Einzige unabhängige Tageszeitung Veutschkauds k^r. 263— 2. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, 15. November 1934 Chefredakteur: M. B r a u n iin 9ietd det JUegalität Seite 2 JCatfiotikenoecfotqungen nach dec Suacahstimmunq. Seite 3 tnglisch-fcamosische £uftalliam „Volksgemeinschaft" ducch Retusche Seite 7 Seite 8 Vom RcidistogsDrand zur ReclUsqtielle Göring an die zum Befehlsempfang angetretenen deutschen Reditsgelehrten $te Akademie für deutsches Recht bat am Jl tenstag tm Sitzungssaale des Berliner Rathauses eine ^aar Kundgebung abgehalten. Tic Prominenten der Regie- rung und de» deutschen Rechts, auch ausländische Diplomaten waren anwesend. Den Bortrag über die Rechtssicherheit als Grundlage der Volksgemeinschaft hielt der preußische M i n i- ü erpräsident Her m min Görin g. Wir bringen die entscheidenden Stellen seiner Rede im Wortlaut, weil es wichtig genug ist, die von dem höchsten Beamten Preußens proklamierte Rechtsverwilderung und parteiische Hand- Haftung der Paragrafen i IN Dienste einer herrschenden P a r t e i b o n z o k r a t i e genau kenne» zu lernen. Was regt sich diese Gesellschaft eigentlich über „Greuelpropaganda" aus? Jede Untat ist nach der langst Praxis gewordenen Theorie Görings straflos, ja lobens- wert, wenn sie dem Parteiregime dient, das man einfach dem Vaterlands, dem Volke und dessen Wohl gleichsetzt. Tie»»gesühnten mindestens IM) Morde des 30. Juni werben von Göring als„die größte Rechts tat" gefeiert. Also auch das Hinschlachten und Einäschern der Katholiken- sührer Klause n e r und Prob st. gegen die bis zur Stunde nicht die geringste Beschuldigung erhoben worden ist. Auch die Erschießungen„ans Versehen", wie die des Musikkritikers Schmidt von den„Miinchcner Reuesten Nachrichten" fallen unter diese„größte Rechtstat". Von welcher Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit der Führer ist. den Göring als den großen Gesetzgeber und Richter feiert, sei au seinen eigenen Worte» erwiesen. Adolf Hitler hat am>3. Juli im Reichstage wörtlich erklärt: „Eine Anzahl Gewalttaten, die mit dieser Aktion in keinem Zusammendang stehen, werden den normalen Gc- richte» zur Aburteilung übergeben." Dieses feierliche Wort hat der„moralische Gesetzgeber der Nation" gebrochen, wie so viele vorher und nachher, ivobci dahin gestellt bleiben mag, ob er überhaupt je daran dachte, es zu halten. Aber es ist nach der Rede Görings erklärlich, warum die „normalen Gerichte" mit keinem Verbrechen beschäftigt wer- den dürfen, an dem„alte Kämpfer" des Nationalsozialismus, Kameraden des herrschenden Parteikliingels beteiligt waren. Die deutschen Richter sind im Sinne des Parteibonzcnrechts noch nicht zuverlässig genug. General Göring stauchte die„Akademie für deutsches Recht", i» der sich unter seinen Zuhörern die ehemals feinsten Köpfe des deutschen Rechtslebens befanden, wie eine Kom- pauic Rekruten zurecht Ihr Verhalten grenze an„Ber- rat!" 2o hart packten sie Kämpfer des Nationalsozialismus an, wenn sie vor Gericht kämen. Alle Welt weiß, wie Staatsanwälte und Richter zittern, wen» sie einmal einer Gerichtsverhandlung gegen einen Nationalsozialisten durchaus nicht ausweichen können. Nach dieser Rede Görings werden nur noch Heroen des deutschen Rechts- lebcns. und die sind wahrlich dünn gesät, wage», das immer noch geltende Ttrasrecht. und sei es in der mildesten Form, gegen Nationalsozialisten anzuwenden. Man lese: dieser Göring feiert den Ehren schütz. Der Mitregent cincö Reichs, in dessen Grenzen jeder Marxist, jeder Republikaner, jeder Pazifist, jeder Katholik, jeder opponierende Protestant in den Reden der regierenden Män- ner, in ihren Zeitungen und in ihrem Rundfunk verleumdet werden kann und immer wieder verleumdet wird, ohne daß er die geringste Möglichkeit hätte, irgendwo und irgendwie auch nur die zahmste Richtigstellung anzubringen. Liest man die Rede Göring? genau, so fordert er geradezu, daß alle Gegner des P a r t c i r e g i m c s juristisch für v o g e l f r e i erklärt werden. Rechtssicherheit für die politischen Gegner des Systems ist für ihn ein Ver- brechen... In diesem Zynismus fehlt natürlich nicht das hohe Lied der Selbstlosigkeit. Ach diese Altruisten Hitler, Göring, Goeb- bel» und Konsorten. Wie uneigennützig doch jeder von ihnen ist. Vor wenigen Fahren waren sie alle bettelarm, Göring auch noch überschuldet. Er war ein richtiges Pumpgcnie. Run haben sie Paläste und Villen nnd Luxusautos und Jagden, Bankkonten und Bankdepots, sind allesamt Millionäre und leben im Stile der Reichsten dieser Erbe. Bon der Höhe ihrer brutal erworbenen materiellen Revolulionsgewinne predi gen sie dann den Millionen armen und ärmsten Teufeln, denen sie das Feit und die Marmelade rationieren, und die sie mit minderwertigen Ersatzstoffen bekleiden: Gemeinnutz geht vor Eigennutz." Stillgestanden! General Göring an die deutschen Richter Meine Herren, die vergangene Epoche erkannte vor allem keine ausreichenden Möglichkeiten zum Schutze der Ehre an. Gewiß war alles andere geschützt. Jeder Uebcrgriff kapitalistischer Art konnte einen Rechtsschutz finden, die Ehre des einzelnen aber, sie>and keinen Schutz. In den Zeitungen wurde die Ehre der Menschen zerrissen. Schmntzkübcl konnten über die hochstehenden Bo'sgenosien ausgegasten werden. (Göring denkt wohl an Hitlers Oppositionsreden. T. Red.s. Die Ehre war nichts, und wenn wirklich ein Mann in dem Bewußtsein, daß seine Ehre ihm das Höchste sei. zur Selbstverteidigung dieser Ehre griff, dann wurde er wie ein Ber- brecher in das Gefängnis geschickt. Darum ist auch heute der Rechtsschutz der Ehre ein wichtigster Bestandteil der Rechts- sicherhcit, denn er setzt alles andere voraus. Die Rechtssicherheit ist daher die Grundlage jeder Volks- genteinschast. Das gilt ganz besonders für den national- sozialistischen Staat. Diese Lebensform beruht nicht auf Furcht und Bedrückung und steht gerade um deswillen im Gegensatz zu Despotismus und Willkür Ihre Grund- läge ist die wechselseitige Treue zwischen Führer und Ge- solgschast. Es kann aber nicht in Betracht kommen, daß der RS.-Staat seine Organe, seine Machtmittel einsetzt, um den in seinem Tun zu lchützcn, der etwas begehrt und er- strebt, was der Volksgemeinschaft schädlich ist. Der Führer Hai den Zustand der Revolution inzwischen für beendet erklärt. Wir haben uns in die Zeit geordneten Neu- ouibaueS durchgekämpft. Der Führer Hat in seinem Amnestiegesetz vom-. August 1034 noch einmal in hochherzigster Weise Gnade geübt. Wer sich jetzt gegen die Gesetze des Staates vergeht, handelt gegen den Willen des Führers, handelt ge- gen die Bewegung, gegen den Staatsgcdanken und gegen unsere Weltanschauung. Er verletzt damit die heilige Treue- pilicht gegenüber dem Führer: denn die Treue der Geiolg- schalt heißt Gehorsam. Er handelt damit auch gegen die Volks- gcmcinschaft, die vom Geiste»nd Willen des Führers erfüllt und getragen wird. Das gilt für jeden, aber auch jeden Vylksgenosien. Wir alten Nationalsozialisten haben im Kämpfe, haben in den langen Jahren cher Kampszeit von unserem Führer gelernt, selbstlos der Sache zu dienen,»nd selbstlos und uneigennützig nur einem tätig hinzugeben, der großen heiligen Liebe zum deutschen Volke, zur dcuiichcn Volksgemeinschaft. Wir habe» nicht gekäuipst, um Vorteile vor anderen zu ,'rlange». Hätten wir das getan, so verdienten wir nicht den Namen ehrlicher Kämpfer, so verdienten wir nicht die Achtung vor uns nnd unserem Kampf, die wir heute sor- der» können und fordern. Für uns gilt weiter in unserem Kampfe das große Gesetz des Führers:„Alles»m des Volkes willen tu», in allem nur an das Volk»nd seine Gemeinschaft denken!" Wohin es führt, wenn wir diese? Gesetz vergehen, das haben uns die Ereig- niste, die mir in der Mitte dieses Jahres erleben mußten, mit erschütternder Deutlichkeit gezeigt. Die harte und entschlossene Tat des Führers ivar auch deshalb erforderlich,»m eine Zerstörung der Rechtssickierbeit zu vermeiden»nd damit die bedrohte Volksgeineinjchait zu rette». Meine Herren, wie ist diese vielleicht größte Rechtotat vom Auslände mißverstanden worden! Wie hat man zu erklären versucht, hier habe Willtür ge- herrscht, hier sei ohne ordentliche Gerichte verurteilt worden und Aehnliches mehr. Meine Herren, für das deutsche Volk ist das erledigt durch das Wort des Richters in dieser Stunde, des Führers, der erklärt hat: In dieser Stunde der höchsten Gefahr sei er allein der vom Volke gewählte Führer, oberster und alleiniger Gerichtsherr der deutschen Station. Das Ausatmen des ganze» Volkes, seine Zustimmung, seine dem Führer bezeugte glühende Bcgciste- rung in jenen Tagen sprachen ein beredteres Zeugnis für das Rechtsempfinden des Volles, als alle andere» Dingen je vermocht hätten. Darum bitte ich auch hier noch einmal, die Herren Richter und Staatsanwälte, gerade die heutige Lage mit einem besonderen Takt z» behandeln. Tie haben eine sehr wichtige, eine unerhört notwendige, aber auch sehr diffizile Aufgabe. Noch denken wir alle zunächst noch an die jahrelange leidenschaftliche Kainvizeit gegen einen Staat, den wir gestürzt haben und dessen Gesetze wir nicht anerkennen konnten. Aus diesem Grunde dämmert und schlägt noch in zahllosen unserer Kämpfer das Gefühl, daß ihnen Unrecht wider- fährt von dem damaligen Staat, durch den Mund der da- maligen Richter, die auch heute noch im Amte sind. Fortsetzung siehe Seite 3 Englischer Brief 0. G. London. 11. November. Mit einer fast überraschend anmutenden Plötzlichkeit ist die A u h e n p o l i 1 i h wieder in den Vordergrund des Interesses in England geruckt. Nachdem man sich in der vorigen Woche noch im wesentlichen um die Ge- meindewahlen, um das„Ausreizungsgesetz" und um das Wettgcsetz gestritten und unterhalten hotte, stehen jetzt ganz andere Tinge im Vordergrund. Es ist, als ob man plötzlich das uirgeheuer Bedrohliche der europäischen Situation erkannt habe Tie Saarfroge, die französische Kabinettskrise, die Englandreise des Herrn von Ribben- trop, Deutschlands„geheime" Rüstungen, das Problem des Waffenhandels— kurz die furchtbare Kriegs- g e f a h r, die über der Welt schwebt, ist heute der Haupt- gegenständ der Pressediskussion. Waffenstillstandstag „Taft wir nicht vergessen"— so lautet das Motto des Waffenstillstandstages, des 11. November, in England. Es ist ein Totengedenktag, keine lärmende Siegesfeier— obgleich doch dieser Tag den Sieg des Britischen Weltreiches nach seinem größten, blutigsten und schwersten Kampf besiegelte. Nicht einmal das nationalistischste Blatt riiljrt die Siegestrommel. Auch die Totengedenkseier wird nicht zum billigen Heldenkult Herabgewürdigt. Man ehrt die Toten mit dem heißen Willen„N i e' miede r". Wer die Leitartikel in den Zeitungen aller Richtungen an diesem Tage liest, er- kennt, wie tief und echt der englische Friedenswille ist. Doch noch ein anderes zeigt dieser Tag. Schlicht ist die Feier am Ehrenmal, wenn der König den Kranz niederlegt und wenn zwei Minuten Schweigeck im ganzen Reich herrscht. Kein militärischer Tamtam— •— auch hier wiegt Zivil vor— und keine bombastischen Reden vom„herrlichen Tod auf dem Schlachtseid". Stil und Würde kennzeichnen diesen Tag. wie sie so vieles andere in England kennzeichnen. Es werden Mohnblumen aus Papier verkauft, um an diesem Tage für die Kriegs- opfer zu sammeln. Niemand, der keine Blume trägt, jeder gibt, was er zu geben wünscht. Es kommt stets eine stattliche Summe zusammen— ohne Rummel und Lärm, ohne Gebelfer von„Volksgemeinschaft" und„Sozialismus der Tat", ohne Pranger und ohne Eintopftheater. Stil und Würde auch hier. Scham und Neid erfüllen den Deutschen, der dos miterlebt. Erkennt England die Gefahr? Man liebt in England, den Kopf vor unangenehmen Entwicklungen in den Sand zu stecken. Das ist an dieser Stelle wiederholt gezeigt worden. Man wallte die Gefahr, die das Hitlerregime für Europa bedeutet, nicht sehen. Beginnt man jetzt zu erwachen? Die Presse widmet mehr und mehr Raum der d e u t- scheu A u f r ü st u n g. Die„T i m e s" mochte darauf aufmerksam, daß Schachts„Neuer Plan" und die ganze Wirtschaftspolitik nicht nur ökonomische Bedeutung haben, daß die meisten dieser Pläne seltsamerweise auf das Jahr 1937 abgestellt sind, wo auch die Autostraßen fertig sein sollen. Der„Daily Telegraph" befaßte sich sehr gründlich mit den Einzelheiten der deutschen Rüstungen und hielt das Interesse daran durch Ver- öffentlichung einer lebhaften Korrespondenz im Aus- sprachcteil ausrecht. Tie„Daily Mail" Lord Rother» meres bringt täglich Alarmortikel. freilich mit dem aus- gesprocheneu Zweck, radikale englische Aufrüstung zu fordern— bei dem Charakter dieses üblen Blattes kann man nicht sicher sein, daß dabei nur ideelle Motive mit- spielen. Auch die konservative„M o rni n g Po st" hört nicht auf zu warnen. Und nicht nur die Presse ist alarmiert. Lloyd George, der noch vor kurzem sich dafür verbürgte, daß ein Krieg ausgeschlossen sei. da Deutschland militärisch so schwach sei. daß schon die Tschechoslowakei es besiegen könne(wie kann ein einst führender Staatsmann so blind sein!), rührte jetzt in einer Rede die Alarmglocke. Noch ist der Wille überwältigend stark, das Unheil zu vermeiden: aber schon regt sich bonger Zweifel, ob es gelingen wird. Vom Rcidistagsbrand zo Fortsetzung von Seite 1 Sic mögen sich nur einmal i» die Seele dieser kleinen Kämp- scr hineinversetzen und mögen daraus erkennen, was für eine unerhört wichtige Aufgabe sie heute zum Zusammenhalten der Volksgemeinschaft haben. Sic müssen aus der einen Seite das unerbittliche Recht sprechen lassen, auf der anderen Seite darf die ihnen durch unsere Autorität gegebene Machtstellung nicht mißbraucht werden, um, wie es bei Richtern, die inner- lich die Volksgemeinschaft des NS.-Staates nicht anerkennen wollen, vorgekommen ist, die schwersten Härten des Gesetzes insonderheit gegen Rationalsozialisten spreche» zu lassen. tLebh. Beif.). Viele Arbeit von unS im Ausbau des Staates, viel reden und predigen von uns, um das Rechtsempfinden im Volke zn stärken und um das Recht wieder in seine alte Sicherheit einzuführen, wird zerstört, wenn der einzelne suhlt: Die Strafe gegen mich stillt nach dem härtesten Straf- maß aus» nicht um der Tat willen, die Tu getan hast, sondern weil Tu Nationalsozialist bist,' man will nicht mich, man will die Bewegung treffen. Ja. da muß ich sagen, da zündet man einen gefährlichen Lunken an, und wenn ich das Empfln- den haben muh, dast das mit Absicht geschieht, dann sage ich weiter: Das grenzt auch an Verrat. Wenn erst in das Empfinden des Volksgenossen das Gefühl kommt, dast seine Führer ihn verlassen und verraten haben, dast er wie in früheren Zeiten unter einem Brüning und Grüner deshalb erneut und erschwert verfolgt wird, weil er Nationalsozialist ist, dann hat das selbstverständlich mit Recht nichts mehr z« tun, und mag zehnmal die ändere paragrasenmästige Form hier Recht sprechen, mag zehnmal der Richter sagen: Ge- ° Rcdrisqnellc ietzmässig bin ich gezwungen, die Höchststrafe auszusprechen, wenn jeder das Empfinden hat, dast dieses Recht ein Faust» schlag ins Gesicht des wahren Rechtsempfindens des Vol« kes ist. Hier mnst ich betonen: Gerade bei den Richtern und Staats- anwälten heißt es, Hand in Hand mit uns die neue Rechts- sicherhcit aufzubauen, von allen Seiten, aber im national- sozialistischen Geist, der Versöhnendes in sich trägt. ^Volksgemeinschaft, meine Herren, verlangt Selbstlosigkeit, «ie verlangt aber auch Vertrauen und hilfsbereites Ver- stehen jedes einzelnen gegenüber den Volksgenossen. Falsche Milde, falsche Humanität sorgen nur dafür, Rechtsbegrine und Rechtssicherheit zu untergraben, zu unterwühlen, zu zer- stören. Falsche Milde hat zu allen Zeiten die Rcchtssichcr- heit zerstört und de» Staat selbst untergraben. sLebh. Beii.l Wir Nationalsozialisten haben kein Verständnis kür überspitzte Rechtstüsteleien. Wir lehne» es ab, jedem Ouerulan- ten und Denunzianten die Möglichkeit zn ungetrübtem Ans- leben seiner lästigen und gefährlichen Neigungen zu geben. Wir bezeichnen es nicht als Rechtssicherheit, wenn der Staat seine Organe und seine Machtmittel denen treulich zur Verfügung stellt» die unter diesem Schutz ihn und seine Zwecke bekämpfen wollen. Das ist für nnS ebenfalls nicht Rechtssicherheit, sondern Verbrechen am Volk und seiner Gemeinschaft. * Reichsjustizkoinmissär Tr. Frank feierte diese Rede alS eine Paroleausgabe. Er hätte noch treffender sagen können: eineBefchlsausgabe des Generals und Ministcrpräsi- deuten an die deutsche Justiz. Nu? keine klaren Verpflichtungen Immer noch geht die Tendenz der englischen Politik und vor allem der öffentlichen Meinung dahin, den Krieg zu vermeiden, und zwar dadurch, daß man sich möglichst aus den europäischen Konfliktherden fernhält und daß man Teutschland durch halbes Entgegenkommen begün- stigt. Das zeigte sich in der Haltung Englands zur ö st e r- reichischen Frage. Unter fast allgemeiner Zustimmung der öffentlichen Meinung lehnte die englische Regierung jede Verpflichtung ab. die mehr bedeutete als leere Worte, und machte dadurch eine wirkliche Lösung unmöglich. Fast genau das gleiche Bild sieht man in der Saar- frage. Eine aktive Beteiligung englischer Trup- pen an einer Völkerbundsaktion gegen einen Putsch wurde glatt für unmöglich erklärt, obgleich eine Aktion Frankreichs als Treuhänder des Völkerbundes für ge- rechtfertigt erklärt wurde. Ein Teil der Linken, die theo- retisch stets Kollektivaktionen gegen den Angreifer fordert, lehnte nicht nur die englische Regierung ab, sondern machte sogar Frankreich Vorwürfe— voran wieder einmal der„Tally H e r a l d", auf dessen verworrene Außenpolitik die verständigen Führer der Labour Party keinen Einfluß mehr zu haben scheinen. Herr von Ribbentrop jagt Moorhühner Und auch anläßlich des englischen Besuches des Herrn von Ribbentrop zeigt sich wieder Aehn- liches. Herr von Ribbentrop, Hitlers Sekt-(Verzeihung: Abrüstungs-) Reisender ist in London auf der Durchreise. Angeblich will er in Schottland M o o r h ü h n e r j a g e n. Seltsam, daß Hitlers Diplomaten immer zur Jagd ins Ausland reisen. Papen schoß Böcke in Ungarn, Elche in Schweden, Ribbentrop schießt Moorhühner in Schottland -- und das alles trotz Reichsjägermeister Göring(den boshafte englische Zeitungen stets„head- hunter" nennen, was doppeldeutig gleichzeitig Oberjäger und Kopfjäger bedeutet). Doch zurück zu Ribbentrop. Angeblich kommt er mit einem neuen Angebot von Hitler. Deutschland soll bereit sein, in den Völkerbund und die A b r ü st u n g s k o n s e r e n z z u r ü ck z u- kehren und sogar evtl. den O st p a k t zu unterzeichnen, wenn vorher die Hinfälligkeit des Teil V des V e r f a i l l e r V e r t r a g e s, der die Abrüstung Deutsch- lands regelt, anerkannt wird. Es gibt in England Kreise, die um des Friedens willen dazu bereit sind und sich noch stolz als„Realisten" bezeichnen, da ja Deutsch- land doch rüste und man nur eine vollendete Tatsache anerkenne. Daß Hitler mit dieser Taktik nur England und Frankreich trennen will und den Völkerbund, der eine einseitige Vertragsannullierung feierlich sanktio- nieren soll, vollends zu einem Humbug machen will, sehen diese„Realisten" nicht. Zeichen der Einsicht Und doch, es wäre falsch, nicht die Wandlungen zu zeigen, die man gerade in den letzten Tagen überall spürt. Da brachte die„Times" einen bedeutsamen Artikel über Oesterreich, in dem für jeden, der die„Times"- Sprache lesen kann, klar erklärt wird, daß nur eine un- zweideutige Haltung Englands Oesterreich retten könne und damit den Frieden in Mitteleuropa. Das sind neue Töne, deren Bedeutung nicht verkannt werden darf, zu- mal noch die„Times" über gute Beziehungen zum Foreign Office verfügt. Weiter: Während bisher Saardokumente, die die Tätigkeit der„deutschen Front" kennzeichnen, gar nicht oder nur sehr verkürzt in der englischen Presse publiziert wurden, sind die jüngsten Enthüllungen der Regierungskommission in fast allen Blättern in größter Aufmachung und Ausführlichkeit erschienen. Auch sind alle Angriffe gegen Frankreich wegen der Einmarschdrohung im Putschfalle auch in der Links- presse verstummt. Ist man sich der englischen Verantwor- tung bewußt geworden? Macdonald warnt Deutschland Und schließlich: Alljährlich im November findet die feierliche Amtseinsetzung des Lord Mayors von London statt. Dieses Amt ist ein fast lediglich repräsentatives, aber es gibt Gelegenheit zu zwei Dingen am Tage der Amtseinsetzung: zu einem karnevalsartigen Fest- umzug(der meist, so auch diesmal, durch Regen gestört wird) und zu einem Festessen in der Guildhall, bei dem der Ministerpräsident eine hochpolitische Rede zu hatten pflegt. Die Rede Macdonalds war diesmal im all- gemeinen nicht sehr inhaltsreich, nur eine Stelle war hochbedeutsam. Als er von Englands Friedenspolitik sprach, erklärte er, daß seine Regierung gemeinsam mit Frankreich und Italien für den Frieden Europas kämpfe. Macdonald, ausgerechnet Macdonald, der mit den: Nazi» system gewisse Sympathien hat, und der sich mit Musso- lini in die Baterschaft des sagenhaften Viererpakts teilt, hat Deutschland nicht erwähnt. Das wäre schon genug gewesen. Aber, um wirklich verstanden zu werden, wurde er ganz deutlich und forderte Deutschland auf, feine Isolierung aufzugeben, die es nur in ein Gefühl der Bitterkeit hineintreibe. Das ist, in der höflichsten Form natürlich, eine Erklärung an Deutschlands Adresse, daß England mit Frank- reich und Italien zusammen st eh t. Herr von H o« s ch, der beim Essen dabei war. wird verstanden haben. Er wird auch begriffen haben, daß eine solche Er- Klärung aus dem Munde Macdonalds, der das außen- politische Halbdunkel liebt und klare Entscheidungen haßt, von doppelter Bedeutung ist. Ein Memorandum aus dem Jahre 1907 Und nun erscheint gerade in diesen Tagen ein wich- tiges Dokument, publiziert von den„Freunde» Europas", eine Organisation, die England über die Nazis aufklärt. Dieses Dokument ist ein Memorandum des frü- Heren Unter st aatssekretärs im Foreign Office, Eyre Crowe, aus dem Jahre 1907. Dieses Memorandum schildert die Außenpolitik des wilhelmini- schen Deutschland, die unter dem Schlagwort„Platz an der Sonne"(Gleichberechtigung) immer stärker aggressive Ein Aufredifer „Ich werde von den Zielen des Kommunismus nicht abgehen" Das„Berliner Tageblatt" veröffentlicht folgenden Gerichtsbericht. der nur fchiver die Bewunderung für die Charakterstärke eines angeklagten Kommunisten verbergen kann: Vor dem Erste» Senat des Volksgerichtshofes hatte sich gestern ei»„prominenter" Vertreter der RGO. jRevolu- tionäre Geiverkschaftsoppvsitionj zusammen mit seinem Rom- plicen zu verantworten. Angeklagt war der 3» Fahre alte Bezirksleiter der RGO.. Ernst Bnssc, seine Geliebte, die 26 Jahre alte Anna Wiehl«, die ibm als Sekretärin Dienste leistete, und das Ehepaar Paul und Ida Grohmann. Busse ist schon ziemlich frühzeitig in die kominunistische Be- ivegung hineingeraten. Er ivurde bereits vor mehreren Jah- ren politischer Leiter der RGO. im Bezirk Mittelrhcin. 1982 wurde er für den Wahlkreis Köln in den Reichstag gewählt. Im Januar 1083 bereitete er den Kongreß der RGO. für das Rheinland in Düsseldorf vor. der unter seiner Leitung stein:n sollte, aber von der Polizei verboten wurde. Ter An- geklagte hat jedoch ei» für diesen Kongreß bestimmtes Hetz- blakt, daS sich namentlich an die Eisenbahner richtete, in grossen Massen verbreitet. Später arbeitete er für die ille- gale KPD. Er wurde von dieser, als ihm der Boden im Rheinland zn l»eih wurde, nach Erfurt delegiert, ivcil er dort weniger bekannt war. In seiner heutigen Vernehmung war Busse ausserordent- lich offenherzig. Er erklärte, dass er auch»ach dem Verbot stets für die Ziele der Kommunistischen Partei eingetreten sei, und er gestand auch zu, dass es„ohne erhebliche Menschen- opfer nicht abgehen" werde, wen» die.Kommunistische Partei jemals zur Macht käme. Er werde jedenfalls, so erklärte er weiter, von den Zielen der Kommunisten nicht abgehen.— Das Gericht verurteilte Busse zu der gesetzlichen Höchststrafe von 3 Jahren Zuchthaus: die Angeklagte Wiehle, die als Mittäterin angesehen wurde, zu einem Jahr acht Monaten Gefängnis: Paul Grohmann erhielt wegen Beihilfe ein Jahr sechs Monate Gefängnis, während bei Frau Grohmann das Verfahren eingestellt ivurde, da ihr nicht nachgewiesen wer- den konnte, dass sie Kenntnis von den hochverräterischen Be- strcbungen ihres Ehegatten gehabt hat. De» Verurteilten wurde je et» Jahr der erlittenen Untersuchungshaft auf die Strafe angerechnet. Massenverhaffungen Köln, 14. Nov. Aus zahlreichen Orten des Reiches werden Massenverhastungen angeblich illegal arbeitender Sozial- demokratcn gemeldet. Es ist nicht zweckmässig, über Einzel- Helten zu berichten. Nach einer Mitteilung der Staatspolizei- stelle für den Regierungsbezirk Aachen wurden in Baes- iveiler, einem Zechenort im Wurmkohlenrevier, innerhalb einer Aktion gegen illegale Bestrebungen 3« Personen s e st g e» o ni in e n. Tendenzen zeige, trotz wiederholter Friedensbeteuerungen. Crowe zeigte auch, wie England von 1884-1907 versucht habe, diese aggressiven Tendenzen durch Nachgiebigkeit zu beseitigen, in der Hoffnung, dadurch Deutschland besänf- tigen zu können. Das Gegenteil sei eingetreten: jede Konzession habe neue Forderungen er- weckt. Dieses Dokument ist erschreckendaktuell. Ob es wohl reiner Zufall ist, daß es gerade jetzt veröffent- licht wird? Debatte um die Rüstungsindustrie Im Unterhaus gab es eine interessante Debatte um die R ü st u n g s i n d u st r i e. Die Labour Party hatte einen Antrag für Verstaatlichung eingebracht, der von Major A t t l e e in einer eindrucksvollen Rede begründet wurde. Ihm antwortete Außenmini st er Simon in einer schlechthin miserablen Rede, in der er. der hervor- ragende Jurist, mit kleinlichen Advokatenkniffen arbeitete und die Debatte auf Nebensragen zu lenken suchte. Auch Austen Chamberlain hatte keinen guten Tag. So hatte es B a I d w i n als letzter Redner für die Regierung schwer, den Eindruck zu retten, obgleich die sachliche Ent- scheidung des Unterhauses gege» den Labour-Antrag keinen Augenblick zweifelhaft ivar bei der Riesenmehrheit der Konservativen. Selbst die konservative Presse greift Simon wegen seiner Rede scharf an. In dieser Rede Hai Simon u. a. gegen einen privaten„P o l k s e n t s ch e i d" polemisiert, den die englische Völkerbundsliga unter Lord Cecils Führung zur Zeit veranstaltet. In diesem Volksentscheid werden ö Fragen gestellt: 1. Toll Wt sollte es audi anders sein? Wir haben in der„Deutschen Freiheit" vor einigen Tagen in unserem Leitartikel„Tie Lawine rollt" betont, dass der„Kamps" gegen die Preissteigerung, an der die ditlctantischc und verantwortungslose„Wirtschaftspolitik" der Hitler-Regierung die Schuld trägt, sich in eine neue Serie von Judenverfolgungen ausarten wird. Unsere Ver- mntungen haben sich, wie aus nachfolgender Meldung hervorgeht, noch rascher bestätigt als wir angenommen haben. * Dortmund, 13. Nov. Auf Grund einer behördlichen Anordnung wurde eine neue Aktion zur Prüfung der Preise in gewissen Tetailgeschästen veranlasst. Dabei hat'ich, wie amt- lich gemeldet wird, herausgestellt, dass ein„jüdisches Kleider- geschäst" zu hohe Preis« für Arbeiterhekleidun« gefordert imK Das Geschäft ivurde geschlossen. Ans Anordnung des Arnsberger Regierungspräsidenten wurde dem Inhaber«ine Geldstrafe von 10OH) Mark auferlegt und das gesamte Be- triebskapital beschlagnahmt. Die gsohe Preisuntersuchung beginnt also sich als Aktion gegen die jüdischen Geschälte zu entfalten, während die Kartelle und die großen Rohstoff- Produzenten nach Belieben Preiserhöhung«» ankündigen können. * Frankfurt a. M., 13. Nov. Wie der Frankfurter Polizei» Präsident mitteilt, Inn ein jüdischer Stofsgrosshändler in Frankfurt seinen Bedarf beim Grossisten gekauft und ver- kaufte an Grosshändler weiter. Solches Geichäftsgebahren ist geeignet, die Preise für Stoffe zum Schaden des Ver- brauchers zu verteuern. Das Warenlager wurde daher de- schlagnahmt und«in Verfahre,, gegen de» Händler ringe- leitet. Ei bat empfindliche Strafe zu erwarten. Das Vor- kvmmnis gibt Veranlassung, alle Tcxtilhändler zur strengsten Jnnehaltung der bestehenden Verordnung zu ermahnen. Gegen Pflichtwidrige wird rücksichtslos vorgegangen. Klrdie und Sterilisation Berlin, 12. Nov. Die beiden Mitglieder der katholischen theologischen Fakultät in Braunsberg, Prof. Dr. Esch- wciler und Prof. Dr. B a r i o n, haben vyr einigen Mo- naten ein Gutachten zur Frage der Sterilisation abgefaßt, in dem sie zu dem Ergebnis kommen, dass sich die S t e r i l i- sali on mit den Anschauungen de? Katholizismus verein- baren lasse. Zur Begründung dieser These haben die beiden Professoren eine der katholischen Lehre bisher nicht geläufige T r e n n u n g v o n Weltanschauung n n d R c l i g i o n vorgenommen. Der Heilige Stuhl hat dieses Gutachten ab- gelehnt und verurteilt. Die beiden Professoren sind darauf- hin ihrer Acmter enthoben worden. * Berlin, 12. Nov. Ter katholische Bischof von Berlin. BarcS, hat soeben den im„Angriff" gegen ihn gerichteten Artikel pariert. In dem„Katholischen Kirchcnblatt" unterzieht er die religiöse Doktrin der Nationalsozialisten einer u n- barmherzigen Kritik und appelliert an Katholiken wie an Protestanten, sich in ihrem Kampfe zn vereinigen. England im Völkerbund bleiben? 2. Ist eine allgemeine internationale Abrüstung erwünscht? 3. Soll die Luft- waffe international beseitigt werden? 4. Soll die Waffen- Industrie verstaatlicht werden? 5. Sollen alle Völker- bundsländer gemeinsam gegen einen Angreifer ein- schreiten a) mit ökonomischen und finanziellen Mitteln, b) mit militärischen Mitteln? Tie Völkerbundsunion wünscht natürlich die Bejahung der Fragen. Aber würde selbst eine Riesenmehrheit im Augenblick praktische Bedeutung haben? Warum Flandin populär ist? Die Regierung Flandin hat in England eine ausgesprochen gute Presse. Zunächst hatten die kon- servativen Blätter den Sturz Doumergues bedauert, ober als sich zeigte, daß die gefürchteten Folgen nicht eintraten, und als Flandin seine Burgfriedensregierung so schnell gebildet hatte, atmete man allgemein erleichtert auf, man ist wohl allgemein froh, daß man den dickköpfigen Alten so einfach los geworden ist. Amüsant, wie Flandin am Abend der Krise den englischen Rundfunkhörern beschrie- den wurde. 1. Er ist der längste französische Abgeordnete. 2. Er ist relativ jung. 3. Er spricht fließend englisch. 4. Er hat viele Freunde in England. 5. Er hat oft schot- tijche Moorhühner geschossen jbas scheint wirklich un- geheuer wichtig, die armen Biester machen Weltgeschichte), 6. usw. einige Ausführungen über seine politische Stellung und seine Befähigung. Das also ist die Reihenfolge der Einschätzung. Vergeht nicht, schottische Moorbübner zu schießen! Herr v. Ribbentrop hat Chancen. Für Deutschland SAAR BEILAGE Gegen Hitler! DEUTSCHE FREIHEIT" ■M Slams 40«- do neuer»ölkerredMldier Zustand* Anläßlich einer Polemik über die Zukunft der Heidel erger Abrede bat die 5aar->Zorrespondenz einen anschei- ' Artikel gebracht, der in der Presse der .deutschen Front" mit viel Fettdruck veröffentlicht worden ist, ohne daß diese Herrschaften dabei bemerkt haben, wie sie 'hrer telbst spotteten und wie sie auf einmal ihre ganzen früheren Behauptungen selbst dementierten. diesem Artikel wurde^nämlich vorgetragen, daß„sosern die Abitimmung für den Statu» quo ausgebe, dadurch eine wesentliche Aendcrung in den maßgebenden Verhältnissen beider Gebiete eintrete. Jede gegenteilige Ausfassung bedeute eine vollkommene Verkennung des Charakters des Status auo. Ten« Status quo bedeute keineswegs die Auf-, rechterhaltung des gegenwärtig im Saargcbiet gültigen völkerrechtlichen Zustandes, wie aus dem Wortlaut des 8 35, des SaarstatutS ersichtlich würde.„ES wird sodann dieser Wortlaut zitiert, der in der amtlichen deutschen lieber- ictzung des maßgebenden sranzöfisch-englischen Teptes lautet: „Beschließt der Völkerbund für das ganze Gebiet oder einen Teil die Beibehaltung der durch den gegenwärtige« Vertrag und dieser Anlage geschaffenen Rechtsordnung, so verpflichtet sich Teutschland schon jetzt zugunsten des Völker- bundes sowie dies der Völkerbund für nötig erachtet, zu verzichten".— Tic Saar-Korrespondenz führt dann weiter aus, daß. während also die gegenwärtige Reglung»ach 8 49 des Taarstatuts lediglich den z e i t>v e i l i g e n Ver- zicht des Reiches aus die Regierung deS Saargebietes vor- sehe, eine Volksabstimmung zugunsten der Ausrechterhaltung des sogenannten Status auo— der eben tatsächlich kein Status auo. keine Auirechterhaltuna des bisherigen Zu uandeS, sondern nur eine irreführende Bezeichnung iür einen vollkommen neuen völkerrechtlichen Z u st a n d sei, den V e r l u st auch der Staatshoheit des Reiches über das Saargebiet zur Folge habe. Es dürfte dadurch also unbedingt eine wesentliche Aenderung ein- treten, indem dann die politische Grenze des Deutschen Reiches nicht mehr westlich, sondern östlich des TaargebietS verlause."— Man muß diese Ausführungen mehrmals lesen, ehe man ihren Sinn voll erlaßt hat. Ten» damit bellen die Herren Propagandisten ihre ganze bisherige Taktik vollständig um. Bisher ist immer wieder das Gegenteil gesagt worden, ist immer wieder behauptet worden, daß gerade der Ver- sailler Vertrag, wenn er die Möglichkeit des Status auo vorsehe, jedwede Aendcrung verbiete, also keines- wcgS etwas Neues schaffe. Und jetzt auf einmal ist von einem neuen völkerrechtlichen Zustand die Rede. Es genügt daraus hinzuweisen, daß früher der Kronzeuge der„deutschen Front" immer wieder Herr Tr. Kurt G roten war. dessen Broschüre i„Tie Volksabstimmung im Taargebiet"j immer wieder wie ein Evangelium zitiert wurde. Gerade Kurt Groten erklärte aber immer wieder. daß der Status auo nichts anderes bedeute, als die Auf- rechterhaltung des bisherigen Zustandes, ohne die geringste Aenderung. Zunächst einmal sind die Zitate, wie sie die Saar- Korrespondenz gibt, nicht einmal unbedingt rich ttg. Denn in dem Artikel 49 des SaarstatutS kommt das Wort„einstweilig" gar nicht vor. Es heißt einlach: „Teutschland verzichtet zugunsten des Völkerbundes, der in- ioweit als Treuhänder gilt, auf die Regierung des oben- bezeichneten Gebietes". Es ist dies alio ein glatter Verzicht, der in keiner Weise sich von dem unterscheidet, zu dem Teutschland sich in dem 8 35 der Anlage betreffend die Bei- beHaltung der bisherigen Rechtsordnung zugunsten des Völkerbundes verpflichtet. Gewiß heißt es in dem ersten Falle„Regierung" und im zweiten Falle„Souveränität", praktisch ist aber der Unterschied bezüglich des Verzichtes nicht vorhanden. Etwas anderes ist es allerdings, was die Möglichkeit der zukünftigen Gestaltung und der zukünftigen Verfassung des genannten Gebietes angeht. Hier haben wir schon daraus hingewiesen, daß eben durch den sogenannten 8 35 der An- läge die Möglichkeit gegeben ist, die augenblickliche gewisser- maßen provisorische Verwaltung des Saorgebiets in eine solche umzuwandeln, die iür einen Dauerzustand geeignet ist. Auch wir wollen hier einmal zitieren. Es heißt ausdrücklich:„Es ist Sache des Völkerbundes, durch geeignete Maßnahme» die endgültig eingeführte Rechtsordnung mit den dauernde» Interessen des Gebiets und dem allgemeinen Interesse in Einklang zu bringen". Wenn wir diese Feststellungen traten, so hat uns die 'Gegenseite immer wieder entgegengehalten, wir seien Fan- tauen, und das Saarstatut erlaube gar keine Aenderungen «f 1« au9c»blicklich getroffene« Verwaltungsmaßnahmen. Vielmehr müßte das bisherige„Kolonialregiment" dauernd bestehen bleiben. Insvsern ist also dieses Eingeftändni s, das den Herrschaften in dem Wunsche, nur ja die Möglichkeit einer Kündigung der Heidelberger Abrede zu beweisen, Widerwillen entschlüpft ist, außerordentlich wert- v o l l. W i c weit tatsächlich diese Möglichkeit geht, wie weit tatsächlich ein neuer völkerrechtlicher Zu- stand nach einer Abstimmung für den Status quo eintreten kann, wie weit dies insbesondere t'ür alle wirtschaftlichen und alle sonstigen Fragen gilt, und wie weit insbesondere die endgültig eingeführte Rechtsordnung lder französische llrtert spricht von einem..status definitif") die Möglichkeit zuläßt, baß später die Bevölkerung des durch die Äbstim- mung zunächst selbständig gewordenen Gebietes, deren deutscher Eharakter ja niemals angezweifelt worden ist, noch werden kann!, dann noch erneut einer Frage des Anschlusses an ein wieder freihcitlich-demokratisch regiertes Teutschland näher treten kann, alles dies zu untersuchen, soll weiteren Artikeln vorbehalten bleiben. F. A. Unversöhnliche Gegensatze Plrro und der anbeqneme französische Journalist Herr Fr. Heder in Strahlung schreibt unS: Tie Direktion der Straßbnrger Zeltung„5?a Republique" Hof mich mit einer Enquete über die Saar beaustragt. Bereits am ersten Tage meines Hierseins sprach ich bei der Landcsleitung der„deutschen Front" vor und kam um ein Interview mit Herrn P i r r o ein. $err^irrn hat mich abgewiesen, so daß ich mich veron- laßt sehe, ihm den nachfolgenden Brief zu schreiben, dessen Inhalt ich Ihnen hiermit zur freien Verfügung stelle. Monsieur JacqueS Pirro ?andeSleiter der„deutschen Front" Saarbrücken, Waterkoostraße Monsieur, Im Verlause einer journalistischen Enquete, die ich zur Orientierung der Leser meines Blattes und im Auftrag« meiner Betriebsdirektio» im Saargebiet zur Zeit führe, habe ich sowohl hier in Saarbrücken als an anderen Orten des Saargebietes mit den verschiedenen Leuten Fühlung ge- »ommen. Einer meiner ersten Besuche galt selbstverständlich Ihnen, als dem Exponenten einer politischen Bereinigung, die sich die stärkste deS SaargcbieteS nennt. Am Dicnstagnachmitlag sprach ich ein erstes Mal vor. Sie ließen mir sagen, Sie seien nickt da und baten mich, Ihren Angestellten meine Karte zu überlassen. Ich tat eS und rief am Mittwoch früh 19 Uhr an,»m. wie verabredet, den Be- scheid abzuholen betr. einer EmpfangSstunde. Ihr Sekretariat bat mich, um 15 Uhr vorsprechen zu wollen. Punkt 15 Uhr war ich zur Stelle. Endlich um 16.15 Uhr teilte mir eine Ihrer Ordonnanzen mit..., daß Tie mich nicht empfangen könnten. Jede weitere Frage war umsonst. Tie sind mir keine Aus- klärung schuldig und ich hatte in Ihrem Hause wohl kein Recht, es höchst eigenartig zu finden. daß Sie sich weigern, einem Journalisten Aufklärung zu geben. Nun aber bin ich ein eigensinniger Reporter und wende mich daher an Sie aus diesem Wege, weil der andere mir verschlossen ist. ES lag in meiner Absicht, Ihnen drei Fragen zu stellen, die Sie beiliegend sinden werden. Tars ich Tie nun bitten, sehr geehrter Herr LandcSleiter, mir diese drei Fragen schriftlich zu beantworten? 1, In den Kreisen der Anhänger des Status quo errechnet man, mit fast gleichbleibender Uebereinstimmung, zur Ab- stimmung mit folgenden Prozentsätzen: 66 Prozent für SlatuS quo 49 Prozent für Rückkehr. Die 69 Prozent sieht man wie folgt: 39—85 Prozent von der FrelheitSfront. 29—25 Prozent von den Saar-Post-Katholiken, 4—5 Prozent franz. und auton. Stimmen. Was ist»ach Ihrer Ueberzeugung an dieser Rechnung falsch gesehen? 2. ES wird in weiten französischen Kreisen mit der Mög- lichtest eines PuticheS von feiten der„deutschen Front" ge- rechnet. In Anbetracht eben der starken Aussichten der Status-auo-Bewegung Was spricht gegen diese Möglichkeit? 3. Ich habe an der Saar, wie alle meine Kollegen der sraa zösischen Presse, den absolut l99prvzentigen deutschen Charak- ter von Land und Leuten festgestellt, daneben aber auch die absolute Untätigkeit meiner Landsleute in propagandistischer Beziehung, die mir allein deswegen erklärlich scheint, weil sie von vornherein fruchtlos wäre. Von feiten der„deutschen Front" spricht man trotzdem von französischer Propaganda. Wo und wie äußert fich diese? ES wäre mir zur Beurteilung der Gesamtlage außer- ordentlich wichtig, hierüber Ihre Ausführungen zu lesen. Registratur „In Deutschland gibt es keine Kerker" „Emigranten sind schließlich auch Menschen", kann ein Ein- wand lauten. Gewiß, aber es kommt aus den Charakter dieser Menschen an. Tie vor den bolschewistischen Henker- beilen geflüchteten Russe n. die auS O e st e r r e i ch geflüch- teten Nationalsozialisten haben niemals den Frieden Euro- pas gestört. Sie flüchtete», um fich vor de» Galgen und Kerker« zu retten: fie flüchteten, um ihrer heiligen Ueber- zeugung willen: die aber aus Teutschland nach dem 39. Januar Geflüchteten, rissen in erster Linie vor dem Staats« auwalt auo, der peinliche Fragen bezüglich Steuerhinterziehung, Raub oder Unterschlagung zu stellen drohte. Bor dentsche»„Kerkern" brauchte niemand zu sliehe«. weil es solche niemals gab. Tie deutsche Revolution war die un- blutigste Revolution der Menschheitsgeschichte und wenn die „Emigranten" das Gegenteil behaupten, dann nur deshalb, weil sie diesem Teutschland nicht verzeihen können, daß es ihrem Luderleben ein Ende bereitetete." „Deutsche Front" sRr. 200) * Uebrigens: In der„Deutschen Justiz" teilt Ministerial- Siretror Dr. Schmidt mit, daß die tägliche Durchschnitts- belegung an Gefangenen in den preußischen Strafanstalten sich folgendermaßen gesteigert hat: 1931 32 525 1932...... 37928 1988 56 928 Tiefer Sprung ist nur durch die Wirkung der politischen Justiz zu erklärend,, j Ter Wotanglaube war zwar im Sterben, aber die heiligen Haine, in denen„der Wode" verehrt wurde, blieben das Ziel germanischer Wallfahrer. Alle Vernichtung der Wotanseichen und alle Verwünschungen des alten Glaubens halsen nichts. To wurden an die Stelle WotanS christliche Märtyrer und Heilige, wie der heilige Martin, gesetzt. Mantel, Schwert und Roß waren seine Abzeichen lalso die Sinnbilder Wotans), die ehrwürdigen Haine des Schwertgottes wurden auf diese Weise die Stätten des heiligen Martin. deS Kriegsheiligen, der noch heute von deutschen Wallfahrern svergl. Tchwerts- locher Kapelle) verehrt wird. Auch Tt. Georg und St. Michael sind Um benenn Hilgen altnordischer Wesensbibder, die durch diese„Taufe" in den Bereich der Verwaltung der römischen Kirche gerieten. Tic„Teuielinne" Frau Venus, verwandelt sich in die hl. Pelagia: ans Donar, dem Donnerer und Wol kengott. wird der den Himmel bewachende hl. Petrus, den Woianscharakter des wilden Jägers erhält Tt. Oswald zu geleilt und aus«apitälen und Schnitzwerken wird der de» TodeSwolf zerreißende Erlöser Widar abgebildet sz. B. Kreuzgang in Berchtesgaden), Widar, der den vom FenriS- wolf verschlungenen Odin retten will und das Ungeheuer tötet. Der Vergleich mit Jesus liegt aus der H a n d. Alfred Rosenberg, der vom 1 ührer und Reichskanzler mit der weltanschaulichen Erziehung der Nation beauftragte Theoretiker des Nationalsozialismus in seinem Buche.Der Mythus d e.s 20. Jahrhundert s". Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, 13.—16. Auflage, Seite 163! 164. Das Buch ist von der nationalsozialistischen Regierung allen Lehrerbibliotheken als geeignet empfohlen und In vielen Fällen auch katholischen Büchereien zwangsweise eingegliedert worden. Kolfurhampi nadi der Saarabsllmmung? „Jeden Widerstand niederwerfen" Das„W iener Neue Tageblatt"<12. Nov.) schreibt: „Während das Dritte Reich" den Kampf um die Gleichschaltung der evangelischen Kirche trotz der schweren Niederlage nicht aufgibt, ist es im Kampfe zwischen der katholi'chen Kirche und dem„dritten Reick" seit einigen Monaten in aller Stille zu einem nichiverabredelen Waffenstillstand ge- kommen Tie Kirche als auch das herrschende Regime ver halten sich gegenseitig ausfallend ruhig, aber mißtrauisch ab- wartend. Im nationalsozialistischen Deutschland sind fett der Erschießung des Berliner Leiters der Katholischen'Aktion. Tr. Klausener. und des ReichSsührers der Katholiichen Ja- gendkraft, Adalbert Probst, am 39. Juni keine weiteren Angriffe auf die Vertreter des Katholizismus unternommen worden D«r Grund dieses beiderseitige» Perhaltens liegt in der kommenden Saarabstimmung. Es ist die Absicht der lationaliozialistiichen Parteiführer und auch des Reiches, vor illem die Saarkatholiken nicht durch Aktionen zu beun- uhigen und vom Reiche abzustoßen. Trotzdem glaubt man in katholischen Kreisen, daß sich»ach der Iaarabftimmung die Auseinandersetzung mit der katholische» Kirche fortsetze,, werde. Gewisse Kreise glauben sogar, daß sich die Auseinandersetzung in einem leiden- schastlichen Kulturkampf auswirken werde. Tie Situation der katholischen Kirche ist heute zweifellos viel schwerer geworden. Man kann in den katholischen Zei- tungen täglich besorgte Artikel lesen. So veröffentlicht das „Katholische Kirchenblatt" in seiner letzten Nummer einen von tiefer Sorge getragenen Bericht über eine Rede des Rcichsjngendführers Baldur v. Schi räch, die er am 5. d M. anläßlich eines Presieschulungskurses der Hitler-Iugend gehalten hat. Baldur v. Tckirach gab die Versicherung, der Weg Alfred Rosenbergs fei auch der Weg der deutschen Zu- gcud. ES gehe um die Totalität. Er vermöge nicht eiuzu- sehen, warum es neben der Hitler-Iugend»och konfessionelle Sonderbünde geben soll. Tie Nationalsozialisten können von diesem Prinzip nicht abgehen, daß alle Jugend ihnen gehöre. Dieses Ziel würden sie unverrückbar im Auge behalten und jeden Widerstand niederwerfen." Volhsieidinang !0r den RQdikaui der Saargrnben? In Berliner Regierungskreijen ist man sich darüber im klaren, daß im Falle einer Mehrheit bei der Abstimmung für Hitler, die Frage der Rückgliederung dennoch in Frage steht, weil bei dem finanziellen Bankrott de» Reiches ein Rückkauf der Saargruben, der im Vertrag vorgesehen ist, und in Gold erfolgen soll, praktisch unmva>'ich erscheint. Nach einer Mitteilung der gut unterrichteten„Pro- ger Presse" soll nun die Berliner Regierung die Absicht haben, eine V o l k s z e i ch n u n g für den Rückkauf der S a a r g r u b c n zu e r ö f f» e n, wenn die Abstimmung für Hitler günstig ausfällt. Man wird das deutsche Volk in einem besonderen Ausruf t'iir diese Zeichnung auffordern und betonen, daß das Volk dieses neue Opfer für die Zukunft der Nation bringen müßte. Selbst wenn diese Nachricht richtig wäre, so muß betont werden, daß es sich nicht darum handelt, eine Summe von ungefähr 399 Millionen Goldmark in Reichsmark auszubringen. sondern, daß daS große Problem in der Tr an Sfe r ie ru n g dieser Summe in Form von ausländischen Devisen besteht. Diese aber.fehlen gerade dem bankrotten„dritten Reich", Knox über den Terror (i"vüiffct.Miini ans Nr. 2-'>8 und 254) Ehrengerichte >)» bczug auf ftic Ehrengerichte ist hie Feststellung bemerkenswert, hast nach seiner Verurtetlnng hurch das Ehrengericht ein Beamter des Saargebietes sich beschwerdeführend an den Herrn Reichsmiiiister Heß. hcn Stellvertreter des Führers Hitler. gewandt hat, und hast Herr F r enden- bcrger. der Porsitzendc des Ehrengerichts, seinerseits in einem Schreiben an Herrn Hest die ganze Angelegenheit schildert und die Haltung des„Gerichte" und diejenige des Herrn Pirro zu rechtfertigen versucht Spione and Spitzbuben Tie„deutsche Front" gibt sich sowohl zum Nachteil ihrer Gegner» als auch dei Dienststellen der Rcgieriiiigökvinmlssioii einer Tätigkeit hin die man schon als Spionage bezeichnen muß. Zweifelsvhne steht es einer politischen Partei frei, sich über die Handlungen und Absichle» ihrer Gegner zu unter- richten. Aver es heißt doch die zulässigen Grenzen über- schreiten, wenn diese Partei nicht vor der Anwendung von Methoden zurückschreckt. wie sie nachstehend geschildert ivcr- den sollen: In de» Akten der„deutschen Front" findet man eine beträchtliche Anzahl gestohlener oder entwendeter Dokumente. Ter Landesgeschästsführer Tchaub schreibt beispielsweise am 20. Juni ID84 an den Veiter des Ordnungsdienstes:„In der Anlage übersende ich Ihnen einen Stenogrammblvck mit der Bitte um Turchsicht und eventl Verwendung. Ter Block wurde mir von einem Bekannten welcher ihn bei einem Besuch aus dem Büro des..General Anzeigers" versehentlich mitgenommen hat. zur Turchsicht übereignet. Svlltr der Block etwas Verwendbares enthalten, io bitte ich um weitere Veranlassung." Plan hat einen Bericht gesunden der Mit- teilungen enthält, die von einem ehemaligen Kammerdiener des Herrn Präsidenten der lliegierunaskommiision stammen und angebliche Tischgespräche wiedergeben Erwähnt wurde bereits, da» Herr Svaniol. ehemaliger Veiter der„deutschen Front" und der nationalsozialistische» Partei in den Hrris der bespitzelten Personen einbezogen wurde. Auch die Mitglieder de» Stahlhelms werde,, sehr scharf kontrolliert. Bespitzelung der Geistlichen Die katholische(Geistlichkeit scheint Gegenstand einer be- sonderen llcberwachung zu sein. Dazu einige Beispiele ans jüngster Zeit: 4. Juli 1084— Pfarrer B. in W. wird dennn ziert wegen der Sprache, die er sowohl auf der Kanzel, als auch in Versammlungen führt. Er ist Abonnent der„Neuen Saar-Post". Ter Ortsgruppensührer stellt die Frage, welche Maßnahmen gegen diesen Pfarrer ergriffen werden können. Am 8. Juli 1084 werden zwei Pfarrer aus ähnliche» Be- weggründc» gemeldet, und der Angeber fügt binzn:„Biel- leicht haben Sie Gelegenheit, über irgendeine Stelle aus diese Pfarrer einzuwirken." Ein umfangreiches Aktenstück wurde vorgefunden, das ani den gesamte» Bezirk St. Jng- bert Bezug hat nnd nicht weniger als 28 Belege umfaßt. E« handelt sich»„, die Antworten aus einen Fragebogen, der am IN. Juni 1984 alle» Ortsgruppe» des Bezirks z»ge- stellt worden war zur Feststellung der Abonnenten der „Neue,, Saar-Post" j„ jeder Ortschaft sowie der Haltung der katholischen Geistlichkeit gegenüber dieser Zeitung. Es dürfte schwer fallen, ein eindeutigeres Beispiel für eine lystematische Bespitzelung der Bevölkerung und ihrer Geistlichen anzu- führen. Für einige Dörfer sind die Namen der Abonnenten augegeben: für die Stadt St. Ingbert sind außerdem die- je,,igen Abonnenten, die Mitglieder der„dent'chen Front" sind, besonders gekennzeichnet. Die Ausklinkte über die Hal- tun« der Pfarrer nnd Vikare sind besonders genau. Aetinliche Visten sind vorhanden für andere Leitungen: „VolkSsttinme" und„Arbeiter ,'Zeitung". Nr. 567 Mit der Spionage gehen Denunziationen bei deutschen Behörden tBcispiete wurde» bereits angeführtj iüluic Per fchleppungsverfuche an Saarländern und politischen Fluch: linge» Hand in Hand iktecht ecbanlich mutet in dieser Hin- »cht ein kleines Aktenstück ans den Monaten Mai Juni I»8l an. Ein gewisser Heinz Simons, der seinem Namen die Be- zetchnung„Ansiaiids Organisativn der NSDAP, Reichslei- Hing" folgen laßt nnd in Altona ansässig ist schreibt am W. Mai|0H4 an Herrn Evnrad teinen der Veiter des Ordnung» dtenstess Er bedankt sich für die ihm bei''einen, kürzlichen Aufenthalt im Saargebiet erwiesenen Aufmerksamkeiten, insbesondere für die ihm in einer Angelegenheit„Fix" sie- gcbene» Auskünfte, die für ihn ungeheuer wertvoll gewesen seien. Dan» sährt er wie folgt fort: „Das Material kam der Staatoanwallschast zur Kenntnis. Scheu Sie ei„c„ Weg, daß wir Fir, wenn nötig mit einer Ge,„al>maßnahme aus dkg, Saargebict hole» könne,,. Für Deutschland können wir oegen F eine» Steckbrief oder Haftbefehl erwirke». Wenn irgendein Weg gangbar 'ein sollte, kommen wir nach dort tJweibrückenj nnd holen ihn ab Aus keinen Fall unternehmen wir das geringste, ohne Sie davon in Kenntnis zu setze» nnd Ihren Ratschlag eingeholt zu haben. Für diesbezügliche Borschläge wäre ich Ihnen dankbar. Sie geben uns die Möglichkeit, bald»nd treffend zu handeln, was z. It. von großer Bedeutung Mir uns ist. Vielleicht setze,, Zj? sich diescrhalb einmal mit 507 in Verbindung. Während einer Unterredung mit.',87 stellte ich fest- daß derselbe im Besitze einer Emigrantenliste nnd deren Bankkonten ist." Ans dem Schreiben geht hervor, daß der Agent 507 ein Polizeibeamter der NeglerunaSkomMiffion ist. Tie Akten wurden der Staatsanivallschasi zugeleitet Ter gen. Heinz Simons bittet in seinem Schreiben weiter man möge ihm eine» Saaransweis ausstelle» Er übersendet zu diesem Zweck seine Perionalbeichreibuna und Fotografie»nd be- merkt:„Wenn Tie es für richtig finden, auch unter einem anderen Namen." Mit dieser Angelegenheit kann man die am 12. Dezember 108» In Deutschland erfolgte Berhaktung von vier vpponic- renden Mitglieder» der NSDAP. Saargebiet in Beziehung dringen: diele Sache war Gegenstand einer durch die Amne- stie eingestellten gerichtlichen Untersuchung gewesen. Tie Bcr- Haftung war auf Grund von Denunziationen, die von Saar- brücken ausgingen, vorgenommen worden, lieber diese» Bor- kalt Enden sich Angaben in einer Air.elae bei der Polizei vom 24 A»ri! 108> von welch-r eine Abschrift»nrech'wäftiaec- »»eise in den Akten der„deutschen Front" vorhanden war. Der Urheber, ein Freund der vier in Teutschland inhaftier- ten Nationalsozialisten, erstattete Anzeige wegen eine? zn der„deutschen Front" Unerhörte Neikes®Korruption Der Oberbürgermeister der Stadt Saarbrücken scheint sich als Agent der„deutschen Front" zu fühlen. Hat er Personal für die Stadtverwaltung anzuwerben. läßt er vorher schriftliche Anskünftc bei der Propagaiidaabteilnng der„deutschen Front" einholen:„Ist der Bewerber absolut ehrlich und zuverlässig und kann er sür eine Beschäitigniig bei einer Behörde unbedenklich empfohlen werden?" 4.>e Propagaudaabteilutzg antwortet:„Es wäre wünschenswert. wenn Herr B irgendwie bei der Stadt unterkommen könnte"(Schreiben vom lv. und 22. Juni 1084). Ausfällig ist, daß die„deutsche Front" der Stadtverwaltung Saarbrücken einen Nationalsozialisten zur Ei> stellung empfiehlt, der zu einem Jahre Gefängnis verurteilt wurde, weil er den deutschen Behörden einen im Laargebiet wohnhaften Flüchtlina ausgelieiert hatte. Desgleichen regelt dieser Bürgermeister die Theaicrsragen der Stadt Saarbrücken in vollem Einverständnis mit der „deutschen Front" sowie dem Reichspropagandaminifterium. Hierzu liegt die Niederschrift einer Be.prechung vor die am 28. Juni 1084 stattgefunden hat, und an der teilgenommen haben: der Bürgermeister, ein Beamter der Stadtverwal- lung und Persönlichkeiten der„deutschen Front"(Herr Hard nnd ein Vcitcr der Propagandaabteilung) Die Finanzlage des Theaters»nd seine Beziehungen zur„deutschen Front" werdet, erörtert. Herr Pirro soll gebeten werden, ein Vorwort z» der Werbeschrist sür die kommende Spielzeit schreibe», i» dem die Bedeutung des deutschen Thealers im Saargebiet hervorgehoben werden soll Ei» ganzes Akten- stück läßt im übrigen erkennen, daß das Programm der be- vorstehenden Spielzelt im Hinblick aui die Volksabstimmung und zwecks Einwirkung ans die Bevölkerung im Sinne der „deutschen Front" zusammengestellt wird In einem Schriftstück nom 21. Fun! 1984 wird ausaesührt: „Der„Teil" wird im Herbst l9:it also unmittelbar vor der Abftimmiino- das Frriheitelpiel im Zaaraebiet. Em Teil der Avsiiihrnnaen wirb zu einem äußerst niedrigen Preis ider je nach der Anlfnbrnngszahl festoeietzt wirbt nov der..deutsche» Front" abaenommen. Die„drntlche Front" übernimm« mit Tbeqterionderzüge,, fwie in an- deren G-oenbe» kchon seit langem erprobt) die^Heranziehung der Bevölkerung ans de» Orten des Saarge- bietes." Die Ausführung dieses Stückes wird als eine„uner- hörte positive Aktivierung der Massen" empsohle». Der Propagandaleiter der„deutsche,, Front" schreibt unterm 9. Juli 1984 an dag Propagandaminifterium in Berlin über das Theater in Saarbrücken, und erinnert daran, daß im Einverständnis mit ihm die kommende Spielzeit im Zeiche,, der„Werbung sür Deutschland" stehe,, wird. Er berichtet über die vorgeschlagenen Maßnahmen»nd bittet ausdrücklich um deren Genehmigung. Ma„ ersieht hieran», daß der Bürgermeister der Stadt Saarbrücken die Leitung des Theaters der„deutschen Front" nnd den deutschen Behörden zugleich überläßt, und baß er die Bestrebungen fördert, die dahin ziele», aus dem Tbeater ei„ Instrument für den Abstimmungskamps zu machen. Tadel schließt der Haushalt des Theaters mit einem Defizit von 2 794 000 Franken ab. Der Bürgermeister stellt da» Stadttheatrr, das von alle» Steuerzahlern unter- halten wird, in den Dienst einer politische» Partei. Einmischung in die Scbnlverwaltnng Ii, einem andere» Fall ergibt sich die Feststellung, daß die Vandesleitnng der„deutschen Front" sich widerrechtlich öisent- liche Amtsgewalt anmaßt unter Mitwirkung von Beamten der Regieriiiigskvmmissio». Es Handelt sich dabei um Methoden, die gelegentlich der Verschickung von mehreren tausend saarländischen Kindern l» das Reich angewandt wurden. Hierzu sei als erstes Dokument eine Beschwerde erwähnt, die am Ii März|084 von sämtlichen skatholischen» Dechan- ten des Zaargebtetes an Herr» Pirro gerichtet wurde. Die Geistlichen sllliren darin ans. daß die Kindertrans- parte»ach dem Reich schwere Mißbrauche mit sich bringe»: sie bitte» dringend, hier schleunigst Abhilfe zu schaffen. Sie erinnern daran, daß Vizekanzler von Pape» ihnen gegenüber das Versprechen abgegeben habe, daß die katlio- tischen Kinder nicht mehr protestantischen Familien anver- traut würden. Herr v. Pape» hätte ihnen am 25. November 1088 diese Versicherung schriftlich gegeben. Diese Berpslich- tung würde aber nicht eingehalten werden: mehr als 1»oo katholische Kinder seien i» protestantischen Familie» unter gebracht. Entgegen einer anderen Zusicherung seien Kinder kurz vor der ersten Kommunion weit weggeschickt worden. Hunderte vv» katholischen Kindern wurde» in rein protestan- tische Gegenden transportiert und einem Gewissenödruck aus- gesetzt, denn sie würden von Amts wegen zum Besuch der protestantischen Schule oder Religionsstunden angehalten. Die Befchwerdeschrift schließt mit folgende» Worten: „Jedenfalls find wir nicht geneigt,„ns diesen Gewiffens- zwang, durch den auch Unordnung ins ganz? Schul, und Erziehungswefen gebracht wird, weiter gefallen zu lassen." I» der Absicht, diesem Zustand abzuhelfen, mischt sich die „deutsche Front" i» die Schulverwaltung des Saargebietes ei». Am lo. März 1084 führt Herr Pirro im Rathaus-aar- brücken den Vorsitz j» einer Sitzung. Es wurden Richtlinien ausgearbeitet, deren Festlegung nur der öffentlichen Gewalt nnd nicht einer politische» Partei zukommt. Es heißt darin u. a.: „Das Kinderhilfswerk hat im enge» Einvernehmen mit der Schule feine Aufgaben z» erfüllen. Es bleibt Aufgabe der Schule, die Kinder, die zur Verschickung in Frage kommen, der Leitung des KinderhilfsiverkS anzugebe». Die Kinder, die ins Reich geschickt werden, müssen von den Schul- ärzten bezeichnet werden.. In der Leitung des Kinderhilis- werks wird, um die notwendige Verbindung zu sichern, ein «chulmann eingebaut Dieser Hai auch die notwendige Ver- blndnng mit der Schulanfsichisbehörde aufrechtzuerhalten. Jede Lehrperson muß rechtzeitig davon in Kenntnis gesetzt werden, wohin die Kinder kommen, damit sie sich mit der -chnle i» dem betr. Ort des Reiches, zwecks Einschnlung der Kinder, in Verbindung setzen können." Schließlich folgt dieser erstaunliche Satz:„Sämtliche Schul- »ate tollen zusammen genommen werden, um mit diesen das ganze Problem der Kinderverschtckung grundlegend zu de- sprechen. Dtese Anordnungen, deren Bestehen der zu- standigen Djcustftelle der Regiernngskommisfion verheimlicht worden sind, sind vo„ dem Landespropagandaleiter der „deutsche,, ,eront", Herr» Peter Kiefer, unterzeichnet. Sie - 55„ c bezeichnende Einmifchnng der„deutschen Front" ,» die Verwaltung des Gebietes. Fortsetzung folgt. seinem Nachteil begangenen Diebstahls von politische» Do- lumeuten,' er bezeichnet als die wahrscheinlich Schuldigen einige Personen, die fast ausnahmslos einen hohen Rang im Ordnungsdienst einnehme». Bas„dritte Boich" korrumpiert die Saarheam ten In den vorangehende» Ausführungen trat bereits das ge- Heime Einverständnis der„deutschen Front" mit Beamten des Saargebiets in Erscheinung. Diese Verbindung ist leider in einer sehr große» Zahl von Fällen nachgewiesen. Die Beamten wurden veranlaßt, entweder an die „deutsche Front" Nachrichten aus iüegale Weise weiterzu- geben oder Dokumente auszuliefern oder sich ganz in ihren Dienst zu stellen, so daß die„deutsche Front" in gewisser Hinficht dir Rolle einer im Verborgenen wirkenden Regie- rung zu spielen bestrebt ist. Da findet sich zunächst eine Liste sämtlicher höheren Be- amte» der Zentralverwallung, die Angabe» enthält über eines jede» Namen, Herkunft»nd Dienstobliegenheiten. Weitere Bemerkungen politischer Natu» beziehen sich insbesondere auf die deutschen Beamte».«Ein Mann, der ans zwei Schultern trägt"„srankophil"—„Verkrachte Erl- stenz"—„Nicht einwandfrei"— nsw. Tie'e Liste die lehr genaue Angaben enthält, kann nur von einem Beamten auf- gestellt morden sein. Weiter erhält die„deutsche Front" sehr häusig Nachrichten von saarländischen Beamten. In einer Meldung von Anfang Mai>084 ist angegeben, welche Pvltzeibeamten mit der Durchführung einer bestimmten Uiitcrsiichung beauftragt worden sind. Es heißt darin weiter: „Dieser Bericht ist ein Auszug des Berichts an die Re- gierungskommission. Eine Abschrift der Anzeige wurde der Gestapo zur Kenntnis gegeben." Auch eine längere Lifte von Ztrafregisterauszügcn über Personen, die der „deutsche» Front" feindlich gelinnt sind, wnrde entdeckt. Diese Auszüge könne,,»nr von einem Beamten der- rühren, der seine» Beamteneid gebrochen ha«(die Schrift schein» verstellt zn fein). Die Wiedergabe der Liste amtlicher Dokumente oft vertraulicher Natur, die der„deutsche» Front" in vielen Fällen im Original ausgeliefert wurden. würde eine» zu große» Rain» beanspruchen. Die Annahme liegt ans der Hand, daß sie von Beamten aelieferi wurden, und der Nachweis hierfür ist mehr als einmal vvrhnlidcn. So ist die Abschrist eines BernehmungSprotokolls vom 8». Juni 1084 vorgesunden worden. das ei» Landjägeriueister in einer Entsühriingsangelt aciiheit ausgenommen hatte, und das unmittelbar vom Land- jägerkvrps an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet worden war. Die GeneralftaatSanivaltschaft wurde mit dieser An- gelegenheit besaßt, da sie sich nach der Amnestie ereignet hatte. Ein weiterer Boriall sei izoch erwähnt, obwohl eS sich hierbei nicht um eine» Beamten!. e. S handelt: Herr W..., Pfarrer im Zaargcbiet. scheut sich nicht, Herrn Pirro Aeußerungen zn berichten, die der hoch- wiirtzlgste Herr Bischof uon liser i» einem Parrhans (nicht demjenigen des Angebersj getan hat. Bie Landiäte im Biens'e der braunen Front Doch beschränkt sich die„deutsche Front" nicht darauf, ver- trauliche Anskünslc»nd Dokumente von den Beamten zu beziehe« Sie verwendet die letzteren, als repräsentiere sie die gesetzmäßige Staatsgewalt in, Saargebict. So sieht man beispielsweise die leitende» Funktionäre in einem Falle über die Landrätr verfügen. Der Propaganda- leiter benachrichtigt einen hohen deutschen Beamten, den Landeshauptmann der Rheinprovinz, der einen Besuch im Saargebict mache» möchte, daß er für ihn Zusammen- liinfte mit den Landräten von Saardrücken, Ottwciler und Saarlouis vorbereite« habe. Es berührt eigenartig, daß die vorgenannte» Landräte die Vermittlung der Propa- gandalciter der„deutschen Front" angenommen haben. Das fragliche Schreibe» ist ältere» Dalums l28. Oktober 1088) I» einem Spezialaktenstück. betreffend das Sicdlungs- ivejen im Saargebiet, finden sich indessen Beweise, daß ei,- Beamter des Saargebietes, Herr Bermessungsrat Klllser, in ein und derselben Angelegenheit in zweifacher Eigenschaft tätig ist: t. als öffentlicher Beamter, 2. als Abteilungsleiter bei der Landesleitung der„dentfchen »Front". Er schreibt selbst aus Anlaß eines KompetenjkoiifUkts mit einer Dame(Gräfin Siersdorfs? Red.j. dir sich seiner An- ficht nach in mißbräuchlicher Weise das Recht anmaßte, das Siedlungsiveien im Saargebict zn leiten:„Die Angelegen- heil.... ist in ein neues Fahrwasser gekommen. Als Nationalsozialist kann ich nicht untätig zusehen, wie ein in mühe- voller Jahresarbeit aufgetaute» nationalsozialistisches Werk durch eine maßlos ehrgeizige Frau zerstört oder zumindest behindert werde» soll Seit Dezember 1032 bearbeite ick) als verantwortlicher Nationalsozialist die Stcdlniigsfragen im Saargebiet. Da wäre es merkwürdig, wenn ich ruhig zu- sehen sollte, wir jemand mit der Errichtung der„deutschen »Front" Schindlnder treiben will." Getarnte politische Veranstaltungen Bon anderen Beamte» des Saargebietes, die einen großen Teil ihrer Zeit-- unter Mißbrauch der freiheitlichen Gesetz- gebung der„deutschen Front" zu opfern scheinen, muß»och Herr Rektor Harb genannt werden, der Leiter der Kultur- abteilung ist. In den beschlagnahmten Schriftstücken finden sich unzählige Nachweise seiner Tätigkeit, seiner Reise», sei- »er Anwesenheit in Saarbrücken und seiner Korrespondenzen. Namentlich ist ein ganzes Attenstück vorhanden, das die Sonnwendseiern betrifft, nnd au« dem hervorgeht, daß dieser Beamte besondere Vorsichtsmaßregeln treffen ließ, um deren politischen Eharakter zu verschleiern«nd ans diese Weise zu einem Einschreiten der Regicrungs- tommission keinen Anlaß zu geben. Ten, Beispiel des Herrn Hard folgend, sind Hunderte von Lehrern der Kulturabteilung der„deutschen Front" beige- treten nnd widmen ihr sehr viel Zeit. Deutsche ftimmen• öeilage zur.Deutschen(Freiheit"• trei&nisse und Geschichten Donnerstag, d«n 1S. November 193a| £ie&e auf dm 1JlaaUuf xydec: Jlcaq, ahne J&aede&ec I ing ist nicht nur Hradschin und Kaulsbrücke, Altstädter Ring und Wenzelsplatz. Prag sind auch die grauen Prole- tarierstraßrn in Lieben und Zizkov, Michle und Smichov. Und Prag sind auch die„Maniny". An der Liebener Brücke erstreckt sich, vom Denisbahn- liof herstreichend, halbinselartig zwischen der Moldau und ihrem alten Nebenarme ein breites Brachland. Unterhalb der Brücke läuft es in eine griinbewarhsene Inselspitze aus. An heißen Soinmertagen ist sie der„Lido" der Liebener, zu dem eine Kahufähre hinüber pendelt. Eng beieinander lagern die Familien mit Kind und Hund im Gras, das die Sonne braun brennt. Oberhalb der Brücke verbreitet sich die Halbinsel zu einer flache» Wüste. Gras, Unkraut und mannshohes Pappelgesträuch bedecken nur notdürftig den Bauschutt, der von der Moldaureculierung übrig geblieben ist. Eisenbahngleise rosten im Unkraut; auf den..Maniny", wie dieses Gelände genannt wird, sollte einmal ein großer Frachtenbahnhof entstehen. Auf diese Zukunft warten vergeblich verstreute Lagerschuppen und Materialhöfe hinter Bretterwänden. Verfallende Buden und brüchige Baracken dienen als Unterschlupf für das nächtliche Leben, das auf diesem Brachland sein fragwürdiges Dasein fristet. Die„Maniny" gelten als einer der verrufensten Bereiche der Prager Peripherie. Sie sind der„Strich" der Elenden und Verlorenen. Am I age gehen nur vereinzelte Passanten die getretenen schätzenden Blick, ob man gewillt sei, mit ihr in„ihr Reich" einzugehen. Anscheinend ißt es ihr nun genug des Fragens; sie will sich ja nicht unterhalten— sie will verdienen. Von der Ablehnung ist sie sichtlich enttäuscht.„Na ja," sagt sie, „Sie haben eben Angst." Wovor, ob vor ihr, vor den Männern in der Bude, ob vor einer Krankheit, läßt sie unausgesprochen. Daß jemand grenzenlosen Abscheu haben kann vor dieser„Liebe" für fünf Kronen und noch dazu am hellen Tage im Winkel zwischen Unkraut und Schutt mit einem darüber gebreiteten Mantel als Lager, daß jemand nur aus Erstaunen und ratlosem Mitgefühl mit mensch- liebem Elend mit ihr spricht, das scheint sie nicht zu verstehen. Und doch war sie sicher einmal ein lebensfrohes erzgebirgisches Mädel, frisch und natürlich— in welch graue, grauenhafte Abgründe führt Menschen die Not! Unvermittelt sagt die Frau, daß es nun bald anders werde, denn sie habe Aussicht, nächstens eine eigene Wohnung zu bekommen. Sie allein?„Mit meinem Mann natürlich." Dann kann sie die Männer, die sie findet, mit nach Hause nehmen,„denn im Winter ist's auf den Maniny schlimm." Und ihr Mann?„Den räume ich dann schon auf. Da muß er schon folgen." So sagt sie wörtlich. Und mit einem unbegreiflichen bescheidenen Blick fügt sie hinzu: „Wo ich dann wohne, können Sie von den Burschen in der Bude erfragen." Diese Frau, die Männer in der Bude, die Schläfer in den Pappelkuhlen— das alles wächst in diesen Worten zu einer unbegreiflichen, abseitigen Welt ver- schwisterten Elends zusammen. Ringsum leuchtet der sonnige Tag. Am Wasser stehen Angler, regungslos auf ihre Pfade kreuz und quer. Unt am steinigen Ufer werfen. Schwimmspule starrend. Arn jenseitigen Ufer klirrt ein Angler mit unendlicher Geduld immer wieder ihre Schnur ins Wasser. Oben, in den kleinen Pappelkuhlen, verschlafen abgerissene Gestalten den heißen Tag. Auch eine Frau hat »ich im Gesträuch niedergelassen. Sie spricht den Vorübergehende» mit einer sehr eindeutigen Einladung an, sich bei ihr niederzulassen. Sie ist nicht die einzige. Da kommt eine Frau des Weges. Sie nähert sich in jenem langsamen Schritt, der schon Aufforderung ist. Sie zögert, bleibt stehen und bietet sich an. Auf den Einwand, daß man nicht gut Tschechisch verstehe, antwortet sie in fließendem Deutsch erzgebirgischer Klaugart. Verwundert fragt man nach ihrer Herkunft. Sie stammt von der Sprachgrenze bei Laim, bat aber ihre Kindheit in einem erzgebirgischeu Dorfe verlebt. Vor zwei Jahren ist sie nach Prag gekommen. Damals hatte sie Stellung; 150 Kronen bat sie in der Woche verdient. Sie bat dann aber die Arbeit aufgegben. um zu heiraten.„Ich habe mich überreden lassen." sagt sie. Ihr Mann ist Dachdecker, ist aber seit vierzehn Monaten arbeitslos. Nun geht sie hier auf und ab. Für ein paar Kronen.„Was soll man machen? Ich tus seit vier Wochen; es ging nicht mehr anders." Von Kobylisy, wo sie mit ihrem Manne bei ebenso armen Leuten zur Untermiete wohnt, kommt sie tagtäglich hierher. Nicht jeden Tag findet sie einen Mann, der bereit ist, mit ■ ihr zu gehen.„Mit jedem mag ich auch nicht gehen. Die anderen reden darüber. Da ist sie auch noch großartig und will sich die Männer aussuchen, sagen sie. Hier auf den Maniny ist eine Frau, die geht für eine Krone mit." Und sie? Ihre niedrigste Taxe sind fünf Kronen—- das sind gleich sechzig Pfennig! Sie mag dreißig Jahre alt sein. Sie ist weder hübsch noch häßlich, aber wenn sie lacht, hat sie tiefe Grübchen in den Wange». Einige ihrer Vorderzähne sind stückweise abgebrochen. Ihre Hände sind schmutzig mit schwarzen Rändern rings um die abgestoßenen Nägel. Sie ist mittelgroß, von zierlicher Gestalt. Kleid und Mantel lassen schlanke Beine in braunen W ollst rümpfen frei. Im Ausschnitt des Kleides ist ein Stück angeschmutzte Hemdspitze sichtbar. An ihrem Mantel hängen welke Grasfasern und Unkraulsamen. Das sieht nicht nach Absteigequartier aus. Auf die Frage, wohin sie denn die Männer führe, die mit ihr gehen, deutet sie nach dem Uferhang:„Dort, bei der Bude." Dort bildet eine Bretterwand einen schrägen Winkel über dem Uferhang bis hinunter zum Wasser. In diesem Winkel, angefüllt> mit Steinen, Schutt und Asche, überwuchert von Unkraut, breitet sie, wenn ein Mann es will, einfach hren Mantel über die Unkrautbüsche und ist bereit. Fünf Schritte davon entfernt steht an der Uferböschung eine kleine Bude aus Kistenbrettern, Blechabfällen und Dachpappe. Gewaschene Hemden hängen auf einer Stange. Man sieht Männer hantieren. Einer mit nacktem Oberkörper, bat nur zerrissene Hosen an.„Wohnen die Männer dort in der Bude?"—>„Ja," sagt sie.„sechs Burschen; die leben da so in den Tag hinein."—„Und hierher führen Sie Ihre Männer? Kommen denn die Burschen nicht manchmal hierher?"—„Das macht nichts. Die schauen nicht her. Wenn ich nicht will, kommt niemand hierher." Hinter der Bretterwand hört man Eisen klirren. Durch die schmalen Spalten zwischen den Brettern sieht man Gestalten sich bewegen. Das alles stört die Frau nicht.„Das ist mein Reich." sagt sie.„Mein Reich" nennt sie diesen Dreck winkel, und sie spricht das großartige Wort mit einem ab- Sandwerk. Kaum zweihundert Schritte entfernt lärmt eine Schar ballspielender Kinder. Vor einer als Bierschank eingerichteten Baracke sitzen Kartenspieler; man hört das Aufklatschen der Karten bis hierher. Fabriksirenen verkünden den Beginn der Mittagspause. Ueber die Liebener Brücke fahren in kurzen Zeitabständen die Straßenbahnwagen dreier Linien. Alles ist nur Minuten weit entfernt. Und In den selbstverständlichen Alltag ist diese Welt der Elenden eingefügt, eine.. unerforschbare Unterwelt, ein bodenloser, mensche»verschlingender Abgrund in der hellsten Sonne. Fünf Kronen nimmt die Frau gern geschenkt. Langsam geht sie den Weg zurück. Kaum ist sie zwanzig Schritte entfernt, taucht ein Mann, der bisher nicht zu sehen war, aus dem Pappelgesträuch auf, spricht mit ihr und geht neben ihr her. Sie gibt ihm das geschenkte Geld. Es ist ihr Mann, der. wenn alles, was sie erzählte, gar nicht stimmt, nicht ihr Ehemann zu sein braucht, aber in jedem Falle ihr Zuhälter ist. Ihr Sklavenhalter, der. elend genug, vom Leihe dieser Frau lebt, der sie vielleicht prügelt, wenn sie nicht„fleißig" ist, und der auch ihr Beschützer ist, mit dem es zu tun bekommt, wer etwa die Frau bedroht. Aber he- Wachmann die Frau bei ihrem elenden Gewerbe ertappt stimmt wird er im Pappclgebüsch verschwinden, wenn ein und verhaftet. Und manchmal ist solch ein Mann auch noch Schlimmeres. Die schmalen Pfade auf den Maniny führen hergab in Laster und Verbrechen. Vor einigen Monaten stand so ein Mann mit seiner Frau vor dem Schwurgerichtshof. Er 23, sie 28 Jahre alt. Er von Elend und Verkommenheit gezeichnet, sie, wie im Gerichtsbericht zu lesen war,„nur mehr c"„e tragische Karrikatur einer Frau, verlottert, abgestumpft, mit der heiserneu Röchelstimme der alten Hure, deren bloßer Klang schon Schauder erregt". Eines Sonntags im Januar— auch wenn die Maniny in Frost und Schnee erstarren. gehen diese Frauen hier auf den einsamen Pfaden ihrem Gewerbe nach— hatte die Frau einen Arbeiter, der seinen Wochenlohn bei sich trug, zum Mitgehen überredet. In einer verlassenen Holzharacke hatte sie ihn bewogen, sich bis aufs Hemd auszuziehen und von ihm schließlich die Hergäbe seines ganzen Geldes gefordert mit der Drohung, daß„er sonst abgemurkst und in die Moldau geworfen" würde. Als der„Liebhaher", plötzlich furchtbar ernüchtert, sich weigerte, erschien auf ein Zeichen der Mann und Zuhälter dieser Frau und machte die Drohung mit einem Messer in der Hand noch gefährlicher. Der Arbeiter konnte sich losreißen und im Hemd und barfuß durch den Schnee nach einer Wächterhütte flüchten. Er war mit ein paar Lhr- feigen davongekommen, aber sein Geld blieb verschwunden, obwohl das Ehepaar noch in der gleichen Nacht verhaftet wurde. In der Verhandlung vor Gericht stellte sich heraus, daß die Frau erst einige Tage zuvor, mit einer noch nicht geheilten Geschlechtskrankheit behaftet, aus dem Infektionsspital entsprungen war und bei ihrer Flucht auch gestohlene Anstaltswäsche mitgenommen hatte. Das Gericht verurteilte den Mann zu sechs, die Frau zu fünf Jahren schweren Kerkers. So endet unter Umständen die„Liebe auf den Maniny". Und wenn die Jahre um sein werden, wird man den beiden vielleicht wieder auf diesem Brachland begegnen können, sie trotz aller Verheerung zur„Liebe" bereit, er im Gestrüpp auf das Opfer seiner Frau lauert. Manfred. Jhce Afuiinucn Eine deutsche Frau weint nicht In einer württembergischdri Nazizeitung, dein„Cüppaiger Tagblatt", wird über eine nationalsozialistische Frauenversammlung berichtet. Es heißt da: „Die deutsche Frau(so betonte die Redner!») habe sich von dem Geschrei des Pazifismus„Nie wieder Krieg!" immer abgewandt. Wenn die deutsche Frau dem Vaterlande etwas habe opfern müssen, so habe sie nie Tränen der Schwäche vergossen." Das ist alles ganz schön und gut. so werden manche Mit- ► Ordnung herrschte und Kultur. Ja, während hunderte Millionen darben und drei Millionen Menschen Hungers starben, weiß die Statistik nüchtern zu berichten: „Man mußte sechsmal hunderttausend Zentner Fleisch vereine! viermal hunderttausend Kilo Fisch." dichten Der sattgewordne Mensch las dann nach Tisch in dem Journal, im Handelsteil, von„Ueberproduktion". „Getreide, Kaffeesäcke— sechshundert Millionen, warf man ins Meer und offne Feuer. So blieb der Preis geschützt, die Ware teuer. Doch wer sich gegen Ordnung und Kultur in diesem Jahr erhob, den schlug man nur hallt oder ganz tot. So sieht die Welt und die Gesetze der Herren aus, die sich und ihre Schätze erhalten einzig durch Vernichtung. Wieviel in einem Jahr im Kampf um die Errichtung des neuen Staats der sozialistischen Verpflichtung gefallen sind, das liest man nicht. Da gibt es keine Daten, denn der Faschismus führt nicht die Statistik seiner Taten. S o herrscht die Ordnung, Ruhe und Kultur. Thomas Eck Deutscher Ac&eitec, ceite! Pferd und Klassenkampf Im Februar 1934 sprach Adolf Hitler:-„Wenn ich könnte, ich würde jedem Arbeiter einen Smoking schenken!" Inzwischen ist die Weltgeschichte weitergerollt. Inzwischen sind jene braunen Kumpane, die lieber andere aus dem Smoking stoßen, als selbst hineinklettern wollten, zu hunderte» erschossen worden. Inzwischen ward eine Arbeitsschlacht nach der anderen verloren. Inzwischen sind die Löhne gesunken und die Preise gestiegen. Inzwischen haben die Arbeiter hungern, die Bauern sehen und die SA.-Leute meckern gelernt— nur die nationalsozialistischen Führer haben nichts gelernt. Nichts gelernt und alles vergessen. Im Februar 1934 wünschte Hitler jedem Arbeiter einen Smoking. Im November 1934 verbreitet der Pressedienst von„Kraft durch Freude" in den Zeitungen folgende Notiz: „Seit kurzer Zeit führt die Sportabteilung der NS.- Gemeinschaft„Kraft durch Freude", Gau Danzig. auch Reitkurse durch. Es kommt gerade darauf an. dem Schaffenden der Faust immer wieder zu zeigen, daß Vorrechte, von denen gewisse Kreise und Klassen glaubten, sie könnten sie nur für sich in Anspruch nehmen, heute zum alten Eisen geworfen sind. Auch der Schaffende der Faust soll, wenn er Freude daran findet, auf dem Rücken eines Bosses dahertraben können. Heute brauchst du nicht mehr abseits zu stehen, deutscher Arbeiter, oder scheu beiseite zu treten. Wenn du reiten willst, reite!„Kraft durch Freude" sorgt dafür, laß du es kannst; denn der Nationalsozialismus erstrebt, alle Schaffenden Anteil nehmen zu lassen an den Freuden des Daseins." Die Führer scheinen eine Art Paten Komplex zu haben. Sie können nicht vergessen, daß an der Wiege ihrer seltsamen Revolution ein Herrenreiter stand. Aber das Kind kann den Pape» Pate» und seinen Herrenkhtb nicht verleugnen— auch dann nicht, wenn ein paar Arbeiter ausprobieren, wie sichs mit leerem Magen reiten läßt. Dec J$aueat6efceiec Speichellecker Im Vorwort zu seinem Werk„Der deutsche Bauernkrieg", Druck und Verlag von R. Oldenbourg, München und Berlin, 1933, schreibt Franz Günther, daß die früheren Darsteller des Bauernkrieges seine Geschichte politischen Zwecken dienstbar gemacht hätten und fährt wörtlich fort: „Heute, am Ende der ersten siegreichen deutschen Revolution, hat der Bauer im„dritten Reich" endlich die Stellung im Leben der Nation gewonnen, die er schon 1525 erstrebte.(!) Wir brauchen daher den Bauernkrieg nicht mehr als anfeuerndes oder warnendes Beispiel zu bemühen, noch werden wir die Männer von 1525 allein wegen ihrer revolutionären Haltung verurteilen." Am Schluß des Werkes schreibt dieses wirbellose Kriechtier von einem Gelehrten: „Allerorten ist der Bauer im Aufbruch und stellt sich hinter den Führer unseres Volkes, der die ewigen Werte von Blut und Boden erkannt und dem Leben unseres Volkes dienstbar gemacht bat. Die Niederlage von 1525, durch die das Leben der Nation auf Jahrhunderte hinaus geschwächt und verarmt worden ist, ist ausgeglichen. Der Bauer hat sein Ziel erreicht. Er ist zum tragenden Pfeiler unseres Volkslebens geworden." Mit dieser widerlichen Geschichtsfälschung»oll»ich der hitlerfromme Günther einmal an die-schleswig-holsteinischen Bauern wenden. Sie werden ihn mit den Hunden vom Hofe hetzen. Beschlagnahmt— eingezogen Auf Antrag der parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS.-Sdirifttums in München sind die im Verlag Paul Schmidt in Berlin erschienenen Schriften:„Wir sind Deutschlands Zukunft"(Jugendliederbuch);„Deutschland! Glaub ans Glück"(Liederbuch in Noten);„Liederbuch der NSDAP."(Adolf Hitlers Werdegang) für Preußen beschlagnahmt und eingeaogeo worden, Völle«? In Sturminltan Nr. 70 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Donnerstag, 15 Novambar 1034 Der S. November Von Rene Schickele Rene Schickele veröffentlichte im Jahre 1919 eine kleine, inzwischen halb vergessene Schrift:„Der neunte November". Sie ist eine packende Darstellung von Erlebnissen und Stimmungen an der Wende von 1918 zu 1919, geschrieben von einem leidenschaftlich Mitfühlenden. Vielleicht reizt die Schrift heute viele zum Widerspruch— wie Rene Schickele wohl auch manches heute mißbilligen mag, was er damals niederschrieb. Aber das mindert die Bedeutung dieser Kapitel nicht herab. Der Ruf an den Geist und an seine Verantwortung gilt heute noch stärker als damals. (Schluß) Leichter mag• ich sie da überwinden, als viele meiner Kameraden, die gestern noch hingerissen vom Kriegslärnr. oder davon wie zerschlagen, am befreienden Tag vermeint hatten, mit einem Sprung aus der Hölle in den Himmel zu setjon. Das können wir zwar, du und idi, und sogar mehrmals am Tage und in der Nacht, und wir tun es auch, aber wir nehmen die Menschen nicht mit, sogar die besten Freunde folgen nur zögernd oder gar nicht, und wenn wir von unserer Himmelfahrt zurückgekehrt sind, zeigt sich, daß die meisten nnsre Abwesenheit nicht einmal bemerkt haben. Der 9. November war der schönste Tag meines Lebens. Am 9. November war ich am glaubhaftesten, fast möchle ich sagen: nachweislich im Himmel. Ich glaubte, von nun an nie mehr allein zu sein, nie mehr an mir und an den andern zu verzweifeln. Zum erstenmal lag ich, geborgen, Deutschland am Herzen. Die neue Welt stand weit geöffnet. Wenig bedeutete, daß die Schwierigkeiten sich türmten, die alteingesessenen Piraten sich zur Wehr setzten und ihre Fuchs- gange vervielfachten, die kühnsten Arbeiter der Stunde zusehends ermüdeten, die schnell, aber frisch gebackenen Führer, sich hier und da räusperten, wie ihre Vorgänger gespuckt hatten—- wenn nur die Gemeinschaft im Geiste jenes Tages bestehen blieb mit ihren Millionen unerschöpflich sich erhebenden Händen und Herzen! Darauf kam es an. Darauf allein. Bei einer Revolution kann man nicht erklären:„So, jetzt ist's genug", um sich dann aufs revolutionäre Ohr zu legen und den Rest durch die„Evolution" besorgen zu lassen. Eine Revolution dauert so lange, wie ihre Voraussetzungen bestehen. Der revolutionäre Akt seihst ist ein„Fortissiino", wie der Krieg. Es trotzt von Pauken und Trompeten, die Blechinstrumente bringen es schier zum Platzen. Daher der bezaubernde Eindruck auf die ungeschlachtesten, die aufpeitschende Wirkung auf die feinsten Nerven, von den Sohlen über den Unterleib ins Gehirn. Deshalb wundere ich mich auch nicht, wenn ich Zeitgenossen, die ich 1914 und noch 1918 als Imperialisten verließ, seit dem November 1918 als Bolschewiki wiederfinde. Das Fortissiino ist schuld, nicht sie. Das sind, wenn nicht die landläufigen Konjiinkturliasen, extreme Naturen, auch emotionelle genannt, dir nicht geizen können, wenn sie beschenkt werden, weder mit ihrer Lieber- zeugung noch mit ihrer Begeisterung. Oder sie folgen einem statischen Gesetz, sie müssen, werden sie von ungewöhnlichen Ereignissen überrascht, auf dem Kopf stehn, um sich gerade zu halten. Nur habe ich dir Erfahrung gemacht, daß sie es in der Lage nicht lange aushalten, was wiederum niemand erstaunen kann. Zu ihnen spricht das Wesen des Pauken schlag», sie brauchen sich wirklich nichts daraus zu machen, was für Hosen der Paukenschläger gerade anhat. Verschieden ist nur der Sinn der Musik. Von wem, und für wen sie aufspielt. Danach erhält sie ihren Namen„Krieg" oder„Revolution". Der Sinn ist es, der entscheidet, verpflichtet. Und es ist noch immer die Musik des 9. November, die wir hören, trotzdem der Aufmarsch der Gegenrevolution sich in mustergültiger Ordnung vollrieht, wie das anders seit Ende Dezember nicht mehr zu erwarten war. *** Nur: wir sind nicht mehr die vielen, denen die andern, verspielt, verzweifelt, ausgepumpt, sich anvertrauten. Wir waren es genau vierzehn Tage. Im November hätten die Wählern ausgeschrieben werden, spätestens vier Wochen später hätten sie stattfinden sollen. Im November hätte die Regierung alle großen Kriegsbetriebe— und welche Betriehe waren es nicht?— i» Gemeingut übernehmen können, ohne daß ein Aktionär gemuckst, ein Ingenieur sich verweigert hätte. Im November hätten die tausend oder zehntausend Intellektuellen, die bereit waren, alles für ein neues Deutschland und die neue Welt herzugehen, in den Stand gesetzt werden müssen, Gymnasiasten(die, da sie gut genug für den Krieg waren, wohl auch für die Devolution nicht zu schlecht gewesen wären), Studenten, Handlungsgehilfen, junge Arbeiter, Daktylographinnen, heimkehrende Soldaten, die draußen alles bis auf das nackte Lehen eingebüßt hatten, kurz das ganze geistige Proletariat in sozialistischen Bcge.istf rungs-, Er Heuerlings-, Kettungsaueschüssen, oder wie diese Sammelstellen tätigen Geistes sich sonst genannt hätten, zu sammeln, sie aufzuklären, zu leiten— ein Kinderspiel wäre es gewesen, zur repräsentativen Körperschaft der jungen Republik zu erheben und weithin sichtbar, weithin fruchtbar zu machen, was überall in Deutschland, überall enthusiastisch aufbrach und auf eigene Faust losging und dabei sein wollte, wo plötzlich alles jung und frisch war: Nachbar, Heimat, Erde, zwanzig-, sechzehnjährig die Welt, wie für die Freiwilligen der ersten großen Republik. Es war die Stunde der deutschen Jugend, und die deutsche Jugend hat sie nicht verfehlt. Auf alle Aetnter lief sie, jedem Arheitersekretär bot sie sich an, »türrate die Redaktionen der Parteihlätter, sternschnuppte und ließ sich nicht auslöschen vom Flederwisch in bürgerlichen Redaktionen: die deutsche Jugend nahm ihre Stunde wahr. Und ging vorüber. Wieder waren es die alten Männer, die die Jugend an das Bestehende verrieten, das immer die Vergangenheit ist und diesmal ganz handgreiflich die Vergangenheit war: Zusammenbruch, Tod und Verwesung. Die Greise verrieten die Jugend, um sich, nur auf ein Viertelstündchen, zu erhalten. Um dieses elende Viertelstiindchen drehen sich die Kämpfe der Generationen. Was als Revolution begonnen hatte, endete als betrügerischer Bankrott. Die sozialdemokratischen Juniorchefs des Hauses Hohenzollern hatten ihre völkische Mission darin erkannt, von der Konkursmasse zu retten, was in der zu erwartenden Weltpanik zu retten wäre. Sie hielten zur Republik unter der Bedingung, daß alle# beim alten bliebe, soweit das Alte sich nicht bereits selbst ausgeschaltet hatte. Die Revolution hatte sie in den Sattel gehoben. Nun wollten sie zeigen, daß sie reiten konnten wie, Ludendorff und der Prinz von Baden in einer Person. Die Wellpanik blieb aus. Die Genossen in Moskau und Paris steckten den kunterbunten Epigonen eines Millerand, die Valmy neueinstudieren wollten, einige zusammenfassende Grobheiten und ließen sie allein, wo die Füchse einander gute Nacht sagen. Der Neudeiitsche mit der Ballonmütze als Tahakbeutel, dem Nainenszng Marxens als Krawaltennadel und der Bahn, die ihn geführt Lassalle als Kriegskarriere, der sich bis in die Wilhelmstraße vorgeschoben hatte, machte zwar die Zeche der Revolution, aber als er sie begleichen sollte, spielte er den Kavalier.„Ich weiß jetzt, wer du bist." sagte er zu der proletarischen Erscheinung,„ich lasse mich nicht erpressen," und er holte die Polizei. Seitdem ruht die deutsche Welt auf Noskes starkem Nacken. Arme deutsche Jugend! Wie hätte die zweifeln dürfen, wo Hugo Haase vertraute? Warum hätte sie weniger auf die Macht der politischen, wirtschaftlichen und seelischen Verhältnisse bauen sollen als Kautsky. Dittmann, Breitecheid, Eisner, Arco, Ger lach. Simon. Bernstein und alle, alle wahrhaften Erneuerer, die im bezaubernden Morgenlicht aufatmend in die Hand einschlugen, die. sich ihnen entgegenstreckte wie die eines wiedergefundenen Bruders? Vierzehn Tage währte für uns das Paradies, für die andern die Angst. Dann erkannten sie. daß sie noch am Leben waren, und daß die köstlichste Errungenschaft der Revolution die Freiheit sei. Sie unternahmen sie, ihre Freiheit! Mit dem Erfolg, der ihrer gleichgearteten Unternehmung gegen den äußeren Feind versagt gehlieben war. Liehknecht, Luxemburg. Eisner, Landauer wurden erschlagen, deutsche Städte im Sturm genommen. Die Mörder jener Männer leben. Die Mörder Deutschlands aber schreiben in tiefster Gemütsruhe Artikel und Bücher, darin sie beweisen, daß das feige Verhalten ihres Opfers in seiner Todesstunde sie um den Lohn ihrer Ruhmestaten betrogen hat. #$* Dennoch (Wieviel Kapitel unseres Lebens werden wir noch so beginnen müssen!) Dennoch hört, wer Ohren hat zu hören, noch immer die Musik des 9. November. Trotz der falschen Führer, die den Krieg fortsetzen wollten statt der Revolution. Trotz der Zauberer, die im stillen die Kriegswut weiterpflegen in der Hoffnung auf den historischen Theatercoup, wo der unterirdisch fließende Strom auftauchend noch einmal. iiud diesmal endgültig, die Widerstände niederreiße. Trotzdem diese Hyänen es»ich gut sein lassen auf dem Leichenfeld eine# großen Volkes, das sie herabgewürdigt haben tief unter das Maß der europäischen Familie. Trotzdem Intellektuelle, die gestern philosophische Menschenfresser oder doch die Wankelmut selbst waren, heute als radikale Denker aufmarschieren, die vor keiner Gefahr zurückschrecken, wenn sie vorüber ist. Gestern feig nach rechts, heute nach link#, wankelmütig selbst in ihrer Feigheit. Trotzdem die heutigen Führer der deutschen Republik als richtige Emporkömmlinge sich immer ängstlicher und dem- entsprechend frech unter die Kaste ducken, die innerlich und äußerlich zu ersetzen sie vom Volke beauftragt worden sind. Wie die Henne auf ihren Kücken sitzt die Kaste auf den neuen Männern, glucksend vor Vergnügen, den Schnabel kriegerisch im Wind. Dennoch weht die Musik der Novemhertage ein allem, was öffentlich geschieht, und seihst im Verrat, wie die Wahrheit in der Lüge. Eine Sonne wie die des November 1918 bleibt unvergeßlich jedem, der sie damals gesehen hat. als wäre sie ein neue# Feuer am Himmel gewesen. Und es sind sechzig Millionen, die sie so erblickt und von ihr das Urteil entgegengenommen haben:„Tod" für die einen, für die andern„Leben". In jedem einzelnen steht sie da, genau wie an jenem Tag, keine Gewalt holt sie herunter. Mögen die. einen sich wehren bi# aufs Blut und die andern noch so ermüden: der Sieg ist so gewiß, wie gewiß ist. daß im November zwanzig deutsche Fürsten Angst vor ihren Thronen bekamen und ein Heer von sechs Millionen deutscher Untertanen das Joch abwarf wie einen Alp. ^ as gibt es, angesichts dieses unverlierbaren Gewinns, für uns zu befürchten? Niederlage auf Niederlage der Revolution, so wie die Entente sie vier Jahre lang erlitten hat? Sturz der Sowjetrepublik und wirtschaftlichen Bonapartismus in aller Welt? Letzte Panik niiidgepiitschter Arbeiter, die ihre. Führer totschlagen, das gerettete Viertelstiindchen de# Kapitalismus, Atempause, Hochkonjunktur? Aber der Kapitalismus würde sich zur höchsten Kraftanstrengung aufgerafft, das Proletariat sich in der Arbeit neu gefestigt und in der wirtschaftlichen wie politischen Organisation so entwickelt haben, daß die Produktion ihm in die Arme fallen könnte, ohne es zu erdrücken, so wie den Deutschen die Republik in die Arme gefallen ist. J tine unangenehme QeschicfUe .Von M. Soschtschenko In^ oronesch spielte sich vor einiger Zeit folgendes Ereignis ab: Hier fand in diesem Jahre ein Treffen der Ar- heitcrstoßtruppler. der sogenannten„Udarniki", statt. Das I reffen verlief, wie das nun schon mal üblich ist. Es wurden Tatsachen und Handlungen vermerkt. Es wurden Glückwünsche und Begrüßungen gewechselt. Dann erhielten die verdienstvollen Udarniki wertvolle Prämien. Mit andern Udarniki zusammen wurde auch ein gewisser Genosse G. prämiiert, der in der Gorfo, der städtischen f inanzahteilung. angestellt ist. Wir wissen es eigentlich nicht, was er in diesem selben Gorfo trieb und wie er durch seine hervorragenden Leistungen sich auszeichnete. Aber in jedem Falle, er wurde mit einem Tisch und vier Stühlen prämiiert. Wir unterfangen uns nicht, darüber zu urteilen, ob er diese Prämie erhalten wollte. E» kann ja natürlich auch sein, daß er selbst um diese Prämie nachsuchte. Es kann ja auch sein, daß er sagte:„Statt mich mit was anderm zu prämiieren, mit einer Kuh oder einem'lett, prämiieren Sie mich mit einem Tisch und vier Wiener Stühlen." Also, kurz und gut. der Genosse G war auf dem Treffen mit einem Tisch und vier Stühlen prämiiert worden. Froh gestimmt ging er nach Hause und summte ein Lied, während aber seine Freude, wie wir annehmen müssen. etwas durch die sorgenvolle Frage wegen der Zustellung der Möbel getrübt wurde. Die Möbel trafen jedoch glücklich ein. Feierlich, wahrscheinlich mit der Frau und vielleicht auch mit den Kindern, stellte unser Udarnik den Tisch und die, Stühle in die Mitte des Zimmers, uro an den Gegenständen seine Seele zu erheitern und sie bald ans der Ferne und bald in der Nähe zu betrachten. Plötzlich aber.... ja was war denn das? Plötzlich bemerkt er, daß der Tisch wirklich neu sei, die Stühle aber im Gegenteil sehr alt und schon vollkommen abgenutzt, sie. waren sozusagen in einem Zustande, als oh sie gleich ans- einanderfallen würden. Da hat sich nun unser Udarnik sehr verwundert und aufgeregt, weil man ihm so einen Plunder aus irgendeiner Rumpelkammer unterschoben hatte. Lr verbiß seinen Grimm und ging in das Amt. um zu erfahren, warum und wie sich diese Sache eigentlich zugetragen habe und er diese minderwertigen Stühle erhielt, und ob hier nicht irgendein Betrug vorliege. Wie groß aber war sein Erstaunen, als er erfuhr, daß alle diese Gegenstände für die. Udarniki neu eingekauft worden waren, und daß die Gorfo sich die neuen Stühle zurückbehalten und den- Udarniki die alten Stühle angewiesen hatte. Es fällt schwer, die Gemiitserrrgung des selbstbewußten Udarnik zu beschreiben. Wahrscheinlich wandte er»ich in seinem gerechten Zorn an»eine Genossen mit folgenden Worten:„Mau arbeitet ohne Ruhe und Rast, und da stecken sie sich die neuen Stühle ein! Verstehen Sie so was? Wie kann man si an den Stühlen der Udarniki vergreifen.' Sich selbst nimmt man die neuen, vortrefflichen und blitzsauberen Stühle, aber den Udarniki unterschiebt man altes Gerumpel, auf denen schon die verflossenen Klassen saßen und, mag es der Teufel wissen, irgendwelche alte Weiber und Generationen. Ja, ja, daa ist sonderbar und sehr beleidigend!" Mit diesen Worten setzt er»ich hin und verfaßt eine Klage an den Verband. Was sich nun abspielte, war eine ganze Syrofonie von Dingen. Der Verband niiprot die Angelegenheit in die Hand- Et ergehen Instruktionen und Verordnungen. Das Büro für Klagen hei dem Gebietssowjet der professionellen Verbände untersucht im Eiltempo diese sehr unangenehme Geschichte. Man erfährt, daß sich die ganze Angelegenheit genau so verhält. Die Stühle sind eingekauft worden. Die neuen Stühle nahm man sich selbst, und den Udarniki gab man die alten. Man untersuchte weiter. Es stellte sich heraus, daß man den Udarniki nicht die neuen Stühle gab. Aber man tat es aus einem einfachen Grunde, nämlich wegen der sehr schlechten Qualität dieser Stühle. Man wollte es einfach nicht wagen, ihnen solche morsche Stühle zu geben. Statt dieser Stühle gab man ihnen alte Wiener Stühle, die doch noch besser waren. Wie man sieht, nimmt die ganze. Angelegenheit eine andre Wendung an, als wir mit dem Udarniki zusammen dachten. Wir nahmen mit ihm an. daß hier eine kleinliche, schuftige Schieberei vorliege, wie sie sich nicht selten auf uusrer russischen Erde ereignet. Aber es erwies sich, daß sich nichts dergleichen zugetragen hatte. Es erwies sich, daß die Gorfo nicht daran gedacht halte, sich die blitzsauberen Stühle anzueignen, daß im Gegenteil sie rechtzeitig und verständig diese Stühle vertauschte, in der Erwägung, daß nicht alles Gold sei, was glänzt. Hier erstrahlte die sittliche Größe der Gorto in einem neuen Licht, und man kann sagen>» ihrer ganzen Schönheit. Die Sitten, wenn auch nicht der Menschen, so doch der Aetnter, haben sich bei uns merklieh zum Besseren verändert. So ist denn nun alles in schönster Ordnung. Kein Mensch hat den andern beleidigt, und kein Mensch hat den andern betrogen. Im übrigen hat aber alle beleidigt und getäuscht der Holztrust, der diese nichtswürdigen und wertlosen Möbel anfertigte, derentwegen beinahe gute Menschen und vortreffliche Behörden sich verzankt hätten. Meinen flammenden Gruß den Angestellten der Gorfo.(Aus dem Russischen yon Baron Erik v. Fersen.) laftabkommen der Generalstäbe? Das offizielle Demenil Paris, den 14. November 1934. P*.'* 1'" hat gestern einen aufsehenerregenden L i« r ,®J n Geheimabkomme» amt* Ichcn Frankreich. Großbritannien und Belgien veröffentlicht. L k I« im Ii"v l^reittbarunflcit zur gemeinsamen Aktion b" e k Lf t ,m Uriegosalle handeln. Nach er Mitteiluna des Blattes sollen nach diesem Abkommen £ ,c Witschen Bombengeschwader Lustflottenstützpunkte auf französischem und belgischem Boden errichtet werden. ^«Sic„Paris Midi" weiter zu melden weiß, sollen siir den .rall, da» eines der drei Länder, die dieses militärische Luft- »bereinkommen abgeschlossen haben, angegriffen wird, die beiden anderen Länder unverzüglich mit ihren Luftflotten das andere angcgrittenc Land unterstützen. Zu dem Zweck, eine schnelle Operation vieler Geschwader ohne Zeitverlust zu gewährleisten, seien Oellager und Ersatzteile für Kricgs- tingzeuge aller drei Staaten vorbereitet worden. Dieses „Luftverteidigungsbündnis" sei von dem verstorbenen Mini- »er des Auswärtigen Barth ou im Juli d. I. vorbereitet worden. als er zu Besprechungen über de» Abschluß eines Onlocarnos in London weilte. Tic letzten Punkte feien dann zwischen General Weng and und dem englischen Gcneralstab geregelt worden, alö der Generalstabschef »ach England hinüberfuhr, um den Nennen z» Ascot beizu- wohnen. Damals wurde der Besuch als rein privat hinge- stellt. Der Erfolg sei jrdoch der Abschluß dieses Luftvertei- dignngSabkominens. * Bon englischer und französischer Seite werden diese Ent- liüllnngen des Pariser Blattes kategorisch dcmen- tiert, wobei betont wird, daß ein derart wichtiges Ueber- einkominen zwischen den Gencralstäben der drei Länder hätte unmöglich ohne Billigung der in Frage kommenden Ncgierungen abgeschlossen werden können. Trotz dieses De- mentis muß hervorgehoben werden, daß die Enthüllungen des„Paris Midi" eine gewisse Wahrscheinlichkeit haben. Man erinnert sich, daß unmittelbar vor dem bekannte» Be- such Wenganbs in London S t a n l e n B a l d w i n seine bekannte Erklärung im Unterhaus abgegeben hat, in der er in überraschender und sehr nachhaltig wirkender Formulic- rung feststellte, daß angesichts der Entwicklung der Luftwaffe die Grenzen Englands heute nicht mehr an dem Kreideselse» von Dover, sonder,, am Nhein gelegen seien. Diese sensa- tionelle,, Erklärungen Baldmins, die er au, 31. Juli abge- geben bat, sind, wie in verschiedenen maßgebenden europä- ischen Zeitungen hervorgehoben wird, vermutlich unter dem Eindruck der Ereignisse des 3V. Juni in Deutschland und insbesondere unter de», Eindruck der Ereignisse des 28. Juli in Wien erfolgt. ES muß auch daran erinnert werden, daß vor dem Weltkriege ähnliche technische militärische Abmachungen zwischen England und Frankreich bestanden haben, die dann zwangsläufig zum Eintritt Englands in den Weltkrieg ge- führt haben. Zuspitzung durdi die Saarfrage Zürich, 14. Nov. Tie„Neue Zürcher Zeitung" schreibt in einem Artikel zu den Enthüllungen des„PartS- Midi" u. a. folgendes: „Der Standpunkt Frankreichs in der Saarsrage ist jedoch von Laval unerschütterlich behauptet worden, und da in die- sein und vielleicht noch in weiteren Fällen von vornherein eine Ucbercinsttmmung über die Rechtslage zwischen Frank- reich und England und ein Gegensatz zu Teutschland besteht, befindet sich England in diesen Fälle» als Garant von An- sang an an der Seite Frankreichs. Bon deutscher Seite ist daher in den letzten Tagen gegenüber England wiederholt der Vorwurf der Parteilichkeit erhoben und der Verdacht ausgesprochen worden, daß es sich Frankreich politisch vcr- bunden fühle in einem Grade, der sein normales Funktio- niercn als Garantiemacht im Nahmen des Locarnopaktes in Frage stelle oder unmöglich mache. Gerade solche deutschen Beschwerden können die Vermutung über militärische Ab- machuugen genährt haben, und wenn die konkreten Behaup- tnngen des„Paris-Toir" auch mit äußerster Skepsis auf- genommen werden müsse», so leisten sie doch heute der sran- zösischen Politik immerhin den einen Dienst, die deutsche Diplomatie in dem Augenblick, in dem Nibbentrop in Lon- don einen neuen Vorstoß versucht, durch den Hinweis aus das weitgehende Einverständnis zwischen England und Frankreich zu entmutigen. In diesem Zusammenhang er- scheint es als einer der größten Nachteile der auswärtigen Politik des„dritte» Reiches", daß Deutschland z» allen Ver- trägen in einen, negativen Verhältnis steht und damit den früheren„Mittler" England immer mehr als Garanten an die Seite des in seine» Rechten„angcgrisfcnen" und die Ver- träge„verteidigenden" Frankreichs zwingt. Wenn diese Kon- stellation und mit ihr der Locarnopakt allmählich erstarrt, besteht natürlich die Gefahr einer bündtiismäßig eiuscttigen Entwicklung, für die da« Gerücht über die militärischen Ab- machungen zwischen Frankreich Belgien und Großbritannien charakteristisch ist." Mbbenlrops londoner Mission gesdicitert Die englische Regierung verweist auf den Völkerbund London, 14. Nov. Auf Grund der Unterredung zwischen Nibbentrop und Lordsiegclbewahrer Eden ist der Presse fol- gendcs Kommunique übergeben worden: „Infolge einer von der deutschen Botschaft verlangten Audienz ist Nibbentrop am Montagnachmittag von Eden empfange» ivordc». Die Unterredung dauerte drei Viertel- ^stunden. Im Lause der Unterredung machte Nibbentrop leinen neuen Vorschlag und die Besprechung hat keinen neuen F a k t o r ergeben." ♦ Paris, 14. Nov. Havas meldet aus London: Trotz allen vorherigen Gerüchten, die von einigen Zeitungen wieder- gegeben wurden, hat der Besuch Nibbentrop« im Auswär- tigen Amt kein neues Element hinsichtlich der diplo- malischen Lage Deutschlands gebracht. I», Laufe der Unterredung mit Eden ist die Rückkehr Deutschlands an die Abrllstungs-Konserenz vom Sonderbevollmächtigten Hitlers in keiner Weise in« Auge gesaßt worden. ES besteht Grund zu der Annahme, daß Nibbentrop ver- sucht hat, die deutsche Wiederaufrüstung durch die Kriegsrüstnngen der benachbarten Län- der zu rechtfertigen? sein Unterredungspartner dürfte sich formell gegen eine solche Argumen- tation erhoben haben. Dadurch, daß die britische Regierung den Vertretern des Reiches von einem englischen Minister empfangen ließ, der in den Genfer Fragen spezialisiert ist, wollte sie zeigen, daß jegliche Verhandlgngen in vczug ans daS mi l i- tärischc Statut Deutschlands nur i hi" Rahmen des Völkerbundes stehen könnten. An englischen politischen Kreisen wurde am Montagabend erklärt, daß Nibbentrop diese Frage nicht angeschnitten habe, weil er das offenbar fühlte. Warnende französische Stimmen Paris, 13. Nov. ag.(.Hanns.) Einem Mitarbeiter der Zei- tung„L'Ordre" sagte der ehemalige Ministerpräsident T o u m e r g„ e:„Das„dritte Reich" bedeutet im Grund nichts anderes als den Anschluß. Hier liegt die große Gefahr. Deutschland hat auf keine seiner Forderungen verzichtet. Es Große Mehrheit Ihr Handln 423 gegen 118 Stimmen für die Regierung Paris. 18. Nov. Das Kabinett Flandin stellt sich am Dien», tagnachmittag der Kammer vor. Ministerpräsident Flau- d i n erklärt u. a.:„Der Burgfrieden hält an. Frankreich will den Frieden. Der Frieden ist eine ständige Eroberung: er stützt sich aus die Stärke und die Gerechtigkeit. Wir wollen stark sein gegenüber denjenigen, welche de» äußeren oder inneren Frieden trüben möchten. Wir werden unsere Bü»d- »isse und Freundschaften entwickeln. Wir werden die Landes- Verteidigung stärken. Und wir werden im internationalen Recht die Gerechtigkeit durch den Völkerbund suche», der für die tödlich getroffenen Kriegsteilnehmer die Hoffnung einer Kompensation für ihre Opfer bleibt. Wir werden die Republik gegen alle revolutionären oder diktatorischen Unterfangen verteidigen. Das Staatsorgan ist ein umfassendes und notwendige» Werk, von dem das Schicksal des Regimes abhängt. Tie Organisation der Dienste der Ministerp,äsidcntschaft wird in wenigen Tagen eine vollendete Tatsache sein, wenn Sie darin einwilligen, die notwendige» Kredite zu bewilligen. Damit wirb dann die unbedingt notwendige Vefehlseinheit in der Regierung gewährleistet-verde,,. Wir ersuchen Tic alle aber hauptsächlich, den Burgfrieden zu respektieren. Gewiß erscheint uns der Wetteifer der Par- teien bei der Suche»ach dem Staatswohl normal in einer freien Demokratie? doch sind die Verhältnisse zur Zeit anormal. Nach einer langen Debatte verlas der Kammerpräsident eine von de», Abgeordnete» Laurent-Eynae, Delbos und Barety eingebrachte Tagesordnung, die die Erklärungen der Regierung billigt und ihr das Vertrauen ausspricht. Tic Redner der verschiedenen Fraktionen nehmen z» dieser Tä- geöordunng Stellung, wobei Leon Blum im Namen der Sozialisten, die sich während einer Sitzungspausc entschlossen hatten, gegen die Regierung z» stimmen, erklärte, die So- zialiste» seien stolz daraus, den Versuch persönlicher Macht- haberei aufgedeckt zu haben. Jetzt atme die Republik wieder auf. Man sei wieder auf de», Boden des parla- mentarischen Regimes angelangt, aber ans diesem Boden werde die Regierung aus den Widerstand der Sozialisten stoße», weil diese der Ansicht seien, daß die Regierung gegen die umstürzlerischeu Verbände der Rechten nicht»cntral sein dürfe. Der Reosozialist R c» a u d c l erklärte im Namen seiner Partei sowie der Tozialrepublikaner, daß sie sich der Stimme enthalte n würden. Mit der riesige» Mehrheit von 423 gegen 118 Stimmen sprach sich die Kammer für die Regierung aus. Gegen die Regierung stimmten die Sozialisten und ein Teil der äußer sten Rechten. »er kalt des Eisässers Küstner Berti», 13. Nov. Wir haben bereits berichtet, daß der französische Staatsangehörige elsässischer Abstammung, Franz Küstner. von dem Tondergcricht in Germcrshci», zu schwerer Gefängnisstrafe vcrurcitlt wurde, weil er angeblich»ach Deutschland illegale Schriften hinübergebracht hat. Die sran- zösische Botschaft in Berlin gibt nunmehr bekannt, baß sie bei den deutschen Behörden schon seit einiger Zeit Schritte zur Befreiung»üstneis unternommen habe. lauert auf den Augenblick, wo eS Oesterreich und damit ganz Europa unter seine Gewalt bringen kann. Beim ersten Schwächezcichen wäre der Anschluß da. Unsere italienischen Freunde verstehen das sehr gut. Ich wiederhole noch ein- mal, der Anschluß ist die große Gesahr." „Petit P a r i s i c n" schreibt zu den Besprechungen zwischen Lorbsiegelbewahrer Eden und Nibbentrop u. a.: In England weiß man sehr gut. daß Deutschland sich bereit» von den militärischen Klauseln de« Bersailler Ber- träges freigemacht hat, aber man scheint nicht gewillt zu sein, diese anormale Lage gleichsam zu legalisieren. Deutschland hat den Völkerbund wegen der Frage der Rüstungsgleichheit verlassen. Wenn es die Diskussion über die Angelegenheit erneut aufnehmen will, muß es vorher wieder i» de» Völkerbund zurückkehren. Rings um den Hlrdicnslrell Pfarrer Nlemdller Ein offener Brief Seit einer Woche hat es den Anschein, als bemühe sich die Bekenntniskirchc, de»„Deutschen Christen" den Rang abzulaufen in der Gunst der Reichsregierung. In lieberem- sttmmung damit heißt es, daß T i e ersehen seien, im Austrag der Reichsregierung auf die Saarländer zu Hitlers Gunsten einzuwirken. Mann Gottes, wissen Die denn, wohin Tie die Saarländer führen sollen? Werden Sie in der Tat einen solchen Austrag annehmen? Soll das Ansehen, das die Bekenntnisbewegung genießt, dazu mißbraucht werden, die Sache des Antichrist zu stärken, kurz gesagt? Isis nicht genug, daß ihr alle schweigt, schmählich schweigt, da wo zu reden nötig wäre, noch nötiger als in Sachen der Konfession? Oder glauben Tie wirklich, daß der Herr Jesus so sehr viel Wert legt auf die Konfession seiner Göttlichkeit und der ihm allein zustehenden Leitung der Gewisien, wo es an der Menschlichkeit sehlt? Ihren Bekcnnermut in alle» Ehren, antworten Tic mir als ein Christ dem Christen— der seinen Namen vcrschwei- gen muß, um auch n»r die Möglichkeit zu diesen Zeilen zu haben, angesichts der von Ihrem„Führer" geschaffenen Zuständ«— antworten Tie mir, wie eS sich mit Jesu Evange- lium von der Feindesltcbe verträgt, daß die deutsche Kirche, ob evangelisch oder katholisch, schweigt zu den allen bekannten Morden, Grausamkeiten und Gemeinheiten an Juden, Halb- iuden, Sozialisten, Kommunisten und Pazifisten, denen nie- wand eine andere Schuld vorwerfen kann als ihre Abstam- mung oder Gesinnung? Sind das keine Märtyrer, bloß weil es keine Christen sind? Nicht zu reden von den ermordeten Katholikcnführern! Mögen gleich Pfarrer verhastet und entsetzt worden sein, so ist doch nichts bekannt geworden, wa» an daS Martnrinm jener Nichtchristen ober Laien- christen heranreichte. Und wenn die Bolschewisten noch ärger mit den russischen Christen verfuhren, entbindet das die deutsche Kirche, sich der von der deutschen Tscheka Verfolgten anzunchmen? Warum zeigt sie nur Bekcnnermut, wo es sich um ihr Bekenntnis handelt? Ist das Leben, die Ehre und die Arbeit der Unschuldigen nicht höher zu achten als aller Preis der Lippen und alle Dogmatil? Heißt das Gott ehren, an der AuaSbiirger oder welcher Konfession immer festhalten, aber zniehn, wie daS Reich der Ungerechtigkeit wächst, Tag für Zaa. ei» ganzes Volk moralisch versucht wird, zur Gleichgültigkeit gegenüber dem Unrecht und r»r Brutalität, zum Menschenhaß und»urLüge erzogen? Die ganze Welt klagt die Reichsregierung der Brandstis- tung und des Mordes an, sie hat sich von diesen Anklagen nicht gereinigt und kann es nicht. Möge» die ander» Regie- rungen schweige» und durch ihr Schn>eigen sich mitschuldig machen an der nahenden Barbarisierung ganz Europas— die Kirche kann und darf da nicht zusehen. Tie muß reden. Tic ist von Christus eingesetzt als das moralische Gewisien der Welt. Aber sie schweigt, schweigt keineswegs nur in Deutschland, oder begnügt sich mit einer gewissen Wicken- deckung für die bekennenden evangelischen Brüder. Verein- zelte Kundgebungen sind nicht die Stimme der Kirche oder, da diese ia keine Einheit ist, der großen kirchlichen Gemein schatten. So könnte auch sie der Fluch Gottes treffen, der die Klagen der Gemarterten hört, trotz allen Bekennertums. Und eher wird sich Gott eine ganz neue Kirche auferbaucn, als mir dieser lau gewordenen noch weiterarbeiten, wen» sie so bleibt. Noch einmal: Wollen Sie wirklich ber Hitlcrei Dienste tu n? Wissen Tic nicht, was nach einem Siege Hitlers an der Saar der Kirche droht? Heute hält er sich noch zurück aus Taktik und— läßt die cntziveiten evange- tischen Brüder sich gegenseitig mürbe machen. Aber der «Gegensatz der Weltanschauungen bleibt. Noch immer ist Rosenberg der geistige Leiter der Hitlerpartei. Mag Müller gehe»,-da er seine Sache so schlecht gemacht lmt, mag ber Staat sich eine Weile an der Kirchenfrage desintercsiieren, er wird dann um so schärfer zufassen, sobald die Dinge reif geworben sind. Und sie müsicn reif werden, weil die Jugend bewußt heidnisch erzogen wird, kraft Ttaatsbefehls. Rein. Bekennertum ist anders. Wenn die Kirche sir"' wirklich Bekennen will dann gibt eS für sie, für alle, nur eins: wider Hitler! raiiitärpfairer naiier Talander schreibt in der„Baslcr National-Zeitung". Der Reichsbischoi Ludwig Müller hat„nach ernster innerer Prüfung" erkannt, daß er nicht von seinem Amte zurück- treten könne, weil sein Ausscheiden aus der Kirche nicht den Frieden, sondern neue Unruhen bringen würde. Er hat sich mit seinen treu gebliebenen Landcsbischöfcn und Bischösen beraten, und diese teilen(eine GewisienSbedenken. Dies der Inhalt des in seiner Art erschütternden Schrei- bens. das der sonderbare geistliche Würdenträger isach all den für seine Autorität und sein Ansehen tödlichen Ercig- nissen der letzten Woche als Antwort an die anaeschenen kirchlichen und religiösen Körperschaften gerichtet hat, die einstimmig seinen Rücktritt forderten. Ob man diesen Brief als fast sympathisches Zeichen der ahnungslosen Naivität des ReichSbischoss ansehen will oder als Ausdruck eines zähen und von keinerlei Be denken der Wahrheitsliebe gehemmten Geltungswille»», ist weniger wichtig als die nunmehr unzweifelhafte Tatsache, daß ohne ein langwieriges Prozeßverfahren die Entfernung dieses verhängnisvollen Menschen aus der Kirchenlcitung nicht mehr erreichbar erscheint. ES bestätigt sich damit, daß die Kirchenfrage, über deren staatskluge. Entscheidung durch Hit- ler schon gewagteste historische Vergleiche bemüht worden sind, noch sehr weit von ihrer Lösung entfernt ist. Es ist schabe, daß der Rcichsbischvf erst so spät sich über Frieden und Unruhe der Kirche sorgenvolle Gedanken macht. Wenn das geschehen wäre, bevor er sich von der Staats- lcituug gegen den Willen aller religiös lebenden Elemente der Kirche hatte aufdrängen lassen, so hätte viel Unheil vcr- hindert werden können. Daß er sich für seine heutigen Be- denken gegen den Rücktritt noch ausdrücklich auf die Zu- stimmung jener Bischöfe beruft, die er als Gesiunungsge- nossen von derselben mehr stramm unbeschwerten als prie- sterliche Haltung seinerseits so rücksichtslos der widerstre- bendc» Kirche aufgezwungen bat. ist bezeichnend. Diese Zu- stimmung ist nicht weiter erstaunlich. Man wird dem Rcichsbischos freilich zubilligen müssen, daß er nach seiner ganzen Geistcsart kaum empfinden kann, w i» fehl er am Platze ist. Seine Aeußcrnngen verraten in jedem Wort ein vollkommenes Fehlen tieferen religiösen Gefühl«. Wer wie er seinen Gläubige» verkünden kann: „Am Karfreitag hat sich die schonungslose Sachlichkeit««» seres Gotten geosfenbart", offenbart seinerseits ein derartig völliges Unverständnis der Sehnsucht des religiösen Mcn- scheu und gleichzeitig eine solche rein sachliche Gefühlsstnmpf- heit, daß er sich selbst das Urteil spricht. Die Einigkeit der Kirche, wie sie sich ein alter Militär- Pfarrer vorstellt, haben die religiösen Deutschen nun unter Schmerzen und Staunen kennen lernen können und werden, wie es scheint, noch graume Zelt sich damit auscin- anbersetzcn müssen. Daß es darüber noch eine höhere und echtere Einigkeit gibt, und daß jene hohle, äußere Zwangs- einheit gerade die Sehnsucht nach jener höheren wecken kann, beweist die eigenartig ergreifende Nachricht aus Berlin, daß in den dortigen katholischen Kirchen„für unsere evangelischen Brüder in ihrem schweren Kamps" pricsterliche Fürbitte getan wird. Ter unsinnige Totalst ä I s a n s p r u ch erweist sich am Ende auch hier als zugehörig zum Bereich jener Kraft '„die stets das Böse will und stets da» Gute schafft". Volksgemeinschaft durch— Retusche köntgsbergcr Tageblatt KSlliMttgttSllgMllieZtltllllg Oberpräsident Gauleiter JJ o ch mit SS.-Gruppenführer von h e ut B a ch- Z e l e w f ki, ltellv. Gauleiter G r o ß h e r r und dem Adjutanten Sack beim Fest der SS. im Zchlageter- Haus. Das Abschlußsest im Schlagetcrhauö Bei der Feier im TchlageterliauS: Bon rechts nach links: Ganleiter Obelpiäsident K o ch, »«.-Gruppenführer von den« B a ch- Z e l e>v i k i, der Adjutant des Oberprösidenlen Sack und GaugeschaftSsührer G r o ß h e r r. Aus Ostpreußen erhalten wir folgenden Brief: ^Königsberger Zettungen brachten ain Montag, dem 22. Ottober, ausführliche Berichte über den 22.-Aufmarsch, den die Provinztalhauptitadt a 2onntag iviedcr einmal erlebte, ein»chauspiel mehr, das dem ciiltäufchten Bolk mangels jeder Besserung feiner Lage geboten wurde. Ter durch feine GeschaftStüchiigkeit bekannte Gauleiter n»d Oberpräsident Koch hielt dabei auch eine Rede, in der die so oft im Munde geführte„Volksgemeinschaft" nicht fehlte und den„Preis- treiben«" der Kampf angesagt wurde:„Noch viel soziales Glend und viele Wunden am Volkskörper müssen geheilt werden. Solange das Bolk noch aus vielen Wunden blutet, hat jeder Führer in der nationalsozialistischen Bewegung durch die äußere Tvtumcniicrnng seiner inneren Haltung Borbild zu sein und zu beweisen, daß es ihm mit dem Ge- danken der Volksgemeinschaft wirklich ernst fei. Tie alten Klüfte dürfen sich nie wieder auftun." Also sprach Pg. Koch, Gauleiter und Oberpräsident, Reichs- tagSabgeordneter und 2taatsrat, also nicht nur Toppel-, son- deru Bicrfachverdiener. Und wie ernst es ihm und seinen Unterführern mit der Volksgemeinschaft und mit der Bc- scitigung der alten«lassenunierichicde ist. konnte man aus den Königsberger Zeitungen desselben Tages ersehen, wenn mau sie nur ausmerkfam betrachtete. Auf Seite 3 des gleich geschalteten„Königsberger Tageblattes" lNr. 202 vom 22. Oktober) sehen wir ein Bild: da sitzt Herr Koch mit dem 22--Gruppcnsiihrcr und einige« Getreuen bei der Abschluß- feicr an einem Tisch, und ans dem Tisch stehen Tcktgläscr, Weingläser, einige Weinflaschen, vermutlich das geforderte Borbild der Solidarität mit der zugestandenen sozialen Not des Volkes... In der„Königsberger Allgemeinen Zeitung' <2. Beiblatt der Abend-Ausgabe vom 22. Okiober) finden wer die gleiche Aufnahme des gleichen Fotografen: aber siehe da, die Großwürdcnträger dcS Nazireichs fitzen vor einem kah- len Tisch und halte» die Hände vor sich, als wollten sie Karten spielen. Tie Zeitung, die mindestens Ilstprozentig nazistisch ist hielt den Widerspruch zwischen dem Wortlaut der Rede und den Tatsachen des Bildes für zu arg und ließ einfach die Weinflaschen und Sektgläser wegretuschieren! 2o war wenigstens für die Zeitungsleser die solidarische Volks- gcmeiuschast erreicht. Tie Wirklichkeit freilich steht ganz anders ans... Regierungskrise in Belgien Brüssel, 13. Nov. Ministerpräsident deBrocqueville hat heute in der Kammer erklärt, daß über das wirtschaftliche und finanzielle Wicderaufbauprogramm, zu dessen Turchssth- rnng die Kammer der Regierung Sondervollmachten bewil- ligt habe, im Kabinett so große Meinungsverschiedenheiten entstanden seien, daß diese Regierung das Werk nicht ivciter fortsetzen könne. Er habe dcni König den Rücktritt des Gc- samtkabinetts überreicht. Tie Minister verließen den Saal. Ter Kammerpräsident hob die Sitzung auf. Ingen in Hullen Rom, 13. Nov Anläßlich der Feierlichkeiten zum Andenken an den Sieg Italiens im Weltkrieg würde Ingenieur Arturo de Minerbi, der sich während des Krieges als Offizier durch Tapferkeit besonders hervorgctan Hot und Mitglied des Direktorium des„Verbandes italienischer Kriegshelden" ist. mit den! Kommandeur-Kreutz des Ordens der italienischen Krone ausgezeichnet. Ingenieur Arturv de Minerbi nimmt am öffentlichen südilcheu Leben in Italien eifrig Anteil. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Zionistischen Vereint- gung in Rom und Vorsitzender des Hebraisten-Kuliurkreises. — In Turin wurde vor kurzem der großartige Bau des neuen RegierungspalafteS, der ein Wahrzeichen der ehema- ligen Hauptstadt des gegenwärtigen italienischen Herrscher- geschlechtes, der Thnastic Savove». sein soll, fertiggestellt. Tag für den Regierungspalast bestimmte große Porträt König Victoi Emanuels wurde von dein jüdischen Maler E r c o I e Olivetti ausgeführt.— Ter hervorragende silbische Bollswirtschastler, Pros. Gustavo d e l B ecch i o, ist zum Rektor der Handelsakademie in Mailand ernannt worden. Professor del Beechio redigierte die statistischen und volkswirtschaftlichen Teile der neuen großen italienischen Enznklopädie und ist auch italienischer Experte für Finanz- fragen beim Völkerbund. Die„Deutsche Freiheit" Einzig» unabhängig* Tageszeitung Deutschlands rnufj man regelmäßig lesen Bestellschein Ich ersuche um regelmäßige Zusendung der„Deutschen Freiheit" Name;—- Straße—— Ort:—- — den— Unters«hrift Verlag der„Deutschen Freiheit" Saarbrücken 3 Schützenatcaße 5• Posisdiließtach 776 Verbrannte Heilige in Mexiko Und in Deutschland? Las Easas lMeriko). 12. Nov. Alle Heiligenbilder aus den hiesigen Kirchen sind von den Behörden öffentlich ver- b r a n n t worden. Aus Las Easas, im Staate Ehiapas. wurden bereits.kürzlich alle Priester nach Guatemala ans- gewiesen. Tie Polizei von Ialapas int Staate Caxaca ver- hastete einen Priester, der in einem Privathaus eine Messe gelesen hatte. Tiefe Notiz wird in der Hitlerpresse mit nicht geringer Empörung wiedergegeben. Leider wird unterlassen, aus den Unterschied zwischen Mepiko und dem„dritten Reich" hinzu- weisen. Jenseits des Atlantische» Ozeans würden Statuen. verbrannt, in Teutschland führende katholische Laien, zu- nächst ohne Urteil meuchlings erschlagen und dann den Flammen überliefert. Kämen die Taten von Mernko und diejenigen von Hitler-Teurschland vor ein Gottesgericht: es ist noch die Frage, wer das mildere Urteil empfangen würde. Kinc der interessantesten Broschüren des Tages: L. HEINZ Der Antichrist (Saarland»Verlag, Saarbrücken) Dieses kleine Werk macht im In und Ausland viel von sich reden. Infolge seiner sachlichen, über« zeugenden Ausführungen eignet es sich ganz her« vorragend für Propagandazwecke. Ancb Sie müssen es gelesen halten. Preis: FRANK 1,5 0 Demnächst erschein« die Schritt iin französischer, englischer, polnischer und holländischer Übersetzung - 2u haben in der Buchhandlung„Volksstimme" SAARBRÜCKEN 2.. TRIERER STRASSE 24 NEUNKIRCHEN HÜTTENBERGSTRASSE 41 »BIEFKftSTEH „Are bei tu iih«Hat Front- in J. in Baden. Ter Brief ist ange- rputntett. Seiten Tank für. das werloolle badijckie Stimmungsbild. Emigrantenclub 1933,»rnt;cBcS, Staffen des Artiste». 19, Grand- Place. Jim Donnerstag, 15. November, um 8.30 Uhr, Vortrag in deutjchcr spräche des aus einer europäischen Studienreise befind- tichen palästinensischen Rechtsanwaltes Dr. Bach, Del-Aviv. Tbema^ „Palästina als Land der jüdischen Zukunft?" Dr. Bach, der fett 1, Fahren in Palästina lebt, wird im Jl nichlnst an feinen Vortrag Kragen der Zuhörer beantworten, Finiührung von Waste» erwünscht. Eintritt 8 Fr., Mitglieder 2 Fr., Garderobe frei. Achtung! Deutsche im Haag, Am Stontag, dem 10. November, tres- seh sich alle nichtgleichgeschotteten Deutsche und Deiieireicher im „Deutschen tzlnb" zu einem Werbeabend nnier dem S.otto: Für Teulschland gegen Hitler. Einirilt frei! liniere Adreoe Tn Ittel: Teu baag, Restaurant„Rheinland", Motenstrasie 39, k^uerstraste von Noordeinde. Eentrum. Sind sie an diesem Tage»erbindett, wollen sie aber nette Abende unter Gleichgesinnten verbringen, dann schrei- den Die an H. Müller, den'Haag. Luth. Burgwat 0. Dr. M. Fr., Paris. Ihren Beitrag haben wir der„Toor-Bolks- stimme" weitergegeben. 8. l<. Tie schreiben uns:„In der„Deutschen Freiheit" ist die graste menschliche und politische Persönlichkeit des kürzlich perstor- denen Dr. Dskar(lohn, seine Tätigkeit sür das Judentum gewürdigt worden. Beinahe vergehen aber sind die letzten sieben Jahre, die Lskar Hohn im Rahmen der Arbeilen der Deutschen.Liga sür Sienschenrechte tiir das Recht gekämpft hat. Im Falle Bnllersahn. der viel Staub aufwirbelte, hat Csfar Evbn als Verteidiger Buller- lähns jahrelang die Wiederaufnahme betrieben, während Paul Leni im Parlament diesen Fall vorwärtstrieb. Lohn, der sieben Jahre lang dem Vorstand der Liga für Menschenrechte angehörte, hat de» Wiederaiisnahmeontrag gefertigt, der die Grundlage des Wieder- auinahmeoersahrens wurde. Was!Csf Tchützenstrahe 5,- Schliebsach