Einzige unabhängige Tageszeitung Veutfchkands 244 2. Jahrgang Saarbrücken' Donnerstag Tllatschall Tetain's JiiistuHyb-J-QcdecuMqeH Seite 2 9iandstceich xm xLec Saat? Seite 3 5,7 Millionen Arbeitslose Seite 4 Die„Weisen oon Zion" Seite 8 Preisgabt der Harn Vcriweiflungssdiritt des Oberbürgermeisters von Bremen Bremen, den 81. Oktober r984. In weiten Kreisen der Bremer Bevölkerung hat es großes Aufsehen erregt, daß der Oberbürgermeister und Gauleiter von Bremen-Oldenburg. der bekannte National- sozialist Marler!, von fei nein P o st e n zurücktreten mußte. Zunächst hat dieser Rücktritt Ucber- raschung hervorgerufen, denn es war völlig unverständlich, warum dieser angesehene Führer des Bremer Nationalsozia- lismus plötzlich in Ungnade gefallen ivar. Aber sehr bald wurde das Geheimnis gelüstet und es hat sich herausgestellt, daß Markert das Opfer eines Stärkeren. nämlich des Reichs- bankpräfidenten und Reichswirtschaftsministers Dr. Hjal- mar Schacht geworden ist. Aber eben deswegen gewinnt der Fall Markert eine Be- deutung, die weit über den Rahmen der speziellen Bremer Interessen hinausgeht und ein grelles Licht auf die gesamte finanzielle und wirtschaftliche Situation des„dritten Reiches" wirft. ES hat sich nämlich solqendes herausgestellt: Markert hatte angesichts der Notlage»es Bremer Außenhandels eine Währungspolitik auf eigene Faust getrieben. Er gestattete den Bremer Importeuren, ihre im Ausland gekauften Waren im Inland mit einem Ausschlag von etwa 20 Prozent über dem Inlandpreis zu verlausen, wozu sie infolge der Warenverknappung auch in der Lage waren. Sie durften aber diesen Zusatzgewinn nicht behalten, sondern hatten ihn der Bremer Industrie- und Handelskammer zur Verfügung zu stellen. Tie ihrerseits stellte diese Beträge unter gewissen Bedingungen den Bremer Exporteuren zur Verfügung, die dadurch in der Lage waren ihre Erportwaren entsprechend billiger im Ausland abzusetzen. Letztere waren mit dieser Reglung sehr zufrieden, und tatsächlich hat Bremens Aus- fuhr eine nicht unerhebliche Belebung zu verzeichnen. Auch die Banken waren zufrieden, da sie hierdurch zu tun be- kamen. Auf der anderen Seite führte dieses Softem natürlich dazu, daß die inländischen Verbraucher erhöhte Preise für die Importwaren zu zahlen hatten, was viele von ihnen an- gesichts der Knappheit gewisser Waren gern taten. Im Grunde gebammelt bedeutete die Politik des Bremer Oberbürgermeisters eine versteckte Devalvation der Mark, und zwar hat er sie um 20 Prozent ent- werten lassen Diese Politik steht naturgemäß mit der Währungspolitik von Schacht in stärkstem Widerspruch, so daß Oberbürgermeister Markert und mit ihm sein System verschwinden mußten. Es ist aber immerhin bezeichnend für die Machtbefugnisse der provinziellen nationalsozialistischen Tatrapen, daß sie längere Zeit es wagen Wirken, eine Finanzpolitik auf eigene Faust zu betrieben, die osfensicht- lich im Widerspruch mit der Politik der Reichsregieruug stand. Nunmehr ist in Bremen„die Ordnung wider hcrge- stellt" und die bisher zufriedenen Bremer Exportcure haben jetzt nichts mehr zu lachen. Markert hatte seine eigene Währungspolitik deshalb be- trieben, weil er die verzweifelte Lage der ihm anvertraiiten Stadt Bremen, die neben Hamburg d i e Exportstadt Deutsch- lands ist. gut gekannt hatte. Er suchte nach einem Ausweg— und in seiner Verzweiflung griff er zwecks Hebung des Exports zu dem obigen Mittel. Er hat die Wirtschast in ge- nau so unverautwortlicher Meie angekurbelt wie es Hitler und Schacht durch den Arbeitsbeschaffungsrummel und die faulen ArbeitsbeschassungSwechfel getan hatten. Mit dem Unterichted nur. daß die Reichsregiernng eine versteckte I n s l a t i o n s Politik und Markert eine versteckte D e v a l- n o t i o» s Politik getrieben hat. Gewiß, seine Politik ent- sprang der verzweifelten Lage des Bremer Exports. Aber im Grunde genommen bedeuteten seine Maßnahmen ei»? An- passung an die tatsächlichen Verhältnisse im Hitl-rreich. Denn, wenn auch der Kurs der Mark künstlich ausrechterhal- ten bleibt, da sie sich allmählich zu einer Binnenwährung ent- wickelte, so ist gerade im Jnlande im Laufe der letzten Mo- nate eine tatsächliche Entwertung der Mark eingetreten. Langsam, aber systematisch, sind die Preise im„dritten Reich gestiegen. Allein für die wichtigsten Lebensmittel sind folgende Preiserhöhungen im Vergleich zu den Preisen des Borlahres festzustellen: e i n E i 13 Pf statt U Pf.: Butter 810 Ps. statt 275 Pf.: Schmalz 250 anstatt 155 Pf.: Schwei ne'leisch 2S0 anstatt 127 Ps.: Rindfleisch 230 anstatt 13' Ps- K a r I o s i e l n 0 anstatt 0 Pf.: Zucker 78 anstatt 73 Ps. Bei T e x t i l i c n sind die Preissteigerungen noch beträchtlicher, etwa 20 bis 30 Prozent. Aber nicht nur die Preise für die unmittelbaren Bedarfsartikel sind geEnglisdier Brief stiegen, sondern es ist. infolge der Erhöhung der Produk- tionskosten, eine Steigerung des gesamten Preisniveaus ein- getreten. vnauMstt§ame Hark-Entwertung Zur künstlichen Ankurbelung der Wirtschaft hat die Hitler- regierung ArbeitsbeschaffungsWechsel in Höhe von 2,5 Milliarden Mark ausgestellt, für die keine Deckung vorhanden ist. Diese ArbeitsbcschafsungSwechsel belasten die Reichsbank und bedeuten im Grunde genommen eine ver- steckte Inflation. Schon diese Arbeitsbeschafsungswechsel allein mußten zwangsläufig zu einer tatsächlichen Ent- Wertung der Mark führen. Ein weiterer Grund der Teuerungswelle ist die verhängnisvolle Blubo- Politik. Um die Landwirtschast für sich zu gewinnen, wurde bewußt eine Zollschntzpolitik betrieben, die ebenfalls zwangsläufig zu e'ner unerhörten Steigerung der Agrar- Produkte geführt hat. Tie Devisenbewirtschaftung und der damit verbundene Zwang, die eigene R o h st o s s b a s i s auszudehnen, haben ebenfalls zu einer Preissteigerung ge- sühit. Der Ausbau der Eisenerzlagcrstätten im Lahn-»nd Dillgebiet bedeutet eine.Verteuerung des Erzbezuges der Hüttenindustrie. Tie Drosselung der Metalleiufuhr, der gleichzeitige Ausbau des ManSielder Kupferlagers führten ebenfalls zur Steigerung der Metallprcise. Die Drosselung der Wolleinfuhr hat zu einer sprunghasten Erhöhung der deutschen Wollpreise geführt. Ende September lagen die deutschen Festpreise um 130 bis 287 Prozent über den ent- sprechenden Festpreisen in London. Wir haben an dieser Stelle über Pläne zur synthetischen Herstellung von Benzin aus Braunkohle berichtet. Dieses Benzin ist um das Bier- fache teurer als das natürliche Benzin. Auch die Ersatz- stosse sind teurer als die entsprechenden natürlichen Er- Zeugnisse. Wir befinden uns erst am Anfang dieser Entwicklung. Die Einsuhrdrvsselung und der weitere Ausbau der Ersatzstoff- Wirtschaft, die wahnwitzige Blubopolitik Darres, die mit der Zwangswirtschaft verbundene Bürokratisierung der Wirt- schaft tallein Darres Reichsnährstand verschlingt 80 Mil- lionen Mark im Jahrs müssen zu einer weiteren PretSsteige- rung führen. Das bedeutet aber, daß die Entwertung der Mark weitere Fortschritte macht. Diese Entwertung ist nicht aufzuhalten, wenn nicht die ganze nationalsozialistische Wirt- schaftspolittk grundsätzlich geändert wird. Dazu ist aber der Nationalsozialismus aus politischen Gründen kaum in der Lage. Andererseits bedeutet aber auch die Teuerung und die Markcntmerlung eine politische Gefahr für das Regime. So ist der Nationalsozialismus in eine Sackgasse geraten. Der..voikwerrftterlsdie" Wolfanzug Das Land des Elends In der„Westfälischen Landeszeitung" finden wir einen Artikel, in welchem gegen die Hamsterer schweres Geschütz ausgefahren wird. In diesem Artikel, der von einem großen Teile der deutschen Zeitung abgedruckt ist, heißt es wörtlich: „Wenn das deutsche Volk gezwungen werden sollte, um seiner Ehre und Freiheit willen aus manches zu ver- zichtcn, dann verzichtet die ganze Ration und keiner schließt sich aus. Wiegt sich der Anzngshamsterer in dem Wahn, das, er in seinem Anzug aus ss. original-englischem Wollstoff durch die Straßen der deutschen Städte stolzieren kann, wenn die Ration gezwungen wird, sich in Ersatz- stoffen zn kleiden? Der ss. Sakko des Herr» Zeitgenoffen könnte dann sehr leicht zum Abzeichen für wirtschaftlichen Bolksverrat» für Gesinnungslumverei und zum Beweis dafür werden, daß der Herr Zeitgenosse feinem eigenen Volke dann in den Rücken gefallen ist. als er seine Zu- verlässigkcit und seinen Idealismn sunter Bewis zu stellen vermocht hätte." In de» vierzehn Iahren„marxistischer Mißwirtschast" brauchte das deutsche Volk nicht den Ersatzstosimist zu tra- gen. Es blieb Hitler vorbehalten die deutsche Wirtschait der- an in Grund und Bode» zu richten, daß das Tragen von Wollanzllgen zum„Bolksverrat" gestempelt wird. Neuer Nord im Gefängnis Freiburg. 31. Okt.(Inpreß.) Der Arbeiter Grommer. der wegen seiner antifaschistischen Gesinnung seit einem halben Jahr im Gefängnis von Müllheim festgehalten wurde, hat in-seiner Zelle„Selbstmord" verübt. 0. G. 2 o n b o n, Ende Oktober. Australienflug— die Hauptsensation Seit einer Woche ist der R e k o r d f l u g E n g l a n b— Australien das Tagesgespräch, das alles andere über« schattet. Selbst seriöse Zeitungen wie die„Times" wid- meten viele Spalten ihres wichtigsten Raumes diesem Er- eignis, die Sensationsblätter opferten gleich viele Seiten. Scott und Black, die Sieger dieses Luftrennens- die in knapp drei Tagen drei Kontinente durchquerten, sind heute Englands Nationalhelden. Man ist stolz, daß Eng- länder auf englischem Flugzeug den Sieg errangen und alle bisherigen Rekorde brachen. Freilich benutzt man dieses Ereignis vielfach, um aktivere Lustpolitik zu fordern. Aber zugleich ist man ehrlich genug, auch die großartige Fluglei st ung der Holländer, die als zweite anlangten, zu würdigen und offen auszu- sprechen, daß deren rasche Fahrt in dem bequemen „fliegenden Hotel" der schnelleren Fahrt des englischen Rennflugzeuges gleichzustellen sei. So hat man sich mit Recht über die taktlose Verleumdung des Goebbels-„An- griff" empört, der den Engländern mangelnden Sportgeist vorwarf. Auch sonst nimmt Australien einen großen Raum in der englischen Presse ein. M e l b o u r n e. die größte Stadt dieses südlichen Kontinents, feiert ihr 100j ahriges Bestehen. Zu diesem Zweck fuhr als Vertreter des englischen Königs der Duke of Gloucefter, der dritte Sohn des Königs, herüber. Die Reise dieses Prinzen, von dem man sonst recht wenig hört und liest, wird in epischer Breite geschildert. Festempfang folgt aus Festempfang. Treuekundgebung auf Treuekundgebung. Und doch wie einfach und würdig ist diese Prinzenreise, wenn man an die Feiern und Feste— und an die dabet fälligen bombastischen Reden im„dritten Reich' denkt. Australien ist Bundesstaat, auch dort gibt es eine partikular! st ische Bewegung, die sich freilich nicht auf Stammeseigenarten beruft, sondern auf Wirtschaft- liche Notwendigkeiten. W e st a u st r a l i e n ist flächen- mäßig einer der größten Bundesstaaten, aber es ist dünn bevölkert und stellt im Bundesparlament nur fünf von 75 Mandaten. So ist es recht einflußlos und kommt unter den Schlitten. Westaustralien ist Agrarland, an der Aus- fuhr von Fleisch. Wolle und Korn interessiert und an der Einfuhr billiger Industrieprodukte. Westaustralien ist gegen Schutzzölle.'die kleinen, industriellen, dicht- bevölkerten östlichen Bundesstaaten aber haben Schutz- Zollpolitik erzwungen. Nun möchte Westaustralien aus dem Bunde ausscheiden. Aber wie? Der verfassungs- mäßige Weg wäre ein Volksentscheid in ganz Australien— eine hoffnungslose Sache. Der andere Weg wäre ein Sondergesetz des englischen Parlaments. Eine west- australische Delegation ist deswegen jetzt in London, aber ihr Mißerfolg steht schon fest. Nie wird England Australien verärgern, um ein paar mehr Kunden im dünn bevölkerten Westaustralien zu bekommen. Zwei Labour-Wahlsiege DieLabourPartyhatzweiNachwahlen zum Parlament gewonnen, im Londoner Stadtteil North- L a m b e t h und im westenglischen Städtchen S w i n d o n. Beide Wahlkreise waren bereits 1929 im Besitz der Labour Party gewesen, aber gingen beim Erdrutsch 1931 verloren. North-Lambeth wurde nicht der Regierung, sondern den Oppositionsliberalen weggenommen. Es ist ein proletarisch-kleinbürgerlicher Bezirk mit großem Wohnungselend. Der Regierungskandidat, ein Macdonald- Anhänger, hat kläglich abgeschnitten, er brachte es auf nicht ganz 3000 Stimmen gegenüber 11000 des Labour- Kandidaten. Der Oppositionsliberale erhielt knappe 5000 Stimmen— in einem traditionell liberalen Wahl- kreis. Eine unabhängige Kandidatin, die als soziale Nationalistin auftrat, brachte es gar nur auf ein paar hundert Stimmen und büßte die 150 Pfund ein, die jeder Kandidat bei der Aufstellung hinterlegen muß. und die er nur zurückerhält, wenn er mindestens ein Siebentel aller Stimmen bekommt. In Swindon, einem Bezirk, dessen Wählerschuft knapp zur Hälfte aus Eisenbahner- samilien besteht und zu einem Viertel aus Landarbeitern, wurde der frühere Labour-Landwirtschoftsminister Dr. Addison, der einst als Liberaler unter Lloyd George verschiedene Ministerien verwaltet hatte, wiedergewählt. Sein Gegenkandidat war ein Konservativer, und zwar der ehemalige englische Rugbymeister. Addison ist ein be- fähigter Verwaltungsmann, der vor allem durch seine landwirtschaftlichen Kenntnisse der Labourfraktion nützen wird, wenn er auch freilich der Agrarpolitik des Land- wirtschaftsministers Elliot wesentlich freundlicher gegen- übersteht, als es bisher die Fraktion tat. Der Sieger von North-Lambeth ist ein noch junger Mann, Georg Strauß. Anfang dreißig. Er ist der„lunge Mann" von Herbert Morrison, spielt eine gewisse Rolle im Londoner Grgs, fdjaftsrat und wäre in einem kommenden Labourkabinett Anwärter auf einen Unterstaatssekretärposten. Die Tat- fache daß er Jude ist. spielte im Wahlkampf nicht die ge- ringfte Rolle. Die Zahl der jüdischen Abgeordneten im Unterhaus entspricht etwa der Zahl der Juden im ehe- maligen Reichstag(3— 4 Prozent), nur verteilen sich in England die jüdischen Abgeordneten auf alle Parteien, wahrend sie in Deutschland fast durchweg zur Linken ge- horten, da die Rechte grundsätzlich antisemitisch war. Wie m so vielen anderen Fragen, verstehen die Engländer auch diese Frage mit Takt zu lösen. Nach der Wahl von Strunk freilich hat der„Daily Erpreß" des schwerreichen Millionärs Lord Beaverbrook eine besondere Attacke geritten. Er geriff Strauß an. weil er reich sei, in einer schönen Billa wohne und sein Geld aus demAtetallhandelsgeschäft seinesVaters geerbt habe. Solche Versuche, an den Neid zu appellieren, sind in England ungewöhnlich, da das Neidgefühl keine so entscheidende Nolle spielt. Beaverbrook wird auch kaum viel ausrichten. Das werden die Kommunalwahlen beweisen, die am 1. November in ganz England stattfinden. Da die Per- gleichswahlen im Jahre 1931 stattfanden, dem Unglücks- fahr der Labour Party, so sind in diesem Jahre Wahl- siege der Labour Party mit Sicherheit zu erwarten: besonders in London rechnet sie mit großen Erfolgen. Zwar findet keine Neuwahl des Connty Council(des Parlaments der Gesamtstadt) statt, dort hat Labour ja im März die Mehrheit erobert, wohl aber die Wahl für die zahlreichen Bezirksparlamente. Vor üer Parlamentstagung Das Parlament tritt dieser Tage nach den langen «ommerferien wieder zusammen. Neben einem stark um- kämpften Gesetz zur Reglung der Wetten und Hunde- rennen steht vor allem ein Gesetz über die Aus- r e i z u n g z u m Ungehorsam zur Entscheidung. Dieses Gesetz wird von der Linken erbittert bekämpft als ein«tück Faschismus. Es regelt die Bestrafung der Auf- rcizung von Wehrmachtsangehörigen zum Ungehorsam, und es soll auch der strafbar sein, der Material(Bücher, Flugblätter usw.) in seinem Besitz hat mit der Absicht, durch den Inhalt dieses Materials Soldaten zur Pflicht- Verletzung aufzuwiegeln. Wenn der Verdacht besteht, daß jemand solches Material besitzt, dann soll die Polizei das Recht zur Haussuchung unter erleichterten Bedingungen haben. Die Opposition behauptet, daß jeder, der pazifistische Literatur besitzt, wie z. B. die Bibel oder frühere Reden Macdonalds, strafbar sei: die Regierung bestreitet diese Auslegung._ Wie dem auch sei, der Kampf ist auf der ganzen Linie entbrannt. Die Opposition veranstaltet große Kundgebungen mit bekannten Rednern. Der Bischof von Birmingham, ein glühender Pazifist, ist einer der leidenschaftlichsten Gegner des Gesetzes. Der„Daily Herald" kündigte sogar bereits Obftruktur der wenigen Labourlords im Oberhaus an, wo die Geschäftsordnung weniger strikt ist. Im Hintergrund droht ein innenpolitischer Konflikt ersten Ranges um I n d> e n. Tie Sonderkommission zur Reform der indischen Verfassung hat ihre Arbeit beendet. Sie wird ihren Bericht vorlegen und dann wird der Kampf der äußersten Rechten beginnen, aber nicht vor dem nächsten Jahr. Die Außenpolitik steht zur Zeit etwas im Hinter- grund. Zwar haben Vorverhandlungen mit Japan und Amerika wegen der F l o t t e n st ä r k e begonnen— und ein neuer Konflikt, vor allem mit Japan, das volle Gleich- berechtigung fordert, droht. Auch wegen eines Oel- Monopols in der Mandschure! droht ein Kon- flikt mit Japan— aber das find doch noch nicht Fragen ersten Ranges. Jedenfalls stehen im Augenblick Sport und Sonnenpolitik im Vordergrund. Ilarsdiall Pttains alarmierende Erklärungen Rusiungsiorderangen als Antwort auf die nostang„gewisser Staaten" i A. Ph. Paris, de»»1. Oktober 1934. (Von unserem Korrespondenten) Während in der Preise der Kampf um die Frage, Versailles oder nicht, weiter ausgetragen, d. h. die Diskussion um die von Doumcrguc geplante Berfassungs- reform fortgeführt wird scheinen die vom Kricgsminister Marschall Petain am Montag vor der Finanzkommission der Kammer gemachten Ausführungen durchaus geeignet, die Regierungsparteien in ihrem Willen zum Festhalten an der Regierung des„Burgsriedens" zu bestärken. Petain betonte, dasi die im Haushaltvoranschlag für 193.1 vorgesehenen Beträge für das Kriegswesen ausreichend sein iviirden, wenn alle Unterzeichner der Friedensverträge die militärischen Klauseln genau respektiere» würden. Aber zahl- reiche Umstände, von denen er seinen Zuhörer» vorher Kenntnis gegeben habe, gestatteten keinen Zweifel an den beträchtlichen Rüstungsmasinahmen gewisser Staaten. Bis zum Beginn dieses Jahres habe man ohne Preisgabe der nationale» Verteidigung eine Verminderung der Efsektivbestände möglich halten können. Im Lause des Jahres hätten die europäische Situation und die Informationen, die man über die militärisch« Bor- bereituug in de» andere» Ländern erhallten habe, es»ot- wendig gemacht, von dieser Politik abzugchen und die für das laufende Jahr getroffenen Dispositionen restlos ans- zuführen. Auf dieser neuen Grundlage habe man den Haushaltplan für 1931 aufgestellt. Würde man in den Grenzen der für 1931 gewährten Kredite bleiben wollen, dann müsse man von neuem an den notwendigen Ausgaben für die Unterhaltung der Armee sparen. Petain fuhr dann fort: Im Augenblicke erlaubt die Ver- antwortung, die wir angesichts der beträchtlichen Vernich- rung der Rüstungen gewisier Länder tragen, nicht mehr, unsere Anstrengungen auf eine Vermehrung unserer Effektiv- bestände zu beschränken, sondern sie verpflichtet uns, in gleicher Weise unsere Rüstung zu beschleunigen und unser Material zu modernisieren. Wir prüfen seht die Modalitäten des Planes, der es ermögliche» soll, dem KricgSmnistcr die zusätzlichen finanziellen Hilfsquellen zur Verfügung zu stellen, die die Sicherheit des Landes erfordern. Tie Regie- rung wird ihren Plan in dem Augenblick vorlegen, Ivo sie es für angemessen erachten wird, und sie wird ihn Ihnen zur Beschlußfassung vorlegen." Erwähnenswert ist noch, daß der Berichterstatter für den Kriegshaushalt, Archimband. seinen Kollegen von der Finanztommission zahlreiche recht eindrucksvolle Dokumente über de» Stand der deutsche» Rüstungen vorlegen tonnte, durch die Petains Erklärungen wesentlich nnter» stützt wurden. Das Kilsdicc aus Deutschland Sensationelle Haussuchung beim Straßburger »Elz" Vor kurzem veröffentlichte die Strahburgcr autonomistische Zeitung„E l z", der man gewisse Beziehungen zu»,„dritten Reiche" nachsagt, zwei Bilder aus der Besestigungsgcgcnö unter dem Titel„Frankreichs wafsenstarrender Feftnngs, gürtcl an der Ostgrenzc". Die Staatsanwaltschaft hat jetzt eine Untersuchung gegen die Zeitung„Elz" an- geordnet, deren Montagsnnmmern überall beschlagnahmt wurden. In der Redaktion und der Druckerei wurde eine Haus- suchung vorgenommen, die ungefähr zwei Stunden dauerte. Mehrere Dokumente, die sich ans die obige» Vcröffent- lichnngcn beziehen, wurden beschlagnahmt. Der Untersuchungsrichter hat gegen den Gerant der Zeitung Rene Hauß eine Untersuchung wegen Verstoß gegen das neue Spivnagcgesctz vom 26. Januar 1931 eingeleitet. Artikel S dieses Gesetzes verbietet sotografische Ausnahmen und ihre Reproduktion in einem UnikrciS von zehn Kilo- mctern um die BefestignngSwerke herum ohne besondere Erlaubnis der Militärbehörden. Wir verlautet, soll der Gerant erklärt haben, daß da? Eliche von einer Berliner Firma zugesandt worden iväre, und daß es nur infolge der Unaufmerksamkeit eines An- gestellten veröffentlicht worden wäre. Sdiadif verhöhnt die braunen„Sozialisten Sein Herz gehört dem got verdienendem Kapitalismus Elends Unlersdifzung gehürzl Mit einer schamlosen Begründung Magdeburg, 81. Okt. Die Stadt will aus Ersparnisgründen dieWohlfahrtsfätze senken. Dazu veröffentlicht das Städtische Presseamt eine Erklärung, in der gesagt wird, vom Wohl- fabrtsanit sei seit langer Zeit beobachtet worden, daß ein Teil der Unterstützungsempfänger die Unterstützung nicht zum Lebensunterhalt, sondern zum Verwetten in den einzelnen Wettlokalcn benutze. Mehr als 1» Prozent der am Rettgelchäst beteiligten Personen seien, wie die Razzia er- wiesen habe, Unterstützungsempfänger. Zum Teil handele es sich dabei um Familienväter, die ihre Familie als Opfer der Wettlust hungern ließen. Das Wohlfahrtsamt warne öffent- lich sämtliche Untcrstütznnasempfänaer, ihre Unterstützung auf derartige Weise umzusetzen. Maßnahmen, wie diese Razzia, würden wiederholt werben. Gegen die WohlkahrtS- Unterstützungsempfänger, die wiederholt in Wettlokalen be- troffen würden, würden t-bärlere Maßnahmen, insbesondere Kürzung der Unterstützung, veranlaßt werden. Es ist natürlich sinnlos und verlogen, die zehntauscnbc Wohlfahrtsempsängcr so allgemein zu beschuldigen, vs kann sich bei den Wettlustlgen kaum um 1 v. H. der Wohlfahrts- empfänger handeln. ,.v eie Volksgenossen..." Notrufe überall Die Deutsche Arbeitsfront, Bezirk Westfalen, warnt und droht: Es werden Klagen darüber laut, daß viele Volksgenossen in vollkommener Vcrkennung der wirtschaftlichen Lage in jüngster Zeit Waren des tägliche,, Bedarfes einhamstern, was sich leicht zum Nachteil auswirken könnte. Es liegt absolut keine Veranlassung vor, irgendwelche Lebensmittel oder Bedarfsgegenstände in Mengen cinzu- kaufen: denn unsere wirtschaftliche Lage ist in jeder Be- ziehung vollkommen gesund, und es sind Warenmengen aller Gattungen in großen Ausmaßen vorhanden. ES ist selbstverständlich, daß durch gewissenloses Hamstern die Preise verteuert werden können und tatsächlich hierdurch ein Mangel an Waren zeitweise eintreten könnte. Wir warnen daher Käufer wie Verkäufer, diesem Trei- bei, weiter Vorschub zn leisten und ersuchen alle Volks- genossen, derartige Uebergrisse an die Dienststellen der RS.- Hago unverzüglich zn melden, damit wir die Uebeltäter zur Rechenschaft ziehen können. Es scheint sich hier wieder um Maschenschastcn derjenigen Elemente zu handeln, die unsere Ausbauarbeiten sabotieren möchten....., Wir hoffen, daß diese Warnung genügt, andernfalls sich die Urheber und Förderer der genannten Machenschaften die Folgen selbst zuzuschreiben haben. ^ Der Reichsbankpräsidcnt und Wirtschaftsminister Dr. Schacht gehört bekanntlich zu den intimsten Beratern Hitlers. Beide stehen in einem besonders engen Verhältnis zueinander. Man hat guten Grund, anzunehmen, daß die w i r t sch a f t s p o l i t i s ch e n Boniben, die Schacht jetzt nahezu täglich an die programmatischen Fundamente des Nationalsozialismus legt, nicht ohne Einvcrneymen mit dem „Führer" und Reichskanzler fabriziert worden sind. In Weimar hat Dr. Schacht vor Vertreter» der thüringischen Industrie gesprochen. Wir wiesen bereits auf einzelne Ketzereien Schachts hin, aber ivir hatten gestern noch nicht den vollständigen Bericht. Schachi sagte unter anderem wörtlich staut„Köln. Ztg.", Nr. III): „Das, was wir in bestem Sinne gewerblichen kauf- männischen Geist nennen und was im dentschen Volk stets in hervorragendster Weise vorhanden gewesen ist, das ist auch das einzige, was uns aus dieser Situation wieder herausbringen kann. sLebhaste Zustimmung.) Der selb- ständige Unternehmer darf heute ebensowenig verachtet werden wie die Qualitätsliestung des deutschen Arbeiters. sStürmischer langanhaltender Beifall.) Und wen» mich etwas mit Optimismus für die Zukunft erfüllt, so ist es das, daß es nnserm Führer gelungen ist, die einheitliche Arbeit, die absolut geschlossene Willenskrast von Hand- arbeit und Geistesarbeit wiederherzustellen, die unter dem vorigen System vielfach verloren gegangen war. Wir brauchen den Arbeiter, aber wir brauchen auch den Unter- nehmer. sStürmischer, anhaltender Beifall) Organisa- lion und Bürokratie darf niemals zu eine», Selbstzweck werden. lStarker Beifall.) Wenn ich heute all die wunder- vollen Pläne lese, wenn heute in den verschiedensten Zeit- schristen daraelegt wird, wie man alles wieder organisieren könne, dann kommt mich ein wahres Grauen an. sStarker Beifall.) Wenn mir jemand begegnet, der mir sagt, ich habe heute durch ein gntes Geschäft dreihundert Mark verdient, dann ist ein solcher Mann mir lieber, als wenn er kommt und mir sagt, ich habe einen neuen Plan. sStarker«eisall.)" Genau so haben die Präsidenten der deutschen Unter- nehmerverbändc, die Herren von„Nordwest" und Langnam im Herzen von Kohle und Erz in den„slüchwürdigen vier- zehn Jahren" gesprochen. Genau so haben sie gegen die For- derungen der Gciverkjchastcn ihren Herr-im-Hause-Stand- punkt verfochten. Mit fast den gleichen Worten haben sie gegen den„Marxismus" gestritten— wenigstens gegen das, was sie darunter verstanden. Dr. Schacht hat„Grauen" vor jedm Wirtschaftsplan. Das größte Granen aber"hat er vor jeder Art von„Sozialismus", wie es in den Programmen und Proklamationen des Nationalsozialismus sein dcma- gogischcs und propagandistisches Dasein führt. Seine Hörer, eine Auswahl prominenter thüringischer Fabrikanter über- schütteten ihn mit srenetischem und demonstrativem Beifall. Ihre Freude galt nicht nur den rhetorischen Effekten. Schacht ist mächtiger als die Leus und alle diejenigen, die von wirtschaftlicher Neusormung und Neugestaltung reden. Tie Stunde ist reif, sich herzhaft zum skrupellosen Geldverdienen bekennen zu dürfen. Hjalmar Schacht tut es mit der schönen Deutlichkeit, die ihn auszeichnet. Sein Einfluß ist so groß, daß er den W i l l c n z u m S o z i a l i S m u S in breite» Schichten der nationalsozialistischen Massen und der SA. nicht mehr zu fürchten hat. Ein neuer 30. Juni kann jeden Augenblick die Rebellen, die immer noch von einer„zweiten Revolution" zn reden wagen, für immer zum Schweigen bringen. Korrupte Hitlerbonzen nnd Illegale Ehrenmänner Deflau, 81. Okt. Das hiesige Schöffengericht verhandelte in zweitägiger Verhandlung gegen drei frühere Mitglieder der Kreisleitung Tessau-Stadt der NSDAP., den früheren Kreisleiter Sommer und zwei unter seiner Leitung be- schästigte junge Leute namens Tempil» und C z u r a t i S. Den drei Angeklagten wurde Unterschlagung und U n- treue vorgeworfen. In der Kasse hatte sich ein Fehl- betrag von rund 0000 Mark ergeben. Die Angeklagten gaben das Fehlen des Geldes zn, bestritten aber, das Geld für sich verwandt z» haben. Der Fehlbetrag sei da durch zn erklären, daß es durch Ncberlastung mit anderen Arbeiten an Zeit und Ruhe gefehlt habe, diese» Auf- bau durchzuführen und die laufenden Arbeiten zu erledigen. Eine große Rolle spielte in der Verhandlung die Hitler- Spende. Neber die Einnahmen und Ausgaben kür diesen Zweck ist er st viele Monate später ein Buch angelegt worden, nachdem schon die Revisoren dagewesen waren. Das Bnch wurde dann in Einnahme nnd Ausgabe mit 052!) Mark stimmend gemacht, indem der Saldo einiach ans der KreiSkasse übernommen wurde. Sommer meinte, daß hier die Duelle des Fehlbetrages liege. Ausführlich wurde da» außeramtliche Verhalten der drei Angeklaaten ge- prüft. Sommer hat nach seinen Angaben nur eine allmählich bis auf 110 Mark gesteigerte Aufwandsentschädigung be- kommen, bis er Mitglied des Reichstags wnrdc und die Diäten von monatlich.14(1 Mark erhielt, wofür bekanntlich nichts zn tun ist. weil der Reichstag nie zusammentritt. Seine monatlichen Ansaaben für Zeche« einschließlich Abendessen bezisserte er ans höchstens l» 200 bis 2.1l> Mark. Da» Gericht verurteilte Sommer nnd Tempil« zu je 1 Jahr fi Monaten Gefängnis nnd 800 Mark Geldstrak-. Ezurati» zn sieben Monaten Gefängnis und 100 Mark Geldstrafe. Sommer ist von seinem Amte al- Stadtrat vorläufig suspendiert worden. MdR. mit Tinten ist er als noch! Hinter verschlossenen Türen Darmstabt, 28. Okt. sJnpreß). Vor der hiesigen Straf- kämmet findet gegenwärtig ein Prozeß gegen de,, 30 Jahre alten nationalsozialistischen Polizeikommissar Heinrich Jäger aus Osfenboch statt. Dieser Muster-Nazi hat in einer großen Anzahl von Fällen Gegenstände, die bei„Haus- suchungen" der SA. aus Wohnungen von Antifaschisten ent- wendet worden waren, sich angeeignet. Er hatte für alles Interesse: von Büchern bis zum Kinderbaukastcn. Er hat sich allein mehrere Klassikcrausgaben zusammengestohlen. Aus dem Heimatmuseum erschwindelte er sich sieben Säbel aus einmal, von der Winterhilfe stahl er eine kostbare Steh- lamve. Mit zwei SA.-Lcuteu drang er Mitte März 1933 in die Filiale des Kaufhauses Tietz ein und erpreßte von dem Geschäftsführer 500 Mark für angebliche Uebcrstunden. Bei einem Fabrikanten, dem er einen Führerschein„besorgte", ging er auf die Jagd und verbrachte den Urlaub auf dessen Besitzungen. Sofort»ach Eröffnung der Verhandlung be- antragte der Staatsauwalt Ausschluß der Oei'sentlichkc't, einschließlich der Presse, denn, so erklärte er,„die Greuel- Propaganda ist immer noch nicht überwunden". I l Zuchthaus! Berlin, 81. Okt. Vor dem Vierten Strafsenat des Kammer» gerichts hatten sich.'1 Mitglieder einer Berliner tommu- nistische» Geheim-Organilation zu verantworte», die es ver- sucht hatte», den kommunistischen ttuterbezirt Prenzlauer Berg weiterzuführen und ihren Mitgliederbestand zu ver- größern. In den Wohnungen der Beteiligten wurden geheime Zusammenkünfte abgehalten: auch wurde» illegale Flug- ichritten verteilt. Das Kammergericht verhängte gegen den Bauplangeklagten 31 ,ahrigen Kurt Ncttball die gesetzlich S i'S i V?, 1111 drei Jahren Zuchthaus. Miahrige, der tür die Verteilung der Flug schritten verantwortlich war. erhielt zweieinhalb J\°[«' 11*' d au s der 12iähriae Friedrich Muchow. der den% offen eines Ka.sierer» bekleidete, iv u r d c zu zwei «r?.rn J!" u« Monaten Zuchthaus ver- a J ,l'«i.'«. rc Angeklagte erhielten je zwei Jahre und neün' Monosen.® efd" n" i* i,rofen m»"«wem Jahr Man vergleiche diese harten Zuchthausstrafe» für die Ver- Flugblätter mit den milden Gefängnis- strafen für korrupte Hitler-IAbgeordnet^' Für Deutschland Gegen Hitler! Wie Gesindel-Plrro lammen Im saargebiet ist ein kleines Wunder geschehen Ter be- tucht.gte Gesindel-Pirro. von Gnaden des franzöfifchen .öu,tungslieicranten Röchling Landesleiter der sogenannten „ eutschen Front", hat einen Ausruf erlassen, in dem sein r w 11' 01:' fiir öie deutsche»Freiheits- und Einheitsfront „Gesindel" nicht mehr vorkommt. Hat die treffliche Berbin- dung„Gesindel-Pirro". die er nicht mehr loswerde» wird, er- .iieherisch gewirkt? Oder haben ihm ein paar normal Begabce aus den eigenen Reihen klar zu machen verstanden, daß man ie taufende und aber tausende Saarländer, die jeden abend in die geschlossenen Versammlungen der Einheitsaktion sirömen, unmöglich so ohne weiteres als„Gesindel" betiteln kann. Ter neueste Ausruf» den man ohne llebcrtreibuug einen Rotruf nennen kann, macht eine geistige Anleihe bei den Linksradikalen. Er wirft dem sozialdemokratischen Minister, der sich am 20. Juli 1932 dem Staatsstreich Popens in treusten gefügt hat, Feigheit, Perrat an den Arbeitern und andere Verbrechen vor und noch Schlimmeres: er sei„über die Grenze" gegangen. Ta hat nun Gefindcl-Pirro wieder einmal Pech, denn gerade jener sozialdemokratische Minister >st nicht„über die Grenze", sondern sitzt noch im„dritten titeich", ist also an den Schandtaten, die Pirro den„Emi- granten" vorwirst, nicht beteiligt. Was aber die Feigheit anbetrifft, so ist unseres Wissens kein Sozialist in blauer Brille nach Schweden geflohen, wie der völkische Erich Ludendorss, auch hat sich keiner in die Betten einer Villa versteckt, wie Adolf Hitler nach dem 9. November 1928, und keiner hat sich als Emigrant in internationalen Luxushotels amüsiert, wie Hermann Göring in derselben Zeit zu Innsbruck. Wohl aber sind taufende und aber taufende Sozialdemo- traten und Kommunisten lieber in Folterung und Tod ge- gangen, als die Hand zu dem"erachteten Hitlergrusi zu er heben, sind in die Kerker und Konzentrationslager verschleppt worden, wurden„aus der Flucht erschossen" oder„stürzten aus dem Fenster" von Polizeipräsidien oder„wurden in ihrer Zelle erhängt apsgesnuden". Diejenige», die beraubt und zusammengeschlagen, von den Banditen, die Gcsinnungsleutc des Pirro find, über die Grenze des„dritten Reiches" gingen, halten drangen in Armut und täglichen Gefahre» ihre Uebcrzeugnng hoch und kämpfen für ihr Teutschland. Das ist der Tatbestand. Auch sonst ist der Ausruf recht unüberlegt. Er offenbart nämlich wieder einmal den ganzen Zahlenichwiwdel der so- genannten„deutschen Front". Bekanntlich hat diese schon vor Monaten 99 n. H. der Bevölkerung um sich geschart. Trotzdem hielt nach den täglichen Siegesberichtcn der Zustrom so ge- waltig an. dag die Mitgliederlisten teilweise geschlossen und dann wieder geösknct werden muhten. Außerdem gab es aber, wie nicht ganz abzuleugnen ist, auch noch ein paar Mit- gliedcr der deutschen Freiheits- und Einheitsfront, und nun erfahren wir auf einmal a»S dem Aufrufe Gesindel-Pirros, das? sid? auch noch eine Masse von Saarländern„i m B o r- gcländc", das heisit zwischen den Fronten herumtreibt. Tonen wird drohend zugerufen:„Wir müssen nun wissen, wer fiir uns ist und wer gegen uns ist" Bisher dadite man, von 99 v. H der Saarländer sei es schon ganz gewist, dast sie für die Geschäfte der Firma Röchl ng. Pirro u. Eo. schwärmen. Damit ist es also eingestandenermaßen nichts. Man scheint sich aber immer noch Hoffnungen auf Absplitterungen bei den „freien Gewerkschaften" zu machen. Mag doch die Kapitalisten- front der Hitlerpatriote» und sranzösischen Rüstungsliese- rantcn diesen Wahn ausgeben. Tie Arbeiter wissen, wo sie hingehören: zu einem freien Teutschland und daher gegen eine»„Führer", der unser Teutschland zum wirt'chaftlichen und finanziellen Ruin, zur moralischen Berivilderung, zur Verachtung in aller Welt und zum Versall herunterreistt. wenn ihm nicht gerade von den Deutschen im Saargebiet ein Tamm aufgerichtet wird. „E s lebe der d e u t s dz e A r b e i t e r, der Mann deutscher Ehre! Es lebe das Baterland!" So schliestt der Ausruf der„deutschen Front". Wir nehmen de» Ruf aus! Er bedeutet für den deutschen Arbeiter zugleich: Nieder mit den Räubern der Rechte und aller Kulturgüter des deutschen ArbeitcrtumS! Nieder mit den gekauften und korrupten braunen Bonzen! Nieder mit der blut- und ichmutzbesudclten Gegenrevolution Adolf Hitlers und vor- wärts für ein freies und sozialistisches Teutschland! Dafür kämpft und siegt die Freiheitsfront und die Ein- heitsaktion an der Saar. Sorge um einen Handstreich an der Saar Pari», 81. Okt. Tas„Oeuvre" veröffentlicht eine AbHand- .ung seiner außenpolitischen Mitarbeiterin, die behauptet, dast der französische Botichaster in London, E o r b i», Sir John S i in o n am Dienstag von den technischen Vor- kehrungen in Kenntnis gesetzt habe, die die französische Regie- rung getroffen habe, um dem Präsidenten der Regierungs- kommission Knox die erforderlichen Esfektivstrcitkräste zu sichern,„um jede aufrührerische Betätigung der national- sozialistischen Organisation im Saargebiet im Augenblick der Rolksabstimmung zu verhindern". Paris, 81. Okt. Wie dem„Matin" ans R a n c n gemeldet wird, sollen die französischen Militärbehörden alle Vorkeh- rungen zur sofortigen Durchführung eines„Teckungsplancs" getroffen haben für den Fall eines deutschen Handstreiches im Saargebiet, der französisches Gebiet bedrohen könnte. Mehrere Nachrichten spielten ans die Möglichkeit eines Hand- streiches der hitlerischen Sturmabteilungen auf das Saar- gebiet unmittelbar nach dem Tage der Volksabstimmung, dem 13. Januar, an, durch die der Völkerbund vor eine voll- endete Tatsache gestellt werden solle, bevor er sich über das künftige Schicksal des Saargebietes ausgesprochen habe. In einer Eingabe der Saarländischen WirtschastSvcreinignng an den Völkerbund werde erklärt, dast auf Grund vertraulicher Nachrichte» aus glaubwürdiger Quelle die Eventualität eines deutschen Einfalles ins Saargebiet ernstlich ins Auge gefastt werden müsse. Tie Verbreitung dieser Nachrichten habe natürlich in den sranzösischen Grenzbezirken wie in Paris und allgemein in Frankreich eine g e w i s s c B e- unruhigung ausgelöst. Wir können, so heistt es dann in dem Telegramm des„Matin" ans Nauen, zur Beruhigung Die Kirche unter Terror Ein erschütterndes Dokument aus dem„dritten Reich" Die Evangelische Pressestelle München hat den Mut ausgebracht, trotz Gestapo und Terror einen längeren Bericht über die Vergewaltigung der Evangelischen Landes- kirche Bauern durch den Nazi-Reichsbischoi zu veröffentlichen. Tiesem Bericht, der, obwohl sehr vorsichtig gehalten, klar zeigt, wie der SA.-Stiesel aus der Kirche herumtrampelt, cnt- nehmen wir folgendes: „Am Freitagmorgen erschien in der Privatwohnung deS LandeSbifchofs die politische Polizei, die sich nun auch legiti- mierte, und verbot ihm das Verlassen seiner Wohnung. Er wurde auch weiterhin innerhalb der Wohnung unter scharfer Bewachung gehalten. Er dnrite zeitweilig keine Besuche empfangen, selbst seine Familie war daran zeitweilig gehindert. TaS Spazierengehen in dem Garten wurde ihm aus Ansuchen hin nicht gestattet. Der Leiter der c v a n- g e l i s ch e n Pressestelle, Pfarrer H i l d m a n n, wurde gegen Mittag festgcnommeli. Tie Polizei verhielt sich in allen Fällen äußerst korrekt. Pfarrer Hild- mann hatte in seiner Wohnung.Hausarrest und wurde auch bei Nacht bewacht. Tie Ttadtvi'kare Lanzenftiel und Klein- knecht wurden nad, kurzer Festnahme wieder freigelassen. Am Freitagabend war in allen Kirchen Bekenntnisgottes- dienst unter stärkster Beteiligung der Gemeinden. Nach- mittaas l Uhr hatte der Rechtsivalter.läger bej den? Landes- Hifchoj fein Kommen gngetiind'gl und ihm eltairt, er«verde der öffentlichen Meinung- ohne zu befürchten, dementiert zu werden— sagen, dast da» Militäroberkommando Pflicht- gemäß nicht verfehl, hat, sich mit dieser ernste« Frage zu be- schästigen. Einerseits werde die Ausbildung der kürzlich bei ihren Truppenteilen eingetroffenen Rekruten aus Elsah- Lothringen in diesem Jahre besonders eifrig betriebe», andererseits seien sowohl beim Stabe des 6. Armeekorps in Metz wie beim Stabe des AI Armeekorps in Nancy alle er- forderlichen Vorkehrungen getroffen. So bringt die fanatifierte nationalsozialistische Innen- und Außenpolitik deutsches Saarland in die Gefahr, wieder sran- zöstsch besetztes Gebiet zu werden. Ter„Führer" und Reichskanzler zieht sich aus dem Völkerbund zurück und überläßt die Behandlung der Saamage den fremden Nationen. Zugleich drohen unmittelbare Beauftragte des Reichskanzlers, wie der frühere Landeöieiier und jetzige Agitationsleiter für das Saargebiet im Reiche. T p a n i o l, mi, dem Einmarsch der Arbeitsdiensttruppen, die ieit Monaten jenseits der e»t- militarisierten Zone in„Wehrsport" und ähnlichen für die Abstimmung an der Saar unbedingt notwendigen Kursen ausgebildet werken. Jedes zweite Wort der Naziagitatoreu im Saargebiet aber ist„Warte nur bis zum 13. Januar." Tie Folge dieier terroristischen Drohungen unmittelbar an der französischen Grenze machen sich allmählich in Frank- rcichs Sorgen um„Zwischenfälle" bemerkbar. Es gibt nichts für Teutschlands Gefährlicheres als die Politik Hitlers und seiner unbeherrschten Milizen. ibm ein Schreiben zur Unterschritt vorlegen. Ter Herr Laudesbischoi erklärte daraus, dast er das nur im Kreise seiner sämtlichen Mitarbeiter tun würde. Tarauihin wurde den Oberkirchenräten gestattet, zum LandcSbischos zu kommen, jedoch hielt sie die politische Polizei an der Treppe vor dem weiteren Eintreten ab. Taraushin warteten die Oberkirchen- rate eine Dreiviertelstunde vergeblich auf da» Erscheinen de» Rechtswaltera. Nachdem sie lange auf den Treppen sitzend gewartet hatten, verließen sie das Haus..." In Ansbach wurde von dem eingesetzten Kommissar Svmnierer Herr Pfarrer Fuchs zum Kreisdeka» bestellt. Am Samstag hielt Kreisdekan Kern unter größter Anteilnahme die Abendandacht. Vorher war Pfarrer Fuchs in seiner Wohnung ersdsie'nen und hatte ihn ausgefordert, er möchte doch sein Amt ihm übergeben. Taraushin erklärte Kreisdckan Kern:„Ich habe mein Amt nicht von mir selbst, sondern von Gott übertragen erhalten durch meinen Landesbischof. Tiesem Landcsbischos Messer unterstehen anch Sie und haben ihm zu gehorchen" Herr Pfarrer Fuchs erklärte, er sei jetzt zum Kreisdekan eingesetzt. Kecisdeka» Kern weigerte sich, das anzuerkennen und bleibt im Amt. Er verwies Pfarrer Fuchs aus seinen Predigttert:„Greife nicht i n ein fremdes Amt!" Ter Gottesdienst am Tonntagmorgen bei St. Johannes in Ansbach war denn auch dann überfüllt,' Kreisdekan Kern predigte unter größter Bewegung der Zuhörer und verlas die Kundgebung des Landesbischois Pfarrer Putz überbrachte die Grüße des Landesbischois und Landeskirchenrats. Zum Zeichen der Trauer für die Gefangenschaft des i'#-' sbijchois wurden die Kerzen am Altar ausgelöscht. „io verlöscht Gott den Leuchtgr einer Kirche, in d« Mitterismus gegen Katholizismus Unversöhnliche Gegensätze TaS sind die zwei Welten, die das mittelalterliche Herz des nordisch-bedingtcn Menschen zerrissen: die vorderasiatische, schreckhaste, von der Kirche gezüchtete Vorstellung der grausamen Unterwelt und die Sehnsucht„frei, gerade und gesund" zu sein. Nur so weit er frei ist. kann der Ger- mane schöpferisch sein, und nur wo der Hexenwahn nicht herrschte, entstanden Zentren europäischer Kultur. In dieses rasselose wüste Rom kam das Christentum, ES brachte einen Begriff mit sich, der in erster Linie seinen Tieg verständlich macht: die Lehre von der Sündigkeit der Welt und damit zusammenhängend die Predigt der Gnade. Einem Volk mit ungebrochenem Rassecharakter wäre die Erbsündenlehre eine Ilnverständlichkeit gewesen, denn in einer solchen Nation lebt das sichere Vertrauen zu sich selbst und zu seinem als Schicksal empfundenen Willen. Homers Helden kennen die„Sünde" ebenso wenig wie die alten Inder und die Germanen des Tacitns der Tietrichsage. Tagegen ist das dauernde Sündengcfnhl eine Begleiterfchei- nung phusischer Bastardierung. Tie Rassenschande zeugt nielspäitige Charaktere, Richtuugslosigkcit des Denkens und Handelns, innere Unsicherheit, das Empfinden, als sei dies ganze Dasein der„Sünde Sold" und nidit eine geheimnis volle notwendige Autgabe der Selbstgestaltung. Tiefes Ge fühl der Verworfenheit ruft die Sehnsucht nach einer Gnade notwendig hervor, als einzige Hosspung der Erlösung vom blutschänderischen Dasein. Es war darum selbstverständ- lich, daß unter gegebenen Umständen alles, was noch in Rom Charakter besaß,'sich gegen das aufstrebende Christen- tum wehrte, um so mehr, als dieses neben der religiösen Lehre eine durchaus proletarisch-nihilistisdhe politische Strömung darstellte. Tie übertrieben blutig geschilderten Ehristcnversolgungcn waren im übrigen nicht, wie es die Kirchengeschichten darstellen. GcsinnungSknechtungen«das Forum war frei sitr alle Götter), sondern Unterdrückung einer politisch als staatsgefäbrlidi beurteilten Erscheinung. Lehrkonzile. Inquisition und Scheiterhaufen zwecks Seelen- Vernichtung einzuführen, blieb der Kirche i» ihrer paulinisch- augustinischcn Form vorbehalten. Tie klassisch-uordische An- tike kannte derlei nicht und die gsrmanische Welt hat sid? gleichfalls gegen dieses syrisdje Wesen empört. Alfred Rosenberg, der vom Führer und Reichskanzler mit der weltanschaulichen Erziehung der Nation beauftragte Theoretiker des Nationalsozialismus in seinem Ruche..Der Mythus des 20. Jahrhundert 1 Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, 13.—16. Auflage. Seite 70 71. Das Buch ist von der nationalsozialistischen Regierung allen Lehrerbibliotheken als geeignet empfohlen und in vielen Fällen auch katholischen Büchereien zwangsweise eingegliedert worden. Gewalttat und Lüge herrscht. Damit uns das nicht geschehe, laßt uns treu stehen bei dem Bekenntnis." Tic ganze Ansbacher Gemeinde ist auis tiefst« erschüttert. AehnlicheS vollzog sich an nersd?iedenen Stellen des Landes, z. B. in Günzenhausen bezeugte die gesamte Gemeinde feier- lich ihre Treue zu Bischof Messer!" lieber diese neudeutsche Schande beriditet die Nazipresie an der Saar kein Wort. Sic weiß genau, daß, wenn die Saar- bevölkerung darüber die Wahrheit erfährt, der 13. Januar mit einer vernichtenden Niedersage Hitlers enden wird. Deshalb wird anch das Ablenkungsmanöver über angebliche Kirchenveriolgungen in Mexiko inszeniert. Wer für die Vergewaltigung der Kirche ist» stimmt am l«. Januar für Hitler! Polizei Ofden E! nliei'sfront Wie uns aus St. Ingbert berichtet wird, wurde gestern abend unsere ZeitungSträgerin von einem Polizisten ans der StLaßc festgenommen und ans daS Polizeilokal ge- führt. Tort wurde der Frau die Tasche, in der sie ihre Zei- tungcn hat durchstöbert. Als man nichts fand, ließ man die Frau wieder lausen. Tiefe Behelligung geschah nur aus De- nunziation der braunen Gesellen Man vermutete scheinbar Einladungszettel bei der ZeitungSträgerin für eine Frauen- knndgebung. Bor wenigen Tagen bekam dieselbe arme»Frau, die in ihrem hohen Alter ohne jeglidie Unterstützung aus eigener Kraft sich durchs Leben ichlägt, ein Strafmandat in der Höhe von 10 Fr. oder zwei Tage Hast. Tic Polizei in St. Ingbert scheint jeder Tennnziatioi' Ni c Einheitsfront Gehör zu schenken. Per ffiglidie Terror „Gehen Sie nicht zu dem Status-quo-Mann!" Gestern vormittag gegen 11 Uhr sprach ein Fremder den Straßenbahnführer des Wagens Nr. 73 der Linie ö fJägcrSsreiidej an und erkundigte sich nach einem Lokal in Jägersfreude. Ter Straßenbahnführer erlaubte sich hierbei die Bemerkung:„Gehen Sie nichx zu Gottschalt, den,, er ist ein Status-quo-Mann." Ob sich die Abstimmungskommission einmal mit die>em braunen Straßenbahnsührer beschäftigen will? Sein Name kann bei der Direktion der Straßenbahn des Saartals fest- gestellt werden. ..Deut«che Freiheit", Nr. 244 ARBEIT UMD WIRTSCHAFT Dounerstag Freitag. 1. 2. Nov. 1934 Kleine Wirtschaftsnachrichteit Die Ueberwachungsstelle für Wolle hat für die Zeit vom 1. Oktober d. J. bis zum 31. März 1935 ein Vorgriffsrecht aiff alle später zu erteilenden Einkaufsgenehmigungen für deutsche Schurwolle angeordnet. Die amerikanische Zeitung„Textile World" veröffentlicht eine Schätzung über die Weitproduktion von Kunstseide. Nach dieser Schätzung wird die Kunstseidenweltproduktion für das Jalu 1934 mit 744 Milllionen Lbl. gegenüber 660 Millionen Lbs. im Vorjahre angenommen, was einer Steigerung um 13 Prozent entsprechen wird. Nach der gleichen Schätzung wird für Deutschland eine Produktionssteigerung um 11 Millionen auf 87 Millionen Lbs. angenommen. Die Anstrengungen der deutschen Strohhut- Industrie, da.« in den letzten Jahren erheblich zurückgegangene Exportgeschäft wieder anzukurbeln, haben zu keinem Erfolg geführt Indessen ist die Strohhutindustrie auf den Export insofern angewiesen, als sie bei ihrer Rohmaterialversorgung auf das Ausland angewiesen ist und somit die zum Bezug von Rohstoffen erforderlichen Devisen nicht hereinbringen kann. Die Kautschukindustrie!»t angesichts der Drosselung der Rohgummieinfuhr zu verstärktem Verbrauch von Gummiregeneraten übergegangen Dies macht sich auch in dem Sinken der Ausfuhr sowie in derZunahme d e r E i n- f it h r von Allgummi bemerkbar. Während beispielsweise im vierten Quartal 1933 im Monatsdurchschnitt 964 Dz. Altgummi eingeführt und 3500 Dz. ausgeführt worden sind, stellte sich im zweiten Quartal 1934 die Einfuhr auf durchschnittlich 4200 Dz., während die Ausfuhr auf 1200 Dz. gesunken ist. Vor einem deutschsenglischen Clearing* Abkommen Steigender französ?«cher Export Aber Schacht zahlt nicht 5,7 Millionen Arbeitslose Massenerwerbslosigkeit der 25* bis 40jährigen Bekanntlich läuft das provisorische Verrechnungsab- knmmen zwischen Deutschland und England jetzt ab. Seit Mitte Oktober wird zum Zwecke des Abschlusses eines zweiseitigen Clearings an Stelle des bisherigen Zahlungsabkommens verhandelt. Wie wir hören, soll es zu einer grundsätzlichen Verständigung gekommen sein, wobei nach den vorliegenden Informationen nur ein Teil der von England gewährten Stillhaltekredite in das Clearing einbezogen wird. Es handelt sich dabei um Kredite, die sich unmittelbar auf den Warenverkehr beziehen, während der überwiegende Teil der englischen Stillhaltekredite, bei denen es sich um Finanzierung des deutschen Handels handelt, anscheinend nicht unter das Clearing gebracht werden wird. Iii den nächsten Tagen werden die Einzelheiten dieses Abkommens bekanntgegeben. Von englischer Seite wird behauptet, daß die Forderungen der englischen Garn- und Kohlenlieferanten bei dem neuen Abkommen beriicksicht worden seien. Im übrigen sind die nicht transferierten Beträge zur Bezahlung englischer Importe in Deutschland auf über 17 Millionen Mark angeschwollen, nachdem sie noch Mitte September nur etwas über 5 Millionen Mark betragen hatten. Schacht handelt also auch weiterhin nach dem Grundsatz: Lerne kaufen ohnezuzahlen. Nach den letzten amtlichen Veröffentlichungen soll die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland in eineinhalb Jahren Hitler-Regierung von über 6 Millionen auf 2.39 Millionen (Ende September 1934) gesunken sein. Das sind, so schreibt ein Bewunderer des Nürnberger Parteitags,„Erfolge, die alle Welt in Erstaunen versetzen". Wir sind über die Zahlenkunststücke der braunen Jongleure weniger erstaunt, nachdem wir wissen, daß die Zwangsarbeit der bisherigen Unterstützungsempfänger in der Landhilfe, als Notstands- und Fürsorgearbeiter eine nach Millionen zählende Erwerbslosigkeit amtlich unsichtbar gemacht hat. Einige Unvorsichtigkeiten der Lügenstatftiker haben diesmal unsere au dieser Stelle wiederholt gebrachten Berechnungen bestätigt. Im „regulären Produktionsprozeß" sind heute nach den amtlichen Angaben 15.1 Millionen Arbeiter und Angestellte tätig. Unter Hinzuzählung der zu gleicher Zeit veröffentlichten Arbeitslosenziffei von 2.39 Millionen gäbe es demnach in Deutschland rund 17,5 Millionen Arbeitnehmer. Das Statistische Reichsamt verschweigt, daß diese Gesamtzahl der Arbeiter und Angestellten einschließlich der Arbeitslosen einige Millionen höher sein muß! In dem vor wenigen Monaten erschienenen Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich fiir 1934 wird die Zahl der Arbeitnehmer mit 20 837 000 angegeben. Es fehlt demnach in der neuesten statistischen Mitteilung die Kleinigkeit von 3,3 Millionen Arbeitern.' (in„dritten Reich" sind also auch nach den noch sehr korrekt- turbedürftigen amtlichen Veröffentlichungen Ende September 1934 rund 5.7 Millionen Erwerbslose vorhanden gewesen. Dabei bleibt die Zahl der Kurzarbeiter unberücksichtigt. Auch die Neueinstellungen der Rüstungsindustrie haben demnach nicht ausgereicht, die Massenerwerbslosigkeit einzudämmen. Das ganze Elend der deutschen.Arbeiterklasse zeigt die vom„Institut für Konjunkturforschung" soeben bekanntgegebene Altersgliederung der Arbeitslosen, die, wie immer, nur in Prozentzahlen veröffentlicht wird: Männer Frauen Insgesamt bis unter 18 Jahren 3.1 12.0 5.0 18 ,.„ 25„ 13.0 17.3 13.8 25„„ 40„ 46 9 39,9 45.6 40.,.. 60„ 32.4 28.3 31.6 60„.. 65„ 3.7 1.5 3.2 65 und mehr Jahre 0.9 0,4 0,8 Es zeigt sich mit erschreckender Deutlichkeir, daß das ganze Schwergewicht der Arbeitslosennot auf den werktätigen Männern und Frauen im Alter zwischen 25 und 40 Jahren lastet. Das„dritte Reich" hat im Verlaufe seiner Arbeitsschlacht die leistungsfähigsten Altersklassen lahmgelegt. Da der Nationalsozialismus selbst nicht an eine auch nur bescheidene Arbeitsmarktbelebung glaubt, ist man bekanntlich auf das Auskunftsmittel verfallen, diesem riesenhaften Arbeiterelend durch eine mechanische Auswechslung der Jugendlichen gegen ältere Arbeiter zu begegnen. Eine ganze Generation der erwerbstätigen Bevölkerung soll zu Rekruten gemacht und in die Arbeitsdienstlager kommandiert werden. Wie diese sogenannte„Schule der Erziehung zum neuen Arbeitertum" aussieht, wird im Organ der Landarbeiter in „sozialer Beleuchtung" aufgezeigt. Im Arbeitsgau Magdeburg-Anhalt haben die Zwangsarbeiter rund 100 Hektar bis dahin nur durch Spreugewinnung genutzten Niederungs- moores mit einer 12 Zentimeter dicken Sandschicht überdeckt und den Landwirten neue Aecker gewonnen, die mit einer Ertragssteigerung von 35 000 Mark errechnet werden. Diesen in einem Jahr durch Zwangsarbeit geschaffenen Profit mußten 216 Arbeitsdienstsklaven erarbeiten. Die Gesamtkosten dieser Arbeitsdienstabteilung werden mit 170 000 Mark angegeben, so daß pro Kopf der Arbeitenden einschließlich der sachlichen Ausgaben 800 Mark jährlich aufgewendet worden ist. Das Arbeitseinkommen beträgt also ein- schließ'ich der Naturalverpflegung noch nicht einmal 15.40 Mark wöchentlich. Die sachlichen Unkosten müßten von diesem Schandlohn erst noch in Abzug gebracht werden. Das Blatt spricht von einer jährlich wiederkehrenden Ertragssteigerung von 20 Prozent der aufgewendeten Kosten, ohne hinzuzufügen, daß auch der zur Profitsteigerung privaten Bodenbesitzes gemachte Aufwand aus öffentlichen Mitteln fließt. Das vom Staat ausgegebene Geld, so argumentiert „Das schaffende Landvolk", fließt,„soweit es nicht in der Arbeitslosenunterstützung erspart wird, allmählich infolge der vermehrten Steuereingänge wieder voll zum Staate zurück'. Dieser Staat, der„zur höheren Formung des deutschen Menschen" den Agrariern Arbeitskräfte ohne Lohn zur Dienstleistung liefert, ist schon dankbar, wenn die Besitzer aus der ihnen mühelos geschaffenen Ernte wenigstens wieder Steuern zu entrichten bereit sind! Wie hunderttausende die-er jungen Arbeitssklaven nach Ableistung des Arbeitsdienstes und unter Verzicht auf eine fachliche Berufsausbildung in den Produktionsprozeß eingegliedert werden soll, ist bisher nicht verraten worden, wenngleich die Riesen Verwaltung in Berlin. Invalidenstraße, sich neuerdings den Beinamen„Arbeilsdank" zugelegt hat und verspricht, den Arbeitsdienstlern nach ihrem Ausscheiden aus dem Arbeitsdienst Arbeitsstellen zu suchen. Auf jeden Fall sind wieder einige hundert Naziversorgungsanwärter in dieser Verwaltung beschäftigt! „Der Arbeitsdienst ist",' wie„Der deutsche Holzarbeiter" mit gutem Recht verkündet,„die Schule für angewandten Nationalsozialismus". Achtung, Kriegsseife kommt wieder! Die Außenhandelszahlen für September lassen zum«erstenmal eine empfindliche Besserung, vor allem eine Be- lebung des Exports, erkennen. Der Gesamtverkehr ist im Vergleich zum Vormonat um 108 Millionen fr. Fr. gewachsen; verglichen mit dem Stand vom September 1933 zeigt sich allerdings ein Rückgang von 573 Mill. fr. Fr. Das Bild der Handelsbilanz stellt sich für September wie folgt dar(in Mill. fr. Fr.): Einfuhr Ausfuhr Defizit September 1934 1653 1518 135 August 1934 1672 1391 281 September 1933 2154 1590 564 Die Exportzunahme beträgt 127 Mill. fr. Fr. und dürfte in erster Linie auf die Belebung des Exportgeschäftes mit Deutschland nach Abschluß der Verrechnungsverträge zurückzuführen sein. Die Besserung mag deshalb wenn nicht als gänzlich vorübergehend, so doch in gewissem Maße als zeitlich begrenzt erscheinen. Aber diese Exportsteigerung macht den Franzosen keine große Freude, da Schacht als betrügerischer Bankrotteur nicht zahlt. Deshalb hat auch der Handelsminister Lamoureux noch kürzlich den französischen Exporteuren in ihrem eigenen Interesse empfohlen ihre Lieferungen nach dem „flriten Reich" zu stoppen. Inwieweit dieser gutgemeinte Rat befolgt wird, läßt sieb noch nicht übersehen. Die. Einfuhr erlitt eine weitere Schrumpfung auf einen neuen rekordmäßigen Tiefstand; seit Januar d. J. nahm der Import insgesamt um 647 Mill. fr. Fr. ab. In den drei Quartalen dieses Jahres betrug der gesamte Handelsverkehr 30 713 Mill. fr. Fr. gegen 35 087 Mill. im Vorjahr. Der Ausfall von 4374 Mill. entsteht in der Hauptsache durch den Rückgang der Einfuhr um 3961 Mill., d. h. um 18 Prozent, im Vergleich zum Vorjahr, während der Export nur um 413 Mill. fr. Fr., d. h. um 3 Prozent, gesunken ist. Von den einzelnen Warenkategorien berührte die Ein- fubrdrosselung am stärksten die Nahrungsmittel(— 1732 Millionen) und die Industrierohstoffe(— 1644 Mill.), woraus einerseits die Folgen des verstärkten Agrarprotektionismus und anderseits die Wirkungen der ungünstigen Industriekonjunktur zu ersehen sind. Das wichtigste Ergebnis der neuesten Entwickluiigspbase des französischen Außenhandels liegt in der Verkleinerung des Fehlbetrages der Handelsbilanz von 8142 Mill. i. V. auf ££94 Mill. in diesem Jahr». „20 000 RM. Rürgschafl übernimmt die Sunlicht Gesellschaft AG., Mannheim, dafür, daß diese von ihr hergestellte Seife keine schädlichen Restandteile enthält. Die Sunlicht Gesellschaft AG., Mannheim, übernimmt die Gewähr dafür, daß diese Seife unter Rerüdssichtigung der ge- geschlichen Restimmungen hergestellt ist."(Aufdruck deinen en Smilicht-Originalpackung.) Die bekannte Sunlichtseife hat seit kurzem ihre Originalpackung geändert. Die Sunlicht-AG. bürgt nicht mehr dafür, daß sie keine schädlichen Stoffe verwendet, sie erklärt vielmehr, daß ihre Seife„nach den gesetzlichen Bestimmungen hergestellt" ist. Früher versprach sie:„Größte Waschkraft, mühelose Arbeit. Schonung der Gewebe." Jetzt ist das Feld, das diese Anpreisung enthielt, leer. Auf der Deckelklapp« stand früher„Schont die Wäsche". Jetzt ist das weggefallen. Am Schluß der Gebrauchsanweisung stand einst zu lesen: „Sunlicht-Seife ist wegen ihrer Reinheit auch für Hände und Körper vorzüglich geeignet." Jetzt ist an der Stelle, an der diese Worte standen, ein weißer Fleck. Der unentbehrliche Gummi Schachts Abkommen mit den englischen Lieferanten Während in bezug auf die Rückzahlung der überfälligen deutschen Warenschulden, deren Ausmaß auf annähernd 500 Millionen Reichsmark geschätzt wird und wovon vielleicht 45 Millionen Reichsmark auf die Schweiz und vielleicht 22 Millionen Reichsmark auf England kommen, bisher wenig verlautet, ist es dem englischen Gummihandel gelungen, mit Deutschland eine Vereinbarung über die Rückzahlung der von ihm gewährten Kredite zu treffen. Das mit der englischen Rubber Trade Association getroffene Abkommen verdient um so mehr Beachtung, als die englischen Exporteure von Baumwolle, Kohle und andern Waren nach Deutseliland vor einigen Wochen beschlossen hatten, nur gemeinsam vorzugehen und bis zum Abschluß eines annehmbaren Vertrages ihre Verkäufe nach Deutschland einzustellen. Das den englischen Raumwollexporteuren unterbreitete deutsche Angebot war auch tatsächlich sehr unbefriedigend. sah es doch nur eine allmähliche Abzahlung der Baumwollschulden in zwölf Monatsraten vor, wobei noch für neue Warenbezüge neue Kredite von sechs Monaten eingeräumt werden sollten. Die englischen Gummilieferanten konnten aber weit günstigere Bedingungen durchsetzen. Deutschland hat sich verpflichtet, 20 Prozent der Gummischulden sogleich zu bezahlen und den Rest in monatlichen Raten von je 10 Prozent, so daß zusammen eine Zahlungsfrist von etwa neun Monaten dabei herauskommen wird, wobei aber noch im Falle des Eintretens günstiger Umstände die Zahlungen beschleunigt werden sollen. Auf der andern Seite sind die englischen Gummilieferanten hiernach bereit, die Lieferungen gegen Rarzahlung sogleich wieder aufzunehmen. Insgesamt handelt es sich hierbei um den nicht großen Betrag von etwa 5ö 000 Pfund oder rund 0 ,6 Millionen Reichsmark. Trotzdem wird man im Hinblick auf die deutsche Devisenknappheit annehmen dürfen, daß besondere Umstände den Anlaß zur bevorzugten Behandlung der Gummilieferanten gegeben haben. Man wird nicht fehlgehen, wenn man diese sowohl in der Verknappung der deutschen Gummibestände sucht als auch in der Gefährdung, die eine solche Entwicklung für die von Hitler mit allen Kräften protegierte Motorisierung Deutschlands bedeuten würde. Während die Produktion von Personen-Automobilen im August 1934 die Vor- jahrsziffer um 82 Prozent übertraf, war Deutschlands Einfuhr an Rohgummi in den ersten acht Monaten nur um 32 Prozent größer als in der entsprechenden Vorjahrszeit. Deutschlands Einfuhr an Rohgummi ist in den acht Monaten auf 48 891(37 132) Tonnen im Werte von 29,7(14.4) Millionen Reichsmark angewachsen. Die Gummibewirtschaftung hat bereits sehr frühzeitig eingesetzt. Der Verkauf der bei den Reifenfabriken befindlichen Gummireifen wurde gesperrt, und nur neue Reifen durften noch verkauft werden, deren Qualität indessen nicht mehr der früheren entspricht. Eine Anzahl von Fabrikationsvorschriften und sonstigen Beschränkungen mußte erlassen werden. Schließlich wurde der Produktion von Vollgummireifen, die aus regeneriertem Gummi bestehen, eine erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet. Wie es kürzlich hieß, seien ztvei Verfahren zur Herstellung von synthetischem Kautschuk inzwischen fabrikationsreif geworden, und nachdem auf dem Nürburgring mit gutem Er- ^'(5^ ersuchstahrten unternommen worden seien, könne ']' e Produktion im großen aufgenommen werden. Solche Absichten sind auch vorhanden, jedoch verlautet aus unterrichteten Kreisen, daß die Preise des synthetischen Gummis bzw. der mit seiner Hilfe hergestellten Autoreifen nicht nur das Mehifache des Weltmarktpreises betragen, sondern daß :ie darüber hinaus auch eine wesentlich kürzere Lebens« neuer haben sollen. „ deutsche fiimmen• Ißeita&e zur.tDeutsrfzen&reifkeit"• txetgnisse und 9estfkiditen ■ Donnerstag, den 1. November 193a 5 äiische£itezatucsümde Justin us Jiecnecs ostischec JCopf und^fchiitecs Dinaciezhaupt Die„Zeitschrift für Deutschkunde" erseheint im Teubner- cilag. Leipzig, dem bedeutendsten Schulverlag des Deutschen Reiches. Wie die Geisteshelden aussehen, die im „dritten Reich" die Schule formen helfen, zeigt sieh wieder einmal im Oktoberheft dieser Zeitschrift. Da beklagt sich ein Mann namens Heinz Otto Burger bitter darüber, daß der rassische Gedanke noch nicht recht in die Literatur- geschieht«- eingedrungen sei. Seiner Meinung nach muß die ganze Literaturforsdiung auf eine neue Basis gestellt werden. und er gibt an Ort und Stelle ein Pröbdien seiner weltweiten Planung. Wir zitieren: ..Der erste in der deutschen Literaturgeschichte, den ich mit einiger Bestimmtheit als fälisch bezeichnen möchte, ist Hans Sachs. Jost Ammanns Stich von 1576 zeigt zwar keine fälisrhe Nase, aber die fälische Kopfform. Den ersten repräsentativen Palen finde ich erst wieder in Friedrich Rücke rt(sehr bezeichnend die Ueberaugengegend und der Mund)... Der klassisch ostische Kopf sitzt Justi- nus Kerner auf den Schultern. Audi in dem etwas weniger ostisdien Möricke ist viel„magischer Idealismus" lebendig. Und ein Schweizer: Gottfried Keller. Seine Statur, aber auch, namentlich wenn man Jugendbilder betrachtet, seine Gesichtszüge stempeln ihn deutlich zum Osten..- Johann Ghristian Günther(siehe besonders die Unterkiefer- und Mundpartie!)... Der ostbaltische Sachse Paul Gerhardt (siehe besonders den Mund und den Abstand der inneren Augenwinkel von der Nase!).. Und ist nicht Nietzsche ein Dinarier? Hölderlins Schädelbildung ist stark dinarisdi. Groß steigt hinter Nietzsche, hinter Hölderlin das Dinarier- haupt Schillers empor." Das ist nur eine Kostprobe— es geht so weiter viele Seiten lang. Ob Klejst oder Adalbert Stifter, ob Schlegel, Schleiermacher oder Beumelberg— sie alle kriegen einen Steckbrief mit genauen Nasenangaben und Augenwinkel- messungen auf den Weg. Nur einer ist weggelassen, ein ganz kleiner: Goethe! Offenbar sieht er schon allzu ,.ostisch" ans und hat sich nicht recht eingliedern lassen Wenn er sich nicht entschließt, nachträglich seine Gesichtszüge zu korrigieren, wird man ihn kurzerhand aus dem Schulplan streichen müssen. Die DiietUmtenfcaat odez: Dez zusende Stiimpec In der Deutschen Bühnenkorrespondenz wird einem haken- kreuzlerischen Dramaturgen, Wolf Braumüller, das dramatische W ams zu eng und er enthüllt ein Theatereleud, von dem er nicht einmal weiß, wie schlimm es ist. W arnend erhebt er die Feder gegen die„dramatische Produktion von heule" und wirft den braunen Stückeschreibern vor, daß sie„den Gedanken der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft mit phrasenhafter Leitartikel-Gelehrsamkeit" zu gestalten suchten oder historische Persönlichkeiten en Masse vergewaltigten. Ebenso entsetzlich sei die Verballhornung der germanischen Vorgeschichte, der Edda oder der Werke großer Autoren. „Ehrfurcht voi* den Werken deutscher Geistesheroen scheint überhaupt von vielen Autoren als unnationalsozialistisch ein für allemal abgelehnt zu werden." Naive Klaget Woher sollen Hitlers Barden diese Ehrfurcht haben, wenn der Geist verbannt, verbrannt, verfemt wird?! „Weiterhin scheint die fröhliche Muse aus der Dramatik der Gegenwart verbannt zu sein."„Ein Lustspiel, eine reizende Komödie zu schreiben, scheint als frivol verschrien..."„Aber wir haben leider eine e r- schrecklich hohe Zahl von Dilettanten, die durch ihr Massenauftreten die keuschen Quellen wahrer dramatischer Dichtung nur allzu leicht verschütten können." ..Wir sind es der Reinheit der nationalsozialistischen Revolution schuldig, diesen Kräften den schärfsten Kampf anzusagen.. Namen nennt Braumüller nicht, sonst könnte sich herausstellen, daß aus„dem Heer der Konjunkturritter" verschiedene braune Dberbouzen, wie Goebbels, Rust, Buch- Das Acauite Säuqetiec Appelschnut ist wieder da Der Verlag L. Staackmann, Leipzig, hat eine literarische Tat vollbracht, er hat Otto Emsts„Appelschnut" in einer neuen, reich illustrierten Ausgabe unters Volk geworfen. Der gleichgeschalteten Presse gefällt das. sie findet es reizend.„Appelschnut" war ein Buch von jener Art, wie sie die Kaffeekränzchen tauten und Großmütter im wilhelminischen Deutschland schätzten, so ein Büchlein mit Blauäuglein und zartrosa W'änglein. Süße, rote Kinderlippen kamen darin vor, die an Papas Studierstubenfenster einen Kuß drückten, dessen Abklatsch noch lange haften blieb. Und Papas Blicke wanderten natürlich immer wieder sinnend zu der gesmatj- ten Scheibe. Die gleichgeschaltete Presse hat recht: den alten, bewährten Konzentrationslagerschinderu des„dritten Reiches" gefällt das Buch bestimmt. Der deutsche Büchermarkt ist völlig auf den Hund gekommen— aber Appelschnut, das ist was anderes, Appelschnut wird bestimmt ein Geschäft. Denn Roheit und verlogene Sentimentalität, Gemeinheit, Blau- veigeleinlyrik und Bestialität verbinden sich im neuen Deutschland zu einer so seltsamen Mischung, daß bei der Lektüre des Büchleins mit den raso W'änglein bestimmt kein SA.-Auge trocken bleiben wird. Dez Wunsch des Despoten Als der junge Cajus, genannt Caligula, den Thron des römischen Kaiserreiches bestieg, begannen alle seine Wünsche in Erfüllung zu gehen. Jede Frau, die er begehrte, gehörte ihm, und wenn sie die Frau eines hohen Würdenträgers war; jedes Gut, nach dem er die Hand ausstreckte, fiel ihm zu. Er wünschte ein Gott zu sein— der Senat erkannte ihm göttliche Ehren zu; er verhöhnte diese Unterwürfigkeit, indem er sein Leibroß zum Senator ernannte, der Senat duckte sich. Doch das Schönste deuchte ihn. daß er jeden, den er haßte oder fürchtete, durch ein einziges Wort vom Leben zum Tode befördern konnte— und er tat es, so oft sein Geist ihn dazu trieb. Und doch gab es einen Wunsch, den er selber für unerfüllbar hielt. Lange bewahrt> er ihn in seinem Innern, aber einmal kam die Gelegenheit, wo er ihn nicht zurückhalten ließ. Der Tribun der Leibwache, der grimmige Chaerea, erstattete dem Kaiser Rapport Uber die jüngsten Hioricfatun- horn usw. herausragen Der verzweifelte Kritiker hat durchaus Unrecht und seine Dilettanten haben Recht. Denn aus dem Goebbels Maulkorb kann kein Kunstwerk kommen, und gar Stücke„nationalsozialistischer Weltanschauung"— was soll das eigentlich sein? Es gibt konservative, liberale oder sozialistische. Kunstwerke, aber was soll der braune Schreiber eigentlich dramatisieren? Etwa die ausgebliebene Brechung der Zinsknechtschaft, oder die„Volksgemeinschaft", in der Direktor Meier die Klassengegensätze beseitigt, indem er mit seiner Kontoristin tanzt? Oder die Konzentrationslager mit Bunker und Gefangenenmord? Nationa- 1 e s Denken hat seine Dichter seit Jahrhunderten, dazu bedarf es keines Nationalsadismus. Die„fröhliche Muse" jedoch. die lustige Komödie, wie soll die zwischen K—Z und Schutzhaft ge- 1 ihen? Die braucht Freiheit, wie jedes andere Kunstwerk. Man lasse in Hitlerdeutschland ein einziges lustiges Zeitstück zu. das auch nur milde einiae„Schwächen der deutschen Gegenwart zeigt— und die Massen werden nur so strömen, sie werden auch das bescheidenste kritische Wort mit einem Beifall überschütten, der die Szene zum Tribunal und den Bonzen Angst und Bange macht. Nein, and» so ein aktuelles Lustspielchen dürfen die Oberbonzen nicht gestatten. Was also die braunen Schreiber schließlich als ihre V elt- anschauung" verarzten können, das sind die wirren Phrasen ihrer Demagogen. Und hier bedingt eine Verschwommenheit die andere, ein Dilettantismus den anderen. Der arme Pegasus der braunen Barden gibt nach einem unerschütterlichen Naturgesetz lediglich den unverdaulichen Phrasenmist wieder, mit dem er durch Rundfunk und feile Pressekulis tagaus tageil»--r!>' I^»s will Bramniiller nun eigentlich?! L vr. gen— es waren genau siebenundsiebenzig an der Zahl gewesen— als der junge Kaiser vor sich hinseufzte:. 0 Chaerea, mein Wackerer, ich habe einen Wunsch."—..Sprich ihn aus, mein Kaiser," erwiderte der Tribun,„ich brenne, ihn auszuführen."— Wehmütig schüttelte Caligula sein Haupt: „Du kannst es leider nicht, auch wenn du wolltest."—„Ich schwöre, alles zu tun!" rief der Tribun.—„Du schwörst es?— Nun, so höre Chaerea: Soeben wünschte ich mir, das ganze römische Volk hätte nur ein einziges Haupt, und du solltest es dann mit einem Schlage herunterhauen." Der Tribun erwiderte nichts. Aber bei sich dachte er nach:„Ein einziges Haupt— das ganze römische Volk? Hat es das nicht? Ist der Kaiser nicht das alleinige Haupt des römischen Volkes? Ist er nicht der einzige, der Willen, Macht und Gewalt hat?— Nun, ich habe geschworen. Auf des Kaisers Befehl mußte ich unlängst den eigenen Bruder vom Leben zum To Je befördern, warum nicht ihn selber?" Einige Tage später fiel Caligula unter den Streichen seines Leibwächters.— Tyrannen sollen vorsichtig in ihren Wünschen sein... M. Demütig und fciedCich Wir danken Dir, Herr Gott, demütig für Deine Seuche. Wir danken Dir. daß Du unsere alte Erde gesegnet hast mit Kriegen, Feuer und Rauch, damit sie in tausend Jahren ganz unser werde gedrängt vom Blut und von unserer Väter Staub. Wir danken Dir, indem wir Söhne zeugen, die nach uns über den deutschen Acker gehen! (Walter Erich Schäfer in„Westermanns Monatsheften".) Einer von den lyrischen Experten für Hitlers konsequente Friedenspolitik! Lohnabbau mit TfliCitäcmusik „Im oberschlesischen Industriegebiet erschien" in den letzten Tagen ein Musikkorps des Infanterieregiments in Breslau zu verschiedenen Zeiten auf den Grubenhöfen und in den Wecken, um Freikonzerte zum Besten zu geben. Von den Betriebsführungen wurden aus diesem Anlaß Pausen eingelegt."(Reichsdeutsche Zeitungsmeldung. Abschied von tzich JCästnec So hast auch Du uns schließlich noch verraten Und lecl;st den Stiefel, der den Geist zertrat. Du trügst das Schandmal eines Renegaten Und deckst von nun an jede Greueltat. Wohl warst Du unser, doch nur im Verneinen. Sehr lange warteten wir auf Dein Ja. Jetzt ist es, wenn auch leise, plötzlich da. Doch nur als ein Bekenntnis zum Gemeinen. Dein Ja zur Barbarei ist schwach und ärmlich Und kommt vor allen Dingen reichlich spät. Selbst als Verräter bist Du noch erbärmlich. Ein Blender starb in Triviulilät. II oratio. Deutsches Jheatec in lacis (Stenokritiken) I Grundsatz: Sollten die Leistungen spärlich sein.> Wird doch der Kritikus ehrlich sein; Nichts vertuschen. Auch wenn sie pfuschen. Doch wenn sie Giebel und Gipfel streifen. Wird er hell in die Harfe greifen. II Zwei Gastspiele. Alwin Ktonacher gab auf deutsch„La Francerie" von Raynal(„Die Marne" betitelt). Die gallische Schloßfrau, bei der ein Pubertätszögling haust, bekommt zur Einquartierung einen deutschen Oberstleutnant. In langen Gesprächen überwiegt(über Strategisches und Nationales) das Menschliche. Sehr wackeres Zusammenspiel. Sibylle Binder(feinfühlig). Ferdinand Hart(mehr Wucht und Zucht als Vielfalt). Berghof(bißchen reift als Pubertäter). Gesamtwirkung: löblich und achtungswert. III Zweites Gastspiel: Barnowsky mit„Wie es euch gefällt"' von Shakespeare— in französischer Ucbersetjung. durch Supervielle. Ich will oder kann darüber nicht richten. Sondern bloß zwei der Gründe für den mangelnden Besuch feststellen— der zum Abbruch führte. Erstens. Copeau, der als zukunftsträchtiger Spielmeister Frankreichs gilt, gab dasselbe Stück zur selben Zeit. Zweitens. Die Leute hier gehen zwar ins Theater, um fremde daistellerisclie Kanonen(vedettes, stars) zu sehen; sie betrachten aber einen fremden Regisseur nicht als Kanone.,• Annabella, bezaubernd im Film, war es hier erst am Schluß: wenn Rosalinde den Epilog sagt.(Das- Neckischsein vorher lag ihr nicht.) Sie könnte— mit der zuletzt herabschweb enden feinen Unterschiedlichkeit und zarternsten Anmut— eine wesentliche Darstellerin heutigei Sprechstücke werden. (Aber man wartete drei Stunden darauf.) K...r ZucfUivact auf, dem Dotfe- aber mit Erbfolge Es wird in Deutschland offenbar noch viel zu viel durcheinander geheiratet. Schließlich genügt es nicht, daß„am Walde die Heckenrosen blühu", daß ein„Burschenherz voll Liebeslust schlägt", daß zwei junge Leute„am Holderbusch Hand in Hand saßen"— es kommt vor allem auf die beiderseitigen Großmütter, Stammbäume, Ahnenkarten und Sippenbücher an. Im Hauptblatt des Reichsnährstandes wurde soeben ein beachtlicher Vorschlag gemacht, wie die Liebesromautik auf dem Lande zugunsten der Aufzucht ab- zuschaften sei.„Der D o r f a r z t", so behauptet Darres Leibnährblatt,„k a n n und muß auch Zuchtwart sein" Und auf diesen Zuchtwart werden große Hoffnungen gesetzt. Er müsse, so heißt es da, durch Beratung und Belehrung weitgehenden Einfluß auf die Elicwahl der ländlichen Jugend gewinnen. Besonders wertvollen Ehegatten werde er klarmachen, daß sie verpflichtet sind, eine möglichst große Zahl von Kindern zu haben. Ob der Dorfarzt die möglichst große Zahl von Kindern dann auch ernähren wird, slehl zwar nicht dabei. Aber die wertvollen Paare werden sich wohl dennoch drum reißen, ihrem lieben Doktor gefällig zu sein. Aber auch der Zuchtwart selbst tut gut daran, sich eifrig fortzupflanzen, denn die Nährständler sind der Ansicht, daß der Dorfarzt hauptsächlich dann mit Erfolg Zuchtwart sein könbe,„wenn wir erst Dorfarzt geschlecht er hahen, wenn also einer der Söhne des Dorfarztes wieder im selben Dorfe Arzt wird". Dafür soll das Einkommen der medizinischen Dynastie durch„Gewährung fester Bezüge für den Volkszucht- und Gesundheitswart" ergänzt werden. Wir würden empfehlen, daß der Zuchtwart, wenn er schon mal bei der Arbeit ist, gleich die Kühe und ihre Bullen, die Ziegen und ihre Böcke mit betreut und belehrt. Da ei hier wie dort nur auf die Jungen ankommt, ist ja der Unterschied nicht so groß, und die Menschenpärchen diiiUen sich bestimmt geehrtfühlen, wenn sie mit dem Hausvieh unter einer Personalunion vereinigt würden. Laßt Inserate sprechen! „Alle ehemaligen Freunde und Gönner der„Frankfurter Nachrichten" bitten wir herzlichst, uns bei der Unterbringung unserer arbeitslos gewordenen Mitarbeiter zu. unterstützen. I. G. Holtzwarts Nach IT. GmbH, in Liquidation Verlag der„Frankfurter Nachrichten". Ein deutsches Inserat. Eine kleine Illustration zu Hitlert erfolgreicher Arbeitsbeschaffung! Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Die Gefangenen auf der Plassenburg Diese Novelle ist eines der Hauptstücke in Wassermanns bedeutender Rahmenerzählung „Der goldene Spiegel". (Schluß) Alexander bedurfte der Auslegung nicht und spürte die ^ ahrheit hinter dem Gehechel. Schicksale haben ihren Geruch wie Leiber. War er denn nicht da/u da. sie zu empfinden! Nannte sieh Dichter als einer, der schaut mit tiefen Augen! Die Elenden schauen, ihren Krampf, ihre Not. ihre zum Häblichrn entstellte Sehnsucht, ihre Schreie von unten auf hören, ihr unterirdisches Dasein wissen? Und was sie scheidet von den Oberen, nennt es Verbrechen, diesen Zu- lall einer Stunde, diese unlösbare Verworrenheit eines dunklen Geistes und aruiru Herzens, nennt so den Trotz der Verfolgten, den Zwang der Besessenen, den Irrtum der Gewaltsamen; was sie niedergeworfen hat, ist auch in mir, wächst, will und seufzt in mir, umflutet mir den Traum, lemurisch groß. Oh, wie sie leben, dachte Alexander versunken; und wie ich sie alle gewahre, diese und hinter ihnen andere, ihre Brüder und Schwestern, ihre Ahnen und ihre Kinder, diese und die draußen, den Laiidmann am Pflug, den Drechsler an seiner Bank, den Schuster vor der Wasserkugel, den Schmied am Windbalg; den Maurer an der Mörtelgrube, den Bergknappen im Schacht, den Uhrmacher, die Lupe am Aug' und auf die Bädchen lugend, den Schlächter und sein Beil, den Holzfäller im Wald, den Boten, der Briefe bringt, den Drucker aui Setzkasten, den 1 Fischer auf dem Meer, den Hirten bei der Herde; die vielen Schweigsamen, die keine Worte haben, alle die unten sind, weil sie keine Worte haben, und die nach den Oberen verlangen, nach den Mächtigen, die mächtig sind, weil sie Worte haben, ihnen deswegen dienen, weil sie Worte haben, sie deshalb zu vernichten trachten, weil sie Worte haben. Denn Worte haben bedeutet: Wissen, Schätze, Ehre, Kraft und Sieg haben Worte bedeuten Leben. Und diese haben keine Worte,. fuhr der junge Dichter zu grübeln fort, ich aller besitze die Worte und hin ihnen das Begehrte und die Gefahr zugleich. Doch nur fern von ihnen besitze ich di» Worte, mitten unter ihnen bin ich stumm; was sie reden, ist Stummhc-it für mich, was ich rede, Stnuiinlieit für sie. Verstünden wir einander, es wäre der Schrecken aller Schrecken; sie würden mir aus der Brust zu reißen suchen, was Gott ihnen versagt bat, sie würden mich zermalmen in ihrer Weit. Ich muß fern von ihnen bleiben, um nicht zermalmt zu werden. Wicklich leben, heißt zermalmt werden von denen, die stumm sind. Indessen war die Aufregung der Meuterer beständig gewachsen. Der Lärm war ohrenzerreißend. Offenbar ahnten sie, daß die Herrlichkeit nicht lange dauern könne, und wiewohl ihnen Wengiersky immer von neuem versieben hatte, icn Deutschen Reich gebe jetzt alles drunter und drüber, auch das Militär sei rebellisch, war ihnen keineswegs geheuer zueuut, und sie entfesselten mit doppelter Gier. In einem Ruf war ein Erlebnis gepreßt; einer berauschte sich am Außersidisein des anderen: Prahlerei klang wie Beichte. Hohn wie Reue; sie In listeten sich mit Roheiten und schlechtes Gewissen schimmerte wie fable Haut durch einen zerfetzten Rock. Daß sie gehungert, damit schmückten sie sich: daß sie hinterm Ruseh gelegen mit einem Mädchen, war heldenhaft; daß sie den Richter belogen, bezahlte Arbeit nicht vollendet, daß ein niedriger Schurkenstreich nie ans Licht gekommen, darüber lachten sie sich toll. Der eine schwärmte von einem Kalbsbraten, den er auf der Kirmes verzehrt, der andere von Wohllehen und Jungferieren. der dritte plätscherte förmlich in Un- flätigkeiten; einer hüpfte mit beiden Füßen lind gluckste nach Hennenart; zwei, die schon betrunken waren, hatten einander umhalst und wimmerten dabei; ein krüppelhafter Bursche stieß Gotteslästerungen ans; Heim ecke erzählte, daß er einst einen Bockshart, in die Haut eines schwarzen Katers gewickelt, am Hals getragen, um sich stich- und srhußfeat zu machen; der Schatzgräber sprach von der Zanherhluiue Efdamanila. mit der man alles Gold in der Erde finden könne; der Hochstapler, dessen Hirn ein Sammelsurium geschwollener Komaufleskr.ln war, schilderte ein Liebesabenteuer mit einer Fürstin, der er dann die Diamanten gestohlen hatte. Der heitere Konrad fragte vielleicht zw an zigmal, oh jemand die Geschichte des Majors Knatterirh kenne, der sich in Sachsen für den russischen Kaiser ausgegeben. Dazwischen hörte man Worte, wie:..Ich will» ihm schon gehen, wie Johannes dem Hemdes will ich» ihm eintränken"; oder..Dem Amtmann habe ich einen glnpischen Streich angetan, der dreht sich im Sarg noch mm, wenn er meinen Namen hört." Unmöglich, dies Höllenwesen zu beschreiben; Alexander Lobsien gefror das Mark in den Knochen, und schaudernd dachte er: das alles enthälst du. Lehen, du Nußschale, du ungeheures Meer! Peter Maritz zitterte>vie Espenlaub; mit leiser Stimme sprach ihm Alexander Mut zu. Er erwiderte:„Ein Hundsfott hat Mut. Ein Kerl, der auf sich hält, kann hier keinen Mut haben. Es ist des Teufels mit der bürgerlichen Gesellschaft, daß ihr solche Geschwüre am Körper wachsen. Mut. wo mir» an die Nieren geht? Ein Hundsfott hat Mut." Auf einmal stürzte sich ein gewisser Jamnitzer. seines Zeichens Friseur wie Wengiersky, ein schwerer Verbrecher, ein Mörder, der die Manie gehabt, seine Opfer zu frisieren, wenn sie toi vor ihm lagen, und der nur deshalb, als kranker Geist, dem Strick entgangen war, dieser Jamnitzer also stürzte ans dem Tor des Gefängnishauses und wies mit Gebärden voll Entsetzen zurück ins Finstere.„Der Eßwein," keuchte er,„der Eßwein." Urplötzlich ward es stille. Nur der Alte auf der Mauerbrüstung leierte seinen blöden Gesang weiter. Dann schwieg auch der. Die Sträflinge erhoben»ich und drängten sich zusammen. Haupt um Haupt stieg aus dem Fenerkreis, und die vielen feuthtglitzernden Auje» firagWp»ngatvoU; w« Von Jakob Wassermann geschehen sei. Jamnitzer deutete, mit beiden Armen in die Halle; der Adamsapfel an seinem hohen Hals bebte schluckend auf und ab. Sie ahnten; der Unheimliche, war er nun endlich zu seinen Töchtern entronnen? Er, dem auch die Freiheit Gefangenschaft war, der die Worte verschmähte, dem keine Mitteilung mehr hatte dienen können? Alexander, als er die wilden, tiergleichen Menschengesichter lauschend und fecierglühend dicht nebeneinander sab, verlor allen inneren Halt, er taumelte gegen das offene Tor, und ein Schrei entrang sich seiner Kehle. Peter Maritz packte ihn und preßte die Hand uro seinen Arm, aber es war schon zu spät; sechzig Augenpaare veränderten die Richtungen ihres Blicks und hefteten die Aufmerksamkeit gegen die beiden, die sie auf einmal als Fremde erkannten: Furcht. Mißtrauen und Haß sprühten aus ihren Mienen.„Es sind Spitzel!"„Es sind Spione!"„Wer sind sie?"„Wo kommen sie her?" So wurde gekündet und gefragt. Die Vordersten seil oben sieb gegen sie hin.„Wer seid ihr?" gellte eine drohende Stimme aus dem Haufen.-—„Ja, wer seid ihr?" wiederholte der Biese Hennecke;„Eier- und Käsebettler vielleicht? Mutter- söhne und Mildimäuler?"—„Die wollen Ilasaiif spielen," schrie Gutschmicd.—„Die kommen aus einer guten Küche," ein dritter.—„Die sind weich wie Papier, wenns im Wasser liegt," ein vierter.„Heraus mit der Sprache, ihr Schweiger!" rief Hennecke und ballte die Faust. Alexander stotterte eine Erklärung, doch sie verstanden ihn nicht. Ein abscheuliches Durcheinanderschreien begann, voller Wut drängten alle näher, da trat ihnen Peter Maritz in seiner Herzensangst entgegen und brüllte mit Donnerstimme:..Rullig, Brüder! Wir gehören zu euch! Wir sind Revolutiniislente! Wir sinds, die euch frei gemacht haben! Wir haben Lieder gedichtet, die den Tyrannen in die Fenster geflogen sind, verderblicher als Kanonenkugeln." •— ,,Hurra!" beulten die Meuterer.„Her mit den Liedern! Zeigt uns die Lieder! Singt uns eure Lieder! Heraus damit!" Peter Maritz blickte seinen Gefährten flehend an. Alexanders Miene war verstört. Der Atem der auf ihn Eindringenden verursachte ihm Uebelkeit. Sie forderten stürmischer, ihr argwöhnischer Haß war nicht vermindert, Alexander schämte sich für den Freund und fürchtete doch auch für sich, Mechanisch schlug er sein Gedichtheft aus der Tasche, schlug das erste Blatt um und fing an zu lesen. Die Worte widerten ihn an. Trotz jäh eingetretener Stille vermochte ihn keiner zu hören; die hintersten drängten sich wütend vor, noch war der allgemeine Grimm im Wachsen. D&c Jod des Qeisles Heinrich Mann sprach in Prag Heinrich Mann hat im Präger Pen-Club einen Vortrag gehalten, den wir nach dam Berieht des„Prager Mittag" im Auszug wiedergeben: „In meinem Vortrage werde ich sagen, daß ich für den Nationalsozialismus Schillers historisches Verständnis und Verehrung habe. Denn damals w#r die Nation der Inbegriff des geistig Lebendigen, sie war die Sache der Denkenden. Heute? In einem bestimmten Lande ist es soweit gekommen, daß der geistige Abhub, daß die geistig Nichtvorliandenen sich dei Nation bemächtigt haben. Schlimmes Zeichen für die Nationen und den Nationalismus! Wenn menschlich Gesinnte als Fremde empfunden und ausgestoßen werden können, hat die nationale Zusammengehörigkeit aller Teile der Nation offenbar schon aufgehört. Welche Zukunft kann daher das System der abgeschlossenen nationalen Stauten noch haben? Die Zukunft pflegt sich vorzubereiten in denen, die denken können und denen das Gefühl der Menschenwürde bekannt ist. Das andere gebt bald vorüber. Ihr Landsmann Haschck bat den Sinn dieser Zeit wunderbar zusammengefaßt in das Wort: Größere Strenge gegen die armen Leute." Schon das ist der Grund der nationalen Erhebungen neueren Musters. Anstatt gegen die armen Leute, empfehle ich aber größere Strenge gegen die geistig Armseligen. Die sollten sich wahrhaftig nicht so breit machen dürfen, wie sie es heute tun. Sie sollten gar nicht mitreden, geschweige die Macht in Händen haben. Wer regieren will, Völkerschicksale machen und sogar geistig herrschen— wie wäre es, wenn der erst einmal auf seinen eigenen geistigen Bestand geprüft würde? Dabei kämen liebliche Dinge heraus. Verlangte man von so einer großen Kanone auch nur das Einfachste— für den Anfang ließe man sie etwa die 10 Gebote hersagen, oder den pythagoräischen Lehrsatz oder 50 Verse Schiller— seien Sie überzeugt, es ginge nicht, nichts von alledem. So ein regierender Nationalist könnte den Schiller nicht, weil er wirklich ein Nationaldichter war. Er könnte den pythagoräischen Lehrsatz nicht, weil der von logischem Denken zeugt. Nun, und warum er die 10 Gebote nicht kennt, das steht täglich in der Zeitung zu lesen. Meine geehrten Damen und Herren! Die Geltung Unwissender und die Macht der menschlich Unzulänglichen ist ein Skandal, der zum Himmel schreit, ein dieser Epoche vorbehaltener Skandal, und er wird ihr bei künftigen Geschlechtern das verachtungsvollste Urteil eintragen. Nur die geistig Erfahrenen haben das Recht, einem Staat vorzustehen, die Schicksale einer großen Nation zu beeinflussen! Alle anderen handeln kopflos. Ihre Ränke, Schliche, Lügen halten sie für Gedanken, ihre blinden Vorurteile für den Willen der Geschichte. Die Geschichte ist allerdings das Museum der geglückten Dummheiten" da entriß Peter Maritz das Manuskript aus Alexanders Hand, stellte sich in Positur und las mit schmetternder Stimme: Ich rieht euch einen Scheiterhaufen, auf dem das Herz der Zeit erglüht, mein Volk will ich im Blute taufen, das sich umsonst im Staube müht. Ich will euch Freiheitsbrücken zeigen und Kronen, die der Rost zerfraß, euch müssen sich die Fürsten neigen und wer im Gold sich frech vermaß. So öffnet denn die dunklen Kammern und strömt hervor wie Gottes Schar, es soll mich heute nicht mehr jammern. daß gestern Nacht und Grausen war. Auf denn, ihr Armen und Geschmähten, du seufzend hingestrecktes Land, genug der ungehörten Reden, setzt nur das alte Haus in Brand. Zerschlagt, was miirb und morsch im Staate, von eurer Not klagt Dorf und Flur, den stolzen Henkern keine Gnade, zerschmettert Höfling und Pandtn». Der Feige mag vergeben» zittern, der Held macht seine Brüder kühn, und aus zerbrochenen Kerkergittcru wird neue Welt und Zeit erbliihn. Eine andächtige Stille folgte. Wie. Schulkinder am Lehrer, der zum erstenmal vom Evangelium spricht, sahen sie empor, die Zuchtlosen, die Gemeinen, die Verräter am Eigentum, am Leben, an sich selbst und an der Menschheit. Nachdem sie eine Weile wie atemlos geblieben, brach jählings ein Begeisterungsjubel von einer Vehemenz loa, daß die Mauern der Burg davon erschüttert schienen.„Wer hat das gemacht?"„Eine tüchtige Chose."„Ein w ack-res Stück."„Das geht wie Trompcunschmalz."„Geschrieben bat ers?"„Auf Papier stelits geschrieben?"„Der Dicke bat« gemacht?"„Nein, der Kleine."„Wer? der Kleene?"„Der Kloane?"„Der Schmächtige?"„Tausendsasa." So johlte, schrie, gellte, fragte, antwortete es in allen Dialekten durcheinander. Peter Maritz. auf einem leeren Faß stehend, schaute mit triumphierender Miene herab, denn schon hatte er sich mit Würde in seine Tyrtäos-Rolle gefunden, und es war ihm etwas unbequem, daß sich der Beifall des entflammten Publikums an Alexander richtete. Doch erschrak er, als zwei der aufgeregt tobenden Sträflinge den Freund emporhoben, und ihn über den vom Feuer lohenden Platz gegen das geschlossene Burgtor trugen. Die übrigen begriffen, was im Werke war. „Zerschlage, was mürb und morsch im Staate, von eurer Not klagt Dorf und Flur; den stolzen Henkern keine Gnade, zerschmettert Höfling und Pandur!" sangen sie in einer Melodie, die sie irgendeinem Vaganten- öder Soldatenlied entnommen hatten. Fünf oder sechs Kerle rissen den hölzernen Querriegel vom Tor, die Flügel taten sieh weit auseinander, und der berauschte, gefährliche Haufe wälzte sich ins Freie.- Mit totenbleichem Gesicht bockte Alexander auf den Schultern seiner Träger. Gedanken von einer absurden Zer- Mürktheit schwirrten ihm durch das Hirn. Schon beim Anhören seiner Verse war es ihm zumut gewesen, als hätte ihn Gott auf einer Lüge ertappt. Es ist alles nicht wahr, schrie es in ihm. ich habe euch und midi selbst betrogen. Jetzt weiß ich erst, was ihr seid, und weiß was ich bin, aber die falschen Worte werden midi und euch verderben. Trug ccnd Mißverständnis schienen ihm so ungeheuerlich, daß ihm die Erde wie verkehrt war, wie wenn man Häuser auf die Dächer baut und Kirchen über ihre Türme stülpt. Zwischen Furcht und Begreifen, zwischen Menschenliebe und Menschenhaß, Diditertranm und Erlebnisqual schwankte sein zerrissenes und nach Wahrheit schmachtendes Herz, und ihm wurde kalt wie im Fieber. Lüge, Lüge, Lüge, knirschte er, doch in einer letzten, herrlichen Vision erblickte er ein Bild des Lehens, das ihn in eine Wolke geisterhaften Sdiweigens hüllte und ihn vom Schmerz der Schuld und de« Irrtums befreite. Es war gelindes Wetter und Mondschein. Durch die Allee der blätterlosen Bäume funkelten die Lichter der Stadt herauf. Vom Hof der Plassenburg lohte das halbverbrannte Feuer den Davonziehenden nach, die plötzlich mitten in ihre aufrührerischen Gesäuge hinein den Schall von Trommelwirbeln vernahmen. In der Raserei des Trotzes setzten sie ihren Weg fort. Peter Maritz, durch die Dunkelheit geschützt, war dem Sträflingshaufen vorausgeeilt, als er das militärische Signal gehört hatte. Ihm bangte um das Schicksal des Kameraden, und erleichtert seufzte er auf, als von ferne die Helme und Bajonette aus der Nacht blitzten. Der Zusammenstoß erfolgte rascher, als die Meuterer gedacht. Eine Kommandostiu.me befahl ihnen über einen Zwischenraum von zweihundert Schritten, sich zu ergeben. Sie antworteten mit einem Wolfsgeheul. Da prasselte die erste Gewehraalve. Von einer Kugel durchbohrt, stürzte Alexander Lobsien lautlos von den Achseln seiner Träger auf das Schottergestein der Straße hinab. Die Sträflinge wandten sich zur Flucht. Zwei Stunden später saß Peter Maritz unten im Leichen- liatis neben dem Körper seines toten Freundes. Seine Betrachtungen waren»ehr ernsthaft und nicht ohne Reue und Selbstvorwurf. Kann man besser als durch den Tod he- zeugen, daß man gelebt? Stand hier ein Wille Über dem Zufall, damit das verftucherische Wort vom Schicksal erfüllt würde? War dies groß oder niedrig beschlossen? häßlich j T c■* teenc' et' Es kommt nur auf das Auge an und den Sinn, der es faßt. Ueber den vergehenden Menschen bleibt die unendliche, aufgeblätterte Schönheit einer»tum- Welt. Neudeutsdier Strafvollzug Heber die Kosten des Strafvollzugs stellte Ministerialrat Dr. Schmidt in der„Deutschen Justiz" u. a. fest, dah der nationalsozialistische Staat praktische Erfolge in deni Be- streben gehabt habe, die Belastung aus den Strafvollzugs- kosten zugunsten der Allgemeinheit zu vermindern. Die tag- Iiche Durchschnittsbclegung an Gefangenen in den preußischen Strafanstalten, die 1981 etwa 88 525 und 1982 rnnd 87 982 betrug, stellte sich 1988 aus 59 928. Diese Steigerung sei ans die intensivere Strafverfolgung zurückzuführen, aus die schärfere Straizumessungspraxis der Gerichte und auf die Abnahme der Gnadcncrweise und bedingte Strafaussetzungen. Die Gesamtausgaben bei den Strcnvollzugsbehörden ergaben für den einzelnen Gefangenen im Rechnungsjahr 1981 noch einen Betrag von 1228 RM.. 1982 von 999 NM., während 1933 nur noch 725 NM. auszuwenden waren. Die Geiamtausgaben je Kopf und Belegung beliefert sich oliv im Rechnungsjahr 1 933 ans nur 59 v. H. der Gesamtausgaben von 198 1 und waren da- mit um über 19 Prozent gesenkt. In diesen Gesamtausgaben sind die Personalausgaben für das Personal der Straf- anstaltcn, die Verwaltungsausgaben und die Aufwendungen für die Gcsangencnpslcge enthalten. Es bedürfe keiner Ve- ionung, so erklärt der Referent, dast das Bestreben, die Lebenshaltung der Strafgefangenen aufs Einfachste zu halten, in der gesetzlichen Forderung, dast die Strafgefangenen ge- f»nd zu erhalten seien, seine Orientierung und seine Grenze finde. Wenn dennoch die Kosten für die Gefangenen- Verpflegung auf 88.9 Prozent de? Satzes von 1982 ge- senkt werden konnten, so licac das neben der Beseitigung von Uebertreibungcn vornehmlich an der gesteigerten Verwendung der auf staatseigenen oder angepachteten landwirtschaftlichen und gärtnerischen RnstaltSbetrieben gewonnenen Lebens- mittel. Bei den Einnahmen der Strafanstalten spielt vor aNein die Beschäftigung der Gefangenen eine Nolle. Während die Gesamteinnahmen aus dem Arbeitsbetrieb sich 1932 auf Dcotsdics Potpourri So denkt man in Holland Wir entnehmen aus der„Post Scripta" der„H a a g s ch e n Post" die folgenden Absätze: „Die Berichte aus Deutschland bleiben weiter traurig. Während der finanzielle Zustand und der sich daraus crge- bendc Mangel an Grundstoffen stets fühlbarer wird, iväh- rend Nahrungsmangel droht und selbst in amtlichen Ber- öfscntlichungcn von der Hamsterstimmung, d. h. der Panik- stinnnung des kaufenden Publikums, gesprochen wird, fahren die Tyrannen von Volk und Kirche unaufhaltsam fort, die Gläubigen in ihren heiligsten Gefühlen zu beleidigen. Ten protestantischen Bischof von München, den austergewühnlich schätzenswerten und tapferen Dr. M c i s e r, hat man nun kurzerhand seines Amtes enthoben. Ohne grobe Behandlung scheint es nun einmal nicht zu gehen. Die katholische Geistlich- keit und sogar General von Epp, der Stabthaltcr des Reichs in Bauern haben versucht, Hitler zur Beilegung des Streites zu bewegen: Er hat sich aber geweigert. Er Hat andere Torgen. Er bat sich selbst nun für alle Zeiten zum„Führer" des deut- scheu Volkes ausgeworfen. Tatsächlich besitzt er nun eine Kaiserschast, die ihm aber mehr M a ch t gibt, als sie i e ein Kaiser besessen hat. Der Name„Führer" ist so heilig geworden, dah er nicht messr zur Eitelkeit ausgesprochen werden darf. Dr. Lcy, der Leiter der Arbeitsfront, hat bekannt gemacht, das, das Wort'selbst nicht mehr in Zusammensetzungen— wie y B. Gruppenführer— gebraucht werden darf. ES ist ein Glück, das, Führer kein gebräuchlicher Familienname in Deutschland ist, wie Kaiser, König und Herzog usw. das sind! Wiederholt erreichen uns noch Beschreibungen von furcht- baren M i st h a n d l» n g c n in K o n z e n t r a t i o n s- lagern, wie wir sie schon bis zum Ueberdrust vernommen haben. Und diese Berichte kommen nicht auS zweiter Hand, sondern von Leuten, die aus diesen Hölle» entkommen sind. Wir wollen sie unser» Lesern ersparen— ihr Herz würde sich 20««« Gelungene mehr-- Trolidem«rotte Senkung der Ausgaben-- Beseitigung.Qbertrlebener" Verpflegung rund 9,8 Millionen stellten, waren es 1933 rund 11,27 Mill. Dabei seien leider 1938 noch 67,48 v. H. der Gefangenen unbeschäftigt gewesen. Die Beschäftigung von etwa 29 99» Gefangenen bedeute keine fühlbare Konkurrenz gegenüber den Millionen der freien Arbeiter, zumal ein er- heblicher Teil der Gefangenenbeschäfttgnng aus Landkultur entfalle. Zuchihausmasthine Berlin, 39. Okt.(Jnpreß.) In dem Berliner„Landfriedens- bruch"-Prozcst wurden d!e antifaschistischen Arbeiter Haber- mann und Kerber zu je 12 Jahren Zuchthaus ver- urteilt. Tieben weitere Angeklagte erhielten Strafen von zwei Jahren Gefängnis bis zu neun Jahren Zuchthaus. Breslau, 39. Okt.(Jnpreß> Das Oberlanbesgericht Bres- lau verurteilte wegen„Vorbereitung zum Hochverrat" fünf Arbeiter aus Kreuzburg lOberschlesien) zu insgesamt 18^>.Jahre« Zuchthaus. Essen, 39. Okt. sJnpreh.s Von 46 Angeklagten, die vor dem 3. Strafsenat des Oberlandcsgerichts Hamm wegen „Vorbereitung zum Hochverrat" standen, wurden zehn zu insgesamt 19 Jahren und einem Monat Zucht- haus sowie dreißig zu insgesamt 47 Jahren und 11 Monate» Gefängnts verurteilt. Sechs eingeklagte wurden„mangels ausreichender Beweise" freigesprochen. Karlsruhe, 39. Okt. sJnprest.) Der kommunistische Funk- tionär Paul Psunderer erhielt vom Oberlandesgericht Karls- ruhe wegen„Sprengstosfbesitzes" eine Zuchthausstrafe von acht Jahren, ein zweiter Angeklagter wegen„Beihilfe" ein Jahr und sechs Monate Zuchthaus. dabei im Leibe umdrehen. Aber eine» Fall wollen wir doch nicht verschweigen, weil er ausnahmsweise nicht von dem Misthandclten, sondern von dem Misthandelnden selbst mitgeteilt wird. Kein geringeren als der berüchtigte Obcr-Nazl aus Frankenland ist dieser Held. In einer Rede in Nürnberg hat er selbst erzählt: es wäre nicht wahr, dast Hitler ihn, so wie man erzähle, geschlagen habe. Das würde er sich selbst von Hitler nicht gefallen lassen. Er habe Dr. Steindruck verhaften lassen, weil er sich über ihn, Streicher, ungünstig ausgelassen habe.„In Begleitung von verschiede- neu Parteigenossen," so schilderte Streicher seine Heldentat, „bin ich in seine Zelle gegangen. Ich fand dort ein elendes Subjekt, das kreischte und sich wie ein Schuljunge benahm. Ich gab i b in eine gehörige Tracht Prügel mit meiner Peitsch e". Wenn jemals ein„Greuelmärchen" erzählt wurde, dann ist es dieser Bericht'über haarsrräubeiide Feigheit und Grau- .samkeit eines Mannes, in dessen Händen die Rcgierungs- gcwalt über eine Provinz siegt. Er geht mit einer Ncber- macht und mit einer Peitsche bewaffnet in die Zelle eines machtlosen Gefangenen, um ihn zu mißhandeln. Nu» müssen wir nur noch auf ein Ding hinweisen. Wir hören, dast Kurt Lieberinan», einer der jungen deutschen Emigranten, die im Februar dieses Jahres unter solch aufsehenerregenden Um- ständen von der holländischen Obrigkeit an die deutsche Justiz ousgelicsert wurden, und den man seitdem gesängenhält, jetzt wegen seiner Beziehungen zum Ausland gerichtlich bc- langt wird. Es besteht große Gefahr, dast man ihn zum Tode verurteilen wird. Wir sind menschlich genug, um sehnsüchtig zu hoffen, dast dies nicht geschieht, vielleicht noch weniger wegen des jungen Mannes.— wir willen eigentlich nicht, was ivir ihm wünschen müllen, wenn wir ins Auge fassen, welches Leben Gefangene seiner Art haben— als wegen eines Bürgermeisters hier in Holland, dessen Telbstciiige- nommenhcit einen klägliche» Knaks kriegen könnte." »f. Jägers Abschied Plötzlicher Rücktritt von allen Aemtern Der protestantische Kirchen streit ist wirklich an lieber- raschungen reich. Gestern veröffentlichten wir nach der„Frän- tischen Tageszeitung" eine Erklärung der Obersten Kirchen- behördc, daß Dr. Jäger nur als„RcchtSivalter" zurück- getreten sei. Er behalte als Mitglied des Ministeriums nach wie vor die folgenden Ausgaben: 1. Mitwirkung in der ttirchcngesetzgcbung: L. Betreuung der Verwaltung der deutsch-evangelischen Kirche als oberster Bcrwaltunasbcamter; 3. Sonderkommissar des Reichsbkschoss und der Rational- synodc für kirchcnpolitische Fragen. Tie„Fränkische Tageszeitung" fügte drohend hinzu, dast jeder, der das Gegenteil behaupte, ein„gewissenloser Hetzer und Saboteur", also reif fürs Konzentrations- lager sei. Heute? Eine Meldung des amtlichen Deutschen Nachrichtenbüros lautet:. dnb. Berlin, 39. Okt. Ministerialdirektor Jäger hat sein Amt als Rechtswalter der Deutschen Evangelischen Kirche in vollem Einvernehmen mit dem Reichsbischof niedergelegt.— Wie der Amtliche preußische Pressedienst mitteilt, ist Ministerialdirektor Jäger auf seinen Wunsch aus seinem Amte als preußischer Ministerialdirektor und Leiter der geistlichen Abteilung des Ministeriums für Wissenschast, Kunst und Volksbildung ausgeschieden. Dr. Jäger hat also nicht nur seine kirchenpolitische Mission aufgegeben. Er ist darüber hinaus sogar als M i n i st e r i a l- d i r e k t o r aus seinem M i n i st c r i u m a u s g e- schieden. So etwas tut ein hoher VerwaltungSbeamtcr nur, wenn er in einer politische» entscheidenden Frage von seinem Vorgesetzte» vollkommen desavuteri wird. Die Szenerie hat sich also wieder gewandelt. Der ganze Kirchcnkonflikt zehrt in immer neuen Varianten am Prc- sttgc de?„dritten Reiches" und seines allwissenden„Füll- rcrs". Hitler will sich von seinem Dntzfrcnnd, dem in jeder Hinsicht unzulänglichen und ungeschickten Rcichsbischof Müller, nicht trennen. Es scheint, daß die Opferung Dr. Jägers keinen anderen Zweck hat, als die erschütternde kirchenpolitischc Position Müllers gegenüber der Opposition zu stütze». Oder sollte Adolf Hitler, wie ihm erneut in Ber- lin zugeschrieben wird, die Absicht haben, sich an die Spitze einer r o m freien deutschen National- kirche zu stellen? Es iväre das Ei des Kolumbus... Die Kirchenopposition aber wird inzmer kühner. Prot e- st an tische fränkische Bauern sind in Berlin eingetroffen, um beim„Führer" selbst gegen die Zcn- tralkirchenregierung und ihre Eingriffe in das prote- stantische Leben Bayerns zu protestieren. Hitler hatte noch keine Zeit für seine Pgs. Sie wolle» aber bleiben, bis sie ihn sprechen köimen. Es sind nur kleine Anzeiche». Aber sie beweisen doch, dast eine echte Volksbewegung mit stärk- step Glaubcnsantrieben wirksam ist. «»» Apolhehcr Im dritten Reich" Hauptsache und Nebensache Das Bürgermeisteramt in Pirmasens erließ am 18. Ost- tober folgende Bekanntmachung: Im Nachgang« zur Bekanntmachung vom 19. Oktober 1934, betreffend die Errichtung einer neuen(6.) Apotheke in Pirmasens, wird darauf hingewiesen, daß neben den bereits bezeichneten Unterlagen noch folgende Nachweise dem Bcwerbungdgesuche beigefügt werden müssen: a) Bescheinigung über die arische Abkunft des Bewerbers und seiner Ehefrau sausgestellt vom Sachverständigen für Rassensorschung beim Reichsministerium des Innern, Berlin NW 49, Königsplatz 6). bi Auster dem Nachweis über geleisteten Militärdienst noch solchen über Kriegsdienst, Frontkämpscrdienst, Kriegödicnstbcschädigung, Kämpfer für die nationale Erhebung. cj Bestätigung, daß der Bewerber nicht infolge körpcr- lieber oder geistiger Gebrechen zum Apothekerbetrieb ungeeignet ist. d> Nachweis über Familienstand, Zahl und Alter der Kinder. Die am Schlüsse der Bekanntmachung vom 19. 19. 1934 genannte Uebersicht muß' außer den bereits bezeichneten noch folgende Angabe» enthalten: Name des Bewerbers, Geburtszeit und-ort, Reichsange- Hörigkeit, Dauer des Militärdienstes, Dauer des Front- kriegsdiensteS, Kriegsdienstbeschädignng, Familienstand sledig, verheiratet, verwitwet, geschiedeni, Zahl und Alter der Kinder Ort und Note der pharmazeutischen Prüfung. Zeitpunkt der Erfüllung der Voraussetzungen der Appro- bation, gegenwärtiger Wohnort und gegenwärtige Berufs- stcllung. Es ist köstlich, dast so ganz nebenher auch Pharma- zeulischc Kenntnisse verlangt werden. Irrenärzte an die Front! Jüdischer Rechtsanwalt vor dem Erbgesundheits- gericht In Stettin hat sich folgendes zugetragen: Eine Frau, der mit„Sterilisierung wegen Schwachsinns" gedroht wurde, wandte sich hilfesuchend an einen jüdischen Rechtsanmalt. Ter erklärte sich bereit, ihre Vertretung vor dem Erbgesundheitsgcricht zu übernehmen. Darob geriet der ärztliche Beisitzer, Dr. Springborn, in helle Entrüstung. Ausgerechnet ein Jude wolle sich in Angelegenheiten der Erbgesundheit mischen? Das sei ja unerhört! Aber siehe da— die Juristen, die zu entscheiden hatten, waren nicht seiner Ansicht. Dr Springborn erklärte sich als Beisitzer für besangen, das Gericht wurde beschlußunfähig, und der NS.-Aerzteb»nd leitete die Angelegenheit sofort an da« Justizministerium weiter, um die„Lücke im Gesetz" stillen zu lassen. Aber all das ändert nichts an der Tatsache, dast die Juristen des Erb- geiundheitsgerichts zu Stettin die Zulassung des jüdischen Anwalts einstimmig befürworteten, obgleich gerade an dieser Stelle bestimmt keine„verdächtigen" Beamten sitzen. Sieger werde» natürlich die Acrzte bleiben. Viele Leute sind ja überhaupt der Ansicht, dast für die deutsche Rechts- pflege nur noch Acrzte zuständig seien. Allerdings Irren- ärztc. llnlerseNlagung von Spenden Erfurt, 28. Okt. sJnprest). Ter nationalsozialistische Ge- meindcvorsteher Bacrivolf von Andisleben ivurde wegen Unterschlagung von Geldern des Winterhilsswerks. schwerer Urlundensälschung und Betrugs zn zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Mannheim, 28. Okt. sJnprest). Das nationalsozialistische Parteimitglied Karl K., das von ber NSDAP, im Sommer 1933 als Betriebszellenobmann eingesetzt worden war, wurde wegen Unterschlagung von Spenden, Urkunden- sälschiing und Diebstahl zn zwei Jahren Gefängnis ver- urteilt. Dieser Vertanensmairn ber Erneuerer Deutschland ist nach Anficht dcS medizinischen Sachverständigen ein„halt- loser, willensschwacher Neurastheniker". in Saus und Braus!' W> Lametta-Hermann und die deutschen Arbeiter Ei» eigenartiger Vorfall in den„Deutschen Werken" in Spandau, der außerordentlich tnpisch für die Stimmung in Verdeutschen Arbeiterschaft ist, wird in Berlin von Mund zn Mund erzählt..In der genannten Spandaucr Fabrik hingen eipes Morgens plötzlich zwei Puppe» in einer der großen Wertstätten. Die eine stellte„Lametta-Hcrmann" in Uni- form dar. die andere einen Schlosser in Arbeitstracht, die mit dem Finger auf die Göring-Puppe wies und die Inschrift trug:„Ihr lebt in Saus und Braus und«vir können uns vor Hunger aufhängen." Gleich darauf erschien die G^'apo »nd sperrte den ganzen Betrieb ab, io daß die zweite S w't nicht zur Arbeit antreten konnte. Trotz mehrerer VerHaf- tungen konnten die Täter nicht ermittelt werden. Todesurteile in Spanien Ein Petitionssturm der Katalanen Madrid, 81. Okt. Die spanischen Kriegsgerichte sind in voller Tätigkeit. Tic ersten Todesurteile wurden in Barzelona gegen den Befehlshaber der katalanischen Polizei, Perez FarraS, und den Hauptmann Efeofet ausge- sprochen, die angeklagt waren, den Widerstand gegen die Regiernngslruppen geleitet zu haben. Wenn der Präsident der Republik nicht von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch macht, wird die-Todesstrafe an den beiden Offizieren am Montag vollstreckt. Die katalanische Bevölkerung bestürmt in unzähligen Bittgesuche» de» Präsidenten der Republik, Gnade z» üben. In Barzelona sind au Straßen und Plätzen Tische aufgestellt, um Unterschriften zu sammeln. Tausende von Menschen drängen sich zur Ein- tragung in die Listen. Es heißt, das Militär bestehe aus dem Vollzug der Todesurteile und werde eine Nachgiebigkeit de« Präsidenten der Republik mit der Ausrufung e i n c r M i l i- tärdiktatur beantivorte». Der ganzen katatonischen Region hat sich eine tiefe Erregung bemächtigt, und man er- wartet mit Spannung die Entscheidungen des Ttaatsobe» Hauptes. DomdensnsMiag auf König Doris Nur Gerüchte? London, 31. Okt. Wie der Sonderberichterstatter der „Daily Mail" in Sofia zu berichten weist, soll ans den Eisen- bahnzug, in dem König Boris von Bulgarien von Sofia noch Warna reiste, ein Bombenanschlag verübt worden sein. Der König sei unverletzt geblieben. Nach dem Bericht der„Daily Mail" soll auf dem Kohlen- tcnder des Zttges eine Höllenmaschine verborgen gewesen sein, die bei Strezekar, ungefähr 189 Kilometer von Warna entfernt, explodiert sei. Der König, der sich bekanntlich häufig aus Liebhaberei als Lokomotivführer betätigt, habe sich.ins den Trittbrettern de? fahrenden Zuges zur Lokomotive ve- geben nnd habe den Zug selbst zum Stehen gebracht, da der Lokomotivführer durch den Anschlag verletzt war. Spiter habe man bei der Durchsuchung des KohlcntcnderS noch i:e Ueberbleibsel einer Uhr gefunden, durch die vermutlich d«e Höllenmaschiiie ausgelöst worden war. Man nimmt an. daß die Bombe bereits in Sofia in den Tender gelegt wurde. Unter dem Eisenbahnpcrsonal»nd in kommunistische'.! Kreisen sollen zahlreiche Verhaftungen vorgenommen worden sei». Die übrigen Londoner Blätter und Reuter berichten-ns «ojio, dag es nch bei der ganzen Angelegenheit nur um die Entzündung von Kohle» in dem Tender gehandelt ha'ie » Bestätigung des Vorfalles war ans Sofia bis R«. dokiurnsschlust noch nicht zu erhalten. ttarseille- lal der Inden Endlich die wahren Urheber festgestellt... In einer Versammlung in Altdorf sNiederbayern) sprach der berüchtigte Gruppenführer von Obernitz. Er hielt eine der wüstesten antisemitischen Hetzreden, die man seit langem vernommen hat. Nach der„Fränkischen Tages- zeitung"(29. 10.) sagte er unter anderem: „Ter Gruppenführer kam dann auf die gemeine Hamsterei zu sprechen, die wie ein Gift vom I u d e N ins Volk g c st r c»t iv u r d e, und be- zeichnete sie alS ein Zeichen der Untreue dem Führer gegen- über. Nur mit großer Geschlossenheit zertrümmern wir den Kampf des Judentums. Heute aber sind wir durch unsere nach außen geschlossene Einigkeit soweit, daß das Ausland bereits Achtung vor uns hat. Aber das Judentum ruht nicht. Es ivill unser Vaterland vernichten iu:d in einen neuen Weltkrieg bringen. So war auch das ZUtcntat von Marseille eine Tat des Judentums." Wenn die so„erzogenen" Leute im Augenblick des großen Erwachens Hitler selbst für eine„Tat deS Judentums" halten— man wird sich nicht wundern. Pole«, Hitler und der drohende Krieg Warschau, 29. Okt.(Jnpreß.) Tie Zeitung„Robotnik", die den deutschen Rüstungen einen Artikel widmet, geht ous die Frage ein, gegen wen sich die imperialistischen Pläne deS deutschen Faschismus in erster Linie richten.„Alle wissen," schreibt das Blait,„daß unter dem Teckmantcl der Tema- gogie über die„Wiederherstellung der Ehre Teutschlands" dort eine fieberhafte Vorbereitung des kommenden Krieges vor sich geht." Tie Tatsache, daß Teutschland noch nicht ge- wagt hat, den Krieg zu beginnen, erklärt üch aus drei Ur- fachen: Ungenügende Vorbereitung des Staatsapparates? nach nicht abgeschlossene Reorganisierung deS Heere? Teutsch- lands ungünstige internationale Situation.„Robotnik" ist der Auffassung, daß die internationale Isolierung Teutschlands gegenwärtig der ausschlaggebende Friedenssaktor ist:„Es lallt Teutschland schwer, den Krieg zu beginnen, wenn es die^ganze Welt gegen sich und nnr Polen für sich hat." Tie Frage, nach welcher Hauptrichtung der deutsche Ervan- sionsdranq geht, beantwortet das Blatt folgendermaßen: „Selbstverständlich würde das„dritte Reich" gerne auch Oesterreich, das Taargebict und vielleicht den deutsch- sprachigen Teil der Tschechoslowakei an sich reißen. Jedoch unterliegt es keinem Zwciiel. daß die Hanptlinie der deutschen Politik aus den Osten gerichtet ist." Tiefe Linie bleibt, trotz Unterzeichnung des bcntsch-polnischen Paktes für zehn Jahre, unverändert. „Robotnik" polemisiert iveitcr gegen die deutschfreundlichen Erklärungen der Wilnaer Zeitung„Tlowo" und sagt:„Es wundert uns nicht, daß die Grundbesitzerzeitung des Grenz- landeS, getreu der Klassenpolitik der Grundbesitzer, die Lösung der Annäherung an Teutschland gusstellt. Aber es ist fraglich, ob dies den Interessen des polnischen Staates cnt- spricht, von denen die Anhänger des Regierunasblocks so viel reden." Am Schluß des Artikels beißt es:„Ter National- sozial,smos bringt Krieg der ganzen Welt— mit Haupt- richtung Osten. Glücklicherweise ist er durch eine Kette zu- sammcnarbeitender Staaten in seinem Vorgeben behindert. Man muß die Frage stellen: Gehört es zu den Ausgaben Polens, diese Kette zu schwächen, um den bewaiincten lieber-- fall des nationalsozialistischen Teutschland auf Europa zu-n- lassen?" Slaaftbürgersdiaif der Tran (II.) Das Büro der Völkerbundsversammlung hak be- schlössen, auf die Tagesordnung der nächstjährigen Tagung die Frage der Gleich st ellung der Frauen in bezug aus ihre Staatsbürgerrechte zu setzen iL'egalitc des droits de nationalite des semmes). Tiefer Beschluß ist die Folge eines Antrages, den der sowjetrnssische Vertreter L i t w i n o w dem Vorsitzenden der Völkerbundsvcrsamm- lung Sandlcr überreicht hatte und der von den Telegationeu folgender Staaten unterschriebe» war: Sowjetunion, Tschechoslowakei, Türkei. Mexiko, Ehile, Kolumbien, Ehina, Panama, Tiam. Tomini konische Republik, Haiti, Argen- tinien, Jugoslawien, Lettland, Neuseeland. I« Die„Welsen von lion' Aussagen, die eine Legende lilr Immer vern!di!en Deutsche Ixtihtit" Abonaemeutspceise: Amerika Argentinien Belgien Dänemark England Frankreich Holland Italien Luxemburg Neubelgien (Eupen-Malmedy) Oesterreich Palästina Polen Rumänien Rußland Saargebiet Schweden Schweiz Spanien Dollar Peso belg. Fr. Kr. sh fr. Fr. 11. Lire belg. Fr. belg. Fr. (verboten) sh (verboten) Lei Rubel fr. Fr. Kr. schw. Fr. Peseta Tschechoslowakei Kr. im Monat 1. 5. 15,- 3,70 4,- 12,- 1,50 10- 15,- 12,- 4,- 90,- 1,- 12,- 2,60 2,40 6,- 30,- Zustcll I gebühr 0.50, 1,- 5,30 2,30 1,10 3,75 0,40 5- 5,30 5,30 1,10 30,- 7,50 1,70 0,80 2,- 5,50 -le Zusendung unter Kreuzband durch die Post sind die Portogebühren vom Bestellet mit dem Abonnementsbetrag zu entrichten Schon die beiden ersten Tage im großen Genfer Pro- z e ß um die Protokolle der„Weisen von Zion" brachten das selbstverständliche Resultat: die Feststellung, daß es sich bei dieser bekannten antisemitischen Agitationswafse um eine ebenso plumpe wie freche Fälschung handelt. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß der Prozeß nicht nur mit der Verurteilung der angeklagten Frontler, sondern auch mit der endgültigen Erledigung der„Weisen von Zion" enden wird. Aus den Vernehmungen Die Aussagen Swatikows In Paris lebt der russische Emigrant T w a t i k o w. Tie- ser Mann wurde 1917 von der Kerenski-Regierung als Sonderbevollmächtigter zur Liquidation der zaristischen rus- fischen Geheimpolizei ins Ausland geschickt. Er hat eine Reihe historischer Werke versatzt. Tiefer sagt in deutscher Sprache aus, daß er zum erstenmal 1995 von den Proto- kollen in Petersburg Kenntnis erhalten hat. Es handelte sich um die Hebersetzung von Nilus, die in einer Staats- druckerei verfertigt worden war. Die Protokolle hält er auch unbedingt für eine Fälschung. Als er 1917 in offizieller Eigenschaft nach Paris kam. hörte er von neuem allerhand von den Protokollen. Intelligente und gebildete Leute erkannten schon 190ö, daß die Protokolle eine Fälschung seien und schenkten ihnen keine Beachtung, nicht einmal die Kirche, höchstens einige Offiziere. In Paris hörte Swatikow durch einen gewissen Bind, dem Ver- trauensmann Ratschkowlns, von den Fälschungen dieses zaristischen Polizeiagcnten. Seit 1984 erhielt Bind vier- mal den geheimen Befehl. Dokumente, wie revolutionäre Proklamationen usiv., zu fälschen. Tie Zeugenaussage«?wa- tikows gipfelte in der Mitteilung, daß Ratschkowskn, d-r Chef der russischen Geheimpolizei in Paris, zwei feiner Agenten, Manuilow und Golowtniky, beauftragt habe, die Protokolle anzufertigen. Golowinskn habe diese Arbeit aus der Bibliotheque Ratio- nale mit Benützung des Buches des Advokaten I o l n aus- gefertigt. Tie benützten Stellen seien in einem der in der Bibliothek benützten Exemplare ietzt noch angezeichnet. Seine weiteren Aussagen belasten den großen„Jntri- ganten" Ratschkowskn. die„Protokolle" seien das Werk die- ses Mannes, welcher der Tnpus des russischen Spitzels war und schon 188« die russische Druckerei in Gens zerstören lieg. Von einer hebräischen Ausgabe der„Protokolle" weiß der Zeuge nichts. Tie Frage des Augeklagten Fischer nach dem Stammbaum beantwortet er mit dem Hinweis auf seinen nicht kür das Judentum, sondern für das zaristische Rußland belastend. Ihre Sprache sei nicht eine jüdische, sondern die der zari- stischen Beamten, und im Interesse der russischen National- ehre müsse man diese Beamten entlarven. Ter Agent Bind, von dem er seine Informationen habe, sei durchaus zuverlässig. ver D'ensfag Weitere wichtige Enthüllungen Als erster Zeuge tritt Sliosberg auf. der schon im Jahre 1901 ein maschinengeschriebenes Exemplar der Proto- koste gesehen hat. das man als Agitationsmittel gegen Jude» und liberale und demokratische Ideen überhaupt und vor allem gegen die Person des Ministers Witte gebrauchte. Ten Stil erkannte SlioSbcrg als den früherer Fläschungen. Ten Nilus hat er persönlich nicht gekannt. Nilus stand im Ruf verschrobener, messianischer Auffassungen. Wohl aber kannte der Zeuge persönlich den notorischen Dokumentenfalscher Ratschkowskn. Tas Mannskript, das Sliosberg 1901 zu Gesicht bekam und über welches er damals ein Gutachten ausarbeitete, deckt sich inhaltlich mit der 190.1 verotscntlichten Uebersetzung von Nisus. Erst 1918 und 1919 landen die Pro- tokollc in Westdeutschland ihre Verbreitung: zu dieser Zeit wurden sie in Rußland von niemand ernst genommen, sondern als Machwerk der Geheimpolizei taxiert. Ter jüdische Politiker T r. Meyer.Ebner nahm am 1. Zionistenkoygreß in Basel teil. Mcuer-Ebner war damals 23 Jahre alt und hält die Abhaltung einer im Protokoll des Kongresses verschwiegenen Geheimsitzung snr absolut au^s- geschlossen, Promineute Inden, besonders dt« jüdische Hochfinanz, waren damals durchaus an tizi ontst 11 d) ctn-. gestellt, und umgekehrt hatten die Teilnahmer des ersten Basler ZiouistenkongresseS nur ein Ziel im Auge, die judliche Heimstätte in Palästina.^ Ter Experte Looili verliest eine in gleichem«tnne abgefaßte eidesstattliche Erklärung dreier Teilnehmer des Bailer Kongresses: Sokolow. Farbstein und de Haas. Größte Spannung ruft dann die Vernehmung Mi l- j u k o w s. Ter frühere Außenminister gibt Auskunft über Docteut 9*€itMliste - DEUTSCHSPRECHEND Münchener u Pariser PakuitÖt 17, rue Reaumur M*tro Arti-et-Mchtiers od. ftAoublique ist zurückgekehrt und hat seine Praxis wieder aufgenommen -reuen», Blut-, Haut-, Harn- und Ge> ichlechtskrankheiten, fripper, Syphilis, Münnerschwüdie. Neueste Heil verfahren. Elektrizität. Harn», Samen» und Blutanalvsen., Mätsijge Bedingungen.(Auch Hir Kaisenversicherfe. I Täglich von 9. i uhd*- 8.30 Uhr. Sonn» und i Feiert jf von 9 bis 1 u. aul Rend. ▼. Tel. Arch.34»27 ßiiener seine wissenschaftliche Pariser Tätigkeit. Die Frage des Prä« sidenten, ob Juden und Freimaurer an der russischen Revo- lution schuld seien, verneint er. Miljukow ist ein Gegner des Bolschewismus, muß ihn aber insofern in Schutz nehmen, als es falsch ist. ihn mit dem Judentum zu identifizieren. Von den Protokollen hat der Zeuge in russischer Version Kenntnis genommen. Es ist bekannt, daß sie ein Plagiat der Schrift von Joly sind. Ten Nilus hat Miljukow nicht gekannt. Die Protokolle wurden in Rußland nach ihrer Bcrösfcnt» lichung nicht ernst genommen. Nicht einmal die„schwarzen Hundert" haben sich ihrer bedient. Dies blieb den weiß» gardistifchen Offizieren vorbehalten. Einen Historiker von Rang, der die Protokolle ernst genommen hätte, kennt Pros. Miljukow nicht. Die Erfindung sei zu plump. Kein gebildeter Mann kann au die Echtheit der Protokolle glauben. Rabbiner Tr. Marcus Ehrenpreis hat die weite Reise von Stockholm unternommen, um zu dementieren, was von Dr. Zander behauptet worden war. Ehrenpreis habe die Richtigkeit der Protokolle bestätigt. Ehrenpreis hat allen Verhandlungen des Kongresses beigewohnt und in alle Dokumente Einsicht erhalten. Es wurde nichts gesagt oder beschlossen, ivas den Protokollen entspräche. Es stimmt, daß Dr. Ehrenpreis am 25. Todestag Herzls daraus hingewiesen hat. daß der Gründer des Zionismus den Zerfall der Tür- kei vorausgesehen hat und mit einem fertigen Plan den Basler Kongreß einberufen habe. Aber Geheimnisse gab es an diesem Kongresse nicht. Ter Angeklagte Fischer stellt wieder einmal^etwas fest: Laut Aussage des Zeugen gebe nur die heilige Schrift über die Ziele der Judenschaft Auskunst, also seien die Proto- koste des Basler Zionistenkongresses eine Fäschung. sAllge- meine Heiterkeit.) Am Nachmittag Die Vernehmung Burzew Am Nachmittag erregte die Vernehmung des 72jährigen Wladimir Burzew einiges Aussehen, der zur alten Garde russischer Revolutionäre gehört und sich als Ent- larver von Spitzeln einen Namen gemacht hat. Heute lebt er als Emigrant er ist Menschewik, in Paris. Schon vor dreisiig Jahren erfuhr er von den Protokollen und hielt sie für eine F ä l s ch u u g. Burzew gab damals eine Zeitung heraus, er- hielt die„Protokolle" zur Veröffentlichung, lehnte sie jedoch ab. Ratschkowskn hat er persönlich nicht gekannt, doch war ihm seine Tätigkeit nicht fremd, und Burzew erfuhr von Mit- arbeitern Ratschkowskns, daß dieser der geistige Autor der „Protokolle" war. Auch der schon genannte Bint gehört zu diesen Gewährsmännern. Burzew hat seinerzeit den berüch- tigten Spitzel Asew entlarvt aus Angaben des Agenten Lopuchin. Ter gleiche Lopuchin hat Burzew auch über die Entstehung der„Protokolle" aufgeklärt. Tas Manuskript der „Protokolle" hat Burzew nicht gesehen, aber davon gehört, wie er auch Nilus nur vom Hörensagen kannte. Ein russischer General Globotschow mit dem Burzew in Konstantinopel zu- sammentras. versicherte ihm, die„Protokolle" seien in den Jahren 1896 bis 1900 im Ausland von der russischen Polizei hergestellt worden, um den Zaren zu beeinflussen. Ratschkowsky soll später dem Zaren die Fälschung eingestanden haben. Boris Niklolaicwsky, ein in Paris wohnhafter Historiker der russischen rcvolu- tionären Bewegung, erklärt die„Protokolle" editierten schon 1894, also drei Jahre vor dem Basler Zionistcnkongreß. Ter Angeklagte Fischer stellt unter Gelächter des Pu- blikums leine Gewissenssrage noch der„arischen Großmutter" des Zeugen, um zu erfahren daß die eine Großmutter Tvch- ter eines russischen Richters, die andere Tochter eines rufst- scheu Bauern war. Wesentlicher ist. daß in de,, erste« Auslagen der„Protokolle" vom Basler Zionistenkongrcß noch nicht die Rede war. sondern erst im einer späteren Auflage vom Jahre 1917. Episode Im Laufe der Verhandlungen spielte sich noch folgende szene ab: Präsident:„In welcher Sprache sind denn die„Protokolle" geschrieben, Herr Fischer?"- Fischer:„Tas weiß ich n i cht."(Heiterkeit.)— Präsident:„Wer soll cS denn wissen, wenn nicht Sie? Sie müssen doch wenigstens Angaben über den Originaltext machen können."— Fischer:„Ich meinte das-Itzungsprotokoll von 1897."— Präsident:„Tas werden wir morgen herbeischaffen."— Brunichvig:„Führte nicht die Verbreitung der„Protokolle" zu judenseindlichen Kund- gedungen?"— Zeuge Nikolajcwiku:„Jawohl, das war der ,rau.— Fischer beschwert sich nochmals über die Schmäle- rnng feiner Parteirechte.