Freiheit Nr. 250 2. Jahrgang Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Saarbrücken, Freitag, den 9. November 1934 Chefredakteur: M. Braun Deutscher Protest bei den Locarno- Mächten Seite 2 Die Scharfmacher an Seite 3 dec Saar und der Völkerbund Entreißt den Kameraden dem Scharfeichter Seite 7 Das Schicksal dee Flüchtlinge Seite 8 Zum Revolutionstag Geheimer Sturmbefehl 9. November Von Karl Marx Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehen unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter aller Kritik, aber sie bleiben ein Gegenstand der Kritik, wie der Verbrecher, der unter dem Niveau der Humanität steht, ein Gegenstand des Scharfrichters bleibt. Mit ihnen im Kampf ist die Kritik keine Leidenschaft des Kopfs, sie ist der Kopf der Leidenschaft. Sie ist kein anatomisches Messer, sie ist eine Waffe. Ihr Gegenstand ist ihr Feind, den sie nicht widerlegen, sondern vernichten will. Denn der Geist jener Zustände ist widerlegt. An und für sich sind sie keine denkwürdigen Objekte, sondern ebenso verächtliche, als verachtete Existenzen. Die Kritik für sich bedarf nicht der Selbstverständigung mit diesem Gegenstand, denn sie ist mit ihm im reinen. Sie gibt sich nicht mehr als Selbstzweck, sondern nur noch als Mittel. Jhr wesentlicher Bathos ist die Indignation, ihre wesentliche Arbeit die Denunziation... Die Kritik, die sich mit diesem Inhalt befaßt, ist die Kritik im Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen. Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und Resignation zu gönnen. Man muß den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert. Man muß jede Sphäre der deutschen Gesell schaft als die partie honteuse der deutschen Gesellschaft schildern, man muß diese versteinerten Verhältnisse da durch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt! Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen. Man erfüllt damit ein unabweisbares Bedürfnis des deutschen Volks, und die Bedürfnisse der Völker sind in eigener Person die letzten Gründe ihrer Befriedigung. Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst. Geheim. Kameraden! ,, Das ist die Garde, die Adolf Hitler liebt!" Alles ist zur Stelle! Sturmbefehl Nr..... Es wird gemeckert. Der Sanitätssturm ist geradezu eine Domäne der Nörgler und Miesmacher Sie denken scheinbar, bei uns könnten sie ihren ganzen Mist abraden. Sie sollen sich getäuscht haben. Die Meckerei ist bei uns zum Sport geworden. Kommt ein neuer Befehl, es wird gemeckert. Wird Dienst angesetzt, es wird gemeckert. Kommt der Befehl: Rechtsum, haben sich schon 50% aut Linksum gespitzt. Ueber alles wird gemeckert, über den Sturmführer, über den Zugführer, über den Scharführer und weiß der Teufel, wo sonst noch darüber. Nur über deine eigene Unzulänglichkeit, über die mangelhafte Dienstauffassung, über die saumäßige Dienstbeteiligung meckert niemand Das ist alles in bester Butter. Dabei können 50% noch nicht einmal aie Knochen zusammenreißen, wenn der Sturmführer oder ein noch höherer Vorgesetzter kommt. Das muß grundlegend anders werden. Jeder soll immer daran denken, daß er jeden Dienst freiwillig macht. Niemand zwingt ihn dazu. Jeder kann freiwillig ausscheiden, wenn es ihm zuviel wird. Das nimmt euch kein Mensch übel. Aber wenn ihr etwas freiwillig übernehmt, dann müßt ihr um so freudiger euere Pflicht tun. Das ist für einen solaatisch denkenden Menschen selbstverständlich. Der Dienst ist oft anstrengend, das bezweifelt niemand. Aber es muß sein. Aber es muß sein. Damit muß sich jeder abfinden, oder die Konsequenzen ziehen und ausscheiden. Aber denkt nur nicht, daß ihr euch durch Versetzung in eine andere Einheit von jeder weiteren Ausbildung drücken könnt. Überwiesen wird in Zukunft nur der, der ein erstklassiger SanitätsSA.- Mann ist und dem Sanitätssturm.. Ehre macht. So, nun kann weiter gemeckert werden. Wer sich dabei erwischen läßt, macht Bekanntschaft mit dem„ ,, Heiligen Geist". Achtung! Sonntag, den...... 1934, 16.30 Uhr, Antreten des gesamten Sturms einschl. aller Sanitätsführer, Abkommandierten und Beurlaubten unter Vorantritt der Fahne und des Spielmannszuges an der Geschäftsstelle zur Besichtigung durch den Sanitätsgruppenführer und den Sanitätsbrigadeführer. ( Laut Brigadebefehl.) andere Der Stabsführer des Sturms i. V.( Unterschrift) Oberscharführer Um unseren Gewährsmann, der heute noch SA.- Mann ist, nicht zu gefährden, haben wir den Ort und die Nums mer des„ Sturms" fortgelassen. Der Staat iſt ein zu ernſtes Ding, um zu einer Sarle Laval Nachfolger Doumergues? kinade gemacht zu werden. Man könnte vielleicht ein Schiff voll Narren eine gute Weile vor dem Winde treiben Zur Lösung der innerpolitischen Krise Frankreichs lassen; aber seinem Schicksal trieb es entgegen- eben darum, weil die Narren dies nicht glaubten. Dieses Schicksal ist die Revolution, die uns bevorsteht. Laßt die Toten ihre Toten begraben und beklagen. Das gegen ist es beneidenswert, die Ersten zu sein, die lebendig ins neue Leben eingehen; dies soll unser Los sein. Die Jahresfeier der russischen Revolution Moskau, 8. November 1934. Moskau hat den 7. November, den Jahrestag der Oftoberrevolution, wie stets feierlich begangen. Es fiel in diesem Jahre besonders auf, daß die Ausschmückungen der Hauptstadt vor allem den Erfolgen des Fünffahresplans gewidmet. war. In verschiedenen Stadtteilen haben die neuentstandenen Giganten der Industrialisierung ausgestellt, darunter Traktoren und landwirtschaftliche Maschinen. Wie immer durchzogen Hunderttausende von Werftätigen die Straßen von Moskau. Der Kriegsminister Woroschilow nahm vor dem Mauseleum Lenins eine Parade der Moskauer Garnison ab. Abends fand im großen Moskauer Theater eine feierliche Sigung des Moskauer Sowjets statt, an der, außer den Spitzen der Regierung und der Partei, tausende Stoßbrigader aus den Betrieben sowie ausländische Arbeiterdelegationen teilgenommen haben. Unmittelbar vor Eröffnung der Sigung sind die beiden Parteiführer Stalin und Kaga= nowitsch erschienen, die von der Versammlung stürmisch begrüßt wurden. Das ganze Haus erhob sich von feinen Pläßen und bereitete Stalin lang anhaltende, nicht enden wollende Ovationet. Paris, 8. November. Bis in die letzten Stunden wurden große Versuche gemacht, die Regierungsfrise zu unterbinden. Tatsächlich war es auch gar nicht die Absicht der Radikalsozialisten, die Front der nationalen Union zu sprengen, da sie sich ihrer Verantwortung gegenüber den großen außenpolitischen und innerpolitischen Schwierigkeiten bewußt sind. Sie lehnen auch nicht grundsätzlich die weitere Zusammenarbeit mit den Parteien ab, die in der Regierung Doumergue vertreten sind. Aber sie sind der Meinung, daß die von Doumergue geforderten Verfassungsänderungen einem persönlichen Regiment den Wegt bereiten fönnten. Gerade im Hinblick auf die Entwicklung, die sich in Deutschland von Brüning an vollzogen hat, weigern sie sich, auf dem von ihm gezeichneten Wege Doumergue Gefolgschaft zu leisten. Sie lehnen diese Gefolgschaft durchaus nicht freudigen Herzens ab. Einmal schäßen sie den„ Weisen von Tournefeuille" sehr hoch, dann aber wünschen sie durchaus nicht, in der gegenwärtigen schwierigen Situation mit dem Odium des Unruhestifters belastet zu werden. So fann man es verstehen, daß gestern noch während des ganzen Tages von allen Seiten die größten Anstrengungen Der Führer der kommunistischen Partei Deutschlands, Ernst Thälmann, wurde durch Zurufe in das Ehrenpräsidium gewählt. Der Vorsitzende des Zentralerefutivfomitees,& alinin, hielt eine große Rede, in der er auf die Krise der kapitalistischen Welt hinwies und dann auf den Aufstieg der sozialistischen Wirtschaft der Sowjetunion, besonders auf die Errungenschaften der beiden letzten Jahre, eingegangen ist. Gleichzeitig fanden in allen Theatern und Betrieben Moskaus Veranstaltungen statt. Auch im ganzen Lande sowie im Heer und in der Marine ist der 17. Jahrestag der russischen Oftoberrevolution feierlich begangen worden. gemacht wurden, um einen Weg zu finden, auf dem es den radikalsozialistischen Ministern möglich gemacht wurde, im Kabinett zu verbleiben, ohne daß das Land auf Doumergue zu verzichten brauchte. Dieser Weg wurde nicht gefunden. Die radikalsozialistischen Minister blieben dabei, daß man den Gesamthaushaltsplan beraten und nicht vorweg 3/12 bewilligen müsse; Doumergue ging von diesem Projeft nicht ab, wer auch weiter daran festhielt, für den Staatspräsidenten das Recht der Kammerauflösung ohne Zustimmung des Senats zu fordern. 1m 10 Uhr vormittags ist das Kabinett zusammenge treten. Wie wir furz vor Redaktionsschluß erfahren, erflärten die radikalsozialistischen Minister, in der Regierung Doumergue nicht mehr mitarbeiten zu können. Die offizielle Verlautbarung des Rücktritts lag bei Redaktionsschluß noch nicht vor, jedoch ist an dem Rücktritt des Kabinetts Doumergue kaum mehr zu zweifeln. * Zur Stunde gilt Pierre Laval als sein aussichtsreichster Nachfolger, der gestern eine lange Aussprache mit dem bettlägrigen Andre Tardieu hatte. Lavals Absicht ist, in seinem neuen Kabinett, das er binnen wenigen Stunden komplett zu haben hofft, wenig Veränderungen vorzunehmen. Sowohl Tardieu wie Herriot sollen in den neuen Burgfrieden einbegriffen werden. Ob Germain= Martin als Finanzminister zurückkehren wird, ist zweifelhaft. Man spricht von seinem Ersatz durch landin. Auch der Arbeitsminister Marquet von den Neosozialisten soll beabsichtigen, dem neuen Kabinett fern zu bleiben, da er es nicht für von langer Dauer hält. Ferner wird von Amtsmüdigkeit des Kriegsministers Petain und des Luftfahrtsministers General Denain gesprochen, jedoch werden beide Militärs lebhaft bestürmt, in Anbetracht der schweren Lage, sich auch dem neuen Kabinett zur Verfügung zu stellen, Füsilierungen in Spanien Das Kruzifix in der Hand des Revolutionärs Madrid, 8. November 1934, Zwei Teilnehmer des Aufstandes sind gestern vormittag füfiliert worden. Der eine, Joso Laredo Gerares ist im Gefängnis zu Gijon er ossen worden. Er war beschuldigt gewesen, bei einem Angriff der Revolutionäre einen Mann erschossen zu haben, der ihn verfolgte. Der Verurteilte ist mutig in den Tod gegangen. Er hat es abgelehnt, daß man ihm die Augen zubindet und ist mit einem Kruzifir in der Hand und einem Hochruf auf die spanische Revolution gestorben. Der andere Verurteilte, Guerra Pardo, ist im Gefängnis zu Leon erschossen worden. Er ist vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden, weil er auf eine Polizeitruppe eine Bombe geworfen hat, durch die zwei Polizisten getötet wurden. Gömbös bei Mussolini Um Ungarns Grenzrevision Rom, 8. November 1934. Die Unterhaltung, die am Dienstag zwischen dem ungarischen Minister Gömbös und Mussolini stattfand, dauerte mehr als zwei Stunden. Als Gömbös Mussolini verließ, sah er sehr zufrieden aus. Er begab sich dann zur ungarischen Gesandtschaft beim Quirinal, wo zu seinen Ehren ein Eisen stattfand, an dem auch der italienische Staatssekretär im Außenministerium Suvich teilnahm. Gömbös äußerte seine lebhafte Befriedigung über seine Unterredung mit Mussolini und hob hervor, daß dieser und er durchaus einig seien und die italienisch- ungarische Freundschaft nie so herzlich gewesen sei wie jetzt. Aber über den Inhalt des Gesprächs ließ er nichts verlauten. Auch die Italiener schweigen sich darüber airs. In gut unterrichteten Kreisen erfährt man jedoch, daß die Unterhaltung, wie wir bereits gemeldet haben, sich auf verschiedene Fragen der europäischen Politik bezogen hat. Gömbös soll vor allem von Musolini die Zusicherung verInngt haben, daß Italien weiterhin für eine Grenzrevision Ungarns eintritt, und daß Mussolini bei seiner fünftigen Unterhaltung mit Laval diesen Standpunkt Frankreich gegenüber aufrechterhält. Mussolini soll diese Zusicherung dem General Gömbös gegeben haben. Sollte diese Mitteilung, die hier in Rom verbreitet wird, richtig sein, so werden die französischen Bemühungen einer Verständigung zwischen Jugoslawien und Italien herbeizuführen, wesentlich erschwert. Labour- Sieg in Schottland Glasgow, 8. November. Auch in Schottland hat die Labour- Party bei den Gemeinderatswahlen gesiegt. Die bisherigen Meldungen verzeichnen 65 Labour- Gemeinderäte, 46 Gemäßigte und 5 prote= stantische Liga. In Glasgow hat die Arbeiterpartei jetzt die Mehrheit. Roosevelts Sieg Upton Sinclairs Niederlage Neuvort, 8. Nov. Bei den Wahlen am Dienstag waren das Deutscher Protest bei den Locarno- Mächten Berlin. 8. Nov. Die Reichsregierung hat ihre Rechtsverwahrung gegen die etwaige Entsendung französischer Truppen in das Saargebiet durch ihre deutschen Missionen außer in Paris auch in London, Rom und Brüssel unterbreiten lassen. Sie vertritt den Standpunkt, daß die franzöfifche Haltung eine Verlegung des LocarnoBertrages sei. Auch legen die deutschen Rechtsverwah rungen dar, daß die Beschlüsse des Völkerbundsrates von 1925 und 1926, auf die sich das Recht Frankreichs zum etwaigen Einmarsch von französischen Truppen in das Saargebiet stüßt, nicht mehr herangezogen werden könnten, da diese Beschlüsse damals nur der Sicherung der Rückzugslinie für die französischen Besatzungstruppen am Rhein gegolten hätten. Der Paragraf 30 des Saarstatuts regle die Polizeifrage für das Saargebiet erschöpfend Die Erweiterung dieses Paragrafen, die Erlaubnis, für die Abstimmungszeit die einheimische Polizei durch Anwerbung neutraler Auslän der zu verstärken, sei nicht ein Freibrief für das französische Militär, sondern im Gegenteil ein eindeutiges Verbot eines französischen Einmarsches. Die deutschen Noten an alle Locarno- Mächte zeigen, daß die Aussprache Köster Laval nicht zu einer Entspannung und erst recht nicht zu einer Annäherung der beiden grundverschiedenen Auffassungen geführt hat. Die Reichsregierung verlangt übrigens auch, daß Frankreich die militärischen Maßnahmen, die es angeblich an der Grenze getroffen haben soll, rückgängig macht, weil sie eine Bedrohung des Saargebiets und der Abstimmung bedeuteten. Laval hat demgegenüber erklärt, daß militärische Vorbereitungen überhaupt nicht getroffen seien. Die französischen Truppenführer in Rothringen hätten lediglich Befehle. erhalten, wie sie einem etwaigen Notruf des Präsidenten der Regierungsfommission zu entsprechen hätten. Die deutschen Missionen bei den Locarno- Mächten haben ferner den Austrag erhalten, mit aller Energie gegen das Emigrantentum im Saargebiet aufzutreten und dagegen zu protestieren, daß das Saargebiet zu einer Kampfzentrale gegen den Nationalsozialismus werde. In Berliner Regierungsfreifen nimmt man das angebliche Eingreifen. emigrierter reichsdeutscher, Politiker in den Abstimmungskampf ſehr ernit und arbeitet darauf hin, jede politische Tätigkeit von Emigranten genen Deutschland. übrigens nicht nur im Saargebiet, unmöglich zu machen. Es spricht nicht gerade für große Selbstsicherheit. wenn die mächtiaiten if tatoren der Erde in den europäischen Hauptstädten um Hilfe gegen einige Emigranten nachsuchen. Frankreich ohne Absichten auf das Saargebiet Paris, 8. November. ( Von unserem Korrespondenten) Die Regierungsfrise lenkt die Aufmerksamkeit der gesamten Oeffentlichkeit in einem solchen Maße auf sich, daß nur wenige Zeitungen sich bisher zu dem Besuch des deutschen Botschafters bei Außenminister Laval äußern. Man unterschätzt im allgemeinen nicht die Bedeutung dieses Ereignisses, die darin liegt, daß Deutschland durch seinen hiesigen Botschafter ebenso wie es das in London getan hat, feierlichst erklären läßt, es denke nicht daran, den ruhigen Ablauf des Abstimmungskampfes und der Saarabstimmung selbst irgend wie zu stören. Man begrüßt diese Erklärung in den maßge= benden französischen Kreisen und hofft, daß es nicht bei dieser Erklärung bleibt, sondern die Handlungsweise der deut= schen Regierung in den nächsten Wochen beweisen wird, wie ehrlich sie es mit ihren Worten meint. Im Journal" glaubt allerdings Saint Brice, man habe es nur mit einem deutschen Manöver zu tun. Hoesch habe in London seine be= ruhigende Erklärung abgegeben, Sir John Simon habe von der forreften Haltung der Reichsregierung das Unterhaus unterrichtet. Botschafter Roester habe seinen Schritt in Paris unternommen. Warum das alles? Tie Absicht sei vollfommen klar. Es handele sich darum, draußen und drinnen den Eindruck zu schaffen, daß die Deutschen des Abstimmungsergebnisses sicher genug seien, um nicht einen Vorwand zum Eingreifen zu liefern. Vertinar meint im Echo de Paris", man müsse hoffen, daß Koesters Erklärungen Laval befriedigten. Die französische Regierung habe keinerlei Absichten auf das Saargebiet. Ihr einziges Interesse sei, die Beobachtung des internationalen Gesetzes. Aus diesem Grunde sollten nötigenfalls französische Truppen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung der Saarregierung zur Verfügung gestellt werden. Dem„ Paris Midi" liefert sein Berliner Korrespondent einen recht ironischen Kommentar zum Besuch des Hitlerbeauftragten bei Laval. Schon vor zehn Tagen beim Besuch des französischen Botschafters in Berlin Francois- Poncet beim Reichskanzler Hitler habe dieser den Wunsch ausgesprochen, daß Deutschland in direkten Meinungsaustausch mit Frankreich treten möchte. Die Haltung des Reiches in der Saarfrage und die jetzt in London und Paris von den deutschen Botschaftern abgegebenen Versicherungen machten das neue Manöver klar. Die Aussprache über die Saarfrage soll die tatsächliche Anteilnahme des dritten Reiches" an internationalen Verhandlungen markieren". Amtlicherseits habe die Politik der ausgestreckten Hand" schon wieder begonnen. Interviews jeten sorgfältig vorbereitet worden. Reichdotierte Preise seien ausgesetzt für das beste Werf über die französisch- deutsche Verständigung. Die Nazipropaganda habe nichts unterlassen, um diese neue Wendung in Szene zu setzen. Aber gerade da habe das Schicksal es gewollt, daß Franfreich und Deutschland in der Saarfrage sich gegenüberstän= den, der einzigen Frage, die diese beiden Länder trennt", wie einmal Reichskanzler Hitler gejagt habe. Werde man nicht in Paris der Meinung sein, daß die Gelegenheit für das Reich schön sei, seinen guten Glauben zu beweisen? Es liege nur an Deutschland, in sehr naher 31funft die friedlichen Versprechungen, die man jetzt Laval gemacht habe, durch die Tat zu verwirklichen. ..Verhängnisvoller Wirtschaftsdilettantismus gefamte Repräsentantenhaus( mit Ausnahme der 3 Size Eine Rede des Wirtschaftsminister Lehnich für Maine, das schon im September gewählt hat), ein Drittel der 96 Senatssitze und 33 Gouverneursposten zu befeßen. Die Wahlen haben, wie allgemein erwartet wurde, mit einem großen Siege der Demokraten über die Republikaner geendet. Im Senat errang die Demokratische Partei die 3 weidrittelmehrheit. Die Size verteilen sich wie folgt: 67 Demokraten 27, Republikaner und zwei Unabhängige. Die letzten Wahlergebnisse für das Repräsentantenhaus eraeben 263 Size für die Demofraten und 85 Sitze für die Republikaner. Die Ergebnisse für 65 Size liegen zwar noch nicht vor, doch wird allgemein damit gerechnet, daß auch hiervon die meisten den Demokraten zufallen, die dann auch im Repräsentantenhaus über eine gute Zweidrittelmehrheit verfügen würden. Unter den gewählten Demokraten im Repräsentantenhaus befindet sich zum ersten Male ein Neger, Artur Mitchel, der in Chikago mit einem knappen Siege ins Repräsentantenhaus gewählt worden ift. Upton Sinclair, dessen Kampf um den Posten des Gouver= neurs von Kalifornien ganz Amerika mit Spannung beobachtete, ist unterlegen. Er war der radikalste unter den Wahlkandidaten und trat mit einem besonderen Programm zugunsten der Arbeitslosen auf. Es hat ihm sehr ge= Stuttgart, 8. November. Auf einer Tagung von Ingenieuren in Stuttgart, der etwa 400 führende Wirtschaftler und Ingenieure beiwohnten, sprach der württembergische Wirtschaftsminister Professor Dr. Lehnich über Wirtschaftsgesinnung und Wirtschaftserfolg. auseinDiese Rede muß als eine Sensation gewertet werden, denn Prof. Lehnich setzte sich in heftigster Weise gegen den nationalsozialistischen Wirtschaftsdilettantismus ander. Er sagte u. a. Mit dem reichlichen Gebrauch der Worte Nationalsozialismus und Gemeinnuß sei nichts getan. Auch bringe uns die Beschimpfung des früher vielleicht hochgeschätzten liberalistischen Wirtschaftssystems feinen Schritt wetter. Mit Erstaunen lese der nationalsozialistische Wirtschaftspolitiker, was alles binnen weniger Monate zum Künder der neuen Wirtschaftsordnung geworden sei und mit Entsetzen nehme er Einblick in den Inhalt von Büchern und Zeitungen, die dem armen Leser vorgesetzt werden. ichadet, daß ihn die Gegner als einen Feind der Religion Freiwilliges" Winterhilfswerk und als einen Kommunisten bezeichnen konnten. Eine interessante Pleite ,, Die F.hne hoch...." Jm Mannheimer Hakenkreuzbanner" findet sich unter den Veröffentlichungen des Handelsregisters folgende Bekanntmachung des Amtsgerichtes: Ueber das Vermögen der Firma Mechanische Strickerei, Strumpf- und Wollwaren, Lina Lutz& Co., Inhaber Kaufmann Karl Lutz in Mannheim, R 3, 5 a, Geschäftszweig: Handel mit Wäsche, Strumpf- und Wollwaren, Uniformen, Ausrüstungsgegenständen und Fahnen der NSDAP., wurde heute 18 Uhr das Vergleichsverfahren zur Abvendung des Konkurses eröffnet. Mannheim, den 19. Oftober 1934. Amtsgericht BG. S. Diese Bleite ist nicht nur interessant, weil es sich hier um eine Firma handelt, die mit Uniformen, Ausrüstungsgegenständen und Fahnen der NSDAP. ihren Aufstieg zu machen hoffte, sondern auch, weil diese Firma vor dem glorreichen„ Umbruch" schon zweimal einen Vergleich Durchführte. Damals wußte das Hakenkreuzbanner" zu vermelden, daß diese nationale" Firma ein Opfer der korrupten Zustände der„ vierzehn Jahre" sei. Und jetzt? Jetzt scheint sie das Opfer der Zahlungsunfähigkeit ihrer nationalsozialistischen Kundschaft geworden zu sein. Herr licher Aufstieg, der schon Geschäfte zur Pleite zwingt, die mit den Symbolen der nationalen Revolution einen schwunghaften Handel zu treiben verstanden. Ein Methusalem Nach einer Meldung aus Paris ist in Midelt bei Casa blanca der älteste Mann der Welt, Sidi Ben Maati, im Alter von 147 Jahren geftorben. Oppenheim, 8. Nov. Unter dem Titel„ An den Pranger" schreibt die„ Landskrone“:„ Auch im Kreise Oppenheim gibt es eine kleine Zahl von Volksgenossen, die glaubt, die Sammler des Winterhilfswerks abschicken zu fönnen. Sie glaubt, es sei genug, wenn sie bei der Eintopf= spende 20, 30 oder auch 50 Pfennige gibt, wenn sie bei der Büchsensammlung eine Blume oder Plakette kauft, oder wenn sie bei der Brotsammlung ein kleines Brot spendet, obwohl sie, ohne sich irgendwie wehe zu tun, ruhig jedesmal das Zehnfache geben könnte. Schon oft ist verlangt worden, daß die Namen dieser Saboteure an der Volksgemeinschaft veröffentlicht werden. Wir wollen sie deshalb in der nächsten Zeit an dieser Stelle bekannt geben. Wir wollen diese Menschen, die nur ihr eigenes Ich kennen, bei denen der Eigennutz über den Gemeinnub geht, in ihrer ganzen Ichsucht vor Euch hinstellen. Prägt Euch diese Namen gut ein, schneidet sie aus der Zeitung aus und hebt sie auf!" Wer verdient den Preis? Dr ,, beste Roman" über deutsch- französische Verständigung Der deutsche Verlag Batschari hat für den besten Roman, der das Problem der deutsch- französischen Verständigung behandelt, einen Preis von 20 000 Marf ausgesetzt. Das Preisrichteramt hat deutscherseits im Einvernehmen mit Reichsminister Dr. Goebbels der Präsident der Reichsschrifttumstammer, Dr. Hans Friedrich Blund, übernommen. Wir haben den Eindruck, daß dieses Buch schon geschrieben sei. Es ist im strengen Sinne zwar fein Roman, aber es liest sich so. Es ist die Amtsbibel aller Deutschen, Hitlers „ Mein Kampf". Hier findet man Prinzipien über deutschfranzösische Verständigung, die schon wegen der absoluten Autorität des" Führers" in allen geistigen Dingen jedem Romanschriftsteller ohnehin als Grundlage gelten müssen Eine typische Erscheinung der Gegenwart fer es, daß man sich zunächst eifrig bemühe, alles zu vergessen, was man auf dem Gebiet der Wirtschaft früher einmal gelernt habe. Selbst den Wortschatz glaube man auswechseln zu müssen, damit nicht der Leser etwa Anhaltspunkte für unangenehme, aber doch richtige Schlüsse auf die frühere Geisteshaltung des Ver faffers erhalte. Biele Menschen verlören heute jegliche Sal tung und Faffung und tobten sich mit ihrem Phrasenschwall auf Kosten ihrer Mitmenschen aus, ohne zu bedenken, daß das der sicherste Weg zu einem verhängnisvollen Wirtschaftsdilettantismus sei. Auch für die Wirtschaft gelte, daß der Nationalsozialismus in Form gegossene Vernunft sei. Auch die liberalistische Wirtschaftsordnung habe Erfenntnisse gezeitigt, die nicht etwa deshalb falsch seien, weil sie aus der liberalistischen Wirtschaftsepoche staminen. Erkenntnisse, die man sich heute zunuze mache, und auf denen man ausbauen müsse.. Es muß schon mit der Wirtschaft wirklich schlecht stehen, wenn ein Naziminister in dieser Weise„ kritikastert". Aber diese vernünftige Stimme wird verhallen.. „ Den Juden geschicht nichts München, 8. Nov. Die„ Bayrische Ditmart" in Regensburg veröffentlicht folgenden für die tragische Lage der Juden auf den deutschen Märkten bezeichnenden Bericht: " Am Wolfgangimarft am Mittwoch haben sieben jüdische Geschäftsleute ihre Marktstände aufgeschlagen und sich am Markt möglichst breit gemacht, um die ländliche Bevölkerung mit ihrem sattsam bekannten Geschäftsaebaren wieder einmal übers Ohr zu hauen. Für eine Anzahl fleinerer Geschäftsleute aus Regensburg, Ingolstadt und der Umgebung war fein Platz mehr vorhanden. Da bäumte sich der ge= sunde Instinkt der einheimischen Bevölke rung auf und nahm Stellung gegen die jüdischen Händler, mit denen man hier nichts mehr zu tun haben will. Als diesen unerwünschten Gästen dann bedeutet wurde, daß sie am besten täten, so rasch als möglich aus dem Bannkreis der Stadt zu verschwinden. um ernstere. Folgen zu vermeiden, packten sie ihre Siebenfachen wieder zusam= men und zogen unter dem stürmischen Beifall der Bevölkerung ab." Korrupter Hitlerbonze Verden, 8. Nov. Der Ortsgruppenverwalter der NSV.Wohlfahrt in Gestemünde, Hans Wellbrock, wurde zit einem Jahre einen Monat Zuchthaus verurteilt. Wellbrod hat bei der Beschaffung von 600 Zentnern Kartoffeln für dat Winterhilfswerf sich einen Vorteil von 60 RM., also 10 P pro Zentner, verschafft und darüber der Kreisleitung dei NEV. eine gefälschte Quittung abgeliefert. Das Ge richt verurteilte ihn zu einem Jahr einen Mone 3uchthaus, 100 Mark Geldstrafe und zur Tragung Verfahrensfosten. Gauleiter Simon( Ko61 en 3) teilt mit: Unv antwortliche, böswillige Gerichte macher beunruhigek durch die Verbreitung von völlig aus der Luft gegriffenen Behauptungen die Oeffentlichkeit auf das höchste. Um diesem Treiben Einhalt zu gebieten, jebe ich hiermit eine Beloh= nung von 100 Marf aus für jeden einzelnen Fall, wo mir Elemente nambajt gemacht werden, die unwahre Behauptungen selber aufbringen oder weiterverbreiten 10 Gegen Hitler! Für Deutschland 13. Gegen SAAR BEILAGE. JANUAR DEUTSCHE FREIHEIT" Unverfrorenheit der braunen Scharfmacher Röchling rechnet mit Status quo Die braunen Scharfmacher, wie Karcher, Röchling und Konsorten haben es gewagt, an den Hohen Völkerbundsrat ein Schreiben zu richten, das von Lügen und Verdrehungen geradezu stroßzt. In ihrem Uebereifer ist aber den Herren eine peinliche Entgleisung passiert. Die ganze Denfschrift geht nämlich von der Voraussetzung aus, daß es nach dem Die unuar nicht zu einer Rüdgliederuna kommen wird. jaarländischen Wirtschaftsorganisationen, die braune Handelskammer zu Saarbrücken( gez. Karcher), der Verein zur Wahrung der gemeinschaftlichen wirtschaftlichen Intereffen( gez. Hermann Röchling), der Schutzverein für Sandel und Gewerbe( gez. Köhl) sowie die Handwerfsfammer und der Handwerkerbund haben nämlich in ihrer Denfschrift schwarz auf weiß geschrieben: „ Ueber 150 Millionen Franken, die der Saarwirtschaft aus Lieferungen nach dem übrigen Deutschland zustehen, find eingefroren und es besteht, wenn die Clearing: beftimmungen nicht geändert werden, feinerlei Aussicht, daß in absehbarer Zeit die dadurch entstandene Lücke ausgefüllt wird." Hitlerismu gegen Katholizismus Unversöhnliche Gegensätze nach dem dritten Reich", zu steigern, im voraus genan handen sind. Da das dritte Reich" nicht zahlt, jo erklärt wissend, daß dafür feine Beträge zur Begleichung vor: den jaarländischen Lieferanten die ihm zustehenden Beträge das Office Franco- Allemand, daß es nicht in der Lage sei, auszuzahlen. Diese Erklärung ergibt sich zwangsläufig aus der Zahlungsunfähigkeit und Böswilligkeit der bankrotten Betrüger im„ dritten Reich". Statt sich nun an ihre Freunde Witten eich an then, um ihrer Betrüge zählender charakterloser Menschenhausen, regiert nat Siffe rischen Manipulationen zu stellen, stellen sich die Herren Karcher, Röchling und Konsorten dumm und tun sehr ent rüstet. Ueber wen entrüsten sie sich? Etwa über das„ dritte Reich", das für die Warenlieferungen nicht zahlt? Nein, fie entrüsten sich, daß die französische Regierung ihnen nicht die Gelder bezahlt, 11 m geprellt wurde. die die Saarwirtschaft vom„ dritten Reich" Nie zum bankerotten Hitler- Reich! Diese Denfschrift ist somit eine einzigartige Unverfrorenheit. Und wenn in ihr, wie wir oben zitiert haben, behauptet wird, daß die Saarwirtschaft nur dank dem Entgegenkommen des Teutschen Reiches eristieren konnte, so ist auch das eine dreiste Lüge. Dank der Zollunion mit Frankreich sind hier im Saargebiet und dies wissen die Karcher, Röchling und Konsorten ganz genau- neue Industriezweige entstanden, die durch den erhöhten Absatz nach Elias Lothringen und dem übrigen Frankreich auf geblüht sind. Selbstverständlich ist in den letzten Monaten der Grport nach dem dritten Reich" gestiegen. Aber das hier im Saargebiet und drüben im Reich. Denn das Kunststück besteht nicht darin, künstlich Bestellungen nach dem Saargebiet aufzugeben, sondern es handelt sich darum. für die gelieferten Waren zu bezahlen. Das ist eine selbstver: ständliche Voransjegung im fanfmännischen Warenverkehr. Und diese selbstverständliche Borouslegung bat Schacht nicht erfüllt, weil das dritte Reich" eben bankrott ist. Mit anderen Worten rechnen die Verfasser der Denkschrift, daß die Rückgliederung„ in absehbarer Zeit" an das„ dritte Reich nicht erfolgen kann.( Wir dachten aber bisher, in 60 Tagen beginnt das Hitler- Paradies an der Saar). Sie geben also ndirekt zu, daß am 13. Jannar für Hitler feine Mehrheit zustandekommt und als vorsichtige und geriebene Geschäftsleute wollen sie deshalb auch für einen solchen Eventualfall ihre Interessen sichern. Deshalb schnorren die Röchling und Karcher beim Völferbund 150 Millionentit ja gerade der große Schwindel der braunen Betrüger Franken. Wir nehmen mit Vergnügen von der Unsicherheit Kenntnis, die die führenden Scharimacher der braunen Front angesichts der zunehmenden Bedeutung der antihitlerischen Front im Saargebiet ergriffen hat. Das Ablenkungsmanöver Darüber hinaus stellt aber diese sogenannte Tentschrift an den Hohen Völkerbundsrat eine derartig unerhörte Verdrehung aller Tatsachen dar, daß selbst wir uns über eine solche Unverfrorenheit der braunen Unternehmer wundern müssen. Die Herren schreiben nämlich in ihrer Denfschrift: „ Die Bezahlung des für die Wirtschaft lebensnotmendigen Absatzes nach Deutschland erfolgt durch das deutsch- französische Verrechnungsabkommen, in das das Saargebiet ohne Befragen seiner Wirtschaft einbezogen worden ist und bei dessen Ausgestaltung die Interessen des Saargebietes nicht berücksichtigt worden sind. Nach diesem Abkommen werden die französischen und saarlän dischen Lieferanten nur bezahlt, soweit durch Einzahlung der französischen und saarländischen Importeure ge= nügend Mittel bei dem französischen Office für die Verrechnung OFA. vorhanden sind. Dieses Verfahren mag für den Durchschnitt der französischen Lieferanten, bei denen die Lieferung nach Deutschland nur einen geringen Teil der Exporte ausmacht, auch dann tragbar erscheinen, wenn das Verrechnungsabfommen nicht funfWenn wir aber behaupteten, daß das dritte Reich" nicht mehr fähig ist zu zahlen, dann hieß es immer, wir verbreiten Grenelmärchen. Nun müssen die braunen Unternehmer selber gestehen, daß ihnen das dritte Reich" schon seit Monaten 150 Millionen Franken schuldet und nicht bezahlt. Jetzt, wo es zu spät ist, schreien diese gewissenlosen Leute nach bewährtem Vorbild: Saltet den Dieb! Aber die Saarländer fönnen auch an diesem Fall deutlich erfennen, was es bedeuten würde, wenn Hitler am 13. Januar wider Erwarten an der Saar siegen würde. Auch dann würde man zwar für den Bankrott, für die Arbeitslosigkeit, für den Hunger die Franzosen verantwortlich machen. Aber von dieſem billigen Vergnügen würden die Saarländer nicht satt werden und keine Arbeit bekommen. Will man dem Elend und der Not entgehen, dann muß am 13. Januar die Entscheidung in unserem Sinne fallen: Nie zu Hitler, nur zurück zu einem freien Deutschland. Vorerst für Status quo! tioniert. In einem solchen Falle ist aber für die Saar Textil- No's* inal wirtschaft eine unmögliche Situation gegeben angesichts der überragenden Bedeutung, die für diese der Erport nach Deutschland einnimmt. Das Glearing funktioniert nun tatsächlich in feiner Weise, da die Handelsbilanz Deutschlands mit den französischen Zollgebiet passiv gemorden ist. Ueber 150 Millionen Franken, die der Saarwirtschaft aus Lieferungen nach dem übrigen Deutschland zustehen, sind eingefroren und es besteht, wenn die Clearingbestimmungen nicht geändert werden, feinerlei Aussicht, daß in absehbarer Zeit die dadurch entstandene Lücke ausgefüllt wird. Die franzöfifche Regierung hat die Saarwirtschaft zu wieder holten Malen und endgültig missen lassen, fie fäbe fich nicht in der Lage, die den jaar ländischen Lieferanten zustehenden Beträge, soweit feine Mittel beim OFA. vorhanden wären, auszuzahlen oder zu bevorschuffen." Im weiteren Verlauf der Denkschrift werden die Dinge so dargestellt, als ob an diesem Zustand einzig und allein die französische Regierung schuld sei. Nur dant dem Entgegenkommen des Reiches," so heißt es in der Denkschrift, fonnten die 830 000 Einwohner des Saargebietes überhaupt existieren, denn Frankreich war nicht bereit, unsere Ware voll aufzunehmen, drückte aber durch die gewaltigen Zollmanern, die es um Franfreich und das Saargebiet aufführte, unsere Lebenshaltungskosten, besonders die Preise der Nahrungsmittel, auf eine im Vergleich mit den nahen Freihandelsgebieten Belgien und Luremburg unerträgliche Höhe." Und wie steht es mit den Preisen im„ dritten Reich", Herr Röchling? Haben Sie von den Preissteigerungen und Hamsterläufen im Hitler- Paradies nichts gehört? Jeder Satz, den wir dieser Denfschrift entnommen haben, ist nichts als eine dreiste Lüge, nichts als ein Versuch, die Schuld vom bankrotten Hitlerreich auf andere abzuwälzen. Wie liegen die Dinge in Wirklichkeit? Schacht zahlt nicht Als Ende Juli das deutsch- französische Zahlungsabtommen abgeschlossen wurde, ist es von der gesamten Saarwirtschaft, auch von der braunen Saarbrücker Handelskammer, begrüßt worden. Warum? Weil dieses Abkommen angesichts des Bankrotts des dritten Reichs" der einzige Ausweg zur Aufrechterhaltung der Handelsbeziehungen mit dem dritten Reich" war. Schacht hat in der Zwischenzeit wiederholt erklärt, daß Deutschland nicht zahlen fann. Das zahlungsunfähige dritte Reich" hat wiederholt Warenlieferungen aus dem Ausland nicht beglichen. Dadurch ist beispielsweise der Konflikt mit England entstanden. Deshalb haben ja auch die Engländer in diesen Tagen beim Abschluß des neuen Abkommens mit dem dritten Reich" darauf bestanden, daß Schacht einen Betrag von 5 Millionen Mart für fällige Warenlieferungen sofort auszahlt. Aber Schacht hat nicht nur feine alten Warenschulden bezahlt, er hat es fertig gebracht, in bewußter betrügerischer Absicht das Ver: rechnungsabkommen mit Frankreich und auch mit anderen Ländern dazu auszunuzen, um die Einfuhr nach Denlichland, also den Export aus dem franzöfifchen Zollgebiet • Eine saarländische Tertilfirma hat von der bekannten Stuttgarter Stridwarenfabrik Paul Kübler nach' rendes Schreiben erhalten, das die trostlose Lag: schaft treffend illustriert: Paul Kübler u. Co. GmbH. Strickwarenfabrifen Stuttgart 13. irtStuttgart, Stibber 1934. Infolge der durch die Faserstoff- Verordnung bedingten Produktionseinschränkung und der Schwierigkeiten in der Materialbeschaffung, saben wir uns veranlaßt, unserer Kundschaft im Reich Mitteilung zu machen, daß wir Aufträge zur Ausführung in diesem Jahre nicht wieder mehr hereinnehmen fönnen. Aufträge aus dem Saargebiet werden wir dagegen wie seither in unbeschränktem Umsange ausführen, jedoch nur, wenn die Waren tatsächlich die Zollgrenze passieren und dadurch als Export anzusehen sind. Für Aufträge unserer Saarfunden, bei welchen die Waren an Adressen im Reiche gehen, gilt in Bezug auf Lieferung das gleiche wie eingangs erwähnt, d. h. solche Aufträge fönnen wir zur Ausführung in diesem Jahre nicht mehr hereinnehmen. Wir bedauern, daß wir zu diesen Einschränkungen gezwungen sind, aber die obwaltenden Verhältnisse bedingen Wir empfehlen uns Ihnen es. hochachtungsvoll ( Unterschrift). Den Firmen im Reich gegenüber läßt man also die Masken fallen und erklärt offen, daß man wegen Rohstoffmangel nicht liefern fann. Aber nach dem Saargebiet will man in unbeschränktem Umfange" liefern, um die Saarbevölkerung noch bis zum 13. Januar zu födern. Nach dem 13. Januar wird man aber diesen Köder nicht mehr nötig haben. Dann beginnt die gleiche" Behandlung, und die Saarländer werden, wenn für Hitler eine Mehrheit zustande kommen sollte, ihre blauen Wunder erleben. Drohbriefc Aus Rohrbach schreibt man uns: Seit der Vorführung des bekannten Sulzbachfilms, der vor etwa vier Wochen in unsecem Orte lief, hat von seiten der Nazi eine ungeheure Heze gegen die Einheitsfrontler eingesetzt. Drohbriefe wurden in den letzten Wochen des Nachts unseren Genossen unter die Türe geschoben. So wurden einem unserer Genossen drei verschiedene Drohbriefe unter die Türe geschoben, deren Inhalt wir der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten wollen. Der erste Drohbrief hatte folgenden Wortlaut:„ Wenn Du nicht aufhörst, mit den Separatisten zu verkehren, dann steden wir Dir Dein Haus eines nachts an vier Eden an." Der zweite Drohbrief richtete sich gegen die Frau unseres Genossen Ei lautete:„ Wenn Du nicht abläßt von dieser Mich: tung wirst Du abgestochen wie ein Schwein. Ein Messer „ Eine Herde und ein Hirt!", das ist, wörtlich genommen, wie es gefordert wurde, die karste Kampfanjage an den ger manischen Geist gewesen Hätte dieser Gedanke restlos gesiegt. so wäre Europa heute nur ein viele hundert Millionen hochgezüchteter Furcht vor Fegefeuer und ewiger Höllenqual. im Kampf um das Ehrgefühl durch die„ Liebe" gelähmt, die besseren Reste in den Tienst einer ,, humanitären" Wohltätigfeit der„ Karitas" gestellt. Das ist der Zustand, welchem das römische System zustrebte. zustreben mußte, jofern es als solches und als geistige und politische Macht überhaupt bestehen wollte... Bezeichnend ist für das römische Christentum, daß es die Persönlichkeit des Stifters nach Möglichkeit ausschaltet, um den firchlichen Aufbau einer Priesterherrschaft an ihre Stelle zu setzen Jesus wird zwar als das Höchste und Heiligste, als die Quelle allen Glaubens und allen Segens hingestellt, aber nur zu dem Zweck, um die ihn vertretende Kirche mit dem Glorienschein des Ewigen und Unantastbaren zu umgeben. Tenn zwischen Jesus und den Menschen schieben sich die Kirche und ihre Vertreter ein, mit der Behauptung, daß der Weg zu Jesus nur durch die Kirche führe. Und da Jejus nicht auf Erden weilt. hat der Mensch es eben nur mit dieser Kirche zu tun, die„ bevollmächtigt" ist, auf ewig zu binden oder zu lösen. Die Ausnüßung des einmal gezüchteten Glau bens an Jesus den Christus( ,, den waltenden Christ", wie der Dichter des Heiland sagt). für die Machtpolitif eines fich selbst vergötternden Priesterbundes, macht ebenso das Wefen Roms aus, wie es unter anderem Namen, das Wesent der Priesterpolitifer in Aegypten oder in Babylon und Etrurien geweien ist.. Tas kirchliche Christentum katholischer Form und prote stantischer Abart liegt heute als geschichtliche Erscheinung vor uns, Anfang und Ende lassen sich flar überblicken. Alfred Rosenberg, der vom Führer und Reichskanzler mit der weltanschaulichen Erziehung der Nation beauftragte Theoretiker des Nationalsozialismus in seinem Buche Der Mythus des 20. Jahrhunderts". Eine Wertung der seelisch- geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, 13.- 16. Auflage, Seite 159 160. Das Buch ist von der nationalsozialistischen Regierung allen Lehrerbibliotheken als geeignet empfohlen und in vielen Fällen auch katholischen Büchereien zwangsweise eingegliedert worden. wird Dir ins Herz gestoßen." Der dritte Drohbrief lautete: Wenn Du nicht endlich davon abgehst mit dieser Richtung zu verkehren, fommen wir und schlagen Dir Deine Scheiben ein." Pariser Arbeiter begraben die Brüder an der Saar Paris, 8. Nov. In Paris fand eine Betriebsdelegierten konferenz statt, die vom Patenschaftsbüro beim Weltkomitee zum Kampf gegen imperialistischen Krieg und Faschismus und vom französischen Nationalkomitee einberufen war. An dieser Konferenz nahmen 34 Delegationen von Pariser Großbetrieben und weit über 20 Delegationen verschiedener Ge wertschaften teil. Außerdem waren anwesend zahlreiche Tele gationen von verschiedenen Arbeiterorganisationen und antifaschistischen Komitees des Pariser Rayons und der Vororte Im Mittelpunkt dieser Konferenz stand das Referat des Landesrats- Abgeordneten Frisch, der gleichzeitig Mitglied des Vorstandes des Bergarbeiter verbandes an der Saarist. Tas Referat wurde mit einem enthusiastischen Beifall aufgenommen. Frisch zeigte den ungeheuren Terror der Nazis an der Saar auf, die in der letzten Zeit nicht davor zurückschrecken, Frauen, die als Anhänger und Kämpferinnen für den Status quo bekannt sind, nachts in den Straßen niederzuschlagen. Er berichtete von den ungeheuren Summen, die die Hitlerregierung ins Saargebiet wirft und die in eine maßlose Sezze gegen deit Status quo und seine Anhänger umgemünzt werden. Seine Rede schließt mit einem Hinweis auf die Kriegsheße der Naziś und den tapferen Kampf, den die Werktätigen an der Saar in der Einheitsfront brüderlich zusammengeschlossen gegen den Faschismus führen. Es wurde eine Resolution angenommen, in der gegen die letzten Maßnahmen der Abstimmungsfommission Stellung genommen wird, die es verbietet, und sogar Zuchthausstrafe androht, die Listenfälschungen als solche zu bezeichnen. Auch gegen das Verhalten der Abstimmungsgerichte wird in diejer Resolution Stellung genommen, dessen erste Verurteilungen nicht etwa gegen die Naziterroristen, sondern die Anhänger des Status quo gerichtet waren. Diese Resolution wird durch eine gewählte sechsgliedrige Delegation dem Außenminister Raval und per Brief allen Völkerbundsinstitutionen zu gestellt. Weiter wurde ein ausführlicher Appell an die Werktätigen der Saar angenommen, der in 100.000 Exemplaren als Flug blatt im Saargebiet verteilt werden soll. In diesem Aufruf erklären sich die Arbeiter der Pariser Großbetriebe jolida: risch mit ihren Freunden an der Saar, und sagen, daß sic alles dafür inn werden, daß in einer freien Abstimmung die deutsche Saar wieder an ein von Hitler befreites Deutsch: land zurückkehren wird. Weiter führt der Appell aus, daß es eine Pflicht der Saarbevölkerung wäre. jetzt gegen die Barbarei des Hitlerregimes zu stimmen Nachdem noch über die Solidaritätsaktion durch Uebernahme von Patenschaften über deutsche Großbetriebe gesprochen wurde, fand diese außerordentlich eindre Kundgebung der Pariser Betriebsarbeiter ihr Ende DARBEIT UND WIRTSCHAFT ,, Deutsche Freiheit", Nr. 250 Hamburg in Not Aus Hamburg wird uns geschrieben: Hohe Wollpreise Die Preise für deutsche Wolle sind infolge der Schwierigkeiten in der Beschaffung von Auslandsware in diesem Sommer stark gestiegen und die neuerrichtete Reichsstelle für die Wollverwertung hat im Interesse einer Anregung der Wollschafzucht sich dieser Entwicklung bei der Festsetzung ihrer Höchstpreise angepaẞt. Auf diese Weise liegen zur Zeit die deutschen Preise, wie wir einer Aufstellung der Zeitschrift..Die deutsche Volkswirtschaft" entnehmen, um 130 bis 237 Prozent über dem Weltmarktpreis. Die Wirtschaftslage im gesamten Nordseegebiet ist Nur im Hitler- Reich trostlos. Im Nebel einer verlogenen Propaganda verschwinden die großen Siege" von der Front der Arbeitsschlacht. Die Hamburger Hafenarbeiter haben in der Regel nur einen Tag in der Woche Beschäftigung. Inzwischen ist der Zuzug von Arbeitskräften nach Hamburg und Bremen gesperrt worden. Man hofft auf diese Weise die schwere Notlage zu mildern. Die großen Reedereien Hapag und Lloyd machen trotz großer staatlicher Subventionen starke Einsparungen durch Entlassungen und Abbau der Gehälter. Sehr schlimm sieht es in diesem Gebiet mit der Lage des Einzelhandels aus, immer mehr Geschäfte miissen schließen, viele stehen vor dem Bankrott. Gleichzeitig werden auch in diesem Gebiet die Notstandsarbeiten eingeschränkt. Im Hamburg- Hammer erbruck wurden zum 1. Oktober 200 bei Tiefbauarbeiten beschäftigte Notstandsarbeiter entlassen. Solingen klagt Die Solinger Stahlwarenindustrie ist bekanntlich auf den Export angewiesen. Wie es mit der Ausfuhr aussieht, geht aus folgendem Lagebericht der Solinger Handelskammer für den Monat Oktober hervor: ..Das Ausfuhrgeschäft war weiter uneinheitlich. Hier und da scheint eine freundlichere Stimmung gegenüber den deutschen Fabrikanten Platz zu greifen, die sich jedoch nur auf einzelne Länder erstreckt. und zwar vor allem auf überseeisches Gebiet. Im allgemeinen ist der Auftragseingang aus dem Auslande jedoch unbefriedigend. Das Geschäft, mit Frankreich ist ganz erheblich zusammengeschrumpft. Auch der Einkauf der englischen Kundschaft beschränkt sich auf wenige Spezialartikel, wie auch die nordischen Staaten und Holland nur verhältnismäßig kleine Mengen nach Solingen disponieren. Eine unerfreuliche Tendenz weisen die Berichte über die Auslandsheziehungen mit Italien auf. Den ausländischen Abnehmern entsstehen teilweise Schwierig. keiten bei der Beschaffung von freier Reichsmark im Auslande. Auch wirken sich allmählich die Reglungen der Einfuhr bzw. die Maßnahmen der Ueberwachungsstellen aus. Verzögerungen in der Lieferune bringen eine Unsicherheit in den Verkehr mit der ausländischen Kundschaft. jedoch ist zu hoffen, daß diese Schwierigkeiten in einiger Zeit überwunden sein werden." Deutsch. Festpreis Qualitä Festpreis über London in 9/0 RK je kg 23.7 34 27.9. 34 23.7.34| 27.9.34 Scaiußpreis Londoner Auktion Qualität je kg A/ AA A 7.60 7. A/ B 6.30 t. gute Austr. Vliese in Schweiß Punta Arenas 3.15 2.58 2.90 2.35 141 141 195 198 2.82 2.30 123 174 B 5.50 B/ C 4.90 m til. Austr. Vliese in Schwe B Punta Arenas. 2.68 2.14 105 157 263 2.14 87 130 C 4.50 C2 bis C1 Croßbred 1,98 1.79 127 151 D 4.E 3.10 f. D1 bis D2 Croẞored f D2bs E Croßbred 1.63 1.46 1.05 0.89 145 1: 9 174 237 Es sei daran erinnert, daß bei der ersten Stützungsaktion für deutsche Wolle im vorigen Jahr, die vorwiegend auf einem freiwilligen Abkommen zwischen Wollindustrie und Schafhaltern beruhte, ein Ueberpreis von 30 Prozent als Norm für die deutschen Auktionen vorgesehen war. Die Industrie bemühte sich dann ihrerseits, durch eine besondere( allerdings viel umstrittene) Ausgleichskasse diese Mehrbelastung von den Hauptverbrauchern des deutschen Rohstoffs bestimmten Zweigen der Tuchindustrie- auf die Gesamtheit der Wollverarbeiter umzulegen. Diese Reglung gibt solange keinen Anlaß zu ernsteren Schwierigkeiten, als der Anteil der deutschen Wolle an der Gesamtversorgung nicht über den bisherigen Satz von sieben bis acht Prozent hinausgeht und die deutsche Wolle vorwiegend für Behördenlieferung verwendet wird. bei denen bekanntlich die Verwendung eines bestimmten Prozentsatzes deutscher Wolle vorgeschrieben ist. Wie allerdings der innerindustrielle Ausgleich bei dem jetzt erreichten Ausmaß der relativen Ueberbewertung der deutschen Wolle funktioniert, ist nicht bekannt. Es spricht vieles dafür, daß deutsche Wolle heute auch von solchen Spinnergruppen gefragt wird, die früher vorwiegend ausländische Sorten verarbeitet haben, Steigende Insolvenzwelle ,, Und das Elend schreitet schnell" Das Statistische Reichsamt gibt im dritten Vierteljahrsheft zur Statistik des Deutschen Reichs die Insolvenzverluste aus dem Jahre 1933 mit 344 Milhonen RM. bekannt. Wenn diese Verluste aus der deutschen Wirtschaft unter Berücksichtigung des fortdauernden Zusammenbruchs schon einen äußerst bedenklichen Charakter tragen, so werden diese Bedenken noch erhöht, wenn man feststellt. daß die effektiven Verluste noch er. heblich höher sind, da die statistisch nicht erfaßten gerichtlichen Insolvenzen( mangels Masse abgelehnte Konkurse und noch nicht abgeschlossene Verfahren), zahlreiche Zwangsversteigerungen sowie außergerichtliche Erlaẞvereinbarungen in der Statistik nicht enthalten sind. Die Insolvenzverluste aus 1934 sind gegenüber den vorgenannten Verlusten noch wesentlich gestiegen. Im Oktober haben sich die Konkurse und Vergleichseröffnungen gegenüber Vormonat und Vorjahr erhöht. Die Konkurse stiegen im Oktober gegenüber dem Vormonat von 201 auf 260, die Vergleichsverfahren in derselben Zeit von 63 auf 89, die aufgehobenen Vergleichsverfahren von 45 auf 64. * Während im..dritten Reich" in ständig wachsendem Umfange Reden über Reden den hungernden Massen immer wieder Hoffnungen auf baldige Beendigung ihres Elends erwecken sollen, sprechen die nicht aufzuhaltenden wirtschaftlichen Zusammenbrüche eine ungeheuer pessi. mistische Sprache. Dem unbefangenen Beobachter der neudeutschen Wirtschaftsverhältnisse können auch die schönsten Illusionen. die dem Volke immer von neuem aufgeredet werden, nicht über den wirklichen Stand der Wirtschaft im allgemeinen. über die fortwährenden Konkurse alter, einst blühender Unternehmen, und insbesondere nicht über den gänzlichen Niederbruch des deutschen Außenhandels sowie über die andauernden Verlustabschlüsse alter deutscher Fabrik und Handelsunternehmen hinwegtäuschen. war Was hinter allem vorgetäuschten Wirtschaftsoptimismus steckt. erfährt man, wenn bekannt wird. daß beispielsweise die alte Düsseldorfer Eisenbahnbedarf A G., Düsseldorf, nach einem vorjährigen Geschäftsverlust auch in diesem Jahre wieder mit einem erheblichen Verlust abschließen mußte, desgleichen auch die ..Rheinische Union Versicherungs AG., Köln, zu einem größeren Verlustvortrag gezwungen. Die Gesellschaft führt den unerfreulichen Geschäftsverlauf auf die schlechte Wirtschaftslage bei einer Anzahl ihrer Aktionäre zurück und erlitt daneben empfindliche Einbußen an der Beteiligung von Flußschiffahrtsrisiken. Die Bremer Gummiwerke Roland A G., Bremen, liegt seit etlicher Zeit in Konkurs und hatte sich inzwischen um eine Kapitalüberlassung für die Wiederinbetriebsetzung der Werke erfolgreich bemüht. Die Einschränkung der Rohstoffzuteilung macht ie Wiederaufnahme der Arbeit jedoch vorläufig unmöglich, so daß infolge der braunen Rohstoffwirtschaft auch hier eine größere Anzahl von Arbeitern vergebens auf Beschäftigung wartet. In Rheydt mußte die Mechanische Kleider fabrik A. Lemery& Co. ihre Zahlungen einstellen, desgleichen geriet das Mode warenkaufhaus Gerh. V. Lem pert G. m. b. H. in W. Barmen mit 132 000 RM. Pas siven in Zahlungsschwierigkeiten. Mit einem neuen VerJust schliebt auch die Rodi und Wienenberger AG.. Pforzheim, das vergangene Geschäftsjahr ab und klagt über die steigenden Absatzschwierigkeiten im Ausland, das sich der Einfuhr deutscher Bijouteriewaren in immer größerem Maße sperrt. Die Gesellschaft vermeidet. über die Lage und über ihre Aussichten für das neue Geschäftsjahr irgendwelche Mitteilung zu machen, so daß man versichert sein darf, daß auch sie vor einem unmittelbaren Zusammenbruch des Unternehmens steht. Nicht günstiger sieht der legtjährige Abschluß bei den Hanseatischen Stuhlrohrfabriken Rümeker& Ude AG. in Bergedorf- Hamburg aus. Auch diese Gesellschaft meldet einen erheblichen Verlust und vermeidet ebenfalls, über die Aussichten im neuen Geschäftsjahr in ihrem Geschäftsbericht irgendeine Andeutung zu machen. Nachdem die Zahnräderfabrik Augsburg vorm. Joh. Renk, Augsburg, zu Beginn des letzten Geschäftsjahres über sehr geringe Beschäftigung klagte, konnte sie jedoch bald nach einem Ansteigen ihrer Arbeiten einige Hoffnungen hegen, die dann aber doch nach Feststellung eines wiederum erheblichen Verlustes am Jahresschluß restlos zerstört wurden. Die Verwaltung der Maschinen- und Kranbau A G., Düsseldorf. berichtet, daß das laufende Geschäfts. jahr trots aller Sparmaßnahmen bisher nicht befriedigend verlaufen sei. Es sei nicht gelungen, Einnahmen und Ausgaben auszugleichen, und wenn eine Besserung nicht eintrete, werde sich der Verlusterhöhen. Mit welchen verhängnisvollen Schwierigkeiten auch die auf den Besuch von Ausländern insbesondere angewiesenen Hotelbetriebe zu ringen haben, zeigt der neuerliche beträchtliche Verlust der Fürstenhof Carlton Hotel A G., Frankfurt a. M., der sich mit dem vorjährigen Verlust auf insgesamt 106 000 RM. beläuft. Nach dem Geschäftsbericht brachte das abgelaufene Geschäftsjahr nicht die erwartete Umsatzsteigerung, sondern einen Rückgang der Einnahmen, zum großen Teil bedingt durch das Ausbleiben der Ausländer, das selbst durch einen schwach gesteigerten Inlandsverkehr nicht ausgeglichen werden konnte. Diese Kette von Verlustbuchungen, Zahlungsschwierigkeiten, Konkursen und steigender Erwerbslosigkeit läuft täglich ohne Unterbrechungen weiter. Und welchen äußerst geringen Faktor auf dem sinkenden deutschen Binnenmarkt die leichten Besserungen einiger Betriebe ausmacht, beweist der jüngste intensive Appell Dr. Schachts an den deutschen Export, von dessen Aufwärtsentwicklung allein noch eine Möglichkeit zur Rettung der innerdeutschen Wirtschaft erhofft wird. Wenn man aber feststellen muß, daß der deutsche Export nicht in einer Aufwärts-, sondern in einer rapiden Abwärtsentwicklung begriffen ist, so bleiben alle Hoffnungen und verzweifelten Bemühungen äußerst trübe; ganz abgesehen davon, daß Dr. Schacht mit diesem Appell zugab, daß nicht mehr die nationalsozialistische Regierung, sondern allein das Ausland den Rest der deutschen Wirtschaft überhaupt noch zu retten vermag. Denn es liegt in der Hand des Auslandes, ob es künftig mehr Waren bzw. überhaupt noch von Hitlerdeutschland kaufen will Saarbrücken, Freitag, 9. Nov. 1934 Ake diese jedoch durch die Devisenschwierigkeit zur Zeit. nur schwer bekommen hönnen. Die Einfuhrstatistik läßt nun erkennen, daß nicht nur die Bezüge deutscher Wolle sich für die Industrie außerordentlich verteuert haben, sondern daß sich anscheinend auch die eingeführte Wolle in gewissem Umfange vom Weltmarktpreis emanzipiert hat. Die Durchschnittswerte der Efuhr für die Monate Januar bis September liegen um 40 bis 60 Prozent über den vergleichbaren Vorjahrswerten, während der maßgebende Bradforder Wollindex im Durchschnitt dieser Zeit nur eine Steigerung um höchstens 25 Prozent aufweist. Daß der Index für die neun Monate Januar bis September überhaupt noch eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr zeigt, ist auf den sehr hohen Stand der Wollpreise im ersten Quartal dieses Jahres zurückzuführen; gegenwärtig liegt der Index um etwa 25 Prozent unter dem Stand der gleichen Vorjahrszeit. Dagegen ist bei der deutschen Einfuhr im September der Durchschnittswert der eingeführten Kreuzzuchtwolle sogar um 12 Prozent gestieren. der Durchschnittswert für Merinowolle nur wesentlich zurückgegangen, während am Weltmarkt in der für die August- SeptemberEinfuhr maßgebenden Einkaufsperiode die Preise um 8 bis 10 Prozent sanken. Diese Verteuerung der deutschen Wolleinfuhr kann einmal damit zusammenhängen, daß aus devisentechnischen Gründen von der Direkteinfuhr zur Einfuhr von Zweit- Hand- Partien" übergegangen wurde und Länder bevorzugt wurden, die für ihre Wollieferungen Charakterihöhere Preise zu berechnen in der Lage waren. stisch dafür ist, daß in diesem Jahr sich die Einfuhr aus den Nicht- Ueberseeländern gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt hat, wobei besonders die Zunahme der Wolleinfuhr aus Ungarn auffällt; sie war im September etwa zehnmal so groß wie im Vorjahr. Da in Ungarn aber ähnliche Maßnahmen zum Schutz der heimischen Wollproduktion getroffen sind wie in Deutschland, ist für die Einfuhr von dort, für die durch das Vorhandensein besonderer Zahlungsabkommen ein starker Anreiz besteht, ebenfalls ein Vielfaches der Weltmarktpreise anzulegen. Es ist somit wohl denkbar, daß die Rohstoffkosten der deutschen Wollverarbeiter in letzter Zeit sich anders entwickelt haben als die Wollpreise am Weltmarkt Unrentabler Kohlenabsatz Dem Geschäftsbericht der Gutehoffnungshütte entnehmen wir: ..Beim Kollenbergbau sei man zwar noch weit entfernt von der Produktion früherer Jahre, aber eine erheblich bessere Auswertung der Zechenanlagen war möglich. Während im Vorjahr die Ausnutzung der Verbrauchsbeteiligung des Konzerns noch unter der Verkaufsbeteiligung im Kohlensyndikat lag, war im Berichtsjahr das Verhältnis wieder umgekehrt. Trots des gebesserten Absatzes hielt der scharfe Weltbewerb der Stein- und Braunkohlenbezirke im Inland unvermindert an. Die Opfer beim Zusammenschluß mit dem Aachener Bezirk seien umsonst gebracht, wenn ihm nicht bald eine Marktreglung für den gesamten deutschen Steinund Braunkohlenbergbau folge. Es ist nicht länger traghar, daß die beiden westlichen Steinkohlengebiete von den übrigen Gebieten im Inland auf der ganzen Linie bekämpft werden, daß ihnen aber gleichzeitig zugemutet wird, die Lasten aus unsrer volkswirtschaftlich lebenswichtigen Kohlenausfuhr allein zu tragen. Das Auslandsgeschäft lag und liege im Kohlenbergbau schwieriger denn je. Wenn es dem Kohlensyndikat trots all dieser Schwierigkeiten gelungen ist, die Ausfuhr in unverminderter Höhe aufrechtzuerhalten, so dürften die schweren Opfer nicht unerwähnt bleiben, unter denen dieses Ergebnis allein erzielt werden konnte. Die Erlöse erfuhren/ daher im Berichtsjahr einen weiteren empfindlichen Rückgang." Gute Zeiten Gute Zeiten für Lumpen DemDie Einschränkung der Wolleinfuhr hat dazu geführt, daß Kunstwollerzeugnisse, wie einst im Kriege und in den ersten Nachkriegsjahren, in stärkerem Maße hergestellt werden. Der Rohstoff für Kunstwolle sind bekanntlich Lumpen. entsprechend ist in den letzten Monaten der Verbrauch von Lumpen gestiegen. Die Lumpeneinfuhr aus dem Ausland hat sich ebenfalls erhöht. Damit wird zwar die Devisenbilanz belastet, aber immerhin bei weitem nicht in dem Umfange wie bei der Rohwolleinfuhr. Setzt sich nun das bisherige Tempo der Lumpeneinfuhr fort, und geht die Ausfuhr weiter zurück, so dürfen im Jahre 1935 mindestens 20 Millionen Kilogramm zur Einfuhr gelangen, etwa 50 Millionen Kilogramm wären im Inland aufzubringen, zusammen etwa 70-80 Millionen Kilogramm. Infolge der stärkeren Nachfrage sind die Preise für Lumpen in die Höhe gegangen. Das deutsche Volk wird also dazu übergehen, immer mehr qualitativ minderwertige Ware zu tragen. Auch ein., Erfolg" der Wirtschaftsankurbelung durch die Hitlerregierung. * Im letzten Heft der Fachzeitschrift..Die Kunstseide" ist ein interessanter Artikel über das Problem des Ersatzes und der Streckung der natürlichen Textilfaser veröffentlicht. Die Fachzeitschrift gesteht, daß die zur Einfuhr verbotene Baumwolle noch immer die billigste Faser für den Massenbedarf sei. Während ein Baumwollgarn mittlerer Qualität, so schreibt das Blatt, etwa 1,50 RM. per Kilogramm kostet, kostet ein Kunstseidengarn gleicher Qualität etwa 3.50 RM. Das Fachblatt zieht daraus die Folgerung, daß die Kunstfaser ,, bis auf weiteres" für Rohnessel nicht in Frage kommt. Sie kann lediglich zur Streckung der Baumwollvorräte durch Erzeugung von Mischgeweben dienen. Werbt für die„ Deutsche Freiheit"! . Deutsche Stimmen Beilage Beilage zur Deutschen Freiheit" Ereignisse und Geschichten 03 Freitag, den 9. November 1934 Wenn sie den Mund auftun Von Klaus Mann Was die deutschen Instanzen mit diesen Ausbürge rungen" eigentlich bezwecken, ist nicht ganz klar. Für unsereinen haben sie keinerlei praktische Bedeutung. Als Bürger eines Deutschland, wie es heute aussieht, hatten wir uns ohnedies nicht gefühlt; und Bürger des eigentlichen Deutschland bleiben wir ob man uns von Berlin Bannflüche nachkräht oder nicht. Leonhard Frank ist ein deutscher Schriftsteller; Hitler jedoch ist keiner. An diesem Tatbestand ändert der komische Bannfluch nichts. Was soll also der ganze Scherz? Er hat genau die Funktion, die Scherzen zukommt: er soll wohl die Zuhausgebliebenen ein wenig ablenken, amüsieren, mal auf andere Gedanken bringen. Der Zuhausgebliebene denkt: Donnerwetter, jetzt haben sie gleich achtundzwanzig Stück ausgebürgert. Teufel noch eins, die Carola Neher ist auch dabei, die habe ich doch mal auf der Bühne gesehen, wieso hetzt sie denn so, man geht aber scharf ins Zeug. Also wird dieser Zeitungsleser eine Viertelstunde lang nicht an die steigenden Preise, an die Rüstungen, an das gegenwärtige und kommende Elend denken. Das ist der Effekt. Ein kleiner Ablenkungsscherz wie ein anderer auch. Auch beim Witzemachen aber wird man liebgewordenen Gewohnheiten nicht untreu. Die zentrale Eigenschaft aller, die Nazitum repräsentieren oder in seinem Namen sprechen, ist doch, daß sie ununterbrochen lügen. Sie können schon nicht mehr anders, es ist ihre Natur. Im Wichtigsten wie im Kleinsten müssen sie unter allen Umständen die Unwahrheit sagen. Sogar wenn die Wahrheit genau so bequem verwendbar ist, zieht ein Nazi aus Instinkt die Lüge vor. Beaune Pornographie Aber Herr Rust! Das ,, Der deutsche Mann und die deutsche Frau sind Deutschland und aus ihrer Vereinigung wächst das Deutschland von morgen. Wenn sie das neue Deutschland erringen sollen, müssen sie in demselben Geist miteinander verbunden sein, müssen sie sich in der neuen Welt des jungen Deutschland gleichberechtigt und gleich stark zurechtfinden. Daraus ergibt sich, daß die Pflicht der deutschen Frau, sich mit dem nationalsozialistischen Gedankengut vertraut zu machen, noch nicht beendet ist. Ich wünsche aus der Mädchenschule das herauszutun, was das Mädchen belastet und hineinzutun, was es stark macht, in vollem Bewußtsein sich selbst inmitten der deutschen Geschichte als lebendiges Glied zurückzufinden. Jedem das Seine! Es gibt aber auch etwas, was als besondere Aufgabe gegeben ist, und diese Bezirke dürfen nicht miteinander vermengt werden." * Also Reichsminister Rust auf der Gauschulungstagung der NS.- Frauenschaft des Gaues Südhannover- Braunschweig. Der Bericht stammt mit obigen Hervorhebungen aus der ,, Berliner Börsen- Zeitung"( 5. Nov.). daß Deutsche Nachrichtenbüro" etwa hat mitzuteilen, Leonhard Frank ,, ausgebürgert" ist. Es muß eine Lüge hinzufügen, sonst würde ihm die ganze Nachricht den halben Spaß machen. Es verbreitet also: Leonhard Frank. sei ein kommunistischer Schriftsteller und lebe in Prag. Nun versteht sich ja schon von selbst, daß Frank weder Kommunist ist noch sich in Prag aufhält. Wäre er wirklich ein in Prag lebender Kommunist, dann würde das Nachrichtenbüro doch verbreiten: der sich in Spanien herumtreibende theosophische Lyriker usw. Auch von Balder Olden weiß die Agentur so manches, zum Beispiel, daß er der Autor einer Broschüre Hitler der Eroberer" ist; unnötig zu sagen, daß es nicht stimmt. Zu den Gründen, die Anlaß zu meiner ,, Ausbürgerung" gaben, erwähnt das Nachrichtenbüro meine Mitarbeiterschaft an einem Prager Hetblatt ,, Neue Freie Presse". Aber von dem wußte ich gar nichts. Ich kannte immer nur das ehrwürdige Organ gleichen Namens in Wien, und eine Zeitschrift namens ,, Freie Presse", die einige Monate lang in Amsterdam erschienen ist. Es wäre ja genug gegen mich vorzubringen, vom Standpunkt des Deutschen Nachrichtenbüros" aus. Aber nein, gelogen muß werden. Das hat nichts mit Schlamperei zu tun, das ist Prinzip. Man nennt den Namen einer Zeitung, die nicht existiert. Bei den Leuten muß eine Art von physischem Ekel vor der Wahrheit herrschen. Wir wissen ja, wer das Beispiel gibt. Einer plappert immerfort das Wort„ Frieden". was aber meint der denn eigentlich? Ach, das, was sie jedesmal meinen, wenn sie den Mund auftun: das Gegenteil von dem, was sie sagen. Daluege läßt Wettschießen Die neue Herrenschicht amüsiert sich In der Frankfurter Zeitung"( 4. Nov.) lesen wir: ,, Der Befehlshaber der deutschen Polizei, General Daluege, hatte eine große Zahl bekannter Persönlichkeiten aus den Ministerialbüros und aus sonstigen Dienststellen zu einem kameradschaftlichen Wettschießen in die Versuchsanstalt für Handfeuerwaffen, Wannsee, eingeladen. Wie der General in einer Ansprache sagte, finden die Herren, die sonst niemals aus ihrem ministeriellen Aktenstaub herauskämen, in solcher Veranstaltung eine angenehme Abwechslung. Am Büchsenstand sah man u. a. den Reichsführer der SS., Himmler, Staatsrat Dr. Lippert und die Staatssekretäre Grauert, Bracht. Pfundtner und Milch. Bei sechs Schuß auf hundert Meter holte sich zur Ueberraschung aller Anwesenden ein Zivilist, nämlich der Reichsleiter der Heimstätten, Herr v. Conta, vor einem Gendarmerieobersten den ersten Preis. Die Ehren- und Ruhmesscheiben fielen ausschließlich an die Uniformen. Das Revolverschießen wurde nicht gewertet. General Daluege will fortab jeden dritten Monat ein ähnliches Wettschießen durchführen, bei denen dann Bedingungen gestellt würden, denen sich auch verschiedene Minister unterwerfen sollen." Schlagt den Takt! Fort mit dem Schacher und her mit dem Recht! König ist König! Und Knecht ist Knecht! Arbeit ist Herzblut und wird nicht verschenkt! An die Laterne, wer anders denkt! Revolution! Trommler wirble mit jedem Schritt: Revolution! Die Masse muß mit! Trommle die Straßen so lang wie breit, Schlage den Takt, bis die Menge schreit: Revolution! Fahnen heraus und den Stock in die Hand! Dumpf geht die Trommel herum im Land, Züge um Züge durchwandern die Nacht, Rot hinter Dunkel der Ruf erwacht: Revolution! Trommler trommle, das Volk marschiert, Not macht frei, aber Schande verliert! Brauche die Faust, wenn der Schlägel bricht, Pauke mit brillendem Angesicht: Revolution! Gott im Himmel, du liebst uns doch Hilf uns nicht, wir schaffen es noch! Unser das Werk, doch Dein die Ehr! Brause hinter den Scharen her: Revolution! Schlage, Trommler! Der Sturm bricht los! Die Menschen sind klein und Gott ist groß! Doch alle sind wir sein Ebenbild! Brüder, handelt, der Himmel schrillt: Revolution! Der Verfall der Schule Aus Rheinland- Westfalen berichten uns Pädagogen über die unvorstellbar schlechten Leistungen der höheren Schulen. Der Unterricht hat einen so oberflächlichen Charakter angenommen, daß man vor dem Bildungsgrad der kommenden Jugend ein wahres Grauen haben muß. Die Durchführung des geordneten Schulbetriebs durch alle mög lichen Maßnahmen zugunsten des nationalsozialistischen Staates und der verschiedenen Organisationen der Nazis ist monatelang fast unmöglich gewesen. Jeder dummfreche Nazibengel kann bei Leistungsforderungen den Studienrat oder Professor durch dreistselbstbewußte Redensarten ignorieren. In den Lehrerkreisen an höheren Schulen ist mit Ausnahme fanatischer Nazis und meistens Nichtskönner nach vorübergehender tiefer Depression die passive Abwehr getreten. In familiären Zirkeln suchen diese Pädagogen sich zu sammeln. Jeder erkennt heute mit Hochachtung die vorbildlichen Auffassungen der Weimarer Republik in Schulfragen an. Die Intellektuellen sind außerordentlich kritisch geworden. Auch in den Kreisen begabter höherer Schüler wächst ständig die Gegnerschaft gegen den Nazistaat. Da finden sich auch Notkameradschaften zwischen den Lehrern an höheren Schuleu und den antifaschistischen Schülern. Die Volksschule ist eine einzige Kaserne und byzantinische Verdummungsanstalt. Auch hier gibt es Lehrer in immer wachsender Zahl, die sich geistig gegen das System stellen. Novembechumor von 1918 Die Unterhosen seiner Majestät Der letzte Bayernludwig war ganz im Gegensatz zum zweiten bayerischen König seines Namens ein geiziger Knicker. Das pfiffen in München die Spatzen von den Dächern. Und zuweilen trieb der königliche Geiz höchst unkönigliche Blüten. Am 7. November 1918 war Ludwig III. per Auto Hals über Kopf aus München abgereist. Er konnte ja nicht wissen, daß die Revolution den Fürsten kein Haar krümmen würde. Wenige Tage nachher wurde im Vorzimmer des neuen bayerischen Ministerpräsidenten eine Dame aus der Umgebung seiner Majestät" gemeldet, die den Ministerpräsidenten zu sprechen wünschte. Man ließ sie eintreten. Sie war kaum über zwanzig Jahre alt, hatte ein hübsches Gesichtchen und war gut gekleidet. Vor Angst zitterte sie am ganzen Körper. Ihre Aufgeregtheit ließ sie kaum ein Wort hervorbringen. Es kostete einige Mühe, die königliche Abgesandte zu beruhigen, Nachdem sie endlich zaghaft Plat genommen hatte, begann sie stockend mit leiser Stimme ihr Anliegen vorzutragen. ..Es ist doch bekannt, daß Seine Majestät vor einigen Tagen gezwungen waren, München in aller Eile zu verlassen. Das war so plötzlich gekommen, daß sich nicht einmal Zeit fand, Ich auch nur die allernötigste Leibwäsche mitzunehmen. möchte deshalb fragen, ob es gestattet ist, für Seine Majestät etwas Leibwäsche aus dem Wittelsbacher Palais abholer zu lassen." Fechenbach, der als Sekretär des Ministerpräsidenten diese Unterhaltung führte, biß die Zähne aufeinander, um nicht in heftiges Lachen auszubrechen. Jetzt, da es um den Thron der Wittelsbacher ging, wurde dieser König von der Sorge um seine Unterhosen beunruhigt! Das unkönigliche Verlangen wurde dem Ministerpräsidenten vorgetragen und der abgesetzte Wittelsbacher bekam die Erlaubnis, sich seine Leibwäsche aus München abholen zu lassen. Während die Abgesandte des Königs ihr Verlangen Fechenbach vorgetragen hatte, war ein Ministerialbote gekommen, der Akten überbrachte. Er hatte gehört, um was sich das Gespräch drehte. Als nun das Mädchen zum Ministerpräsidenten ging, gab der im bayerischen Dienst ergraute Bote seinem Mitgefühl mit folgender Bemerkung Ausdruck: ..Ja, mei, unser König, der alt Mann, der hat eine Angst ausstehn müssen. Das glaub ich schon, daß der eine neue Unterhose braucht!" Er kennt seine Landsleute Am 9. November 1918 hatte Karl Liebknecht das Berliner Schloß unter den Schutz des Arbeiter- und Soldatenrates gestellt und die Wache dem Telegrafenbataillon übergeben. Wo sonst die Kaiserstandarte auf dem Schloßdach wehte, flatterte jetzt einé riesige rote Fahne. Der Wachhabende im Schloß war ein Unteroffizier des Telegrafenbataillons. Er stellte kurz nach der Besetzung fest, daß im Schloßkeller eine Anzahl Soldaten sich daran machten, Wilhelms Weine zu probieren. Da gabs ein heiliges Donnerwetter. Der Gute war weniger um den Wein besorgt, als vielmehr um die Kampfkraft seiner Truppe. Kurz entschlossen ließ er um die Kellereingänge gewöhnlichen Kupferdraht spannen und Plakate daneben aufhängen, auf denen zu lesen stand: Vorsicht! Hochspannung! Lebensgefahr!" クラ Das wirkte. Niemand wagte sich mehr in den Keller. Am Abend kommt der Wachhabende zum Arbeiter- und Soldatenrat und gibt seinen Tagesapport ab. Dabei erzählt er auch den Trick mit dem Kupferdraht. Karl Liebknecht meint dazu: ,, Das ist ja ganz schön, war aber höchst überflüssig. Wir sind doch in Deutschland. Den Draht konnten Sie sich schenken. wenn Sie an der Tür ein Plakat angeschlagen hätten: Eintritt verboten!" ララ Sturm auf den Franzl Auf zum Franzl!" schallt es durch die Menge, als am 7. November 1918 in München schon alle Kasernen in der Hand der Arbeiter und Soldaten waren. Der„ Franzl", das war die Militäranstalt. Und wie ein Lauffeuer gings durch die aufgeregten Massen: ..Zum Franzl, zum Franzl!" Da gabs kein Halten. In breitem Strom, die ganze Straße einnehmend, wälzte sich's zur Leonrodstraße. Der leichte Lattenzaun vor dem Haus mit den vergitterten Fenstern hielt dem Ansturm nicht stand. Aber die schwere Eingangstür war verriegelt. Die Menge tobte, die Gefangenen sollten freigelassen werden! Die hinten standen, drängten nach vorne. Die in der vordersten Reihe wurden gegen die Tür gepreßt. Aufgeregte Rufe schallten über die Köpfe. Da ein Schuß... Er kam von drinnen durchs Fenster. Ein einziger, wuterfüllter Schrei gellt aus der andrängenden Menge. Gewehrkolben werden von schwieligen Fäusten gegen die schwere Tür geschwungen. Nach wenig Schlägen gibt sie nach. Die Vordersten dringen ein. Ein Feldwebel, den Revolver in der Hand, steht hinter der aufgebrochenen Tür. Er wird niedergeschlagen. Besonnenere springen herzu, tragen den Verwundeten ins Wachtzimmer. Dann beginnt ein aufgeregtes Suchen nach den Zellenschlüsseln. Sie sind nirgends zu finden. Auch die Aufseher sind verschwunden. An ihnen hatte so mancher sein Mütchen kühlen wollen. Aber nicht ein einziger Aufseher läßt sich blicken. ,, Die haben sich verzogen," meint einer der Suchender Wie nun die Gefangenen aus den Zellen bringen? Rasch ist Hilfe geschaffen. Die Gewehrkolben, die im Felde so manche Tür geöffnet haben, müssen als Zellenschlüssel dienen. Schwere Schläge wuchten gegen die Zellentüren und bringen den Häftlingen die Freiheit. Keiner wird gefragt, wer er ist, warum er hier unfreiwillige Gastfreundschaft genießt. Alle, die in den Zellen sind, werden befreit. Zwei Tage nach dem Sturm auf den ,, Franzl" wurde es offenbar, wo die Aufseher an jenem kritischen Tag waren. Sie hatten vermutet, daß man sie nicht allzu freundlich behandeln werde und zu ihrer Rettung folgenden Plan durchgeführt: Alle legten ihre Dienstmützen, Leibriemen und Seitengewehre ab, so daß sie sich in nichts von den Militärhäftlingen unterschieden. Der Feldwebel sperrte jeden einzelnen in eine Zelle und verschloß sie wieder. Dann waren die Stürmenden gekommen, hatten die Zellen aufgeschlagen, die Häftlinge befreit und damit auch die Aufseher. Deer revolutionäre Schauspieler In Berlin tobten Straßenkämpfe. Es war im November 1918. Trotz der aufregenden Ereignisse spielten abends die Theater wie sonst auch. Kurz vor Beginn der Aufführung im Staatstheater stürmt der Darsteller des jugendlichen Helden in die Garderobe, um sich rasch umzukleiden. Dabei erzählt er atemlos: ..Dreimal habe ich heute auf den Barrikaden mitgestürmt. Jetzt eben setzten sie zum vierten Sturm an, aber da mußte ich weg, um rechtzeitig ins Theater zu kommen..." Völker in Sturmzeiten Nr. 65 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Der 9. November D Von René Schickele 912 Freitag, 9 November 1934 straßen ab. Das Volk soll kämpfen. Um drei Uhr, heißt es, werden die Potsdamer zur Stelle sein. Ganz Berlin ist entschlossen, sich zu wehren bis auf den letzten Mann. Aber da niemand sie weckt, bleiben die Potsdamer in ihrem besten Schlaf. Nach einer Stunde wachen nur noch Patrouillen und Huren. Im August 1914 übernahm die Zensur das Kommando dener; sie besetzen den Lokalanzeiger" und drucken die erste Nummer der Roten Fahne". René Schickele veröffentlichte im Jahre 1919 eine kleine, inzwischen halb vergessene Schrift: ,, Der neunte November". Sie ist eine packende Darstellung von Erlebnissen und Stimmungen an der Wende von 1918 zu 1919, geschrieben von einem leidenschaftlich Mit über die deutsche Presse. Die Spartakusleute sind beschei fühlenden. Vielleicht reizt die Schrift heute viele zum Widerspruch wohl auch manches heute miẞbilligen mag, was er damals niederschrieb. Aber das mindert die Bedeutung dieser Kapitel nicht herab. Der Ruf an den Geist und an seine Verantwortung gilt heute noch stärker als damals. Die Frucht fällt Wir machen, auf dem Heimweg. halt. Es ist am Freitag, dem 8. November, im alten Westen, spät abends. Im Haus Viktoriastraße 1 richten Jäger ihre Maschinengewehre ein. Der Oberkommandant in den Marken hat die Jungens nach Berlin beordert, um die Revolution niederzuknallen. Sie stellen die Feuerbüchsen im Vorgarten auf und schaffen die Munition über den Platz, in dessen Mitte der versteinerte Roland in Ewigkeit strammsteht. Die grauen Munitionskästen haben graue Autos gebracht, deren Chauffeure Zigaretten rauchen und gelassen die Vorgänge betrachten. Die Jäger unter den Stahlhelmen, die die Knabenhaftigkeit dieser Soldaten noch verdeutlichen, bummeln hin und her zwischen dem Auto und dem Eckhaus, aus dem sie morgen schießen sollen, ein Feldwebel blickt angestrengt in den Himmel und hofft, daß ein Sternbild seine Zweifel löse, vier Schugleute drehn sich langsam und mit großen Lücken im Gespräch um die Frage, welches Morgen sich unter den Sturmhauben der kleinen Jäger verberge. Nicht gibt ihnen Gewißheit, daß die Munitionskästen, einer nach dem andern, an ihnen vorbeiwandern. Die Helme sind so, daß man den Jungens nicht ins Gesicht sieht. Keine Maske könnte ein Gesicht besser verbergen. Ein Trupp Mädchen blüht, wunderbar, in der Bellevue. straße auf und fällt schnurstracks in den Vorgarten des Eckhauses. Gleich sind die kleinen Jäger geschmückt und schon halb berauscht. Man lacht und bewegt sich wie zu einem Menuett den Bürgersteig hinauf, den Bürgersteig hinunter, nach rechts und nach links. Die vier Schutzleute nehmen die Haltung des Roland an, sie stehn regungslos in einer Reihe über dem Schiebetanz der Soldaten und Mädchen. Sie ragen. Versteinert. Ein Denkmal der Urzeit. Ihren Sockel umglänzt. weithin, der Asphalt. Und das Aute unten kann warten. Die Chauffeure unten ziehn eine Zeitung heraus und lesen. Eine religiöse Stille umgibt die Kinder beiderlei Geschlechts, die einander in einem leisen Reigen ernsthafte und folgenschwere Artigkeiten sagen. Sie schweben zwischen Unten und Oben. Schwebend lassen sie sich gehn sie wollen gar nicht wissen, wohin. Nach einer Viertelstunde stecken die Kraftfahrer die Zeilung ein und machen sich ohne weiteres davon. Der Bann ist gebrochen, weithin kommen die Dinge in Fluß. Die Schuyleute wechseln den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit. Sie machen Links kehrt!" und gloten dem Auto nach. Es ist schon lange verschwunden, da ragen sie noch immer, in ciner Reihe, den Blick in die Ferne gebohrt, in die das Auto gestürzt ist. Dann raten sie einander. mit einem Blick, Rührt cuch!", murmeln etwas und setzen sich unauffällig in Bewegung. Weg sind sie, niemand will wissen, wohin. Die Mädchen schieben unter jeden Stahlhelm einen Kuß. Hält er. der Kuß? Sie befestigen ihn für jeden Fall unter Jäger. und machen sich auf den Weg die Siegesallee hinzum Reichstag. Dort liegt das nächste Kommando Die bis an die Zähne bewaffneten Jungens drücken sich durch die Gartenpforte des Hauses Viktoriastraße. Sie wollen schlafen gehn. Sie werden gut schlafen. Noch nie, seitdem sie vom Krieg gehört haben, noch nie waren sie so friedlichen, so zufriedenen, so heiteren Gemüts. Darf man mit euch reden? Wir möchten wissen, ob ihr morgen schießt. ,, Wir schießen?! Morgen zwischen zwei und drei kommen die Jugendlichen und holen unsere Waffen. Am Abend fahren wir nach Hause." Das ist ein Wort. Damit läßt sich munter nach Hause gehn. Morgen legt der deutsche Michel seinen Helm ab und geht nach Hause. Morgen. Am neunten November. Von dem es in den Schulbüchern heißen wird: Neunter November, Ausbruch der Revolution." Und was geschieht am neunten November. wie vollzieht sie sich, die Pevolution? Die Maschine bleibt von selbst stehn. Der Atem ist ihr ausgegangen. Fertig. Mag nun die Welt am deutschen Wesen genesen oder nicht. Der deutsche Michel ist es müde. mit überspannter Muskelkraft nachzuhelfen. Die Soldaten bis zum Feldwebel aufwärts erhalten die Revolution umsonst. Aber die Offiziere bezahlen mit einer bösen Viertelstunde. Man reißt ihnen die Achselstücke ab, mitten auf der Straße, und die Kokarde, und reißt ihnen den Säbel vom Leib. Die sich dieser nicht nur dekorativen Symbole freiwillig entledigt haben, rührt keiner an. Die andern lassen, bleich und zähneknirschend, mit sich geschehn. Das Publikum applaudiert. Der Kasernenhof hat sich in die Straßen ergossen und läßt sich seine Rache schmecken. Ich mache mich aus dem Staub. Gegen drei Uhr rückt die rote Prozession in der Viktoriastraße an, ein Trupp Mädchen und Burschen dringt in den Vorgarten des Eckhauses ein im selben Augenblick, wo die kleinen Jäger brav ihren Maschinengewehren zustreben. Ihr werdet doch nicht? In einer Minute ist die Angelegenheit erledigt. Gewehre und Mitrailleusen auf der Schulter schließen die Jugendlichen sich dem Zug an, der nicht gestockt hat, und ihre behelmten Kameraden knapp achtzehnjährig. Spielgenossen! kehren ins Haus zurück und holen ihre Shen"... So Viertel ande später traben sie mit einem Strahlen, wie René Schickele ihnen wie ein Bart unter dem Sturmhelm heraushängt, zum Bahnhof. Auf dem Potsdamer Platz fahren die rotgeflaggten Autos auf, einer hält eine Rede, die keiner versteht, alle rufen dreimal Hoch!", der Wagen knattert weiter. und das nächste rotgeflaggte Auto stemmi den nächsten Redner. Bligblank, schön, gewinnend und sehr würdig sind die Matrosen, die auf dem Trittbrett mitfahren. Sie sind noch vom ersten Aufgebot Die Masse kommt angeschwemmt, flutet über. sie staut sich, wo eine Insel. ein Wehr entsteht, darauf ein Reduer auftaucht, nimmt, ohne daß sie im Lärm ein Wort zu verstehn brauchte, die Verkündigung seiner Herrschaft entgegen. Und mißt, weiterwandernd, die Stunde seines Geburtstages und blickt selig drein. Mitten in Berlin. so in der Mitte wie noch nie, liegt der Reichstag. Er gehört den Soldaten. Sie purzeln herein und wollen wissen. was los ist. Was mit ihnen zu geschehen habe. Wie und wo sie Ordnung in das festliche Durcheinander bringen sollen. Einen Ausweis verlangen sie, Brot und Munition. Zu den Füßen Wilhelms des Großen in der Mitte der Halle liegen die Maschinengewehre aufgehäuft wie altes Eisen. Matrosen in den Klubsesseln putzen ihre Gewehre. Andre. die meinen. daß es nun geschafft und eine Zigarre erlaubt sei, haben ihre Glieder im weichen Leder gelöst und ruhn im siebenten Himmel. Andre schiafen. Wir lassen uns im Sitzungssaal des Bundesrats nieder und füllen Waffenscheine aus. Matrosen sammeln sie ein und tragen sie zum Vollzugsrat. wo sie unterschrieben werden. Dann verfassen wir Plakate und Flugblätter. Dann Motto: Verhöhnung durch die Haustiere Ihr Geistigen. fürchtet ihr euch nicht vor dem Werk, das ihr beginnen wollt, wie vor dem Tod? Steht ihr nicht oft von der Arbeit auf wie aus dem Grab? Schwankt ihr nicht den Weg vom Schreibtisch zum Bett und seid verbraucht, verwüstet, zerschlagen, als hättet ihr soeben in den vier Stunden euer ganzes Leben gelebt? Stellt euch nicht der zufällige Blick eines Unbekannten auf der Straße vor die legten Fragen. so daß ihr nicht weiter könnt und euch an die Wand lehnt, halb ohnmächtig vor Erschütterung? Geht ihr nicht herum, ohne Schatten und wie verloren, und liegt schlaflos. weil es euch nicht gelingt, einer Forderung an die Menschen den Giftstachel zu nehmen? Fühlt ihr nicht, vor Ungerechtigkeit und Gewalt, mit kaltem Schweiß auf der Stirn, das Rachebedürfnis heranziehen wie einen epileptischen Anfall? dold Betrachtet ihr nicht, mit mühsamem Lächeln. eure Hände, bis die Lust zu würgen aus ihnen entwichen ist? Lebt ihr nicht so innig mit dem Tier, daß vielfältig sein Trieb in euch widerhallt? Darum versteht ihr den Staatsstreich des Esels, der sich zum König der Tiere ausrief: es war ihm gelungen, sein J- A" so hoch zu züchten. daß die Völker daraus ein Hauch von Gottes Wort anwehte. Und die Schlauheit der Wolfshunde. die ein Auge zudrücken und ihm dienen, weil sie mit ihm Gott auf ihre Seite gebracht haben. Darum versteht ihr das toll gewordene Lamm, das in seiner panischen Angst den Tiger selbst erschreckt. Die Haustiere kränken euch nicht, wenn sie, um auch einmal ihren Spaß zu haben, euch einladen. ihnen aus der Hand zu fressen, weil ihr so fromm seid. René Schickele...Die Genfer Reise". braucht der Häuptling nicht immer da zu sein, die ernsthafteren Pfadsucher führt man Zu ihm. Welche Enttäuschung, wenn auch er nicht Bescheid weiß oder nicht sofort. auf der Stelle. helfen kann! Welche Genugtuung, ihm die Hand gedrückt zu haben! Wir tun, was wir können, aber was wir können, ist so gut wie nichts. Was Umwälzendes geschieht, geschieht von selbst. Wir sind die fleißigen durchsuchen wir das Haus nach den Führern und Delegierten. die gebraucht werden. Wir finden sie, aber es ist unmöglich, sie fünf Minuten beisammenzuhalten. So nimmt die Suche kein Ende. Schließlich konsolidieren wir uns als Auskunftsstelle...Zimmer 15. Zimmer 3 a. den Gang entlang, die Treppe hinunter, die Tür rechts." Für die einen Statisten. Es gibt keine Pausen. Manchmal findet einer ein Stück Brot in seiner Tasche. das man teilt und verschlingt. Es geht zu, wie es immer zugeht. Bereits erregen. bereits weiden die Premierentiger sich in Gerüchten von gegenrevolutionären Anschlägen. 1914 warfen die Franzosen Bomben auf Nürnberg, jetzt haben sich, ebenso amtlich verbürgt, Offiziere im Dom verbarrikadiert und schießen. 1914 waren es die Goldautos. jetzt ist es die Potsdamer Garnison, die auf Berlin marschiert. Alarm! Nach Mitternacht rasseln Kraftwagen auf den Potsdamer Plat. Jeder, der die Hand ausstreckt, erhält ein Gewehr, D. e eine t. ca Potsdamer Play and die SeitenEin Freund bekommt vor lauter Glück einen Weinkrampf, als ein Haufen Schutsleute entwaffnet, wie geprügelte Wölfe mit ausgebrochenen Zähnen, vorbeizieht. ..Daß man das erlebt!" Daß man das erlebt. Ums Himmels willen, sorgt dafür, das es so bleibt! Stellt die Republik auf die Beine. Schafft, ohne eine Minute zu zögern, den Apparat, der einen Staat schafft und ihn erhält. Da liegt, von Trümmern bedeckt, der weite Pla. Säubert ihn und errichtet darauf die neue Stadt. Und beginnt sofort, um euch selbst zu bestätigen, wenn auch nur darum, und damit man euch glaube, mit der Verstaatlichung der Betriebe. Beginnt, zum Beispiel, mit der Nationalisierung der Rüstungsindustrie. Kein Bürger wird mit der Wimper zucken, nicht einmal der Aktionär, den schon lange das Gewissen drückt. Die Revolution des neunten November war der Zusam menbruch der Autarkie. Die Autarkie erklärte sich selbst für abgetan. Sie trat, kampflos, ab. Am selben Tage begann die sozialistische Regierung die Dekrete zu erlassen, die der Demokratie die Türe öffnete. Der Demokratie. Der neunte November war, in ihren Handlungen, eine bürgerliche Revolution. Hierauf, Sozialisten, wäre es an der Zeit, Ernst zu machen. Zögern wir, so versuchen es die Spartakusleute mit dem Dreinschlagen. Alle wissen, dabei ist viel zu verlieren, keiner weiß, was zu gewinnen. Inzwischen feiern wir. An diesem einen Tag wurde an Freiheit mehr gewonnen, als in fünfzig, in hundert Jahren erhandelt orden wäre. Wir feiern. Feiere auch du! Feiert alle! Mit allen Abzeichen der Freude gleitet in die Masse. Blickt nicht nach rechts, nicht nach links, laßt nicht eure Sorge sich im Sprung über den Jubel hinwegsetzen, bewahrt den Gedanken an das russische Beispiel für morgen, zieht den warnenden Finger ein, der sich erheben will. Wir sind keine Russen, keine Brussilow- Offensive ist auf uns zurückgeprallt, hinter Ebert und Haase rumoren nicht die Heinzelmänner, die Kerenski und Martoff die Fersen geheizt haben... Bitte, danke, jauchze, überlasse dich fraglos dem Wunder, denn nie, nie wieder hältst du und träget durch entzückte Straßen das Geschenk eines solchen Tages. Genügt es dir nicht, so sprich es aus, nur: sage es droben, auf der Festtribüne, höher treibe mit deiner Rede die Freude, steigere sie dem Ideal entgegen, fordere mehr an Glück, aber mache es nicht schlecht, das Glück, weil es eben erst begonnen hat. Jetzt Jett. jetzt. Endlich. Jett! Die neue Welt hat begonnen. Das ist sie, die befreite Menschheit! Das Bild von Sais hat sich enthüllt. Ein Ge sicht erscheint im Atmospärenwust der Angst und Lüge: das Gesicht des Menschen. Das Gesicht einer Kreatur, überirdisch glänzend. Davonfliegend im Licht. Und dennoch, erdhaft gebunden, einer Kreatur. Jetzt macht er Ernst, der Mensch. Endlich. Ernst mit sich, der leben will für sein .ur das eine und unteilbare Glück des MenGlück. Es gibt schen, an dem alle teilhaben, die des Morgens eine meuschliche Stirn heben vor dem aufziehenden Tag und den Mund bewegen zu Lauten, die für seinesgleichen das Erkennungswort sind im kosmischen Tumult. Jett! Beginnen wir, befreit vom Gepäck des Mittelalters, den Marsch in die Neuzeit! Los! Von selbst, wie ein Fluß, enteilt der Zug der Kameraden und biegt um die Ecken und entdeckt immer von neuem den Horizont. Ich rufe die Namen von Freunden, die, durch den Krieg versprengt, gehofft haben in allen Demütigungen und Niederlagen. Was sage ich? Gehofft? Geglaubt haben sie, das ist tausendmal mehr. Wie undeutliche Funksprüche haben unsere Zurufe einander erreicht in diesen unsäglichen Jahren: Irrwische, sprechende, des Glaubens, hinfligend über den Blutsumpf. Kaum wußte man, von wem das Zeichen kam, nur: daß es das Gedenken eines Freundes war, der litt und, vor der falschen Glorie der Zeit: verkrochen, sich bereit hielt, indem er Gutes tat. Wie taten wir Gutes? Mein Gott, es war nicht viel, es war elendes Machwerk der Güte. Kaum, daß wir durchdrangen damit. Als ob wir auf einer Halbinsel verbarri. kadiert gewesen wären, zwischen speienden Vulkanen, in Wäldern, di, an einem verpestenden Ausschlag gelitten, in der Gesellschaft menschenähnlicher Phantome, die, der Vernichtung kaum entronnen, sich noch zu deutlich erinnert hätten. So blieben wir auch in der Entfernung unter ihnen, die töteten und sich töten ließen, dienten ihrem Leben, dem geistigen und dem körperlichen. Ihnen, den Wahnsinnigen, zum Trotz. und um uns vor Ansteckung zu schützen, um den Menschen nicht zu vergessen, übten wir, Kinder der neuen Zeit, und ein wenig wie Kinder im Dunkel die Angst verSo war singen, übten das Alphabet der Menschlichkeit. unsere Güte, nicht mehr. Sie war, genau besehn, die primitivste Form der Selbsterhaltung. Freunde, es war eine elende Zeit! Zum zweitenmal überlebte ich sie nicht. Freunde, es war, im Vergleich zu dem, was unsere Kameraden in der Feuerlinie an Blut und Kot zu würgep hatten, ein Rentnerleben. Eine Villeggiatura. Ferien. Mit erhebenden Genugtuungen, herzhaften. Dabei ließ sich leben, wenn auch nicht arbeiten. Träumen ließ sich, wenn auch nicht leben. Immerhin, es ließ sich allerhand arbeiten, was über die krasse Wirklichkeit des Geschehens wie mit Opiaten. aber auch mit großen. mit denkwürdigen Signalen: Das Ideal lebt noch!" hinweghalf ( Fortsetzing folgt.) Für die Opfer der spanischen Gegenrevolution Ein Gruß an die spanischen Helden ( P. G.) Eine große Massenfundgebung der Brüsseler Arbeiter hörte am 25. Oktober ein Referat Emile Vanderveldes über die Ereignisse in Spanien. Vandervelde schilderte zunächst die Ereignisse, die zum Ansbruch des Bürgerkriegs führten. Die Analogie zur französischen Revolution von 1848 ist handgreiflich. Zunächst der Honigmond zwischen Sozialisten und bürgerlichen Repu blikanern. Dann bricht der Gegensaz hervor. Zum Schluß werden die gevolutionären Arbeiter niedergeworfen. Die fonstituierende Nationalversammlung hat das Grundproblem Spaniens nicht zu lösen verstanden: die Agrarreform. Bei den Wahlen werden die gespaltenen Republikaner von den enttäuschten Massen im Stiche gelassen, die Sozialisten werden geschmvächt. Es folgen die Ministerien Barrio, Samper, Lerroug, die der Rechten immer mehr entgegenkommen. Und hinter ihnen steht der spanische Dollfuß, der Represen= tant des Faszismus der Safristei", Gil Robles, der„ listige Scheinheiligkeit mit schamloser Brutalität verbindet". Angesichts dieser Gefahr kam es spontan zum revolutionären Generalstreif. Wieder ein Mal zeigte sich aber, daß eine revolutionäre Bewegung, die nicht von der Armee unterstübt wird, zum Untergang verurteilt ist. In manchen Gebieten wie in Asturien haben neben den sozialistischen Arbeitern die kommunistischen und die anarchistischen gekämpft. Ich weigerte mich, ruft Vandervelde aus, die Aufständischen nach ihrer politischen Ueberzeugung zu unterscheiden. Ich femme nur die rote Farbe ihres Blutes und schließe sie alle in meinen Schmerz und meine Bewunderung ein.( Stürmischer Beifall). Gif Robles und seine Freunde verlangen nun, daß Galgen in Spanien aufgerichtet werden, so wie es in Desterreich ge= schah. Aber noch immer fann ich nicht daran glauben, sagt Vandervelde, daß Alcala Zamorra eine solche Grausamkeit zu begehen imstande ist. Wir aber haben die Pflicht, alles, was in unserer Macht steht, zu tun, um dem Henker in Spamien in den Arm zu fallen, und für die Innehaltung des Asylrecht zu sorgen. Der aatßerordentliche Parteitag der Belgischen Arbeiterpartei, der am 27. und 28. Oftober in Brüssel stattfand, hat auf Antrag Vanderveldes die Absendung eines Sympathietelegramms an die spanischen Republikaner und Sozialisten beschlossen. Vandervelde forderte zu Sammlungen für den Matteottifonds auf, um die Opfer der spanischen Konterrevolution unterstüßen zu helfen. Ich habe die Anfänge der spanischen Revolutiton miterlebt. Einer der ersten Männer, die ich traf, sagt Vandervelde. war Zamorra. Er kam eben aus dem Gefängnis, in dem er während der Monarchie eingeferfert war, weil er tapfer für die republikanische Idee eintrat. Er hat nun die Macht, den. Vollzug der Todesurteile im ganzen Land zu ver= hindern. Als General Sanjurjo sich gegen die Republik erhob und zum Tode verurteilt wurde, hat die spanische republikanische Regierung ihn begnadigt, in der Erkennt= nis, daß Todesurteile für ein politisches Verbrechen besonders abscheulich sind. Wäre es denkbar, daß Zamorra, der für die Republik gelitten hat, Todesurteilen gegen andere Republikaner zustimmt? Dieser Ueberzeugung habe ich in folgendem Telegramm Ausdruck gegeben: Alcala Zamorra Präsident der Republik Madrid. Die Belgische Arbeiterpartei, die 1931 Jhre Befreiung aus politischer Gefangenschaft forderte und mit Begeisterung die Begründung der spanischen Republik grüßte, protestiert energisch gegen die Massenhinrichtungen von Männern, die für die Verteidigung der Republik gekämpft haben. Sie wendet sich an Ihr republikanisches Gewissen, damit den Represalien ein Ende gesetzt und die Durchführung der Todesurteile in Barcelona, Asturien und den anderen Gebieten verhindert werde. Emile Vandervelde, Staatsminister und Vorsitzender der Belgischen Arbeiterpartei Der Parteitag stimmte diesem Telegramm mit Begeisterung zu. Entreißt den Kameraden dem Scharfrichter! Zur Rettung eines unschuldig Verurteilten Ein sozialistischer Emigrant, der in unmittelbarer Nähe des Tatortes war sein Name muß aus Gründen der Sicherheit für in Deutschland befindliche Menschen verschwiegen werden schreibt uns den folgenden Bericht. Für die Glaubwürdigkeit unseres Gewährsmannes verbürgen wir uns. Man schreibt uns: Das Sondergericht in Halle an der Saale hat, wie die Deutsche Freiheit" schon berichtet hat, am 12. Oftober den Sozialdemokraten und Reichsbannermann Karl Jänickc, Vater von fünf Kindern, aus Schönebeck an der Elbe, unschuldig zum Tode verurteilt. In höchster Not rufen wir das Weltgewissen an. Wir ersuchen dringend darum, alle erdenklichen Mittel zu versuchen, damit die deutsche Rachejustiz an der Vollstreckung des Todesurteils gegen unferen Genossen und Landsmann verhindert wird. Karl Jänide ist unschuldig. Der Tatbestand: Am 3. März 1933, zwei Tage vor der Reichstagswahl fand in Schönebeck, einer mittelgroßen Industriegemeinde ein Propagandaumzug der„ Eisernen Front" statt. An der Sitze des Zuges marschierte in der Musikkapelle als Trommler Karl Jänice. Er hat seinen Dienst bis zum Schluß der Demonstration nicht verlassen. Dafür stehen in Schönebeck genügend Zeugen zur Verfügung. Diese Zeugen sind auch verhört worden, aber ihrer Aussage wurde qus Angst um die Rachepolitik der Nazis vom Gericht fein Wert beigelegt. Als der Demonstrationszug schon mindestens zwanzig Minuten an dem großen Versammlungslofal„ Stadtpark" in Schönebeck vorbei war Zuchthausmaschine , Hochverrat" Ein früherer fommunistischer Laudiagsabgeordneter vom Boltsgericht verurteilt Die gleichgeschaltete Presse berichtet: Wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Vergehens gegen das Gesetz gegen Neubildung von Parteien, verurteilte der Voltsgerichtshof den 36jährigen leitenden KPD.- Funktionär Johannes Fladung zu zwei Jahren sechs Mo= naten Zuchthaus. Ende Der Angeklagte, der Mitglied der KPD. ist, gehörte bis zur nationalen Erhebung dem Preußischen Landtag als fommunistischer Abgeordneter an und war außerdem Stadtverordneter in Düsseldorf. Dort hat Fladung Anfang 1933 die hochverräterische Druckschrift„ Der Revo Iutionär" herausgegeben, die die Revolutionierung der Massen zum Zwecke der Vorbereitung des gewaltsamen Umsturzes fördern sollte. Bei einer Haussuchung wurden auf einem Schreibtisch 21 an die UnterbezirksAgitprop- Leiter adressierte Briefumschläge gefunden und weiteres hochverräterisches Propagandamaterial. Oftober 1933 tauchte Fladung in Berlin auf, um hier Verbindung mit einem Spißenfunktionär der KPD. zu nehmen. In einem Lokal in der Krausenstraße traf er mit dem ihm durch ein verabredetes Zeichen erkennbaren zusammen. Dieser hohe Funktionär diftierte ihm einen Genossen unterbrachte. In dessen Wohnung fam Fladung mit dem damaligen Reichsfurierleiter des Zentralfomitees aufammen. Dieser hoche Funktionär diftierte ihm einen Brief, in dem die Neuorganisation und die Einteilung des Reichsgebietes in drei Kurier- und sieben Instrukteurbezirke befannigegeben wurde. Der Brief fiel in die Hände der Polizei. SA. marschiert ... ins Zuchthaus Danzig, 8. Nov. Die hiesige Große Straffammer verurteilte den A.- Mann Erich Porell zu zwei Jahren Zuchthaus. Borell hat nachts ein Mädchen angefallen, niedergeschlagen und dann versucht, an der Bewußtlosen ein Sittlichkeitsvenbrechen zu begehen. Er wurde nur durch das Hinzukommen von Passanten daran gehindert. an seiner Spize immer noch Karl Jänicke- fam es an dem genannten Lokal zu einem schweren Zusammenstoß. Ungefähr 200 Meter hinter dem Schluß des großen Demonstrationszuges kam noch ein Nachtrupp von etwa 50 Frauen und Mitgliedern der Sozialistischen Arbeiterjugend aus einem Dorf der Umgegend. Als sie den Stadtpark erreichten die Polizei hatte vor dem Lokal, das einen großen Restaurationsgarten nach der Straße hin hat, einen starten Absperrungsfordon postiert durchbrachen die im Lokal versammelten Nazis unter der Führung des Arbeitsdienstführers Haußmann den Kordon und stürzten sich auf die Frauen und Jugendlichen. Dabei wurde selbst der diensttuende Polizei= offizier von den Nazis in das Gesicht ge= schlagen. Es entstand eine einige Minuten dauernde schwere Prügelei, in die auch Straßenpassanten eingriffen. schwere Prügelei, in die auch Straßenpassanten eingriffen. Dabei wurde von einem Unbekannten der Nazi Haußmann durch einen Messerstich am Halse verwundet. Er wurde in das Lokal gebracht, wo er verstarb. Es muß noch einmal be= tont werden, daß der offizielle Demonstrationszug überhaupt an diesem Fall unbeteiligt war, die Nachhut der Frauen und Jugendlichen überfallen wurde und auseinanderstob in großem Entseßen über die blindlings herumschlagenden Nazis und selbst die Polizei keinen Ueberblick hatte, alles in größter Erregung geschah und niemand weiß, wer bei dem Durcheinanderschlagen und Stechen der Nazis, vielleicht aus dem Publikum, vielleicht aber auch aus den Nazireihen selbst, der Täter war. Eins aber steht ganz sicher fest, Karl Jänicke war etwa zwei Kilometer vom Tatort entfernt und hat mit dem Tode des Haußmann überhaupt nichts zu tun. Rettet der Frau den Mann und den fünf Kindern den Vater. Für illegale Flugschriften Vor dem 4. Straffenat des Kammergerichts in Berlin hatten sich sieben Kommunisten zu verantworten, die im Bezirk Prenzlauer Berg eine ausgedehnte Flugschriftenpropaganda entfaltet hatten. Namentlich der 31 Jahre alte Paul Grundorf, der gleichaltrige Ernst Jeck städt, der 30jäh= rige Fritz Lenz und die 38 Jahre alte Martha Theurich hatten sich bei der Verbreitung der Schriften, besonders der Flugschrift„ Roter Stern" hervorgetan. Die Blätter waren von einem unbekannten Funktionär der Angeklagten Theurich gegeben worden, die sie Lenz aushändigte. Aus der Wohnung des Lenz wanderten die Blätter zu Grundorf und Jeckstädt. Diese vier Angeklagten wurden vom Gericht zu je zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Drei weitere Angeklagte, die„ kleine Abnehmer" der Flugschriften waren, er= hielten Gefängnisstrafen bis zu 1 Jahr und 9 Monaten. In der Begründung betonte der Vorsitzende, daß die An= geklagten ihre Heßtätigkeit" entfaltet hatten, nachdem von deutschem Volk durch die Wahl eindeutig gezeigt worden war, daß es in seiner überwiegenden Mehrheit zur jetzigen Staatsform stehe. Auch die Angeklagten hätten erkennen müssen, daß die Regierung durch ihr großzügiges Winterhilfswerk alles Menschenmögliche getan hat, um die Not der armen Massen lindern zu helfen. Wenn sie trotzdem in dieser Weise wühlten, dann zeigten sie, daß sie Staatsfeinde sind und bleiben wollen. Sie müßten daher auch die Folgen tragen und dürften sich nicht darüber beschweren, daß gegen sie die volle Strenge des Gesetzes zur Anwendung komme. Eine ganze Belegschaft verhaftet Effen, 8. Nov. Im Straßenbahnbetrieb der Essener Kleinbahn, Depot Karnap, erschien fürzlich eine illegale Betriebszeitung. Die ganze Belegschaft, die 50 Mann stark ist. wurde daraufhin verhaftet. Troß schärfster Untersuchung fonnte feiner der illegalen Propagandisten ermittelt werden, so daß alle 50 Arbeiter wieder freigelassen und eingestellt werden mußten. Acht Tage später erschien bereits eine neue Betriebszeitung mit einem ausführlichen Bericht über die Verhaftungsaktion. Auch in Gelsenkirchen fanden in den letzten Wochen wiederbolt Razzien wegen der Verbreitung kommunistischer Flugblätter statt. Es gelang auch hier in keinem Fall, die ac= wünschten Resultate zu erreichen. Else Steinfurth Eine Frau unter ,, Hochverrats"-Anklage Wie die Rote Hilfe Berlin erfährt, ist der Prozeßbeginn gegen Else Steinfurth, die Frau des zu= sammen mit Scheer, Schönhaar und Schwarz von der Gestapo ermordeten Rote- Hilfe- Funktionärs und ehemaligen Landtagsabgeordneten Erich Steinfurth, auf den 8. Dezember angesetzt. Dieser Prozeß gegen Else Steinfurth, die sich in schwerfrankem Zustande mit einem Lungen- und Nierenleiden im Untersuchungsgefängnis be= findet, und die die faschistischen Schergen durch eine ständige Bespizzelung in der Zelle und durch wiederholten Lektürenentzug zermürben wollen, bedeutet einen neuen Versuch der Gestapo, die unschuldige und schwer frante Frau weiterhin als Geisel im Kerker zu halten. Die Rote Hilfe appelliert erneut an alle rechtlich denkenden Menschen und alle Antifaschisten, durch eine einheitliche Aktion, das Justizverbrechen an Else Steinfurth zu ver hindern! Das ,, dritte Reich" unter Anklage Internationale juristische Konferenz Hotel Am 1. und 2. Dezember findet in Paris, im Commodore, 12, Boulevard Haußmann, eine iuristische Konferenz statt, an der neben der gesamten Presse eine Reihe bekannter Juristen aus Frankreich, England, Belgien, Holland, der Schweiz, Tschechoslawakei und Saargebiet teilnehmen werden. Gegenstand der Konferenz ist die juristische Würdigung des nationalsozialistischen Rechts und seine Bedrohung der international anerkannten Rechtsgrundsätze. Bekanntlich sollte diese internationale juristische Konferenz schon vor einigen Wochen zusammentreten, um gleichzeitig mit dem damals angekündigten Thälmannprozeß eine Untersuchung über das anzustellen, was man in Hitlerdeutschland heute Recht nennt. Die Hitlerregierung hielt es aber doch für richtiger, den Thälmannprozeß zu verschieben, weil sie nicht wollte, daß ihr die Pariser Juristenfonferenz etwas zu sehr auf die Finger sähe. Diese urinternationalen sprünglich vorgesehene Tagung der juristischen Konferenz wird unter allen Umständen stattfinden, sobald feststeht, wann der Thälmannprozeß„ in Szene gehen" wird. In den letzten Tagen hat der sogenannte„ Volks" Gerichtshof in einer einzigen dreistündigen Sizung eine Reihe von Todesurteilen gefällt. Weder die Zahl der Verurteilten, no ihre Namen, noch Anklagegegenstand, Urteilsbegründung, Verteidigungsrede usw. sind bekannt. Vom Propagandaministerium wird einfach Landesverrat" angegeben. Diese Rechts"-Methoden haben eine starke Erregung im Auslande ausgelöst. Fast feine ausländische Zeitung ohne Unterschied der politischen Richtung, die nicht tiefstes Entsetzen über diese Justiz ausdrückt. Die Beunruhigung des Auslandes hat die deutsche Reichsregierung veranlaßt, für Mitte November eine Vollsitzung der Akademie für deutsches Recht" einzuberufen. Der durch die von ihm unterschriebenen Todesurteile und veranlaßten Hinrichtungen bewährte„ Jurist" Hermann Göring wird eine juristische Rede halten. Außerdem soll ein Aufruf an die Juristen der Welt erlassen werden. Die Juristen der Welt und die gesamte Oeffentlichkeit erwarten mit Interesse und fordern diesen Verteidigungsversuch der nationalsozialistischen Behörden und Juristen. Sie werden dazu auf der Tagung am 1. und 2. Dezember Stellung nehmen. ..Versagen der Polizeiorgane" Und was' ahinter steckt Die gleichgeschaltete Presse berichtete: Nach dreitägiger Verhandlung erfannte das Schwur gericht in dem Siegburg- Wolsdorfer Totschlagsprozeß gegen den Hauptangeklagten, den 24jährigen Wilhelm Hagen aus Siegburg wegen Totschlages und wegen Raufhandels mit tödlichem Ausgang auf sechs Jahre Gefängnis unter Einbeziehung der Strafe von einem Jahre sechs Monaten Gefängnis, zu der der Angeklagte vor einigen Monaten wegen Sittlichkeitsverbrechens verurteilt worden war. In der Urteilsbegründung beißt es: Für das Gericht habe kein Zweifel bestanden, daß der Angeklagte Hagen den tödlichen Stich mit dem Fahrtenmesser getan habe. Die Schwierigkeiten der Hauptverhandlung und der Voruntersuchung seien nach Ansicht des Schwurgerichts nur auf das Versagen der Polizeiorgane in Siegburg und die Verdunklungsversuche, die man unternommen habe, zurückzuführen. Wer gelernt hat, deutsche Zeitungen zu lesen, wird feftstellen, daß zwischen den Zeilen dieses Gerichtsberichtes eint zweiter Bericht steht, der etwa so lautet: Der SA.- Mann Hagen aus Siegburg wurde vor Monaten als Sittlichkeitsverbrecher entlarvt und zu hoher Strafe verurteilt. Da er ein nationaler Mann und brauner Ehrenbürger war, erhielt er Bewährungsfrist und verblieb in der SA. Er bewährte sich, indem er einen Menschen wahrscheinlich einen Kameraden- mit dem Fahrtenmesser erstach. mit dem Fahrtenmesser, das von offizieller Seite wieder und wieder als harmloses Spielzeug bezeichnet wird. Die Polizeiorgane des Ortes, in dem die Tat geschah, standen derart unter SA.- Terror, daß sie nicht pflichtgemäß vorzugehen wagten. Von anderer, offenbar behördlicher Seite, wurde der Mord so eifrig vertuscht, daß die ganze Voruntersuchung bei= nahe gescheitert wäre. Lüge, Verdrehung und Meineid machten sich sogar in der Hauptverhandlung breit. Im Falle Hagen haben sich die Richter nicht beirren lassen. Wie viele Richter in Deutschland bringen so viel Mut auf und wie viele Morde bleiben ungefühnt? Unzulässige Kundenwerbung Ein Reichsgerichtsurteil Das Reichsgericht hat entschieden, daß es unzulässig ist, bei der Kundenwerbung die Nichtariereigenschaft eines Konkurrenten gegenüber der Kundschaft zu betonen. In dem zur Verhandlung stehenden Fall hatten die Reisenden eine Firma der Gummi- Industrie den nichtarischen Inhaber einer Konkurrenzfirma Kunden gegenüber als tschechoslowakischen Juden und seine Geschäfte als„ Schmutz= geschäfte jüdischer Schmußfinken" bezeichnet. Der Schadenersabanklage des so Bezeichneten wurde stattgegeben mit der Begründung, daß das Vertrauen der Kunden zu der nichtarischen Firma selbstverständlich beeinträch= tigt werde, und hierin liege notwendiaerweise eine Schädigung des Klägers. Oskar Cohn Ein politischer Nachruf bal Das Schicksal der Flüchtlinge b 13100 stb 101 Uns wird geschrieben: In der Nummer der„ Deutschen Lord Cecils Erklärungen Freiheit" vom 4./5. November ist in dem Gedenkartikel„ Abschied von Oskar Cohn" das wirken des Verstorbenen für die jüdische und nichtjüdische& migration der Gegenwart und für die früher vom Zarismus und den Balfantyrannen verfolgten Juden geschildert worden. Osfar Cohn gehörte aber lange Jahre hindurch auch zu den führenden sozialdemofratischen Politifern in Deutschland. Im Jahre 1912 wurde er von dem Wahlkreis Nord= hausen in Thüringen entgegen dem für die Stichwahlen zwischen Freifinn und Sozialdemokratie abgeschlossenen " Dämpfungs- Abkommen" in den deutschen Reichstag gewählt. Bei der Verteidigung dieses Abkommens auf dem Chemnitzer Parteitag 1912 hatte Scheidemann als Bericht erstatter des Parteivorstandes Cohns abfommenswidrige Wahl damit erflärt, daß die reaktionären Kriegervereine aus Haß gegen den Freisinu unter der Parole„ Mit Gott für König und Vaterland Ohne Gohn fein Fahnenband" Mann für Mann für Oskar Gohn gestimmt hätten. Diese scherzhafte Episode brachte Cohns Namen in aller Mund. Aber er erwarb sich auch bald durch seine parlamentarische Arbeit Achtung und Anerkennung, selbst bei politischen Gegnern. Im Kriege gehörte Oskar Cohn zur Opposition gegen die Bewilligung der Kriegskredite und später zur„ Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft", aus der dann die Reichstagsfraktion der„ ll nabhängigen Sozialdemokratischen Partei" her orging. In ihrem Auftrage hat Oskar Cohn, der als Unteroffizier in den besetzten litauischen und polnischen Gebieten stand, die militärische Willfürherrschaft im Felde, sowohl im Hausbaltausschuß als im Plenum des Reichstags, mit großer Schärfe gegeißelt. Oskar Cohn wurde auch in die Nationalversamm= Inng gewählt, wo er als Vertreter der„ Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei" besonders eifrig vom Boden seiner umfassenden juristischen und staatsrechtlichen Kenntnisse aus die Halbheiten und Unzulänglichkeiten der Weimarer Verfassung geschildert und bekämpft hat. Als 1920, nach der Niederwerfung des Kapp- Putsches, die Wahlen zum ersten Reichstag der Republik ausgeschrieben murden, befand sich Oskar Cohn auf einer Informationsreise in Polen und vermochte dem Reichswahlleiter seine Zu stimmung zu feiner Wiederaufstellung nicht rechtzeitig zuzu= stellen, so daß er megen einer wahltechnischen Formalie aus der deutschen Volksvertretung ausscheiden mußte. Seitdem ist Oskar Gohn in der Reichspolitif. nicht mehr hervorgetreten. Er widmete seine große Arbeitskraft vornehmlich der Betreuung offizieller sowjetrussischer Interessen und der zionistischen Bewegung, bis auch ihn das HitlerRegime zum Verlassen Deutschlands zwang. In ihm ist ein felbft loser und ungemein fähiger Kämpfer für den Sozialismus von uns gegangen. London, 7. Nov. Die Londoner Tagung des Verwaltungsrates des vom Völkerbund eingesetzten Hochkommissariats für die deutschen Flüchtlinge wurde mit einer Ansprache des Vorsitzenden des Rates, Viscount Gecil of Chel= wood, geschlossen. Viscount Gecil erflärte: Eine Dauerlösung des Flüchtlingsproplems fann nur durch Arbeitsbeschaffung in bereits besiedelten Ländern oder durch Beförderung der Flüchtlinge in neue Siedlungsländer erreicht werden. Arbeitsbeschaffung ist eine schwierige Aufgabe, die jedoch bei Wiederbelebung der Weltwirtschaft leichter zu bewältigen sein wird. Weiterbeförderung ist vielleicht in größerem Umfange nach Palästina, in fleinerem Umfange nach südamerikanischen Ländern möglich. Für all dies sind große Geldmittel erforderlich. Ich bewundere die noble Gebefreudigkeit der jüdischen Gemeinschaften Frankreichs, Englands, Amerifas und anderer Länder, und bemerke gleichzeitig, daß die von der nichtjüdischen Oeffentlichfeit zugunsten der Flüchtlinge gemachten Anstrengungen feineswegs den Erwartungen entsprachen. Obwohl etwa 20 Prozent der Flüchtlinge Nichtjuden sind, fließen nur drei #beinog ofb m 10 fortfest, sollte sie alles, was in ihrer Machf steht, tun, um den umliegenden Ländern die Lait zu erleichtern. Ich erdreiste mich, dies vollkommen flar und einfach zu sagen, ohne die Absicht, gegen irgendeine Regierung offensiv zu sein; denn ich halte es für wichtig, daß der öffentlichen Meinung in der ganzen Welt die wahre Situation in aller Deutlichkeit vorgelegt werde. Lord Cecil teilte mit, daß der Verwaltungsrat es gebilligt hat, daß der Hochkommissar Macdonald demnächst in Amerifa eine Tagung jüdischer und nichtjüdischer Organisationen abhält, um über die Aufbringung der für A 11 s= wanderung und Ansiedlung notwendigen Gelder Entschlüsse zu fassen; ferner, daß der Hochfommissar mit den Regierungen der Länder potentieller Einwanderung über eine größere Zulassung deutscher Auswanderer, schließlich mit der deutschen Regierung über eine Milderung der Bestimmungen betref= fend Geldüberweisung an Flüchtlinge weiter verhandelt. oder vier Prozent der Hilfsgelder aus nichtjüdischen Suellen. Ausweisungen aus Palästina Lord Cecil gab der Genuatuung darüber Ausdruck, daß das Hochkommissariat eine Tagung abhalten will, die sich speziell mit den dringenden finanziellen Problemen des Flüchtlingshilfswerks befassen solle. Ich habe, sagte Gecil, das Vertrauen, daß die Resultate gute sein werden. Der Hochkommissar, fuhr Cecil fort, war in dauernder Verbindung mit der deutschen Regierung, um von ihr eine Milderung der Bestimmungen zu erlangen, die zur Zeit eine sehr schwere Hemmnis für den Flüchtling sind, wie z. B. das Verbot der Geldüberweisung aus Deutschland. Es ist durchaus irrig anzunehmen, dies sei Sache interner Verwaltung, die nur Deutschland angeht. Denn wenn die Flüchtlinge ihr eigenes Geld aus Deutschland nicht erhalten dürfen, müssen sie von der Flüchtlingsfürsorge unterstützt werden, und wenn diese die notwendigen Mittel für diese Unteritüßung nicht aufbringen Jerusalem, 3. Nov. Das Gericht in Haifa hat 60 Juden, die Mitte Oftober illegal einwanderten und sofort verhaftet wurden, zur Ausweisung verurteilt; unter den Verurteilten befindet sich ein Rabbiner aus Rußland und fünf ältere Frauen. Zwölf von den verurteilten Männern, unter ihnen einige britische Staatsangehörige, werden vor der Ausweisung noch je ein Jahr Gefängnis absitzen müssen, weil sie bereits zum zweiten Male illegal ins Land gekommen sind, Für die übrigen Verurteilten besteht die Möglichkeit, nachträglich Aufenthaltsbewilligung zu erhalten, falls sie Verwandte im Lande besitzen, die die Garantie übernehmen, daß fie der Oeffentlichkeit nicht zur Last fallen. Polizeirichter Curry fündigte für die Zukunft noch härtere Strafen für illegale Einwanderung an. fönne, fallen die Flüchtlinge den ändern, in denen fie u Französischer Schiffer verurteilt flucht gesucht haben, zur Last. Wir in England und die Menschen in den meisten anderen Ländern fönnen es ja nicht ruhig mit ansehen, wenn zahlreiche menschliche Wesen mitten unter uns Hungers sterben. Daher ist die Flüchtlingsfrage in Wirklichfeit eine internationale Angelegenheit. Ich muß mein tiefes Bedauern darüber aussprechen. daß die deutiche Regierung so wenig Gefühl für die moralische Verpflichtung, die ihr obliegt, aezeiat hat und nicht alles tut, was sie fann. um den Deutschland umaebenden Völkern die Pösung des Problems zu erleichtern. Reiner von uns möchte sich in Deutschlands innere Verwaltuna einmischen, a ber menn die deutiche Regierung die Politik der Austreibung der nichtarischen Bevölkerung HITLER TREIBT ZUM KRIEG DOKUMENTARISCHE ENTHUELLUNGEN UEBER HITLERS GEHEIMRUESTUNGEN Ein beklemmend interessantes Werk, eine Mahnung an die ganze Welt!>> Prager Presse. « Es handelt sich um eine methodische, geordnete Zusammenstellung von Dokumenten aus erster Hand und diese Gesamtheit repräsentiert das Vollständigste und das Schlagendste, das bisher über den gegenwärtigen Stand der deutschen Aufrüstungen erschienen ist.> Wladimir d'Ormesson im« Figaro>. 516 Seiten, broschiert 25.- ffrs, in Leinen 35.- ffrs. EDITIONS DU CARREFOUR, PARIS VI Zu erhalten in der Buchhandlung der Volksstimme Saarbrücken 2, Trierer Straße 24 Neunkirchen, Hüttenbergstraße 41 Deutsche Straße 5 Saarlouis, Wegen ,, Vorbereitung zum Hochverrat" Straßburg, 8. November. Nach zweimonatiger Untersuchungshaft wurde am Montag der elsänische Schiffer Emile istner, dessen Verhaitung durch die deutschen Behörden wir seinerzeit mitgeteilt haben, von dem obersten Landesgericht in München abgeurteilt. Bekanntlich war Rüftner wegen Einführung in Deutschland verbotener Zeitungen verhaftet worden und stand unter der Anflage der Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens". Das oberste Landesgericht in München verurteilte ihn zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis, unter Anrechnung der zweimonatigen Untersuchungshaft, weil er hinreichend verdächtig erschien, ein auf gewaltsame Aenderung der Verfassung des Deutschen Reichs gerichtetes Unternehmen vorbereitet zu haben". Der Münchener Anwalt, der die Verteidiguna des unglücklichen Schiffers übernommen hatte, beabsichtigt nach Ablauf der halben Strafzeit ein Gnadengesuch für Rüftner einzureichen" BRIEFKASTEN „ Spanien". Sie teilen uns mit: Die spanische Zeitung„ ABG" vom 15. Oftober( beiliegend) schreibt:„ In der Tudorstraße, wurde ein schweres Maschinengewehr deutschen Ursprungs gefunden und in Cuatro Caminos eine Bombe, 25 Zentimeter lang, deutschen Ursprunges, gefüllt mit Tränengas und anderen, wie die Untersuchung herausstellte, betäubenden und tödlichen Gajen." Irgendwo". Ueber Gure illegale Arbeit zur Volfsabstimmung schreibt Ihr uns:„ Wir haben zur Wahl zwei Flugblätter in einer Auflage von 2000 Exemplaren herausgebracht. Eins war für die Bürgerlichen, eins für die Arbeiter und Angestellten gedacht. Tiefe Flugblätter haben wir durch die Post versandt. 3irfa 180 find im Testen Augenblick von der Post beschlagnahmt worden, die anderen erreichten alle den Adressaten. Diese Flugblätter haben, wie uns aus verschiedenen Quellen berichtet wurde, eine vorzügliche Wirkung gehabt. In Betrieben, auf den Arbeitsämtern, sogar in Behördenbüros wurde über diese Arbeit der Sozialisten debattiert. Die Polizei nahm einige Verhaftungen vor, entließ die Leute jedoch wieder, ohne etwas erreicht zu haben, denn sie hatte ganz unbeteiligte gefaßt." „ Welsen". Sie teilen uns mit:„ Beim Flugzeugballenbau in Celle wurden Ende September 28 Arbeiter wegen politischer Diskussion verhaftet." Man sollte der Wissenschaft die Aufgabe stellen, wie in Deutschland nur noch Stumme zur Welt gebracht werden. Es genügt, wenn Sifler, Goebbels, Göring und Streicher reden, und mit dem Tode dieser edelsten Deutschen darf ohnehin die Rasse aussterben. A. R., London. Wie Sie uns mitteilen, hat die Kirchengemeinde in der Hopestreet- Chusch zu Liverpool folgende Entschließung an genommen:„ Wir hören mit Bestürzung, daß Thälmann, nachdem er 20 Monate gefangen ist, jegt der Prozeß gemacht werden soll. Wir stellen fest, daß dieser Gerichtshof sich aus seinen erbittertiten poli tischen einden zusammensetzt und daher außerstande ist, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wir betrachten es als unfere Pilicht, Thälmanns fofortige ceilassung zu fordern." Und da hat der liebe Gott nicht Pech und Schwefel auf die Sünder regnen fassen? Ein guter Christ darf sich doch nicht eines bolichemistischen Sünders annehmen. So lejen wir wenigstens täglich in der deutschen christlichen Presse. Neuyork. Sie übersenden uns solgende Notiz aus der„ Neuvorker Volkszeitung":„ Die starken Männer in Deutschland, Hitler und Konsorten, haben großen Mut noch nie bewiesen, im Gegenteil, sie sind äußerst... Nur wo ihr Kampf feine Gefahren mit sich bringt, also gegen Wehrlose, da sind sie start. Ein beliebtes Mittel haben die echten Deutschen, die Hitler und Rosenberg, entdeckt: fie ers fennen den Kämpfern für Demokratie und Freiheit die deutsche Staatsbürgerschaft ab. Von Zeit zu Zeit wird eine Liste veröffentlicht, die die besten Namen trägt und deren Inhaber sich Wissenschaft und Gerechtigkeit große Verdienste erworben haben. Jeder, der die Hitlerichen Mordbanden bekämpft und die Methoden in der Deffentlichkeit verurteilt, verbreitet Greuelmeldungen, und wenn er im Auslande ist, bestraft ibn die Hitlerregierung mit der Ausstoßzung aus dem deutschen Reichsverband. Unserem Freund Frizz Bremer, Chifago, Führer des dortigen Reichsbanners Schwarz Rot- Gold, sollte von Hitler dasselbe Schicksal zugedacht werden. Der arme Adolf hatte aber Pech, seine Vertrauenslente in Amerika sind offenbar nicht auf der Höhe und haben ihn falich unterrichtet. Bris Bremer ist seit Jahresfrist amerikanischer Bürger. Nun ist ihm von Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden, ab webt er sie nicht mehr besaß. Schließlich blamiert sich jeder so gut er fann." Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pix in Dud weiler; für Inferate: Ctto& u bn in Caerbrüden. Rotationsdrud und Verlag: Verlag der Volksitimme Gmbo, Saarbrücken& Schüßenstraße 5.- Schließfach 776 Saarbrüden.