Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr. 246— 2. Jahrgang Saarbrücken. Sonntag Montag, 4. 5 November 1934 Chefredakteur: M. B r a u n „Wien, du Siadt meinet Jxäiune"... Sei,« 2 Wie,%cca von Gattes Qnaden Seite 3 Schachts JCapitirfatian aac instand Seite 4 Jxiecee fälschet. qeqen„Thnionalkicche" Seite 7 Per engfisefle Arfteilersleg Laboiir auf dem Wege zur Regierungsmadit _____ London, 8. November. Tic Ziege der Labour Party bei den Gemcindewahlen am i. November übersteigen alle Erwartungen. Schon in der Nacht zum Freitag wurden weit über 51)0 ttett eroberte Gc- meinderatsfitzc gemeldet, die in der Hauptsache den Konservativen abgenommen worden sind. Tie Gesamtzahl der Ge- Winne wird ober weit über dieser Zahl liegen. In den Lon- doncr Gemeinden Popler und Bcrmondscy wurden alle Gcmeinderatssitze von der Labour Party genommen, so dast diese Geu eindcräte nun hundertprozentig von Labour- Leuten besetzt stnd. Tic Labour Party hat jetzt in 15 von 28 Londoner Gemeinden die Mehrheit. Bisher lag in London ihr höchster Ausschwung im Jahr IltlS, wo sie in 14 Gemeinde- röten die Mehrheit erlangen konnte. Im Jahre ihrer groben Niederlage 1981 hatte die Labonr Party nur noch in drei Lon- doner Gemeinden die Mehrheit. Tas zeigt den jetzigen großen Aufschwung. In Manchester wurden 9 Sitze gewonnen, die zwar noch keine Labour-Mchrhcit schassen, aber immerhin die bis- hcrige konservative M hrhcit beseitigen. Nur mit der Unter- stlltzung der"ibcralen würden die Konservativen die Rerwal- tung dieser Großstadt noch behalten können. Aus Liver- pool werden 18 neue Labonr-Sittc gemeldet. In Shef- sicld hat sich die bisherige schwache Labour-Majorität von 2 aus 12 Zitze verstärkt. Welches Ausmaß und welches Tempo die Fortschritte der Labour->.artv erreicht haben, mag daraus ersehen werden, daß beispielsweise in einer Gemeinde wie L a m b c t h, in der keine Labour-Mchrhcit erreicht wurde, sich die Zusammen- setzung des Gemcinde-ates immerhin so verändert hat, daß aus einem einzigen bisherigen Labour-Mitglied 2S geworden sind, während 3S bisherige konservative Man- date aus 81 zusammengeschmolzen sind. In Fullham lGroßlondonj gab es bisher einen Ge- meinderat, den 4li Konservative ausschließlich beherrschten und in dem die Ziffer 5 Labour-Mandate null war. Aus der Null ist eine absolute Mehrheit von 2 7 geworden und von den 40 Konservativen Gemeinderäten werden nnr 18 Gelegen- hcit haben, sich in Zukunft mit der Gemeindeverwaltung zu beschäftigen. Tic Konservativen sind die Hanptleidtragen- den mit 857 Berk sie«, denen nur 87 Gewinne gegenüber» stehen. Bei den Liberalen betragen die Gewinne 7 und die Verluste 57, und die übrigen Parteien haben 24 Sitze gewonnen und 11» verloren. Macdonalds Ende? Tie„Kölnische Zeitung" läßt sich aus London melden: „Tos Ergebnis der Gemcindewahlen wird nicht ohne Rück- Wirkung aus die Regierung bleiben können, die nunmehr ge- zmungen ist, in ganz andrer W>>ii<> als bisber die Arbeiter- opposition in ihre Berechnungen einzubezieben. Eine weitere Folge dürste eine Stärkung der bereits sehr beträchtlichen. Gruppe innerhalb der Konservativen Bartei sein, die von der nationalen Regierung loskommen will, um eine rein konser- vative Partcipolitik verlolaen zu können, von der üe sich eine bessere Propagandamöglichkeit gegen die Arbeiterpartei verspricht." Enttäuschte Kampfer Modi Immer ohne Arbeil und Brot Berlin, 81. Oktober. Viele Nationalsozialisten und Neu- gierige hatten sich gestern abend auf dem Luisenstädtischen Friedhof eingesunden, wo unter großen Ehren einer der wirklich„alten Kämpfer" Adolf Hitlers, der Standarten- fllhrer Walter Hcllvoigt der Standarten Horst Wessel zu Grabe geleitet wurde. Am ossencn Grabe sprach der Reichs- minister Goebbels in seiner Eigenschaft als Gauleiter von Berlin. Seine Red- wurde in anderem Sinne ein Er- eignis, als wohl die meisten erwartet haben. Wir haben Goebbels oft gehört, sowohl in öffentlichen Versammlungen wie im Reichstage, und er war immer ein kämpferischer, aggressiver Redner. Tiesmal aber sprach er recht pessimistisch, und im Tone geradezu jammernd. Man sah ihm an und fühlte, wie ihn gerade in dieser skep- tischen Berliner Bevölkerung die Sorgen bedrängen, und wie sehr der Glaube an den Nationalsozialismus sinkt. Mehrere Male sprach er von den Tausenden und Taufen- den, die man an dieses Grab eines opfervollcn Kämpfers rufen müsse, jene Tausende, die um kleinlicher m a t e- rteller Borteile ivillcn das Leben der Nation aufs Spiel sehten. Er schimpfte in seiner Grabrede regelrecht auf die Trägen und Faulen und Opfer- u n l u st i g e n, die über die nationalsozialistische Revolution triumphieren wollten. Es schien nicht, als ob die wimmernde Grabrede des durch seine politische Hetze Millionär gewordenen Goebbels auf die Anwesenden, die fröstelnd an dem regnerischen Herbst- abend herumstanden, erwärmend und überzeugend gewirkt hätte. Auch mit der Gocbbclsschen Popularität geht es zu Ende, wenn auch von der allgemeinen Enttäuschung bis zur revolutionären Aktion, die man dennoch herannahen fühlt, noch ein weiter Weg fein mag. halbjährigem erfolgreichen nationalsozialistischem Wirken sind viele s?> unter ihnen noch ohne Arbeit und Brot. Verschiedene Unternehmer haben im Laufe dieses Jahres in anerkennenswerter Weise dem Wunsche des Führers Rechnung getragen. Einige Firmen stellten zwar Alt- kämpscr ein, haben sie jedoch nach kurzer Zeit wieder ent- lasten. Soweit nicht die wirtschaftlichen Verhältnisse des Betriebes oder die betreffenden Altkämpser Beranlastung gaben, muß das Verhalten solcher Firmen als a n t i- nationalsozialistisch bezeichnet werden, ebenso wie die ablehnende Haltung einzelner Firmen» die bisher sich überhaupt nicht entschließen konnten Altkämpser einzu- stellen." Nicht einmal den so hochgefeicrtcn„alten Kämpfern" wird geHolsen, und wenn man uns täglich vorlügt, die Arbeits- losigkeit werde durch das Regime überwunden, so brauchen wir nur festzustellen, daß bisher nicht einmal die„alten Kämpfer" in Lohn und Brot gebracht werden konnten. Uns ist ein Aufruf bekannt gcivordcn, den dieser Tage alle bayerischen Behörden und mit ihnen alle bayerischen Gauleitungen und SA.- und SS.-Führer Bayerns an die Wirtschaft erlassen haben. Tarin werden folgende alle wirt- schastlichen Siegesberichte über die„Arbeitsschlacht" Lügen strafende Feststellungen gemacht: „Unser Führer hat am 24. Februar d. I. seiner alten Parteigenosten gedacht und den Ausspruch getan:„Ver- geht mir meine alten Kämpfer nicht!" Heute» nach einein» Man stelle sich doch einmal vor, wie es den nichtnational- sozialistischen Erwerbslosen ergeht, wenn solche Notrufe schon für die„alten Kämpfer" erlassen werden, die man überall in den Vordergrund schiebt. Wichtig ist allerdings auch das Eingeständnis, daß die Unternehmer Hitlers„alte Kämpfer" nicht wollen. Warum nicht? Weil die„alten Kämpfer" nicht selten menschlich und beruflich minderwertige, oft kriminell vorbestrafte Leute sind, darunter auch Zuhältertypen, die niemals richtig ar- beiten gelernt haben. Manche freilich trifft keine eigene Schuld, da sie als Opfer des Krieges und der wilden Frei- korpsjahren nach dem Kriege jede Lust an einer geregelten Tätigkeit verloren haben. Nachdenkliche Leute im Unternehmertum, die es doch auch noch gibt, weisen manchmal in vertrauten Gesprächen.it marxistischen Arbeitern, deren berufliche Tätigkeit und wirt- schastliche Vernunft sie jetzt richtiger einschätzen als früher, darauf hin, wie doch eigentlich auch die Entwicklung des Führers manche Aehnlichkcit habe mit manchem seiner ge- scheiterten„alten Kämpfer". Adolf Hitler habe in keinem wirtschaftlichen Berufe auch nur Turchschnittlicheg geleistet. Auf der Schule habe er versagt und sei nur bis zu den unteren Klassen einer Realschule gelangt. Tann habe er alle möglichen Berufe vom Bauhilfsarbeiter über den An- streiche! bis zum„Kunstmaler" ergriffen, und in jedem sei er gescheitert, bis der Krieg und die Nachkriegszeit ihn auf die Landsknechtsbahn und die Landsknechtsführung und so durch die Organisation von Söldnerscharen bis zur Er- oberung eines schwachen Staates gebracht habe. Wir wollen nicht sagen, baß diese Erkenntnisse schon allgemein sind, aber die Enttäuschung wächst doch sehr, und das Zappeln und Schreiben des kleinen Goebbels an dem Grabe in der Hasenheibe zeigte uns, daß er die von unten heraufströmende Kälte spürt. „Kein 25 Juli an der Saar Von unserem Korrespondenten A. Ph. Paris, 3. November Als die Auseinandersetzungen zwischen der deutschen „Freiheitsfront" einerseits und der„deutschen Front" andererseits im Saargebiet begannen, konnte man nicht ohne Verwunderung die Feststellung machen, daß die große französische Öffentlichkeit wenig Interesse für diese Dinge bekundete. Nur selten und kurz berichtete hier und da einmal eine französische Zeitung von dem. was sich an der Saar abspielte. Das hat sich in den letzten Wochen wesentlich geändert. Die Leser der„Deutschen Freiheit" hatten Gelegenheit, an der Hand von Stimmen aus dem französischen Blätterwalde festzustellen, wie das Interesse für die Saar hier von Tag zu Tag wächst^ und man kann wohl sagen, daß seit einigen Tagen das Saar- Problem überhaupt nicht mehr aus der hiesigen Presse verschwindet. Dabei muß man, wenn man ganz objektiv sein will, eins feststellen: Das Saarstatut sieht für die Abstimmung am 13. Januar als eine der drei von dem Abstimmenden zu wählenden Möglichkeiten auch die vor, das Saargebiet zu Frankreich zu schlagen. Man wird aber vergebens eine französische Zeitung finden, in der für diesen Ge- danken Propaganda gemacht wird. Niemand denkt hier daran, die Saar französischen Besitz werden zu lassen. Jeder weiß genau, daß die Saar deutsch ist und deutsch bleiben r. ill. Aber man kann es verstehen, man hält es für selbstverständlich, daß die Saarländer zu einem wesentlichen Teil keine Lust haben, unter das braune Joch zu gehen und der Seg- nungen des„dritten Reiches" teilhaftig zu werden. Frankreich weiß, daß nicht nur Deutschland im Ver« sailler Vertrag Verpflichtungen auferlegt worden sind. Es hat seinerseits feine Verpflichtungen noch anerkannt durch die Zustimmung zu dem am 14. März 1925 und am 18. März 1926 vom Völkerbund angenommenen Ent- fchließungen, wonach die Saarregierung militärische Hilfe im Notfalle außerhalb des Saargebiets anfordern darf. Es wäre übertrieben, zu sagen, daß die Franzosen geradezu begeistert sind von dem Gedanken, ihre Soldaten unter Um- ständen bei einem Nazihandstreich an der Saar einzusetzen. Aber auf der anderen Seite sind sie sich dessen bewußt, daß es am 13. Januar nicht um die Saar allein geht, sondern um Völkerbund und Völkerrecht, um Treu und Glauben überhaupt. Die fran- zösische Presse drückt ihre Genugtuung darüber aus. daß das amtliche deutsche Nachrichtenbüro die Saar- länder ermahnt, Disziplin zu bewahren. Wenn diese Disziplin auch im Reiche der Herren Hitler, Göring und Goebbels gewahrt wird, um so besser für alle Be- teiligten. Das ist auch der Gedanke, den Wladimir d' 0 r- m e s s o n im„Figaro" ausspricht, wenn er sagt, es bleibe also all denen, die an der Saarfrage interessiert seien, die Aufgabe, loyal in einer Atmosphäre von Würde und Ruhe, den Vertrag anzuführen.„Ruhe, ja." schließt der bekannte Journalist.„Aber Ruhe mit Festig- heit. Eins ohne das andere geht gar nicht. Die Agi- tatoren müssen genau wissen, daß wir entscklossen sind, Ordnung und Gesetz Achtung zu verschaffen. Der 2 5. Juli war eine Lehre für die ganze Welt. Er wird sich an der Saar weder vor noch nach dem 13. Januar wiederhole n." ver. Iemv5 Wer frankrtfdis NaOflalunen Paris, 8. November. Ter Pariser„Temps", der als Sprachrohr bcS Quai d'Orsay gilt, beschäftigt sich in der heutigen Ausgabe in einem Leitartikel mit dem Problem der Aufrcchterhaltung der Ordnung an der Saar Zunächst einmal stellt der„Temps" fest, daß die militärischen Maßnahmen Frankreichs in der deutschen gleichgeschaiteten Presse in völlig verdrehter Weise kommentiert wurden. Das Organ des Quai l'Orsoy fügt hinzu, daß es überflüssig sei, aus die böswilligen Kommen- larc der branuen Presse überhaupt einzugehen. Tann schreibt das Blatt: „Kein Mensch in der Welt kann vernünftigerweise Frank- reich verdächtigen, daß es einen Handstreich an der Saar vorbereite, ober daß es etwa den Wunsch hege, angesichts der bevorstehenden Abstimmung einen militäri- scheu Druck auszuüben. Der Saarbevölkerung steht das Recht zu, eine freie Entscheidung zu treffen, ob es zurück zum„dritten Reich" eine Union mit Frankreich oder die Aufrcchterhaltung des bisherigen ZustandeS wünsche. Tie Ergebnisse der Abstimmung vom 13. Januar können, wie sie auch ausfallen mögen, in keiner Weise das Ansehen Frank- reichS schmälern. Was aber eine schwere Schädigung des französischen Prestiges«nd deshalb unzulässig wäre, daS ist die Tatsache, wenn die Ergebnisse der Abstimmung mit Mittel» erreicht würden, die in Wirklichkeit eine Fälschung der freien Willensäußerung der saarländischen Bevölkerung und damit eine Verletzung des Vertrages bedeuten würden. Ho liegt das eigentliche Problem. Frankreich hat durch seine Vertreter in Gens immer wieder aufs neue bekräftigt, daß es willens sei, die volle Abstimmungsfreiheit am 13. Januar zu sichern. Frankreich hat wiederholt erklärt, daß es feöcn Entschluß der Saarländer, wie er auch aus- fallen möge, anerkennen ro>rd" Ain Tchlnsse seiner Ausführungen erklärt der„Tempil": „Von einer militärischen Intervention Frankreichs, einen Druck aus die Abstimmung auszuüben, kann keine Rede fein. Wenn aber im Laufe der nächsten Monate im Saargebiet Unruhen entstehen sollten, die zu unterdrücken die Polizei und die einheimischen Landjäger nicht die Macht haben, und wenn die RegiernngSkommisfton von ihrem Recht Gebrauch machen wird, Truppen anzufordern, die außerhalb des Ge- bietes liegen, um Bevölkerung und Eigentum zu schützen, so wirb es die Pflicht Frankreichs sein, diesem Appell Folge zu leisten. Es hängt von den Deutschen selbst ab, daß eine solche Intervention französischer Truppen mit einer abso- lut klar definierten Mission vermieden wird, u»d daß die Abstimmung a» der Saar unter Bedingungen stattfindet, die die Ruhe sichert und der Würde entspricht, die einem Volksakt von dieser Bedeutung zukommt." Außenpolitische Ahllvilfil Paris, 3. November. lBon unserem Korrespondenten) .Der Berliner Korrespondent des„Paris-Midi" hebt, wie die getarnte französische Presse, hervor, wie groß die Aus- regung in den deutschen Zeitungen deshalb ist, iveil Frank- reich deutlich seinen Willen bekundet hat, die ungehinderte Durchführung der Saarabstimmung zu garantiere». Aber, so meint er, es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß das Reich, wahrend es seine Presse gegen Frankreich mobil mache, auf anderen Gebieten der Außenpolitik sich passiv verhalte. Tie deutsche^Rcgierung fahre weiter darin fort, aus dem Balkan ihre„«ondicrungen" vorzunehmen. Es sei bekannt, daß ein neuer Abgesandter— ein militä- tticher Sachverständiger— nach Athen geschickt werde, der bei seiner Rückkehr seine Reise in Sofia unterbrechen solle. In Athen soll es sich nur um eine einfache Fühlungnahme handeln. I» Sofia solle der Geheimgesanbtc mit der bulga- ritchen Regierung Verhandlungen über ein demnächstiges Abkommen mit dem Reich führen. Ter Korrespondent des „Paris-Midi" ivill von vertrauenswürdiger Seite erfahren haben, daß die fraglichen Verhandlungen schon recht weit gediehe« seien. ver„Kftmpl" Segen Preissteigerung Görings Verzweiflungserlaß Berlin, 3. November. Göristg hat in seiner Eigenschaft als preußischer Minister- Präsident folgenden Erlaß an die Oberpräsidenten und Po- lizeipräsidenten gerichtet: In Verfolg der vom Führer gestern abgehaltenen Be- sprechung mit den Reichsstatthaltern ordne ich an: Die Oberpräsidenten. Regierungspräsidenten und Polizeipräsidenten haben in Fällen von Preissteigerungen, die nichtofsiziell von Staatsstcllen genehmigt sind, besonders bei Preissteigerungen aus Lebensmittel, unverzüglich in schärf- ster Form einzugreifen. Bereits vorbeugend sind Bersuche solcher Preissteigerungen zu unterbinden. Tie Lebensmittel- preise sind lausend zu überwachen. Ich mache darauf auf- merksam, daß ich nicht dulden werde, daß in irgendeiner Form versucht wird, durch künstlich herbeigeführte Waren- knappheit höhere Preise zu erzielen. Nachdem die meisten Lebensmittelpreise geregelt sind, besteht auch für den Hau- del keinerlei Anlaß, irgendein Risiko einzukalkulieren, um dadurch zu höheren Preisen zu gelangen. In einer Zeit, da a'le Opfer bringen sollen und gerade die werktätige Bcvöl- kerung ihre Opserwilligkeit für den Neuaufbau des Vater- landes bewiesen hat ist es ei» Verbreche«, wenn von ein- z-lnen Seiten versucht wird, den privatkapitalisti che,, Prosit über das allgemeine Bolkswohl zu stellen. Tie Strafe hier- für kann gar nicht fchflrf genug bemessen sein. Ich hoffe und erwarte, daß bei schärfster Beobachtung der Preisentivick- lung und der Versorgungslage seitens der Behörde» keine irgendwie geartete Ueberteuerung vorkommen kann. Tollte sich trotzdem irgendwo eine Verteuerung bemerkbar machen, so ist mir persönlich darüber umgehend telegrafisch zu be- richten, damit ich in der Lage bin. selbst einzuschreiten. Es 'geht setzt nicht um den Prosit einzelner, sondern um das Wohl aller, insonderheit um das Wohl der schwer arbeiten- den und nicht begüterten Volksgenossen. * , Während die NSDAP„Material" über die Preissteige- ruug„sammelt", versucht Göring die unerträgliche Steige- rung der Preise für die ibichtigsicn Bedarfsartikel durch staatliche Eingriffe aufzuhalten. Diese Maßnahmen werden wenig helfen, da damit der eigentliche Grund der Preis- steiaernnaen. die Blubo- und Tevisenbewirttchastungs- Politik, nicht beseitigt wird. Und wenn Göring, der Freund Thnssens, gegen den„privatkavitalistischen Profit" wettert, so kann man darüber nur lachen. Warum iagen denn die Nationalsozialisten den Schacht, diesen tnpischen Vertreter der kapitalistischen Wirtckakt. nicht davon und bekämvfen ernstlich den Kavilalismi'»?*M()fst.,~ zm'isnitis" lediglich ein Betrug ist. „Hilitärlsdier Spaziergang nicht geduldet" zi(hinaus! Berlin, 3 Nov. Vor dem Volksgerichtshof in Berlin ia te sich der frühere sächsische Landtagsabgeordnete der tPD. Kurt Tindermann wegen einer fortgesetzten Reihe tochverrätcrischer Handlungen in Wort und Schrift zu ver- mlworten, die bis in das Jahr 1029 zurückreichen. Sinder- nann, der damals Bezirksleiter in Chemnitz war, hatte in iner kommunistische» Versammlung in Dresden„Zer- ctzungsarbeit" unter der Polizei versucht durch die Aus- orderunfl, sich recht bald auf die Seite der Kommunisten zu chlagen, da es sonst zu spät sein könnte. Nach der Neichs- agswahl vom 5. März 1033 wurde er nach Dresden berute». mer nahm er im April an einer geheimen Sitzung der Sekretine der Bezirksleitung Sachsen teil, in der er den lluitrag erhielt, die ostiächsitchen Bezirke der KPD. wieder intznbaucn. Das Gericht erkannte entsprechend dem An- rag des Reichsanwalts aus die zulässige Höchst- träfe von drei I a h r e n Z u ch t h a n s. * Vor dem Schöffengericht Brannschweig hatte sich ein An- zeklagler aus Timmerlah zu verantworten, weil er in einem Actchäft des Torfes abfällige Aeußerungen Uber die Reichs- ccgicrung und den Führer und Reichskanzler getan hatte. Ter Grund seiner Aeußerungen war, daß er sich über seine Pflichtabgaben an den Reichsnährstand geärgert hatte. Er wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. LOmmeieien Lesen Knoi Berlin, 8. November. Die Presse setzt ihren Lärm gegen den Präsidenten der NegierungSkommission an der Saar und gegen Frankreich fort. Die„Berliner Börsen-Zeitung" leistet sich folgende Lümmelei gegen Herrn Knox: Man fragt sich vergebens, wie Herr Knox dazu gekommen ist, in so ungeheuerlicher Weise sein Amt als Treuhänder zu verletzen und als Amtswalter der krassesten französischen Jntcrventionspolitik mitzuwirken. Es heißt, er lebe in einem ständigen Angstzustand wegen der Drohbriese, die er bekommt. Herr Knox mag selbst das Gefühl haben, die Rolle eines Fronvogts zu spielen, aber er müßte genau missen, daß aus Seiten der Deutschen Front niemand so wahnsinnig sein wird, durch ein Verbrechen seine Heimat in ein entsetzliches Unglück zu stürzen. Drohbriefe sind vor allen Dingen leicht geschrieben von solchen Kreisen, die ein Interesse daran haben, auf die ihnen bekannte Psychose des Herrn Knox c i n z u iv i r- ken. Das alles paßt wunderbar in die Arbeit des Marlen- Komitees und der übrigen AbstimmungS-Sabotage-Fabriken im Saargebiet. Wir können uns auch schon lebhast denken, wie Herr Knox in seiner bekannten Zeitzünder- manier de» Augenblick abpassen wird, um im richtigen psychologischen Moment utieder mit derartigen, ihm ge- legenen Beschwerden an die Genfer Weltöffentlichkeit zu treten. Herr Knox! Weder das Prestige dieses oder jenes Landes, noch der Ruf des Völkerbundes können weiterhin ver- langen, baß dieser Mann, der, aus welchen Gründen auch immer, seinen Posten zum Wohl des anvertrauten Lan- deö und des Weltfriedens nicht auszufüllen vermag, auf sei- nein Posten verbleibt, um weiter mit Streichhölzern am Pulverfaß zu spielen, sondern im Gegenteil, daß er ihn sobald iv i e möglich einem F st h i g e r e u, B e s o n- n e r e u überläßt." Die„Deutsche Allgemeine Zeitung" wirft der französischen Regierung Zynismus vor und sagt, daß die Abstimmung im Saargebiet unter dem Gewehrschlag moto- risierter Truppen durchgeführt loder verhindert) werden solle. Sie verweist auf die Königsberger Rede des Reichs- Ministers Rudolf Heß, in der u. a. gesagt wurde, daß das neue Teutschland einen Spaziergang fremder T r u p- peti in deutsches Land nicht dulden w c rd e. Das„Berliner Tageblatt" behauptet, der Vor- sitzende der NegierungSkommission des Saargebiets sei parteiisch und immer mehr geneigt, gewaltsame- Lösungen herbeizuhüren, weil er der normalen Erledigung seines Auftrages nicht gewachsen ist. Man scheine sich in Paris und auch in anderen europäischen Hauptstädten der ganzen Schwere einer Situation nicht bewußt zu sein, die durch die über dem Saargebiet hängende Einmarschdrohung gcschat- fen werde. Schon die französische Even-ualdrohung müsse als gewollte Störung des allgemeinen Friedens angesehen werden. „Wien, du Stadt meiner Träume .. Wladimir d'Ormesson veröffentlicht im ,.Figaro" einen Artikel über die Art, wie Herr von P a i> e n, der außerordentliche Gesandte Hillers in Wien, dort sein Inlrigennc.tj ausspannt. D'Ormesson gibt seinem Artikel, den wir hier, im vollen Wortlaut folgen lassen, die Ueberschrift:„Herrn von Popens Kunststücke und Winkelzüge, um den Nationalsozialismus in Wien an die Macht zu bringen (Von unserem Korrespondenten) A.?>,. Paris, 2. November. Drei Monate sind seit der Ermordung bei Bundeskanzlers Dollfuß vergangen, das ist recht lange im der- zeitigen Lebensrhythmus. Auch das deutsche Intrigenspiel, das in Oesterreich am Tage nach dem verabscheuuungs- würdige» internationalen Verbrechen vom 25. Juli auf- hörte, fängt schon wieder an, sich bemerkbar zu macheu. In Erwartung neuer Mordtaten, die stets möglich sind, sucht man aus anderen Gebieten geschickt und listig zu Werke zu gehen. Die Zusammenkunft, die österreichische Großdeutsche mit dem Kanzler S ch u s ch n i g g und dem Vizekanzler Für- stcn Starhemberg hatten, ist einer von diesen Kunst- griffen. Der Zweck bleibt immer der gleiche: in Wien eine angeblich österreichische Regierung einzusetzen(um den internationalen Schein zu wahren), die aber tatsächlich aus Handlangern des Dritten Weiches" bestehen soll. Nur die Taktik bat sich gewandelt. Da man mit Nederfall und Ge- walt Pech gehabt hat, versucht man die Machthaber zu schwäche», zu erschüttern, ihnen unaufhörlich Schwierigkeiten zu schassen, sie vor der öffentlichen Meinung Oesterreichs und Europas in Mißkredit zu bringen. Kurz, es handelt sich im wesentlichen darum. Zänkereien in Oesterreich her- vvrzurnten und z« unterhalten. In unruhigem Wäger rechnet Berlin mit einem reichen Fischzug. Wir glauben zu wissen, daß der wahre deutsche Feld- zugsplan nicht der ist. der bei de», Schritt der nationalen und großdeutsche» Vertreter skizziert wurde. Den Infor- mationen zufolge, die wir besitzen, ist das Manöver, dessen Ausführung der Geschicklichkeit des Herrn von Popen an- vertraut, wurde, auf andere Art heimlich und hinterlistig. Man urteile nur! Die gegenwärtigen Mitglieder der Regierung Schufchnigg sind einzeln betrachtet alles in allem einer WiederHerstei- lung der Monarchie recht geneigt. Aber sie sind Staats- männer. Sie wissen, daß die Wiedereinsetzung der Habsburger unentwirrbare und gefährliche äußere Schwierigkeiten hervorrufen würde, und daß Oesterreich, dem es schon so schleckt geht, sich nicht den Luxus eines solchen Abenteuers leisten kann. In Wirklichkeit ist das Problem Habsburg keine österreichische oder ungarische Frage. Es'ist eine europäische Frage infolge des besonderen Charakters, der diese Dynastie auszeichnete, die nicht mit einem einzigen Land verknüvft war, sondern mit einem heute zerstörten Mosaik von Ländern. So sehr, daß selbst die Mitglieder des Kabinetts Schuschnigg. während sie im Inner» ihres Herzens dem monarchistischen Gedanken treu bleiben, nichts tu» werden, um ihn aus einen, theoretischen Bedauern zu einer We"Ii- tät werden z» lassen. Aber neben ihnen fehlt es in den 'nichtamtlichen lind nnveran^woitlichen.Kreisen»'cht an österreichische» Lcgitimisten, die mehr als je den Wunsch vcr LesthSnaele Friedhoi Der„T a u» u s b o t e"(Nr. 254 vom 30. Oktober) berichtet:„Wie bereits allgemein bekannt sein dürste, haben »»bekannte Täter in einer der letztvergangenen Nächte den Friedhof der israelitischen Kultusgemeinde Bad Hom- bürg jn geradezu barbarischer Weise heimgesucht. Zahl- reich e Grabsteine wurden n ni g e iv o r s e» u n d z. T. s ch w e r b e s ch ä d i g t, so daß der Friedhof einen trau- rigen Anblick bietet. Gestern weilte die Staatsanwaltschaft bereits an Ort und Stelle und hat den Tatbestand ausge- nommcn." Der„Taunnsbotc" schreibt dazu:„Die Homburger Bevöl- kerung wird über diese rohe und infame Tat der Friedhofs- schänder nur einer Meinung sein. Man sollte es nicht für möglich halten, daß Deutsche sich zu so außergewöhnlich häß- lichcm Tu» hinreißen lassen und damit nicht nur den Fried- hos schänden, sondern auch die Ehre ihres Volkes in den Augen jedes gntcn Deutschen, jedes anständigen Menschen und der Welt beflecken. Das nationalsozialistische deutsche Volk hat mit den Lu m p c n. die hier ihr Werk verrichteten, nichts gemein und besonders alle Homburger wenden sich mit Abscheu von ihrem üble» Tun. Tollte es immer noch Deutsche geben, die nicht wissen, wie sehr solch grabschän- dorisches Handeln nicht nur ihnen die eigene Ehre nimmt, sondern auch erst recht dem deutschen Volk und seiner guten Sacke schadet und unseren Gegnern Material zu verstärkter Hetze in die Hand gibt'? Wir hoffe», daß es gelingt, die Täter bald zu fassen und der verdienten Strafe zuzuführen, die gar nicht streng genug sein kann. Diese Tat, djc einen Herrn von Papens Kunststädte und Winheizuge. um den Nationalsozialismus in w en einzuschmuggeln hegen, ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Dock da wir in einer Zeit lebe», Ivo dem Erfolg winkt, der stck der Gewalt bemächtigt, und wo alles auf eine Frage des Wollens hinauszulaufen scheint, meinen diese Legitimisten, daß für sie der Augenblick gekommen sei, um zu handeln, und zivar plötzlich zu handeln, um Europa vor eine vol- lendete Tatsache zu stellen. In der Hauptsache wird man sagen, würde eine solche Be- ivegung den Interessen Deutschlands entgegengesetzt sein, und Berlin müßte alles tun, um sich dem zu widersetzen. Vom Standpunkt der Logik ist das richtig. In der Praxis hat man unrecht. Denn Hitlers Spiel ist voller Htiiterlist. Nach den Mitteilnnucn, die wir befitzen, soll Herr von Papen tatsächlich dahin Anweisung erhalten haben, unter der Hand»nd hintenherum die Agitation der»sterre'cht- scheu Legitimisten zu ermutigen. Warum? Weil Deutschland sehr gut weiß, daß, wenn mor- gen eine revolutionäre.monarchistische Bewegung in L. eüerreich zum Ausbruch käme und der Erzherzog e tlv zum Bei- spiel in Kärnten zum König ausgerufen wurde, die kleine Entente und vor allem Jugoslawien so,ort,»hd zivar>n der entschiedensten Form, darauf reagieren wurde. A b e r das will Deutschland ja gerade. KeweSwegS so sehr, um einen Konilikt zwischen Italien und Iugmlaiv'en zu entfachen(würden die Italiener nicht den Brenner überschreiten, wenn die Jugoslawen in Kärnten einrückten?), als um in Wien»nd Oesterreich unmittelbar ein Unbeschreibliches Durcheinander zu schasse». Pia» erwartet, daß die Regierung Schuschnigg dann in eine unhaltbare Situation kommen würde. Man rechnet mit ihrer zögern- den Haltung, ihrer Schwäche gegenüber legitimistilchen Elementen. Man sieht einen starken äußeren-r ruck voraus. Mit Hilse dieser furchtbaren österreichisch-europäischen Verwirrung wäre es dann ein Kinderspiel, eine Regie- rungskrise in Wie,, hervorzurusen und eine Anzahl von entschlossenen Großdeutschen an die Macht ,« bringen, d,e sich den Habsburger» entgegenstellen würden— und damit folgerichtig peinlichste Rücksicht aus die europäische Pol,- tit nnd die Interessen der Kleinen Entente nehmen wür- den—» aber tatsächlich nichts anderes wären, als nur eine Mannschaft, die von Berlin ansersehen wäre, um Vitlers Spiel zu spielen— und dem Nationalsozialismus da» Bett zn machen. To sollen die braven österreichi'chen Leg,- timisten die Kastanien aus dem Feuer holen..Iber Vitier möchte sie verzehren. Und er würde sie um so ruhiger verzehren, als er sich die Kleine Entente gewonnen hätte— er würde es sich ja als Verdienst zuschreiben lassen, sie von dem habsbu? gische» Gespenst befreit zu haben— und so die Front dot Anschlußgegner gebrochen hätte. Das ist, glaube» wir, der Plan der Wilhelmstraße. Ed ist sogar nicht unmöglich, daß der Schritt, den man jetzt ge- macht hat, den ersten Akt dieser Komödie darstellt. Man schi-b, zunächst die Großdeiitschen vor, um die Legitimisten in Aufregung zu versetzen nnd sie zur Beschleunigung ihrer Pläne zu treiben... Alan wird also recht gut daran tu», alles das, was rnieit unoe^eltolt mir?» mU si Iiiai,», in ii'uji flm uniau iiui, auc meix axxm^Mt wird, mit offenen Aufcn:>n betrachten. Die österreichischen Monarchisten aber, d'e sicherlich nicht ahnen, daß sie so ausgezeichnet von fi t 1*- ,,>>>> her geschoben iverden,mögen gewarnt sein über d"solle, die man sie spielen lassen möchte. Verrat am deutschen Volk bedeutet, verlangt härteste Sühne!" * Das sind selten mannhafte Worte. Wir werden freilich nicht ganz de» Verdacht los, daß hier nicht nur die Stimme der Menschlichkeit, sonder» auch das Interesse der Kurver- waltung des Bades Homburg die Feder geführt hat. Tie mögen keine Juden leiden, aber als zahlende Bade-yste in Kurorten hat man sie gern, nnd die Bindaleni t könnte viele vom Besuche Homburgs abschrecke». Sditeßfreiheit »!*«. Nov. Bor dem Kölner Schöffengericht stand em SI.Fiigtn, der eines Abends in einer Parkanlage ein Liebespaar angctrotfen hatte, das sich„unvorschristsmäßig verhielt". Der«turmführer stellte den Liebhaber zur Rede und ermelt*itr Antwort, das pinae ihn aar nichts an. denn c\- U'',.'/?, ann\ L orant der Sturmführer in Zivil sich als Vorgesetzter legitimierte. Es kam zu einer Ansein- anderletzung, die damit endete, daß der Sturmsöhrer aus seinen„Kameraden" zwei Schüsse abgab, von denen einer >n die Brust traf,^or dem Schöffengericht wurde der Sturm- snhrer freigesprochen. . Gericht erklärte zwar, daß der Sturmstjhrer„nach der«A.-Dicnttanweisu»q nicht berechtigst gewesen sei, von . S rauch zu machen", dach habe er„geglaubt, im .«echt zu sein. Aisit diesem„Recht" des 30. Iinti werden oUo'«-.persönliche Diüer nzcn zwischen SA. FiiG """o«fl.Wnnncrn allgemein beglichen iverden können. Für Deutschland Gegen Hitler! Wir Pirro von Gottes Gnaden ••• „Als Führer der Deutschen Front bin ich vor Gott und dem deutschen Volke verpflichtet.. So wendet sich der Landesleiter Gesiudcl-Pirro an die saarländische Nation.„An Mein Volk!" Ter Aufruf soll dartun, dast im Saargebiet alles in fried- lichster Ordnung wäre und Herr Knox sich nicht entkernt mit der Möglichkeit der Heranziehung französischer Truppen be* schuftigen mühte, wenn die Regierungskommission endlich ihre Pflicht erfüllte. Sie lästt nämlich nach Herrn Pirro die schauerlichsten Schandtaten der— Emigranten zu, die sogar zum„Bandcnkrieg" ausgebildet werden. Diesen bösen Emi- granten will Pirro das Handwerk legen. Die Regierungs- kommission soll ihnen sogar verbieten, an saarländischen Zeitungen mitzuarbeiten. Immerhin ist Pirro noch grost- zügig genug, nicht das Verbot der deutschen Sprache für ihm nicht genehme deutsche Volksgenossen ans deutschem Boden im deutschen Volke zu fordern. Ter Schrecken über die französische militärische Geste ist so- wohl dem Landesleiter Pirro wie dem Saarkommissar Bürckel mächtig in die Glieder gefahren. Pirro ordnet an: 1. Mitglieder der Deutschen Front, die meinem Gebot zu- widerhandeln und keine Disziplin wahren, sind nicht nur aus der Deutschen Front sofort auszustohen, sondern auch gegebenenfalls der Staatsanwaltschaft zu übergeben. 2. Wer durch eine Anzeige an die Staatsanivaltschait nach- weislich, die Verurteilung eines Terroristen, der sich in die Reihen der Deutschen Front eingeschlichen hat, erzielt, erhält von der Deutschen Front eine Belohnung von 10 0 0 Franken. Bürckel befiehlt: 1. Vom 10. Januar bi» 10. Februar 1995 ist innerhalb einer Zone von 40 Kilometer längs des Saargebietes das Tragen jeder Uniform verboten. 2. Appelle, Aufmärsche oder Zusammenkünfte jeglicher Art fallen unter da» gleiche Verbot. Was ist von solchen Beteuerungen zu halten? Nichts! Den Beweis liesern die Aufrufe selbst, so wenn Herr Bürckel lügt: „Wir erklären feierlich, dast wir niemals Putschabsichten gehabt haben." Der berühmte Brief des Staatsrats und Reichsbeaus tragten S p a n i o l beweist das Gegenteil. „Für Terroristen ist in unseren Reihen kein Raum." Terroristen sitzen, von dem„Führer" berufen, in hohen Staatsstellungen, und er selbst legt in seinem Buche„Mein Kamps" begeisterte Bekenntnisse zum Terroriömus ab. Reihenweise sind Terroristen, auch Mörder, durch die natio- nalsozialistische Regierung amnestiert und rehabilitiert worden. Die reichsdeutschcn Nazis sind durch den Terror zur Macht gekommen und behaupten sich nun durch Terror. Die NSDAP., die die„deutsche Front" beherrscht, ist die Partei des Terrors aui allen Gebteten. Es wäre sträflicher Leichtsinn, ihr irgend eine Friedensbeteuerung zu glauben. Immerhin beweisen die beiden angsterfüllten Ausrufe, dast auf Terroristen nur eine kraftvolle Autorität Eindruck macht. Wem ücr Baiirhumpei Das Internationale Komitee der Bergarbeiter hat eine Untersuchung über die Reallöhne in den einzelnen Kohlen- reviercn angestellt. Dabei wurde der grösite Wert darauf gelegt, festzustellen, welche Mengen der wichtigsten Lebens- mittel sich der Bergarbeiter für seinen Löhn kaufen kann. Interessant sind da die Vergleiche zwischen dem Rnhrgebiet und der Saar. Aus Grund von amtlichen Prcisnoticrungen einzelner Bergarbeitcrstädtc beider Reviere, Befragung von Bergarbeitern selbst und Feststellung in den Geschäften wurden folgende Durchschnittspreise für die wichtigsten Lebensmittel festgestellt: an der Ruhr an der Saar 1 Kg. 1 Kg. Butter 0.40 Mk. 18,- Fr. Schweinefett 2,40 Mk. 7,80 Fr. Fett Gewöhnlich! 1,80 Mk. 6,— J-r._ Schweinefleisch 2,10 Mk. 10,—^r. Rindfleisch IM Mk., v r. Linsen OM Mk. 2,80 Fr. Erbsen 0,78 Mk. 8.00 Fr. Bohnen sweisie! OM Mk. 2,80 Fr. Kartoffeln 10 Kg. IM Mk. 0,56 Fr. Wegen der grasten Lohnunterschiede in den einzelnen Ar- beitergruppen wurde zur Errechnung der Kauskrast der in beiden Revieren festgelegte Tariflohn der Hauer zugrunde Saarknmpels, herhören! Trübe Aussichten für die Ruhrkohle Esten, 8. November. Goebbels und die Führer der braunen Front an der Saar sind nicht müde zu erklären, dast das„dritte Reich" dem Saarbergbau den Kohlcnabsatz sichern und darüber hinaus sogar die Kohlenförderung ausbauen werde. Es wäre wirklich zwecklos, aus diese faustdicken Lügen einzu- gehen, wenn sich nicht immer Dummköpfe finden, die den braunen Maulhelden Glauben schenken. Jeder ver- nünstige Mensch meist, dast die Rückgliederung gerade dem Saarbergbau einen schwere« Schlag versetzen wird, da für die 4 Millionen Tonnen, die das Saargebiet jährlich nach Frankreich liefert, im Falle eines Sieges der Hakenkreuzler kein neuer Absatzmarkt zu finden sein wird. Goebbels und die von ihm gekaufte Presse erklären daraus, dast das „groste Teutschland" immer noch Raum für den Kohlen- absatz des kleinen Saargebiets haben werde. Sie hüten sich dabei, konkrete Angaben zu machen, sondern beschränken sich auf dieses leere Gerede. Wie aber in Wirklichkeit die Dinge liegen, darüber» werden alle vernünftigen Menschen von der jüngsten söge- nannten„Ratsberrensitzung" der Stadt Esten, die vorgestern stattgefunden hat, belehrt. Die Ratsherren haben sich darüber unterhalten, ob sie die Bürgerfteuer aus 700 Prozent erhöhen sollen oder nicht. Während der Diskussion wies der Oberbürgermeister aus gewisse Tteueraussälle hin und er- klärte dabei folgendes: Die Beschäktigungszahl in der Eisenindustrie steigt zwar ständig sgute Zeiten für die Rüstungsindustrie), aber bedauerlicherweise ist im Steinkohlenbergbau nicht eine gleich starke Zunahme der Beschäftigten zu ver- zeichnen. Der Steinkohlenbergbau, so führte der Ober- bürgermeister weiter aus, aus den die Stadt Esten wir!« schastlich sich in starkem Mäste stütze, steht heute und wahr- scheinlich noch mehr in der Zukunft dem starken Wettbe- werb der Branntohlc und der meiste« Kohle iWasterkraftj gegenüber. gelegt. Er beträgt: Im Ruhrgebiet pro Schicht 7,7«! Mark, an der Saar 44,70 Fr. Taraus ergibt sich folgendes: Der Berg arbeiter kann kür diesen Tchichtlohn kauten: im Ruhr- ander imSaargeb. gebiet Saar also mehr Kg. Kg. Kg. Butter 2,204 2,482 0,218 Schweine.! 3,208 5,720 2,512 Fett sgewölmlichl 4.277 7,450 3,227 Schweinefleisch 8M0 4,470 0,804 Rindfleisch 4,277 6L05 1.081 Linsen 9,622 15,90' 6,281 Erbsen 10,266 12,250>.984 Bohnen swcistc) 9,622 15,906 6,281 Kartoffeln 46,290 79,820 84,530 Die hier angeführten Lebensmittel, vor allem Kartoffeln, gewöhnliches Fett und Hülsenfrüchte, sind kür den Bergmann die wichtigsten LebensbedarsSartikel. von denen er sich im Saargebict fast das Doppelte für feinen Lohn kaufen kann als an der Ruhr. Saarländischer Kumpel! Status quo wird Dich und Deine Angehörigen nicht nur von Gestapo, Konzentra- tionslagern, Erschiestnngen, Arbeitsdienst und anderen An- nehmlichkciten dcS Kntler-Paradieses bewahren, sondern auch verhindern, dast ihr Lebensstandard sinkt. Aus diesen Erklärungen des Oberbürgermeisters von Essen geht eindeutig hervor, dast der Ruhrkohlenbergbau mit stärksten Absatzschwierigkeiten zu kämpfen hat, waS ja u. a. auch ohne weiteres aus den hohen Haldcnbeständen, die eine Höhe von etwa rund 11 Millionen Tonnen erreicht haben, hervorgeht. Wie soll unter diesen Umständen für die Saarkohlc zusätzlich ein Absatzgebiet geschassen werden? Dieses Rätsel ist ganz einfach zu lösen: es ist eben ein W a h l s ch w i n d e l des Herrn Goebbels. Wehe den Saar- kumpels, wenn sie aus die Lockrufe der Go.bbels und Kon- sorten hereinfallen. Not, Elend und Arbeitslosigkeit würden dann im Taargebiet einziehen. Streicher hetzt gegen die Saar-Inden Nürnberg, g. Nov. sZTA.) DaS Oktober-Heft lNr. 43) des„Stürmer" bringt unter dem Titel„Taargebiet und Juden" die Zuschrift eines„D. I., Saarbrücken", die mit den Worten schliestt:..... Für uns Saarländer find die Juden z» einer Plage geworden. Um so sehnlicher wünschen wir die Einverleibung mit dem Reiche, damit wir endlich von dem Joch der Juden und der Fremdherrschast befreit werden. Heil Hitler!" In der gleichen Nummer des„Stürmer" wird berichtet: „In Saarbrücken haben sich jüdische Emigranten in einem Schiestklub zusammengefunden. Tie Scheiben bestehen aus Bildern nationalsozialistischer Führer. Es wird geschos- sen aus Hitler. Göring, auf Goebbels, Frick, Heb usw. Dast die aus Deutschland davongelaufenen Juden solches machen, kann nicht überraschen. Würden sie die Mög- lichtest haben, anstatt auf ihre Bildnisse auf die Führer- köpfe in natura zu schiesten, dann würden sie es tun. S i e sind eben Juden und tun, was ihnen der Tal- mud zu tun gebietet." * Aber gleichzeitig verlangt das Gesindel um Streicher, dast die Saarjudeu für Hitler stimmen.'-; Jiitlerismus gegen Katholizismus Unversöhnliche Gegensätze Die Folge der Zersetzung der vernunst-willenhatten Rassenseele ist ein„weltanschauliches" intellektualistisch- zauberhaftes Gebäude, oder die Ausspaltung in rvcsenlosen Individualismus und triebhaftes Bastardtum. Ten ersten Fall liefert uns die katholische Kirche sin abgc- schwächtem Mäste auch der Protestantismus), welche einen Zauberglauben swobei dies Wort ohne jede Verächtlich- machung zu gebrauchen ist) intellektuell unter- und über- mauert, den zweiten zeigt uns die Zeit des späten Hellenis- mus. Das negative und das positive Christentum standen von je im Kampfe und ringen noch erbitterter als früher gerade in unseren Tagen. Das negative pocht aus seine syrisch-etruskische Ilcberlieserung, aus abstrakte Dogmen und altgeheiligte Gebräuche, das positive ruft erneut die Kräfte des nordischen Blutes wach, bewußt, so wie einst naiv die ersten Germanen, als sie in Italien eindrangen und dem siechen Lande neues Leben schenkten. Alfred Rosenberg, der vom Führer und Reichskanzler mit der weltanschaulichen Erziehung der Nation beauftragte Theoretiker des Nationalsozialismus in seinem Buche„D er Mythus des 20. Jahrhundert s". Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, 1$.—16. Auflage, Seite 79. Das Buch ist von der nationalsozialistischen Regierung allen Lehrerbibliotheken als geeignet empfohlen und in vielen Fällen auch katholischen Büchereien zwangsweise eingegliedert worden. NHionalität Volkstum und Sprache sind das Ji^gendlan» Darin die Völker wachsen und gedeihen. Das Mutterhaus, nach dem sie sehnend schreien Wenn sie verschlagen sind auf fremden Strand. Doch manchmal werden sie zum Gängelband, Sogar zur Kette um den Hals der Freien: Dann treiben Längsterwachlcne Spielereien, Genarrt von der Tyrannen schlauer Hand. Hier trenne sich der lang vereinte Strom! Versiegend schwinde der im alten Staube, Ter andre breche sich ein neues Bette! Denn einen Pontifex nur iastt der Dom, Das ist die Freiheit, der polit'sche Glaube, Der löst und bindet jede Seelenkette. Gottfried Kelle». An die Ka'hoiiken! Aufruf einer englischen Glaubensgc: 5. a Mist Whately, London..Kandidatin des Parlaments der Labour Party. Ehrensekretärin der 6-Punkt-Gruppe Eng- lands, unter deren Vizepräsidcntinnen sich Lady Astor, Grä- sin Rhondda und andere befinden, ist von einer Delegation»- reise nach Deutschland soeben zurückgekehrt. Aus Initiative des Welthilsskomitees für die Opter des Hitlerfaschismus hielt sich Mist Whately aus dem Rückwege kurze Zeit im Taargebiet aus und nahm Gelegenheit, den Pressevertretern der Saarbrückener Zeitungen ihre Eindrücke in Deutschland wiederzugeben. Nachdem Mist Whately mit einer Anzahl christlicher Frauen und Männer im Taargebiet Fühlung genommen und sich eingehend über die Abftimmungssrage informiert hat, richtet sie folgenden Appell an die Saarbevölkerung: „Frauen und Männer des Saargebiets! Als Mitglied einer Delegation habe ich Deutschland be- sucht, um dort eine Untersuchung der Lage der als Gei- sein gefangenen Frauen vorzunehmen. Die deutschen Be- Hörden haben sich geweigert, uns eine Unterredung mit diesen Frauen zu gestatten. Ich habe in diesen Tagen mit den breitesten Bevölke- rungsschichten, besonders mit den Katholiken, Fühlung gc- nommen und den austerordentlichen Druck empfunden, den das Hitlerregime verursacht. Katholische Männer und Frauen haben uns ihre Not geklagt und ihre Empörung über die Verfolgungen der katholischen Welt in Deutsch- land Ausdruck gegeben. Aus diesem Grunde appelliere ich als englische Katholikin an Sie und ermahne Sie, die groste Gefahr für Ihre Frei- heit zu begreisen, die Tic bedroht, wenn Sie für Deutsch- land stimmen. Stimmen Tie für den Status quo und ersuchen Tie den Völkerbund. Ihnen Gelegenhe.it zu einer zweiten Ab- stimmung zu geben, wenn Teutschland eine freie Nation geworden ist." gez. Moniea Whately. Wettere ausländische Poüzeloff iziere Saarbrücken, 2. Nov. Wir berichteten, dast drei Polizeioffi- ziere eingestellt werden, von denen zwei englischer und einer norwegischer Nationalität ist. Hierzu erfahren wir noch, dast vermutlich zwei weitere Ausländer dem Polizeidienst zuge- teilt werden und zwar wird es fich um zwei Norweger hau- deln. Auch diese neuen Beamten werden in der zentralen Leitung des saarländischen Polizeiwcsens arbeiten, die Herrn Ministerialrat A. Hemsly untersteht. „Deutsche Freiheit", Nr. 246 ARBEIT UND WIRTSCHAFT Saarbrücken. Sonntag Monlga, 4. 5. Nov. 1934 Hitler(Wirtschaft Der„Westdeutsche Beobachter" veröffentlicht unter der Uebertchrift„Strauchdiebe d<• r Wirtschaf t" folgenden Aufruf, der ein grelles Licht auf die Wirtschafts- Verhältnisse im„dritten Reich" wirft: In immer stärker werdendem Maße kommt uns zu Ohren, daß in nahezu allen Branchen gewissenlose Elemente der Geschäftswelt durch irreführende Verbreitung von Nach richten von zunehmender Verknappung von Rohstoffen und kommender Preissteigerung für ihr Geschäft eine verstärkte Konjunktur erzielen wollen, einesteils, und anderseits auch aus politischen Gründen eine Beunruhigung in die Bevölkerung hineinzutragen versuchen, indem sie diese unbegründete» Mitteilungen verbreiten. Es sei darum an dieser Stelle besonders darauf hingewiesen, daß leider viele Volksgenossen sich durch derartige Gerüchte beeinflussen lassen und alle möglichen Dinge über ihren Bedarf hinaus einkaufen. Daß auf diese Weise unnötig Gelder festgelegt und der Wirtschaft entzogen werden, braucht ja»cht besonders betont zu werden, denn derartige Vorrataeinkäufe verkürzen nur in der Zukunft den normalen Konsum und verursachen damit lüikläufige Nachfrage. Dem Verhalten dieser Strauchdiebe der Wirtschaft und der politischen Wühlmäuse kann also am besten begegnet werden, wenn die Hausfrauen sich nicht beschwüren lassen und sich zu Einkäufen hinreißen lassen, die sie nachher bitter bereuen. Wir machen daher besonders darauf aufmerksam daß wir gerneinschalllith mit der Polizeibehörde gegen derartige„Geschäftsleute", die sich auf Kosten der übrigen Volksgenossen mästen wollen, mit Schließung der Läden und Verhängung von exemplarischen Strafen vorgehen werden. Vir bitten daher alle Volksgenossen, unser Bestreben durch Namhaft machung der Geschäftsleute, die so verfall*1, zu unterstützen. K ö 1 b e I, Krcisamtsleiter der NS.-Hago. G o c b e 1, Abteilungsleiter..Propaganda" Ii der Kreisamtsleitung der NS.-Hago. Lohn für 2,5 Millionen Arbeiter „gespart 14 Nach Angaben des Statistischen Reichsamts betrug das deutsche Arbeitseinkommen im Jahre 1933: 25 9 Milliarden Reichsmark gegenüber 25 7 Milliarden RM. im Jahre 1932. Da im Jahre 1933 mindestens zweieinhalb Millionen Erwerbslose Arbeit gefunden haben sollen und das gesamte Arbeitseinkommen— nach amtlichen Ziffern— um kaum ein Prozent gestiegen ist, so ist die Publikation als Eingeständnis dafür zu werten, in welch ungeheurem l.'mfang das Lohnniveau bereits im ersten Jahr der Hitlerherrsehaft gesenkt worden ist. Die Kaufkraft der deutschen Arbeiter ist um fast den vollen Betrag, den früher zweieinhalb Millionen als Arbeitslosenunterstützung bezogen, zuzüglich der erheblichen Summe für erhöhte Lohnabzüge und Zwangsspenden, gefallen. Schachts Kapitulation vor England D e meisten englischen Forderungen anerkannt Wir haben in unserer gestrigen Ausgabe bereits über die wichtigsten Punkte des neuen deutsch-englischen Zahlungsabkommens berichtet. Angesichts der zroßen Bedeutung dieses Abkommens, mit dessen Jnterzeichnung die Hitlerregierung in den wesent- ichsten Punkten nadtgegeben und den Engländern inr bevorzugte Stellung im deutschen Import eingeräumt hat. bringen wir auszugsweise einige Artikel des Abkommens im Wortlaut: Artikel 1: Vorbehaltlich einer später aufgezeigten Bestimmung dieses Artikels wird die deutsche Regierung uneingeschränkt Devisenbescheinigungen für die Einfuhr von Waren des Ver. Königreiches aller Art nach Deutschland erteilen. Es handelt sich besonders lim Kohle und Koks zum Verbrauch im deutschen Zollgebiet. Bunkerkohle für deutsche und ausländische Schiffe und Kohle für Freihafen- gebiete, um Heringe. Garne und Textilien. Die Reichsbank wird von den aus der deutschen Ausfuhr nach England eingehenden Devisen monatlich für die Bezahlung der englischen Ausfuhr nach Deutschland einen Betrag abzweigen, der 55 v. II. des Durchschnitts zwischen den in der deutschen Statitistik für den vorlebten Monat der deutschen Ausfuhr noch England einerseits und der entsprechenden englischen Statistik andererseits entspricht. Von diesem Durchschnittswert werden abgezogen: a) Der Sterlinggegenwert der von der Bank von England im laufenden Monat verkauften Sondermark. b) Jede einzelne Schuld(oder Teile davon) aus der Ausfuhr deutscher Waren nach England, die als einbringlich festgestellt worden ist. c) der Wert solcher deutscher Waren nach England, für welche die Reichsbank nachgewiesen hat, daß sie im Sinne eines unmittelbaren deutsch englischen Warenaustausches ohne Devisenaufkommen nach England eingeführt sind. Die für die Bezahlung der englischen Ausfuhr nach Deutschland von der Reichsbank abgezweigten Deviseube- träge werden täglich an Personen in Deutschland abgegeben, die eine Devisenbescheinigung gemäß den deutschen Devisenbestimmungen besitzen und durch Vorlage eines Zeugnisses einer britischen Handelskammer sowie aller sonstigen in Deutschland vorgeschriebenen Urkunden nachweisen können, daß es sich um die Einfuhr englischer Ware handelt. Auf dem Zeugnis der britischen Handelskammer vermerkt die Reichsbank den zugeteilten Devisenbetrag. Die so gesammelten Zeugnisse übermittelt sie in zu vereinbarenden zeitlichen Abständen der englischen Botschaft in Berlin. Die abgezweigten Devisenbeträge werden für die Bezahlung englischer, vor dem 15. November 1935 verschifften Waren abgegeben, auch wenn sie nicht von einem Zeugnis einer britischen Handelskammer hegleitet sind, vorausgesetzt, daß sie auf Grund der deutschen Zollvorschriften als englische Waren anzusehen sind. Jeder abgezweigte Betrag, der in einem bestimmten Monat für den im vorigen Absitz festgesetzten Zweck nicht verwendet worden ist. wird vorbehaltlich der Bestimmungen des Artikels 3 auf den näch-ten Monat für denselben Zweck vorgetragen und von der englischen Regierung zu«i..er anderen von Deutschland an England geschiiJdet. il Zah u.ig im Handelsverkehr verwendet, andernfalls steht er der Reichsbank zur freien Verfügung. Erweist sich der abgezweigte Devisenbetrag in erheblichem Maß als unzureichend zur Bezahlung der nach Deutschland eingeführten englische n Ware, so behält sieh die deutsche Regierung das Recht vor, nach Benehmen mit der englischen Regierung und vorbehaltlich Artikel 3 die Erteilung von Devisenbescheinigungen vorübergehend einzuschränken. Wird eine derartige Einschränkung verfügt, so findet sie nur mit Zustimmung der englischen Regierung auf die zit Beginn besonders aufgeführten Waren Anwendung, es sei denn, daß insoweit bei irgendeiner dieser Warengattungen die von England nach Deutschland eingeführte Menge die während des entsprechenden Zeitraums der Jahre 1932 und 1933 eingeführte Durchschnittsmenge übersteigt. Unbeschadet dessen wird die deutsche Regierung unter allen Uniständen Devisenbescheinigungen für die volle Menge von englischer Kohle und Koks nach Deutschland ausstellen, die auf Grund des Notenwechsels vorn 13. April 1933 zur Einfuhr nach Deutschland zugelassen sind. Artikel 4: Bei der Unterzeichnung des Abkommens wird die Reichsbank einen Betrag von nicht weniger als 400 000 Pfund Sterling für die Begleichung der in Artikel 8 genannten ausstehenden Schulden bereitstellen. Ferner wird sie alles tun. um die Begleichung durch Bewertung ausstehender deutscher Warenforderungen zu beschleunigen, und zwar entweder durch ein Kreditgeschäft oder auf anderem Wege. Die englische Regierung wird über die Erträge aus der Verwertung der vorgenannten Forderungen vollständig unterrichtet werden. Sie wird ferner der deutschen Regierung mitteilen, wie die Zahlung der 400 000 Pfund Sterling und der weiteren gemäß diesem Artikel und dem Artikel 6 verfügbaren Beträge verwendet werden sollen. Sie wird der deutschen Regierung die notwendigen Einzelheiten über die ausstehenden Schulden übermitteln und ihr besonders die Reihenfolge der Begleichung mitteilen. Die beiden Regierungen werden die vor dem 1. März 1934 fällig gewordenen ausstehenden Schulden besonders prüfen, um zu entscheiden, ob sie nach diesem Artikel und nach Artikel 6 dieses Abkommens beglichen werden sollen. Die deutsche Regierung wird die Erteilung von Devisenbescheinigungen für die englische Ausfuhr nur mit Zustimmung der englischen Regierung einschränken können, und die englische Regierung wird ihre Zustimmung nicht verweigern, wenn derartige Zahlungsverzögerungen nachteilige Wirkungen auf die beiderseitigen Handelsbeziehungen haben. Artikel 7: Die deutsche Regierung wird nach dem 31. Dezember 1931 weiterhin gemäß der Artikel 2 und 4 des deutsch englischen Transferabkommens vom 4. Juli 1931 Sterlingbeträge zum Ankauf solcher Zinsscheine der 7proz. Deutschen Aeußeren Anleihe von 1924 und der 5' rproz. Anleihe des Deutschen Reiches 1930 bereitstellen, die nach- weislich am 15. Juni 1931 zurre materiellen Eig" hin der britischen Inhaber gehört haben. Mieter in Not Wie auf allen Gebieten, so haben die Nazis auch im Wohnungswesen nichts von ihren Versprechungen eingelöst. Die „D e ii t s c h e Mieter-Zeitung" vom 1. Oktober 193 1 bringt einen großen Artikel über..Notstände im Wohnungswesen", der ein einziges Klagelied über die unhaltbare Lage der Mieter ist. Darin heißt es über das Kündigiingsreeht der Hausbesitzer: „Von diesem erweiterten Kündigungsrecht wild in zunehmendem Umfange will k ü r I i c h und ohne soziale Rücksicht auf die Mieter Gebrauch gemacht. Daran hat auch bisher die nationale Erhebung nichts zu ändern vermocht." Mit dieser unsozialen Handhabung des Küiidiguugsrechtes sollen die Mieten gesteigert werden, wie die folgende Aeußerung beweist: „Eine besondere Verschärfung der Notlage bedingen die ebenfalls uus allen Reichsgebieten gemeldeten Mietzins- Steigerungen für die stink begehrten Kleinwohnungen und bisher noch preiswerten Mitlelwoliriiirrgen. Ist der Mieter aus irgendeinem Grunde zum Wohnungswechsel gezwungen, so bedeutet das lirr ihn in der Regel nicht nur eine Belastung mit den Umzugskosten, sondern gleichzeitig auch eine neue, oft genug mit seinem Einkommen in schwerem Mißverhältnis stehende, dauernde Mehrbelastung durch den höheren Mietzins für die neue Wohnung. Denn nur in Ausnahmefällen sind die llcitcsbesißer heule noch bereit, freiwerdende Wohnungen zur gesetzlichen Miete weiter zu vermieten. Mietzinsforderungen bis zur doppelten Friedens miete, zumal bei bisher noch verhältnismäßig billigen Wohnungen, sind keineswegs selten." Besonders bemerkenswert sind die Klagen über die Ver- Iii) tnisse für kinderreiche Familien: „Ungeli'uieri Nöten sind sie ausgeseift, wenn sie sich auf Wohnungssuche begeben müssen. Tro[f ullcr Aufrufe und ernsten Mahnungen der Führerschaft der Hausbesi^erVerbände hat die Kind erfeindlic. h Ic e i t weiter Kreise der llaiisbesiper-Gefolgschaft nicht beseitigt werden körnen. Nur in seltenen AnsnahmrfäOcn zeigt man sich völkischen E. mahnungen und moralischen Einwirkungen zugänglich. Ein Zwang zur Aufnahme einer Familie, kann seit dem Wegfall des Wohnungsmangelgesetjes(31. März 1933) auf keinen Vermieter mehr ausgeübt werden. Gerne! I niiche Familien sind d'li lb imm«r wi der einmal auf das„n o t d ii r f t i g e" Obdach angewiesen, clus ihnen die Polizeibehörde, aber auch nur im dringenden Notfälle, zu gewähren hat. Das in diesem Sinne zur Verfügung gestellte- Obdach spottet in zahlreichen l-älleri jeder Rücksichtnahme in kultureller und sittlicher Beziehung auf das Familienleben, spottet der aller- einfachsten berechtigten Ansprüche eines deutschen Menschen auf seine Behausung. Den Gemeinden müssen deshalb unbedingt wieder neue Rechte gewährt werden, die sie ermächtigen, dringend einer Wohnung Bedürftige, in erster Linie kinderreiche Familien, in leerstehende oder freiwer dende Wohnungen unterzubringen." Die größte Sorge bereitet den Mietern aber die Ermäßigung der Hiuszinssteuern ab 1. April 1935. Darüber schreibt che„Deutsche Mieter-Zeitung": „Eine besondere Sorge diiickt die von der Hauszinssleuer befreiten Mieler. Mit Wirkung ab 1. April 1935 wird die Hauszinssteuer um 25 v. H. gesenkt. Der lefjten Ermäßigung der Hauszinssleuer ab l. April 1932 ging eine Minderung der geschlichen Miete von 120 auf 110 v. II. der Friedcnsmiete ab 1. Januar 1932 voraus. Tritt eine ähnliche Mjetsenkung in Verbindung mit der bevorstehenden Hauszinssteuersenkung nicht ein. dann wirkt dir Ermäßigung der Hauszinssleuer allein zugunsten des llausbe- sifters unmittelbar als Mietsteigerurig gerade, für die wirtschaftlich schwächsten Schichten der deutschen Mieterscliaft. I)a bisher über diese Auswirkung der Steuersenkung auf die Mieter nicht bekannt geworden ist, löst diese Unsicherheit immer wieder in hunderttausend deutschen Familien hoffend und befürchtend wechselweise die bange Frage aus: Wird wie 1932 so auch 1935 die Herabsefjung der Hauszinssleuer von einer allgemeinen Mietsenkung begleitet sein, um allen Volksschichten— Haushesicern und Mietern— eine Erleichterung ihrer Lebenshaltung zu verschaffen?" Diese Frage ist bereits von der Reichsregierung eindeutig mit Nein beantwortet worden. Die Ermäßigung der Hauszinssteuer erfolgt nur zugunsten der Hausbe- g i tz e r. Dir Mieter müssen ihre bisherige Miete weiterzahlen. vielleicht noch erhöbt durch neue Steuern, um den Ausfall in der Reichskasse zu decken, der durch die Ermäßigung der Hauszinssteuer entsteht. Die Hitlerregierung hat also zunäch-t einmal sidi b i it erklärt, einen Betrag von fast 5 Millionen Mark der englischen Regierung zur Begleichung der außenstehenden W arenforilerung. die aus den jüngsten englischen Warenlieferungen entstammen, zur Verfügung zu stellen. Damit sind die bekannten Forderungen der englischen Kohlen- und Garnlieferungen weitgehendsl berücksichtigt worden Darüber hinaus hat sich die Reichsregierung verpflichtet, den Rest der Warenschulden in beschleunigter Weise zu begleichen. Wie R u n c i m a ii im Unterhaus erklärte, werde die Reichsregierung, soweit die Maßnahmen zur Liquidierung dieser W arenschulden nicht ausreichen sollten, einen weiteren, auf 10 Prozent des Wertes der englischen Ex- porte nach Deutschland festgesefften Betrag bereithalten, uin die Zahlung aller Verbindlichkeiten innerhalb von 12 Monaten restlos vorzunehmen. Ferner zahlt Deutschland ab 1. Januar die vollen Zinsen für die V oung- und Dawes-Anleihe. Diese Verpflichtungen bedeuten einen Abfluß von einigen Millionen Mark an Devisen und Gold aus den mageren Beständen der Reichsbank. In Zukunft wird nach diesem Abkommen 55 Prozent des Wertes der deutschen Gesamtausfuhr nach England für die Bezahlung der deutschen Einfuhr aus England für die Bezahlung der deutschen Einfuhr aus England zur Verfügung gestellt. Damit wird die volle Bezahlung des englischen Exports nach Deutschland gesichert. Das„dritte Reich" hat sich außerdem verpflichtet, im Gegensatz zu dein Neuen Plan grundsäfflich die Devisenbescheinigung für die■ Einfuhr englischer Waren nach Deutschland ohne Einschränkung zur Verfügung zu stellen. Sollte sie eine Einschränkung für notwendig halten, so bedarf sie der Zustimmung der englischen Regierung. Auf jeden Fall aber wird der englische Export von Kohle, Garn-n, Textilwaren und Heringen in keiner Weise eingeschränkt. Alle diese Konzessionen bedeuten eine starke Durchlöcherung des Neuen Planes und damit eine E: schwer ung für die betrügerischen Manipulationen des Dr. Schacht zur Rettung der Mark. ** Die Bijouteriefabrik Rodi u. Wienenberger AG., Pforzheim. teilt in ihrem Geschäftsbericht mit, daß sich die Schwierigkeiten im Auslandsgeschäft weiter verstärkt haben und daß dadurch das Gesch iftsergebnis, trotz kleiner Besserung der inländischen Umsätze ungünstig beeinflußt worden«ei. ®fuls<Äe Stimmen• Deila ce zur Deutschen Freiheit'• Iveignfsse und Geschichten tonnlag-Montag, den 4. und 5. Now mDer 1934 ^Deutsches Jheat— vi Zu dem Buche des Franzosen Mr. R. Lauret:„Le theätre allemand d'aujourd'hui"(et schienen bei Gallimard, Paris) schreibt der bekannte schweizerische Autor Hermann Lepel: vierzehn verbrecherischen Jahre" Heute, da die offiziellen Männer des„dritten Reiches" 1 as deutsche Theater von 1918 bis 1933 immer und immer Nieder mit den unbekümmerten Ausdrücken ihrer Verachtung belegen— da der Präsident der Reichstheater. Cammer Otto Laubinger, der in diesen 15 Jahren gewiß wicht zu Unrecht nur innerhalb der zweiten Garnitur des erliner Staatstheaters verwendet wurde, dieses Theater der :■ ac hkriegszeit noch immer für alle Mißerfolge des heutigen cgimes auf dem Gebiet des Theaters verantwortlich machen möchte, heute kommt dieses Theaterbuch von Lauret zur rechten Zeit, um auch dem Blindesten deutlich zu machen, wie interessant dieses Theater der Nachkriegszeit bei all seinen großen Mängeln gewesen ist, wieviel guter unvoreingenommener Wille und vor allem wieviel handwerkliches Nonnen doch in diesem Theater der Weimarer Republik am " ecke war. Es muß festgehalten werden, daß in der Zeit des Zusammenbruchs, in der Zeit der größten Wirtschaft- hchen Krise, die deutsche Republik daran ging, die Bühnen aller größer-n deutschen Städte der privaten Spekulation, dem mehr oder minder verhüllten Schmierenunwesen zu entgehen; und festgehalten muß auch werden, daß die deutschen Arbeiterparteien ihre Anhänger viel zu sehr im Respekt vor der geistigen Leistung erzogen hatten, um diesem v om bürgerlichen Geist geprägten Theater die finanziellen Mittel zu verweigern. Dieses leidenschaftliche Interesse für die Bühne hat in Deutschland bei den verantwortlichen Männern des Staats kaum gefehlt; es ist auch bei den maßgebenden Persönlichkeiten des„dritten Reiches" vorhanden, es ist so sehr vorhanden, daß die deutsche Bühne jetzt unter der Umklammerung des Staates geradezu ihren Geist aufzugeben droht. Seit den Tagen der Klassiker(vielleicht sogar seit den mittelalterlichen Moralisten) ist im deutschen Bewußtsein die Vorstellung lebendig, daß sich von der Bühne herab eine das öffentliche und private Lehen umwandelnde Wirkung erzielen lassen müsse; Richard Wagner dachte als guter Deutscher, wenn er seine Bayreuther Festspiele— auch im politischen Sinne— für wichtiger hielt als den ganzen deutschfranzösischen Krieg. das politische Theater des„dritten Heute: Reichs' Im Gegensatz zum Theater des„dritten Reiches", das seinem Wesen nach ein politisches Theater ist, d. h. dem nationalsozialistischen Ideal der Ertüchtigung, der lleroisierung, der Wehrhaftmadiung des Menschen dienen muß(ein Lehrer in Oldenburg entdeckte kürzlich selbst in Lehars..Land des Lächelns" die Möglichkeit, im Zuschauer den ehrwiilcu" wachzurufen)— gab es in der Republik von Weimar unter andern, auch ein politisches Theater, das aber in der Hauptsache der privaten Initiative vorbehalten war. Es hat unter Jessner in Berlin nicht au frag- w ürdigen Versuchen gefehlt, die Klassiker im politischen Sinne„umzumontieren"; es gab da eine Hamlet-Aufführung, bei der der Ton auf der Gestalt des Königs Claudius lag, der mit verkürztem Arm ä la Guilinume II. auftrat— es gab da eine„Räuber"-Aufführung unseligen Andenkens, in der Spiegelberg als politischer Agent und Karl Moor als politischer Bandenführer auftraten, der sich am Schluß mit der Pistole selbst erledigte. Merkwürdigerweise waren es damals gerade bürgerliche Kritiker wie Herbert Ihering, die der gewerkschaftlich betriebenen Volksbühne am Bülowplatj die mangelnde politische Linie vorwarfen. R. Lauret erkennt sehr richtig, daß die Initiatoren des politischen Zeitstückes(das in der vergangenen Spielzeit in Deutschland an allen Bühnen mit umgekehrtem politischen Vorzeichen, aber sonst mit ausgesprochen minderer technischer und künstlerischer Begabung gepflegt wurde) von einer völlig irrigen Beurteilung nicht nur der Möglichkeiten des Theaters, sondern auch der politischen Propaganda ausgehen; denn der Effekt des Theaters beruht ja hauptsächlich in der Wirkung auf die„sensibilite", und nicht so sehr auf das„raisonne- inent" des Zuschauers; Hitler est un homme de theatre aussi habile que M. Piscator". Außerdem rechnet dieses politische Theater nicht genügend mit dem(auch im heutigen Deutschland nicht restlos abzuschaffenden) Prinzip der Freiwilligkeit des Theaterbesuches; das kommunistische Hieater Pisca- tors lebte eine Zeitlang von einem snobsitischen Publikum, das 20 Mark für den Platz bezahlte— in das politische Theater des„dritten Reiches" aber gehen die Besucher allmählich auch bei billigstem Eintritt nicht mehr hinein; gleich jenem Theaterdirektor in einer neueren(übrigens auch in Basel aufgeführten) Komödie könnten heute die deutschen Direktoren ausrufen:„Was nützt uns das schönste Gesinnungsstück, wenn das Publikum, das die Karten bezahlt, anderer Meinung ist?" Wie sehr übrigens gerade innerhalb des politischen Zeittheaters die politischen Vorzeichen vertauschbar sind, sieht man an dem lall des Berliner Kritikers Ihering, der inzwischen den„SA. Brand" mit dem gleichen heiligen Ernst- behandeln konnte wie früher das kommunistische Zeitstück, oder an der Wandlung jenes Propagandisten des politischen Theaters, der seinerzeit in Berlin die kommunistischen„Matrosen von Gattaro" höchst wirkungsvoll inszenierte und heute als erster Bühnenleiter im Reich für seine Schauspieler ein nationalsozialistisches Schulungslager eröffnet hat. Die Mißratenheiten Das Uebergewicht des deutschen Regisoeurs über den Dramatiker bedeutete, wie das Lauret an einem glücklichen Wort von Gustav Härtung verdeutlicht, kein prinzipielles Uebergewicht des Reproduktiven über das Schöpferische, es ergab sich sehr oft zwangsläufig aus der formalen Unfertig keit der Bühnenwerke, die damals über die deutschen Bühnen gingen. Das Theater ist eine„Massenkunst", d. h. eine Kunst, die einer bestimmten Vielzahl von Menschen erreichbar bleiben muß; hingegen gibt es einen bestimmten Grad menschlicher, wirtschaftlicher Not, bei dein der Mensch die innere Bereitschaft zu einem höheren künstlerischen Erleben einbüßt und nur mehr nach starken, kompakten Emotionen verlangt; mit einem Publikum solcher Art mußten die deutschen Dramatiker und Direktoren der Nachkriegszeit immer stärker rechnen.(Immerhin war es möglich, ein so esoterisches Werk wie Barlachs„Blauen Boll" im Berliner Stadt- theater über 25mal zu spielen.) Der große Dramatiker, der gleich Schiller in seinem 1805 gesprochenen Prolog zum ..Wallenstein" die chaotische Zeit ausdrücklich beschwören und sein Werk ihr konfrontieren durfte, war dem deutschen Theater innert der fünfzehn„verfluchten" Jahre versagt. Jedenfalls aber haben die verantwortlichen Personen des „dritten Reiches", als sie ngeh Rasse und Gesinnung, und nicht so sehr nach der Leistung zu fragen begannen, der deutschen Bühne schweren Schaden zugefügt: man kann dem deutschen Theater der Nachkriegszeit manches Ungute nachsagen, aber es ist nicht anzunehmen, daß damals ein Stück von dem unmenschlichen Zynismus eines„Schlageter"(Jobst) oder der formalen Mißratenheiten einer„Deutschen Passion" (Euringer) von einer ernsthaften Bühne gespielt worden wäre; es wäre bestimmt auch nicht möglich gewesen, daß einen Parteimann mit einer kaum vierteljährigen Theaterpraxis eine der größten Bühnen Berlins überantwortet worden wäre, wie das im Falle des SS.-Führers Graf Solms Laubach geschah, der heute die Volksbühne am Bülowplatj regiert. Und Berlin... Von den namhaften deutschen Regisseuren(Lauret gibt namentlich von Reinhardts Art, Regie zu führen, eine höchst plastische Vorstellung) sind heute außer den nichtarischen (die Feder sträubt sich immer wieder, mit dem dilettantisch- ungenauen Begriff zu operieren), außer Fehling und Hilpert und dem jetzt zum Intendanten des Stadttheaters avancierten Gustav Gründgens, so ziemlich alle aus dem nationalsozialistischen Theaterbetrieb ausgeschieden, die kraft Namen und Leistung auch im Ausland zu bestehen hoffen konnten: Carl Ebert, Gustav Härtung, Karl Heinz Martin, Erich Ziegel (der von Hamburg nach Wien übergesiedelt ist). Der nationalsozialistische Theaterkommissar Hinkel. der das Wort von den„Intelligenzbestien" in Mode gebracht hat. ist inzwischen zwar nach Gebühr in der Versenkung verschwunden, aber der politische Druck auf die Bühnen, vor allem der Druck mit dem Arierparagrafen, hält unvermindert an; Hilpert konnte für die Eröffnungsaufführung„Wie es euch gefällt" im Deutschen Theater den Frontarier Wallburg nicht freibekommen. der kleinen Dolly Haas aber wird im„Angriff mit höhnischen Worten vorgehalten, daß ihre Ahnentafel noch nicht lückenlos komplett sei und daß sie ihr Auftreten als„Scampolo" lediglich der nationalsozialistischen Großmut verdanke. Sie hoffne auf bessere Tage In einem kürzlich erschienenen Aufsatz im offiziellen „Völkischen Beobachter", in dem die Thealermüdigkeit in Deutschland, die schwierige Lage der deutschen Bühnen zugegeben wird, steht ein Satz, wie er in den Zeitungen der führenden Parteien der Weimarer Republik wohl kaum je zu finden war:„Die Sorge um das Theater muß besseren Tagen überlassen bleiben". Und der„Autor", Glas Organ der deutschen Bühnenschriftsteller(August 1934), quittiert diesen Satz mit der schmerzlich-resignierten Feststellung: „Wir bringen trotz aller verzweifelten wirtschaftlichen Nöte den Idealismus und den Mut auf, weiterzuarbeiten, wollen aber nicht, daß man uns zwischen den Zeilen zu verstehen gibt: wir haben jetzt keine Zeit für dich. Warte, bis bessere Tage kommen! Würde diese Tendenz den Sieg davontragen, dann könnten wir die Theater schließen— besser heute als morgen.... Kann die Krise des deutschen Theaters übrigens in einem deutlicheren Symbol dargestellt werden, als daß das ehrwürdige Nationaltheater in Mannheim gezwungen ist, sich durch eine Annonce!"' F''<" m-r" leil- zubieten? sibhs 7 lacht üiec Deutschland. Lastendes Schweigen von sechzig Millionen. Während die Horde der Herrschenden brüllt. Dumpfe Verzweiflung in allen Regionen; Heilige Heimat in Trauer gehüllt. Nacht über Deutschland! Wo einst die Säulen des Geistes gestanden. Toben Banditen den Blutrausch jetzt aus. Wo sich die Menschen in Liebe einst fanden Feiert man Siege im Totenhaus. Nacht über Deutschland! Doch aus den Tiefen der dunkelsten Grüfte Löst sich der Wille, der Wunder vermag; Bis er als Tat sich erhebt in die Lüfte Und brausend verkündet den kommenden Tag. Tag über Deutschland! II o r a t i o tndCich Sanne Mec DeutscfiCand Rührei mit Bratkartoffeln ist ein /gutes Gericht. Kant, Goethe. Napoleon, der Kaiser von Japan und viele andere Leute haben es sthon /gegessen, doch halle das i veiter keine Bedeutung. Joggt hat F.R auf einem Ausflug im Harz Rührei mit Bratkartoffeln gegessen, und schon ists ein historisches Ereignis! ,.Uie BraunschweigiscJie Landeszeitung" bespricht es in einem Leitartikel erste Seite rechts oben, Lieberschrift:„Der Führer im Harz. Das Erlebnis vom Königskrug." lind dann geht es los: Der Bruchberg liegt hinter uns. Herrlichste Wanderung durch urigen Harz! Rückkehr über Oderbrück oder Königskrug? Richtig— in Königskrug war doch vor wenigen Tagen der Führer eingekehrt. Also Entscheidung: Marschrichtung Königskrug! Es dunkelt schnell, zudem kommt Nebel auf. Aber schon leuchtet der gelblich-trauliche Schein der Petroleumlampen— ja, so was gibts Gott sei Dank noch liier oben im Harz!— aus der Veranda des Forsthauses auf. Bald stehen wir vor dem Hausherrn, Papa Heise, einer prächtigen Förstergestalt mit klarem, offenem Blick. Und dann sitzen wir im„Privatzimmer" in dem breiten, bequemen Sofa, auf dem Tisch die blitzsaubere Petroleumlampe mit ihrem matten Licht, vor uns. dampfender Tee mit — Einlage, und hören zu, wie der Hausherr in seiner ruhigen Art von jenem Besuchstage erzählt. „Also wir sind gerade mit dem Mittagessen fertig, als ein riesenhafter Mensch eintritt und den Türrahmen füllt: „Sind Sie eingerichtet auf ein Mittagessen für eine größere Gesellschaft? Etwa 22 bis 23 Personen! Auf Fleisch wird kein Wert gelegt." Das war Gruppenführer Brückner, des Führers Adjutant. Die Frau Försterin will in die Küche gehen, um anzurichten. Auf dem halhdunklen Flur hegeghet ihr ein anderer Mann, der höflich fragt, wo er eintreten könne. Sie geleitet ihn in die Veranda zu den anderen Gästen. Heiliger Hubertus! Jetzt erst erkennt sie den Führer! Aber Adolf Hitler nimmt gleich rechts vom Eingang au einein Tisch Platz. Zu ihm setzen sich" vier Herren seiner Begleitung. Der Führer war mit seinem Wagen gleich auf den kleinen Hof der Försterei gefahren. Dann war Brückner vorangegangen und der Führer ihm sofort gefolgt. Des Reichskanzlers erste Bitte war. zunächst seiner Begleitung Essen zu reichen. Erst dann läßt er sich mit Appetit das mit Liebe und Begeisterung bereitete Mittagbrot. Rührei mit Bratkartoffeln, schmecken. Da schrillt draußen das Telefon. Anruf aus Brauulage: „Soeben wird aus Clausthal-Zellerfeld gemeldet, daß der Führer in Richtung Braunlage weitergefahren sei. Wenn die Autos Königskrug passieren, möchte doch gleich Bescheid gegeben werden nach unten." Aber der Führer war auch hier schneller als der Draht. Er saß schon heim Mittagbrot in Königskrug! Das bedienende Hausmädchen hat wohl ein wenig vor Aufregung mit der Schiissel gezittert. Durchaus verständlich. Das wäre uns allen nicht anders ergangen. Aber dann spricht der Führer mit ihr, und— wie sie selbst sagt—„sofort wurde ich innerlich ganz ruhig". Nur einige Vertraute durften in das Privatzimmer— in dem wir jetzt saßen—, und das zwei Fenster hatte, die auf die geschlossene Veranda führen. Dort saß der Führer an einem Tisch unmittelbar an dem einen Fenster. Hier stand ein Hartsgast— eine junge Hamburgerin— die ganze Zeit, wohl eineinhalb Stunden, mucksmäuschenstill, um den geliebten Führer ganz aus der Nähe— kaum einen Meter weit entfernt— sehen zu können. Das Mahl ist beendet. Der Führer ist ausgeruht. Nun geht es weiter. Das W-tter klärt auf. Sonne liegt über dem Harz und über Deutschland. Nun liegen schon Tage hinter dem Besuch. Aber in allen schwingt noch die innere Freude und Erregung nach, den geliebten Führer so nahe gesehen zu haben. Und immer wieder betont der Förster Heise:„Das schönste war das Schlichte, das Einfache an unserem Führer!" Als wir hinaustraten, hat der Sternenhimmel sich über den Harz gespannt. Der Abendstern gleitet in gl.tzem- den Farben. In uns klingt das eben Gehörte nach. Nie wird des Menschen Verstand das Wunder unserer Sternenwelt ergründen. Aber in Demut wollen wir dem Walten eines gütigen Geschickes danken, das Deutschland in tiei- ster Zerrissenheit den Retter schenkte! 9teincich Manns^Bekenntnis An den Kongreß der Sowjetschriftsteller, der im letzten Sommer tagte, hat. wie jetzt die„Neuen Deutschen Blätter" in Heilen, Heinrich Mann folgenden Brief gerichtet: Die„antifaschistischen" Schriftsteller sind solche, die ihre Sache auf die Leistung gestellt haben, anstatt auf die Begünstigung durch das faschistische Regime. Sie werden in der Mehrzahl sozialistisch denken; die Hauptsache bleibt, daß sie überhaupt denken wollen. Die antifaschistische Literatur ist nicht notwendig absichtsvoll antifaschistisch: sie ist es schon dadurch, daß sie auf der Gewissensfreiheit besteht. In Deutschland dagegen wird, einige Zeit lang, die Wahrheit das sein, was der Stärkere vorschreibt. Es wird nicht die Wahrheit sein, und uneigennützige Liebhaber kann sie nicht haben. Niemandem ist dort das große und gefahrenreiche Glück erlaubt, neue Erkenntnisse zu erobern oder Leben und Menschen zu gestalten nach seinem Wissen. Es gibt nur amtlich geregeltes Denken und Träumen. Das bedeutet für die Nation einen geistigen Niedergang im allerschnellsten Tempo und auf allen Gebieten. Auch in den angewendeten Wissenschaften hatte Deutschland sich nur darum auszeich- nen können, weil dort frei gedacht werden durfte. Keine chemischen Erfindungen und erst recht keine Großindustrie, wenn nicht andere Menschen jahrhundertelang frei gedacht und geschaffen haben.— Die antifaschistische Literatur ist in Wirklichkeit die einzige deutsche Literatur: vor allem, weil nur sie die Gedanken- und Gewissensfreiheit behalten hat, dann aber auch Kraft des Leidens. Durch Verbannung. Not und Mühen werden die Begabungen verlieft, ganz abgesehen davon, daß die Schriftsteller streng gesicl.t werden. Wird heute irgendwo iu der Welt.ein deutsches literarisches Preisausschreiben veranstaltet, dann melden sich nur noch starke Talente. In Deutschland ist jedesmal das Gehudel zur Hand, und außerwählt wird die allerlumpigste, zweckbewußteste Gleichschaltung. Während dort im Lande die Dummheit ihr übliches Maß schon jetzt weit h nt-r sich gelassen hat, ist die emigrierte Literatur, zu der auch einige in Deutschland Verbliebene gehören, auf dem Wege hesser zu werden, als sonst der Durchschnitt der Literatur es war. I VSIkat in iturmznllnn Nr.(1 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Sonntag-Honlag, 4. u. 5. Nov. cm Der Hitlerputsch s Die folgende Schilderung des Hitlerputsches von 1923 ist dem Buche Konrad Heiden „Geschichte des Nationalsozialismus. Die Karriere einer Idee" entnommen. Die Darstellung führt zunächst in die ersten Novembertage jenes Jahres. Bayern war damals beherrscht von drei Männern: dem Generalstaatskommissar von Kahr, dem gegen Berlin meuternden Reichswehrgeneral von Lossow und dem Polizeiobersten von Selker. Zwischen dieser Gruppe und den Nationalsozialisten unter Hitler bestand eine scharfe Rivalität, aus der sich schließlich der Putsch vom 8. November entwickelte. (1. Fortsetzung) Hitler zog am 8. November geinen besten Anzug an. einen langen Gehrock, heftete das Eiserne Kreuz drauf und rief den Kommerzienrat Zentj, den Veranstalter der Kundgebung, an, er möge doch mit dem Versammlungsbeginn bis zu seiner Ankunft warten. Denn er gedachte Kahr vor seiner Rede hinauszuhitten, ihm den von SA. eingekreisten Bürgerbräukeller zu zeigen und den Ausbruch der nationalen Revolution mitzuteilen. Kahr würde sich ins Unvermeidliche fügen, die ihm von verschiedenen Mitarbeitern aufgesetzte Rede in die. Tasche stecken und statt dessen zusammen mit Hitler die neue Regierung ausrufen. Aber Kahr war indigniert, daß Hitler ihn zu warten hat. „Für Herrn Hitler wird sich noch ein Platj finden," sagte er zu Zent$.„Wir können seinetwegen nicht dreitausend Leute warten lassen." Und er begann seine Rede. Währenddessen fuhr Hitler durch die Stadt. Neben ihm im Wagen saß Anton Drexler, der harmlos glaubte, man fahre zu einer Versammlung aufs Land. Plötzlich wandte Hitler sich zu seinem Ehrenvorsitzenden:„Toni," sagte er, .kannst du schweigen? Also wir fahren heute nicht nach Freising. Um halb neun Uhr schlage ich los." Drexler, überrumpelt, verstand die Demütigung. Er erwiderte trocken:„Ich wünsche dir Glück." Im Bürgerbräukeller drückte Hitler sich zunächst wenig beachtet im Saal herum: es gelang ihm nicht, sich zu Kahr durchzuzwängen. Auch die Vorhalle war schwarz von Menschen, der Eingang von Hunderten belagert— und hier sollten die Sturmtruppen durchbrechen? Das mußte eine Panik mit Toten geben. In dieser Not verfiel Hitler auf einen Streich, würdig des Hauptmanns von Köpenick. Er ging, der,Zivilist im schwarzen Rock, zu dem diensttuenden Polizeibeamten und befahl ihm, die Vorhalle und die Straße zu räumen, weil sonst im Saal Unruhe entstehen könnte. Und siehe da. der Beamte klappte die Hacken zusammen und ließ räumen. Die Polizei hat auf Hitlers Befehl den Weg für Hitlers Putsch freigemacht. Jetzt setzte Schcuhner-Richter sich in ein Auto und fuhr nach Ludwigshöhe, um Lttdendorff zu holen. Audi der war ahnungslos und wurde von Hitler vor fertige Tatsachen gestellt. Der Schuß im Bürgerbräu Als Kaht etwa eine halbe Stunde gesprochen halte, fuhren die Sturmabteilungen vor dem Lokal vor. Es war der „Stoßtrupp Hitler". Ohne Widerstand besetzten die Leute die von der Polizei so sorgfältig geräumte Vorhalle und brachten ein paar Maschinengewehre in Stellung. Drinnen spricht Kahr, der Diktator, drinnen sind dreitausend ahnungslos; draußen bilden dreihundert Sperrketten. Das Ganze ist ein Werk von drei Minuten. In diesen drei Minuten wird Geschichte. Diese drei Minuten machen Hitler aus einer Münchener Sehenswürdigkeit zu einer weltpolitischen Figur. Die Polizei aber sah zu. Ihr ratloser Führer rief im Polizeipräsidium bei seinem diensthabenden Vorgesetzten an und hat um Verhaltungsmaßregeln. Der Vorgesetzte sagte nicht: Verhaften Sie Herrn Hitler: er sagte nicht: Schützen Sie den obersten Beamten des Landes vor den Maschinengewehren. Er sagte: Halten Sie die Ordnung— auf der Straße aufrecht und warten Sie im übrigen ah: man weiß ja noch nicht, was los ist. Dieser pflichtbewußte Vorgesetzte war der damalige Oberaintmann und spätere Reichsinnenminister Dr. Frick. Eine Stunde später hatte Hiller ihn zum zum Polizeipräsidenten von München ernannt. Denn inzwischen— es war dreiviertel neun Uhr— hatte Hitler mit seinen Bewaffneten geräuschvoll den Saal betreten. Mit einer Pistole in der Hand raste er auf das Podium los. wo Kahr stand. Wie ein Augenzeuge. Graf Soden, später vor Gericht aussagte, machte er den Eindruck eines völlig Irrsinnigen. Seine Leute postierten am Saaleingang ein Maschinengewehr. Hitler selbst sprang, seiner Sinne kaum noch mächtig auf einen Stuhl, feuerte einen Pistolenschuß zur Decke, sprang wieder herab und stürmte weiter durch den plötzlich totenstill gewordeneu Saal nach dem Podium. Ein pflichttreuer Polizeimajor trat ihm entgegen. die Hand in der Tasche. Hitler fiirrhtete eine versteckte Schußwaffe, setzte dem Major blitzso b'tter not tut, Be- ivegungen austrete», die sich gegen die Grundlehren des Christentums über Gott und Christus und Kirche wende» und daß zugleich eine Strömung sich gebildet hat. die auf eine Nationalkirche hinzielt, die die ZerAssenbeit des Volkes noch größer machen und das echte, wahre, gott- gewollte Christentum zerstören würde, ivenn dies möglich wäre. Dazu kommt die tiefe für uns schmerzliche Tragik, daß. wo fmm'r wir Biscksse a>'ge» diele. Christentum und Volksverbundenheit zerstörende ncuheidnischc Bewegung warnend unsere Stimme erbeben, noch immer Lcutc aus- trete», die uns politische Motive unterschieben, und für Ttörer der Volkiverdnng halten und Verletzer staatlicher Autorität.. ..... denn wenn solche Wühlarbeit gegen Christentum und Kirche Erfolg hätte, würde sie alle Hoffnung auf den sichere» Bestand unseres Staatswesens und ans eine glück- ticke Zu'»t unseres leidenden Volkes zu nickte mache».. „... Und da sollten wir Bischöfe nickt laut und eindring- lick unsere Stimme erheben gegen unEr moralischem Druck verbreitete Bücher, die in der radikalsten Weise den wahren Gottesglaubcn nntergrabcn? Zumal wenn solche B ll ck e r i» Schulen, in Erzicherkreiie», in Führerkursen und in Arbeitslagern verbreitet und zur Grundlage des Unterrichts gemacht werden oder gemacht werden solle»^ Auch bei solckcu. die diese Bücher um ibreS Gewissens willen ablehnen und ablehnen müssen? Dazu kommt Korrup'e ilillerbonzen Die tägliche Liste Bor der Großen Strafkammer in Weserinüude hatte sich der Krcisorganisativnsleitcr der NSV. Stadtkreis Weser- münde. Richard Hcnn, zu verantworten. Hcnn hatte sich dadurch bere'chcrt, daß er nir eine Lieferung von sieben Tonnen Heringen an die NSV des Landkreises Weser- münde 210 Mark einnahm, während er selbst für diese Heringe nur 154 Mark zu zahlen hatte. Das Gericht ver- urteilte den Angeklagten zu 1 V, Jahre Zuchthaus, drei Jahren Ehrverlust und 100 Mark Geldstrafe, ersatzweise weitere fünf Tage Zuchthaus Außerdem hat Hcnn die Kosten des Verfahrens zu tragen. * Der frühere P o l i z e i k o m m i s s a r Heinrich Jäger in Darmstadt wurde von der Großen Strafkammer ivegen Unterschlagung in vier Fällen, einfacher Bestechung, Diebstahls, Betrugs und Nötigung zu zwei Jahren Gc- fängnis verurteilt. Ter Vorsitzende bezeichnete ihn als einen Schädling der guten Sache, gegen den unbarmherzig vorgegangen werden müsse. Er bedauere, daß er ihm nicht die bürgerlichen Ehrenrechte aberkennen könne. Tic Untersuchungshast werde ihm nicht angerechnet, weil er bis zuletzt geleugnet habe. Unter Mißbrauch seines Amts habe er Bischer und Waffen siir sich behalten, die von der SA. beschlagnahmt waren, serner aus der Tombola des W in t e r h i I? s w e r k s eine S'ehlanipe iveggenommen. sich unter falschen Angaben Waffen aus dem Oisenbacher Heimatmuseum angeeignet usw. Der Angeklagte habe weiter der Firma, bei der er früher beschäftigt war, unter Drohungen 500 Mark für angeblich geleistete Ueberstunden abgenötigt. Endlich habe er noch— n»d das ist unrecht und schmerzlich zugleich—: Während das Neuheidentum vordringlich für sich wirbt, hat die gesinnungsmäßig katholische Presse nicht mehr die Freiheit, die große» Frage» der Zeit in. Lichte katholischer Glaubens- und Sittenlehre zu behandeln und die Angriffe auf Christentum und Kirche, auf Bischöfe und Priester ab- zuivehren..." „... Die Unwahrheit war immer die Feindin der Wahr- heit, ist es heute und wird es immer bleiben. In diesem Kampfe tränmcn manche auch von einer deutschen N a t i o n a l k i r ch e, die alle: Katholiken. Protestanten und vielleicht auch die Neuheidcn umfassen soll. Sie träumen einen falschen Traum, sind dabei erfüllt von einer staunenswerten Unwissenheit und haben keine Ahnung von der aus ihrem Gebiet? totalen, übernationalen, über- völkischen katholische» Kirche, die nach dem Willen des gött- lichen Stifters die ganze Menschheit zu einer Gottesiamilie im Diesseits und Jenseits nmfaß'e» soll Sie träumen auch einen gefährlichen 3>a»m. Das Heiligste in der Menschen- seele greift keine Macht der Welt aus die Dauer un- gestrast an..." Wir können nur die wichtigsten Stellen der Rede abdrucken. Hinter dem feierlichen kirchliche» Kurialstil verbirgt sich die denkbar schärfste Ablehnung des Ncuheidcntums und der von Müller proklamierten„ronifrcicn Nationalkirchc". Man kann, immer von der Ebene eines Bi. ,oßs aus gesehen, kaum deutlichere Worte der Verurteilung und der Verdammnis finden. Ter Bischof von Trier ist auch der Oberhirt der Katholiken eines sehr großen Teiles des Saargebiets. Kann er es vor feinem Gewissen und vor seiner Kirchenpflicht verantworten, seinen Gläubigen an der Saar diejenigen auszuliefern, die sich,»ach seinen Worten, gegen die Grundlehren des Christtenuins wenden? Die den Bezug widcrchristlichcr Bücher, wie Roser.bcrgs„Mythus", unter»»moralischen Druck befehlen? Es gibt noch viele solcher Fragen. Ihre Konseauenz führt z» einer einzigen Antwort, die unter de» Saarkatlioliken die stärkste Zündkraft besitzt: Nie zu Hitler und diesem„dritten Reich"! Dieser Schlußpunkt fehlt der Predigt des Herrn Bischofs. Darum ergänzen wir ihn, und, wie wir glauben, in seinem und seiner Kirche Sinne. zugunsten eines Bekannten, dem die Entziehung des Führer- schein» drohte, ein günstiges Gutachten wider besseres Wissen ausgestellt, wofür« dann zur Jagd eingeladen worden sei. * Ein enger Mitarbeiter Le»s, Dr. Brückner, der Leiter des Krankcnhansivescns und der Versicherungsanstalten, sowie eine ganze Reihe seiner Kollegen mußten wegen umfang- reicher Unterschlagungen von ihren Posten entfernt werden. In Razikrciie» wird behauptet, daß Leu nicht nur eine moralische, sondern auch eine tatsächliche Mitverantwortung a» den Unterschlagungen trifft. Der Nazi-Vcrtranenörat Bötz auS den Berliner Lorenz- betrieben hat Beitragsgcldcr der„Deutschen Arbeitsfront" unterschlage». Ter Leiter der Ortsgruppe Bopser der NS.-„Volksivohl- fahrt" ist wegen Unterschlagung von Organisationsgeldcrn verhaftet worden. 12 Harb Wolticnlolni ist zuviel Hamburg, 24. Okt. lieber die Not der Arbeiter im„dritten Reich" gibt eine Erklärung des Hamburger Reichsstatt- Halters Kaufmann Ausschluß:„Die ständig Beschäftigten haben," sagt er,„in den letzten Wochen oft nur eine, zwei und drei Schichten arbeiten könne» und zum Teil einen Wvchenlohn von nur 12 Reichsmark mit nach Hause bringen können, ein Lohn, von dem sie nicht leben und nicht st e r b e n k ö n n e»." Aber selbst diese Löhne sind noch zn hoch. Kausinan» fuhr fort:„Es kommen Leute zu mir und sagen, ivir könnten nach Hamburg viel wehr Auf- träge bekommen und auch neue Industrien ziehen, iv e n n wir d i e L ö h n e senkten." Absdiied von Oskar Cohn A.Ph. Aus Genf erreicht uns die Kunde, daß Oskar Colin uns für immer verlassen hat. Der Tod Hai ein Leben aus- gelöscht, dessen Wesensinhalt das Leben anderer war, ein Leben, das erfüllt ivar von reiner, hingebender Liebe zu allem, was Menschenantlitz trägt. Wir ivollen hier nicht von dem Oskar Cohn reden, der uns allen, die Ivir ihn kannten, ichvn in der Heimat lcuch- tendcs Beispiel war. Viele von uns hatten sich yine>ugelevt in den Wahn, ihr Deutichlum ic, etwas w Beionderes, frheioe sie so sehr von ihren nichtdeutschen jüdischen Brüder» und Schwestern, daß sie sich abschlössen von denen, die aus dem Osten zu uns gekommen waren, daß sie verächtlich von den „Ostjuden" sprachen, denen sie sich durch Sprache und Kultur überlegen fühlten. Oskar Cohn kannte die>cn Dünkel nicht. Seine sozialistische Uebcrzcngung war keine Theorie, und so ivurdc er der nimmcrmiide, nie rastende Anwalt all jener Juden, die in Teutschland vor de» blutigen Verfolgungen der zaristischen Hongans eine Zutlitd» suchten, die aus Rumänien zu uns kamen, froh, der mörderischen Po- gromhetze entronnen zn sein. Oft war es schwer, ihnen das Aufenthaltsrccht zu verschaffen, fehlten doch nicht leiten alle erforderlichen Papiere, die man in der Hast der Flucht— wir wissen heute aus eigener Erfahrung, daß das möglich ist- in der ungain cken Heimat znrttgelasten hatte. Oskar Cohn nahm sich der Armen an, er, der vielbeschäftigte An- ivalt, brachte einen großen Teil seiner Zeit im Relchsuincn- ministerinm, im Preußischen Innenministerium, aus dem Berliner Polizeipräsidium zu, und war glücklich, wen» erden Verfolgten ein Asyl in Teutschlad verschalten konnte. Selbstlos tat er es, uneigennützig, ohne klingenden Lohn zu erhallen, und in der Mehrzahl der Fälle half er noch seinen„Mandanten" mit eigenen Mitteln. So selbstlos lernten wir ihn auch in der Emigration kcn- neu. Was er in Deutschland besaß, wurde ihm von denen genommen, die dort heute an der Macht sind. Sehr bescheiden waren die Mittel, die ihm gebliebe» waren. Und doch teilte er sie rntt i>cn v.ielen Notleidenden, die in unendlicher pfljH den Weg zu ihm landen, als. sie von seiner Anwesenheitin Paris erfuhren. Er wurde einer der eifrigsten und vorbildlichsten Mitarbeiter im„Service Jnridigue pour lcs Resu- gies allemands", dem unter dem Schutze der irauzönichen Liga für Menschenrechte in der französischen Hauptstadt ar- benenden deutschen Komitee, in dem er bald den Vorsitz über- nahm, mußten wir doch nach dem Weggang von Professor Gumbel nach Lyon keine», der mehr als er, der Ainvalt des Rechtes, geeignet war. daran führend mitzuarbeiten, dag der Emigration ihr Recht wurde. Wir sagen: der Emigration. Gewiß, Oskar Cohn war ein Jude, ein begeisterter, von der Liebe zu seiner ReligionS- und Stammesgemeinschast durckglühtcr Jude. Aber sein Menschentum war noch größer als eine unwandelbchve. treue zionistische Ueberzcuguug. Und darum fragte er nicht danach, ob der, der seine» Rat, seine Hilfe suchte, Jude oder Christ mar. Er sah in dem. der bittend zn ihm kam. nur.den Menschen. de» verfolgten und gehetzte» Emigranten. Wie alt hat er sich gerade bei den Beratungen des„Ligakomitees dafür eingesetzt, daß Richlinde» geholfen ivurdc. wie war gerade in dieser Beziehung seine Mitarbeit wertvoll als Vcrbin- dllngsmann zum französischen„Comite National". AlS dieses große, vom Baron Robert de Rotichild gc- führte Hilfskomitee Deutsche zur ehrenamtlichen Mitarbeit heranzog und in der„Deutschen Kommission" zusammen- faßte, da ivar eS selbstverständlich, daß Oskar Cohn zu den vornehmsten Mitarbeitern gehörte. Seine kluge, abgewogene, überlegte Rede fand immer Ge- hör. Nur selten verließ ihn die Ruhe, und nur dann, wen» man dem Reckt Gewalt antun wollte und cS an Verständnis für die Veriolgteu fehle» ließ. Da wurde er zum flammen- den Verteidiger des Rechtes der Unterdrückten. Sein persönliches Beispiel aber, die Reinheit und Lauter- keit seines Charakters, wirkten noch mehr als sein Wort, warben der deutschen Emigration Freunde in den Reihen der französische» Gastgeber. Seine Tätigkeit als Mitglied des„Comite des TelegationS Juifs" führte ihn durch ganz Frankreich, lleberall warb cr um Verständnis für die Nöte der Emigration, überall wußte cr. mit Ernst und Nachdruck, mit Ueberzengunaskrast den französische» Kreise» klar zu mache», daß jede Hilfe, die sie der deutscheu Emigration zu- t»il werden Ii'-»», jeder Centimes, im» berogbi-n. um Aufklärung im Kampsc gegen die antisemitische Rassenhetze zu ichaimn. für sie selb» Ivertnnst ,»ar. weil dadurch Frank- reich selbst vor dem Gift des Rassenwahns geschützt wurde. Oskar Cohn hat nnn die Augen für immer geschlossen, hat uns für immer verlasse». Sein Rat und seine Tai werde» den Teutschcu, die innerhalb der letzten zwei Jahre die Heimat verloren, sehr, sehr fehle». Die jüdische Emigration verliert mehr in ihm. Sic beweint ihren Vater, ihren Brn- der, ihren Freund. Eiircnbiirgerbrleie Im Dutzend billiger Wir lesen in einer Münsterländcr Hakenkrcuzzeitung: „Ehrenbürgerbrief der Stadt Bevergern siir den Chef des Stabes. Der Ehrenbürgerbrief, der aus Zicgcnperga- menl gearbeitet ist, zeigt links das Geburtshaus des ChciS des Stabes... Ter Entwurf des Ehrenbürgerbrieses stammt von... der Einband wurde hergestellt von..." Wir zögern— das kommt uns alles so bekannt vor— daS hat doch schon mal irgendwo gestanden— das kann doch nicht neu fein? Halt mal! Wie hieß eS vor wenigen Monaten in einem Stettin«' Blatt? „Und während wir alle Pfingsten feierten, arbeiteten Graphiker und Kunsttischler der Stettin« Handwerker- schule an der würdigen Gestaltung der hohen Ehrenbürger- künde siir den Stabschef." Damals wars Stettin— diesmal ist eS Bevergern? damals galt die Ehrung dem Stabschef-- diesmal auch? damals hieß d'i- Stabschef Röhm— diesmal heißt cr Lutze. Und nächstes Mal? Ehrcnbürgcrrechtc schützen im„dritten Reiche" keineswegs vor dem Henker, Elirenblirgerrechte sind überhaupt nichts besonderes mehr, Ehrenbüraerbriesc werden z» Engros- Preisen abgegeben: der Fübrerstab dürste die am 30. Juni verfallenen Stücke nicht mit gerechnet— schon einige Dutzend davon besitze». Tic Ehre ist wohlfeil geworden in Deutschland! Und die Sorgen der Bonzenführer Tie Adiutantur des Chefs des Stabes teilt mit: Hinsicht- lich der Auslegung über das Tragen der Acrmelstreifcn der alten verdienten SA-Männer ist ein Irrtum insofern nnterlnnscn, als erstens diese Acrmelstrcifen nicht nur am linken, sondern an beiden Ar m e n, zweitens die Acrmel- streifen um den ganzen Arm herum getragen werben... Bilder des Führers werden nicht versteigert In der Alten Post von Eisleben fand eine Versteigerung statt, bei»er sich unter der Masse auch Bilder des Führers befanden. Die Kreisleitung der NSDAP, griff ein und cr-' warb die Bilder, um so ihre Versteigerung zu verhindern. Frankreichs Innere Spannung Bemühungen um die Lösung A. PH. Paris, 3. November. (Von unserem Korrespondenten) Wie wir gestern schon barlegten, hat keine der in der Re- gierung vertretenen Parteien ein Interesse an einer Krise, und Ministerpräsident Doinnergue wünscht sie ebensowenig wie die von Herriot geführten radikalsozialistischen Minister. Ganz in diesem Sinne schreibt denn auch der„Jntransi- geant". man denke ganz und gar nicht im Kabinett daran, sich zu veruneinigen. Weder Doumergue noch die Minister, die seine Partes nähmen, noch Herriot und seine Freunde seien eigensinnig genug, um das Ende des Burgfriedens herbeizuführen. Man sei überzeugt, daß man sich einigen werde. Aber, so fragt das Blatt, auf welcher Grundlage? Und das ist eben die Schwierigkeit. Sicherlich hat der Kongreß von Nantes Herriot eine Blankovollmacht erteilt für die Verhandlungen mit Doumergue, aber der Kongreß hat recht deutlich seineu einmütigen Willen erkennen lassen, daß ge- wisse Grenzen gewahrt werden müssen, und zu diesen ge- hört auch das Recht des Senats, daß die Auflösung der Kam- mer durch den Staatspräsidenten an seine Zustimmung ge- bunden ist. Die„Welsen von Zion" Bern, 3. November. Nachdem die Zeugeneinvernahme im Bcrner Prozeß um die »Protokolle der Weisen von Zion" vernichtend aus die an- geklagten helvetischen Nazis war, ging dereri Vertretung darauf aus, durch ein Verschlci"'i>ii->'manöver die Urteils- fällung hinauszuschieben Nazi-Verteidigung verlangte, daß ihr Gelege"''"'» werde, ihrerseits eine Expertise einzuholen, was die Beklagten bisher versäumt hatten, obschon ihnen da"' die Swii*->!»es Jahres zur Ver- fügung stand. Aus Lonaliiät stellte Prof. Matti, Vertreter des'Israelitischen Gemeindebundes, bei Eröffnung der Ver- Handlungen am Mittwoch den An'raa. diese zu vertagen, bis die Beklagten ihr Gutachten eingebracht hätten. Die Experten und der Gerichtspräsident erklärten sich mit diesem Vorgehen einverstanden, wenn der Experte Dr. Baumgarten seiner Auffassung Ausdruck gab, daß der frische Eindruck der Zeugen- einvernähme verwischt werde. Innerhalb 4 Tagen sollen die beklagten Nazis dem Ger'',tsp> ästdenten mitteilen, ob der vcn ihnen genannte Erperte. der deutsche Oberstleutnant a. D. F l e i s ch h a u e r, die Ervertise endgültig übernehmen wolle. Bejahendenfalls sollen ihm während der Dauer eines Monates die Akten in einem schweizerischen Grenzort zur Verfügung steh». Die Verhandlungen wurden hierauf ab- gebrochen und vertagt. Die Inngardelker Leidenschaftliche Kundgebungen Warschau, 3. November. „Jllustrowanny Kurier Codzenny" berichtet, daß die Ber- liner Arbeiter zu Massenaktionen gegen das Gesetz vorge- Heu, das die Entlassung der Jungarbeiter auö den Fabriken anordnet. Diese Protestaktionen trugen einen besonders lci- denschaftlichen Charakter bei den Arbeitern der Berliner Elektrizitätswerke A. G. sBewags und in den Ver- sammlungc». die von de» Arbeiter» der Berliner Verkehrs- gesellichakt organisiert wurde». Trotz des Terrors protestier- ten sie offen in stürmischen Versammlungen gegen dieses Gesetz. Dasselbe Blatt hebt hervor, daß diese Aktionen durch ihre Leidenschaftlichkeit und ihren Massencharakter alle antifaschi- stächen Aktionen der Berliner Arbeiter übertreffen, zu denen es im Lause deS letzten Jahres gekommen ist. Holland kündigt den C'earingver rag QelegenheUs=Anqehot! Ar bester-Gesundheils-Bibliothek Heft Heft Heft Heft Heft Heft Heft heft Heft 10. Heft IL Heft[2. Heft 13. Heft 14. Heft 15. Heft 15. Heft 17. Heft 18. Hift n. Heft 20. Heft 21. Heft 22. Heft 23. Heft 24. Heft 25. Heft 26. Heft 26. Heft 29. Heft 3(>. Heft 31. Heft 32. Heft 11. Heft 34. Heft 35. Heft 36. Heft 37. Heft 38. Heft 39. Heft 40. Heft 41. Die erste Hilfe bei Unglücksfällen. Von Dr. Christeller Das erste Lebensjahr. Von Dr. Silbcrslein Gesundheitspflege des Nervensystems. Von Dr. Hirschlaff Der Achtstundentag. Von Dr. Zaoek-Berlin Alkoholfrage und Arbeiterklasse. Von Dr. Fröhlich Das Schulkiud. Vcn Dr. Silberstein Nahrung und brmh ung. Von Dr. Chajes Wie sollen wir uns Kleiden? Von Dr. P. Bernstein Der Arbeiter schütz. Von Dr. M. Epstein Frauenleiden. Von Dr. 1. Zadek Vom medizinischen Aberglauben. Von Dr. E. Thcsing Das W sserheilverfahren in der Gesundheitspflege des Arbeiters. Von Dr. S. Munter Verhütung und Heilung des Stotterns. Von L. lordan Geschlechtliche Erziehung der Arbeiterfamilie. Von Dr. /. M'itkiisc Zähne und Zahnpflege. Von Gertrud Pewald Bau und Lebenstatigkeit des menschlichen Körpers% Von Dr. Christeller. Mit zahlreichen Illustrationen Der Geschlechtstrieb. Von Edu rd Bernstein Die Krankenpflege im Hause. Von loh. Ranker-Mannheim Die Proletarierkrankheit. ihre Entstehung und Verbreitung, Verhütung und Heilung. Von Dr. Zade-Berlin Atemgymnastik. Von Otto Rühle. Mit zahlreichen Illustrationen H ut- und Haarpflege. Von Dr. B. Chajes-Berlin Wie hüten wir uns vor He/zkrankheiten? Von Dr. E. Rehfisch Die Hygiene der Arbeiterwohnuhg. Von Hugo Hiiiig-Hamburg Die Sihmarotzer ac* Menschen. Von Dr. A. Lipschütz Die Krankheiten des Ohres, der Nase usw. Von Dr. H. Schwerin Snort und Arbeiter. Von D'. Silber st ein Volksernährung. Von Dr. julian Markuse Die Berufswahl mit Rücksicht auf die Tauglichkeit für den Beruf. Von Dr. Zadek-Berlin Die Berufskr•nkheiten der Buchdrucker. Von Dr. Silberstein Die Arzneimittet und ihre Verwendung. Von Dr. A. Ltpschiitz Tas Auge una seine Erkrankungen. Von Dr. W. Seeligsohn Die Be ufskrankheiten aer Gasa'bc'tcr.'Von Dr. W.Hanauer Die Berufskrankheiten der schneidet und Textilarbeiter. Von Prof. Dr. Grotjahn Die Berufskrankheiten der Maurer und Bauarbeiter. Von Dr. med. E. Thesing-Magdeburg D e Krebskrankheit. Von Dr. I. Zadek jr.-Berlin Unse r e Gennßmitlcl. Von Dr. A. Lipschütz Die Berufskrankheiten der Maler. Anstreicher und Lackierer. Von Albert F'eck Die Be ufskronkheiten der Landarbeiter. Von Dr. Grumach Verstopfung und Durchfall, Darmkatarrh und Ruhr. Von D>. L Zadek Jedes Tieft Kostet ietxt SO€ts vis Abhandlungen sind lür jedermann verständlich geschrieben und sollten in keiner Familie fehlen. Jedes Heft ist für sich abgeschlossen und einzeln käuflich Wo es der Inhalt erfordert, sind Abbildungen beigefügt ObuMcutdiunq, du Voiksstimme G. m. b. H. Saarbrücken 2, Trierer Str. 24, Ecke Sophienstr. Amsterdam, 3. November. Die holländische Regierung hat das deutsch-nicderländische Clearingabkommen zum 16. November gekündigt. Der tiefere Grund dieser Kündigung ist in der großen Un- Zufriedenheit zu suchen, die in weiten Kreisen der hollän- dischen Wirtschast in bezug auf den Handelsverkehr mit Teutschland ber.»cht. Wir Hab«-» ichon wiederholt an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß durch Schachts^.anipu'- tionen nickt nur die ausländischen Gläubiger, sondern selbst- die Warcnlieseranten gcvr--"' werden. Man kann selbst- verständlich einige Zeit die ausländischen Warengläubiger benachteiligen, aber aus die Dauer kann sich die Gegenseite derartige Manipulationen nicht gefallen lassen. Immer mehr setzte sich in Holle d der Gedanke durch, daß bei dem gegen- wältigen Verrechnunasabkommen, die holländischen Liefe- ranten ibre Forderunaen nur ganz langsam eintreiben können. Durch die verzögerte Auszahlung der deutschen Warcnschnlden, haben schon»<>it einia-n Wochen<""» Anzahl holländischer Grporteure erklärt, daß sie nach Deutschland nur unter der Bedingung liesern, nv-nn ibnen der Verkaufspreis bei Warenabgabe voll ausgezahlt wird. Den äußeren Anstoß zur Kündigung bat sicherlich die Be- kanntgabe des neuen deutsch-enalischen Zahlunasabkommens gemacht. Die holländische Regierung bat auf Grund dieses Abkommens die Feststellung machen können, daß die Eng- länder durch ihre entschiedene Haltuna Schacht zu einem starken Nachgeben veranlaßt haben England befindet sich von jetzt ab in aroßem Vorteil gegenüber anderen Ländern, die .Iahlunasabkommen mit Deutschland abgeschlossen haben. Tie Holländer llnd deshalb ihrerseits lest»nHchlollen. bei den kommenden Verhandlungen mit dem„dritten Reich" ihre Interessen mahrzunehmen und sind geaebenensglls bereit, falls Schacht sich nicht zu größeren Konzessionen bereit er- klären wird, einen Handelskrieg durchzufechten. Annäherung Derlln-Tokio Tokio, 31. Oktober.« Es erscheint sicher, daß die deutsche und die japanische Re- gierung ein Ausgleichsabkonimen abgeschlossen haben, das für Japan die Verpflichtung vorsieht, Deutschland im Lause des Jahres 1984/85. 1 260 900 Tonnen Sojahbohnen zu liefern, während das Reich vervslichtct ist. Japan Maschinen- gewchrc und Flugzeuge im Betrage des Gegenwertes zu liefern. Man erfährt weiter, daß der Vertreter der JG. Farben kürzlich in Tokio weilte, wo er mit den Militär- behörden Fühlung nahm. Wie im Kriege Bewachung von Gehöften und Feldscheunen Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt mit: Verbrecherische Elemente haben sich nicht gescheut, in letzter Zeit Scheunen, die mit Erntevvrräten gefüllt waren, in Brand zu stecken. Bei der großen Bedeutung, die die Erträg- nisse des deutschen Ackers für die Volksernäbrung haben, ist unbedingt dafür zu sorgen, daß weitere derartige Versuche durch energische Vorbeugungsmaßnahmen unmöglich gemacht werden. In einem Erlaß an die'Polizeibehörden in Preußen werden diese nochmals daraus hingewiesen dem Schutz der Erntevorräte besondere Bedeutung beizulegen und alle ge- eignet erscheinenden Abwehrmittcl durchzuführen. Unter der Leitung der Gendarmerie sollen Streiten eingesetzt werden, die alleinstehende Feldscheunen und Gehöfte planmäßig über- wachen. Da die eigenen Kräfte der Gendarmeric für diese Zwecke nickt ausreichen, soll nach Fühlungnahme mit den örtlichen SA. SS.- und NSKK.-Einheitcn ein Streifendienst aus Mitgliedern dieser Formationen eingesetzt werden. BBIBSKaSTOM R. London. Schon Börne wußte und schrieb cS als Emigrant in seinen Briese» aus Paris„Wenn die Regierungen verrückt sind, werden alle vernünstigen Leute eingesperrt". O. T. ß-, Innsbruck. Leider verspätet übersenden Sie uns die Nummer des..Tiroler Anzeigers" vom U>. September mit dem Briefe eines Nationalsozialisten an den Landesfübrer des nieder- österreichischen Hcimatschutzcs Major von Baar. Ter Parteigenoise des deutschen Reichskanzlers und„Führers" schreibt also:„Ihre Informationen, daß einige prominente Heimwehrsührer demnächst hingerichtet(!) werden, sind richtig. Di? Hinrichtungen werden sehr bald stattfinden. Zu Ihrem Gelselbesehl" ist folgendes zu sagen: Wir sehen Ihren weiteren Gewalttaten mit voller. Ruhe entgegen. Nur eines, bitte, ist zu merken: in dem Augenblick, wo sie die Geiseln ausheben, in dem gleichen Augenblick werden tausend Brunnen undO u eilen mitTuphus-undCholera- bazillen lnsiziert werden. Hierzu ist alles vorbereitet. Wenn sie einige hundert unschuldige Menschen verhaften, dann mühen einige tausend unschuldige Menschen sterben. Unrecht gegen Unrecht— Gewalt gegen Gewalt. Glauben Sic nicht, daß dies eine leere Drohung ist. Auch Dollfuß hat an die Warnungen nicht ge- glaubt, solange nicht geglaubt, bis er hingerichtet(!) wurde. Wir werden mit allen Mitteln kämpfen, selbst ans d t c 6) e- sahr.daß Oesterreich in Flammen ausgeb i."— Das sind durchaus echte Hitlcrlante. Geiseln, auch Frauen und Kinder, darf nur Hitler einsperren lassen. Wenn andere dem barbarischen Beispiel folgen, werden sie mit Tnphus und Cholerabazillen„hin- gerichtet". Im Taargebict gibt es Leute, die das für„positives Christentum" halten. Einer, der es mit den hochselig entschlafenen Liberalen immer noch zu tun hat, ist Herr Hans Bogner, der es an der Universität München, man weiß nicht durch was, zum Privatdozenten gebracht hat. Er hat sich verschworen, dem „Urbild des Liberalen", so drückt sich der Titel seines Zeit• artikels in den„Münchener Neuesten Nachrichten" aus, einen 30. Juni in litteris zu bereiten. Wir wüßten freilich nicht, wo noch solche Delinquenten zu finden wären. In Deutschland, wo es überhaupt immer nur so Lala-Liberalen, solche mit Eichenlaub und Schwertern, wenigstens soweit unsere persönlichen Erinnerungen zurückreichen, gegeben hat, ist die Gattung ausgestorben! Aber gut, soll Herr Bogner unserethalben auch die Ver' schiedenen noch hinrichten! Was hat er ihnen vorzuwerfen, insbesondere den Herren(schade, daß man nicht gut ,Pg.s sagen kann!)— also insbesondere den Herren Goethe und Nietzsche, die Herr Bogner ausdrücklich als solche„libe- ralen Urbilder" an den gauamtlich empfohlenen Pranger stellte,— was hat er ihnen an Misse-und Moritaten vorzuwerfen? Nun,„sie konnten nie den Staatsgedanken so blutig ernst(Herr Bogner sagt wahrscheinlich nicht ohne geschichtliche Reminiszenz„b I u t ig" ernst!) nehmen", als das eben heute von allen Bogners, von allen Privatdozenten und Friseurgehilfen in Deutschland verlangt wird. Vor allem aber— und das ist das schlechterdings Unsühnbare in der Tat—, das„liberale" Urbild a la Goethe und Friedrich Nietjsche„kann bei keinem Aufmarsch mitmachen"...» Also schreibt Herr Bogner. Als Johann Wolf gang noch das Land der Griechen mit der Seele suchte, konnte er noch nicht wissen, daß es wertvoller für ihn und den blutig-ernsten Staat gewesen wäre, wenn er als Scharführer der Weimarer S/1. Gepäckmärsche absolviert hätte, denn so blutleere und rasselose Verse von sich zu geben. Und dem Ucbermenschen Nießsche hätte man die Arbeitsdienstschippe statt des Federhalters in die Hand drücken sollen. Schon darum, weil dann Herr Hitler, der den Philosophen leider nur gelesen, aber nicht verstanden hat, wahrscheinlich nie sich eingebildet hätte, zum Diktator befugt und vor allem beschaffen zu sein. fr Dieser Tage hat Herr Kunschak, der alte Christlich- Soziale, wenn man so will, der Slegerwald Oesterreichs, in Hernais bei Wien vor katholischen Arbeitern geredet. Es war recht sympathisch, wie der alte Liigerkämpe in den leeren Wortgemengsein von„ständischen Prinzipien" und ,.ständischen Verfassungen", von denen diejenigen Staaten triefen, die allmählich merken, eine Wurst für ein Käsekrümchen. etwas Brauchbares, wenn auch mitunter schlecht Verwendetes, gegen einige Lot Quatsch vertauscht zu haben, treuherzig versicherte, er sei ein Demokrat und er werde, so Gott es ihm befehle, auch als Demokrat sterben. Herr Kunschak aber begnügte sich nicht mit diesem Subjektivum. Er fügte ein Objektivum hinzu, das sich in einem Diktatur- Staat immerhin als geäußerte Männlichkeit sehen lassen kann. Herr Kunschak ist nämlich gegen jede Sorte und Marke von Faschismus; was insbesondere Oesterreich angehe, so meinte er, sähe er schon lange völlig vergebens umher, um endlich für einen österreichischen Faschismus einen österreichischen Mussolini zu entdecken... Welch ein Glück, könnte man da sagen, daß es in Wollersdorf immer noch Geselchtes mit Knödel und nicht den Blauen Heincrich von Oranienburg gibt! F. E. Roth. Für den Gesamtinhall verantwortlich: Johann P i y tn Dud- weiter: lür Jnlerate: Otto Kuhn tn Saa-brllckcn. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volkssttmme GmbH„ Saarbrücken S. Echützrnstraße S.— Schlleßlach 776 Saarbrücken. Wichtige Tleuetsc fii jeden i BEER, Dr. M. Die auswärtige Politik des„dritten Reiches" kartoniert Fr. 25,— gebunden Fr. 35,— Polygraphischer Verlag AG, Zürich I Zu beziehen durch. tBucfifiandtiuiQ du Voikssümme Saarbrücken 2, Trierer Straße 24 Neunkirchen, Hüttenbergstraße 41 iPodeut fpeci atistc I DEUTSCHSPRECHEND Müncbener u Pariaer FakultÄt 17, rue Reaumur M4tro Arts-et-Mötlers od.(tepubllque Frauen-, Blut-, Haut-, Harn-und Ge- schlechtskrankheiten. Tripper, Syphi- Iis, Münnerichwäche. Neueste Heil- verfahren. Elektrizität. Harn», Samen- und Blutanalysen. Matilge Bedingungen.(Auch lür Kassen versicherte.) 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