Freiheit Nr. 270 2. Jahrgang Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Saarbrücken, Dienstag, 4. Dezember 1934 Chefredakteur: M. Braun Zweite Abstimmung gesichert Seite 2 Die Volksfeent an der Saar stürmt Seite 3 Die verlorene„ Preisschlacht" Seite 4 Keine Entmannung bei homosexueller Veranlagung Seite 7 Am Grab des braunen Sozialismus Schachts Verordnung für die Bank- und Börsenfürsten- Bestätigung des hodkapitalistischen Kurses Berlin, 3. Dezember Reichswirtschaftsdiktator Schacht hat eine Verordnung über den Aufbau der gewerblichen Wirtschaft erlassen. Diese. Berordnung stellt den Versuch einer organisatorischen Zusammenfassung der Unternehmerschaft dar, dir zur Wahruchmung ihrer Interessen eine gemeinsame Vertretung in der neu zu schaffenden Reichswirtschaftskammer haben wird. Fachlich wird die gewerbliche Wirtschaft in einer Reichs: gruppe der Industrie, in Hauptgruppen und in den Reichsgruppen Handwerk, vandel, Banten, Versicherungen und Energiewirts' t zusammengefaßt. In den Hauptgruppen der Industrie und den Reichsgruppen der übrigen gewerb lichen Wirtschaft werden Wirtschaftsgruppen gebildet, die fich nach Bedarf in Fachgruppen und Fachuntergruppen glie: dern. Bezirklich wird die gewerbliche Wirtschaft in Wirtschaftsbezirken zusammengefaßt. Wirtschaftsgruppen, Fachgruppen und Fachuntergruppen tönnen sich bezirklich unter: gliedern, wenn ein zwingendes wirtschaftliches Bedürfnis besteht, einen bestimmten Wirtschaftszweig für einen Wirtschaftsbezirk oder innerhalb eines solchen zusammenzusaffen. Auf Anordnung des Reichswirtschaftsministers fönnen Bezirksuntergruppen und Zweigstellen mit Industrie: und Handelskammern verbunden we den. Gruppen verwandter Wirtschaftszweige tönnen Arbeitsgemeinschaften bilden. Die Wirtschaftsgruppen, ihre selbständigen Fachgrup pen, Fachuntergruppen, bezirkliche Gruppen sowie Bezirksgruppen haben die Stellung von rechtsfähigen Ver= einen. Wir haben in letzter Zeit wiederholt auf die großen Gegensätze hingewiesen, die innerhalb der nationalsozialistischen Führung über die weitere Gestaltung der Wirtschaftspolitik bestehen. Besonders stark sind sie zwischen dem Wirtschaftsdiftator Dr. Schacht, der die Interessen der Bank- und Börsenherren vertritt, und dem radikalen Phantasten Darré, der den Reichsnährstand führt Der Gegensat zwischen den beiden Rivalen offenbarte sich vor allem bei der Ernennung Dr. Goerdelers zum Preiskommissar. Auf der Reichsbauerntagung in Goslar haben Darré und seine nächsten Mitarbeiter deutlich zum Ausdruck gebracht, daß sie der Tätigkeit des Dr. Goerdeler Mißtrauen entgegenbringen, weil der Preiskommissar den zahmen Versuch gemacht hat. auch die Preise für Agrarprudufte zu senfen. Vorläufig ist dieser Versuch von dem mächtigen Reichsnährstand mit Erfolg abgewehrt worden. Inzwischen setzte Dr. Schacht seine hochfapitalistische Politik unermüdlich fort. Denn die führenden Unternehmerfreise blicken nach wie vor sehr unzufrieden. Die Zeitschrift " Der Volkswirt" schrieb in diesen Tagen folgendes: Man glaubt sich vielfach auf den abschüssigen Weg wirt: fchaftlich untragbarer Zugeständnisse gedrängt und fühlt fich, wo die alten Arbeitgeberverbände mehr oder weniger freiwillig aufgelöst und die nenen Ständischen Organisa= tionen noch nicht geschaffen sind, vereinfamt und ohne halt So wird die Arbeiterschaft um ihre Verfassung und die Landwirtschaft um eine Droonilation beneidet, die ihren sämtlichen Angehörigen ausreichende Preise aaray: tiert. Dazu droht jezt Goerdeler noch mit dem Lahmiegen oder überhaupt Auflösen der Kartelle. Auf der einen Seite also greift die Ar= beitsfront die Löbne on uns auf der andern Seite Breis: diftator Goerdeler die Preise Die Sorgen und zahl: reich. Steuern, Rohstoffe, Preise, Absatz, Export, Verbands= Goebbels als Nikolaus Aber sein Sack ist teer Sucht man nach untrüglichen Stimmungsbarometern aus dem dritten Reich", so muß man jetzt die Reden des Herrn Goebbels genau nachlesen. Er hat in diesen Tagen in den Messehallen in Stettin gesprochen, so bekümmert, so lahm, und so ohne propagandistische Kraitentfaltung, daß man aus jedem Satz erkennen konnte, wie schlecht es den braunen Herrschaften geht. Manche wollen heute nichts sehen, daß auch diese Beit ihre Schönheiten besitzt, daß man nur Augen haben muß, um sie zu sehen und zu finden." So be= gann Goebbels. Tas Unglück will, daß die Untertanen des Hitlerreiches selbst bei redlichstem Bemühen solche„ Schönbeiten" nicht mehr entdecken können. weien, jedes ein Problem für sich. Dabei hat in die sen umwälzenden Zeiten mancher das Ge= fühl, feiner Zukunft nicht sicher zu sein. Die Bereitwilligkeit, fich der Forderung des Nationaljoa lismus zu stellen: Scharfe Auslese nach Gesinnung und Leistung, ist vorhanden. Woran es fehlt, ist Vertrauen, immer wieder Vertrauen, beim Unternehmer zu sich sel= ber und bei Staat und Volk zum Unternehmertum." Es gibt zu denken, daß ein zensiertes Blatt eine solche offene Sprache wagt. Typisch für die Schwierigkeiten, die trotz aller Begünstigungen dem Unternehmertum durch die Willkür einzelner nationalsozialistischer Führer drohen, war die kürzlich in Bayern durch den Minister Effer anbe=. fohlene enfung des Bierpreises, verbunden mit der Absage an der Steuersenkungswünsche dieser Industrie. Gerade diese Tatsache daß Esser eine Bierpreissenkung gegen den Wunsch der Industrie anbefohlen hat. steigerte die Unzufriedenheit bei den Unternehmern noch mehr. Die verschiedenen Industrieverbände haben beim Reichswirtschaftsminister wegen dieser Maßnahme Essers Einspruch erhoben, weil sie darin ein Symptom für die weitere Gestaltung der Preispolitif erblickten. Die Unternehmerverbände erklärten, daß eine derartige Einmischung amtlicher Stellen in die Preisgestaltung, wie sie in Bayeri Det der Bierpreisientung erfolgte, die Interessen der Unternehmerschaft aufs ich merite schädige. Es zeigt sich an diesem Beispiel wieder einmal, daß die Bolitik der„ Bolfsgemeinschaft" auf fapitalistischer Basis ein Unding ist. Man kann nicht auf der einen Seite der Landwirtschaft zuliebe die Preise erhöhen und auf der anderen Seite eine Preissenfungsaktion vornehmen. Man kann nicht den Export fördern wollen und zu gleicher Zeit durch eine wahnwißige Schutzzollpolitik der Ausfuhr den Todesstoß versetzen Man kann nicht auf der einen Seite in verantwortungsloser Weise eine Arbeitsbeichaffung inizenieren und zu gleicher Zeit das Niveau der Reichsmart halten. Und man kann nicht die Löhne drücken und gleichzeitia er= warten, daß die Arbeiterschaft zufrieden ist, und man kann ebenso nicht den Unternehmern größte Profite gemähren und gleichzeitig, wenn es schief geht. amtlich eine Preissenfung für Fertiowaren bei aufrechterhaltung der überhöhten Robitoffpreise befehlen. Die neue Verordnung ch a chts stellt den verzweifelten Versuch dar, in diesem wirtschaftlichen Wirrmar die Poii= tton des Unternehmers zu stärken. Mit der Schaffung der Reichswirtschaftsfammer erhalten die Unternehmer eine felbständiae Vertretung, wo sie ihre Interessen gegenüber den Interessen der Landwirtschaft aufs wirf= jamite vertreten können. Die neue Verordnung. zu der Sitler feinen Sonen gegeben hat, bedeutet einen Sieg des kapitalistischen Gedankens, über das soziaTi stiiche Aushängeschild der Hitlerbewegung. Der Binsbrecher" eder ist länait abeebalfert worden, von Zinsbrechmna iit feine Rede mehr. Dafür fönnen die Bonf und Börienfürsten, die Kripps und Thyssen, die Peiter der arnñen Ponzerne triumphieren. Die neue Verordnung bedeutet auch einen vorläufigen Sieg Schachts über Darre und Ley und führt vor dem ganzen Volke den Nachweis, daß die führenden Männer des ,, britten Reiches" ihrem obersten Programmpunkte, dem Sozialismus, was sie darunter verstanden, offiziell nicht einmal ein festliches Begräbnis bereiten können. Sie hatten auf den Aufbruch gehofft, auf die Erfüllung der braunen Versprechungen. Jetzt verlangt man nichts als Opfer von ihnen. Dabei müsse man, so meinte Goebbels, immer bedenken, was schon für Taten vollbracht worden seien: Kurz und gut: wir haben auf dem Gebiet der Sozialfürsorge getan, was wir überhaupt nur tun konnten. Das alles haben wir getan in einer Zeit, in der die Welt in tiefften strisen verfangen war, in einer Zeit, in der andere Länder von schweren Erschütterungen heim= gesucht wurden, Könige und Politiker er: mordet wurden und Kabinette fast monat= lich famen und gingen." Fortsetzung stebe 2. Seite, Erlebnisse in spanischen Gefängnissen Von Ilse Wolff In den Tagen der revolutionären Kämpfe in Spanien, am 7. Oftober, wurde unsere bisherige spanische Korrespondentin Ilie Wolff von der Madride: Polizei verhaftet. Ihr Schicksalsgefährte war Hans Theodor Joel, der Vertreter einer Reihe nordischer Blätter. Nach mehrwöchiger Haft( erst in Madrid, dann in Barcelona) erlangten beide, nachdem die Weltöffentlichkeit alarmiert worden war, ihre Freiheit wieder. Ilse Wolff wurde ausgewiesen und lebt jegt in Paris. Sie schreibt uns einen langen, tem= geramentvollen Bericht über ihre spanischen Gesäng nis- Erlebnisse. Wir entnehmen ihm einige Partien, die für sich selbst sprechen mögen. Redaktion der Deutschen Freiheit". Meine Verhaftung Während der Nacht vom 6. zum 7. Oktober war heftig in Madrid geschossen worden. Von meinen Fenstern aus hörte man das Knattern der Maschinengewehre und das schneidende Einschlagen von Pistolenschüffen. Der Kriegs. zustand war verhängt worden. Am Morgen des 7. Oktober, Sonntag früh, beschlossen der Korrespondent von„ Politiken", Hans Joel und ich, nach Cuatro Caminos herunterzufahren, um uns persön lich über die nächtlichen Vorgänge zu informieren. Bor dem Polizeipräsidium standen zwei lange Schlangen von etwa je 500 bis 1000 Menschen. Alle warteten auf den Bassierschein. Es war gegen 1 1hr mittags. In einer dieser Schlangen zu warten, hätte für uns den Zeitverlust von zumindest 6 Stunden bedeutet. Wir mußten ver fuchen, einen anderen, schnelleren Weg zu finden, um ungehindert durch die Stadt fahren und exakte Nachrichten sammeln zu können. Gegen 5 Uhr fuhren wir zur Polizeidirektion. Der Sekretär des Direktors bat uns, einen Moment zu warten. Nach einer geraumen Weile erschien ein anderer Beamter mit unseren Ausweisen und ersuchte uns, ihm in ein anderes Zimmer zu folgen. Er fragte, wie lange wir in Spanien feien und wo wir uns aufgehalten hätten. Als ich meine Wohnung angab, erklärte er, daß ich dort nicht wohnte und zeigte mir eine Kartothekkarte, die zwar auf den Namen Wolff lautete, aber einer Frau Elsa Wolff gehört, mit der ich bereits des öfteren verwechselt worden war. Der Polizeibeamte wollte sich aber durchaus nicht davon überzeugen lassen, daß meine Person nicht seiner Kartothekkarte entspräche. Unter Bewachung eines jungen Beamten ließ er uns, trot unserer Proteste, zurück. Nach etwa zwei Stunden erschien er wieder, triumphierend: Gie sind Kommunisten! Wir haben lauter kommunistische Literatur bei Ihnen gefunden!" Meinen bescheidenen Hinweis darauf, daß ich seit meines Aufenthaltes in Madrid, also seit 1932, der dortigen Sozialistischen Partei angehörte, belächelte er nur mitleidig: Sie sind uns beereits von deutscher Seite als Kommunistin gemeldet. Wir wissen auch, daß Sie sich während der letzten Wahlen als Kandidatin zur Parlamentsabgeordneten haben aufstellen lassen..." Außerdem habe man in meinem Schreibtisch eine Reihe von Ausweisen, u. a. Gewerkschafts- und Parteibuch gefunden, man htbe aber nur einige Artikel und Manuskripte mitgenommen. Bitte kommen Sie noch einen Augenblick mit," meinte der Beamte. Man führte uns ins Erdgeschoß, wo ein anderer Beamter zwei Zettel ausfüllte.„ Sind wir verhaftet?" erlaubte ich mir jetzt zu fragen. Der Beamte antwortete nicht, zuckte nur die Achseln. Zwei Minuten später befanden wir uns in einem durch eine Eisentür abgeschlossenen Gang, der in die Kellerräume der Präfektur führt. Joel mußte sich von mir verabschieden. Man führte mich durch einen schmalen Korridor. Ich befand mich in einem Raum von etwa 24 Quadratmeter, an dessen einer Längs- und zwei Querwänden Holzbänke ohne Lehnen standen. Von der hinteren Querwand aus führen zwei Zellen ab, die je für zehn Personen Platz bieten. Von Pritschen keine Rede. Rackter Boden, auf dem zu jener Zeit jedoch große Bakete beschlagnahmter Arbeiterzeitungen noch einen guten Zweck erfüllten, ihre Leser gegen die Nässe und die Ratten zu schützen. Die Zellentür war halb angelehnt, etwa 30 Personen befanden sich in dem engen Raum. Hier Derbrachte ich 11 Tage. In jener Nacht war ich das einzige weibliche Wesen In der Zelle, die halb offenstand, be fanden sich u. a. einige Genossen, die mich kannten. Sie brachten mir Eßwaren und Zigaretten und gaben mir einen Mantel, damit ich nicht allzusehr fröre in meinem Sommerkleid. So gut es ging, machte ich mirs auf einer der Bänke ,, bequem". Von Schlafen war natürlich keine Rede. Immer wenn ich gerade am Einschlafen war, weckten mich Klopftöne und Stöhnen. Elf Tage im Keller der Polizeidirektion Eine junge Genossin, Schneiderin, die zu ihrem Mann auf der Straße gesagt hatte:„ Sei aber kein Streikbrecher!" und von einem Agenten, der diese Worte hörte, kurzerhand mitgenommen wurde, blieb 10 Tage. Carmen, ein Mädchen, das eine Rußlandreise gemacht hatte und deshalb als„ gefährlich" galt, blieb 9 Tage. Aber immerhin: Joel und ich schlugen den Rekord. Die Räume füllten sich zum Ersticken. Man lagerte, wo man nur konnte, auf Bänken, dichtgedrängt, auf dem Steinfußboden, und nachts schichteten wir ein paar Lagen Zeitungen übereinander, krochen zusammen und versuchten zu schlafen, immer wieder von neuen Zugängen oder Abtransporten unterbrochen. Nach ein paar solchen Nächten hatte ich eine schwere Grippe und Halsentzündung. Als ich nach einem Arzt verlangte, antwortete man mir: Benachrichtigt ist er, aber ob er kommt, ist eine andere Sache." Er kam auch nicht. Es war uns strengstens untersagt, auch nur die geringste Nachricht nach außen von unserem Aufenthalt gelangen zu lassen. Alle übrigen Gefangenen erhielten von ihren Angehörigen Essen, Wäsche, Decken, Geld usw. Als man jedoch nach uns fragte, wurde kategorisch erklärt: Rennen wir nicht, sind nicht hier, haben auch keine Zeit, nachzuforschen." Der dänische Konsul bemühte sich um Joel ohne Erfolg. Als sich Clara Campoamor, die Direktorin des Wohlfahrtswesens. nach mir erkundigte, erklärte man ihr?„ Ein verlorener Fall, man hat sie mit der rauchenden Bistole in der Hand festgenommen." Einer der Freunde des Staatspräsidenten, ein General, setzte sich ebenfalls für mich ein, auch ihm erzählte man ein ähn Tiches Märchen. Als per Zufall jener junge Beamte, der uns während der Haussuchung seiner Kollegen bei uns Gesellschaft geleistet hatte, im Keller erschien und von Joel gefragt wurde, warum wir eigentlich hier seien", war er völlig fassungslos.„ Das ist eine deutsche Angelegen heit, die hat mit hier nichts zu tun!" erklärte er schließlich. Status quo Status quo- keine endgültige Lösung Lavals neue Saar- Erklärung Paris, 3. Dezember. Von unserem Rorrespondenten In hiesigen politischen Kreisen meint man, daß durch Lavals neuerliche Erklärung zur Saarfrage die Lage wesentlich geklärt sei. Der französische Außenminister habe deutlich zu erkennen gegeben, daß Frankreich durch das halbdiplomatische Spiel des Herrn von Ribbentrop sich nicht aus dem Konzept bringen und von dem bisher eingeschlagenen Wege abbringen lassen werde. Wie Barthou dies vor Monaten ausgesprochen habe, so sei auch sein Nachfolger der Auffassung, daß eine Entscheidung über den Status quo am 13. Januar nicht die endgültige Trennung von Deutschland be= dente. Die Saarbevölkerung brauche nur später einmal den gemeinschaft sich anschließen wolle, dann werde der VölkerWunsch auszusprechen, daß sie wieder der deutschen Volksbundsrat über die Erfüllung dieses Wunsches entscheiden, und Frankreich werde sich dem nicht widerseßen. Man ist sich hier im klaren darüber, daß Lavals Erklärung in Hitlerdeutschland feine freundliche Aufnahme finden werde. Habe man doch dort gehofft, durch den Verständigungsnebel, den man in den letzten Wochen habe aufsteigen mebelt zu haben. Dieses Spiel habe man bis zum 13. lassen, auch die französische Außenpolitik verJanuar fortseßen wollen, um dann zu sagen, wenn das Abstimmungsergebnis Hitler günstig gewesen wäre, man stehe vor einer neuen Situation und brauche Frankreich gar nicht. Man rechnet hier damit, daß nun erst recht die Hitlerregierung ihre Beruhigungsoffensive fortseßen wird, um über die französischen Frontfämpferorganisationen auf den Quai d'Orsay einzuwirken. Bezeichnend dafür ist ja auch die Tatsache, daß Herr von Ribbentrop bei seinem jüngsten Besuch in Paris nur mit Vertretern der rechtsgerichteten Frontfämpferorganisationen Gespräche geführt hat, während er durch Vermittlung des deutschen Botschafters von Köster seine Karte im Auswärtigen Amt abgeben ließ, ohne selbst dort zu erscheinen. Paris, 3. Dezember 1934. Außenminister Laval hat bei der Debatte über das Budget des Außenministeriums auf eine Anfrage des Abgeordneten Fontanier, ob es vorgesehen sei, daß die Saarbevölkerung für den Fall, daß sie sich für den Status quo entscheide, die Möglichkeit einer zweiten Abstimmung zugunsten eines späteren Anschlusses an Deutschland haben solle, folgende bedeutsame Antwort ge= geben: „ Der Status quo ist eine der drei vertragsmäßig vorgesehenen Möglichkeiten. Es ist Sache des Dreier- Ausschusses, dem Völkerbundsrat die Definition des Status quo zu wirtschaftlicher Sinficht ist, wenn ich die Saarländer für unterbreiten und zu erläutern, was er in politischer und diese Lösung aussprechen. Ist es eine endgültige Lösung? wirtschaftlicher Sinficht ist, wenn ich die Saarländer für Später, im Gefängnis, erfuhr ich durch die Anwältin Attentat in Leningrad Concha Penna, daß von„ deutscher behördlicher Seite" seit der Ministerzeit Salazar Alonaos gegen mich, als eine Kirow ermordet „ gefährliche Revolutionärin", eine Anzeige vorläge. Goebbels als Nikolaus Fortsetzung von Seite 1 Schluß folgt. Wir finden das wirklich kurz und gut. Herr Goebbels hat Sinn für die feinen Unterschiede, die den Begriff des Mordes fragwürdig machen. Was für ausländische und nichtarische Untermenschen Mord ist, das ist für ihn rechtens, wenn der Befehl vom„ moralischen Gesetzgeber des deutschen Boltes" gekommen war. In andern Ländern sind die Minister so minderwertig, sich mit ihren Gegnern in den Parlamenten auseinanderzuseßen und abzutreten, wenn sie feine Mehrheit mehr haben. Wer aber seine Gegner ſerienweise umbringen läßt, der ist, darin müssen wir Herrn Goebbels recht geben, vor schweren Erschütterungen" geschützter als diejenigen, die sie am Leben lassen. Besonders bemerkenswert waren dann einige Bemerfungen des Herrn Ministers zur Kirchenfrage: Die Kirche glaube, daß wir uns als Reformatoren aufspielen wollten. Nichts, was uns ferner liegt. Wir sind feine Reformatoren. Wir sind politische Revolutionäre. Wenn die Kirche weiterhin das Bedürfnis habe, ihre Streitigkeiten vor dem deutschen Bolte zu erörtern, und Moskau, 2. Dezember. Einer der hervorragendsten Funktionäre des Sowjetstaa= tes, Sergej Mironowitsch Kirow, Mitglied des Polit.Büro und Parteisekretär der Leningrader Organisation, ist im Gebäude des Leningrader Sowjets durch mehrere Schüsse getötet worden. Der Mörder, ein im Jahre 1904 geborener Leonid Nikolajew, konnte verhaftet werden. Das Attentat ist zweifellos politischer Natur, doch sind die näheren Zusammenhänge noch nicht klar ersichtlich. Die Ermordung Kirows hat in der ganzen Sowjetunion höchste Bestürzung und eine starke Erregung hervorgerufen. Das Polit.- Büro, das die höchste Parteistelle ist, hat einen Aufruf an die Bevölkerung erlassen, der von den bekanntésten Parteifunktionären wie Stalin, Kaganowitsch, Kalini, Woroschilow, Molotow u. a. m. unterzeichnet ist, und in welchem Kirow als Held der Revolution gefeiert wird. Weich' bede tende Rolle der Verstorbene im Sowjetstaat gespielt hat, geht aus der Tatsache hervor, daß er in Leningrad denselben Posten bekleidete. den früher der ehemalige Vorsitzende der Dritten Internationale, Sino wiem, einge nommen hat. Die politischen Folgen dieses Attentats sind noch nicht zu übersehen. Es ist anzunehmen, daß die Sowjetregierung zu Gegenmaßnahmen übergehen wird. auch nicht davor zurüdichrede, im Angesicht der Deffent: Neuer 30. Juni im Anzug? lichkeit ihre schmußige Wäsche zu waschen, dann nur unter zwei Bedingungen: erstens daß darunter der Staat keinen Schaden leidet, und zweitens dann nicht in unseren Versammlungssälen, sondern in ihren Kirchen, im Angesichts ihres Gottes, wenn sie den Mut dazu haben. Wir haben nicht den Ehrgeiz, auf ihre Kanzeln zu steigen, aber wir dulden auch nicht, daß sie auf unsere Redner: tribünen tommen. Denn da haben sie nichts verloren. Ein 66- Millionen- Volt fann nicht 28 Landeskirchen haben. Es ist an der Zeit, diele 28 Panbeskirchen zu einer großen Reichstirche zu vereinigen. Wir haben geglaubt, daß das reibungslos vor fich ainge. Denn es war nur zum Guten und Nußen der Kirche erdacht geweien. Es ging uns um große christliche Aufgaben. Wir haben gehofft, daß sie uns einen Teil der Arbeit und Sorge abnehmen würde. Sie hat es nicht getan, sondern ist sich in dogmatischen Haarspaltereien ergangen. Ich frage euch: Wäre es nicht besser von der Kirche gewesen, wenn sie in dieser Zeit größter Umwälzung statt dogmatischer Haarspaltereien innere Be lebung der seelischen Kräfte gegeben hätte?" Das ist, gesprochen im protestantischen Stettin, eine sehr eindeutige Stellungnahme zum Kirchenstreit. Goebbels nimmt Partei für die Zentralfirchenregierung des Herrn Reichsbischofs Müller. Er verleugnet die evangelische Freiheit, die von den Gemeinden ausgeht, und droht den dogmatischen Haarspaltern". Der Katholik Goebbels steht, als echter Renaissancetyp, hoch über Glaubensfragen und Sittengeboten. Er will eine Reichsfirche als sicheres Machtinstrument des„ driften Reichs", und sonst gar nichts." Nicht alle Minister, am wenigsten der„ Führer", sprechen das so deutlich aus, auch wenn sie das gleiche Ziel haben. Zum Schluß wurde Goebbels wieder ganz sorgenvoll. Sein Simmel ist zahlreicher als je von Nörglern und Miesmachern bevölkert. Er will bis Weihnachten die sozialen Wunden der Aermiten menigstens zur Vernabung zu bringen suchen". Nicht müde werden so sprach er zu längst müde gewordenen Leuten. Sie sollen an die Aufgaben des Tages heranachen, auch wenn fie arau und unromantisch seien". Mordbericht aus München London, 3. Dezember. Der Sonderberichterstatter von„ Sunday Referee" telegra fiert seinem Blatte aus Berlin, daß seines Wissens eine neue ,, Reinigung“ der nationalsozialistischen Partei in den ersten Tagen der letzten Woche stattgefunden habe. Nach seinen Informationen wären in München sieben neue Hinrichtungen auf Veranlassung des Reichsführers in aller Heimlichkeit vorgenommen worden. Einem achten Verurteilten sei die Flucht gelungen, Der Ritter der„ Germania" Abgehalftert Emil Ritter hat die Chefredaktion der„ Germania" plözzlich niedergelegt. Er fam auf diesen Posten durch das Vertrauen des Herrn von Papen, mit der Mission, das Vershnungswerk zwischen Nationalsozialismus und Katholizismus durch die presse zu fördern. Emil Ritter aus Köln hat sich nach dieser Richtung hin aufs redlichste bemüht. Die „ Germania" wurde unter seiner Leitung ein Blatt, das jedem wirklichen Katholiken täglich die Schamröte ins Gesicht trieb. Unter Verleugnung aller göttlichen und sittlichen Gebote wurden alle Untaten des„ dritten Reiches" teils ge= deckt, teils verschwiegen. Alle möglichen Federn wurden eingesetzt, um Katholizismus und Nationalsozialismus in eine Synthese" zu bringen. Nun legt Emil Ritter sein Amt nieder. Die von ihm betriebene Politik ist durch die Ereignisse überholt. Es gibt feine Verständigung zwischen den beiden Mächten, von denen jede beansprucht, als Weltans.gauung" total" zu sein. Der Ritter legt die Lanze nieder und überläßt das Feld den jüngeren, die ein kleines fatholisches Etikett notdürftig auf echt braune Vreiseware anbeften müssen. Diese Frage kann von dem Minister eines einzigen Landes nicht geregelt werden, sondern nur durch eine Entscheidung des Völkerbundes.( Sehr gut, sehr gut! links und auf verschiedenen anderen Bänken.) Wenn die Abstimmung für die Beibehaltung des jegigen Regimes ausfällt, wird der Bölterbundsrat die Souveränität über das Saargebiet ausz üben, und es steht ihm frei, die Verwaltungsart des Landes näher zu bestimmen. Ich füge die deutliche Antwort hinzu, daß, wenn die Saarbevölkerung eines Tages den Wunsch ausdrücken sollte, in die deutsche Gemeinschaft zurückzukehren, es allein Sache des Völkerbundes wäre, darüber zu ent scheiden. Frankreich würde sich diesem Wünsche nicht wider: setzen."( Rebhafter Beifall.) Bericht des Dreierausschusses Ein Erfolg für den Status quo Rom, den 2. Dezember 1934. Die Arbeiten des Treier- Ausschusses für die Saarfrage sind beendet und der Bericht, den Bar on Alvisi in Genf vorlegen wird, ist fertiggestellt. Nach den vorliegenden Mit teilungen zerfällt der Bericht in drei Teile. Der erste Teil behandelt die allgemeinen politischen Fragen, die mit der Abstimmung im Zusammenhang stehen. Es soll sich in erster Linie um juristische Fragen handeln, die für den Teil einer Beibehaltung des jezigen Regimes im Saargebiet aufgeworfen werden. Dazu gehört vor allem eine flare Definition des Status quo. Auch soll im ersten Teil des Berichts die Denkschrift von Knor über den Terror der deutschen Front" ihren Widerhall gefunden haben. Der zweite Teil behandelt verschiedene Fragen in der Hauptsache wirtschaftliche, die eine Reglung zwischen den deutschen und französischen Sachverständigen gefunden haben. Es soll sich hier in erster Linie um die Sicherung der im Saargebiet investierten ausländischen Kapitalien und m den Rückkauf der Saargruben im Falle der Rückgliederung handeln. Der dritte Teil soll Punkte enthalten, über die eine Verständigung zwischen den Sachverständigen nicht erzielt wer den konnte. Dazu soll u. a. die Forderung Frankreichs ges hören, daß im Falle der Rückgliederung ein Uebergangss regime geschaffen wird, während dessen Daner die Emigranten aus dem Reich und diejenigen Saarländer, die dann das Saargebiet verlassen wollen, vor jeder Berfolgung ges fiz umsehen lernen. schüßt find, damit sie sich in Ruhe nach einem anderen WohnGoys Erzählungen Oberlindober Ribbentrop - Heß Paris, 3. Dezember. Der Vertreter des Figaro" hatte Gelegenheit, sich bei dem Abgeordneten Jean Goy nach dem Inhalt seiner mit Herrn von Ribbentrop geführten Unterredung zu erkundigen. Goy erwiderte, er könne nichts sagen, weil Ribbentrop in rein privater Eigenschaft seinen Besuch gemacht habe, mit der einzigen Absicht, persönlich mit den ehemaligen Frontfämpfern Fühlung zu nehmen, deren Meinung und Bewegung ihn starf interessierten. Bemerkenswert ist aber, was Goy hinzufügt. Schon von einigen Monaten habe die„ Union Federale" die gegenwärtigen Beziehungen angebahnt. Vor einigen Wochen seien ehemalige deutsche Frontsoldaten un ter Führung von Oberlin dober in Paris vom Vorstand der Union Federale empfangen worden. Durch die sen seien sie in Berührung mit der„ Semaine des Combattants" gekommen und hätten auch den Präsidenten der „ Union Nationale des Combattants"( 1.9.6.) getroffen. Goy schloß mit den Worten:„ In wenigen Tagen, wenn Herr Ribbentrop in Begleitung von Rudolf Heß nach Paris zurüdfchren wird, dann wird seine Reise einen weniger privaten Charafter tragen." Der große Berliner Prozeß gegen die SAP. 9 Berlin, 3. Dezember. Nach mehrtägiger Verhandlung fällte der Zweite Senat des Volksgerichtshofes das Urteil in dem Prozeß gegen 24 Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterpartei, die versucht hatten, die SAP. illegal fortzuführen. Die Angeklagten Dr. Stephan Ezende, Gustav Kleinert, Erich Zander und Hans Ils wurden wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu je zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Die übrigen Angeflagten erhielten Gefängnisstrafen, fünf Beschuldigte, darunter ein 16jähriger Untersekundaner, wurden frei aesprochen. Der Zuchthausstaat Wiesbaden, 3. Dezember. Der Hochverratsprozeß gegen 41 Angeklagte, darunter 3 Frauen, wurde nach viertägiger Dauer beendet. Sie waren angeklagt 1933 und 1934 gemeinschaftlich handelnd ein hochverräterisches Unternehmen vorbereitet zu haben und 1934 selbständig unter Fühlungnahme mit Frankfurter und Mainzer Genossen versucht zu haben, die Organisation einer Ortsgruppe der illegalen KPD. einzurichten und auszu bauen. Das Verfahren gegen zwei Angeklagte wurde abge trennt. Der eine machte in der Mittagspause vor dem Plädover einen Selbstmordversuch. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Das Urteil, das in der elften Abendstunde gesprochen wurde, lautete gegen den Angeklagten Hell, der der Hauptfunktionär war, auf fünf Jahre Zuchthaus Im übrigen wurden verurteilt: 12 Angeklagte zu Zuchthausstrafen von zwei bis vier Jahren: elf von ihnen wurden die bür gerlichen Ehrenrechte auf ie fünf Jahre aberkannt; 14 Angeklagte wurden zu Gefängnis bis zu zwei Jahren ver urteilt; 12 Angeklagte wurden freigesprochen. Die Haft wird den Verurteilten angerechnet. 13. JANUAR FürDEUTSCHLAND gegen HITLER Schmutzige Propagandamethoden Die Neue Zürcher Zeitung" bringt einen längeren Bericht über den„ Westland"-Berkauf. Das angesehene Schweizer Blatt schreibt zum Schluß: " So unbedeutend die Angelegenheit an sich ist, so wirft fie doch ein äußerst bedenkliches Licht auf die deutichen Propagandamethoden im Saarfamp 1. Wir haben an dieser Stelle niemals bezweifelt, daß das Saargebiet ferndeutsch ist und sicherlich am Abstimmungstag eine eindrucksvolle Mehrheit für die Rückgliederung ans Reich aufbringen wird; was wir aber niemals verstehen werden, das sind die zweifelhaften Propagandamethoden, deren sich die Rückgliederungsfreunde zur Erreichung ihres Zieles bedienen. Vor wenigen Wochen ist die„ deutsche Front" durch die Denkschrift des Präsidenten Knox im höchsten Maße und vor aller Welt bloßgestellt worden. Wer damals glaubte, die dunkeln Machenschaften gehörten der Vergangenheit an, sieht sich heute leider sehr enttäuscht. Angefichts dieses Vorfalls möchte man beinahe dem Argument der Antifaschisten Glauben schenken, die da behaupten, es müsse um die Sache der Rückgliederung sehr schlimm stehen, wenn sie nur auf solchen Wegen zum Sieg komme. Fräulein Carsenius Carsenius, mit Vornamen Maria- so heißt die frühere Maschinenschreiberin im Saarbrücker Polizeipräsidium, die sich als Spizzel der deutschen Front" das Vertrauen ihrer Vorgesetzten erschlich. Als die junge Dame ihre Arbeit ge leistet hatte, floh sie ins„ dritte Reich", so daß sie der Steckbrief der Regierungsfommission nicht mehr erreichte. Präfident Autor hat jetzt in einem Schreiben an den Völkerbundsrat, das auf eine Eingabe der deutschen Front" an den Völkerbundsrat vom 13. November 1934 Bezug nimmt, meitere interessante Details über diese junge Dame publiziert. Im Verlauf der Durchsuchungen der Geschäftsstelle der deutschen Front" wurden mehrere Schriftstücke mit der Bezeichnung„ Earsenius" entdeckt. Auf Grund der Vernehmungen der in der„ deutschen Front" beschuldigten Beamten wurde festgestellt, daß die dort enthaltenen Behauptungen über angebliche Pflichtverletzungen Beamten jeder Begründung entbehren. Die gegen Maria Carsenius angestellte lage beim Obersten Abstimmungsgerichtshof wegen Verleumdung wird freilich die Adresatin, die ihren Wohnsitz nach Neustadt a. d. Hardt verlegt hat, nicht erreichen. der Das Schreiben des Präsidenten Knox weist auch andere unwahre Behauptungen der deutschen Front" zurück. Die Angebliche affenbejchaffung durch den General Anzeiger" it ordnungsgemäß auf Grund von Waffenscheinen erfolgt, wobei es sich unt ganze drei Revolver gehan- n delt hat, die zum Schutze für das Personal der Geschäftsstelle des„ General- Anzeiger" bestimmt waren. Die Volksfront stürmt Jede Woche erweist es stärker und selbst der gehäffigste Gegner wagt es nicht mehr zu leugnen: Unsere anschwellende Versammlungswelle wälzt sich über das ganze Saargebiet und hat ständig wachsenden Zulauf. Am Samstag und Sonn tag bewiesen unsere Versammlungen in Merzig, Klein: Ottweiler, Güchenbach, Gersweiler, Saar: Louis, Homburg, Sühnerfeld, Wemmets weiler, Clarenthal, Geislautern, Hangard, Landsweiler,& lein Blittersdorf, Jägers: freude und Scheidt, daß wir unaushaltsam im Vormarsch sind. 1 Gonder, Es sprachen in Merzig Diplomvolkswirt Frizz Pfordt und Mar Braun. Gonder verbreitete sich vor allem über die Wirtschaftslage an der Saar. Friz Pfordt wies anhand des jüngsten Gestapoüberfalls auf die ,, Arbeiterzeitung" den wachsenden Terror nach. Und dann Sprach Max Braun: " Zunächst mein Kompliment der sogenannten„ deutschen Front", die es fast nie und nirgendwo unterläßt, die Versammlungsräume, in denen wir tagen müssen, entsprechend zu dekorieren. Man muß ihr eigentlich dankbar dafür sein, daß sie uns damit immer wieder Gelegenheit gibt, unserem Publikum recht lebhaft zu demonstrieren, welch unüberbrückbarer Gegensatz zwischen ihrem Symbol, dem Krummfreuz, und ihrer etwas anmaßenden Firmenbezeichnung„ deutsch" besteht: Wenn Deutschland leben soll, dann muß das Hafenkreuz sterben!( Tosender Beifall.) Unser hochverehrter saarländischer Mitbürger, mein Busenfreund Jacob aus Bechhofen mit dem„ echt" deutschen Namen Pirro, hat seit den letzten 48 Stunden heftiges Leibweh, und er darf mit vollem Recht von sich sagen: Ein Unglück tommt selten allein!( Stürmischer Beifall.) Gestern hat Herr Laval, der Außenminister Frankreichs, auf die Anfrage unseres sozialistischen Parteifreundes Fonta nier erklärt, daß die Völkerbundssouveränität dem Status quo sowohl juristisch wie praktisch auf Wunsch der Bevölkerung die Möglichkeit eitter nenen Entscheidung uber die staatliche Lage des Gebietes, in sich schließe und daß granfreith degen eine solche spätere nochmalige Abstimmung feinerlei Widerspruch erheben und feinerlei Schwierigkeiten machen werde. Am Donnerstag dieser Woche wird die Entund scheidung des Völkerbundrates nicht anders lauten damit wird der Bürdelschen Behauptung, daß eine zweite, spätere Abstimmung dem Völkerrecht, der internationalen Moral und dem Versailler Vertrag widerspreche, jeder Boden entzogen. Die Abstimmung vom 13. Januar erhält damit klar und eindeutig den Charakter der Abstimmung für oder gegen den Nationalsozialismus, nicht aber für oder gegen Deutschland, Ja, sie wird damit zu einer Angelegenheit gestempelt, bei der jeder gute Deutsche der Saar geradezu die Pflicht hat, nunmehr zunächst gegen Hitler zu stimmen, um sich dann später mit der gleichen Verve für die Vereinigung mit einem befreiten Deutschland einzusetzen! ( Stürmische Zustimmung.) Die überfüllte Versammlung in Saarlonis war eine machtvolle Kundgebung für den Status quo. Mar Braun behandelte den Gegner mit scharfer Ironie, um dann zu den jüngsten Ereignissen Stellung zu nehmen. Klar stellte er heraus, daß unsere Veröffentlichungen über Clemenceaus Saarfranzosen sich nicht gegen jene richteten, die aus ehrlichem politischen Wollen gehandelt, sondern gegen die charakterlosen Elemente, die stets nur Konjunkturpolitif treiben, die heute links und morgen rechts, heute blau- weiß- rot und morgen schwarz- weiß- rot sind. Gegen jene Elemente, die sich 1919 in geradezu beschämender Art der französischen Besaßungsarmee in die Arme warfen, ihr Deutschtum verleugneten, die dann 1933 mit denselben verlogenen Phrasen Hitler zujubelten und nun die Stirne haben, die freien deutschen Saarländer, die unter Einsat von allem, für Deutschland gegen Hitler kämpfen, als Landesverräter und Separatisten zu beschimpfen. Braun wies auf die starke Wirkung unserer Veröffentlichungen über die Lisdorfer Saarfranzosen hin, die heute sämtlichst Mitglieder der Pirro- Front sind, und appellierte zum Schluß an alle deutschen Saareinwohner, am 13. Januar gegen Hitler für Deutschland zu stimmen. Brausender Beifall. Als letzter Redner des Abends sprach sehr eindrucksvoll Frizz Pfordt. Er schilderte die ganze Verzweiflung der braunen Landesleitung und ihrer Presse und zeigte durch einige schlagende Beispiele, wie zerrüttet heute die braune Front im Saargebiet ist. Seine Rede klang aus mit den fiegesgewissen Worten: Am. 13. Januar wird das deutsche Saarvolf für ein freies deutsches Vaterland gegen Hitler stimmen und damit Hitler die große Niederlage beibringen. nicht enden wollender Beifall. Noch eine furze, wirkungsvolle Rezitation von Theo Maret. Dann fand die eindrucksvolle Rundgebung hit dem gemeinsamen Gesang der Internationale ihren Abschluß. Pressestimmen über die Erhebung der Saar- Katholiken Die Gründung des„ Deutschen Volksbundes für christlichsoziale Gemeinschaft" hat im Saargebiet ungeheures Aufsehen erregt. Man ist sich in weiten Kreisen der Saarbevölkerung darüber im klaren, daß mit dieser Gründung ein Wendepunkt im Abstimmungskampf eingetreten ist. Die Aussichten für die braune Front, den Saarkampf zu gewinnen, sind immer geringer geworden, während noch im Sommer die Dinge im Saargebiet tatsächlich so lagen, daß ein Erfolg der Status- quo- Anhänger aussichtslos erichten. Die„ aar Volts it imme" trifft das Richtige, wenn fie über die Erhebung der Saar- katholiken schreibt: Was gestern im fatholischen Vereinshaus„ Concordia" zu Saarbrücken geschehen ist, ist mehr als Politik. Das ist Geichichte. Die Gründung der christlichen Saarfront ist, nicht nur ein Ereignis von allergrößter Bedeutung für den Abstimmungskampf an der Saar, es ist ein Wendepunkt in der Entwicklung des Kampfes um Deutschland überhaupt. Auf deutschem Boden des Saargebietes fritt zum ersten Male eine geschlossene Front auf, die mit dem Marrismus nichts zu tun hat und die trotzdem eine Rampffront gegen Hitler aufrichtet. Dieses Ereignis wird nicht nur im Saargebiet, sondern auch im„ dritten Reiche" einen ungeheuer starken Widerhall finden. Zur Frage der Abstimmung am 13. Januar hat der Deutsche Volksbund vorerst eine abwartende Haltung eingenommen. Der erste Redner auf der Gründungsversammlung, Frizz Kuhnen, hat eine endgültige Stellungnahme von den Beschlüssen des Völkerbundes abhängig gemacht Er erklärte:„ Wir sind alle gegen eine Abtrenmung der Saar für immer von Deutschland." Das ist die Haltung, die wir immer gehabt haben. Da wir aber nicht überzeugt sind, sondern genau wissen, daß die Entscheidung für die Beibehaltung der bestehenden Rechtsordnung, also für den Status quo, keine Abtrennung für immer von Deutschland bedeuten kann und bedeuten wird,( bis zum 13. Januar wird diese Frage endgültig geflärt fein), deshalb treten wir schon heute für diese Entscheidung ein. Wir zweifeln deshalb nicht daran. daß am 13. Januar wir und die neue Front gemeinsam eine starke Mehrheit des Saarvolfes für die gleiche Parole in dem Kampf führen werden. Am 13. Januar werden wir vereint eine vernichtende Niederlage Hitlers an der Saar herbeiführen." Das Organ der neuen Partei Neue Saar- Post" schreibt: Die Gründung des Deutschen Volksbundes für christlich- soziale Gemeinschaft", die am vergangenen Freitag in Saarbrücken erfolgte. hat weit über die Grenzen des Saargebietes hinaus in der ganzen Welt stärkste Beachtung erfahren. Nur in Deutschland schweigt man sie bis zur Stunde tot, in der Presse wie im Rundfunk. Begreif*** lich, denn dieser Schlag kam Herrn Goebbels etwas überraschend und er hat ganz offensichtlich noch keine klaren Richtlinien für diesen Gegenstoß erteilt. Das erklärt auch, warum die Deutschfront- Presse an der Saar, die am Frei= tag doch einen Spizzel in die Versammlung geschickt hatte und also Bescheid wußte, erst am Sonntagmorgen den Atem wiedergefunden hat. Und selbst die ersten Antworten aus dem Lager der deutschen Front" find noch ziemlich unflar und verworren. Die„ Landes- Zeitung", die natürlich mit der Tatsache, daß immerhin einige Personen, die ihr bisher sehr nage standen, an der Gründung des Deutschen Volfsbundes" beteiligt sind, noch nicht fertig geworden ist und sie deshalb totschweigt, stammelt in einem reichlich naiven Kommentar am Sonntagmorgen etwas von einem Bund ohne Volk". Na, das Echo, das die Gründungsversammlung in der Bevölkerung Saarbrückens und des ganzen Saargevietes gefunden hat, wird den Heren schon noch zeigen, wo das Volk steht Wenn weiter der Schreiber der Landes- Zeitung" von„ feiger Flucht" spricht, so kann ihm das wirklich niemand übelnehmen, denn man weiß ziemlich überall im Saargebiet, daß die Herren das Gegenteil von dem Schreiben, was sie denken. Und das ist doch wohl kein besonderer Mut!" Die Landes- Zeitung" vermißt iit dem Gründungsaufruf die Parole für den 13. Januar. Nun, sie darf beruhigt sein. Diese Parole wird schon noch rechtzeitig kommen. Die Herren wissen ja nur zu gut, daß sic selbst ihr Pulver zu früh verschossen haben, indem sie jetzt schon ein volles Jahr sich von der deutschen Front" in einen ununterbrochenen Wahl- und Abstimmungsrummel hineintreiben ließen. In der Kürze liegt die Würze". Und bis zum 13. Januar sinds bekanntlich immer noch 42 Tage Also nur Geduld, liebe Landestante! Bei den Blättern der braunen Front herrscht Kazenjammerstimmung. Der Chefredakteur der„ Saar brüder 3eitung", die im gleichen Verlag gedruckt wird, indem auch das Pogromblatt Bürckel- ,, Westland" ge= druckt wurde, faselt etwas vom„ mißbrauchten Christentum". Er will seinen Refern weismachen, daß die nationalsozia= listische Regierung sich bemüht, eine klare Scheidung zwischen Religion und Politik durchzusetzen, und daß dieses Be mühen von einem ernsthaften Willen getragen sei". Der Chefredakteur, der„ Saarbrücker Zeitung" hat wie es scheint, weder etwas von der Weltanschauung des Herrn Alfred Rosenberg, noch von Deutschen Christen, noch von dem Bemühen der Nationalsozialisten,„ von einem ernsthaften Morgen berichten wir über die Entlarvung der Gestapo durch die Saar- Kommunisten. Willen getragen" die evangelische Kirche von innen zu sprengen und sie in den Dienst der nationalsozialistischen Hezideologie zu stellen. Ueber die politische Bedeutung der Gründung des„ Deutschen Volksbundes für christlich- soziale Gemeinschaft" schreibt der Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung" folgendes: „ Es hat eine guten Gründe, wenn man gerade jetzt mit diesem Volksbund vor die Oeffentlichkeit tritt. Es gehört zum Störungsfeuer", mit dem man die„ deutsche Front" im Schlußstadium des Saarkampfes beunruhigen möchte. Ganz klar ist zwar die politische Losung nicht ausgesprochen. Aber wenn der eine Redner erklärt:„ feiner von uns stimmt jemals für Frankreich" und der andere: „ ein bedingungsloses Zurück können wir nicht verantworten", und wenn dazu die„ Neue Saar- Post" zum Organ der Organisation erklärt wird dann dürfte wohl klar sein, daß der Marsch in Richtung auf den Status quo geht. Etwaige Zweifel beseitigt zudem das Echo in der marristischen Presse. „ Nicht für Frankreich", Herr Kuhnen? Nicht bedingungslos zurück". Herr Imbusch? Also für den Status quo unter Vorausießung einer nochmaligen späteren Abstimurung? Die neueste Antwort des Herrn Laval auf eine diesbezügliche Frage in der Kammer ist nicht geeignet, besondere Hoffnungen auf diese zweite Abstimmung zu erweden In vorsichtigster Form schiebt er die Frage in das Kompetenzgebiet des Völferbundes ab. Man kennt doch die Schmerzen die diese Frage der französischen Regierung bereitet. Jedesmal taucht das Gespenst der Generalrevision von Versailles auf, zugleich mit einer Revision, d. h. einer Wiederholung der bisherigen Abstimmungen ( Eupen- Malmedy, Schleswig u. a. m.). Wird Frankreich es wagen? Wir glauben es nicht. Und nichts scheint uns so sicher wie die Tatsache, daß die Abstimmung am 13. Januar eine endgültige sein wird. Dann wäre der Status quo doch eine Abstimmung für Frankreich. Dann wäre weder eine bedingte noch eine bedingungsloje Rückkehr möglich. Dann wäre das Saargebiet Frankreich überantwortet." Nachdem er auf diese Weise die Status- quo- Anhänger und damit auch die Anhänger der neuen katholischen Partei dls Landesverräter diffamiert, geht der Chefredakteur zu einer offenen Drohung über. Denn es ist nichts als Drohung gegen die Katholiken im Reiche, die als Geisel be= trachtet werden. wenn er schreibt: Gerade aus Rücksicht auf die Entwicklungsmöglichkeiten des Katholizismus in Deutsch land werden die Katholiken des Saargebietes sich von diesem Volksbund nicht einfangen lassen." Und zum Schluß weiß er bereits eine Sensation zu melden:„ Die Bischöfe von Trier und Speyer und wahrscheinlich auch der deutsche Gesamtepiskopat werden sich ,, deutlichst gegen diesen" Volfsbund für chriftlich- soziale Gemeinschaft aussprechen." Es ist immerhin bezeichnend für die Lage des Katholizismus in Deutschland, wenn der Chefredakteur der„ Saarbrücker Zeitung" schon im voraus weiß, daß sich die Bischöfe gegen die neue Gründung aussprechen merden. Man wird fie eben auf einer solchen Stellungnahme zwingen. ,, Deutsche Freiheit", Nr. 270 ARBEIT UND WIRTSCHAFT Die verlorene ,, Preisschlacht" Die Nationalsozialisten hatten sich offenbar eingebildet, die Preisschlacht" mit ähnlichem Elan führen zu können, wie seinerzeit die Arbeitsschlacht". Man konnte sich also auf Siegesbulletins am laufenden Bande gefaßt machen. Es scheint aber anders zu kommen. Zwar kann man dreimal wöchentlich von ein paar Läden lesen, die geschlossen wurden, von irgend einem kleinen Bäckermeister, der wegen minderwertiger Qualität oder falschem Brotgewicht angeklagt wird. aber das alles macht das Kraut nicht fett. die Wurzel der deutschen Teuerung kann das Regime nicht rühren. Hat es doch selbst in einem bisher unerreichten Maße die regulierenden Tendenzen der Preisbildung durch die freie Konkurrenz ausgeschaltet. Beseitigt man aber die freie Konkurrenz und läßt gleichzeitig den Privatbesity an den Produktionsmitteln bestehen, so schafft man damit die Bedingungen für An die Entstehung von Monopolpreisen, die eben beträchtlich über den freien Marktpreisen liegen müssen. Für das nationalsozialistische Regime ist nun gerade die Tatsache charakteristisch. daß es diese Monopolbedingungen durch seine Zwangskartellierungsmaßnahmen nicht nur für die großen Kapitalorganisationen hergestellt hat, bei denen die staatliche Preiskontrolle wenigstens theoretisch noch leichter durchführbar ist, sondern es hat durch den Zwangszusammenschluß des Kleinhandels und des Handwerks sowie durch die Sperrung des Zugangs zu einer großen Anzahl von Berufen auch in jenen zahlreichen Wirtschaftszweigen eine monopolistische Preisgestaltung bewirkt. die gerade für die Kosten der Gegenstände des täglichen Bedarfs ausschlaggebend sind. Die Führer und Unterführer der zahllosen Wirtschaftsgruppen haben von Anfang an trotz aller Mahnungen des Wirtschaftsministeriums ihre Aufgabe darin gesehen, die neuen Organisationen. die zum Teil die unbenannten alten waren, für die aber jetzt der Beitrittszwang funktionierte, dazu zu benügen, um lückenlose Preisregulierungen zu schaffen und gegen alle Preisunterbietungen in schärfster Weise vorzugehen. Die Ehrengerichte" des Handwerks und des Kleinhandels, aber auch verschiedener klein- und mittelkapitalistischer Verbände, haben gar keine andere Aufgabe, als ein billiges Angebot zu verhüten. Eine besondere Schwierigkeit des nationalsozialistischen Regimes ergibt sich noch aus dem Umstand, daß die Inhaber dieser kleineren und mittleren Betriebe bisher zu den wichtigsten Stützen der Diktatur gehört haben. Der Kampf gegen diese Schichten stößt daher innerhalb der nationalsozialistischen Partei selbst auf starken Widerstand. Es ist charakteristisch, daß von der so pomphaft angekündigten Aktion der nationalsozialistischen Partei gegen die Preiserhöhungen kaum mehr ein Wort verlautet. Die Mitwirkung der nationalsozialistischen Parteimitglieder versagt diesmal vollständig. Die Diktatur muß sich auf den unmittelbaren Zwang des Staates verlassen, die ganze Aktion wird beim Wirtschaftsministerium des Dr. Schacht und bei seinem Werkzeug, dem Preiskommissar Goerdeler. zentralisiert Versuche einzelner Landesregierungen. selbständig vorzugehen, wurden wieder unterbunden. Der bayrische Wirtschaftsminister Esser hatte z. B. vor kurzem triumphierend mitgeteilt. es sei ihm gelungen. in Verhandlungen mit den Vertretern des Handwerks und des Lebensmittelhandels eine wesentliche ErmäBigung der Brot- und Fettpreise durchzusetzen. Er stieß dabei sofort auf den Widerstand des Reichsnährstands. und Herr Darré zögerte nicht. neue Festpreise für Eier und Butter zu erlassen, die für das ganze Reich. also auch für Bayern. gelten. Die neuen Preise tragen nur den agrarischen Interessen Rechnung und bedeuten keineswegs eine Ermäßigung. Herr Esser wollte sich übrigens besonders populär machen und kündigte eine Senkung des Bierpreises von 4 Mark je Hektoliter an. Aber auch damit hatte er nicht viel Glück Die Kurse der Brauereien erfuhren einen starken Rückgang, die Brauereien erklärten. daß sie eine Preissenkung in diesem Ausmaß unmöglich tragen könnten, und die inzwischen ergangene Feststellung. daß nur der Preiskommissar, aber sonst keine anderen Stellen für die Preisfestsetzung zuständig seien. hat den Lorbeer des Ministers. Esser rasch zum Welken gebracht. Sind so der Aktion praktisch enge Grenzen gezogen, so steigern sich andererseits die innerhalb des Systems bestehenden Gegensätze. Einigkeit besteht darin, daß unter allen Umständen die Wirtschaft in den Dienst der Aufrüstung und Kriegsvorbereitung gestellt werden muß. Schacht und ein Teil der hinter ihm stehenden schwerindustriellen Kreise wollen dieses Ziel erreichen unter möglichster Aufrechterhaltung der alten Wirtschaftsmethoden. Sie fürchten, daß die rücksichtslose Fortsetzung der bisherigen inflationistischen Finanzierung die Grundlagen der Wirtschaft einer allzu schweren Belastung aussetzt. Sie wollen deshalb die Arbeitsbeschaffung, die auf der Ausweitung des Notenbankkredits beruht. eineugen und sie möglichst auf die eigentlichen Rüstungsausgaben beschränken. Sie sind also Defaitisten der Arbeitsschlacht. Zugleich stehen sie im Gegensatz zu der Agrarpolitik Darrés, die den Export hemmt und den Lebensunterhalt immer mehr verteuert. Sie wollen eine möglichst große Quote des Nationaleinkommens, des Einkommens nicht nur der Arbeiter. sondern auch der Bauern, des Mittelstandes und-ogar der übrigen Industrie für die Akkumulation in der Rüstungsindustrie und für den Aufbau der für den Krieg benötigten Ersagstoffindustrien freimachen. Deshalb ihr Kampf gegen Lohnerhöhungen und Preissteigerungen. Demgegenüber steht unter Führung Darrés jene Richtung, die die Arbeitsschlacht. die Agrarpolitik und die ganze künstliche Inlandskoniunktur mit den bisherigen Methoden der Wechselieiterei fortsetzen will und die von Anfang an die Politik Schachts bekämpft hat. Sie kämpfen um die Massengrundlage der Partei, um die Erhaltung ihres Einflusses bei den Arheitern und dem Mittelstand. Der Kampf gegen die Preissteigerung stößt so bei wichtigen und einflußreichen Schichten der Partei auf wachsenden Widerstand. Sie erinnern sich, wie gut sie es seinerzeit verstanden haben, die Unzufriedenheit des gewerblichen und händlerischen Mittelstandes über die Preiseingriffe auszunutzen. Sie sehen nicht ein, weshalb der politisch so viel bequemere Weg der ..Kreditausweitung" verlassen werden soll. So wächst innerhalb der herrschenden Kreise der Widerstand gegen Schacht und seine Politik und vermehrt die Spannungen, die der allgemeine Niedergang der Wirtschaft ohnedies hervorgerufen hat. Saarbrücken, Dienstag, 4. Dezember 1934 Deshalb verdient die Aktion Schachts und Goerdelers besondere Beachtung. So gering schließlich ihre ökonomische Wirkung sein wird, so wenig eine von den Behörden verordnete mechanische Preisherabsetzung sich auf die Dauer durchsetzen läẞt, so bedeutsam können die politischen Folgen sein, die aus diesem Machtkampf erwachsen. Der Zersetzungsprozeß innerhalb der Diktatur muß eine Beschleunigung erfahren. Denn entweder bleibt es bei der Fortsetzung der Politik Schachts und dann wird die Massengrundlage, die die Diktatur in den Schichten des Mittelstands und des Bauerntums besitzt. weiter erschüttert, oder aber es siegt Darré und sein Kreis. Das aber bedeutet rasche Steigerung der inflationistischen Methoden, deren störende Folgen dann nicht mehr lange verhindert werden Dr. Richard Kern. können. Maschinenindustrie lebensunfähig Ein besonders gutes Beispiel zur Verdeutlichung des deutschen Konjunkturbildes bietet der Maschinenbau. Er eignet sich für eine Illustration deshalb besonders gut, weil er 1. einer totalen Kartellierung wegen seines spezialisierten Aufbaues widerstrebt und deshalb eine verhältnismäßig klare Konjunkturlage aufweist; 2. weil er für die Ausfuhrbeschaffenheit der deutschen Verarbeitungsindustrie äußerst charakteristisch ist; 3. weil er vor allen anderen Industriezweigen von dem Aufschwung der Produktion 1933 34 profitieren konnte, wie die folgende Tabelle zeigt: Absatz insgesamt Inlandsabsats Auslandsabsats 1928 1932 in Millionen Mark 1933 3.370 1.440 . 2.200 690 • • • 1.740 750 132 35 298 52 1.540 1.000 540 138 35 Ausfuhr nach Rußland. Ausfuhrquote in Prozent Die Ausnuttung der Kapazität betrug im Monatsdurchschnitt 1932 30 und im Juni 1934 59. Der Auftragseingang aus dem Inland betrug im Monatsdurchschnitt 1932( wenn man 1928= 100 setzt) 25 und im Juli 1934 83. Der Auftragseingang aus dem Ausland betrug nach derselben Berechnungsart im Monatsdurchschnitt 1932 51, im Juli 1934 31. Die Nachfrage nach Werkzeugmaschinen und der Hütten-, Stahlwerks- und Walzwerkbedarf hat im Inland am stärksten zugenommen, während die typischen Maschinenaufträge aus dem Ausland von Monat zu Monat mehr nachlassen. Die Rentabilitätsziffern auf der Grundlage des Inlandsaufschwungs sind sehr gering. Von 35 großen Gesellschaften haben für 1933 nur 10 Dividende ausgeschüttet. Durch die Währungsverluste im Auslande, fand der erhöhte Verkaufserlös von 10 Prozent keinen Ertragsniederschlag in der Bilanz. Dagegen ist für die 35 Gesellschaften eine Abnahme des Aktienkapitals von 1932 auf 1933 von 111.10 Millionen Reichsmark auf 109.75 Millionen Reichsmark zu ver. zeichnen. Daß die Produktion für das Inland im Ganzen ein Zuschußgeschäft war. zeigt die Tatsache, daß die Steigerung des monatlichen Versands um 36 Prozent im Jahre 1934 von 1933 gegenüber dem Monatsdurchschnitt von einer prozentual niedrigeren Ertrags- und Gewinnquote begleitet war. Nach den Berechnungen der..Frankfurter Zeitung" ist der Maschinenbedarf der hochindustrialisierten Länder zu etwa zwei Drittel Ersatz und zu etwa einem Drittel ZuwachsBedarf. d. h. nur ein Drittel der nachgefragten Maschinen dient der Erweiterung, zwei Drittel der Erneuerung des maschinellen Produktionsapparates. Für Deutschland folgt daraus, daß in den Jahren 1932 und 1933 ein Ersatzbedarf von 600 Millionen Reichsmark aufgespeichert worden ist. Bei der amtlich registrierten Höhe der inländischen Maschinenbestellungen dürfte gegenwärtig der inländisch Mchinenverschleiß gedeckt sein. Deu'sche Rüstungseinfuhr In Deutschland herrschen Rohstoffknappheit und wachsende Teuerung. Wodurch sind sie verursacht? Offenbar gibt es immer weniger Rohstoffe, weil immer weniger vom Ausland eingeführt wird. Und warum wird immer weniger eingeführt? Weil das dritte Reich" von dem von Juden aufgehetzten Ausland boykottiert wird und weil seine Schuldzahlungen an das Ausland keine Mittel zur Bezahlung der notwendigsten Einfuhr übriglassen. Das ist die Erklärung, die das deutsche Volk zu hören bekommt. Damit steht allerdings eine Tatsache im Widerspruch, die unbestreitbar ist, weil sie sich aus der amtlichen deutschen Statistik ergibt. Die deutsche Einfuhr aus dem Ausland ist nämlich gar nicht gesunken, sondern war in den ersten neun Monaten dieses Jahres größer als ein Jahr vorher! In allen Ländern wird immer mehr der tierische Motor, zer..Angenommen, die durchschnittliche Inlands- Absatziffer für das ganze Jahr 1934 und darüber hinaus würde sich aut 78 stellen, so würden in den ersten Monaten 1935 die in der großen Krise aufgespeicherten Maschinen- Ersatzaufträge vergeben sein."( Frankfurter Zeitung".) Entscheidend ist nun die Tatsache, daß der Inlandsabsat nach der Ausschöpfung der vorhandenen Ersatzaufträge scharf zurücksinken muß, wenn sich nicht ein Erweiterungs bedarf geltend macht. ..Auf alle Fälle scheint eine derartige Berechnung dafür zu sprechen, daß der heutige Inlandsabsatz des Maschinenbaus nur aufrecht erhalten werden kann, wenn über den laufenden und den aufgespeicherten Ersatzbedarf hinaus in immerhin beträchtlichem Umfange Neuanschaffungen von Maschinen für die deutsche Wirtschaft vorgenommen werden."( ,, Frankfurter Zeitung".) Nun muß die..Frankfurter Zeitung", deren Konjunktur optimismus nicht bestritten werden kann, selbst eine Reihe von Faktoren namhaft machen, die den Erweiterungsbedarf der Maschinenproduktion im Inlande sehr stark in Frage stellen Es sind erstens die gesetzlichen Vorschriften und Investitionsverbote, die ins Gewicht fallende Neuanschaffungen für wichtige Wirtschaftsgebiete unmöglich machen. Es ist zweitens die Einkaufs- und Absatzlage( Rohstoffe und Ausfuhr). die Kapazitätserweiterungen verhin dert. Drittens ist es die Vernichtung des Wettbewerbs, die Betriebserweiterungen und-intensivierungen nicht gestattet eine Erscheinung, von der die Frankfurter Zeitung" selbst feststellen muß, daß sie für den Maschinenbau ,, von sehr ernsten Konsequenzen" sein muß. Die„ Frankfurter Zeitung" kommt zu dem Schluß: ララ Wenn der Uebergang zu einer solchen statischen Wirt schaftsgesinnung allgemein und von Dauer würde, müßte wohl ein erheblicher Teil der Maschinenindustrie seine Lebensfähigkeit verlieren." Gegenwärtig sind im Maschinenbau 400 000 Beschäftigte verzeichnen. ZU Aus diesem Beispiel läßt sich mit aller Klarheit herauslesen, auf welchem Stand die normale Konjunktur, die jeuseits von Aufrüstung und Arbeitsbeschaffungsmanövern ihren eigenen Gesetzen folgt, sich tatsächlich befindet. Entscheidend ist nicht der Stand der Produktion, der in den Ziffern zum Ausdruck kommt auch wenn diese Ziffern richtig sind, sondern entscheidend ist allein die Frage, ob im gegenwärtigen Status die Aufbau- und Entwicklungsclemente für eine reale Investitionskonjunktur( Akkumula tion auf erweiterter Stufenleiter) enthalten sind. Diese Frage muß, abgesehen von allen anderen Fragwürdigkeiten, innerhalb der deutschen Wirtschaft verneint werden. Die Binnenmarktkonjunktur( Rüstung plus Arbeitsbeschaffung) hat bereits zu einer deutlichen Ausprägung statischer Rück bildungstendenzen im Konjunkturablauf geführt. O. P. Sicher sind es nicht Privatleute, deren Bedarf an tierischen und maschinellen Motoren dermaßen zugenommen hat, weil sie um so viel mehr reiten und fahren als im Jahre vorher. Die Auswahl der eingeführten Waren redet eine klare Sprache. Die Hitlerregierung hat es mit der Devisenbewirtschaftung in der. Hand, die Richtung der Einfuhr nach ihrem Villen zu bestimmen. Der Widerspruch zwischen steigender Rohstoffknappheit und steigender Wareneinfuhr ist nur scheinbar. Alle Nichtuniformierten und alle nicht direkt im Aufrüstungsgeschäft Tätigen werden in Deutschland als Luxuswesen und ihre Ausgaben als Luxusausgaben angesehen. Deshalb wird die notwendige Einfuhr gedrosselt, damit die Rüstungsein fuhr um so stärker betrieben werden kann! Mit Mangel und Teuerung bezahlt das deutsche Volk Hitlers Vorbereitung des künftigen Krieges. das Pferd. durch den maschinellen Motor verdrängt. 1913 Munitionsfabriken überall wurden 143 000, 1930 nur noch 13 000 Pferde nach Deutschland eingeführt. 1934 ist zum ersten Male nach 20 Jahren die Einfuhr ausländischer Pferde ganz un. geheuer gestiegen. Es stieg die Einfuhr von leichten Arbeitsstuten von 94 auf 104, von Hengsten yon 158 auf 525, von über 1½ Jahre alten Absatzfohlen von 110 auf 4567 Stück. Im dritten Reich" hat kein Industriezweig eine so große Produktionszunahme aufzuweisen wie die Autoindustrie. Wer braucht die vielen Pferde? Zur gleichen Zeit ist die Einfuhr von Gußbruch auf das Fünffache, von Rohaluminium auf das Sechsfache, von Stahlröhren auf das Doppelte gestiegen. Seltsamerweise hatte auch die Einfuhr von Motoren von 1942 auf 4486 Stück, also auf mehr als das Doppelte zugenommen, obwohl doch die Erzeugung von Motoren auch in Deutschland selbst erheblich gesteigert worden ist und man angeblich bemüht ist, sich zwecks Devisenersparnis vom Ausland unabhängig zu machen. Hannover, 2. Dez.( Inpreß.) Bei Scharnhorst, in der Nähe von Celle, wird eine unterirdische, riesige Munitionsfabrik gebaut. Etwa 100 Arbeiter sind dort bis zu 15 Stunden täglich beschäftigt. Eine weiter unterirdische Munitionsfabrik ist bei Lehrte( Hannover) in Bau, der ehemalige Flugplatz Scheuen ist in eiter irdisches Munitionslager umgewandelt worden. Die Strechamol. Werke in Hannover, die ab 1. Januar 1935 die Hanomag- Betriebe übernehmen, stellen Stahlmantelgeschosse und Granaten in ungeheuren Mengen her. Täglich werden 10 000 Stahlmantelgeschosse fabriziert, die durch ein besondere Härteverfahren in der Lage sind, 8 Millimeter dicke Panzerplatten zu durchschlagen. Ferner werden pro Tag 300 Stück 8,8 Zentimeter Mörsergeschosse und 1000 Stück 3.6 Zentimeter Tankabwehr- Geschosse ange fortigt. Deutsche Stimmen • Beilage zur Deutschfien Freiheit" Dienstag, den 4. Dezember 1934 Ereignisse und Geschichten Deutsche Literatur in Nizza The besten Köpfe arbeiten hier leider( trots aller Verdienste um und durch die Literatur) ohne Verlag, aber dafür mit einer Art literarischer Pension: Kurt Wolff. Was jetzt unter der alten, ruhmreichen Firma ,, Kurt- Wolff- Verlag in Berlin existiert und vegetiert, hat Südfrankreich hat schon seit Jahren eine starke Anziehung auf die internationale Literatur- und Kunstwelt ausgeübt. Besonders ein paar kleine halbdörfliche Orte in der Nähe von Toulon, wie Sanary und Bandol, waren schon längst zum regelmäßigen sommerlichen Treffpunkt aller nichts mehr mit ihm zu tun. möglichen Maler und Schriftsteller aus aller Herren Länder geworden, manche, wie z. B. Huxley, hatten sich dort sogar ständig niedergelassen. Seit dem Sommer 1933 sind die Deutschen begreiflicherweise dort besonders zahlreich vertreten. Damals war zeitweise die halbe deutsche Litaratur in Sanary versammelt: Thomas Mann, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, René Schickele, Annette Kolb, Hermann Kesten, Bert Brecht, Wilhelm Herzog und manche andere( u. a. sogar noch jener Josef Breitbach, der inzwischen freilich nicht mehr zur deutschen, sondern nur noch zur neudeutschen Literatur zu zählen ist). Die französische Presse sprach damals geradezu von " Sanary- les- Allemands". Als Sommerfrische war und ist Sanary sehr hübsch, aber für ein richtiges, auf längere Dauer eingerichtetes Exil doch ein bißchen zu primitiv, besonders im Winter, wo in der Provence ein sehr rauher Mistral weht. Wenn man, wie Feuchtwanger, eine Villa mit 24 Zimmern bewohnt, kann man es natürlich auch dauernd in Sanary aushalten, soweit man nicht sowieso dazwischen etwa Triumphzüge durch die europäischen Großstädte zu unternehmen hat, etwa zur Premiere des Films„ Jud Süß". Hat man aber nicht gerade das Glück, in England und Amerika als hervorragendster deutscher Autor zu gelten und jedenfalls der erfolgreichste zu sein, so tut man besser, als ständigen Aufenthalt eine richtige Stadt zu wählen, eine Großstadt womöglich. Da ist Nizza das nächstliegende im wörtlichsten Sinne: kaum drei Stunden von Toulon im Autobus oder mit der Bahn. Nizza war bekanntlich früher der Lieblingsaufenthalt russischer Großfürsten, früher, als sie noch nicht Autochauffeure oder Damenschneider in Paris waren. Inzwischen sind die Verhältnisse wesentlich schlechter geworden, ganz besonders für Emigranten, deren es in Frankreich seit den Russen schon allzuviel verschiedene Sorten gegeben hat( spanische augenblicklich z. B. schon das zweite Mal). Wie überall, bekommen auch hier Ausländer jetzt kaum mehr die Arbeitserlaubnis. Die russischen Großfürsten werden heutzutage um ihre Chauffeurskarriere beinahe ebenso beneidet wie früher um ihr Großfürstentum. Den emigrierten deutschen Literaten bleibt also garnichts anderes übrig, als weiter. hin ihren eigenen, wenig ertragreichen Beruf auszuüben, ob sie wollen oder nicht. Vor zehn Jahren konnte Panait Istrati sich hier in Nizza auf der Promenade des Anglais noch als fliegender Fotograf" betätigen( und sich dafür freilich auch einsperren lassen). Immerhin das waren noch glückliche Zeiten. Wo Schriftsteller leben, fliegen Schriftsteller zu. Als erster war Heinrich Mann schon im Herbst 1933 nach Nizza gezogen, und dann kam langsam einer nach dem anderen. René Schickele, der das Glück hat. als Elsässer einen französischen Paß zu besitzen, ist richtig übergesiedelt, nicht eigentlich in die Stadt, sondern in eine Art Vorort: Nice- Fabron." Er hat seine Möbel und Bücher aus Budenweiler kommen lassen und sich damit in einem reizenden. behäbig- bürgerlichen Landhaus eingerichtet. Von der Gartenterrasse aus sieht man weit über Nice und die Küste und in die Seealpen, beinahe bis Sanary, wo seine Witwe Bosca" spielt und auch entstanden ist im vorigen Jahr. Nicht weit entfernt. in St.- Cyr, wohnt übrigens schon seit Jahren sein Freund Meier- Gräfe, der bekanntlich..den Greco erfunden hat", und später dann den van Gogh. Sogar der Verleger ist ganz in der Nähe, der charmanteste deutsche Verleger, In Nizza selbst war zeitweise eine gewisse kleine Villa, weit draußen an der Promenade des Anglais, durch alle drei Etagen von deutscher Literatur besetzt: im Hochparterre Hermann Kesten, im ersten Stock Joseph Roth, und im zweiten Heinrich Mann. Zwischen 5 und 6 traf man sie gewöhnlich alle im Café Mannot an der Place Massena, wo sich sowieso ganz Nizza zu treffen pflegt, also natürlich auch alles, was sonst noch an deutschen Autoren gerade anwesend ist, etwa Schalom Asch oder Valeriu Marcu, der sich auch mit Frau und Kind und dem geretteten Teil seiner Bibliothek( immer noch an 8000 Bände) in einem kleinen modernen Appartement niedergelassen hat. Zuweilen, immer auf der Durchreise, ist auch die alte Annette Kolb da, die ihr Gewerbe sozusagen im Umherziehen" ausübt. Wer nicht nachmittags im Monnot zu finden ist, der sitzt bestimmt abends im Café de France, am Boulevard Gambetta. Dort hat z. B. Theodor Wolff, der ehemalige Chefredakteur des ehemaligen Berliner Tageblatt" sein Hauptquartier aufgeschlagen, und ein paar Tische weitersitzt meist der literarische ,, Vatermörder" Hasenclever. Hie und da an den Nebentischen aber sieht man oft einige betont unauffällige Leute, denen man es von weitem ansieht, daß Herr Goebbels sie besoldet, um sich das große Geheimnis verraten zu lassen, daß er den deutschen Autoren nicht nur unsympathisch, sondern, was bitterer ist, auch als ein miserabler Autor erscheint falls überhaupt noch von ihm die Rede ist. Es sind hier in Südfrankreich schon eine ganze Reihe guter deutscher Bücher entstanden, etwa Heinrich Manns Streitschrift., Der Haẞ", Hermann Kestens schöner Roman „ Der Gerechte", Joseph Roths apokalyptisch feier-. licher Antichrist", den man in Holland von den Kanzeln herab verlesen hat, und eben jetzt ist Schickeles großer Essay über D. H. Lawrence erschienen. Im Winter und Frühjahr werden noch manche andere Neuerscheinungen folgen, denn Heinrich Mann arbeitet an einer großen geschichtlichen Erzählung Die Juden des Königs Heinrich IV.", Joseph Roth, der in Wirklichkeit dauernd arbeitet, während er sich den Anschein gibt, dauernd müßig im Café zu sitzen, hat nach dem„ Tarabas" und dem„, Antichrist" schon ein drittes Buch, einen neuen Roman, fast vollendet. Die naheliegende Analogie, die Marcus interessante Studie ,, Die Vertreibung der Juden aus Spanien" anregte, hat Hermann Kesten dazu veranlaßt, sich das Schicksal der Marranen, der getauften, aber trotzdem von der Inquisition, verfolgten spanischen Juden, zum Thema künstlerischer Gestaltung zu wählen. Freilich kann er sich nicht nur der eigenen Arbeit widmen, denn er ist außerdem Lektor und südfranzösischer Verbindungsmann des holländischen Verlages Allert de Lange, der sich mit dem Ouerido- Verlag, Amsterdam, in das Verdienst teilt, den größten Teil der nicht gleichgeschalteten" deutschen Literatur zu verlegen. Beinahe würde es sich lohnen, richtige Verlagsfilialen aus Amsterdam nach Nizza zu verlegen. Dann könnte sich in dieser schönen und heiteren Stadt umso besser entwickeln, was heute schon im Entstehen ist: ein Sammelpunkt deutscher Literatur unter südlicher Sonne, eine Verschmelzung deutschen Geistes mit dem Genius mittelländischer Landschaft, wie das im Laufe der Jahrhunderte so oft versucht und immer wieder einmal J. S. Franz. auch verwirklicht worden ist. Das sterbende deutsche Buch Aber der Eher- Verlag lebt Die hakenkreuzlerische Miẞliteratur wächst zu Bergen und niemand kauft sie. Deshalb rang sich Reichsleiter Bouhler unter schwerer Mißhandlung der deutschen Sprache eine Erklärung ab, die gegen die Ueberproduktion pseudonationalsozialistischer Schriften" gerichtet ist und in der es heißt: ,, Die Zahl der Bücher, die sich in erzählender oder schildernder Form meist durch lose aneinandergereihte Abhandlungen und Aufsätze mit der nationalsozialistischen Revolution und den sie begleitenden Ereignissen beschäftigen, haben eine solche Höhe erreicht, daß es notwendig erscheint, darauf hinzuweisen, daß ein weiteres Bedürfnis an solcher Produktion nicht besteht. Das gilt insbesondere für solche Schriften, die in einer unverhältnismäßig teuren Aufmachung, die in keinem Verhältnis zum Inhalt steht( Prachtwerke), herausgebracht werden und mindestens infolge der Art des Vertriebes( Ratenzahlung) eine unerträgliche Belastung des kaufenden Volksgenossen darstellen...“ Es ist merkwürdig, wie man sich an hoher Stelle plötzlich um den ,, kaufenden Volksgenossen" sorgt. Merkwürdig, aber nicht grundlos. Der Haupthersteller brauner Parteiliteratur, der Hauptlieferant schlechter und teurer ,, Erhebungsbücher" ist der parteioffizielle Eher- Verlag in München. Das neueste Eher- Erzeugnis heißt..Dei Kongreß zu Nürnberg 1934" und kostet 3( in Worten drei) Reichsmark. Von..Belastung des kaufenden Publikums" kann in diesem Zusammenhang allerdings um so weniger die Rede sein, als Bibliotheken, Schulen und Beamte unter Androhung von Brachialgewalt gezwungen werden, Druckschriften dieser Art zu erwerben. Je geringer die Konkurrenz, desto größer die Chancen. Dem Verlag Paul Steegemann, Berlin- Wilmersdorf, wurde bereits die Berechtigung entzogen, nationalsozialistisches Schrifttum zu vertreiben. Andere werden nachfolgen, and eines Tages dürfte der Eher- Verlag die ganze Weide für sich allein beanspruchen. Ein Direktor des Eher- Verlages, Wilhelm Baur, wurde bekanntlich vor kurzem zum 1. Vorsteher des Börsenvereins der deutschen Buchhändler ernannt. Auch er tut an seinem Plate das Menschenmögliche. Auch er erließ eine Bekanntmachung, sie lautete:" ,, Noch im Laufe dieses Sommers haben vereinzelte Buchhandlungen durch ihre Auslagen im Schaufenster und Ladeninnern, durch Prospektversand und Verzeichnisse erkennen lassen, wie wenig sie sich von den Grundsätzen bestimmen lassen, die für den guten Buchhandel im nationalsozialistischen Staat verpflichtend sind... Auch ohne ausdrückliche amtliche Anweisung muß jeder Buchhändler wissen, auf was es heute ankommt. Wer volksschädliches Schrifttum vertreibt, wird sein Recht auf Berufsausübung verlieren." 1 Da sind nun Bücher zu hunderten verbrannt, verboten und verfemt worden aber niemand glaube, daß man sich nach dem offiziellen Index richten kann. Auch die nicht verbotenen Bücher sind verboten, erlaubt ist nur, was dem EherVerlag gefällt. Den Buchhändlern fehlt jeder Kompaß, sie müssen ständig befürchten, ausgehoben und abgeführt zu werden. Zählt Lessings Nathan der Weise" nur zu den unerwünschten den volksschädlichen Schriften? Dürfen oder schon zu Friedrich Nietzsches Werke ganz oder nur teilweise angeboten werden? Wie steht es mit Schillers ,, aufklärerischen" Prosaschriften? Wie mit der englischen und französischen Literatur? Riskiert der Aussteller, der Verkäufer solcher Werke, daß ihm der Laden geschlossen wird? Wer nur nationalsozialistische Literatur vertreibt, muß allerdings auch sehr bald schließen, weil die Käufer fehlen. Was bleibt übrig? Der Eher Verlag! Ihm wird nichts geschenen, an seinen Einnahmen sind nationalsozialistische Parteibeamte bis zu den höchsten Spitzen des Reiches hinauf interessiert. Er wird Geschäfte machen und wenn die ganze deutsche Literatur zum Teufel geht! Nicht verzweifeln! " Die Gnade ist nicht mehr in dieser Zeit. Die Bestie rast, die Seele liegt in Ketten; Der Haß heult durch die Welt, und Gott ist weit Und nirgendwo ein Wunder. um zu retten. Nein. diese Zeit hat keine Gnade mehr. Die Liebe irrt verlassen durch die Straßen. Kein Strahl kommt mehr vom Paradiese her, Des frühen Glanz im Dunkel wir vergaßen. Und dennoch, Brüder, nicht verzweifelt sein! Das Licht ist da, wenn wir es auch nicht sehen. Wir müssen mitten in die Nacht hinein, Um reiner in den neuen Tag zu gehen. Und sind wir auch noch fern von seinem Schein, Einst wird der Mensch in seinem Leuchten stehen. Horatio. Dem Führer gewidmet" 95 Man könnte es nicht glauben, aber im Amtsblatt des Deutschen Sängerbundes steht es geschrieben, daß sich zu der Ueberfülle der himmlischen Hymnen auf den Führer" nun auch die doch so blau- weiß- roten Klänge der Marseillaise gesellt haben. Der harmlose Komponist, der die Marseillaise in künstlerischer Verarbeitung mit dem guten alten Deutschlandlied seinem Führer Adolf Hitler widmete, war zweifellos durch eine der letzten Reden des Führers" inspiriert, in der Hitler seine ganze Liebe für Marianne vor aller Oeffentlichkeit beteuerte. Das hindert jedoch den Gauleiter des Deutschen Sängerbundes des Gaues Nassau nicht, im besag. ten Amtsblatt über diesen befähigten Komponisten wie über einen Scharlatan seinen ganzen Zorn auszuschütten und sich im Zusammenhang damit auch gegen den ,, Kitsch im Chorlied" zu wenden: ,, Konjunktur- Komponisten" hat es im Männerchor allzeit gegeben: heute stehen sie in Hochblüte! Was früher der deutsche Rhein und jetzt das dritte Reich" und das Saarland von diesen jederzeit bereiten Auch- Komponisten über sich ergehen lassen müssen, übertrifft alles Dagewesene und bedarf manchmal schon einer polizeilichen Kontrolle. Vor mir liegt z. B. ein( Adolf Hitler gewidmetes!) in Text und Musik gleich schauerliches Machwerk( Werk 100!), das zur Verherrlichung des neuen Deutschland im Mittelsat mangels anderer Einfälle fast notengetreu die Marseillaise- Melodie bringt und im Schlußsatz das Deutschlandlied in der grausamsten Weise vergewaltigt! Wenn wir unsere Männerchor- Literatur ernstlich reinigen wollten, so dürfen wir vor der neuesten Produktion nicht haltmachen. Hier heißt es: Augen auf! Weg mit dem nationalen Kitsch!" * Einverstanden! Wenn aller nationaler Kitsch abgeschafft wird, muß Hitler an erster Stelle verschwinden!. Abschied von der deutschen Pädagogik Das Ende der ,, Preußischen Lehrerzeitung" Infole der Ueberführung des preußischen Lehrervereins in die Abteilung ,, Wirtschaft und Recht" des Nationalsozialistischen Lehrerbundes muß. so lesen wir in der gleichgeschalteten Presse, die Preußische Lehrerzeitung" Ende November ihr Erscheinen einstellen. Nach 60 Jahren des Bestehens gibt sie ihre Facharbeit auf und wird zu einem Mitteilungsblatt der Abteilung Wirtschaft und Recht". Der Verleger Hopf in Spandau gründete die ,, Preußische Lehrerzeitung" im Jahre 1875. Sie sollte die Tageszeitung des preuBischen Lehrers werden und gleichzeitig neben den Tagesereignissen fachliche Fragen erörtern. Die Zeitung fand sehr schnelle Verbreitung. Unvergessen ist ihr Anteil an den Kämpfen gegen die schul- und kulturpolitische Reaktion zur Kaiserzeit. Scharf und schneidig war ihre Sprache, wenn es sich darum handelte, für die fortschrittliche Entwicklung der preußischen Volksschule einzutreten, wenn es galt, die Standesinteressen der Lehrerschaft zu verteidigen, oder wenn die Oeffentlichkeit über schulpolitische Fragen aufgeklärt werden sollte. In den bewegten Zeiten der Vergangenheit war die., Spandauer" die Zeitung der Lehrerschaft, die, unbekümmert um Parteipolitik, ihre ganze Arbeit den fachlichen und kulturpolitischen Problemen widmete. Mit Stolz und mit Dankbarkeit werden sich die Leser stets der..PreuBischen" erinnern, wenn sie an die Zeiten des Kampfes um Freiheit und Fortentwicklung der preußischen Volksschule zurück denken. Und mit alledem, mit Freiheit, fortschrittlicher Pädagogie, ist eben jetzt zu Ende. Darum ist der Tod der ,, Preußischet Lehrerzeitung durchaus folgerichtig. Das Deckblatt Für das ,, beanstandete" Geschichtslehrbuch Nachdem in dem Geschichtslehrbuch ,, Teubners Geschichtliches Unterrichtswerk für höhere Lehranstalten, Ausgabe A, Teil I: Geschichte der Griechen und Römer" von Steudel, die vom Unterrichtsminister beanstandeten Stellen durch ein Deckblatt ersetzt und am Schlusse des Buches ein Nachtrag hinzugefügt worden ist, der der nationalsozialistischen Ge schichtsauffassung gerecht zu werden versucht, hat der preuBische Unterrichtsminister die weitere Benutzung des Buches im Unterricht genehmigt. Der Verlag hat jedoch den Schulen, an denen das Lehrbuch bisher im Gebrauch war, die notwendige Anzahl von Deckblättern und Ergänzungsbogen kostenlos nachzuliefern. Die Genehmigung gilt, bis neue Richtlinien für den Geschichtsunterricht vorliegen... Freund, wer ein Lump ist. bleibt ein Lump Zu Wagen, Pferd und Fuße: Drum glaub an keinen Lumpen je, An keines Lampen Buba ( Goethe Völker in Sturmzeiten Nr. 85 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers ,, Preußischer Kommiß" | Dienstag, 4. Dezember 1934 Der Feldwebel fixierte mich eine Weile und sagte dann: ..Merken Sie sich: wenn Sie es wirklich ganz genau gesehen haben, dann können Sie nicht fahren; wenn Sie aber glauben, daß doch ein Irrtum vorliegen kann, dann kommen Sie Soldatengeschichten von August Winnig als Zeuge nicht mehr in Betracht und können morgen Mittag August Winnig, der Verfasser der vor dem Kriege erschienenen Schrift ,, Preußischer Kommiẞ", ist heute glühender Nationalsozialist. Er dient der braunen Sache in Wort und Schrift, unter Preisgabe seiner Vergangenheit. Einst, als junger Proletarier, war er zum Sozialismus und zur Sozialdemokratie gekommen bewegt von den hohen Gedanken der Freiheit und der Menschenrechte. Es gelang ihm, im freigewerkschaftlichen Bauarbeiterverband einen führenden Posten zu gewinnen. Nach der Umwälzung von 1918 wurde er Oberpräsident in Ostpreußen, damals freilich schon in seinem alten Bekenntnis zögernd und schwankend. Sein politisches Ende in der Republik führte der Kapp- Putsch vom März 1920 herbei. Es erwies sich, daß er der zweideutigen Haltung der Reichswehrkommandeure in jenen kritischen Tagen Vorschub geleistet hatte. Dann rutschte August Winnig immer weiter nach rechts. Er wurde der Vertrauensmann Hugenbergs und Stinnes, für deren Blätter er seine flinke Feder in Bewegung setzte. Heute ist er einer von den 110- Pro zentigen: wildester Nationalsozialist, begeisterter Militarist und nationalsozialistischer Schriftleiter. Sein Buch„ Preußischer Kommiẞ" hat er längst verleugnet, weil es die denkbar schärfste Anklage des militaristischen Kadavergehorsams darstellt, zu dessen Anbetern er heute gehört. Ein Grund mehr für uns. unseren Lesern einige Kapitel aus dem Buche August Winnigs vorzulegen. Als wir von dem im Herzen Deutschlands gelegenen Sammelplatz unter starker militärischer Begleitung nach dem fernen Osten, zu unserm Truppenteil, transportiert wurden, nahm in unserem Kupee ein Sergeant mit einigen Gemeinen Plats. Der Sergeant war ein Mensch, an dem der Blick nicht ganz flüchtig vorübergehen konnte. Obwohl er noch nicht besonders alt war, hatte er doch schon stark ergrautes Haar. Aber trots diesem Zeichen verrauschten Lebenslenzes war er noch ungemein frisch und wußte anregend zu erzählen. Ohne zu ermüden, gab er bereitwillig Antwort auf unsere vielen Fragen nach dem Wo? und Wie? unserer Zukunft. Es versteht sich, daß wir ihn weder hungern noch dursten ließen, und da er ein Sergeant war, so war es auch selbstverständlich, daß er unsere Gaben gern annahm. Aber er tat es nicht mit der Geste der Selbstverständlichkeit, mit der etwa ein Despot den Tribut seiner Vasallen einsackt, sondern mit bürgerlich- höflichen Manieren und einem verbindlichen Lächeln auf den Lippen. Das machte ihn uns angenehm. Es war wenig vom Vorgesetzten in seinem Gehaben und darum wurde auch unsere Unterhaltung ziemlich frei. Ja, als wir Berlin passierten und vom Bahnhof Friedrichstraße die in der Herbstsonne flimmernde Kuppel des Reichstages erblickten, wagte ich sogar die Bemerkung, das sei das letzte Zeichen bürgerlicher Freiheit, von der wir nun Abschied nehmen müßten. Er lächelte dazu und meinte, ich könne schon recht haben. Damit kam unser Gespräch auf Politik und insbesondere auf ihren Zusammenhang mit der Armee, und wer im Reichstag am meisten für sie einträte. ,, August Bebel!" sagte ich. ,, Sie meinen wegen der Mißhandlungen?" fragte der Sergeant. [ 1979 Jawohl! Denn darunter leiden die Soldaten am meisten. Ich begreife wohl die Scheu mancher Leute, ihr Beschwerderecht zu gebrauchen, aber ich meinerseits werde es anders halten. Ich würde ohne Zagen jeden melden, der mich mißhandelte, und wollte einmal sehen, ob man wirklich das Recht des Untergebenen unter die Füße tritt!" Der Sergeant sagte nichts darauf. Er bat mich um Feuer, um seinen Stummel anzuzünden; ich reichte ihm Feuer und Zigarren gleich dazu, er nahm und rauchte und sah mich durch den Qualm lächelnd an. Nachher sprachen wir über andere Dinge, über Land und Leute im Osten und kamen auf unser Beschwerdethema nicht wieder zurück. Sonst aber verkehrten wir so nett und liebenswürdig wie vorher. Als wir später in die Kompanien eingeteilt waren und am folgenden Tage zur Einkleidung antraten, entdeckte ich zu meiner ziemlichen Ueberraschung, daß ich gerade in die Kompanie gekommen war, der auch mein tressen- und knopfgeschmückter Reisebegleiter angehörte. Der Sergeant erkannte mich auch gleich wieder und half mir beim Verpassen der Kleidungsstücke, aber etwas hatte er von seiner Liebenswürdigkeit schon eingebüßt. Sein Lächeln war niger verbindlich als spöttisch. Ich sah das und wunderte mich nicht weiter darüber. weDienstlich hatte ich mit ihm wenig zu tun. Erst als wir nach mehreren Wochen die Gewehre erhielten, womit die Ausbildung im Zielen als erste Stufe der Schießausbildung anfing, sah ich ihn wieder. Bei diesem Dienst war er mit einem Vizefeldwebel die Hauptperson. Dieser Feldwebel war ein ganz unausstehlicher Mensch, ein Wichtigtuer, Schauspieler und Leuteschinder. Ein Pole von Geburt, hatte er beim Militär seinen Namen germanisieren lassen, aber seine Knechtsnatur schimmerte unter dem Firnis preußischer Unteroffiziersbildung immer wieder durch. Sobald wir uns nur gesehen hatten, waren wir uns gegenseitig über unsere Beziehungen zueinander klar. Er verfolgte mich mit all der kleinlichen Schikane, worin diese Sorte SO unerreicht Meister ist. Einmal hatte ich ein Gewehr auf einen Punkt der Scheibe einzurichten. Er kontrollierte und fragte mich, wohin das Gewehr zeigen solle. ,, Acht kurz", sagte ich. ..Ist das acht kurz?" fragte er pikiert. Ich sah noch einmal durch und meinte, ja, es sei genau dahin eingerichtet. Ich sage, es ist nicht acht kurz!" schrie er mich an. Dann ging er noch einmal ans Gewehr, visierte, verschob es heimlich und rief den Sergeanten. Sagen Sie dem Kerl mal, was er da zusammengerichtet hat", krähte er affektiert. Der Sergeant sah hin. ,, Das ist in meinem Leben nicht acht kurz. Drei kurz links, eine Hand breit vom Strich!" sagte er, mich vorwurfsvoll anblickend. Dann hat es der Herr Feldwebel verschoben", rief ich etwas erregt. ..Du Hund willst so etwas sagen?" schnaubte mich der Feldwebel an. ..Ich habe es ja ganz genau gesehen!" erwiderte ich. Der Feldwebel sah sich erst vorsichtig um, dann stürzte er mit erhobener Faust auf mich zu. ,, Herr Feldwebel!" rief der Sergeant jetzt erregt ,,, machen Sie sich nicht unglücklich! Er ist ein S! ein S!" Dabei trat er dicht vor ihn und beschwichtigte ihn. Der Feldwebel ließ den Arm sinken und sah mich mit einem Blick voller Gift und Galle an. ,, Aha, so stehen die Sachen! Ja, dann darf man sich die Hände nicht an ihm schmutzig machen! Das Gesindel muß behandelt werden wie Kreuzottern: von weitem mit dem Stock aufspießen! Pfui Deubel!" Er spie vor mich hin... Mach, daß du wegkommst, du Aas, ich will dich hier nicht mehr sehen!" Das tat ich denn auch. Am andern Tage sagte der Sergeant:„ Ich habe Ihnen einen großen Dienst erwiesen, Freundchen!" ,, Ich danke, Herr Sergeant. Aber ich glaube: auch dem Feldwebel." Dieser Zwischenfall war sehr nützlich für mich. Ihm habe ich es zum guten Teil zuzuschreiben, daß ich von jeder körperlichen Miẞhandlung verschont blieb. Uebrigens war es mir bitterer Ernst mit dem Vorsats, jede mir zugefügte Mißhandlung zu melden. Indessen war es so viel besser, denn was bei Beschwerden herauszukommen pflegt, konnte ich bald in nächster Nähe kennen lernen. uns Einige Tage vor Ostern wurde wieder ein Mann meiner Korporalschaft grob geschlagen. Es war uns befohlen worden, im Laufschritt unsere auf dem Exerzierplatz abgelegten Tornister zu holen. Wir liefen nicht alle gleich schnell, und der Korporalschaftsführer lief hinter uns her und trieb schreiend zur Eile an. Einer lief, ob absichtlich oder aus Unfähigkeit, etwas langsam. Der Unteroffizier stieß ihn vieroder fünfmal mit dem Gewehrkolben zwischen die Schultern so hart, daß der Mann zusammenbrach ,, Nachdem er wieder zu sich gekommen war, rückten wir ein. In der Mittagspause ging Stöben, so hieß der Geschlagene zum Feldwebel und meldete die Mißhandlung. Am andern Tage mußte er die Meldung wiederholen und die Zeugen des Vorfalls nennen. Er nannte die ganze Abteilung, zirka achtzehn Mann. Der Unteroffizier fragte bei uns herum, wer. Augenzeuge sei, daß er Stöben geschlagen habe. Es blieben sechs übrig, die andern hatten es nicht gesehen. Sie hatten es natürlich alle gesehen. Aber sechs Zeugen waren immer noch ausreichend. Nun wurde Stöben von allen Instanzen bearbeitet. Erst bat ihn der Unteroffizier, die Meldung zurückzunehmen. Stöben blieb fest. Dann kam der Feldwebel. Aber Stöben blieb fest. Die Sache kam vor den Hauptmann. Auch er bearbeitete Stöben, aber dieser widerstand. Dazwischen hindurch kamen Unteroffiziere und andere Geister, die alle den Stöben beschworen, er möge keinen alten Korporal mit sieben Dienstjahren" unglücklich machen. Es half nicht. Nun wurde ein anderer Weg eingeschlagen. Von den sechs Zeugen hatten vier um Osterurlaub gebeten, darunter auch mein Busenfreund Seele und ich Einer nach dem andern wurde. in die Schreibstube befohlen, und wenn er wieder zurückkam, war er konsterniert und fluchte über die hinterlistige Gemeinheit. Als Seele zurückkam, brachte er mir den Befehl, vor dem Feldwebel zu erscheinen. Junge," sagte er. mit unserm Urlaub ist's Essig!" ,, Bist verrückt! Wieso denn?" ,, Wer wirklich genau gesehen hat, daß Stöben geschlagen wurde, muß hierbleiben," ..So' ne Gemeinheit!" sagte ich und ging hinunter. ,, Sie haben auch um Urlaub gebeten, nicht wahr?" ,, Jawohl, Herr Feldwebel." ,, Herr Hauptmann hat nichts dagegen, ich lasse Sie auch gern fahren, weil Sie sich zusammengerissen haben und gut begreifen. Aber Sie waren mit dabei, als Stöben bingefallen ist und wollen gesehen haben, daß der Unteroffizier ihn geschlagen hat. Nicht wahr?" ..Jawohl, Herr Feldwebel, das habe ich gesehen." ,, Ja, dann können Sie eben nicht auf Urlaub fahren, denn Sie werden ja dann als Zeuge gebraucht", meinte der Feldwebel mit vielsagendem Blick. ,, Könnte ich meine Aussagen nicht vorher machen, sie vielleicht beim Bataillonsadjutanten zu Protokoll geben?" fragte ich. ..Ach was! Wenn Sie das gesehen haben, müssen Sie hier bleiben." Ich überlegte und kämpfte mit starker Versuchung. ,, Ich kann mir gar nicht erklären, wie Sie das nur gesehen haben wollen. Denn, wenn es geschehen ist, so war es doch in ihrem Rücken. Besinnen Sie sich mal; Sie glauben, es gesehen zu haben; Sie bilden sich das ein, weil der Stöben es hinterher erzählte!" ,, Nein, Herr Feldwebel; ich hatte meinen Tornister schon in die Hand genommen und mich wieder umgedreht und habe ganz genau gesehen, wie der Unteroffizier den Stöber vier- oder fünfmal sehr stark mit dem Kolben ins Kreuz gestoßen hat," auf Urlaub gehen. Bis dahin haben Sie Zeit zum Ueberlegen. Denken Sie aber nicht, daß der Hauptmann jemals wieder einem Manne Urlaub gibt, der mit daran schuld hat, daß ein Unteroffizier von der Kompanie bestraft wird. Nun besinnen Sie sich; morgen früh will ich Bescheid haben." Damit war ich entlassen, Als ich auf die Stube zurückkam, erwarteten mich die drei anderen Urlauber schon. Sie waren neugierig, wie ich mich gehalten hatte. Wir sahen uns alle vier an und brachen, wie auf Kommando in Lachen aus. Wir lachten außerordentlich laut und herzhaft, wir lachten lange, wir lachten, daß uns der Bauch schmerzte. Warum? Das kann ich heute nicht mehr sagen; aber es war etwas ansteckendes in dieser Lachlust, die allen Gram über den fortschwimmenden Urlaub niederriß. Ich weiß keinen Grund für unsere Fröhlichkeit anzugeben; doch vielleicht war es der über alle kleinliche Schikane hinwegstürmende Lebensmut kraftsprühender Jugend, der sich seiner Ueberlegenheit bewußt war. Natürlich hatten wir alle vier festgehalten an dem, was wir gesehen hatten, und waren uns auch einig darin, uns unser Gedächtnis nicht durch die angedrohte Entziehung des Urlaubs korrigieren" zu lassen. Wir waren eben alle keine Patrioten im Sinne preußischen Kommißgermanentums.. Beim Antreten am anderen Morgen rief uns der Feldwebel abseits und fragte uns, ob wir uns nicht anders besonnen hätten. ,, Nein, ich kann nichts anderes sagen, als was ich gesehen habe", erwiderte jeder von uns. ,, Eintreten! Gemeine Bande!" rief uns der Feldwebel zu. Während der Pausen, die der Dienst an diesem Morgen ließ, schmiedeten wir Pläne, wie wir nun Ostern verleben wollten. Urlaub gab's nicht, also mußten wir sehen, wie wir auf andere Weise das Reisegeld vertun konnten. Zu völliger Einigkeit waren wir bis Mittag nicht gekommen. Dann rückten wir ein. Vor dem Kompanierevier mußten wir halten. Der Alte" wartete mit dem Feldwebel schon auf uns. Nachdem wir uns aufgestellt hatten, befahl der Hauptmann dem Feldwebel, die Urlauber vorzulesen. In dumpfer Resignation hörten wir die Namen aus der ersten, zweiten und dritten Korporalschaft verlesen. Dann kam unsere. Da wurde mein Name aufgerufen. Ich war wie aus den Wolken gefallen und glaubte mich verhört zu haben. ,, Na, wollen Sie nicht?" rief der Feldwebel lauter. Hier!" schrie ich und trat zu den Urlaubern. Dann kamen wieder andere Namen und auch die übrigen drei Zeugen wurden mit aufgerufen. Wir wußten nicht, was das zu bedeuten habe. Als alle aufgerufen waren, bielt uns der alte noch eine schöne moralische Standpauke, von Saufen, Arrest und Arbeiterabteilung, dann erhielten wir unsere Urlaubspässe. Um drei Uhr dampften wir nach dem Westen und sahen die grauen Klöße der Festungswerke im Dunstschleier verschwinden. Während des zehntägigen Urlaubs dachte ich nicht oft an die Affäre Stöben; aber wenn ich es tat, dann war mir gar nicht sehr wohl zumute; ich hatte die Empfindung, daß hier etwas nicht in Ordnung sein konnte. Nach den durchjubelten Tagen fuhr ich mit gemischten Gefühlen wieder zur Garnison zurück. Es war Mitternacht, als ich in die Kaserne kam. Ich weckte einen der Kameraden und fragte ihn nach dem Ausgang der Sache. ,, Ach," sagte er schlaftrunken ,,, das ist eine dumme Geschichte gewesen. Den Stöben haben sie dabei zu packen. gekriegt." ,, Den Stöben? Wieso den?" fragte ich. ,, Ja," sagte er etwas munterer ,,, die Sache war doch die, daß er keinen Zeugen hatte. Ihr wart auf Urlaub, den an deren beiden hat man nicht geglaubt; das sind doch alte Leute, weißt du, und die wollten aus Rache den Unteroffizier reinreißen, so sagte man. Und da hat der Oberst den Stöben wegen Nichtausführens eines Dienstbefehls mit drei Tagen Arrest bestrafen lassen." ,, Welches Dienstbefehls?" ,, Ja, weil er nicht gelaufen ,, sondern langsam gegangen ist; und der Unteroffizier hatte doch laufen befohlen. Die Strafe wegen falscher Meldung will ihm der Oberst schenken, weil er dachte, Stöben sei von anderen Leuten dazu angestiftet gewesen. Wenn er sich aber in diesem Jahre noch was zuschulden kommen läßt, soll er deswegen auch noch bestraft werden." ..Ist Stöben schon im Kasten?" ..Er ist schon wieder draußen. Ihr seid. Gründonnerstag fortgefahren und Stöben ist am stillen Freitagmittag in' n Kasten gegangen." ,, Donnerwetter! Also deswegen hat man uns auf Urlaub geschickt! So' ne Gemein 66 ,, Sst! Der Unteroffizier ist noch nicht lange schlafen ge gangen; sei ruhig!" Diese Affäre lehrte uns, was wir von dem Beschwerderecht hatten. Nach solchem Ausgang hatte natürlich keiner mehr Lust, sich über Mißhandlungen zu beschweren, und diese wurden ärger und häufiger als zuvor. Doch nicht allein die Unteroffiziere schlugen und stießen die Leute, auch die Leutnants und der Hauptmann, dieser erst recht, büttelten drauf los, als ob sie Hunde zu dressieren hätten. Sogar der Major schämte sich nicht, die Leute mit der Faust ins Ge sicht zu schlagen. Wir ein kleiner Kreis von Vertrauten nahmen das mit wachsender Erregung wahr. Manchmal ging ich abends ins Gehölz, das das Glacis bedeckte und hing dort meinen Zorngedanken nach. Ich fan tasierte von einer großen blutigen Abrechnung und grübelte über die Möglichkeiten nach, wie sie wohl herbeigeführt werden könnte, Eortses ung folgt Die Entmannten 94 In der ärztlichen Sachverständigen- Zeitung, heraus 1. Januar 1984 eine entsprechende Freiheitsstrafe verbüße. gegeben in Berlin am 15. 11. 1934, Nr. 22 des 40. Jahrgangs ,. fann man folgendes lesen: Keine Entmannung bei Sittlichkeitsverbrechen ans homosexueller Veranlagung Die Anordnung der Entmannung ist zwingend an die Erstattung eines ärztlichen Sachverständigengutachtens ge= bunden. Das Gericht kann zwar an sich von der Meinung des ärztlichen Sachverständigen abweichen, auf jeden Fall muß aber der Mediziner im Entmannungsverfahren gehört werden, und im Regelfall wird sich das erkennende Gericht selbstverständlich bet seiner Entscheidung von dem Ja oder Nein des ärztlichen Sachverständigen leiten lassen. Diese Tendenz findet in der Entscheidung des Reichsgerichts 2 D 672/34 in ganz ausgeprägter Form hinsichtlich der Frage ihren Niederschlag, wann Entmannung bei Sittlichkeitsverbrechen zulässig ist, die aus homosexueller Veranlagung begangen sind. Das Reichsgericht führt aus Wie die einschlägige medizinische Fachliteratur erkennen läßt, wurde bei den an Homosexuellen vorgenommenen Entmannungen bisher in der Regel die erstrebte Aenderung der Triebrichtung nicht erreicht. Dies ist auch der Grund, warum nach den gelten den Strafbestimmungen die Entmannung bei Bestrafung Homosexueller nach§ 175 StGB. nicht zugelassen ist und auch eine Vorbestrafung nach§ 175 StGB. nicht zur Erfüllung der Voraussetzung des einschlägigen§ 42 k Nr. 1 StGB. ausreicht. Wenn hiernach auch bei einer aus homoserueller Veranlagung begangenen, aber nur aus dem rechtlichen Gesichtspunkt des§ 176 Nr. 3 StGB.( Unzüchtige Handlung) abgeurteilten Straftat und einer aus ähnlicher Triebrichtung begangenen Vorbestrafung gleicher Art formell die Anordnung der Entmannung neben der Bestrafung aus§ 176 Nr. 3 StGB. möglich ist, so hat doch in diesen Fällen die Anordnung der Entmannung eine besonders sorgsame Prüfung in der Richtung zur Vorausseßung. ob die Allgemeinheit bei der Vornahme des Eingriffs vor weiteren Untaten des Sittlichkeitsverbrechens voraussichtlich verschont bleibt. Im konkreten Fall ist daher nach Möglichkeit zu klären, welche besondere Ursachen der Abart des Geschlechtstriebes des Angeflagten zugrunde liegen, ob mit Außerdem sei die Aussicht des Erfolges, einer Herabseßung des Geschlechtstriebes, nicht hinreichend dargetan. Das Reichsgericht wies die Revision zurück. Nach dem erkenn= baren Willen des Gesetzgebers sollten von nachträglichen Sicherungsmaßregeln die verschont bleiben, die ihre Strafe vor dem Infrafttreten des Gesetzes voll verbüßt hätten. Das Gesetz sei aber mit dem 1. Januar 1934 in Kraft getreten. Der vom Beschwerdeführer angeführte Gesetzeswortlaut beruhe offensichtlich auf einem Versehen. Im übrigen stehe die Anordnung der Entmannung im Ermessen des Richters. Allerdings soll er sie nur anordnen, wenn die Sicherung der Allgemeinheit vor weiteren Untaten das angezeigt erscheinen lasse. In aller Regel iezze aber die Entmannung den Geschlechtstrieb wesentlich herab. Das Gemeinwohl hat den Interessen des Sittlichkeitsverbrechers vorzugehen. Die Möglichkeit eines Mißerfolges hat daher grundsäßlich unbeachtet zu bleiben, zumal andernfalls dem Gesetz seine W Wirkung genommen werde. Allerdings wäre. von Entmannung abzusehen, wenn im Einzelfalle der Sachverständige überzeugend dartue, daß die Entmannung Sachverständige überzeugend dartue, daß die Entmannung sicher nicht den erstrebten Erfolg haben würde. Ha. Se. Diese vom höchsten Gericht des dritten Reiches" erkannte Entscheidung, wonach gleichgeschlechtliche Männer auch dann nicht unfruchtbar gemacht werden dürfen, selbst wenn sie weite Kreise der Die Illegalen 42 Angeklagte Wiesbaden, 2. Dez. Ein Hoch verratsprozeß gegen 42 Angeklagte hat hier vor dem hier tagenden Zweiten Straffenat des Oberlandesgerichts Kassel begonnen. Die Angeklagten, die zum Teil der ehemaligen KPD. angehörten oder mit ihr sympathisierten, werden beschuldigt, im Jahre 1934 versucht zu haben, in Wiesbaden und Umgebung zunächst selbständig, dann unter Fühlungnahme mit Frankfurter und Mainzer Genossen die Organisation einer Ort 3gruppe der illegalen KPD. in die Wege zu leiten, auszubauen und aufrechtzuerhalten. Au Auck sollen sie weiter versucht haben, zur Vorbereitung des Hochverrats Flugschriften herzustellen und zu verbreiten. Die Verhandlung, für die vier Tage vorgesehen sind, findet unter Ausschluß der Oeffentlichfeit statt. Die bisher vernommenen Angeklagten leugnen ihre Schuld nicht. Sie sind sämtlich in Haft. O Oberpräsidenten Ständige Vertreter der Reichsregierung Der Neuaufbau des Reiches im Sinne des nationalsozialistischen Staates ist, so heißt es in einer amtlichen Kundgebung, durch eine zweite Verordnung" des Reichs- und preußischen Innenministers Dr. Frick weiterhin gefördert worden. - Hitler- Jugend verdorben haben, gestattet tiefe Einblicke in das Wollen der Nazigesetzgeber. Die Sterilisation gilt also nur dem Proleten. Die feinen Leute aber dürfen sich ihren Leidenschaften sorgenlos hingeben. Der Hitlergeist versteht also auf jenem Gebiet sogar Klassenunterschiede und Klassenvorrechte zu legitimieren, auf dem selbst der bürgerliche Staat versuchte, ohne„ Ansehen der Person" zu richten. Arme Proletarierfrauen( siehe Singen a. H.) sterben unter dem Messer operierender Aerzte( obwohl sie sich gegen die Sterilisation wehrten); reiche Homosexuelle werden schon durch den Gesetzgeber von der Anwendung der Sterilisation ausgenommen. Wunderbare Welt, dieses Nazi- Deutschland! deren Verschwinden etwa zu rechnen ist, und aus welchen Edienstehen" strafbar Gründen der Angeklagte nicht über die nötigen Hemmungen verfügt.( 2 672/ 34.2. 7. 1984.) K. M. Entmannung und Erfolgsaussicht Reichsgericht vom 5. Juni 1934 in JW. 1934 S. 2410 ji. Die Strafhaft eines Unzucht Verbrechers lief am 1. Januar 1934 um 13.10 Uhr ab. Er beschwerte sich gegen beantragte Entmannung, weil nach dem Wortlaut des Gesetzes nur der entmannt werden könne, der nach dem Blick ins Braune Menschen und Tiere In der Broschüre von Hermann Gauch„ Neue Grundlagen der Rassenforschung"( 1933, Adolf Klein Verlag, Leipzig) lesen wir auf Seite 77 Ter nichtnordische Mensch nimmt eine Zwischenstellung zwischen Nordischem( Gauch schreibt immer den„ Nordischen" Menschen mit großen, den„ nichfnordischen" mit fleinem Anfangsbuchstaben. D. Schriftl.) Menschen und den Tieren, zunächst den Menschenaffen ein. Er ist darum fein vollkommener Mensch, er ist so überhaupt kein Mensch im eigentlichen Gegensatz zu dem Tiere, eben nur ein Uebergang dazu. eine Zwischenstufe... Wo in einem Körperteil die eine Rasseform Nordische Merkmale hat, z. B. die ostbaltischen blauen Augen, die dann auch bei Tieren vorkommen können, wie z. B. bei den weißen Gänsen da hat eine andere Rasseform wieder nichtnordische Merkmale. So eignet ein einzelnes Merkmal nicht allen Menschen gleich, 3. B. das Sprachvermögen eignet auch Bögeln und das Fehlen des Selbstbewußtseins auch dem Mongolen. So würde sich auch nur in einem einzigen Merfmale ein Gemeinbegriff Menschheit nicht rechtfertigen lassen. Das eine oder das andere Tier hat sogar wieder Nordische Merkmale, wie der Hund die Treue, die der nichtnordische Mensch nicht hat... In feinem Merkmal unterscheidet sich der Nordische Mensch vom Affen, worin er sich nicht auch vom nichtnordischen unterscheiden würde, und in keinem vom Nichtnorden, worin nicht auch vom Affen. Was der Nordische Mensch mit dem Nichtnorden gemeinsam. hat, hat er auch mit Affen und anderen Tieren gemein. Der grundsäbliche Gegeniak zu den Merkmalen würde also die Gegenüberstellung Nordischer Mensch Tier ergeben, so daß der nichtnordische Mensch zur Tierwelt mit ihrer Gesamtheit der nichtnordischen Merkmale rechnen würde, in Anbetracht seiner Zwischenstellung der Mehrheit seiner Merkmale eben nur als Untermenich angesprochen werden könnte. Somit können wir das rassenkundliche Grundgesek auf stellen: Es gibt kein körperliches und seelisches Merkmal, das einen Begriff Menschheit im Unterschiede zu den Tieren rechtfertigen würde, sondern nur Unterschiede zwischen dem Nordischen Menschen einerseits und dem Tiere überhaupt einschließlich der nichtnordischen Menschen oder Untermenschen als der Uebergangsform." Scheidung von Mischehen In der von Dr. Hans Frank herausgegebenen Zeitschrift Deutsches Recht" vom 10. November berichtet Rechtsanwalt Hans Schulze, Jena, über die Urteile des Reichsgerichts vom 12. Juli 1934 zum Problem der nachträglichen Anfech= tung von Rassenmischehen. Im Hinblick auf die fünftige Gesetzgebung hält er es, wenn man den nur selten eine Anfechtung zulassenden rechtlichen Bedenken des Reichsgerichts folgt, für nötig, den beiden Ehegatten einer vor dem 31. Januar 1933 geschlossenen Mischehe die Möglichkeit zur Auflösung ihrer Ehe im Wege einer Scheidungsflage zu geben. In diesem Zusammenhang heißt es in den Ausführungen abschließend: dem in einer Rassenmischehe lebenden arischen Ghegatten bleibt heute wenn er nunmehr rassisch verantwortungsbewußt handeln will kaum etwas anderes übrig, als finderlos zu bleiben. Tut er das nicht, dann hilft er, an der raifischen Zerstörung seines Vorfes mitarbeiten. Denn nur er selbit, nicht seine Kinder, find rasiereine Volksgenossen. Seine Kinder werden artfremde Mischlinge, minderen Rechts. Auch dem anderen Ehegatten kann eine solche Aussicht für die gemeinsame Nachfommenschaft nicht gleichgültig sein. Der Rassengegensatz der Eheleute fann infolgedeffen einen solchen Grad erreichen. daß die eheliche Gemeinschaft awischen den Ebeaatten( insbesondere die Geschlechtsgemeinschaft) im Hinblick auf die Unmöglichfeit rasiereiner Fortpflanzung aufgehoben sein wird und feine Aussicht auf Wiederherstellung dieser Gemeinschaft besteht." Die Polizeidirektion in Raiserslautern hat zur Bekämp= fung des wiederauflebenden sogenannten„ Eckenstehens" in den Hauptverkehrsstraßen der Stadt eine Razzia durchgeführt. Im Zuge dieser Aktion wurden 18 Personen vorübergehend in Schußhaft genommen und zur Arbeitsleistung herangezogen; die Polizeidirektion will diese„ Eckenstehertonvente" weiterhin mit allen Mitteln bekämpfen und gegen die Beteiligten mit den strengsten Maßnahmen vorgehen. Das Land der Gerüchte und der Bluturtei e Es heißt in der Verordnung, daß die Oberpräsidenten befugt sind, sich nicht nur von sämtlichen Reichs- und Landesbehörden sowie von den Dienststellen der unter Reichs- und Landesaufsicht stehenden öffentlich- rechtlichen Körperschaften innerhalb der Provinzen unterrichten zu lassen, sondern daß sie diese Stellen auch auf die maßgebenden Gesichtspunkte und die danach erforderlichen Maßnahmen aufmerf= sam zu machen haben, sowie vor allem, daß sie bei zu erwar= tender Gefahr einstweilige Anordnungen zu treffen haben.(!) Die Reichsminister fönnen bei Durchführung von Reichsaufgaben die preußischen Oberpräsidenten und Regierungspräsidenten unbeschadet der Dienstaufsicht des Reichs- und preußischen Innenministers unmittelbar mit Weisungen versehen. Freude für Streicher In der„ Fränkischen Tageszeitung"( 30. 11.) Iesen wir: Nürnbergs Hindenburg- Hochschule judenfrei! Wieder ein Erfolg der Aufklärungsarbeit Julius Streichers Vor noch nicht allzu langer Zeit teilten wir mit, daß der Kreisleiter des Kreises. Hersbrud seinem Frankenführer melden konnte, daß der letzte Jude den Kreis verlassen hat. Damit besitzt der Gau Franken den ersten Kreis Deutschlands, der judenfrei ist. Nichts ist natürlicher, als daß der Gau Franken in der Lösung der Judenfrage vorangeht, geht doch von hier aus der„ Stürmer" ins Land, um aufzuklären und zu überzeugen. Gestern erhielt Julius Streicher ein Telegramm folgenden Inhalts: 7 „ Gauleiter Franken, Franfenführer Julius Streicher, Nürnberg. Dessau, 30. Nov. Das zweite Schnellverfahren wegen Beleidigung des Reichsitaithalters in Braunschweig und Anhalt, des Gauleiters 2o eper, sah den erst am Montag in Haft genommenen 80 Jahre alten Kurt Höde aus Dessau vor Gericht. Ihm wurde vorgeworfen, am 19. November in einem Gasthaus beleidigende Aeuße rungen über den Reichsstatthalter getan zu haben. Er gab die Aeußerungen zum Teil zu, versuchte jedoch, sie in der Form abzuschwächen. Außerdem führte er zu seiner Entschuldigung an, daß das Gespräch nur im Kreise von Arbeitsdienstkameraden und Parteigenossen und in der Bierstimmung stattgefunden habe. Die Zengenaussagen standen dem aber entgegen. Der Staatsanwalt beantragte unter scharfer Verurteilung der üblen Gerüchtemacherei und der durch seine Aemter bedingten besonderen Verpflichtung des Angeklagten, zum Schuße des AnVerpflichtung des Angeklagten, zum Schuße des An Politischer Entlassungsgrund sehens der Bewegung und ihrer Träger beizutragen, eine Gefängnisstrafe von einem Jahr, Publikationsbefugnis für das Urteil und sofortige Verhaftung wegen der Höhe der Strafe. Das Urteil lautete auf vier Monate Gefärg= Melde Hindenburg- Hochschule Nürnberg als eine der ersten deutschen Hochschulen judenfrei! Heil Hitler! gez.: Janzen, Gaustudentenbundsführer." Schritt für Schritt gehen wir in Deutschland dank dec Arbeit Julius Streichers der Lösung der Juden= frage entgegen, getragen von der Ueberzeugung, die der Frankenführer mit seinem alten Leitsab immer wieder allen Deutschen ins Gedächtnis ruft:„ Ohne Lösung der Judenfrage feine Erlösung des deutschen Volkes." Oberhausen, 1. Dezember. Die Stadtverwaltung hatte einen Angestellten entlassen, der schon zwölf Jahre bei ihr beschäftigt war. Auf Grund seiner Beschwerde gegen die Kündigung, die im März das Verhalten des Berurteilten sehr scharf, insbesondere, erfolgte, erhielt er vom Regierungspräsidenten die Mitdaß er als Vorgesezter, anstatt dem in Umlauf gesetzten, als völlig haltlos erwiesenen Gerücht entgegenzutreten, im Gegenteil noch für seine Weiterverbreitung gesorgt habe. Das Sondergericht für die Pfalz verurteilte nach einem Bericht der NS3.- Rheiniront fünf Angeklagte, darunter zwei Ehepaare, zu Gefängnisstrafen von einem Jahr drei Monaten bis zu neun Monaten, weil sie tet.& in ihren Wohnungen in Gegenwart anderer Personen, teils in der Wohnung von Bekannten geradezu ungeheuerliche Beleidigungen gegen den Führer und Reichskanzler und Mitglieder der Reichsregierung geäußert hätten. Außerdem waren die beiden Ehepaare beschuldigt, die Hauptzeugin aufgefordert zu haben, aus dem Saargebiet kommunistische Zeitungen einzuschmuggeln. Die Angeklagten bestritten in der Verhandlung ihre Aeußerungen und führten die Anzeige und die Aeußerungen der Hauptzeugin auf einen Nacheaft zurück. Professor Leisegang Sechs Monate Gefängnis Berlin, 3. Dezember. Das thüringische Sondergericht in Weimar verurteilte den an der Friedrich- Schiller- Universität zu Jena tätig gewesenen Ordentlichen Professor der Philosophie, Dr. Johannes Leisegang, zu sechs Monaten Gefängnis, und zwar wegen vorfäßlicher Verbreitung unwahrer Behauptungen unwahrer Art. Professor Leisegang war beschuldigt, aus Anlaß der Uebertragung der Tannenbergtrauerfeier am 7. August auf dem Marktplatz in Jena, wohin er als Stahlhelmer marschiert war, abfällige Aeußerungen über den„ Führer" und dessen Rede gemacht zu haben. So soll er unter anderm gesagt haben, die Rede Hitlers sei doch nur eine Wahlrede, wie er sich auch darüber aufgehalten habe, daß ein Gefreiter die Trauerrede für einen Generalfeldmarschall halte. Nach einem Bericht des„ Berliner Tageblatts" bestritt der Angeklagte, die letzte Aeußerung in dieser Form getan zu haben. Er habe im Gegenteil gesagt, daß der Generalfeldmarschall es sich nicht hätte träumen lassen, daß die Grabrede für ihn von einem schlichten Gefreiten gehalten würde. Die Aeußerung hinsichtlich der Wahlrede hingegen gibt Leisegang zu. Der Staatsanwalt hatte ein Jahr sechs Monate Gefängnis beantragt. Die Anzeige gegen Profesor Leisegang war erfolgt auf Grund einer dienstlichen Meldung, die ein Stahlhelmnt ann erstattet hatte. Professor Leisegang wurde sofort in Haft genommen. teilung, daß seine Entlassung wegen gehässiger Aeußerungen über die NSDAP. und deren Führer vor der nationalen Erhebung erfolgt sei. Nach Klärung einiger Mißverständnisse über die Zu= ständigkeit wurde das Arbeitsgericht mit der Sache befaßt. Der Kläger war der Meinung, seine Entlassung sei deshalb erfolgt, weil er sich vor der nationalen Erhebung die in den damaligen Parteifämpfen von nichtnationalfozialistischer Seite manchmal vertretene Meinung, der Nationalsozialismus und sein Führer gefährdeten die Religion, zu eigen gemacht und auch verteten habe. Der Vertreter der Stadtverwaltung wies darauf hin, daß nicht allein dieser Umstand, sondern allgemein die gehässige Haltung gegen den Führer der Grund zur Entlassung gewesen sei. Das Gericht fam zu einer Berurteilung der Stadt, die dem Kläger einen Geldbetrag zahlen muß. Es wurde festgestellt, daß das Dienstverhältnis zwischen Kläger und Stadt fortbesteht. In der Urteilsbegründung wurde hervorgehoben, das Gericht habe zu prüfen gehabt, ob die Entlassung aus einem wichtigen Grund erfolgt jei(§ 70 HGB.), und es habe diese Frage verneinen müssen. Eine politische Unzuverlässigkeit durch die Worte des Klägers vor der nationalen Erhebung sei nicht ge= geben, zumal der Führer betont habe, daß er einen Strich unter die Vergangenheit ziehe und jedem die Hand gebe. der am Aufbau des nationalen Staates mitarbeite. Noch zehn Prozent Die jüdischen Rechtsanwälte in Deutschland Nachdem im Juli dieses Jahres die Zahlen über die Auswirkungen des Gesetzes über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft vom 7. April 1933 für das Land Preußen ver öffentlicht worden sind, gibt die" Juristische Wochen schrift" nunmehr eine Aufstellung über die Zahl der ge= samten Anwälte am Ende des Jahres 1983. Danach waren Ende des Jahres 1933 18 053 Rechtsanwälte in Deutschland zugelassen: 2900 davon waren Nichtarier. Die Zahl der Nichtarier war in den einzelnen Oberlandesgerichtsbezirken verschieden. Durchschnittlich betrug sie etwas mehr als 10 Prozent. In Berlin waren von 2849 Rechtsanwälten 1178 Nichtarier. Am geringsten waren die Nichtarier im Oberlandesgerichtsbezirk Rostock mit 3 von 228 Anwälten vertreten Auch in Dresden waren von 1725 Anivälten n 76 nichtarisch. Beim Reichsgericht in Leipzia befanden si am Stichtag unter den 24 Mitaliedern der Anwaltskamme 2 Nichtarier. Das Land des Grauens Bericht eines Pariser Advokaten Die Internationale Juristische Vereini gung erfährt von dem Pariser Rechtsanwalt Rozelaar, der sich in ihrem Auftrag nach Berlin begeben hatte, folgende Einzelheiten über das Verfahren vor dem Volksgericht: Das Gericht besteht aus zwei Berufsrichtern und drei hohen Funktionären der SA. und S. in voller Uniform. Cieben Anwälte verteidigten" die 25 angeklagten Mitglieder der SA P. die wegen Hochverrats angeflagt waren. Reiner der Anwälte, unter ihnen auch einige Wahlverteidiger, wagte je einen Vorstoß oder erwiderte auch nur auf die zahlreichen Angriffe durch den Staatsanwalt. Sie schwiegen, wenn ihren Mandaten das Wort abgeschnitten wurde; sie schwiegen auch als am zweiten Tag der Staatsanwalt den Ausichluß der Oeffentlichkeit beantragte. Als Rechtsanwalt Rozelaar sich am Schluß der Sitzung seinen deutschen Kolle= gen vorstellen wollte wagte feiner von ihnen, ein Wort mit ihm zu sprechen oder gar ihm die Hand zu reichen. Die Verhandlung war zunächst„ öffentlich", das heißt einige Familienangehörige der Angeklagten waren, mit einer Legitimation vom Justizministerium versehen, anwesend. Sonst kein Mensch! Insbesondere kein einziger Vertreter der inländischen oder ausländischen Presse! Der Vorsitzende empfing den Pariser Anwalt höflich und ge= stattete ihm, der Verhandlung beizuwohnen, da das Gericht nichts zu verbergen habe". Die Angeklagten werden zur Sache vernommen. Der Vorfitzende hielt ihnen ihre früheren Geständnisse vor. Und im Bewußtsein der Anwesenheit des französischen Anwalts, des Repräsentanten des Auslands. sprachen die Angeklagten, einer nach dem andern, sprachen von den unsäglichen Folterungen, denen sie ausgeliefert gewesen waren, und wider: riefen ihre mit Hilfe dieser Folterungen erpresten Geständnisse. Der Vorsitzende geriet in heftige Verlegenheit. Mit einem eiligen„ das stimmt ja nicht", suchte er die Enthüllung der Wahrheit zu hindern. Der nächste Tag sollte die Vernehmung der beiden Belastungszeugen bringen, von denen einer ein Kriminalkommissar ist. Aber das Gericht, das tags zuvor jo stolz er klärt hatte, es habe nichts zu verbergen, war sich dessen be= wußt, wie fümmerlich die Beweise" gegen die Angeklagten maren, nie leicht diese sie hätten widerlegen können. Das durfte nicht in die Oeffentlichkeit vor allem nicht ins Ausland dringen! Auf Antrag des Staatsanwalts wurde die Oeffentlichkeit ausgeschlossen! Deutlicher kann man freilich die Anfechtbarkeit des Verfahrens, die Unhaltbarkeit der Urteilssprüche, das ganze parteiische Verfahren dieses Gerichtshofs nicht zugestehen. Beschlüsse zur Durchführung des Boykotts London, den 2. Dezember 1934. Im Rahmen der gegenwärtig in London tagenden Internationalen Unparteiischen Konferenz für Boykott der Waren Boykottbrecher; solche sollen sich vor gesellschaftlichen Ge richten zu verantworten haben. Eine schwarze Liste" soll regelmäßig die Namen der unverbesserlichen Boykottbrecher der Oeffentlichkeit mitteilen. Jüdische Bonkottbrecher sollen ein Mandat als Abgeordnete, als Stadträte oder als Mitglieder einer jüdischen Gemeinderepräsentanz nicht befleiden dürfen, auch sollen ihnen die Ehrenämter in den Synagogen entzogen werden. Berufsvereinigungen, wirtschaftliche, soziale, humanitäre und wissenschaftliche Institutionen sollen verpflichtet werden, Boyfottbrecher auszuschließen. Alle auf den Boykott Bezug habenden Materialien sollen in einem Archiv vereinigt werden. In der zweiten Sitzung beschloß die jüdische Seftion, mit den unparteiischen Boykottorganisationen in der ganzen Welt zusammenzuarbeiten und sich der zu schaffenden zentralen Boykottleituna zu unterstellen. Der Sekretär des Londoner Gewerkschaftsrates A. M. Wall hielt eine Ansprache an die jüdischen Delegierten und ver= sicherte sie der Sympathie und der Mitarbeit seiner Organisation. Nur durch die organisierte Macht des Volkes, sagte er, werden wir die Regieruna Deutschlands dazu bringen, in ihrem Zerstörungswerk inne zuhalten. Die englische Gewerfschaftsbewegung wird in diesem Kampf eine bedeutsame Rolle spielen. Wir alle, Juden und Nichtjuden, müssen zusammenstehen gegen die menschenfeindlichen Taten des heutigen Deutschland. as Kulturniveau in USSR. In einem Bericht zu den gegenwärtig stattfindenden Wahlen teilt der Zentralrat der Sowjetgewerkschaften mit, daß die Ausgaben der Gewerkschaften für Kulturarbeit von 245 Millionen Rubel 1931 auf 609 Millionen 1934 gestiegen sind. In den wichtigsten Industriezentren wurden während der Teßten 3 Jahre 22 große Klubs und Kultur= paläste erbaut. In verschiedenen Industriezentren wurden Parks für Kultur und Erholung errichtet, wie in Stalinograd, Kadijewki, Prokopiewsk usw Das Netz der Gewerkschaftsbibliotheken ist auf 15 000 gewachsen und bedient 5 Millionen Lejer. Der gesamte Bücherfonds beträgt 33 Millionen Bücher. Die Zahl der Studierenden an Hochschulen ist von 272 000 im Jahre 1931 auf 420 000 1934 gestiegen. Die Bewegung für die Ablegung gesellschaftlicher, technischer Prüfungen entfaltet sich breit und ist zu einer neuen Art des sozialistischen Wettbewerbs geworden. In den Gewerkschaftsklubs wurden hunderttausende technische Zirkel geschaffen, in denen 2 766 000 Arbeiter und Arbeiterinnen sich die Technik zu eigen machen. In gesellschaftlichen, politischen, allgemeinbildenden sowie Kunst- und Militärzirfelu lernen 6 497 000 Personen sowohl jugendliche als ältere Arbeiter. Die Ausgaben der Gewerf= schaften für Körperkulturzwecke sind von 16 Millionen 1931 auf 48 Millionen 1934 gestiegen. Während die sozialistische Sowjetheimat erstarft, wächst und aufblüht, wütet jenseits der Sowjetgrenzen, wo das Sapital herrscht, die Wirtschaftstrije, die den allgemeinen Verfall und die Zersetzung des Kapitalismus widerspiegelt. Hitler- Deutschlands wurden drei Ausschüsse gewählt, die die Pariser Berichte Fragen der Boykottstatistik, der Ermittlung neuer Bezugsquellen zum Ersatz der vom Handel ausgeschlossenen deutschen Waren, der Propaganda und Information zu behandeln haben. Untermyer unterbreitete die Richtlinien für Organisierung einer Weltkörperschaft zur Leitung der Boykottbewegung. Die polnische Delegation unterbreitete Vorschläge über Ausübung eines moralischen Drucks auf Die Association des Emigrés Israélités d'Allemagne en France in Paris gab im Rahmen ihrer allwöchentlichen Mittwochveranstaltungen kürzlich ein Konzert. Die zahlreich erschienenen Zuhörer spendeten der ausgezeichneten Solistin der Pasdeloup- Konzerte, der Violinistin Tina Manteuffel reichen Beifall. Die junge Künstlerin, die eine vollendete Technik mit großem Ausdrucksvermögen verbindet, brachte u. a. neben Werken von Bach und Beethoven Paganini den atemlos Lauschenden zu Gehör: Der italienische Bariton Roberto Spiombi erfreute das Publikum durch seinen weichen, iunigen Vortrag italienischer Lieder, u. a. das beliebte Caro mio ben". Der die beiden Künstler begleitende Pianist Karl Elsky erntete nicht nur reichen Beifall wegen der meisterhaften Art seiner Begleitung, sondern das Publikum hatte auch Gelegenheit, ihm lebhaftesten Beifall zu spenden, als er sein großes musikalisches Können beim Vortrag einer von ihm komponierten Suite jüdischer Melodien zeigte. Zwei große Chanukkah-( Makkabäer) Feiern finden ain Mittwoch, dem 5. Dezember, in Paris statt. Die, Association des Emigrés Israélites d'Allemagne en France veranstaltet nachmittags um 3.30 Uhr im Festsaal Avenue Hoche Nummer 15 ein Kinderfest, bei dem etwa 100 Kinder festlich bewirtet und beschenkt werden. Außerdem werden Kinderfilme vorgeführt und ein Kasperle- Theater wird sicher bei den Kleinen und Kleinsten helle Freude erwecken. Der Pianist Karl Elsky wird Kinderlieder spielen. I. M. Blaustein wird mit jüdisch- humoristischen Vorträgen jung und alt zum Lachen bringen. Bei Tanz und Spiel werden die Stunden vergehen. Jedermann, groß und klein, ist als Gast willkommen Eintritt frei leider aber können nur die Kinder beschert werden, deren Anmeldung rechtzeitig erfolgt ist und die besondere Eintrittskarten erhalten haben. Im gleichen Saal findet dann abends um 8 Uhr eine Feier für die Erwachsenen statt. Hier ist vor allem an die reife Jugend gedacht, die bei den Klängen einer Jazzkapelle fleißig das Tanzbein schwingen soll. Ein buntes Kabarettprogramm sorgt für Abwechslung; freudige Ueberraschungen sind geplant. Eintritt frei. Gäste willkommen. Deutscher Klub Am Dienstag, 4. Dezember, 21 Uhr, spricht Dr. Kurt London, Mitarbeiter Schweizer Zeitungen, über Franzö sische, englische und deutsche Filme( Schauspiel- und Regiekunst) der Gegenwart. Der Wettkampf um die Führung Die deutsche Filmemigration in Paris". Gäste willkom men, Eintritt für Mitglieder frei, für Gäste 2 Franken. Die Adresse des Deutschen Klubs lautet: Salons Le Péristyle, 31 bis, Rue Vivienne, Paris 2°( Métro: Bourse).. Beteiligung Tüchtigem Geschäftsmann( Emigrant) 1st Gelegenheit geboten sich an seriösem Geschä t in großer Stadt der Schweiz zu beteiligen.( Große Gewinnchance). Offerten unter E.B. an die Expedition der ,, Deutschen Freiheit Saarbrücken Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pig in Tude weiler; für Inserate: Otto Rubn in Caerbrüden. Rotationsdrud und Verlag: Verlag der Volfsstimme GmbH., Saarbrüden 3, Schüßenstraße 5.- Schließfach 776 Saarbrüden. Es kommen zu Wort: Der Großẞindustrielle Hermann Röchling. Der Führer der Deutschen Front, Pirro. Der Pfarrer Wilhelm. Der Vorsitzende der Handwerkskammer, Schmelzer. Gräfin von Roedern. Der Propagandaleiter der Deutschen Front, Peter Kiefer. Minister Zoricic. Drouard, Vorsitzender der französisch- saarländischen Handelskammer. Raspail, Direktor der Mines Domaniales. Dr. Velleman, Generalsekretär der Abstimmungskommission. Exzellenz Galli, Vorsitzender des Obersten Abstimmungsgerichtes. Dr. Martiner, GeneralAdvokat beim Obersten Abstimmungsgericht. Landgerichtsdirektor Steinfels. Johannes Hoffmann, Führer der katholischen Front. Max Braun, Vorsitzender der Sozialdemokraten. Fritz Pfordt und Philipp Daub, führende Funktionäre der Kommunisten. Julius Schwarz, Vorsitzender des Bergarbeiterverbandes. Arbeiter und Bauern, Geistliche und Handwerker, Hausfrauen und Schulkinder, Kaufleute und Lehrer. Inhaltsangabe: Mitten in Europa 1934. Deutsch sein. Hitler vor den Toren. Hier regiert der Völkerbund. Die toten Seelen. Kommt die Wirtschaftskatastrophe? Gleichschaltung der Sklaverei?. Die Front der Schwankenden Die katholische Fronde. Die Einheitsfront. Das andere Deutschland. Ein Würfel fällt an der Saar 4 • Die Wahrheit über die Saar! Das Reportagebuch für jedermann! 180 Seiten, zweifarbiger Umschlag, bessere Ausgabe Fr. 12,-( Sfr. 2,40), billige Volksausgabe Fr. 6,-( Sfr. 1,20). RING- VERLAG AG., ZÜRICH Zu beziehen in allen Buchhandlungen oder bei der Buchhandlung der Volksstimme G. m. b. H. Saarbrücken 2, Trierer Straße 24 Postscheckkonto Saarbrücken 619. HIER SPRICHT Dr. Hans Neikes Hermann Röchling Jakob Pirro Pfarrer Wilhelm Peter Kiefer Wilhelm Schmelzer Pfarrer Nold DIE SAAR lens SAARGEN VOLKS ABSTIM 19 SUFE RUB SN Ein Land wird interviewt von THEODOR BALK Minister Zoricic Exzellenz Galli Di Martina Direktor Raspail Dr. Velleman Johann Hoffmann Max Braun Fritz Plordt Philipp Daub Julius Schwarz Bergarbeiter Hausfrauen Hüffenarbeiter Landwirte Geistliche Schulkinder und viele andere