Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr. 267— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, 30. November 1934 Chefredakteur: M. B r a u n 7 lazis kaufen„WestCand" Seite 2 Jihupos schreiten an die,„Deutsche Jxeiheit" Seite 4 tut Aufruf, fiic Ossieizky. Seite 7 Die föeqkattwcCCe wächst Seite 8 WeHrüsfting gegen Deutschland Aufforderung an Berlin, Sfand und Ziele der deufsdien Rüstung Bekanntzugeben Vor einer Schwenhung der deutschen Außenpolitik? Das britische Unterhaus hat sich am Mittwoch mit der «rutsche,. Ausrüstung beschäftigt. gab bedeutsame Abweichungen zwischen den einzelnen Reden, aber geeint war das >n der Uebcrzeugung, das, die jetzige Regierung chlands die Verantwortung für die Beunruhigung und die Vergiftung der europäischen Atmophäre trage. Das sprach auch der stellvertretende Ministerpräsident B a l d m i„»»- zweideutig aus. Der Konservative 15 h u r ch i l l unterschied de» Friedenswillen des deutschen Volkes vo» der Möglichkeit, dasz die deutsche Regierung ihre Macht zu einem Angriff miszbrauche,, könne. Boldwin mochte das un- kontrollierbare System der deutsche» Diktatur verantwortlich »»d hielt nebenher den berliner Machthaber» einen lehr- hasten Vortrag ziemlich von oben herab. Er wars dem deut- scheu Diktator vor, dast es schwierig sei, mit ihm in Fühlung Zu kommen und sagte rnnd heraus, dasz er und die anderen neuen Männer bisher sich als un- sähig gezeigt hätten, die außen politischen Interesse» ihres Landes w a h r z u n c h»n e n. In dieser Partie der Baldwinschcn Rede zeigte sich eine gewisse Ungeduld und djx Erwartung, dast die Lehrzeit der neuen deutschen Diplomatie nun endlich vorüber sein und irgendwie das Gesellenstück gemacht tvcrden müsse. Weit davon entfernt, der deutschen Diktatur militärisch zu drohe», wies sie Bald- wi„ doch nachdrücklichst daraus hin, das« Deutschland bei seiner zcntra len c n r o p ä i s ch e n Vnuc wirtschaftlich von dem guten Willen der übrigen europäischen Länder abhängig sei.«ir John Simon schliesilich sagte, das; hier kein dentsch-englisches, son- der» ein Weltproblem vorliege. Darum habe die britische Regierung ihre Erklärungen im Parlament vorher in Berlin, in Paris und in Rom notifiziert. Die Rüstungsbcstimuiungcn des Bcrsaillcr Vertrages sind praktisch erledigt, Zum ersten Male hat das eine groste europäische Regierung ossen zugc- standen. Die Ausrüstung Deutschlands ist international zwar nicht legalisiert, ober bclanntc Tatsache. Man weis; nur noch nichts Genaues über ihren jetzigen Stand und das Ziel ihres Ausmaßes. Die englische parlamentarische Aktion hatte wohl den Hauptzweck, der Reichsregierung klar zu machen, das; England entschlossen sei, in einem Umfang und in einem Tempo hochzuriiste», das; Deutschland ans die Dauer nicht mitkommen könne Man steht da in bezug aus die Lustrüstnng vor einer ganz ähnlichen Situation wie bei den Seerüstungcn vor dem Kriege. Wilhelms>>. Flottenpläue vrra»las;te„ England nicht nu» zn einer Flottcnriistung, die die deutsche weit übertrumpfte, sondern auch zu einer Außenpolitik, die mit Deutschlands Niederlage im Weltkriege endete. Wieder sagt England der deutschen Regierung:„Unsere militärische Ucbcrlcgcnheit werden wir unter allen Umständen wahren." Und eck kann jetzt viel umfassender als in den letzten Vorkriegsjahrcn hinzufügen:„D ie Welt steht an unserer Seite und ist voll Mißtraue n gegen die deutsche Regierung!" Dennoch össnrn die englischen Reden der deutschen Dil- taturregierung wieder einmal die Vcrhandlungstorc. Nur scheint die Aufforderung zum Eintritt befristet und nicht ohne Bedingungen zu sein. Baldige Erklärungen über den Stand und die geplante Ausdehnung der deutschen Rüstungen und deren Begrenzung durch den internationalen Spruch des Völkerbundes unter Teilnahme Deutschlands scheinen er- wartet und gefordert zu werden. Daß Hitlerdcutichland durch Ribbcntrop solche Erklärungen schon angeboten hat, ist ebenso gewist. wie, dast sie in London und in Berlin für ganz nn- genügend erachtet worden sind. Hitler hat erreicht, dast ihm Zeit gelassen wurde, eine Rttstuiigspolitik zu treiben, die sämtliche Rüstnngsparagrascn des Beriailler Vertrages in lächerliche festen verwandelt dat. Wiederherstellung der Ehre nennen er und seine Pala- bitte das. Als wenn die Ehre und der Wert einer Ration vom Stande ihrer Wasscntechnik abhängig gemacht werden könnte Die Exzesse der Hitlcrci gegen alle Gebiete mensch- licher Kultur haben dem deutschen Namen und den deutschen Interessen in aller Welt mehr geschadet, als es jemals die stets von ollen Deutschen abgelehnte rein gewaltmästige Diffamierung durch den Bcrsaillcr Vertrag vermocht hat. Und wo ist irgendein materieller oder ideeller Vorteil für Deutschland aus seiner vertragswidrigen Aufrüstung er- lcnnbar? Wir warte» vergebens, dast er uns je gezeigt worden wäre oder gezeigt werden könnte. Herbeigeführt wurde lediglich eine Isolierung, eine Einkesselung Deutsch- lands wie nie zuvor, die zwei Möglichkeiten in bedrohliche Nähe rückt: die europäische Kriegsgefahr und die Vernichtung des Deutschen Reichs durch eine verheerende Niederlage. London hat jestt gesprochen, und das ist die Stimme der ganzen Welt anstcrhalb Deutschlands. Berlin hat zu antworten. Man must einstweilen bezweifeln, dast die Diktaturregicrung den Mut und die Möglichkeit zu einer klaren Antwort ansbringt, denn nichts fehlt in der Residenz des„Führers" mehr als die Führung. Englands sorge ra* deutschen Luftangriffen kurdillis Rede London, den 25. November. Ter frühere konservative Schahkanzler Churchkll stellte zu ieginn seiner Rede feit, dast er einen Krieg weder«»r un- itielbar bevorstehend noch für unvermeidlich haue,.uu j scheine ihm sehr schmierig, die Schlußfolgerung Zu>>»>- -hen dast Großbritannien unverzüglich für seine«icher- lit sorgen müsse, weil das sonst bald austerhalb ieii er lacht liegen würde. Tic groste neue Tatsache. die die kliis. iertiamkeit jedes Landes in Europa und der Welt tu«>- >ruch nehme, sei. dast Deutschland wieder anlruue.-rieie atjache dränge last alles andere in de» pin'-rgrund. Tte abriken Deutschlands arbeiteten eigentlich unter Kriegs- in ständen Teutschland rüste ans zu Land, in gewissem faste zur See und was Großbritannien am meisten vc- ihre, in der Luit. T>e furchtbarste Art des Lultangrisis i die Brandbombe. Eine Woche oder zehn Tage nachhaltiger Bo«btfe auf London würden oder 40 00» Menschen toten oder verstümmeln, und'» kurzer Zeit wurden drei oder v>er Millionen Menschen auso Land hinausgetriebe,, werden. s ist so gut wie zwecklos, wenn man plane, die britischen^ rsenale und Fabriken nach der Westküste zu verlegen, lau müsse dieser Gefahr dort, wo man stehe, gegenüber- eten und könne sich nicht von ihr wegbewegen. Er hoste, ast die Regierung nicht die chtsienschastliche«ci'e deS Schuhes der Bevölkerung vernachlöis.gen werde. Die ein- gc prgkische und sichere Verteidigung sei dem Feind densovicl Schaden zuzusügen. wie er England ZuNigen Z un- D>e«^riabr en üitllli ut üll 2-illuus völligen«chuk bieten Wenn das erreicht werden könne, was bedeuten demgegenüber Sil oder 100 Millionen Psnnd Sterling, d,c durch Ablösung oder eine Anleihe ausgebracht werden. Großbritannien müsse jetzt beschließen, koste eö, was es wolle, in de» nächste« zehn Jahren c,nc Luststreitmacht zu unterhalten, die wesentlich stärker ist als die Deutsch- lands. Es würde ein grostcS Verbrechen gegen den Staat fein, wenn irgendeine britische Regierung es zulassen wurde, das; die Stärke der britischen Luftstreitkräfte unter die der deutschen falle. Churchill streifte dann die Frage, ob es nützlich sei, durch den Völkerbund die Schassung von Tchuhvvrposten aus dem Kontinent zn betreiben, und fuhr fort, c-' bestehe kein Grund zu der Annähme, dast Tcutsch- land Großbritannien angreifen werde. Aber es könnte bald in der Macht der deutschen Rc- giernng liegen, dies zn tun, wenn Großbritannien nicht handle. Alles, was bei der Organisation der deutschen Regierung notwendig sei. um ohne Ankündigung einen Angriff vom Stapel z» lauen, ici der Beschluß einer Handvoll Männer. Es sei eine Gefahr jlir ganz Europa, dast England sich in dieser Stellung befinde. Tic Gefahr würde Großbritannien in ichr kurzer Zeit heimsuchen, wenn eS nicht sofort handle. Das Geheimnis der dentiche,, Rüstungen müsse geklärt werden. Dcutschland rüste in Verletzung des Versaillcr Vertrages. Heute habe Teutschland seine Luftstreitkräfte mit den notwendigen Ergänzungen auf dem Erdboden, mit Reserven IFchrijelzaug siehe nächste Settel Sern vor schweren Entschlüssen Die jugoslawische Denkschrift Die politische Loge in Europa hat sich in den letzten Tagen iveiter verschärft. Die Debatten im englischen Unterhaus über die deutsche Aufrüstung beweisen, welch schwerwiegende Entschlüsse England vorbereitet. Die Er- Klärungen des Abgeordneten Archimbaud in der Kammer über eine französisch-russische Militärentente sind eben- falls ein Zeichen dafür, wie ernst die Situation in Europa geworden ist. Auch das Saarproblem bleibt Brennpunkt der europäischen Politik. Hitlerdeutschland hat durch seine skrupellose Agitation die Saarfrage zu einer Prestigefrage ersten Ranges gemacht. Darüber hinaus spitzt sich der jugoslawisch-ungarische Konflikt gefährlich zu. Jugoslawien hat seine Anklagenote in Genf überreicht. Ungarn hat seinerseits in schärfster Farm gegen den Schritt Jugoslawiens prolestiert und die sosartige Behand- lung der jugoslawischen Klagen vor dem Völkerbund ver- langt. Daraufhin hat jetzt der ständige Vertreter Iugo- slawiens beim Völkerbund. Fotitsch. dem Generalsekretär Avcnol die Denkschrift der Belgrader Regierung über- reicht. Die jugoslawische Denkschrift stellt ein umfangreiches Dokument dar, dos über 6 0 Seiten mit z a h l- reichen Dokumenten und Bildern umfaßt. Jugoslawien versucht den Nachweis zu erbringen, es hä.te wiederhalt Ungarn auf die Umtriebe kroatischer Terroristen auf ungarischem Baden aufikerksam gemacht. Es wird in der Denkschrift dokumentarisch nachgewiesen, datz die ungarischen Behörden die kroatischen Terroristen und ihr Treiben stets begünstigt hätten. In der Zeit von 10^0 bis 1931 seien auf jugoslawischem Boden 20 terroristische Akte verübt morden, die auf ungarischem Boden vorbe- reitet worden seien. Wiederholt sei die Belgrader Regie- rung in Budapest vorstellig geworden, datz dem ein Ende gemacht werde. Aber die jugoslawischen Proteste seien stets unberücksichtigt geblieben. Geradezu sensationell wirkt die Stelle der Denkschrift, die sich auf eine Rote Jugoslawiens van, 1. August 1033 bezieht. Die Belgrader Regierung hat mit dem Vermerk sehr dringlich" Budapest ei sucht, sofort den kroatischen Terroristen M i j o K r a I j leinen der künftigen Teil- nehmer des Attentats auf König Alexander und Loms Barthou) zu verhaften. Auch diesem Ersuchen sei nicht stattgegeben worden. Mijo Krals konnte ini Gegenteil ungestört seine Tätigkeit in Ungarn fortsetzen, und er hat im September einen regulären ungarischenPatz erhalten, der ihn, die Möglichkeit gab, mit den ande- ren Terroristen nach Frankreich zu gelangen, und hier das Attentat van Marseille durchzuführen. Die Denk- !ckrist erinnert auch an das Expose, das Jugoslawien im Juni dieses Jahres dem Völkerbund unterbreitet hatte. In dieser Denkschrift wurde die Tätigkeit der kroatischen Terroristen im Lager Ianke Puszta enthüllt. Es handelt sich um dasselbe Lager, in dem tatsächlich spater das Marseille! Attentat in allen Einzelheiten vorbereitet wurde. Die Denkschrift enthält außerdem ein Dokument, worin die enge Verbindung zwischen den offiziellen ungarischen Kreisen und den kroatischen Terroristen nach- gewiesen wird. Dabei werden auch indirekte Beschul- digungen gegen den Vertreter Ungarns beim Volkerbund, Tibor von Eckart, erhoben. Genau so. wie mau nach dem Attentat in Marseille unwillkürlich an Serajewo gedacht hat. genau so steigt beim Lesen der jugoslawischen Denkschrift die Erinnerung an das österreichische Ultimatum im'Juli 1014 auf. Es i>t zwar ein großer Unterschied zwischen der damaligen österreichischen und der jetzigen jugoslawischen Rote: Letztere trägt keinen ultimativen Charakter. Aber ihr Inhalt ist so schwerwiegend, die Spannung zwischen den beiden Ländern ist so groß, datz die Gefahr schwer- st er Erschütterungen nicht von der Hand zu weisen ist. Nicht umsonst schlicht die jugoslawische Denkschrift mit den Warten: „Die ungarische Regierung hat eine schwere.Verant- Wartung auf sich geladen, die vor dem höchsten Organ der StoatsMmelnl.chail aitümciaen» die jugoslawische Regie, tung sich für verpflichtet halte. Die Regierung i st Itch Schwere ihres Schrittes voll be- mutzt. Sie hat ihn deshalb nur auf Grund von'Tatfachen umerfiominen, deren Richtigkeit sie genau geprüft hat." Wann- der Poll,erbundsrat sich mit"Item ungarisch- jugoilawischen Konflikt beschäftigen wird, steht noch nicht feit- inzwischen wird bekannt, datz die Tagung des Volkerbundsrates neuerdings verschoben ivird. Diese dauernden Perschiebungen der Pölkerbundstagung sind wohl auf diplomatische Machinationen der Wilhelmstrake zurückzuführen, die das größte Interesse daran hat, die S a a r v e r h a n d l u n g e n vor dem Völkerbund mög- Ilchst in die Länge zu ziehen. Auf Grund von durchaus- zuverlässigen. Informationen können ivir mit Bestimmtheit die Behauptung aufstellen, daß der politische Teil der Denkschrift des Dreierausschuß, die dem Völkerbund bei der Behandlung der Saarsrage unterbreitet wird, schon seit ein! geil Tagen endgültig festgelegt ist und daß' die Bemühungen von. hitlerdeutscher Seite diesen politischen Teil zu andern, völlig gescheitert sind. Im Gegensatz zu den Behauptungen der gleichgeschalteten Presse sind d i e politischen Vorschläge, die Baron AI o i s i machen wird, so gehalten, da ß s jeder braunen Front an der Saar keine Freude bereiten werden. Tie Verhandlungen, die jetzt in, Dreierausschuß immer»och geführt werden, beziehen sich wesentlich aus die außerordentlich komplizierten wirt- schaftlichen Fragen des Saargebiets. Angesichts der dauernden Verschiebungen der Völker- bundstagung ist es nicht ausgeschlossen/daß der Völkerbund in seiner nächsten Sitzung nicht allein die Saar- frage, sondern angesichts der Zuspitzung des Konflikts auch die jugoslawische Frage behandeln wird. Es ist aber möglich, daß der englische Kompromißvorschlag, die jugo- slawische Denkschrift einem engeren Ausschuß zur Prüfung zu geben, angenommen und damit die Saarfrage dennoch ,m Vordergrund der nächsten Beratungen des Völker- bundsrates bleiben wird. Genf wird jedenfalls vor einer äußerst komplizierten und schwierigen Aufgabe stehen, um so mehr als Italien eine recht zweideutige Stellung einnimmt,'indem es durch Unterstützung der ungarischen Forderungen von Frankreich möglichst viel herausholen will, worauf auch die zahlreichen Besprechungen des französischen Bot- schafters Chambrun mit dem italienischen Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten, S u v i ch. hin- deuten. Ob es in Genf gelingen wird, eine wirkliche Be- ruhigung zu schaffen, scheint problematisch zu sein, da die Lage in Europa und die Gegensätze zwischen den ver- schiedenen Staatengruppen, insbesondere durch die fort- währenden Rüstungen des Hitlerreiches, sich äußerst zu- gespitzt haben. Eine Erklärung Karl Borths Professor Karl Barth, der gemaßregelte Theologie- Professor von der Bonner Universität, teilt nunmehr selbst mit. das, die Meldung des Deutschen Nachrichtenbüros, die seine Amtsenthebung veröffentttchtc, nicht in vollem Um- fange dem Tatbestand entspreche. Er habe nicht feden Eid ans Hitler abgelehnt, sondern de» von ihm geforderten BeauUeiieib, der von jedem Beamten Treue und Gehorsam für Hitler verlange und zwar ohne jede Einschränkung.„Ich war bereit, den Eid auf Hitler abzulegen, aber leine» u n e i n g e s ch r ä n l t e n und keine u n n b e b i n g t e n. Meine Treue und mein Gehorsam gegenüber dem Staats Überhaupt sollte durch die Verantwortung, die ich als evangelischer Ehrist zu tragen habe, begrenzt sein. Ich habe daher meine Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, zu schwören, inlls man mir erlauben würde, den Beamteneid mit dem Zusah zu'versehen: Soweit ich dies als evangelischer Ehrist verantworten kann. Damit war man aber nicht ein- verstanden. Ter Beamteneid in seiner jetzigen Form sei für ihn unmöglich, ivcil er eine unbedingte Verpflichtung enthalte. ktt Englands Sorge vor deutschen Luftangriffen Fortsetzung von Seite l und ausgebildetem Personal und Material. Ties alles warte nur aus den Befehl, um zusammengefaßt zu werden. Diese ungesetzlichen Luftstreitkräfte erreichten rasch den- selben Stand ivie die britischen. Nächstes Jahr um dieselbe Zeit würden, wenn Deutschland und Großbritannien sich an ihre Programme halten, die deutschen militärischen Streitkräfte mindestens so stark sein wie die britischen. Ende de» Jahres tS-lü werde die deutsche Militärlust- streitkrast fast Sil Prozent stärker sein und im Jahre KM7 die doppelte Stärke der großbritannischen erreicht haben. Deutschlands Ztvtlflugzciige könnten leicht umgeivandelt werde», während die Großbritanniens für Kriegszwecke wertlos seien. Die verschleppende Politik der britischen Regierung auch nur einige Monate fortzusetzen, würde bedeuten, Großbritannien der Macht zu berauben, je die deut- scheu Anstrengungen zu überflügeln. Siellverfre ender Premlermn sier Baldwin antwortet it. a.: Dies sei eine der schwierigste» und mich- tigsten Fragen, die das Haus erörtern konnte. Es ist eine Frage, die von der Regier»,>a aus jeden Fall binnen kurzem dem Parlament hätte unterbreitet werden müssen. Die ganze Frage berühre nicht nur Großbritannien und seine Berteidigungsmittel, sondern ganz Europa. Aber so- gar jetzt, wo die Tinge so schwarz erschienen, habe er nicht die Hoffnung ans eine Rüstungsbeschränkung irgendeiner Art ausgegeben.' Er wolle nichts jagen, um die Annäherung zu er- schweren, die aus dieser Aussprache solgen könnte, und er hosse, daß Deutschland, wen» es die Rede lese, jedes Wort von dem.>va» er gesagt habe, lese und die Rede nach ihrem Geist beurteile, ohne einzelne Worte heraus- zusnchen. Eine der Grundlagen des heute bestehenden Mißtrauens sei die Unkenntnis außerhalb Deulschlands und die Geheimtuerei innerhalb Teutschlands. Baldwin bemerkte, er werde nicht Deutschlands neues Regime kritisieren, aber das notwendige Ergebnis einer Revolution in. daß ein Diktator oder jemand, der an der Stelle eines Diktators steht, zur Macht gelangt und es ist bekanntermaßen schmieriger Fühluna mit einem Diktator zu erhalten, als mit einer demokratischen Regierung. Das ist das eine Ergebnis. Zweitens bringt eine Revolution eine Anzahl»euer Männer zur Macht, die nicht die Erfahrung habt», für ihr Land auswärtige Angelegenheiten z„ behandeln und deren Persönlichkeit den Staatsmännern anderer Länder nicht bekannt ist. Man braucht Zeit, u,„ über diese Schwierigkeiten hinwegzukommen und die Fühlung wieder herzustellen, die seit vielen Jahre,, hosfnnngs- voll aus Deutschland gewirkt hat. Das, luas'j» Europa während dcr letzten Jahre geschehen ist, mag der Beweis für das fein, was ich eben gesagt habe. Im Januar kau, das neue Regime zur Macht und schon der nächste Monat erlebte die Stärkung der Kleinen Entente, die. als erster Teil Europas aus die neue Fügung ant- wortete. Nicht viel später sehen wir die große» Erichütte- runge» in Oesterreich, zum großen Teil infolge dcr Nazi- Propaganda. Im Oktober zog sich Deutschland vom Völkerbund und der Abrüstungskonfrenz zurück. Als Dentschlanb sich zurückzog, geschah dies in einem Augenblick,>vo wir be- r cht igle.Hoffnungen hatten, etwas Wesentlicheres 0" erreichen als seit vielen Jahren. Die.Zusammenarbeit unter den europäischen Nationen wurde damit uorläusig zerschlagen. Dieses Jahr haben wir sogar Zeichen von Nervosität in den Länder,, gc- sehen, die nicht direkt von de,, Ereignisse» berührt wurden. nämlich i„ der Schweiz und in Skandinavien. Man hat gesehen, wie in Frankreich Kredite behandelt»nd vorgeschlagen werden, um die Festungswerke im Norde» zu vermehren und um in vielfacher Weise die Lnftstrcit- kessle aufzurüsten und Ausrüstung»nd Munition z» be- schassen, Man hat ans der anderen Seile der Alpen Nazis hänfen.Festland Ungeheurer Rein'all des Dr. Ojelvhels Die um vorigen Freilag fällig gewesene Ausgehe der ü ochensdirift„Wettland" ist nicht erschienen. Ks Wurde inzwischen bekannt, daLl der Vetlag..Weslland" in andere Hände übergegangen ist. llelter die Hinter- tiiinde und die Folgen dieses Verkaufs erhalten wir von unterrichteter und zuvei lässiger Seite f tilgende Darstellung: Der raffinierte, ausgekochte Plan, den Dr. Goebbels in den neun Jahre» seiner Propagandalätigtcii gesponnen hat, ist an der Vorsicht und Wachsamkeit der„Wcstland" Redak tion zuschanden geworden. Ter tatsächliche Eigner aller Anteile der„Westland" Verlag G. ,». b. H. und somit der Zeitung„Westland". Dr. T h a l he im e r, hat dieses Hitler gefährliche Biatt ein Jahr lang ans eigenen Mitteln unter riesige» Verlusten gesührt. Im Oktober erbot sich der Besitzer einer Anzeigenagentur, ein gewisser Weißender«, die Zeitung, die in schwieriger finanzieller. Sage war, ans de» Mitteln eines antifaschistischen Finanznianucs zu sanieren. Durch Dokumente und eidesstattliche Erklärungen gaben beide, dcr Agent und der Finauzniann, den Beweis, däß es sich um Gelder handle, die weder ans französischer noch aus nationalsozialistischer Quelle stammten. Die Urkunden lfegcn vor. Als die Redaktion, der Geschäftsführer und verantmort- ltchc Redakteur August Stern und seine Kollegen von dem Verkauf erfuhren, stellten sie sofort ihre Tätigkeit ein. Sie gaben dem bisherigen und neuen Anteilseigner die klare und str'kte Erklärung, daß sie sich als von W c st l a n d g e l v st betrachteten»nd keine Zeile für dieses Vlalt schreiben würden, b e v o r n i ch t. d i c H i n t e r- g r ü ii d e der(Geldgeber r c st l o s und eindeutig geklärt seien. Sämtliche Mitarbeiter erklärten sich mit den Redakteuren solidarisch.' Die neue» Besitzer, die wenige Tage darauf ihre» Besitz antreten wollten, fanden einen leeren Titel, eine Zeitung ohne Redakteure, ei» Objekt ohne Inhalt vor. Dafür hat- ten sie 200 000 Franken aezablt! Eine Woche lang haben die neue» Besitzer mit allen er- deutlichen Mitteln, mit ungeheuerlichen Versprechungen, mit dem Angebot riesiger Vorauszahlungen versucht, die bisherige Redaktion zur Fortführung des Blattes in der alten Form zu veranlassen, offenbar in der Absicht, die Bombe im gelegensten Augenblick platze» zu lassen. Die Redakteure, obwohl sie bisher nur ei» winziges Gehalt be- zogen»nd buchstäblich keinen Pfennig in dei Ta che hatten, lehnte» das ab, insbesondere als der neue Käufer durch- blicken liest, daß es sich um sraiizösijchcs Geld handele. Wahrend der Verhandlungen verdichtete sich der Arg- wohn, daß es sich bei den Käufer»»nr um Sirohlente des Dr. Goebbels handele, die Beziehungen zu dem politischen 'Agenten Michael stiel» a rz, Leiter des DNB. in Pariö. unterhielten. Die Käufer schwuren jede Beziehung i» dieser Richtung mit heiligen Eiden und schriftlichen Erklä- runge» ab, die Rcdattcurc haben de--">*"< Augenblick an jede» Kontakt mit diesen Leuten abgelehnt. Heute früh ist in Saarlouis, im Verlag dcr„Saar- zcitung", ein Vlalt mit dem üopf des alten„W e st I a n d" erschienen, das eine abenteuerliche, von unserer Darstellung in den Tatsachen aber kaum unterschiedliche Darstellung der Tatsachen gibt. Tie genialen Machenschaften des Dr. Goebbels werde» unverhüll, zugegeben, unverho''rn steht dort aber auch die Enttäuschung über das völlige Miß- lingen der Aktion Als vcrantivortlicher Redakteur zeichnet ein ehemaliger Redakteur der früheren„Taardentschen Bolksstimme", Abt. Der Inhalt entspricht völlig dem dcr bereits verbotenen Blätter von der Art des„Deutschen Kumpel", er sagt jedermann genug. Für ei» Blatt mit „Enthüll«ngen", die geradezu eine Lobhymne aus die Wach- samkett und klare Haltung der„Westla»d"-Redakteure sind, und von dem eine ziveite Nummer offenbar nicht erscheinen soll, sind stMliM Franken ein erklecklicher Kaufpreis. Die Redakteure des alten„Westland* stehen selbstver- stündlich nach wie vor und unverändert im Kamvs gegen Hitler an der Saar bis zum Tag der Entscheidung. Italien durch die Rückwirkungen der Na,»Propaganda iit Oesterreich beunruhigt gesehen, und man hörte eine Rede vom Dncc selbst, die, wenn sie»'örtlich aufgefaßt würde, sehr beunruhigend gewesen wäre. Polen schloß einen Nicht- angrifsspakt mit Deutschland ab, dcr bald auf die Ein- sührnng des neuen Regimes folgte, und Deutschland ver- war» den russischen Vorschlaa für eine Garantie— eine deutsch-polnische Garantie der baltischen Staaten. Es sind Besprechungen mit Frankreich erfolgt, von denen — dasür leiste ich Gewähr— keine stattgefunden hätte, wenn nicht Deutschland den Völkerbund verlassen hätte und ivenn nicht die Handlungen Deutichlandp mit Bezug aus seine Rüstungen von diesem Zeitpunkt an in ein Gc- heimnis gehüllt gewesen mären. Dies führte zum Vorschlag für den Pakt gegen- seitiger Unterstützung in Osteuropa, den wir warm befürworten und dabei anregen, ihn mehr in lieber- einstlmmunq mit Loearno zu bringen und ihn allgemein für die Teilnehmer annehmbarer zu gestalten. Dies, so fuhr Baldivsii kort, ist sehlgeschlagen. Als natürliches Er- gebnis einer fast zweijährigen Herrschaft dieses Regimes in Mitteleuropa hat sich ein Zustand nervöser Besorgnis ergeben, der sich von einem Land nach dem andern aus- breitet und ein böses Vorzeichen für den Frieden Europas darstellt. Die Gerüchte, die über die Ncnbtlduna des deutschen Heeres verbreitet waren, sind, so glauben mir, auf die Tat fache begründet, daß Deutschland im Begriss ist, sein langfristiges Dienst- Heer von llllimm Mann in ein kurzfristiges Fricdensheer von Zllllllll» Man» umznwandeln. Dies war die Forderung, die, wenn ich mich recht erinnere, von Deutschland zu der Zeit, wo es die Äbrllstungs- konsercnz verließ, gestellt wurde. Die Zahl der deutsche,, Militärslugzeuge bezisserte Vald- win aus tili». Die höchste Ziffer, die von einer guten Quelle genannt worden sei, betrage lllU». Wahrscheinlich bewege sich die tatsächliche Zitier zwischen diesen beiden Zahlen. Es bestehe kein Zweifel, daß mäh rend der letzten sechs Monate die Leistungsfähigkeit der deutschen Lustindustric stark erhöht morden sei. Er glaube jedoch, daß die meisten der Berichte in der englische» Presse stark übertrieben seien. Es gebe im gegenwertigen Augen- blick keine» Grund für unangebrachte Besorgnisse»nd noch weniger für Panik. Weder England»och irgend je- wand in Europa stehe augenblicklich vor irgendeiner un- mittelbaren Bedrohung. Es herrsche kein tatsächlicher Rotzustand. aber Groß- britannie» müsse vorausschauen und es bestehe kein Grund zu sehr ernster Besorgnis. Aus diesem Grunde habe die Regierung die Lage seit vielen Monaten beobachtet, beobachte sie noch und werde sie weiter beobachte». Sollte sich eine gefährliche Lage cnt- wickeln, vor der man im gegenwärtigen Augenblick keine Anzeiche» erblicke, so werde die Regierung nicht»nvor- bereitet überrascht iverden. Waldmin stellte nachdrücklich in Abrede, daß Großbritannien allgemein in der Luit nach- hinke. In Erwiderung Ehurchills bemerkte er, es treffe nicht zu. daß sich Deutschland rasch dem Stande Grog- britannienS nähere. „Die britische Regierung," so hob Baldwin hervor,„ist entschlossen, unter keine« Bedingungen irgendeine linier- legcnheit in bczug aus irgendeine Streitkrast hinzu- nehmen." Nachdem Baldwin die Frage der zivilen Lnstfahrt be- handelt hatte, fuhr er fort, es sei seine Ucberzengnng, daß auch Deittschlanö diese Besorgnis nichi»»bekannt sei. Baldwin bemerkte, seine Rede mit großem Ernst und unter völligein, aufmerksamem Stillschweigen fortsetzend. Deutschland hänge mit seiner geograsische« Lage sehr von der Freundschast und den Handeisbczichnnge,, mit leine» Nachbarn ob. Wann werbe dcr Tag kommen, ivo Deutschland dies erkennen werde i Solange Teutschland sich zurück- halte und keine unmittelbare Verbindung mit anderen Staatsmännern in Europa habe, werde mehr und mehr dcr Argwohn wachsen und es könne sei», daß auch Deutschlands eigene S ch w i e r i g k e i t c n immer w c i t e r w a ch i c n w e r d c n. Ich hoffe, daß diese Aussprache, die mit einem ansrich tigcn und berechtigte» Wunsch eingeleitet morde» ist, die Wahrheit in Europa kennenzulernen, größere und bessere Folgen haben wird als irgend jemand von uns für möglich gehalten hat Vielleicht ist dadurch Gelegenheit für einen erste n Schritt geschassen worden, von neuem die Nationen Europas zusammenzubringen. Ar Zahn Simon der englische Außenminister Hob die Bedeutung der Bald- winsche» Rede Hervor, indem er sagte, es Handle sich nicht um eine einfache Erklärung. Die Regierung Habe bereits seit einiger Zeit eine besondere Prüfung des Problems vorgenommen. Ehe die Rede gehalten wurde, sei ihr In- hall dem d e u t, ch e n Reichskanzler, Frank- reich. I, a l i e n und den Vereinigten Staaten mit allen Erläuterungen mitgeteilt morden. Dieses Verjähren sei eingeschlagen worden, weil es sich nicht um eine englisch-deutsche Frage, sondern»m eine europäisch? und ri„e Wcltfragc handle. Durch diese» Verfahren habe die Regierung geholfen, einen großen Teil des Argwohns und des Nebels zu beseitigen. Es müsse auch ein Teil der Besorgnis, des Argwohns und dcr Ilebertreibungen. die bestanden hätten, behoben morde» fein. Die Mitteilungen an andere Regierungen bilden eine neue Entwicklung, und Meie könne von sich aus eine neue Lage schaffen. Ans die Frage, wozu die britische Regierung die Zustimmung dcr anderen Nationen erbitte, erklärte Simon: Wenn wir eine Vereinbarung erziele» würden, so würde» wir gern eine vereinbarte Abrüstung aus eine» niedrigen Stand sehe,,: wenn wir nicht ein unerreichbares Ideal erzielen können, so müssen wir suchen, eine Vereinbarung zu einem niedrige« Slandc zu erzielen. Wir erklären von neuem n e schon früher, daß wir für die Rüstungsbeschränkung sind im Gegensatz zu Wettbewerb und ungeregelter Rüstung. Wir ersuchen das Haus, uns zu helfen, dies als eine neue Gelegenheit zu betrachte», die ans eine Politik des Friedens hinzielt, die nicht auf die Vorschriften der Nachkriegsperiodc gegründet ist, sonder» eine neue Bemühung darstellt, eine sichere Aussicht des Friedens in dcr Welt zu errichten. -r ic Antivvrtabrciic aus die Thronrede wurde dann an- genommen. ^DEUTSCHLAND ffigftHITLER Nene Versdiiebung in Genf Was geschieht am 14. Januar? C't«e schwierige technische Frage zur Durchführung der Volksabstimmung werfen die S t i»i m z e t t e l aui. Wie verlautet, soll die Absicht bestehen, die Stimmzettel weder in Frankreich noch in Deutschland herstellen zu lassen, sondern in einem anderen Lande, und Papier, Farbe und Ausdruck der Stimmzettel bis zum letzten Augenblick geheim zu halten. Feder Stimmzettel, der dem amtlichen Format nicht entspricht, wird dann als ungültig bezeichnet werden. Die Auszählung der Abstimmung kann wahrscheinlich in Saarbrücken erfolgen, wobei das in Per- manenz tagende Oberste Gericht letztinstanzlich alle Streit- fälle sofort zu erledigen hätte. KcMl der Regierungskommission Zur Heranziehung französischer Truppen Im Unterhaus stellte der liberale Abgeordnete Mander der Frage, ob die englische Regierung eine Verantwortlich- feit anerkenne, moralisch oder physi'ch die französischen Truppen zu unterstützen, die für eine etwaige Polizeiaktion an der Saar zur Verfügung gestellt werde» könnten. Lordsiegelbewahrer Eden antwortete:„Die Körperschaft, die mit der Verantwortlichkeit betraut ist, die Ordnung im Saargebiet aufrechtzuerhalten, ist die Regierungs- k o u> m i s s i o n. Was das Recht der Regierungs- kommifsion betriiit, in der Ausübung dieser Ausgabe Unterstützung von austcrhalb anzufordern, so habe ich der Erklärung, die vom Staatssekretär des Acusteren ain 5. November in Beantwortung einer Anfrage Lansburys abgegeben worden ist, nichts hinzuzufügen. Jiittewismus gegen Jiatfrotizismus Unversöhnliche Gegensätze Hierher gehört das k i r ch l i ch- ch r i st l i ch e Mitleid, das auch in der freimourischen„Humanität" in neuer Fori» aufgetaucht ist und zu der größten Berheerug unseres ge- samten Lebens geführt hat. Aus dem Zwangsglaubensfatz der schrankenlosen Liebe und der Gleichheit alles Mensch- Uchen vor Gott einerseits, der Lehre vom demokratischen rasselosen und von keinem nationalverwurzelten Ehrgedan- ken getragenen„Menschenrecht" andererseits, hat sich die europäische Gesellschaft geradezu als Hüterin des Minder- wertigen. Kranken. Verkrüppelten, Verbrecherischen und Verfaulten entwickelt Ter Glaubenssatz vom Ablast war nur möglich, weil der Gedanke eines persönlichen Ehrgefühls chei seiner Abfassung nicht mitgewirkt hatte. Es mutzte ferner auch darauf hinaus- laufen, das noch vorhandene Ehrbewusttsein zu unterhöhlen und knechtisches Denken zum frommen Wesen zu stempeln. Aeusterlich betrachtet, hat das deutsche Aufbäumen gegen diese Schande das römische System gezwungen, mit der Durchführung des Ablastunivescns vorsichtiger zu werden. Grundsätzlich wird es jedoch noch heute als ein R e ch t u n d fromme U e b u n g von der Kirche verteidigt.(Vergleiche den Generalablast Ausruf von 1926.) Da st dieser ll nsug ebenfalls ans„biblisches lirgut" zurückgeführt wird, versteht sich von selbst. Eine jahrtausend- alte Umzüchtung langer Geschlechlerreiheu in einen neuen Pol— Rom— hat auf die nichtnordischen Untergründe der europäischen Völker genügend so stark gewirkt, dast dieser Ausruf von ihnen gar nicht als S ch m a ch, sondern als gegenseitige Hilfe der..Glieder des Leibes Ehristi" empfun- den wird.(Seite 100'171) Alfred Rotenberg, der vom Führer lind Reichskanzler mit der weltanschaulichen Erziehung der Kation beauftragte Theoretiker des Nationalsozialismus in seinem Buche-Der Mythus des 20. Jahrhundert s". Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, 13.—16. Auflage, Seite 169 171. Das Buch ist von der nationalsozialistischen Regierung allen Lehrerbibliotheken als geeignet empfohlen und in vielen Fallen auch katholischen Büchereien zwangsweise einueglicde'l norden. Status quo, ein definitiver Znstand? Ratstagung erst am 6. oder 7. Dezember?, Gens, 29. November 1934. Die Verhandlungen in Rom über den Preis der von Teutschland im Falle der Rückgliederung für die Saargruben zu zahlenden Summe und über die Sicherung der franzö- fischen Guthaben im Saargcbiet ziehen sich noch immer in die Länge. Darum wird jetzt in Genf angenommen, dast der Völkerbundsrat erst auf den 6. oder den 7. Dezember einberufen werden wird. Man fängt an, die Stimmen zu zählen Havas meldet aus Saarbrücken: Die Vorbereitungen zur Abstimmung werden von der Abstimmungskommission eisrig fortgesetzt,' in einigen Tagen wird mau genaue Angaben über die Mastnahmen machen können, die getroffen worden sind, um den Saarländern eine freie und absolut korrekte Abstimmung zu gewährleisten. Man glaubt, dast die Stimmen- zählung am Montag, dem 14. Fanuar, beginnen und drei Tage dauern wird. Wir haben neukckh daraus hingewiesen, dast eine Ab- stimmung rür den Status quo nach dem neuerdings ge- gebenen Eingeständnis auch der„deutschen Front" einen neuen völkerrechtlichen Zustand für das Saargebiet bedeutet. Reu insofern, als nicht nur, wie die„deutsche Front" sagt, das Deutsche Reich in diesem Fall endgültig auf seine Souveränität über das Saargebiet verzichten muh— ein Verzollst, der praktisch wenig bedeutet gegenüber dem be- teils während des 15jährigen Provisoriums vorhandenen—, sondern neu vor allen Dingen dadurch, dast nunmehr der Völkerbund die nötigen Beschlüsse fassen must, um den bis- herigen provisorischen Zustand in einen dauernden zn ver- wandeln.— Betrachten wir zunächst noch einmal die Lage. Es wäre an sich überflüssig, den d e u t s ch e n E h a r a k t e r des Saargebiets und seiner Bevölkerung er- neut zu betonen, wenn nicht die Propaganda der„deutschen Front" immer wieder mit dem Vorwurf arbeitet, dast eine Abstimmung für die Erhaltung des Saargebiets eine Aus- gäbe dieses deutschen Charakters und folglich einen Verrat am Deutschtum bedeute. Es ist selbstverständlich, dast die Saarländer nach Abstammung, Sprache und Charakter zum deutschen K u l t u r k r e i s gehören. Fn- sofern ist die durch den Friedensvertrag gegebene dritte Mög- lichkeit, nämlich die eines A n j ch l u j s e s a n Frankreich, von vornherein eigentlich aussichtslos gewesen und lediglich aus politischen Gründen— man kennt ja die viel- fachen Schwierigkeiten, die die Alliierten bei der Ausstellung des Vcrtragtcrtes zu ständigen Kompromissen nötigten— in den Vcrsailler Vertrag ausgenommen worden. Denn, un- ähnlich Eli'ast-Lothring e n, das durch Fahrhunderte hindurch zu Frankreich gehört hat, dessen Bewohner beispiels- weise an den Kämpfen der französischen Revolution wie über- Haupt an der Entwicklung des modernen Ttaatsbcgriffs in Frankreich sehr aktiv teilgenommen haben, und die nicht nur durch die dort vorhandene Zweisprachigkeit ohne Zweifel seit langem sich dem französischen KulturkreiS angegliedert haben, ist das Saargebiet eben deutsch geblieben. Unbeschadet seiner vorübergehenden Zugehörigkeit zum französischen Empire, einer Zugehörigkeit, die ja das ganze Rheinland teilte, und woraus dort gewist einige Sympathien und Ver- ständnis für das Nachbarvolk erwachsen mutzten, aber nie der Gedanke eines Anschlusses an Frankreich lebendig wurde. Es ist auch klar, dast o h n e die Ereignisse in Deutschland über den Aussall der Abstimmung im Sinne der Rückgliede- rung kein Zweifel hätte bestehen können. Gcwist hat es auch f ruhe r s ch o n in a n ch c Anhänger des Status quo gegeben, die aus V e r n u n s t s g r it n d e n, nämlich aus rein wirtschaftlichen Erwägungen heraus, die Bei- beHaltung der Selbständigkeit des Gebiets wünschten, aber gesühlsmästig standen doch die allermeisten Saarländer aus dem Standpunkt, dast sie ins Deutsche Reich zurückkehren mützten. Wenn sämtliche Parteien des Saargebiets diese Parole seinerzeit ausgaben, so war dies nicht nur ein politisches Parteimanöver, sondern entsprach sicherlich den Gefühlen ihrer Mitglieder. Gewist wiesen die An- Hänger des Status quo damals schon warnend aui die Eni- Wicklung in Deutichland hin, und der Verlauf der Ereignisse hat ihnen ja auch recht gegeben. Denn das Deutschland, das die überwiegende Mehrheit der Saarländer ersehnte, das Deutschland der wahren Freiheit, existiert ja eigentlich schon lange nicht mehr. Immerhin aber hat erst die E n t- Wicklung, die sich seit der Machtergreifung durch Hitler i» Deutschland vollzogen hat. der grosten Mehrzahl der Bevölkerung die Augen geöffnet»nd sie vcranlastt, nun- mehr um keinen Preis zurück zu wollen, wenn sie von ihren Idealen noch etwas retten wollen. Sehen sie doch, wie in Deutschland alles das, was sie Fahre hindurch gerade als deutsches Wesen hochgehalten haben, Freiheit und T'o l e r a n z, dort'ietzt mit F ü sten geirrten wird, sehen sie doch, wie zugunsten einer einzigen Gruppe alles andere unterdrückt wird, wie alle Freiheiten, für die man Fahre lang gekämpft hatte, wieder verschwunden sind, und der Obrigkeitsstaat, der jeden einzelnen Bürger bevor- m n n d e t. der groste K lassen von Entrechteten schafft, in weit schlimmerem Mäste dort wieder auferstanden ist, als er jemals zu Zeiten des wilhelminischen Kaiserreiches, ja sogar zn Zeiten des früheren absolutistischen Systems der Fürstenherrschast gewesen ist. Es ist daher grundfalsch und eine unehrliche K a m p f e s w e i s e der„deutschen Front", wenn sie versucht, den Anhängern einer Abstimmung für den Status quo Vaterlands-, ja B o l k s v e r r a t vorzuwerfen. Und wenn sie auch durch diesen offenen Terror erreicht, dast viele, die im Herzen für die Auirechterhaliung des Status quo unter den jetzigen Umständen sind, es nicht wagen, ihrer Meinung Ausdruck zu geben, wenn sie auch auf diese Weile zahllose Einzeichnungen in ihre Mitgliederlisten erreicht hat. io ä n d e r> das dennoch nicht s an der tatsächlich vorhandenen Einstellung der Bevölkerung. Dast dem so ist. ,tt ..SaarbrUdfer Bergmannskalender 63. Jahrgang 1935 Von einem Kalender, der unter dem Schirm der Berg- werksverwaltung erscheint, ivird man keine sozialrevolu- tionäre oder auch nur sozialkritische Haltung erwarten. Ter Verband der Bergbauindustriearbeiter würde vieles anders darstellen. Aber von seinem bürgerlichen Standpunkt aus bietet der Kalender auch in diesem Fahr wieder eine reiche Auslese an lesens- und bemerkenswertem Stoff. Zuerst natürlich die Angaben über Betriebs- und Arbeiterangelegenheiten. Daraus ergibt z. B-, dast die Zahl der Arbeiter ständig abnimmt, die Menge der Förderung aber ständig steigt. So waren im 1. Vierteljahr 1983 in de» Gruben eigener Verwaltung i. D.(Mittel zwischen Ende Dezember und Ende März) 32 295 Arbeiter unter Tage beschäftigt im 1. Vierteljahr 1934 nur 30 448 l« Tia^^ f.^ Uicc i.«, Oll., f. (— 6 Prozent).Die Förderung aber stieg im Monatsdurch- schnitt von 822 564 aus 899 822 Tonnen(+ 9,4 Prozent), also je Kops von 25.4 aui 29,6 Tonnen, d. i. um 16.5 Prozent, last ein Sechstel in einem Fahr. Der Schicht lohn aber hat sich kaum geändert: für sämtliche Arbeiter unter und über gibt auch die„deutsche Front" selber zu. indem sie die Frage der doppelten Mitgliedskarten ausge- bracht hat. Es ist daher durchaus verständlich, wenn aus den Kreisen der Bevölkerung heraus immer wieder der Wunsch aus- gedrückt wird, dast eine A b st i m m u n g iür den Status quo keineswegs für alle Ewigkeit eine spätere Wiedervereinigung mit einem Deutschland aus- schlietzt, das die Ketten der augenblicklichen Willkürherrschaft zerbrochen und wieder zu den freiheitlichen Idealen sich zu- rückgesunden hat. Man fordert vielfach ein zweites Plebiszit nach einer bestimmten Reihe von Fahren, oder man fordert sogar, dast jetzt schon der Völkerbund eine derartige R e g l u n g treffen soll, und das ist nicht nur eine Forderung der Saarländer, sondern sie ist beispielsweise auch von dem Untersuchungsausschuß des Weltkomitees zur Unterstützung der Opfer des hitlerischen Faschismus in seinem Bericht ausgenommen worden. Diese Forderung ist auch in aller Ocfscntlichkeit gelegentlich der Sitzung des Sandesrats am ll. August dieses Fahre» von dem Führer der Freiheitsiront an der Saar, M a r Brau n. er hoben worden, und desgleichen hat neulich noch der Chef- redaktcur Johannes Hofs m a n n von der„R e u e n S a a r- P o st" im Namen der saarländischen Katholiken, die ihre religiöse Freiheit zur Zeit durch eine Rückkehr in das Deutschland Hitlers bedroht sehen und deshalb kür den Status quo stimmen wollen, für den Fall einer grundlegen den Aenderung in Deutschland schon jetzt eine derartige frier liche Erklärung des Völkerbunds vor einer Reihe englischer und französischer Fournalisten gefordert. Fm folgenden soll nun untersucht werden, wie weit eine derartige F o r d e r u n g A u s s i ch t a u f E r f ü l l u n g hat bzw. wie weit der Vcrsailler Vertrag eine solche Möglichkeit überhaupt zuläßt. Es ist ja bekannt, dast von deutscher Seite geltend gemacht wirb, dast diese Forderung gerade durch den Veriailler Bertrag u u möglich sei, der ein für allemal nur eine Abstimmung und keine Wiederholung vorsehe— eine Abstimmung, deren Für und Wider zu erwägen er der Bevölkerung ja 15 Fahre Zeit gegeben hat—> und wie deshalb die deutsche Presse— und wenn man iagt: die deutsche Presse, so bedeutet das bei der heutigen uniformen öffentlichen Meinung in Deutschland nichts anderes als die deutsche.Regierung— auf das heiligste fordert, dast gerade hier die' Bestimmung des Vcrsailler Vertrages buchstabengetreu durchgeführt wird: desselben Vcrsailler Vertrages, den man sonst als „S ch a n d v e r t r a g" und als„Diktat" bekämpft, und denen ll n t e r s ch ritt man sonst als„ c r p r c st t" nicht gelten l a s j e il w i l l. Zitieren wir noch einmal die Bestimmungen dieses Ver trags. Es heißt im§ 35 des Saarstatuts:„Der Völkerbund entscheidet unter Berücksichtigung des durch die Volksabstim inung ausgedrückten Wunsches darüber, unter welcher Sonve ränität das Gebiet tritt. Beichliestt der'Völkerbund für das ganze Gebiet oder einen Teil die Beibehaltung der durch den gegenwärtigen Vertrag und dieser'Anlage geschaffenen Rechtsordnung, so verpflichtet sich Deutschland schon jetzt, zu gunsten des Völkerbundes aus seine Souveränität, so wie dies der Völkerbund für nötig erachtet, zu verzichten. Es ist Sache des Völkerbundes..durch geeignete Maßnahmen die endgültig eingeführte Rechtsordnung mit den dauernden Fntercsien des Gebietes und dem allgemeinen Fntcresse in Einklang zu bringen." Es heistt ferner im 8 39:„Der Rat des Völkerbundes trifft die erforderlichen Verfügungen zur Ausgestaltung derjenigen Rechtsordnung, die nach dem Inkrafttreten der im 8 35 er wähnten Entscheidung des Völkerbundes einzuführen ist— Mit dem Ankrasttreten der neuen Rechtsordnung höre» die Befugnisse der Rcgierungskommission auf, ausgenommen den im 8 35 Absatz A ldas ist eben der Fall des Status quo. D. V.) vorgesehenen Fall." Diese Bestimmungen sind eigentlich ganz klar, und es ist an ihnen nichts zu deuten. Dast im Falle einer Abstimmung für den Status quo die Regierung sko m ni i s i i o n. wenn auch vielleicht in einer anderen Form, als Organ des Völkerbunds bleiben must. ist ja selbstverständlich, und wir hätten diese Bestimmung überhaupt nicht zitiert, wenn nicht neuerdings die„deutsche Front" in ihrer Propaganda ganz allgemein mit der Behauptung operierte, dast das Mandat der Regierungskommission mit der Volksabstimmung ohne weiteres erlösche, während es in Wirklichkeit nur im Falle der beiden anderen Abstimungsmöglichkeiten erlischt. Worauf sich die Befürworter einer eventuellen zweiten Ab- stimmung stützen könnten, wäre also die Bestimmung, dast der Völkerbund die endgültig einzuführende Rechtsordnung mit den dauernden Interessen des Gebiets in Einklang zu bringen habe, und dast der Rat des Völkerbundes diese neue Rechtsordnung ent'prechend ausgestalten soll. Was daS bc- deutet, und welche Möglichkeiten hier tatsächlich gegeben sind, soll in einem weiteren Artikel behandelt werden. F. St. Tage einschließlich Zulagen von 41,73 aus 41,19 Fr. je»erfahrene Schicht, d. i. je Tonne 15,5 Prozent weniger! Andererseits erfahren wir. dast im Saarrevier die S ch i ch t unter Tag eine halbe, über Tag gar eine ganze Stunde kurzer ist als im Ruhrgebiet, daß die Zahl der tödlichen Unfälle, aui die verfahrenen Schichten be rechnet, seit 1909 fast um die Hälfte gesunken ist(1999 93 j D 5356 auf eine Million Schichten— 1931/88 noch 2765), und damit unter den Kohlenrevieren am günstigsten steht(1929 bis 1933 im Fahre 9,949 aui 1999 Mann unter und über Tage, gegen 9,958 in England. 9,984 in Frankreich, 1,982 in Belgien' 2,179 in Preußen, 2.772 in den Bereinigten Staaten) Auch in diesem Fahr kämpft der Kalender eifrig in Wort und Bild wie durch Preisausschreiben gegen die Unfall- gelahrt. Daneben gibt es noch viele lehrreiche, meist mit reichem Bildschmuck oder statistischen Tabellen ausgestattete Aui,ätze über-Bergbau und Elektrizitätsversorgung, schöne oder^geschichtlich merkwürdige Gegenden in- und austerhalb zi«^t'Oeb'ets, Belehrendes und Unterhaltendes mannia- lacher Art nir alt und jung. Dazu das übliche Kalcndarinm und viele praktuchen Angaben. Es steckt viel Arbeil in solch einem Fahrbuch, mehr als der behagliche Leser wohl ahnt. Dafür ist es ein nützlicher und freundlicher Gckahrte an manchem Winterabend. Brief eines Beamten UlU iviril folgender Brief eines Beamten aus dem Reich zur Verfügung gestellt. Wir drucken ihn unverändert ab. Nur den Ort und die Firma lassen wir fort. Mein Vi ober! Teilte Briete dankend erhalten, mit 1. Oktober ist ein. Nener Gehaltstarif bei der.... in Uralt getreten. Es wurde eine neue„mustergültige" Betriebsordnung, echt „natiointlfozialistijch", erlassen, Kürzung der Frauen- und Sl Inderin läge um je in Prozent, Kürzung des Urlaubs um l> Tage, Einführung einer„Veistungszulage", Kürzung säuit- licher, d. h. der u n t e r e n Gehälter bis zu 8.">,— RsW. monatlich! Bei mir beträgt die Differenz 85:ltM.(bei einem Gehalt von 20U,— NM im Monat). Nu Herde in Kürzung der jährlichen Gehaltszulagen um 0,— NM. monatlich. Daiiir Einführung einer„Treueprämie", die alle 5 Fahre ll,— NM. beträgt, statt«0,— NM. wie früher. Um nun die Belegschaft nicht zu sehr zu beunruhigen, erhalten wir alten Beamten die Differenz zwischen dem alten und neuen Gehalt als so- genannte Ausgleichszulage weitergezahlt. Wie lange dies jedoch der Fall sein wird, ist in der Betriebsordnung nicht bestimmt. Jeder weist, dast bald der Tag kommen wirb, an dem diese.'Zulage gestrichen wird. Denn alle jetzt neu eingestellten Kollegen werden nach dem neuen Tarif entlohnt, muifen aber dasselbe leisten wie wir Alten. Dast dies mit der Zeit zu Unerträglichketten führt, ist selbstverständlich. Eine Woche nach Verfügung dieser famosen Betriebsordnung muhten wir uns alle auf einem vorgedruckten Formu- lar„freiwillig" bereiterklären, eineinhalb Prozent des Bruttogehaltes für die Winterhilfe zu opfern. Das sind 50 Prozent mehr als im Borjahr. Du kannst Dir ja nun die Stimmung in den Büros vorstellen! Nicht offen, sondern nur versteckt wird gewettert und geflucht. Die meisten, aus- genommen natürlich die, welche durch das Parteibuch der NSDAP, zu einem Posten gekommen sind, haben die Rase gründlich voll, lind das sind Dreiviertel der ganzen Beleg- schalst. Aber offen etwas zu sagen, traut sich nach den ge- machte» Erfahrungen niemand. Und das ist es, mein Lieber, was uns zu denken gibt. Tie Ventc schimpfen und meckern, und... spenden! Sie schimpfen ganz offen in den Geschäften über die Nohen, ständig steigenden Preise und... kaii'cn, wenn auch weniger als früher. Sie schimpfen über das ekel- halste, verlogene Gebrüll gewister Staatsistihrer im Radio, über den Niedergang allen künstlerische» und kulturellen Vellens,... aber es bleibt äusterlich alles still. Die Veute. die inüits anzuziehen habe», laufen mit den Naziblumen und Plaketten hemm. Es ist gerade so, als ob alle ein Brett vor dein Kopf haben. Beiliegend eine Aufforderung zum Beitritt in den Reichs Lustschutzbund. Feder weist, dast das nur eine Geldschneiderei ist und dast im Ernstfall solche Spielereien absolut nichts nutzen. Aber was meinst Tu, wieviel Volksgenossen aus Grund der in der Aufforderung enthaltenen versteckten Drohung trotzdem beigetreten sind? Du weiht ja, dast wir Optimisten sind pnd bleiben, aber manchmal verzweifelt man doch, wenn man den deutschen Arbeiter und Beamten sieht und beobachtet. Sie sagen, dast 20,— NM. Wochenlohn besser ist als stempeln zu gehen! Es scheint, dast die ganze iahr- zehnielange Erziehuna und Schulung durch die Partei ilir die Kap war. Und der Bauer? Er'chimpkt. dast eS trotz Versprechungen nicht besser wird, er flucht,über das Erbhosgesetz und über die Unmöglichkeit, Kredite aus die Grundstücke zu bekommen. Aber er hält den Mund und... spendet! Wo und wie ist da ein Ansang für die sozialistische Revolution zu suchen? Die Wirtschaft bricht zusammen, die Hausfrauen trage» ihre letzten Pfennige in die Läden, aus Angst, e£ könnte bald kein Garn, keine Erbse», kein Tuch mehr geben. Die Geschäftsleute klagen, dast die Einnahmen immer ge runter, die Lasten nröster werden oder dast die guten Waren bestände erschreckend zusammenschrumpfen. Bei den anster- ordentlich erhöhten Preis?» für neue, meist Ersatzware, fehlt das Geld zur Neneindecknng. Ueberall Unzufriedenheit und Angst, aber die Furcht vor den Bajonetten der SS. ui'w. ist zu grost. Ueberau Aufpasser und Spione. Alle die Hunderttausende, die ans Grund ihres Parteibuches als„alte Kämpfer" einen Posten bekommen haben, treten nach unten. Denn sie zittern um ihre Stellung. Sie wissen, dast ihre Posten als Amtswalter. Blockivart, Zellenwart, Obleute und was weist ich. sofort los würden, wenn Hitler gehen must. Daher der Druck»ach unten. Wir tun zur Aufklärung so viel als irgend möglich. Die Leute sehen bei der Unterhaltung auch alles ein. aber... im nächsten Augenblick opfern sie schon wieder„freiwillig" und hängen sich sämtliche Abzeichen an die Brust. Was meinst Du, wie grost der Ansturm ans den Polizei- reviere» zwecks Beantragung des„Ehrenkreuzes" für Kriegsteilnehmer war? Und warum? Erstens, weil jedermann auch hier in die Zwangspinchose geraten ist und zweitens, weil das Volk eben zum grasten Teil„Spielerchen" haben muh. Es ist traurig, aber ivahr. Auch wenn es nichts zu fressen hat. Die Meinung der allermeisten Volksgenossen, auch austerhalb Berlins, ist die, dast es in Kürze zum Krieg komme» must. Wenn man nun fragt, ivarum es dazu kommen sollte, weist kaum einer eine erschöpfende Auskunft zu geben. Höchstens sagen sie. dast die„anderen" ja alle rüsten, dast Frankreich sich die Saar einstecken will und ähnlichen Blöd- sinn. Wir sind sogar der festen Ueberzeugung, dast im Falle einer Mobilmachung Hitlers alle marschieren werden, weil hinter jedem HeereSdienstpflichtiaen ein Brauner mit der Pistole steht. Alle werden marschieren, denn wir armen Deutschen sind natürlich die Angegriffenen, die Eingekreisten. Es sagt sich aber niemand, dast die Kriegsgefahr erst seit den glorreichen Zeiten Adolfs I. akut geworden ist. Kein M"»ich bat zu Zeiten der Republik an Krieg auch nur gedacht. Wir Optimisten mustten verzweifeln, wenn wir nicht witstten, dast das Steigen der allgemeinen Unzufriedenheit bis zur Unerträalichkeit erst die Basis zur sozialistischen Revolution abaibt. Sogar i»i Ausbruch eines Krieges wird viel- fach eine Chance zur Beseitigung des Nazismus gesehen. Mal was Vernünftiges Alkoholverbot für Kraftfahrer gefordert Celle. Vor dem hiesigen Schöffengericht hatte sich ein K r a s t w a g c n f ü h r e r wegen fahrlässiger Tötung und Uebertretung des 8 21 des Kraftsahrgesetzcs zu verantworten. Der Betreffende hatte im Fuli einen Mann überfahren und getötet. Die Verhandlung eregab, da» der Angeklagte kurz vorher aerinae Mengen Alkohol zu sich genommen hatte und dast die Beleuchtung und die Bremge an seinem Wagen nicht in Ordnung nnreit. Ter medizinische Sachverständige Tr med. Schackwitz aus Hannover betonte, die Erfahrungen hätte» ergeben, dast schon ganz geringe Mengen Alkohols, besonders bei sonst enthaltsamen Menschen, die EnU'chlnstiähiakeit stark herabminderte». Es H deshalb mit Geietzesvor'8'riftcn zu rechnen. in onach Berufs n n d Herr e n- fahrern der G e n n st v v n Alkohol a ä n z l i ch verboten sei. Das Urteil lautete auf n e n n M o» a t e Gefängnis wegen fahrlässiger Tö«ung und 25 Mark Geldstrafe wegen Uebertretung des Kraftsahrgesetzcs, Sdiupos schreiben der„Deutschen Freiheit wie die südisisdie Geslapo ausgebildet wird Von Mannschaften der sächsischen Schut;fiolizci erhielten wir auf Umwegen folgenden Bericht: Nachwuchs der Gestapo Fn Sachsen wurden junge Männer, die noch nicht fünf- nndzwanzig Fahre alt sind und unverheiratet sein müssen, für die politische Polizei angeworben. Nachdem alle gründlich untersucht worden waren, blieben von den Gemeldeten achtzig übrig, die für tanglich befunden wurden und Gestcl- lungsorber für den 1. September bekamen. Die Unter- snchung nahm ein SS.-Standartenarzt vor. Grund- bedingnngen waren: Sticht unter 1,70 Nieter grost. rein arischer Abstammung, 1 Fahr Arbeitsdienst geleistet, kern- gesund sein. Bei der Anwerbuna lauteten die anderen Ein- trittsbedjngungen: 2!ach vier Wochen Probedienft Verpslich- tnng aui zwei Fahre Unter diesen Umständen glaubten d»e jungen Leute, sich eine einigerniasten gesicherte Existenz für die nächste.Zeit gründen zu können, und als sie den Befehl zum Einrücken aui den 1. September bekamen. fuhren sie mit geschwellter Brust gen Dresden, wohin sie geordert waren. Fahrgeld sowie Zehrgeld für die ersten zehn Tage muhten ne aus eigenen Mitteln beschauen. Das war die erste bittere Pille, aber die ivurde immerhin gern geschluckt. Der Glaube an die Existenz für die nächsten zwei Fahre versüßte den bitteren Beigeschmack. Fn Dresden aber Pfiff ein anderer Wind. Die bei der Anwerbung zugesicherte Ver- pflichtung ans zwei Fahre wurde umgeändert in eine Ver- pflichtnng auf fünf Fahre. Und die Behandlung der junaen Anwärter war derart roh und gemein, dast fünfzig von den achtzig verzichteten und sofort wieder nach Hause fuhren. Die übrigen dreistig wurden zur Ausbildung nach Sachsen- bürg, einem der sächsischen Konzentrationslager, trans- portiert. „Viehisch verrohte SS.-Eande" Was iiiin begann, dafür gibt es keinen Vergleich, selbst nichi bei den übelsten preußischen Rekrutenschindern der früheren Militärzeit. Das Ansbildungspersonal für diese Gestapo ist viehisch verrohte SS.-Baude. Man steht unter diesen SS.-Leuten nicht ein einziges Gesicht, das einiger- meisten menschliche Züge ausweist. Die Rohheit Gemeinheit, Brutalität, ja der Mord, steht djesen SS-Leuten allen aus de» Gesichtern geschrieben. Der die Ausbildung leitende Obertruppführer ist nur unter seinem Titel„Herr Ober- truppführer" bekannt. Er bewohnt die Villa, die zu der ehemaligen Fabrik, in der das Lager eingerichtet ist, gehört. Seine Hauptbeschäftigung ist, seine zwei Reitpferde zu reiten, die Schiitzgesangenen zu schikanieren und den Aus- bildungstrupp ans SS.-Mordpraxis zu dressieren. Unter dein Eindruck des ersten Tages, wo die Gestapo- Volontäre mit den ordinärsten Schimpfnamen belegt wur- den. wie Rindviecher, Schweine,' Rotzlöfiel usw., verging von den dreistig neuen Anwärtern bereits zwanzig die Lust, vier Woche» Probezeit aiiszuhalten. Schon am ersten Tag rückten diese zwanzig wieder ab. so dast von ursprünglich HO noch zehn übrig waren. Am zweiten Tag wurden die Leute eingekleidet. Sie erhielten funkelnagelneue SS.-Uniformen, neue Leibwäsche, Stiefel und Schuhe. Sie fahlen dieses Zeug ans der Kammer. Rekrutenschinder Am frühen Morgen dieses Tages aber hatten sie erst zwei Stunden Morgengiimnastik. Und zwar bestand diese in einem 10-Kilometer-Lani und Freiübungen. Ohne dast auch nur einer für de» l»0tll>-Meter-Lauf trainiert war, wur- den sie diese Strecke heruingeiagt, bis einer um den anderen zusammenbrach. Ohne Rücksicht wurden sie wieder hoch- gepeitscht und mustten weiter, bis jeder seine 10000 Meter abgeschraubt hatte. Und wenn er sie auch nur schleichenden Schrittes bezwang und am Ziele wiederum zusammenbrach: Fe öfter sie die Kräfte verliehen, um so roher wurden sie behandelt. Ganz toll war auch die Giimnastik, die mit ihnen betrieben wurde, nachdem sie ein wenig verschnauft hatten. Kniebeugen bis zum Umsinken, im Liegestütz Armbeugen und Strecken bis zum Schwarzwerden vor den Augen waren die mit ihnen betriebenen Ucbiinge». Vor Wut und Verboten- Verboten? Dar„Bund der freireligiösen Gemeinden Deutschlands" . Die Verfügung Görings zum Verbot des„Bundes der ireireligiöjen Gemeinden Deutschlands" hat solgenden be- merkenswerten Wortlaut: Schmerz haben sie beim Armbeugen das GraS mit den Zähnen abgebinen. Am dritten Tage faßten sie funkelnagelneue Gewehre, Seitengewehre. Patronentaschen, Leibriemen und alles, ivas zur Ausrüstung gehört. Die Gewehre waren»och iiiige- brauch», die Schäfte noch nicht eingeölt. Anschließend hatten sie Gewehr»nterricht, mustten die Schäfte einölen, das Ge« wehr auseinandernehmen n nd wieder zusammenbauen. Unterricht gab es im Gebrauch aller Feuerwaffen, besonders auch im Maschinenpistolenschiesten. Am gleichen Tage gab es auch wieder Exerzierdienst. Zwei Stunden lang üblen sie Grundstellung, stramm, mit durchgedrückten Knien standen sie, durften sich nicht rühren, während die, die sie drillten, von Mann zu Mann gingen und korrigierten, aber wie! „Wie alt sind Sie Schwein?" ivurde ein Mann angeschnauzt. „24 Fahre," antwortete der.„Erst'24 Fahre und da zitterst Du San? Fch werde Dich schon Mores lehren!" war die Erwideruna des Vorgesetzten. Fedes zweite Wort der Vorgesetzten, das sie redeten, war irgendein gemeiner Kran- ausdruck wie Schwein, Sau, Rindvieh, Lauieliininiel, Rotz- löfsel u. a. Und wehe dem, der sich dagegen auslehnt. Standrecht im Lager Fnt Lager herrscht das Stanörecht und nach ihm allein wird abgeurteilt an Ort und Stelle. Ein Kontrollorgan kennt man nicht. Fnt Laufe der letzten zwei Monate hatte man in der Presse gelesen, das Konzentrationslager Sachsenburg sei aufgelöst und ebenso auch die Lager Colditz wie Hohnstein. Aber das Lager Sachsenburg besteht noch, wie auch die anderen Lager. Die deutsche Oeffentlichkeit ist also regiernngsamtlich belogen worden. Fn Sachienbnrg werden die Tchutzhäktlinge durch SS.-Poste». die mit Ge- wehre» bewaffnet sind, bewacht und zur Arbeit.in den Steinbruch gebracht. Bei Außendienst hat die SS. das Bajo» nett aufgepflanzt. Fm Lager selbst lasten sich die SS.-Leute nur von den Schntzhäi'tlingen bedienen. Diese heißen hier nur„Schwung". Der Schwung muß den SS.-Leuten die Stiefel putzen, die Kleider bürsten, muß ihnen Kasiee- und Mittagstisch decken und sie jeder Zeit bedienen. Ter Schwung ist sozusagen der Bursche des SA.-Mannes. Auch die An- Wärter wurden von einem Schwung, also einem Schntzhäst- ling, bedient. Einmal sagte ein Anwärter bei einer Mahl- zeit zu ihm:„Bitte, geben Tie mir mal ein Stück Brot her." Sosort schaltete sich die SS.-Ntente ein:„Du arohes Schwein, gib mal rasch Brot her, aber lebhaft, sonst trete ich Dir in den Arsch, heistt das liier verstehen Sie?" wurde der Anwärter belehrt. Die Herren Mörder Geradezu ungeheuerlich ist die Unterhaltung der SS.- Leute. Gnnz frei erzählen sie sich bei Tisch usw. über ihre Mordtaten. Und machen dabei sich über ihre Opfer lustig, die„feige gezittert" hätten, als sie an die Wand gestellt wurden 2^on ihren Opfern reden sie nur als von den schwarzen Schweinen, die gekillt werden mustten, weil es Nfntichnmiiir oder irgendein anderer hoher Führer der NSDAP, wollte.— Dast man Briefe a» seine Angehörigen senden kann, ist nur nach vorheriger Kontrolle möglich. Kein Brief geht unge- öffnet aus dem Lager, und daher ist es kaum möglich, daß etwas von den grauenerregenden Lagerzuständen in die Oekfentlichkett gelangen kann. Der Verfasser selbst erkrankte noch vor Ablauf der vier Wochen Probezeit und kam daher zur Entlassung. Ans näherer Kenntnis der Dinge vermag er kein anderes Urteil zu fällen als dies: Wer glaubt, dast die Ausbildung für die Gestapo nach menschlich-anständigen und gesitteten Grundsätzen erfolgt, irrt sich gewaltig. Denn das Ausbildnngspersonal jst schlimmer als wildes Getier und erzieht keine Menschen, sondern entmenschte Bestien. Wer diese Ausbildungszeit übersteht und steh nach solchen Methoden zum Gestapo-Beamtcn machen läßt, der ist dann natürlich auch darnach. Und das ist ja beabsichtigt. Die ver- hasteten Sozialisten in den sächsischen Polizeigesängnisten misten darüber Bescheid. Wegen der Kirche. Arbeiterkreise waren verhältnismäßig gering darin vertreten. Sie hatten, soweit sie atheistisch waren, in vergangenen Fahrzehnten ihre eigene Organisation. Nun haben die Spitzel Görings in dem„Bund" einen neuen Unterschlupf für StaatSseinde entdeckt. Dem Verbot folgt die Vermögensbeschlagnahme. Das ist des Landes so der Brauch. „Auf Grund des$ 1 der Verordnung des ReichSpräst- deuten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar Tfidf«IlfTiftlf rffS IlKt'f 1f rrfll"S '".'Ist lRGBl. I Seite 88| in Verbindung mit 8 14 des■«■«tailll IUII UL» JUMfÄir.l 1«VI» Polizeiverwaltungsgefetzes wird der„Bund freireligiöser Gemeinden Deutschlands" einschließlich seiner sämtlichen Organisationen kür das Gebiet des preußischen Staates aufgelöst n n d verbot e it. Das Vermögen w i r d vorbehaltlich einer späteren E i n z i e h u ng polizeilich b e s ch l a g n a h i» t u n d s i ch er g e st eilt. Zuwiderhandlungen gegen dieses Verbot werden auf Grund des 8 4 der Verordnung deS Reichspräsidenten vom 28. Februar 1»88 bestraft. Die Gründe, die zu obiger Per- siignug führten, sind folgende: Fm„Bund freireligiöser Gemeinden Deutschlands" haben in neuester Zeit in auf- fallend zunehmendem Mäste Anhänger ehemaliger koininn- nistischer und marxistischer Parteien und Organisationen ii der Hoffnung Ausnahme gefunden, in diesen angeblich rein religiösen Vereinigungen einen sicheren Unter- s ch l u p s zu haben, der ihnen den getarnten politischen Kamps gegen das heutige Regiernngssiistcni und die nationalsozialistische Bewegung ermöglicht. Der„Bund freireligiöser Genieinden Deutschlands" leistet mithin dem Kvmmunionms Vorschub und steht im Begriff, sich zu einer A ii s s a n g o r g a n i s a t i o n für die verschieden- sten staatsfeindlichen Elemente zu e n t- wickeln. So ist festgestellt worden, dast eine grobe Anzahl ehemaliger Funktionäre der marxistischen Parteien und ihrer Nebenorganisationen im„Bund freireligiöser Ge- meinden Deutschlands" Aufnahme gefunden hat und sogar in Ortsgrnvven Führerstellen bekleidet. Zur Abwehr staatsfeindlicher Umtriebe und zur Aufrechterhält»»!! der öffentlichen Ordnung und Sicherheit ist daher die Auflösung des„Bundes freireligiöser Gemeinden Teutschlands" zum Schutz von Volk und Staat geboten." Dieser„Bund" bestand seit 74 Fahren. Fn ihm sammelten sich Freidenker, Atheisten, aber auch solche, die aus ent- täuschtet Liebe den offiziellen Kirchen den illiicken gewandt hatten. Sic fanden hier eine überwiegend sreigeistig-pan- theiitischc Gemeinschaft, ein Gvttcssuchertnm abseits von den Berlin, 28. Nov. tFnpreß.) Das Vberlanöesgericht BrcS- lau verurteilte eine Händlerin, die gesagt halte, in Zukunft würden die Stoffe wieder aus Papier hergestellt werden, zu sechs Monaten Gefängnis. Berlin. 28. Nov. lFnprest.l Das OberlandeSgcricht BreS- urteilte den Arbeiter Rebohle wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Fahre» Zuchthaus. Frankfurt, 28. Nov. Ein Einwohner anS Kirchheim, der sich„in verächtlicher Weise über ein Bild des Führers ans- gesprochen hatte", wurde in Marburg zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Dessau, 28. Nov. Das Designer Schöffengericht verurteilt vier Einwohner ans Desiau, die vom Reichsstatthalter Loeber behauptet hatten, er habe Gelder der Winterhilfe für sich verbraucht und es sei aus ihn geschossen worden, zu Gefängnisstrafen von einem Mona» bis zu fechs Monaten. Halle, 28. Nov. Die Gestapo Halle nahm einen Bauer in Walbeck wegen„Sabotage des Wiuterhilsswerks" in „Schutzhaft". Die braune Korruplfans'ronl Berlin, 28. Nov. lFnprest.l Die Kieler Strafkammer ver- urteilte den Kassierer der Arbeitsfront Knhlmann wegen Unte r ichla g u n g von B e i t r a g s g e l d e r u zu einem Fahr Zuchthans. Koblenz, 28. Nov. lFnprest.l Vor der hiesigen Straf- kammer stand der SA.-Standartenführer Krämer und der Standartenkaii'ierer Friedrich wegen Unterschlagung von Geldern der SA. Beide erhielten ein Fahr Zuchthaus. Frantsurt, 28. Nov. lFnprest.l Der Blockwolter der „Deutschen Arbeitsfront", Ehristiau Feiling aus Marburg, ivurde wegen Unterschlagung von Beitraaci- gelber» verhaftet. Deutsche Stimmen• Deifa&e zur.Deutschen Freiheit'• Ircignisse und Geschichten Freitag, den 3Q. Novembor 1934 lillllllllllllillllflllllll iasi Jthiüec, eine Jias&enschande He&ecuxuideu- wesenlas- xx&stcaht veMasen! Die deutschen Sender dröhnen von Schillers Lohe wider, rfi< deutschen Schulen legen Festitunden ein. die deutschen Theater überbieten einander in Klassik, man begeht die Gedenkwochen mit so feierlichem Prunk, dal! selbst ein Horst Wessel sich einer solchen Huldigung kaum zu schämen brauchte. Womit hat der Sänger menschlicher Gewissensfreiheit das verdient? Wer so fragt, braucht noch kein Staatsfeind zu sein— selbst nachdenklichen Nationalsozialisten ist es aufgefallen, daß hier etwas nicht stimmt, und es ist geradezu erquickend, wenn in dem allgemeinen Gedenkrausrh einmal eine ehrliche Stimme laut wird, die den verdächtigen Schiller so verreißt, wie er von hakenkreuzoffizieller Seite verrissen zu werden verdiente. In der..Zeitschrift für Deuts eh kund e", Teubner-Verlag. Leipzig-Berlin, die hauptsächlich von Lehrern für Lehrer geschrieben wird, setzt sich so ein Aufrechter mit Schiller auseinander und kommt zu dem Ergebnis, daß mit dem Geistesheroen eigentlich nicht viel los ist. Patriotisch? Völkisch? Aber keine Idee! Man sehe sich nur seine Dramen an: „Schillers geschichtlich politische Dramen sind von vornherein nicht völkisch, sondern allgemein menschlich eingestellt." Darum hat er's auch immer mit der inneren Politik, über die eigentlich gar nicht debattiert werden dürfte. ..Gleich das erste geschichtlich-politische Drama, der „Ficsco", stellt innerpolitische Fragen vor das Auge: republikanische Volksfreiheit oder Tyrannei in Genua?" Und es ist schon eine Gemeinheit, daß er den Fiesco nicht an die. Macht läßt: „Dem Dichter des..Fiesco" ist in seiner letzten dramatischen Entscheidung die allgemeine Idee der Freiheit mehr als die konkrete Wirklichkeit des mit echte» Führereigenschaften ausgestatteten, seiner Vaterstadt als Gabe des Schicksals geschenkten Fiesco, dessen Herrschaft aus Genua wahrscheinlich mehr machen würde, als eine demokratische Republik tun könnte. Und die lebensferne und gedankenblasse Fremdheit des„Fiesco" und im besonderen seines Schlusses beruht wesentlich auf diesem Totschlag lebendiger Wirklichkeiten durch die allgemeine Idee." Na, und der„D o n Carlo s"? Dem wirft der Autor dieser herben Kritik rund und schlicht„abstrakte Verbissenheit" vor. er schimpft ihn„das Hohelied der freiheitlichen, aufklärerischen Ideen" und fährt dann fort: „Marquis Posa und Don Carlos entwerfen eleu Plan zu .'inem Befreiungskampfe, und rücksichtslos wird zugunsten der Menschheit, der allgemeinen europäischen Entwicklung über alle völkischen Lebensgrundsätze hinweggeschritten." Was den„W a I 1 e n s t e i n" anlangt, so „offenbart der heldische Tod des Max Piccolomini, wie sehr im Wallensteindrama die völkischen Angelegenheiten zugunsten der rein menschlichen zurückgestellt lind". Und die„Jungfrau von Orlean s": „würde kein völkischer Franzose als völkische Tragödie anerkennen, da auch hier die eigentlich völkischen Fragen nicht in der tragischen Mitte, sondern im weiteren Umkreis liegen. Nicht daß die Französin Johanna den Engländer Lionel liebt, führt die Katastrophe herbei..." sondern daß sie überhaupt liebt. Und gerade auf die Rassens di an de war s doch einzig und allein angekommen! Ein ganz tolles Machwerk ist die„B r a u t von Mesiin a". Dieser Don Cesar nimmt sich das Leben, nur weil er seinen Bruder erschlagen hat. Er macht sich s bequem (wer hat sich nach dem 30. Juni in Deutschland das Leben genommen?). Daß mit ihm„das normannische Fürsten- geschlecht, dessen letztes Glied er ist", ausstirbt, daß die„normannische Herrschaft zusammenbricht", braucht diesen Schwächling nicht zu kümmern. „Keine völkisch-politische Pflicht kann ihn abhalten, die rein menschliche zu erfüllen." Das hätten die nationalsozialistischen Hof- und Hausdichter ganz anders geschrieben. Bei Wotan! Da hätte es erst mal einen fröhlichen Zucht- und Hegehof gegeben— der Selbstmord wäre höchstens wegen Altersschwäche erfolgt. Selbst beim„T e 1 1" handelt es sich nach Ansicht des Kritikers„nicht um einen im reinen Sinn völkischen Stoff". Der Teil ist nämlich kein SA.-Mann, der auf Kommando funktioniert und schießt, sondern„ein Einzelgänger, der natiir- liaft linzerrisseu sein eigenes erfülltes Lehen lebt". „Iii der dramatischen Mitte stellt nach wir vor die allgemein menschlich bestimmte sittliche Entscheidung, der Willensschliiß Teils, der vom Völkischen unberührt bleibt." Und wenn der gestrenge Rezensent das alles so zusammenhält, dann kommt er zu dein Schluß, daß zwar„der nordische Willenslehrer Schiller einer der Größten, ein Künder nordisch germanischer Gesinnung?, daß er aber leider, leider aus nordischem und dinarischein..Bluterbe" sehr unglücklich gemixt ist und daß die Gegenwart deshalb nichts Rechtes mit ihm anfangen kann: „Die Trennung des Geistigen und Sinnlichen ist das IiiiitIiafte Vermächtnis der dinarischen Rassenanlage in dem nordisch-dinarischen Schiller. Indem Schiller den Kern des Menschen in die intelligible Freiheit setzt, gelangt er notwendig zu dem Aufklärerngsgedanken der allgemeinen Menschlichkeit. Grundsätzlich ist keine Entwicklungsstufe einem Menschen, einem Volksstamme verschlossen. Vernunft. Erkenntnis des göttlichen Sittengesetzes, sittliche Freiheit können von jedem Menschen errungen werden." Nachdem der neudeutsche Schiller-Interpret das richtig erkannt hat— richtet er sein Uiitersuchungsohjekt kurz entschlossen hin: „Diese aufklärende Fassung des Menschheitgedankens ist heute überwunden und tatsächlich wesenlos geworden. Sie ist eine Phrase der Diplomatie, keine bluthafte Wirk- lidikeit der Geschichte." So! Jetzt hat er's ihm gegeben, dem sauberen Klassiker, dem diplomatischen Phraseur, dem Duckmäuser! Was sind alle Rundfunk-Festgesänge gegen diese eine, ehrliche Stimme? Hier spricht das neue Deutschland— nicht am Mikrofon des deutschen Senders! JCleinec orberei- tungen die mit Pomp angekündigte Ausstellung bildender Künste eröffnet, Rotenberg hat die Eröffnungsrede gehalten. Nun schreibt selbst die Berliner„Börsen-Zeitung'', daß„kleinere Motive und Stilleben" vorherrschen, die die Gefahr ankündeten, in leere Glätte zu münden... Die faschistische„Nachtausgabe" fragt ironisch:„Ist das Auslese?" und stellt fest, die Parole der Ausstellung sei offenbar:„Ruhe ist die erste Bürgerpflicht"; was man sehe, sei „lau erwärmte Sachlichkeit, die sich ins romantische Idyll flüchtet". Die Rasse-Konfektion Inserat in der„Woche": „Thale-Harz, Töchterheim. Ziel: Die cLut-,c!i„ t'.uu fürs deutsche Haus!" Lieferung frei Haus für das deutsche Soldaten zeugende Familienleben! Made in Gcrmanyi g&llrer t» ttormcaltan Mr. n Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Freitag, H. November IW Aus dem Zellengefängnis OH° VOR Briefe aus bewegter, schwerer Zeit 1848-1856 Corvin Zu den interessantesten Gestalten der Revolution von 1818 gehörte Otto von Corvin. Er wurde 1812 in Gumbinnen in Ostpreußen als Solin eines Postdirektors geboren. 1830—35 diente er als preußischer Leutnant erst in Mainz, dann in Saarlouis. Nachdem er seinen Abschied genommen, nahm der geistig vielseitig interessierte junge Mensch an den Bewegungen des Vormärzes lebhaften Anteil— als leidenschaftlicher Republikaner und Demokrat. 1818 kämpfte er in den Reihen der Aufständischen in .laden. Im Mai 1849, als die Gegenrevolution die Oberhand gewann, verteidigte er als Biirgerwehr- 4 iberst Mannheims die Stadt gegen die Preußen. Als Chef des Generalstabes suchte er dann die Festung Rastatt zu halten. Nach ihrer Lebergabe wurde er standrechtlich zum Tode verurteilt, kurz vor der Erschießung zu sechsjähriger Festungshaft begnadigt. Ic seinen„Erinnerungen" schildert er, wie diese Begnadigung eintraf, als schon alles für die Erschießung vorbereitet war. Diese sechsjährige Festungshaft hat er bis zur letzten Stunde abbüßen müssen. Kr bat in diesen Jahren viel gelitten.. Aber liest man die Briefe, die er an seine Frau geschrieben hat, so wird man finden, daß der damalige Strafvollzug(für einen Rebellenführer, der mit der Waffe ergriffen wurde!) immer noch buipan war. vergliche» mit den Zuchthäusern, Gefängnissen und Konzentrationslagern. in die achtzig Jahre später das„dritte Reich" seine Gesinnungsgegner sperrt. Wir veröffentlichen eine größere Anzahl der Briefe Corvins. Sie sind seinem längst vergriffenen, 1884 erschienenen Buche„Aus dem Zellengefängnis" entnommen. Es sind menschliche Dokumente von tragischer Größe und mit bemerkenswerten Einblicken in die politische Situation nach 1818 darunter. Vor allem den Briefwechsel mit seiner Frau wird jeder Mitfühlende mit tiefer Anteilnahme lesen. Otto. on Corvin hat nach seiner Entlassung eine vielseitige schriftstellerische Tätigkeit ausgeübt. 1861 erschienen seine vierbändigen„Erinnerungen". Die Reihe seiner Geschichtswerke ist lang. Am bekanntesten ist er durch den..Pfaffenspiegel" geworden, der in den weltanschaulichen Kämpfen der Vorkriegszeit eine gewisse Rolle spielte. Im Jahre 1886 endete sein reiches und abenteuerliches Lebe». 11. Fortsetzung „E$ ist schön, nur Liebe zu erleben" Corvin an seine Frau Den 6. Februar 185 2.—_ Dein Besuch war nicht einmal wie ein Traum, dazu war er zu kurz, sondern nur wie eine Vision.— Wie kannst Du glauben, daß Deine Tränen mich erzürnt haben! Es wäre unnatürlich gewesen, wenn Du mich nach so langer schmerzvoller Trennung unbewegt in solcher Lage wieder gesehen hättest. Glaubst Du denn, daß ich viel gefaßter war?— Im Gegenteil, Deine Tränen haben mir woblgetan, sie haben mein Herz erfrischt, wie ein Sommerregen eine verwelkte Pflanze. Hier in dieser Einsamkeit suchen den Gefangenen oft Gespenster heim, welche danach streben, die Bollwerke niederzureißen, mit welchen der gequälte Geist sich gegen die Angriffe der Verzweiflung verschanzt bat. Der schrecklichste Gedanke, der mich hier martert, ist stets der, daß ich vergessen werde und ich, wenn ich endlich wieder in die Welt zurücktrete, ebenso arm an Liebe, wie an Geld bin. Erste, es ist in jeder Beziehung schlimmer, denn die Fähigkeit Geld zn erwerben habe ich nicht verloren; allein wenn man einmal im vierzigsten Jahre stellt, dann ist es sehr schwer neue Liebe zu erwerben, oder selbst zu fühlen, und wer bis dabin kein Kapital angelegt hat, wird nie eins mehr erringen So bat denn also auch Dein Besuch mich getröstet und gestärkt. Das war wieder meine alte Helene, und Du erscheinst mir geschmückt mit den immer grünen Eriiinernngskränzen unserer glücklichen Jugend.— Am 6. Mai werden es 19 Jahr, daß ich Dich zum erstenmal sah Als ich Dich sah, tönte es in meinem Innern: „Diese soll Deine Frau werden." Es war das seltsam, aber es war so. Dann folgten glückliche Monate; dann kam der siebenjährige Krieg mit Verwandten und Verhältnissen und endlich wurden wir getraut vom Pfarrer—- Belthoek! Das war für einen Jäger ganz gut, allein des Omens wegen hätte ich doch lieber gewünscht, der Name hätte Ricke geheißen. Es geht mir eigen mit den Namen der Geistlichen. Ein Käfer hat mich getauft, der Deiliel hat mir Religionsunterricht gegeben; ein Rc-hbock hat mich getraut; nun vielleicht wird midi ein Herrgott begraben. Daß Dir meine Zeichnungen gefallen, freut mich sehr, allein„wie magst Du nur die Rederei gleich so hitzig übertreiben"! Da ich noch nie mit der Feder zeichnete, so sind diese ersten Versuche allerdings hesser, als ich seihst erwartete, allein sie sind doch noch sehr mangelhaft und in so fern ist's mir eigentlich nicht recht, daß Du sie alle mitnahmst. Wenn man fünf Jahre getrennt ist... Bruchsal, den 11. Dezember 1853. Meine liebe Helene! ^ enn Du mir wieder einmal schreiben w illst, dann schreibe auch gleich, sonst führst Du mich irre. Seit dem 1. d. M. hatte ich alle Nacht von Dir geträumt und erwartete bestimmt einen Brief. Endlich in der Nacht vor Ankunft Deines Briefes brachte ihn mir der Herr Pfarrer im Traum. Ich wußte daraus schon vorher, daß er Nachricht über eine ungünstige Antwort des Gr. v. d. G. und von der Krankheit meines Stiefvaters aus D. enthalten würde. Womit Du aber zweimal von mir Schläge oder doch rauhe Behandlung verdient hast, das mußt Du besser wissen wie ich.— Ich glaube wohl, daß beim Zusammentritt der Kammern, oder zu Neujahr Begnadigungen stattfinden werden; ob ich dabei bin— daran zweifle ich. Man scheint von mir besonders ungünstige Ansichten zu haben. Es gibt Personen, welche dergleichen geflissentlich auszubreiten scheine». Allen Beamten, die neu herkommen, merke ich es an, was man von mir glaubt und erst neulich habe ich davon einen Beweis erhalten, indem der Herr Pfarrer gewissermaßen überrascht bei der Entdeckung schien, daß ich menschlichen Gefühls fällig sei! Audi sagte er mir. daß er midi für einen„Zerrissenen oder Welt- schmerzler" halte!— midi! und schien meiner Versicherung gar nicht zu glauben, daß ich stets einer der heitersten Menschen gewesen und trotz allem noch bin.— Es ist nicht so ganz leicht, hier immer gleiche Laune zu behalten, yenn man fünf Jahr von allem, was mau liebt, absolut getrennt und dabei körperlich und'geistig gemartert ist. Meine Heiterkeit ist so robust, wie meine Lunge; allein letzterer kann ich es gar nicht verdenken, wenn sie sich beklagt, denn das Dörren in konzentriertem Samum, das Räuchern in Steinkohlendampf und zu Zeiten Schwefel- wasserstoffgas, wie das beständige Putzen mit Ziegelmehl — das geht über allen Spaß, wenn auch der Herr Direktor mir aus den Erfahrungen des Hauses beweist, daß das Zellenklima den Sdtw indsiiehtigen ganz merkwürdig ersprießlich sei. Für Abwechslung ist jetzt wieder Kälte angeordnet, nach der achttägigen Hitze; ich sitze hier eingepackt als wolle ich nach dem Nordpol reisen und legte meine Füße gern auf den Tisch, oder steckte sie in die Tasche, wenn sieb das mit dem Schreiben vertrüge.— Werde ich frei, dann werde ich midi erst freuen, wenn ich midi— 20 Meilen von Iiier— überzeugt habe, daß man mich nicht zum besten bat; denn seit 2'/» Jahr bin ich stets von Ostern zu Weihnachten am Hoffnuugsnarrenseil pro montiert worden... Daß Du meinst, ich solle mich darauf gefaßt machen, Dein altes Gesicht noch bäßlidier wieder zu finden" usw., freut mich nicht eben übermäßig, denn ich liebe das Schöne, allein die Schönheit derer, die wir lieben, ist nicht abhängig von Falten und Linien; was man liebt ist immer schön.(Das ist auch der Grund, weshalb Menschen sich selten selbst häßlich finden.) Nun mein liebes Herz, lebe wohl; behalte Mut— eben fällt ein Sebnß—- wahrscheinlich wieder der Schildwache aus LnVorsichtigkeit das Gewehr losgegangen; neulich schoß sich einer durch den Arm— Spiele nie mit Schießgewehr, denn es fühlt wie Du den Schmerz, würde Gerstäcker sagen Pläne für die Zukunft Corvin an seine Frau. Bruchsal, 18. August 1854. Meine liebe, teure Helene! Deinen Brief nebst dem Paket habe ich beute an Deinem Geburts- und Namenstage erhalten und antworte Dir gleich vor Deinem mit hübschen, frischen Blumen bekränzten Bilde. M 11 t! meine alte Helene. Deine Stimmung hat mich schon seit Deinem letzten Besuche beunruhigt. Diese desperate tranquility gefällt mir nicht. Gib Dich nicht einer solchen tiosllosen Stimmung hin, sondern bekämpfe sie mit aller Macht. Zwinge Dich heiter zu sein, an Vergnügungen I eil zu nehmen und halte stets den Gedanken fest, daß ja das Ende unserer Leiden nicht mehr so fern sein kann und dann, daß Du stets mir gleich leuer sein wirst, daß Du die Geliebte meiner Jugend bist und daß die schönen durchlebten Zeiten, die wonnigen Träume, die. wir durch träumten, ein Band zwischen uns bilden, welches n i e zerreißen kann. Lange, sehr lange habe ich uns beide in der Tat als eins betrachtet— doch das is unsichrer Boden. Verlaß Dich fest darauf, meine Helene, daß. wenn mir auch andere Menschen teuer sind, dies nicht auf Kosten der Liebe zu Dir der lall ist. W as ich einmal lieb habe, kann ich nie aufhören zu lieben und unter keinen Umständen, sie mögen sein welche sie wollen. Hätte jdi selbst, was ja doch nicht der Kall ist. Gründe, an Deiner Liebe zu zweifeln, oder Du durch irgend welche Handlungen in den Augen anderer es entschuldbar gemacht, daß meine Liebe sich in Gleichgültigkeit oder seihst Haß verwandelte,— ich würde cielleichl höse auf Dich werden, allein mich nie: zu Handlungen hinreißen lassen, welche Dir schadeten, oder aufhören. Dich zu lieben. Es ist das eine erbärmliche Liehe, die ein Ende bat, wenn der Gegenstand derselben Fehler zeigt, oder Schwächen; meiner Meinung nach kann sie dann erst sich recht zeigen, und ich würde midi zuerst frage»; Habe ich nicht vielleicht durch meine Fehler die Dein ige.» hervorgerufen? Ist es ein Grund lieblos zu sein, weil Du vielleicht nicht alle die Eigenschaften besitzest, die ich. als ich Dich kennen lernte, an Dir vermutete?— Ith wäre dann wahrscheinlich schlimmer daran als Du, denn Deine lebhafte und stets in Idealen schwärmende Fantasie hat mir damals gewiß eine Menge Eigenschaften beigelegt, von denen ich nicht die Spur besitze. Laß uns also, meine teure Helene. Nachsicht miteinander halten und wenn uns endlich das Glück wieder zusammenführt, audi treue Freunde sein, und dazu gehört ein ganz unbedingtes Vertrauen und unbegrenzte Strafgesetze gegen Andersdenke Wenn man alle Gesetze studieren wollte, so hätte man gar keilte Zeil, sie zu uLcitretcu.-iOttclhsi Aufrichtigkeit und Wahrheit.— Die Ansichten und Lehren mancher geistreichen Personen, mit denen wir umgingen, haben Deinen lebhaften und etwas unsteten Geist angezogen und vielleicht irre geleitet; allein Du hast oft Gelegenheit gehabt zu bemerken,— daß nicht Alles Gold ist was glänzt. Doch genug des Predigens: wenn wir uns wiederhaben, dann wollen wir uns gegenseitig aussprechen und vorläufig halte daran fest, daß Du Dich auf mich unter allen Umständen verlassen kannst, daß ich in bezug auf Dich nicht ändere. Was Deine Pläne für die Zukunft anbetrifft, so gestehe ich. daß es mir für Dich am liebsten wäre, wenn Du wieder nach Berlin in Deine alte Stellung zurückkehren könntest. Dort lebst Du wenigstens ohne Sorgen unter ruhigen, anständigen Menschen, die Dich achten und lieben... Deine Partien nach Soden, Königstein, Feldberg usw. machen mir im Gegenteil viele Freude und ich wollte, Du erzähltest mir sie genauer. Ich freue mich, wenn Du dergleichen suchst und genieße, mit Dir. Das mußt Du bedenken und nicht, daß ich hier in meiner traurigen Zelle sitze und viel darum geben würde, nur einmal eine Stunde im grünen Walde zu sein!— Fürchte nicht, die Herrn in Karlsruhe zu belästigen. Ich werde nun fü nY Jahre eunuyirt und da kannst Du sie schon einmal fünf Minuten im Jahr langweilen. Uehrigens kann es nur eine ganz gemeine und brutale Natur sein, welche über die Tränen einer armen Frau ärgerlich wird, die für ihren gefangenen Mann bittet, und die Herrn in Karlsruhe sind ja so zartfühlend und menschenfreundlich,— wie Du mir so oft gerühmt hast. Vor allen Dingen darfst Du nicht versäumen, Herrn Junghans und andere um ihre Empfehlung und Für wort hei Herrn von Wechmar zu bitten, damit er nicht auf den Glauben kommt, man wolle die Sache trotz ihm hei dem Regenten durchsetzen, was Torheit wäre. Die Hauptsache ist. zu erfahren, was'man mit mir vor hat und ich würde in Deiner Stelle den Regenten geradezu fragen, da man gesagt, man werde mich meine ganze'Strafe nicht erstehen lassen. Dann gilt es mit acht Jahren davon zu kommen, und das ist Ende Januar.> „Wenn ich mein Leben beschreibe"... Bruchsal. 24. September 1854. ,., Ich freue, mich sehr, daß Du glücklich angekommen bist(in Berlin) und dort alles so nach Wcinsch gefunden hast... Daß Du den guten Storch besucht hast, war recht. Dein Besuch hat ihm gewiß große Freude gemacht; ich erwarte mit Ungeduld den versprochenen Brief. Mir ist es, als seiest Du schon ein Jahr fort,— oder vielmehr ich habe gar keinen Sinn für die Zeit und den Tag nach Deinem Besuch war mir, als sei derselbe schon lange, lange her. Die Tage vergehen mir übrigens rasend schnell und ich freue mich auf den andern Morgen, auf meine Arbeit... Du hast auf den Geburtstag des Regenten gehofft, ich nicht im Geringsten; nun hoffst Du auf dir Vermählung.~ j» wenn Herr von Wechmar sich vermählte!^— Nun wir müssen eben aushalten... Mejn Frankfurter Marktschiff ist vor einigen Tagen angekommen. Die kleine, gute Mina ist exakt wie eine Uhr,— das bist Du auch, aber wie unsere Uhr hier, ein Genie von einer Uhr, welches Pünktlichkeit grundsätzlich verachtet. ... Ich habe mir von Mina Dalums, Orangeschalen, Gewürznägel und Zimt schicken lassen, woran ich täglich ein wenig kaue und das bekommt mir prächtig, denn ich schreibe mein öfteres Unwohlsein hauptsächlich der Nahrung zu, in der Grynrz eine Mythe ist, Wir erhalten alles in Breiform; jedes Gemüse ist zur Unkenntlichkeit zerrührt und zerkocht, »o daß der Magen gar nichts zu tun hat und alle Energie verliert. Der Doktor hat mir auch etwas Wein verordnet, wöchentlich zwei Mal einen halben Schoppen, was mir sehr wohl tut.— Meine Zelle ist jetzt für den Winter eingerichtet. Ich habe mir eine neue Strohdecke in Teilen machen lassen, die erlaubt, daß ich die Zelle ordentlich ausfege und sprenge; denn wegen der Malerei scheue ich den Staub sehr. Ferner habe ich einen größeren Tisch mit einem Schubfach bekommen; ein an meinen Tisch zu schraubendes Brett zum Malen, welches bequemer ist. wie eine Stafflei, und dazu einen gepolsterten Drehstuhl, den ich höher und tiefer schrauben kann; endlich zwei neue Käfige für meine liehen Häuschen, die darin ganz glücklich sind. Du siehst, man ist hier freundlich und bewilligt mir was möglich und so wird ja endlich auch die Stunde der Freiheit schlagen, f 1" t u»d Konsorten beneide ich nicht um ihren Ruhm. For dearer the grave or the prisou. 111iiined hy one patriot's narae, Than the trophies of all who have risen On liberty's ruins to fanie! (Denn mehr wert sind das Grab oder das Gefängnis, welches durch den Namen eines Patrioten erhellt ist. als die Trophäen all Derer, die auf den Ruinen der Freiheit zu Berühmtheit emporgestiegen sind.) Diese herrliche Stelle ist aus Moores Irish Melodie«, einem der Bücher, die mir die gute Emilie geschenkt hat und die ihre Lieblingsbiirher sind. Ich habe nie etwas gelesen, das mich so ergriffen und angesprochen hätte, als einzelne dieser köstlichen Lieder von Moore.... Du hast midi immer am liebsten, wenn ich nicht da hin Das ist gar nicht schmeichelhaft. Doch ich bin damit zufrieden. Im Glück warst Du ja überhaupt weit weniger liebenswürdig gegen mich als im Unglück und das ist ein schöner Zug von Dir und ein Beweis nicht allein Deines trefflichen Charakters, sondern auch, daß Du midi von Herzen lieh hast Wie oft hast Du in Leipzig gewünscht— es möchte. Die schlecht gehen. Du wolltest in einem Dachstübchen wohnen, arbeiten und daß ich Dich als Dein Geliebter besuchte. Du bist ein närrischer Kopf.— Denkst Du noch oft an die Zeit vor unserer Verheiratung, ehe ich die Journale übernahm und es mir so erbärmlich ging? An diese Zeit denke ich stets, wenn Du einmal garstig bist; denn Dein Benehmen in jener Zeit kann ich nie vergessen. Wenn ich mein Lehen beschreibe — das wird die Glanzstelle des ganzen Buches und sollte mein Name auf die Nachwelt kommen, diese Stelle sichert Dir immer den Platz neben mir und Dein Beispiel wird oftmals und oftmals als Muster hingestellt werden. (Fortsetzung folgt.) für die Freilassung Ossi Ein Aufruf Schweizer Intellektueller Eine groszc Anzahl bedeutender schweizer Persönlich- keilen erlagt einen Aufruf zu Gunsten der Freilassung Earl v. Ossietzkus, der immer»och mit Tausenden anderen deutschen Männern und Frauen in den Konzentrationslagern des Hitler-Reiches schmachtet. Der Ausruf lautet: Teil dem 28. Februar 1938 wirb der Schriftsteller und. Borkämpfer für den Frieden, Earl v. Ossietzky, in den deutschen.Konzentrationslagern von Tonnenburg und Pa- penburg-Esterwegen gefangen gehalten. Am Tage nach dem Reichstagsbrand. mit dem er in keinem Zusammenhang stand, wurde er in Haft genommen, aus der er, ohne dah eine Anklage gegen ihn erhoben worden wäre, bisher nicht wieder entlassen worden ist. Earl v. Ossietzky. der ehemalige Redakteur der„Berliner Bvlks-Zeitnng", Mitarbeiter des„Tage-Bnch". Heraus- geber der„Wcltbllhne". Sekretär der„Deutschen Fricbens- gesellschast" und Borstandsmitglied der„Deutschen Liga flir Menschenrechte", ilt als einer der tapfersten und undeug- sawsten, aber auch vornehmsten und ritterlichste» deutschen Publizisten längst weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt geworden. Sein mutiges Wort und fein unerschrockener Kampf für Frieden und Gerechtigkeit haben ihm die Verehrung und Bewunderung der gesamten fric- dcnsgewillteii Welt eingebracht. Wegen seiner offenen Kritik am deutschen RclchSwehrctat wurde Carl v. Osstetzkn Ende 108t zu Gefängnis verurteilt. Er hat die ihm ge- botene Möglichkeit, sich der Strafe durch Flucht zu entziehen, beharrlich von sich gewiesen: ausrecht, als lebendige Demon- stration für den Frieden hat er seine Strafe bis zu seiner Amnestierung abgebüßt. Tausende, darunter viele Schwei- zer, haben ihm damals durch die Unterzeichnung eines Gnadengesuches ihre Sympathie ausgedrückt. Zehntausende in allen Ländern der Welt erheben heute erneut ihre Stimme für die Befreiung Earl von Ossietzkys. Zahlreiche vorschlagsberechtigtc Organisationen und bedeutende Ein- zelperioncn haben seine.Kandidatur für den Friedensnobelpreis 1084 aufgestellt und unterstützt. Auch in der Tchivciz ivird das Schicksal Earl v. Ossietzkus mit steigender Sorge verfolgt. Die unterzeichnete» Schwei- zcrbürgcr aller Lanöesteilc. Sprachen und Konfessionen. Angehörige aller Stände und Berufe. Mitglieder der vcr- schiedensten Parteien und Parteilose, und mit ihnen die grossen Teile des Schweizervolkes. sehen sich daher veran- las», von de» zuständigen Behörden de» Deutsche« Reiches mit allem Nachdruck die unverzügliche Freilastung Earl von Ossietzkys zu erbitten. Die deutsche Regierung möge beden- ke». das; sie den Glauben des Auslandes an den vor ihr sofort verkündeten Friedenswillen und damit eine Wieber- Herstellung des internationalen Prestiges ihres Landes so- lange nicht wird erwarten dürfen, als sie einen der mutig- sten Friedenskämpfer gleich einem Verbrecher behandelt. Die Fürsprache des Unterzeichneten für Earl von Ossietzky, der selbst nie einer politischen Partei angehört hat, ist weder die Sache irgendeiner Partei, noch sonst irgendeiner Gruppe: sie entspringt ausschließlich den gemeinsamen Ge- fühle» der Gerechtigkeit und Menschlichkeit: sie ist begrün- det durch die bange Sorge um die erschütterte Gesundheit Earl von OssietzkyS: und sie ist nicht zuletzt ein Ausdruck der Sympathie flir den Menschen Carl von Osstetzkn, der unter Einsatz des höchsten Gutes, der persönlichen Freiheit. >i nablässig siir die Idee des Weltfriedens gestritten hat.. Der Aufruf ist gezeichnet von: Walter Amftalden, Ttünderat und Landammanu, Sar- neu: Dr. Hans Bauer. Redakteur der„Rational-Zritung", Basel? Pros Dr.»hü. Er»est Bovet, Generalsekretär der Schweizerischen BölkerbundSvereinigung, Lausanne: Ro- bert Bratschi, Nationalrat.(sicncrfllfcfrctiü S. E. B.. Bern: Prof. Dr.. theol. Emil Brunner, Zürich: Jakob Bührer. Schriftsteller, Zürich: Gugliclino Eancnascini, Staatsrat, Bellinzona: Lc Eorbnsier, Architekt. Paris: Dr. iur. Engen Eurti, Zürich: Prof. Dr. iur. August Eggcr, Zürich: Dr. iur. David Farbstcin, Nationalrat, Zürich: Ernst Flückigek, Chefredakteur des„St. Galler Tageblatt", St. Gallen: Dr. med. Osear-Lvnis Forcl, Prangins: Dr. phil. Andreas Ga- dient, Naliviialrat, Scrncns: Erncst-Panl Gräber, Ratio- nalrat, Neuenbürg: Dr. inr. Hans Gras, Redakteur der „Zürcher Post". Zürich: Pros. Dr. inr. Eugen Grvßmann, Zürich: Dr. phil. Werner Johannes Guggenheim, St. Gal- le»: Prof. Dr. iur. Paul Guggenheim. Gens: Giulio Gu- gliclmetli, Fürsprech, Ehiassv: Lur Guyer, Architektin, Zli- rich; Dr. med. Hermann Häbcrlin, Naltonalrat, Direk- tionsmitglicd des internationalen Fricdensbüros, Zürich: Dr. h. c. Hermann Hallcr, Bildhauer, Zürich: Prof, Dr. phil. Heinrich Hanselmann, Zürich: Dr. phil. Friedrich Hänser, Nationalrat, Basel: Fritz Hvrand, Kantonsrat, Zürich: Johanne» Hubcr, Präsident des Rationalrates, St.(wallen: Prof. Dr h c. Paul Karrer, Zürich: Dr. h. c. Emil Klvti, Ständerat. Stadtpräsidcnt, Zürich: Werner Köng, Zürich: Dr. H. Krämer, Redakteur, St. Gallen: Alfred Kundert, Redakteur, Liestal: Dr. h. c. Otto Lang, Oberrichter, Zu- rich: Dr. Walter Lesch, Schriftsteller, Zürich: Emil Ludwig, Schriftsteller, Moseia: Professor Dr. phil. Albert Malche, Ttänderat, Gens: Dr. h. c. Thomas Mann, Schriftsteller, Küsnacht: Prof. Dr. phil. Fritz Marbach, Bern: Dre». Alice und Paul von Mvnakoiv, Zürich: Dr. phil. Hans Mühle- stein, Schriftsteller, Maloja: Prof. Dr. phil Hans Nabhvlz, Zürich: Ernst Nobs, Nationalrat, Zürich: Franz Odermatt, Landichreiber, Staus: Dr. jur. Emil Oprccht. Verleger, Zürich: Dr. phil. Hans Oprechr, Nationalrat. Zürich: Prof. Dr. theol. Leonhard Ragaz. Zürich: E. F. Rani uz, Schrift- stcllcr, Lausanne: Ernst Reinhard. Nationalrat. Bern: Dr. inr. Ludwig Rittmener, St. Gallen: Ernst Rvscnbnsch, ZÄ- rich: Dr. phil. Adolf Tanger, Mnssagno-Lugano: Dr. inr. Victor-Emil Scherer. tstativnalral, Basel: Dr. vre. pnbl. Arthur Schmid, Rativnalrat. Obcrentseldcn: P. Schmid- Ammanu. Redakteur. Schasshattsrn: Dr. phil. Willi Schobans, Scminardirektor, Krenzlingcn: Prof. Dr. phil Carl Schrö- ter. Zürich: Dr vbil. Ida Svinazzi. Bern: Prof. Dr. vbil. Alfred Stern, Zürich: Tres. med. Vera und Eharlot Stra- »er, Zürich: Dr inr. et phil. Robert Wagner, Oberrichter, Bern: Fritz Wartenweilcr, Schriftsteller, Frauenfeld: Dr. phil. Maria Waser, Zürich, Dr. rer. pol. Max Weber, Bern: Alberl I Welti, Kunstmaler und Schriftsteller, Genf; Prof. Dr phil. Gertrud Woker Mcrligen-Bcrn: Dr. iur. Eduard Zrllweger, Zürich: Hans Zimmermann. Direktor des Stadtthcatcrs, Bern: Dr. iur. Emil Zürcher, Zürich. Neuer Mord in Dadiau München, 20. Nov.(Jnpreßi: Tie Mutter Walter Haebichs, eines führenden Funktionärs des Kommu- nistischen Jugendverbandes, der eine Zeit lang an der Spitze des Zentralkomitees de» KJBD. stand, erhielt in den letzten Oktobertagen, wie wir erfahren, von der Lagerverwaltnng des Konzentrationslagers Dachau die Nachricht, dah ihr Sohn am 2. Juli UM in Dachau„verstorben" sei. D i e Asche stehe in Dachau zur Abholung bereit. Fast vier Monate hatte diese Lagerverwaltuna die Ängc- hörigen über das bereits vollzogene Schicksal in Unkenntnis gelassen, vier Monate- lang strich diese» Regime die Geld- sendungen ein, die die Mutter sich vom Münde absparte. Als die Schwester des Toten nach Etntresfen der Todesnachricht eine Anzeige in einer Stuttgarter Zeitung aufgegeben hatte, ivnrbc sie einige Stunden später vor die Geheime Staats- Polizei geladen, die ihr eröffnete, daß die Todesanzeige nicht zugelassen werde, selbst dann nicht,»venu das Datum „Dachau, den 2. Juli" wegbleibe. Die Gestapo war zynisch genug, der Schwester sogar z» erklären:„Jawohl, wkr halten uns an die. die uns in die Hände fallen." Hacbich war im Verfolg einer ausgedehnten Polizcirazzia verhastet worden, die nach der Aushebung einer illegalen Druckerei in einem Mlinchencr Priesterseminar durchführt worden war. Dasi er am 2. Juli starb, bestätigt erneut, daß die Henker des 8». Juni auch in den Konzentrationslagern wüteten. Dasi der Mord erst setzt bekannt wird, rechtfertigt die Befürchtung, dasi selbst jetzt»och nicht alle in den.Kon- zcntrationslagcrn vollstreckte» Morde bekannt sind. Wieder Todesurteile! Däs~widerrufene Geständnis ■ ns" a„_, 1 Kassel, 28. November. T(1» Kaiieler«chwurgericht verurteilte heute den 83- lahrigen Johann Becker aus Kassel wegen des am 10. ■vlnni 1081 an dem Polizeiwachkineistcr Kühkmann bcgange- neu Mordes zum Tode und zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Das Verfahren gegen drei Mir- angeklagte wurde aus Grund der Amnestie vom 23. Dezember 18-12 eingestellt. Am Abend des 10. Juni.1931 war es i» der Kasseler Altstadt zu schweren kommunistischen Unruhen gekommen, in »ereil i Verlauf der Polizeiwachtmeister Kuhlmann aus einer Menschenmenge heraus erschossen wurde. Lange konnten die Vorgänge von damals nicht aufgeklärt werdest. Schliesslich wurde der jetzt verurteilte Becker auf Grund einer Anzeige am 0. Juni 1984 in Schutzhaft genommen. Seine Ber- stehmung durch die Geheime Staatspolizei förderte belasten- des Material zutage, und Becker legte ein Geständnis ab. Dieses Geständnis hat Becker jetzt in der Schwurgerichts- Verhandlung widerrufen, angeblich darum, weil er es ~! Z 1!"'" rtnr höhere Anweisung einer kommunistischen Dienststelle" abgelegt habe, um die drei Mitangeklagten, die er der Mittäterschaft bezichtigte, unschädlich zu machen, denn ne seien in kommnnrstischen Kreisen verdächtigt worden, «oitzel gegen den Kommunismus zu sein. In der Begründung des Urteil» heißt es u. a., die 4.« tum stände sprächen gegen den Angeklagte» Becker. Er habe mehrere Waffen im Besitz gehabt, außerdem habe er der Polizei das Versteck der.Mordwaffe angeben können. Früher habe er jenes in alle Einzelheiten gehende Geständnis abgelegt' dasi er den tödlichen Schuß abgegeben habe. Das Geständnis habe er dann vor dem Untersuchungsrichter wiederholt. Es stehe fest, dasi er der Mörder sei. Becker habe vorsätzlich getötet, die Tötung sei sein Ziel gewesen, denn in kommunistischer Begriffsverwirrung habe er das für eine Heldentat gehalten. Der Angeklagte habe auch mit U e v e r- legung. plan mäßig und ohne Aufregung gehandelt. Gleichzeitig habe er sich des schweren Aufruhrs und des Wiederstandcs schuldig gemacht. ...,* Heilbronn, 29. November. .'lm>"-April 1934 hatte der 4.' Jahre alte Friedrich Haarcr kn Mundelsheim a. N leisten Schwager, den StrafanstaltS- kommissar stritflcr in Lndivigsburg, der auch Ober- truppsiihrcr ivar, vorsätzlich und mit Ueberlegung erschossen. Das hiesige Schivurgericht verurteilte ihn nach zweitägiger Verhandlung w e g e» M o r d e S z n m T o d c. Kenn man Auslandszeilungen liest.. Die Tendenzurteile werden immer schärfer Tie„Rheinisch-Westfälische Zeitung" berichtet ausführlich von zivci bemerkenswerten Prozessen vor de». Dort- m u il d e r Sondergericht. Ein Briefmarkensammler, der die Gewohnheit hatte, die Papierkörbe einer Post nach Briefmarken zu durchsuchen, fand bei dieser Gelegenheit auch eine ausländische Zeitung. Dort will er alles mögliche über den Führer und Reichskanzler gelesen haben, weiter Behauptungen über die TA. und über nichtarischc Ab- stamninng führender Persönlichkeiten. Der Angeklagte, der wegen staatsfeindlicher Gesinnung als Angestellter der Straßenbahn entlassen worden war, erzählte solche Ge- schichte» als eigene Weisheiten weiter, und erst als das Strafversah.ren in Gä>>ü./S>y. be^e,f^e.r sich auf.hje^Lektüre jener Auslanbszcitung. Der Vertreter der Anklage hob hervor, daß man lange überlegt habe, ob der Fa II nicht als Hochverrat z u werte» sei, da der Angeklagte offenbar mit seinen Acusicriingcn'Zersetziiiigöabsichtcn in der SA. verfolgt habe. Das Gericht erkannte auf zehn Monate Gefängnis: der Angeklagte wurde sofort verhaftet. ... A* In einem zweiten Fall berief sich ein Angeklagter a»f die Meldungen d r e i e r a u ß l ä n d 1 s ch e r S e n b e r. Er hatte u. a. das letzte Wahlergebnis verdächtigt, Gerüchte über den 30. Inn« verbreitet und dabei ausdrücklich hervorgehoben, er habe seine Angaben von ehrenwerten Leuten, er sei so sicher, daß mau ihn ruhig anzeige« könne. Auch er wurde zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt und sofort verhaftet. *'' Nach Mitteilung de? Landrate? von Osnabrück wurden in einer grösseren Landgemeinde der Umgebung drei Ein- wohner in Schutzhast genommen, weil sie„gewissenlose Verleumdungen gegen clne im öffentlichen Memcindedicnst stehende Persönlichkeit verbreitet hätten". e- Frankfurt, 28. November. Bor dem Hause de? TelegrasenarbeitörS Dh, Christian, der in der Burgstraße ivohnt, sammelten sich, so berichtet die„Frankfurter Zeitung", in de» Abendstunden des Ticns- tag erregte Menschcnmasscn an. die gegen den Telegrafen- arbeite? demonstrierten. Christian wurde, ivie mitgeteilt wird, zum Vorwurf gemacht, daß er sowohl in einem öffent- ltchcn Lokal als auch anl der Straße schwere Berkenm- düngen gegen den F li h r c r und R c i ch s k a n z l e r ausgesprochen und auch Beleidigungen gegen die NSDAP, und ihre Gliederungen sich Hube zuschulden koiiimc» lassen. Infolge der Drinonsiration mußte schließlich die Polizei einschreiten. Christian ivnrde daraus in Schutz- hakt g c n v m m e n. Tic polizeiliche Untersuchung ist ein- geleitet.• Der Kölner Kristi ns- Prozeß Der Staatsanwalt beantragt zehn Jahre Gefängnis Köln, 29. November 1934. Im Prozeß gegen den früheren Bankdirektor Brüning, der die Stadtgemeinde Kölns mehrere Zentrumspolitiker, geistliche Stifte und zahlreiche Privatpersonen im M t l- livnc ii betrog, stellte der Staatsanwalt Thomas nach einem S'/,stttndigcn Plädonet den Antrag, den Angeklagten wegen Untreue. Betrugs. Betrugsversuchs, fortgesetzten Be- trugs und Konkursvergehens zu der hochstzulässigen Ge- sängnisstrase von 10 Jahren zu verurteilen. Ausserdem bc- aniragte er, dem Angeklagten die bürgerliche» Ehrenrechte auf die höchstzulässsige Dauer von fünf Jahren abzuerkennen. Die UnierinchungShaft soll angerechnet werben. Die Höhe des beantragten Ttrasmanes begründete der Vertreter der Anklage damit,.daß Brüning das^ Vertrauen, das ihm(Uli Grund jcin.cr,jtbetragenden Stellung entgegengebracht wurde, in der aröblichstcn^ Weise M^iss- brauchte. »vSeieuSuei Das Rundschreiben zur Vorbereitung einer Vermögensbeschlagnahme der„toten Hand" München, 28. November. Die R e i ch s p r c s s c st c 11 c der NSDA P. gibt bc- kannt: „In einigen Emigrantenblättern iindct sich der Abdruck eines Rundschreibens, der angeblich vom Schatzamt der NSDAP, an die GauamtSlciter ergangen fein soll. In diesem angeblichen Rundschreiben soll die NSDAP, verlangt haben, daß die Grundstücke und Gebäudekomplcre der in den Ganbezirken sich befindenden Orbens- und Mission?» gciellschastcn beider Konfessionen genauestens zu vermessen seien. Im Einvernehmen mit dem ReichSschatzmcister der NSDAP, ivird festaestellt. daß weder ein solches, noch ein ähnliches Rundschreiben jemals eraanaen Ist Dieter^-all zeigt neiiero»>»«. mit weichen Mitteln die Emiarantcnprcne ihren.Kamv' aeaen den.Nationalsozialismus führt." Da? Rundschreiben ist in der katholischen Zeitschrift„Der deutsche. Weg" zuerst erschienen. Wir glauben diesem Blatte mebr als den berufsmäßigen Lügnern in der ReichSvressestelle der NSDAP., deren Lügen einen Lexikonband siillcn wiirden. SterlllsallonsHord Ans Kdnstanz Ivird uns geschrieben: Im benachbarten Singen a. H. hat sich folgender uncrhörier Fall zugetragen: Eu, 28jährigeo Mädchen war vor einigen Jahren infolge nervöser Störungen kurze Zeit in der Heil- und Pflege- anstalt Reichenau. Sie wurde als geheilt entlasten und arbeitete seither Tag für Tag ruhig und fleißig in den Aluminium-Walziverkcn und war die Stütze ihrer betagten Eltern. Ans Grund des SterilisationSgcictzes erhielt sie die Aufforderung, sich im.Kraiikenhauic in Singen a. H. zur Vornahme der Sterilisation zu melden. Als sie sich weigerte, dem Befehle nachzukommen, wurde sie von zwei Poll- zisten im Betriebe abgeholt und ins Krankenhaus über- führt. Tie Operation wurde ohne weitere Untersuchung vor- genommen und in der folgenden Nacht, oder richtiger andern Morgen, starb das Mädchen. Die Sektion ergab Tob iniolge Herzschwäche. Erst um 10 Uhr vormittags wurden die Eltern benachrichiigl, daß es mit ihrer Tochter„nicht gut stehe", sie mögen ins.Krantenhaus kommen. Auch der Arzt im Kranken- bapse teilte den alten Eltern den Tod ibrer Tochter noch nicht mit. sondern sagte:„Sic Mittssen aus das schlimmste gesaßt sein." Er beauftragte eine Schwester, die Eltern in das Zimmer zu führen. Diese führte sie nun in die Leichen- Halle. Der Vater des Mädchens hat nu» bei der Staatsanwalt» schaft Anklage wegen Mord, begangen an scinct Tochter, er- hoben. Pro'cst bei der deulsdicn Dolsdiaü Das Befreiungskomitee in Paris Paris, den 28. November. Das Befreiungskvmitee für Thälman» und«Ue ein- gekcrkerten Antifaschisten hat in seiner Unterschriften- kampagnc als Prozest gegen die Einkerkerung Thälmanns, gegen das System der Konzentrationslager und gegen die Terror-Justiz bisher lOOOOO Unterschriften gesammelt. Am Donnerstag, dem 22. November, bcgaö sich eine Delegation zur deutschen Botschaft, um ihr diese Protestlisten zu übergeben und bei dein deutschen Botschafter wegen der Ein- kerkerung Tälmanns, wegen der Greuel in den Konzen- irattonslagern, gegen das Vvlksgericht und die faschistische Tcrrorjnstiz zu protestieren. Die Delegation bestand ans: Jean Longiiet fsozialtsttscher Abgeordneter», Gabriel Pcri (kommunistischer Abgeordneter), Professor Wallon, Mattblaue, Rechtsanwalt Tvnbossarfky als Vertreter von Henry Torres, Frau Lahy-Hollebecque, Le Braneiir von den vür- gcrlichcn Freidenker» und einigen Vertretern verschiedener antisaichistischer Organisationen. Diese Delegation wurde an der Ecke der Rne de Lille von eine», Poltzeitiispektor und zwanzig Schutzleuten angehalten. Die deutsche Bot- schaft, die durch die Presse von dieser Delegation erfahren hatte, hatte sich diese Polizeibeamten zum Schutze brstesit. Die Polizei erlaubte nur den Abgeordnete» Longuct, Pcrt und Le Brasseur den Zutritt zur Botschaft. Der Botschafter jedoch weigerte sich, die Delegation zu empfangen und die Prolcstlistcn anzunehmen Die anwesenden französischen Abgeordnelen protestierte» energisch gegen dieses Verhalten des deutschen Botschafters und wiesen daraus hin, daß es eine Verletzung der Internationalen HöflichkcitSrcgel» sei, wenn der Gesandte eines fremden Staates Parlamentarier des Gastlandes nicht empfangen wolle. Das Befreiung»- komitee fordert alle Organisationen und Gruppen auf, Protestichrciben an die deutsche Botschaft in Paris zu senden. Delegationen zu schicke» und den deutschen Ge- sandten zu zwingen, daß er sich wegen seines unerhörten Verhalten? öffentlich entschuldige und die Protcstunier» schritten setner faschistischen Reaieruna übermittelt. HDuvifts Gui&fodn Jede» ausgeprägte Staatswesen hat sein Symbol. Im England des älteren und des jüngeren Pitt ivar das der Pfeffersack, im. Frankreich Dantons die rote plirvgische Miige. Der Zarenstaat lobte seine Nagaika. Das„dritte Reich" hält es mit der Reitpeitsche, Es mögen sich beträchtliche seelische Imponderabilien daran knüpfen, wenn schon in der ersten Biographie, die bereits vor Jahr und Tag über jenen Mann erschien, der am 9. November 1918 im Lazarett zu Pasewnlk, mittags viertel vor zwölf nach Visite des Stabsarztes, den Entschluß faßte, von nun ab aber Staatsmann zu tverden, ein Bild uus seiner Frühzeit wiedergegeben wird, das ihn eine solide, rindslederne Reitpeitsche in der nervigen Rechten tragen läßt. Wenn Herr Hitler in den romantischen Tagen vor seiner Machtübernahme agitationshalber per Mercedes durch die nordische Landschaft brauste, Wotans wilde Jagd in muselin- braun, wobei manchmal seine lieben Kommunisten am Straßengraben ein wenig gemault haben mochten, dann klatschten links und rechts vom Chauffeursit} die Reitpeitsche seines Haremswächters hernieder. Woran übrigens wieder das gute Deutschland als eine Republik, die sich gewaschen hatte, zu erkennen war. Auch das kann man nachlesen an vielen Stellen, wo Adolfs Pliöbusfahrt in die Macht in so manchem Buch aus seinem Verlag beschrieben wird. Sein Intimissimus Streicher hat Hitler sogar eine Reitpeitsche mit gravierter Widmung geschenkt, was diesen wieder ermutigte, sie bei ordonnanzmäßiger Weise bei hohen Staatsvisiten, die er abstattet, zu gebrauchen. So eine Reit peitsche hat es. serlisch betrachtet, wohl zwiefach an sich. Zunächst läßt sich damit auffällig beweisen, daß man einer höheren Kaste anzugehören, gewillt, befähigt und beglaubigt, ist. Es wird durch sie demonstriert, daß auch ein Zollaufseherssohn mit halber Bürgerschulreife doch zum Aristokraten, Gent und Kavalier sich entwickeln kann. Man soll da nichts vorhersagen, zu was hoffnungsvolle Sprößlinge aus Zichorienkaffec- und Schmalzbrot-Milieu sich schon hinaufbugsieren können. Ein blilfrndes Uhrglas, das sich mit genau, derselben psychischen Komponente der Handlungsgehilfe Meier ins Adlerauge klemmt, tut es ja auch, utn Hochadel. zu markieren, und ist zudem billiger. Würde Herr Hitler etwa nie den General von Ludendorjf in seinem Leben kennen gelernt haben, trüge er wahrscheinlich auch nur ein solches Uhrglas. So kam er aber wirklich an die Aristokratie; nun wurde er zu noch Höherem bestimmt. Da mußte die Reitpeitsche als das noih adligere Erkennungszeichen herbei! Sie ist noch beweiskräftiger als das Monokel. Geritten wird zwar nicht mehr viel in der Welt, weiß es Gott. Die Kavallerien klabastern hinter den Schallmeßtrupps nur noch so daher. Die Straßen stinken von Makadam, Slandardoil und Teer. Ein Droschkengaul, der noch zu prügeln wäre, lebt höchstens noch im allerältesten Wien, wohin Herr Hitler so wie so nicht katin. Aber die große Erinnerung, was es mit so einer Karbatsche einst auf sich hatte, ist doch noch da und ivirkt. Mit. der Reitpeitsche- hat Hitler sicherlich geglaubt, allein so in höheren Kreisen als heiratsfähig zu erscheinen. Was für eine Psychologe! Aber die Reitpeitsche markiert nicht nur höheren Adel, sondern auch Kraft. Mark und Männlichkeit mit Ausrufezeichen! Wer eine Reitpeitsche trägt, ohne grade Fuhrknecht oder Ti ainsergeant beruflich dazu verpflichtet, zu sein, will damit dokumentirren, daß er im höchsten Grade, und auf allen in Frage kommenden Gebieten potent ist. Wenn du zum Weibe erbst, vergiß dir Reitpritsche nicht! Nun ist es zwar so. daß dir wirklich Potenten es gar nicht nötig zu haben scheinen, ihr Können auch noch symbolisch dokumentieren zit müssen. Don Juan hat eine Reitpeitsche nicht in seinem sonst so angenehmen Leben gebraucht; in Boraccios Dekamerone und. Casanowas Memoiren wird sie auch nicht erwähnt. Immerhin: W er weniger hat, muß es um so lauter und sichtbarer bekräftigen. Das aber tut die. Peitsche! Ja! So ist sie in der Tat ein wahrhaftes Symbol des „dritten Reiches"! Alle Hochstapelei und alle sadistische Nervenschwäche, die sich hier zu einem politischen System zusammentut, läßt sich durch sie geradezu knallend beweisen. Hitler ohne Reitpeitsche. Streicher ohne sie— das wäre ein Wilhelm der Zweite ohne Sthnurrzwirbel, Napoleon ohne Stirnlocke. Das wäre einfach stillos und eine jüdische Fälschung der Weltgeschichte. Nun ist freilich dem dritten Reich" in dieser prächtigen Symphonie von Tatbestand und Symbol ein Malör passiert: Ein pommerscher Rittergutsbesifter(liah— Stahlhelm war der Kerl!) hat einen seiner armen Kulis mit der Reitpeitsche geschlagen. Dafür erkannte man ihm jetft seine Bnuernfähig- keil für drei Monate ah und brummte ihm auch noch 500 Mark auf. Im Urteil wurde wörtlich vermerkt, daß mitten unter dem Gutspersonal,„das Auftreten mit der Reitpeitsche allein schon provozierend haben wirken müssen".... Diese Richter! Am heiligen Symbol der gleichgeschalteten Deutschen haben sie sich vergriffen! Man sollte sie ihrem Kollegen, dem Jörns, schleunigst ausliefern! Was werden nun sämtliche Post Sekretäre, Obermedizinalräte, Dachdeckermeister, Superintendenten und Bahnwärter Deutschlands beginnen, da sie die Peitsche, die sie schlägt, nicht mehr küssen dürfen, weil sie angeblich im ,.dritten Reich" provokant wirkty Und l II M— doch auch i h m haben sie sein Seelen- adäquat geklaut! * Der General von Liebert ist tot. Er war der berühmtberüchtigte Vorsitzende des weiland„Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie", der sich bei Kriegsbeginn(.Ich kenne keine Parteien mehr, nur noch Deutsche!') sanft auflöste. Der General war seit dieser Zeit so gut wie vergessen, obschon er einmal ein besonders schmucker Palla- din der Kaiserzeit getvesen war. Kaum, daß seinem Tod die gleichgesdialtete Presse, der er es doch gelehrt hat, wie man die ,.Marxisten" ein bißchen bedred-ert, drei Zeilchen widmet! Herr von Liebert hat das alles schon vorgelebt, was später die Nazis an Weinflaschen in der Reichstagsfraktion der SPD-, an Auslernessen in den Gewerkschaftssekretariaten, an gefüllten Kaviarbottichen in den sozialdemokratischen Jugendheimen entdeckten. Wo ist sein Ruhm geblieben? Immerhin wurde der Rcichsliigcnvcrband noch von einem leibhaftigen General geführt. Was wird man von dem in die Regiments- Schreibstube zur„Großen Zeit" glückhaft entronnenen Gefreiten später sagen, wenn es mit seinem Lügenverband uueh einmal so weit sein wird'i. t. E- Roth, Der Doghott wädisl Eine Erklärung Unterimjers London, 29. November.(ZTA.j Ter Führer der amerikanischen Delegation, der zum Präsidenten der internationalen B o n k o t t w e l t k o n- sercnz ausersehen ist, Samuel ll n t c r m y e r, hat der jüdischen Telegraphen-Agentur folgendes erklärt: „Zu der internationalen und unparteiischen Konferenz sind Delegierte aus fast allen Enden der Welt, aus Nord« und Südamerika, ans Aegypten, aus Südafrika, ans Groß- britannien und den Dominions, aus vielen europäischen Ländern, Repräsentanten aller Rassen- und Glaubens- bekenntnisse in London eingetrofsen. Ziel der Konferenz ist es, den bereits bestehenden Wcltboykott gegen deutsche Waren und Dienste fester zu organisieren, ihn zu erweitern und zu intensivieren, die Leitung zu zentralisiere,, und die verschiedenen Boykott-Tätigkeiten zu koordinieren. Ter uns bisher zuteil gewordene Erfolg gibt uns die Ueberzeugung, dag unsere Aktion die Billigung der öffentlichen Meinung in der ganzen Welt gesunden hat. Wir erwarten aber von einer solchen Weltaktion, sobald sie auf einer gut durch- organisierten und strikte unparteiischen Basis aufgebaut ist, noch bedeutend mehr Erfolge. Tie christlichen Kirchen n»d die organisierte Arbeiterschaft in der ganzen Welt sind durch die Borgänge in Teutschland vielleicht noch tiefer betroffen als die Juden? s>c sehen in der Arbeit und iit den Zielen der Nazis einen Bernichtungskrteg gegen die Zivilisation. Unbeschadet der fanatischen und hartnäckigen Anstrengungen des deutschen Propaganda-Ministeriums, die Boykott- bcwegung als eine jüdische Sache hinzustellen, geht es hier keineswegs um eine nur jüdische Frage: dies beweist schon der Umstand, das, ich das einzige jüdische Mitglied der Dänemark Land ohne Antisemitismus Kopenhagen, den 28. November. Der Kopenhagener jüdische„Berein von 1 939" hat eine Kundgebung unter dem Motto: „Antisemitismus und Kultur" veranstaltet, in welcher Abgeordnete der vier dänischen politischen Parteien sprachen: der Führer der Konservativen Partei Ehristmas Möller, der Liberale Bro, der Radikale Rager und der Sozialdemokrat Rasmussen. Sämtliche vier Redner haben ihrer Verblüffung Ausdruck gegeben, das, sie als Redner zu dieser Versammlung eingeladen wurden, da ja Antiscmi- tismus in Dänemark überhaupt nicht existiere und man sich nicht denken könne, dag dieses Uebel jemals in Dänemark Wurzel fassen könnte. Ter Konservative Ehristmas Möller bemerkte zwar, dasj eine Inkorporation von 100 990 Frcmdstämmigen für Dänemark unerträglich wäre, die dänischen Juden werden aber nicht als Fremde betrachtet und kein anderer als der Jude Georg Brandes war der beste Verteidiger der dänischen Nation und der glän- zenbste Stilist der dänischen Sprache. Der Radikale Rager unterstrich die Kulturfeindlichkeit des Antisemitismus. Ter Sozialdemokrat Rasmussen bemerkte, das, es zwar in Dänemark keinen Antisemitismus gäbe, dag aber gewisse antisemitische Gesühle in gewissen Kreisen existieren, die man energisch bekämpfen muffe: sie entspringe» Hauptfach- lich der Konknrrenzsucht und dem Neid gegen jüdischen Jnitiativgeist und gegen jüdische Tüchtigkeit. Urteil Im Bombensdimoggelprozeß Hohe Zuchthausstrafen St. Gallen, 28. November 1934. Unter stärkstem Pnblikumsandrang erfolgte kurz nach 17 Uhr die Urteilsverkündung. Das Gericht sprach sämtliche sechs Angeklagt« schuldig wegen Vergehens gegen Art. 2 des Gesetzes über den Gebrauch von Sprengstoffen und giftigen Gasen. Eollitz wurde zu drei Jahren Zucht- Hans, Ksilbl zu zwei Jahren und die Angeklagten Blatt, Hämmcrle, Kalb und Wirth zu v i e r z e h n M v n a t e n Zuchthaus verurteilt. Bei den verhafteten Angeklagten Matt. Hämmerte und Kalb werden vier Blonate Unter- suchungshaft angerechnet. Sämtliche Angeklagten werden des Landes verwiesen, und zwar Eollitz und Kölbl lebenslänglich, die übrigen auf zehu Jahre. Die Verurteilung gegen Eollitz, Kölbl und Wirth erfolgt in contumaciam. Tie Kosten werden den Angeklagten unter solidarischer Hastbar- keit auserlegt. Der Kanton St. Gallen wird mit dem Vollzug der Freiheitsstrafen beauftragt. Die beschlagnahmten Spreng- stossc, Waffen und Propagandamatcrial sowie das Motvr- boot„Teelöwe" werden konfisziert. visDeutsche Freiheit' Einzig« unabhängig« T»g«»z«iiung Deutschland* mufj man regelmäßig lesen 7 Bestellschein Ich«rsuch« um ragalmäljig« Zunndung dar„D«uisch«n Freiheit" N«m«i—-—- Sir«h«i■■ Ort.~ den_... großen amerikanischen Delegation bin, ausgenommen Frack Mark Harris, die aber in der unparteiischen Fronen- bewegung arbeitet. Ter mit mir in London eingetroffene Dr. Paul Hutchinson, Vorsitzender der Ehitagocr Boykott- Liga, nimmt in der protestantischen Kirche Amerikas eine sehr hohe Position ein, er ist Herausgeber des„Christian Century", der bedeutendsten protestantischen Publikation in Amerika. Der ebenfalls in London anwesende Hon. H. M. Beamish ans Philadelphia, früher Staatssekretär von Pennsylvania, ist einer der ersten Katholiken Amerikas. Ich habe gebeten, fuhr T. Untermyer fort, mich nicht zum Vorsitzenden der Weltkonferenz zu wählen: ich bin Jude, und ich möchte nicht, das, diese Tatsache von den Nazis ans- geschlachtet ivird, um diese Konferenz fälschlich zu einer jüdischen zu stempeln. Nein, diese Konserenz ist nicht jüdisch, sie ist eine spontane Erhebung der gesamten Zivilisation gegen den Versuch, die Arbeit von Jahrhunderten zunichte zu machen. Zu den amerikanischen Führern unserer' Be- wegung gehören Männer wie Oberst Theodore R o o s e- weit, Botschafter a. D. James W. G e r r a r d, der Bürgermeister von Neuyork, F. La Guardia, der frühere Kronanwalt der Vereinigten Staaten, James M. Beck, Oswald Garrison Billard, George Gordon Battle und andere. Wir werden, schloß Untermyer, auf der Konserenz Jnfor- mationen aus den verschiedenen Ländern austauschen und definitive Pläne ausarbeiten für eine zentrale Körperschaft» die in einem der Länder Sitz haben und in enger Be- rührung mit de» Organisationen der verschiedenen Länder stehen wird. Wir gehen nicht ans Sensationen und auf theoretische Beschlußfassungen ans. unsere Konferenz wird durch streng sachliche Arbeit charakterisiert sein. Deutscher Klub Am heutigen Freitag um 21 Uhr spricht der Dramatik« Julius Hay, dessen Stück„Gott, Kaiser und Bauer" End« 1932 vom Spielplan des Deutschen Theaters wegen der Störungen der Nazis wieder abgesetzt werden mußte, über „Eigene Gedanken über die neuen Wege und neuen Bich- lungen der deutsche» Nachkriegsdramatik".— Gäste willkommen. Eintritt für Mitglieder frei, für Gäste 2,— Fr. Die Adresse des Deutschen Klubs lautet: Salons Le Peristyle, 31 bis, Rue Vivienne, Paris 2°(Metro: Bourse). BBIEFKflSTEH Amerikanischer Freund. Tie schicken uns folgende Notiz auS Ihrer „New Vork Herald Tribüne"(4. November): Hittler Is Wrong Name For Jetv, Court Agrees Morris Hittler, twenty-three years old, of 2991 Ripple Street, Brooklyn, will be known as Morris Hilten on and after December 14. Permission to change his name, effee- tive or» tbat date, was granted yesterday by Justice Peter P. Smith, of the Supremc Court in Brooklyn. Hittler, petitioning forthe right to change his name, Said be was a mcmlccr of the J e w i s h faitl. and tbat his present name bad been continnally„subjected to scorn, ridicule and embarrassment". There was not mention in" the petition of Adolf Hitler, lcader of the German Reich. Hier fühlt sich also ein junger Jude tief gekränkt und in seiner Ehre benachteiligt, weil er Hittler heißt. Er will eine» anderen Namen und bittet um die Erlaubnis, sich Morris Hilten nennen zu dürfen. Bornehmerweise sagt er in der Eingabe nichts über den Grund feines Antrags. Für den Gesamltnhall verantwortlich: Johann P i tz in Dud» weiler: für Inserate: Otto St u 6 n'In Saarbrücken. Rotationsdruck und Berlag: Verlag der Volksstimme GmbH, Saarbrücken ll» Echüßenstraße 5.— Schließfach 776 Saarbrücken. Unt.nduiÜ Verlag der„Deutschen Freiheit" SurluficLaß 3 t 5shüli»n*k«fs« 5 t Z 73 Deutsche Jxeiheit" A&wnenientspceise: Amerika Argentinien Belgien Dänemark England Frankreich Holland Italien Luxemburg Neubelgien (Eupen-Malmedy) Oesterreich Palästina Polen Rumänien Rußland Saargebiet Schweden Schweiz Spanien Dollar Peso bclg. Fr. Kr. sh fr. Fr. fl. Lire belg. Fr. belg. Fr. (verboten) sh (verboten) Lei Rubel fr. Fr. Kr. schw. Fr. Peseta 0.50. 1.- 5,30 2,30 1,10 3,75 0,40 5.- 5,30 5,30 1,10 30,- 7,50 1,70 0,80 2.- 5,50 Bei Zusendung unter Kreitzband durch die Post sind die Portogebühren vom Besteller mit dem Abonnementsbetrag zu entrichten. T schechoslowakei Kr. im Monat 1.- 3,- 15,- 3,70 4.- 12.- 1,50 10- 15,- 12,- 4,- 90,- 1.- 12,- 2,60 2,40 6,- 30,- Zustell, gebühr