Linsige unabhängige Tageszeitung Veuischlands Nr. 266— 2. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, 29. November 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Die Saac— '■DcLUs.ditu.nds Schicksal Seite 3 Jinamiecung. dec AcBeUshesihaffang Seite 4 TZeuec TJlassenpcozeß in Sachsen Seite 7 'Die Jxemden in Jxanhceich Seite 8 Poiilbdter Vonroß der Rddiswehr Die umstrittene SA. und SS.— Sorge um die außenpolitische Spannung Berlin, 28. November 1034. -i ie jinöt ist eriiiüi von Gerüchten und Mutmaßungen Uber die inneren Kämpfe, die in den zivilen und militärischen Spitzen des Regimes sich abspielen. Tie allgemeine politische »umosphäre läßt sich nur mit der Spannung nach der be- luiinien oppositionellen Rede von Popens in Nlarburg ver- gleichen. Alles spricht wieder von dem Herannahen einer Militärdiktatur, die endgültig die Macht der SA. und der S.-. lind die lokale Tnrannci der kleineren braunen Bonzen brechen soll. Tie Einzelakiioncn örtlicher Tcmagogen gegen > X'. srgendwelche mißliebige Bürger, denen man Irgendein„un- soziales Verhalten anhängt, verstimmen die Staatsbüro- lratie und die Polizcierekutive, die in letzter Zeit häufig ohne jede gesetzliche Grundlage Verhaftungen vornehmen Wusitc. Leitende Beamte haben de» ReichSinnenminister Dr. " r i ck als einen alten Verwaltungssachmann und andere bns der Berivaltung hervorgegangene führende Zlational- inzialisten auf die wachsende M i ß sti m m u n g und Beunruhigung der Exekutive, insbesondere auch der Polizei, a n s in e r k s a m g c m a ch t, die allmählich jeder Sicherheit des Vorgehens beraubt wir d. Eine Folge dieser Vorstellungen ist die Rede FrickS gegen die Aufsagung„Tie Partei befiehlt dem 5nd Kommunisten üch befinden, die innerlich keineswegs Nationalsozialisten sind. Tie Reichswchrgencralität ist deshalb schon seit längerer Zeit gegen die nationalsozialistischen Schulungskurse im Heer eingetreten, die zu häufigen Tiskussioncn in der Truppe geführt haben. Tie Kurse werden gegen den hcs- tigen Widerspruch des Reichspropagandaminiftcrs Dr. Goebbels abgeschafft, der überhaupt allmählich von Nieder- läge zu Niederlage geht und seinem Gegner General Göring zn erliegen scheint. Eine lebhafte Aktivität entfaltet der RcichSführcr der SS. und Ehe! der Gestapo H i m mler, der in beiden Eigen- schalten die Verringerung sei.nes Einflusses fürchtet. Er und der Ehcf des Stabes der SA. Lutze halten im Lande Führer- bcsprcchungen und machten sich gegenüber ihren Unterführern dafür stark» daß seine SS. ihre bisherige Bedeutung behalten werde. Die Reichswehr fei die einzige Wasfenirägerin zur Ver, tcidjgnng des Landes, die SS. aber müsse Wosseuträgerin zu» Verteidigung der nationalsozialistischen Revolution bleiben. Dieses Recht ivird ihr aber nicht nur von der Reichswehr, sondern auch von führenden nationalsozialistischen Vermal- lungsmännern bestritten, die den nationalsozialistischen Ttaat und ncki selbst lieber dem Schutze der Reichswehr und der Schupo anvertraut wissen wollen. Tie größte unmittelbare Besorgnis erwecken bei der Reichswehrgeneralität die a u ß e n p o l i t i s che n F o Igen der Ausrüstung. Tiefe Herren wollen zivar höchste "ulitärifche Rüstung Teutsschlands, aber ebenso sehr möglichst die Vermeidung des Krieges, über dessen ungewisse» Aus- gang auch bei höchster militärischer»ud technischer Leistungsfähigkeit Teutschlands sie sich sehr wohl klar sind. Im vollen Einklang mit der jetzige» Auslassung Hitlers wollen sie die Militärische Schlagkraft Teutschlands dazu benutzen, um das- Reich als wichtigen Macht- nnd Bündnisfaktor in die Welt- Politik einzugliedern. Zu diesem Ziele muß jede Störung von außen vermieden werden. Eigentlich könnten Hitler und Himmler schon wieder einige Rcichowedraencrale erschießen lassen, denn bestimmt haben Schleicher und Bredow seltener und weniger intim mit onsländisöhen Politikern über die Notwendigkeit gewijser außenpolitischer und innenpolitischer Veränderungen im „dritten Reich" gesprochen, als es fetzt aktive Reichswehr- ossiziere zur Durchbrechung des Mißtrauens von außen in letzter Zeit gesellschaftlich getan haben. Hinzu kommt, daß ernste Militärs über das Tempo und das Ziel der deutschen Ausrüstung wesentlich anderer Meinung sind als einflußreiche Kreise der NSTAP., die auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten Teutschlands stark unter- schätzen. Man spricht nur eine Tatsache aus, wenn man hinzufügt: es gibt mehr als einen Reichswehrgeneral, der gerade im Jnteresic Teutschlands begrüßen würde, wenn von außen her— an Warnungen aus London Hai es in den letzten Monaten nicht gefehlt— durch politische Einwirkungen das den Frieden gefährdende Tempo der deutschen Aus- rllstung gezügelt und der Wiederanschluß an den Völkerbund vorbereitet würde. Für Razi-Temagogcn ist das zwar„Landesverrat", aber es ist die aus deutschen Sorgen entspringende Gesinnung vernünftiger Reichswehrossiziere, die Reaktionäre sind, aber immerhin keine Verrückten. vi« englische Demardie Gegen die deutsche Aufrüstung London, 28. November. Ter deutsche Sonderbeauftragte für Abrüstungsfragen, von Ribbentrop. ist' mit dem Flugzeug nach Berlin zurückgereist. Er wird dem„Führer" nur berichten können, daß die englische Regierung und das englische Volk lies bc- unruhigt sind über die deutsche Aufrüstung und Herr von Ribbentrop weder Erklärungen abgeben noch Vorschläge unterbreiten konnte, die zur Beruhigung hätten beitragen können. Seine Anregungen, Teutschlands Aufrüstung in be- stimmten Grenzen zu legalisieren und ihm so den Wieder- eintritt in den Völkerbund zu ermöglichen, ist in London nicht aus Verständnis gestoßen. Ribbentrops Mißerfolg geht deutlich daraus hervor, daß die Regierung gerade den Tag seiner Abreise ge- wählt hat. um gleichzeitig durch TirIohnSimon gegen- über dem deutschen Botschafter von Hoesch und durch den britischen Botschafter in Berlin SirEricPhipps gegen- über dem deutschen Außenminister Tr. Neurath in Höf- licher Form, aber mit ernstem Nachdruck die englische Unruhe über die deutsche Ausrüstung vor allen: i in F l u g w e s e n, zur K e n n t n i S z n bringen. Ter deutschen Regierung ist auf diesem doppel- ien Wege zugleich mitgeteilt worden, daß die britische Regie- rung im Unterhaus aus eine Anfrage Ehurchills ihre Aus- sasinng über d«e deutschen Rüstungen dem britischen Volle und der Welt kund tun werde. Ter englische Schritt beweist, daß England, seitdem es den Umiang der deutschen Lustrüstungen erkannt hat, die dein- scheu nun nicht mehr zu verhein'lichendcn Verstöße gegen die Rüstnngsbrstimmungen des Bcrsailler Vertrages ebenso ernst nimmt wie Frankreich und die in Berlin bis vor kurzem genährten Illusionen, daß England milder urteilen werde, preisgegeben werden müssen. venescv und das Rafopräsldinm Gens, 28. November 1934. Ter Vertreter Ungarns in Genf, Tibor von Eckart, hat dem Generalsekretär des Völkerbundes A v e n o l eine Note überreicht, in der gefordert wird, daß bei der außer- ordentlichen Ratstagung, die sich mit der Frage des Mar- feiller Attentats beschäftigen wird, der tschechoslowakische Außenminister Bcnesch nicht den Vorsitz führen dürfte. Tiefe Forderung wird damit begründet, daß sich Bcnesch der jugoslaivischcn Anklagenote vom 23. November ebenso wie der rumänische Außenminister vollinhaltlich angeschlossen hat. Auf Grund dieser ungarischen Forderung hat Benesch den Generalsekretär wissen lassen, daß, wenn der Rat die Frage des Marse iller Attentats auf die Tagesordnung der außerordentlichen Rats- sitzung setzen sollte, er. Benesch, für die Dauer der Behandlung dieser"rage aus den Boriitz verzichte« wurde. Eisige Stimmung Weder Kraft noch Freude Am Dienstagabend hatten wir Gelegenheit, die Berichte nachzukontrollieren, die unser Berliner Korrespondent seit Wochen über die eisjge Stimmung der Masten gegenüber den nationalsozialistischen Führern feststellt. Wir hörten am Radio die Ucbertragnng der Jubiläums- f e i e r von»Kraft durch Freude" in der Montagehalle des SiemenSwerks zu Berlin. Wie der Ansager mit- teilte, war an äußerer Ausmachung alles geschehen, um die Massen in Stimmung zu bringen, aber von dieser Stiur- mung war dann wirklich nicht das geringste zu merken. Neben den Arbeitern waren SA. und SS., NSBO. und PO., Reichswehr und Arbeitsdienst vertreten, und min- bestens aus diesen Gruppen hätten die nationalsozialistischen Führer die freudige Zustimmung erlangen müssen, die sie erwarteten, aber die Versammlung blieb kühl und lustlos. Tie im Radio deutlich spürbaren Versuche der Bonzokratic, bei dem Eintritt der Herren Goebbels. Heß und Ley Volksjubel zu markieren, schlugen kläglich fehl. Di« Be- grüßung war matt. Die Rede von Goebbels ließ die Versammlung vollkommen kalt. Kein Zuruf, kein Bravo, erst recht kein Händeklatschen, nur am Schluste der obligate, aber recht dünne Beifall. Rudolf Heß hatte etwas mehr Glück, weil er aus den Gedanken kam, einige Sätze gegen den Krieg einzuslechten. Da rührten sich natür- lich die Hände der Arbeiter, denn von Aufrüstung und Krieg wollen sie nichts wistcn. Das Aufflackern der Stun- mung sank aber sofort wieder in sich zusammen, und der Vortrag L e n s ließ auch nicht ein Fünkchen von Wärme in der Versammlung übrig. Es war besonders kcnnzeich- nend, daß an keiner Stelle irgend einer der Reden auch nur die leiseste Zustimmung laut wurde, wenn über die angeblichen Erfolge des Regimes im allgemeinen und von „Kraft durch Freude" im besonderen santasiert wurde. Da fanden die Redner bei keinem Arbeiter Glauben. Jämmer- lich war die musikalische und gesangliche Umrahmung der Feier. Es wurde eine mißtönige Kirmesmusik verübt, deren sich jede Dorskapelle schämen müßte. Gesang- und Sprechchöre traten auf, die in den Zeiten der marxistischen Arbeiterbewegung in jedem entlegenen Winkel des Reichs bessere Schulung gezeigt hätten. Und dieser— wählen wir ci» deutlicheres Wort— dieser Mist wurde in der Reichs- Hauptstadt Arbeitern geboten, die zum großen Teil sich genau erinnern, welch hohe künstlerische Äuftur die Ehöre der Arbeiterbewegung erreicht hatten. Die Entente Paris-Moshaa Paris, 28. November. A. Sch. Tie jüngste Debatte in der Kammer und vor allem die historische Rede des Berichterstatters des militärischen Ausschusses, des radikalen Abgeordneten Archim- band, haben die sowjetrussisch-französischen Beziehungen wieder in den Vordergrund der europäischen Politik ge- stellt. Archimboud Hot diese Beziehungen in ihrer gegen- märtigen Phase mit dem Wort..Entente" bezeichnet, das französisch einen weitergehenden, umfassenderen Sinn hat. als die deutsche..Verständigung". Diese Entente be- zieht sich auf die Garantie der gegenseitigen militärischen Unterstützung. Archimboud scheute sich nicht davor, den militärischen Wert dieser Entente näher zu bestimmen: er beurteilte die Kriegsluftflotte der Sowjetunion als die 'erste der Welt, die Rote Armee als mächtig, ausgezeichnet equipiert, technisch hervorragend ausgerüstet. Tie Entente Paris Moskau wird indessen auch eine aus- gebaute politische Basis haben. Sie ist heute realer, als das auf dem Papier sehr enge polnisch-französische Bündnis und enger als die lose auglo-französische Entente. Die sowjetrussisch-französische Entente ist das zentrale und entscheidende Mittel der französischen Sicherheitspolitik, an Intensität kann sie nur mit jener Verbindung ver- glichen werden, die Frankreich und die Kleine Entente bindet. Die Entente Paris-Moskau wird um so enger, je gespannter die Beziehungen zwischen Paris und Berlin einerseits, zwischen Berlin und Moskau andererseits werden., Die Gerüchte von einer sowjetrussisch-deutschen Ent- ißaummg, die in den letzten Wochen m Umgang gesetzt wurden, erwiesen sich als völlig gegenstandslos. Berlin wollte und konnte nicht die Beziehungen zu Moskau normalisieren, die Front Paris-Moskau auflockern, den Abschluß der sowjetrussisch-französischen Entente verhindern oder nur aufschieben. In seiner Aussprache mit Goy, die inzwischen eine traurige Berühmtheit erhalten hat, hat Hitler die Sowjetunion demonstrativ nicht er- wähnt, und das Nichtvorhandensein der deutschen Angriffs- plane im Osten nur auf Polen beschränkt. Einige Tage danach hat ausgerechnet Rosenberg, der geeigneteste »Friedens"politik'er in allem, was die Ruhland-Politik des „dritten Reiches" betrifft, im„Völkischen Beobachter" zu der Frage der deutsch-russischen Beziehungen das Wort er- griffen,«eine Erklärung, Hitler-Teutschiand sei nicht ge- neigt, sich auf dem Schachbrett der sowjetrussischen Außen- Politik schieben zu lassen, beweist, daß alles beim alten bleibt, daß der fanatische Haß gegen den Sowjet- staat die Ostpolitik des„dritten Reiches" auch weiterhin bestimmen wird. Richt einmal in dieser kritischen Stunde, wo es galt die Entente Paris-Moskau irgendwie aufzu- lockern, hat Hitlers außenpolitischer Inspirator es für not- wendig gehalten, seine Gefühle zu verbergen. Tie einzigartige diplomatische Aktivität der Sowjet- regierung, ihr fester Wille, die gemeinsame russisch- französische Sicherheitspolitik auszubauen, beschleunigt das Tempo. Archimbaud hat in seiner Kammerrede offen erklärt, daß es die Sowjetregierung war, die in Paris wegen der deutschen Aufrüstung Alarm schlug. Tie weiß, gegen wen diese Waffen aerichtet werden sollen. Tie Sowjetregierung hat auch die Verhandlungen über den Ostpakt aktiviert, auf ihre Veranlassung hat Laval die Prüfung der Frage, ob Polen den Oslpakt endgültig ab- lehnt, forciert. Aber inzwischen hat es sich endgültig herausgestellt, ob Ostpakt oder nicht, die Verständigung über die gegenseitige militärische Unterstützung gegen den Angreifer wird kommen, die völkerrechtliche Form ist eine sekundäre Frage. Das„Oeuvre" schreibt, daß bereits der Völkerbundspakt eine genügende rechtliche Unterlage für die gegenseitige Unterstützung gegen den Angreifer bietet. D i e E n t e n t e m i t M o s ii ci u gehört nunmehr endgültig z u in eisernen Bestand, zur kontinuierlichen Linie der französischen A u ß e n p o I i t i k. Es gibt objektive Tatsachen, denen von der französischen Außenpolitik unbedingt Rechnung ge- tragen wird. Zählen wir diese Tatsachen auf: Tie Sowjetunion ist ein maßgebender Machtfaktor für die Aufrecht- erhaltung des Friedens, nicht allein im Osten, sondern auch im Westen Europas. Sie ist die entscheidende und die stärkste Macht im Osten Europas. Indem sie dem deutschen Faschismus den W e g nach dem Osten versperrt, hindert sie den Durch- bruch des„dritten Reiches" auch gegen Westen. Sie bildet die mächtige Unterstützung für die Verbündeten Frankreichs im Osten, für die Kleine Entente und die Balkan-Entente: Tie Anlehnung an die Sowjet- union stärkt gewaltig, zugleich strategisch und Wirtschaft- lich, die Abwehrkraft der Tschechoslowakei und Rumä- mens gegenüber den faschistisch-revisionistischen'Mächten. Mit der Sowjetunion wird der gigantische Block im Osten vollendet, der zwar nicht unangreifbar, aber unbesiegbar ist. Wenn es noch gelingen kann, durch einen abwehr- bereiten Friedensblock die Angriffspläne des„dritten Reiches" zu zügeln, so wird die Sowjetunion der tragende Pfeiler dieses Blocks im Osten sein. England und die jugoslawische Nofe London. 28. November 1034. Wie mir hören, ivird von englischer Seite der Vorschlag tcmacht werden, ein engeres Komitee zu bilde», das die von ictgrad»nd Budapest vorgelegten Tvkumente prüfen soll. Tiefes Komitee würde dann Anfang Januar dem Völker- bundsrat Bericht erstatten. Trvste Bedeutung wird hier der Besprechung beigemessen, die zwischen dem Vorsitzenden des jugoslawischen Regent- schaftSrat, dein Prinzen Paul von Serbien, und Sir John T i ni o n stattgefunden hat. Prinz Paul svU gegenüber dem englischen Außenminister ausdrücklich hervor- gehoben haben, da» Jugoslawien darauf bestehe, da st die H i n t c r g r ü n d e d e s M a r s e i l l c r A l t c n I a t s a n f- geklärt würden. „Spontaner Ausbruch" ,Von Martin Spahn organisiert Tie„Kölnische Zeitung" berichtet: ..Heute vormittag in der Il-Uhr-Pausc kam es im großen Wandelgang der Kölner Universität zu einem spvn- innen Einspruch gegen die deutschfeindlichen Kund- gedungen tschechischer Studenten in Psag. Aus den Rethen der Studenten schwang sich einer aus einen Tisch und wandte sich mit einer Ansprache an seine sich sammelnden Kommilitonen. Er betonte, daß Teutschland fremdes Volkstum achte, aber die gleiche Achtung für das eigne Volkstum verlange. Danach sprach der bekannte Historiker Professor Martin Spahn: Während das deutsche Volk seine Blicke aus die bevorstehende S a a r a b st i in m u n g lenke, sei es in Prag zu deutschseinblichen Kundgebungen tschechischer Studenten gekommen. Diese Vorfälle müßten Veranlassung sein, den Gedanken der gesamtdeutschen Schicksalsgemeinschaft zu verbreiten. Ein zweiter Student hielt eine Schlußansprachc, die mit einem Treuegelöbnis an den Führer und einem Sieg-.Heil ausklang. Tie Ausführungen der Redner wurden mit stürmischer Zustimmung ausge- nomine». Im Anschluß an die Kundgebung zog ein Teil der Studenten in voller Ordnung und Disziplin am tschccho slowakischen Konsulat vorbei. Zwischenfälle ereigneten sich nicht." Martin Spahn war dabei. TaS sagt alles Ter tapfere Herr Professor, der zum Entlehen seiner Kollegen als Erster aus Straftburg Reißaus nahm und seine Professur sofort im Stich ließ, als 1018 die Franzosen kamen, ist der vorbildlichste Nationalheld. den es gibt. >st In der Aula der Berliner Universität iand am Dienstag- mittag eine offizielle Protestkundgebung gegen die Vorgänge an der Prager Hochschule statt. Nach Veen- digung dieser Kundgebung versammelte sich ein großer Teil der Teilnehmer aus dein Platz gegenüber der Universität. Als die Polizei die Demonstranten zerstreuen wollte, stürmten sie zur tschechoslowakische» Gesandtichast. Alle Zu- gangsstraßcn waren aber von starken Polizciabteilnngcn beseht.\ Paris erwartet ßibbentrop Neue Eriedensgesten der Wilhelmstrane- Verhol eines Ilefz-Saarsfndft Paris, den 28. November 1934. tVon unserem.Korrespondenten) Herrn von Ribbentrops bevorstehende und so oft schon angekündigte Reise nach Parts beschä'tigt in hohem Maße die öffentliche Meinung in der Seine-Hauptstadt. Die Blät- ter lassen sich von ihren Berliner Korrespondenten Jnsor- mattonen über die Pläne senden, die die Hitlerregicriing mit dieser Reise verfolgt. Man ist sich einig in der Mei- »ung, daß die S ch w i e r i g k e i l c» der gegenwär- t i g c n Pt a ch t h a b c r Deutschlands in e i n e ni solchen Maße angewachsen sind, daß diese mit allen Mitteln nach einem Ausweg und Erfolg suchen, den sie auf außenpolitischem Gebiet zu finden hoffen. Die französische Presse zeigt sich nicht abgeneigt, Hitlers Ab- gesandten fair plan zuzubilligen, d. h. ihn anzuhören, aber sie läßt schon heute deutlich ihr Mißtrauen aege» altes das erkenne», was das„dnt'e Rich"„anbieten" will. Denn Au- gebole wird Herr von Ribbentrvp mitbringen. Fraglich ist nur. ob sie mehr als imaginären Wert haben, ob nicht gar Hitler jetzt auf Umwegen das erreiche» will, was ihm auf geradem Wege bisher zu erhalten nicht möglich war, Genevieve Tabouis im „Oeuvre" schreibt, daß Teutschland beabsichtigt, bedingungslos i» den Völkerbund zurückzukehren, daß aber vorher Frankreich, Italien, England und Amerika, die Unterzeichner der Erklärung vom 11. Dezember 1932, über die Gleichheit der Rechte, sich verpflichten sollte», einige Tage später in öffentlicher Sitzung Deutschlands Aufrüstung anzuerkennen, unter der Bedingung, daß Den'ichland von nun an an der enro (mischen Sicherheit mitarbeite. Genevieve Tabouis bemerkt dazu, in gewissen austäudijchcn politische» Kreisen wie bei manchen französischen Peiiimsteii i'ci man nach wie vor der Ansicht, Deutschland verfolge i» allen dieieu Dingen iol- geudeS Spiel: nachdem es durch seine unvorsichtige Poliiiik während der letzten sechs Monate mit guiem Grunde die Regierungen von Frankreich. England und Towjetrußland alarmiert und infolgedessen erreicht habe, daß mau mit der Verwirklich»»» neuer Rüstiingsprograiniiie begonnen habe, könne Deutschland meine», daß. wenn dieser Zustand bestehen bliebe, die vereinten Rüstungen Frankreichs, Eng- lanbs.«owjetrußlauds und der Balkanstaate» leicht eines Tages irgend einen Grund haben könnten, ihre Stärke gegen- über Deutschland zu beweisen. Im„Figaro" sagt nicht minder skeptisch Wladimir d'Osinesson, entweder suche Deutschland nur die Stellung der französischen Regierung zu schwächen, indem es auf sie einen indirekten Druck ausübe, oder es iei aufrichtig und wünsche wirklich eine Verständigung mit Frankreich. Warum verwende es aber in diesem Falle nickt die normalen Mittel, die ihm zur Verfügung ständen? Da es die französischen Wünsche sehr gut kenne und wisse, wie gemäßigt die Wünsche seien, warum erfülle es nicht vorher schon die Bedingungen für eine Verständigung? Was man Deutschland schon immer vorgcwor- sen habe, sei sein Mangel anBern u n s t. Einmal biete es fein Herz an Am nächsten Tage zeige es die Faust. Niemals halte es sich an die ganz normale und ganz einlache Wirklichkeit. Mit seiner Art. ivie eine kalte Tusche zu wir- ken, habe es die Entwicklung jenes Friedens zwischen Frankreich und Deutschland verfälscht, der zwar recht wün- sehenswert sei, aber nur auf gesunde Beziehungen sich gründe» könne. Wie man in Berlin bemüht ist Herrn von Ribbentrops Besuch in Paris gut vorzubereiten, darüber iveiß der Ber- liner Sonderberichterstatter des „Jour", Aguesse, seinem Blatte zu berichten. Der Frankfurter Sender habe iür Montagabend ein Saarstück angekündigt, das sehr heftige Angriffe gegen Elc- menecau entlialte. Der französische Botschafter in Berlin habe die- Wilhclinstraßc Saraus aufmerksam gemacht, wie unnütz diese neue Kundgebung gegen Frankreich sei. In- solgedesse» habe die deutsche Regierung ein Verbot der au- gekündigten Sendung beschlossen. Diese Entscheidung sei um so bezeichnender, als die deut- scheu Sender bis in die letzten Tage wegen der Saar einen recht gehässigen Kamps geführt hatten. Kürzlich habe 11,011 z. B. im Radio ein Stück mit dem Titel„Der Einzug der Franzosen in Saarbrücken" hören können, das mit lautcin Gebrüll und wildem Geschrei den Einbruch der sogenannte» Marokkaner bei den Einwohnern vorgc- führt habe. Das an den Frankfurier Tender ergangene Verbot werde lnnii am Vorabend der Nielse von Ribbentrops nacli'parle als eine Geste in Frankreich einschätzen. Uebrigcns gehöre sie zu einer Anzahl von andere» Vorgänge» und Hand- lungen, die Hitlers außerordentlichem l^csandten eine gün- stige Aufnahme unS erfolgreiche Verhandlungen vorbereiten sollte». Der Don der deutschen Presse sei tatsächlich maß- voller geworden: die Angriffe gegen Frankreich seien aus Kommando verstummt. Das Gerücht, wonach R u d o l f S e ß Herrn von Ribben- trop begleiten würde, habe in den Kreisen, die mit den Bräuchen der traditionellen Diplomatie vertraut seien, ge- radezu Staune» hervvrgcrutcn. Mau könne sich also ein Vild davon machen, welche Sensation iür die deutsche ösfcnt- liche Meinung der Besuch Frankreichs von feiten des vertrautesten Mitarbeiters des„Führers" bedeuten würde. Schließlich erwähnt der Mitarbeiter des„Jour" noch, daß man in Deutschland von dem Fortgang der Arbeiten des Drcier-Komitees in Rom befriedigt sei. Vom Standvnlikt Berlins ans liege eine der größten zu über- ivindendeii Schwierigkeiten in der Gewährung von Emran- fielt des Reiches für diejenigen Emigranten, die keine«aar- länder seien und nicht a» der Saarabstimmung teilnehmen könnten, aber im Kamps für die Saarabstimmung sich aktiv Kirdic am schwankendem Gründe Wieviele Richtungen bekämpfen einander? Das Durcheinander i it der deutschen Evangelischen Kirche ist kaum»vch zu beschreiben. Am Mvntag hat die von der Bckenntniskirche provisorisch eingesetzte Reichskirchenregierung unter Führung des Landesbischoss M a r a h a r c n s, der als künftiges Ober- Haupt genannt wirb, hat a>n Montag ihre Tätigkeit au?- genommen»nd ist in Besprechungen mit Mitgliedern der Reichsregierung eingetreten. Innerhalb der Bekenntnis- kirchc lehnt man nach>vic vor direkte Besprechungen mit der gegenwärtigen Reichskirchenregierung lReichsbifchof Müller) ab, da die Bekenntniskirche der Auflassung ist, daß sie allein juristisch berechtigt sei, im Namen des evange- tische» Kirchenvolkes z» sprechen. Gleichzeitig wird versucht, die Altprcußische Landeskirche wieder zu beleben, nachdem die Glcich- schaltiingsaktion Müllers vor den angerufenen juristischen Sachverständigen gescheitert ist. Dagegen wendet sich jedoch Dr. Werner, der Präsident des ObcrkirchenrateS. In- iolge seines Widerspruchs wurden jetzt die vom Reichs- bischof bereits erlassenen Einladungen zu einer Tagung des altprenßischcn Kirchensenats widerrufen. Gleichzeitig dauert die Bewegung unter den Landes- bischölen fort und steigert die allgemeine Unsicherheit. Der Provinzbischof von Westfalen, Adler, der dem Reichs- bischof Müller vor einigen Wochen eine große kirchliche Zeremonie zur Einführung in sein Amt gewidmet hatte, ist seit dem letzten Freitag nicht mehr in seinem Vermal- tungogebäude in Münster erschienen. Adler war von den in Westfalen herrschenden Anhängern der Bekenntnis- kirche mit einem n n d u r ch d r i n q l i ch e n Boykott umgeben worden,' die Kirchensteuern blieben zum großen Teil aus, die meisten Pfarrer kehrten sich nicht an die Weisungen des Bischofs, die Gemeinden gingen ihre eigenen Wege, und es scheint nun, so berichtet die„Nene Zürcher Zeitung", daß Adler das»nhlose Spiel ausgibt. In allem Durcheinander steht nur M ü l l e r„fest". Er will nicht zurücktreten und macht der Bckenntniskirche Schwierigkeit,:«, wie er nur kann.., ßisdiof gegen Rosenberg „Oer Führer hat nun das Wort" Berlin, den 27. November 1934. Anläßlich einer von den katholische» Organisationen T t ii t t g a r t zu Ehren des großen Pädagogen Don Bvscv veranstalteten.Kundgebung sprach der Bischof von Rothen- bürg, Plöns. S p r o l l. über die Bedeutung der Religion für die Jugenderziehung»nd über Grundsätze der katho- lischrn Erziehung. Im Verlause seiner Ansprache kam Moni. Sproll auch auf die Beziehungen der katholischen Jugend zur Hitlerjugend zu sprechen. Er erklärte, er wäre glücklich wenn die deutsche Jugend in einer einheitlichen Organisation zusammengefaßt wäre. Er würde Zehiitauskiidc junger Katholiken der Hitlerjugend zuführe», wenn er nicht Gcwisicnsbcdenken hätte. Aber solange der von Rosen- berg der deutschen Jugend gewiesene Weg eingeschlagen- werde, müßten die Katholiken ihre Jugendorganisationen aufrechterhalten. Das Konkordat gebe den Katholiken übri- gens das Recht dazu. Ter Fuhrer habe nn» das Wort. ßisdiof Wurm-- rehabilitiert! Das Ende eines„christlichen" Diffamierungsversuchs erinnert sich, wie man seiner Zeit, als die große Miiiler-Jager Aktion gegen die süddeutsche» Landeskirchen eingeleitet wurde, einen heftigen Difsanilerungsversuch des rvürttembergischen Bischofs Wurm versuchte. In echt evangelischer Gesinnung warf man ihm vor, er habe Geld unterschlagen und ins Ausland verschoben. Später wurde bekanntlich Wurm wieder in sein Amt eingeführt. n»d von den oorickirfcii gegen ihn war nicht mehr die Rede. Jetzt hat auch das«tuttgarter Landacrj-<>t den evangelischen Landes- vitchor Dr. Wurm ans Württemberg und seinen Vertreter L berkirchenrat Dr. Schüller außer Verfolgung g e- setz t. Beide waren beschuldigt worden, Gelder den ordent- Ilchen Kirchenzwecke!! entzogen zu haben. Die Anzeige war vom früheren Reichsmalter ber deutsche» evangelischen Kirche, ^r. Jager, erstatiet worden. Das Gericht hat den Tatbestand der Untreue verneint. „Soweil im als eianCe lsdier Chris*..* Barths Eidesverweigerung Nach de,» Bericht des Berliner Korrespondenten der „Times", ist Prof. Karl Barth von seinem Amte suspendiert worden, weil er zu de», von ihm geforderten Beamtcncid den Vorbehalt gemacht hatte, daß die Eidesformel folgen- den Zusatz erhalte:„Soweit ich es als evange- lisch e r Ehrt st verantworten k a» n." Prof. Barth hatte den Unteriichtsniinister von seinem Ersuchen in Kenntnis gcsetz. Ruft hat aber den Vorbehalt abgelehnt und jetzt Barth seines Amtes enthoben. * Tic Vorlesungen Karl Barths an der Bonner Uni- vcrsität sind bereits eingestellt worden. Es besteh, nicht der geringste Zweifel, daß das Disziplinarverfahren gegen den unerschrockenen Gelehrten und Theologen>n,t seiner Verabschiedung enden wird. Karl Barth bekämpfte von Ansang an die Kirchengleichschaitung in Wort und in «christ.«eine Kanzclpredigten, die stets außerordentlichen Zulauf hatten, hat er bis in die letzten Tage hinein fort- gesetzt. Karl Barth ist, und das ivirft zugleich ein Licht auf die jüngste Etappe im K i r ch e n k a m p s, aus dem Bruderrat der Bekenntniskirche soeben zusammen mit Pfarrer Niemöller und Pfarrer Asmussei, ausge- schieden, und zwar aus dem Grunde, weil sich i» der Führung der Bekeniilniskirchc ein anderer Kurs durchge- setzt hat, der einem Kompromiß mit der Staatsgewall nicht abgeneigt iväre. Es dürste sich in nächster Zeit cnt- scheiden, ob diese von Bischof Marahrens und den ban- riich.'n Lutheranern vertretene Richtung sich mit?r. Kinder und dem gemäßigten Flügel der Deutschen Ehristcn einigt und ans dieser Grundlage die Frage der Ablösung Rcichsbischos Müllers löst. ^DEUTSCHLAND ffi^KHITLER Die Soor— Deutschlands Sdiidtsal Den rrennden an der Saar Sie schleifen eure Namen durch die Gossen. Sie alarmieren Luge, Haß und Wahn. Ihr aber steht da wie ein FelS, Genossen. Und denkt nur eins: Ter Freiheit eine Bahn? Tie sparen nicht mit Phrasen, nicht an Mitteln, Tie setzen ganze Lügcnkorps in Trab. Ihr aber steht da in den Arbeitskitteln Und streift den Dreck von euren Röcken ab. Tie drohen mit Bergelten, mit Berfehmcn lind wollen rauben, was Ihr etwa habt. Ihr aber steht da. Stumm. Was kanu man nehmen» Da Ihr schon alles für die Freiheit gabt. Tie locken mit Geschenken, mit Versprechen Und lögen noch, war nur die Hälfte wahr. Ihr aber steht da in den Kohlenzechen Und wollt nur eins: Tie Freiheit an der Taar? Will« Eckenroth. JesuMenpafer in Sdinfzhafi Die Verfolgungen katholischer Priester hören nicht auf Bor einigen Tagen nahm, nach Mitteilung der„Kölnischen Zeitung", die Geheime Staatspolizei in Köln den Jesuiten- pater Tpiecker in Tchutzhaft. Pater Tpiecker habe, so er- klärt die Geheime Staatspolizei aus Antrage, in öffentlichen Arsiührungen„gehässige und versteckte Angriffe aus den Führer und die nationalsozialistische Regierung gemacht." Tie Schutzhaft ist vorläufig auf drei Wochen festgesetzt. Außerdem wird gegen Pater Tpiecker ein Ttrasveriah- reit wegen Verstoßes gegen die Verordnung des Reichs- Präsidenten zum Tchntz von Volk und Ttaat eingeleitet. Nazi-Tendenzmeldungen überführt Paris, den 28. November 1984. HavaS meldet:ES wird erklärt, daß die im Ausland ver- breiteten Meldungen, wonach Außenminister Pierre Laval ' deur Rcichsführer Hitler versprochen haben soll, jede Pro- paganda im Taargebiet für eine Abstimmung im Sinne der Beibehaltung des jetzigen Regimes einzustellen, wenn der Reichsführsr sich seinerseits zu einer sofortigen Reglung der Frage der Tomanialgrnben verpflichtet, jeglicher Grund- lag? entbehren. Man schreibt uns aus dem Reiche: In wenigen Wochen tritt die saarländische Bevölkerung an die Wahlurnen. Doch man dars annehmen, daß sich leider nur der kleinste Teil der weittragenden Bedeutung ihrer Stimmabgabe bewußt sein wird. Indem die Ab stimmenden wähnen, über ihr eigenes Geschick inid über das ihres kleinen Ländchens zu bestimmen, liegt tatsächlich das Schicksal von Millionen Menschen, ja. man kann viel- leicht ohne Uebcrtreibung sagen, das Schicksal Teutschlands und Europas für einen Tag in ihrer Sand. Diese Tchicksalsrollc spielen die Saarländer natürlich nicht aus eigenem Antrieb, nein, sie iverden dazu ge- zwungen von einer Macht, die selber die Schick'alssrage zu stellen getrieben wird, ähnlich wie eine Regierung, die vor ihrem Parlament die Vertrauensfrage stellt. Und diese Macht ist das nationalsozialistische Teutschland! Ein Blick nach Teutschland genügt, um die Richtigkeit dieser Aus- sasiung bestätigt zu finden und wie vom Himmel eingc geben fällt einem dort die Erkenntnis zu, daß die Taar tatsächlich daS Schicksal Teutschlands werden kann. Man peitscht das Volk in einem Maße aus und mit Mitteln, wie das bisher in Teutschland unbekannt war. Seit Monaten gibt es kaum ein Tors, in dem nicht an irgendeiner Stelle ein Transparent befestigt ist: Deutsch die Saar! Ebenso gibt es keine Stadt mehr, die nicht an ihren verkehrsreichen Punkten einen schwarzweißrot gestrichenen Holzpavillon oder einen Stand oder riesige Transparente ausgestellt hat, ebenfalls mit den Worten: Deutsch die Saar! Deutsche, denkt an die Saar! Aui Schritt und Tritt begegnen die Passanten derartigen und ähnlichen Erinnerungsschriften, oft völlig unmotiviert an gewöhnlichen Häuser», häufiger noch an Gastwirt- scharten und Hotels. Aui Bahnhöfen und in Wartesälen, in Rathäusern oder sonstigen amtlichen Stellen stößt^nan aus unzählige Plakate, die die Bevölkerung an die Taar erinnern sollen. Ja, wie erstaunt der Taorländer, wenn er irgendwo in einem Theater sitzt und aus seinem Pro grammzettel in dicken Lettern liest: Deutsche, denkt an die Taar. Tclbst auf den Umschlägen von Fachzeitschriften, im Tert der Vereinsblättchen oder kirchlichen Gemeindeblättern— überall sieht man sich plötzlich dem Wörtchen Taar gegenüber in Verbindung mit irgendeinem Spruch von unfern die Konjunktur ausnutzenden Feld-, Wald» und Wiesendichtern. Tic wichtigsten Rollen bei dieser ungezügelten Auf- peitschung des Volkes spielen natürlich die Zeitungen und Rundfunksender. Das Unwesen der deutschen Tender zu beobachten, dazu braucht man nur das Radio anzustellen. Schwieriger ist es schon, die Fülle dös Ma terials zusammenzustellen, das die deutsche Presse bietet. Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendetwas über die Taar in den deutschen Zeitungsspalten zu lesen ist, seien es sensationell aufgemachte Meldungen über mehr oder weniger große politische Zusammenstöße, oder die Aufrufe der„deutschen Front", deren Denkschriften und Hetzereien, Angriffe auf die Regierungskomminiov oder deren Or- ganc, wüste Schimpfereien und Ausbauschlinge» gegen die Es bleibt dabei: 5.7 Hillionen Arbeitslose Tie braune Presse an der Taar hat wieder einmal eine unserer„Lügen" entlarvt. Tie beschimpft uns als Separa- tistenprene und behauptet, daß wir kein Mittel unversucht lassen, mit„gemeinen Lügen die tatsächlichen Erfolge in Teutschland abzuleugnen". Wir können beim besten Willen keine Erfolge des nationalsozialistischen Teutschland aus wirtschaftlichem Gebiet feststellen. Wir wissen einS, daß diese „Erfolge" darin bestehe», daß Teutschlands Außenhandel zugrunde gerichtet wurde, daß der Gold- und Devisenbestand der Rcichsbank verpulvert worden ist, daß eine Rohstoff- knappheit und eine Preissteigerung bei gleichzeitigem Rück- gang des Realeinkommens der werktätigen Bevölkerung festzustellen ist. Lediglich die Bank- und Börsen i u r st e n mit dem R e i ch s b a n k p r ä s i d e n t e n T r. Schacht an der Spitze, ttnd die RüstungSindustricllen wie Krupp, Thyssen und Konsorten sowie die ganze Bonzo- lratie können mit den Zuständen in Teutschland zufrieden sein, da sie aus Kosten der Allgemeinheit ihren Prosit ein- stecken und sich mästen. TaS alles misten auch die braunen VolkSverderber genau. Doch versuchen sie, diese Tinge vor den Saarländern zu ver- heimlichen und dafür mit ihrer längst in die Vergangenheit versunkenen Arbeitsschlacht Reklame zu machen. Tie Nazis hätten mit Hilfe dieser Arbeitsschlacht die Arbeitslosigkeit überwunden. Tie behaupten dabei kühn, daß„die national sozialistische Regierung, am 80. Januar 1938 das furchtbare marxistische Erbe von 8 Millionen Erwerbslosen übernahm". Es waren damals zwar etwas weniger als 9 Millionen Arbeitslose, aber bei der Großzügigkeit im Lügen kommt es den Nazis aus die 2 Millionen wirklich nicht an. Nun hatten wir aber das große Verbrechen begangen, die wunderbaren Erfolge der Nazis zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu bezweifeln. Wir hätten, wie die„Saarbrücker Zeitung" erklärt,„mit frecher Stirn und fetten Buchstaben" behauptet, eS gäbe in Teutschland heute 5,7 Millionen Arbeitslose. Und nun iverden wir und unser BiPdcrblatt, die „Taar-Volksstimmc". die die gleiche Behauptung ausgestellt hat,„widerlegt". Gewöhnlich, wenn man jemand widerlegen will, geht mau auf seine Behauptungen ein und versucht den Nachweis zu erbringen, daß sie nicht richtig sind. Tie„Taarbrücker Zei- tung" aber geht auf unseren Artikel überhaupt nicht ein, sondern macht sich ihre eigene Statistik zurecht, ohne daß ihre Leser wissen, was wir eigentlich gesagt haben. Zunächst wollen wir die Feststellung machen, daß die „Deutsche Freiheit" den Artikel unter der Ueberschrist„a.< Millionen Arbeitslose" in ihrer Ausgabe vom 1. November, und die„Taar-Volksstimme" einen Tag später gebracht haben. Um uns also zu„widerlegen", brauchte d i e a l t c g e b r e ch l i ch e T a n t e i m m e r h i n 2 ti a g c. Wir hoben klar und deutlich geschrieben, daß nach den omt- Uchen Angaben heute im regulären Produkt,onsprozeß 15,1 Millionen Arbeiter«nd Angestellte tatig sind Unter Hinz«, zählung der zu gleicher Zeit veröffentlichten Arbeitslosen- zisscr von 2,3» Millionen gäbe es demnach in Deutschland rund 17,5 Millionen Arbeitnehmer. Das sind amtliche Zahlen, die die„Saarbrücker Zeitung" nicht bestreiten kann. Wir haben ferner festgestellt, daß in dem Statistischen Jahrbuch sür das Deutsche Reich für 1984 die Zahl der Arbeitnehmer mit 29 837 999 angegeben wird. Auch das ist eine amtliche Zahl, und die„Saarbrücker Zeitung" versucht nicht im gc- ringsteu, auch diese Zahl zu bestreiten. Wenn wir diese letzte Zahl mit der obigen Zahl von 17,5 Millionen Arbeitnehmer vergleichen, so kann ein jeder, der die Volksschule besucht hat, sich ausrechnen, daß in den neuesten statistischen Ausweisen über die Zahl der Beschäftigte» und Arbeitslosen in Deutsch- land die Kleinigkeit von 3,3 Millionen Arbeitern fehlt Da die Zahl der Arbeitslosen nach amtlicher Feststellung 2,1 Mil- lionen ist, so mußte unter Hinzuziehung dieser 3,3 Millionen angenommen werden, daß die Zahl der Arbeitslosen in Wirklichkeit 5,7 Millionen ist. Nun will uns die„Saarbrücker Zeitung" weißmachen, daß es erstens einmal 500 000 Kranke gäbe, dann 500 000„unsicht bare" Arbeitslose und l Million„unsichtbare" Beschäftigte Dazu ist folgendes zu sagen: Wir haben nie gehört, daß die vorübergehend kranken Arbeitnehmer in der Beschäfti gungsstatistik überhaupt nicht eingerechnet werden. Was „unsichtbare Arbeitslose" sind, das verstehen wir nicht. Es handelt sich wahrscheinlich um Arbeitslose, die keine Arbeits losenunterstützung bekommen. Im übrigen wollen wir daran erinnern, daß im Sommer das Institut für Konjunktur sorschung diese unmittelbaren Arbeitslosen mit 800 000 geschätzt hat, aber wie schon oben gesagt, den Leuten kommt eS auf eine Lüge mehr oder weniger nicht an. Daß es darüberhinaus plötzlich in Teutschland eine Million„unsichtbare Beschäftigte" gibt, darüber haben wir bisher nie etwas gehört. Dieser Begriff ist uns überhaupt neu. Will etwa die „Taarbrücker Zeitung" behaupten, daß es in, braunen Teutschland eine M i l l i o n Ar- b e i t ne hmc r gibt, die ihre Steuern nicht bc- zahlen und deshalb unsichtbar geworden sind? Es hat wirklich keinen Sinn, auf diesen osfcusicht- lichen Krampf einzugehen. Tie Tatsache bleibt bestehen, daß die Zahl der Arbeit nehmer in Teutschland auch sür das Jahr 1984 vom Sia tistischen Reichsamt mit 20.8 Millionen angegeben worden ist, und die Tatsache bleibt ferner bestehen, daß bei der Angabe der Arbeitslosenzahl mit nur 17,5 Millionen Arbeitnehmern operiert wird, daß man also im Gegensatz z» den früheren Iahren 3,8 Millionen Arbeitnehmer„vergessen" hat Und die„Saarbrücker Zeitung" ist uns die Erklärung schuldig geblieben, was mit diesen 3,8 Millionen loS ist. Denn aui die Mätzchen von den 500 000 Kranken, von der halbe» Mil lion„unsichtbaren Arbeitslosen" und einer Million.unsicht barer Beschäftigten" fällt doch wahrlich niemand rein außer einigen wenigen, die unbedingt alles glauben, was ihnen von der gleichgeschalteten Presse aufgetischt wird. „Marxisten" und oppositionellen Katholiken und schließlich heftige Polemiken gegen die französische Regierung. Eine beliebte Art ist. das„Wüten der saarländischen Kommune" ganz groß auszumachen,' um dem deutschen Leser zu zeigen, vor welchen„Gefahren" er doch im Schöße des„dritten Reiches" bewahrt bleibt und wie sehr es Zeit ist, daß auch Ijje„arme, geplagte Taarbevölkeruug" von diesem„roten Gesindel" befrei, wird. Richtige Schauergeschichten werden den deutschen Lesern aufgetischt, wenn es darum geht, die „separatistischen Marxisten" in ihrer ganzen„Blut- rünstigkeit" anzuprangern. Einen weiteren, sehr beliebten Stoff für Sensationen muß die französische Grubenverwaltung hergeben, die die saarländischen Bergarbeiter„noch schlimmer hält, als man die Neger im dunkelsten Afrika behandelt", die ein„furcht bares Schreckensregiment" an der Saar ausübt und die jeden saarländischen Bergarbeiter„kaltherzig dem Hunger- todc" überliefert,„falls er nicht Franzose werden" will. Bei einem solch dankbaren Thema ist es nicht verwunder lich, wenn die kitschigsten Erzählungen und Romane in deutschen Zeitungen und Zeitschriften Eingang und gläubige Leser finden. Dieses redliche Bemühen gekaufter Journalisten hat^ dann tatsächlich zustande gebracht, daß Saarländer im Reich wie bejammernswerte, todunglückliche, völlig ver- armte Menschen angesehen und bemitleidet werden und es will den Deutschen durchaus nicht paffen, wenn Saarländer in ihrem Benehmen und Aussehen völlig von diesem Trugbild abweichen und erst recht mißtrauisch werden sie, wenn Saarländer mit dem besten Willen nicht in der Lage sind, alle diese Greuelmärchen durch perfön- liche Erfahrungen zu bestätigen. Die Leute merken dann selber, da stimmt etwas nicht— und natürlich stimmt da etwas nicht! Ein für die Aukstachelung nationalistischer Leidenschaften wunderbare geschaffenes Objekt waren die Meldungen von den Truvpenverschiebungen der Franzosen an der saarländischen Grenze. Zwei, drei Wochen lang stand die deutsche Zeitung im Zeichen dieser Meldungen. Jeder Tag brachte das gleiche Thema in neuer, noch größerer, noch sensationellerer Aufmachung, kaum, daß die Schriftgrade ausreichten, kaum daß die Breite» der Journale Platz genug boten, lind wie lauteten die Ucbcrichrifteu?! Ein neuer Welt krieg schien vor der Türe zu stehen:„Frankreichs Saar Pläne glatter Rcchtsbruch!" Kein Grund, kein Recht zum Einmarsch!"„Französische Motortruppen in Bereit schaft!"—„Tic Taardcutschcn lassen sich nicht provozieren!" -„Teutschland legt Verwahrung ein!"—„Tie richtige Antwort an Frankreich!"-„Frankreich wird zur Ord nung gerufen!"—„Warnungen aus allen Ländern!"— Und dann kommen auch mal wieder die beliebten Ver dächtignngcn der Emigranten:„Putjchaerüchte im Saar gebict!"—„Erfindung der Emigranten!"—„Bürckel for dert Ausweisung der Taar-Emigrautcn!"—„Bruch des Emigranten-Terrors gefordert!" usw. Natürlich wird auch nicht versäumt, bei dieser Gelegen heit den„Friedenswillen" Deutschlands gebührend her vorzuhcbcn und es wimmelt nur tri im deutschen Blätter wald von entsprechenden Ucberschristcn und Ausführungen. Tie überdimensionale Steigerung, die die Saarfrage durch die Nationalsozialisten bewußt oder unbewußt er fahren hat. rief die eigenartige, aber feststehende Er schcinung hervor, daß heute ganz Teutschland in zwei riesige Lager gespalten ist durch Gr Verhältnis, durch ihre Einstellung zur Saar. Auf der einen Seite stehen die Deutschen, die unter allen Umständen wünschen würden, daß das Saargebiet reibungslos und so bald als möglich zum Reich zurückkehren möge. Aus der anderen Seite stehen die Deutschen, die fürchten, daß Hitlers Diktatur den Ruin Teutschlands bedeutet und darum seinen Sturz wünschen. Auch eine Niederlage Hitlers an der Saar würde dieses Ereignis noch nicht sein, aber sie märe ungeheuer Ivichtig als treibend« Kraft auf ein derartiges, erhofftes Ereignis hin. Eine Nieder- läge Hitlers an der Saar würde einen Prestigeverlust des Systems vor dem deutschen Volke und der Welt bedeuten, dessen Tragweite nicht abgeschätzt werden kann. Angesichts des beinahe unfaßbaren Vertrauens, das Hitler»och bis vor kurzem im Volke besaß, birgt ein deutlicher Ver trauensvcrlust au der Saar große Gefahren sür.das ganze nationalsozialistische System in sich. Umgekehrt würde ein Tieg Hitlers eine neuerliche Festigung feiner Stellung im Staate zur Folge haben, die Einnistung des National- svzialismus im Herzen Europas könnte fortschreite». Begreift man nun, mit welcher Spannung hauptsächlich die deutschen Gegner de» Nationalsozialismns auf den Ausgang der Saarabstimninng warten? Begreift man anch, wenn heute ganz Deutschland nur ein Problem kennt» das es von Tag zu Tag mehr erfüllt, die Saar- obstimmung? Es kingt unglaublich, aber es ist so: Während der eine Teck des deutschen Volkes davor zittert, daß das Taargebiet nicht zum Reich zurückkehren könnte, zittert ebenso sehr der andere Teil des Volkes davor, daß Hitler an der Saar siegen könnte! Zwei Hoffnungen spalte,, Deutsch- land! Zwei Hoffnungen lähmen das deutsche Volk bis zu den Tagen um den 18. Januar 1935 herum! Alles andere tritt nun in den Hintergrund, interessiert nicht. Ten» die Saar wird als Prüfstein angesehen, oh Teutschland auf längere Zeit dieses Leben weiter führen oder ob die Stunde des braunen Systems bald geschlagen haben wird. lind begreift man nun auch, wenn die Saar das Schick- sal Teutschlands werden kann? Jawohl, hier in dem kleinen Ländchen fallen die Tchickjalswürsel— und die Be völkeruug ist sich dessen nur zu einem kleinen Teil bewußt. Tie weiß kaum, daß sie es in der Hand hat. ein Sechzig- Millionen-Bolk zu weiterer Knechtschaft unter brauner Despotie zu verurteilen: sie weiß kaum, daß es au ihr liegt, vor aller Welt laut zu jagen, was ein Sechzig- Millionen Volk nicht ausdrücken darf: und sie weiß kaum, daß sie berufen sein könnte, diesem großen Volke die Fackel der Freiheit zuzuwerfen, dann, sie lodere und hell aufflamme, bis auch die winzigste Ecke deutsche,, Bodens von der Dunkelheit Unterdrückung befrei: ist. im im Kleine Wirfschattsnachrichleit G Der Gesamt verbraucherlös, der jetzt im Reichsbund deutscher Verbrauchergenossenschaften . h. H. in Mamburg zusammengefaßten Vereine ist von ].] Milliarden Mark im Jahre 1932 auf 823 Millionen im Jahre 1933 gesunken. Das nationalsozialistische Experiment führte also zu einem Rückgang der Umsätze»»> 300 Millionen Maik. obwohl 1932 bekanntlich die Umsätze an sich schon außcrordcntlieh niedrig waren infolge der hohen Zahl der Arbeitslosen. * Am rheinisch- westfälischen Schrott- markt ist das Geschäft immer noch sehr lebhaft, da die Rüstungsindustrie nach wie vor für diesen Rohstoff Interesse zeigt. Infolge der anhaltenden Nachfrage bewegen sich die Preise auf einem noch immer hohen Niveau. Es ist bezeichnend, daß die Srhrottehifuhr trotj aller Drosselungs- maßnalnnen recht hoch bleibt, während die Ausfuhr im Vergleich zu den letzten Jahren wesentlich ist. Die Finanzierung der Arbeitsbeschaffung zurückgegangen Dir I. P. R e in Ii e r g A. G. teilt mit. daß entgegen den im Umlauf befindlichen Gerüchten das große Sieghurger Kunstseiden werk der Firma noch nicht in Betrieb gesetzt ist. Die Verwaltung erklärt, daß die Frage der Inbetriebnahme des Werkes..in engstem Zusammenhang mit der endgültigen Entscheidung über die Erweiterungspläne in der Kunstseidenindustrie" steht. Bekanntlich steht die Kunstseidenindustrie mit der Reichsregieriing in Verhandlung, um (zur Errichtung neuer Kunstseidenfahrikeu untf Erweiterung bestehender Werke 1 Million Subvention zu erhalten. Eine künstliche Erweiterung der Kunst seiden Produktion würde einen schweren Schlag gegen die W oll- und Baumwollpro- duktion bedeuten. Der P r ä s i d e ii t k a in m e r, D d v o ii r Industrie- und Handels Beuteln, hat einen Vortrag in der deutschen wirtschaftlichen Gesellschaft gehalten und hat u. a. erklärt, daß die Quelle der Preiserhöhungen nicht immer beim Einzelhandel zu suchen ist. da der Einzelhandel nur das 8«hänfenster der Wirtschaft sei. » Infolge der Schwierigkeiten im Zahlungsverkehr mit Deutschland hatte eine Anzahl von Verbänden des holländischen Handels und Gewerbes, die bisher noch nirgend einheitlich organisiert waren, zur Klärung der den Zahlungsverkehr betreffenden Fragen Anfang Oktober dieses Jahres eine Kommission eingesetzt. Nachdem sich alsbald die Errichtung einer ständigen Organisation als notwendig herausgestellt hatte, erfolgte jetzt in einer stark besuchten Versammlung im Haag die Gründung der N i e d e r I ä n- ,' 1" Warenverdi s c h e n V e r e i n i g ii Ii g f ü d, kehr(Nederlandsthe federatie voor liet goederenverkeer). die die Arbeit des ursprünglichen Komitees fortsetzen soll, lind deren Ziel es ist, die Interessen des niederländischen V\ arenverkehrs. soweit dies nicht bereits durch andere Organisationen geschieht, in weitestem Sinne zu wahren. Niedergang der Spielwarenaustubr In der neuesten wirtschaftlichen Wochenschau der Thüringischen Staatsbank wird über die Thüringische Spielwarenindustrie folgendes ausgeführt: Der im Vorjahre in der Thüringischen Spielwareiiinduslrie durchschnittlich erzielte Umsatz konnte in diesem Jahr bisher nicht ganz erreicht werden. Der Rechnungswert der von der Thüringischen Spielwarenindustrie abgesetzten Erzeugnisse stellte sich zum Beispiel im September dieses Jahres auf 6(1 pf.t. gegenüber 63.1 pCt. im September des vergangenen Jahres, gemessen am Durchschnitt der Jahre 1926 1929. Im Monat Oktober sind aber in der Spielwareiiinduslrie, wie berichtet wird, noch nachträglich Bestellungen iu größerem Umfange eingegangen. Einzelne Spielzeugwaren, wie Schaukelpferde, gestopfte Puppen. Tiere, wie überhaupt weichgestopfte Spielwaren, fanden verhältnismäßig guten Absatz. Hersteller von Krippen und Heiligenfiguren für das Weihnachtsgeschäft halten ebenfalls gut zu tun. Dagegen wird sehr über den starken Rückgang der Ausfuhr geklagt. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika und Großbritannien waren früher die besten Abnehmer für deutsche Spielwaren. Bedauerlicherweise. ging aber die Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten im Jahre 1933 im\er- gleich zum Jahre 1 93 2 dem Werte nach um rund 50 p C t. turüc k. Defizit bei der Reichspost Die Reichspost hat ihren Geschäftsbericht für das Geschäftsjahr vom 1. April 1933 bis 31. März 1934, das erste, das gänzlich unter die Führerschaft Hitlers fällt, veröffentlicht. Das Ergebnis steht mit den fortgesetzten Meldungen über die günstige Entwicklung. des deutschen Wirtschaftslebens im Widerspruch. Die Beförderung von Briefen und Telegrammen hat eine weitere. Abnahme erfahren. Paket- und Wertsendungen und J erngespräche. haben zugenommen. Die Betriebseinnahmen der Reichspost sind weiter zurückgegangen. Sie betrugen: 1931 32... I 877 Millionen RM. 1932 33... 1 653 Millionen RM. 1933 34... 1 638 Millionen RM. Dagegen haben die Betriebausgaben eine geringe Zunahme zu verzeichnen, von 1301 Millionen RM. auf 1310 Millionen RM.; auch die Abschreibungen sind um 65 Millionen RM. höher. Nach dem Gesetz zur Vereinfachung und 5 erhilligung der Verwaltung vom Februar dieses Jahres muß die Reichspost 6 Prozent der Beiriebeiniiahiiien und die Ersparnisse aus der Kürzung der Beauiteubeziige abführen. Sie betrugen für das abgelaufene Geschäftsjahr 227.8 Millionen RM. Um diese Verpflichtung erfüllen und die laufende Postabfindung an Bayern und Württemberg bezahlen zu können, müssen 224 8 Millionen RM aus dein Sondervermögen der Reichspost genommen werden. Um beinahe eine Viertel- milliarde wird also das Sondervermögen der Reichspost nach dem ersten Geschäftsjahr unter Hitler erleichtert! (Schluß aus Nummer 264) 4. Finanzierung durch Lohnsenkung. Ist so ein bedeutender Teil der Arbeitsbeschaffung unmittelbar auf Kosten der Arbeitslosen finanziert worden, so ein anderer nicht minder bedeutender Teil auf Kosten der Betriebs- arbeiter. Die Unternehmer wälzten mit Unterstützung der öffentlichen Stellen die Kosten der Mehreinstellungen im Zuge der Arheitsschlacht durch Lohnsenkungen und.Arbeitsstreckung auf die Arbeiter ab. Die Tarife bleiben formal zum großen Teil unverändert, aber durch Abbau der Ueber- verdienste. Uehergang zu lohndrückenden Akkordsystenien, Befreiung ganzer Unternehmungen von der tariflichen Bindung und ähnliche behördlich sanktionierte Verfahren des Lohiiraubs. vor allem aber durch die immer mehr um sich greifende Kurzarbeit, verdienen viele Arbeiter kaum mehr als den Unterstützungssatz Selbstverständlich macht das Regime jede statistische Erfassung dieses Lohnabbaues iui möglich Man ist auf imlir-ktr Schlüsse angewiesen. Einige Beispiele aus den Abschlüssen großer Unternehmungen für 1933. die allerdings den Lohnabbau erst zum Teil widerspiegeln; Krupp steigerte seine Belegschaft gegen das Vorjahr von 35 600 auf 43 450. Die Lohnsumme aber sank von 69 auf 67 Millionen, der Diirchschiiittsverdienst also von 1932 Mark auf 1543 Mark. Bei H oc ich stieg die Zahl der Beschäftigten von 19 060 auf 20 290. die Lohnsumme sank von 43 auf 38 Millionen, der Diirchschiiittsverdienst von 2267 auf 1869 Mark. Bei der I. G. Farben vermehrte sich die Belegschaft von 67 000 auf 77 000. die Lohnsumme stieg von 173 auf 1,5 Millionen, der Durchschnittslohn sank von 2582 auf 2272 Millionen. Der größte europäische Elektrizitäts- konzern Siemens veröffentlichte seinen Abschluß im Spätherbst 1933. Danach war der Betrag um 10 Millionen Mark gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Die Umsätze verringerten sich von 435 Millionen im Jahre 1932 auf 350 Millionen im Jahre 1933. Dieser Rückgang erfolgte, obgleich der Konzern in den Genuß staatlicher Arbeitsbeschaffungsaufträge gekommen war. Trotz des Umsatzrückganges und des verminderten Ertrages ist die Zahl der Beschäftigten erheblich gestiegen. Während in den Zweigstellen des Konzerns. die im Auslände tätig sind, die Zahl der Beschäftigten entsprechend dem Umsatzrückgang zurückgegangen i»t, hat sich trotj des Sinkens des Inlandumsatfcs um 12 Prozent die /alil der Beschäftigten um 15 Prozent erhöht. Trotz der Neu- • iiistellungen im Inland ist die Lohnsumme um 15 Prozent zuriiikgegauge n! Im ganzen hat die Finanzierung der Arbeitsbeschaffung im ..dritten Reich" eine verzweifelte Aehulichkeit mit der Kriegsfiiiaiizierung. Damals Kriegsanleihen, heute Arbeits- tvechsel und Angrill auf das Sparvermögen. Damals die Bechtfertigung der leiditsinnigen Pumpwirtsrhaft mit dem Satz: Nach dem siegreichen Friedensschluß werden die Feinde alles bezahlen. Heute; Nach der siegreichen Arbeilssshlatht wird die neu erblühte Privatwirtschaft alles spielend begleichen. Der neue Satz ist nicht weniger gefährlich als der andere. Wie die leichtsinnige Kriegsfinanzieruiig zur Inflation führte, so kann die leichtsinnige Arbeitsbeschaffung*- finanzierting dieselben Folgen heraufbeschwören. Wenn in einem Lande das Wagnis einer großen Arbeits- hesehaffungsaklioii unternommen wird, dann ist dieses Wag nis nur zu verantworten, wenn die gesamte Wirtschaftspolitik dieses Landes auf die UeberWindung der Krise, auf die Wiederbelebung der Konjunktur eingestellt wird. Statt die Arbeitsschlacht in eine solche Gesamt Wirtschaftspolitik einzuspannen, bat das Regime seine ganze Wirtschaftspolitik einschließlich der Arbeitsbeschaffung außer Wirtschaft liehen— machtpolitischen Zwecken untergeordnet. Statt die in Angriff zu nehmenden Arbeiten konjunkturpolitisch möglichst zweckmäßig auszuwählen. wurden sie der Aufrüstung dienstbar gemacht. Statt die Finanzierung in Grenzen zu halten, die den Aufschwung der Gesamt Wirtschaft nicht gefährden können, wurde eine schwere Vorbelastung einer künftigen Wirlschaftsbelebung heraufbeschworen. Zunächst schien das große Experiment des Regimes zu glücken: Eine optimistische Welle ging durch das Land, die politische Entspannung nach der unerhörten Zuspitzung der politischen Gegensätze in den letzten Jahren wirkte als starker Vertrauensauftrieb. Mancher Unternehmer glaubte, daß die hinter dem Regime stehenden wirklichen Kräfte es schon schaffen würden, und war bereit, als Entgelt für die Beseitigung der Gewerkschaften etwas für die Arbeitsbeschaffung zu tun. Andere duckten sich wenigstens und ließen sich überflüssige Arbeitskräfte aufhalsen. Die Arbeiter duckten sich und nahmen Lohn- und l nterstützungs- rauh, gegen die sie sich noch wenige Monate vorher aufgelehnt hätten, widerstandslos hin. Die Behörden duckten sieh und stellten— wenn auch erst nach manchen Kämpfen Die Preise hoch Kartelle fest geschlossen Die gleichgeschaltete Presse schreibt:„Nachdem mit dem seinerzeit schon dem Abschluß nahe erscheinenden Zwangskartell innerhalb der Zigarrenindustrie nicht mehr zu rechnen war, hat der Reichsverband deutscher Zigarrenherstel- ler e. V. nochmals neue Verhandlungen begonnen, die eine Verständigung unter den Zigarrrnherstellern auf freiwilliger Grundlage zum Ziel haben. Das neue Kartell, das für den Teil der Zigarrenindiistrie gelten soll, der ungefähr gleichgelagerte Kundschaft beliefert, soll sich vornehmlich mit der Reglung der Zahluiigs- und Lieferungsbedingungen befassen und u. a. auch Bestimmungen gegen das Schleuderunwesen enthalten. Der größte Teil der in Frage kommenden Zigarren betriebe ist offenbar zum Abschluß eines solchen Kartells bereit." Die Moral der Geschichte ist: während Goerdeler die kleinen Hausierer bekämpft, werden munter neue Kartelle zur Horlihaltunc der Preise ins Leben gerufen. — ihre sachlichen Bedenken zurück. Zunächst seiden das große Experiment zu glücken: 2.5 Millionen kamen angeblich„in Arbeit und Brot", weitere 660 000 fanden Beschäftigung oder Unterkommen als Notstandsarbeiter im Arbeitsdienst und in der Landhilfe. Im Endergebnis aber konnte das Experiment nicht glücken. Deutschlands Industrie Wirtschaft ist auf den Export angewiesen. Sie war in den letzten Jahren durch die Aufhebung der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung. des internationalen Güteraustausches und der internationalen Kreditbeziehungen in schwere Bedrängnis geraten. Eine wichtige Vorbedingungen für die\V ieder- bclchiing der Konjunktur und damit für den Erfolg der Arheitsschlacht war daher die Förderung des deutschen Industrieexports. Statt dessen brachten es die Nationalsozialisten fertig, den Export im großen Umfange zu zerstören: die Drosselung der Lebensmitteleinfuhr zugunsten der Landwirtschaft setzte die Lieferländer außer- Stande, deutsche Ausfuhrwaren aufzunehmen, denn sie. konnten die Einfuhr deutscher Viaren nur mit dem Erlös ihrer Ausfuhr nach Deutschland bezahlen. Die Begünstigung der Schwerindustrie, der Rüstungsproduktion, der inländischen Rohstofferzeugung und Ersatzstoff Wirtschaft wirkten ebenso hemmend auf die Exportindustrie wie die. Festlegung großer Teile des Preisgefüges durch ein umfassendes System von Kartellen und Monopolen. Die Haupt Schwierigkeit, mit der jede Finanzierung einer großen Arbeitsbeschaffungsakt ion zu rechnen hat. ist die Beeinträchtigung des Kapitalmarktes. In der kapitalistischen Wirtschaft ist der Zustand des Kapitalmarktes entscheidend für die Wiederbelebung der Gesamtwirtschaft. Nur wenn ein gewisses Maß unbeschäftigter Kapitalien zu- saminentrifft mit der Aiilagebereitsehaft der Kapital- nehmer und-gelier, kann privat wirtschaftlich der Aufschwung eingeleitet werden. Deshalb ist es für den Konjunkturahlauf entscheidend, daß die Finanzierung der Arbeitsbeschaffung alles vermeidet, was den Kapitalmarkt erneut„versteifen" und damit die privat wirtschaftliche Initiative hemmen könnte. Die Finanzierung der Arheitsschlacht hat mit ihrem Pump auf die Zukunft in der Form der Arbeitswechsel das Gegenteil getan. Auf dem Kapitalmarkt hat sich die 1 enden/ durchgesetzt, diese Wechsel loszuwerden und sie der Reichsbank zuzuführen. Ende 1933 befanden sich bei der Reichsbank Arbeits- beschaf fungsw eehsel in Höhe von 500 Millionen RM. Im Juli 1934 erhöhte sich der Wrrhselhestand auf 1200 Millionen RM. Inzwischen dürfte der Bestand auf 1.5 Milliarden RM. angewachsen sein, so«laß die Keirhsbank jetzt bereits mehr als die Hälfte des Gesamtiimlaiifs an Arbeitsbeschaffung!« wechseln hereinnehmen mußte. Außerhalb der, Reichsbank befindet sich noch etwa 1 Milliarde an Arbeits- beschaffungs wechseln im Umlauf. Diese Erscheinung läßt erkennen, daß das Ziel der Umwandlung der öffentlich"ii in die private Finanzierung nicht nur nicht erreicht, sondern in sein Gegenteil umgeschlagen ist. Der Kapitalmarkt hat den größeren Teil der Arbeitswechsel nicht verdauen können. Jetzt hängen sie gefahrdrohend bei der Reichsbank, beinträchtigen sie in ihrer kreditpolitischen Bewegungsfreiheit und erschüttern das Vertrauen in die Währung. Das Wirtschaft apolitische Ziel der Arbeitssehl acht ist nicht erreicht worden. Die Wiederbelebung der Konjunktur ist ausgeblieben, und mit der Erschöpfung der öffentlichen Mittel droht die Wirtschaft erneut in den Zustand der Krise zurückzusinken. So eigenartig die deutsche Binueninarktkoujnnktur sich gestaltete-- eine Konjunktur auf der Grundlage einer niedergebenden Gesaint Wirtschaft!—, so sonderbar mutet auch das Bild der Stagnation an. das die deutsche Wirt- Schaft heute kennzeichnet. Die faschistische W irtschafts- politik hat dafür gesorgt, daß alle diejenigen Elemente der Konjunkturentwicklung, die eine Ueberwindung der Krise auf normale W eise hätten herbeiführen können, im Verlauf ihrer W irksamkeit immer konsequenter ausgeschaltet wurden. Das Konjunkturbild 1 933-34 hat in sieh alle Merkmale der Depression weiter " e.P r* p Alternative, vor der die Wirtschaftspolitik jetzt steht, ist von einer geradezu zwingenden Form: entweder das Pendel der Konjunktur in der bisherigen ' r weiter ausschlagen zu lassen— und das bedeutet schließlich die Inflation mit all ihren Folgen— oder aber das Konjunkturpendel nach der anderen Seite zurückfallen zu lassen— und das bedeutet nicht nur den Rückfall in die Depression, sondern den in die Tiefen der Krise. Dazwischen liegt nur noch ein kleir Manövrieren. iner Spielraum zum Handelsverkehr mit der Sowjetunion Die soeben veröffentlichten detaillierten Angaben der Haupt zoll Verwaltung der Sowjetunion über den russischen Außenhandel in den ersten acht Monaten 1934 sind insofern von besonderem Interesse, als aus ihnen hervorgeht, daß Deutschland jetzt der beste Abnehmer sowjetrussischer Waren ist. Während in den ersten sieben Monaten dieses Jahres noch England als Abnehmer russischer Erzeugnisse unter allen Staaten an erster Stelle stand, ist nunmehr Deutschland, das in der Zeit Januar bis August 1934 Sowjetwaren im Werte von 52 7 Millionen Rubel aufnahm, an die Spitze gerückt, denn nach England sind in der gl« icheil Zeit nur Sowjetwaren für 42.2 Millionen Rubel gegangen. Demgegenüber nimmt unter den Lieferanten der Sowjetunion in der Berichtszeit England mit 30.4 Millionen Rubel den ersten Platz ein, während Deutschland, noch Anfang 1934 der größte Lieferant Sowjetrußlands, jetzt mit 20.7 Millionen Rubel an zweiter Stelle steht. Speziell im August hat Deutschland Sowjet waren für 11,73 Millionen Rubel aufgenommen, England dagegen nur für 7,85 Millionen. S^eutsdte Stimmen•®cila^e sur Deutsffien Jteiheit'• tv eignisse und Gesdiidtten L. U; Donnerstag,cl«n29.Noveml>er1934^ ßctigtascfim sJlamaii^ SßefäcdecuHqen J)as neue Jülich fBectcxCt J5cecfit& Herbst 1928. In Berlin, im Theater am Schiffbauerdamm, ? man ein seltsames Stück, ein Gemisch von Oper und Schauspiel, die„Dreiproschenoper". Der Text stammte von «'rt Brecht, die Musik von Kurt Weill. Es war ein Erfolg, scie ihn die Theaterstadt Berlin seit Shaws„Heiliger Johanna" nicht mehr erlebt hatte. Jeden Abend sah man iui ausverkauften Hause allerfemstes Publikum mit leuchten- den Hemdbrüsten, die der Smoking umrahmte, mit Hoben von den teuersten Sehneidern. ^ as P 3' 1 es oben auf der Bühne? Eine Bettleroper, die unter I.ondons niederstem Volke spielte, mit Figuren aus dem Schattenreiche der Großstadt, nachgedichtet einer alten englischen Oper, die für Bettler bestimmt war. Von der Biihne her wurden wilde und anklägerische Verse ins Parkett geschleudert, Peitschenhiebe ins Gesicht der herrsehenden Klassen aller Zeiten, grimmer Witz und beißender Hohn: „Nur wer im Wohlstand lebt— lebt angenehm." Im Par- lerre und auf den Rängen saßen die Angeklagten. Statt zu pfeifen, klatschen sie. als gelte es. das schlechte soziale Gewissen durch ein Bekenntnis zu den im Grunde so lieben Armen zu verscheuchen. Der Dichter half ihnen dabei etwas mit. Denn zuletzt erschien„der reitende Bote des Königs" und rettete den kühnen und amoralischen Helden vor dem würgenden Strick. Das war nun freilich die beißendste Satire auf die täglich erlebte Wirklichkeit Aber da war die handfest gezimmerte Handlung, im Hintergrund der Bühne saß die Kapelle, die nach den Rhythmen Kurt Weills über sie hinwirbelte, und rnan sang und man spielte in Kurze überall die Songs aus der Dreigroschenoper, die später zum Wahrzeichen des aller- schlimmsten Kulturbolschewismus avancierten. Es gab nur Wenige deutsche Bühnen, die in den Jahren 1929 und 1930 nicht im Drrigroschen-Teinpo nachexerzierten. Audi ein lilin wurde gedreht, der freilich die Wirkung der atmender Gestalten auf der Bühne nicht zu erreichen vermochte. W ir wissen es alle noch. Inzwischen ist etwas eingetreten, was Bert Brecht und Kurt Weill nebst ihrer Hauptdarstellern! Karola Neher, die inzwischen durch Entziehung der Staatsangehörigkeit geadelt wurde, zu Emigranten machte. Es erschien ein Gedidithand Bert Brechts(Eclitions du Garrefour, Paris), und nun sein bisher größtes und sein bisher stärkstes Werk:„D r ei-Groschen-Roman" (Verlag: Allert de Lange, Amsterdam). Wer nur den Namen des Buches kennt, wird einen Augenblick versucht sein, zu glauben, daß Bert Brecht den Welterfolg des Theaters im Reiche des Epos fortsetzen wollte. Alier wer sich das Buch mit seinen fast 500 Seiten vornimmt und liest und nicht mehr aufhört zu lesen, der bittet Bert Brecht solche Gedanken ab. Er findet die alten Gestalten wieder. Macheath, Pcaehuin, l'olly und den Polizeiinspektor Brown, aber sie haben inzwischen Karriere gemacht. Bettlerkönig Peachum, der eiiich mit Almosen hervorlockenden Lumpen, Prothesen und Instrumenten handelte, nun steht er als Kapitalist von hohen Graden wieder auf, dessen Millionen von scharfem Stavisky- Haudi umwittert sind. Er gelaugt, als der große Coup mit dem Staat geglückt ist, zu den höchsten Ehren, die das Bürgertum zu vergeben hat. Wie lange hat er sich gewehrt, Macheath-Mackie Messer, als Schwiegersohn in den Schoß seiner reputierlirhen Familie aufzunehmen! Macheath-— der einstige Held dunkler Kaschemmen, hat gelernt, groß- kaufmännisch mit dem Geld in der Hosentasche zu klimpern. Seine Polly gewinnt er für immer, als er Peachum von seiner stabilisierten Lebenstüchtigkeit hinreißend überzeugt. Zwar sitzt er eines düsteren Verbrechens wegen im Gefängnis, aber seine Genialität durchschlüpft nicht nur die Gitterstäbe, sondern es glückt iliin gleichzeitig eine siegreiche geschäftliche Transaktion. Den Herren Großkonfek- Honären und den Bankiers mitsamt dem Schwiegervater bringt er den höchsten Psalm des kapitalistischen Profits so überzeugend bei. daß die selige Harmonie ein von grausamer Ironie erfülltes Ende bestrahlt. * Es ist schwer, das Tatsächliche dieses dreifingerdicken Buches in wenigen Sätzen zusammenzudrängen. Schließlich ist es auch nicht wesentlich. Die Gestalten sind Objekte, die von der Zeit geformt und getrieben werden. Denn spielt der Roman auch um die Jahrhundertwende, im England des Burenkrieges, so steht doch alles, was uns Heutige betrifft, auf jeder Seite und last zwischen jedem Satz. Bert Brecht findet Parallelen, die wir grimmig belächeln, weil sie alle- samt unter uns sind. Auch die heldischen Gestalten des dritten" Reiches gucken dauernd aus etwas altväterlichen Rockschößen und Henidkrägen hervor. Mackealh. woher kennen wir dich eigentlich so gut? Was für Sätze, kommen aus deinem Munde, du, der..g e i o r e n e Führer", der weinend vor Entschlüssen zusammenbricht. GeuiisseitsfcoQe und 500 JIM In der„Deutschen Zeitung" wurden unlängst tönende ^ orte gegen die„äußere und innere" Emigration ge- "blendei t.„Wir wollen es endlich in Deutschland lernen, bieß P8 d a,..daß wir uns auch für die künstlerischen Stand- Punkte und Entscheidungen füsilieren lassen, wenn es beinen anderen Ausweg in der Auseinandersetzung des Vages gibt." Ein Leser, und zwar, wie die Zeitung selber angibt, ein "künstlerischer Mensch unserer Zeit, elastisch. lOarsich B. putsch aus der Herkunft", scheint durch da, hochtrabende Fathos mißtrauisch geworden zu sein, er stellte d Schreiber schlicht und eindeutig folgende frage: „Was machen Sic. wenn ein neuer Staat die Macht über- Dieser Mackrath spricht von der„Schicksalsverbundenlieit zwischen Führern und Geführten"— wir erkennen ihn nur zu gut, obwohl ihm kein schmales Bärtchen unter der Nase wächst. All die andern: wir begegnen ihnen jeden Tag in den Hofberichten des„dritten Reiches", unter den Treuhändern und Wirtsehaftsführem, die beim Geschäftemachen, am liebsten mit korrupten Staatsbeamten, den Phrasenbrei rühren. Wir geben nachstehend einige markante Stellen aus dem Buche wieder. Sie ersparen uns jede Erläuterung, unübertrefflich, unerbittlich in ihrer Konzentration auf das Wesentliche, auf die Anklage wider den Kapitalismus, dei seine Garden honoriert und sich seine Monumente errichtet. Ein großartiges Buch. Es ist ohne Pathos geschrieben und darum viel pathetischer als einige der heftigen Thesenromane, die in der Emigration erschienen. Bert Brecht, der mit den„Trommeln in der Nacht" begann, beweist mit diesem Buche, daß er mehr als ein Trommler für den kommenden Tag ist. Sein„Drei-Groschen-Roman" überzeugt durch die geistige Leistung eines leidenschaftlichen Mitkämpfers, dessen Stärke in dem Mangel an Illusionen besteht. 4/ Die ultima ratio der Diktatur bewegt sich noch immer auf gleicher Spur. Der Oberdiktator muß von den Mördern, die ihm halfen, den Gegner überzurollen, wenn sie die Lust nicht verlieren sollen, mal welche befördern. Die Stärksten befördert er Knall und Fall vermittelst Revolverschuß nach Walhall. Die Schwächeren erben ein Amt als Leiter, mit Berechtigung, von den unteren Mördern wiederum welche zu befördern. Und so geht das weiter. Befördert wird jeder des Stammes Nimm. Man hängt sich voll Tressen und treibt es schlimm. Doch kommt einst die Abrechnung mit den Mördern.- wird das Volk in geeinter, zorniger Masse alle die Herrn der betreßten Rasse zum Teufel befördern. Der Rote Haus. Aus dem ,,J)ceiqcaschen=Jlomaii „Jedermann weiß," sagte Peachum oft.„daß die N er- brechen der Besitzenden durch nichts so geschützt sind, wie durch ihre Uli Wahrscheinlichkeit. Die Politiker können über- Ii an p t nur deshalb Geld nehmen, weil mau sieh ihre Korrupt- heit ungemein feiner und geistiger vorstellt, als sie es ist. Würde sie einer genau so schildern, wie sie ist, nämlich ganz plump, dann würde jedermann ausrufen: was für ein plumper Patron! und damit den Schilderer meinen. Dabei wirkt nur das Plumpe, eben schon deswegen, weil es unwahrscheinlich ist! Herr Gladstone könnte in aller Seelenruhe Westminster anzünden und behaupten, die Konservativen haben es gemacht. Niemand würde das natürlich von diesen glauben, denn sie haben nach Ansicht der Welt viel feinere Mittel, um zu bekommen, was sie wollen, aber niemand würde die Schuld auch jemals auf Herrn Gladstone schieben. Ein Minister läuft doch nicht mit Petroleumkanuen herum!..." Macheath zu seinem„Unterführer" Grooch „Grooch," sagte er,„Sie sind ein alter Einbrecher. Ihr Beruf ist einbrechen. Ich denke nicht daran, zu sagen, daß er seinem inneren Wesen nach veraltet wäre. Das wäre zu weit gegangen. Nur der Form nach, Grooch, ist er zurückgeblieben. Sie sind ein kleiner Handwerker, damit ist alles gesagt. Das ist ein untergehender Stand, das werden Sie mir nicht bestreiten. Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was, mein lieber Grooch, ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes? Selten Sie, noch vor ein paar Jahren haben wir eine ganze Straße gestohlen, sie bestand aus Holzwürfeln, wir baben sie ausgestochen, aufgeladen und weggeführt. Wir meinten wunder, was wir geleistet hatten. In Wirklichkeit hatten wir uns unnötige Arbeit gemacht und uns in Gefahr begeben. Kurz darauf hörte ich, daß man sich nur als Stadtrat etwas um die Auftragverteiluug kümmern muß. Dann bekommt man eine solche Straße in Auftrag und hat mit dem Verdienst dabei für eine Zeitlang ausgesorgt, ohne etwas riskiert zu haben." Peachum denkt: „Merkwürdig." dachte er,„wie die komplizierten Geschäfte oft in ganz einfache, seit urdenklichen Zeiten gebräuchliche Handlungsweisen übergehen! Wirklich, nicht allzu weit entfernt ist unsere so viel gepriesene Zivilisation von der jener Zeiten, wo der Neanderthaler seinen Feind mit der Keule niederschlagen mußte! Mit Verträgen und Regierungs- stempeln fing es an, und am Ende war Raubmord nötig!"... Macheath zu Polly:„Man darf nicht der Stimme des Hasses folgen, wenn Vermögenswerte auf dem Spiel stebn!" Macheath, zu sich selbst, im Gefängnis: „Man sagt mii^ meine Leute beschweren sich über meine Unentschlossen heit. Aber wenn es darauf ankommt, habe ich noch immer meine Entschlußkraft gefunden. Ich weiß besser als jeder andere: man muß durchgreifen, mitunter. Man muß über alles unterrichtet sein, was ipi Geschäft vorgeht, und man muß alles ausreifen lassen wie eine Eiterbeule. Und eines Tages muß man durchgreifen, plötzlich aus heiterin Himmel, wie der Blitz, als Chef. Die ganze Unmoral wird aufgedeckt, schonungslos. Alles erstarrt. Der Chef hat lange zugesehen, aber dann hat er durchgegriffen. E r h a t nicht seine ältesten Kameraden geschont, als er merkte, daß da etwas faul war. So ist er. man kann ihn nicht täuschen..." nimmt und ich Ihnen fünfhundert Mark in die Hand drücke? Gehen Sie über die Grenze? Was tun Sie?" Eine klare Antwort bekommt er zwar auf seine klare Frage nicht, den vernebelten Phrasen werden vielmehr ein paar neue hinzugefügt— aber er kann Wotan danken, daß er für seine Wißbegier nicht„füsiliert" wurde. ,.W enn ein neuer Staat die Maelit über- ii i ni m I"— dem Manne scheinen ja tausend Jahre recht kurz vorzukommen. Und wenn wirklich ein neuer Staat die Macht übernähme, wie dürfte er es wagen, einem Nationalsozialist A fünfhundert Mark anzubieten? So billig hat's noch keiner von ihnen getan. Er mag sich mal bei Göring erkundigen, was dessen feudale Emigration nach dem mißglückten Mülldiener Putsch gekostet hat. Immerhin ist es interessant, welche Katastrophenfragen in Deutschland bereits aufzudämmern besinnen. JAeoiec Ui JUuis (Stenokritiken) I Das zweite Staatstheater, Odeon, bringt ein Werk von St.-Georges de Bouhelier:„Joanne d'Arc, la Pucclle de France". Noch eine Jungfrau von Orleans! Die, wievielte? Hochbetrieb in„Jungfrauen" Dazu diesmal sechsunddreißig Bilder. Von der Wiege bis zur Bahre. Nein, das Stück beginnt vor der Geburt. Mutter wird in der Hoffnung vorgeführt— bevor Hainichen aussteigt. Denn erst geht es los. II Bouhelier verarbeitet auch sonst französische Geschichtsfiguren, sobald sie ihm vor die Flinte kommen. Da gibts kein Halten. Die Herstellungsart ist aufreizend anständig. Ein Durchschnitt zum Rasen. Bloß zuletzt ein menschlicher Zug: wenn Johanna, fünfundzwanzig Jahre nach der Verbrennung, ehreugerettet wird — und die alten Eltern(ungefähr) sagen:„Jetzt? Was kauf ich mir darfür?!" Johanna war zuvor gefoltert worden. Und erst der Zuschauer... III Ahram, Direktor und Spielvogt,'' gibt geschmackvoll ein Ausstattungswerk(wenn auch nicht so üppig, wie das zu London im Drury-Lane-Theatcr passiert). Statistenheere, stundenlang. Und alles klappt. Fräulein Falconetti war einst im Film hinreißend als Johanna. Heut ist der Umfang ihres Rollenfachs nicht so groß wie ihr eigner.„Eine Kugel kam geflogen..." (Ehland). K.. r JJec Jiecc dec lüeit Harry Piel und die Volksgemeinschaft Harry Piel ist ein smarter Gentleman verbrechet-. Ein Mann, der aus dem fahrenden Flugzeug in ein rasches Auto springt und der es allein, als Sherlock Holmes, mit zwei Dutzend schwerer Jungens aufnimmt. In diesen Tagen, da das deutsche Volk einen inneren Umbruch erlebte, änderte sich aber manches. Ein Jahrmarkt- sehreier wurde zum Chef von Kunst und dergleichen, ein mystischer Wirrkopf zum Chef der Ideologie. In diesen lagen des inneren Umbruchs verließ auch Harry Piel seine Flugzeug-Saltomortale und seine Verbrecher- jagden. Er verfilmte Hitlers„Mein Kampf" und die anderen epochalen Werke dieser neuen Bruchepoche. So entstand sein„Herr der Welt". Also der Herr der Welt. Das ist ein böser Gehirnmensch, eine Intellektbestie, die Menschenmaschinen, also Roboter, erfindet Roboter, die die Arbeiter aus den Betrieben drängen, Roboter, die im Kriege eine unbesiegbare Macht sind. Dieser böse Geist hätte zu anderen Zeiten sicher gesiegt. Nicht aber im gegenwärtigen Deutschland. Da hat er sich gründlich verrechnet. Was, Blitz und Feuer speiende Kampfroboter? Weg mit ihnen, das friedliche„dritte* Reich" braucht sowas nicht! Der böse Geist unterliegt. Der charmante und blonde neue Geist siegt. Die Roboter werden zu gefährlichen und schweren Arbeiten verwandt. Die Unternehmer aber müssen den entlassenen Arbeitern Siedlungsland kaufen. Beim Kino- ausgang sagt jemand: Aber wer kauft denn die Agrarstoffe, wenn alle Arbeiter zu Bauern und alle Roboter zu Bauern werden? Lieber Fremdling, zerbreche Deinen Kopf nicht mit solchen Fragen. Denn in diesem Knäuel von Widersprüchen ist das nicht der einzige. Der Herr der Welt von Harry Piel. Das ist das Deutschland von heute, das ist der schalste Kitsch und das Armutszeugnis für eine Kunst, die es nie zu etwas bringen kann. Denn wie Eisenstein in seinem Brief au Goebbels richtig sagte:„Wahrheit und Nationalsozialismus sind unvereinbar!" Und ohne Wahrheit keine große Kunst, Herr Harry Piel in Firma Joseph Goebbels.(„Das Rote Blatt") Jiampf, um JCisch Egon Erwin K i s c Ii. der zunächst von den australischen Behörden verhaftet, dann aber freigelassen worden war wurde von der Schriftsteller-Vereinigung Australiens eingeladen, an einem Diner zu Ehren des englischen Poeta laureatus" Masefield teilzunehmen. Gegen' diese Einladung wurde aus offiziellen Kreisen protestiert, weil zwei Minister die Absicht hatten, der auch an sie ergangenen Einladung Folge zu leisten. Daraufhin hat der Sekretär des Verbandes der Schriftsteller seinen Rücktritt erklärt. VdlVtr In Sturmi« tt«n Mr. I< Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Aus dem Zellengefängnis°" n° Briefe aus bewegter, schwerer Zeit 1848*1856 Corvin Zu den interessantesten Gestalten der Revolution von 1818 gehörte Otto von Corvin. Er wurde 1812 in Gumbinnen in Ostpreußen als Sohn eines Postdirektors geboren. 18.10—35 diente er als preußischer Leutnant erst in Mainz, dann in Saarlouis. Nachdem er seinen Abschied genommen, nahm der geistig vielseitig interessierte junge Mensch an den Bewegungen des Vormärzes lebhaften Anteil— als leidenschaftlicher Republikaner und Uemokrut. 1818 kämpfte er in den Reihen der Aufständischen in 3aden. Im Mai 1819, als die Gegenrevolution die Oberhand gewann, verteidigte er als Bürgerwehr- oberat Mannheims die Stadt gegen die Preußen. Als Chef des Generalstabes suchte er dann die Festung Rastatt zu halten. Nach ihrer Uehergabe wurde er standrechtlich zun» Tode verurteilt, kurz vor der Erschießung zu sechsjähriger Festungshaft begnadigt. Ir seinen„Erinnerungen" schildert er, wie diese Begnadigung eintraf, als schon alles für die Erschießung vorbereitet war. Diese sechsjährige Festungshaft bat er bis zur letzten Stunde abbüßen müssen. Er hat in diesen jähren viel gelitten.. Aber liest man die Briefe, die er au seine Frau geschrieben hat, so wird man finden, daß der damalige Sl-afvollzug(für einen Rebellenführer, der mit der Waffe ergriffen wurde!) immer noch human war, verglichen mit den Zuchthäusern, Gefängnissen und Konzentrationslagern. in die achtzig jähre später das„dritte Reich" seine Gesiunungsgegner sperrt. Wir veröffentlichen eine größere Anzahl der Briefe Corvins. Sie sind seinem längst vergriffenen, 1881 erschienenen Buche„Aus dem Zellengefängnis" entnommen. Es sind menschliche Dokumente von tragischer Größe und mit bemerkenswerten Einblicken in die politische Situation nach 1818 darunter. Vor allem den Briefwechsel mit seiner Frau wird, jeder Mitfühlende mit tiefer Anteilnahme lesen. Otto od Corvin hat nach seiner Entlassung eine vielseitige schriftstellerische Tätigkeit ausgeübt. 1861 erschienen seine vierbändigen„Erinnerungen". Die Reibe seiner Geschichtswerke ist lang. Am bekanntesten ist er durch den.Pfaffenspiegel" geworden, der in den weltanschaulichen Kämpfen der Vorkriegszeit eine gewisse Rolle spielte. Im Jahre 1886 endete sein reiches und abenteuerliches Leben. 10. Fortsetzung Im Gefängnis wird geprügelt... Sonntag nachmittag. Ich habe doch nun seit zwei Jahren sehr viel Merkwürdiges und Seltsames erlebt und sollte mich eigentlich über nichts mehr wundern; allein der Vorfall von gestern kömmt mir gar nicht mehr aus dem Gedächtnis. Ich bin förmlich wie vor den Kopf geschlagen; selbst alle Aufseher, die ich seitdem gesehen habe, scheine» ganz konsterniert.— Was midi empörte war diese dreiste, auf dem Wege der Autorität vorgenommene Verletzung des Gesetzes; denn wie es einem preußischen Offizier möglich ist, gegen jedes Gesetz einem Gefangenen Stockschläge geben zu lassen, so ist es auch möglich, daß er sich jede andere Mißhandlung und gegen jeden erlaubt, wie es ihm eben gefällt. Wir stehen demnach außer dem Gesetz und das ist bei dem Charakter, wie ich ihn an den preußischen Offizieren kenne, eine erschrecklich unsichere Stellung!— -,Die Kerls," sagte der Offizier auch,„haben alle den Strang verdient."— 1 Wenn es ihm nun einfiele, dem mangelhaften badischen Gesetz nachzuhelfen? Der Offizier, wahrscheinlich der Major von Eberhardt selbst, kam um die Mittagszeit her, nach der Parade. Zu dieser Zeit, das mochte er wissen, sind der Herr Direktor und alle höhern Beamten der Anstalt, wie auch die meisten Aufseher nicht in derselben. Wahrscheinlich hat nun der Herr Major dem Oberaufseher imponiert, ihm befohlen, ihm die Verbrecher, die zum F'en- ,ster hinausgesehen, vorzuführen und dieser—— hat gehorcht, obwohl ihm.niemand zu befehlen hat als der Direktor der Anstalt.— So denke ich mir den Zusammenhang. Wäre ich hiesiger Beamter, ich wüßte, was ich täte.— Dieser Vorfall wird indessen nicht zur Beliebtheit der Preußen in Baden beitragen; denn alle Beamten, wie sie auch heißen mögen, werden diese türkische Willkür und Verhöhnung des Gesetzes sehr übel vermerken; es ist ja kein einziger sicher, daß ihm nicht jeden Augenblick etwas Aelin- trehes in seinem Wirkungskreis begegnet.—- Der Herr Doktor ist wieder ins Bad gereist. Er hat mir versprochen, wenn er wieder hommt, im Herbst, solle ich Seltzerwasser trinken. Im Winter versprach er mir eine: Frühjahrskur. Es ist schade, daß die Versprechungen— die bekanntlich preußische Medizin sind, nicht auch die Kraft der wirklichen Mittel haben.— Dienstag abend. Es ist mit dem Prügeln ganz wie ich oben vermutete. Der Herr Direktor ist gleich nach Karlsruhe gefahren und hat sich beschwert. Ein glücklicher Zufall hat es gewollt, daß die drei Geprügelten drei der schlechtesten Subjekte im ganzen Zuchthause und keine politischen. Gefangenen waren,— obwohl sie diese Prügel nicht einmal mit Recht bekommen haben, denn es fragt sich sehr, oh sie geschimpft haben. Ich habe stark den Verdacht, daß politische Gefangene so unpolitisch waren zu schimpfen, aber so politisch, sich deshalb nicht zu melden, um den Hundelohn in Ans,reich zu nehmen. Der Zufall wollte, daß gerade der Leutnant von der Nachtronde bei der Schild- wache war: er behauptete, daß aus den drei von ihm angegebenen Zellen geschimpft worden sei— und ein Leutnant irrt nie!— Ich bin so betrübt, wie fast noch nie Da draußen die klugen Leute haben gut reden, man solle sein Schicksal männlich ertragen usw. Das ist alles sehr schön und ich trage es ja auch; allein das Gefühl kann ich mir doch nicht hinwegklügeln Hoffnung hab ich gar keine. Ich hoffte bis jetzt immer, die Zeit solle einige Erleichterungen wenigstens bringen; allein ganz im Gegenteil; man scheint „höhern Ortes" immer härter gegen uns gesinnt zu werden. Von, der Erlaubnis zum Auswandern, wovon früher so viel die Rede war, ist jetzt alles still, da einige das Anerbieten abgelehnt liaheu. Die ärmlichste, niedrigste Existenz in der Freiheit wäre mir redet. Ich habe vielleicht Unrecht, Dir das Herz schwerer zu machen, als es schon ist. allein ich kann nicht anders. Wein soll ich'denn klagen, wenn nicht Dir! Gute Nacht! Den 4. Juli.„Nur mit Entsetzen wach ich morgens auf! Ich möchte heiße Tränen weinen, den Tag zu sehen, der in seinem Lauf mir auch nicht einen Wunsch erfüllt, nidit einen!"— So ruf ich mit Faust und wollte ein Mephisto erscheinen und mich auf seinem Mantel davon führen, ich wollte mit ihm kontrahieren. Der Himmel ist so schön hlau und die Sdtwalben segeln so froh und frei durch die Luft, daß uiir vor Sehnsucht fast das ilerz zer- springt, Ich komme wieder auf die Prügelgeschichte zurück. Der ganze Aufsichtsrat hat sich bei dem Justizministerium beschwert und alle Herren haben erklärt, daß sie ihre Stellen niederlegen würden, wenn dieser Willkür des Majors von Eberhardt nidit ein Ende gemacht würde. Der Herr glaubt, er sei Pascha von Bruchsal!— .... Aus einem Garten tönt Musik herüber, muntere Musik! Du glaubst nicht, wie traurig das macht.— Wie er- härmlidi schwach man doch ist. Vor einiger Zeit fing ich an, es als ein Glück zu betrachten, nicht erschossen worden zu sein; allein jetzt ist wieder alles schwarz bei mir und gar keine Existenz scheint mir meiner jetzigen bei weitem vorzuziehen. Wenn die verdammte Hoffnung nicht war! Mich tröstet sie zwar keineswegs, ja erquickt midi nicht einmal, allein sie hält mich doch von dem Entschluß ab, dieser Existenz ein Ende zu mache». Der Mensch ist doch von Natur ein feiges Tier. Da lobe ich mir den F»des! oder doch manchen Fuchs, der»in seine Freiheit zn retten, sich mit seinen Zähnen den im Eisen gefangenen Fuß abnagte.—..... — Sdeon ein Jahr gefangen und noch nicht vergessen? — Da kann ich von Glück sagen. Mir fällt dann immer das Gedieht von Chamisso ein:„Du lieber, lieher I.andsknedit!" und die Erzählung von einem chinesischen Philosophen, der auf dem Kirchhof eine jtrtige, weinende F ran fand, welche mit einem großen Fächer ein Grab fächelte. Es war das Grab ihres Mannes. Sie hatte versprochen, nicht eher zu heiraten, bis das Grab trocken sei. Sie weinte— weil es so langsam trocknete und half mit dem F'ärber nach Der Philosoph setzte sieh zu ihr und— fächelte and,. Der Gefangene in Verzweiflung Corvin an seine Frau. Freitag, den 7. November 1851. Die Reise wird Dir beschwerlich gewesen sein; allein es tröstet mich, daß sie Dich geistig und körperlich erfrischt hat. Frankfurt ist wirklich nichts für Dich. Mit Ausnahme einiger weniger Personen sind Deine Umgebungen eben nicht geeignet. Dich in Deiner betrübten Lage aufzurichten. Es sind das meistens Menschen, wie die Ammen in Romeo und Julie; ist's nicht Romeo— nun dann ist s Graf Paris. Sie sind eben— Volk per cxellence. Heute spannen sie sieh vor den Wagen irgendeines Mannes und einige: Zeit darauf werfen sie ihn mit Kot. —>.... Ich warte jetzt mit Sehmerzen auf die Rücher, denn zum Schreiben hab' ich gar keine redete Ruhe. Du glaubst gar nicht wie wunderlich diese Zellenhaft auf den Geist wirkt; man macht alle möglichen Phasen durch und es tut mir leid, daß ich nicht ein Tagebuch führen konnte, tun den ganzen chemischen Prozeß— w enn man s so nennen kann— zu verfolgen.— Mein arm Yögelcheti tut noch immer nicht den Schnabel anders als zum Essen auf. Es ist jetzt ganz goldgelb und wunderschön, allein leider verstummt Mit meiner Gesundheit geht es gut, obwohl ich finde, daß ich immer bleicher werde. Beunruhige Di»h deshalb aber nidit; frische Luft, etwas Freude und gute Nahrung würden mich bald wieder restaurieren. Sonntag, den 9., vormittags. Noch einmal, meine Helene, will ich Dir sagen, wie sehr ich mit allem, was Du in den letzten beiden Monaten für midi getan hast, zufrieden bin und wie von ganzem Herzen ich Dir dafür danke, mag der Erfolg sein welcher er wolle. Man bat, wie ich ans mancherlei entnehme, hier in Baden schon seit längerer Zeit den Entschluß gehabt, diesen Spätherbst etwas mit de» politischen Gefangenen aufzuräumen: ob nun die\ er- liältnisse, welche der Minister(von Manteuffel) erwähnt, abermals darin eine Aenderung hervorbringen werden, kann ich nidit beurteilen: allein meiner Meinung nach wäre es eine Torheit zu glauben, daß die Bestrebungen der Zeit" durch die erlittene Niederlage der demokratischen Partei niedergekämpft seien. Man braucht die Geschichte nur oberflächlich zu kennen Habe ich das Meer in meiner Gewalt, weil ich einen— Topf voll Meerwasser in meinem Zimmer habe?— Was sind wir(Gefangene) anderes als einige Tropen aus dem Zeitstrom!— Daß man einen Mann wie Napoleon festhielt, finde ich hegreiflich, ja ich würde es vollkommen gerechtfertigt gefunden haben, wenn man ihn erschossen hätte, denn das Lehen eines Mannes, ja seihst wenn sein Tod eine offenbare Ungerechtigkeit gewesen wäre, kann gar nicht in Betracht kommen,«enu ts sich um das Glück und die Ruhe von Millionen handelt, oder man wenigstens überzeugt ist, daß es sieb darum bandelt; allein was sind wir?— Unseresgleichen gibt es noch viele, und ob ein Gromwell unter uns ist.— nun das weiß man ja nicht, und kann dreist das Gegenteil annehmen, da solche Leute eben sehr selten sind. — Ist es jetzt nichts, so laß uns auf den Januar hoffen und dann wieder auf das Frühjahr, oder auf den 29. August oder auf eine augenblickliche Windstille,— oder auf einen neuen Gewittersturm, der neue Schiffbrüchige bringt.— denen wir Platz machen müssen. Du siehst, meine Hoffnungen sind sehr bescheiden. Ich würde heucheln, wenn ich sagte, daß ich nicht mit der allerinbrünstigsten Sehnsucht der Freiheit entgegenlechze; allein ich füge mich in das Unvermeidliche und trage es; aber ich würde es minder schwer tragen, wenn mich der Gedanke an Dich Aermste nicht beunruhigte Du äußertest einmal in einem Bricfp, Du erwartest ziemlich viel von dem was ich hier schreibe!— Leider muß ich Dir sagen, daß Du Dich darin täuschst. Zeit hätte ich allerdings zu schreiben, allein Zeit ist nicht Muße! Ich hin nicht im Stande, etwas für den Druck zu schreiheu. Gedanken habe ich genug, auch neue,— allein, ich gleiche einem Fieberkranken; meine Gedanken sind nur Blitze, der Zusammenhang fehlt und ist stets durch das Gefühl des Gefangenseins unterbrochen; breitet mein Geist seine Schwingen zu einem Fluge aus, so stößt er damit sogleich gegen das eiserne Gitter. In den letzten Monaten hab ich sehr wenig geschrieben und was ich schrieb ist so stümperhaft!— es wird mir schwer, das Gewöhnlichste in erträglichem Stil zu Papier zu bringen. Ich will midi auch nicht mehr damit abquälen, sondern mich in Zukunft damit begnügen, abgerissene Gedanken, wie sie kommen, flüchtig zu notieren, vielleicht daß ich dann einmal später Muße habe, das Chaos zu ordnen. Hauptsächlich beschäftigen mich Ideen über den Staat, die Gese tze, die Religion in V er- hindung mit und in Beziehung zum Staat und der Gesell- schalt überhaupt und ich verspreche mir selbst viel von meinem Nachdenken darüber, wenigstens Originelles, da ich über diese Gegenstände stets wenig lesen mochte, da es mich nie befriedigte. Zufällig fiel mir Rousseaus eontrat social in die Hände, den ich noch nidit gelesen hatte und war unangenehm überrascht, so vieles, was ich mir konstruiert hatte, darin nicht allein der Idee, sondern selbst den Worten nach zu finden! Wer würde nun glauben, daß meine Gedanken originelle sind? und daß idi Rousseau bis jetzt nidit gelesen habe?— Allein das ist doch nur Einzelnes, denn Rousseau genügt mir keineswegs und ich weiche in sehr vielen und wesentlidien Dingen von ihm ab- — Ich möchte schon schreiben; allein min quält es mich- nicht zu wissen, was Plato, Montesquieu, Argenson. Bancon usw. usw. über diesen Gegenstand gesagt haben. Doch das alles würde mich nicht abhalten, wenn ein solches systematisches Werk, welches mit äußerster Präzision und der exaktesten Logik durchgeführt werden muß, nicht einen freudigem Geist erforderte, als der meinige jetzt ist. Könnte ich nur zu einer Kapiteleinteilung gelangen, so hätte ich schon halb gewonnen; allein fange ich an, so laßt midi mitten drin ein ungeheurer Ekel, eine Art V erzweil- lung darüber, daß ich gefangen bin; ich werfe alles weg und brüte—- über unsere Hoffnungen, womit ich die, meiste Zeit verschwende, obwohl ich s mir selbst nidit gestehen will und ich die Torheit davon vollkommen einsehe. — Leichtere Lektüre, besonders englische, ist eine wahre Arznei für den fieberhaften Zustand meines Geistes; ich interessiere mich für die dümmste Geschichte, in welcher nur Menschen spielen. Im ällgemeinen sind mir die Menschen erschrecklich verächtlich und doch interessieren, sie mich allein, doch liehe ich sie,— erkläre mir, wenn Du kannst, dies Rätsel.— In einem früheren Briefe schriebst Du, Dein ganzes Leben sei Dir wie ein Traum, Du wüßtest oft nicht, ob D» wirklich meine Frau seiest usw. und fühltest das Bedürfnis, Dich durch den Augenschein von meiner Existenz zu überzeugen. Es geht mir ganz ebenso und ich muß Dich sehen, sei es auch hinter dem verdammten Gitter! D» warst zuletzt im Februar 1850 hier, das sind jetzt bald zwei Jahre!— Alle Geduld verläßt mich und es wird mir erbärmlich schwer, nicht der Bitterkeit, die mein Herz füllt, Worte zu geben, wenn ich an die Grausamkeit dieser Trennung denke, welche die Juristen gar nicht als eine Strafe, sondern nur als ein beiläufiges Anhängsel derselben betrachten, leb darf gar nicht weiter davon reden; diese Trennnung ist mir härter als die ganze Gefangenschaft.—.... — Jetzt singen sie oben in der Kirche dir Vesper; Du glaubst gar nicht, wie mich dies Gesinge verstimmt.— Gestern morgen schneite es; der Winter stellt sieh zeitig ein und ich fürchte er wird nicht so gelinde werden wie voriges Jahr. Die Schuhe leisten mir gute Dienste; die Filzsohlen hatte ich bereits durchgelaufen und habe sie mit Leder besohlen lassen. Ich habe keine Strohdecke in der Zelle und entbehre sie nun auch nicht, ja sie würde mir lästig sein, da sie mich hindern würde, die Zelle rein zu halten. Die abscheulichen Salbänder stauben so, daß ich täglich zwei Hände voll Wolleustaub zusammen kehre. Um Mittag hin ich gewöhnlich mit meiner Arbeit fertig: dann reinige ich die Zelle ordentlich und mache nochmals Toilette, wobei ich stets eine unglaubliche Menge schwarzer ^ ollenfuseln abkämme. F est dann komme ich mir ungefähr wie ein Mensch vor Du glaubst gar nicht, mit welcher Befriedigung ich am Sonntagmorgeu die vergangene Woehe auf dein Kalender ausstreiche. Ich bitte Dich, sei vorsichtig mit Deinen Mitteilungen, damit nicht wieder voreiliger Unsinn in die Zeitungen kommt.— Manchmal male ich mir den Gedanken aus, was ich empfinden werde, wenn man mir die Freiheit ankündigt; sicherlich mehr als bei der Nachricht, daß ich nicht erschossen werden sollte; denn närrischer Weise mischte sich darin ein klein wenig Verdruß, so viel geistigen Aufwand— für nichts gemacht zu babeu- Der Mensch ist eben ein närrische» Ii er.'JTortsetjvmg folgt.) Die Sprengsfoffsduniiggfer vom Dodensee Vor dem Dundessiralgerldit von St. Gallen St. Galle», den 28. November 1934. . Hier begann bei überfüllten Tribünen vor dem Bundes- ftrafgcricht der Prozeß in der bekannten Tprengstvff- schmuggetassäre am Bodenscc vom 21. Juli 1934. Bor den schranken des Gerichts erschienen Jakob Matt, Wil- beim Hämmerte nnd Anton Kalb, die seinerzeit in flagranti verhaftet wurden, ivährcnd die übrigen drei An- geklagte» Marl Birth, Ferdinand Collitz und Eugen Kölbl nicht cnchicnen sind: gegen sie werden die Verhandlungen in contumaciam geführt. Alle drei Angeklagte sind Mit- Ol i c d c r der„O e st e r r e i ch i s ch e n Legion" i n Deutschland. Tic erklären übereinstimmend, aus Befehl gehandelt zu haben. Cie wollen sich nicht bewußt gewesen sein, etwas Strafbares begangen zu haben, besonders nicht gegen die Schweiz. Ter Angeklagte Matt erklärt, in der pvlitiichcn Gaulcitung in Lindau tätig zu sein. Er wußte, da» sich in dem Koffer uns in der Aktentasche Spreng st off befand, da er diesen selbst verpackt hatte. Was. sich in de» übrigen Paketen befand, will er nicht gewußt haben. Er hatte den Befehl, die Ware über den See nach der Schweiz zu bringen, von Eolli» er- haltcn. Ter Transport aing auf»losten der Ocsterreichischen Legion. Platt gibt seiner ilcbcrzeugung Ausdruck, da» die Mehrheit des Volkes in Oesterreich gegen die heutige Regierung sei. D i e K r e u n-d> ch a f l in i t I l a l i c n sei e i n V e r r a t am ö st e r r e i ch i i ch e n V o l k. Achntich lauten die Aussagen der übrigen Angeklagten. Ter Angeklagte M a I D hat ebenfalls de» Befehl zum Trans- purt der Ware mit dem Motorboot erhalten, und zwar von Mölbl. Halb bestreitet, gewußt zu haben, was sich in den Paketen befunden habe, Kalb erklärt iveiter. daß Habicht in München der Leiter der ganze» Bewegung in Oesterreich sei. Tic Oesterreichischc Legion versucht nur, in Oesterreich die„Freiheit zurückzuerobern". tTic Freiheit für die Nazis!! Hätte die Ncgierung ein« Volksabstimmung veranlaßt, wäre» die Bürgerkriege vermieden worden. In der Nachmittagssitzung vom Montag erfolgte die Per- nchmung der T p r e n g st o f f s a ch v e r st ä n d i g c n Tr. Saurer und Stander. Beide erklärte» übereinstimmend, da» es sich„in hockbrisanze Sprengstoffe handelte, welche ge- schmuggelt lvnrdcn, wie man sie nur beim Militär verwende, zum Sprengen von Brücken. Bahnlinien usw. Angestellte Versuche mit der geschmuggelten Ware hätten dies beiviciens Mehrere Landjäger geben eine Tarstellnng der Bor- gängc in Staad und über die Verhaftung der drei Auge- klagten. Tic Polizisten sind überzeugt, daß die Angeklagten wußten, was sie transportierten. ver zweite Tag St. Gallen, 28. Nov. Am zweiten Sitzungstage erfolgte zuerst das Plädovcr von Bnndesanwalt Tr. Ttämpfli, der das eingeklagte Verbrechen als in hohem Maße Völkerrechts- widrig bezeichnete. Tic Schweiz muß sich dagegen wehren, daß unser Land durch solche Bombcnasfärcn in internationale Händel gezogen wird. Mit der Entschuldigung der deutschen Regierung ist nur die völkerrechtliche Seite erledigt. Tie Angeklagten wurden auf irischer Tat ertappt. Sie haben in der Einvernahme ihre Geständnisse abgeschwächt, ohne aber glaubwürdige Gründe hervorbringen zu können. Sie hatten in der Voruntersuchung schon bei der ersten Ein- vernähme ein Geständnis abgelegt. In diesem Zusammen- hang untersuchte der Bundesanwalt die Krage der Verfolg- barkcit der im Ausland begangenen Vergehen, wobei er zur Bejahung dieser Krage kam. Es kann nicht bezweifelt werden, daß die Angeklagten in vollem Bewußtsein ihrer Tat ge- handelt haben. Ter kriegsmäßige Transport von Spreng- flössen durch unser Land muß mit aller Schärfe verhindert werden, und darum ist eine scharfe Bestrafung der Schuldigen nötig. Ter Bundcsanwalt schloß seine Ausführungen mit folgenden Anträgen: Sämtliche sechs Angeklagten seien des Vergehens gegen das Sprengstossgesctz schuldig zu erklären und zu folgenden Zuchthausstrafen zu verurteilen: Eollitz vier Jahre, Kölbl drei Jahre. Matt. Hämmerle, Halb, Birth zu zwei Jahren, unter Abzug von vier Monaten Untersuchungshaft für Matt, Hämmerle und Kalb. Kerner sollen den Angeklagten die Kosten unter solidarischer Haftbarkeit auferlegt werden. Endlich werben das beschlag- nalimte Material und das Motorboot»Seelöwe" konfisziert. Demgegenüber beantragte der Verteidiger, Tr. Haus- ammann, die Freisprechung aller Angeklagten. Even- tue» verlangte er milde Bestrafung. Er leitete sein Plädoncr mit der Feststellung ein, daß es sehr leicht möglich sei/sich i n Teutschland Sprengstoffe zu v e r- schassen Anderseits bezeichnete er es als sehr unwahr- scheinlich, daß die Angeklagten sich bewußt gewesen waren, schweizerischen Gesetzen zu widerhandeln. Ter Theorie, daß ein Komplott vorgelegen habe, trat er mit dem Hinweis entgegen, die Angeklagten hätten auf Befehl gehandelt. „Professor Mannheim Der ZOridier kronlislenlärm wird Zürich, 28. November. Tic Unruhen um die„Pseffermühle" und das Trama von Friedrich B o l s„Professor Mannheim" sind keineswegs abgeebbt. Sic haben vielmehr einen recht ernste» Eharakter angenommen, der alle» politischen Instanzen weit über Zürich hinaus ernsthafte Sorgen macht. Immer wieder hatten die„nationalen Ironien".die Absetzung des Stückes vom Spielplan gefordert, mit Hilfe von wild anstachelnden Klugblättern und Artikeln. Offen wurden neue Temonstrationcn angekündigt. Am Montagabend brach es wieder los. Tie Polizei hatte sich vorgesehen. Illings um das Theater waren Sperren er- richtet worden. Vorjorglichcrivcisc hatte die Polizei auch spanische Reiter in Bereitschaft nnd fünf Hydranten- le itu ngen waren aktionsbcrcit. Tie Polizeimannschaft war mit Karabiner und Stahlhelm ausgerüstet. Als die Front-Faschisten versuchten, gegen das Stadttheatcr vorzu- dringen, sah sich die Polizei veranlaßt, in Gruppen auszu- schwärmen und die Ansammlungen zu zerstreuen. Tie Polizisten wurden von den Kröutlern fortwährend be- schimpft; ein beliebter Ausdruck der Kaschisten ist nun: „I udc» pvlizc i". Im Verlause des Abends wurden rund I3ii Verhaftungen vorgenommen, worunter sich der Landesführcr der Nationalen Krönt, der Millionärsjobu Henne, befindet. Polizcidirektor Pfiftcr war gerade an- ivcscnd, wie der sonst so großmäulige Kaschistcnchci der Polizei kleinlaut seine Personalien deklinierte. Beim Polizei- rapport stellte es sich heraus, daß es sich bei den verhasteten Kameraden des LandeSführerS Henne fast ausschließlich um wegen Gemeindelikten vorbestrafte Subjekte handelt! Henne ist im Gcgensa» zu den meisten anderen nach Namensseststel- lung wieder Entlassenen i n H a s t behalten worden, weil er als Anführer wegen Aufwiegelung angeklagt werden soll. Bei den nach Mitternacht neu auslebenden Kundgebungen entging der Kührer der Bezirksgrnppe Zürich der nationalen Krönt. Tr. 4 ob ler, seiner Verhaftung durch die Flucht, die ihm von seinen Anhängern ermöglicht wurde. Tic Vorstellung des Schauspiels„Professor Mannheim" konnte ungestört durchgeführt werden und erntete riesigen Beifall der oft bei offener Szene losbrach. Tas Schau- spiel„Professor Mannheim" steht noch für Mittwoch und Samstag dieser Boche aus dem Spielplan des Stadttheatcrs,' am Mittwoch wird der Gemeindcrat von Zürich der Vor- stellung beiwohne», um sich selbst einen Eindruck vom Stück zu verschaffen. Tos Gastspiel der„Pseffermühle" von Erika Mann im Knrjaal geht am Mittwoch zu Ende. Die Netze Genau nach braunem Rezept Tie Nationale Krönt verteilte am Montag in deir Abend- stunde» ein Klugblalt, worin in scharfe» Ausdrücken gegen das rote Zürich, gegen die Behörden und gegen die Emigran- tcn gehetzt wurde. Es hieß da unter anderem:„Tas rote Zürich duldet auf seinem Boden die Anwesenheit des Ministermörders Tr. K Adler, sowie des Genossen Kurt L ö w c n st e i n, Vorkämpfer der Gottlosen-Propaganda, der, als er noch Leiter der„Marr-Schule" in Berlin war, seine minderjährigen Schüler in die Bordelle schickte und Aufsätze iibcr ihre Eindrücke schreiben ließ."(!) e- Es ist der gleiche Schmutz und dasselbe Lügengebräu, mit dem die„deutschen" Vorbilder dieser Schweizer Elite ihre Gegner besudelt haben. Tie Basier„National-Zeitung" schreibt:„Mit de» gleichen nächtlichen Krawallmelhoden hatte» seinerzeit die National- sozialistcn in Berlin die Absetzung des Ncmarque-KilniS er- zw»ngen und'sich einen propagandistisch wertvollen Tieg er- schrien. Tie Zürcher sind nicht gewillt, die schwächl> chc Haliung der damals in Teutschland Herrschenden nachzuahmen. Stadtrat nnd fortgesetzt- 130 Verhaftungen Regierungsrat, die beide vor dem Stadttheatcr vertreten waren, zeige» durch ihre feste Haltung den ernsten Willen zur Bewahrung von Ruhe und Ordnung. Nicht der Straßen pöbcl, noch eine politische Gruppe, haben darüber zu cnt- ichciden, was auf unser» Bühnen gespielt werden soll. Rvwdies sind ungeeignete Thcatcrkritiker." Dlidf ins Braune Verlöbnis mit Nichtarier Von einer Firma wurde einer Angestellten gekündigt weil sie an einem Verlöbnis mit einem Nicht« aricr, das seit vier Jahren schon bestand, festhielt. Nach einem Tarifabkommen stand ihr ein N c b c r g a n g s g e l d zu für den Kall, da» sie ihr Ausscheiden nicht selbst veranlaßt oder verschuldet habe. Tas Landcsarbcitsgericht Berlin hat, wie jetzt bekannt wird, entschieden, daß die Entlassung nicht alS„verschuldet" anzusehen sei. * Der Jude wird gehängt Tas badische Geheime Staatspolizcianit hat den Tei.til- Händler Karl Bernhcimcr aus Ihringen am Kaiserstuhl in Schutzhaft genommen, weil er versucht habe, durch seine Aeußcrungen über angeblich bevorstehende Verschlechterung der Stosfgnalität die Bevölkerung zu Angstkäufen zu verleiten. Der Kommunist Mendelssohn Und das Ergebnis der Eintopf-Sammlung Plan schreibt uns aus dem Badischen: In Arten. Kreis Konstanz, einem Jndustriedorf« an der Schweizer Grenze, spielte sich folgendes ab: Ter Gesang- verein wollte am Sonntag dem 18. November einen Volks- liedcrabcnd veranstalten. Tie meisten Mitglieder des Vereins find Mitglieder der NSDAP. Plakate. Programme usw. waren fertig. Auf de», Programm waren einige Lieder von Mendelssohn. Am Tage vor dem Konzert wurde der Dirigent während der Probe an das Telefon gerufen und es wurde ihm von dem Unterbannsührcr der HJ. Engcle von Singen, einei» jungen Burschen, mitgeteilt, wenn das Konzert mit d e n kommunistischen Liedern des Juden Mendelssohn stattfinde, werde er es mit der gesamten HI. unmöglich machen. Ter Dirigent, ein Lehrer, machte ihn darauf aufmerksam, da» die Vorbereitungen schon so weit seien, daß das Konzert abgehalten werden müsse. Darauf fuhr Engcle nach Arle» und erklärte den Mit- gliedern dasselbe. Ans die Einrede, die Säuger ieien alle Frontkämpfer, erwiderte der Bursche:„Frontkämpfer wart Ihr? Nein, Schleimscheißer!" Tos Konzen durfte nicht ab- gehalten werden und der Verein tun über 2HU Mark Unkosten Tie Erregung unter der Bevölkerung ist groß und äußerte sich in passiver Resistenz bei der Eiutopssanimlung. Tas Naziblatt berichtet aus Arten: Leider aber hat sich auch hier wieder gezeigt, daß es Menschen gibt, die mit geradezu unverschämter Frechheit sich ivcigcr- tcn, dies kleine Opfer zu bringen, indem sie sogar s ch r i s t l i ch mit d e r B e m e r tun»„v erwcigcr t" die Sammler abgewiesen. Das bedeutet uns. das müssen sie wissen, nicht nur eine unerhörte Taktlosigkeit, son- der» eine g e>» eine H c r n u o s o r d c r»» g. Und wenn Gleichgesinnte, nur um sagen zu können, etwas gegeben zn haben, sich nicht genieren, 19 Pfennig zu„opfern", so weisen wir solche Opfer entschieden zurück. Wir möchten dafür aber endlich verlangen, daß solche Menschen, die sich schon durch ihre Gesinnung und nicht erst durch solche schamlose Hand- lungswcisc aus der Volksgemeinschaft ausschließen, aus ihrer Arbeit herausgenommen werde», um denen Platz zu machen, die sich stets als ehrbare Volksgenossen zeigen. Wir wissen, daß unser Ortsgruppcnleiter hier rücksichtslos ein- schreiten wird, denn auch seine Geduld ist zn Ende, lind künftig werde» wir auch nicht mehr davor zurückschrecken, hier mit Namen herauszurücken. * Dazu eine hübsche Arabeske. In London findet am Ton- nerstag die Hochzeit des Prinzen von Kcut mit der Priu- zessin Marina statt. Mit ungeheurem Pomp, v o r einem Parkett von K ö n i g c n. Unter welchen Klängen wird das hohe Paar in de» Fcstsaal geleitet, tinter denen des „H o chz c i t s m a r fch c s" komponiert vom„Kommunisten" PI c n d c l s s o h n. internationale vonftotlhonlerenz London, den 28. November 1934. Unter dem Vorsitz des Rechtsanwalts Samuel Unter- m e n c r, dem Führer der amerikanischen Boykvttbcivegung, wurde die internationale Konferenz zur Organisierung des Boykotts Hitlerdcutschlands eröffnet. An den Verhandlungen nehmen rund Kl jüdische und nichtsüdische Organisationen teil. Zur Konferenz sind Tclegierle aus fast sämtliche» europäischen Ländern sowie ans USA. und Südafrika entsandt worden «Großes Aufsehen ei regte die Tatsache, daß bei der Er- Öffnung der Konferenz der Vorsitzende de?' eng» tischen Trade Union, E i t r I» c, eine Rede gehalten hat. in welcher er sich für die Durchführung eines organisierten Boykotts hitlerdcutscher Waren ausgc- sprachen, hat. In der Konferenz werden die verschiedenen praktische» Maßnahmen besprochen, um den Boykott hitlerdeutfcher Baren systematisch durchzuführen. Beil diese Konferenz sich lediglich inil den praktischen Durchsührnngsniaßnahmen des Bankotts befasse» wird, ist ihr besondere Bedeutung beiz»- messen. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß sich die Beschlüsse der Konferenz in einiger Zeit in einer i» e i- t e r e ii Verringern» g des dcutf ch e n Außen- Handels a u s io i r k c n wird. Voy besonderer Bedeutung ist die Tatsache, daß sich neben den jüdischen Organisa- tioncn auch verschiedene gewerkschaftliche nnd christlich- religiöse Vereinigungen, insbesondere in USA., bereit er- klärt haben, durch Ausdehnung des Boykotts Hitlerdeutsch- laud zn bekämpfen. Jgifierf für die „iDeuissfie Freiheit" Neuer nassenprozeß gegen 100 Arbeiter Jusiizradiefeldzug gegen vogtlOndlsdie und erzgeh'rgisdie SAP. Mitglieder Demnächst wird vor dem Reichsgericht in Leipzig ein neuer Massenprozeß gegen hundert Arbeiter der Sozialistischen Arbeiterpartei der vogtländische» nnd erzgebirgischen Orte Elsterberg, Mylau, Klingenthal, Brunndöbra, Sachsenberg und Schönheide stattfinden, der wirklich nicht mehr als ei» niederträchtiger Rachcfeldzug ist. Tic Hauptangeklagten in diesem Prozeß sind der Konsum- Vereinslagerhalter O t t o G e i l e r aus Elstcrberg i. V. und der Arbeiter Otto Tick aus Mylau i. V. Tie meisten der Angeklagten befinde» sich seit März und April 1933 in Hast. Viele von ihnen, vor allem Geiler und die Angeklagten ans K l i n g c u i h a l, Brunndöbra und Sachs eiiberg wurden monatelang durch die verschiedensten Konzentrations- Inger lRcichcnbach. Schloß Öfterstem, Zschortau und Eolditzj geschleppt und furchtbar mißhandelt. Otto Geiler wurde im Konzentrationslager Reichenbach i.. V. wochenlang täglich mißhandelt, weil ein Spitzel behauptet hatte, er habe zwei Maschinengewehre versteckt. Trotzdem alle angegebenen Verstecke durchsucht. Gärten umgegraben wurden usw., konn- ten die niemals vorhandenen Maschinengewehre natürlich nicht gefunden werden. Krank und wund geschlagen, wurde Geiler schließlich wieder aus dem Konzentrationslager ent- lassen, während der Elsterbergcr Ortsgruppenkassierer der SAP., der Kraiikciikassengeschästsführer Robert Scheu- ker das Konzentrationslager Reichenbach nur als Leiche verlassen konnte. Plan hatte ihn aus dem zweiten Stockwerk des Gebäudes zum Fenster herausgcstiirzt. Nachdem Geiler nach ueunwöchigem Krankenlager kaum ausgeheilt war. wurde er erneut verhaftet, wieder freigelassen, noch einmal festgenommen und schließlich beim Reichsgericht in Leipzig eingeliefert. Ten Angeklagten wird Vorbereitung zum Hochverrat, Versehen gegen das Baffen- und Sprengstossgesctz vorne- morsen. Soweit überhaupt Vergehen vorliegen, haben die Betreffenden ihre Strafen bereits im Jahre 1»32 abgebüßt oder die Strafen sind durch die Amnestie erledigt. Trotzdem hat nunmehr das Reichsgericht uiitc r Bruch de r Amnestie erneut die Anklage Wege» jtrafrechttich längst erledigter Straftaten erhoben. Tie Anklage stützt sich im wesentlichen auf die Angaben eines von der NSDAP, in den Sozialistischen Schutzbund der SAP. entsandte» Nazispiyel, der die Behauptung auf- stellte, die SAP. habe aus der Tschechoslowakei in riesigem Ausmaß Baffen nach Teutschland geschmuggelt. Dabei ist folgende Tatsache: In Klingenthal an der t ich eckst- scheu Grenze habe» die Nazis 1932 und Anfang 1933 mehrere Male versucht, das Gewerkschaftshaus zn stürmen. Sie ivur- den regelmäßig von den Arbeitern des Sozialistischen Schutz- bundes zurückgeschlagen. Gcschoßeinschläge am Gebäude und zertrümmerte Fensterscheiben gaben einwandfrei Auskunft darüber, wer die Bassen besaß. Gegen die Nazis lief des- halb auch ein gerichtliches Untcrsnchungsvcrsahren, das»ach der„nationalen Erhebung" natürlich niedergeschlagen wurde. Aber nun holten sich die Nazis die Verteidiger ihres Ge- iverkschastseigentuins und drehten de» Spieß um. Tie ver- haftete» Klingenthaler, unter ihnen zwei Lehrer, wurden erst der Rache ihrer örtlichen Nazis ausgeliefert und dann, schon zerschuude» und zerschlagen, der„Behandlung" verschiedener Konzentrationslager unterworfen, bis sie auch endlich beim Reichsgericht in Leipzig landeten. Tas war die Rache dafür, daß in den Gemeinden des Klingenthaler Gebietes die Arbeiter auch noch bei den Terrorwahlen 1933 die prolcta- rische Mehrheit gehalten hatten. lüü Arbeiter stehen schutzlos vor ihren faschistischen Hen- kern. Sic sind dem Verderben ausgeliefert, wenn sich die Weltöffentlichkeit ihrer nickt annimmtl Die Fremden in Frankreidi Maßnahmen unter dem Drudf der Offenflicfien Meinung Paris, den 27. November 1934. (2?oti unserem Korrespondenten) 23ir haben in der„Deutschen Freiheit" wiederholt darüber berichten können, wie sehr ein großer Teil der französischen Presse eine Verschärfung der Fremdenpolitik wünscht. Man geht nicht 311 weit, wenn man behauptet, daß die von der Regierung beschlossenen Maßnahme» gegen die in Frank- reich lebenden Ausländer nicht zuletzt unter dem Druck der Preise eriolgt sind: denn die öffentliche Meinung gilt hierzulande sehr viel, und in der Hauptsache ivirü sie von öen Zeitungen verkörpert und nicht unwesentlich beeinflußt. Jetzt wissen nun die Zeitungen von neuen Maßnahmen gegen die^Fremden zu berichten. In der Stacht vom Tains- tag zum Tonntag und vom Tonntag zum Montag haben in Paris polizeiliche Razzien in den Vierteln stattgefunden, in denen sich die Ausländer in größerer Zahl befinden, starke Polizeiaufgebote wurden eingesetzt, einige Dutzend Journalisten wurden eingeladen, nm Zeugen der polizci- lichen Aktionen zu sein. Mit dem Rus„Hände hoch!" drang die Polizei in einzelne l^okale ein. Die Frauen mußten sich auf die eine Teite stellen, während die Männer gegenüber Aufstellung nahmen. Dann mußten die völlig Ueberraschtcn ihre Papiere vorweisen. Alle diejenigen, deren Papiere in Ordnung waren, blieben unbehelligte Die Gäste aber, deren Ausweise zu wünschen ließen— es waren, wie der„Matin" berichtet, meist Ausländer—, mußten Polizciwagen besteigen. „Mein Mann!" riet eine Iran, als man ihren Gatten fort- führte, in ausländischem Toniall, mährend der Mann selbst heftig protestierte.„Tie sind seine Iran?" bemerkte ein Beamter.„Dann müsse» Tie ihm folgen... Eine Frau muß immer ihrem Garten folgen." Wir wiederholen, so le>ch in der kurzen Zeit ihres Bestehens ein so begründetes Ansehen erwerben konnte, so verdankt sie das in erster Linie dem Wirken ihres Leiters, nnd der Vorstand empfindet es daher als Freude, Herrn Tr. Alfred Tang aus diesem Anlaß seine vollste Anerkennung und seinen aufrichtigsten Tank auszudrücken. Einstimmig spricht der Vorstand dem Direktor der Pesta- lozzi Schule zu dieser Gelegenheit wiederum sein besonderes Vertrauen aus und betrachtet eS als eine Ehre und Auszeichnung für Herrn Tr. Tang, daß er sür sein vorbildliches und objektives pädagogisches Wirken auch noch die letzte Versolgungsmaßnahme der derzeitigen Machthaber in Teutschland erfahren mußte. Für den lSesamltnhal» verantwortlich: Johann P I tz In Dud- weiter: für Inserate: Ctto Kuhn tn Saa-brücken. Rotaltonsdruck und Verlag: Berlag der Bolksülmme GmbH„ Saarbrücken 8. Schützenstraße 5.— Schlteßlach 776 Saarbrücken. Die„Deutsche Freiheit" Einzig« unabhängig« Tageszeitung Deutschlands mufj man regelmäßig lesen Bestellschein leb«rsueb« um regelmäljige Zusendung der„Deutschen Freiheit" Straf;« i Ort: .. de Unterschritt Verlag der„Deutschen Freiheit" Saarbrücken i ß. SchütlMlkifjtz 5* PoaUcblieklasb U6