Sinzigs unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr. 249— 2. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, den 8. Nov. 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Vot den Entscheidungen des Saac-Dceiecausschusses Seite 2 Östecceichische Reportage Seite 4 Das Qcauen in Spanien Seite 7 HMcrs„Weisen von Zion »» Ende des Burgfriedens Gesdiiditsquelle des ,TUhrcrs" als Sdiundliferafur entlarvt Fait eine Woche lang hat man vor dem Gericht in Bern in"4 rozeß über die„Weisen von Zion" verhandelt, ^as man die Berichte, so glaubte man sich in eine Gespenster- sitzung versetzt. Um eine längst erwiesene Fälschung, die vor Jahrzehnten im zaristischen Rußland von der Ochrana tabr,ziert wurde, gaukelte der Höllenspuck unserer Zeit. Man ay in die Produktionsiverkstätte der Gcschjchtslnge und ver- v g e i ie Wegspur des literarischen Schmutzes, beginnend oeim kleinen Provokateur und mündend beim Diktator. Das «"ner forensische Ereignis gehört zu den großen säkularen Prozegen, die ihre Epoche enthüllen. * Sein Ausgang steht fest, obwohl er bis Mitte Dezember vertagt wurde. Die„Deutsche Freiheit" hat die Aussagen der Zeugen und Auszüge aus den Gutachten der Sachverstän- digen veröffentlicht. Das Gericht hat mit einer Gründlichkeit nachgeprüft und die Beweisaufnahme in einem Umfange zugelassen, die im Gegensatz zu der Belanglosigkeit der An- geklagten, einigen Schweizer Frontisten, standen. Das Gut- achten von Professor B a u m g a r t e n umfaßte 120, das von Dr. Loosli L'OO Seiten. Jetzt soll noch ein Erperte der Angeklagten, ein Oberstleutnant a. D. namens Fleischhauer aus Mitteldeutschland, Einsicht in die Akten erhalten. Der zuerst vorgeschlagene berühmte Pfarrer a. D. Münchmeyer, tiuer Zudentöter von Borkum, war von der Post unauffindbar. Er lebt also noch. Jüngst hat er das Jubiläum seiner lechstausendsten Hetzversammlung begangen. rsisdmng uns Schundliteratur Wie urteilten die Sachverständigen, Gelehrte mit untadel- Haft rassereinen Stammbäumen? Die Protokolle seien eine „notorische Fälschung", um Judenpogrome in Rußland herauszufordern, sagt Professor Boumgarten. Sie bildeten in der vorliegenden Publikation von Fritsch einen„Bei- trag zur Schundliteratur". Aus den bisher nur in kurzen Auszügen veröffentlichten Gutachten von Dr. L o o s l i geben wir folgende Stellen ivieder, Aus Grund von Urkunden steht fest, daß die Sammlung von Grundlagen für die Fälschung der„Protokolle" be- rcits im Jahre 1884 begann. Es besteht jedoch die Wahr- scheinlichkeit, daß die Sammelarbeit der russischen poli- tischen Geheimpolizei, der Ochrana, schon früher be- gönnen hat. Als erwiesen ist zn betrachten, daß die „Protokolle" in ihrer annähernd endgültigen, französischen Fassung unter der Anleitung Ratschkowstys, Leiter der russischen politischen Geheimpolizei im Ausland, im Jahre 1 905 in Paris angefertigt und später noch ergänzt wurden. Die Fälschung diente internen russischen Motiven und sollte dem Zaren beweisen, daß die Juden es seien, welche sich gegen die damalige russische Staatsverfassung vor- schworen und die jüdische Weltherrschaft anstrebten Der Fälscher Ratschkowskn ist eine düstere Gestalt, die erwiesenermaßen auch in anderen Fällen von Fälschungen und Provokationen nicht zurückschreckte. Der Tert der „Prototolle" wurde dann später noch von S. A R i l u o erweiternd gefälscht. Die Frage, ob Beweise vorliegen, daß die„Protokolle" aus politischen Motiven gefälscht worden sind, muß be- dingungslos bejaht werden. Der Sachverständige stellt in Ucbereinstimmung mit einer im Jahre 1021 von der großen englischen Zeitung„D' m e s" durchgeführten Untersuchung fest, daß die„Protokolle" judenseindlichen und anderen politischen Zwecken dienten. Ohne die„Protokolle" wäre dies nicht oder dann nur in viel geringerem Maße möglich gewesen. Sie boten den Anlaß zn Judenpogromen und schürten im Bolke. namentlich im national- sozialistische,, Deutschland, de» Haß gegen das Judentum. Die Verbreitung dieser Schrift bat also überall, wo sie sich auswirkte, furchtbare Folgen gehabt. Nicht eine Behauptung der Befürworter der Echtheit der„Protokolle" hält einer»nbesangenen, ernsthasten Prüfung stand, lleberall, wo der Wahrheitsbeweis ver- sucht wird, verwickeln sich die Beweisführer in Wider- spt'üche. So oft es gelingt, einen Gewährsmann fcstzn- halten, erweist er sich bei näherem Zusehen ausnahmslos als ein Mensch von recht zweifelhaftem sittlichem Wert, wenn nicht gar als Berussfälschcr oder Ber- b recher. Außer der bereits erwähnten Hauptquelle der„Proto- kolle", nämlich das 1864 erschienene Buch von Joly ..Dialogues auv Enfers entre Macjiiavel et Montesquieu" ist als wesentliche Ouelle u. a. der Romau„B»arritz" des antisemitischen Schriftstellers Goedsche, genannt Sir John Retelisse. im Abschnitt„Der Judenfriedhof zu Prag" zu bezeichnen. Dieser Roman erschien bereits im Jahre 1868. Der Sachverständige kommt zu dem Schluß, daß die „Protokolle" i„ literarischer Hinsicht unter den Begriff der Schundliteratur fallen, und zwar unter die schlimmste Torte der Schundliteratur, die darin besteht, in verleumderischen, unterschiebende» Druckerzeugnissen, bewußt und gewollt, daraus auszugehen, ihre Leser zu verrohen, d»« Sittlichkeit und Rechtssicherheit z u erschüttern, gröbliches Acrgernis zu er- regen und das Schamgefühl, wie das Gewissen ihrer Leser- schast dermaßen irre zu führen und zu betäuben, daß sie sich zur Begehung von eigentliche» rechtswidrige» Handlungen bereit finde» läßt." Mit diesen„Weisen von Zion" habe» die national- sozialistischen Führer ein Boll in eine wilde Hetz- und Haßatmosphäre gedrängt. Mit der Behauptung, daß die Inden, den Baseler„Protokollen" gemäß, gewalttätig nach einer absoluten Weltherrschast strebten, wurde» Rechte und Mensche» vernichtet und dem kleinen Mörder die Waffe in die Hand und de» Glauben an die„Moral" seines Tuns ins Herz gepreßt. An der Wiege des dritten Reiches Vergessen wir nicht: die„Protokolle der Weisen von Zion" waren, sind und bleiben ein literarisches Dokument des„dritten Reiches". Es steht ist jeder besseren braunen Bibliothek. Es ist Informationsquelle und Lehrmittel für die Jnsiruktioren von SA., KI. und BdM. Es fügt zu den Beweisen über die jüdische Verworfenheit noch das schöne, zur Aktion anspornende Gruseln hervor. Tie Weisen von Zion stehen sogar an der Wiege des „dritten Reiches". Der„Führer" und Reichs- kanzler hat sie selb st inthronisiert, die neuen Könige aus dem M o r g e n lande zu Füßen des Hakenkreuzes. Es gibt in Hitlers „Mein Kamps" zahlreiche Stellen, in denen sich der Autor immer wiedeer aus die„Protokolle" beruft. Er sieht(Seite 8.87, Ausgabe 1998) in den Behauptungen, daß sie gefälscht seien,„gerade den Beweis für ihre Echtheit". Sie zeigten „mit geradezu grauenerregender Sicherheit das Wesen und die Tätigkeit des Judenvolkes". ver.«ihrer- von den..Weisen' lnsp rierl? Aber das ist nicht alles. In der„Deutschen Freiheit" hat zu Beginn dieses Jahres ein Nazisührer-Emigrant über- zeugend nachgewiesen, daß des deutschen Volkes„Führer" die„Weisen von Zion" nicht nur benutzt hat, um die Niedertracht der Juden zu belege,». Dieses Teufelswerk hat anscheinend eine noch viel tiefere Wirkung gehabt. Ganze Partien aus den„W eisen von Zion" lesen sich wie markante Stellen aus Hitlers Reden. Tie durch Fälschung den Juden unterschobene Staats- und Moralauffassung hat eine geradezu sensa- tionelle Aehnlichkeit mit den nationalsozialistischen Macht- Prinzipien im heutigen braunen Alltag. Wir geben einige Beweise: „Weisen von Zion". 22, II. und III. .... Wenn die Zügel der Verwaltung am Boden schleifen, dann ersaßt»ach den Naturgesetzen eine neue Hand die Zügel und zieht sie an: denn die blinde Masse des Volkes kann nicht einen Tag lang ohne Führer sein. Die neue Macht tritt an die Stelle der alten, welche der Liberalismus zermürbt hatte... Der große Hanfe, der sich ausschließlich von seichten Leidenschaften, Aberglauben, Gewohnheiten, lieber- lieserungen und gefühlvolle» Lehrsätzen leite» läßt, ver- strickt sich in den Parteigeist, der jede Möglichkeit einer Verständig«»« ausschließt, wenn sie auch ans Grund ge- sunder Vorschläge angebahnt wird— linier Recht liegt in der Stätte. Das Wort„Recht" ist ein künstlich gebildeter und durch nichts bewiesener Begriff, Er bedeutet nicht mehr als:„Gebt mir, was ich wünsche, damit ich einen Beweis dafür habe, daß ich stärker bin als ihr." Wo sängt da« Recht an, wo hört es auf? In einem Staate, in welchem die Macht schlecht geregelt ist, in welchem die Gesetze und der Herrscher durch zahlreiche Gesetze des Freisinns machtlos geworden sind, schöpfe ich ein-«es Recht, mich nach dem Rechte des Stärkeren aus die Verwaltungen zn stürzen, meine Hand aus die Ge- setze zu legen alle Einrichtungen umzubilden und der Herr derer> III, 49 II, 41 I: • eine Persönlichkeit, die von Jugend aus zur Selbstherrschaft erzogen wurde, kann die Worte vcr- stehen, die aus einem politischen ABC zusammengesetzt «nd.-. Rur eine selbstherrschende Persönlichkeit kann die Plane der«taatsleitung in voller Klarheit in einer Ordnung ausarbeiten, die alles im Mechanismus der «taatsmaschine richtig verteilt. Hieraus folgt, daß die geeigneteste Ttaatssor,» eines Landes dort gesunden ist, Leitung in der Hand einer verantwortlichen Per- lonlichkeit liegt... Nicht allein des Vorteiles wegen, son- dern vor allem au chim Namen der Pflicht, des Sieges halber, mäßen wir festhalten an der Anwendung von Gewalt»nd, Heuchelei.....Die Absetzbar! e.i t d e r Volksvertreter«ab diese in niisere Gewalt und machte Ernennung gleichsam von nns abhängig.«d..:a»j >rert«s Manenmeeting, das sich zu einer wuchtigen Einheits- tront-Kundgebung der englischen Antihillcriancr siir die Aktionseinheit an der Saar gestaltete. Tort sprachen zum ersten «d.'n Vvnöo,, die Führer der deutschen Freiheitsfront, Max Braun und Frist Pfordt, jeder von ihnen. nicht endenwollendem Beifall begrüßt. Ten Vorsitz der über- füllten Versammlung hatte Tr. U ersha m. eine der leiten- »en Perjönllchkciten in der englischen pazifistiichen Aerzrc- bewegung. Besonderes Interesse rief der zucndende Appell des englischen Katholiken durch Bicomte de la Be- donere, für den Status quo hervor, der in der Erklärung &!?- 6fl£., c Einbeziehung von Katholiken i» die antl- ?'""ische Einheitsfront der Saar beispielgebend für die ganze Welt ,ei.«tairk begrüßt wurde ebenfalls das«nitre Äiftoivel, eines derjenigen Mitglieder der. abonr hart», die sich trotz des Bannstrahls der Labvur }?1^ 01 ,V^ 0llt! lulri n'eiter mit den Bemühungen des eng- tischen Hilfskomitees und mit seiner Saarkampagne solidarisieren. Zum Ab.chluß der Bersammlung hob Jvor Mon- tag», der in, Namen des englische» Hilfskomitees sprach, die ungeheure Bedeutung einer unmittelbaren Aktion aller englischen Antifaschisten in der Frage des Zralus a»o her- vor. Eine Sammlung für den Kampffonds der antifaschi- Nischen saarländischen Freiheitsfront brachte 35 Pfd. Sl Ei n e R e s o l u t i o n für den Status g n o iv u r o e einstimmig angenommen. Unter stärkstem Beifall ^eitundete. der Borsitzende, daß zahlreiche namhafte eng- tische Intellektuelle sich in einer Petition an de» Völkerbund gewandt habem um Gewißheit über den völkerrechtlichen 5r>r t«•«intuö quo und die Möglichkeit eines zweiten Plebiszits in späterer Zeit zu verlangen. Anläßlich der Anwesenheit Mar Brauns und Frist Pfordts veröffentlichen alle großen englischen Blätter spaltenlange Interviews mit den Führern der Front für de»«latus quo. «v schreibt der„M a n ch e st e r Guardian" am 3 November: »Es ist von größter Wichtigkeit, daß der Völkerbund eine Erklärung abgibt, die es der«aarbevölkerung ermöglicht, völlige Klarheit über den Unterschied zwischen dem«latus auo und den beide» anderen Möglichkeiten der Wahl zu er- halten. Tie«aarbevölkerung soll imstande sein, zu erklären, daß unter dem«latus quo ein gewisses Selbstbestim- mungsrecht garantiert ist, weiter sollte sie wissen, ob am kg. Januar die endgültige Entscheidung fällt, oder ob sie die Möglichkeit hat. in der Zukunft noch einmal wählen zu können." »News Ehrv nicle" vom selben Tag weist besonders eindrucksvoll aus die Folgen einer sofortigen Rückgliederung der Saar an Hitlerdeutschland hin: »Wenn Hitler siegt, wird er furchtbare Abrechnung mit den Anti-Näziwählcrn ablmlten. Mindestens 20000 Personen wären sofort gezwungen, die Saar zu verlassen. Tie Line kafflolisdie Warnung An das Saargebiet Die früher katholische und J'tjt hitlerische Presse des Saargebie.tes hat so große Sorgen wegen der Kirchenverfolgung in Mexiko, daß sie sich um die Katholiken- Verfolgung ijn Reiche nicht kümmern kann. Anders die klerikale Presse des benachbarten Elsaß, die lebhafte Warnungen an die Katholiken richtet und jedenfalls nicht geneigt ist, die Freiheiten des Laienstaates Frankreich mit dem„positiven christlichen" Diktaturstaate jenseits des Rheines zu vertauschen. Der ,.Elsässer Kurier"(Nr. 251) bringt einen Aufsaß:„Was können die Katholiken lernen aus den Vorgängen im dritten Reich". U ir entnehmen diesem Artikel: Man sagt vielleicht, man müsse nun mit neuen Methoden den Katholizismus durchsetzen. Mit was für Methode»? Wie heißen diese Methoden? Wo sind sie bisher geübt ivor- den? Wie soll man es praktisch anfangen? Man müßte doch wenigstens Gelegenheit haben,«»^irgendeiner Stelle noch Kritik zu üben. Eine solche Stelle gibt es nicht. Nicht in der Tagespreise, nicht in.Kirchenblättern, nicht in den Vereinen, nicht aus der Kanzel, nicht im Radio, nicht im Parlament. Ja, wo denn sonst etwa? Tic Führer des Nationalsozialismus dürfen nicht kritisiert werden. Ueber die merkwürdigen Raffenideen, die in manchen Nazi- köpfen sitzen, darf man nicht einmal einen Witz machen, i'ai* sen sich die»Großen" nicht kritisieren, so verbitte» es sich die „Kleinen" um so mehr. Führerprinzip heißt weithin: Maul halten. So habe» einige gedacht, es könne wenigstens in wis- senschastlichcn Kreisen und Zeitschriften etwas geschehen. Nun, und wenn auch, an wie wenig Menschen kommt das heranI Und auch da darf die Sprache nicht zu dcullich wer- den, sonst droht das Verbot, das wie ein Damoklesschwert über jedem freiheitlichen Kopse hängt. Willst d» im„dritten Reich" noch da katholische Worte sprechen, so wie es eigentlich gesprochen werden muß, dann kannst d» in ei» Konzentrationslager gehen und dir dort ein Publikum suchen. Man siebt, daß es keine neuen Methoden gibt. Man steht, daß eine Partei nicht ersetzt werde» kann. Tje Nutzanwendung ist klar: Ta wo es noch möglich ist. sollen die Katholiken alles tun. um die Idee der p o l i tische n Freiheit zu retten. Tun sie das nicht, so wird es gewiß eine Katakombcnkirche gebe». Es wird Heilige und Märtyrer geben. Das Ehristentum wird bleiben. Aber seinen wohltätigen Einfluß ans den Gang der Mensch heit und die Kultur wird es verlieren Tas Abendland wird in das Heidentum zurücksinken, und es wird nicht einmal ein Jeremias mehr die Freiheit haben, aus de» Ruinen einer untergegangenen christlichen Kultur seine Klagelieder z» singen. So ist das Sireidier rnlstli.. Hitlers Busenfreund und Herausgeber des«chmicrblat- tes„Stürmer". Julius Streicher, hat in Gclscnkirchen eine Rede gehalten, in welcher er sich aus seine Weise mit dem Saarproblem beschäftigt hat Er versuchte in seiner Rede die „Hintergründe" des verbrecherischen Treibens an der Saar aufzuzeigen. Dabei machte er folgende»Enthüllungen": „Wir glauben, so sagte er, den Feind zu sehen und sehen ihn nicht. Nicht die Völker, nicht das französische Volk ist unser Feind, Feind allein ist der getarnte Jude, der an der «aar Matz Braun heißt." Jetzt kenne» wir also die„Hintergründe" des verbreche- tische» Treibens an der Saar! Max Braun ist zwar arischer Abstammung und kann sogar, im«Gegensatz zum„Führer", den Nachweis erbringen, daß sein Großvater Arier ist. Ten- 'noch ivird heule im„dritten Reich" das Greuelmärchen ver- breitet, er sei ein getankter Jude, lind diese Greuelmärchen verbreiten nicht etwa„untergeordnete Organe", sondern Männer, wie Julius Streicher, der Allmächtige von Fran- ken, der Intimus von Hitler, der Mann, dem die große Ehre erwiesen ist, daß in„seiner Stadt" alljährlich die Nazipartei- tage stattfinden,«oll wirklich das«aargebiet an ein Land ausgeliefert werden, in dem solche Irrsinnige, wie Julius Streicher, herrschen? Man muß schon selbst vom Wahn be- sessen sein, wenn man unter die Knute der Streicher kommen will, statt mitzuhelfen, Teutschland von den Mördern und Sadisten zn befreien Sehr Iröfltdi" 0 0(10 Juden an der Saar wären dem Ruin preisgegeben. Auf die Frage, wie Mm: Braun und Fritz Pfordt gegen- ivärtig das Abstimmungsresultat einschätzen, wurde uns mitgeteilt, daß Hitler mit 40 Prozent und der Status quo mit etwa Ä Prozent Stimmen zu rechnen hätten." Sehr klar hebt der„Tailu Herald" vom 3. November die drei unmittelbaren Lebensfrage» der antihitlerijchen Saar- bevölkcrung hervor: „Max Braun und Fritz Pfordt bringen aus ihrem Lvn- doner Besuch in ihrer Eigenschaft als Vertreter der Ein- heitsfront gegen die Nazis drei Punkte mit, drei Lebens- fragen für eine glückliche Zukunft ihres Lai des, die sie dem englischen Volk einzuprägen bestrebt sind: Erstens, daß die gefälschten Wahllisten den Sinn der Abstimmung vollkom- inen zunichte machen: zweitens, daß eine ernste Gefahr eines Nazipntsckcs oder eines zügelloseren Naziterrors i» dem Fall besteht, wenn die Saarländer sich ganz oder zu einer starken Majorität gegen Hitler ausspreche»,' drittens, daß es notwendig ist, daß England de» Völkerbund zu einer klaren Testnition des Status quo und zur Sicher- stcllung einer durch keine» Naziterror beeinflußten Ab- stimmung anregt." Gegenüber dieser Sprache solcher Blätter der verschieden- sie» politischen Richtungen und gegenüber der mächtigen Solidaritätskundgebung des englischen Hilfskomitees, fallen wieder einmal die Lügen der Naziprcssc an der Saar, die unverfroren die Anwesenheit Brauns und Pfordts in Lon- don als frei erfunden erklären wie ein Kartenhaus zusam- inen. Tie Wucht der englischen Kampagne für die antifaschi frische Freiheitsfront an der Saar und für den Sieg des Status quo, wird nicht verfehlen, in breitesten Kreisen der noch nicht aufgeklärten Saarländer stärksten Widerhall zu finde». Eine Saar-Jugcnd-De ega ion nacfi Ens and Bei der Redaktion der neuen antisaschistischen Jugendzeit- schrift„Freie Jugend" ging ein Bericht des Sekretärs des Einheitskomitees der englischen Jugend ei». Ter KJV. und die Jugendliga der Unabhängigen Arbeiterpartei haben eine große.Kampagne zur Unterstützung der deutschen nnd speziell der Taarjngend eingeleitet, lim die Verbundenheit der englischen mit der deutschen Jugend besonders zum AuS- druck zu bringen, hat das Einheitskomitee durch Vermittlung der„Freien Jugend" eine dreigliedrige Telegation der Saar- jugend nach England eingeladen Nach de» Wünschen der Engländer soll sich die Telegation möglichst aus einem jungen Katholiken, einem jungen Sozial- d c m o k r a t e» u n d ei n e m I u n g k o m m u n i st e n zu- f a m iu e n je tz e n. Angesichts der verstärkten chauvini- frischen Hetze an der Saar hat diese Jugenddelegation bcson- ders große Bedeutung. Tie Redaktion der„Freien Jugend" hat>osort alle Schritte im Saargebier unternommen, so daß damit zu rechnen ist, daß die Tele-'••"o+ Laufe des Monat November abreisen kann. Ha'hottsclie«rittst verboten Was die Saarkathoiiken im„dritten Reich" erwartet Von der städtischen P o l i z e i v e r w a l t u n g in Fulda wird mitgeteilt:„Ter im Verlag der Fnldaer Aktiendruckerci erscheinende„Bonifatius-Bote" ldas Svuntagsblatt des Bistums Fulda. Schnittig.> hat durch die Staatspolizeistclle für den Regierungsbezirk Kassel eine schriftliche Verwarnung erhalten wegen der kürzlich gebrachten abfälligen Kritik der natiönalsoziali- frischen Erbgcsundheitsgesetzgebung. Bei wei- teren ähnlichen Verstößen ist die Vorzensur bzw. das Ver- bot des Blattes, das wiederholt zu Beanstandungen An- laß gegeben hat, in Aussicht genommen." Es ist also nicht einmal erlaubt, in einer katholischen Bischofsstadt die von den Bischöfen aufgestellten reli- g i ö s e n Grundsätze gegenüber der Sterilisationsgesetz- gebung öffentlich zu vertreten. In der Presse des Hitler K->'('olizjsmns an der Saar ist davon nichts zn lesen. n Aber eisig Paris, 7. November. Ha v a s meldet: Ter französische Außenminister Lava l hat Tienstagnachmittag den deutschen Botschafter Roland K ö st e r empfangen, mit dem er sich ausführlich über die verschiedenen Problem nnterhalteu hat, die beide Länder interessieren. Insbesondere über gewisse Fragen der P o l k s a b st i m m u n g im S a a r g e b i et. Im Verlauf dieser sehr höflichen Unterredung hat der s r an z ö s i s ch e A u ß e n m i n i sie r festgestellt, daß Frankreich aus keine der Pflichten, die ihm in Ausführung seiner internationalen Verpflichtungen dem Völkerbund gegenüber obliegen,»er- zichren wolle, noch könne. Außenminister Laval legte andererseits Wert darauf, die Mitteilungen der ausländischen Preise über angebliche mili- tärische Maßnahmen und insbesondere über Truppen»«- schicbungen zu dementieren, um damit jedem Mißverstand- nis die Spitze abzubrechen. Ter Botschafter hat indem er der Auffassung der Reichsregieruug Ausdruck verlieh, bestätigt, daß Teutschland in keiner Weise die durch de» Friedensvertrag festgesetzten Bedingungen zur Gewährleistung der Abstimmungssreiheit der Saarländer verkennen wolle. Ter frairzösischc Außen- m i n i st e r nahm mit Genugtuung diese Erklärung zur Kenntnis, um seinerseits daran zu erinnern, daß die Absich- ten der französischen Regierung hinsichtlich der völlige« Ach- tung dieser Abstimmungssreiheit stets ebenso klar a-wesen seien. Ein französischer Kommentar Paris, 7. Nov. Zu dem Besuch des deutschen Botschafters v. Köster bei Außenminister Laval gibt der dem sranzö- fischen Außenministers»»! nahestehende„Petit Pari- sicn" einen ausführlichen Kommentar. Tas Blatt erklärt, daß der sranzösische Außenminister ausdrücklich betont habe, daß Frankreich an seinem Recht festhalte, an der Saar Truv- pcn einmarschieren zu laffen, falls irgendwie der ruhige Ab- laus der Abstimmung gefährdet sei, und die Rcgierungskom- Mission des Saragebietes französische Hilfe anfordere., Es heißt dann weiter:„Von zwei Seiten wird also jetzt die Position vor der Saarabstimmung deutlich und klar fest- gestellt. Wenn sie von deutscher Seite während der Ab- stimmllngsperiode so bleiben, wie sie heute zu sein scheinen, dann ist es erlaubt, zu hoffen, daß dk Volksbefragung an der Saar sich in würdiger Ruhe abwickeln wird". Die vielseitige ramme Papen Seltsames von den Abstimmungslisten Havas berichtet aus Saarbrücken:. Tie Abstimmung« kommiffion setzt die Prüfung der zahlreichen Reklamationen, die nach dem öffentlichen Anschlag der provisorischen Listen mit den Namen der Abstimmungsberechtigten eingingen, fort und hat die Hoffnung, sie in kurzer Zeit abschließen zn können. Tie Abftimmungskommission beschloß die Einrich tung einer Z c n t r a l r e g i st r a t u r, die die Namen der 550000 mutmaßlichen Stimmberechtigten in alphabetischer Reihenfolge mit den Vornamen und allen andern Angaben enthalten soll, um aus diese Weise mehrfache Ausführung von Stimmberechtigten in den Stimmlisten zu vermeiden. Zu diesem Zweck sind von der.Kommission weitere Per sonen angestellt worden. Tic mehrfache Aufs ü h r u n g desselben Namens kommt wirklich nicht gerade selten vor. To sind v. Papen und fünf seiner F a m i l i e n a n g e- hörigen in den W a h l l i st e n zweier ver- schieden er Ortschaften des Saargebiets an geführt. Tie Abstimmungskommission muß besonders bei den stimmberechtigten Frauen auspassen und daraus achten, welche Frauen nach dem 28. Juni 1010 heirateten, welche sich scheiden ließen oder nachher wieder heirateten, damit nicht die gleiche Frau unter verschiedene» Namen in der gleichen Ortschaft oder in verschiedenen Ortschaften in den Wahllisten figuriert. Zeilungsverstole an der Saar Die Regierungskominission hat die Tageszeitungen„Saar- und Blies-Zeitung",„Ottweiler Tageblatt",„Homburger Zeitung",„Wiebelskirchener Zeitung".„Tudweiler Zeitung" mit sofortiger Wirkung ans die Dauer von 10 Tagen ver- boten. Tas Verbot erfolgte auf Grund des 8 6. Abs. 2, Zif- fcr 1 der Verordnung vom 18. Juni 1028 betreffend Maß- nahmen zur Ausrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit im Saargebiet und des Artikels 15. Ziffer 1 der Verordnung vom 20. November 1938 betreffend Abänderung und Ergän- zung der Verordnung vom 20. Mai 1033 sAmtsblatt 1088, Nr. 21) zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit. Tie Zeitungen haben in ihren Nummern vom 5. November 1034 unter der Ueberschrift„Wir warnen Frankreich vor Gewalt" einen Artikel gebracht, der den Tat- bestand der oben bezeichneten Verordnungen erfüllt. * Tie Regierungskommission hat auf Grund des§ 0, Abs. 1 der Verordnung vom 18. Juni 1023 betreffend Maßnahmen zur Aufrcchterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit im Saargebiet die Verbreitung der Tageszeitung„Berli- »er Börse n zeit» ng" im Saargebtct bis auf weiteres verboten. Das Blatt hat bekanntlich einen Hetzartikel gegen Herrn Knox gebracht, worüber wir kürzlich berichtete». Mllfeisfäiidler als Siindenbödfe Schließung von Geschäften Berlin, 7. Nov. Zivei Fleijchergeschäfte in Berlin-Steglitz sind wegen Zuwiderhandlung gegen die Preisaushangbestimmungen polizeilich geschlossen worden. Der Polizeipräsident von Kassel teilt mit, daß er auf s^innd deS Erlasses dcS preußischen Ministerpräsidenten über Preissteigerungen im Lause deS Montaa eine Anzahl >r l e i s ch e r e i b e t r i e b e und Kolonialwaren- gcschästc vorübergehend hat schlichen lassen, weil fest- gestellt wurde, dah diese Geschälte die Preisverordnungen nicht beachtet hatten. Nach Abstellung der Mängel sollen die Geschäfte wieder eröffnet werden. •4 er Polizeipräsident von Glei>vitz gibt bekannt: In Verfolg des Erlasses des preußischen Ministerpräsidenten über ungerechtfertigte Preissteigerungen habe ich am 5. November in Hindcnburg einen Ileischereibetrieb und in Benthe» vier Tttcifcftcrcibetriebe polizeilich geschlossen, weil die Geschäftsinhaber sich geweigert haben, den auf Grund der Verordnung des Reichskommissars für Preisttbcr- wachung getroffenen Anordnungen des RcgiernngS- Präsidenten vom-'3. Oktober 1!)34, Preisverzeichnisse in den Schaufenstern auszuhängen, nachzukommen. In Diirdiels Reich Oder, wer lügt? Unsere Darlegungen über die Lage in der Pfalz haben w.cderholt zu heftigen Wutausbrüchen der Verantwortlichen geführt, aber es>var ihnen vis jetzt niemals mög- lich. auch nur das geringste zu widerlegen. Unser letzter Bericht scheint nun angesichts der trampfhaiten Be- mühungen, das Saarvolk über die ivirkliche Lage im bleich h.nivegzutäuschen, besonders eingeschlagen zu haben, denn Herr Bürckel hat in der pfälzischen und in der gleich- geichalteten Presse des Saargebictes eine nmsangrciche „Widerleg»>,g"»eranlaßt. Zu dieser„Widerlegung" mit dem llntertiel,„Emi- grantenlügen in der Saarseparatistenpressc werden e»t- larvt", sind uns Zuschriften aus der Pfalz zugegangen, von ivoher auch unsere Psalzberichte kommen. Es ist nicht mög- lich, alle diese Zuschriften zu veröffentlichen, aber dies ist auch gar nicht nötig. Man kann den Bericht aus Bürckels Lügenküche»och so aufmerksam lesen und man wird auch nicht die geringste Widerlegung finden. Wenn eine Senkung der Wohlfahrtsausgabe, die unter der Naziherrfchaft um 1 Prozent erhöht wurde, wirklich erfolgt ist, dann hat die Bevölkerung jedenfalls noch keine Kenntnis davon In allen entscheidenden Punkten wird die Richtigkeit glatt zu- gegeben. Dah beim Schmalz eine Senkung um 10 Pfennig „unmit'elbar bevor st c h t", kann mit Interesse zur Kenntnis genommen werden, aber unsere Feststellungen zu diciem Punkt uns mir dieser„Enthüllung? nicht w.Verlegt. Zu der besonderen Notiz über die Pirmasenser Schul- Verhältnisse werden wir in den erwähnten Zuschriften daraus aufmerksam gemacht, dah eine schlimmere Ber- drehung der Tatsachen kaum noch möglich ist. Es wird in der Berichtigung so Hinzustellen versucht, als ob die Ber- antwortlichen des alten System einen„Saustall" und»Mist- Haufen" hinterlassen hätten und sich nun als Emigranten i:n Saargebiet befinden würden. In Wirklichkeit lich sich der in erster Linie verantwortliche, früher der deutschen Bolkspartci angehörende Oberbürgermeister und Geheim- rat Strobcl gleichschalte» und arbeitete noch säst ein Jähr unter den höchsten Lobsprüchcn der Nazis unter deren Herrschast. Auch nach seinem erzwungenen Rücktritt ging dieser Plann nicht ins Ausland, Bon der bürgerlichen ? clirheit einichlieülich Naz»s. die jedes Jahr bei der Budgctberatung die sozialdemokratischen und komm»- nistischen Anträge ans Bau eines ZHulHauses abgelehnt hat, befindet lich inneres Winens nicht ein einziger im Sa arge biet. Das gleiche triff» nach unseren Inior- mationen hinsichtlich der seit vielen Zähren als Antrag- steiler i» fragen des Tchnl'ortschritts ansgc'>etcncn Sozialdemokraten zu. Ucbercinstiuimend weise» alle Zu- schristeu daraus hin, daß die Bevölkerung die Berich tigungen des Herr» Bürckel als Selbstentiarnnna und als B'stä«»e>nng enii'r*« Veeschlech'ernna der Lage gegenüber der Zeit vor der Hitlerdiktalnr betrachtet. OeskereMisdie Repor.'aLe Bon P c t c r Bitter. Das ist das offizielle Oesterreich: Das Lebe» und Gesicht des Landes ruhig, als ob nie ichiverc, politi che Stürme darüber hinweggefegt hätten. Dem Inhalt der gleich- geschalteten Zeitungen nach, alles in bester Gottgewollter) Ordnung. Tie Wirtschaft hat eine bisher nie gekannte Be- lcbung erfahren, die Arbeitslosigkeit abgenommen, die über- Wiegende Mehrheit der Bevölkerung steht fester denn je z» der ebenfalls fester denn je stehenden Regierung! kurz, es ist eine Ireude Ocsterreichcr z» sein., Der Reisende, der bloß oberflächlich mit der Bevölkerung Iiihlnng nehmen kann, wird sicher voll des Lobes über den österreichi che» Faschismus sein. Ihn stören nunmehr keine Boinbenwürse ans Eisenbahnen seitens ber Nazis Kein Böller kracht mehr aus dem nationale» Lager. lUebrigens das einzige Verdienst der Regierung daß der braune Terror eingedämmt wurde.» Tic werktätigen Anhänger der Nazis haben eingesehen, daß man mit Bomben allein nicht viel ausrichtet. Ein Teil von ihnen ist zu den Kommunisten und Sozialisten abgc- schwenkt, und der andere.Teil, der dies mit Entsetze» wahr- nimmt, bemüht sich durch den Ingenieur Reintaller, einem Mittelsmann Hitlers, um eine Verständigung mit de», Hahnenschwanz, indem er seine Bütteldienste gegen die zu- nehmende Revolutionierung der arbeitenden Schichten des Volkes anbietet Die Zeitungen bringe» sehr selten Be- richte über Verhastv"aen aktiver Sozialisten oder Komuin- nisten Man schweigt den erbitterte», unterirdische» Kamps einfach tot. -» Dem Charakter de? österreichischen Systems enttsprcchcnd, versuchte man die Arbeiter, nach der Niedermetzelung des Iebruarnufstandes. mit dem Zuckerbrot für den Staat der „Vaterländi'chen Iront" zu gewinne». Irgendein findiger tat den Ausspruch daß im Zebruai„aus beiden Seiten für Oesterreich gekämpft wurde". Man bot den führerlos ge- wordenen Arbeitermasse» die noch vom Blut dampfende' Hand. Man stahl ehemalige sozialistische Blätter, gewann einige Ueberläufer. ließ die Zeitungen mit demselben Kops erscheinen wie früher, zog die Aktion Winter auf. Dr. Winker ha« sich redlich in leinen„BcrsShnnnagverlammlnn- aen" nm d>e cüWr'ichiirfmi! Peilet«» bemüht Es trn'-n auch ivesche der..Vaterländischen I-rpnt" bei lln s doch mußte Skarhemberq dieser Tage erklären:„Laßt die Arbeiter in Ruh«! In Sprechabenden werden wir sie nie gewinnen." J. w. d." Eine Reise in die Unterwelt Berlins In die„Unterwelt", in das unterirdische Deutschland haben sich die mutigsten Angehörigen jener Opposition geflüchtet, die die deutsche Polizei in den Tod hetft. Kavier de Hauteclocque, der im ..G r i n g o i r e" seine Artikelreihe..H i tl e r am Scheidewege" veröffentlicht, will dieses unterirdische Deutschland kennen lernen und verirrt sich dabei auf einen Apachenball im„Münzhof" in Berlin. Paris, 29. Oktober. (Von unserem Korrespondentcns Man erinnert sich wohl noch an Willi, den roten Auto- droschkenchaufscur, dem ich cS zu danken habe, daß ich in die Wohnungen von Schleicher und Iran Ernst gelange» konnte. Wie ich Willi kennen lernte, warum er mir mit allen Kräften half, darüber möchte ich beareiflicherweisc nichts sagen. Den größten Teil dieser Untcrsnchuiig, die sehr schwierig war. danke ich dein Berliner Droschkenchausseur. Es gibt keine Zunft, deren Mitglieder mehr zusammenhalten, und die dem Hitlertum gegenüber widerspenstiger geblieben sind als sie. An einem Abend im Juli schickt Willi mir Brnno zu. Man will mir interessante Dinge zeigen, will mich zu dem bringen, was von der llnterivelt übrig ist, der„unterirdischen Welt", zu jenen vogelfreien Menschen, denen der N-'—ilsozialts- innS glaubt, daS Lebenslicht ausgeblasen zu haben, weil er viele von Ihnen getötet und mehr noch in seinen Gefängnissen eingekerkert hat. Bor dem Hotel, in dem ich woline. stehen ,»>>>i dickbänchiae gallonicrte Pförtner, deren stattliche Schattenbilder sich wie Lenchttürine in dem blendenden Gitter des Portals in die Höhe recken. Bor ihnen die Nacht und die schleichenden, verstohlenen Schatten, die die Berliner I'v«erniS auftauchen läßt: Bettler. Prostituierte beiderlei GZch«"**'.Beobachter". Bruno streikt im Dunkeln nmber. Er ist ein„Lude", ein Mensch, der von Irancn lebt, so wie man in dem Elend dieser Hanvtstadt leben kann, wo man die Schönheit schlechter be- zahlt als getragene Kleidungsstücke,^»in*. sehr kräftig gebaut, angenehmes Gesicht, im modernen, aber von der Stange gekauften Anzug, mit»einen ausgetretenen Schuhen. „Wohin geben wir, Bruno?" Lachend antwortet er:„I. iv. d." Eine Redensart im Berliner Dialekt, die besage» soll„ianz weit draußen". I. w, d. liegt im Norden, nicht weit vom Alcrandcrplav und dem alten Polizeipräsidium. Zwischen Wedding, Pankow und Weißensee. wo man tagtäglich nicht so viel zu essen bat, wie man eigentlich braucht, erstrecken sich die Bezirke einer noch tieferen und schrecklicheren A-muit. Unsere schlimmen W'iikel im Eliaronnc-Ouartier in Paris könnten einem keine Borst-Klnva davon geben. Man muß die«e weiten Straßen gründlich kennen, die ein- sam scheine» und doch von Menschen wimmeln, die dicht an den Wänden entlang streifen, diese Straßen, an denen schwärzliche Häuser sich cii«lana ziehen, in denen der.Hunaer der Arbeitslosen lauert. Zwischen diesen, de» Verhältnissen avaeincksciien ElendSguartieren schlängeln sich übelriechevde Gäßche», Ab und zu nnbebantr Grundstücke, solche mit An- sammlunaen von stellende»', Wasser. Die Beleuchtung hat man eingeschränkt: Svariamkeit. Die Straßenbahnen lasten ihr Licht da hineinfallen, und die vereinzelten Autodrolchken raien mit Hupengetö» vorüber. Man möchte sagen. Schlepvda>nnler, die tick, in einem zu Stehen gekommenen Sturm flüchten, unter Verzicht darauf, große in 3lvt b"U»d(iche Schine zu retten, die voll stummer Schiffbrüchiger sind. * An der Ecke der Münz- und Schönhauser Straße erbebt sich der bekannte Mün'«-ol">»olz ans seine Blechmnsik- lanelle und»eil"' elektrischen Lichtbogen. Ein großes Tanzlgcal der unteren Schichten, eine Art „A»achcn"ball. aber-„her und iveniaer an» formen bedacht als d-e in un»'erer R»»e de Lonne^«e Ll-„te a»s der Unter- iv«'»« d--r stleichs»>a>'»«stadt wollen sich^»er mniiiie"». Mustker wie Snldateg anaecaaen. Trommler. Trovipeter, »B"ck"„'ch>äaer Pie»e'»iiie'ck'e,, haha» a„saesp''nchene ttzalgen vöaa'a»stm»er.'r-aa naß» hat.-v»an aehe ein mal Samstags hin. Da sieht man zahlreiche Betrunkene, gut gelaunte HandelSgehilfen. An ihrer Seite befinden sich i>rauenzimmer, deren Aufgabe eS ist, ihren Kavalieren das Geld abzunehmen. Tic aber, die in Wahrheit davon den Nutzen haben, die Beschützer dieser Damen, warten nicht draußen, wie sie das mit einer gewissen Z-rückhaltung bei uns tun. Die Berliner„Luden" lauern am Ncbcntisch. Die Zuhälter von der SS. Unter diesen.Luden" sind viele in Uniform mit dem Toten- krps, viele SS.-Leute. Denn aerad? das Lumpengesindel hat sich der Hitlerbewegung angeschlossen. Wenn man eine bessere Dame dorthin führt, dann empfiehlt es sich, ihre Hand- taschc in der eigenen Rocktasche zu verbergen. Der Münzhof besteht aus zwei Sälen: der eine, riesig und vollgepfropft von einer Masse jämmerlicher Gestalten, ist eine Art Lokal. Ivo man im Stehen sein Getränk zu sich nimmt. Tort»'vielen Musiker, die recht schäbig aussehen. Der andere dient als Tanzlokal. Nischen, die„,it künstlichen Rosen gc- schmückt sind. Ivo man für das Bier einige Pfennige mehr zahlt. Nur die Glücksritter, die schwarzen SS.-Leute und die Gäste, die über einige Reichsmark verfügen, tummeln sich dort mit den Damen ihrer Wahl. Brnno. der Lude, führt mich zu einer Nistfic, wo ich meinen Chausseur Willi mit einem Mädchen treffe, das Beachtung verdient. Ilm sie nicht der Polizei zu verraten, wollen wir sie Sara nennen. Sara ist noch recht jung 19 Iabre. Bor fünf Jahren ver-• bandelten sie ihre Eltern, bankrotte KrämerSleute. an einen Kuppler. Sara ist schleck»' angezogen. Ein elendes Kleid ans Zlanell, eine knallrote Bluse, genügen, um ihre runde« und kräftigen Normen in Erscheinung treten zu lassen. Dichtes, gewelltes, dunkelschivarzcs Haar, verborgene Augen, die so scheinen, als ob in dee Icrne Leidenschaften schlummern, eine Art scheuer Anmut, die es ihr ermöglicht, ieden zu täuschen, sogar die Herren'von der Geheimen Staatspolizei, denen sie sgl>'cbe Ausklinkte g»bl Man sieht, ein wahres Wunder. In den fünf Ighren, wo die kleine Sara im Norden auf den Str»-«' aebt, ist sie mit revolutionären Bkivegnngcu sehr viel in Berühr,»na gekommen. Gestern suchte sie ihre Lieb- Haber in den SA.-Kreise» g-tzt. wo diese nick», mehr da sind, »»cht sie sie unter den SS.-Leute«. Sie erzählt interessante Dinge. Unmöglich ist es nicht, saß die klei»e Sara bei der nächsten Schießerei mit einer Kugel in ihrer roten Bluse zu- gründe geht. Sa harn es! Die„Deutsche Bergwerkszeitung", das Organ der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie, schrieb am 24. Juli 1932, ein halbes Jahr var Hitlers Machtergreifung: „Aber trotzdem bleiben„Sozialismus" und„So- z i a l i s i e r» n g" bei uns noch die neueste Mode, der „dernicr rri" des 20. Jahrhunderts, und auch die größte parteipolitische Beivcgung aller Zeiten, die Rationalsozia- listiichc Partei, kann es sich nicht versage», dieser Mode ihre Reverenz z» erweisen. Sollte sie freilich, zur Macht gelangt, ernstlich an irgendwelche Sozialisicrungscrperimcnte lim bisherigen Sinne des Wortes» herangehen, so ist zu ver- muten, daß ihr alsbald neun Zehntel ihrer Anhänger wieder davonlaufen- Aber vielleicht benutzt auch sie das Wort„Sozialismus" nur als Aushängeschild und w» gibt ihm nachher in der Praxis eine vollkommen andere Auslegung— was, nebenbei bemerkt, herzlich zu wünschen wäre." Die Bergwerkszeitung hatte allerdings leicht prophe- »seien Während das deutsche Volk sich durch Hitlers Rund- funkreden die Köpfe vernebeln lieh, wußte sie über die intimen Gespräche gut Bescheid, die in schalldicht abge- schlösse»?» und kantfortabel eingerichteten Räumen zwischen Thyssen und Hitler gepflogen wurden. Inzwischen ist alles eingetreten. Ivos die Schwerindustrie so herzlich gewünscht hatte. Das Wort„Sozialismus" benutzt Hitler in der Tat nur als Aushängeschild und gibt ihm in der Praxis eine„vollkommen andere Auslegung", als viele Hitlergläubige dereinst crivartct halten! Demagogisch bewunderte er den„Soldatengcist" der Ar- bester und sagte zum soundsovielte» Male, daß der Marxis- inus eine Irrlehre fei. Dann kündigte er irgendwelche Richtlinien gegen die wenigen der„Vaterländischen Iront" bei- getretenen ehemaligen Marxisten an. Denn diese wären aus ganz andere» als„vaterländischen" Gründen beigetreten... Sehr große Anstrengungen macht der»cugcgründcie„Ge- werkjchastsbund der Arbeiter und Angestellten". Von den 300 090 ehemals srcigewcrkjchaftlich Organisierten hat er an- geblich schon 100 000 gewonnen. Niemand glaubt an diese Ziffer. Plit großem Tamtam wurde die Gründungsvcr- saiiimlung an der ich teilnahm, in einer kleinen Provinzstadt einberufen Ich hatte Gelegenheit, mit de» Arbeitern vorher zu sprechen. Ja st alle sagten erbittert, daß sie einfach nicht hingehen würden. Das fei falsch, erklärte ich ihnen— im Gegenteil, alles am Samstag hin und recht viele Iragen gestellt. Es wac nach langer Zeit die erste Arbeiterversamm- lnng in dieser S.adt. Ans Innsbruck waren einige neu- ernannte Bonzen getommen, und der ehemalige Sekretär »der im Stillen hoffte, wieder einer zu wcrdcni sah, etwas stutzig geworden in de» überfüllten Saal. Ohne die Anwe- senden anzusehen, eröffnete er die Versammlung und gab dem„Herrn Referenten" das Wort. Nach dieser Ankündi- gung verließ ein beträchtlicher Teil der Zuhörer den Saal. Mit„Herren Referenten" wollten sie nichts zu tun haben, trüber hieß es einfach Genosse. Der Rest der Anwesenden fragte, fragte Dinge, die mit einer Gewerkschaftsversammlung. nach der Meinung des Borsitzenden, sehr wenig zu tun haben. Wann endlich die Gefängnisse für die politischen Gefangenen geöffnet würde», wann WöllerSdorf Idas Konzentrationslager) aufgelöst würde, ob der Gewerk- schaftsbund höheren Lohn durchsetzen könne und ob er die Schuld an den bisher abgeschlossenen verschlechterte» Kollektivverträge» habe. Mit eisigem Schweigen beantwortete die Versammlung das Referat des zweite»„H-rrn", der über den organisator'cheii Ausbau dieses Verbandes sprach. Zum Schluß verstieg sich der ehemalige Sekretär sogar zu der Be- hauptung:«Schautö Leut'le, wenn wir in die Gewerkschaft eintreten, so ich es ja unsere Gewerkschaft, ist nickt mehr vaterländisch..." Er vergaß zu sage», daß die Sekretäre von der Regierung ernannt werden... Am nächsten Tage traf «ch den Borsitzenden.„Im Vertrauen: Wieviel sind kchon beigetreten?"(Mir vertraut er. da er mick iiir„vaterländisch" hält.)„E i n einziger," sagte er betrübt,„und was Hab' ich ihnen zugeredet— na Sie Hadems ja gehört."„Ja," sagte ich ebenfalls mit traurigem Gesicht,„die sind alle sehr verstockt..." # Aus dem Stadtplatz stehen die Arbeitslosen in Gruppen beisammen und bejpreä>en das Neueste. Nachrichten werden ausgetauscht, verstohlen wird ein Flugblatt herumgereicht oder zwischen den Zeilen der gleichgeschalteten Presse gc- lesen. Hier steht nur Belangloses sickert nur hie und da trotz der Zeitsur etwas durch, das zum Nachdenken zwingt und de» Leser, der alles in Ordnung glaubt im Staate Oesterreich, stutzig macht. Wie zum Beispiel die riesigen Auf- rufe zur Winterhilfe, die im Vorjahre 10 Millionen Schilling verausgabte und Heuer mindestens das Doppelte be- nötigt. Da sieht man gleich, wie die Arbeitslosigkeit gefallen ist. Oder die lakonische Meldung,„daß in Wien seit Einbruch der kalten Witterung Obdachlose auf dem Zentralfricdhof iviederholt den Versuch unternommen habe», in frisch aus- gchobcncn Gräbern Unierschlups zu finden. Diese Versuche scheitern jedoch stets daran, daß der Zcntralsriedhvs während der Nacht von Wachbcamtcn mit Polizeihunden abgestreift wird..." » Dieser Tage erfuhr die Oessciillichkeil, daß der„Marxis- mus" eigentlich gar nicht so„tot" und überwunden fei, wie es die Regierung immer darstellte. In Wien war eine illc- galc Druckerei der Sozialisten ausgeflogen. Und die Zei- kunge» brachten plötzlich Leitartikel gegen die„Illegalen". Auch die Kvmmuiiistcn sind sehr aktiv. Es besteht eine Ein- ileitssront zwischen letzteren»iid den revolutionären Sozialisten. Tic Äoinmuiiisten. die früher in Oesterreich fast keine Bedeutung hatten, sind durch die Illegalität zu einem Faktor geworden, mit dem die Regierung rechnen muß. Deshalb auch die Anbiederungsversuche der Rationalsozia- listen an die Regierung, um die„kommunistische Gefahr" einzudämmen. Hunderte von Verhaftungen wurden dieser Tage vorgenommen. Wieder sind die Gefängnisie überfüllt. eS regnet Verwaltungsstrafen nicht unter sechs Monaten Arrest, dazu kommt noch danach tue Transportierung ins Kvnzentrations- !,? r ijß e-Vi? U[ C"^ Exemplare illegaler Zeitungen wurden wahrlche.nltch durch Verrat, gefunden und beschlagnahmt. ?^""ier anch 10000«tück der„Revolution", einer führen« dcn^ marxistischen illegalen Zeitung. » c. Iriedhossftille. d'e über dem Lande liegt, wurde vor- währleistet" 9," ÖC 1,1,0 crdnug" gc- . Aber die„Revolution" erscheint wieder. Sie wird vo« einem papieren«» Organ zu«tnem Orks« werde». 5>eutsn a. November1934 ^Besuch aus d 3. Den alten, weißbärtigen Mann, der da drüben über den Du in in geht, kennen wir doch? Richtig, natürlich, da« i«t ja der alte Mohnberger au« dem Mansfeldlchen! Nanu, was macht der denn hier? Auch emigriert? ..Hallo! Mohnberger! Herr Mohnberger!" Der Alte dreht«ich erschrocken um, mustert mich erstaunt von ohen bis unten, dann erkennt er mich: „Mensch, W'ilman, Sie hier? Kommen Sie, wir gehen einen Kaffee trinken und erzählen uns ein bißchen was!" Im Cafe legte der Alte!o», man spürt, wie er das Bedürfnis dazu hat, sich mal alle Sorgen vom Hals zu reden. Er ist Ende 50, war früher Reichsbannermann und im Ortsgruppen vorstand der SPD., Jude, Inhaber einer Möbeltischlerei in einer kleinen mitteldeutschen Stadt von 20 000 Einwohnern. Zunächst erzählt er von seiner Reise: „Na, ich saß noch nicht lange im Zug, in Erfurt stieg ein dicker Bonze in brauner Uniform ein, so einer mit allen möglichen Spiegeln und Schnallen an der Uniform, ich kenn mich in den Dienstgraden noch nicht aus. Der fing denn auch gleich an tüchtig zu schimpfen.„Alle Juden sind N erbrecher!" sagte er, und als ich ihn fragte, wieso, sagte er: „Die Judenfrauen tragen alle großen teuren Schmuck, und wenn man richtig hinguckt, haben sie einen ungewaschenen Hals."—„Na ja," sage ich.„aber früher waren doch die Juden auch geachtete Menschen!"—„Natürlich." schreit er, „weil sie sielt überall reingedrängt halten. Wer hat denn in der Kunst, in der Wissenschaft, im Handel das große Wort geführt? Aber jetzt sind sie raus, und wir haben trotzdem große Künstler. Und früher waren wir in der Kunst völlig korrumpiert!"—„Ja, von Kunst verstehe ich nichts," sage ich.„aber im Geschäftsleben bin ich doch mit den Juden ganz gut ausgekommen."—„Das ist es ja eben!" schimpft der Bonze weiter,„die Juden waren eben viel zu tüchtig! Aber wir haben ihnen ihre Tüchtigkeit abgeguckt und sind jetzt auch tüchtig, noch tüchtiger als sie." Dann haben wir so ein bißchen über die Erfolge des„dritten Reichs" gesprochen, aber er war nicht recht zufrieden— mit dem Volk; das sei noch undankbar.„Der 1. Mai war ganz schön." sagte er, ..aber wir müssen noch sehr viel arbeiten, damit das Volk auch mit dem Herzen dabei ist!" Und dann sagte er„Heil Hitler!" und stieg aus. In Frankfurt stieg dann das Gegenstück in mein Abteil, auch ein Brauner in Uniform, aber— na, Sie werden gleich sehen. Erst haben wir mal unsere Kriegserlebnisse ausgetauscht, denn so fängt heute bei uns fast jedes Gespräch an. Der Mann war früher Unteroffizier gewesen, nach dem Krieg kam er zur Ordnungspolizei. In der SA. ist er so ziemlich von Anfang an. Und jetzt fährt er im Zusammenhang mit der SA.-ßeurlaubflug zur Erholung fort. „Das kostet doch viel Geld?" frage ich ihn.—„Das bezahle ich doch nicht," antwortet er,„irgendein guter Mensch hat die 35 Mark für die Reise geopfert. Dafür bekommt meine Frau jetzt gekürzte Wohlfahrtsunterstützung. Hätten sie mir die 35 Mark so gegeben, dann wäre ich mit der Familie zusammen irgendwo hingefahren, es braucht ja kein teures Bad zu sein, wir wären eben mit dem Zelt an irgend ein Wasser Aber so— jetzt wirtschaftet meine Frau noch knapper als vorher, und es war vorher schon mehr als knapp."—„Na," sage ich ganz dumm,„warum haben Sic das denn nicht gesagt, als man Sie weggeschickt bat? Müssen Sie denn dahin fahren?"—„Natürlich, lieber Herr, ich kann mir das nicht aussuchen.— Ich muß Danke schön sagen." So, so. dachte ich. also wahrscheinlich ein Unzuverlässiger, der ein bißchen entfernt wird. „Was machen Sie denn jetzt für eine Arbeit?"—„Was soll ich wohl machen," antwortete ry,„ich bilde Leute aus!"— „Wie. Sie bilden Leute aus? In was denn?"—„So, Handgranatenwerfen. Marschieren, eben richtiger Infanteriedrill." —„Aber die Infanterie hat doch heute gar keinen praktischen Wert mehr, Flugzeuge sind doch viel wichtiger!"— „Sagen Sie das nicht, lieber Mann, Infanterie ist sehr wichtig als Stoßtrupp. Sie kann sogar den Krieg verursachen. Sie steht an den Grenzen und ein Schuß geht los, dann ist der Krieg schon da."—„Na, und meinen Sie. die Leute gehen alle raus, wenn es losgeht?"—„Ich nicht. Herr, ich war vier Jahre draußen, ich habe die Nase voll! Jettt sollen die Jungen mal rausgehen und sehen, wie das ist!" Also, er war unzufrieden. Er schimpfte, daß Hitler viel versprochen und nichts gehalten habe.„Sehen Sie," sagte er,„die Sektsteuer hat er abgeschafft. Ich habe noch nie in meinem Leben Sekt getrunken!" Und er lebt immer noch von seiner Wohlfahrtsunterstützung und den paar Mark SA.- Zuschuß. Ich beschwichtige ihn:„Dafür haben Sie doch aber jetzt Kraft durch Freude!" Er lacht:„Die lassen Sie mal sein! Früher sind wir auch verbilligt gefahren. Ja. wenn ich einen Posten hätte, dann würde ich ja auch nichts weiter sagen. Aber die Posten haben die bekommen, die das Maul recht vollgenommen haben, und wir alten Kämpfer? Na, wir kommen auch noch dran!" In Karlsruhe steigt er aus. Ich soll ihn besudiea, hat er noch gesagt, die ganze Zeit bis zur Weiterfahrt des Van Qeotg. Wittnau Zuges hat er am Fensler gestanden und noch geredet, und als der Zug abfuhr, hat er nicht„Heil Hitler!" gerufen, obwohl der ganze Bahnsteig voll SA. war, sondern schön brav gesagt:„Auf Wiedersehen!" Der alte Mohnberger trinkt einen Schluck Kaffee und wischt sich den Bart ab. „Na, und wie sieht es in Ihrem Städtchen aus?" frage ich. „Was macht die Arbeitsschlacht?" „Arbeitsschlacht!" Mohnberger lacht.„Da werden die Arbeiter geschlachtet. Doch, da wird sogar was geleistet: die Straße wird neu gepflastert Das ist doch eine nationalsozialistische Großtat, denn früher hat es bekanntlich nie gepflasterte Straßen gegeben!"• Ich lache mit ihn, denn ich kenne das Städtchen und weiß so gut wie er, daß es dort schon immer gepflasterte Straßen gegeben hat. „Und die Arbeitslosen?" frage ich. „Die sind genau so da wie früher. Nur daß sie jetzt drei Tage in der Woche arbeiten müssen für dasselbe Geld, was sie vorher als Unterstützung bekommen haben. Dafür nützen sie ihre Kleidet ab und können sich keine neuen kaufen. Natürlich wird geschimpft! Neulich hat einer von den Bonzen eine Ansprache gehalten und gesagt:„Wer das noch einmal macht, weiß, wo er hinkommt!" Aber es wird trotzdem weiter gemeckert; sie können ja nicht alle Arbeiter ins Konzentrationslager schicken." „Gehen die Fabriken?" „Nee!" sagt Mohnberger überzeugt.„Besonders die Glasfabriken, die stehen vor der Pleite. Früher haben sie exportiert, jetzt kauft das Ausland nicht mehr! Dabei müssen sie aber dauernd neue Arbeiter einstellen, und da kann man sehen, wie die Glasarbeiter, die Schlosser, die Seh miede dauernd den Hof fegen, damit sie nicht stillsitzen!" „Und wie geht Ihr Geschäft?" frage ich in der Erwartung, ein großes Gejammer zu hören. Weit gefehlt! „Mein Geschäft? Glänzend! Sehen Sie, jetzt sind Sie erstaunt. Das hat zweierlei Gründe. Erstens mal kauft die ganze Arbeiterschaft bei mir, die Leute kennen mich von früher und wissen, wer ich bin. U»d da gehen sie natürlich lieber zu mir als zu irgendeinem Nazi. Und der andere Grund ist die Angst vor der Inflation. Da wird natürlich gehamstert. Uebrigens ist vor einiger Zeit ein neuer Befehl an die Nazi rausgekommen: es darf wieder in jüdischen Geschäften gekauft werden, aber nicht in Uniform! Dagegen sind wir von der Ehestandsbeihilfe ausgeschlossen; Darlehns- scheine der Ehestandsbeihilfe werden von jüdischen Geschäften nicht eingelöst." „Sie sind doch in der Tischlerinnung? Wie sind denn die Kollegen zufrieden?" „Die jammern alle. Die Kaufkraft hat nachgelassen. In unserem Städtchen sind fünf Möbeltischlereien in der Innung; zwei sind bankrott, der dritte steht vor der Pleite. Nur der Jud' macht Geschäfte!" Er lacht. „Es gibt also keinen Judenboykott mehr?" „Natürlich noch. Aber viel schwächer. Zum Beispiel die Zeitung darf kein Inserat von mir nehmen. Aber das macht nicht viel: man kennt mich ja doch. Neulich war ein Kunde bei mir, den ich nicht kannte. Als er bezahlte, sagte er: „Wissen Sie, warum ich bei Ihnen kaufe und nicht bei Schmidt? Weil Ihr Sohn im Konzentrationslager war!" Da habe ich midi natürlich gefreut; der Kunde war ein katholischer Eisenbahnbeamter. Uebrigens hat der Boykott auch eine gute Seite: wir brauchen nichts für den Eintopf zu stiften und sind überhaupt von der Sammelei ziemlich verschont. Darüber sind die anderen natürlich wütend; ich nicht!" „Erfahrt Ihr so die Wahrheit über das„dritte Reich"?" „Nur von Mund zu Mund. Ausländische Zeitungen gibt et bei uns nicht, die wagt auch keiner zu kaufen. Aber manchmal fahren wir in die Tschechoslowakei und lesen da. Bei der Rückkehr wird man dann stark durchsucht." „So, und jetzt noch eine Frage: Wie wirkt„Kraft durch Freude" auf die Arbeiter?" „Das ist gut, daß Sie fragen, da kann ich Ihnen was Nettes von erzählen: Einer von unseren Leuten ist aus Versehen mitgenommen worden, wie Kraft durch Freude eine Dampferfahrt nach Helgoland gemacht hat Wie sie zurück waren, hat er mir gesagt:„Das ist gut, Mohnberger, Du hättest mal die Gespräche unterwegs hören sollen. ,So gut könnten wir es immer haben,' hat einer gesagt, ,wenn wir keine. Bonzen mehr hätten. Da könnten wir Dampfer fahren, so oft wir wollen, und hätten überhaupt alles, was wir brauchen!' Und die anderen haben ihm recht gegeben. Durch den ganzen Rummel sind die Proleten erst richtig auf den Geschmack gekommen, und da können wir gut arbeiten!" Und so ähnlich habe ich es auch schon von anderen gehört." „Und wie lange bleiben Sie hier, Mohnberger?" „Vierzehn Tage im ganzen. Dann geht es wieder zurück in die Heimat! An die Arbeit...!" Und er lächelt vielsagend. 5 Dieser Bericht ist authentisch. Nur die Namen und die Ortsbezeichnungen sind geändert Rasse durch Qu ade „Der SA-Mann darf als solcher keine Bindung mit Fremdrassigen oder Mischlingen eingehen, er verwirkt«ich damit sofort das Recht, weiterhin Angehöriger der SA. zu sein, er muß aus der SA. entlassen werden. Bereits bestehende Bindungen mit Fremdrassigen oder Bastarden sind sofort zu lösen, falls der SA-Mann auch weiterhin innerhalb der deutschen Volksgemeinschaft bleiben will. Findet ein SA- Mann oder Parteigenosse bei jetzt angestellten Nachforschungen(bis 1. Januar 1 800) in der Reihe seiner Ahnen einen Juden oder sonst einen im Sinne der Verfügung Fremdrassigen, so daß er die geforderten Bedingungen nicht erfüllt, kann er auf dem Dienstweg ein Gnadengesuch einreichen, wenn er folgende Bedingungen erfüllt: Er muß sich als langjähriges Mitglied besondere Verdienste erworben haben oder im Kampfe verwundet worden sein." (Aus„Der SA-Mann".) Wenn aber einer am 2. Januar 1800 sogar zwei jüdische Ahnen ausbuddelt, muß er zumindest„im Kampfe" erschlagen worden sein! Wir glaubten bisher, nach der reinen Lehre sei Rasse angeboren. sie könne nicht verliehen werden. Es scheint aber, daß di« Oberen des braunen Systems durch ihre Gnade jüdisch«» in arisches Blut verwandeln können I £ied eines eheßaheen JCaufmanns „Wer mit uns Deutschen Geschäfte macht," Sprach Hjalmar Schacht. „Der soll auch wissen, daß es ihm frommt, Und daß zu seinem Gelde er kommt." Achott, was haben wir gelacht! Als hätten wir die Taschen voll Geld, Haben wir bestellt. Doch als es dann aus Bezahlen ging. Besaßen wir keinen Pfifferling.— Achott, was waren die geprellt! Natürlich, wir waren ganz zahlungsbeieit, Es tat uns sooo leid! Nur hatte uns Schacht die Devisen gesperrt. Kein Pfennig wurde hiniibertransfert. Achott, diese Ehrlichkeit! Ein ehrbarer Kaufmann kennt seinen Profit. Er schafft sich Kredit, Und wenn es sein muß, aschott. aschott. Selbst per betrügerischen Bankrott. Hoch klingt sein Lied... Muck i. Ritter tfCectnaun wm Qädag. Hausse in Familienwappen Göring hat so viele Uniformen, daß er für die bewußten tausend Jahre damit auskommt Göring pflegt sich mit so vielen Orden zu bepflastern, daß er von vorn nicht erschossen werden kann, Göring hat zwei Wohnungen in Berlin—- davon eine mit vierzig Zimmern—, ein Haus auf dem Obersalzberg. eines in der Schorfheide, Göring hat für jeden Wochentag einen Titel, für den Sonntag zwei— und dennoch war er bisher nicht zufrieden. Es fehlte ihm etwas, das jeder lumpige Adlige besitzt: die Familientradition! Und da er ohne sie nicht leben kann, beschloß er in Ermangelung stattlicher Almen selbst der Begründer eines in tausend Jahren uralten Geschlechtes zu werden. Er begann mit dem wichtigsten: er kaufte sich ein Wappen, groß, geschmacklos und voller Akantusblätter. Ein Berliner Heraldiker wurde mit der Herstellung beauftragt, und der Reichsjägermeister übergab den Zeitungen eine Notiz:„Familiensinn schafft für die Heraldiker Arbeit." Die von Natur aus Adligen mögen nicht schlecht gegrient haben, als sie's lasen. Einer griente nicht: Baldur von Schiradi! Er. der in der Tat rührenden Verwaudtschaftssinn bewiesen hat— es gibt kein noch so entferntes Fainilienglied, dem er nicht einen Posten verschafft hätte— gönnte dem Göring keine Extratour und bestellte sich bei dein gleichen Heraldiker ebenfalls ein Wappen. Dafür soll Göring einerseits die Erhebung seiner Familie in den Adelsstand anstreben. Der Wappensport, der alsbald seuchenhaft um sich greifen dürfte, beschwört neue Komplikationen herauf. Was soll, so fragt sich jeder, nach den nächsten Erschießungen mit den Wappenschildern der hingerichteten„Verbrecher" und „Schufte" geschehen? Werden sie ausgelöscht, wie weiland im Juli die Inschriften auf Böhms Ehrendolchen? Oder werden die Familien verurteilt, sie zur ewigen Schande weiter zu führen? Vielleicht mit einem Galgen als Zusatz? Die Frage sollte durch ein neues Gesetz geregelt werden, denn sie wird mehr als einmal aktuell sein. »Qute£aune« Die Blätter fallen... Der braune Tod geht im deutschen Zeitungswesen weiter um. Wer von Hitler frißt, stirbt daran. Nun ist die Reihe an die bekannte Textil-Faehzeitschrift„Der Konfektionär" gekommen,' einst eine üppig wuchernde Inseratenplantage. heute infolge des Rohstoffmangels und der übrigen Wirtschaftszustände ein öde und kümmerlich dahinvegetierendes Blättchen. Bisher bat der Verlag des„Konfektionär" seinen Fortbestand dem Umstand verdankt, daß er sehr stark au die Arbeiterbauk verschuldet war; deshalb sollte das Unternehmen bis zur Abdeckung der Schulden fortgeführt werden. Jetzt aber geht es nicht weiter, das gesamte Personal ist zum 31. März gekündigt und die Zeitschrift wird, wie viele andere vor ihr und nach ihr, von der Bildfläche verschwinden.— Audi das Scherl-Magazin „G ute Laune" ist sang- und klanglos verschwunden. Goebbels verbot es ausdrücklich, darüber zu berichten.— Diu Berliner Wochenzeitung„Berliner Tribüne" ist bis auf weiteres verboten worden, weil sie die Meldung von dem Beschäftigungsverbot in deutschen Filmen gegen die jüdischen oder jüdisch versippten Schauspieler Wallburg, Hansen, Slezak, Wohlbrück und Paul Hörhiger gebracht hat. Hörbiger erhielt das Brschäftigiingsverhot nicht etwa, weil er keine einwandfreie Großmutler hatte— er ist reinrassiger Ur- arier—, aber er hatte es sich erlaubt, eine der Hitler Reden gebührend zu kennzeichnen. Für dieses Majestätsverbrechen wurde er mit dem Beschäftigungsverbot bestraft. £eidec Ein Arzt mit Herz Im„Deutschen Aerzteblatt" beschäftigt sich ein Dr. Klepp mit der deutschen Bevölkerungsstatistik. Er erklärt, daß die Zahlen über eine Zunahme der Geburten kein Grund dafür seien,„schon jetzt Siegesgesänge anzustimmen". Von einem echten und unverfälschten Geburtenzuwachs sei Deutschland noch unendlich weit entfernt, denn— und dies ist ein wahrhaft zynisches Eingeständnis der Hunger- folgen im„dritten Reich"—„man dürfe leider nicht damit rechnen, daß die Sterblichkeitsziffer auch in Zukunft ach niedrig bleibt wie w den litten Jakren". Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Der Hitlerputsch Die folgende Schilderung des Hitlerputsches von 1923 ist dem Buche Konrad Heiden „Geschichte des Nationalsozialismus. Die Karriere einer Idee" entnommen. Von Konrad Heiden (Schluß) Ludendorff fuhrt«, wie er später angab, ohne bestimmten Plan; nur die allgemeine Richtung schwebte ihm vor. Auch die Schlacht hei Tannenberg, meinte er, habe er zuerst geschlagen und sich nachträglich die strategischen Gründe zurechtgelegt. So kam der Zug nach einigem planlosen Schwenken durch die schluchtartig enge Residenzstraße au die Stelle, wo diese Straße zwischen dem Schmuckhau der Feldherrn- halle und der Residenz auf den weiten Odeonsplatt mündet. Dort stand abermals eine Sperrkette Landespolizei. zahlenmäßig den Heranmarschierenden bei weitem nicht gewachsen. Wenn die Polizei den Zug aufhalten wollte, konnte es nur in diesem- Engpaß geschehen; einmal auf dem Odeonsplag, hätten die Revolutionäre mit ihrer Ueberzahl das Feld beherrscht. Wie es zur Schießerei kam. das wurde später selbstverständlich eine heftige Streitfrage der Beteiligten. Der Ober- landfiihrer Dr. Weber meinte, ein Mann des Kampfbundes habe nach dem vorgehaltenen Karabiner eines Polizisten gegriffen, und beim Ringen sei der erste Schuß losgegangen. So wäre die Schuld immerhin gleichmäßig auf beide Seiten verteilt. Jedenfalls haben sich danach beide Parteien ein rieh tiges Feuergefecht geliefert. Eine Sekunde vor dem Feuer sprang aus den Reihen des Kampfbundes ein Manu nach vorn und rief der Polizei zu: ..Nicht schießen, Exzellenz Ludendorff kommt!" Dann brach er zusammen. Es war eine Sekunde auf Lehen und Tod, aber das..Exzellenz"' hatte der Unglückliche auch in diesem Augenblick pflichtschuldigst nicht vergessen. Hatte doch selbst Kriebels Angriffsbefehl vom Morgen mit den Worten begonnen:..Exzellenz von Lossow hat sein Ehrenwort gebrochen..." Streicher greift ein Hitler schritt zwischen Ludendorff und Scheubuer Richter, dessen Arm er untergefaßt hatte. In der rechten Hand hielt er eine Pistole und rief, unmittelbar vor dem Schießen, den Polizisten zu:„Ergebt euch!'" In diesem Augenblick... Aber hier sollen die Augenzeugen sprechen. Der Zeuge Friedrich, der den Zug als Zuschauer begleitete, sah folgendes: Hitler trug in der rechten Hand eine Pistole offen und schußbereit. Ein Nationalsozialist, der in der Hand ebenfalls eine schußbereite Pistole trug, sprang aus der 1 ingebung Hitlers vor den Zug. ging zu einem Beamten der Landespolizei und sprach kurz mit• ilun. In diesem Augenblick fiel ein Schuß. Da dieser Nationalsozialist und Hitler eine Pistole schußbereit in der Hand trugen, nehme ich an. daß der erste Schuß entweder von Hitler oder von dem vorgesprungenen Nationalsozialisten abgegeben wurde." Hier beginnt eine Kelle merkwürdiger, ja unheimlicher Vermutungen.* Sollte tatsächlich Hitler oder jener Nationalsozialist zuerst geschossen haben/ Friedrich glaubt es. denn:„Der erste Schuß war bestimmt ein Pistolen- oder Revolverschuß"— die Laudespolizei aber hatte Karabiner. Ein Stück weit führt die Kette sicher. Daß ein Nationalsozialist vorsprang, auf einen Beamten losging, daß dabei der Karabiner in Bewegung kam. und daß dann der erste Schuß ertönte, steht auf jeden Fall ziemlich fest: Dr. Weher und der Zeuge Friedrich haben beide von verschiedenen Punkten aus dasselbe gesehen. Aber noch ein dritter Zeuge sah es. und dieser weiß auch, wer der Nationalsozialist war. Der Zugsteilnehmer Robert Kuhn berichtet: „Streicher sprang einige Schrtite vor und sprach mit einem Beamten. Dieser winkte aber ah Streicher wurde nn ' inem Beamten der Karabiner auf die Brust geseht. Dann krachte ein Schuß..." Also darum ist Streicher von seiner Rednerhöhe herabgestiegen, darum ist er ins zweite Glied hinter Hitler eingetreten. uin jetzt vorzuspringen und im Auftrag des Schicksals den Finger an den tödlichen Abzug zu legen! Völlig sicher wissen wir es trotz dieser verschiedenen Angaben noch nicht, wer eigentlich zuerst geschossen hat. Aber die Verantwortung scheint sich ziemlich gleichmäßig zwischen Hitler, Streicher und dem Beamten, der Streichet den Karabiner auf die Brust setzte, zu verteilen. Und falls dieser Beamte als erster geschossen haben sollte, so hätte er jedenfalls— nach Dr. Weber— nicht geschossen, wenn Streicher nicht versucht hätte, ihm den Karabiner zu entreißen. Und wenn dieser erste Schuß nicht losgegangen wäre— vielleicht wäre es abermals geglückt, die Polizisten kampflos zu Uberrennen, wie an der Isarbrücke? Wer trägt also durch seine Nervosität die Schuld an dem Feuergefecht und damit an der Niederlage des Kampf- bundes vor der Feldherrnhalle? Kein Zufall in Gestalt eines unbekannten SA.-Mannes. Keine Nebenfigur. Der Strahl der Verantwortung trifft niemanden mit voller Entschiedenheit, aber die Wolke des Verdachts sammelt sich am dichtesten über zwei Häuptern: Hitler und Streicher. Hitler behält von diesem Tage her ein Gefühl der tr» gischen Verbundenheit mit Streicher. Zwei Jahre später bestätigt er den in der Partei heftig Umstrittenen als Gauleiter von Franken und sagt dabei:„Vielleicht, daß dem einen oder andern die Nase des Parteigenossen Streicher nicht gefällt. Aber als er damals an der Feldherrnhalle neben mir auf dem Pflaster lag. damals habe ich mir gelobt, ihn nie zu verlassen, solange er mich nicht verläßt." Der Zusammenbruch Nun rollten die Salven von beiden Seiten. Als erster auf der Seite des Kainpfhuudes wurde Scheubue■-.''echter tödlich getroffen; stürzend renkte er Hitlers Arm aus. Auch Hitler lag auf der Erde; ob von Scheubner mitgerissen, oh nach Soldateugewohnheit Deckung suchend, wird er selbst kaum zuverlässig angeben können. Wer die Gegner moralisch entwaffnen wollte, hätte freilich stehen bleiben müssen: hatte doch Hitler auch vor diesem Marsche wieder versichert, er sei bereit, sich erschießen zu lassen. Indessen: Vorwürfe möge ihm machen, wer mit gutem Gewissen von sich behaupten kann, daß er stehen geblieben wäre. Aber we'ge Minuten später wird Hitler sich wirklich so benehmen, daß er Vorwürfe verdient. Verschiedene Zeugen geben an. nach der ersten Salve habe sich alles ohne Ausnahme hingeworfen, auch Ludendorff. Dieser seihst behauptet das Gegenteil. Jedenfalls ist Ludendorff nicht nach rückwärts geflohen. Er ging, zusammen mit dem Major a. D. Streek vom Kampfbund, zwischen den Gewehrläufe» hindurch auf den Odeonsplatp Wären ihm fünfzig, vielleicht nur fünfundzwanzig Mann gefolgt: der Tag hätte anders geendet. Jetzt war Ludendorff nur ein einzelner Gefangener. Bei seiner Verhaftung erklärte er. ungeheuer erregt, er kenne von diesem Tage ab keine deutschen Offiziere mehr und werde keine Offiziersuniform mehr tragen. Der Feuerhagel halte in der engen Straße entsetzlich gewirkt. Vierzehn Tote lagen auf dem Pflaster. Unter ihnen war Oskar Körner, der ehemalige zweite Vorsitzende der Partei, der den Tod des unbekannten Soldaten starb. Ferner fiel der Oberstlandesgerichtsrat von der Pfordteu, der Autor jener blutdürstigen Verfassung. Scheuhner-Richters Tod war eine Art tragischer Erfüllung. Der Putsch,-ler an der Feldherrnhalle zusan>->,hr-->des- polizei fielen vier. Durfte Hitler fliehen? Das Gesamturteil über Hitlers Putsch muß laucru: gutes Spiel und schlechte Arbeit. Der erste Fehler war das Losschlagen ohne genügende militärische Vorbereitung, der zweite die psychologische Fehlbehandlung des Reichswehr- kommandeurs, der dritte der mangelnde Mut am 9. November.-Selbst ein so tapferer Soldat wie Rönm ließ sich vorn Gegner einkreisen, weil er es nicht übers Herz brachte, den ehemaligen Kameraden mit Maschinengewehren zu drohen. Ludendorff wollte überhaupt nicht kämpfen, sondern zaubern. Als sogar Hitler vor dem Zug zaghaft wurde:„Man wird auf uns schießen", wußte Ludendorff bloß eine heroische und gedankenlose Antwort:„Wir marschieren!" Die bürgerliche Bevölkerung der bayerischen Hauptstadt hat nach dem Putsch bewiesen, daß sie bereit gewesen wäre, auf die Straße zu gehen, Zwei Tage laiig wogten die Massen aufgeregt durch die Stadt, bespuckten die Reichswehrsol- daten. bedrohten Kahrs Dienstgebäude, warfen gemäßigten bürgerlichen Zeitungen die Fenster ein und schrien:„Nieder mit den Verrätern!" Die Polizei mochte dazwischenreden und mit Gummiknüppeln schlagen, es half nichts. Die Studenten rotteten sich in der Universität zu Tausenden zusammen, tobten gegen Kahr, wollten den beschwichtigenden Rektor von der Galerie hinabwerfen und pfiffen sogar den einst so angebeteten Kapitän Ehrhardt aus, der ihnen gut zuredete. Mit einer solchen fanatisierten Bevölkerung im Rücken wäre noch Großes zu erreichen gewesen. Aber dann hätte der Kampfbund seinem Namen Ehre machen und kämpfen müssen, statt nach' de« ersten Salven zu fliehen. Jede gewonnene Stunde hätte die Stellung der Regierung inmitten einer feindselig aufgewühlten Bevölkerung weiter unterhöhlt. Diese Bevölkerung bat noch tapfer und zwecklos zwei Tage demonstriert, während die Führer sich in Sicherheit brachten. Wie ganz anders haben aufständisch» Kommunisten, in Hamburg, Berlin, München und Mitteldeutschland gekämpft! Die Kampfbundleute dagegen haben ihren Führer Ludendorff. der richtig und zielbewußt zwischen den Gewehrläufen hindurchging, im Stich gelassen. Dr. Weber, der Führer von Oberland, bekam einen stundenlangen Weinkrampf, und Hitler floh als erster im Wagen, ohne sich um seine Leute zu kümmern. Zur Entschuldigung der Besiegten mag dienen, daß die meisten Ludendorff für tot hielten. Das brach ihr« Stimmung. rechtfertigt aber noch immer nicht die rasche Entfernung Hitlers, der»ich sagen mußte, daß er jetzt erat recht der einzige Führer war. Später haben die Führer des Kampfbundes zur ihrer Rechtfertigung immer wieder versichert, es sei für sie unfaßbar gewesen, daß Deutsche auf Deutsche schießen konnten. Aber im Ruhrgebiet oder bei der Niederwerfung der Münchner Räterepublik habe» sie das Upfaßbare sehr gut gekonnt, selbst gegenüber W affenlosen. Wae sie tatsächlich sagen wollten, vermochten sie in ihrer Sprache nicht hinreichend auszudrücken: daß revolutionärer Kampf nur zwischen Klassen möglich ist. Unter den an der Feldherrnhalle Gefallenen waren ein Schlosser, ein Hutmacher, ein Oberkellner und ein Diener; die übrigen Offiiziere a. D. ..Kaufleute" und„Bankbeamte", d. h. ebenfalls meist junge Kriegsoffiziere, vorübergehend im bürgerlichen Beruf.' Für die NSDAP, ist der blutige Tag trotz allem ein Segen gewesen. Er schnitt sie endgültig aus dem Leibe der Reichswehr heraus. So wurde der 9. November 1923 ihr eigent- lickLI \ Englischer Brief 0. G. London, Anfang November. Labour im Vormarsch Nachdem die Labour Party in zwei Nachwahlen zum Unterhaus Ende Oktober gesiegt hatte, brachte der 1. November die Bestätigung des Vormarsches auf der ganzen Linie. Bei den Gemeindewahlen, die an diesem Tage in ganz England und Wales stattfanden(die schottischen Wahlen erfolgen am kommenden 6. November), hat die Labour Party über 70 0 neue Ge m e i Ildevertretermandate zu ihren bisherigen Mandaten hinzugewonnen, und zwar auf Kosten alier anderen Parteien, zum überwiegenden Teil auf Kosten der Konservativen. Außer in London finden all- jährlich am 1. November Gemeindewahlen statt, und zwar scheidet jedesmal ein Drittel des bisherigen Gemeinde- Parlaments aus, so daß das Gesamt-Kommunalparlament in drei Iahren erneuert ist. In London wird alle drei Jahre das gesamte Gemeindeparlament neu gewählt, und zwar im März in County Council, als Parlament der Gesamtstadt(die diesjährigen Wahlen im März brachten Labour erstmalig die absolute Mehrheit), und im Novem- der die Vertretungen der 28 Stadtbezirke. Labour, das bisher nur in vier von diesen Bezirken die Mehrheit hatte, hat jetzt die Mehrheit in 15. Vier der Bezirks- Vertretungen in östlichen Bezirken haben nur noch Labour- abgeordnete, ein weiterer Bezirk hat nur einen einzigen . Oppositionellen. Freilich gibt es auch vier Bezirke im bürgerlichen Westen und Nordwesten, in denen kein ein- ziger Labourvertreter gewählt wurde, sondern nur Konservative. Dennoch ist Labour in London stärker als jemals bisher. Wenn man freilich die Wahlziffern beurteilen will, darf man sich nicht von den Zahlen blenden lassen. Man muß berücksichtigen, daß das Vergleichsjahr für die dies- maligen Wahlen 1931 war, das Jahr der Panik, in der die Labour Party von ihren damaligen Führern verlassen wurde, in der die Wählerschaft durch Schauermärchen in Angst und Schrecken versetzt wurde. 1931 hatte die Labour Party allein über 499 ihrer bisherigen Gemeinde- Mandate verloren, so daß der diesmalige Gewinn nur zum kleineren Teil ein absoluter Gewinn ist, zum größeren Teil aber Nur die Wiedergutmachung der Ver- lüfte'von 1931. Eine genauere Analyse der Ziffern zeigt weiter, daß in der Provinz der Vormarsch der Labour Party über 1931 hinaus nur sehr geringfügig ist, daß fast der ganze Reingewinn auf London entfällt. Woran das liegt, ist natürlich schwer zu sagen. Der..Manchester Guardian", der sich als einzige Zeitung ernsthaft mit diesem Phänomen befaßt, sucht die Er- Klärung in der starken Führerpersönlichkeit des Londoner Labourführers Herbert Morrison, dessen Anspruch auf die Führung der Gesamtpartei durch das Wahlergebnis nur gewachsen ist. Morrison hat seinen Wahlsieg durch ein kluges Rund- schreiben an die neugewählten Labour-Abgeordneten er- gänzt. das jede Möglichkeit der Vetternwirtschaft durch strengste Richtlinien ausschalten soll und ankündigt, daß '"klüch die geringsten Amtsmißbräuche nicht nur nicht ver- "lüscht werdest, sondern von' der eignen Partei als erste angeprangert und bestraft werden. P olitisch darf der Labour-Wahlsieg nicht überschätzt werden. Er zeigt zwar, wie der Wind weht, aber er wird zunächst Keine Folgen haben. Die Regierung 'denkt nicht daran, Neuwahlen zum Parlament vorzunehmen, wo ihre Mehrheit nach wie vor gewaltig ist. Das jetzige Parlament soll bis zum Frühjahr 1936 eventuell sogar bis zum Ablauf der Wahlperiode im Herbst 1936 zusammenbleiben. Bis dahin mag sich natürlich politisch Mancherlei ändern. Ferner darf der Londoner Wahlsieg Läbours nicht darüber täuschen, daß außer London nur noch wenige Großstädte wie Leeds und Sheffield von Labour beherrscht werden, während die nach London größten Städte wie Birmingham. M a n ch e st e r und Liverpool sowie viele andere Großstädte nach wie vor eine starke bürgerliche Mehrheit besitzen. Auch können es die Eigenheiten des englischen Wahlsystems mit sich bringen, daß Wahlen in den verschieden abgegrenz- ten Bezirken der Kommunalwahlen ein anderes Bild zeigen als Wahlen in den größeren Parlamentswahl- kreisen. So ist die Gemeindewahl vom 1. No- vember zwar ein politisches Stimmungsbarometer,aber direkte politische Konse- q u e n z e n sind nicht zu erwarten. Es mag noch erwähnt werden, daß in London die Liberalen ihre sämtlichen Kommunalvertreter ein- gebüßt haben, und daß die Kommunisten von ihren "62 Kandidaten nicht einen einzigen durchgebracht haben. Die Faschisten haben gar nicht kandidiert. Das Parlament an 6er Arbeit Da? englische Parlament ist nach seinen langen Sommerferien wieder zu einer formell kurzen Tagung zusammengetreten. Es hat bereits das heißumkämpfte A u f r e i z u n g s g e f e tz in dritter Lesung verabschiedet (d. h. die Beratung im Oberhaus steht noch aus). Dieses Gesetz, das Aufreizung von Militärpersonen zum Ungehor- sam unter besondere Strafen, stellt, wurde zunächst von der Linksopposition als erster Schritt zum Faschismus bezeichnet: aber im Verlauf der Beratung hat die Regie- rung so viele Milderungen und Verbesserungen vorgenom- inen, daß dieser Vorwurf sich nur noch schwer aufrecht- erhalten ließ. Dennoch hat die Opposition bis zum letzten Augenblick den Kampf durchgeführt, wenn auch mit weniger Leidenschaft als zuerst. Macdonald, mit dessen radikal-pazifistischer Vergangenheit dieses Gesetz sehr wenig harmoniert, kam wiederholt in peinliche Situationen. Die gegenwärtige Parlamentstagung wird Ende des Monats abgeschlossen. Wenige Tage später wird der König feierlich die neue Tagung mit einer Thronrede er- öffnen. In dieser Tagung wird das bedeutendste Gesetz- gebungswerk der jetzigen Regierung zur Beratung kom- mtn. die Reform der indischen Versa Hu n g. Hidr wirb die Opposition nicht wie bisher von links kom- men, sondern vom rechten Flügel der Konservativen unter Führung Churchills. Im Parlament sind diese sogenonn- ten Diehards schwach, wohl aber haben sie beträchtlichen Alle spanischen Gefängnisse überfüllt Ein Notruf aus einem Gefangenensdiilf An Bord des GefangenenschifsS„Altuna Mendt", Bilbao, am 29. Oktober 1984. Tanturce. Werte Freunde! Turch Freunde, die in Freiheit sind, haben Sic sicher be- reit« gehört, dag ich in der Folge der revolutionären Bewegung am 22. dieses Monats verhaftet ivnrde und zwar unter der Beschuldigung, ein„bekanntes Element der Aktionsgruppen" zu sein. Diese Beschuldigung ist voll- kommen haltlos, denn meine einzige Tätigkeit war die in der Presse und in Anbetracht meiner besondere» Stellung als politischer Emigrant und der diesbezüglichen Bestimmungen internationalen Rechts beschränkte ich mich stets daraus, nur in ausierspanischen Angelegenheiten zu intervenieren. Als Anhaltspunkt möge Ihnen noch dienen, daß mich die poli- tische Polizei zunächst den Militärbehörde» übergab, da» diese aber keinerlei Material sanden, das unter das derzeit wirkende Kriegsrecht kiele. Trotzdem hielt man meine Hakt als Masmahme des Zivilgonvernenrs von Bilbao— also keiner ordentlichen Gerichtsbehörde— aufrecht und lieferte mich am 28. in das Gefängnis ei», ohne mich auch nur einem Verhör unterworfen z» haben. Aus dem Gefängnis wurde ich gestern(28. Oktober) an Bord der als Gefangenenschisk bestimmten„Altuna Mendt" verbracht, die im Vorhasen Bilbaos(Santurce) verankert ist. Einem Verhör bin ich auch heute noch nicht unterzogen worden. Die Ucbcrführung an Bord der„Altuna Mendt" erfolgte wegen Ucbersüllung sämtlicher gewöhnlichen und provisorischen Hastlokale in Bilbao.— An Bord dieses Schisses befinden sich derzeit zirka 299 Gefangene. Tic Untersuchung erfolgte im Zwischendeck des hinteren Laderaums. In der Bilbaincr Presse vom Samstag(27. Oktober) wurde die llcberftthrung bereits mit dem Zusatz angckündct, da» das Schiff entsprechend vorbereitet würde. Da die Presse in Spanien der durch die Militärbehörden ausgeübten Bor- zensur unterivorsen ist, wende ich mich an Sic mit der Bitte, vor den freien Menschen des zivilisierten Auslands eine Protestaktion gegen das gegen die einfachsten Menschen- rechte verstosiendc Vorgehen der spanischen Behörden gegen zum größte» Teil unschuldige und wehrlose Gefangene zu unternehmen, und bin bereit, alle Angabc», die ich in diesem Briese mache, unter Eid zu stellen. Zunächst mache ich Sie daraus aufmerksam, daß ein großer Prozentsaß der Gefangene» keinem ordentlichen Gerichts- verfahren unterworfen sind. Ebenso werden die von den Militärgerichten freigelassenen Gefangenen vom Zivilgouverneur weiter festgehalten. Als legale Handhabe zu diesem Vorgehen dient das„Gesetz der öffentlichen Ordnung". Vollkommen ungesetzlich und jeder zivilisierten Nation unwürdig, ist jedoch die Behand- lung der Gefangenen. In Bilbao sind hunderte Gefangene furchtbaren Mißhandlungen u n« e r w o r s e n worden. Das Zentrum dieser Ver- brechen ist das Haftlokal der Sicherheitspolizei in der Calle Elcano. Alle Gefangenen, die ans diesem Lokal kommen, tragen am ganzen Körper die furchtbaren Spuren der Gewehrkolben und Gummiknüppel. Zahlreiche derselben wurden blutig geschlagen und einige mußten in die Krankenzellcn des Gefängnisses überführt werden. Zu den Mißhandlungen wurden einige der Gefangenen in einen dort befindlichen Kohlcnvcrschlag überführt. Als besonders schwere Fälle führe ich Ihnen folgende an: Der Stadtverordnete von Gallarta, Kommunist und Arzt, Rusino Castanos, der sozialistische Stadtverordnete von Gallarta Constantino Turicl, und der Bürgermeister vom gleichen Ort(Sozialist) Antonio Pujana wurden im Ber. laus von 24 Stunden 5-, li- und erstem Ulmal verprügelt. In besonders traurigem Zustand befindet sich letztgenannter. Pujana. Der in Bilbao wohnhaste zirka 99jährige Gastwirt Rafacl Carbonell, nahezu wahnsinnig infolge der»nmensch- lichen Behandlung, versuchte sich das Leben zu nehmen, indem er sich Mcsserschnittc an der Schläfe beibrachte. Der- selbe ist noch heute dort, während die elfteren ins Provinzial- gefängniS Bilbaos verbracht wurden. Mehrere Gefangene wurden damit bedroht, daß man sie„auf der Flucht erschießen" würbe, wenn sie nicht Geständnisse ablegen. Ein solcher Fall ist mir aus Baracaldo bekannt, wo man den Gefangenen, namens Pasajero, in der Nacht auf die Landstraße führte, ihn aufforderte fortzulaufen, worauf man 0 oder 7 Schüsse hinter ihm in die Lust abfeuerte. Ans dem Gefängnis von Bilbao wurde zudem am 22. Ok- «ober, 9 89 Uhr, der Häftling und sozialistische Stadtverord- nete Blas Miota Zabala von Gumrdia Civil abgeholt und nach Baracalda transportiert, wo man ihn aussorderte, Waffenverstecke anzugeben. Da ihm solche nicht bekannt waren, wurde er schwer mißhandelt und gemartert, indem man ihm z. B. an der linken Hand zwischen den Fingern einen primitiven Apparat(Astillas) anlegte, der die Finger in der Art von Daumenschrauben zusammenquetscht. Am 28. Oktober vormittags erst kam dieser Gefangene ins Gefängnis zurück. Die Unterbringung der Gefangenen an Bord dieses Schiffes ist ebenso menschenunwürdig. Das Schiff ist in keiner Weise vorbereitet, man beschränkte sich daraus, auf die nicht einmal gefegten Eiienplatten des Laderaums Strohiäcke zu werfen. Zwei an Teck befindliche Aborte sind vollkommen unzureichend für die Bedürfnisse von 299 Gefangenen. Der Laderaum starrt vor Schmutz, der noch dadurch erhöht wurde, daß die Luken nicht überdacht sind, so daß es hjncinrrgncte und viele Gefangene sich in den wenigen trockenen Winkeln zusammenkriechen mußten. Keinerlei Spur deutet darauf bin, daß das Schiff, das feit Iahren außer Dienst ist, zumindest ausgeschwefelt wurde. Die Gefahr einer Epidemie ist infolge dieser Tatsachen außerordentlich groß. Mißhandlungen sind bisher nicht vorgekomen, doch tragen auch die Körper der hier von der Ti^'erheitsvolizeiivachc kommenden Gefangenen grauenhaft blutunterlaufene Spuren der erlittenen Miß- Handlungen. Im Namen der Menschlichkeit bitte ich Tic. von dicken Mitteilungen den Gebrauch zu machen, den Sic für gut für das Schicksal meiner Lcibensgcnoskcn halten. Mit FreundeSgruß empfehle ich mich Ihnen... ch Meinem Brief füge ick noch als Nachtrag bei. daß hier auch ein Minderjähriger ist, der erst im 1». Lebensjahr steht. Sein 2(amc ist Jesus Abad. beheimatet in Bilbao. Interessant ist auch die Geschichte eines Blinden namens Bilbao Unamuno aus Bilbao,' derselbe wurde nach seiner Verhaftung ins Cuartelillo geführt und als dort der Leutnant Vazqnez erschien, stand er natürlich nicht auf, worauf man ihm mit der Faust ins Gesicht schlug und ihn fragte, warum er nicht ausstände.(Angeblich der Leutnant selbst.» Als er antwortete, daß er blind sei, sagte man„dann erst recht" und versetzte ihm noch verschiedene Fanstschläge. Einfluß in der konservativen Parteiorganisation. Sie können Baldwin mancherlei Schwierigkeiten machen. Am Tage vor der Parlamentseröffnung fand ein jetzt schon traditionell gewordenes Frühstück der Macdonaldschen„Nationalen Labour- g r u p p e" statt, zu dem die Abgeordneten der Regie- rungskoalition eingeladen waren. Es sprachen die Führer der drei Gruppen, Macdonald, Baldwin und«imon. Macdon ald, dessen Gesundheitszustand viel besser ist als vor seinem langen Urlaub, wie üblich pathetisch und verschwommen, Baldwin nüchtern und Simon, der hervorragende Jurist, klar und logisch, aber kühl, iiieben einem recht interessanten Bekenntnis Mac- d o n a l d s zur Aufrüstung, da England an der Grenze seiner Sicherheit angelangt sei(gerade aus dem Munde des Gefühlspazifisten Macdonald ist diese Erklärung von besonderer Bedeutung), war das praktische Ergebnis der drei Reden ein gemeinsames Be- Kenntnis zur Aufrechterhaltung der söge- nannten nationalen Koalition. Daß Mac- donald und Simon für die Fortsetzung der Koalition sind, ist kein Wunder, ohne Koalition wäre'ihr Schicksal sofort besiegelt, sie existieren nur noch von konservativer Gnade. Praktischen Wert hat nur Baldwins Bekenntnis zur Koalition. Er und seine Partei könnten auch ohne Koali- tion existieren. Aber da auch die Koalitionsregierung in allen praktischen Fragen konservativ ist. so ist für Baldwin kein Grund gegeben, das nationale MäntAchen abzu- werfen. Riistungs- und Saarproblem Außenpolitisch stehen zur Zeit neben den F l o l> e n» Verhandlungen mit USA. und Japan das Problem der Ab- oder besser Aufrüstung und die Saarsrage im Vordergrund der Erörterungen. Während man bisher in England nur unwillig von deutschen„Geheim"- Rüstungen sprach, ist das jetzt plötzlich anders. Bisher waren es nur einige Blätter der äußersten Rechten, wie „Daily Mail".„Morning Post" und gelegentlich auch „Daily Expreß", die wiederholt von deutschen Rüstungen berichteten, und zwar einzig mit dem Zweck, mit diesem Argument erhöhte englische Rüstungen, vor allem in der Luft, zu fordern. Jetzt aber ist nicht nur eine Reihe von Büchern über die deutsche Aufrüstung erschienen und von der Presse eingehend besprochen worden, sondern einige der Regierung nahestehenden Blätter haben sich in längeren Artikeln mit dem Problem befaßt. Vor allem drei Artikel im„Da i ly T e l e gra p h" verdienen Erwähnung. Während man das Geschrei der Sensations- blätter vom Schlage der„Daily Mail" in politischen Kreisen nicht ernst nimmt, ist es bei Artikeln des„Daily Telegraph", der oft Sprachrohr der Regierung ist, anders. Das Material, das der„Daily Telegraph" Uber den Stand der deutschen Aufrüstung veröffentlichte, ist aufsehen- erregend, vor allem weil ein großer Teil des Materials aller Wahrscheinlichkeit aus Regierun gs- quellen stammt. Es scheint also, daß man im Regie- rungslager anfängt unruhig zu werden. Welche Konse- quenzen das haben wird, läßt sich noch nicht übersehen. Der blinde Gefühlspazifismus der Linken wie der ebenso blinde Gefühlsimperialismus der Presselords auf der Rechten erschweren der Regierung eine zugleich maßvolle und feste Politik. Die Saarfrage wird in der Presse ebenfalls viel erörtert, vor allem feit der Erklärung Frankreichs, daß es bereit sei, im Falle eines Naziputsches seine Truppen auf Antrag der Völkerbundskommission einrücken zu lassen. Eine aktive Teilnahme englischer Truppen an einer solchen Aktion der kollektiven Friedenssicherung Kommt nicht in Frage, die öffentliche Meinung würde das nicht zulassen, aber die Regierung und ein Teil der öffentlichen Meinung würden eine Aktion Frankreichs moralisch decken. Es gehört zu den vielen Beispielen englischer Unlogik, daß gerade die Linkspresse, die theoretisch Kollektivaktionen gegen Friedensbrecher fordert, sich bei diesem ersten praktischen Fall mit Händen und Füßen sträubt, ohne freilich einen anderen Weg zu zeigen, auf dem ein Rechtsbruch der Nazis und ein blutiger Massen- mord verhindert werden können. Hitler und Schacht haben übrigens im Augen- blick eine etwas günstigere Presse in England: Hitler, weil er im K i r ch e n k o n f l i k t scheinbar nach- gegeben hat(dieser Konflikt hat die öffentliche Meinung Englands aufs Höchste erregt), und Schacht wegen des für England recht günstigen Handels- und Schulden- a b k o m m e n s. das als angenehme Ueberraschung kam. Freilich das Mißtrauen ist nicht geschwunden.. Der englische„Reichstagsbrand" Ein Fremder, der dieser Tage in London sp 3::ror g 1. wird denken, London sei eine Stadt von unaussprechlicher Armut. Alle zwei Minuten wird er von einer Horde von Kindern angebettelt mit den Worten:„A Penny for the Guy,(sprich gei)". oft sehen diese Kinder unglaublich dreckig aus, mit schwarzen Gesichtern, manchmal tragen sie merkwürdige bunte Fetzen, manchmal allerdings auch sonderbare Masken. Doch dieses Betteln Ende Oktober, Anfang November hat nichts mit Armut zu tun. Es ist ein alter Volksbrauch. Die Kinder sammeln Geld für Feuerwerk, das am 5. November abgebrannt wird, ani Guy Fawkes(sprich Gei Foks) Tag. Vor ca. 399 Jahren hat Guy Fawkes, ein politischer Fanatiker und Verschwörer, der auf der Seite der Papisten stand, den Versuch gemacht, das P a r l a m e n t s g e b ä u d e in Brand zu setzen Er wurde noch rechtzeitig entdeckt (am 5. November) und später hingerichtet. Seitdem wird der 5. November, der Tag des„Beinahe-Reichstags- blandes", als eine Art Volksfest mit Abbrennen von Feuerwerk vor allem von den Kindern gefeiert. Ob wohl in 199 Jahren, wenn die Tragik dem Humor gewichen ist. der 28. Februar in Deutschland van den Kindern durch Abbrennen von Hermanns- und Iofefs-Raketen gefeiert werden wird? Flüditlinge ans Dcotsdiland Tagung der Vöikerbundskommission London» 4. November 1934. £ic vom Völkerbund eingesetzte Kommisston ffit Flüchtlinge aus Deutschland tagte während der vergangenen Woche in London, dem neuen Titz ihrer. BllroS. ^ie Verhandlungen begannen mit einer zweitägigen -ragung des beratenden Ausschusses, indem etwa 30 natio- itaie Flüchtlingskomitees, christliche und jüdische Organisationen, die sich der Flüchtlingsftirsorge widmen, und unter anderem mich die Gewerkschastointernationalc sdurch ihren «ekretar«chevenelsj vertreten ist. ^!. c nichtöffentlichen Verhandlungen des beratenden Ausschuiies schlössen sich Sitzungen des Berivaltungsaus- jchunes der Kommission an. welcher die Vertreter der Regie- rungen umsaht. In der Eröffnungssitzung, die in Abwesenheit des Präsi- deuten^ord Robert Cetil, vom Gesandten Uruguays in Paris, M. Alberto Guani, geleitel wurde, erstattete der Hohe Kommissar, Mr. James Macdonald einen eingehenden Vericht über die Lage der nunmehr 00000 deutschen Emigranten. Nur 27 000 von ihnen sollen bisher eine neue Heimat gesunden>>aben, die überiviegende Mehr- zahl, 22 000 in Uebersee und nur der relativ geringe Rest in europäischen Ländern. Mehr als 30 000 deutsche Emi- grauten beiinden sich noch im Zustand der absoluten Heimat- losigkeit. Ihre Lage wird von Tag zu Tag ungünstiger statt bester,.i ie Länder, in die sie weilen, haben zwar im allge- meinen ein Ersuchen der hohen Kommission befolgt: Sie geben denjenigen deutschen Emigranten, die von ihrer Regierung keine Pässe erhalten, Identitätspapicre, die visnmssähig sind und Reisen in andere Länder ermög- lichen. Allzuoft aber müssen solche Reisen sehr unfreiwillig deshalb unternommen werden, weil Ansenthaltserlaubnisse abgelaufen sind und nicht verlängert werden! Frank- r e i ch, die S ch n> c i z und H o l l a n d wurden im Bericht des hohen Kommissars als Beispiele solcher Länder genannt, die dergestalt die Lage der Emigranten erschweren.— Die fast von allen Ländern nach wie vor grundsätzlich verwei- gerte und nur in Ausnahmefällen erreichbare Arbeits- erlanbnis bildet ein weiteres schweres Hindernis für die Lösung des Emigrantenproblems. Bor allem aber wird die Lage der deutschen Emigranten von der finanziellen Seite her immer schwieriger und in viele» Fällen geradezu verzweifelt: Ihre mitgebrachten Er- svarnisse sind meist längst ausgezehrt. Ein Nachschub aus Einkommen oder Vermögen in Deutschland oder Unter» stiitznngen durch Angehörige in der Heimat sind infolge der deutschen Geldausfuhrverbote so gut wie unmöglich gewor- den. Mit dieser unglücklichen Entwicklung aber trifft die rasch zunehmende Erschöpfung der verschiedenen Hilfsfonds in den verschiedenen Ländern zusammen Der Ernst der so entstandenen Situation kam in den For- derungen zum Ausdruck, die der Bericht des Hohen Kom- missars diesmal mit verstärkter Energie zum Ausdruck brachte. Diese Forderungen wenden sich zunächst an Deutsch land. Von diesem Lande wird eine Kooperation bei der Reglnng eines Problems verlangt, das von seiner Politik gestellt worden ist und, ungelöst, über kurz oder lang alle Länder belasten wird, deren Humanität es ablehnt, Emi- granten verhungern und verkommen zu lassen. Wenn Teutschland 60 000 seiner Einwohner, die es zur Emi- gration so oder so veranlasst hat, unter die Wirkung seiner allgemeine» Devisengesctze stellt und auf diese Weise von allen deutschen Einkommens-, Vermögens- oder sonstigen Unterhaltungsquellcn vollständig abschlicsst, so ist das nach der unbestreitbar richtigen Auffassung des Hohen Kam- missars keine innere deutsche, sondern eine internationale Angelegenheit. Der Völkerbund und die in der Kommission vertretenen Staaten' haben sie aufzugreifen, wenn von deutscher Seite eine Äendernng des gegenwärtigen Znstandes nicht herbeigeführt wird. Mit seinen weiteren Forderungen wendet sich der Bericht des Hohen Kommissars an die Regierungen der Länder, in denen deutsche Emigranten weilen. Er legt ihnen eine tur Holland ausgemachte Statistik vor, die ergibt, dass aus der Mitte der in Holland befindlichen VOM deutschen Emi- granten neue Industrien errichtet worden sind, die mit genau der gleichen Zahl holländischer Arbeusträtte Beschäftigung gaben: Mit dem Hinweis aus dieses Beispiel fordert er die Regierungen der andern Länder in ihrem eigenen Interesse zu grösserer Toleranz gegenüber einer Gruppe von Menschen aus, die, gesellschaftlich und wirtschaftlich eingeordnet von Nutzen sei» können und da ohne zu einer dauernden Belastung für ihre Umwelt werden müssen.„.. Endlich ruft der Bericht alle Kreist, und besonders auch die christlichen, zur Bereitstellung weiterer Mittel aus, ohne die eine Fortsetzung der Arbeiten unmöglich sei. Lord Roberi Ereil, der Präsident der Kommiiiion, unterstrich diese Forderungen in einer grossen Rede, die er heute am Tchluss der zwei Tage umfassenden Beratungen des Verwaltungsausschusses hielt. Er stellte in dieser Rede unter anderem Aest, daft unter den deutschen Emigranten sich 20 Prozent Nichtjuden befänden, während von den für das Emigrantcnwcrk ausgebrachten Mitteln nur 3 bis 4 Prozent ans nichtjiidischen Quelle» stamme. Er betonte fernerhin, dass die Deutsche Regierung, ivenn sie eine be- stimmte Politik verfolge, dafür sorgen müsse, dag die Fol- gen dieser Politik nicht zu einer Belastung anderer Staaten sich auswlichscn. rmiSrsnlen ln England Eine Unterhaus-Debatte London, 7. Nov. Im Verlaus der Debatte über die Erpiring Laws Eontinuancc Bill im Unterhaus erklarte tvcaior Nathan u. a.:... ES ist mir Bedürfnis, dem Innenministerium n>r die Art, in der es die unglückliche» Flüchtlinge ans Deutschland, meine Glaubensgenossen, aufgenommen hat, zu danken, ,sct) und eine Anzahl Mitglieder der jüdischen Gemcinsckatt Eng- lands haben die Verpflichtung übernommen, das! kein beut- scher Jude in England der öffentlichen Kasse zur Last fällt. Jene Emigranten, die liier ihr Geld in Unternehmungen anlegten, begegneten keinen Schwierigkeiten. Die in den von diesen Emigranten errichteten Unternehmungen Be- schästigten, mögen sie englische Untertanen oder Angehörige fremder Staaten sein, unterstehen den Gewerkschastsbcding- ungen. Die Zahl der Arbeiter unter den Emigranten war verhältnismässig klein und betrat meist solche, die über be- sondere technische Kenntnisse verfügen und englische Arbeiter i» neuen Industriezweigen anlernen konnten. In einem nicht unbeträchtlichen Masse haben deutsche Flüchtlinge eng- tischen Menschen Arbeit verschafft. Eine nengegründete Spielzcnqsabrik beschäftigt rund 200 englische Arbeiter. Zum Tchluss fragte Major Nathan, ivie es kommt, dass einem weltberühmten Arzt, einer rührenden europäischen Autorität in seinem Spezialgebiet, vom Innenministerium die Erlaubnis verweigert wurde in England seinen Beruf auszuüben. Tie Bestimmungen der Bill hinsichtlich der Ausweisung von Fremden, die der öffentlichen Wohlfahrt zur Last fallen, bedürfen durchaus einer Verbesserung. Der Unterstaatssekretär im Innenministerium Eaptgin Erookshank erwiderte, die weitere Geltung der Fremden- Versügnngcn sei notwendig: es gehe nicht um die politischen oder religiöse» Ansichten der Flüchtlinge.(andern darum, ob irgendein Flüchtling der inneren Verwaltung Ungelegen- heitcn macht. Die Bill wurde in dritter Lesung aiigenommc». Qefagenkeits:Aag.e&at! Arbeiter»Gesundheit s- Bibliothek Die er&ie Hilfe bei Unglücksfällen. Von Dr. Christellcr Dus erste Lebensjahr. Von Dr. Silberstein Gesundheitspflege des Nervensystems Von Dr. Hirschlaff Der Achtstundentag. Von Dr. Zacek-Berlin Alkoholfrage und Arbeiterklasse. Von Dr. Fröhlich Das Schulkind. Von Dr. Silherstein Na'irung und brach ung. Von Dr. Cha/'es Wie sollen wir uns Kleiden? Von Dr. P Bernstein Der Arbeiterschutz. Von, Dr. Af. Epstein Frauenleiden. Von Dr. /. Zadek Vom medizinischen Aberglauben. Von Dr. E. Thesing Das W.sser heilverfahr eil in der Gesundheitspflege des Arbeiters. Von Di. S. Munter Verhütung und Heilung des Stotterns. Von L. lordan Geschlechtliche Erziehung der Arbeiterfamilie. Von Dr. f. Mark use Zähne und Zahnpflege. Von Gertrud hewald Bau und Lebenstüt'g^eit des menschlichen Körpers. Von Dr. Chris tel/er. Mit zahlreichen Illustrationen Der Geschlechtstrieb. Von Edu rd Bernstein Die Krankenpflege im Hause. Von loh. Ranke-Mannheim Die Proleiorierkrankheit. ihre Entstehung und Verbreitung. Verhütung und Heilung. Von Dr. Zade-Berlin Atemgymnastik. Von Otto Rühle. Mil zahlreichen Illustrationen H ut- und Haarpflege. Von Dr. B. Chajes-Berlin Wie hüten wir uns vor HeizkrankheiUn? Von Dr. E. Rehfisch Die Hygiene der Arbeiter wohnung. Von Hugo Hillig-Hamburg Die Schmarotzer ae* Menschen. Von Dr. A. Lipschiitz Die Krankheiten des Ohres, der Nase usw. Von Dr. H. Schwerin Snort und Arbeiter. Von D'. Silber stein Volksernährurw. Von Dt. fulian Markuse Die Berufswahl mit Rücksicht auf die Tauglichkeit für den Beruf. Von Dr. Zadek-Berlin Die Berufskr mkheitcri der Buchdrucker. Von Dr. Silberstcin Die Arzneimittel und ihre Verwendung. Von Dr. A. Lipschütz Das Auge una seine Erkrankungen. Von Dr. W. Sceltgsohn Die Be ufskrarikheiten aer Gasarbater. Von Dr. W.Hanauer Die Berufskrankheiten der schneidet und Textilarbeiter. Von Prof. Dr. Grutiahn Heft 36. Die Berufskrankheiten der Maurer und Bauarbeiter. Von Dr. med. E. Thesing-Magdeburg Heft 33. Die Krebskrankheit. Von Dr. f. Zadek jr.-Berlin Heft 3S. Unsere Genußmittel. Von Dr. A. Lipschülz Heft 39. Die Berufskrankheiten der Maler. Anstreicher und Lackierer. Von Albert hl eck Heft 46. Die Bc ufskrankheiten der Landarbeiter. Von Dr. Grumaih Heft 41. Verstopfung und Durchfall, Darrnkatarrh und Ruhr. Von Dr. f. Zadek* Jedes Jleft frostet jetzt 50€renken der Gewalt Aussichten und Wirtungen bewassneter Erkaltungen des Proletariats von*.* öiarloirierl Fr. 0,—. Julius Deutfdj: Pnffd) oder Revolution Randbemerkungen über Strategie und Taktik im Bürgerkrieg..Rationiert Fr. 6,—. Historien«»! vor§a|d)iämu0 a's Massenbewegung Sein-Ausstieg und seine Zersetzung. Tlartonierl Fr. 6,— Bort estig bei: SMaiidlW im Uolfsllimmt Saarbrücken 2, Trierer Str. 24, ckcke Sophienstr. KcunFicdjcn, hiitteabergstrage 41 Saarlouis, Deutjjlh« Strafte 5 und allen übrigen Vertriebostellen. Durcfis Gutfclodk In Hitlerdeutschland ist der gewaltsame Tod nach wie vor gefragt: wenn s schon die Menschen, Marxisten und Juden, nicht mehr sind, bis auf weiteres und freibleibend natürlich, dann hält man sich wenigstens ah die Sachen. Der 30. Juni hat seine Indemnität und die zwölf hundert und einige lote haben Frieden— der Zeitungsmord in Deutschland dagegen blüht ueiter. Der Bayerische Kurier istseinem Herrn r. Kahr nun in die Ewigheit nachgefolgt. Dei Tag, in dem einst Herr Hussong, immer in Dur, gegen Severing hurfte, ging kopfüber. Die Deutsche Zeitung, einstmals Spezialorgan für alle'Baltiliumcr und solche, die es noch werden wollten, hat ihre Morgenausgabe auf den Altar des unersättlichen Vaterlandes niedergelegt. Selbst der so geschäftstüchtige Herr Hude hat sich eine seiner eierlegenden Generulanzeigerhenn'en oben ml Norden abschlachten lassen müssen. Die Frankfurterin ist so leck im hohen Seegang des„clcitten Reiches 1", daß sie vor dessen Anbrudi glaubte, mit pseudodemokratischen Leberknödeln für sich gewinnen oder doch unschädlich machen zu können, an Vorder- und Hinterschiff geworden, daß selbst die Pumpen von I. G. Farben, die wirklich noch in des Wortes buchstäblichem und symbolischem Sinne noch pumpen können, in naher Zeil schon den Betrieb einstellen wollen. Die Kölnische wird, wie man hört, endgültig am nädisten 1. Januar die Retlungsbarkasse ihres Stadtanzeigers mit tvenigstens einem Teil der Besatzung herunterlassen, um sich selbst dann für immer auf den Meeresgrund hinabzubegeben. Die Zeitungen haben es mit dem(gedruckten) si ort zu tun. Im Anfang war das Wort— der logos der Bibel. Ja. und das ist eine Weisheit für die Ewigkeiten, das Grundgesetz der einzigen Majestät, die es gibt, des Alls, das unsere W esenheit baut und dessen Rache für den Frevler unerbittlich ist. Sie, die Zeitungen, die jetjt steiben müssen, gaben vor, dem ,.Wort". dem„Sinn" der Dinge zu dienen und beugten sich vor dem Falsifikat. Sie sagten Christus und sie meinten Kattun. Sie schrien Heil Hitler und schielten auf ihre Bankzinsen. Sie legten beim berühmten„Aufbau der Nation" schwörend ihre Hand statt auf das Herz auf den Magen. Sie. haben den„Logos" geschündet, ein tieferer„Sinn" erschlägt sie dafür jetft. Der Casus ist hoffnungslos. Sogar der Well größler Chemietrust, eben I. G. Farben, können das nicht in einer oder auch vielen Aufsichtsrutssitjuiigen sanieren! » Hermann Göring hat nun endlich, einem seit langem bestehenden Bedürfnis der Nation und seiner selbst Rechnung tragend, das bisher so schmerzlich vermißte Familienwappen derer von Göring einem Berliner Atelier in Auftrag gegeben. Man las es in einer Pariser Zeitung und besah sich schnell den Ausgabetag. Aber nein, e, war keine Nummer vom ersten April vorigen Jahres... Immerhin auch als Aprilscherz wäre die Angelegenheit homerisch. Der dem Aprilscherz mit echter oder fröhlich erfundener Basis beigefügten Abbildung war zu entnehmen, daß das heraldische Zeichen des Herrn Generals in einem nackten Arm besteht, der aus irgend einer Substanz mit gereckter Faust hervorragt. Es ist von dem Künstler direkt realistisch gesehen, wenn er den Arm.in Naclithc it demonstriert. Wenn nun aber der Besitzer des nachten Armes das, was er braucht, um in sich den Staatsmann zu stimulieren, nicht in den nackten Arm. sondern, wie es wohl mich geschieht, in noch muskulösere Teile des Körpers zu injizieren pflegt? TV ie hätte sich dann wolil der He.i aldiker bildlirh-rectlistisch verständlich machen sollen? F. F. R o t h. .Buchfink", Tchwciz. Besten Dank. Wir Hobe» den Toten genau so geschätzt und werden den Nachruf gerne bringe». Ihnen und allen Freunden herzliche Grübe. Bilbao. Nut angekomiiien. Ter Brief wirb veröffentlicht. „Eine Reichsmark". Tic machen uns auf folgenden Bericht in der „Pirmasenscr Zeitung" vom 80. Oktober aufmerksam: „Kröppen, ito. Okt. Die Sammlung für daS Winterhilfsmerk ergab 75 Zentner uartoiseln, 1 Zentner Moni, 35 Psund Gemüse und 1 Mark Bargeld." Dazu schreiben Tic uns:„In t>röppcn wohne» ctiva 250 Baucrn- familien, darunter einige Erbliosbancrn. Es gibt dort auch noch Geschäftsleute, Handwerker und Arbeiter. Alle zusammen haben eine Mar! in bar gespendet und dann die kläglich« Menge an Naturalien. In den meisten ehemals hiilertreucn Dörfern ist daS Ergebnis noch magerer." Dr. jnr. P. Ihrem Briefe entnehmen wir mit Freuden:„Ich habe bis jetzt in(i\ jeden Tag aus die Ttunde gewartet, da Ihre Zeitung ankam. Wir lesen mit Begeisterung Ihr Blatt und wünschen Ihnen von Oerzen einen vollen Erlolg, damit die cnlietzlichcn Zustände in Deutschland bald ein Ende haben."— Wir arbeilen und jeder, der uns unterstützt, Hilst mit. „Tüdböhmeu". Tic schreiben uns mährend unseres Verbotes: „Ans Gründen der Solidarität habe ick Ihnen trotz des Verbotes den Aboiincmentsbctrag vom 15. Oktober bis 15. November überwiesen, obwohl mir das Geld jeweils sehr fehlt, aber wir können ahne Ihr Blatt nicht mehr leben..." To wollen wir unseren Lesern verbunden sein, und sie mil uns. Freiheit! Uampfsreund, Luxemburg. Wir danken für Ihre Zuschrift und werden Ihre Anregungen beherzigen. Dass Tie(seid sür den Frci- hcitssonds schicken wollen ist besonders erfreulich. Zum Taarkamps schreiben Tie uns.„Ich bin ein lreuer Leser Ihres Blattes von seiner ersten Rümmer an und^vcrsolgc mit glühender Begeisterung und tiefstem Interesse Ihren mutigen Kampf gegen die Barbaren. Denn nicht nur die Taarbcwohncr, sondern die ganze gesittete Welt hat das allergrößte Interesse daran, daß am 13. Januar der Ratio- nalsozialismns im Taargcbict seine erste grosse Niederlage erleidet. Diese Niederlage kann der Anfang vom Ende sein, ein Tieg des Nazismus hingegen könnte zu den schlimmsten Folgen für die ganze Well führen. Am l-!. Januar steht nicht nur das Tckückfal des Saar- gebiets zur Frage, am 13. Januar steht die Zukunft unserer Kul- inr»nd die Zukunft der Menichheck ans dem Tpiel. Es muss sich zeigen, ob in einem relativ freien Lande, wo man das Wirken der Barbarei, in allernächster Nähe beobachten konnte, sich trotzdem eine Mehrheit findet, die bereit ist, für ihren eigenen Untergang selbst zu stimmen. Falls dies der Fall ist, so mutz man an der Zu- kunft der Menschheit verzweifeln. Dann ist bewiesen, dass die Sul- turanstrcngungcn von fünf Jahrhunderten umsonst waren, dann wird auch unsere«nllnr von den Barbaren überflutet, genau so wie es einst die römisch-griechische wurde." Für den Gesamtinhalt verantwortliri,: Johann Pitz In Dud- melier: inr Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken Rotationsdruck and Verlag: Zterlaa der Bnlkssttmme GmbH„ Saarbrücken S, Tchnhrnstrasse 5.- Schließfach 77b Saarbrücken.