagen-Levy, das Bankhaus, von dem che Rede ist, war dasjenige der Gehrüder Oppenheim. Die Barone Oppenheim sind seit Generationen getauft, Herr Hagen-Levy, der die alten Traditionen fortsetzte, starb kurz vor dem„Umbruch". Aber nicht von diesen Herren soll hier die Rede sein, die also zur Geburt des„dritten Reiches" ungewollt-gewollt ihr Teil beigetragen haben. Kehren wir in die friedlichen Zeiten des vergangenen Jahrhunderts zurück, als sich eine alteingesessene Kölner 1 amilie über die Ausreise eines der Ihren empörte. Konnte '^* r Junge nicht zu Hause bleiben? Mußte er über Land und Meer ziehen, bis in die ferne Stadt London? Die Juden, endlich saturiert und seßhaft geworden, schüttelten zu den ewigen Stürmern und Drängern den Kopf... Aber als Jahre vergangen waren, als der junge Ernst kein junger Ernst mehr, sondern ein bedeutender Bankier geworden war, gewichtiger Freund des Prinzen von Wales, der ihm in allen Nöten(und Prinz Edward hatte immer Geldnöte!) beisprang, da begann die bescheidene Kölner I' amilie sich zu erinnern. Da sprachen sie plötzlich voller Stolz:„U nser Bruder, unser Vetter!" Prinz Edward wurde König. König von England, längst in die Geschichte ruhmvoll eingezogen als Eduard der Siebente. Aus Ernst, dem kleinen Juden Ernst Cassel aus Köln wurde ein mächtiger Mann. Fortan durfte er sich „Sir E r n e s t Cassel" nennen. Er war der Hofbankier Seiner Majestät. Tür und Tor zur höchsten Gesellschaft standen ihm offen. Auch die Familie und die Vaterstadt hat er in jenen reichsten Jahren nicht vergessen. Heiratete eine seiner Nichten oder Großnichten, wollte ein Neffe studieren oder ein Geschäft' gründen,„Onkel Ernst" sorgte in großzügigster Weise für alle Zukunft seiner Angehörigen. Die Stadt Köln jedoch wurde mit einer besonders reichen Stif- Sdange Qoii es mll... Vom heroischen Leben „Und werde auf meinem Platze furchtlos ausharren, solange Gott es will..." (Aus Hitlers ungesammelten Reden.) Jedes Staatssystem entwickelt eigene Ehrauffassungen. Es gilt für den Staatsmann der Demokratie verächtlich, Attentate zu fürchten. Ein demokratischer Politiker, der sich scheut, ohne besonderen Schutz in Massenversammlungen zu gehen, erscheint mindestens als komisch. Für diese politischen Ehrauffassungen hat die deutsche Republik allerhand Opfer gebracht. E i s n e r wurde gemeuchelt, Hugo H a a s e erschossen, Erzberger und Rathenau wurden abgeknallt, Scheidemann mit Blausäure attackiert. Jeder erlebte die Ermordung seiner Vorgänger, keiner ließ sich deshalb durch eine Gestapo von der Außenwelt abschließen Als Erzberger auf einem Spaziergange erschossen worden war, fuhr Rathenau noch immer und trotz aller hakenkreuz- lerischen Attentatshetze mit seinem Auto unbewaffnet durch die Berliner Straßen. Er ahnte den Tod und sprach das Freunden gegenüber auch aus, aber an seinen demokratischen Lebensgepflogenheiten änderte sich nichts. Ebert und Stresemann dachten trotz aller nationalistischen Drohungen nicht daran, der Oeffentlichkeit anders als ungeschützt gegen- überzutreten. So haben es die republikanischen Führer gehalten bis zu Severing und Otto Braun, die bei der Reaktion aller Spielarten bestgehaßtesten Männer Preußens. Sie lebten trotz zunehmender Hetze wie immer, zeigten sich Parlamenten und öffentlichen Volksversammlungen, wie in den Zeiten ihrer Abgeordnetentätigkeit, und Severing konnte man täglich allein in einem bekannten Berliner Volksrestaurant essen sehen. Es fehlte nur noch das Schild an seinem Stuhle:„Hier werden Attentate entgegengenommen!" Keiner der modernen„starken Männer" ist so inmitten des Volkes, inmitten ungehemmtester Oeffentlichkeit zu sehen, keiner wagt es. Mussolini hat sich seit dem Marsch Signale Liebliche Düfte In einer Berliner Musikzeitschrift,„Signale". Heft 38 39. Jahrgang 1934, steht unter der Ueberschrift„Ist das im Sinne des Führers?" folgendes Klagelied zu lesen; „Jene Kreise, die sich in dem Wahn befinden, daß sie ihre eigenen Interessen auf Kosten ihrer Mitmenschen unter dem Deckmantel der Parteizugehörigkeit weiter eigenmächtig „fördern" können, sollen es sich gesagt sein lassen, daß auch für sie eines Tages die Stunde der Generalabre eh- nung schlägt. Man wird fortan jedes Wirtschaftsgebiet erfassen, um überall die Schädlinge rücksichtslos an den Pranger zu stellen. Hoffentlich übergeht man hierbei nicht das musikalische GebietI Es gilt auch hier, geschäftstüchtigen Leuten, die sich amtliche Funktionen anmaßen, zu beweisen, daß für Elemente, die da glauben, mit den sauer verdienten oder abgehungerten Groschen der verarmten Musiker Eigennutz treiben zu können, in einem sauberen Deutschland kein Platz mehr ist. Die Kunst von derartigen Parasiten an he- Diese tmigccuttm! r tung bedacht, die den Namen Sir Ernest Cassels für alle Zeiten in ihre Annale» schreiben sollte. Auch für die „braunen" Zeiten? Darüber wurde noch keine Verlautbarung gehört. Sir Ernest Cassel ist in Frieden am Gestade der Themse zu seinen Vätern, deren Andenken er treu ge blieben war, gegangen. Erbin des riesenhaft gewachsenen Vermögens war seine Enkelin. Aber nun beginnt erst die Geschichte des ausgewanderten kleinen Juden aus Köln interessant zu werden. Diese junge Dame vermählte sich vor wenig mehr als einem Jahrzehnt mit dem Herzog von Battenberg. Was bedeutet das? Lady Battenberg wurde auf diese höchst legitime Weise die Schwägerin der einstigen spanischen Königin Ena, der Gemahlin des Exkönigs Alfons aus dem feudalen Erzhause Habsburg. Aber die Geschichte der Dynastien hat sich mit dieser„Rassenschändung" noch nicht begnügt. Lady Battenberg-Cassel ist außerdem die Schwägerin der schwedischen Kronprinzessin, deren Schwiegertochter eine geborene Prinzessin Coburg ist, aus dem Hause der ersten nationalsozialistischen„Dynastie" der Republik Deutschland. Ach. die arme Dynastie, so was überlebt sie nie... Nur ein Glück, daß die Coburger trotz ihrer heißen Liebe zu Herrn Hitler noch nicht wieder in Amt und Würden eingesetzt sind. Die rassisch-verseudite Tante— nicht auszudenken! Perfides Albion! Die teutschen Patrioten haben Grund. Eduard dem Siebenten jetzt nicht nur„die Schuld an der Einkreisung Deutschlands" vor 1914 zu geben. Dieser selbe Eduard hat sich nicht gescheut, man höre!, den von ihm geschaffenen Adel in seine eigene allerhöchste Familie aufzunehmen!„Gott strafe England!" * Kleines, aber wahres Nachwort: Auf der Flucht in den Norden suchte ein marxistischer Untermensch seine Angehörigen im skandinavischen Paris, in Stockholm, auf. Die Schwester des Hausherrn, Palastdame, war zu irgendeinem Empfang zu Hofe befohlen. „W ir sind ja auch mit unsermKönigshausc durch Euch verwandt!" So erfuhr das Flüchtlings- paar die wundersame Geschichte von der um einen symptomatischen Fall bereicherten Rasseschändung der europäischen Fürstenfamilien..., auf Rom nicht mehr ins Ausland getraut, und wie Hitler heute mit Vorliebe und möglichst überraschend durch Nebenstraßen fährt, darüber berichtete die deutsche Presse bereits. Als er jüngst in der Krolloper die Winterhilfe eröffnete, mußte eine lange Mauer geliebter SS. dafür sorgen, daß die Begeisterung des Volkes sich in gehöriger Entfernung entlud.„Die Straße frei..." sie war frei, kein Untertan konnte heran! Einst organisierten sie Massenovationen, wenn die Oberbonzerie irgendwo versammelt war, am Samstag aber meldete der deutsche Rundfunk, daß die Polizei in der Wilhelmstraße eine Menschenansammlung, die sich vor dem Regierungsgebäude gebildet hatte, zerstreuen mußte,„weil die Ovationen zu störend auf die Kabinettssitzung wirkten"! Einst appellierten sie an die Straße und heute fürchten sie nichts so sehr wie diese Straße, als deren Oberdemagogen sie zur Macht kamen. Wie sie immer gern von dem quatschen. was sie nicht sind und nicht haben, nennen sie sich Erwählte des Volkes und Werkzeuge Gottes— aber die Straße meiden sie lieber, weil sie sich dort zu sehr in Gottes Hand fühlen. Man denke sich das Hohngelächter dieser Helden. wenn sich je die Männer der Demokratie so tapfer vom Volke abgesperrt hätten! Die entsprechende Schlagzeile des „Völkischen Beobachters" ist in ihrer Dicke und Breite gar nicht auszudenken. Eines Tages wird das verrückte Märchen geschrieben werden von dem Selbstherrscher, der kalkig wurde, wenn ein Autoreifen in seiner Nähe zerknallte, den ein Heer von Türhütern, Oberkostern, Bettwächtern, als Publikum verkleidete Leibstatisten und Schwerbewaffnete das teure, für das Volk zu teure Leben schützen mußte und der nichts- destotrotz ununterbrochen über eine dicke Mauer hinweg Heroisches redet und von der Schönheit des gefährlichen Lehens quasselt. Ferne Geschlechter werden das lesen und lachen wie bei Andersens Geschichte vom König mit den neuen Kleidern und werden nicht wissen, daß diese verbissene Groteske im Zeitalter des Radios pure Wirklichkeit gewesen ist. Bruno Brandy. freien, ist gegenwärtig der rechte Zeitpunkt, wenn nicht alles, was in einer zähen, jahrzehntelangen Aufbauarbeit an Kulturgütern und Einrichtungen geschaffen wurde, ganz in Trümmer gehen soll. Komponisten von zweifelhaftem Ruf, die auf Grund ihrer guten Beziehungen ihre Stunde für gekommen halten, sollte man energisch in ihre Schranken verweisen." Und so geht es weiter. Man sieht: es stinkt selbst in jenen Kreisen, die weitab von jeder Politik liegen. Und die Stimmung wird von Tag zu Tag besser und besser. Das sind in der Tat„Signale". J$iUfieceinqäHqe Bruno Frank: Cervantes, Ein Roman. Ludwig Bauer: Leopold der Ungeliebte König der Belgier und des Geldes. Emil Ludwig: Führer Europas. Im Verlag Allert de Lange, Amsterdam: Jahrbuch 1934' 1935. Max B r o d i Heinrich Hein«. An jedem Uebel, wie bekannt. Trägt Schuld allein der Emigrant. In Deutschland droht ein harter Winter,- Da steckt ein Emigrant dahinter! Verloren ist die Arbeitsschlacht,— Ein Emigrant hat das gemacht! Dem Schacht entgleiten die Devisen,— Die Emigranten ziehen an diesen! Kein Leder, keine Woll' im Land,— la,— wiederum der Emigrant! eichsbischof Müller steckt in Nöten,— 1 diese Emigrantenkröten; ie Röhm mit Heines hat verkehrt lat sie ein Emigrant gelehrt! )ns braune Reich voll Defraudanten?- Oie Treue floh— zu Emigranten! Die haben, eh' sie abkosackt, i'lugs allen Vorrat eingepackt, 'Vr nun bei Emigranten Sterlet:— hiher in Deutschland der Defekt! )as braune Lumpenpack in Massen, ichmarogt in Aemtern, in den Kassen •ie werden fett, die Kassen leer, he Ehrlichkeit, die gibts nicht melr' 'ie ist abhanden ganz gekommen, ii sie ins Ausland mitgenommen. simmt nun das Laster überhand. » er ist dran Schuld— der Emigrant! Muckt. Jüdisches Jitut Kleine Umschau Ganz im Gegensatz zu den Erwartungen, die meiu.w gehegt haben, behält das Deutsche Reich sein Scherbengericht gegen die Juden bei. Jetzt hat man verschiedenen der bekanntesten deutschen Theater- und Filmkünstler das Auftreten auf deutschen Bühnen untersagt, sei es deshalb, weil sie nicht ihre rein rassische arische Abstammung beweisen konnten, sei es, daß sie mit einer Jüdin verheiratet sind. Unter den also„Geächteten" befinden sich Adolf Wohl- brück, Otto W a 11 b u r g, Leo S 1 e z a k und viele andere. Gegen Leo Slezak ist das Auftrittsverbot für Deutschland erlassen worden, weil seine Gattin jüdischer Abstammung ist. Auch gegen Paul H ö r b i g e r wurde ein Spielverbot wegen seiner Gegnerschaft gegen das herrschende Regime erlassen. Adolf Wohlbrück darf in deutschen Filmen nicht mehr auftreten, da ihm der Nachweis arischer Abkunft nicht gelungen ist. * Graf R e v e n t 1 o w, einer der wenigen Intellektuellen in der Nationalsozialistischen Partei, beschäftigt sich in einem Artikel, der jüngst im„Reichswart" erschien, wie schon so oft mit dem Juden-Problem. Er billigt die Haltung des Naziregimes in dieser Frage, weil das Judentum ein Fremdkörper im deutschen Volke sei aber er erklärt, daß der Antisemitismus„nicht in persönliche Feindseligkeit" ausarten solle. Von Ausnahmen will auch Revenflow nichts wissen, so daß die Aeußerung Hitlers in vollem Umfange aufrecht erhalten bleibt:„Wenn ich von Schwierigkeiten spreche, so denke ich nicht an Uebergahe." Graf Reventlow meint weiter, ob der deutsche Jude sich bemühe hei Abstimmungen mit „Ja" zu stimmen, oder ob er sich direkt gegen das Regime ausspreche, könne vom deutschen Standpunkt aus keine Bedeutung haben, da der Jude zu einem anderen Volke gehöre. Die Judenfrage könne nur international gelöst werden, denn sie stelle ein internationales Problem dar. Alle Völker, die sich eines Tages dieser Frage gegenüber sähen, würden in der Weise darauf reagieren, wie es das deutsche Volk getan hätte, nämlich im völkischen Sinne. » Auch die„Volk's-Geaundheitswacht", das Organ der„Fachleute für ethnologische Fragen, beschäftigt sich mit der Judenfrage. Ein Dr. S t a e g 1 e aus Stuttgart behauptet in diesem Blatt, es gebe spezifisch jüdische Krankheiten, die im biologischen Sinne die Raffgier dieser Rasse erklärten. Dr. Staegle beschäftigt sich in seineu Ausführungen des langen und breiten mit der Entdeckung des Professors Bauhoff in Leningrad, der mikroskopisch Juden- und Arierblut unterscheiden zu können glaubt. Der Artikelschreiber hofft, daß diese Versuche praktisch ausgewertet werden, und er beglückwünscht sich schon im voraus, daß er dank dieser Entdeckung im„dritten Reich" die Nichtarier von der höher zu bewertenden arischen Rasse klar werde sondern können. Der Verfasser schließt diese Ausführungen:„Keine Taufe, kein Namenswechsel, keine physische Veränderung, selbst keine noch so gelungene Verbesserung der gebogenen Nase werden irgend etwas wert sein. Man kann das Blut nicht verändern. Es kann nicht„germanisiert" werden, und es verrät die jüdische Rasse noch in den fernsten Geschlechtern"." £e tyeifi^Bescheid! Gar nichts— das darf er noch sagen Die„Deutsche Zukunft", das Blatt Dr. Fritz Kleina, veröffentlicht ein Gespräch zu Dritt zwischen einem Rechtsanwalt, einem Journalisten und einem nationalsozialistischen Arzt. Thema: Der Nürnberger Parteitag. Der Rechtsanwalt sagt u. it.:„Rundfunk habe ich keinen und die Tagespresse lese ich, wie sie wissen, nicht mehr. Aber die Berichte über Nürnberg, insbesondere die dort gehaltenen Reden, habe ich mir doch aufgehoben und sie auf einen Sitz gestern abend gelesen. Ich hätte soviel dazu zu sagen, daß ich es vorzieh«, gar nichts zn sagen 1" Per Mann wird wissen, warum] Völker In Sturmreifen Nr. 51 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Mlttwedi, It. Oktober(»34 Die Gefangenen auf der Plassenburg Diese Novelle ist eines der Hauptstücke in Wassermanns bedeutender Rahmenerzählung „Der goldene Spiegel". (3. Fortsetzung) Audi Peter Maritz und Alexander Lobsien waren befreit worden. Sie traten unter den Legten in den Hof und duckten sieb scheu in einen Winkel. Am liebsten hätten sie sich unsichtbar gemacht; in ihrer Zelle hätten sie sich wohler befunden. Das Heldenherz von Peter Maritz schrumpfte zusammen; er erwog die Annehmlichkeit von Gesetz und Polizei; es ist eine mißliche Sache mit den Ideen, die in die Tat umgesetzt werden, wenn man gerade dabei ist und mitspielen soll. Alexander hingegen war so kalt, wie es die Leute von Fantasie nicht selten werden, wenn sie ernst Ii di in Gefahr geraten. War doch so viel vom Lehen schwadroniert worden; er sagte sieh, daß wirkliches Erleben nur zu finden ist, wo das Leben abgewehrt, nicht wo es aufgesucht wird. Hier drang Geschehen und Leiden, Sdiicksal aul Sdiicksa! gegen ihn ein wie Lichtstrahlen durch eine zersprengte Tür. Die anbrechende Nacht wurde den Meuterern unbequem. Ein gewisser Hahn, Buchbinder seines Zeichens und wegen seines Pergamentgesichts der gelbe Hahn geheißen, schlug vor. den Holzstoß neben dem Wadithaus anzuzünden. Die Scheite wurden in die Mitte des Lagers geschafft, bald flammte das Feuer auf und beleuchtete die ruhelosen Gestalten, die verwitterten Züge, kahlen Köpfe, grauen Kittel und ununterbrochen sprechenden Mäulcr mit schwarzen, schiefen, einschichtigen oder gelbblitzenden Zähnen. Denn jetzt brach ein fieberhafter Redestrom los. Manche fanden nur allmählich den Mut; erst nippten sie wie glückselige Trinker, dann kam über alle der Rausch. Sie schrien und gellten durcheinander, lachten und tobten grundlos, räkelten sidi auf der Erde, patschten in die Hände, johlten unflätige Lieder oder auch ein kindisches Eiapopeia, umarmten einander, zerschlugen Gläser und Töpfe, rauften, fluchten, meckerten, weinten, pfiffen, tranken und stopften faustgroße Bissen in den Rarheu. Der Alte auf der Mauerbrüstung, ein vielfach abgestrafter Wildfrevler, sang fortwährend ein und dieselbe Strophe: „Wie wir leben, so halten wir Haus, morgen ziehn wir zum Land hinaus,immer in derselben schläfrigen und langgezogenen Tonart, nur um am allgemeinen Lärm teilzunehmen. Woltrich zählte an den Fingern auf, was er bei seinem letzten großen Fang gestohlen hatte: neunzig Silbergulden, zwei Armbänder, eine Elfenbeinkassette, ein Dutzend goldene Schaumünzen und vierzehn Uhren. Und strahlend rief er: vierzehn Uhren! vierzehn Uhren!, als ol> sie noch in seinem Besitz wären. Ein Mensch mit einer winzigen Nase, der heitere Konrad genannt, redete mit Entzücken v^n der Brandstiftung, die er begangen, und wie er sich dadurch an einem wucherischen Bauern gerächt. Der mit dem infamen Lächeln hieß Gutschmied und war ein zu sechs Jahren verurteilter Hochstapler. Er war viel in der Welt herumgekommen, war immer vierspännig gefahren, wie er versicherte, und trug noch einen Rest von noblen Manieren und gravitätischem Benehmen zur Schau. Er kannte alle Hehler der großen Städte, verachtete die Juden und lichte»den Kaviar. Er hatte dein Herzog von Nassau eine Mätresse abspenstig gemacht und einen Reichs hofrat um zehntausend Taler betrogen. Er verstand sich auf Edelsteine und beklagte es. daß er einmal, um nicht erwischt zu werden, einen kostbaren Sternsaphir verschluckt habe, der nie mehr zum Vorschein gekommen sei. Ihn überschrie mit Kastratenstimme einer, der seiner Geliebten Gift in den Salat gemengt hatte. Er behauptete, nicht er habe das Weibsbild geschwängert, sondern der Ortsschulze; auch sei kein Gift im Salat gewesen, sondern Glasscherbe», und gestorben sei sie, weil sie dreißig Jahre lang an Kolik gelitten. Ein anderer, der Sohn eines Schäfers, hatte ein ganzes Dorf betrogen durch die Vorspiegelung eines unter Ruinen vergrabenen Schatzes; den Aermstcn hatte er ihre Ersparnisse mit der geheimnisvollen Phrase entlockt, er müsse die bösen Geister des Schatzes besänftigen, und durch nächtliche Beschwörungen und feierlichen Hokuspokus hatte er die einfältigen Leute in eine wahre Hysterie der Habsucht versetzt. Und da war Hennecke, der einer umgehapenen Buche wegen gemordet, im Jähzorn den Nachbarn erschlagen hatte; seine Gedanken hafteten noch immer an dem Baum, dessen Wipfel das Gemüsebeet hinter seinem Haus zerstört hatte. Wie ein aus Eisen gegossener Riese stand er da, kalt und wild. Da war ein Müller, der den Knecht erstochen hatte, weil er die Frau verführt, und der nicht müde«wurde, z« schildern, wie er vom Wirtshaus zu früherer Stunde als sonst heimgekehrt und die Treppe hinauf geschlichen und wie das ehebrecherische Weib ihm entgegengestürzt und wie das Kind geweint und wie der Schuft entfliehen gewollt und wie er den Leichnam in den Bach geworfen und wie er in den Wäldern herumgeirrt, sein winselndes Knäblein an der Hand.„Da griffen sie mich." sagte er,„da griffen sie mich, und der Bub hatte solchen Hunger, daß er den Mehlstaub von meinen Aermeln leckte." Der gelbe Hahn erzählte von einer Erbschaft, die ihm hätte zukommen sollen und die sein Schwager an sich gerissen Da hatte er Briefe gefälscht und Zeugen der Sterbestunde zuin Meineid beredet. Wehmütig klang seine Trauer um das verlorene Erbe. Gold und Scheine zählte er auf und schwärmte, wie er damit hätte genießen können, wie er ein schuldenfreier Mann geworden wäre, den Sohn hätte er Theologie studieren lassen. Die zwei Bauern, die für ihn den falschen Eid geschworen, waren auch zugegen, frömmelnde und scheinheilige Gestalten; sie leierten Gesangbuchverse und tranken* Schnaps. Peckatel, ein Totengräber aus dem Spessart, hatte einem durchreisenden Fremden den Hals abgeschnitten, und das war so zugegangen: er Hatte zugleich den Beruf eines Barbiers versehen: da er aber meist Leichname rasierte, so konnte er Von Jakob Wassermann dies Geschäft an den Lebendigen nur verrichten, wenn sie auf dem Rücken lagen wie Tote; als er nun den Fremden vor sich liegen sah, dachte er: was für einen schönen, glatten Hals der Mann hat, und so schnitt er de» verführerischen Hals durch und bemächtigte sich der gefüllten Geldkatze seines Opfers, nur um des schönen, glatten Halses willen. Betrüger, Diebe, Straßenräuber, Erbschwindler, Kuppler, Meineidige, Bankrottierer und Fälscher, sie alle redeten vom Geld, priesen oder verfluchten das Geld, das sie bezaubert, berauscht und verraten hatte. Fern vom Feuerkreis, einsam anf einem Holzblock gekauert. saß Christian Eßweiu, ein Mann von fünfzig Jahren, mit langem grauem Bart, durch Blick und Gebärde eine stille Gewalt ausübend. Welch ein Dasein! Im Strom der bürgerlichen Existenz tauchen manchmal Figuren von heroischer Prägung auf, deren Weg nur darum zum Abgrund führt, weil ihnen die tragische Lebenshöhe fehlt; Gemeinsamkeit bindet ans Gemeine. Er hatte alles probiert, was ein Mann probieren kann, uin sich und den Seinen Brot zu verschaffen. Er war Schmelzer, Seifensieder, Oblatenbäcker, Handschuhmacher, Wirt, Gärtner, Knecht. Kleinkrämer und Händler gewesen, aber was er auch beginnen mochte, das Unglück war stets hinterher. War die Wirtschaft gerade im Aufblühen, so brach die Cholera in der Stadt aus; hatte er zweitausend Oblaten gebacken, so kamen die neuen Blättchen mit der Namenschiffre in Mode, und sein Vorrat wurde wertlos; kaufte er Schweine für den Winter in, weil sie billig waren, da der Bauer kein Futter hatte und verkaufen mußte, so hatten die Händler ebenfalls viele Schweine erworben und verdarben ihm die Preise; bewahrte er Schinken und Würste für den Sommer, so trat eine entsetzliche Hitze ein und verdarb alles; waren einmal Ersparnisse im Hans, so erkrankte die Frau und Arzt und Apotheker verschlangen das Geld. Er arbeitete Tag und Nacht, aber die Arbeit trug JCCaus Ttlcuws muec Juqendcomaii Klans Mann:;.D ie Flucht in den Norde n". Querido-Verlag. Amsterdam. Dieser neue Roman Klaus Manns gehört zu den großen Leistungen des deutschen Schrifttums in der Emigration. Der Hinweis darauf, daß dieses Werk außerhalb der deutschen Grenzen geschrieben worden ist, soll nicht besagen, daß es einen erzwungenen Wechsel des Standortes dokumentiere. Es gehört in die erste Reihe jener Bücher, in denen die Problematik emigrierter Menschen zitternd nachlebt, geschrieben im richtigen geistigen Abslande und in einer Sprache, die in ihrer Kraft und in ihrer Schlichtheit die Könnerschaft Klaus Manns stärker als irgend ein anderes von seiner Hand bezeugt. Es ist die Geschichte eines jungen Mädchens aus Berlin, das vor den Kopfjägern des„dritten Reiches" zu einer Freundin nach dem Norden, nach Finnland, flieht. Sie kommt in die ungewisse Atmosphäre einer Familie auf einein alten Erbgut, zu jungen Menschen, die nicht mehr sicher sind im Dasein und im Gefühl. Sie erlebt statt der erhofften Geborgenheit die größte Unruhe ihres Herzens. Diese Liebe zu Ragnar, den Jüngling und Gutsherrn: wird sich das Mädchen Johanna verlieren? Aber drüben im Reiche arbeiten illegal die liebsten Freunde. Es klopft vernehmlich an ihr Gewissen, verdunkelt ihr den Zauber der schwarzen Seen und der hellen Nächte. Die Liebende fährt mit dein Liebsten unter den seltsamsten Begebnissen bis hoch hinauf in die polaren Gegenden. Ist sie an diesen Geliebten für immer verschwendet, an dieses liebenswerte und doch nicht ganz zuverlässige Mannswesen, dem man das Mädchen Johanna im tiefen Herzensgründe durchaus mißgönnt? Da erfährt sie von einem Telegramm: Es ist die Meldung vom Tode ihres liebsten Freundes und Kameraden, den sie in Köln„auf der Flucht" erschossen haben. Dieses Schicksalszeiclien ruft sie zurück. Sie wird ihren Ragnar nie wiedersehen. Er wird die andere, heiraten, die reichere, zur Rettung des verarmenden und verludernden Hofes. In einer Woche wird Johanna in Paris sein, in Hotelzimmern hausen zwischen Prag und Zürich, in Versammlungen und in Zeitungen Mitkämpferin wider Hitler. Das Leben wird sein fragwürdig und ein Wagnis sein-— wie der ganze nordische Traum, der schon durchblitzt ist von den unabwendbaren Entscheidungen des morgigen Tages. Wir wissen keines unter den in der Emigration geschriebenen Büchern, bei dem eine kurze Inhaltsangabe so leer ist wie liier. Klaus Mann ist längst kein„Sohn" mehr, der im Schatten eines größeren und anerkannteren Vaters stände. Dieses Buch beglaubigt den Meister aus eigener Kraft. Es ist atmend bewegt von einer Charakterisierungskunst, die die wenigen Gestalten der Fabel zu unser» aller- menschlichsten Bekanntschaften macht. Karin, die Freundin — sie ist im tiefsten Grunde leidender und wissender als Johanna. Wie ein bunter Schmetterling aus dem Süden kommt Yvonne, die verlorene Tochter mit Herakles, ihrer Schildkröte, auf den Herrenhof. Wer vergäße die Mutter Ragnars, die immer angstvolle Frau mit dem Leidensgesicht! Es ist das höchste Lob für Klaus Mann, wenn man ihm bezeugt, daß er in diesen schwebenden Strichzeichnungen oft als der Sohn seines Vaters erkennbar ist. nicht als Nachahmer bewährter Rezepte, sondern als Gestalter aus eigenem und selbsterobertem Besitz. Klaus Mann ist junger als andere kämpferische deutsche Schriftsteller in der Emigration Darum sieht er auch näher die Entscheidungen der Jugend. Das Individuelle verlöscht, die kollektive Aufgabe tritt hervor. Zwar zieht auch hier das sexuelle Erlebnis tiefe Furchen, aber die Brücke darüber wird schneller geschlagen als bei den älteren. Diese selbstverständliche Hingabe, einstmals„Sünde", ist kein seelischer Einbruch mehr, sondern Mpilenstein auf dem Wege, den man sich selbst erarbeiten muß keinen Segen; es war, als ob er von schattenhaften Feinden umstellt sei, und endlich lähmte ihn die Furcht vor dem Verhängnis dermaßen, daß er bei jedem Beginnen schon des üblen Ausgangs gewärtig war. Er war nicht beliebt; er verscherzte es mit der Kundschaft durch ein kurzes und allzu sachliches Wesen. Sein stolz verschlossener Sinn konnte von den Mitbürgern nicht gewürdigt werden. In seiner Familie war niemals Zwist. Am Abend saß er entweder beim Schachbrett, in die Lösung von Problemen ver- tieft, oder er las schöne Bücher vor, am liebsten die Lebensbeschreibungen seiner Helden Abel el Kader, Ibrahim Pascha und Napoleon. Eines Tages kaufte er ein Klassenlos, und in einer Anwandlung froher Laune versprach er seiner Schwägerin, die dabei war. die Hälfte des Gewinnes, wenn das Los gezogen würde. Das Los kam mit zweihundert Talern heraus. Er schickte die jüngere Tochter, um das Geld abzuholen; sie verlor es unterwegs; es waren Staats- scheine, das Geld war hin. Kein Wort des Vorwurfs kam aus seinem Mund; nicht nur. daß er das Mädchen tröstete, sondern er bezahlte auch unter den schwersten Opfern, weil das Gewinnerglück bekannt geworden war und man den Verlust als schnöde Ausrede betrachtet hätte, seinem Versprechen gemäß hundert Taler an die Schwägerin. Seine beiden Töchter liebte er über alle Maßen. Er hatte sie nie zur Schule geschickt, sondern beide selbst unterrichtet. In ihnen verkörperte sich seine Lehens- und Schick- salsangst, für sie zitterte er vor der Zukunft. Es war Weihnachten vorüber, und nur no cliein einziger preußischer Taler war im Haus. Die Uhr der Jahre schien abgelaufen, die Zeit selber stillzustehn, Hoffnungslosigkeit verrammelte alle Wege. Eßwein war müd und mürb: der ewige nutzlose Kampf hatte ihn verworren und verzweifelt gemacht, seine Gedanken gehorchten ihm nicht mehr, böse Ahnungen verfinsterten seinen Geist. Am ersten Januar mußte die Miete für das Häuschen bezahlt werden, am ersten Januar war ein Wechsel fällig, der Viehhändler verlangte sein Geld für gelieferte Schweine. Frau und Töchter wollten leben; wovon? Das Geschäft war so gut wie vernichtet, alle Vorräte weg, und Eßweius Erwägungen kreisten bang um den einzigen Taler, den letzten Schutz vor dem Bettlertum. Er zergrübelte sich das Hirn nach einem Ausliilfsmittel; umsonst. Eine schlaflose Nacht folgte der andern, und nun lagen noch drei Tage da. der Sonntag, der Montag und der Dienstag. Allein aus der Welt gehen durfte er nicht. Die Frauen preisgeben! der Armut, der Schande, der Bosheit, dem Laster verfallen, hingestreckt vor dem ungerührten Schicksal, beleidigt, besudelt, zertreten! Vielleicht, daß die Mutter ehrenhaft ihr Brot finden konnte, aber die Töchter nicht; Jungfrauen, unschuldige, vertrauende Geschöpfe. Die eine, schön, stolz, schwermütig und weich, mit ihren zwanzig Jahren noch des Lebens Fülle erwartend; die fünfzehnjährige, vor der Zeit erblüht, heiter und anmutig, ohne Falsch, ohne Wissen von der Welt, was sollte aus ihnen werden? Sie werden ihre Käufer linden, sagte sich Eßwein, sie werden sich der Reinheit entwöhnen, sie werden die Hand beschmutzen, niedergeschleudert von der Gewalt des Elends. Wenn es Knaben gewesen wären; aber Töchter! Töchter! Es gibt einen Punkt, wo das Gefühl eines Vaters tyrannischer wird als das eines Verliebten, noch angstvoller erregt von den Drohungen des Geschicks. Ein Kind ist Eigentum, trotzte Eßwein, eigen Fleisch, eigen Blut; seine Ehre ist meine Ehre, seine Schmach die meine. So gab ihm die Liebe Kraft zu der furchtbaren Tat. Er schickte sein V eib mit einem Auftrag in das nächste Dorf, wo sie auch übernachten sollte. In wunderlichen Gesprächen verbrachte er mit den Töchtern den Abend; er war eine Art Philosoph und hatte sich vieles von den Lehrern der alten Mystiker zu eigen gemacht. Die beiden Mädchen gingen zur Ruhe, für die Ewigkeit zur Ruhe. Kein lüsterner Geck soll euch nahen, rief ihnen Eßwein iin Geiste zu, kein Unwürdiger eure keusche Brust öffnen; der Verrat nicht zu euch dringen. Notdurft euch nicht peinigen, die Kälte der Herzen nicht frieren inachen. Wenn auch nur der entfernteste Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, und wenn es nicht ein Werk der Liehe gewesen wäre, so hätte ihm sicherlich der Mut gefehlt, als er mit der Schußwaffe an das Lager der Jüngsten tiat. um sie no cheinmal zu küssen, bevor er sie der Menschheit entwand. Und nun hinüber, schmerzlos hinüber, auch die andere, nicht minder geliebte hinüber, dann zum Ende mit dem eigenen Dasein. Aber die Kugel traf das Herz nicht. Er sank nieder, er atmete noch, er lebte weiter; du stirbst nicht, du kannst nicht sterilen, das Schicksal läßt dich nicht aus seiner Faust, schrie es in ihm. Das Auflauchen von Menschen, die Wochen der Heilung;' Haft, Gericht.^ erhör, das alles war einziger schwarzer Traum, Iiis endlich das ersehnte Todesurteil verkündet wurde. Schuldig konnte er sich nicht finden, aber den Tod wünschte er mit allen Kräften seiner Seele herbei. Und „das Sdiicksal läßt mich nicht!" schluchzte er erschüttert, als ihm der Richter die Begnadigung des Königs vorlas. „Am Leben bleiben!" rief er;„gezüchtigt durch Zuchthaus für eine solche Tat, die dem Himmel selber abgerungen war! Eingekerkert mit dem Abschaum der Kreaturen!" Er wollte sidi durch Verhungern töten, aber die körperlichen Erniedrigungen, denen er sich dadurch aussetzte, zwangen ihn, dieser Absieht zu entsagen. Jetzt, hervorgezerrt aus dem Frieden seiner Zelle, trug er die ganze Beschwer und Finsternis der Vergangenheit um sich, und während die anderen gegeneinander sprachen, redete es in ihm. Es war etwas Aufgerissenes in seinem Gesicht; es wehte Todesluft um ihn. Vielleicht fühlte er in dieser Stunde, daß er ein Verbrechen begangen, erkannte das Linzige, hinmalige. Unwiderbringliche und Heilige de» Lebens und daß er kein Recht besessen, den Fügungen Gottes vorzugreifen. Die Sträflinge beachteten ihn kaum: sie wichen ihm in Wort und Blick aus. In Alexanders Nähe erzahlte W engiersky einem gewissen Deininger. der wegen Kurpfuscherei ve,urteilt war, Eßweins Geschichte so ver- zerrt und hose, wie eben der seelenlose Klatsch berichtet, denn er war aus derselben Stadt wie Eßwein und hatte alle, sozusagen miterlebt.(Fortsetzung folgt.) Jägers Abdankung- ein Kulissenspiel! Der Proiesianfensireil geht in voller Schärfe weiier Nach der Berliner„Lösung" im Kirchenkampf scheint, genau wie mir vorhersagten, die Auseinandersetzung mit dop- pcltcr Schärfe weiterzugehen. Es hat sich herausgestellt, das, die Abdankung Dr. Hägers sich nur ans seine„kirchen- politische Funktion" bezog. Er bleibt nach wie vor„Rechts- walter" und juristisches Mitglied des ttirchenministerium». Das Blatt Julius Streichers, die„Frankische Tageszeitung" — man weist. d'„ der„Frankenführcr" für den blauäugigen Rcichsbischof und sein Diktatorenrcgimcnt schivärmt—, be- kräftigt diese Tatsache mit diese» Sähen: Angesichts der nunmehr durch einen sensationslüsternen, verantwortungslosen und instinktlosen Journalismus in evangelisch-kirchlichen Kreisen entstandenen begreiflichen Berwirrung ermächtigt uns die Oberste Kirchenbehörde zu folgender(Erklärung: Ministerialdirektor Jäger hat kein Amt niedergelegt. Ministerialdirektor Jäg-r gehört»ach wie vor dem Reichs- tirchenministerium an. Er hat als Mitglied dieses Ministe- rinmS drei Ausgaben: 1. Mitwirkung an der Kirchengesestgebung? i Betreuung der Verwaltung der deutsch-evangelischen Kirche als oberster Verwaltnngsbeamter! 8. Sonderkommissar des Nk und Mache, nur Propaganda ist. Und darum Misttraue» überall. Deshalb hebt auch Georges Mareenaij im„Jour" mit Genugtuung hervor, dast der österreichische Bundeskanzler Hitlers gelehrigen Schuljungen in Wien für den Fall einer Aussöhnung unter anderem die Bedingung gestellt habe, sie müßten sich jeder ausländischen Einmischung in die österreichische Politik widersetzen. Eine harte Nüst für die Wiener Nazis, noch härter für ihre Berliner Anitragaeber. Der Mitarbeiter des„Jour" meint denn auch, ivenn sie sieie Bedingungen in Kauf nehmen würden, dann wäre das nur ein Manöver von ihnen, um in Stellung zu gehen. Um so mehr sei zu begrüßen, dast Ttarhemberg ausdrücklich gefagt habe, im Falle ihrer Bekehrung müßten die österreichischen Nazis erst einmal eine Bewährungsfrist durchmachen, um zu be- weifen, dast sie ante Orsterreichcr geworden seien. Man kann verstehen, daß einigen der braune» Größen es durchaus nickt'gefällt, daß ina» hetzt wieder einmal so tun müsse, als schmecke die Friedenspfeife besonders gut. Hitler so sagt der Amerikaner W. Morton Fullcrton im„Figaro", wolle StrescmannS Tp>cl wieder aufnehmen. Der Verfasser nennt dieses Spiel- soweit es Ttrcsemann betrifft— zu Unrecht„heimtückisch" Hitler sei imstande, sich mit den Protestanten zu verständigen und sich mit dem Vatikan nicht mehr zu zanken, bloß um aus den wirtschaftlichen Schwierigkeiten hcranszukommen. Aus diesem Arnndc habe er wohl auch, wie Fullerton von gut unterrichteter Seite wissen will, den redelustige» Göring »ach seiner Rückkehr von feiner Bclgradrcisc nach Berlin recht wütend empfangen. Er solle ihn ersucht haben, in Zu- fünft zu schweigen. Und nicht weniger schroff sei der„Führer" mit Herrn Goebbels umgegangen.„Hitler hat sich eben cnt- schlössen," so bemerkt Fullcrton.„im Augenblick die Rolle des verlorenen Sohnes zu spielen, der in den Schoß der inter- nationalen Familie als das friedlichste ihrer Mitglieder zurückkehre» möchte." Der amerikanische Journalist schließt seine Ausführungen mit der Bemerkung:„Aber das ist schlimmer als eine Kriegserklärung. Die dringendste Frage ist, z» wissen, ob die Engländer und mnne Landslente der Verführung dieser neuen Methode werden widerstehe» können. Wenn sie sich wirklich sagen sollten:„Hitler ist nicht mehr Hitler", dann wären wir alle verloren." »t ..Die rat des blinden nödar Die babgontsdic Spradienverwirruna des Nalonasin aüsmus Führende Zeitschrift der nationalsozialistischen Wirtschaft?» Politik ist„Die deutsche Volksivirtlchast". Führender Mann dieser Zeitschrift ist Dr. H u» k e. MSR. Dr. Hunke, MdR., schreibt in der„Deutschen Volkswirt- schalt" über„Die Lage": Die Lage ist nach Dr. Hunke so, dast die Wirtschaftspolitik des„dritten Reiches" lwörtlichi„an die Geschichte vom Turm- bau von Babel erinnert". Und nicht nur das! Da sich Dr. Hunke schon einmal in Babel befindet, hängt er auch seine Harfe an die Weiden und weint: „Wir haben vielfach den Wca so genommen, dast wir die Begriffe bestehen ließen und ivir nun ihren Sinn wandelten. Taö ist in stillschweigender llebcrcinknnst gc- schehen. Diele Methode hat aber ihre Grenzen. Wenn z. B. in der Wirtschaftstheorie je nach Bedarf die freie oder die gebundene Wirtschast als nationalsozialistisch angesehen wird, dann besteht die Gefahr, dast das Salz lnicht nur dieses! Red.l dumm wird. Wenn eine Seite die Wirtschastslenkung als nationalsozialistisch bezeichnet und dementsprechend in der Praxis reglementiert, die andere aber die freie Wirt- schaft in der Praris fordert— dann wird die Praxis sehr bald T o ansfeben. dast in der allgemein bcstehcncn Unsicher- he!t d>e überwunden»«-''aiibten Theoretiker und Praktiker wieder Obcrivaffer haben. In dieser Weise lassen sie Hunderte von Beispielen, die uns zeigten, wie Welten miteinander ringen, die sich beide a>,'.»atio- »alsozialistisch bezeichnen. Es überrascht dabei nicht, daß die nichtnalionalsozia- listUckc in bekannter Weise der nationalsozialistischen die Bezeichnung nationalsozialistisch abspricht." Mit anderen Worten, die Herrschaften hoben so sehr„den Sinn der Begriffe gewandelt", d. h. das Blaue vom Himmel hcruntcrgcschivindclt, dast sie nun selber nicht mehr wissen, was tind wer und Ivo sie sind. Darum fordert Dr. Hunke die „Freisetzung von alten bewährten nationalsozialistischen Kräften, die sich dann ausschließlich mit der Begründung und Ausbildung einer nationalsozialistischen Wirticbastslchre>lnd -Ihcoric zu besoffen hätten". Er begründet diese Forderung folgendermaßen: „Eine bewußte Tat erfolgt nur aus einer klaren Grund- Haltung heraus und hat ihren Grund in einer fundierten Weltanschauung. Ohne diese ist sie stets die Tat des blinden Hödur." Dr. Hunke ist in seiner Erkenntnis noch nicht iveit genug fortgeschritten, um zu sehe», was„nationalsozialistische" Wirt- schastsvolitit i» Wirklichkeit ist. nämlich die korrupteste kapi- taliitische Jnteressenpolitik. eingehüllt in ein paar„sozio- listisch" klingende Phrasen. Weil er das noch nicht sieht, wohl auch nicht schon darf, so sieht er nur Wirrwarr. Unklarheit, Widersprüche. Zweideutigkeit, Turmbon von Babel und Taten des blinden Hödur. Wie aber muß es nach zwanzig Monaten Nazihcrrschast um die deutsche Wirtschaft bestellt sein, wenn sich die Brust eines„führenden" braunen Wirt- schastSpolitikerS ein solcher Berzivciflungsschret entringt! Ein Rundbrief Die Sülle Arbelt der KtrdieRopposltion Aus dem Reiche geht uns im Original ein Flugblatt folgenden Inhalts zu: Rundbrief der Als Manuskript gedruckt Betennenden Gemeinde Streng vertraulich! Lüdenscheid Vertrauensmänner-Tagung am 12. August 1934 in Barmen-Gemarke. Die Tagung begann mit einer biblische» Betrachtung von Pastor Immer über Hiob 1 und 3. Er beivntc, daß die Ebre Gottes verletzt worden sei, wen» Gott Heimsuchungen schickt. Gott muß seine Ehre wiederherstelle»!<„Jst Hiob umsonst fromm?") Wenn der Fromme leidet, dann dient dieses zur Wiederherstellung der aiigegrisseiici, Ehre Gottes. Anschließend svrack Pastor Asin«ssen über das Thema: „Glaube und Recht".— AS müssen führte u. a. ans, dast der Glaube Gottes Werk sei, also Rechtfertigung, Recht- serligunq ist das Handeln Gottes, das den gottlofe» Men- scheu aus seiner Gottlosigkeit herausruft sRömcr 4,3s. Das Recht dagegen ist der Ausdruck des mcüschlichcn Handelns in der Heiligung. Die Heiligung ist die Frucht des Glaubens: sie geht nicht als Gerechtmachnna dem Glauben voran wie in der kath. Kirche, läßt sich auch nicht trennen vom Glauben, wie es augenblicklich geschieht, wenn man sagt: Kirchenord- nung hat nichts mit dem Bekenntnis zu tun.— Kirchen- ordnnng ist als ei» Stück der Heiligung Frucht des Glan- bens und entsteht aus der Rechtfertigung. Auch der National- sozialismus verzichtet nicht ans die praktische Gestaltung fei- ner Lehre, ebensowenig kann die Kirche a»f die praktische Gestaltung ihrer Lehre in der Kirchenordnung verzichten. Dr. Fiedler schilderte die Vorgänge in der i» Berlin stattgcsundencn kirchlichen Versammlung, die in der Oesiciit- lichkeit als„National-Tnnode" bezeichnet iviirdc.'.>1 Mit- glicdcr von der 00 Mitglieder betragenden„National-Sn- nodc" waren vorher vom Reichsbiichos ans Grund eines rechtsnngültige» GefetzeS von ihrem Amt inSpendiert. dafür neue unbekannte Männer eingesetzt. Trotzdem erhob sich bei der Vorlage der Gesetze ein kirchlicher Widersvrnch von feiten einer kleinen Gruppe(11 Mitglieder), die überstimmt wurde.— Es wird von der Bekenntnis-Tnnode bestritten, dast die Einberufung dieser„Tunodc" und ihre beschlossenen Gesetze rechtmäßig find.— Die Eidesformel für Pfarrer und Kirchenbeamte wird in ihrer Vedentung umstritten, um sie wird noch ein Kamps mit der Kirchenrcgicrnng anSgesochtcn werden müssen. Der Reichsbifchos bat heut? eine Macktfiille in seinen Händen, die für die Kirche unverantwortlich ist und die über das sonst üblich« kirchliche Mast hinausgeht? jeder kath. Vi- schos ist an ein Domkapitel und der Papst an ein aeistl. Koste- gium gebunden. Zwei Pfarrer berichtete» über die augenblickliche kirchliche Lage in Rheinland und Westfalen. Vierzig Kandidaten der Rhcinprovinz haben ans Gewisscnsgründen das zuständige Kirchenregiment in Koblenz abgelehnt und stnd dann von bort her aus dem klrchl. Dienst ausgeschlossen worden. Tie BckcnntniSsnnodc hat diese innge» Leute in ihre» Dienst genommen. Sechs rbei» Superintendenten wurden ihres Amtes entbunden weil sie einen von der jetzige» kirchlichen Vebördc eingesetzten Herr» nickt anerkannt haben.— In Westfalen haben die Gerichte in vcrichicdcncn Prozesse» entschieden, daß die Pfarrer zu Unrecht abgefetzt feien, und Anspruch ans Weiterzahlung des Gcbaltcs hätte». Männer-, Frauen- und Aügcndvcrhände aller Art haben sich der Be» k c n n l n i s s y» o d c angeschlossen. Das vi«»«! des 30. Inn) Und noch immer Tote! London, 20. Okt. iJnprcst.) Der„Manchester Guardian" veröffentlicht neue Enthüllungen über das Massaker des 30. Juni. Er stellt zunächst fest, dast die Zahl der Opfer, die in den ersten beide» Wochen geheim gehalten wurde, mit 282, später mit 400, 000 und schließlich mit über 1000 genannt worden sei. Inzwischen hat das Blatt erfahren, dast 14 Er- schiestungen noch im Juli in der Nähe des KonzentrationS- lagerS Lichtcnburg bei Prettin fSachfen» vorgenommen worden sind. Am 1. Juli patroullierte die ST., bewaffnet mit Gewehren und Maschinengewehren, in diesem Gebiet, zweifellos zu dem Zweck, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Der Kommandant des Konzentrationslagers, Entsbergcr. agb den Gefangenen Befehl, einen Graben auszuwerten. In der Nacht vom 1. ans den 2. Juli und i» der Nacht vom 2. aus den 3. Juli wurden 14 Gefangene in Anto» ans Ber- lin gebracht. Sic wurde» durch TS., n» deren Spitze Eni», berger und der Gruppenführer Paul Felke standen, er- schösse» und in deni von den im Konzentralionslager Inter- inerten ausgeworfenen Graben verscharrt. Tie Identität der Opfer ist nicht bekannt: man glaubt, daß der frühere TA.-Chef von Magdeburg sich unter ihnen befindet. Jeden- falls handelte es sich um Personen in führender Stellung, die, au? welchen Gründen immer, nicht in Lichterfelde, wo ein großer Teil der Opfer des 30. Juni den Tod fand, er- schössen werden sollten. Am 10. Juli wurden etwa 50 Personen, die im 30. Juni verhastet worden waren, nach Lichtenbura überführt. Unter ihnen befanden sich Savignn»nd von Tfchirskn. Sekretär von Pape», Dr. Sack, der„Verteidiger" Torglers, Werner von Alvensleben. ver Marxismus letzt 1000 Mark Prämie auf ein Buch Berlin, 29. Okt. sJnprest.) Am Freitag, dein t». Oktober, bat im Auitrga des Polizei-Generals Daluegc die Gebcime Staatspolizei Berlin durch Rundfunk alle Polizeistationen und Poltzcibeamte» zu einem verschärften Vorgehen gegen die illegale marxistische Literatur verpflichtet. Die Gcücimc Staatspolizei mies darauf hin, dast sich i„ letzter Zeit die Verteilung von illegaler Literatur besonders in Frank- furt a. M„ Leipzig und vor allem Berlin häufe. Eine Reihe von illegalen Zeitungen wurde namentlich genannt, nach denen besonders zu fahnden sei. Am Schluß wurden de» Pvlizeistcllcn die Titel von mehreren i» letzter Zeit erick e- neuen„Hctzbüchcrn" genannt und besonder» aus das Buch „Hitler treibt zum Krieg" hingewiesen. Die Geheime Staats- Polizei erklärte, dast die Verbreitung diese» Buches in Deutschland um jeden Preis zu verhindern fei Die Polizei- Präsidenten feien befugt, Belohnungen bis zu 1000 Mark für diejenigen auszusetzen, die den Besitzer, Verleiher oder Bettreiber eines solchen BnchcS nachweisen. Besonders in der letzten Zeit sollen überraschende Untersuchunasaktioncii aus den Bahnhöfen, gegenüber Reifenden i» den Zügen n: d Besuchern gewisser Eafe» und Wirtschaften, in denen„all- gemeines Publikum" verkehrt, diirclmcfübrt iverden. Für Ernst Torgier Ein Brief des Befreiungskomitees Einschreiben! Saarbrücken, 28. Oktober 1934. Herrn ReichSmini st er GS 6 r in o Die„Taarbrückcr Zeitung" vom 24. Oktober bringt in großer Aufmachung die Meldung dag der schwedische Jour- naltst Nils Lago-Lengguist im Gefängnis ein Interview mit Ernst Torgler Hatte. Es fällt hierbei besonders aus, das; Sie, Herr Reichs- minister Gering, diesem Journalisten so schnell und bereit- willigst die Sprecherlaubnis erteilten, trotzdem sie vielen De- legationen und namhaften Persönlichkeiten wiederholt ver- weigert wurde. Tie werden daher verstehen, daß man im In- und Ausland beioivders aber hier im Saargebiet, die- fem Bericht des schwedischen Journalisten durchaus miß- trauisch gegenübersteht. Die öffentliche Meinung hat daS größte Interesse an einer einwandfreien Aufklärung über das Schicksal der politischen Gefangenen. Wir ersuchen Sie daher, einer neutralen Kommission die Möglichkeit zu geben, einige Gesängnisse und Konzentrationslager zu besuchen. Befindet sich Torgler wohl, geht es Ernst Thälmanu Mierendorf. Dr. Neubauer, Ossietzkn und besonders den inhaftierten Frauen gut, dann dürste die Reichsrcgieruua aber auch nichts hin- dern, dieser neutralen Kommission die Sprecherlaubnis mit politische» Gefangenen zu erteilen Ihrem baldigen Bescheide. Herr Reichsministcr, sehen wir mit allergrößtem Interesse entgegen. Saar-Befreiungskomitee. * Nach einer Meldung der Pariser Ausgabe der„C h i c a g o Tribüne" aus Washington habe Dr Eckencr in seiner Unterredung mit Präsident Rooscvelt die Schassung einer großen amerikäntsch-dcutsch-holländischcn Luftschisfahrtsge- sellschast vorgeschlagen, die ein