Den Nr. 268 2. Jahrgang Fretket Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Saarbrücken, Samstag, 1. Dezember 1934 Chefredakteur: M. Braun Amtliche Bekanntmachung befr. die Ueberwachung des Verkehrs im Saargebiet Regierungsfommission des Saargebietes. Direktion des Innern. J. C. II 558/34 H. Saarbrücken, den 29. November 1934. Au sämtliche Zeitungen des Saargebietes! Gemäß Artikel 13 der Verordnung vom 20. Mai 1933 zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit ersuche ich uni unentgeltliche Aufnahme ohne Einschaltung oder Weglanung der bei liegenden amtlichen Befanntmachung. Der Abdruck hat unverzüglich in der nach Eingang nächitfolgenden Numer Ihrer Zeitung auf der ersten Seite an erster Stelle ohne Unterbrechung zu erfolgen. Die Ueberschrift hat zu lauten:„ Amtliche Bekanntmachung betref= fend die Neberwachung des Verkehre im Saargebiet." Das Mitglied der Regierungsfommission für die Angelegenheiten des Innern: J. A. Der Direktor des Innern und des Kabinetts: S. Heimburger. Amtliche Bekanntmachung betreffend die Ueberwachung des Verkehrs im Saargebiet. In ihrer Sizung vom heutigen Tage hat die Regierungsfom.. sion beschlossen, die Verordnung betreffend die Reglung des Verkehrs im Saargebiet vom 16. April 1925.( Amtsblatt 1925, Seite 81) mit sofortiger Wirkung dahin abzuändern, daß 1. die in Artifel 2 der vorgenannten. Verordnung vorgesehene Frist von 3 Tagen auf 24 Stunden herabgesetzt wird, 2. die in Artikel 4 vorgesehene Frist von 2 Wochen auf 7 Tage beschränkt wird. Auf Grund dieses Beschlusses der Regierungsfommission hat die Direktion des Innern angeordnet, daß die bestehenden Einreisevorschriften vom heutigen Tage ab mit besonderer Genauigkeit und Strenge gehandhabt werden. In das Saargebiet einreisen dürfen nur Personen, die im Besitze cines gültigen Passes oder eines Personalausweises find. Perfonen, die nicht die Eigenschaft eines Saareinwohners beüßen, munjen sich 24 Stunden nach ihrer Ankunft bei der Ortspolizeibehörde melden. Wenn sie länger als 7 Tage im Saargebiet fich aufhalten wollen, müssen sie eine Aufenthaltserlaubnis bei der Baßabteilung der Regierungskommission beantragen. Zu den in Artikel 2 und 4 der vorgenannten Verordnung vorgeschriebenen Anmeldungen sind gemäß Artikel 7 derselben Verordnung auch diejenigen Personen verpflichtet, die einem Nichtsaareinmohner gegen oder ohne Entgelt Unterkunft gewähren. Sur Ueberwachung dieser Vorschriften wird bei den Grenzübergangsstellen ein Kontrollitempel in dem Paß oder Personalausweis angebracht. Außerdem werden alle Verfonen an diesen Stellen in eine Lifte eingetragen, die ihren Namen. Bornamen, Geburtstag und Wohnort enthält; in eine besondere Liste werden Führer und Insaisen von Kraftfahrzeugen aufgenommen. In allen Hotels und Beherergbungsstätten wird ständig eine scharfe Kontrolle der eingereisten Nichtsaareinwohner durchgeführt werden. Diese Kontrolle wird sich auch auf alle diejenigen erstrecken, die unentgeltlich einem Nichtsaareinwohner( z. B. einer Person, die nur zu Besuchszwecken im Saargebiet weilt) Unterkunft gewähren, sie wird auch in Gaststätten und auf den Straßen stattfinden. An alle Personen, die sich im Saargebiet aufhalten( Saareinwohner und Nichtsaareinwohner) ergeht daher die Aufforderung, ständig einen Personalausweis bei sich zu tragen, damit die kontrolle, die im Interesse der Ruhe und Sicherheit während der Abstimmungsperiode erfolgt, reibungslos verläuft. Die Kontrolle tritt fofort in Tätigkeit an allen Stellen, an denen die technischen Einrichtungen bereits vorhanden sind und zwar sowohl auf der Eisenbahn als auf der Landstraße. An den Stellen, an denen die nötigen technischen Einrichtungen noch fehlen, werden sie mit größter Beschleunigung hergestellt, so daß also in einigen Tagen die Grenzkontrolle sich auf alle Uebergangsstellen des Saargebietes, eritredt. Folgende Personen werden in die Listen nicht eingetragen und es in auch bei ihnen feine Eintragung in dem Paß oder Personalausweis zu machen: 1. alle Ginreifenden, die sich durch den Besitz eines der nachstehenden den Identitätsausmeije als im Saargebiet ansässig ausweisen fönnen: roter jaarländischer Personalausweis, meiße jaarländische Identitätskarte( Carte d'Identité), gelber jaarländischer Personalausweis, von der ehemaligen Militärverwaltung erteilt. saarländischer Reisepaß. 2. Inhaber von Legitimationskarten gemäß Regierungsverordnung vom 27. Januar 1932 betreffend die Arbeitszentrale für das Eaargebiet und von Grenzausweisen( sogenannte Grenzfarten) gemäß Protokoll über die Gebrauchsrechte an der jaarländischfranzösischen Grenze vom 13. November 1926. 3. Inhaber von Diplomatenpässen. Rohstoffe für die Rüstungsindustrie London, den 30. November. Reuter meldet aus Berlin, daß die deutsche Regierung den golffreien Import von 80000 To. naturreinem Chilejalpeter gestattet habe. Die Reinheit muß von den Lieferanten garantiert werden. Salpeter wird bekanntlich als Düngemittel. aber auch zur Pulverfabrikation benötigt. Pacis über die UnterhausRüstungsdebatte Dreiste Seite 2 Seite 3 Judenhetze an der Saar England und das indische Problem Seite 7 Ganz Amerika lacht... Eine beispiellose Presseblamage des Propagandaministers Seine Zeitungen bitte.: die Juden demütig um Verzeihung Reunorf, 22. November, Hier hat sich soeben vor den Augen der gesamten Oeffent: lichkeit eine Affäre abgeiptelt, deren Leidtragende die Nationalsozialisten unter den Deutschen der Vereinigten Staaten sind. Sie verdient es, als Erempel brauner Tapfer= feit und Mannestrene fern von der Heimat in allen Einzelheiten geschildert und überall bekannt zu werden. Kräftig unterstützt von der metallischen Propaganda des Herrn Goebbels, wurde hier im Sommer 1933 ein Bund der Freunde des neuen Deutschland" gegründet, der sich begeistert zum Hafenfreuz bekannte. Deutiche im Ausland pilegen im politischen Ueberschwang bekanntlich die Heimat noch zu übertrumpfen. Man macht sich keine Vorstellung davon, mit welchem Saß alle Bekenner der republikanisch- freiheitlichen Idee, vor allem aber die Juden von diesen Freunden" bekämpft wurden. Am liebsten hätten die Herrschaften auf amerikanischem Boden für ihre widerspenstigen Landsleute und alle Nichtarier Konzentrationslager eingerichtet. Bald besaßen sie auch ein eigenes Blatt, die„ Deutsche Zeitung", die in den wildesten Rassetrieg eintrat. Die eriorderlichen Zuschüsse wurden aus dem großen Topf des Propagandaministeriums bezahlt. Hier aber ist nun das große Malheur passiert, über das wir berichten müssen. Im Juli 1934 veröffentlichte die„ Deutsche Zeitung" einen heftigen Schmähartifel gegen den ehemaligen Magiftrat und Richter Josef Goldstein. Der Beleidigte verklagte den Hauptschriftleiter der Deutichen Zeitung" 28illiam L. Mc La Laughlin, einen Mann nicht deutscher, aber echt arischer Abfunft, der begeistert im Gefolge des National: sozialismus marschierte. Goldstein flagte. Die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen brachen so fläglich zusammen, daß der Richter Franklin Tallor den Chefredakteur zu einem Jahre Gefängnis verurteilte. Das überstieg aber für Mister Laughlin den Fundus an Opferwilligkeit für die heilige braune Sache. In seiner„ Deutschen Zeitung"( Nr. 46 vom 7. November) veröffentlichte er, um der Strafe zu entgehen, eine Abbitte, die das Demütigendste und zu= gleich Erbärmlichste ist, was wir seit Jahr: zehnten in irgendeiner 3ettung der Welt erlebt haben. Es heißt hier wörtlich: Ein Widerruf und eine Entschuldigung Wir glauben nicht, daß irgend ein vernünftiger Leser weniger von uns denkt, wenn wir im Geist von Aufrichtig= feit und Selbstachtung ein öffentliches Geständnis eines Irrtums machen, den wir gemacht haben und wenn wir alle daran Beteiligten um Verzeihung bitten. In unserer Nummer vom 7. Juli 1934 veröffentlichte unser Blatt eine beleidigende und sehr bedauerliche Aus: sage in welcher der Charakter und die legale Rechtschaffen: heit des Herrn Hon. Joseph Goldstein von Brooklyn an= gegriffen wurde. Nachdem wir diese Angelegenheit sorgfältig geprüft haben und uns der Schwerheit unserer Hand: lung klar geworden sind, möchten wir nun diese Behaup= tung zurückziehen und wir leisten Abbitte in demütiger Weise nicht nur Herrn Richter Goldstein und der Gemeinschaft von der er ein Mitglied ist. Wir gestehen ein, daß unser Angriff auf diesen Herrn und die Juden nicht gerechtfertigt, gewissenlos und grundlos war. Dies zeigt uns, wie besorgt man sein muß in der Herausgabe eines Blat: tes um nicht den Charakter einer Person oder eines Volfes zu verlegen. Wir haben Herrn Richter Goldstein um Entschuldigung gebeten und er war großmütig genug, uns zu ver: sichern, daß er feinen Groll gegen uns hegte. Wir wissen ganz genau, daß unsere Aussagen ihn tief betrübt und verlegt haben und ihn in ein ganz falsches Licht gestellt haben durch diesen anstößigen Artikel und wir wissen seine freundliche Nachsicht hoch zu schäßen. Da wir wissen, daß in dieser Angelegenheit Herr Richter Goldstein viel Belästigung und Auslage von Zeit und Anstrengung durchmachen mußte, glaubten wir, daß es nur recht und billig wäre, ihm ein Anerbieten zu machen, für Schaden und Nachteil den wir ihm verursacht haben, und wir müssen zugeben, daß er stets verweigerte, Geldschaden von uns anzunehmen, so glaubten wir, daß es nur richtig und billig wäre, ihn schuldlos zu erhalten für all das Unrecht, was wir ihm verursacht haben, aber der Herr Richter sagte uns, daß dies nur einen moralischen Hintergrund habe, der nicht in Geldfachen zum Ausdrud gebracht werden könnte und daß das Un: recht, welches ihm getan wurde, wirklich mehr die jüdische Gemeinschaft beträfe als ihn persönlich. Es freut uns einzugestehen, daß diese Stellungnahme des Herrn Richters Goldstein ein offena barer Zug des jüdischen Wolfes ist und daß er unsere Sochachtung verdient. Wir bitten auch unsere Leser um Vergebung und besonders unsere jüdischen Leser und wir hoffen, daß sie nach ihren glänzenden Ueberlieferungen und Vorschriften, Nachsicht zu üben und uns verzeihen werden und unsere Ueberschreitung übers sehen werden, ,, Dentsche Zeitung". Nicht genug damit, daß wir diesem nationalsozialistischent Helden aus Furcht vor dem Gefängnis vor der gesamten Judenschaft auf den Knien rutschen sehen. Er teilt in der gleichen Nummer seiner Deutschen Zeitung" seinen Lesern mit, man habe sich entschlossen, eine drastische Aen= derung" der bisherigen politischen Taktik eintreten zu lassen. Denn, wiederum wörtlich: „ Wir sind uns flar geworden, daß in diesem gesegneten Lande gewidmet den Idealen von Voltsregierung und Recht für alle, ohne Sinsicht auf Nasse und Glauben, alle Feindschaften und Vorurteile zwischen Rassen und Völkern verschiedenen Ursprungs, welche hier wohnen und welche alle gleich unter dem Schutz der Ge setze und Verordnungen dieses Landes stehen, durchaus unwürdig und unstatthaft sind. Deshalb möchten wir ernstlich irgend welche Anreizung zu Rassen und Relis gions Erbitterung ablengnen, obwohl unser Blatt dafür beschuldigt worden ist. In Zukunft wird in unserm Blatt nichts erscheinen, was in irgend einem Grade entweder als direkte Redensart, oder mittelbar, Folgerung oder als Wink oder einen Angriff auf den Charakter einer Rasse oder eines Boltes oder einer Per: son angesehen werden könnte, durch Namen oder anders: wie einer solchen Rasse oder eines Volkes." Auf hitlerdeutsche Kosten war über Nacht aus einem wild tobenden Naziblatt eine Flamme der Freiheit und der Toleranz geworden, nur weil es in Amerika noch Richter gibt. W. L. Mc. Laughlin, dem die Juden verziehen, ging jogar noch viel weiter. Es gelangte plötzlich zu der Ueberzeugung, daß für Leute, welche noch aufrichtig fühlen, der Boyfott von Waren eines fremden Landes ihr einziges friedliches Mittel ist, um die Inhumanität dieses Landes zu bekämpfen, sich dieser Waffe be= dienen können". Mit Goebbels' Geld hat die Waffe des Boykotts gegen Hitler- Deutschland einen seltsamen und unerwarteten Mithelfer erhalten. Man wird aber nun fragen: Was tut nach diesen Ereignissen der„ Bund der Freunde des neuen Deutschland"? Schreit er wild nach Verrat seiner heiligsten Prinzipien, schleudert er dem gefängnisscheuen Pg. seine Verachtung entgegen? Zwar hat er sich sofort ein neues Publikationsorgan geschaffen, den Deutschen Beobachter", das gleichfalls Berlin finanziert. Man darf aber dieses nationalsozialistische Blatt nicht mit seinen gleichnamigen Vettern im Reiche vergleichen. Der amerikanische Deutsche Beobachter" schreibt über den Volks genossen Mc. Laughlin, der sich vor einem Juden beugte, unter anderem: Man habe sich von der Deutschen Zeituna" allerdings trennen müssen. Das sei in Anbetracht der Umstände verständlich, denn wer geht gerne ins Gefängnis. Selbstverständlich müsse auch Amerika in Kürze erwachen. Aber doch nicht so wild wie Deutschland: Die Leitung des Bundes legt Wert darauf, an dieser Stelle zum anderen Male öffentlich zu erklären, daß ihr jegliche Ausreizung zum Rassenhas fern liegt, daß sie sich grundsäßlich nicht in Religionss fragen mischt, daß sie jedoch die Bekämpfung der Sets und Lügenkampagne gegen Deutschland, das deutsche Volk und die deutsche Regierung sowie die Befämpfung des unamerikanischen, gesezwidrigen und den Interessen der Vereinigten Staaten zuwiderlaufenden Boykotts deutscher Waren für die Pflicht des gesamten Deutschtums Amerikas hält." Das ist die feierliche Verleugnung des Rassenfampfes, des Herzstückes der nationalsozialistischen Weltanschauung. In der ganzen Nummer des „ Deutschen Beobachters" liest man nicht ein einziges Wort über oder gegen die Juden. Die Spuren schrecken. Man hat Angst vor neuen Prozessen und läßt Rasse, Blut und Boden lieber im Köcher, um sich der goldenen Freiheit Amerikas erfreuen zu dürfen. Die Bekenner des Rechts und der Menschenliebe in Amerika lachen nicht nur auf Kosten Hitler- Deutschlands und besonders des Herrn Goebbels. Sie empfinden zugleich ethische Genugtuung über diese tragikomische Selbst= entlarvung, bezahlt aus dem Fonds der deutschen Ausa landspropaganda... Goebbels für die Warenhäuser Paris über die Unterhausdebatte Berlin, den 28. November 1934. In Ergänzung zu der von uns bereits kritisch beleuchteter Rede. die Dr. Goebbels im Berliner Sportpalast gehalten hat, teilt der Preußische Pressedienst der NSDAP." mit, daß der Propagandaminister auch die Warenhausfrage be= leuchtet hat. Es kam ihm hierbei, wie immer, auf eine Lüge mehr oder weniger nicht an. Er hat die unwahre Behaup= tung aufgestellt, daß die vorangegangenen Regierungen in den Warenhäusern 400 Millionen Mark Staatskredite investiert hätten. Diese 400 Millionen wären für das deutsche Bolf verloren, wenn man die Warenhäuser abschaffen würde. Deshalb, so erklärte Goebbels, mußten wir etwas tun, was wir prinzipiell für falsch hielten, weil es taktisch richtig war." In Wirklichkeit wird wieder einmal damit erneut der Beweis erbracht, daß die feieri. hen Versicherungen der nationalsozialistischen Führer, die sie vor der Machteroberung abgegeben haben, sie würden zur Gesundung des Mittelstandes die Warenhhäuser und Einheitspreisgeschäfte abschaffen, eine bewußte Irreführung waren. Dr. Schacht als Vertreter der Bank- und Börsenfürsten, die die Nationalsozialisten ebenfalls zu bekämpfen vorgaben, betreibt einen ausgesprochenen großfapitalistischen Wirtschaftsfurs. Das ist auch der eigentliche Grund, weswegen jezt plötzlich die Warenhäuser verhätschelt worden. Und die Drehs des Herrn Goebbels können auf keinen denkenden Menschen einen Eindruck machen. Sie beweisen nur, daß die Nationalsozialisten auf den Kampf gegen die Warenhäuser verzichtet haben. Ohricige für Streicher Er wird von einem kleinen Friseur besiegt Vor einigen Tagen ist in Nürnberg ein fleines Friseurgeschäft geschlossen worden. Der„ Wucherer" wurde abge= führt, und das Bild des„ Saboteurs am Aufbauwerk" prangte in Streichers Frankfurter Tageszeitung". Uebrigens haben wir noch nie ein so intelligentes Geficht in diefem Blatte gesehen. Streichers Triumph war nur von furzer Daner: Jetzt gibt der Reichskommissar für Preisüberwachung bekannt, „ daß jeder Friseur hinsichtlich seiner Preisgestaltung völlig frei iit: er ist nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, die Preise für seine Leistungen selbst zu berechnen. An Preisfestießungen irgendwelcher anderer Stellen ist kein Friseur gebunden. Insbesondere sind die Innungen nicht befugt, Preise vorzu= schreiben". Müller- allein gelassen Die Altpreußische Union gegen ihn Berlin, 30. November. Auf Vorschlag des Reichsbischofs Müller versammelte sich gestern der Senat der Altpreußischen Union, um den juristischen Sachwalter dieser Kirche neu zu wählen. Der Senat hat den vom Reichsbischof Müller vorgeschlagenen Kand: daten abgelehnt und hat beschlossen, in seinen Funktionen als Sachwalter deft Dr. Werner zu bestätigen, der seit Juni 1933 sich von der offiziellen Reichskirche getrennt hatte, Freiheit der Priester 120 Mark Geldstrafe Ein spannender Prozeß spielte sich, so schreibt die Basler National- Zeitung", am Mittwochnachmittag im Lörracher Strafgerichtssaal ab, zu dem die katholische Geistlich= teit von Lörrach und Umgebung zahlreich erschienen war, ebenso die katholische Gemeinde von Stetten. Vor den Schranken, verteidigt von Rechtsanwalt Mayer, stand Stadtpfarrer Josef Hermann von Stetten wegen verbotener Flugblattverteilung. Laut Verordnung des Reichsinnenministers ist nicht nur das Flugblatt politischen, sondern auch religibién Inhalts verboten. Dagegen hat Pfarrer Hermann verstoßen, als er im August/ September d. J. an die Familien und übrigen Mitglieder seiner Pfarrei ein Flugblatt verschickte, das mit dem Rufe schlöß: „ Es lebe Chriftus der König". Der Urheber des Flugblattes war nicht auf demselben verzeichnet. Das Bezirksamt, dem das Blatt vorgelegt wurde, sprach gegen Pfarrer Hermann wegen Uebertretung des Verbots eine Geldstrafe von 120 Marf aus. Hiergegen legte der Geistliche Berufung ein. Aber auch der Strafrichter ließ seinen Einwand, es handle fich nicht um ein Flugblatt, sondern um einen Familienpfarreibrief, nicht gelten und bestätigte die ausgesprochene Geldstrafe in der genannten Höhe. Pfarrer Hermann nahm das Urteil mit dem Ausruf„ Es lebe Christus der König" entgegen, was ihm eine ernst e Rüge des Vorsitzenden eintrug... Am Pranger ,, Es gibt nichts...." Das„ Pfälzer Tageblatt"( Nr. 272) prangert aus Frantenthat an: „ Tas Winterhilfswerk teilt mit, es sei ihm insofern ein Irrtum unterlaufen, als berichtet wurde, daß Herr Rechnungsrat a. D. Amberger einen Betrag von 1000 Mart als Eintopfspende gegeben hatte. Tatsache sei, daß Herr Amberger seit Eröffnung des Winterhilfs= merfes 1984/35 feinen Pfennig gegeben hatte, obwohl er über ein monatliches Einkommen von 400 Mark verfüge. Die Sammler beim letzten Eintopfgericht seien von einem Billenfenster aus abgefertigt worden mit den Worten: „ Es gibt nichts. macht einen Strich hin!"" Wozu nur zu bemerken ist, daß die Spenden zum WinterHilfswerk vollkommen freiwillig sind. Uebrigens: daß ein Rechnungsrat schon so gegen die Schnorrer auftritt, läßt tief blicken. Unter der Ueberschrift„ An den Pranger!" berichtet der Beitungsdienst" des Reichsnährstandes: Wie die Kreisbauernschaft Neustadt a. d. H. mitteilt, wurden in den letzten Tagen im Weinhandel, mitunter auch beim Weinbau, erhebliche Verfehlungen gegen die Richtpreismaßnahmen des Reichsnährstandes festgestellt. Der Kreisbauernführer macht darauf aufmerfiam, daß in den allernächsten Tagen eine Veröffentlichung derjenigen Namen und Firmen erfolgen werde, die sich gegen die Maßnahmen des Reichsnährstandes pergangen haben." Paris, den 30. November. Die Unterhausdebatte ist hier das politische Ereignis des Tages. Viele Blätter geben sie ohne Kommentar wieder, manche nehmen bereits Stellung zu ihr. Die Bewertung der Debatie ist nicht einheitlich. Sehr fritisch äußert sich Wladimir d'Ormesson im ,, Figaro": Die Unterhausdebatte habe einen eigentümlichen Eindruck hinterlassen; sie habe ebenso viel Kraft, wie Schwäche offenbart. England habe sich wieder mit seinen unveränderlichen Vorzügen und seinen gewöhnlichen Fehlern gezeigt. Man entdecke von neuem wieder, daß es eine Nation ist, die ehrlich entschlossen ist und jeder Gefahr die Spitze bieten möchte und genau so entschlossen, nichts zu tun, um diese Gefahren zu vermeiden. Die Engländer leisten sich jeden Luxus, selbst den der Gefahr. Winston Churchills Rede, so meint d'Ormesson weiter, voll von Tatsachen und einschneidenden Einzelheiten, habe tiefen Eindruck gemacht. Er habe besonders die Luft= rüstungsfrage behandelt, die die britische Meinung am meisten interessiere. Vor 25 Jahren sei Eng= land durch die Entwicklung der deutschen Flotte beunruhigt gewesen, heute jei es durch die Entwicklung der Luftflotte beunruhigt: am Grundriß hätten also die Tatsachen nichts geändert. Auf die Anklage Churchills habe Baldwin gleichzeitig zustimmend und abschließend geantwortet. Seine Rede sei die Bestätigung einer Politif, eines Programms, aber auch Verhandlungsföder. Baldwin habe keine Schwierigkeiten gemacht, um die ungeheuren deutschen Rüstungsanstrengun= gen aufzuzeichnen, und die Wahrheiten, die er sagte, dürften einige Sensation in Berlin erregen. Baldwin wandte sich gegen das„ Geheimnis der deutschen Machenschaften" und gegen die dadurch verursachten Schwierigkeiten, selbst in deutschfreundlichen Ländern wie Skandinavien. Der Vorwurf jei begründet, aber ein wenig naiv. Deutschland konnte bei seinen Prozeduren nur gewinnen- die Tatsachen hätten es bewiesen da niemand und am wenigsten England sich dagegen gewandt habe. Das Wichtigste aber, was Baldwin erklärt babe, sei daß, welches immer auch die deutschen Ziffern und die deutschen Absichten sein mögen, England um jeden Preis entichlossen sei, sich in der Luft von Deutschland nicht über= holen zu lassen, sondern sich einen Ueberlegenheitsspielraum vorzuhalten. Um es furz zu machen, Baldwin habe erklärt: Schuld an der Besorgnis von Europa hat die Unkennt= nis über die Ereignisse in Deutschland. Das weiß das Reich. Es hat schon vor langer Zeit selbst den Schleier des Geheimnisses gelüftet. Es wird uns also möglich sein, die Entschlüsse, die gefaßt werden müssen, zu erörtern und zu prüfen." „ Bedeutet das, fragt d'Ormesson die Ankündigung eines Vorschlages über die deutschen Rüstungen? Sei das der Köder für Verhandlungen? Wir sahen die Stärke Englands, nun sehen wir seine Schwäche. Denn man mache schön vor Hitler. Er werde förmlich gebeten, selbst die ungeheuerlichen Verdrehungen zu erklären, die er bei den Verträgen vorgenommen habe, damit man diese Erklärungen buchen und wieder leicht auch atmen kann. Das jei keine Verhandlung, das sei eine Zollabgabe. Leichter atmen? Nach solcher Entmutigung und solcher Prämie für die geheimen Machenschaften"? Glaube denn England wirklich, daß es auf diese Weise Deutschland ver nünftig machen und beschränken fönne? Sei es denn durch die zehnmal wiederholten Versuche nicht aufgewacht?" Die gestrige Debatte sei nüßlich gewesen, da sie gezeigt habe, daß England von der deutschen Ausrüstung genaut Kenntnis habe und dagegen Front machen wolle. „ Populaire" stellt fest, es sei zu begrüßen, daß der= artige Reden nicht ausschließlich durch die englischen Militärs gehalten wurden, um eine Vermehrung der Rüstungen zu erreichen und daß sie im Gegenteil die englische öffentliche Meinung dahin bringen, sich die Aufgabe zu stellen, den Frieden in Europa zu organisieren und die Berantwortung zu übernehmen die eine solche Organization für ein großes Volf, wie die Engländer, nach sich zieht. Und im„ Midi" meint A.-L. Jeune in bezug auf die Unterhausverhandlungen: Im letzten Frühjahr habe man den Versuch von französisch- deutschen Verhandlungen gemacht. Dieser Verfuch habe nicht zum Ziele geführt. Berlin strenge sich jetzt an das, was ihm mit Barthon nicht ge= glückt sei, mit Laval wieder zu beginnen. Sei Laval nicht der erste französische Ministerpräsident gewesen, der sich nach Berlin begeben habe? Man lade ihn dabei ein, mit Hitler zu plaudern, wie er dies mit Brüning getan habe. Darum werde Herr von Ribbentrop zweifellos in einigen Wochen in Begleitung von Heß in Paris ein Ribbentrop habe sich nach London begeben. Welch schörer Spielbeginn wäre für ihn die Bürgschaft von Baldwin und vom englischen Außenamt! Kurz gesagt, Berlin ipiele seine Partie gestützt auf die französischbritische Zusammenarbeit, um zu einer französisch- deutschen Vereinbarung zu kommen. Im Intransigeant" weist Gallus darauf hin, daß Baldwin von seiner Rede vorher Frankreich, Deutschland, Italien und den Vereinigten Staaten Mitteilung gemacht und damit auf die Bedeutung, die er der Angelegenheit beimißt, hingewiesen habe.... Die ausgezeichnete Rede werde die Legende von dem armen, so bedrohten und eingefreisten Deutschland zerstören, das nur auf die Stärke seiner Waffent zählen könne, um der Sklavere und dem Tode zu entgehen. Es scheine, daß der Führer bereits dem englischen Botschafter. der nach London nach dieser Unterredung abgereift sei, gewisse Versprechungen gemacht habe. Und es werde behauptet daß die Rede Baldwins bereits gemäßigter gewesen sei auf Grund des Berichtes von Sir Eric Phipps Denn, wie der englische Minister erklärte, demnä ch it werde der Schleier des Geheimnisses ge= lüftet werden über das, was im Reiche ge ich ehe. Warten wir ab, so meint Gallus, aber notieren wir ab heute ein dem Frieden günstiges Zeichen: England habe den ersten Anstoß gegeben, um Erklä rungen zu fordern. Man könne sicher sein, daß Deutschland nicht wagen werde, es durch unverschämtheiten zu erbittern, noch es zu beunruhigen durch lügenhafte Ausflüchte. Laval soll mit Hitler reden" Paris, 29. November. Von unserem Korrespondenten Der Berliner Storrespondent des Paris Midi", Robert Lorette, weist darauf hin, daß man an zwei Tatsachen deutlich erkennen könne, in welcher Richtung sich in den letzten Wochen die Außenpolitik des dritten Reiches" entwickelt habe. Einmal handele es sich um 2ondon. Die Aussprache, die gestern im Unterhaus über die deutschen Rüstungen stattgefunden habe, habe in Berlin im voraus schon Besorgnis hervorgerufen. Das andere Mal handele es sich um Paris. Der Feldzug zugunsten direkter Besprechungen und die dringende Aufforderung an Pierre Laval, solchen Besprechungen geneigt zu sein, werde deutlich verstärft. Das Echo, das die Rüstungsdebatte im Unterhause habe, lasse deutlich erkennen, daß die Zeit vorbeijei, wo das Reich auf eine völlig isolierte Außent= politik hingearbeitet habe. Heute mache sich Deutschland Sorgen. Man wolle um jeden Preis, was die deutsche Rüstung anbelange, den gegenwärtigen Zustand der Tschechen eindliche Kundgebung in Berlin Aufgeputschte Studenten Berlin, 30. Nov. Die Aufputschung der nationalsozialisti chen Instinkte aus Anlaß der Vorgänge an der Prager Universität ist geglückt. Die Unzufriedenen, vor allem die Studenten, haben die fällige Ablenkung im grauen Alltag erhalten. Am schlimmsten ging es an der Technischen Hochschule in Berlin- Charlottenburg zu. Am Dienstag um 11 Uhr waren 2000 Studenten vor dem Hochschulgebäude marschbereit veriammelt. Der Reftor Prof. v. Arnim verkündete die Schließung der Hochschule für den Rest des Tages. Arnim entstammt aus Führer= freifen der A. und war Stellvertreter und Adjutant des Grafen Helldorf zur Zeit, als dieser die Berliner SA. kommandierte. Gegenwärtig bekleidet Arnim den Rang eines SA.- Oberführers Dieser Graf Arnim ist also zur Führung" der Technischen Hochschule in jedem Betracht geeignet. In einem viertelstündigen Marsch durch den Tiergarten begab sich der Zug zur tschechoslowakiichen Gesandtschaft. wo die Ansammlung durch TauDinge irgendwie legalisieren, nach Möglichkeit durch direkte Besprechungen, wie man sie in Paris versuche, oder durch diplomatische Unterhaltungen, wie es in London der Fall gewesen sei. Die deutschen Zeitungen, die eben noch hoch mütig auf das Ausland herabgesehen hätten, sprächen offen ihre Furcht vor Churchills Rede aus und vor der Haltung des englischen Parlaments. Auf der anderen Seite feierten fie als einen großen diplomatischen Erfolg die Tatsache, daß Sir John Simon den deutschen Botschafter empfangen habe, ebenso wie der Umstand, daß sich der englische Botschafter in Berlin mit Hitler unterhalten habe. In Berlin arbeitet man mit großem Fleiß daran, eine direkte Unterredung zwischen Hitler und Laval zustandezubringen. Darum solle wohl auch Hitlers Stellvertreter Heß nach Paris gehen, sobald Ribbentrop nach Berlin zurückgekehrt sei. Jedenfalls sei die Frage der französisch- deutschen Annäherung mehr als je das politische Tagesgespräch. Tatsächlich habe die„ Berliner Börsen zeitung" feinerlei Bedenken, auf ihrer ersten Seite die Ueberschrift zu drucken:„ Laval soll mit Hitler reden"; Paris und Berlin müssen sich verständigen". Umorganisation der Roten Armec Mostau, 30. November. Soeben ist hier eine Maßnahme auf militärischem Gebiet getroffen worden, die die größte Beachtung verdient. Auf Grund eines Erlasses des Volfskommissars für Kriegswesen, Woroschilow, ist ein Kriegsrat ins Leben gerufen worden, der aus 80 Mitgliedern besteht. Den Vorsitz in diesem Kriegsrat führt Woroichilow selbst. Seine Stellvertreter sind die stellvertretenden Volkskommissare für Gama nif. Kriegswesen Tuchatschewski und Tuchatschewifi ist bekanntlich der junge Sowjetgeneral gewesen, der im Jahre 1920 während des russisch- polnischen Krieges den erfolgreichen Vormarsch gegen Warschau leitete. Die übrigen Mitglieder des Kriegsrates feßen fich aus dem Chef des Generalitabes, den Armeekommandanten und den Chefs der verschiedenen Spezialwaffengattungen zusammen. Die Schaffung diefes Kriegsrates wird als ein Beweis dafür angesehen, daß Sowjetrußland sich auf alle Eventualitäten, insbesondere angesichts der japanischen und hitlerdeutschen Drohung, vorbereitet. jende von Vassanten und Neugierigen anschwoll. An den Haifa als Industriezen rum Fenstern des Gesandtschaftsgebäudes wurden eilig die eijernen Rolladen heruntergelassen. Auf der Straße ertönten Sprechchöre; die mitgebrachten Transparente mit der Inschrift:„ Wir protestieren gegen Prag!" wurden emporgehalten, und die Studenten sangen das Lied von Ernst Moritz Arndt: Der Gott, der Eisen wachsen ließ. der wollte keine Knechte! Darum gab er übel, Schwert und Spieß Anlage ist bereits fertiggestellt. Sie umfaßt eine mo= dem Mann in eine Rechte. Ein Redner aus den Kreifen der Studenten bestieg ein am Eingang der Gesandtschaft errichtetes Podest und gleißelte das Verhalten der tschechoslowakischen Regierung, ermahnte aber zugleich die Studenten.„ Disziplin" zu üben. Ein großes Polizeiaufgebot, das vor der Gefandtschaft er= schien, um abfällige Ausschreitungen zu verhindern, be= schränkte sich darauf, der Demonstration& uzusehen, die sich nach Abwicklung des Programms wieder zerstreute. Haifa, 16 Nov. Haifa entwickelt sich immer mehr und mehr zum Zentrum der palästinensischen Schwerindustrie. Das nächste große Industrieunternehmen, das dort eröffnet wird, ist das der Palästinensischen Hütten- und Metallwerte( Palestine Foundries and Metal Works Ltd.), die unter der Leitung eines aus Deutschland stam menden Fachmannes, A. Kremener, stehen, der in Deutschland ein großes Unternehmen gleicher Art geleitet hat. Die derne Gießerei mit Schmelzöfen, ein Eisen walzwerf und ein Metallwalzwerk. In dem Unternehmen, das den Betrieb demnächst aufnimmt, werden 350 Arbeiter beschäftigt sein.- DiePalestine Electric Corporation arbeitet ar der Fertigstellung ihrer neuen großen Transformator Station in Haifa, die in etwa einem Monat in Betrieb gesetzt werden wird. Neben dem ständigen Personal werden beim Bau der Station und bei der Auf* stellung der Maschinen über 400 Personen beschäftigt.. 13. Für DEUTSCHLAND gegen HITLER JANUAR Was ist Sozialismus? Die deutsche Saarstunde sagt es Da hat man nun bisher geglaubt, Sozialismus sei ein gemeinnüßiges planmäßig geordnetes Wirtschaftssystem, eine hochkultivierte flaffenlose Gesellschaftsordnung, ein nach höchsten Erziehungsidealen strebendes Menschentum. Wie hat man sich geirrt! Wie schwer haben sich ein Jahrhundert Denker aller Wissenschaften, Ethiker und Religions philosophen das Leben gemacht, indem sie Wege und Ziele des Sozialismus zu erforschen trachteten. Adolf Hitler und die Seinen erfanden dafür den„ Sozialismus der Tat", den man in früheren liberalistischen, marxistischen oder auch christlichen Zeitaltern einfach Wohltätigkeit und Almosen nannte, und schon war der Sozialismus in Deutschland verwirklicht. Verzerren wir? Uebertreiben wir? Nein! Was bot uns zum Beispiel am Donnerstagabend die Saarstunde! Sie brachte irgend einen in jeder Beziehung ungeschulten Arbeiter von der Saar an das Mikrofon, und da mußte er erzählen, daß und wie er in Deutschland den Sozialismus gefunden habe, den es sonst in der Welt nicht gäbe, am wenigsten aber im Saargebiet. Der gute Junge, von Suggestivfragen des Ansagers geführt, erzählte also, daß er mit einem Trupp saarländischer Erwerbsloser nach Deutschland eingeladen und dort bei einem„, besseren Beamten"( wörtlich) als Gast einquartiert worden sei, und das sei doch Sozialismus. Für noch mehr Sozialismus aber hält es dieses Prachtexemplar eines saarländischen Arbeiters, daß dieser„ bessere Herr" sich sogar mit ihm unterhält, als wäre er seines= gleichen. Das ist dem guten Jungen, wie er stotternd vortrug, bisher nicht vorgekommen, und davon ist er so beglückt, daß er auf wiederholte dringende Frage bestätigt, in Deutschland sei der Klassenfampf abgeschafft, weil es feine Klassengegenfäße mehr gebe: Nichts gegen diesen armseligen Burschen von der Saar, dem die hitlerdeutsche Propaganda nicht um seinetwillen, sondern um ihrer Saarangst willen ein paar gute Tage verschafft hat! Er steht aber unter dem geistigen und moralischen Niveau des kämpfenden Arbeiters auf der Stufe des Sklaven, der beglückt ist, wenn ihm sein Herr ein Trinkgeld reicht. Was aber muß die Welt außerhalb Deutschlands von einem Lande halten, in dem die amtliche Propaganda noch tief unter die Traftätchenliteratur irgend einer Sekte sinkt. Ein Glück, daß die jetzt drüben Regierenden nicht wissen, welches Maß von kritischem und positivem Wissen die marristisch geschulten Arbeiter besitzen. So wirkt denn diese Sorte Propaganda gegen den„ Sozialismus der dummen Kerle" und für die Notwendigkeit einer ökonomischen und ethischen sozialistischen Revolution. Dreiste Judenhetze an der Saar Wo bleibt da die ehrliche, freie und Anhänger einer bestimmten Richtung gestempelt, wobei unbeeinflußte Abstimmung? Das auf Veranlassung des Saarfommissars Bürckel von den Nazis gekaufte Westland" zeigt mit anerkennenswerter Offenheit die Pogromfraße des Nationalsozialis mus. Nazi- ,, Westland" hat Stürmer Niveau", das jagt alles. Zugleich wird wieder einmal der eremplarische Bweis dafür erbracht, daß die Nationalsozialisten sich um feinerlei Vereinbarungen und Zusicherungen fümmern. Das Blatt, für das verantwortlich ein gewisser Richard Adt zeichnet, zeigt nichts als eine üble schmutzige Heze gegen die Anhänger des Status quo, insbesondere gegen die jüdische Minderheit an der Saar. Das Blatt veröffentlicht u. a. eine Liste von angeblichen An= hängern des Status quo. Es handelt sich hierbei ausschließlich um saarländische Juden, die angeblich Geld für die Front des Status quo gezahlt hätten. Zunächst ist die Feststellung notwendig, daß diese Liste gefälscht ist. Sie enthält nicht nur falsche Adressen und Namen von Toten, sondern auch Namen von jaarländischen Juden, die infole ihrer schwieriaen materiellen Lage überhaupt keine Spenden geben konnten. Darüber hinaus aber enthält diese Liste zahlreiche Personen, bei denen das Naziblatt nicht angibt, ob sie überhaupt irgendeinen Betrag gezeichnet hätten. Ein Uneingeweihter muß sich deshalb die Frage stellen, wozu eigentlich diese Namen veröffentlicht wurden. Aber das Blatt verrät selbst seine Absicht. Es schreibt: „ Die meisten( von den in der Liste angegebenen Personen) waren von vornherein gar nicht in der Lage, ge= mäß ihrer Gesinnung für Deutschland einzutreten. Den Deutschen an der Saar sind diese Zeitgenossen( gemeint sind die Juden, d. Red.) im allgemeinen bekannt. Wir veröffentlichen aus der Liste die Namen der Anhänger des Status quo, die in einigen Orten des Saar: gebiets wohnen... Man wird wahrscheinlich über die Summen, aber nicht über die Namen erstaunt sein, diese Richtung, vom Standpunkt des dritten Reichs", ein mit dem Tode bestrafter Landesverrat darstellt. Kein Mensch darf, nach den geltenden Bestimmungen, so weit er nicht selbst das tut, im voraus als Anhänger der einen oder anderen Richtung bei der Abstimmung öffentlich augeprangert werden. Darüber hinaus wird in dem Blatt wiederholt die Anordnung der Abstimmungsfommission vom 12. November über das Verbot der Beschimpfung der gegne rischen Abstimmungspartei mißachtet. Auf Seite 5 des Blattes findet man u. a. ein großes Inserat:„ Die Saar will den Frieden ohne Verräter und Betrüger, ohne Status quo." Immer wieder werden in dem Blatte die Anhänger des Status quo als Separatisten und Landesverräter beschimpft. Wir sind also schon so weit gekommen, daß hier an der Saar, vor den Augen des Völkerbundes, und trotz aller Verordnungen der Regierungskommission, ungestraft eine Pogrombezze inszeniert, die jüdische Minderheit offen nach dem Vorbild von Streicher diffamiert, und das Wahlgeheimnis gebrochen werden fann. Kann man wirklich unter all diesen Umständen nach der Herausgabe eines solchen Hezblattes noch von einer freien und ehrlichen Abstimmung ohne Terror sprechen? Wir verlangen und erwarten, daß in diesem Falle den braunen Hezern gegenüber ein solches Erempel statuiert wird, daß den Herrschaften die Lust an der Pogromheze vergeht. Ein Teil der Auflage des Schmutzblattes ist im übrigen bei Gebrüder Hofer, AG., Saarbrücken, gedruckt worden. Wir fragen: Welche Maßnahmen gedenkt man gegen diese Druckerei zu treffen, damit die Herren von Hofer freres" wissen, daß sie nicht ungestraft jedes Schmier-, Hetz- und Bogromblatt drucken und verbreiten dürfen? woraus jich ergibt, daß die betreffenden Das Schicksal der Saar- Juden Zeitgenossen wie bisher ohne Gefahr unter uns leben können." Hier handelt es sich um eine nicht einmal versteckte Aufforderung zum Pogrom. Denn man kann diese Worte nicht anders verstehen, als daß im Falle der Rückgliederung die Zeitgenossen, d. h. die Juden, insbesondere die, deren Namen im Blatte veröffentlicht worden sind, nicht mehr „ phae Gefahr im Saargebiet" leben können. Wenn man dazu den Leitartikel dieses Schmutzblattes liest, der den Titel Hände ho ch" trägt, wenn man dort in bezug auf die Juden test:" tr rufen dem entgegen: Hände hoch", hier wird nicht einfach eine eilige Flucht nach Forbach, Straßburg oder Metz angetreten", so kann man an dem Sinn der oben zitierten Pogromdrohung nicht mehr zweifeln. Die Veröffentlichung dieser Liste stellt ferner einen Bruch des Abstimmungsgeheimmisses dar. Eine bestimmte Kategorie von Menschen, die geheim abstimmen sollen, werden nach außen hin als Genf, 30. Nov.( 3TA.) Dr. Nahum Goldmann, Vorsitzender des Comité des Délégations Juives und der Exekutive für den Jüdischen Weltkongreß, der vor kurzem in Paris mit dem französischen Außenminister Pierre Laval vor dessen Abreise nach Genf eine längere Unterredung hatte, traf während seines Aufenthaltes in Genf mit dem Vorsitzenden des Rates des Völkerbundes und Außenminister der tschechoslowakischen Republik Dr. Edouard Benesch, mit einem Mitglied der englischen Völkerbund- Delegation, mit dem Volkskommissar des Aeußern der Sowjetunion M. Litwinow, mit dem rumä nischen Außenminister Titulescu und mit einer Anzahl anderer Delegierter der Völkerbundversammlung zusammen. In allen diesen Unterredungen mit den Staatsmännern setzte Dr. Nahum Goldmann u. a. die Notwendigkeit eines internationalen garantierten Schutzes der Rechte der indi: schen Einwohner der Saar für den Fall der Rückgab Gebietes an Deutschland auseinander. Der Goebbels- Korruptionssumpf an der Saar Die Saar Volksstimme" bringt einen Artikel über die Zusammenhänge des„ Westland"-Verkaufs, dem wir in Ergänzung zu unseren gestrigen Ausführungen folgendes entnehmen: Weder der Verlag noch die Redaktion der„ Volksstimme" hat mit Verkauf von„ Westland" etwas zu tun gehabt. Wir mußten nichts von diesem streng geheim gehaltenen Geschäft, bis die Tatsache des Verkaufes vor 14 Tagen durch einen Zufall bekannt wurde. Da dieser Zufall in der Person des Bevollmächtigten der neuen Besizer, Herrn Mamelock, verkörpert war, so war es uns von vornherein flar, daß es sich um eine ganz dunkle Angelegenheit handelte, und wir haben von Anfang an die Ueberzeugung gehabt, daß die Käufer von„ Westland" mit hitlerdeutschem Geld gearbeitet haben. Aus dieser Sachlage ergab sich für uns eine doppelte Aufgabe: Erstens zu verhindern, daß ,, Westland" in irgendwelchem nichtgleichgeschalteten und erst recht nicht in unserem Verlage erscheint und zweitens zurückhaltend zu bleiben, bis unsere Ueberzeugung durch einwandfreie Beweise auch für die breiteste Oeffentlichkeit belegt wird. Diese beiden Ziele sind jetzt erreicht. Das„ Westland" ist in einem Verlag der braunen Front erschienen. Die Agenten von Goebbels und Bürckel waren nicht im stande, ihren Auftrag durchzuführen und mußten sich jetzt schon demaskieren. Man braucht jetzt keine komplizierte Beweisführung mehr, die zwar für einen engeren Kreis, aber nicht für die breiteste Deffentlichkeit überzeugend wirken konnte. Jetzt sind die Tatsachen da, die absolut klar und eindeutig sind. Unser Ziel war, das niederträchtige und gefährliche Manöver zum Scheitern zu bringen, und das haben wir erreicht. Die Herren Goebbels, Bürckel und Konsorten haben keine einzige von ihren Absichten verwirklichen fönnen. Sie haben einen rheinländischen Separatisten, Weißenberg, als Mittelsmann eingeschoben, um dann behaupten zu können, daß die Anhänger vom Status quo dasselbe sind, wie die rheinländischen Separatisten. Nun ist dieser rheinländische Separatist jetzt formell Be= fiber eines Organs der braunen Front und nicht einer hitlergegnerischen Zeitung. Es bestand die Absicht, den Eindruck entstehen zu lassen, daß das schmutzige Geschäft mit französischem Geld getätigt worden sei. Jetzt ist es offensichtlich geworden, daß kein französisches Geld, sondern das Goebbelsgeld als Korruptionsgeld an der Saar verwendet worden ist. Es bestand die Absicht,„ Westland" solange wie möglich mit seiner bisherigen politischen Richtung erscheinen zu lassen, um dann plößlich mit großem Krach unmittelbar vor der Abstimmung die angebliche Korruption der Hitlergegner zu enthüllen. Das ist nicht gelungen, dagegen ist der stinkende Sumpf der Goebbelsschen Korruption ans volle Licht des Tages gebracht worden, Das Manöver ist mißlungen. Keine einzige Partei und feine einzige politische Persönlichkeit, die im Freiheitskampf an der Saar steht, ist durch das Geschäft fompromitiert worden. Der Verkauf von„ Westland" war feine politische Handlung, sondern eine rein persönliche Angelegenheit. Die Herren, die diesen Verkauf getätigt haben, haben zweifelsohne mit strafbarer Unvorsicht gehandelt. Die Verantwortung für diese unglaubliche Unvorsicht, für die ungeheuerliche Tatsache des Verfauses eines politischen Organs an dunkle Persönlichkeiten und ohne' ge= naue Kenntnis der Geldquellen, tragen die Herren, die das„ Westland" verkauft haben und sie allein. Nicht nur die Verhandlungen, sondern auch der Abschluß des Geschäftes wurde vor allen poli..Noch fünfzig Tage" Unter dieser Ueberschrift läßt sich die Basler„ National 3eitung" aus Berlin berichten: Berlin, 26. November. Noch fünfzig Tage trennen uns vom 13. Januar, da das Volk an der Saar sich entscheiden muß, ob es wieder zu Deutschland geschlagen werden will. Die reichsdeutsche Propaganda für diesen Tag ist eine gewaltige. Ihr Echo in der deutschen Oeffentlichkeit ist jedoch nicht allzu groß. Das Publikum verhält sich dagegen meistenteils recht gleichgültig und resigniert. Diese Menschen bedrängt ja so manches, das ihnen viel wichtiger erscheint, als gerade die Frage, ob 700 000 Saarländer wieder deutsche Staatsbürger werden sollen oder nicht. Es ist nämlich nicht ganz so, wie der Pariser Korrespondent der„ Frankfurter Zeitung" schreibt, daß das deutsche Volk, sicher gemacht durch das Dritte Reich, den Ereignissen mit überlegener Ruhe zuschaue, während die andern vor Unruhe, Unsicherheit und Kriegspanif schier verzappelten. Gewiß sind die Franzosen unruhig. Als ob aber die Deutschen sich geborgen fühlten wie in Abrahams Schoß? Man mag nun in Berlin hinhören wo man will: wer raunt und flüstert nicht alles pon kommenden unaufhaltsamen Kataklismen und vom Krieg, den doch fast jeder verabschent; denn der seelische Zustand ist im Grund genan so, wie ihn der Korrespondent des Frankfurter Blattes in Frankreich sieht: ein Publikum, das sich ständig einreden läßt, der Krieg sei auf die Dauer doch nicht zu vermeiden, resigniert endlich, wenn schon, dann in Gottes Namen". Die Ergebung ins scheinbar Unvermeidliche läßt somit auch hierzulande nichts zu wünschen übrig; wohl die meisten sagen sich, mögen die Saarländer abstimmen, wie sie wollen, schließlich kommt alles doch nur schief heraus. Der ausländische Beobachter muß sich immer wieder fragen, wenn tischen Persönlichkeiten des Sadigonis geheim gehalten. Für uns war der monatelang hinterlistig geführte Angriff gegen unsere Presse eine Prüfung, und wir dürfen heute mit voller Befriedigung feststellen, daß wir diese cüfung überstanden haben. Nicht wir sind die Blamierten, sondern in erster Linie die Herren Goebbels, Bürckel und Konsorten. Diese Herren haben gezeigt, welche Angst sie vor uns haben. Sie haben feine Hoffnung mehr, in einem ehrlichen Kampf gegen uns den Sieg davonzutragen. Deshalb versuchen sie es mit der Niedertracht, Hinterlist und Korruption. Eine Sache, die mit solch widerwärtigen Mitteln vertreten wird und nur mit solchen Mitteln vertreten werden fann, ist eine verlorene Sache. Nicht Hinterlist und Korruption, sondern ehrlicher Kampfwille und sau= bere Gesinnung werden an der Saar siegen. Und das bedeutet, daß wir die Sieger von morgen sind! schon die deutsche Presse unter der Diktatur steht, warum denn wird ihr nicht mehr Zurückhaltung diftiert, oder soll das Publikum am Ende gerade deswegen in Atem gehalten werden, weil die Unruhe höheren Orts gewünscht ist? Die deutschen Widersprüche nehmen kein Ende. Eine Artikelserie über das Saarland, die recht aggressiv zu werden verspricht, gibt z. B. der„ B. 3. am Mittag" Anlaß, den Teufel an die Wand zu malen. Das für alle Möglichkeiten zu Recht verfügte Bereitstellen einer französischen Division in ihrer Heimatgarnison nennt das Blatt provozierendes Säbelgerassel" und wirst die Frage auf, ob aus dem Saarplebiszit etwa das„ Serajewo eines neuen Weltkriegs" werden solle. Besonders die Provinzpresse stroßzt von antifranzösischen Verdächtigungen, in Hunderten von Varianten ist Frankreich dargestellt als der böse Geist, der Tag und Nacht nur darauf sinne, wie er deutsches Lebensrecht zu Schanden machen und sich an Deutschland vergreifen könnte. Der Verdacht gegen Frankreich wird übrigens gleich auf die ganze Welt ausgedehnt. Wenn das deutsche Volf alles glaubte ( leider glaubt es manches), was in der gleichgeschalteten Presse steht, dann müßte seine Vorstellung von der Welt eine fürchterliche sein. Oder ist es wirklich so, daß an allem Unglück, das Deutschland auch heute trifft, nur die eingeborene Bösartigkeit der andern schuld sei? Die nationalsozialistischen Friedensbeteuerungen und Angebote sind zweifellos ehrlich gemeint, sie müssen es ja sein, denn wenn sie vielleicht auch feinem tiefen Herzensgrund entspringen so entstammen sie jedenfalls der Kenntnis der Wirklichkeit, und das ist die gegenwärtige eigene Schwäche. Aber warum dann die ganz anders lautende Bearbeitung des Volkes durch die Presse? Fordert die Taktik den Unglauben der andern nicht geradezu heraus? Hitlerismus gegen Katholizismus Unversöhnliche Gegensätze Aus dem gleichen, der Idee der Ehre abgewandten Denken ist die Form der kirchlichen Fürbitte zu begreifen. Auf Grund der Beschlüsse der Konzilien zu Lyon, Florenz und Trient wurde mit Stimmenmehrheit der Läuterungszustand zwischen dem Leben einerseits und der ewigen Verdammnis bzw. der ewigen Seligkeit andererseits eingeführt und der Kirche die Macht zugesprochen. durch ihre Fürbitte das Purgatorium zum guten Ende zu führen. Entkleidet man diese Lehre all ihrer Verbrämungen, d. h. nimmt man sie so, wie sie gemeint ist: nämlich nicht als wirkliche Fürbitte und seelisches Gedenken eines Dahingeschiedenen, sondern als einen Aft, der den Gang der Seele auch nach dem Tode beeinflußt, so haben wir den gewöhnlichsten 3 au berglauben, wie ihm die Südseevölker noch heute huldigen. Philosophisch betrachtet, stehen die Glaubenssäße vom Ablaß und der wirksamen Fürbitte( nebst einer Unzahl anderer. von der Lehre vom Skapulier bis zu den heiligen Delen und wundertätigen Reliquien) auf der Höhe einer Weltanschauung, deren Typus der Medizinmann ist. Der Medizinmann, dessen Gebet Regen bringt oder verhindert. dessen Fluch tötet, der mit Gott( oder den Göttern) einen Vertrag geschlossen hat, und ihn( oder sie) zu allem zwingen oder doch beeinflussen kann durch zauberhafte Gebräuche. Der Medizinmann als dämonische Figur fann selbständiges Denken seiner Anhänger ebensowenig brauchen wie ehrbewußtes Handeln. Er muß folgerichtig, um seine Stellung zu sichern, das eine wie das andere mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auszuscheiden bemüht sein. Er muß alle allzu menschlichen Aengste und hysteri, chen Anlagen großzüchten. Er muß Herenwahn und Dämonenzauber predigen; er muß mit Inder, Feuer und Schwert alles Forschen unterbinden, das zu anderen Ergebnissen führen kann, pder gar zur Befreiung von dem ganzen vom Medizinmann gelehrten Weltbild. Der Medizinmann muß einen Roger Bafon genau so in den Kerker werfen, wie einen Galilei; er muß das Werk des Kopernikus in Acht und Bann erflären und alle Gedankensysteme zu vernichten trachten, die Ehre, Pflicht und Männertreue also auf hochwertige Berfönlichkeit abgestimmte Lehren als lebensaestaltende Mächte behaupten wollen. Den Versuch schildern. die zauberhaft dämonische Weltauffassung des Medizinmannes weltpolitisch durch= zusetzen, heißt römische Dogmen und Kirchengeschichte treiben. Alfred Rosenberg, der vom Führer und Reichskanzler mit der weltanschaulichen Erziehung der Nation beauftragte Theoretiker des Nationalsozialismus in seinem Buche Der Mythus des 20. Jahrhunderts". Eine Wertung der seelisch- geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, 13.- 16. Auflage, Seite 172, 173, 174. Das Buch ist von der nationalsozialistischen Regierung allen Lehrerbibliotheken als geeignet empfohlen und in vielen Fällen auch katholischen Büchereien zwangsweise eingegliedert worden. Saarkongreß der Jugend Nur noch drei Wochen, dann findet der Saarfongreß der Jugend statt. Dret Wochen, dann werden in Saarbrücken die Delegierten der gesamten Saarjugend eintreffen. Sie kommen aus den Ausbeutungshollen der Könige von Stahl und Eisen. Sie kommen aus den Schächten des schwarzen Diamants, aus allen Jugendorganisationen, die für die Freiheit der deutschen Saarjugend sind. In Saarbrücken wird diese Tagung stattfinden. In Saarbrüden werden wichtige Entscheidungen getroffen werden. Die Saarbrücker Jugend muß an der Spizze dieses Kampfes marschieren. Deshalb richten wir an alle Jugendgenossen des KJV., der SAJ., an alle Mitglieder der Arbeitersport- und Kulturorganisationen, an alle Jungkollegen der Gewerkschaften Saarbrückens den Ruf, mit uns eine breite Mobilisierung der Saarbrücker Jugend vorzunehmen. Für Groß- Saarbrücken sindet deshalb am Freitag, dem 30. November, 20 Uhr. Restaurant Bum Stiefel", ein General appell der Mitglieder dieser Organisationen statt. Reiner darf bei dem Kampf um die Befreiung der deutschen Jugend beiseite stehen. Alle heraus! Friß Nikolay, Ernst Braun. Als die katholische Kirche noch frei war Wir bringen den Katholiken an der Saar nach stehenden Briefwechsel in Erinnerung. Da s kulturpolitische Programm der NSDAP. besteht unverändert, also muß auch der kirchliche Standpunkt noch derselbe sein: Die Gauleitung der NSDAP. in Offenbach a. M. hat eine Anfrage an die kirchliche Behörde gerichtet bezüglich ihrer Stellung zu ihr und sie hat im Hessenhammer vom 2. Oktober 1930( Nr. 40) veröffentlicht. Der Badische Beobachter vom 5. Oktober zitiert folgende Anfrage und Antwort: Anfrage an den Bischof von Mainz! Kapitel: Religion und Politif. Nationalsozialistische Teutsche Arbeiterpartei( Gau Hessen) Abt.: Presse. Offenbach, den 27. Sept. 1930. An das Bischöfliche Ordinariat Mainz. Nach einem uns vorliegenden Bericht soll der hochwürdige Herr Pfarrer Weber von Kirschhausen im Verlauf der Predigt, die er im Rahmen des feierlichen Hochamtes hielt und die sich lediglich gegen uns Nationalsozialisten richtete, ge= sagt haben, daß er auf seine Anfrage beim Bischof erklärt bekommen habe: 1. Jedem Katholiken ist es verboten, eingeschriebenes Mitglied der Hitlerpartei zu sein. 2. Jedem Mitglied der Hitlerpartei sei nicht gestattet, in forporativer Zusammensetzung an Beerdigungen oder sonstigen Veranstaltungen teilzunehmen. 3. Solange ein Katholik eingeschriebenes Mitglied der Hitlerpartei jet, könne er nicht zu den Sakramenten zugelassen werden. Diese Behauptungen des hochwürdigen Herrn Pfarrers Weber sind so überaus merkwürdig, daß wir in aller Form anfragen müssen, ob der Bischof von Matuz tatsächlich das gejagt hat. Wegen der Dringlichkeit der Sache bitten wir um sofortigen Bescheid! Mit deutschem Gruß! Die Antwort gez.: Erich Berger. Mainz, den 30. September 1930. Bischöfliches Ordinariat. Betr. Stellungnahme zur NSDAP. Auf die Anfrage vom 27. September 1930 Wir haben dem Pfarrer von Kirschhausen auf seine Anfrage. welche Stellung er gegenüber der NSDAP. einzu= nehmen habe, die in ihrem Bericht enthaltenen Anweisungen gegeben. Wir mußten die Anweisungen geben, da das Programm der NSDAP. Säße enthält, die sich mit fatholischen Lehren und Grundsäßen nicht vereinigen lassen. Namentlich ist es der Paragraf 24 des Programms, den fein Katholik annehmen kann ohne seinen Glauben in wichtigen Punkten zu verleugnen: 1. Paragraf 24 sagt in seinem ersten Teil:„ Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden." Wir fragen: Welche religiösen Bekenntnisse gefährden deir Bestand des Staates? Es hat eine Zeit gegeben, wo man in Deutschland die fatho lische Religion für staatsgefährlich hielt; es ist die Zeit des Kulturkampfes, in der sogenannte nationale Kreise die fath. Kirche mit allen Mitteln zu unterdrücken suchten. Daß auch anerkannte Führer der NSDAP die katholische Kirche zu den staatsgefährlichen Bekenntnissen rechnen, beweist ein Wort von Gottfried Feder( MDR.):„ Leute, auch wenn sie deutsch geboren werden, die sich aber bewußt zerstörend gegen das deutsche Volk. gegen den Staat, wenden, ihre politischen Befehle vom Ausland empfangen und befolgen( damit sind offenbar die Katholiken gemeint) gehören nicht zur deutschen Schicksalsgemeinschaft, sie können also auch nicht staatsbürgerliche Rechte ausüben, so wenig wie ein Jude, und manchen werden wir noch auszuschließen haben von der Ehre des deutschen Staatsbürgerrechts"( das Programm der NSDAP. und seine weltanschaulichen Grundgedanken S. 32). 2. Der Paragraf 24 sagt in seinem zweiten Teil:„ Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Raise verstoßen." Wir fragen: Was ist Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Raise? Wie verhält sich dieses germanische Sittlichkeits- und Moralgefühl zur christlichen Moral? Das christliche Eittengesetz gründet sich auf die Nächstenliebe. Die nationalsozialistischen Schriftsteller anerkennen dieses Gebot nicht in dem von Christus gelehrten Sinn; sie predigen Ueberschätzung der germanischen Raffe und Geringschäßung alles Fremdrafsigen( j. Programm § 4 ff.) Dieic Geringschäßung, die bei vielen zu vollendetem Haß der fremden Rasse führt, ist unchristlich und unfatholisch. -Das christliche Eittengesetz ist ferner allgemein, es gilt für alle Zeiten und für alle Rassen. Es ist deshalb ein großer Irrtum zu fordern, daß das christliche Bekenntnis dem Sitt lichkeits- und Moralgefühl der germanischen Raise angepaßt werde. Uebrigens entscheidet in Sachen der Religion nicht das Gefühl, sondern Verstand und Wille. 3. Der Paragraf 24 sagt in seinem dritten Teil:„ Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Be fenntnis zu binden." Wir fragen: Was ist hier unter positivem Christentum zu verstehen? Die Führer der NSDAP. wollen einen deutschen Gott, ein deutsches Christentum und eine deutsche Kirche. Gottfried Feder sagt:„ Gewiß wird. dereinst auch das deutsche Volk eine Form finden für seine Gotteserkenntnis, sein Gottesleben, wie es sein nordisches Blutsteil verlangt, gewiß wird erst dann die Dreieinigkeit des Blutes, des Glaubens und des Staates vollkommen sein"( a. a. D. E. 49). Was hier gefordert wird, ist nichts anderes als eine deutsche Nationalfirche. Klarer wird dies ausgesprochen von Rudolf Jung, dem Mitgründer der NSDAP., Abgeordnetem in Prag, der in seinem Buche" Der nationale Sozialismus" folgendes ausführt:„ Unser Streben fassen wir furz unter dem Namen Volkskirche zusammen. Wir denken dabei aber keineswegs an die Gründung einer neuen Kirche. noch weniger an den Eriaß des Christentums etwa durch einen erneuerten Wodansglauben. So groß und gewaltig dieser auch war und so sehr wir ihm in der Erinnerung nachhängen, hat er sich doch vor nahezu einem Jahrtausend auch im Norden, seiner lebten Zufluchtsstätte, überlebt und ist dort zum Gößendienst herabgesunken... Wenn wir von einer deutschen Volkskirche reden, so denken wir dabei an eine Verschmelzung der beiden in deutschen Landen ausgebreiteten Kirchen. Sie müßte im Lossagen vom römischen Zentralismus, dem internationalen Geist und dem Alten Testament, diesen wesentlich jüdischen Dingen, be stehen und das Werf deutscher Priester sein, die ihr Volk lieben und von seinem Geiste durchbrungen sind"( S. 105 ff). Durch diese Auffassung von Religion geraten die Nationalsozialisten in eine feindliche Stellung zur fatholischen Kirche, weshalb auch von nationalsozialistischen Rednern in Volksversammlungen wiederholt der Gedanke ausgesprochen wurde:„ Unser Kampf gilt Juda und Rom". Wohl hat Hitler in seinem Buch„ Mein Kampf" einige anerkennende Worte. über die chriftliche Religion und katholische Einrichtungen geschrieben, aber das täuscht uns nicht darüber hinweg, daß die Kulturpolitif des Nationalsozialismus mit dem fatholischen Christentum im Widerspruch steht. Vorstehende Ausführungen geben Antwort auf die Fragen: Kann ein Ratholif eingeschriebenes Mitglied der Hitlerpartei sein? Kann ein katholischer Pfarrer gestatten, daß Mit glieder dieser Partei korporativ an firchlichen Beerdigungen oder sonstigen Veranstaltungen teilnehmen? Kann eint Katholik, der sich zu den Grundsäßen dieser Partei bekennt, zu den heiligen Sakramenten zugelassen werden? Wir müssen dies verneinen. An die Dr. Mayer Geschäftsstelle der Gauleitung der NSDAP.( Abt. Presse) * Schornalistik Offenbach a. M. Friedrichsring 30. Wie wirkliche ,, Greuelmärchen" entstehen In Saarbrücken erscheint als Organ der deutschen Front" ein„ Abendblatt", das am 29. November folgenden Notruf in eigener Sache veröffentlicht: Am 23. August haben sich auf der Geschäftsstelle des „ Saarbrücker Abendblatt" telefonisch einige Zeugen ge= meldet, die gesehen haben wollen, daß am vorausgehenden Abend am Malstatter Markt Flugblätter für die Sulzbacher Kundgebung aus dem Wagen des Ueberfallfommandos fielen. Diese Zeugen, und sonstige Personen, die sachdienliche Angaben machen können, werden gebeten, sich sofort bei Herrn Rechtsanwalt Dr. Böhler, Bahnhofstraße 52, Telefon 209 76, nach Büroschluß 241 49, zu melden. A. Schorn. Mithin Tatbestand: Im August hat dieses Organ der „ deutschen Front" behauptet, aus einem Wagen des Ueberfallkommandos seien Flugblätter für die bekannte Sulzbachkundgebung der Einheitsfront geworfen worden. Jetzt, drei Monate später, sucht das Blatt„ schon" Zeugen für seine Behauptung, die es auf Grund des Telefonanrufes irgend eines Anonymus in die Welt gesetzt hat, und auch diese Wahrheitsforschung erfolgt nur aus Angst vor dem Staatsanwalt. Jessy Wagners Liebesroman in Bordeaux Von Dieses nicht allgemein bekannte Liebesintermezzo Richard Wagners in Frankreich ist dem Buche ,, La Vie ardente de Wagner" entnommen, das bei Flammarion erschienen ist. Frauen haben immer eine große Rolle in Wagners künstlerischem Leben gespielt, das oft nur eins mit seinem Liebesleben war. Vor der Revolution des Jahres 1848 erhielt Wagner in Dresden den Besuch einer Frau Jessie Laussot, einer jungen Amerikanerin, die nach Bordeaux geheiratet hatte. Sie erschien in Begleitung Carl Ritters, der kaum achtzehn Jahre alt war. Beide waren große Bewunderer des ,, Tannhäuser". dessen Uraufführung sie beigewohnt hatten. Frau Laussot hatte bei ihrer ersten Begegnung mit Wagner ihrer Bewunderung und ihrer Sympathie so schüchtern und so reizend Ausdruck verliehen, daß Wagner, der an derartige Huldigungen noch nicht gewohnt war, eine zärtliche Erinnerung daran behalten hatte. Als er in seiner großen Not in Paris, wo ihm nichts gelingen wollte, eine Einladung nach Bordeaux erhielt man bat ihn, Fran Laussot und deren Familie als deren Gast zu besuchen nahm er daher aus Neugierde und von weiß Gott welchem Teufel getrieben mit Vergnügen an. Die zweiundzwanzigjährige anmutige junge Frau lebte dort im Hause ihres Gatten, eines Weinhändlers, mit ihrer Mutter, Frau Taylor, zusammen, der Witwe eines englischen Anwalts. Von einem sehr gebildeten Vater erzogen. hatte Jessie viel Interesse für Literatur und Musik. Er hatte sie deutsch gelehrt und sie besaß ausgezeichnete Kenntnisse in der deutschen Literatur. Da sie sehr intelligent war, verstand sie auf Grund dieser Vorbildung Louis Barthou, Mitglied der ,, Academie Française". Wagners neueste literarische Werke, die er ihr selbst vorlas, und da sie überdies wirklich musikalisch und als Klavierspielerin begabt war, vermochte sie ohne jede Schwierigkeit seine Ratschläge beim Spielen Beethovenscher Sonaten zu befolgen. Während ihres Aufenthaltes in Dresden hatte sie sich mit Frau Ritter, Carls Mutter, angefreundet, die ihre Bewunderung für das noch umstrittene Genie des Verfassers des ,, Tannhäuser" teilte. Frau Ritter und Frau Taylor, die sehr reich war, boten Wagner, dessen schwierige Lage ihnen bekannt war, eine Jahresrente von 3000 Franken an, bis er in der Lage wäre, von seiner Kunst zu leben. Jessie hatte dieses Anerbieten vermittelt, wenn nicht gar veranlaßt, und über sie waren die und Bordeaut ergaben. Frau Taylor war taub, und ihr und Bordeaux ergaben. Frau Tayhor war taub, und ihr Schwiegersohn wurde von seinem Berufe völlig in Anspruch genommen beide waren von Wagner durch eine unübersteigbare Mauer" getrennt. Nur Jessie verstand ihn. In Unterhaltungen ,,, die sie ganz gefangen nahmen", behandelten sie die verschiedensten Gegenstände. Mit erstaunlicher Leichtigkeit vermochte die junge Frau den kühnsten Gedanken des Meisters, dessen Ansichten und Geschmack sie teilte, zu folgen. Mit ihrem Gatten verstand sie sich weniger gut. Laussot war bei weitem nicht so ,, nett", wie Wagner im ersten Augenblick geglaubt oder gesagt hatte, und das Aeußere des Hauses verdeckte ein wahres Zerwürfnis zwiden den beiden Gatten. Hat Wagner diesen Zustand wirklich mit so viel Entsetzen entdeckt, wie er schrieb? Und warum war er entsetzt? Er war Jessie sehr nahe gekommen, obwohl seine Briefe an seine Frau Minna dies nicht in vollem Um. fange zugeben. Um Frau Ritters und Frau Laussots Absichten zu rechtfertigen, sagte Wagner seiner Frau, sie würden nun über genügend Geld verfügen, um ruhig und bequem leben zu können. Sie wollte jedoch etwas anderes. Obwohl Wagner ihr erklärt hatte, daß ,, nur seine Kunst all das veranlaßt hatte", vermutete sie mit ihrem weiblichen Instinkt, daß ihr Mann und Frau Laussot nicht nur durch die gemeinsame Liebe zur Musik miteinander verbunden seien, sondern daß sie zusammen, wenigstens bis zu einem gewissen Punkt, die Musik der Liebe gesungen hätten. Sie hatte nicht unrecht. In ihrer Ehe unglücklich, verwundet in ihrer Würde und enttäuscht in ihren Idealen, hatte Frau Laussot in ihrer Ehe nicht die Befriedigung gefunden, auf die ihr künstlerischer Geschmack Anspruch zu haben glaubte. In Dresden hatte Wagner auf sie starken Eindruck gemacht, und auf diesen Eindruck war auch die an und für sich unvorhergesehene Einladung nach Bordeaux erfolgt. Ihr tägliches Beisammensein, die vielen Stunden, die sie miteinander verbrachten, das gemeinsame Lesen von Büchern oder das gemeinsame Musizieren, die Anziehungskraft eines allmächtigen Genies, das, seiner selbst, seiner Zukunft und seines Ruhmes sicher, von Kraft und Begeisterung überströmte alle diese Dinge hatten sie erobert und die Liebe, eine leidenschaftliche Liebe, erfaßte ein Herz, das den Verführungen der Kunst bereits er. legen war. Und Eugen Laussot? Und Minna Wagner? Es sieht danach aus, als ob Frau Laussot den Entschluß gefaßt hatte, einen Gatten, den sie nicht liebte, ganz seinem Geschäft zu übers lassen ( Schluß folgt.) Deutsche Stimmen 9 Beilage zur Deutschen Freiheit" 9 Ereignisse und Gesɗi diten Samstag, den 1. Dezember 1934 Braune Kurzgeschichte August und seine Braut I Die Sache mit der Heirat des SA.- Mannes August W. in der Gemeinde Gersdorf war nicht einfach. Vielleicht ist auch der Braut einige Schuld beizumessen, denn sie hätte ihm ja den kleinen Gefallen tun und dem Bund deutscher Mädchen beitreten können. Es wäre dadurch manches erleichtert worden, 7. B. die Untersuchung auf Erbtauglichkeit durch den zuständigen SA.- Arzt. Statt dessen zierte sie sich und wollte nicht einsehen, warum ein Mädchen völkisch organisiert sein müsse; niemand in ihrer Familie gehörte einer Partei an, nur der Vater war im Kegelklub aktiv, und eine Untersuchung sei auch nicht nötig, ihrer Mutter sei auch keine widerfahren, die Kinder wären trotzdem alle groß und kräftig geraten und die Hauptsache bleibe eine richtige Ausstattung, auf die der Vater seinerseits 3000 Mark Mitgift drauflegte, während sie ihrerseits von dem alten Medizinalrat, der sie als Kind geimpft hatte, ein Attest beibrachte, wonach sie als gesund erachtet wurde. Der Schnupfen des Sturmführers nahm daraufhin zu, denn letzterer hält nun mal zum SA.- Doktor und meinte, die Braut sei vielleicht von fälischer Rasse. aber zweifellos ostisch überlagert, was aus ihren kurzen Beinen deutlich hervorginge, entscheidend falle schließlich die Ahnentafel ins Gewicht. Worauf der SA.- Mann August W. zwei Monate brauchte, um die beiderseitigen Vorfahren zusammenzukragen. Das besorgte schließlich ein Institut für heraldische Forschung gegen ein Honorar von 2 Mark pro Ahne, vom Jahr 1800 an rückwärts 3 Mark, mit jedem weiteren Jahrhundert um 4 Mark pro Kopf steigend. Machte bei je 8 Ahnen beiderseits 52 Mark, mit gezeichnetem Stammbaum unter Glas und gerahmt samt zwei bunten Familienwappen 64,30 Mark frei Haus. II Soweit war nunmehr alles für den großen Zauber hergerichtet, das Aufgebot hing schon im Kasten des Gemeindeamtes aus und das Trauen hätte losgehen können, wenn nicht die Sache mit dem Pastor Langheinrich dazwischen gekommen wäre. Wenden wir uns nunmehr diesem zu. Er ist von mittlerer Größe und gehörte in seinem Sprengel zu den angesehensten Leuten. Gehörte, sagen wir, denn inzwischen Von Bruno Brandy August und die Braut sitzen vorm Altar, er in brauner Uniform, sie im weißen Schleier und Myrthenkranz, mit ihrer kleinen Warze am Kinn niedlich und feierlich anzusehen. Seitlich und dahinter die Angehörigen und Bekannten, ernst und leicht illuminiert. Es fällt auf, daß Augusts Kameraden fehlen, aber schon tritt schwarz der Pfarrer neben den Altar, die Orgel will gerade in üblicher Weise zu brausen beginnen da geschieht das Unerhörte: Von zwei Männern in strenger Polizeiuniform begleitet, erscheint strammen Schrittes der braune Bonze und tönt barsch, indes sich eisige Starre auf alle Anwesenden legt: ,, August W., ich befehle Dir, Moderner Kanon ( Nach einem italienischen Wortspiel) Wer gescheit und ehrlich ist, der ist niemals ein Faschist. Wer Faschist ist und gescheit, ist kein Mann von Ehrlichkeit. Trägt wer das Faschistenkleid ehrlich, ist er nicht gescheit. Wer gescheit und ehrlich ist, der ist niemals ein Faschist. Der Rote Hans. Dich nicht von dieser Person trauen zu lassen!" August Schirach- beschlagnahmt denkt, wenn der Zimt nur erst vorbei wäre, das hatte ich mir schöner vorgestellt, eine Schande sowas, was das den vollgefressenen Kerl eigentlich angeht. August schaut der Braut in die Augen, rührt sich nicht von der Stelle, sein Gesicht ist gewissermaßen trotzig verklärt, während der Pfarrer bereits segnend oder so ähnlich die Hände erhebt. Da wird es neblig vor Augusts Augen, er fühlt sich von überirdischen Fäusten hinten bei der Binde gepackt, gestoßen und häßlich fortgezerrt seine Braut sieht mit aufgerissenen Augen, wie der Bräutigam direkt von ihrer grünen Seite hinweg gepflückt wird. Ja, man kann auch sagen: wie eine Ratte wurde er geschüttelt und von roher Gewalt wie ein Rettich durch die heiligen Bänke geschleift. hinaus ans rauhe Licht eines durchaus nebligen, unbekömmlichen Novembertages. Aus wars mit der Orgelei, aus mit der Trauung, aus mit dem Vergnügen, soweit man es eins nennen kann. IV Ganz nett erfunden, denkt ihr, nicht wahr? Aber in diesem Falle gab es nichts zu erfinden; man könnte die Geschichte höchstens etwas würdiger erzählen, aber was soll man Würdiges anstellen mit einer Bevölkerung, die sich solche Affenschande bieten läßt? Denn dieses hat sich also zugetragen Mitte November 1934 und wurde der ausländischen Presse kürzlich durch United Press berichtet. Der Pfarrer schreibt sich wirklich Langheinrich. der Ort heißt tatsächlich Gersdorf und liegt immer noch sozusagen dicht bei Kassel. Zwischen der Schulverwaltung des oldenburgischen Landesteils Lübeck und dem zuständigen HJ.- Führer ist über die Mitwirkung der HJ. bei der Zuerkennung der Reichsprüfung vereinbart worden, daß der HJ.- Bannführer jeweils gegenüber der Schule des Kandidaten zwei Fragen zu beantworten haben wird: 1. Ist der betreffende Schüler politisch unbedenklich und als politisch brauchbar bekannt? 2. Sind seine charakterlichen und persönlichen Qualitäten so, daß er später als ein nutzbringendes und förderndes Mitglied des Staates eingesetzt werden kann? haben sich in seinem Bezirk eine Wotansgemeinde, 30 An- Auslese hänger des germanischen Odinbundes und eine Gruppe Deutscher Christen entwickelt, von den 4 Fanatikern des altarischen Runenringes gar nicht zu reden. Das alles hat diesem Pastor germanische Blutfehde geschworen, weil er an seinem Evangelium festhält und seinen Jesus nicht aufnorden will. Ihr lächelt, nicht wahr, aber dem Pastor Langheinrich war durchaus nicht heiter zumute, als er vernahm, daß die nationalsozialistische Ortsgruppe beschlossen hatte, niemand der Ihrigen dürfte sich bei diesem Verräter trauen lassen, vielmehr müsse dieser binnen kurzem das Lokal verlassen, denn vorläufig regiere noch Kirchenminister Müller. Bei etlichen Bräuten herrschte über solches große Entrüstung; sie waren von Langheinrich bereits konfirmiert worden und sollten nun vor irgendeinem Fremden das heilige Jawort abliefern? Mitnichten! Zu den Entrüsteten zählte August W.'s Braut und August die leider immer noch nicht zum BdM. gehörte mu te bei obigem Pfarrer die Trauung bestellen, was der Sturmführer zum Anlaß nahm, den demnächstigen Ehemann noch einmal dienstlich zu verwarnen, insofern obiger Pfarrer halb und halb abgesetzt sei. II! Wie recht selbiger hatte, wird man umgehend erkennen, denn wir stehen bereits dicht vor der heiligen Handlung, und jeder ist mit Recht gespannt, wie sie ausgehen wird. Steffi schleicht ums Haus Die kleine Villa verschwand im dunstigen Schwarz des Abends. Nur oben im ersten Stock leuchtete es schwach durch einige Jalousien. Steffi, das Dienstmädchen, zog ihr wollenes Tuch fester um die Schultern. Der Herbstnebel wallte durch die Straße. Lautlos bog Steffi um die Ecke herum und ihr Blick hing an den dunklen Parterrefenstern, lief um das Haus herum und bohrte sich in den kleinen Garten. Der Mond kam hervor, goß einen Streifen silbernes Licht über den Plan. Das runde Gesicht des Mädchens schimmerte milchig; die Backenknochen traten scharf hervor. Wie eine Wölfin, mit grünlichen Lichtern, glitt sie einige Male längs des Hauses auf und ab. Dann ging sie die stille Straße wieder zurück, wandte sich stadtwärts und hielt die Augen wie im Traum geschlossen; ihre Füße fanden den Weg von selbst, so gut kannte sie ihn. Wie oft schon war sie hier herausgewandert in den letzten Monaten! Manchmal hörte sie auf diesen dunklen Gängen die Stimme ihrer früheren Frau: ,, Steffi, es mag manches schlecht sein heute, aber wenn die Nazi ans Ruder kommen, werden Sie sich sehr bald nach dieser Zeit zurücksehnen..." nur Das war vor zwei Jahren und sie, die Steffi, hatte dazu gelächelt. Was sollte sich denn da schon ändern? Eine andere Regierung wiedermal, es hatten doch schon genug gewechselt in der Republik, es kam ja gar nicht drauf an, warum sollte man denn gerade die Hitlerische nicht ausprobieren?! Konnte doch was dran sein... Vielleicht schaffien die es! Die Braunen mal ran lassen, meinte damals auch Steffis Bräutigam. Und dann war es so gekommen, daß Steffi gar nicht alles begriff. Erst mußte der Herr fort, bei Nacht und Nebel, konnte sich von der Steffi kaum verabschieden. Einige Wochen später die Frau. Im Garten blühten die Krokusse und in allen Zweigen schmetterte das Leben aus tausend Kehlen. Steffi brachte die Koffer noch an die Bahn, ab ging der Zug, über die Grenze - wer weiß wohin. In einigen Briefen hörte Steffi noch von den beiden, machte die Wohnung in Ordnung, dirigierte Möbel ins oberste Stockwerk, das meiste blieb in einem Zimmer, der übrige Teil der Wohnung wurde vermietet. Vielleicht war es gut, daß die beiden verschwanden. Der Mann schrieb in Zeitungen, es wäre ihm übel ergangen. Schlimm genug schon, was Steffi auf den Straßen mit ansehen Mit anderen Worten: Kenntnisse 5, Handgranatenwerfen und Femefertigkeit 1! Neudeutsche Intelligenzauslese! ,, Lachen links" Hitler und Goebbels haben unterwegs eine schwere Autopanne. Sie müssen in einem kleinen Städtchen die Nacht verbringen. Alle Hotels und Gasthöfe sind von Kraft durch Freude besetzt. Nur ein Bett ist frei. Hitler sagt zu Goebbels:„ Das Bett ist für mich; Du kannst ja in Deiner Klappe schlafen!" mußte, schlimmer noch, was sie hörte von Konzentrationslagern, Erschießungen, Greueln. Und das andere iare Arbeit? Drei Herrschaften lagen seitdem hinter ihr. Die erste schimpfte auf den früheren Brotherrn. Ausreißer. Schiechte Elemente!" Das hielt sie nicht aus, vermaulierte sich, ging. In den nächsten Stellungen sank das bißchen Lohn ins Nichts. Wer hatte denn noch nötig, Dienstboten zu bezahlen? Die Frau gehört ins Haus, brüllten die Zeitungen. Beamtinnen flogen aus ihren Stellungen, die Unternehmer wurden aufgefordert, Frauen möglichst nicht mehr einzustellen, die Haustöchter gingen nicht mehr auf Handelsschulen. Wozu auch? Jedes Mädchen gehört mindestens ein Jahr in einen fremden Haushalt" mußten die Blätter schreiben. Es wimmelte nur so von ,, besseren Mädchen mit Familienanschluß", die sich umsonst anboten. Nein, mit dem Gehalt wars nahezu aus. Mit dem Bräutigam auch. Arbeitslos. Irgendwo weit weg mit der Schippe beim Arbeitsdienst. Von nichts kann auch die Liebe nicht leben. Die gehörte auch mit zu den schönen Erinnerungen... Abends hatten sie draußen vorm Garten der kleinen Villa gesessen. Dreißig war Steffi, und sie wußte schon nicht mehr, was eigentlich noch kommen sollte. Die Backenknochen traten schärfer hervor, die ersten grauen Haare zeigten sich an der festen Stirn. Sie sang nicht mehr bei der Arbeit, ihr war, als sänge überhaupt niemand mehr. Vom Krieg redeten die Menschen dies schien das Ende der Verheißungen. Wie sollte sich eine Frau in diese Wirbel noch hineinfinden? Abends wusch sie auf, flickte ihre Sachen, griff zu den ältesten Kleidern zurück das Geld langte nicht mehr zu Neuem. Meist sank sie dann müde ins Bett aber manchmal kam die Unruhe über sie, die nicht schlafen ließ. Dann schlich sie sich von dannen, hinaus in den kleinen Vorort, wo die alte Villa zwischen den Bäumen stand. Ungelebt sanken die Monate in's große Faß der Zeit. Inhaltslose, unfreudige, leere Wochen. Alles, alles wurde teurer. Steffis Gnädige schimpfte über Fleischer und Bäcker. Das Mädchen hörte nicht hin, sie kannte das auswendig, jeden Tag dasselbe. Draußen pfiff der Wind eines Novemberabends, die Luft roch nach Frost, die Unrast fieberte in Steffis Händen und sie wußte, daß sie heute wieder ewig nicht einschlafen würde.. Zwei Stunden später stand sie im Freien, vor der kleinen Villa. Auf der Straße raschelte gefallenes Laub, braune Blätter hingen kraftlos zwischen den Der deutsche Jugendführer Baldur von Schirach kann seine Augen nicht überall haben. Auch nicht in den Redaktionen sämtlicher reichsdeutscher Jugendblätter. Da erscheint z. B. in Berlin der„ Ostdeutsche Sturmtrupp", Kampfblatt der ostdeutschen Jugend. Diese Zeitung trägt an ihrem Kopf den äußerst vorsichtigen Vermerk: ,, Schriftleitung z. Zt. Heinz Görz" und gibt gelegentlich in milder Form jener oppositionellen Stimmung Ausdruck, die immer breitere Kreise der denkenden deutschen Jugend erfaßt. vor Der Zur- Zeit"-Schriftleiter Heinz Görz erwog nun Erscheinen der letzten Nummer, wie er wohl ungestraft ein kräftig Wörtlein sagen könne, und kam auf die glorreiche Idee, in seinem Leitaufsatz eine Schirach- Rede aus dem Jahre 1932 zu zitieren. In dieser Rede aber hieß es: ,, Das Ziel unseres Kampfes, Kameraden, ist dasselbe, das es vor zehn Jahren war, und wird immer dasselbe bleiben. Es ist die sozialistische deutsche Revolution!" Görz tat ein Uebriges, er überschrieb seinen Aufsatz und Baldurs Zitat mit den Worten: ,, Das Ziel bleibt!" Somit hatte er gleichzeitig seinem Herzen Luft gemacht und dem dick gewordenen Schirach eins ausgewischt. Man wird doch noch seine eigenen Führer zitieren dürfen, nicht? Nein, der junge Schreiber hatte sich geirrt. man darf auch das nicht mehr in dem ersehnten dritten Reich" die Nummer der Jugendzeitung wurde be. schlagnahm t! Von Hitlers Standpunkt aus mit vollem Recht. Wenn alle deutschen Zeitungen mit einem Male Führerreden aus dem Jahre 1932 nachdrucken wollten gerechter Wotan! Was gäbe das für eine Konfusion! Daß der Görz ,, zur Zeit" noch Schriftleiter ist, bezweifeln wir. Aber auch Schirachs Schuldkonto schwillt an. Er hat seine Mannschaft nicht im Zug, die Jungen können nicht vergessen, daß ihr verfetteter Führer sich einst so revolutionär gebärdete. Zeitungen kann man verbieten, alte Führerreden kann man beschlagnahmen aber die Erinnerung läßt sich nicht ausrotten, und gerade sie wird eines Tages dem Reiche Hitlers und der Schwerindustrie gefährlich werden. Unsterblichkeit In der Religionsstunde spricht der Lehrer über die 1 sterblichkeit der Seele. Nachdem er seine Gründe dafür as geführt, fragt er: , Weiß jemand noch einen Beweis für das Fortleben nach dem Tode?" ,, Die Abstimmungslisten im Saargebiet, Herr Lehrer!" Zweigen und wartete auf das Ende. Durch die Jalousien des Parterres stahlen sich einige Lichtfäden in die Finsternis des Gartens. Steffi hielt sich mit frierenden Händen an's Gelän der und schaute zu den hellen Strahlen auf. Fünf Jahre ihres Daseins waren in diesen Zimmern eingefangen. Gute Jahre, glückliche Jahre. Büsche kannte sie im Garten, die sie mit gepflanzt hatte... Der Wind säuselte leis in den Aesten und sang von der schöneren Zeit, als noch Lachen war und Fröhlichkeit und freies Wort und gerader Blick bei den Menschen und eine Sprache, die nicht krumme, verbogene Wege zu gehen brauchte. Wo war jetzt die Frau und wo der Mann, die noch auf der Flucht gefragt hatten:„ Steffi, was wird nun mit Ihnen?" Sie war am Gitter entlang geglitten, stand bei der Klingel. drückte wie im Traum. Eine alte Dame erschien im Hauseingang, ein Lorgnon stieg auf, Steffi hörte das bekannte, vertraute Schnurren des elektrischen Türschalters. Langsam schwankte sie den kleinen Gartenweg entlang. Jede Fließe kannte sie. ,, Ah, die Steffi," lächelte die alte Dame,..Ihre frühere Herrschaft hat Ihnen wohl geschrieben, die Möbel nachschauen..." Steffi nickte hastig und lächelte krampfig, sie wußte ja nicht, was sie wollte, was sie sagen konnte. Dann stand sie schwer atmend in dem großen Zimmer, die Möbel drängten sich zusammen, nickten ihr vertraulich zu, dort der Nähtisch von der Frau, der Schreibtisch vom Herrn, bis in die Nacht hatte er dahinter gesessen, dort das blaue, blaue Bild aus dem Süden alles schwamm um Steffi herum; sie mußte sich an dem schweren eichenen Büfett anhalten, streichelte über die Ecken und Kanten, wischte mit dem Jackenärmel über die Scheiben... Die alte Dame lehnte an der Tür und sagte: ,, Ja ja, schöne Zeiten, Steffi, nicht wahr..." Das Mädchen nickte nur Fluchen wollte es, seinen Grimm herausspeien, es fürchtete sich nicht mehr, wenn man auch nichts von einander wußte und der alten Dame immer ein bißchen Angst im Gesicht stand aber Steffi konnte nicht, die Kehle war ihr zugeschnürt, die Backenknochen traten noch schärfer heraus. Als sie die Straße wieder unter den Schuhen fühlte, strich sie noch einmal um die Gartenecke herum, wie eine Wölfin mit grünen Lichtern, auf und ab, hin und her, ehe sie stadtwärts abzog. Ein Polizist, der sie aus dem Dunkel beobach tete, sah kopfschüttelnd and mißhilligend hinter ihr droi Völker in Sturmzeiten Völker in Sturmzeiten Nr. 83 Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Samstag, 1. Dezember 1934 Aus dem Zellengefängnis Otto von Briefe aus bewegter, schwerer Zeit 1848-1856 Corvin Zu den interessantesten Gestalten der Revolution von 1848 gehörte Otto von Corvin. Er wurde 1812 in Gumbinnen in Ostpreußen als Sohn eines Postdirektors geboren. 1830-35 diente er als preu Bischer Leutnant erst in Mainz, dann in Saarlouis. Nachdem er seinen Abschied genommen, nahm der geistig vielseitig interessierte junge Mensch an den Bewegungen des Vormärzes lebhaften Anteil als leidenschaftlicher Republikaner und Demokrat. 1848 kämpfte er in den Reihen der Aufständischen in 3aden. Im Mai 1849, als die Gegenrevolution die Oberhand gewann, verteidigte er als Bürgerwehr. oberst Mannheims die Stadt gegen die Preußen. Als Chef des Generalstabes suchte er dann die Festung Rastatt zu halten. Nach ihrer Uebergabe wurde er standrechtlich zum Tode verurteilt, kurz vor der Erschießung zu sechsjähriger Festungshaft begnadigt. Ir seinen„ Erinnerungen" schildert er, wie diese Begnadigung eintraf, als schon alles für die Erschießung vorbereitet war. Diese sechsjährige Festungshaft hat er bis zur letzten Stunde abbüßen müssen. Er hat in diesen Jahren viel gelitten.. Aber liest man die Briefe, die er an seine Frau geschrieben hat, so wird man finden, daß der damalige Strafvollzug( für einen Rebellenführer, der mit der Waffe ergriffen wurde!) immer noch human war, verglichen mit den Zuchthäusern, Gefängnissen und Konzentrationslagern. in die achtzig Jahre später das ,, dritte Reich" seine Gesinnungsgegner sperrt. Wir veröffentlichen eine größere Anzahl der Briefe Corvins. Sie sind seinem längst vergriffenen, 1884 erschienenen Buche Aus dem Zellengefängnis" entnommen. Es sind menschliche Dokumente von tragischer Größe und mit bemerkenswerten Einblicken in die politische Situation nach 1848 darunter. Vor allem den Briefwechsel mit seiner Frau wird jeder Mitfühlende mit tiefer Anteilnahme lesen. on Corvin hat nach seiner Entlassung eine vielseitige schriftstellerische Tätigkeit ausgeübt. 1861 erschienen seine vierbändigen Erinnerungen". Die Reihe seiner Geschichtswerke ist lang. Am bekanntesten ist er durch den Pfaffenspiegel" geworden, der in den weltanschaulichen Kämpfen der Vorkriegszeit eine gewisse Rolle spielte. Im Jahre 1886 endete sein reiches und abenteuerliches Leben. ( Schluß) Sechs Jahre sind vorüber... Meine liebe Helene! Bruchsal, 28. Januar 1855. Ich bin förmlich ängstlich, Dir zu schreiben, da ich stets fürchten muß, Dich zu verletzen, ohne auch nur im mindesten die Absicht zu haben; doch muß ich Dir endlich wohl glauben, daß meine Briefe verletzend sind. Du solltest indessen berücksichtigen, daß diese nichtswürdige Luftheizung mich in einem beständigen Fieber erhält und mich so reizbar macht, daß eine Kleinigkeit mich zum Explodieren bringt. Ich kann diese Stimmung allerdings bekämpfen; allein eine solche Zwangsjacke ist lästig doch schlimmer ist es, Dich zu kränken. Eine innere Unzufriedenheit" setzt Du bei mir ganz willkürlich voraus; ich bin nur ungeduldig und etwas tragen dazu Deine Briefe bei, die ich stets mit solcher Sehnsucht erwarte. Seit Du in Deiner jetzigen Stellung bist, hast Du mir kaum einen Brief wie sonst geschrieben. Die Hälfte Deiner Briefe geht darauf hin mir zu sagen, daß und warum Du mir nicht schreiben kannst. Es ist doch eine traurige Sklaverei, wenn Du im Monat nicht ein oder zweimal einige Stunden erübrigen kannst, um Deinem gefangenen Mann die einzige Freude zu verschaffen, welche in Deiner Macht steht. Es ist weise, die Vorurteile der Menschen zu berücksichtigen, groß sie zu bekämpfen, klug sie zu benutzen, allein töricht, sich von ihnen beherrschen zu lassen. Das tust Du aber und besonders dadurch, daß Du dem Geld einen so entsetzlichen hohen Wert beilegst, d. h. ich meine moralischen Wert. Ohne alle Skrupel läßt Du einen Freund, um Dir zu dienen, sich die Sohlen ablaufen; allein einige Gulden zu borgen bewahre! Welche Mühe, welches Verdienst hat vorausgesetzt, daß er Geld der, welcher Dir Geld borgt? übrig hat und es sich nicht etwa sauer verdienen müßte. Er geht an sein Pult, oder schreibt eine Anweisung; das ist die ganze Herrlichkeit. Freunde wären die unnützesten Geschöpfe, wenn man sie nicht benutzte, denn wodurch sollen sie es denn zeigen, daß sie Freunde sind? Du wirst vielleicht sagen, das sei ganz gut, wenn man in der Lage sei, ähnliche Freundschaftsdienste ebenfalls zu leisten. Wer kein Geld hat bezahlt weit nobler, durch persönliche Dienste. Noch weniger Skrupel mache ich mir, Geld unter diesen Umständen von Freunden zu nehmen, welche Parteigenossen sind. Sie bezahlen dadurch ihre Schuld sehr billig, während ich Leben und Freiheit mehr wie einmal eingesetzt und letztere nun so lange verloren habe. Frage einmal ttt oder i oder irgend einen andern, der Geld hat, wie viel Geld er sechs Jahre Zuchthausstrafe, die er selbst absitzen soll, gleich stellt? Der Plan von Dir, in Europa zurückzubleiben, um Reisegeld für Dich zu verdienen, ist sehr töricht. Erstlich fragt es sich, ob das Unternehmen glückt und jedenfalls würde mehr als ein Jahr darüber hingehn! Und Du könntest wirklich nach sechsjähriger Trennung den Gedanken fassen, noch so lange Zeit von mir getrennt zu leben?- Und Du liebst mich, sagst Du! Ich fühle, daß, wenn wir uns in dieser Weise trennten, dies eine ewige Trennung wäre und da ich Dich liebe, so gehe ich unter keinen Umständen ohne Dich nach Amerika... Den 29. morgens. Ich hab' schon Opiumtinktur gefrühstückt. Das jetzt eingeführte Sparsystem ist zum Verzweifeln! Mit Gesundheit, Fleisch und Blut muß ich dasselbe unterstützen. Dies ist nun der sechste Winter, den ich hier bin und nie hatte ich mich über Kälte besonders zu beklagen. Jetzt heizt man mit Steinkohlen und erspart ungeheuer viel; allein die Gefangenen haben nur Nachteil davon. Zunahme an Schmutz und gelegentlichen Schwefeldunst und Abnahme der Wärme. Es läßt sich sehr gut warm machen, wenn nicht immer noch mehr erspart werden sollte. Beschwerden über Dinge, welche die Oekonomie tangieren, helfen, wenn sie helfen, nur ruckweise; denn Sadrach, Mesach und Abednego, wie auch der Oberaufseher nicht Kornmeier, den Du kennst, sondern der Sparmeier sind förmlich Fanatiker im Sparen und es gibt nichts Schlaueres als einen Geizhals. Der Freund schreibt... Rosenau bei Coburg, 17. September 1855. Mein lieber, guter Corvin! Die Freudenbotschaft läuft in diesem Augenblick durch die Zeitungen, daß Sie endlich freigesprochen und entlassen wären. Gott gebe, daß es wahr ist, und nehmen Sie dann meinen herzlichen Glückwunsch dazu an, Es war eine schwere, schwere Zeit, die Sie durchgemacht haben, mein guter Corvin, aber da ẞ Sie imstande waren es zu überdauern, daß Ihr Körper es aushielt, daß Ihr Geist frisch dabei blieb, mag Ihnen auch eine große Beruhigung für die Zukunft gewähren. Viel unendlich viel haben Sie dabei Ihrer wackern Frau zu danken vergessen Sie es ihr nie. Die Zeitungen sagen, daß Sie Ihre Freiheit nur unter der Bedingung erhalten hätten, nach Amerika auszuwandern. Das ließ sich übrigens denken, doch würde der Aufenthalt in Deutschland auch wenig Verlockendes für Sie geboten haben. Wohin aber gedenken Sie jetzt sich zu wenden? Die Vereinigten Staaten bieten wenig Verlockendes für Sie, denn die dortigen deutschen Redakteure und Buchhändler zahlen kein Honorar, und für wirkliche Arbeit ist Ihr Körper dock jetzt, so kräftig sich auch der Geist gehalten haben mag, jedenfalls für die ersten Jahre geschwächt. Allerdings bietet das tätige geschäftige und mannigfaltige Leben in den Ver-einigten Staaten unendlich viel verschiedene Hilfsquellen, die der Unternehmende ergreifen und ausbeuten kann, aber man muß entsetzlich praktisch dazu sein und Sie, mein guter Corvin, werden sich wohl erst wieder in das Leben und die jetzigen Verhältnisse hineinleben müssen. Wenn ich selber jemals auswandere, gehe ich auf keinen Fall nach den Vereinigten Staaten, sondern entweder nach Chile da ist aber sehr schlechte Jagd oder nach Costarica, was eine große Zukunft hat. Was haben Sie denn jetzt zu unseren politischen Verhältnissen gesagt, Frankreich und England verbündet gegen Rußland im Krieg nicht wahr, das ist nicht übel. Ja, was man nicht alles erlebt, wenn man alt wird, Deutschland bleibt aber nichts desto weniger im alten Schlendrian, und die deutschen Regierungen sind eben eifrig bemüht, den Zustand, wie er vor 48 war, noch mit einigen von ihren Verbesserungen wieder herzustellen. Mühsam schleppen sie die Kugel wieder auf den Berg und bedenken nicht, daß sie, wenn auf dem alten gefährlichen Punkt angelangt, sehr wahrscheinlich wieder ins Tal hinabrollen wird. Von Ihrer lieben Frau habe ich entsetzlich lange nichts gehört und weiß nur, daß sie sich wieder in Berlin aufhalten soll. Ich kann diesen Brief jetzt auch gar nicht anders adressieren, als durch Herrn Baumann, der ihn wohl freundlichst besorgen wird, denn hoffentlich haben Sie doch das entsetzliche Buchsal schon verlassen. Lieber Gott, wie wunderbar wohl muß Ihnen zumute gewesen sein, als sie wieder den lieben blauen Himmel frei und weit sich ausspannen sahen. Reichsbischof Müller Wie einer ist, so ist sein Gott, Drum ward Gott so oft zu Spott. ( Goethe) Die Kerkerstrafe ist doch eigentlich das Teuflischste was sich der menschliche raffinierte Geist ersonnen hat, seine Mitmenschen zu quälen, und doch halten sie wieder die Leute für humaner als die Todesstrafe warum können wir nicht alle friedlich nebeneinander wohnen. Adam soll doch der Henker holen, daß er in den Apfel gebissen hat, der ist an allem schuld. Diesen Herbst habe ich wieder eine kleine Jagd im Thüringer Wald gemacht. Auf dem Oberhof und in Reinhardtsbrunn. Auf dem Oberhof habe ich einen Zwölf- Ender geschossen und in Reinhardtbrunn vier Rehböcke. Mit der Hühnerjagd ist's aber dies Jahr gar nichts. Die Hühner sind fast alle in dem strengen Winter draufgegangen, und die paar, die noch da sind, muß man schonen. Wenn gehen Sie denn aber, wo halten Sie sich indessen auf, und ist Ihnen ein Ort vorgeschrieben, in dem Sie jetzt bleiben müssen oder können Sie hin, wohin Sie wollen? Schreiben Sie mir doch wenigstens ein paar Zeilen darüber, denn ich freue mich jetzt ordentlich darauf, einen Brief von dem frei gewordenen Corvin zu lesen. Sie können nicht glauben, wie weh es mir war. frei und froh draußen auf der Jagd herumziehen zu können, und Sie indessen im Kerker, hinter Eisenstäben zu wissen; Gott sei Dank, daß die Zeit vorbei ist. Lassen Sie sich nur um Gottes Willen nicht wieder mit Held einer ist ein entsetzlicher Lump. So jetzt in der Hoffnung recht bald und rechutes von Ihnen zu hören, zeichnet sich in alter Freundschaft The Fr. Gerstäcker, Der letzte Gefängnisbrief an die Frau Bruchsal, 27. Sept. 1855. Ich borge mir von dem nächsten Monat einen Brief, um Dir zu schreiben, da Du einen Brief erwartest, allein was soll ich Dir schreiben? Ich freue mich, daß Du wieder wohl bist und daß ich Dich wenigstens jedenfalls wiedersehe, wenn auch vielleicht nur für Augenblicke hinter dem miserablen Gitter. Schließe nicht aus meiner nüchternen Ausdrucksweise, daß ich mich nicht recht sehr freue. Ich freue mich wirklich so als es mir noch möglich ist; allein durch das einige Ankämpfen gegen moralischen Schmerz, wie auch durch körperliche Schwäche wird der Geist abgestumpft und es fängt allmählich die Gleichgültigkeit gegen alles, was ge schieht, an Raum zu gewinnen; eine Gleichgültigkeit, welche man erfahrungmäßig bei solchen Gefangenen gemacht hat, die lange einsam sitzen, und gegen die ich mich mit Hand und Fuß gesträubt habe. Man bleibt eben ein Mensch. Alles das wird sich jedoch bald wieder finden, wenn ich jetzt frei werden sollte und wenn nicht, dann werde ich diese Gleichgültigkeit mit dem Entschluß abschütteln, das Ende meiner Gefangenschaft wenigstens ungefährdet im Geist zu erleben. Komme ich, so werdet Ihr Nachsicht mit mir haben müssen Wenn Du kommst, wirst Du mir allerlei für den Winter mitbringen müssen, nämlich folgendes:... Alles weitere mündlich. Lebe wohl Grüße alle in Frankfurt und komme mit heiterm Gesicht, was auch geschehe. Acht Monate werden auch vorüber gehen... Ich ziehe es vor, den Brief allein gehen zu lassen. Ein Paket reist langsamer und ich kann mir denken, in welcher Ungeduld und Aufregung Du Aermste nun fortwährend bist. Grüße die kleine Minna und die Eltern. Nochmals herzlichen Gruß und Kuß. Auf der Rückseite des Briefes.. Vorgestern hatte ich einen Besuch von dem Polizeipräsi denten von Hinkeldey aus Berlin, der die Anstalt besah. Er interessierte sich dafür zu wissen, was ich zu tun beabsichtige, wenn ich frei würde. Fr. Gerstäcker an Corvin Hinterriß in Tirol, 17. Okt. 18557 Mein lieber, guter Corvin! Voll Den herzlichsten Glückwunsch Ihrer endlich gewonnenen Freiheit. Sie glauben nicht wie ich mich darüber gefreut habe. Ihren Brief erhielt ich oben auf dem Pirschhaus auf der Alm in den Tiroler Alpen, wo ich mit dem Herzog Coburg und Mr. Barner, den Sie auch wohl kennen, kampiere, und eben von der Jagd mit einem erlegten jungen Gemsbock zurückkehrte. Schonen Sie sich nur recht in der ersten Zeit und trauen Sie sich nicht zuviel gleich zu, denn der erste Genuß der Freiheit könnte Ihnen sonst mehr schaden als es die jahre lange schwere Haft getan. Sie wissen, daß das Wild oft den schwersten Winter glücklich überdauert, und im Frühjahr beim vollen Genuß des grünen Futters eingeht. Lassen Sie sich das als alter Jäger eine Warnung sein. Wenn Ihr Geist auch nicht gelitten hat, der stärkste Körper muß darunter leiden. Daß Ihre arme Frau geistig so' angegriffen ist, er klärt sich leicht sie hat mehr ertragen wie Sie, und Sie werden ihr in Ihrem ganzen Leben nicht genug danken können. Sie hat sich musterhaft betragen und die Bewunde rung und Achtung aller derer im höchsten Grad erworben, die näher konnten kennen lernen, wie sie eigentlich getan und wie sie es getan. Ich habe dem Herzog gesagt, daß ich einen Brief von Ihnen bekommen hätte und daß Sie frei wären. Er freute sich darüber und trägt Ihnen keinen Groll, mehr nach. von der Was nun Ihr Buch betrifft, so bin ich fest überzeugt, daß jeder Buchhändler gute Geschäfte damit machen würde. Keil wird es freilich nicht nehmen können, da er Sächsischen Polizei, die jetzt in Preẞsachen weit strenger ist als die österreichische, sehr überwacht wird. Mein Verleger ist jetzt Hermann Costenoble, ein unternehmendes und ehr liches Männchen( er ist nur ungefähr 4 Fuß hoch). Wenden Sie sich einmal an den, und wenn Sie es wünschen, will ich selber an ihn schreiben, obgleich das wenig Einfluß haben würde. Um Gottes Willen lassen Sie sich nicht mit*** ein ich habe ein Haar darin gefunden und wenn er Ihnen 1000 Exemplare zu drucken versichert, druckt er drei. Ich habe überhaupt in den Jahren manche häßliche Erfahrung mit Buchhändlern gemacht. Nehmen Sie aber einen Rat von mir an, mein lieber Corvin; schreiben Sie Ihr Buch so, daß Sie sich den künf tigen Aufenthalt in Deutschland nicht unmöglich machen. Es ist erklärlich, daß Sie manches, nach den gemachten Erfah rungen bitterer schildern würden, als nötig ist, tuen Sie es nicht. Wer weiß, ob Sie sich nicht später gern mit der Feder wieder Ihre Existenz in Deutschland gründen können, ver rammeln Sie sich nicht selber jetzt dazu den Weg, tun Sie es Ihrer Frau wegen nicht, der ich eine Uebersiedlung nach Amerika keineswegs wünschen möchte. Was mein jetziges Leben betrifft, so geht es mir Gott sei Dank recht gut. Wenn ich fleißig bin, verdiene ich mir ganz hübsches Geld, leider bin ich aber in das Bummeln geraten, und besonders im letzten Jahr fast mehr auf Reisen als zu Hause gewesen. Ich bin jetzt ein Jahr in Coburg und in der Zeit schon siebenmal auf 2 und 3 Wochen fort gewesen, so daß meine Frau schon behauptet, ich hätte nur mein Absteigequartier auf der Rosenau. Mit Coburg komme ich gar nicht zusammen und habe mir die Leute vollständig fern gehalten, das ist das allerbeste. Ich bin auch im letzten Jahr, wenn ich alles zusammenrechne, kaum 24 Stunden in Coburg gewesen. Doch jetzt ade, mein lieber, guter Corvin, grüßen Sie mir Ihre liebe Frau recht herzlich; wie innigen Anteil ich an Ihrem beiderseitigen Schicksal nehme, wissen Sie ja überdies. Auch Ihre lieben Verwandten grüßen Sie mir auf das Freundlichste und gedenken Sie mit der alten Liebe manchmal Ihres Ihnen treu ergebenen England und das indische Problem O. G. London, Ende November 1934. Die Hochzeit Zwei Dinge sind es, die heute die englischen Menschen beschäftigen. Die politisch un intereffierten sprechen von der Prinzenhochzeit. Man kann sich kaum vorstellen, welch ein Hallo um dieses wahrhaftig doch nicht weiterschütternde Ereignis gemacht wurde. Für Plätze in der Nähe der Kirche, wo die Trauung stattfindet, wurden Fantasiepreise bezahlt. Alle Zeitungen, auch die ernst haftesten, widmeten täglich Spalten und zahllose Bilder diesem Ereignis. Seit der Krönung des gegenwärtigen Königs gab es in England keinen solchen Trubel. lleberall prangt das Bild der griechischen Prinzessin Marina, die demnächst Herzogin von Kent sein wird. Warum dieser Trubel? Es ist schwer zu sagen. Jit es, weil Marina eine leibhaftige Prinzessin ist, während bisher die Kinder des Königspaares„ nur“ englische Adlige geheiratet haben? Ist es, weil die Verlobung in eine politisch tote Zeit fiel und so die Aufmerksamkeit auf sich konzentrierte? Tatsache ist, daß alles sich um Marina dreht, daß Menschenmassen stundenlang stehen, um nur einen Blick auf sie werfen zu können. Das Verhältnis zur größten Kolonie Die politisch Interessierten freilich haben andere, wichtigere Sorgen. Neben der Außenpolitik, die genug Ruffe Nüsse 3u knacken gibt, steht heute die Frage Indiens weit im Vordergrund. Es gilt das zukünftige Verhältnis zu dieser größten und wichtigsten Kolonie zu regeln. Die kommende. Parlamentstagung, die über Jndien zu beraten und zu beschließen hat, wird historisch sein. Die englische Staatsmannskunst ist geradezu sprich wörtlich geworden. Immer haben es die Engländer verstanden, scheinbar unlösbare Probleme mit leichter Hand zu lösen. Seit die Vereinigten Staaten von Amerika sich gewaltsam vom Mutterlande lösten, hat die englische Poli tik es verstanden, rechtzeitig die Fesseln zu lockern und so das Weltreich zu erhalten. Und auch mit den Vereinig ten Staaten verbindet das Britische Weltreich heute eine herzliche Freundschaft. Zuerst gab England der Kolonie Kanada volle Selbstverwaltung im Rahmen des Weltreichs, dann Australien und Neuseeland, und nur wenige Jahre nach dem blutigen Burenkrieg rückte die Südafrikanische Union zum gleichberechtigten Partner des Weltreichs auf. Und auch die Jren wurden direkt vom Schlachtfeld des Bürgerkrieges zum Verhandlungstisch gebeten. Ob das irische Experiment glücken wird, ob es hier nicht doch zu spät war, läßt sich heute nicht endgültig sagen, hier sind die Dinge noch im Fluß. Und doch all diese Fragen waren einfach, verglichen mit dem Problem Indien. Bei den anderen Kolonien handelte es sich um dünnbevölkerte Gebiete mit ein paar Millionen Einwohnern. Es handelte sich um Gebiete mit relatip einheitlicher Kulturstufe und mit englischer oder doch verwandter Bevölkerung. Indien dagegen hat achtmal soviel Einwohner wie England, es hat eine Bevölkerung mit durchaus uneinheitlicher Kulturstufe, eine Bevölkerung, die ihrer Wesensart nach von den Engländern so verschieden wie nur möglich ist. Es handelt sich um ein Land, das nur teilweise von Engländern verwaltet wurde und teilweise von selbständigen Fürsten, die in einem Vafallenverhältnis zum englischen König( Raiser von Jndien) standen und auch diese Fürsten regierten ihre Länder wieder nach verschiedenen Gesichtspunkten, es gibt alle Schattierungen von der Despotie zur Halbdemokratie. Die indische Bevölkerung ist zum großen Teil analphabetisch, tief zerklüftet durch Religionsgegensätze ( Hindu- Moslem), die oft zu blutigen Ausbrüchen führen, teilweise zerrissen durch das altüberkommene Kastenwesen, bedroht durch Raubzüge der kriegerischen, wilden Stämme an der Nordwestgrenze. Und dazu kommt gerade Sozialisten dürfen das nicht vergessen, daß Indien das wertvollste Ausbeutungsob jekt Englands war, das Land, dem nicht zuletzt Eng land seinen Reichtum verdankt; auch der relativ hohe Lebensstandard der englischen Arbeiterklasse beruht zum Teil auf der Ausbeutung Indiens. Gewiß, die englische Verwaltung in Indien hat neben der Ausbeutung auch wertvolle Kultur- und Erziehungsarbeit geleistet, aber die Tatsache der Ausbeutung bleibt dennoch bestehen. Jezt aber handelt es sich darum, die ausgebeutete Rolonie, mit ihren vielen Problemen, zum Partner im Weltreich zu machen. Tempo und Methoden Es ist klar, daß die Dinge nicht so einfach liegen wie bei Kanada oder Australien oder auch Südafrika. Nur schrittweise läßt sich das Ziel erreichen. Darüber ist man sich in England einig. Nicht einig ist man sich über Tempo und Methoden. Zu Beginn des Jahrhunderts wurden einige Notabeln mit beratender Stimme an der Verwaltung und Gesetzgebung Indiens beteiligt. Nach dem Kriege wurde in der sog. Montague Chelmsford Reform der erste wirkliche Schritt vorwärts gemacht. Es wurden in den Provinzen und an der Zentrale Bris tisch Indiens( in den Fürstentümern blieb alles beim alten) Parlamente geschaffen. Aber nur ein winziger Bruchteil, hauptsächlich auf Grund von Besitz und Bildung, hatte das Wahlrecht. Daneben wurde noch ein Teil der Parlaments mitglieder von der Regierung ernannt. Und diese Parla mente hatten wieder nur eine recht begrenzte Zuständig keit. Die wichtigsten Gebiete wie Finanz, Armee, Außenpolitik, Polizei waren ihrer Kontrolle entzogen. In allen Streitfällen hatten die Provinzgouverneure oder der Vizehönig das entscheidende Wort. Diefes System der gespa! tenen Verantwortung hat sich nicht bewährt. So begann man denn 1927 nicht zuletzt unter dem Einfluß der wachsenden Nationalbewegung unter Gan dhis Führung an eine neue Reform zu denken. Es wurde eine Kommission ernannt, die unter dem Vorsitz des jetzigen Außenministers Simon stand. Sie sollte Reformvorschläge machen. In dieser Kommission war kein Ander. Andien bonkottierte daher die Arbeit der Die Reaktion dringt vor Kein Zeitungszwang für Beamte Wie aus Mitteilungen in der Presse hervorgeht, wird in einem Rundschreiben des stellvertretenden Beamten= führers, Stabsleiter Reusch, an die Gliederungen des Reichsbundes Deutscher Beamten erklärt: Nach einer Zuschrift der Reichsleitung der NSDAP., Reichsleiter für die Presse, wird stellenweise von Amtswaltern des Reichsbundes der Deutschen Beamten auf die Be= amtenschaft ein starfer Druck zum Bezuge bestimm= ter Tageszeitungen ausgeübt. Ein derartiges Vorgehen ist durch die Anordnung des Präsidenten der Reichspressekammer vom 13. Dezember 1933 und die Verfügungen des Stellvertrters des Führers vom gleichen Tage und vom 10. Januar 1934 verboten und wird mit Ausschluß aus der Partei bedroht. In der Anordnung des Präsidenten der Reichspressekammer heißt es u. a.:„ Eine Verpflichtung" zum Bezug bestimmter Zeitungen ist nicht zulässig, besonders nicht durch Anordnung oder Befehle. Ebensowenig darf eine Kontrolle über den Bezug be= stimmter Zeitungen ausgeübt werden." In der zu dieier Anordnung ergangenen Verfügung des Stellvertreters des„ Führers" heißt es u. a.: Alle Parteigenossen, gleichgültig in welchen politi schen oder wie immer gearteten Organisationen sie tätig sind, sind verpflichtet, dieser über Fragen des Pressewejens ergangenen Anordnung innerhalb ihres ArbeitsKraft durch Freude" Im Urteil der Schweiz Man schreibt uns aus Bern: Wir hatten Gelegenheit, gestern gegen 8 Uhr abends von Berlin eine Veranstaltung der Kraft durch Freude" mit Freude anzuhören. Zuerst sprach jemand( es hätte vebbels sein können) im allgemeinen über die große Freude, die man jetzt in Deutschland an der Arbeit hat. Dann kam Herr Heß und versicherte nochmals, daß der„ Führer" den Leuten erst die Arbeit schmackhaft gemacht hat, und zum Schluß, nach Musik und Gesängen, fam Herr Ley. Ich habe Herrn Ley zum ersten Male am Lautsprecher gehört und würde es mich doch interessieren, ob er dieses Mal nüchtern bereichs nachzukommen. Ich ersuche daher, iede Tätigkeit in der vorstehend angegebenen Richtung unbedingt zu un terlassen." Abbau der SA.- Kommissare Zur Frage der Kommissare bei den Gemeinden und Aemtern hat der Reichs- und preußische Innenminister Dr. Frick eine neue Verfügung herausgegeben. Darin heißt es, daß zur Zeit noch eine Reihe solcher Beauftragter in den Gemeinden und Aemtern tätig sei, die bereits vor Befanntgabe früherer Runderlasse über die Kommissare von den Aufsichtsbehörden berufen worden waren. In den früheren Erlassen war schon gesagt, daß eine Bestellung von Beauftragten nur noch in ganz besonderen Ausnahmefällen stattfinden solle. Minister Dr. Frick ersucht nunmehr die Regierungspräfidenten, alsbald festzustellen, in welchen Fällen noch jetzt Beauftragte in den Gemeinden und Aemtern tätig sind. Es sei dann zu prüfen, ob die Aufrechterhaltung dieser Beauftragten noch unerläßlich und rechtlich. möglich sei. Unter Hinweis auf die einschrän= fenden Vorschriften über die Kommissare wünscht der Minister, daß die Regierungspräsidenten auf die Beseiti= gung der nicht mehr erforderlichen und zulässigen Beauftragten hinwirken. Es ist dem Minister zu berichten, in welchen Fällen die Beauftragun= gen weiterhin bestehen bleiben müssen. Hitler- Jugend mordet Wenn Kinder Dolche bekommen... Karlsruhe, 30. November. Mitglieder der Hitler- Jugend hatten bei einem Kameraden mehrere Weinflaschen gestohlen und sie ausgetrunken. Die Jungens gerieten plößlich in Streit; sie zogen ihre HitlerJugend- Ehrendolche" hervor und hieben damit aufeinander los. Der eine wurde durch einen Dolchstich mitten ins Herz auf der Stelle getötet; ein zweiter mußte lebensgefährlich verlegt, in aller Eile nach dem Krankenhause verbracht werden. war, denn so wie der Mann gesprochen hat, kann nur ein Die Weisen von Zion" Angetrunkener" zum Volk sprechen. Nicht nur, daß er stotterte und viele Worte erst zwei- oder dreimal anseßen mußte, er hat sich sogar gerülpit", also aufgestoßen. Wir haben hier die größte Freude gehabt und uns in ein Variete versetzt gefühlt. Daß sich das die Leute bieten lassen! Na, der Beifall bei allen drei Herren war gegen früher einigen Dußend Personen vorsichging, ist kaum zu glauben. einigen Dutzend Personen vor sich ging, ist kaum zu glauben. Ich glaube, es wäre für Deutschland vorteilhafter, wenn man so einen Kohl, wie Herr Ley ihn verzapft hat, nicht noch über den Lautsprecher gehen lassen würde. Der Mann will uns glauben machen, daß Hamburg, also die Hafenanlagen, vergrößert werden müssen, weil Kraft durch Freude" im nächsten Jahr einen solchen Umfang annehmen wird, daß die Quaianlagen nicht reichen". Wer glaubt so etwas? Wir hier in der Schweiz wissen genau, daß man sich in Hamburg alle erdenkliche Mühe gibt, die für die Schweiz bestimmten Importen so weit als möglich über Hamburg zu ziehen. Aber auch bei gleichen Preisen und Unterbietungen, man geht in Hamburg sogar sehr weit, ist man hier sehr ablehnend gegen den Verkehr via Hamburg und läßt nur das, was unbedingt nötig ist, via Hamburg laufen. Von den arbeitslosen Hafenarbeitern in Hamburg und von den Unterbilanzen der Schiffahrtslinien ( Nord). Lloyd und Hamburg- Amerika- Linie) wollen wir gar nicht reden, denn da sprechen die Zahlen genug für sich. Es wäre für uns in der Schweiz interessant zu erfahren, wer( also mit Namen und Titel) durch Kraft durch Freude" sich eine Reise auf dem Meer leisten konnte, und wer im kommenden Jahr unter den 150 000 Mann ist, der mit auf die Azoren und nach Madeira fahren darf! Genug für heute, man könnte so noch seitenlang schreiben. Mit Gruß Für Deutschland, gegen Hitler" Unterschrift. Kommission. 1930 erstattete die Kommission ihren Bericht. Kommission. 1930 erstattete die Kommission ihren Bericht. Sie schlug vor, in den Provinzen das Wahlrecht etwas zu erweitern und volle Selbstverwaltung mit gewissen zu erweitern und volle Selbstverwaltung mit gewissen Borbehalten einzuführen, in der Zentrale keine wesentlichen Aenderungen vorzunehmen und die Fürstentümer in einen Indischen Bundesstaat einzugliedern. Sowohl Indien wie England waren mit dem Bericht unzufrieden. Nun berief Macdonald die erste Konferenz am runden Tisch ein, an der neben Vertretern der drei englischen Parteien, Vertreter der indischen Parteien und der Fürsten teilnahmen. Gandhi war damals gerade im Gefängnis. Aber schon im nächsten Jahr nahm er an der zweiten Konferenz teil. Damals kam es zu schweren Konflikten zwischen Hindus und Moslems. Nach einer dritten Konferenz legte die englische Regierung Anfang 1933 ein Weißbuch vor, das im Gegensatz zum Simonbericht auch für die Zentrale Selbstverwaltung empfahl, auch hier freilich mit gewissen Sicherungen. Dieses Weißbuch hier freilich mit gewissen Sicherungen. Dieses Weißbuch wurde über ein Jahr lang in einer 32 köpfigen Sonderkommission von Ober- und Unterhaus beraten. Nun hat diese Kommission ihren Bericht vorgelegt. Fünf konservative Kommissionsmitglieder stimmten dagegen, weil der Vorschlag ihnen zu weit geht, die vier Labour mitglieder stimmten dagegen, weil er ihnen nicht weit genug geht. Während der rechte Flügel der Konservativen geradezu Tobsuchtsanfälle erleidet und den Untergang des Weltreichs prophezeit, kündigt Labour eine wohl wollende Opposition an. In Indien ist die Auf wollende Opposition an. In Indien ist die Auf nahme recht feindselig, aber nach manchen nahme recht feindselig, aber nach manchen Aeußerungen hat es den Anschein, als ob die Jnder in dieser Frage vergewaltigt werden wollen; denn positive Gegenvorschläge fehlen bisher. Der Reformvorschlag Der Reformvorschlag sieht vor: Schaffung eines Bundesstaates inklusive der Fürstentümer. Selbst verwaltung der Provinzen, parlamentarisches System unter einer gewissen Kontrolle des von England ernannten Gouverneurs, etwas erweitertes Wahlrecht ( etwa 10 Prozent der Bevölkerung sollen es erhalten), in ( etwa 10 Prozent der Bevölkerung sollen es erhalten), in den meisten Provinzen Zweikammersystem, wobei die 2. Kammer zu einer Bertretung des Befizzes werden soll. Im„ Völkischen Beobachter" beschäftigt sich Alfred Rosenberg unter der Ueberschrift„ Der Judenprozeß in Bern" mit dem Prozeß, der, wie berichtet, in Bern um die Frage der Echtheit der„ Protokolle der Weisen von 3ton" geführt wird. Rosenbergh erklärt u. a., daß sich der " Bölkische Beobachter" in einer Anzahl von Aufsäßen mit dem Komplex befassen wolle. Vor dem Berner Gericht sei auch der Zentralparteiverlag der NSDAP. angeklagt. Das Gericht könne so sagt Rosenberg u. a. weiter überhaupt kein bindendes Urteil in einer derartigen weltpolitischen From fällen. Bestritten werde auch die Aktivlegitimation der jüdischen Kultusgemeinde in Bern( d. h. das Recht der Klägerin zur Anstrengung der Klage).„ Für die Judenheit flagen fönnte nur die jüdische oberste Regierung der jüdischen Politik. Falls sich eine solche nicht vorzustellen in der Lage ist oder nicht gewillt ist, dies zu tun, fönnen wir, wie gesagt, eine Aktivlegitimation der Berner Kultusgemeinde nicht anerkennen." Zu der Frage der Echtheit der„ Protokolle" erklärt Rosenberg, daß es sich nach seiner Meinung weniger um die sogenannte Einheit, als um die innere Wahrheit" dessen handele, was in den Protofollen erklärt werde. Dreister, aber zugleich lächerlicher kann sich HitlerDeutschlands Kulturdiftator nicht herausreden. Jezt be= greift man auch, warum sich Rosenberg seinen schweizerischen. Pgs. und seinen„ Führer", der heilig und fest an die Weisen" glaubt, nicht in Bern als Sachverständiger zur Verfügung stellte. Den Berner Richtern hätte er mit seiner „ inneren Wahrheit" zur Bemäntelung schmutziger Schundliteratur nicht sehr imponiert. In der Zentrale Selbstverwaltung und parlamentarisches System unter Kontrolle des Bizekönigs, dem aber die Außenpolitik, die Wehrpolitik und die Reli gionspolitik vorbehalten bleiben sollen und der auch sonst Borrechte hat, indirekte Wahl der ersten Kammer durch die Provinzparlamente und der zweiten Kammer zum Teil durch die Fürsten. Weiter soll der Vizekönig ein Einspruchsrecht gegen eine Wirtschaftspolitik haben, die englische Waren ausschließt, auch die Beamtenernennung soll ihm zum Teil vorbehalten bleiben. Die Frage von Sonderwahlkreisen für die verschiedenen Religionsgemeinschaften und für den Schutz der Minderheiten spielt natürlich auch eine erhebliche Rolle. Die Labour Party bemängelt vor allem das allzu sehr beschränkte Wahlrecht( auch sie fordert nicht sofort das allgemeine Wahlrecht bei einer analphabetischen Be= völkerung), das Zweikammersystem, das zu ausgedehnte Vetorecht von Gouverneuren und Vizekönig, die indirekte Wahl zum Zentralparlament. Die Rechtskonservativen dagegen protestieren, daß man überhaupt an Selbstverwaltung bei der Zentralregierung denkt, sie wollen höchstens eine Provinzselbstverwaltung anerkennen. In Indien scheint vor allem die indirekte. Wahl zum Zentralparlament viel böses Blut zu machen. Widerhall in der englischen Oeffentlichkeit Jeden Tag wurden im Rundfunk Vorträge über Jndien gehalten, die Presse ist voll von Berichten, von Reden und Polemiken. Vor allem in der Konservativen Partei tobt ein erregter Kampf. Dieser Kampf kann zum Schicksal der Partei und ihres Führers Baldwin werden, der sich mit ganzer Kraft für den Reformvorschlag einseßt. Baldwin wird dabei von Sir Austen Cham berlain unterstützt, dessen Stimme in der Konservativen Partei nach wie vor großes Gewicht hat, und von dem Unterrichtsminister Lord Halifax, der als früherer Vizekönig von Indien über einen reichen Erfahrungsschatz verfügt. Die Führung der Gegengruppe liegt geistig bei Churchill, formell aber bei dem angesehenen Lord Salisbury, dessen Name in der Partei mehr gilt als der des nicht ganz stubenreinen Churchill. Die nächsten Wochen und Monate können schicksalhäfte Bedeutung für das Weltreich haben. Aktivität des Quai d'Orsay Paris, 29. November. Von unserem Korrespondenten. Der Quai d'Orsay steht zur Zeit im Zeichen ganz besonders angespannter Arbeit. Zwischen dem rumänischen Außenminister und seinem französischen Kollegen Laval finden wichtige Unterhaltungen statt, der türkische Außenminister führt bedeutungsvolle Gespräche mit Laval, und dann wieder treffen sich beide ausländischen Gäste mit dem Leiter der französischen Außenpolitif, um gemeinsam alle die Fragen zu diskutieren, die den drei Staatsmannern und den von ihnen vertretenen Völkern ganz besonders am Herzen liegen. Die französische Presse begleitet alle dieje Konferenzen mit ihren Kommentaren, ohne daß sie jetzt schon auf ein bestimmtes Ergebnis hinweisen kann. Man will wissen, daß Tembik Ruschdi Bey nach Paris gekommen sei mit dem Vorschlag, einen französisch- tür= fischen Paft abzuschließen. Diese Absicht stößt nicht überall auf freundliches Verständnis. So jagt zum Beispiel a in: Brice im Journal", Frankreich würde Italien mißtrauisch machen, wenn es jetzt ein Einzelabkommen mit der Türkei abichließen würde. Es gäbe tatsächlich im Mittelmeer feine Sicherheit ohne die französischitalienische Verständigung, in Mitteleuropa ohne die Verständigung zwischen Italien und Jugoslawien im Often ohne die Verständigung zwischen Polen und der Tschechoslowakei. Im Deuvre" hofft Genevieve Tabouis, daß zwischen der Kleinen Entente und den Mächten des Balkan= paktes, also Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland und Türkei, bald die noch bestehenden Gegensätze beseitigt würden und dadurch ein wirklicher Balkanpaff zustande käme, dem alle Balfanmächte angehören. Italien habe vor kurzem in Genf der Kleinen Entente und insbesondere der Tichecho= slowaker und Jugoslawien ein Abkommen angeboten, in dem Desterreichs Unabhängigkeit garantiert werden sollte. Die Antwort habe gelaufet, daß beide Mächte mit den an= deren Balkanmächten solidarisch seien und nichts mehr wünschten, als mit Italien friedlich zusammen zu arbeiten, aber unter der Bedingung. daß Italien friedlich auf seine Politik auf dem Balkan des„ Divide et. Impera"( die Gegner voneinander trennen, um sie einzeln zu beherrschen) verzichte. Die französische Journalistin meint. daß dieses Biel jeßt erreichbar sei. Ein Abkommen mit der Türkei bestehe für Frankreich noch nicht. Es sei wünschenswert, dürfte aber erst dann verwirklicht werden, wenn Frankreichs Verhandlungen mit Italien günstige Gestalt an= genommen hätten. Die italienisch- französische Verhandlungen Rom, 30. November. Infolge der Verschärfung des ungarisch jugoslawischen Konflikts ist in verschiedenen politischen Kreisen die Ansicht vertreten worden, daß die geplante Reise Lavals nach Rom neuerdings verschoben wird. Von unterrichteter Seite wird erklärt, daß die italienisch- französischen Verhandlungen feine Unterbrechung erfahren haben und daß angeblich der bisherige Verlauf sogar zu optimistischen Aussichten Anlaß gese. Nach wie vor wird angenommen, daß Laval voraus sichtlich am 20. Dezember hier erwartet werde. BRIEFKASTEN An mehrere. Auf Ihre Anfrage geben wir das von dem neuen Organ des Saarfömminars Bürcel Nazi- ,, Westland" in französischer Sprache abgedruckte Schreiben des früheren Herausgebers des ,, Westland", A. Thalheimer, in deutscher Uebersetzung wieder:„ Herrn Weißenberg, Paris. Ich bestätige unsere Vereinbarung und Unterhaltung von heute früh. Ich habe Ihnen die gegenwärtige Lage von ... Westland" und die Geschichte seiner Gründung auseinandergesetzt. Das Kapital der Gesellschaft in Höhe von 100 000 Fr., das ich aus meinen eigenen Mitteln und ohne Hilfe von dritten Personen eingezahlt hatte, ist infolge der enormen Schwierigkeiten, auf die ich an der Saar gestoßen, bin, ungenügend gewesen. Ich habe nicht gezögert, fortwährend bedeutende Summen einzuzahlen, die weit das Gründungskapital überschreiten. Es ist mir ein Leichtes, Ihnen dafür einen Beweis auf Grund meiner Bücher und Bankausweise zu liefern. Ich habe Ihr Angebot, Ihnen die Gesellschaft für den Preis von 200 000 Fr. zu verkaufen, nur angenommen, um die Existenz der Zeitschrift zu sichern. Ich habe mit Genugtuung von Ihrem Bersprechen über die Möglichkeit einer Erhöhung des eingezahlten Kapitals Kenntnis genommen, was die Möglichkeit bieten würde, aus„ Westland" ein noch bedeutungsvolleres Blatt zu machen und so dazu beitragen würde, eine noch wirksamere antihitlerische und saarländische Propaganda in die Wege zu leiten..." Die Rechtsstelle für deutsche Flüchtlinge in Paris schreibt uns: Seit etwa 6 Wochen hält sich in Paris ein gewisser Martin Ruder auf. Er wohnt jest 67, rue des Moines, Paris 17. Er gibt an, am 29. 10. 1902 in Frankfurt am Main geboren zu sein und zuletzt in Berlin- Tegel, Brunowstraße 56, gelebt zu haben. Nach seinen BeHauptungen ist er ab Februar 1933 bis September 1934 in ver schiedenen Konzentrationslagern festgehalten und angeblich schwer verstümmelt worden. Er zeigt seinen linken Arm vor und versichert, dieser sei im Lager gebrochen und. ausgeschnitten worden, so daß er jetzt nicht brauchbar ist. Kuder will auch Gerichtsassessor féin, aber in der letzten Zeit kaufmännisch gearbeitet haben. Kuder gibt an, durch die Leiden im Konzentrationslager einen nervösen Sprachfehler erhalten zu haben; er. hat beim Sprechen 3udungen im Gesicht und wirkt sehr nervös. Möglicherweise ist dies simuliert. Nach den letzten zuverlässigen Ermittlungen in Deutschland ist Ruder unzweifelhaft ein Hochstapler und Betrüger. Er hat niemals studiert, hat in Deutschland wegen krimineller Vergehen im Gefäng nis gesessen und hat es hier in Paris verstanden, sich bei allen nur erdenklichen Stellen Unterstüßungen und Empfehlungen zu verschaffen. Es erscheint zumindest höchst zweifelhaft, ob er überhaupt im Konzentrationslager gewesen ist; es besteht die Befürchtung, daß er von seinen hiesigen Erfahrungen meiteren unlauteren Gebrauch macht. Wir warnen dringend, sich in irgendeiner Weise mit ihm einzulassen und bitten, etwa bei ihm vorgefundene Empfehlungsschreiben einzubehalten. A. M., Neuyork. Wir danken Ihnen für die wertvolle Zeitungssendung. U. a. schreiben Sie:„ Der Bund der Freunde des neuen Deutschland" hatte einer seiner regulären Versammlungen im „ Ebling Casino", 156, Street und St.- Ann- Avenue, an welcher etwa tausend Personen teilnahmen. Im selben Gebäude hatte der„ Gler mont- Club" in einem Saale, welcher gerade über dem Nazijaal gelegen ist, eine Versammlung, welche von ungefähr sechzig Personen besucht war. Als Dave Wallach, ein Mitglied des Clermont- Clubs", den Lift besteigen wollte, wurde er von einem Razisten mit einem Knüppel über den Kopf geschlagen. Wallach teilte dies seinen Klubfameraden mit, diese stürmten dann in die Naziversammlung, eine Prügelei entstand und die Polizei wurde von den Nazis alarmiert. Die Polizei drang mit gezogenen Revolvern in die Versammlung und verhaftete den Nazisten Siebert, welcher Wallach angegriffen hatte. Inzwischen demolierten die Mitglieder des„ Clermont- Clubs" die vor dem Gebäude stehenden Naziautos. Die Nazis wurden dann von der Polizei im Gilmarsch nach der nächsten Sochbahnitation ges leitet, begleitet vom Clermont- Club", die Milchflaschen, Steine und andere Wurfgeschone in die Nazireihen schleuderten. Auf der Hochbahnstation tam es noch einmal zu einer lustigen Prügelei, in welcher es viele blaue Augen und verbeulte Köpfe gab." Alles in allem: die Nazis scheinen bei Euch so beliebt zu sein, wie sie es verdienen. Freund in Budapest. Sie übersenden uns den„ Pester Lloyd" mit 5 Uhr veranstalteten folgender Notiz:„ Der Geburtstag Erbfönig Ottos. Heute nachmittag wie aus Wien telegrafisch gemeldet wird die jüdischen Frontsoldaten in der Synagoge der Inneren Stadt einen Otto- Gottesdienst, zu dem auch Erzherzog Eugen in Marschalluniform erschienen war. Der Erzherzog wurde vom Führer der jüdischen Frontsoldaten, General Sommer, begrüßt. Erzherzog Eugen drückte seine Freude darüber aus, daß er an diesem Gottes dienst erscheinen und sich von der dynastischen Treue der südischen Frontkämpfer überzeugen könne. 203 ist Geist vom Geiste des Hitlerjuden Naumann im dritten Reiche". Ins Land der Franken fahren." Bei Ihrem Besuche im Reiche Streichers haben Sie das dortige„ Achtuhrblatt" in die Hand bekommen. Es bringt das Bild einer Judenverbrennung in Nürnberg mit folgenden gemütvollen Zeilen darunter: So faßte man die Juden im Mittelalter an. Unter der Zustimmung der erbitterten Bolksmenge wurden die schlimmsten dieser wuchernden Fremdlinge verbrannt. Wieviel humaner ist dagegen der nationalsozialistische Staat, der diesen Volksfeinden, wenn sie sich auch nur ein wenig anständig benehmen, nicht nur Gastrecht gewährt, sondern ihnen sogar die freie Ausübung des Berufes gestattet. Unser Bild zeigt eine Judenverbrennung in Berlin auf dem Neuen Markt."- Man spürt das Bedauern, daß Juden im„ dritten Reich" einstweilen nur in Konzentrationslagern und in SA.- Kellern nichtöffentlich tot geschlagen werden, statt daß man sie öffentlich verbrennt. Willy Schäferdied. Sie haben ein Hörspiel geschrieben, das Sie aus Ihrem Zimmer im Reichssender Köln nach Berlin schickten. Von hier aus ging es in diesen Tagen über fast alle deutschen Sender, und es hieß:„ Jakob Johannes". Das ist nämlich der Name des neuen Schlageter von der Saar. Jakob Johannes war ein Saararbeiter, der im Jahre 1919 vom französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und erschossen wurde. Man hatte ihn eines Mordversuchs beschuldigt. Wir prüfen nicht, ob das Urteil zu Recht erfolgte, aber immerhin hatte man ihn mit der Waffe in der Hand verhaftet. Ihr Hörspiel zu dieser Episode ist pompös und knallig, voll schwelender Tendenz gegen die französische Rachejuſtiz, nicht ganz ohne Talent. Damals, als Sie unter der Protektion des heuter unter Anklage stehenden früheren Intendanten und Dichters Ernst Hardt von einem kleinen Angestelltenposten in den Weftdeutschen Rundfunk einrückten, da waren Sie gut Freund mit allen Sozialisten und Marristen im nahen und weiten Umfreise. Sie drückten ihnen gesinnungstreu die Hand und machten hinter Ihren Brillengläsern traurige Augen, wenn sich Strömungen von rechts her im Rundfunkhause durchzusetzen suchten. Sie schrieben sozialradikale Verse und spotteten mit anderen Spöttern über die Nazis. Als Jhre Kollegen der Reihe nach im Frühjahr 1933 herausgeworfen wurden und Ihr Protektor, der Intendant, gefangen gefeßt wurde: Sie blieben. Heut stehen Sie vermutlich bereits im Geruch eines alten& ämpfers" mit den feinsten braunen Beziehungen. Vielleicht tommet Jhresgleichen wieder angefrochen, wenn es anders herum geht. Vielleicht bereiten Sie sogar schon ein Heldenepos vor über Ihre einstigen Brüder, die erschossenen, geföpften und erschlagenen Proleten. In Ihrem Rundfunkdrama Hallte es wider von der unsterblichen deutschen Idee, verkörpert durch Johannes. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pig in Dud. weiler; für Inserate: Otto Rubn in Sacrbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Rolfsstimme GmbH. Saarbrüden 3, Schüßenstraße 5. Schließfach 776 Saarbrüden. Es kommen zu Wort: Der Großindustrielle Hermann Röchling. Der Führer der Deutschen Front, Pirro. Der Pfarrer Wilhelm. Der Vorsitzende der Handwerkskammer, Schmelzer. Gräfin von Roedern. Der Propagandaleiter der Deutschen Front, Peter Kiefer. Minister Zoricic., Drouard, Vorsitzender der französisch- saarländischen Handelskammer. Raspail, Direktor der Mines Domaniales. Dr. Velleman, Generalsekretär der Abstimmungskommission. Exzellenz Galli, Vorsitzender des Obersten Abstimmungsgerichtes. Dr. Martiner, GeneralAdvokat beim Obersten Abstimmungsgericht. Landgerichtsdirektor Steinfels. Johannes Hoffmann, Führer der katholischen Front. Max Braun, Vorsitzender der Sozialdemokraten. Fritz Pfordt und Philipp Daub, führende Funktionäre der Kommunisten. Julius Schwarz, Vorsitzender des Bergarbeiterverbandes. Arbeiter und Bauern, Geistliche und Handwerker, Hausfrauen und Schulkinder, Kaufleute und Lehrer. Inhaltsangabe: Mitten in Europa 1934. Deutsch sein. Hitler vor den Toren. Hier regiert der Völkerbund. Die toten Seelen. Kommt die Wirtschaftskatastrophe? Gleichschaltung der Sklaverei?. Die Front der Schwankenden. Die katholische Fronde. Die Einheitsfront. Das andere Deutschland. Ein Würfel fällt an der Saar Die Wahrheit über die Saar! Das Reportagebuch für jedermann! 180 Seiten, zweifarbiger Umschlag, bessere Ausgabe Fr. 12,-( Sfr. 2,40), billige Volksausgabe Fr. 6,-( Sfr. 1,20). RING- VERLAG AG., ZÜRICH Zu beziehen in allen Buchhandlungen oder bei der Buchhandlung der Volksstimme G.m. b. H. Saarbrücken 2, Trierer Stratze 24 Postscheckkonto Saarbrücken 619 H HIER SPRICHT DIE SAAR Dr. Hans Neikes Hermann Röchling Jakob Pirro Pfarrer Wilhelm Peter Kiefer Wilhelm Schmelzer Pfarrer Nold Minister Zoricic Exzellenz Galli EHSAARGEB WOLKS ABSTIM UCKO Fr. 1 QUBE 193 SUREN Ein Land wird interviewt von THEODOR BALK Dr. Martina Direktor Raspail Dr. Vellema Johann Hoffmann Max Braun Fritz Plordt Philipp Daub Julius Schwarz Bergarbeiter Hausfrauen Hüttenarbeiter Landwirte Geistliche Schulkinder und viele andere