Frethel Nr. 264-2. Jahrgang Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Saarbrücken, Dienstag, 27. November 1934 Chefredakteur: M. Braun Diplomatische Inteigen um die Saar Seite 3 Finanzierung sa dec Arbeitsbeschaffung Seite 4 Die Folterungen eines Rabbiners Seite 7 Starke Spannung in Berlin Gewitter wolkenalynn Der jugoslawisch- ungarische Konflikt Die politische Lage ist in diesen Tagen wieder einmal so gespannt, daß man die schlimmsten Befücchtungen hegen muß. Die jugoslawische Note an den Völkerbundsrat über die Rolle Ungarns beim Marseiller Attentat hat eine Ein Minister, der sich nach der Popularität des„ Doktors" schnt außerordentliche Berschärfung der Situation hervor Die Krise im Reichskabinett Berlin, 25. November. Neulich haben wir über eine Rede des Reichspropagandaministers und noch immer Berliner Gauleiters Dr. Goebbels am Grabe eines alten Rämpfers" berichtet und geschildert, wie matt Goebbels sprach, und wie falt die versammelten Parteigenossen seine müde Verteidigungsrede aufnahmen. Seitdem hat sich der Verfall der Goebbelsschen Popularität in Berlin, die bis in die jüngste Zeit wirflich groß war, rapide fortgesetzt, und man darf sagen, daß sich allmählich gerade in den Reihen der alten Kämpfer" eine Atmosphäre des Haffes gegen den„ Eroberer Berlins" sammelt. Ob es bei diesen„ alten" Nationalsozialisten, die ihren„ Toftor" so manchesmal buchstäblich mit ihren Leibern gedeckt haben, nur enttäuschte Liebe ist, oder ob der mächtige Gegner des Goeb= bels, unser Reichstagsbrandmeister und Lametta- Hermann Göring, durch seinen Agenten nachhelfen läßt, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls hat Goebbels nun schon wiederholt grobe Vorwürfe und Beschimpfungen gerade von solchen Parteigenossen einstecken müssen, die mit ihm Berlin eroberten". Sein Versuch, die alten Kämpfer" in einer geschlossenen Bersammlung zu beruhigen, ist vollkommen gescheitert. Geschickt hatte er sich dazu den 9. November ausgewählt, den Tag der Erinnerung an die Toten der Bewegung und des Gedenkens an die„ Schmach der Novemberverbrecher" von 1918. Daß er in dieser feierlichen Veranstaltung nicht nur stürmisch unterbrochen, sondern verhöhnt und mit Schimpfworten bedacht wurde, hat den sonst so vitalen demagogischen Agitator tief deprimiert. Er ist sich natürlich auch bewußt, daß er in der vers unglückten Feier im Friedrichshain nicht spontanen Aus: brüchen der Enttäuschung, sondern einer wohlorgani: fierten Revolte gegenüber stand. Um marxistischen Provofateure fann es sich nicht gehandelt haben, denn es war, troß mannigfacher Bemühungen, feinem von uns möglich, in die Versammlung zu fommen, weil die Kontrolle sehr scharf war, aber die Teilnehmer haben nachher in den Betrieben und an den Stempelstellen Koalitionspolitif zurüdverfezt, wenn Goebbels immer wieder entschuldigend auf das üble Erbe verwies, das die Regierung übernommen habe. Auch die Sozialdemokraten, und sie gewiß mit vollem Recht, wiesen auf ein übles Erbe hin: den verlorenen Weltkrieg. während die Nationalsozialisten und einen diese Erkenntnis verbreitet sich immer mehr Staat und eine Wirtschaft übernommen haben, die bei ihrem Machtantritt viel günstiger standen, als nach fast zwei Jahren nationalsozialistischer Führung. Die ganze Rede von Goebbels war trostlos ohne jeden anfeuernden Ausblick und das Versprechen, daß es unsere Kinder" in fünfzig Jahren besser haben würden, machte nicht viel Eindruck. Es scheint, daß der Beifall am Schluß mehr der rednerischen Akrobatik als dem Inhalt des Vortrages galt. Die Gerüchte, daß zu den nationalsozialistischen Größen, die in Ungnade gefallen sind bestimmt 2ey und Streicher, wahrscheinlich auch Darré- binnen furzem auch Goebbels gehören werde, wollen nicht verstummen. Dem Besuche Hitlers bei dem noch immer franfen Reichswehrminister Blomberg im Weißen Hirsch bei Dresden wird große Bedeutung beigemessen. Wieder einmal wird behauptet, die Besetzung des noch immer offen gehaltenen Bizefanzlerpostens stehe bevor, und zwar solle eine Machtverteilung zwischen Blomberg und Göring, derart stattfinden, daß Blomberg Vize: tanzier und Göring Reichswehrminister wird.. Dieser Kombination steht zwar die Kränklichkeit Blombergs entgegen, aber die Linie dieser Aemterverteilung wird, auch wenn die personellen Entscheidungen bis nach der Saarabstimmung vertagt werden oder anders fallen sollten, zweifellos verfolgt, weil das Regime die flare Schwenfung zu einem fonservativ- militärisch- hochkapitalistischen Kurs braucht und lieber die weitere Einschränkung der Massenbasts, die ohnehin schwindet, ertragen will, als Konflikte mit der Reichswehr, der hohen Bürokratie und den fonservativen fapitalistischen und agrarischen Kräften. an hämischen Bemerkungen über ihren reich gewordenen Blomberg ist eingetroffen Doftor" nicht gespart. Goebbels floh in die Oeffentlichkeit auf den Kampsplab, wo er seine größten rednerischen Triumphe erlebt hat, in den Sportpal a ft. Am Freitag saßen wir mit vielleicht 15 000 Berlinern mehr oder minder gespannt in der riesigen Halle. Es war mit Musik und vielen Fahnen und Transparenten dasselbe bewegte Bild, wie in den letzten Jahren, aber die Menschen waren anders, beinahe so falt und grämlich wie der späte Novembertag draußen, und die Rhetorif von Goebbels machte sie faum wärmer. Wie tief und bitter müssen die Anklagen gegen ihn sein, wenn sich dieser aggressive Geist verleiten ließ, eine reine Verteidigungsrede zu halten, die in langen Partien ohne jedes Echo in der Riesenversammlung blieb. Zeitweise fühlten wir uns in die Atmosphäre etwa einer fozialdemokratischen Versammlung der ersten Jahre Jahre Berlin, 26. November 1934. Der Reichswehrminister von Blomberg ist überraschend aus Dresden hier eingetroffen, obwohl seine Gesundheit noch feineswegs. wieder hergestellt ist. Man schließt aus seinem Eintreffen, daß er persönlich seine Interessen gegenüber den Intrigen wahrnehmen will, die im Reichskabinett und in der nationalsozialistischen Führerflique um die Machtverteilung im Gange sind. Blomberg fürchtet, daß Hitler, der ihm vor einigen Tagen noch Treueerklärungen abgegeben hat, unter den Einwirkungen seiner nächster Umgebung schwanfend werden könnte. Wohlverstanden geht es hier nicht um die Haltung der Reichswehr zum Regime, sondern um Persoiren und Führerposten. Hat Streicher die Sprache verloren? Verwirrung in der Parteitagstadt Nürnberg, 25. November. Der so lärmende Gauleiter Julius Streicher ist seit Wochen ein stummer Mann geworden, und auch seine„ Iranfische Tageszeitung" bringt weder Reden noch Bilder von ihm. Ob er seine neulich unterbrochene Kaltwasserfur fortsetzt? Das ist faum zu glauben, da doch sonst illustrierte Berichte über sein Badeleben bestimmt in seiner Presse zu finden wären. Er hat vor einigen Wochen seine grope Vernichtungskampagne gegen die Gerüchtemacher in seinem Gau inszeniert, aber das war vergeblich, denn infolge seines Verstummens sind die Gerüchte nur noch zahlreicher und hartnäckiger geworden. Im Wesentlichen wird behauptet, daß sein eheliches und außereheliches Familienleben" endlich bei Herrn Hitler, der es allerdings seit mehr als einem Jahr zehnt aus sehr naher Beobachtung kennt, Anstoß erregt habe. Man erinnert sich, daß Hitler auch an dem Serualleben Röhme erit am 29. Juli 1934 fittlichen Anstoß nahm. Jedenfalls glaubt hier niemand mehr, daß die Beteuerungen Streichers in seiner letzten großen Nürnberger BerjammTung, zwischen ihm und dem Führer" sei noch alles in Ordnung, den Tatsachen entspricht. Da Vorträge und Artikel gegen die Gerüchtemacher nichts mehr helfen, setzen prompt die nötigen Ablenkungsmanöver ein. Es sind schon mehrere Personen wegen„ Gerüchten" verhaftet und einige in das Konzentrationslager von Dachaut eingeliefert worden. Auch Aktionen gegen den " Wucher" seßen ein, und so wurde denn als erster Triumph in Nürnberg ein fleines Friseurgeschäft geschlossen. Als wenn die unter der Teuerung leidenden und fluchenden kleinen Leute keine andere Sorge hätten! In Zirndorf wurde der Verleger Bollmann verhaftet, weil in seinem Verlage ein firchliches Flugblatt erschienen ist, das als„ hezzerisch" bezeichnet wird. Diese ganzen Ablenkungsmanöver find so kleinlich und so wenig wirksam, daß man hier allgemein glaubt, die Macht Streichers sei bald zu Ende, weil man in Berlin seinen Radanantisemitismus nicht mehr brauchen fann gerufen. Auf Grund der Verhandlungen, die Laval wäh rend seines Aufenthaltes in Genf mit dem jugoslawischen Außenminister Jeftitsch geführt hatte, konnte man ursprünglich annehmen, daß die Behandlung der jugoslawischen Note bis zur Januarsizung des Völkerbundes vertagt wird und daß dadurch eine gewisse Beruhigung eintritt. In den letzten Tagen hat sich aber die Lage durch die Haltung Ungarns und insbesondere Jtaliens grundlegend geändert. Schon die scharfe Sprache, die der ungarische Bevoll mächtigte in Genf, Tibor von Eckart, und der ungarische Ministerpräsident Gömbös wegen der jugoslawischen Anklagenote geführt haben, zeigten deutlich, daß ein offener Konflikt nicht zu vermeiden ist. Die jüngste Reise Gömbös' nach Rom gab wohl dem ungarischen Ministerpräsidenten die Gewißheit, daß das faschistische Italien im Falle eines Konfliktes Ungarn unterstützen werde. Diese Gewißheit veranlaßte die ungarische Regierung, dem Generaljekretär des Völkerbundes eine Note zu überreichen, durch die eine überaus ernste Situation geschaffen ist. ,, Man übertreibt nicht mit der Erklärung," so heißt es u. a. in der Note,„ daß ernste Folgen für den Frieden, dessen Wahrung die wichtigste Aufgabe des Bölkerbundes ist, eintreten können, wenn Ungarn, seine Regierung sowie seine Behörden den verschiedenen Aufreizungen und verleumderischen Anschuldigungen aus gesetzt blieben, die seit langen Wochen gegen dieses Land gerichtet werden." Diese Worte eines offiziellen Dokuments zeigen mit aller Deutlichkeit, wie sehr wieder einmal der Frieden in Europa bedroht ist. Ungarn verlangt vom Bölkerbund die sofortige Prüfung der Angelegenheit, die durch die jugoslawische Note entstanden ist, um, so den ernsten Gefahren zu begegnen, auf die hinzuweisen die ungarische Regierung für ihre Pflicht hält“. Ungarn wird in feinein Schritt und dies ist vielleicht das wichtigste Ereignis der letzten Tage von Mussolini unterstützt. In dem amtlichen italienischen Kommuniqué heißt es u. a.: In verantwortlichen italienischen Kreisen erfennt man voll das Recht Ungarns darauf an, eine sofortige Aussprache im Völkerbundsrat über diese Anklagen zu ver langen. Diejer ungarische Standpunkt wird von den italie nischen Vertretern im Völkerbund klar unterstützt werden. Die verantwortlichen italienischen Kreise sind der Ansicht, daß eine Nation nicht unter so schweren Anklagen bleiben fann, wie es die gegen Ungarn erhobenen sind. Die italiemischen Kreise halten die geschaffene Lage für heifel, glauben aber nicht, daß sie unmittelbar zu ernstern Verwidlungen führen fann." Angesichts der Haltung Italiens muß man wohl annehmen, daß die Bemühungen Lavals, die Behandlung des ungarisch- jugoslawischen Konflikts zu vertagen, als ges scheitert anzusehen sind. Die offene Unterstützung des ungarischen Schritts durch Italien ist nicht nur als ein Zeichen der engen freundschaftlichen Beziehungen zwischen Rom und Budapest, die wäh rend des jüngsten Aufenthaltes Gömbös' bei Mussolini erneut bestätigt wurden, zu betrachten, sie weist auch darauf hin, daß die französisch italienischen Annäherungsverhandlungen anscheinend nicht in der erwarteten Weise fortgeschrit ten sind. Die Gegensätze, insbesonder in bezug auf den jugoslawischen Bundesgenossen Frankreichs, sind immer noch so groß, daß Mussolini es für nötig hält, durch unterstügung Ungarns und seiner Revisionsbestrebungen einen starken Druck auf Frankreich auszu üben. Man kann also auch in bezug auf die italienische Politik Frankreichs, wie die offizielle italienische Erklärung zeigt, noch bei weitem von keinem Erfolg der Lavalschen Außenpolitik sprechen. Nachdem die ungarische Note bekannt wurde, fand in Genf eine Konferenz der drei Außenminister der Kleinen Entente-Benesch, Jeftitsch und Titulescu statt. Die drei Minister haben ihre Haltung in bezug auf Ungarn genau präzisiert und es scheint, daß auch die Türkei und Griechenland die Kleine Entente in ihren Forderungen unterstützen werden. Wie gespannt die Situation ist, geht aus den scharfen Ausfällen der Belgrader Presse gegen Ungarn hervor. Die Belgrader Presse erklärt, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, wo nicht nur Genug fuung für das Verbrechen von Marseille verlangt, son. dern auch mit den revisionistischen Be # strebungen Ungarns endgültig Schluß ge= macht werden müsse. Düstere Wolken ziehen sich über Europa zusammen. Es is möglich, daß auch dieser Konflikt, wie so viele andere in lezter Zeit, behoben wird Aber die Gesamtatmosphäre ist unerträglich gemerden, und wenn die Dinge so weiter getrieben werden, dann ist über kurz oder lang eine neue Ratastrophe, schlimmer als 1914, nicht mehr aufzuhalten. Keine Auslieferung der kroatischen Verschwörer Paris, 26. November. Havas erfährt aus Turin, daß die italienischen Justizbehörden, die beauftragt wurden, den Auslieferungsantrag Frankreichs der Kroatenführer Antee Pavelitsch und waternit zu prüfen, sich gegen diese Auslieferung ausgesprochen haben. Die Ablehnung der Auslieferung wird demnächst, ent sprechend den internationalen Gepflogenheiten, dem franzö fischen Botschafter in Rom durch das Auswärtige Amt mitgeteilt werden. Diese Haltung der italienischen Regierung ist als eine moralische Unterstüßung Ungarns zu betrachten. Frankreichs Fremdenpolitik Marseille, den 26. November 1934. Sier fand eine von 5000 Arbeitern besuchte Rundgebung fact, in der man sich mit den eingewanderten Arbeitslosen solidarisch erklärte. Wie die„ Humanite" mitteilt, hatte die Präfeftur seit dem 16. November alle armenischen, griechischen, türkischen und russischen Arbeitslosen in den Untertübungslisten gestrichen. Ungefähr 2500 Arbeiter seien von dieser harten Maßnahme betroffen worden. Mehrere Abprdnungen des Arbeitslosenausschusses hätten sich zusammen mit den sozialistischen und fommunistischen Abgeordneten zu den Behörden begeben, seien aber ständig abgewiesen wor den. Nun habe man eine große Rundgebung veranstaltet, an der 5000 Arbeiter teilgenommen und hunderte vergeblich Einlaß begehrt hätten, weil der Versammlungssaal überfüllt gewesen sei. Die französischen Arbeiter, die in Arbeit befindlichen ebenso wie die Arbeitslosen, hätten sich mit ihren eingewanderten Genossen solidarisch erklärt. Redner des Arbeitslosenausschusses, der sozialistischen und kommunistischen Gewerkschaften, der Einheitsfront, sozialistische und kommunistische Abgeordnete hätten sich gegen die Maßrahmen der Behörde ausgesprochen. Man habe eine Delega= tion gewählt. der man in der Präfektur einen besserent Empfang als der früheren bereitet habe Man habe Versprechungen gemacht, die Antwort soll am Dienstag erteilt werden. Das Blatt jetzt übrigens hinzu, daß der Generalrat des Departements von den Maßnahmen des Präfekten nicht vorher unterrichtet worden sei.. Gerüchte über Gerüchte Dessau, den 26. November 1934. Vor dem Schöffengericht in Dessan hatten sich im Schnellverfahren vier aus der Schußhait vorgeführte Angeklagte zu verantworten, weil sie Gerüchte über den Reichsstatt= halter in Braunschweig und Anhalt, Loeper, weitergetragen hatten Das Verfahren gegen einen fünften Ange= klagten wurde abgetrennt, weil er zu der Verhandlung nicht erschienen war. Der Vertreter der Anklage forderte gegen alle Angeklagten je neun Monate Gefängnis. Verurteilt wurden der 54 Jahre alte Karl Beier aus Dessau zu zwei Monaten, der 21 Jahre alte Martin Kersten aus Jeßniß zu sechs Monaten. der 25 Jahre alte Walter Duve aus Dessan zu drei Monaten und der 24 Jahre alte Kurt Baiz aus Berbit zu einem Monat Gefängnis. Die Strafen fielen für de vier Angeklagten geringer aus als beantragt, da die Berurteilung nicht auf Grund der Verordnung des Reichs= präsidenten von 1931 zum Schuße der Ehre im öffentlichen Leben stehender Personen erfolgte, die eine Mindeststraße von drei Monaten vorsieht, sondern auf Grund des§ 186 CtGB. Das Bericht nahm nämlich an. daß die Orte, an denen die Verbreitung der Gerüchte erfolgte, nicht als öffentlich anzusehen seien. In der umfangreichen Beweisaufnahme stell'e das Gericht einwandfrei fest. daß alle Gerichte um den Reichs= fatthalter restlos erlogen und von bös= willigen Elementen aus der Luft gegriffent seien. Insbesondere wurde festgestellt, daß der Richsstatthalter niemals an Trinfgelagen in einem Dessauer Hotel teilgenommen und niemals Gelder des Winter= biliswerts für sich verwandt hat. Es sei auch niemals auf den Reichsstatthalter oder den Dessauer Oberbürgermeister von irgendeiner Person weder in dem betreffenden Hotel, noch an einem anderen Ort geschossen worden. Damit felen oleichzeitig die Gerüche zu ammen, daß der Meichsstatthalter durch den Führer und Reichsfanzler seines Boitens enthoben worden fej. Schließlich wurde festgestellt, daß der Herd die er Gerüchte in Dessau zu suchen sei, daß bie Angeklagten aber nicht diejenigen wären, die das Gerücht aufgebracht hätten. Die Friedensoffensive Berlins Mein Kampf" in Deutschland verbo en Nachdem die französische Presse Alarm geschlagen, erhielten endlich die deutschen Goebbels- Blätter die Genehmigung. auch ihren Lesern von den heftigen Friedensbeteuerungen Hitlers gegenüber den Franzosen Goy und Monnier Kenntnis zu geben. Die jetzt erfolgte Publikation erfolgte freilich, wie wir oben feststellen, unter Fortlassung einer entscheidenden Stelle. Nicht ohne stille Heiterkeit kann man lesen, wie der„ Völfische Beobachter" diese für die deutsche Presse etwas peinliche Lage zu umschiffen sucht. Das Blatt schreibt: „ Jeder Deutsche kennt und billigt, das hat die Volksabstimmung am 12. November 1933 bewiesen, die Außenpolitik Adolf Hitlers. Die deutsche Oeffentlichkeit ist auch über die Auffassung des Führers über das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich und über seinen Friedenswillen oftmals unterrichtet worden, und die Worte, die Adolf Hitler in seiner großen Reichstagsrede im Mai dieses Jahres an die Adresse Frankreichs gerichtet hatte, sind uns allen nach wie vor lebhaft in Erinnerung. Unvergessen ebenso ist der Appell, den Rudolf Heß an die Frontkämpfer Frankreichs gerichtet hat. Nur in Frankreich gibt es offenbar noch Kreise, die unsere Friedenspolitik nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, und auch dieses neuerliche politische Manöver beweist wieder, daß in Frankreich Brunnenvergifter der öffentlichen Meinung tätig sind, die ungestört ihr Handwerk gegen den Frieden und die Verständigung ausüben." „ Nur in Frankreich".. Nun hat diese Geschichte eines gern versteckt gehaltenen Interviews noch eine hübsche Pointe er= halten. Der„ Figaro" hatte in geschickter Auswahl dem jüngsten Pazifismus Hitlers die fastigsten, gegen Frankreich ge= richteten Stellen aus„ Mein Kampf" gegenübergestellt- vor allem diejenigen, die die deutsche Seele zur unausweichlichen friegerischen Auseinandersetzung mit Frankreich sturmreif machen sollen. Daraufhin wurde für das gesamte„ dritte Reich" die fragliche Nummer des igaro" soUebrigens fann man bemerken, daß die deutschen Kreise mit Genugtuung eine Entspannung feststellen wollen, die seit einigen Tagen in den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich eingetreten sein soll. Wenn Dr. Goebbels in seiner letzten Sportpalastrede den Wunsch nach einer Aussöhnung mit Frankreich ausgesprochen und dabei von etwaigen Konzessionen" geredet hat, so vermutet man in hiesigen politischen Kreisen, daß er dabei nicht nur an den Ostpaft gedacht hat. Ribbentrop und Heß? Paris, den 26. November 1934. ( Von unserem Korrespondenten) Leon Bailby erklärt in seinem Blatte, dem„ Jour". Herr von Ribbentrop werde bei seinem nahen Besuch in Paris vom„ Stellvertreter des Führers" Rudolf Heß begleitet fein. Man wolle wissen, daß sie die Unterhaltung fortjeßen sollten, die Hitler fürzlich mit Jean Goy und Monnier in Berlin gehabt habe. Bailby meint das fónne nicht ganz stimmen, denn die beiden Teutschen. Unterhändler von Ruf. könnten sich in Paris nur aufhalten, wenn sie zuerst ihre Absichten dem Außenminister persönlich auseinandersetzen würden. Bailby will damit sagen, wie er auch des weiteren ausführt es könne sich nicht um Unterredungen. wie die Hiflers mit Goy handeln, die privaten Charakter tragen und ohne Kenntnis des französischen Auswärtigen Amtes vor sich gehen sollten. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß Havas, die amtliche französische Nachrichtenagentur mitteilt, die deutsche Presse habe erst am Sonntag, dem 25. November, ihren Lejern den Wortlaut der Unterredung Hitlers mit den beiden Franzosen bekannt gegeben genau eine Woche nach seiner in Frankreich erfolgten Veröffentlichung. Allerdings sind die Aeußerungen Hitlers in der deutschen Presse sehr retuschiert, die Erklärung über die problematischen Ostgrenzen ist ganz fortgelassen fort beschlagnahmt. Sollte dies die Vorbereitung des Deutsche Minderheit... Verbotes von„ Mein Kamps" für ganz Deutschland sein? Berlin, den 26. November 1934. In den Kreisen, die dem Propagandaministerium nabestehen, erklärt man, wie das die„ Deutsche Freiheit" bereits mitteilen konnte daß Herr von Ribbentrop, der Reichsfom= missar für die Abrüstung und Vertraute des Reichsführers, in kürze nach Paris, fommen würde, um dort mit Raval Fühlung zu nehmen, dem er einige Vorschläge unterbreiten wolle. Die Wilhelmstraße. alio das Auswärtige Amt, ist übrigens nicht immer im Bilde über die Absichten Hitlers, und so ist sie auch nicht in der Lage zu sagen, ob diese Meldung richtig set oder nicht noch weniger aber genaue Angaben über die Vorschläge zu machen, deren 1eberbringer Herr von Ribbentrop sein könnte. Prager Straßenrevolten , Nieder mit Deutschen und Juden!" Prag, 26. November. Seit Samstag, ist die tschechoslowakische Hauptstadt der Schauplay überaus heftiger Unruhen. Das Schulministerium hatte von der deutschen Universität die Her= ausgabe der Universitätsinjiguien gefordert, worauf die Studenten der deutschen Universität in Streik traten Als sich am Vormittag zahlreiche deutsche Studenten vor dem Gebäude einfanden, versammelten sich in ihrer Nähe Studenten aus den tschechischen Fakultäten. Es kam zu gegenseitigen Zurusen und endlich zu Zusammenstößen. Trozztem der Rektor und der Prorefior der tschechischen Uni= versität die sehr erregten Studenten zur Ruhe aufforderten, und ihnen erklärien, daß die tschechische Universität an der Forderung der Herausgabe der Insignien unverrückþar festhalte, zogen größere Trupps tschechischer Studenten vor das Tor des Rektorats. Schließlich drangen sie gemaltiam ein. Es tam zu kämpfen, wobei Steine und Holzstücke als Waffen verwandt wurden. Die Einrichtung des slawischen Instituts, das neben dem Reftorat liegt, wurde vollommen demoliert. Die Polizei zögerte zunächst mit dem Einschreiten, da es sich um af tocmister Boden handelte. Aber schließlich ging sie scharf vor und drängte die Studenten ab. . Einsam wird's um Müller. Weterherstellung der altpreußisden Union Wir haben am Samstag auf die Niederlage hingewiesen, die der Reichsbischof durch das Gutachten Professor No ads in Halle, eines führenden nationalsozialistischen Juristen, erlitten hatte. Es hat die mit einem firchlichen Notstand be= gründete Gesetzgebung seit Januar 1934 als rechtswidrig bezeichnet. In Konsequenz dieser Entscheidung hat bereits der Sleichsbischof zwei wichtige Verordnungen erlassen. Mit ihnen wird die Kirche der altpreußischen Union, die tamals zur Schaffung der Reichsfirchenregierung aufgelöst worden war, wieder hergestellt. Die bisher schwerste NiederJage des Reichsbischofs ist damit von ihm selbst besiegelt worden. Es ergibt sich jetzt die groteske Situation, daß der Lander bisch of Ludwig Müller vom Reichsbischof Ludwig Müller unabhängig erklärt wird. Tas ist das Ende der Kirchenzentralisierung. Vor wenigen Wochen noch wurde durch die Weihe des Reichsbischofs ihr ewiper Bestand proklamiert Heute sind nur noch Trimmer da. In Baden ist der Landesbischof Stühle born von Müller abgefallen. In Hessen wächst die AusTehnung der Geistlichkeit gegen den zu den Teutschen Christen gehörenden Landesbischof Dietrich. Eine PfarrerversammTung in Bleßen forderte einstimmig den Rücktritt des ReichsDie abfallenden Bisdöle bischofs und mit 180 gegen 8 Stimmen den Rücktritt des Landesbischofs, der selbst an der Sizung teilnahm. Am energischsten waren in stundenlanger Debatte die Theologieprofessoren der Universität Gießen. Dietrich bemühte sich vergeblich, sich mit seiner Rechtfertigung Gehör zu verschaffen, und verließ schließlich den Saal, In Württemberg ist es dem Landesbischof Wurm endlich gelungen, wieder in seine Amtsräume einzuziehen. Die Kommissare der Deutschen Christen, unterstützt von SS. und Gestapo, räumten schließlich das Feld. Die Stuttgarter Pfarrerschaft bereitete dem Bischof in den festlich geschmückten Diensträumen einen stürmischen Empfang. Alles fang:" Run dantet alle Gott." Der Hannoversche Landesbischof Marahrens führt inzwischen einen scharfen Kampf gegen die„ deutschen Christen". Er versucht, den Landeskirchentag von ihnen jäubern". Auch der Landesbischof Paulsen von SchleswigHolstein verkündet seine Unabhängigkeit von Berlin, obwohl ihn Müller selbst eingesetzt hat. Allein sich der Reichsbischof auf weiter Flur. Der Boden schwankt unter seinen Füßen, aber er erklärt, er wolle nicht wanken und nicht weichen... in Frankreich Paris, den 26. November 1934. ( Von unserem Korrespondenten) Hitler hält Friedensreden. Er erklärt einem französischen Abgeordneten gegenüber, Deutschland habe gar kein Intereise an Eliaß- Lothringen allerdings dürfen die deutschen Zeitungen den Jubalt dieser Unterhaltungen nicht wiedergeben, aber die Kreuz- Zeitung", das Organ des„ Stahlhelm", gibt eine Aufzählung von den„ nationalen Minderheiten", unter denen unter anderen auch 1382 000 Deutsche int Frankreich aufgeführt werden. Wo halten sie sich versteckt?" fragt die angesehene Wochenschrift„ Lu". Etwa im Elsaß?" Aus diesen Vorgängen entwidelten sich Kundge= sehr schnell deutsch feindliche bungen. Die jugendlichen Demonstranten durchzogen die Straßen und forderten die Räumung des Carolineums durch die Deutschen. Am späten Abend demonstrierten mehrere hundert Perionen durch Anstimmen deutschseindlicher Sprechchöre auch vor dem Neuen Deutscheit Theater und der kleinen Bühne. In der Nacht wurde bekannt, daß zahlreiche deutsche Studenten bei dem Steinbombardement leichte Verletzungen erhalten hatten. Angesichts der raffischen Belange im Hitlerreiche entbehrt es nicht der Tragikomik, daß sich aus diesen Demonstrationen gegen die überwiegend nationalsozialistisch gesinnten deutschen Studenten auch Sundgebungen gegen die Juden entwidelten. Die randalierenden Demonstranten schlossen in ihre Schmährufe Deutsche und Juden harmonisch ein. Unter den Rufen:„ Wir sind Slawen, wir wollen feinen deutschen Rundfunk." versuchten sie int das Gebäude des„ Radio Journal" einzubringen, um die deutsche Sendung zu stören. Auch vor dem jüdischen Volkshause wurde demonstriert. Im Hause des deutschen Volksbildungsvereins Urania" schlug man die Fensterscheiben ein. Auf der Straße hielten nationa= listische Abgeordnete improvisierte An= spracheu. Unter ihnen befand sich der Führer der teich: dischen Faschisten Gajda. Insgesamt hat die Polizei ant Samstag 22 und am Sonntag 34 Verhaftungen vorgenom men. Die Strafverfahren sind bereits eingeleitet worden. Der größte Teil der tschechischen Presse nimmt sehr scharf Stellung gegen diese Kundgebungen und wendet sich vor allem auch gegen das Hereintragen indenfeindlicher Stimmungen. Nach einer neuen Erklärung des Ministerpräsidenten bleibt es bei der Uebergabe der Insignien der deutschen Universität an die tschechischen Autoritäten. Der Minister präsident erklärte, daß der Regierung nichts ferner liege, als durch die Formalitäten der Uebergabe, die durch ein Geset festgelegt worden seien. die Ehre der deutschen Universität antasten zu wollen. Die Uebergabe soll am heutigen Montg erfolgen. 36 Jahre Kerker! Illegale in Solingen Samm i. W., 23, Nov. Der Strassenat des Oberlandesgerichts Hamm mußte sich am Montag und Dienstag dieser Woche mit 80 ehemaligen Anhängern der KPD. aus S0= lingen Ohligs befassen, die unter der Anklage standen, sich der Vorbereitung des Verbrechens zum Hochverrat schuldig gemacht bzw. sich in den verschiedenen Fällen gegen das Schußwaffengeset vergangen zu haben. 24 Angeklagte wurden zu Gefängnisstrafen von insgesamt 36 Jahren und vier Monaten verurteilt. Drei wurden freigesprochen, gegen drei weitere wurde das Verfahren eingestellt. 5 JANUAR 22.CHU TISSA FürDEUTSCHLAND gegen HITLER Unsterbliche Freiheit Eine Veranstaltung im Saalbau zu Saarbrücken Die Einheitsfront hatte am Sonntag im Saalbau zu Saarbrüden eine große Rundgebung fünstlerischen und sportlichen Charakters. Der große Saal war wieder überfüllt. Mitwirkende waren der Spielmannszug Groß- Saarbeücken, die Turner und die Turnerinnen Saarbrücken, Dudweiler und Güdingen, die Roten Funken Sulzbach und der Volfschor Gau Saarbrücken. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein Massen- Sprech- Sing- Chor„ Unsterbliche Freiheit", der mit dem gemeinsamen begeisterten Gesang der Internationale schloß. Alle Mitwirfenden leisteten Hervorragendes und zeigten den hohen Stand der sozialistischen Arbeiterbildung im Saargebiet. Mit stürmischem Beifall aufgenommene Ansprachen hielten der Sozialdemokrat Rechtsanwalt Dr. Sender und der Kommunist Hey. Sender rief insbesondere zur Einigkeit und zur Tapferfeit auf und zollte den vielen treuen Kämpfern und Kämpferinnen hohe Anerkennung, die im Sturme dieser Wochen aushalten im festen Glauben an den Sieg der Freiheit an der Saar, don Der Vatikan und die Saar Abstimmungsfreiheit für die Katholikenotes In seinem Leitaufsatz bespricht der katholische Avenire d'Italia die Stellung des Ratholizismus in der Saarfrage und schließt seine offenbar vom Vatikan gebilligten Ausführungen mit den Worten: „ Die Ordonnantz der Bischöfe von Trier und Speyer verweist das Saarproblem auf sein eigentliches Gebiet, nämlich auf das rein politische. Die Priester und die katholischen Vereine als solche dürfen sich nicht auf dieses Gebiet begeben, sondern müssen eine strenge Neutralität innehalten. Aber die einzelnen Mitglieder des Klerus können sich im Augenblick der Wahl mit voller Freiheit aussprechen, wie ihnen das ihr Gewissen vorschreibt. Nur sollen sie dabei eine Verwirrung zwischen religiösen und politischen Intereffen vermeiden, die schließlich dem Ratholizismus zum Schaden gereichen würde.". Mithin: Jede bei drei zur Abstimmung stehenden Lösungen ist dem Katholiken freigegeben. Er kann ohne Gewissensbedenken für den Status quo eintreten. Saarkampi in Nordamerika Man schreibt uns aus Neuyork: Der Saarfampf nimmt immer schärfere Formen an. Es fcheint, als ob Hitler und sein Reklamechef Goebbels sich ihres Sieges doch nicht so sicher sind, sonst würden sie nicht solch verzweifelte Anstrengungen machen. Sogar hier in Amerika führen die Nazis einen großangelegten Lügenfeldzug. Eine öffentliche Versammlung jagt die andere, immer wieder wird betont, daß die Saar durchaus deutsch set( wer zweifelt daran?) und neunundneunzig Prozent für Hitler sind.( Warum dann diese Anstrengungen?) Die deutschen Konsulate fordern Saarländer, welche noch stimmberechtigt sind, durch den Bund Freunde des neuen Deutschland" auf, zur Abstimmung nach drüben zu fahren. Man verspricht diesen Saarländern nicht nur freie Ueberfahrt, sondern will ihnen alle Infosten, 3eitverlust und son= stige Ausgaben ersetzen. The Antifascist Action Committee and League against Wat and Fascism hatte für Sonntag, 11. November, eine öffentliche Versammlung einberufen. Antifaschist W. Konrad, vor furzem aus Deutschland eingetroffen, hielt einen interessanten Vortrag über das Saargebiet. Das Thema war: Hitler und die Saarabstimmung". W. Konrad bekannte sich zur Einheitsfront, wie sie im Saargebiet zustandegekommen ist und zollte dem Führer der deutschen Freiheitsfront Mar Braun volle Anerkennung. Selbstverständlich wurde auch die Tätigkeit Friz Pfordts lvbend hervorgehoben. Unser Freund Karl Mener, ein alter Leser der„ Deutschen Freiheit". hatte mehrere Nummern derselben in der Versammlung verteilt. Dieses veranlaßte den Redner, die Zuhörer aufzufordern, die„ Deutsche Freiheit", die Volksstimme" und die Arbeiter- Zeitung" zu lesen, um sich über die Saarangelegenheiten zu informieren. , Gespenster und Greuel" Die„ Saarbrüder Zeitung" macht sich unter der Ueberschrift über eine Meldung des„ Echo de Paris" lustig, daß fleine Gruppen von Reichswehrsoldaten in Zivil an der Saargienze untergebracht worden seien. Ob an der Meldung des Pariser Rechtsblattes etwas ist. wissen wir nicht. Wohl aber möchten wir die gleich)= geschaltete Preise des Saargebietes darauf aufmerksam machen, daß solche Meldungen der Pariser Presse sehr verständlich sind, wenn man nicht nur die Gerüchte kennt, von denen Deutschland erfüllt ist, sondern auch prahlerische Briefe, die Reichswehrsoldaten an ihre Angehörigen au schreiben pflegen. Für Mitglieder nationalsozialistischer Organisationen gilt dasselbe. Uns liegt gerade der Orignialbrief eines Mannes der Leibstandarte Adolf Hitler vor, der sich sehr eindeutig über gewisse Vorbereitungen seines Trumpenteils für den Einmarsch. in das Saargebiet äußert. Er gibt, allerdings als Zeitpunkt erst den Januar an. Diplomatische Intrigen um die Saar Paris, 26. November 1934. Die Verschärfung des jugoslawisch- ungarischen Konfliktes und die Forderung Ungarns und Italiens, die jugoslawische Note sofort in Genf zur Behandlung gelangen zu lassen, werden naturgemäß nicht ohne Einfluß auf die Saardebatten in Genf sein. Das Marseiller Attentat kommt wieder einmal dem dritten Reich" sehr zunuze. Denn die Behandlung der jugoslawischen Note vor dem Völkerbund, in der zum 3. Dezember angekündigten Völkerbundstagung, würde zwangsläufig das Saarproblem in den Hintergrund stellen, während ursprünglich angenommen wurde, daß die Saarfrage wegen ihrer Bedeutung allein zur Debatte stehen wird. So aber besteht die Gefahr, daß das Saarproblem zu einem diplo= matischen Kuhhandel werden wird. Davon könnte vielleicht das„ dritte Reich" profitieren, das das größte Intereffe daran hat, alle mit der Saar zusammenhängenden Fragen möglichst in die Länge zu ziehen. Durch die Verzögerung der Entscheidungen in Genf hofft die braune Front die rechtzeitige Aufklärung über das Wesen des Status quo zu hintertreiben. Recht deutlich spricht er diese diplomatischen Manöver der Genfer Berichterstatter des„ Matin", der folgendes schreibt: „ Das ungarische Manöver ist vielleicht den Deutschen sehr angenehm, die nicht darüber erzürnt sein sollen, daß die nächste Ratstagung nicht allein der Saarfrage gewidmet ist. Alles geht so vor sich, als ob die Deutschen die Reglung der Saarfrage in die Länge zu ziehen und zu verwirren münschten, so daß Frankreich veranlaßt wird, einer überstürzten Liquidation dieser Frage in letzter Minute zuzustimmen. Italien hat seinerseits ein gewisses Interesse daran, Frankreich solange wie möglich in Rom in der Saarfrage hinzuhalten, um sich des mäßigenden Einflusses Frankreichs in der ungarisch- südslawischen Affäre zu ver fichern." Tatsächlich liegen die Dinge so, daß das dritte Reich" glaubt, bei der Behandlung der jugoslawischen Frage hinter den Kulissen sein diplomatisches Spiel in bezug auf die Saar betreeiben und im trüben fischen zu können. Ständen sich in dem Streitfall Jugoslawien- Ungarn zwei Mächte gegenüber, dann würde Deutschland versuchen, durch den Anschluß an die eine oder andere Gruppe für sich in der Saarfrage Vorteile herauszuholen. In hiesigen politischen Kreisen durchschaut man das Manöver der Wilhelmstraße, und man ist wie es scheint gewillt, eine festere Haltung gegenüber dem ,, dritten Reich" in der Saarfrage einzuneh= men. In dieser Beziehung ist es bezeichnend, was der Genfer Berichterstatter des Matin" im gleichen Artikel schreibt: „ Die beruhigende Aktion, die Laval während seines furzen Aufenthaltes in Genf ausgeübt hat, ist vielleicht nicht die, welche er auch im Dezember zu vollbringen haben wird. Es hat den Anschein, daß die letzten Klarstellungen in der Saarfrage von Laval die Rückkehr zu gewissen deutlichen Kundgebungen friedlicher Festigkeit verlangen, für die Barthon während seiner letzten Anwesenheit im Völkerbund ein Beispiel gegeben hat, das noch nicht vergessen ist." Der belämmerte Goy Paris, 26. November. Ter von der öffentlichen Meinung Frankreichs heftig abgelehnte Deputierte Jean Goy fucht in einer Zuschrift an die Presse seinen Besuch bei Hitler zu rechtfertigen, u. a. verweist er darauf,„ daß Hitler die S. 40 Kilo meter hinter die Saargrenze zurückgezogen habe". Herr Goy jst schlecht unterrichtet. Erstens gilt der Befehl erst ab 10. Januar und zweitens sind die SA. und die SS. überhaupt nicht zurückgezogen worden, sondern es ist ihnen nur verboten worden, Uniform zu tragen. Was will das viel besagen? Auch die Reichstagsbrandstifter sind vermutlich nicht in Uniform gewesen, als sie aus dem Palais von Göring in das Reichstagsgebände vorrückten Noch einmal: die Heidelberger Abrede Ein Knappschaftsältester übersendet uns einen Artikel der Saarforrespondenz, der unsere Darlegung bezüglich der Heidelberger Abrede in Zweifel zu stellen sucht, um dann natürlich wieder einmal zu behaupten, daß lediglich die finanziell glänzende(!) Lage der deutschen Sozialversicherung die unbedingte Gewähr für die Aufrechterhaltung der bisherigen Leistungen biete, ia sogar ihre Abwertung in absehbarer Zeit möglich mache". Lieber Herr X! Wir hatten diesen Artikel auch gelejen, sowohl im„ Abendblatt", wie auch in der„ Deutschen Front", welches offizielle Organ den Aufsatz mit der selbst vom „ Abendblatt" als Sensationsblatt nicht gewagten Ueberschrift versah„ itatus quo bedeutet wirtschaftlichen Ruin für die Saarländer", eine Behauptung, die in dem Artifel der S. R. vorsichtigerweise gar nicht ausgesprochen ist- wir haben seinerzeit nicht darauf geantwortet, weil wir die Lage durch unsere Ausführungen genügend geflärt glaubten, und zu dem gesunden Menschenverstand unserer saarländischen Sozialversicherten das Vertrauen hatten, daß sie auf diesen Bluff nicht hereinfielen. Da Sie aber, lieber Herr X., uns mitteilen, daß die gegnerischen Propagandisten, durch unser Stillschweigen ermutigt, mit diesen Behauptungen frebsen gehen, so wollen wir doch noch einmal furz darauf erwidern. Zunächst also versucht man unsere Feststellung, daß die Abrede unbefristet geschlossen, das heißt, eine Kündigung nicht vorgesehen ist, dadurch zu entkräften, daß man sagt, die Abrede sei zwar formell unbefristet",„ mate= riell aber befristet" durch die„ Volksabstim mung, da das Mandat der Regierungsfommission, mit der die Abrede geschlossen sei, mit diesem Datum erlösche". Das heißt aber nichts anderes, als die ganze Sache auf ein falsches Gleis schieben, denn die Regierungskommission hat doch die Abrede nur als Beauftragte des Völker bun des geschlossen, und dessen Mandat endet doch im Falle einer Abstimmung für den Stains quo nicht. Wenn weiterhin behauptet wird, es trete in den„ nt a ẞ= gebenden Verhältnissen doch dann insofern eine wesentliche Aenderung bei, als dann das Deutsche Reich auf seine Souveränität, soweit dies der Völkerbund für nötig erachte, endgültig verzichten müsse... so ist dies eine neue Version und insofern ganz interesant, weil man doch bisher immer wieder die Bevölkerung gegenüber unseren Feststellungen von der Möalichfeit einer nenen Verfassung des Snargebiets damit Graulen au mochen suchte, daß man saate, Status and bedeute nur die Aufrechterheltung des bisherigen Kolonialregimentes"; aber dieser nun auf einmal vorgeschobene„ nollkommen neue völkerrechtliche Zustand" hat doch mit der Seidelberoer Abrede nichts zu tun! Der Völkerbund als solcher bleibt doch der Vertragspartner und andererseits ist die Heidelberger Abrede ia auch keinesfalls deshalb getroffen worden, weil Deutschland damals auf seine näpität nur einitmeilia" verzichtet hatte. sondern weil die Saarländer Ansprüche an deutsche Kaien haben. Ansprüche, die durch den endgül tigen Verzicht Deutschlands auf die Souveränität ebenso wenig erlöschen können, wie zum Beispiel seinerzeit die Ansprüche unserer Nachbarn, der Elsaß- Lothringer, dadurch erloschen sind. Es ist dies alles also nur eitel Spiegelfechterei, Herr X., das fönnen Sie ruhig den Versicherten sagen. Und nun noch eins. Wenn man davon spricht, daß im Falle einer„ widerrechtlichen" Einstellung der deutschen Zahlungen( sehr nettes Eingeständnis übrigens) die saar ländischen Kassen zu weiteren Rahlungen nicht in der Lage wären, und wenn man als angeblichen Beweis Ziffern von Leistungen aus den Jahren 1925 und 1926 anführt( 3iffern, mit denen man allerdings Leute, die die Zusammenhänge nicht kennen, schrecken fönnte), so ist auch das blanfer Unsinn. Denn bereits 1921 war grundsätzlich die Vermögensauseinandersetzung zwischen den bisherigen und den gemäß Versailler Vertrag neuzuerrichtenden Verficherungsträgern beschlossen worden". Das schreibt die S. K. selbst, wie fann sie es also der Regierungskommission zum Vorwurf machen, daß sie nun im folgenden Jahre diese neue Versicherungsträger errichtete, anstatt erst auf die Vermögensauseinandersetzung zu warten? Wenn sie es nicht getan hätte, mit wem hätte dann übrigens die Vermogens auseinandersetzung erfolgen sollen?! Daß infolge der deut schen Inflation uim. diese endgültige Vermögensauseinanderseßung sich verzögerte, und schließlich erst durch die Heidelberger Abrede erfolgte, ist doch nicht Schuld der Regierungsfommission! Wenn wir weiterhin von der Möglichkeit der Aufrechterhaltung der jaarländischen Leistungen auch im Falle, daß Deutschland die Zuschüsse widerrechtlich einstellt, gesprochen haben, so haben wir ja auch ziffernmäßig nachgewiesen, daß die deutschen Zuschüsse von Jahr zu Jahr abnehmen, die Leistungsfähigkeit der jaarländischen Rassen hingegen steigt. Völlig abwegig ist hierbei die Behauptung, daß dann vielleicht Frankreich einspringen müßte, aber seine Zuschußleistung von einer Herabseßung der jaarländischen Renten entsprechend der französischen abhängig machen würde. Wir haben früher schon einmal gesagt, daß dieser Vergleich hinfe, meil der französische Sozialrentner ja auch wesentlich niedrigere Beiträge gezahlt habe. Es ist selbstverständlich, daß der saarländische Beramann mit seinen 96 Franken beitrag, die er stets und ständig zahlen muß, ob er Feterichichten hat oder nicht, eine höhere Rente verlangen fann, als der französische Bergmann, der nur einen Beitrag in Höhe von 5,5 Prozent feines tatsächlichen Verdienstes zahlt.( ür diejenigen, die es interf fiert, sei hier gesagt, daß die franzöfifchen Beiträge fich wie folgt zusammenießen: Arbeitnehmer 5.5 Prozent. Arbeitgeber 5,5 Prozent und Staatszuschus 4.5 Prozent, zusammen alio 13,5 Prozent. Der Staatszuschuß wird übrigens auch für fremde Arbeiter gezahlt, sofern mit dem betreffenden Seunat= land ein Gegenseitiafeitsvertrag besteht.)- Aber, wenn wirklich das Saargebiet für diese Zwecke eine Anleihe nötig hätte, warum sollte es sie dann als ein sozusagen schulden= freies Land nicht ebenso aut bekommen können, wie das verschuldete Deutschland Anleihen bekommen hat, ohne daß gerade Frankreich der Geldgeber sein müßte und ohne daß derartige Bedinaunaen überhaupt in raae fämen. Also, alles. leeres Gewäich; Herr X.! Sagen Sie Ihren Versicherten, sie sollen sich doch nicht bluffen lassen. J. K. ,, Deutsche Freiheit", Nr. 264 Der Niedergang ARBEIT UND WIRTSCHAFT des deutschen Buchdruckergewerbes Wir haben vor einiger Zeit an dieser Stelle einen Aufruf maßgebender Kölner Wirtschaftsstellen veröffentlicht, in dem die rheinische Wirtschaft auf die große Not des Buchdruckergewerbes in Köln hingewiesen wird. Wir haben schon damals betout. daß die Verhältnisse in Köln typisch für die gesamten Verhältnisse des Buchdruckergewerbes im dritten Reich" sind. Die Entwicklung Deutschlands von der Humanität zur Bestialität, die Bücherverbrennungen. die Unterdrückung der oppositionellen Presse, die Pflege des Landsknechtsgeistes habenverheerend auf das kulturelle Leben Deutschlands und damit auf das Buchdruckergewerbe gewirkt Der Niedergang des deutschen Buchdruckergewerbes ist gewissermaßen ein Spiegel des allgemeinen kulturellen Niedergangs Deutschlands. Wie verheerend das Nazıregime auf das Buchdruckergewerbe gewirkt hat. geht aus folgendem Bericht über die Hauptversammlung des Deutschen Buchdruckervereins in Travemünde, den wir der Nummer 5 des..Klimschs Druckerei Anzeiger" entnehmen. Diesem Bericht, dem wir von uns aus nichts hinzuzufügen brauchen, lautet wie folgt: ..Ueber die augenblickliche Lage des Buchdruck gewerbes sprach abschließend Alexander Bartosch. An einigen auf. schlußreichen Zahlen gab der Redner ein Bild von dem trostlosen Bild unseres Gewerbes. So wurden im Februar dieses Jahres vier Schnellpressen, darunter eine durchaus brauchbare Zweitourenmaschine, vom Verein Berliner Buchdruckereibesitzer in einer Versteigerung zum Preise von RM. 550.- erworben. Im April 1934 wurde ein Schnellschneider, der vier Jahre alt war und neuetwa 6000, Reichsmark gekostet hatte, an einer Versteigerung für Reichsmark 450, abge geben Auf Grund dieser Zahlen kann sich nun jeder Betriebsführer ausrechnen, was sein eigener Betrieb heute erbringen würde, wenn er infolge der wirtschaftlichen Krise zwangsweise zur Veräußerung käme. Die Mühen und Sorgen eines Lebensalters, die mit Entbehrungen und einem Uebermaß von Arbeit verknüpft waren, würden heute mit Null zu bewerten sein; aber nicht nur das, auch die Gefolgschaft, die oft jahrzehntelang in treuer Mitarbeiterschaft ihre Kraft gewidmet haben, würde schwer in Mitleidenschaft gezogen werden. Interessant waren auch die Angaben über die Arbeitslosigkeit im graphischen Gewerbe im Vergleich zu anderen Berufsgruppen. Nach der amtlichen Statistik ist die Arbeitslosigkeit im grafischen Gewerbe im Vergleich zu 1. Aust 1933 bis zum 31. Juli 1934 nur um 37,1 y. H. zurückgegangen, während die höchste Ziffer anderer Gewerbe 61.2 v. H. beträgt, die niedrigste Ziffer 21.4 v. H. Das Buchdruckgewerbe steht damit unter 27 Berufsgruppen an der 22. Stelle. Dieser Ablauf spiegelt sich auch in der Lohnsumme wieder, die im Jahre 1933 bezahlt worden ist. 1929 wurden noch rund RM. 550 Millionen an Löhnen für den technischen Betrieb ausgegeben, 1933 nur noch rund RM. 330 Millionen, also 40 v. H. weniger. Während der Gesamtumsatz im Buchdruckgewerbe in normalen Zeiten RM. 1100 Millionen bis RM. 1200 Millionen betragen haben dürfte, kann er für 1933 auf etwa RM. 650 Millionen, höchstens RM. 700 Millionen, veranschlagt werden." Das Transitgeschäft in der Sackgasse In der..Hansa". dem Organ der deutschen Reedervereinigung. Nr. 45 vom 10. November werden Hilferufe und alarmierende Nachrichten gebracht, die zeigen, daß der Neue Plan" des Wirtschaftsdiktators Dr. Schacht der deutschen Schiffahrt den legten Stoß versett. Es heißt in dem Leitartikel des Blattes: ..Die Rohstoffbeschaffung wird immer mehr und mehr zu einer dringenden Notwendigkeit... Die deutsche Ausfuhr dient nicht nur zur Erhaltung der deutschen Industrie, sondern bildet die Lebensfrage für den hanseatischen Handel und unsere Schiffahrt... Die in Auswirkung der außerordentlich einschneidenden Maßnahmen des ,, Neuen Planes" einsetzende Abwanderung des deutschen Transitgeschäftes nach Amsterdam, Lon don, Triest und Gdingen nimmt von Woche zu Woche immer bedrohlichere Formen an; zusehends wird der in dieser volkswirtschaftlich hochbedeutsamen Sparte unseres Außenhandels tätige deutsche Kaufmann von seinen ausländischen Wettbewerbern aus dem Felde geschlagen... Viel, sehr viel ist in den letzten Wochen über dieses Thema geschrieben worden, noch zahlreicher waren die Appelle der Kaufmannschaft selbst an die zuständigen Reichsstellen; aber keine Mühe kann zu viel, kein Opfer zu groß sein, wenn sie dazu beitragen, einen Weg aus dieser S a ckgasse herauszufinden. Denn was hier auf dem Spiele steht, sind keine Eigen- oder Sonderinteressen, sondern unersetzliche Werte der gesamten Volkswirt. schaft, die sichtbaren Ausdruck finden in den arbeitsbeschaffenden Funktionen des Transithandels... Worauf es heute in allererster Linie ankommt, ist, daß bald etwas geschieht, bevor es zu spät ist." Krefelder Fehlbetrag Eine Nachprüfung des Krefelder Haushaltplans hat gezeigt, daß der bei seiner Aufstellung bekanntgegebene Fehlbetrag von 574 000 Mark überschritten wird; das Rechnungsjahr 1934 schließt voraussichtlich mit einem Fehlbetrag von 881000 Mk. ab. Die Steigerung ist in erster Linie auf den erhöhten Bedarfszuschuß des Wohlfahrts- und des Bauwesens zurückzuführen. Der Wohlfahrtshaushalt erfordert rund 291 000 Mark Mehrzuschuß, wovon allein 280 000 Mark durch den Minderzuschuß des Reichs verursacht werden. Das Bauwesen verlangt einen erhöhten Zuschuß von 121 000 Mark. Schulwesen meldet dagegen einen Minderbedarf von 95 000 Mark an, der auf Einsparung und stärkeren Schulgeldeingang zurückzuführen ist. Das Saarbrücken.. Dienstag, 27. November 1934 Die Finanzierung der Arbeitsbeschaffung Vor kurzem hat in Aachen der Reichsminister der Finanzen, Graf Schwerin von Krosigk, über das Thema ..Oeffentliche Finanzen und Wirtschaft" gesprochen. Er versuchte, die demagogische Arbeitsschlacht der Hitlerregierung zu verteidigen und erklärte u. a., daß das Geld für die Finanzierung der Arbeitsbeschaffung in Wechseln von den Sparkassen und Banken, vor allem von der Reichsbank, gegeben worden sei. Die Einlösung dieser Wechsel belastet zwar die kommenden Jahre, aber angeblich sei die Rückzahlung der Wechsel durch die Ersparnisse aus Aufwendungen zur Arbeitslosenhilfe und Steuermehreinnahmen aus der Wirtschaftsbelebung gesichert. Auf dem Gebiete der Finanzwirtschaft" rief der Minister aus werden wir bestimmt nicht pleite gehen." Durch diese Rede ist neuerdings das Problem der Arbeitsbeschaffung und ihre Finanzierung neu aufgerollt worden. Wir haben an dieser Stelle wiederholt gezeigt, daß die heutigen Schwierigkeiten, die sich in dem Devisenmangel, in der Rohstoffknappheit und in der Preissteigerung offenbaren, ihren Ursprung einerseits in der Blubopolitik des Hitlerregimes, andererseits aber in der verantwortungslosen Arbeitsbeschaffungspolitik haben. Um sich darüber klar zu werden, daß diese Arbeitsbeschaffung die heutigen katastrophalen Zustände herbeiführen mußte, und daß diese Arbeitsbeschaffung, im Gegensatz zu den Behauptungen von Schwerin- Krosigk, die Gefahr eines finanziellen Zusammenbruchs in sich birgt, wollen wir in nachfolgenden Beiträgen, die grundlegend über die Arbeitsbeschaffung und ihre Finanzierung einen Ueberblick geben, nachweisen. Das Urteil über den volkswirtschaftlichen Wert oder Unwert der verschiedenen Arbeitsbeschaffungsmethoden hängt. oft von der Art ihrer Finanzierung ab. Es ist klar, ein Land, das über große Steuerreserven verfügt, kann bei der Arbeitsbeschaffung anders vorgehen als ein Land, dessen Steuern schon ohnehin sehr stark angespannt sind. Ein Land, das einen sehr ergiebigen Kapitalmarkt hat, kann große öffentliche Arbeiten durch Aufnahme von Anleihen finanzieren. Ein Land, das im Ausland guten Kredit hat, kann sich mit Auslandsanleihen helfen. Hitlerdeutschland konnte das alles nicht: seine Steuern waren ohnehin überspannt, die Auflegung innerer Anleihen kam nicht in Frage, weil die Be. völkerung dafür weder Geld noch Vertrauen hatte, und an die Aufnahme von Auslandskrediten war noch weniger zu denken, weil Deutschland nicht einmal seine alten Auslandsschulden verzinsen und zurückzahlen kann. So waren die normalen Finanzierungsmethoden der Arbeitsbeschaffung Deutschland verschlossen. Es mußte andere, gefährlichere Wege gehen und es ging sie. Im wesentlichen muß man folgende Finanzierungsmaßnahmen unterscheiden: 1. Die Arbeits beschaffungswechsel. In der deutschen Konjunkturforschung wird der Mut zur Neuverschuldung" bewundert, den das Reich aufgebracht hat. Auf die Frage eines ausländischen Journalisten nach der Finanzierung, antwortete Reichsfinanzminister Graf Schwerin- Krosigk mit burschikoser Offenheit:„ Wir haben das Geld gepumpt." Auf die gleichzeitig simple und doch schicksalhafte Frage: woher hat Herr Schwerin- Krosigk das Geld gepumpt?, lautet die schlichte Antwort: das Geld, das der Staat zur Arbeitsbeschaffung und zur Rüstung gepumpt hat, ist noch gar nicht vorhanden. Es soll erst im Verlaufe der Konjunkturankurbelung realisiert werden. Der technische Weg zu diesem Die Rohstoffschwierigkeiten der Baumwollindustrie Den sehr gedämpft lautenden Berichten der Verbände der deutschen Baumwollspinnereien und-webereien zufolge habe auch im Oktober eine rege Nachfrage angehalten, jedoch konnte sie infolge des Rohstoffmangels nur zu einem ge. ringen Teil befriedigt werden. Der Beschäftigungsgrad ist dem gemäß im Vergleich zum September zurückgegangen. In der Baumwoll- Spinnerei hätten trotzdem größere Betriebseinschränkungen vermieden werden können, da die knappen Devisenzuteilungen durch vermehrte Tausch- und Kompensationsgeschäfte in Baumwolle und durch die Ausspinnung feinerer Nummern sowie durch vermehrte Herstellung von Mischgespinsten einen Ausgleich gefunden hätten. Im Gegensatz hierzu heißt es aber, daß sich im Hinblick auf die Abhängigkeit von Beschäftigungsgrad und Lieferungsmöglichkeit der Webereien von der ausreichenden Garnversorgung selbst eine durch die Faserstoffverordnung eingeschränkte Beschäftigung nur dann aufrechterhalten lassen werde, wenn es gelinge, die Spinnereien in genügendem Umfange mit Rohbaumwolle zu versorgen. Was die Ausfuhr anbetrifft, so berichtet die Baumwollspinnerei, daß für Exportaufträge bevorzugte Baumwoll- Einkaufsgenehmigungen erteilt würden. Die Baumwollweberei anderseits klagt über die bekannten Ausfuhrhemmnisse, jedoch sei es trotzdem gelungen, da und dort im Auslande wieder festen Fuß zu fassen. Angesichts der steigenden Schwierigkeiten in der Baumwollversorgung sind vermehrte Versuche zur Beschaffung dieses notwendigen Rohmaterials im Gange. Mit Amerika wird zur Zeit wegen des Bezuges von 500 000 Ballen Baumwolle verhandelt, man will jedoch deutscherseits hierfür auf dem Wege der Verrechnung über Ausländer- Sonderkonten als Gegenleistung nur mit deutschen Waren bezahlen, da für Einkäufe in Amerika keine ausreichenden Devisenbeträge zur Verfügung stehen. Ob diese Verhandlungen, die übrigens bereits seit vielen Monaten laufen, zum Ziele führen werden, hängt nicht zuletzt davon ab. ob die amerikanische Zollbehörde bereit ist, die über Ausländer- Sonderkonto zu erwerbenden deutschen Waren ohne Anwendung der Antidumping- Bestimmungen nach Amerika hereinzulassen, eigenartigen Pumpverfahren ist die Ausgabe der Arbeitsbeschaffungswechsel. Auch in der Privatwirtschaft wird ein großer Teil der Produktion durch Wechsel oder andere Formen des kurzfristigen Kredits finanziert. Aber der Unternehmer entschließt sich zu einer solchen Vorfinanzierung nur, wenn er begründete Aussicht hat, durch den Absatz der so finanzierten Produktion in kurzer Frist die Mittel zur Einlösung der Wechsel hereinzubekommen. Das Reich aber hat mit den Arbeiten finanziert, wie Arbeitsbeschaffungswechseln Straßenbauten, Rüstungsproduktion usw., die nicht verkäuflich sind und die infolgedessen die Kosten nicht ebenso automatisch hereinbringen. wie es bei den Handelswechseln der Fall ist. Die Wechselausgabe des Reichs beruht vielmehr auf einer sehr gewagten Spekulation: es hofft, durch die Arbeitsbeschaffung die Wirtschaft derart anzukurbeln, daß die Steuererträge automatisch steigen und die Einlösung der Wechsel ermöglichen. Ob diese Spekulation gelingt von 1935 ab müssen jährlich über dreiviertel Milliarden eingelöst werden, das ist die große Zukunftssorge des Reichsfinanzministers. 2. Die Inanspruchnahme der Sparkassen und Ver. sicherungsanstalten. Neben den Arbeitsbeschaffungswechseln hat sich das Regime in aller Stille andere Finanzierungsquellen für die Arbeitsbeschaffung erschlossen, die nicht geringere Gefahren für die Zukunft in sich bergen: die Sparkassen und öffentlichen Versicherungsanstalten sind im großen Maße gezwungen worden, sich an der Finanzierung der Arbeitsbeschaffung zu beteiligen. Das Regime verheimlicht die Höhe der Summen; sie müssen aber bedeutend sein. Die Gefahr entsteht in dem Augenblick, in dem das Sparerpublikum aus irgendwelchen Gründen auf eine Rückzahlung seiner Sparguthaben drängt und die Rückzahlung dann nicht erfolgen kann, weil das Geld zum großen Teil in Straßen, Kanälen, Thingplätzen verbaut ist. 3. UnterDer Abbau der öffentlichen stützungen. Durch den brutalen Abbau der Arbeitslosenunterstützung, den das ,, dritte Reich" durchgeführt hat, müssen sehr große Mittel freigeworden sein. Natürlich werden darüber keinerlei vollständige Zahlen veröffentlicht, aber man weiß, mit welcher Schärfe die Unterstützungsempfänger gesiebt" worden sind, wie insbesondere die Wohlfahrtsunterstützung zusammengestrichen und auf dem flachen Land überhaupt beseitigt worden ist.( 1932 wurden nur 10 Prozent aller Arbeitslosen nicht unterstützt, 1933 34 dagegen 22 bis 23 Prozent.) Bekannt sind nur die Einsparungen beim Reich und bei der Reichsanstalt, nicht dagegen die noch bedeutenderen Kürzungen der Gemeinden an Wohlfahrtsausgaben. Die Reichszuschüsse für die Arbeitslosen sanken von 885 Millionen 1932 auf 264 Millionen 1934. Die Reichsanstalt nahm 1933 rund 1550 Millionen an Beiträgen ein. Davon verwendet sie aber nur rund 600 Millionen für die Unterstützung der Arbeitslosen( Versicherung, Krisenund Kurzarbeiterunterstützung), 200 Millionen für Arbeitsbeschaffung und Landhilfe, während 700 Millionen an das Reich abgeführt werden! Wenn man bedenkt, daß von der Republik über drei Milliarden jährlich für die Unterstügung der Erwerbslosen aufgewendet worden sind, kann man sich ein Bild von dem Umfang der Einsparungen machen, die durch diese Methode erzielt und wenigstens zum Teil für Notstandsarbeiten und Rüstungsbauten verwendet worden sind. ( Schluß folgt.) Die Ausplünderung des Arbeiters ,.Durch die Selbsthilfeeinrichtung der Deutschen Arbeitsfront( DAF.) soll jedem ihrer Mitglieder die Erhaltung der Existenz im Falle der Not gewährleistet werden." So sagt Adolf Hitler. Wir sind dem offiziellen Organ der DAF.. „ Der Deutsche", zu allergrößtem Dank verpflichtet, daß es endlich einmal etwas sagt über die Verwendung der bei der DAF. eingehenden Gelder und damit über die Mitwirkung der DAF. bei der Erhaltung der Existenz ihrer Mitglieder im Notfall". Mit Stolz und Freude meldet nämlich die DAF., daß sie in einem Vierteljahr fast eine Million Beihilfen" ausgezahlt hat.( Arbeitslosenunterstützung, Alters- und Invalidenhilfe, Sterbegeld, Notstandsbeihilfe usw.) Auf das Jahr berechnet ergibt dies 4 Millionen an Unterstügungen. Demgegenüber stellen wir in aller Bescheidenheit fest, daß die freien Gewerkschaften z. B. im Jahre 1931 an Unter. stügungen 109 888 848 Mark auszahlten. Sogar in einem Jahre verhältnismäßig guter Konjunktur, d. h. 1929, belief sich dieser Betrag auf 86 Millionen Mark. Dazu gaben die freien Gewerkschaften im Jahre 1931 noch 10 Millionen Mark für Arbeitskämpfe aus, eine Summe, die im wirtschaftsfriedlichen dritten Reich" direkt den Arbeitern zugutekommen müßte. Dabei hatten die freien Gewerkschaften nur zirka 4 Millionen Mitglieder, während die DAF. offiziell 7 Millionen( in schönen Reden sogar 19 Millionen) Mitglieder meldet. Die Beiträge an die DAF. schwanken zwischen 0.60 und 12 Mk. pro Monat. Wenn wir einen der unteren Grenze sehr nahen Durchschnittsbeitrag von 2 Mark nehmen, so müßten demnach monatlich 14 Millionen Mark, vierteljährlich 42 Millionen Mark und jähr lich 168 Millionen Mark eingehen. Und nun stelle man sich vor, daß die Menschenbeglücker des dritten Reiches" ihren eigenen Angaben zufolge z. B. an Notstandsbeihilfe, die doch in der nichtgewerkschaftlichen DAF. die Hauptsache sein müßte, im Vierteljahr ganze 71 589 Mark ausgezahlt haben( gegen zirka 1 Million der ehemaligen Gewerkschaften), an Stellenlosenunterstützung 422 834( gegen zirka 17 Millionen der ehemaligen Gewerkschaften). Was wird aus den schätzungsweise mindestens 160 Millionen restierenden Geldern der Beitragsleistung? Da sie nicht unter..Unterstützungen zu finden sind, kommen sie auf alle Fälle nicht den Arbeitern zugute. Das ist der ,, Sozialismus" des ,, dritten Reiches", Deutsche Stimmen Beilage zur Beilage zur Deutschen Freiheit" • Ereignisse und Geschichten Dienstag, den 27. November 1934 Werner Daja, Deutschlands Erwecker Aber er war aus Tarnopol und hieß... Er Vor dem Kriege saßen im Münchner Café Stefanie sehr originelle Menschen. An einem Tisch dozierte Otto Groß, der Assistent Siegmund Freuds, Psychoanalyse. Heinrich Gösch war einst sein Schüler gewesen. war ihm dann davongelaufen und nun unterrichtete er, ein paar Tische weiter, mehrere Literaten in der Theosophie Rudolf Steiners. Zwischen beiden Gruppen saßen die originellsten ,, Schlawiner". In München nannte man alles so, was sich literarisch betätigte, aber kein sicheres Einkommen hatte. Neben anderen saßen da John Gorsleben, Oberleutnant a. D., der berufslose Gelegenheitsschriftsteller Dietrich Eckardt und Werner Daja aus Riga. Ihr Hauptgespräch war die Rassentheorie. Man war damals schon überzeugt. daß Chamberlain und Gobineau längst überbolt seien, glaubte aber, dank der Ammon- und Woltmannschen Meßmethoden, die Rassenforschung auf eine wissenschaftlich exakte Methode gestellt zu haben, glaubte genau feststellen zu können, wer Arier, wer Nichtarier war. Werner Daja aus Riga paßte nicht ganz mit seinem Schädelindex in das Ariersignalement hinein, aber er war der leidenschaftlichste Prophet der arischen Hochwertigkeitsund der semitischen Minderwertigkeitstheorie. John Gorsleben brauchte er davon nicht erst zu überzeugen. Dieser blondköpfige, blauäugige Athlet ging wie eine Demonstration der Ariertheorie herum und er hörte es auch gern, wenn man auf ihn zum Beweis für ihre Richtigkeit exemplifizierte. Mit Dietrich Eckardt war es anders. Der Mann hatte zwar Augen, Nase, Ohren, Schädelindex nach Vorschrift, und er hatte zudem Vor- und Vatersnamen nach echtesten deutschen Heldensagen, aber überzeugt von der Rassentheorie war er doch nicht. Er hatte zu viel von der Welt gesehen, um Völker und Vaterländer in eine Art Schülerrangliste mit Note eins bis fünf unterzubringen. Aber Werner Daja redete in ihn und alle, die in die Schußnähe seines Mundwerks kamen, hinein, was ihm die Genien von Walhall nur so eingaben. Es gelang ihm auf diese Weise doch, den Skeptiker zu bekehren. Der Skeptiker wurde rasch ein fanatischer Eiferer. Er dankte Werner Daja zerknirscht und beglückt für die Erlösung vom Irrtum. Der Krieg wirbelte die Bohemiens auseinander. Gorsleben und Eckardt verschwanden zu ihren Truppenteilen. Daja meldete sich als Freiwilliger. Nach ein paar Tagen erschien er in Ulanenuniform im Café Stefanie. Bevor er ins Feld zog, verrichtete er eine Heldenleistung. Er traf Erich Mühsam auf der Ludwigstraße und stellte ihn sofort zur Rede. ,, Was denken Sie über die deutschen Siegesaussichten? Glauben Sie an die Schuld Deutschlands bezüglich Kriegsausbruch?" Auf die erste Frage antwortete Mühsam sokgatisch: ,, Ich weiß nicht!" Ueber die Schuld am Kriege wollte sich Mühsam diplomatisch ausdrücken: ,, Wirtschaftliche Rivalitäten... der eine wie der andere... usw." Plötzlich hatte Mühsam einen Faustschlag weg. Er stürzte. Der Ulan schlug weiter auf die 97 Pfund ein, die sein Gegner für den improvisierten Boxkampf auf der Ludwigstraße mitbrachte. Daja zog ins Feld. Lange hörte man nichts von ihm. Ende November kam Nachricht. Dem berühmten Freiwilligenkorps unter Liszt angeschlossen, habe er bei Dixmuiden das Schicksal fast aller Kameraden dieses Korps geteilt. Nach Weißgerber, Klein, Pfeil, Meyer und anderen Kaffeehausgrößen sei nun auch Werner Daja gefallen. Nach dem Krieg kehrte Dietrich Eckardt sofort nach München zurück. Er gründete den ,, Völkischen Beobachter". Er, nicht Hitler, wie man heute gewöhnlich glaubt. Selbstverständlich vertont er die Rassentheorie jetzt noch fanatischer als ehemals, nur beutete er sie nunmehr fast ausschließlich für die Judenhete aus. Gorsleben geriet in den Ludendorff- Kreis und hat ihn erst den heidnischen Einschlag gegeben. Kurz vor dem Putsch starb er an der Grippe. Im Sommer 1923 wurde eine Reihe von Hochverratsprozessen vor dem Münchner Volksgericht verhandelt. Manchmal spielten dabei Devisenschiebungen eine Rolle. So war es auch bei dem Prozeß Fuchs- Machhaus. An einem Wendepunkt des Prozesses stellte der Verteidiger. Graf von Pestalozza, den Antrag, den Schriftsteller Werner Daja aus Riga zu vernehmen. Einige Journalisten fuhren zusammen! Stehen die Gefallenen wieder auf! Sein Geist? Sein Körper? Pestalozza kannte sich bei den Münchner Bohemiens aus. Er wußte um das Gerücht um seinen Heldentod und warf den Iournalisten einen vielsagenden Blick zu. Der bedeutete: Werner Daja? Hei lewet noch! Der Staatsanwalt widersprach. Er fügte hinzu, daß Daja zur Zeit unauffindbar sei. Pestalozza replizierte:.Daja müsse gefunden werden, ohne ihn seien die Unklarheiten der Prozeßlage nicht aufzuhellen." Das werde wenig helfen, entgegnete der Staatsanwalt. Daja sei auch für ihn in einer anderen Sache nicht zu ermitteln. ,, Uebrigens möchte ich den Herrn Verteidiger darauf aufmerksam machen, daß besagter Werner Daja aus Riga ein solider Isidor Karfunkelstein aus Tarnopolist." Daja- Karfunkelstein war, darüber gibt es keinen Streit, der Lehrer von Dietrich Eckardt in Sachen Rassentheorie. Der Dietrich Eckardt hat die Weisheiten Karfunkelsteins dem Hitler beigebracht. Ohne die Juden kann eben auch der Hitler in eigenster Sache nicht klug werden. Die Tragödie der deutschen Jugend Ein Vortrag Ueber die Tragödie der deutschen Jugend sprach am 15. November in der Pariser Universität der Schriftsteller Ernst Erich Noth, Verfasser verschiedener Romane, darunter am bekanntesten..Die Mietskaserne". und sein jüngstes bereits in verschiedene Sprachen übersetztes Werk Die Tragödie der deutschen Jugend". Der Abend war mehr als ein Vortrag oder eine Lesestunde. Er war das erschütternde Bekenntnis eines Mannes, der, selbst noch jung, die ganzen Phrasen der deutschen Jugendbewegung miterlebt hat, angefangen von den Jugendbünden der Vorkriegszeit bis zu den Jugendpflege treibenden und politischen Organisationen der republikanischen Periode und Gegenwart. So erlebten wir in der deutschen Jugendbewegung als kulturelles Phänomen zuerst den vitalen Aufbruch, vor allem im Wandervogel" als bewußter Träger einer Kultur der Jugendlichen im Kampf gegen die unwahren, vermoderten Zivilisationsformen der Erwachsenen in Schule, Haus und Leben. sie ein Instrument nur war und heute noch ist. Diese im Grunde idealissche, wahrheitssuchende, kämpfende deutsche Jugend wird heute in der Hitlerjugend, im Arbeitsdienst, in SA. und SS. trotz aller früher vorhandenen Weltbildunterschiede in den Jugendbünden nicht nur in ihrer inneren Reinheit zerstört, sondern geistig und materiell bis zum Letten ausgebeutet, eine Jugendmiliz wird organisiert, der ganze Byzantismus des dritten Reiches" in die deutschen Jugendheime und-herbergen verpflanzt, wo früher der freiheitliche Geist der Jugendbewegung herrschte. Der ganze Apparat Goebbelsscher Propaganda wird aufgeboten, um in der Jugend den ihr eigenen Mythusglauben wachzuhalten im Sinne eines sicheren nationalsozialistischen Nachwuchses. Sehr viele sind jedoch enttäuscht worden. Dies also war das in der Ferne leuchtende, verheißungsvolle dritte Reich", das doch auch Sozialismus predigte?! Das war also jene in der Zukunft winkende glückliche Epoche ohne Klassengegensätze, in der trots aller Versprechungen weder Bank- und Börsenkapital ausgeschaltet noch der maßgebliche Einfluß der Groß- und Rüstungsindustrie gebrochen war, in der ein neues Junkertum und übelster Militarismus sich breit machten?! Man war mit dem Begriff Volksgemeinschaft hausieren gegangen, und nun war die Jugend enttäuscht durch ein Regime der Barbarei und Konzentrationslager, der Verbonzung und bis zum Wahnwit getriebenen Verflachung auf allen kulturellen Gebieten. Welch kostbares und heiliges Gut war einst der deutschen gisch geschickt äußerlich die Formen der Jugendbewegung Jugend die Freiheit erschienen! Zwar werden psycholomit Fahrt, Nestabend, Wimpel und Landsknecht liederromantik gewahrt. Aber keine freie Entfaltung findet mehr statt. Alles wird von oben" befohlen und angeordnet, und Eintopf Ballade ... wurde der Bamberger Gastwirt E. in Schuthaft genommen, weil er das Eintopfgericht sabotiert und in Zusammen. hang damit den Reichskanzler beleidigt habe...( Aus der Nazipresse.) Zu Bamberg. dieser guten Stadt, die einen Dom nebst Reiter hat, da lebte brav, tat keinem weh der Gastwirt E. Stets dient mit ruhigem Gewissen er kulinarischen Genüssen, darob war seine Kundschaft froh. Er ebenso. 213/ Was andres war ihm gänzlich gleich.. So hielt ers auch im ,, dritten Reich". Wenn man bei ihm nur aß und zecht, war es ihm recht. Was Wunder, wenn Herr E. voll Gram die Mär vom Eintopftag vernahm. als fränkischer Suppenkasper spricht: ..Ich eẞ' ihn nicht!" ..Der Hitler," schrie er dann voll Zorn. ... der kann mir hinten, als auch vorn einmal an meinem Eintopf lecke...! Eintopf verrecke!" Der Gastwirt E., in seiner Zelle, ist immer noch nicht richtig helle, sonst wüßt er: was sein Führer tut, ist gut. ( Selbst, wenns ihm nicht verständlich ist) Denn Adolf ist ein Sozialist!!! Und wem nicht paßt der Eintopf- Dreh gehts wie Herrn E.! Ein unerfreuliches Buch Bert May ,, Justizm ord a m Catilina" nennt sich eine Schrift von Botho Laser's téin,*) die über den im Titel bezeichneten Stoff hinaus Aufklärung über das Wesen des Justizmordes und der Provokation( Lockspigelei) im allge. meinen zu geben behauptet. Leider mit vielfach sehr unzulänglichen Mitteln. Wir sind nicht Philologen genug, um die Auffassung Lasersteins von der heldenhaften Befreierrolle des vielgeschmähten Catilina und der völligen Nichtsnutig keit des Besitzschützers, des gefeierten Redners Cicero. die schon vor vielen Jahrzehnten Engels, Gottfried Kinkel und andere vertreten haben, im einzelnen nachzuprüfen. Aber soweit wir die Sache übersehen, sind wir geneigt, seinem auf reichliche Tatsachen gestützten Urteil hier im wesentlichen zuzustimmen, ohne doch die Reinheit Catilinas wie irgend eines der Helden" in jenem von oben bis unten verkommenen Zeitalter Roms zu glauben. an Auch einige sonstige Berichte des Büchleins, so die über Nero als Brandstifter mit seinen merkwürdigen Parallelen zu Görings Reichstagsbrand und über Fouquier- Tinville, den dienstwilligen Staatsanwalt des Revolutionstribunals in der Schreckenszeit der französischen Revolution, sind lesenswert, andere, wie die über Börne und die Affäre Dreyfus, unzulänglich und unbedeutend Noch mehr gilt das von den allgemeinen Urteilen und Theorien, die oft oberflächlich und verworren sind. So sind die klar und unterscheidbaren Tatbestände des verzeihlichen Justizirrtums. der auf Voreingenommenheit fußenden, also fahrlässigen Partei- und Klassenjustiz und des böswillig, wider besseres Wissen verübten Justizmordes völlig durch einandergeworfen. Sokrates, der als Gegner der Demokratie und Erzieher ihrer Feinde vom Standpunkt der Justiz seiner Zeit aus kein schweres Unrecht erlitten hat, wird als Opfer eines Justizmordes, Hödel und Nobiling, die in verworrener Geistesverfassung aber subjektiv aus ihrer törichten Gesinnung heraus gehandelt haben, als Provokateure bingestellt, eine Reihe geschichtlicher Tatsachen und Zahlen sind ganz falsch angegeben, und was des Unsinns mehr ist. Ganz scharf abzulehnen aber ist die Roheit, mit der L. religiöse und geschlechtliche Fragen, zu deren Beurteilung ihm offenbar völlig die Reife fehlt, abzutun vermeint. Und eine freche Lüge ist die Behauptung. Rosa Luxenburg sei ,, von sozialdemokratischen Ministern mittels eines Kopfpreises hingemordet" worden. Wer solche Lügenmärchen erfindet oder nachtratscht, blamiert mit sich die Partei, der er dienen will. Herr Lasenstein sollte sich, wenn er Geschichte schreiben und Rechtsfragen beurteilen will, neben ausreichneder Kenntnis der Tatsachen, auch den Ernst und den Anstand zulegen. den man von einem Schriftsteller fordern muß, der das ProleEckart. tariat belehren will. *) Paris VI, Nouvelles Editions Latines, 1931. Von Politik wollte diese Jugend noch nichts wissen. Dann aber kam das Kriegserlebnis als gewaltiger Wendepunkt. Das soziale Problem wurde nach dem Krieg das Kernproblem im Leben der deutschen Jugend. Im Kampf gegen das Alte, Morsche, Vergreiste suchte die Jugend ein neues Ziel, revolutionär, in stetem Sturm und Drang, hungrig nach einer gesellschaftlichen Neuordnung, nach einer neuen Moral, die gut, wahr und echt war, die ihrem jugendlichen, ehrlichen Aktivismus entsprach. Die Weimarer Republik hat die Jugend nie begeistern können, ein Argument, das ihre Gegner, vor allem die Nazis, häufig gegen sie anführten und heute noch vorbringen. Lag das an dem neuen Staat, an seinen neuen Zielen, Aufgaben und Taten? Nein! Wären überall die richtigen Persönlichkeiten mit innerer Jugendlichkeit und dem ihr eigenen konsequenten Aktivismus am richtigen große Massen der unkritischen Jugend, vor allen Dingen die, Neue Oper von Richard Strauß Play gestanden, die Jugend wäre ihnen begeistert gefolgt. Sozial ist sicher allerhand für sie geschehen. auch wenn fast niemand von den Jungen die Verfassung und den in ihr entbaltenen Gest studiert hatte. Aber es wurde auch schwer gesündigt an ihr. Die inneren metaphysischen Kräfte blieben unbefriedigt, ihrem Eigenleben wurde zu wenig Rechnung getragen, was sich die Staatsfeinde reichlich zunute machten. Die sozialen Krisen der Inflation und der Weltwirtschaftskrise trieben die Jugend mitten hinein ins politische Leben. Hier fand sie ein Feld, wo sie in ihrem grenzenlosen Aktivsmus Taten zu verrichten hoffte. Der Kampf gegen das kapitalistische Wirtschaftssystem, als Quelle allen sozialen Elends erkannt, wurde von der übergroßen Mehrheit der deutschen Jugend aufgenommen. In allen antikapitalistischen Lagern sammelte sie sich, bei den Kommunisten, Sozialisten und National..sozialisten". Bei den letzteren fand sie jene Führerromantik, jenen Irrationalismus und revolutionären Aufbruch wieder, der ihr stets eigen war. Sie merkte nicht, wie sie mißbraucht und bei allen Wahlen zum Stimmvich erniedrigt wurde, wie die den Krieg nicht kennen, folgenden Fahnen einer despotischen Diktatur, die so unsozial, so undeutsch, so unrevolutionär ist und damit dem Ideal der Jungen nicht mehr entspricht. Die Revolution wurde für abgeschlossen erklärt und ein Futterkrippen- und Parteibuchstaat im übelsten Sinne und nie geahnten Ausmaßes tut sich auf, in dem eine arbeitslose, hungernde, einst hoffnungsfreudige Jugend heranwächst. Welches wird die Zukunft dieser Jugend sein? Trotz der Erkenntnis, welch erbärmlicher Mißbrauch mit ihr getrieben wurde und wird, tastet sie unstet nach einem neuen Ziel und neuen Formen. Wird die Jugend in einem neuen Freiheitskampf gegen den größten Verrat, der je an ihr begangen wurde, gegen die größte Kulturschande der Zeit einst auftreten? Wir hoffen und glauben es. Ernst Erich Noth hat sich mit seinem Vortrag und seinem Buch ein Verdienst erworben. Das bewies der sehr starke Beifall aller Hörer. Wer ihn als Deutscher mit anhörte, der fühlte: was er hörte, war ein großer Teil seines eigenen Lebens, seine eigene Tragödie einer deutschen Jugend, Die neue Richard- Strauß- Oper, Die schweigsame Frau" wird nach einer Mitteilung der Generalintendanz der sächsischen Staatstheater im nächsten Frühjahr unter der Stabführung von Generalmusik direktor Dr. Karl Böhm in der Dresdener Staatsoper zur Uraufführung gebracht wer. den. Richard Strauß ist zur Zeit mit der Instrumentierung der beiden legten Akte der genannten Oper beschäftigt. Die schweigsame Frau": vermutlich ein Thema, zu dem Strauß vom ,, dritten Reiche" angeregt worden ist. Professor Hoerth Berlin. Professor Dr. Franz Ludwig Hoerth. Oberspiel leiter der Berliner Staatsoper und Professor an der Hochschule für Musik, ist am Dienstag gestorben. Als Sohn eines Schriftleiters 1883 in Frankfurt a. M. geboren, studierte er in Heidelberg, München, Freiburg, Erlangen und Berlin, um sich dann dem Musikstudium zuzuwenden. 1913 war er Oberregisseur an der MetropolitanOper in Neuyork Völker in Sturmzeiten Nr. 79 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Dienstag, 27. November 1934 Aus dem Zellengefängnis Otto von Briefe aus bewegter, schwerer Zeit 1848-1856 Corvin Zu den interessantesten Gestalten der Revolution von 1848 gehörte Otto von Corvin. Er wurde 1812 in Gumbinnen in Ostpreußen als Sohn eines Postdirektors geboren. 1830-35 diente er als preuBischer Leutnant erst in Mainz, dann in Saarlouis. Nachdem er seinen Abschied genommen, nahm der geistig vielseitig interessierte junge Mensch an den Bewegungen des Vormärzes lebhaften Anteil- als leidenschaftlicher Republikaner und Demokrat. 1848 kämpfte er in den Reihen der Aufständischen in 3aden. Im Mai 1849, als die Gegenrevolution die Oberhand gewann, verteidigte er als Bürgerwehroberst Mannheims die Stadt gegen die Preußen. Als Chef des Generalstabes suchte er dann die Festung Rastatt zu halten. Nach ihrer Uebergabe wurde er standrechtlich zum Tode verurteilt, kurz vor der Erschieẞung zu sechsjähriger Festungshaft begnadigt. Ir seinen„ Erinnerungen" schildert er, wie diese Begnadigung eintraf, als schon alles für die Erschießung vorbereitet war. Diese sechsjährige Festungshaft hat er bis zur letzten Stunde abbüßen müssen. Er hat in diesen Jahren viel gelitten.. Aber liest man die Briefe, die er an seine Frau geschrieben hat, so wird man finden, daß der damalige Strafvollzug( für einen Rebellenführer, der mit der Waffe ergriffen wurde!) immer noch human war, verglichen mit den Zuchthäusern, Gefängnissen und Konzentrationslagern, in die achtzig Jahre später das dritte Reich" seine Gesinnungsgegner sperrt. Wir veröffentlichen eine größere Anzahl der Briefe Corvins. Sie sind seinem längst vergriffenen, 1884 erschienenen Buche Aus dem Zellengefängnis" entnommen. Es sind menschliche Dokumente von tragischer Größe und mit bemerkenswerten Einblicken in die politische Situation nach 1848 darunter. Vor allem den Briefwechsel mit seiner Frau wird jeder Mitfühlende mit tiefer Anteilnahme lesen. on Corvin hat nach seiner Entlassung eine vielseitige schriftstellerische Tätigkeit ausgeübt. 1861 erschienen seine vierbändigen Erinnerungen". Die Reihe seiner Geschichtswerke ist lang. Am bekanntesten ist er durch den Pfaffenspiegel" geworden, der in den weltanschaulichen Kämpfen der Vorkriegszeit eine gewisse Rolle spielte. Im Jahre 1886 endete sein reiches und abenteuerliches Leben. 8. Fortsetzung Vor Weihnachten Freitagabend. Heute wieder kein Brief! Ich will Dir nur gute Nacht sagen, denn wenn ich mehr schriebe, möchte ich leicht bitter und ungerecht werden. Du scheinst keine Ahnung davon zu haben, was Zellengefängnis heißt, denn wüßtest Du, mit welcher Sehnsucht ich auf einen Brief hoffe, Du würdest mich nicht so lange warten lassen. www Samstagabend. Der Herr Direktor war so freundlich und brachte mir selbst Dein Sträußchen, sobald es ankam und ich habe es gleich in Wasser gestellt. Deinen Brief habe ich noch nicht, da er erst gelesen werden muß. Du kannst nicht glauDeine Bluben, mit welcher Ungeduld ich darauf warte. men stehen in einem kleinen Töpfchen vor mir. Eine jede hast Du für mich gepflückt und in der Hand gehabt und dabei an mich gedacht. Durch nichts konntest Du mir eine größere Freude machen! Die fünf, sechs Fliegen, welche mir Gesellschaft leisten, haben sich auch schon darüber gefreut und das ganz deutlich zu erkennen gegeben. morgen um diese Zeit, I welche Freude überall! UeberWo werdet Ihr nun beisammen sein? Du meine arme Helene wirst Dich oft wegstehlen und heimlich eine Träne abtrocknen!! Der alte General v. Meyern pflegte immer zu sagen: ,, Es hat alles einen Anfang und ein Ende" und dies Sprichwort und Henselers Appells haben mir mehr Geduld gegeben als alle Philosophie. Meine Gefangenschaft wird ja wohl auch ein Ende nehmen und ist H's. Vermutung begründet, so bin ich fast auf dem Gipfel des Berges und das Heruntersteigen wird dann nicht mehr so schwer. War es nicht an dem Weihnachtsabend, wo Minnas Verlobung war, als Du mich in meiner Wohnung durch so schöne Geschenke überraschtest?- Nachher ging ich zu einer andern Bescherung. Teichs, Trost, Rethel, Rustige, Lasinski und all die Maler, kurz die berühmte Tischecke aus der Stadt Ulm, wir hatten uns einen ungeheuern Weihnachtsbaum angezündet und beschenkten uns gegenseitig. Jedes Geschenk mußte von einem Gedicht begleitet sein. Das war wirklich schön, lustig und geistreich. Berthold Auerbach gehörte auch zu der Tischecke, dann Achenbach, Kapitän Backer, Dreißigacker usw. Ich glaube, es gab damals fünfzig Meilen in der Runde keinen geistreicheren Kreis. Nun Der gute Sallet fühlte sich darin gleich behaglich. ist Sallet schon lange tot!... Wenn Sallet noch lebte, würde er wahrscheinlich auch hier im Zellengefängnis sitzen. Das 36. Regiment hat schöne Offiziere erzogen: Sallet, Held, Corvin! Gewiß bilden sich die Offiziere ein, wir machten ihrem Regimente Schande! Das Offizierskorps hat doch merkwürdige Schicksale gehabt: Wir drei erstlich hatten Abenteuer genug; Asmuth ist tot; Hänel ward verrückt und starb; Gellhorn ersäufte sich; Lüdecke erschoß sich und Schlichten trank sich zu Tode, Axleben schreibt dicke Manuskripte über Morrisonsche Pillen! Axlebens Bruder vom 35. Regiment, der sogenannte schöne Frig", kommandierte bei dem Ausfall am 8. Juni ein Landwehrbataillon mir gegenüber. Das hatten wir uns auch nicht träumen lassen, wenn wir in Mainz Doch ich schwatze so viel Zeug, fröhlich beisammen saßen. was Dich wenig interessieren wird. Gute Nacht! Sonntagnachmittag, 23. Dez. Bald ist's wieder dunkel und dann kommt meine Freundin, die Nacht! Hätte man mich erschossen, so wäre alles vorüber. Dein Schmerz würde sich schon gemildert haben und ich fühlte nichts mehr. Da wir alle doch einmal, sterben müssen, kann ich den Tod gar nicht so schrecklich finden. Nachdem ich es nun selbst durchgemacht habe, scheint es mir höchst abgeschmackt, daß man in Romanen und Trauerspielen soviel Wesens dayon macht. Ja, läge es in der Natur des Menschen, ewig zu leben, dann wäre es etwas ganz anderes, dann wäre der gewaltsame Tod etwas Entsetzliches. Lassen mich die Demokraten nun zufrieden, oder gelte ich noch immer für einen Agenten der Regierungen? Die Menschen sind doch gar zu einfältig! Für die Gefahren, denen ich mich ausgesetzt habe, wäre das Zuchthaus gewiß keine Belohnung, die irgend jemand reizen würde. Am Weihnachts abend. Mein Weihnachtsbaum, ein Talglicht, brennt bereits und darunter steht das Geschenk, der kleine Blumenwelches Du mir schicken durftest strauß. Der Verwalter Arnold war eben noch bei mir; er war im Mantel und fertig zu seiner Familie zu gehen, die ihn gewiß mit Sehnsucht erwartet. Es ist das ein gar trauriger Gedanke zu wissen, daß heute so unendlich viele Menschen froh sind und man von dieser Freude ausgeschlossen ist, obwohl man sich trotzdem über das Glück der andern freuen sollte. Ich miẞgönne es ja auch niemand und wollte ganz zufrieden sein, wenn ich nur wüßte, daß Du heiter wärst, und doch würde mir das auch wieder nicht recht sein. Kurz, ein Gefangener ist ein kapriziöser Mensch, der nicht weiß, was er will und man muß Nachsicht mit ihm haben wie mit einem Kranken. Wenn Du diesen Brief erhältst, nun dann ist das Fest ja auch überstanden. Heute wird unsere Abendsuppe wohl etwas früher kommen und ich kann desto eher in das Bett, um von Euch zu träumen. Zu lesen hab' ich für die Feiertage nichts und muß mir die Zeit mit meinen Gedanken vertreiben, denn zum Schreiben kann ich keine Ruhe finden. Dein liebes Bild sehe ich den Tag über wohl hundert Mal an; aber der Ausdruck desselben ist so verzweifelt traurig, daß es mir die Tränen in die Augen treibt. Gute Nacht! Traum 26. Dez. morgens. Guten Morgen, meine liebe Helene. Ich habe Schmerzen an allen Ecken und Enden; allein ich bin doch guter Laune, denn ich war heut nacht bei Euch. Es wurden große Vorbereitungen zu einem Diner gemacht, die mich ungewöhnlich lebhaft interessierten. Außer andern Gerichten, die ich gerne esse, sah ich auch eine prächtige Steinbutte und andere köstliche Seefische. Eine sehr fette, weiß und graue Katze, welche geschlachtet war und ebenfalls gebraten werden sollte, erregte indessen mein entschiedenes Mißvergnügen. Held wird Dir umständlich erklären, daß es von einem kleinlichen Geist zeigt, solche kulinarische Träume zu haben; es ist nun aber so. Wenn ich wie er täglich fünfzehn feine Zigarren rauchte und gegen sechs Schoppen Kaffee tränke, gut zu Mittag und des Abends Austern äße, dann würde ich vielleicht auch etwas anderes träumen. Wenn mich der Doktor hier fragt, wie geht es? und ich antDer 30. Juni Wie es in der Welt so geht. Weiß man, was geschah? Und was auf dem Papiere steht, Das steht eben da. ( Goethe) worte mit lächelnder Miene: schlecht, so sagt er: nicht wahr, so ziemlich! Was will ich da machen? Zu jammern und zu heulen, wenn ich Schmerzen habe, liegt nicht in meiner Art und höchstens hast Du mich in den langen, schlaflosen unter Höllenschmerzen verbrachten Nächten wimmern hören. So arg ist es Gott sei Dank nicht; allein bei der Entbehrung aller Pflege und jeder Bequemlichkeit, die ich selbst im ... Der gesunden Zustande gehabt habe, arg genug. Doktor hat mich hier gefragt, welche Erleichterungen ich hauptsächlich wünschte? Allein außer einer zweiten wollenen Schicke Decke ist mir keine seitdem zuteil geworden. mir nur eine Schlafmüge: diese wird man mir wohl gestatten. Ich habe in meinem Leben keine getragen, allein jetzt setze ich nachts meine Maskenmütze auf, um nur etwas geschützt zu sein. Die Welt ist dumm, die Welt ist blind! Corvin an Held Mein lieber Held! Bruchsal, 25. Dez. 1849. Deinen Brief vom 10. habe ich erhalten, aber nicht gleich beantwortet, weil ich gar zu übler Laune war. Nein, ich täusche mich in Deinem Charakter nicht; ich kenne Dich nun bald zwanzig Jahre und da kann man wohl einen Menschen kennen lernen.. Wärst Du damals, als ich in Rastatt war, in Baden gewesen, so würdest Du sicher für mich sehr tätig gewirkt haben, das weiß ich alles. Wäre ich erschossen worden, so würdest Du mich betrauert haben, und gewiß dafür besorgt gewesen sein, daß mein Name in rühmlichem Andenken blieb. Hast Du mir já doch durch meine Frau die schönste Seite in unserer Weltgeschichte versprochen! Trot meiner Traurigkeit mußte ich damals darüber lachen. Helene sagte es mir, glaub' ich, zwei Stunden etwa vor meiner vermeintlichen Hinrichtung. Sei versichert. ich ver. sönlich mache mir aus dem Nachruhm auch nicht das allergeringste. Es ist mir durchaus gleichgültig, was die Nachwelt von mir sagt. Hab' ich so gehandelt, daß ich mit mir zufrieden bin, dann bin ich zufrieden; höchstens könnte dann allenfalls die Meinung der Lebenden einigen Wert für mich haben und das nur, weil man diese öffentliche Meinung für fernere Wirksamkeit braucht, aber keineswegs weil ich dem Urteil der Menge großes Gewicht beilege. Die Welt ist dumm, die Welt ist blind, Wird täglich abgeschmackter, Sie sagt von Dir, mein liebes Kind, Du hab'st einen schlechten Charakter. Von mir sagt sie, ich sei ein Verräter und wer weiß was noch. Hätte ich mir ein Dutzend Geschütze und tausend auserlesene Leute genommen, so hätte ich mit diesen höchst wahrscheinlich den Rhein erreicht, wenn ich zugleich, und zwar schon früh am Tage einen Ausfall nach einer andern Seite machen ließ. Am Rhein angekommen, warf ich mich mit meinem kräftigen Pferde in den Strom und gewann das französische Ufer, indem ich es den andern überließ, nachzukommen wie sie konnten. In der Verwirrung hätte kaum jemand meinen Egoismus dabei bemerkt, und die ganze Demokratie würde geschrien haben: ,, Seht den braven Corvin, der hat noch Mut, der schlägt sich durch und schwimmt durch den Rhein." Und hätte ich das getan, so hätte ich mir doch innerlich sagen müssen: Du Corvin bist ein infamer, nichtswürdig feiger Hasenfuß! Ich für meine Person, hätte mich stets retten können und so viel Klugheit traust Du mir wohl zu, daß ich dies vermocht hätte, ohne den Schein gegen mich zu haben. Ich schrieb jedoch Helene von Freiburg aus: Ich werde handeln wie es mir Ehre und Menschlichkeit und Klugheit gebieten und ich habe so gehandelt. Trotzdem daß man sich an die Versprechungen Gröbens nicht gekehrt nun Du hast ja mein Manuskript gelesen trotzdem, daß man eine Anzahl Personen erschoßbehaupte ich doch, daß das Unglück lange nicht so groß ist, als wenn wir den Versuch gemacht hätten, uns durchzuschlagen. Diese Urteile nügen der Partei, während eine glänzende Niederlage, die ganz unausbleiblich war, weit mehr geschadet haben würde. Ich kann mir also nur das beste Zeugnis geben; ich bin mit mir zufrieden und die Demokraten nennen mich feige oder gar Verräter!- Was sagen die Unparteiischen?- Ich bitte Dich, mache, daß mein Manuskript gedruckt wird. Es gibt wenigstens Licht, wenn auch die Demokraten nicht glauben werden, besonders da sie schlecht wegkommen. Darin, daß ich über tröstende Worte und ideale Ansprachen lachen würde, darin hast Du vollkommen Recht. Auf all die schönen Redensarten geb' ich gar nichts; und daß ich als Märtyrer für eine gute Sache leide usw., tröstet mich sehr wenig. Ich habe gar wenig Talent zum Märtyrer. Erreichte ich, oder nützte ich etwas durch mein Martyrium, dann ließe ich es mir gern gefallen, wenn es einmal nicht anders zu erreichen wäre; allein unter den obwaltenden Umständen betrachte ich meine harte Gefangenschaft als ein abscheuliches Unglück und nebenbei als eine schreckliche Zeitverschwendung. Daß Du mir hier nichts nützen würdest, hab' ich vorhergesehen und hättest Du mich um Rat fragen können, so würde ich Dich gebeten haben, in Frankfurt zu bleiben. Die Umstände, und noch mehr Deine Persönlichkeit sind jeder Wirksamkeit, die von Dir ausgeht, entgegen........ Ehrlich gestanden, mich hat Dein Abenteuer amüsiert und Du hast mir nicht im Mindesten leid getan. Wäre Dir ernstlich etwas Unangenehmes begegnet, nun so kannst Du wohl überzeugt sein, daß es mir sehr leid getan haben würde......... Deine Reise ist mir in anderer Beziehung lieb. Du hast das Zuchthaus gesehen und Dich von unserm harten Schicksal überzeugt. Deine Gefangenschaft in M.( Magdeburg) war Freiheit dagegen: Du durftest schreiben, Deine Familie und Deine Freunde sehen, ja selbst in die Stadt gehen; Du konntest Dir in materieller Hinsicht Dein Leben einrichten wie Du wolltest und endlich hat Dein dortiges Martyrium Dir sehr schöne Früchte getragen. Nimm Dich einstweilen meiner an, wenn mich die elenden Schreier angreifen sollten und sorge hauptsächlich dafür, daß meine Schrift so schnell als möglich erscheint. Ich hatte Dir einen sehr langen Brief geschrieben, welcher Dir das vollständige Material zum letzten Kapitel gegeben hätte; allein Herr von Jagemann hat ihn mitgenommen und behalten. Es tut mir um so mehr leid, als durch ihn sehr schiefe Urteile über das Zuchthaus hätten berichtigt werden können..... Du wirst wohl hier in Bruchsal gehört haben, daß die preußischen Wachen im Zuchthause schon mehrmals auf Sträflinge geschossen haben, die zum Fenster hinaussahen. Ein Sträfling warf aus dem Spazierhof eine Schildwache mit einem Schneeball; diese schoß in den Hof hinein, dem Sträfling zwischen Arm und Leib hindurch. Die Kugel ging durch eine Tür in den schmalen Gang, wo gewöhnlich sich der Aufseher aufhält, und es ist ein Wunder, daß kein Unglück geschehen ist. Uebrigens konnte man es in dem Fall der Schildwache nicht sehr übel nehmen. Die Beamten der Anstalt haben sich indessen in Karlsruhe beschwert und sich das Schießen verboten; allein da die Leute belobt worden sind, so kann es natürlich nicht fehlen, daß unter den jungen Soldaten einige sind, welche gleiches Lob verdienen wollen. Die Soldaten stellen sich expreß stets dahin, wo die Sträflinge in den Hof gehen und passen förmlich auf, ob sich jemand etwas zuschulden kommen läßt, ja sie gehen fortwährend um den Spazierhof herum und fordern durch ihre Blicke die Gefangenen heraus. Als ich vor einer halben Stunde im Hof war, war ein junger Mensch auf dem Posten, von dem ich nach seinen Manieren urteilte, daß er Gelegenheit suche, zu schießen, und richtig vor einigen Minuten knallte es wieder! Ich weiß noch nicht, was Veranlassung gegeben hat und ob irgend jemand getroffen ist, allein es ist doch höchst unrecht, daß das Leben nicht allein der Sträflinge, sondern selbst der Beamten und Angestellten den jungen Burschen so preisgegeben ist. Da man das Schießen strenge untersagt hat, so bin ich begierig. ob diesmal nicht energische Schritte dagegen gesch hen werden. Wenn jemand entfliehen will, oder eine Schildwache insultiert, nun dann ist dieselbe in ihrem Recht, ( Fortsetzung folgt.), Aus dem Lande des Grauens Die Folterungen eines Rabbiners Im Verlag der Druck- und Verlagsanstalt Teplig- Schönau ist eine Schrift ,, Juda verrecke. Ein Rabbiner im Konzentrationslager" erschienen, dessen Autor der frühere Rabbiner Max Abraham ist, dem es nach einem langen Leidensweg gelungen ist, nach der Tschechoslowakei zu entkommen. Er erzählt u. a. folgendes: Schon im Jahre 1930 wurde Rabbiner Max Abraham von dem SA.- Sturmführer Jackzentis überfallen und mißhandelt, weswegen Jackzentis wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Als das dritte Reich" hereinbrach; war für Jackzentis die Zeit gefommen, für jetne Strafe an dem Rabbiner Rache zu nehmen. Diesem gelang es, sich eine Zeitlang verborgen zu baiten; er flüchtete nach Berlin, um von hier aus eine Reise ins Ausland anzutreten. Aber auf das Drängen seiner Freunde hin, in dieser ernsten und schweren Zeit die Gemeinde nicht im Stich zu lassen, fehrte er am 26. Juni 1933 nach Rathenow zurück. Die Nationalsozialisten hatten davon Wind bekommen, das Schicksal des Rabbiners war besiegelt. Auf dem Wege in seine Wohnung Tage darauf wurde er, ver starf furzsichtig ist, von einem Manne angegriffen, der ihm die Brille herunterschlug. Unmittelbar vor seiner Haustür sprang aus einem Versteck jemand auf ihn zu, der blindlings auf ihn einschlug. In einer Abwehrbewegung traf Abraham mit seinem Hausschlüssel. den er bereits in der Hand hiel:, den Angreifer, der zu schreien begann:„ Judenschwein! Das ist der Rabbiner von Rathenow! Dieser Hund hat mich überfallen!" Der Rabbiner wurde auf die Polizeiwache gebracht, wo er verlangte, daß die Personalien des Angreifers festgestellt werden. Man hörte nicht auf ihn, sondern zog seinen Gegner in ein vertrauliches Gespräch und erklärte Abraham dann für verhaftet. Alsbald erschien ein ganzes Aufgebot von S. und A. in der Polizeiwache. Die SA. und S.- Leute schlugen auf ihn ein, dann wurde er in eine kleine Zelle eingeliefert, in die gleiche Zelle, in der er wenige Tage vorher als Seelsorger einem jüdischen Inhaftierten Mut und Troft zugesprochen hatte. Hier lag er blutüberströmt auf der Pritsche. Plötzlich ging die Tür auf, zwei S.- Leute brüllten:„ Rabbiner, raus! Jude raus!" Vom Blutverlust geschwächt, seiner Sinne faum mächtig, wanfte er zur Tür. Mit einem Gewehrkolben wurde er zur Seite gestoßen und stürzte bin Gummifnüppelschläge bagelten zwei Stunden lang auf seinen Körper nieder. Um 5.30 Uhr früh wurde er brutal geweckt und ins Polizeirevier geschleppt. Ungefähr 20 SA.- und S.- Leute nahmen um ihn Aufstellung, an ihrer Spizze der Angreifer vom vergangenen Abend, der dreiundzwanzigjährige Sturmbannführer Meiercord, ein Untergebener von Jackzentis. Die zwanzig Mann hieben blindlings mit Gummifnüppeln auf den Rabbiner ein. Meiercord hat ihn dreimal bis zur Bewußtlosigkeit ge= schlagen. Mit drei anderen inhaftierten Juden, den Rathenower Kaufleuten Arno Gans, Alex Grisch= mann, Friz Sinajohn, wurde er in die Abortanlage gebracht, die sie zu reinigen hatten. Sie wurden unbarmherzig mit Gummifnüppeln geschlagen. Die SA- Männer drückten Arno Gans den Gummifnüppel in die Hand mit dem Befehlt. den Rabbiner zu verprügeln. Er weigerte sich, er könne doch nicht den Seelsorger der Gemeinde schlagen: Aber unter fürchterlichen Schlägen wurde er zum Nachgeben gezwungen, Reihenweise abwechselnd, mußten die vier Juden sich gegen Leitig mit dem Gummifmüppel mißhandeln. Wenn wir geglaubt hatten, erzählt Rabbiner Mar Abraham weiter, furze Zeit Atem holen zu dürfen, hatten wir uns geirrt. Der Sturmbannführer Krüger, Polizeichef und erster Prügelheld in Oranienburg, bis vor furzem ffeiner Sälehändler in Luckenwalde, jagte uns im Marsch MarschTempo durch den Hof des Lagers und schrie: Ihr Schweinehunde, seid hier als politische Geiseln interniert! Eure Behandlung ist abhängig von der politischen Lage draußen!" Sein bester Assistent war Sturmführer Stahlkopf, der den Stempel der Gemeinheit, Bestialität und Niedrigkeit im Gesicht trug. Auf sein Konto waren schon mehrere Tote im Lager zu buchen, die aber laut Bestätigung des Lagerarztes cines natürlichen Todes" gestorben waren. Stahlfopf war es eine besondere Freude, einen Rabbiner" im Lager zu haben. Er und Krüger drohten, mir jeden Knochen in Splitter zu bauen", wenn ich mich mit meinem Namen Abraham und nicht„ Rabbiner" nennen würde. Ob man mich an den Beinen packte oder am Hals, mich würate oder wie wild auf mich einschlug, ob man Stühle über meinem Kopf schwang, ob der Gummifnüppel mich mit furch: barer Gewalt am Kopf traf oder ob ich den Revolver in Greifweite liegen sah- ich war hilflos. Mein Kopf war wirr und taumelig von den Schlägen. Doch die Gesichter der Henker waren vor Wut und Grimm scheußlicher verzerrt als meins. Das hätten sie von einem Juden nicht erwartet, daß er lieber sterben würde, als seine Peiniger um Gnade zu bitten So steigerte sich die Wut dieser Mordgesellen ins Unermeßliche. Ich mußte mich entblößen und man schlug mich auf das Geschlechtsteil. Am nächsten Morgen feierte Stahlkopf wieder einen Sieg: i ch wurde geschoren, mein Haar wurde von einem dazu kommandierten fommunisti= schen Landtagsabgeordneten abgefäbelt. Die ,, Judenkompagnie" von Oranienburg Die Judenfompanic in Oranienburg bestand aus ungefähr 55 Mann darunter allein 39 Jungen aus einer jüdischen Erziehungsanstalt bei Berlin. Das Erziehungsheim ist eines Tages von der SA. ausgehoben worden, nachdem man vorher eine Haussuchung vorgenommen und angeb= lich in dem Bett eines Jungen einen Revolver gefunden hatte, angeblich auch fommunistische Schriften. Von einigen sehr vernünftigen 3öglingen wurde mir ehrenwörtlich versichert, daß der aufgefundene Revolver sich vorher nicht im Schlaffaal befunden hatte und wahrscheinlich von der SA. in das Bett eines Jungen gelegt worden sei, und daß sich nie fommunistische Druckschriften im Hause befunden hätten. Durch chreckliche Folterungen wurden die Kinder zu dem Geständnis gezwungen daß sie sich kommunistisch betätigt hätten und die Waffe einem ihrer Kameraden ge= Sie bekommen kein Geld! 82 Die Leidtragenden im Kampf zwischen Schacht und Goebbels Beklagenswerte Opfer der rigorosen Devisenbeschrän fungen des Herrn Dr. Schacht sind die in Paris lebenden deutschen Journalisten, die auf das Kommando ihres Herrn und Meisters Josef Goebbels gegen entsprechende Bezahlung hören. Darüber weiß die Agence Technique de la Presse" zu berichten: Die Pariser Korrespondenten der großen deutschen Zeitungen sind recht aufgeregt. Man denke! Seit einiger Zeit erhalten sie fein Geld mehr aus ihrem un= dankbaren Vaterlande. Ein böser Zwist, der zwischen dem Propagandaminister Goebbels und dem Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht ausgebrochen ist, soll die Ursache für die peinliche Lage sein, in der sich zur Zeit diese deutschen Journalisten befinden, die bisher in Hülle und Fülle mit Geldern versehen waren, da die meisten von ihnen in Paris in prächtigen Wohnungen wohnen und über Lurusautos verfügen. Der Diktator für das deutsche Geld soll der Auffassung gewesen sein, daß der Diftator für die Propaganda in sinnloser Freigebigkeit die Fonds vergeudet hat, die er verwaltet, und der erstere soll nunmehr streng darauf halten, daß das Gesetz über die Ausfuhr von Geld genau beobachtet würde. Die deutschen Journalisten in Paris fragen sich besorgt, ob sie nicht gezwungen sein könnten, die Rückfahrkarte zu be= nußen, in Verbindung mit einer dürftigen Wegschrung, die ihr Botschafter ihnen zur Verfügung stellt. höre. Die Kinder wurden ſtundenlang auf das Grauenbal Land der Denunzianten teste geschlagen und zu den schwersten förperlichen Arbeiten herangezogen Ter Benjamin die, er Jungen, er hieß wirflich Benjamin und war 13 Jahre alt, wurde natürlich nicht verschont Oft genug flagten mir die Kinder ihre Not. Von mir, dem Seelsorger, erflebten sie Hilfe. Aber wie sollte ich helfen, der ich selbst in der Gewalt sadistischer Schinder war? Viele der Kinder sind im Lager Oranienburg für ihr ganzes Leben lang seelisch verdorben worden. Ein Neunzehn= jähriger, der„ Stubenmädchen" bei einem SA.- Mann war, wurde fürchterlich mißhandelt, weil er angeblich dem SA.- Mann eine Marf gestohlen habe. Er wurde mehrmals bewußtlos geschlagen. bis er um sich vorübergehend Erleichterung zu schaffen gestand, die Marf an einer Stelle im Hof vergraben zu haben. Als man die Münze dort nicht sand, wurde der Junge abermals fürchterlich geschlagen. Die Mithäftlinge fonnten die Schmerzensschreie und das Stöhnen nicht mehr ertragen, sie streckten dem angeblichen„ Dieb" eine Marf zu, damit er das„ Gestohlene" zurückgeben fönne. Die Sturmführer behaupteten, wir Juden seien zu nichts anderem fähig, als zur Verrichtung der schmutzigsten Arbeiten. Wir mußten die Abortanlage sauber halten, die von tausend Menschen benut wurde. Die Aborte waren verstopft, der Fußboden überschwemmt. Vom Morgen bis zum Abend mußten wir in der verpesteten Luft Reinigungsarbeiten ausführen. Eines Abends fam Sturmführer Stahlkopf in die Latrine und brüllte mich an:„ Mit einem Lappen willst du, Judenschwein, du Rabbiner, die Klosette sauber machen? Nimm deine dreckigen Fin= ger dazu!" Mit bloßen Händen mußte ich nun in den Rot greifen. Defter wurde ich gezwungen, mit bloßen Händen im Unrat zu wühlen. Rabbiner Abraham schildert eingehend die grauenvollen Mißhandlungen und unmenschlichen Folterungen, denen die Tischgespräch und Skatschoppen Das Thüringer Sondergericht verhandelte gegen den Rittergutsbesitzer Freiherr von Dettingen und Frau. Beide sollen beim Mittagessen systemfeindliche Bemerkungen gemacht haben. Denunziant war der Gutsinspektor Ber an. Dieser hatte schon in Weißendiez Aeußerungen des Barons und seiner Frau, die bei Tisch je= weils gefallen und im Sinne der Anklage gelautet haben sollen, auf verschiedenen Zetteln vermerkt und diese Zettel den zuständigen Parteistellen übergeben. Die angeb lich besonders abfälligen Aeußerungen vor und nach dem 30. Juni, ebenfalls von Beran angezeigt, führten dann zu der Verbaftung des Ehepaares von Oettingen. Vor Gericht wurde festgestellt, daß der Denunziant im Auftrag ter Parteiinstanzen gehandelt habe. Das Hakenkreuzbanner berichtet über eine Verhandlung des badischen Sondergerichtes: „ Der verheiratete, 47 Jahre alte Karl E. aus Kirchheim ging am 26. August nach einem Statschoppen mit zwei Kame= raden nach Hause und führte politische Gespräche. Von einer richtigen Debatte fonnte gerade nicht die Rede sein, denn die beiden anderen hatten sich nicht viel daran beteiligt. Ein daneben gehender A. Mann hörte sich die Sache eine Weile an, als aber die Worte sielen:„ Nur der Bolschewismus fann uns retten," griff er zu und versuchte, den E. festzuhalten." anderen„ Prominenten" der Judenkompanie, insbesondere Das politische Beichtgeheimnis der einstige Vorsitzende der sozialdemokratischen Fraktion im Preußischen Landtag, Ernst Heilmann, ausgesetzt waren. Der Judenkompanie gehörten u. a. noch an: der frühere erste Bürgermeister von Luckenwalde, Dr. Hermann Salomon, der Ministerialrat im preußischen Justizministerium, Dr. Franz Hermann, der Pats= damer Rechtsanwalt Dr. Levi, Amtsgerichtsrat Rosen= thal aus Alt- Landsberg, der Berliner Rechtsanwalt Dr. Gustav Orlipski, die Rathenower Kaufleute Gan& und Grischmann, Scheib und Erich Cohn aus Oranienburg. Greimann aus Ait- Landsberg, Krausnick, Goldschmidt und Wilk aus Potsdam, Leopold Moses aus Anhalt, Hugo Jakoby aus Dessau, Hugo Bira.wer aus Berlin. Erich Kohn aus dem Westhavelland und Faust aus Berlin. Kameradschaft auf Befchl Die„ Times" veröffentlichte am 14. November unter der Ueberschrift„ Kameradschaft auf Befehl"--„ Festabend" in Berlin Die Pflicht des Arbeiters- den folgenden hübschen Bericht: Eine Bekanntmachung an die Belegschaft einer prominenten Berliner Zeitung wirft Licht auf den Geist der nationalsozialistischen Forderung einer neuen Gemeinschaftsgesinnung zwischen Arbeiter und Unternehmer. Die Einladung, unterzeichnet von zwei Nationalsozialiften, war für eine Veranstaltung, die in den schlechten alten Zeiten mindestens eine festliche gewesen wäre. Sie lautete folgendermaßen: 1 Unser Betriebsführer hat alle Arbeitskameraden der Gesellschaft mit ihren nahen Angehörigen d. h. bei verheirateten Männern Frau und Kinder, bei Ledigen Braut, Schwester oder Bruder, zum Ersten Kameradschaftsabend am 11. November 1934 um 4 Uhr in den Räumen des 300 eingeladen. Unser Führer hat uns hierbei die Gelegenheit zu einer freiwilligen geselligen Zusammenfunft gegeben für die geringe Eintrittsgebühr von 20 Pfennig pro Kopf, wovon noch 10 Pfennig für Steuer abgehen. Unser Betriebsführer bietet uns einige vergnügte Stun den bei einem freien dreistündigen Unterhaltungspro= gramm durch Künstler Außerdem gewährt er jedem Gefolg.chaftsmitglied vier Marken im Gesamtwert von 1 M., die von den Kellnern als Bezahlung von Getränken angenommen werden( Bier, Kaffee). Außerdem gibt es eine Tombola. Mit dieser Ankündigung, die heute schriftlich an jeden Arbeitskameraden ohne Ausnahme gegeben wird, fordere ich alle Gefolgschaftsmitglieder auf, dem Kameradschaftsabend unbedingt von Anfang bis zu Ende beizuwohnen und nicht nur 2 oder 3 Stunden zu bleiben. Es ist die Pflicht eines jeden Arbeitskameraden, ohne Ausnahme, mit ſei ner Frau zu erscheinen. Ausnahmen können nur gestattet werven, wenn wie wyrau wirklich frank ist was dem Betriebsführer im vorans glaubhaft zu machen ist. möglichst durch ärztliches Attest. Wer nicht zu diesem Kameradschaftsabend erscheint oder sein Richterscheinen mit Krankheitsgründen zu verschleiern sucht, stellt sich außerhalb der Betriebsgemeinschaft der .. und damit außerhalb der gegenwärtigen Ordnung. Denn die Firma steht mit beiden Füßen auf dem Standpunkt des nationalsozialistischen Staates.( Die Bekanntmachung ist vom Betriebsführer und dem Personalchef anterzeichnet.)" Dazu bemerkt die„ Times" u. a.: Es war durchweg die Politik der Arbeitsfront, anzunehmen, daß der Gemeinschaftsgeist in der Geschäftswelt vorhanden sei, und auf dieser Annahme ihr vielgerühmtes Arbeitsgesetz und die Arbeitsverfassung aufzubauen. Das ist in lebereinstimmung mit der nationalsozialistischen Propaganda, die keinen Unterschied zwischen Theorie und Proris kennt. Der Betrieb ist„ Betriebsgemeinschaft" umbenannt worden, der Leiter heißt Betriebsführer und die Belegschaft heißt Gefolgschaft. Der Arbeiter, der der erfahrenen Führung und des Rates seiner Gewerkschaften beraubt ist, muß sich überlegen, ob die Arbeitsfront ihn oder den Unternehmer meint, wenn sie in einem Plakat, das in den meisten Betrieben hängt, ankündigt, daß jetzt Glück und Freude in den Betrieben, Fabriken und Büros herrschen." * Oder die Solidarität der korrupten Hitlerbonzen Wie stark die allgemeine Mißitimmung über die Vertuschung der zahllosen Korruptionserscheinungen im„ dritten Reich" sein muß, geht daraus hervor, daß der Hauptschriftleiter des„ Angriff" in Berlin folgenden Notruf wagt: " Wenn heute irgendeine Sache einmal schief geht, eine öffentliche Angelegenheit anrüchig wird, ein Mensch sich irrt, der Führer ist, ein Nationalsozialist versagt, ein Aufgeblaiener plaßt wie ein Luftballon, den die glübende Zigarette füßt, dann findet sich irgendeine Organisation, ein Berufsverband oder eine Stelle, und wirft über die ganze Geschichte den Schleier der Tarnung und flüstert mit der Stimme der Beschwichtigung. Nennen wir zwei Beispiele: Ein junger politischer Führer in einer kleinstadt kann nach der Veranstaltung eines Sommerlagers über 500 RM. feine Rechnung vorlegen. Er wird abberufen. Der ganze Ort fennt den Fall. Niemand erfährt, ob er selbst oder andere Stellen für den Fehlbetrag verantwortlich sind; der junge Führer wird aber anderswo und anderswie verwendet, nicht ausgeschlossen, geschont, fällt vielleicht sogar die Treppe hinauf. Er wird hinter der Amtsmiene gerettet. Die Amtsmiene ist unnahbar. Gine Zeitung greift einen Menschen an, der gegen die einfachsten Regeln der sozialistischen Ehre verstoßen hat. Er sei zufällig Händler, dann reat sich die NS.- Hago auf, er fei zufällig Arzt, dann meldet sich die NS.- Aerzteschaft, er sei zufällig Beamter, dann wirst sich die Beamtenschaft ins Zeng, und wir vernehmen, daß zwar der angegriffene Volksgenosse den Angriff verdiene, daß aber doch erst einmal die zuständige Organisation hätte angerufen werden müssen. Dann wäre alles„ reibungslos in Ordnung gebracht worden" und die ,, unnötige irreführende Beunruhigung der Oeffentlichkeit wie auch die Schädigung des Standes" unterblieben. Was ist das für ein Unfinn, und wie sehr wird damit das Wesen der nationalsozialistischen Bewegung verkannt! All unsere Erfolge verdanken wir unserem nichtamtlichen Charafter. Und nun soll das Volf auf einmal überall der Un= fehlbarkeit der Amtsmiene auch in der Partei, in den stän dischen oder wirtschaftlichen Organisationen begegnen? Es würde sehr bald eine Bereifung der Stimmung eintreten, die man nicht so leicht mit der Lötlampe der Propaganda auftauen kann. Gruppen des Volkes nichtamtlich zu führen haben! Laßt uns natürlich sein, überall, wo wir Verbände oder Wir wollen nicht über alle Vorgänge im Volt das politische Beichtgeheimnis verhängen. Wir wollen den Mut haben, zu sagen auch unten im Pande und je weiter unten, desto mehr: Seht her, wir National sozialisten sind Volk und nicht Amt, wir sind Tugend und Untugend, wir sind guter Wille und Schuld. Unser Lebensfonto hat an Tugenden Einnahmen wie Ausgaben, aber die Idee läßt immer wieder auf der Einnahmeseite das Plus erscheinen, das alle Berechnunaen aufhebt. Schuld und Frevel werden immer auftreten, Fröhlichkeit und Leichtfinn werden auch nicht vor Uniformen Halt machen. Aber wir sind nicht Herr Ley wird wahrscheinlich auf diesen„ Times"-Bericht über das„ pielgerühmte" Arbeitsgesetz noch stolz sein und die blutige Jronie, die aus jedem Satz spricht. nicht merken- wenn er nicht gerade ausnahmsweise dazu da, das Leben mit Amismienen um seine überschießende nüchtern ist. Kraft zu bringen," Straßburger Wochenberichte Stadtkommandant von Kongreß der Sozialisten des Bas- Rhin Straßburg, den 26. November 1934. In Straßburg hielten am vergangenen Sonntag die Sozialisten des Departments Bas- Rhin einen Förderationskongreß ab, auf dem der Deputé Georg Weill über verschiedene aktuelle Tagesfragen sprach. Es wurden zwei Resolutionen angenommen, in denen der Sturz des Kabinetts Doumergue mit Genugtuung begrüßt und von der neuen Regierung eine scharfe antifaschistische Politik gefordert wird. Außerdem wendet sich der Kongreß an die kommunistische Partei, die bekanntlich die Autonomie des Elsasses bis zur evtl. Lostrennung von Frankreich vertritt, und bedauert diese Haltung, die jetzt angesichts der Entwicklung in Deutschland völlig unhaltbar geworden ist. Dieser Gedanke in der sozialistischen Resolution hat in der Presse des Bas- Rhin einen lebhaften Widerhall gefunden. In einzelnen Zeitungen wird sogar die Frage aufgeworfen, ob die Stellungnahme des sozialistischen Kongresses nicht einer Auflösung des Einheitspaktes zwischen Kommunisten und Sozialisten gleichkomme. Diese Absicht scheint jedoch bei den Veranlassern der Resolution nicht vorgelegen zu haben. Denn schließlich war man sich bei Abschluß des Paktes in beiden Lagern darüber einig, daß der Pakt die Selbständigkeit der beiden Parteien in keiner Weise berühren dürfe. Die da und dort ausgesprochenen Hoffnungen, daß die Stellungnahme der Sozialisten den Pakt zerstöre, dürften wohl nicht in Erfüllung gehen. So wichtig die elsaẞ- lothringische Frage auch ist, so wird ihre Erörterung doch kaum dazu beitragen, die beiden Paktpartner, die sich zum Kampfe gegen den Faschismus zusammengeschlossen haben, zu trennen. Der Parteitag der Sozialisten verlangte in seiner zweiten Resolution noch, daß sich der Generalrat der Gesamtpartei während seiner demnächst stattfindenden Tagung auch mit dem Problem der Verteidigung eines freiheitlichen Staates gegen den etwaigen Angriff eines faschistischen Staates befasse. In anbetracht der Wichtigkeit der Frage verlangt der Förderationskongreß, daß sie auch auf dem demnächst einzuberufenden Nationalkongreß behandelt wird. Keine Saarkundgebung mit Max Braun und Fritz Pfordt Das Komitee Thälmann hatte für den 30. November eine Versammlung mit den saarländischen Einheitsfrontführern Max Braun und Fritz P fordi angesagt, in der auch örtliche Vertreter der verschiedenen antifaschistischen Gruppen sprechen sollten. Nun wurde den beiden saarländischen Rednern mitgeteilt, daß sie in Straßburg nicht sprechen können, weshalb die Kundgebung vorerst unterbleibt. Eine Kundgebung der Kommunisten, in der der Deputé Thorez über die els aẞ- lothringische Frage und den Kampf gegen den Faschismus sprechen sollte, wurde ebenfalls untersagt. Sie kann im Aubette- Saal nicht stattfinden. Ein Vortrag von Jules Romain Der französische Schriftsteller Jules Romain sprach vor einer zahlreichen Zuhörerschaft, unter der man u. a. auch den Herrn Präfekt bemerkte, über das Thema: ..Frankreichs Neugestaltung". Der Redner, der erst vor einigen Tagen in der Berliner Universität über ..Deutschland und Latinität" sprach, erörterte auch die Versöhnung der deutschen und französischen Jugend. Auch die Reformarbeit in Frankreich, die sich ohne Bürgerkrieg vollziehen müsse, sei in erster Linie eine Aufgabe der Jugend. Der Redner erklärte, daß es ihm bereits gelungen sei, ein Einvernehmen zwischen den Jungen der verschiedensten politischen Schattierung herzustellen. Die junge Generation wolle eine klassenlose Gesellschaft. Es ist nicht unsere Aufgabe, zu den innenpolitischen Thesen des Herrn Romain Stellung zu nehmen, zu der Frage der Aussöhnung der französischen und deutschen Jugend jedoch dürfen wir mahnend bemerken, daß kein Regierungssystem einer solchen Aussöhnung mehr Schwierigkeiten bereitet, als der Hitlerfaschismus. Denn schließlich muß eine Jugend, von der man diese grandiose Friedensarbeit verlangen darf, frei sein, sie darf aber nicht, wie das jetzt in Deutschland geschieht, in den Gedankengängen preußischer Weltherrschaft erzogen werden. Wer an die Aussöhnung der jungen Generation glaubt, der muß dem Hitlerfaschismus in Deutschland erklären, daß mit den ethoden seiner Jugenderziehung nicht der Friede, sondern der Krieg vorbereitet wird. Es gab einmal in Deutschland rine Jugend, die den Frieden wollte. Diese Jurend aber t heute samt ih.en Lehrern in den Konzentrationsleder wird im freiwilligen Arbeitsdienst unter Zwang und Druck im Haß gegen Frankreich erzogen. Diese Jugend wird ihre historische Aufgabe, den Frieden zu garantieren, nicht sehen und erfüllen können, solange in Deutschland blindwütige Feinde einer internationalen Verständigung die Macht ausüben. Wir hätten uns sehr gefreut, wenn Herr Romain dieses Problem etwas deutlicher aufgezeigt hätt.. 15 Millionen für den Ausbau des Hauptbahnhofs Durch den Plan Marquet, der in erster Linie der Be schaffung von Arbeitsgelegenheit dieuen soll, wurden nach Straßburg 15 Millionen Mark zum Ausbau des Bahnhofs und verschiedener Veränderungen der Gleisaulagen überwiesen. Es wird ein fünfter Bahnsteig angelegt, die Tunnels am Nord- und am Südausgang sollen verschwinden, außerdem wird die direkte Verbindung Neudorf- Königshofen in Erwägung gezogen, so daß die Güterzüge aus der Richtung Schlettstadt nicht mehr den Bahnhof zu berühren brauchen. Aus Anlaß der Eröffnung der Arbeiten fand eine kleine Feier statt, wobei der Herr Präfekt den ersten Spatenstich vollzog. 16. Jahrestag des Einzugs der französischen Truppen Aus Anlaß der 16. Wiederkehr des Tages, an dem die französischen Truppen in Straßburg eingezogen sind, fand am Donnerstag, 22. November, auf dem Kleberplatz eine Prise d'armes statt, zu der auch General Gouraud, Paris. damals General gouverneur vou Straßburg, gekommen war. Nach einer kurzen Besichtigung der Truppen in Anwesenheit des Präfekten und verschiedener hoher ziviler und militärischer Beamten fand ein Vorbeimarsch statt. Eine große Menschenmenge verfolgte das miltärische Schauspiel mit lebhaftem Interesse. verDie„ ,, Schloßherrin" von Fröschweiler verhaftet Vor einigen. Wochen berichteten wir von einer geheimnisvollen Marquise, die in Wörth aufgetaucht war, dort unter der Vorgabe, das Schloß Fröschweiler kaufen zu wollen, große Gaunereien verübt und dann plötzlich unter Hinterlassung einer ansehnlichen Schuldensumme schwunden war. Nun konnte die Polizei die Spur der geheimnisvollen Fremden ausfindig machen und die Marquise in Chalamont bei Lyon, als sie gerade wieder eine ähn liche Gaunerei begangen hatte, hinter Schloß und Riegel setzen. Die beiden jungen Leute, die sie als ihre Söhne auf ihren Reisen mitnahm, konnten zwar ausreißen, wurden aber von der Polizei ebenfalls später festgenommen. Bei cer Betrügerin soll es sich tatsächlich um eine echte Gräfin handeln. Weiter hört man, daß sie die Schwester der Mörderin des Präfekten Causeret sei. Insgesamt soll sich die raffinierte Schwindlerin 12 Millionen Franken ergaunert haben. Nun ist das Märchen aus, der Staatsanwalt wird die Wege aufzeigen, auf denen die fantasiebegabte Frau wieder in die etwas realere Wirklichkeit zurückkehren kann. Die Ausländerkontrolle Nach einer Mitteilung des Herrn Commissair Central, Surville, erfolgt die Ausländerkontrolle vom 19. November, an nur noch in der Blauwolkengasse 11, Zimmer Nr. 4. Diese Dienststelle ist jetzt noch allein zuständig zur Reglung aller die Ausländer betreffenden. Formalitäten. Das Büro ist tagsüber von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Université Populaire Die Université Populaire( Volkshochschule) beginnt am Montag, 26. November, im Universitätsgebäude ihre Winterarbeit. Die Volkshochschule ist jedermann kostenlos zugänglich, Hörerkarten werden in der Brandgasse: 15 ausgestellt. Konzertveranstaltungen Am Dienstag, 27. November, werden die Straßburger Musikfreunde zum ersten Male Gelegenheit haben, einen der größten Pianovirtuosen unserer Zeit, Wladimir Horomit, in Straßburg zu hören. Das Konzert findet um 20.30 Uhr im Sängerhaus statt. Am darauffolgenden Mittwoch veranstaltet der Lehrergesangverein im gleichen Saal ein großes Konzert, das Werke des Straßburgers Erb bringt und am Donnerstag kommt das berühmte Jazzorchester Armstrong ins Sängerhaus. Am kommenden Freitag findet das erste Konzert der Kammermusikgesellschaft statt. Vorverkauf bei Wolf, Meisengasse. E. D. Wichtige Neuerscheinung für jeden Politiker! BEER, Dr. M. Die auswärtige Politik des ,, dritten Reiches" kartoniert Fr. 25, gebunden Fr. 35, Polygraphischer Verlag AG., Zürich 1 Zu beziehen durch. Buchhandlung der Volksstimme Saarbrücken 2, Trierer Straße 24 Neunkirchen, Hüttenbergstraße 41 Neuigkeiten des Buchhandels! Kisch, E. Eintritt verboten Roth, Jos. Fr. 20,00 gebunden Fr. 30,00 Der Antichrist Fr. 28.25 gebunden Fr. 36,00 Buchhandlung ,, Volksstimme" Saarbrücken 2, Trierer Straße 24 Neunkirchen, Hüttenbergstraße 41 Paris Emigrés Israelites d'Al Association des Emigrés Israelites d'Allemagne en France do Am Mittwoch, dem 28. d. M., abends 8.45 Uhr pünktlich, findet im Festsaal 15, Avenue Hoche in Paris bei freiem Eintritt ein Konzertabend statt. Mitwirkende: Madame Tina Manteuffel( Violine), Solistin der Conzerts de Pasdeloup", Robert Spiombi- Rom( Bariton), am Flügel Karl Elsky. Werke von Bach, Vitali, Beethoven, Paganini, Cui sowie eine Suite jüdischer Melodien" von Elsky. Saalöffnung 8 Uhr. Wer hilft mit? Am Mittwoch, dem 5. Dezember( Näheres wird noch mitgeteilt) veranstaltet die„ Association des Emigrés d'Allemagne en France" in Paris zwei Israélites Chanukkah( Makkabäer)-Feiern für Erwachsene und Kinder, anläßlich deren bedürftige Emigranten beschenkt werden sollen. Aufrufe in der Deutschen Freiheit" haben den Erfolg gehabt, daß Kleidungsstücke, Wäsche, Schuhe, Spielzeug und auch Geldspenden zur Verfügung gestellt wurden. Aber die Not ist groß, und viele warten auf Hilfe. Darum ergeht an jeden die Bitte, zur Steuerung der Not beizutragen. Geld- und Sachspenden sind an Martin Dosmar, Paris 15, Rue de Danzig Nummer 35( Telefon: Lecourbe 8543) zu senden, Auf Wunsch erfolgt gern Abholung. Eile ist geboten. MRIEFKASTEN H. R., Jerusalem. Wie Sie uns mitteilen, steigen die Einwan= derungszahlen nach Palästina noch immer. Jm Oftober 1934 sind 6188 Juden, von welchen 934 der sogenannten Rapitalistenklasse mit einem Mindesteigenbesitz von je 1000 Pfund angehören, nach Palästina gefommen. In der offiziellen Mitteilung wird hervorgehoben, daß diese Einwanderungsziffer einen Reford in der jüdischen Eins wanderung darstellt. Erika R., Amsterdam. Nicht vermirren und nicht entmutigen lassen? Sie fennen ja Rilfe. Denfen Sie über eines seiner späten Gedichte nach: Glaubt nicht, daß die längsten Transmissionen Schon des Künftigen Räder drehn. Denn Aeonen reden mit Aeonen. Mehr, als wir erfuhren, ist geschehn. Und die Zukunft faßt das Allerfernste ganz in cins mit unserm innern Ernste. Literatur Die„ AJZ." widmet ihre neueste Nummer dem Thema Frauen gestern, heute und morgen beschäftigt". Aus dem reichen Juhalt:„ Wem gehört der Hausschlüssel?";" Die Frau als Geschlechtswesen";" Käufliche Liebe";" Ich füsse Ihre Hand, Madame";" Ich möchte begehrenswert sein!";" Lurusweibchen, Magd und Dienerin";" Liebe in der Kaserne";„ Ehe oder freie Liebe?"" Unter die Haube gebracht“;„ Die gufe Kameradin";" Befreite Frau befreiter Mann". Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Biz in Dud. weiler; für Inferate: Ctto Kuhn in Caerbrüden. Rotation@ drud und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH., Saarbrüden 3, Schützenstraße 5. Schließfach 776 Saarbrüden. Gelegenheits- Angebot! Arbeiter Gesundheits: Bibliothek Heft 1. Die erste Hilfe bei Unglücksfällen. Von Dr. Christeller Heft 2. Das erste Lebensjahr. Von Dr. Silberstein Heft 3. Gesundheitspflege des Nervensystems. Von Dr. Hirschlaff Heft 4. Der Achtstundentag. Von Dr. Zaoek- Beriin Heft 5. Alkoholfrage und Arbeiter klasse. Von Dr. Fröhlich Heft 6. Das Schulkiud. Von Dr. Silberstein Heft 8. Nahrung und Ernährung. Von Dr. Chajes Heft 9. Wie sollen wir uns kleiden? Von Dr. P. Bernstein Heft 10. Der Arbeiterschutz. Von Dr. M. Epstein Heft 11. Frauenleiden. Von Dr. J. Zadek Heft 12. Vom medizinischen Aberglauben. Von Dr. E. Thesing Heft 13. Das Wasser heilverfahren in der Gesundheitspflege des Arbeiters. Von Dr. S. Munter Heft 14. Verhütung und Heilung des Stotterns. Von L. Jordan Heft 15. Geschlechtliche Erziehung der Arbeiterfamilie. Von Dr. I. Markuse Heft 16. Zähne und Zahnpflege. Von Gertrud Rewald Heft 17. Bau und Lebenstatigkeit des menschlichen Körpers. Von Dr. Christeller. Mit zahlreichen illustrationen Heft 18. Der Geschlechtstrieb. Von Eduard Bernstein Heft 19. Die Krankenpfiege im Hause. Von Joh. Ranker- Mannheim Heft 20. Die Proletarierkrankheit, ihre Entstehung und Verbreitung, Verhütung und Heilung. Von Dr. Zade- Berlin Heft 21. Atemgymnastik. Von Otto Rühle. Mit zahlreichen Illustrationen Heft 22. H ut- und Haarpflege. Von Dr. B. Chajes- Berlin Heft 23. Wie hüten wir uns vor Heizkrankheiten? Von Dr. E. Rehfisch Heft 24. Die Hygiene der Arbeiterwohnung. Von Hugo Hilig- Hamburg Heft 25. Die Schmarotzer des Menschen. Von Dr. A. Lipschütz Heft 26. Die Krankheiten des Ohres, der Nase usw. Von Dr. H. Schwerin Heft 28. Sport und Arbeiter. Von Dr. Silberstein Heft 29. Volksernährung. Von Dr. Julian Markuse Heft 36. Die Berufswahl mit Rücksicht auf die Tauglichkeit für den Beruf. Von Dr. Zadek- Berlin Heft 31. Die Berufskrankheiten der Buchdrucker. Von Dr. Silberstein Heft 32. Die Arzneimittel und ihre Verwendung. Von Dr. A. Lipschütz Heft 33. Das Auge una seine Erkrankungen. Von Dr. W. Seeligsohn Heft 34. Die Berufskrankheiten der Gasarbeiter. Von Dr. W.Hanauer Heft 35. Die Berufskrankheiten der Schneider und Textilarbeiter. Von Prof. Dr. Grotjahn Heft 36. Die Berufskrankheiten der Maurer und Bauarbeiter. Von Dr. med. E. Thesing- Magdeburg Heft 37. Die Krebskrankheit. Von Dr. I. Zadek jr.- Berlin Heft 38. Unsere Genußmittel. Von Dr. A. Lipschütz Heft 39. Die Berufskrankheiten der Maler. Anstreicher und Lackierer. Von Albert Fleck Heft 40. Die Berufskrankheiten der Landarbeiter. Von Dr. Grumadh Heft 41. Verstopfung und Durchfall, Darmkatarrh und Ruhr. Von Dr. 1. Zadek Jedes Heft kostet jetzt 50 Cts. Die Abhandlungen sind für jedermann verständlich geschrieben und sollten in keiner Familie fehlen. Jedes Heft ist für sich abgeschlossen und einzeln käuflich Wo es der Inhalt erfordert, sind Abbildungen beigefügt Buchhandlung der Volksstimme G. m. b. H. Saarbrücken 2, Trierer Str. 24, Ecke Sophienstr.