i i LZnzige unabhängige TageszeSiung Vsuischiands !^ktarhrüchen, Kreits», den 7. Oezemher 1334^ Chefredakteur: M. B r a u n Dez J&iscfuxf. uan Speise an die„Deutsche Jxeitieii" Seile 3 Die Scannen Jxidmefel- Jlddagagen Das£and det QeciiMe Seile 4 Seite 7 Die große Wende im Saarhampl Ein Volkerbundsheer— Demokratische Freiheiten im Status quo— Die Möglichkeit einer späteren Rückgliederung offen: mit oder ohne zweite Abstimmung 1 Genf, den 6. Dezember 1934. «an* überraschend hat der VölkerbundSrat noch am .Mittwochabend zur Saarsrage eine hochpolitische Debatte gehabt. die zusammen mit dem Inhalt des Berichtes des Tretet-Ausschusses weittragender sind als wahrscheinlich die Agitation sowohl der Gruppen für wie gegen de» Status quo erwartet haben. Das Aufsehen, das diese Beschlüsse er- regen, ist denn auch hier sehr grob, und man hält es fiti wahrscheinlich, dasi das Ereignis vo» Gens eine weitgehende Veränderung der politischen Fronten an der«aar z n- g u n st e n des Status quo und des Gefühls einer freien A b st i m m u n g bewirken werden. Man konnte hören, die hier weilenden Delegationen und Presse- Vertreter der„deutschen Front" seien ziemlich verblüfft ge- Wesen, weil sie derartige Beschlüsse nicht erwartet hatten. Ter Bölkerbündsrat fordert internationale Ab- st i m m u n g s t r u p p e n für das S a a r g c b i c t. Der Dreier-Ausschuß st a b i l i s i e r t im Falle dcS Status quo die Souveränität des Völker- bundcs über das Saarterritorium und gesteht in einet iveitgefastten völkerrechtlichen Klausel die Möglichkeit der !kt ii ck k e h r des s a a r g e b i e t c s n a dT D c u t f ch I ö ii& mit oder ohne zweite Abstimmung zu. International« Truppenkontingente Tie Sicherheitsirage an der Saar präzisierte der Präsident der Regierungskommission Knox wie folgt: „Die Regicrungskommission hat in ihren letzten Bc- richten an den Bölkerbündsrat dargelegt, das, im Saar- gebiet noch Elemente der Unordnung bestehe». Im März dieses Jahres hatte die Regierungskommissiv» bereits den Rat gebeten, ihr internationale T r n p- pen zur Verfügung zu stellen. Der Rat hat damals die- fem Antrag nicht stattgeben können. Die Regiernngs- kommisfion stellt mit Befriedigung fest, dast sich die Ansicht des Rates jetzt geändert hat. Sic hofft zwar aufrichtig, dah die Ordnung im Saargcbict nicht gestört werde. Aber sie kann angesichts der ihr zur Verfügung stehende» Mit- tel dem Rat nicht die Zusicherung g c bc n, das, sie dieRuhc und Ordnung stets zn garan- tierc» imstande fei. Wenn man ihr dagege» inter- nationale Streitkräfte zur Verfügung stellt, so ist die Kommission sicher, das, die Ordnung aufrechterhalten wird und dast die Abstimmung sowie d i e daraus- folgende schwierige Periode in einer friedlichen Atmosphäre verlausen wird. Diese Erklärung, die den Charakter eines Notrufes trägt, ist durch eine Anfrage des russischen Delegierten Sit- w j n o w veranlastt worden. Voraus ging eine nicht minder bedeutsame Aussprache, die der französische Austenminifter Laval einleitete. Er unterbreitete dem Rat den Bor- schlag, noch vor der Abstimung ein internationales Truppenkontingent an die Saar zu entsenden— vorbehaltlich der Zustimmung Deuaschlands. Lnpal fügte hinzu,.Frankreich wolle vor Deutschland und der übrigen Welt beweisen, das, es keinen Hintergedanken habe und werde deshalb an der Ausstellung einer internationalen Streitmacht nicht teilnehmen. Für England erklärte der Lordsiegelbcwahrer Eden sein Einverständnis zu dsm Lovalschen Vorschlag. Das Saargebiet könne nicht aus seine eigene Polizei rechnen. In der Nähe der Saargrenze seien zwar Truppen vor- Händen, die in dringende» Fällen sofort zu Hilfe gerufen werben können. Abc reS wäre besser, wenn man mit Z u- st i m m u n g des Rates, Frankreichs und Deutschlands Mab nahmen a r c f f c um allen Unruhen vorzubeugen, und wenn man zn diesem Zweck unter der Verantwortung des Rates eine internationale Streitmacht ins Saargebiet sende, in der keine fran- zösischen und deutschen Elemente vertreten sind. Wenn der Rat einen derartigen Beschlust fastt und England zur Mit- arbeit ausfordert, würde es mit Zustimmung Frankreichs und Deutschlands bereit sein, ein Kontingent für diese Streitmacht zu stellen. Baron Alois! nahm im Austrage Italiens denselben Standpunkt ein und erklärte die Bereitschaft Italiens zur Entsendung eines Truppenkontingents. B e n e s ch als Delegierter der Tschechoslowakei er- klärte, sein Land betrachte die Taarsrage als eine äußerst wichtige Frage für den Frieden Europas. Seine Regierung werde sich einer vom Rat diktierten Pflicht nicht entziehen und sicherlich bereit sein, unter den gleichen Bedingungen, die Eden angegeben habe, Truppen zu stellen. In seiner Eigenschaft als R a t s p r ä s i d e n t fügte Bcnesch hinzu, das, sich der Appell L a v a l s nicht nur an die Ratsmitglieder, sondern an alle Völkerbunds- st a a t e n wende, die er darüber unterrichten werde. L i t in i» o lu lies, die Frage der Zustimmung der russischen Regierung offen. Der Treierausschust wird nun die deutsche ReichSrcgicrung um die Zustimmung zu dem Beschlust des Völkerbundsrates bitten. Diese diplomatiscyq Geste an das dem Völkerbund fern bleibende Deutsche Reich seht dessen Regierung in einige Verlegenheit. Wahrscheinlich wird sich die Rcichsrcgierung mit einer platonischen Erklärung, die Ordnung und Sicher- heit seien durch die einheimischen Polizeikräfte hinreichend ge- schützt, aus der Affäre ziehen, eine Erklärung, die einen aus- drücklichen Protest gegen den Beschluß des Rates vermeidet. Demokratie an der Saar Ter am Mittwochabend urteilte Bericht des Dreier- a u s s ch n s s e s bringt zunächst die völkerrechtliche Tesin-- tion des Status quo: „Es ist somit festgestellt dast im t^alle eines Beschlusses des Völkerbundes zugunsten des Status quo das gegen- wältige Regime des. Saargebietes die notwendigen Aendcrungen erhalten kann und muß, um es in ein Regime unter der Souveränität des Völkerbundes umzuwandeln. Der Völkerbund wird infolgedessen die Möglichkeit haben, in den im Friedensvertrag festgesetzten Grenzen das gegenwärtige Regime so zu ändern, wie er es im Interesse der Saar- bevölkern ng und im Allgcnicinintercsse für nützlich hält. Damit ist festgestellt, dast es sich nicht, wie die Agitation der„deutschen Front" behauptet, um eine französische, sondern um die Vökkcrbundslösung handelt, der eindeutig seine Souveränität stabilisiert. Er hat damit nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht übernommen, den Saarländern die demokratischen Rechte zn geben, aus denen die Prinzipien des Völkerbundes beruhen. Nicht Franzosen, sondern Saardeutsche Zur Frage der Nationalität werden Bestimmungen vorgesehen, die eine saardeutsche Staatsbürgerschaft bringen. Die Stelle des Berichtes lautet darüber wörtlich wie folgt: „Wenn ans Grund'des Ratsbeschlusics das Gebiet unter die Souveränität des Völkerbundes gesetzt wird, würde die Einführung der saarländischen Nationalität er- forderlich sein. Im Falle der Aenderung der territoriale» Souveränität sollen alle Personen deutscher Nationalität, die im Saargebiet am Tage des Beschlusses des Völkerbunds- rates oder die im gleichen Tage das Wohnrecht im Sinne des Beschlusses der Regierungskommission vom 155. Juni 1921, besitzen, die saarländi sche V ol l bürgerschaft erwerben. Was die Einwohner de» Saargcbietcs anbetrifft, die eine andere als die deutsche Nationalität besitzen, so wäre es nicht gerechtfertigt, ihnen die saarländische Vollbürgcr- schast zu bewilligen. Es wäre erforderlich, den Einwohnern, die die saarländische Vollbürgerschaft erwerben können, das Optionsrecht für die deutsche N a t i o na l'i t ä t z u g e w ä h r e n. Wie schon gesagt worden ist, wird die saarländische Voll- bürgerschast unter Vorbehalt des OptionSrcchts für die deutsche Nationalität nur den Einwohnern deutscher Ratio- nalität gewährt. Die übrigen Einwohner be- halten ihr cNatio nalität bei. Die Frage muß jedoch aufgeworfen werden, ob eS angebracht sei, diesen Einwohnern das Optionsrecht für die saarländische Nationalität zu gewähren. Es muß da ei daran erinnert werden, dast. gemäß dem Vertrag, das Wahlrecht bei der Volksabstimmung allen Personen gewährt ist, die am Tage der Unter- zeichnung des Friedensvertrages im Saargebiet gewohnt haben, ohne Unter schied der Nationalität. (Fortsetzung siehe nächste Seite!). neiaizlsSzvranaaokumenle edif Von der Reichsregierung zugestanden— Ein Brief von Ernst an Heines Die Reichsregierung hat angeordnet, daß das Pariser „Journal" mit den Enthüllungen über den Reichstagsbrand sofort zu beschlagna h m e n ist. Das ist die klarste Bestätigung der Echtheit der Dokumente. Handelte es sich um Kombinationen, so hätte die Reichsregierung deren Verbreitung nicht zu fürchten, sondern könnte sie leicht und durchschlagend widerlegen. Kein: die Göring, Goebbels und Konsorten fühlen sich der Urheberschaft am Reichstagsbrand und der Beseitigung ihrer Mitwisser und Mitschuldigen durch Mord über- f ii h r t und versuchen daher, sich durch das Ve rbot der Wahrheit zu schützen. Das wird ihnen aber nicht gelingen. Die Veröffentlichungen des .Journal'' werden ebenso ihren Weg in das lefjte deutsche Dorf finden, wie seinerzeit der von uns gebrachte Brief des SA.-Mannes Kyuse. Ein Dementi aus Berlin fehlt noch. Auch die gleichgeschaltete Presse des Saargebietes hat die Sprache noch nicht wiedergefunden. Mit einer Ausnahme. Eine üble Sensationszeitung„Abendblatt" stoppelt ein Dementi aus eigener Kunst zusammen. Es ist denn auch danach. Da wird, um Widersprüche zu konstruieren, behauptet, der SA.-Mann Kruse habe den SA.-Führer Ernst nicht genannt. Das Gegenteil ist wahr. Auch Kruse bezeichnet den Ernst als einen der Beteiligten. Ferner heißt es:„Zur Zeit des Reichstagsbrandes spielte Ernst innerhalb der Parteiorganisation nur eine untergeordnete Rolle." Wahr ist demgegenüber, daß Ernst, selbst sich im Reichstagshandbuch der VII. Wahlperiode von 1932 auf Seite 257 bezeichnet hat als f ,SA.-0 her führer der Untergruppe Berlin-Ost". Mithin eines großen Stadtteils, der mehr Einwohner zählt als das ganze Saargebiet. An anderer Stelle seiner Selbstbiographic schreibt er„Seit 1. April 1931 wieder SA.-Führer in B e r l i n." So. sieht also die untergeordnete Rolle des Ernst aus, der überdies doch auch Mitglied des Reichstags war. Mit welchen lächerlichen Lügen sucht man, die Wahrheit abzuschwächen! Uebrigens sind ja auch die faksimilierten Unterschriften des Ernst veröffentlicht worden. Der sozialdemokratische Senator Branling in Schweden kündigt nun sein ,.W e i ß b u c h über die Erschießungen des 30. Juni" an. Darin ist unter anderem ein Brief des Ernst an seinen Busenfreund E d m und II eines enthalten. Wir drucken das Schriftstück nachstehend ab. Die Sprache ist so echt, wie sie nur ein Hitlersöldnerführer einem gleich- gearteten Kumpanen schreiben kann. Der Brief, den Emst an seinen Freund Heines geschrieben hat, ist am 5. Juni datiert, zwei Tage nach der Abfassung seiner Beichte über den Reichstagsbrand und hat folgenden Wortlaut: Lieber E., der Chef ist endlich bei ihm gewesen! Lange Aussprache. Der Chef erzählte mir, es ging bis in die Morgenstunde. Er hat wie oft bei solchen Gelegenheiten geheult und den Chef beschworen, ihm doch zu glauben, dast er hundertmal lieber ihn an der Spitze eine»- vereinten Armee sehen würde, als einen alten Knacker aus dem Nendccker A l t c r s v c r e i n. Aber es ginge nicht. Allgemeine Schmie- rigleiteo, dann Rücksicht auf das Ausland, Zusammenkunft in Venedig und ähnlichen Quatsch. Kurz und gut, Du wirst ja den Chef bald treffen und ausführliches von ihm hören. Das Ende vom Lied war gegenseitiges Versprechen, nichts zu unternehmen, abzuwarten, bis der alte Herr abkratzt. Dann wird man sehen. Da« heißt aber für uns jetzt losarbeiten. Denn es ist arschklar, wenn wir warten, bis es diesem hinter- hinterhältigen Aegqpter gelungen ist, den Lah» mcn mit dem Kleiderständer gegen uns zusammen- zubringen, gehen wir vor die Hunde. Wir müsicn handeln und diesen Kerlen zuvorkommen! Der Hermann geht oufo Ganze. Unb wenn er anch den Lahme» nicht riechen kann, gegen und geht er sogar mit dem Schwarzen! Wir müssen ihnen ein Fenorchen anzünden, daß sie m i t dem Arsch hochgehe»! Ich persönlich muh den Loh- mc ii bekommen. Schade, das« mir R. damals in den Arm gesallc» ist, als ich ih» auf den Schädel hauen wollte für seine dreckigen Anspielungen wegen meiner Seirat. Der Lahme kann die tollsten Dinge drehen. Der Ehes hat sein wichtiges Material bereits an s ich c r e r Stell e. Ich habe nach der Unterredung mit ihm die Erklärung über die Febrnargeschichte unterschriebe», die M. nach meinen Angaben geschrieben hat. Es ist in sicherer Sand. Wen» mir das geringste passiert, platz da» Ding, ftch schicke Dir beiliegend aus ajsc Fälle eine unterzeichnete Kopie. Scb sie gut aus. Du solltest auch Deine Sache» irgendwo sicherstellen. Lies Dir das Ding mal durch. Es ist das S t ä r k st e, was wir haben, wenn alle Stränge reisten. Aber diesmal mustt Du bis zuletzt mitmachen. Ich habe da schon so einen P l a u, gegen den die D i n g e r vom Lahmen nichts sind. Abc» Du darfst nicht wieder los- fahren, bevor die Sache richtig knallt. Die Hauptsache i st. d e n L a h m e„ zu treffen. Das ist meine Mei- nung— während der Ehes nur ein Ziel hat, dem Her- mann mit d e r ll n i s o r ni auch d i e H a u t a b z u- ziehen. Man kann beides haben. Aber die erste Massnahme ist, die beiden von ihm zu trennen. Ihn müssen wir haben, er must mit uns geht«, dann ist die Geschichte schon richtig. Ucber meinen Plan wird Dir Fi. Näheres flüstern. Du kannst Dich blind aus ihn verlassen. Schade, dast ich nicht dabei bin, wenn Ihr die Sache begicstt. Ich bin mit allem, was der Ehes sagte und was Du bald hören wirst, einver- standen, aber den Lahme« schmore ich, das ver- wehrt mir keiner, nachdem er seine Prügel bekomme« hat. Dast der Hund mich damals in die Geschichte hetzte und hinterher noch auszog, das vergesse ich nicht. Räume Deine Rüde aus. Unser Freund aus der Albrecht- straste erzählte mir, dast der Schwarze demnächst bei ver- schiedene» von uns nachsehen lasse» will. Bei mir kann er ja, ich leg ihm eine schöne U e b c r r a s ch u n g hin. Wachs gut, alter Junge. Dein Karlos. * Erläuterungen: Ehes= Ttabskef Röfnn; Er— Hitler; Aegypter= Stellvertreter Heb, weil in Aegypten geboren; Der Lahme= Goebbels; Kleiderständer= Göring; D e r Schwarze— Rcichsführcr der SS. Himm- ler; R.— ebenfalls Rohm; M.= von Mohrenschild: Adjutant von Ernst; Fi.= Oberführer Fiedler. Vertrauter von Ernst; Sch.^ Adjutant von Heines, Schmidt, genannt Fr). Schmidt, Freund aus der Albrcchtstraste^ Freund ans der Gestapo; Marios— Spitzname von Ernst. Nadi Furlwängicr■ Kleiber Da« große Abschiednehmen TaS Beispiel FurtwänglerS, der unter dem braunen Druck alle seine Acmtcr niederlegte, hat anfeuernde Wir- kung. Der nach ihm bekannteste deutsche Dirigent, der noch im„dritten Reich" geblieben war, Erich Kleiber, Hai seinen^Wz,^rer^.Frxundcn mitgeteilt, dgst er seinen Posten als Dirigent der Staatsoper und als Leiter der Berliner Philharmonischen Konzerte niederzulegen beabsichtige. Kleiber hatte in das Programm des zweiten diesjährigen Konzertes der Berliner Philharmonie Igor Stra- winikis„Sacre du Printemps" aufgenommen. Daraufhin setzte ein brauner Sturm gegen ihn ein. Er verstärkte sich, als er zuletzt mit den Berliner Philharmonikern Teile aus der neuen Oper„Lulu" des„Wozzuk"-Komponisten Alban Berg aufzuführen ivagte. Sofort wurde Kleiber als Helfer des kiilturbolschewistischen Musikertums signalisiert. Daraus zieht er jetzt die gleichen Folgerungen wie Furtivängler. Wie lange noch, und die Kulturbiktatoren des braunen Ordens haben die letzten repräsentative« Ge- stalten deutscher Kunst aus dem Lande getrieben. * Der Entschlnst Fortwänglers wurde unmittelbar vera/i- lastt durch einen erneuten scharten Angriff des„B ö l k i- s ch« n Beobachters" vom 2. September. Das offizielle Blatt des Nationalsozialismus stellt sich genau so scharf gegen Furtivängler wie die bekannte Erklärung der„Reichs- kulturkammer". Wörtlich schrieb der„Völkische Beobachter": „Hinter dieser Methode lnämlich Komponisten wie Hlnde- mith zu verteidigen. D. Rcd.i steckt ein bestimmt gerichteter Instinkt, eine bestimmte, mit dem Nationalsozialismus nicht übereinstimmende Anschauung des Lebens, zum Teil aber quch eine ganz bewußte Methode, nun. da die politische Situation nicht geändert werben kann, auf der kulturellen Treppe in die Burgfestnng der NSDAP, zu gelingen. » «chon nennt man einen Nachfolger für Furtivängler. den Direktor der Wiener Staatsoper E l e m e n s K r a u st, mit dessen Rücktritt von der Leitung der Wiener Staatsoper gerechnet wird. Gleichzeitig wirb der Versuch gemacht, Furtivängler für eine längere Wirksgnikeit an der Wiener Staatsoper zu verpflichten. Ferner soll er einige ausserordentliche Konzerte der Wiener Philharmoniker dirigieren Todesstrafen In der Sowjetunion Moskau, 5. Dezember. Das Zentralcrckutivkomitec hat im Zusammenhang mit der Ermordung Kirows folgende Abänderung der gegen- wärtigcn Strafprozessordnung beschlossen: In bezug aus die Untersuchung und Prüfung von Terror- alten gegen Sowjetbeamte wird verfügt, dast diese Unter- suchungcn in einer Frist von längstens IN Tagen beendet sein müssen. Die Anklageschrift must von nun an den Angeklagten einen Tag vor seinem Erscheinen vor Gericht zugestellt werden. Die Untersuchung hat ohne Teilnahme der Ver- tctdigung und des Publikums zu eriolgcn. Kaiiationsbe- gehren und Gnadengesuche werden nicht mehr berücksichtigt. Das Urteil niust, wenn es aus Tod lautet, sofort nach der Gerichtsverhandlung und nach der Verkündung vollstreckt werden. * Der obige Beschluß dcö Zentralkomitees hat bereits seine Anwendung erfahren. Der Oberste Gerichtshof hat bereits in Leningrad und in Moskau gegen Personen verhandelt, die des Hochverrats und terroristischer U-berfüllc beschuldigt wurden Der Oberste Gericktshos hat 87 Personen in Lenin- grab und 2!) Personen in Moskau wegen dieler Verbrechen zum Tode verurteilt. Die Urteile wurden aus Grund der neuen Strafordnung sofort vollstreckt. Die große wende im Saarhampf Fortsetzung von Seite l Rückkehr nach Deutschland offen Die höchste politische Bedeutung für den Saarkamps hat die folgende im Bericht des Trcierausschusscs enthaltene Bc- stimmung: „Aus der Tatsache, dast der Völkerbund im Falle des Status quo der Träger der Souveränität im Taargebiet würde, ergibt sich auch, dast der Völkerbund i» Zu- kunst die Befugnis hat, über diese Souveränität in dem Masse zu verfügen,das mit dcnBc- stimmungcn des Vertrages vereinbar ist und mit den Grundsätzen in Einklang steht, aus deren Basis ihm die Souveränität über das Saargebiet anver- traut waren ist und ausgeübt werden must." Hinter dieser völkerrechtlich schwierigen Formulierung steckt die Erfüllung des von allen Anhängern des Status quo erhobenen Forderung: Möglichkeit der Rückkehr in befreites Deutschland, wenn die Saarbcvölkcrung es wünscht, und sie wird es einmürig fordern. Die Presse der„deutschen Front" an der Saar wird wahrscheinlich eine kurze Frist die Saar- bevölkcrung durch den Hinweis zu täuschen versuchen, es sei nicht ausdrücklich die weite Abstimmung vorgesehen. Die Kommentierung wird sehr bald diesen Schwindel erledigen. Denn der obige Satz enthält viel weite»'gehende Möglichkeiten, als es die Festlegung der zweiten Abstimmung wäre. Er formuliert das Recht des Völkerbundes auch ohne neue Abstimmung das Saargebiet a» Deutschland zurückzugeben. Selbstverständlich im Rahmen des Versaillcr Vertrages, der ja ganz Teutschland auferlegt ist, und die einschränkenden Bestimmungen dieses Vertrages, zum Beispiel über die E«t- Militarisierung des linke» Rheinuscrs würden sinngemäß auch für das später rückgcgliedcrte Saargcbiet gelten. Jedenfalls ist die demagogische Phrase von der„Ewigkeit" des Status quo, die ja schon nach allen geschichtlichen Ersah- rungen Unsiinn ist. für jeden verständigen Menschen erledigt. Die Souveränität des Völkerbundes über die Taardeutschen kann später aufgehoben werden, und der Völkerbund kann nicht das geringste Interesse haben, die Souveränität über ein Gebiet ausrecht zu crhaltenx. wenn es dieses Gebiet nicht mehr will. Dieser Standpunkt wird noch klarer, wenn man sich der wiederholten Erklärungen Lavals in demselben Linne erinnert, die er zweifellos im VölkcrbundSrat noch einmal feierlich formulieren wird. Deutschland stimmt zu? Die Reichsregierung und die internationale Truppe Pariö, den 0. Dezember 1984. (Von unserem Korrespondenten) Der Genier'Sonderberichterstatter des dem französischen Auswärtigen Amt nahestehenden„Petit Parisien" meldet seinem Blatte:„Obwohl man die Ansicht de» Reichsregie- rung noch nicht eingeholt hat, und sie amtlich ihre Stellung noch nicht ausgesprochen hat, habe ich doch gute Gründe, zu der Stunde, da ich diese Zeilen schreibe, also um Mitternacht, zu glauben, dast die Antwort deS Reiches zustimmend lau- ten wird." Schliesslich verbreitet Havas in später Nachtstunde iol- gende Meldung aus Berlin:„In deutschen amtliche« Kreisen billigt man die Erklärung der englischen Regierung, die damit einverstanden ist, eine Polizeitruppe zur Ausrecht- erhaltung der Ordnung an die Saar zu schicken, für den Fall, dast der VölkcrbundSrat es für notwendig erachten würde." Plartiiandcan in lloshau Ausbau des russls» Itzehoe über austenpolitische Fragen ausgelassen und die Unbeliebiheit, der sich die Vertreter des„dritten Reiches" in weitester Ausdehnung erfreue», näher untersucht. Dabei ist es ihm geglückt, den außenpolitischen Stein der Weisen zu finden. Das beweisen seine folgenden Worte: „Wir sind nicht deshalb so unbeliebt, weil wir etwa zu stolz, zu fleißig sind oder zu billig arbeiten, sonder» iv c i l wir eben das tüchtigste'Volk aus der Welt find"(Schleswig Holsteini che Tageszeitung A!9.) Was sollen dazu die fremde» Völker sagen, die dem „dritten Reiche" die„Führer" Hitler, Heß, Rosenberg und Hansstängcl geliefert haben» I ^DEUTSCHLAND äyflHITLEft Was den Saar-Katholiken droht Ein Brief des Bisdiofs von Speyer Berichtigung und Antwort In diesen Tagen erhielten wir diese Zuschrift: Abschrift. Speyer, den 30. Nov. 1034. Nr. Et>'p. 7139 Der Bischof von Tpeyer An die Schriftleitung der„Deutschen Freiheit" Saarbrücken. betreff: Berichtigung Sehr geehrter Herr! In Nr. 231 Ihrer Zeitung vom 5. Oktober l. I. brachten Sie eine Abhandlung mit der Ueberschrift„Katholische Kirche und Saargebiet". Tarin findet sich der Satz:„Der Gauleiter Bürckel, der, obwohl als schlimmster Kirchenstürmer und Geistlichenmalträtierer bekannt, hat von seiner Speyercr bischöflichen Behörde ein Zeugnis für Wohlverhalten gegen die Kirche erhalten und rühmt sich bei jeder Gelegenheit: „Der Bischof von Tpeyer tut nichts gegen uns,- denn beim ersten Wort würde ich ihn wegen gewisser Affären ins Gc- sängnis setzen." Aus meine Anfragen hierüber lieg mir Herr Gauleiter Bürckel mitteilen, dag diese Veröffentlichung„eine so gemeine Lüge und Verleumdung sei, dag man wirklich nicht zumuten kann, daraus eine Antwort zn erteilen." Ich darf daher von Ihnen erwarten, dag Tie in der nächsten Nummer Ihrer Zeitung eine Berichtigung nach 8 11 des Pressegesetzes bringen mit folgendem Wortlaut: „Es ist nicht richtig, dag Gauleiter Bürckel ein Zeugnis über Wohlverhalten gegen die Kirche erhalten hat und da» er sich bei jeder Gelegenheit rühmt:„Der Bischof von Speyer tut nichts gegen uns,- denn beim ersten Wort würde ich ihn wegen gewisser Affären ins Gefängnis setzen." Eine ähnliche Erklärung habe ich auch den Pfarrämtern zugehen lassen. gez. Ludwig, Bischof von Speyer j. Wir haben den Brief des Hochwürdigen Herrn Bischof •>' von Speyer gern abgedruckt, obwohl er die Bedingungen einer Berufung auf das Pressegesetz nicht erfüllt. Nicht der Herr Bischof ist zu einer solchen Berichtigung legi- timiert, sondern allein der Reichskommissar für die Saar und Gauleiter für die Pfalz, Herr Bürckel. Die Antwort, die er dem Bischof von Speyer auf dessen Anfrage gegeben l>at, hat trotz ihrer formalen, uns übrigens ehrenden Grobheit den Charakter einer Flucht vor der Wahrheit. Diese ist vielen Leuten innerhalb und außerhalb der Pfalz nur zu gut bekannt. Vermutlich ist dies der Grund, wes- halb er den geistlichen Oberhirten berichtigen ließ, was zu berichtigen allein sein, Bürckels, Recht gewesen wäre. Dieser Tatbestand nötigt uns noch zu einigen sachlichen Bemerkungen. Der Brief des Bischofs von Speyer be- zieht sich auf einen Aufsatz der„Deutschen Freiheit", der von einer besonders gut unterrichteten katholischen Seite stammte. Darin hat unendlich viel mehr gestanden, als der Bischof in seinem Brief erwähnt. Der Klarheit halber erinnern wir an einige der in dem ermähnten Artikel behandelten Punkte in Gestalt von Fragen: 1. Ist es richtig, dag der Bischof von Tpeyer unter Be- rukung aus den kanonischen Gehorsam den Geist- lichcn empfahl, sich von der„Neuen Saar-Post" zu distanzieren? 2. Ist es richtig, daß der Bischof zur gleichen Zeit an- deren Geistlichen gestattete, offen für die„deutsche Front" und für die Rückgliederung der"aar an das widerchrist- liche„dritte Reich" einzutreten? 3. Ist es richtig, daß er in einem Schreiben vom 3. Dezember 1034 von den gleichen Priestern die Freiheit des Bekenntnisses in der Taarlrage durch oberhirtlichen Befehl begrenzt hatte, eine unter priesterlichem Ehrenwort abgegebene Erklärung forderte, dag sie sich nicht bedroht und bedrückt fühlten? Unter Beachtung des geziemenden Respekts vor einer hohen kirchlichen Persönlichkeit hatten wir geglaubt, daß der Bischof von Speyer, wenn er schon einmal so freundlich war. an uns zu schreiben, auf diese Behauptungen grundsätzlicher Natur eingegangen wäre. Vielleicht liegt die Erklärung darin, daß die Bischöfe von Trier und von Speyer inzwischen in einer gemeinsamen Kundgebung der Geistlichkeit äußerste Neutralität im Abstimmungskampie befohlen haben und sich diese Zurückhaltung heute selbst auferlegen. Liest man jedoch ihre neueste Kundgebung anläßlich der Beteiligung von Priestern an der Gründung des..Volksbundes für christlich-soziale Gemeinschaft", so hat man den Eindruck, daß die bischöfliche Zurück- Haltung im Abstimmungskampfe nach beiden Seiten hin nicht ganz gleichmäßig dosiert sei. Eine Bemerkung sei uns endlich noch erlaubt. Mit hoher Ritterlichkeit stellt sich der Bischof von Trier vor Herrn Bürckel. obwohl in dessen politischen Machtbereich die schwersten Verfolgungen und Mißhandlungen von Priestern erfolgten, die zahlreichsten dicht an der Saar- Uni liegt im Original ein Rundsdireiben des nationalsozialistischen Gauleiters Albert Forster- in D a n z i g vor. Es richtet sich„an alle führenden Nationalsozialisten in Danzig" und beschäftgit sieh mit Ratschlägen für die Behandlung Polens und der deutschen politischen Gegner. Die P".s werden ermahnt, die Polen recht zart zu behandeln.„Aeußerungen wie ..Saupollack" oder sonstige Provokationen oder das Singen von Liedern gegen Polen"\Jerden verboten. Ganz anders wird mit den nichtgleichgeschalteten Deutschen umgesprungen. Den deutschen Marxisten, deren Dasein und Gefährlichkeit ausdrücklich bestätigt wird und der in Rußland regierenden„Pest" wird unversöhnlicher Kampf angesagt. Am meisten aber geht es gegen die„Schwarzen". Das ist die Ueberschrift über dem Teil des Rundschreibens, der sich mit dem Zentrum und den Katholiken beschäftigt. Es wird für die Katholiken an der Saar sehr interessant in, zu erfahren, wie einer der vertrautesten Günstlinge Hitlers über sie und ihre Organisationen schreibt. Daß die Jude» diffamiert werden, ist selbstverständlich. Redaktion der„Deutschen Freiheit". Tos Zentrum und die hinter i h m S t e h e den wissen genau, dag der von uns begonnene Kampf um die nationalsozialistische Weltanschauung für sie d e n T o d bedeuten. Wir wollen die Freiheit g e r m a- Nischen deutschen Denkens und sie wollen die Unterjochung des deutschen Geistes unter ihre un- deutschen Gedankengänge. Das muß jedem Nationalsozialisten klar sein. Da das Zentrum in der Oesfentlichkeit den Kampf gegen uns nicht zu führen wagt, benutzt es dazu das geistliche Gewand und die Kirche. Diese schwarzen Brüder glauben, daß wir sie nicht fassen können, ivenn sie den Kampf auf diesem Wege gegen uns führen. Tie rechnen dabei mit unserer Anständigkeit. Mehr noch als früher müssen wir daher heute daraus be- dacht sein, daß Politik und Religio» voneinander getrennt werden. Geistliche, die, statt sich mit Religion zu beschäftigen, ihr Gewand und die Kirche für politische'Zwecke ausnutzen, müssen mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln be- kämpft werden. Derartige Geistliche dürfen nicht glauben, daß wir nicht den Blut haben, sie anzupacken. Wir müssen nicht nur im Interesse der Bewegung und des deutschen Volkes, sondern auch im Interesse der Kirche unter allen Um ständen verhindern, daß die Geistlichen von der Kanzel herab Kritik an unfern Mägnabmen" üben. Die Herrschästen tun manchmal gerade so, als ob. sie die Herren im Staate wären und niemand ihnen etwas zu sagen hätte. Eine Bevormundung unserer Ingend durch Geistliche muß rücksichtslos unterbunden werden. Die Jugenderziehung liegt ausschließlich in unseren Händen. Katholische und evangelische Iugendverbände dulden wir nicht mehr. Die nach uns kommenden Geschlechter dürfen nicht in ihrer frühen Jugend schon im konfessionellen Zwiespalt und u n- deutschen Geiste erzogen werden. Maßreglungen von Pfarrern in dieser Richtung brauchen wir uns nicht gefallen zu lassen. Den Geistlichen muß von Zeit zu Zeit beigebracht werden, daß wir auch noch da sind und uns eine Einmischung Killer Ober se'ne Saarpropaganda Niemals die Wahrheit „Tie Ausgabe der Propaganda ist nicht ein A b w ä g e n der verschiedenen Rechte, sondern das ausschließ- liche Betonen des einen eben durch zu-sie zu vertretenden. Sie hat nicht objektiv nach der Wahrheit, soweit sie dem andern günstig ist, zu forschen, um sie dann der Blasse in doktrinärer Ausrichtigkeit vor- zusetzen, sondern ununterbrochen der eigenen zu dienen... Sowie durch die eigene Propaganda erst einmal nur der Schimmer eines Rechtes auch aus der andern Seite zugegeben wird, ist der Grund zum Zweifel an dem eigenen Recht schon gelegt. Die Masse i st nicht in der Lage, n u n z u unterscheiden, wo das fremde Unrecht endet und das eigene beginnt. Sie würde in einem solchen Falle unsicher und mißtrauisch, besonders dann, wenn der Gegner nicht den gleichen Unsinn macht, sondern seinerseits alle und jede Schuld dem Feinde aufbürdet. «us„Mein Kampf". grenze. Kein anderes deutsches Gebiet ist in diesem Punkte mit der Pfalz vergleichbar. Das bischöfliche Generalvikariat in Speyer hat die braunen Stürme auf Kirchen und Pfarrhäuser sorgfältig zu den Akten genommen. und der Herr Bischof hat mehr als einmal seine deutschen Amtsbrüder und den Heiligen Stuhl alarmiert. Aus der Pfalz kamen die ersten Psarrer-Emigranten ins Saargebiet. Es hieße den politischen Einfluß eines all- mächtigen Gauleiters sehr unterschätzen, wenn man an- nehmen würde, daß Herr Bürckel von jenen Priester- Verfolgungen nichts gewußt, noch sie gewollt habe. Der Hochwürdige Herr Bischof von Speyer gibt jetzt ein hohes Beispiel christlicher Nächstenliebe, indem er uns eine Berichtigung zur Verteidigung eines notorischen Kirchenfeindes schickt. Nur Böswillige werden so ver messen sein, in seinem Brief an uns einfache Taktik zu sehen, die der problematischen Lage des Katholizismus im«dritten Reiche" entspricht, in die Staatsiührung verbitten. Tie Herren müssen- sich darüber klar sein, daß ihre Zeit abgelaufen ist. Sie mögen sich um ihre religiösen Tinge kümmern, sonst aber ihren Mund halten. Seien wir uns deflcn bewußt, daß, wenn die Schwär» zen noch einmal an die Macht komme» sollten, sie mit uns ganz anders verfahren würden, als wir das mit ihnen tun. Es muß unser Strebe» sein, in die Kreise der gläubigen Katholiken einzudringen und ihnen das religionsschädlichc Gebaren einzelner Geistlicher klar vor Augen zu führen. Dieser Kampf ist schwer, aber er muß mit altem national- sozialistischem Kampfgeist durchgeführt werden. Wir werden ihn dann auch gewinnen. Letzten Endes sind unser Blut und unsere Rasse stärker als die hohlen, internationalen Phrasen der schwarzen Politiker, sich bitte darum, daß in Zukunft jede gemeine oder abfällige Aeußcrung von Geistlichen in den Kirchen oder sonstwo sofort als eidesstattliche Erklärung zu Papier gebracht und der Partei mitgeteilt wird. Wenn wir genügend Material haben, um gegen die Be- treffenden vorgehe« zu können, wird es getan. Für abso- lut sinnlos halte ich es allerdings, wenn aus Wut gegen- über einem Pfarrer Fenster von Pfarrhäusern eingeworfen oder Kirchcntllrcn beschmiert werden. Einen weiteren Feind dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, das ist der Jude Einen anständigen si u d e n gibt es fü r e i n e n Nationalsozialisten nicht. Diese Rasse ist und bleibt unser Todfeind. Alles, was wir an Not. und Elend erlebt haben und noch erleben, hat dieses Volk ange- zettelt. Unsere Gastfreundschaft darf nicht soweit gehen, dag wir den Juden geschäftlich unterstützen. So wie die Juden sich gegenseitig helfen, so müssen wir Deutsche das auch tun. Gerade ein Nationalsozialist, der ein besonders guter Deut- scher zu sein hat, unterstützt im geschäftlichen Leben zuerst seinen deutschen Volksgenossen. Der Jude muß von uns ausgeschaltet werden, wo es nur geht. Jeglicher Großmut dem Juden gegenüber ist falsch. Wir sehen tagtäglich, ivie sich das Weltjubentum bemüht, die übrigen Völker aufzuhetzen und Deutschland Wirtschaft- lich zugrunde zu richten. Wir dürfen nicht dulden, müssen wir es vielmehr als Verrat an unserer Bewegung und am deutschen Volke brandmarken, daß Nationalsozialisten in jüdische» Geschäften kaufen. Persönlicher Verkehr m i t Juden ist für Nationalsozialisten ausgeschlossen! Zusammenfassend möchte ich zu unserer Innenpolitik be« merken, daß unsere Gegner, seien es die Rote» oder Schwarze« oder die Reaktion, in unserm Staat keine Ber- sammlungen mehr abhalten dürfen. Wenn sich unsere Gegner getarnt oder unter harmlosen Vereinsnamen zu versammeln versuchen, so muß auch das verhindert werden, lsich bitte, dabei immer im Einverstäüd- nis mit der zuständigen Polizei zu verfahren.) Neue b'sdiöilidie Anweisung Katholische Geistliche dürfen an keiner politischen Versammlung teilnehmen Der Kirchliche Anzeiger für die Diözese Trier Nr. 311 und das Oberhirtliche Blatt für die Diözese Speyer Nr. 13 vom 4 Dezember 1034 bringen eine Sonderausgabe mit folgendem bischöflichen Erlaß heraus: „Unseren Erlag betr. politisches Austreten der Geistlichen des Saargebietes hatten wir gegeben aus höchstem Berant- wortungsbewußtsein gegenüber unserem deutschen Vater- lande. sin dem Erlaß war zwar nur die Rede von„ösfent- lichem Austreten in politischen Bersamm- l u» g e n" und auch davon, daß die Priester es vermeiden sollen, auf der Kanzel politische Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher zu empfehlen. Aber als eine politische Beta- tigung in höherem Maße müssen wir es ansehen, wenn Geistliche sich an einer Versammlung beteiligen, die den aus- gesprochenen Zweck verfolgt, eine neue politische Organi- sation zu schassen. Wir sehen unS daher zu unserem Be- dauern genötigt, vor aller Oesfentlichkeit festzustellen, daß diese Geistlichen gegen den klaren Sinn und den Geist unserer Verfügung gehandelt haben. Wir erwarten, daß sie in Zukunft das beachten, was ihre Bischöfe verordnet haben. Trier und Speyer, den 4. Dezember 1034. gez Franz Rudolf, Bischof von Trier, gez. Ludwig Sebastian, Bischof von Speyer. Blc Aklivitäi der Katholiken Die erste Versammlung Der neugegründete„Deutsche Volksbund für christlich, ioziale Gemeinschaft" beginnt vom nächsten Tonntag an eine lebhafte politische Tätigkeit zu entfalten. So findet in Saar- brücken am Sonntag, dem 0 Dezember 3.30 Uhr im Jo- hannishof die erste Versammlung des neuen Volksbuudeq statt. Das Thema lautet:„Der. 13. Januar und-wir.'« väe braunen Feldwebel-Pädagogen Stimmungsbild eines denisdien Sdiuimannes Fin noch heute im sächsischen Schulwesen tätiger Freund, der politisch nie zu einer der sozialistischen Parteien gehört hat. sendet uns über die Tschechoslowakei folgenden Bericht über die„braunen Feldweb-I piidugogen Der Parteibefehl als Pädagogik Z>» Beginn der diesjährigen Herbstferien im Oktober hatten die braunen Feldwcbclpädagogen die l'eörcr Sachsens zu einer„großen Lchrertagung" nach Leipzia besohlen. Schon die Cinberuiung dieser Tagung riek den lebhastcsten Wider- willen bei den Lehrern hervor Ten» als sie vernahmen, daß der Reichsminister Ruit aus dieser Tagung sprechen sollte, war das Urteil der sächstichen Lehrer beinahe einheitlich' „Den L möacn die Brannauer selber anhören. Den Nüst mußte eine H zersetzen." Man siebt nämlich in diesem Ruft einen der Hauvtnerantwortlichen iür die Entpädagogisierung und iür die Militarisierung der Volks- schule, besonders auch ihr die Unterdrückung und iür die wirtschaftliche Schlechtcrstellung der Lehrer seit Hitlers Rc- gicrnng Derartige Verachtung äußern die Lebrer beinahe gegen alle Personen, die vom Regime in der Schulverivaliung an führende Stelle aesetzt wurden. Das hat seinen guten Grund. Es ist erstaunlich, was ieizt in Deutschland alles Schulrat. Schulleiter usiv. wird. Meist sind es verkrachte Existenzen, die entweder den Lchrerberui schon ausgegeben hatten oder kurz vor dem Scheitern standen jedenfalls Men'chen, dereit pädagogische Unfähigkeit und Unlust der ganze» Lehrerschaft bekannt waren. Das berniliche Vagabundieren hat einige dieser Abenteurer frühzeitig mit der SA. in Verbindung gebracht. Diese Leute werden daher den sächsische» Pädagogen heute als Vorgesetzte hingestellt. Alles lacht natürlich über solche„Schulräte" und über ei» solches Neasme! To erklären sich die genannten Urteile über den„Schulminister" Nüst. Wenn Lehrer sich zu solchen scharfen Aeußc- rnngcn hinreißen lassen, so kann man daran erkennen, wie böse die Stimmung wirklich sein muß. Die Ursache zu solcher Verbitterung liegt also nicht ctiva nur In de» einschneidenden Gehaltskürzungen, die sich die sächsische Lehrerschaft hat ge- fallen lassen müssen und die wirklich ein unbegreifliches Unrecht darstelle». Sondern die Gereiztheit der Lehrer beruht aus der inneren Unmöglichkeit des gewissenhaften Erziehers, die nationalsozialistische Feldivebelpädagogik vcrantworten und mitmachen zu können. Es gibt keine Lehrerpersönlichkeit mehr. Es existiert keine wissenschaftliche Pädagogik, keine Methodik, keine erzieherische Ethik mehr. Der Parteibelehl beherrscht alles. Der Hitlergcist kommandiert. Tie sozialpädagogischen Ideale der Lehrervereine sind zerschlagen. To ivächst die böse Stimmung unter den Lehrern sich iörniüch aus zu„Meutereien" und massenweise suchen sie Gründe, um in Pension gehen zu können. Widerstandswille der Lehrer Die Lchrertagung in Leipzig stand voll und ganz im Zetch>.n des Widerstaiidsivillens der sächsischen Lehrer. Schon in der Teilnahme kam das trcssend zum Ausdruck. Den» obgleich g»s die Lehrer der im„dritten Reich" nun einmal übliche Zwang zum Besuch der Tagung ausgeübt wurde, sah sich die Leitung der, Tagung genötigt, die vorgesehene große Messe Halle mit einer kleine» zu vertauschen, damit wenigstens deV Eindruck eines guten Besuches vorgetäulcht werden- konnte. Der größte Prozentsatz der Lehrer war überhaupt nicht nach Leipzig gefahren bzw. schivänzte die Tagung und iah sich statt Helsen Leipzig und seine limgebung an. Von den einzelnen Städten waren Sonderfahrten nach Leipzig organisiert worden. Der Chemnitzer Sonderzng jedoch mußte mit acht leeren Wagen gegen Leipzig abdampfen. Und io war es bei allen Sonderzügc». halb leer kamen sie i» Leipzin an Die Bevölkerung Leipzigs nahm von dieser, von den Nazis mit der gebührenden Propaganda aufgczoacncn Lehrcrtagung überhaupt keine Notiz. Bon einige» Hotels abgesehen, die lediglich aus Geschäftsinteressen, weil bei ihnen der!>übrer stab der Nazis zu Gast ivar, geflaggt hatten, iah man in Leipzig keinen Fahnenschmuck. Die Organisation der Tagung ivar iinicr aller Kritik. Viele Quartiere, die für die von aus- wärts kommenden Lehrer gemacht waren, sind überhaupt nicht beziehbar gewesen. Sic lagen vieliack zu weit außerhalb der Stadt, vielfach waren iie aber auch gar nicht als Schlasstätte geeignet. Das Organisgtionsanit mußte sich in seinem Büro von vielen alte» Lehrern sagen lassen:„Ihr habt ja vom Sächsischen Lebrcrverei» aar nichts gelernt. Wenn der eine Hauptversammlung abhielt, da klappte alles wie am Schnürchen." Das Festessen Ilm der Tagung festlichen Eharattcr zu geben, mußte natürlich auch ein Festessen dabei sein. Und so hatten die einzelnen Obleute die dazu nötigen Vorbereitungen ge- trossen. Ohne die Lehrer darum zu befragen, wurden die entsprechenden Portionen beim Festessen bestellt. Als es aber zur Taiel gehen sollte, stellte sich beispielsweise bei den West- sachscn heraus, daß noch nicht einmal 40 Prozent der angemeldeten Lehrer zur Tafel erschienen waren Die übrigen verzichteten daraus. Doch da die Rechnungen selbstverständlich bezahlt werden müssen, ivurdcn die Beträge kurzerhand um- gelegt, und jeder Lehrer muß das von ihm gar nicht bestellte und nicht verzehrte Tafelgedeck bezahlen. Der andere Redner des Tages, Herr Nosenberg der bekannte Kulturspezialist der Partei, ist geivohnt, mit Bei- fall empfangen und während seiner Reden mit Beifall über- schüttet zu iverd-n Aber bei den sächsischen Lehrern war die B e i f a l l S f r e u d i g k e i t gering. An einer St e seines Referates besprach er den zukttns- tiaen.e braunen Machthaber rühmten sich als Retter. llmsomehr aber diskutierten die Lehrer untereinander. Und überall ivar stärkster Widerwille und heftige Entrüstung über die braunen Spitzbnbcnmethoden der Grundton der Unter- Haltungen. In einer geheimen Sitzung, in der dem sächsischen Schilldiktator Göpiert von einigen Redner» derbe Wahr- hcitcn gesagt wurden, gab dieser zu, daß er in diesen Fragen „überfahren" worden sei. Ovationen für Kritik Kurz nach dieser LandcStagnng, die auslief wie daS Horn- berger Schießen, feierte in einer Stadt Sachsens ein Lehrergcsangvcrcin sein 2äjähriges Jubiläum. Der Fest- redner des Abends hielt in versteckten Worte» sehr geschickt eine gehörige Abrechnung mit den braune» Betrügern. Er sagte u. a.: „Wir wollen ja nicht glauben, daß Wohlfahrt es früher nicht gegeben hätte und erst ein Verdienst der Gegenwart sei. Ich erinnere hierbei nur an unseren früheren Sächsischen Lehrer verein, an seine Waisen- und Witwenkasse, an seine Darlehnskasse für minderbemittelte Kollegen und schließlich an unsere Sterbekasse!" Für diese und andere Redewendungen erntete der Redner ungeheure Ovationen, so daß sich, genau nach der Uhr be- rechnet, ergab: Gerade 10 Minuten hatte der Redner gesprochen. Aber dennoch stand er 16 Minuten am Rednerpult, weil der ihm an den verschiedene» Stellen seiner Rede gespendete Beiiall allein 6 Minuten ausmachte. Woraus wohl am sichtbarsten die Stimmung der Lehrer ermessen werden kann. Die sächsische Lehrerschaft wartet sehnsüchtig ans andere Berbältn'sse. Sie wird wohl auch manches im Stillen tun, um die Macht des Regimes zn unterwühlen! „Angstfvalter kontrolliert... .Freiwillige" Op erberei schaff Ihr die üiUerei... Wir sind in der Lage, zwei Dokumente zu veröffentlichen, die uns im Originaldruck vorliegen und die deutlich genug die Sprache des Terrors und des Zwanges im„dritten Reiche" reden. Das eine bezieht sich aus den Fahnenschmuck zum Erntedankfest, das andere zeigt, wie Arbeitern und Bc- amtcn für das WintcrhilfSwerk„freiwillige Spenden" aus der Tasche gestohlen werden. ♦ NSDAP. Ortsgruppe Marienthal den 21. September 1001. Deutscher Volksgenosse! Mit Befremden mußten wir feststellen, daß Tie an natio- nalen Feiertagen, als die Hoheitszeichen des Reiches allge- mein gezeigt wurde», sich an der Beflaggung und Schmllk- kling der Häuser nnd Fenster Nicht beteiligt haben. Diese nationalen Feiern solle» immer wieder die Verbundenheit des Volkes mit unserem Führer Adolf Hitler beweisen. Am 30. September 1034 feiert die Regierung und mit ihr das gesamte deutsche Volk zum zweiten Male das Ernte- danktest Es würbe uns außerordentlich freuen, wenn auch Sie Ihre Verbundenheit init dem Führer durch Schmücken und Beflagge» Ihrer Fenster bekunde» würden. F.d.R. Heil Hitler! Dalle gez. Tippncr Organisationsleiter. Ortsgrnppenleiter. Dieser Ausiordcrung ist eine genaue Kontrolle der Häuserfronten vorausgegangen. Wer bei bisherigen Festen nicht ge- schmückt hatte, erhielt ein solches Schreiben. Es wurde ge- n a u registriert, wer ei» solches Schreiben zugestellt bc- kam. Einige Tage daraus kamen„Angsrwaltcr" mit Fahnen und sonstigem Schmuck nnd nötigten diejenigen, die noch im- mer nicht eine Nazisahne zu ihrdm Inventar zählten, zum Kauf einer solchen. Doch Ivo auch ein solches Schriststück den Zweck nicht erreichte, kamen eben dir bekannten Methoden zur Anwendung, wie Entlassung von der Arbeitsstelle, bei Rentnern Entzug der Rente, bei Geschäftsleuten Boukottaus- fordernnge». Und wo auch dieses nicht Hilst, bewirkt die Dro- hung mit dem Konzentrationslager wunderbare Wirkung. * Für das diesjährige Winter hilss werk scheinen die braunen Herren mit Recht zu befürchten, daß die Tpen- den kärglich eingehe». Und da baut der kleine Mann im Pro- pagandaministerium natürlich vor. Also wird ans der gan- zen Linie verschärfter Druck ausgeübt, wobei sich versteht, daß alles nur in der bekannten„Freiwilligkeit" gespendet wird. Die Beamten Sachsens beispielsweise haben diesmal gleich einen sogenannten„Spendcnschcin" bekommen, auf dem sie bescheinigen müssen, daß sie mit allen freiwilligen Abzügen einverstanden sind und keinerlei Kontrolle über Verwendung der Gelder fordern. Dieser Schein hat nachstehenden Text: Spendenschein Ich beteilige mich freiwillig an dem Beamtcn-Opserwerk-Sachlcn für die Dauer seines Bestehens. Ich bescheinige, daß ich dazu nicht gezwungen oder gedrängt worden bin, sondern lediglich neben sonstigen Spenden ein Ovier bringen will. Den monatlichen Betrag setze ich aus RM..... sungesähr cinhaib Prozent meines Brutto-Einkommensi fest uns verpflichte mich, ihn nnansgesordert abzuführen lieber den Einzug sowie die Verwendung des Geldes bin.^ ich unterrichtet, und ich überlasse alles weitere dem Gau- amtslcitcr bzw. Gauwart von Sachsen. Name Stand Beschäftig»»gsamt Ort Geworben durch Bcschästigungsamt und Stelle Nun kaun sich jeder vorstellen, was mit einem Beamte» oder Angestellten geschieht, der diesen Zettel unausgesüllt zu- rückgibt, sich also nicht sreiivillig zu dem bereits vorgeschrie- denen freiwilligen Abzug von einem halben Prozent seines Monatsgehaltes neben den anderen Spenden, die ihm eben- falls freiwillig abgezogen werden, bereit erklärt. Ten» abgesehen davon, daß der Zcllenivart unausgesüllte Zettel gar nicht zurücknimmt, ebenso keine, die in ablehnen- dem Sinne ausgefüllt sind, würde der Zcllenivart sofort je- de» Beamten und Angestellten, der es wagen würde, sich von her Sammlung auszuschließen, der vorgesetzten Dicnstbe- Hörde und der Kreisleitung der NSDAP, melden. Die Folge wäre ein strenges Verhör des Beamten und eventuell seine sofortige Entlassung. Denn in dem Verhalten des Beamten wird staatsfeindliches Verhalten gesehen, und daraus steht als Mindeststrakc fristlose Entlassung. Diesen freiwilligen Zwangsopsern unterliegen alle Beamten der Gemeinden, der Justiz, der Polizei, die Lehrer und was alles sonst noch im Bcamtenverhältnis steht. Doch auch die Arbeiter in den Reichs-, Staats- und Gemeindebetrieben müssen sich solche freiwilligen Zwangsabzüge von ihren karge» Löhnen ge- fallen lassen, ohne sich dagegen sträuben zu dürfen. Rückblick auf das System Mit dieser Landestagung verbunden war auch eine päd a- g o g i s ch c Ausstellung. Was sie zeigte, bezog sich aus- schließlich ans die schulischen Fortschritte der„Spstemjahre". Sogar die Presse sah sich zu dieser Feststellung gezwungen, ind-m sie sckf'eb daß die Ausst llnna?eiae was in den letzten z e h n I a h r c n auf schulischem Gebiete geleistet worden iei. Für die Systemhasser ist das gewiß eine verdie»>c Ohrfeige, die sie sich selbst verabreicht haben. Aber die ganze Lehrerschaft schmunzelt über den Reinfall der Hakenkreuz- skachsmänncr! Rosenberg wird kühl empfangen Zu der Tagung selbst ist wenig zu sagen. Sie war ebenso hohl wie alle anderen Nazineranstaltungen. Erschreckend, was sich in de» Referate» der Schwätzer G ö p s e r t und R Osenberg an Geistlosigkeit offenbarte. Der sächsische Konjunk- turpädagoge Göpsert aus Glauchau sollte um einhalb drei Ubr nachmittags„sprechen". Eine geschlagene Stunde später ertchien er erst und er hielt es nicht iür nötig, der «»tl'cht zn aenüaen nnd sein Zu- l10r z, r rtrfnrinte» Verla"'msiina zu e»t schuldigen. S""veräne Verachsiina der Masse! Was er in seinem Vortrag verzapfte, ist von keinem Lehrer überhaupt ernst genommen worden. Es waren die üblichen inhaltlosen Schlagwort? des Regimes. Zerstörte Kulturarbeit Gestohlenes Arbeitergut Die älteste Kulturorganisation der Arbeiterbewegung ist der Tonristcnvercin„Die stiaturireundc". Er wurde in den Ncnnzigcrjahren des letzten Jahrhunderts ins Lebe» ge- rufen zu dem Zwecke, die arbeitende Bevölkerung Anteil nehmen zu lassen an den Schönheiten dieser Welt. In jähr- zchntelanger, mühsamer und opfervollcr Tätigkeit haben die Arbcitertouristen in allen Ländern Hütten und Ferienhäuser erstellt, die es ihnen ermöglichten, sich dem Naturgenub hin- zugeben. Der auskommende Faschismus hatte für diese Kulturarbeit des werktätigen Volkes kein Verständnis. Eine seiner ersten Maßnahmen ivar das Verbot des Tonristen- verein?„Die Naturfreunde" und die Beschlagnahme seiner Vermögens- und Kultnrwerte. Anfangs November fand in Straßburg unter dem Vorsitz von Nationalrat Ernst Moser lThalwil) eine internationale Konserenz der Naturfreunde statt, welche sich mit den Verhältnissen in Teutschland und Oesterreich beiaßte. Es wurde dabei festgestellt, daß sich die iaichlstilchen Regierungen>n Dentlchland nnd Oesterreich über das bisher geltende Rech» hinwegsetzten und klare Rechtsbegrisse willkürlich verletzten. In Oesterreich wurden letzthin frühere Vertrauensleute der Naturfreunde ohne Anklage und Gerichtsverfahren aus Monate ins Gefängnis geworfen, lediglich deshalb, weil sie mit langjährigen Freunden in brieflichem Verkehr standen. Die Konferenz legte in einer Entschließung gegen dieses Vorgehen schärfste« Protest ein. Da keine Möglichkeit besteht, in einem Staat«?, in welchem Recht und Gesetz nach Belieben gehandhabt unk ausgelegt werden, rechtliche Schritte einzuleiten, mends sich der Tonristenvcrcin„Tie Naturfreunde" an die äffen« liche Meinung der Welt und überläßt die Beurteilung d«S Zustünde ihrer gerechten Empsindung. Gleichzeitig apel» liertc die Konferenz an die Mitglieder deS Vereins und an alle übrigen Kreise, nur solche Länder für ihren Urlaub und ihre Reise zu wählen, in denen demokratische Gesinnung und allgemein gültige Rechtsverhältnisse herrschen. Kriegsmeldung h. b. Auf dem Wochenmarkt in Elmshorn lSchleswig- Holstein) wurde ein Händler verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, weil er 116 Eier gekauft hatte. Die Behauptung, er wolle diese Eier für den Winter konservieren, wurde ihm nicht geglaubt, da er selber Hühner zu Hause hat. Die Polizei nahm vielmehr an, daß er diese Eier nach der Groß- siadt verkaufen wollte, was bekanntlich im„dritten Reich" schwer bestraft wird. Die Eier wurden beschlagnahmt und der NS.-Volkswohlfahrt überwiejen. i £>«u#s<#ie ftimmen•'Seilogc zut.Deutsifien Steifheit• Ereignisse und Gesdhirfhten Freitag, den 7. Dezember 1934 Staudttg- auf Van JUud Westheim In Nürnberg haben die deutschen Künstler was zu hören bekommen von„der großartigsten Auftragserteilung, die die Zeitgeschichte je erlebt bat". Alles wartet mit Schmerzen a«f den ersten, bescheidensten Anfang dieser weltgeschichtlichen Auftragserteilung. Inzwischen wird mächtig auf „h e r o i s c h" t r a i n i e r t, d. h. wer nur irgend das Zeug hat. fabriziert Kriegsbilder oder holt aus den verstaubten Atelierwinkeln hervot, was während des Weltkrieges kon- juiiktureifrig hergestellt wurde. Kriegsbilder-Aus- Stellungen, Erinnerungen an den letzten so frisch früh liehen Weltkrieg und Aufputsch zum nächsten, machen den Hauptinhalt des gegenwärtigen deutschen Kunstlebens aus. Hie Generalverwaltung der staatlichen Museen zeigte im Zeughaus den groß angelegten Ausstellungszyklus„D e r Z' eltkrieg in Bildern" eines gewissen Vollbehr, der sich rühmen darf, der vom Führer entdeckte„Kriegs- tnaler" zu sein.„Als erste Schau innerhalb dieses Zyklus findet," wie ich aus der mir vorliegenden Einladung ersehe, „die Ausstellung„Die Vogesenfront in Bildern" statt". Fortsetzung also folgt noch. Zu Ehren gekommen ist auch wieder der Kriegsbilderzyklus von Heitmann. Die Große Berliner Kunstausstellung räumte ihm einen ganzen Saal in der Akademie der Künste ein. In diesen Akademie- Räumen hing er bereits einmal im Jahre 1916. Damals, als das Volk das Kriegserlebnis noch kraß und deutlich vor Augen hatte, wurden diese feldgrauen Schokoladehildchen ziemlich einmütig abgelehnt. Ich erinnere mich, daß am entschiedensten in der Ablehnung die stramm nationale und stramm militaristische„Tägliche Rundschau" war, während der liberalistische Verlag Ullstein, sich ein Kriegsgewinngeschäft davon versprechend, sie als farbiges Album herausbrachte. Aber auch dieses Album fand entschiedenste Ablehnung; der größere Teil der Auflage mußte verramscht oder gar eingestampft werden. Heute mag der aus der Mottenkiste vorgeholte, so hübsch aufgeschminkte Krieg mehr der inzwischen gemachten Stimmung dienen. Das Breslau er Museum zeigte aus Anlaß der 20jährigen Wiederkehr des Kriegsbeginns eine Ausstellung:„K r i e g Und K u n s t".„Man feiert diesen Schreckenstag überall *vie ein Jubiläum," schreibt mir dazu ein Maler, der sich offenbar nicht so recht auf die Zeichen der Zeit versteht, „und zeigt der Jugend in bunten Bildern,„wie großartig es war". Das Berliner Museum stellt im Münzkabinett„D eutsche Kriegsmedaillen von 1914— 1918" aus. Und so fort. Der NS. Front kämpferb und(Stahlhelm) zeigt im ehemaligen Herrenhaus Kriegs hilder von Otto Engel- hardt-Kyffhäuser. Es ist zwar nicht Kunst, was da gemalt ist, doch zur Aufpulverung des„Wehrwillens" scheints hervorragend geeignet. Doch hören wir, was eine gleichgeschaltete Zeitung darüber berichtet: ,.D i e besten Kriegs D i 1 d e r"(so ist der Aufsatz überschrieben),„das ist ein Lob, das nur einer ungewöhnlich starken künstlerischen Leistung gezollt werden kann. Ist der Maler Otto Engelhardt Kyffhäuser ein so großer Künstler? Er ist es nicht; er ist durchaus ein mittleres Talent... Nun aber kommt, 15 Jahre später, ein schlichter, von keinen Theorien angehlaßtcr Mitkämpfer des Weltkrieges, der auch malt („auch" von dem Schreiber selbst gesperrt gedruckt)— und zeigt uns, grandioser und selbstverständlicher als der berühmteste, in amtlichem Auftrag tätige„Schlachtenmaler" •.. Wie dieser ehemalige Oberjäger seine Eindrücke künstlerisch fixierte, schildert plastisch sein Kommandeur, Major von Menges:„Englischer Tankangriff im freien Feld. Gewaltige Ungetüme brechen auf die vorgehenden Jäger ein, unsere Begleitbatterie ist noch im Angaloppieren, unsere Maschinengewehre versuchen in höchster Not die Kettentriebe der Tanks zu durchlöchern, während die nahen Ungetüme die Reihen der grünen Männer am Hohlweg gewaltig lichten. Der einzelne Jäger ist machtlos; Engelhardt greift zum Zeichenstift und erfaßt diesen Augenblick.— In letzter Minute greift unsere Batterie ein... Hier ist die ganze von Detonationen, Geschossen, Gas, Qualm vibrierende und verseuchte Atmosphäre des Schlachtfeldes mit einfachen impressionistischen Mitteln in ungemein sensitiver Weise eingefangen." Die verseuchte Atmosphäre, ungemein sensitiv und direkt zu Herzen gehend. Wer kriegte da nicht Lust, auch mal so im Gasqualm des Schlachtfestes— Demgemäß knarrt bereits auch die Kunst- und Literaturkritik in Kommißstiefeln einher. Als Beispiel zwei Wochen DAZ nur Eine Kunstkritik ist überschrieben:„L ante und Trompet e", es handelt sich um friedsame Stilleben, Landschaften und Kompositionen von Karl Hofer. Eine andere Kunstkritik:„D as farbige Bild marschier l", Ankündigung einer altbekannten Serie von farbigen Reproduktionen berühmter Galeriewerke. Die Kritik über einen Band Militärhumoresken von Fritz Wunderlich, Genre Freiherr von Schlicht, wird überschrieben:„V on der literarischen Prägekraft des Komm! ß". Der Verfasser, so bemerkt kritisch der Kritikschreiber, erzählt neben seinen Soldatenanekdcten auch einige zivile Skizzen. Was schon faul ist.„Sehr interessant, wie ihn hierbei sein Talent sofort im Stich läßt. Diese Zivilgeschichten sind nicht nur arg schlecht im Inhalt, sondern auch in der Erzählkunst derart unter den Durchschnitt geraten, daß man sich fragt: Schrieb hier wirklich derselbe Mann?" Bei Zivilgeschichten, da fehlt eben jene Prägekraft des Kommiß, der„selbst die ärmsten Seelen mit einem Stückchen Weltanschauung füllte, wie auch leere Gehirne mit dem dienstlich erforderlichen Inhalt— dieser zum größten Teil seelische Stanzdruck schuf Gestalten und Charaktere..." Mit dein seelischen Stanzdruck des Militärhumores- kenerzählers scheint die deutsche Literatur es zu einem neuen Stefan George gebracht zu haben. * Die Münchener Kunstakademie erhält Anweisung einen Maler, den niemand kennt und von dem noch keiner was gesehen hat, als Lehrer einzustellen. Höchste Bestürzung. Bestelmayer rennt rum, um irgend einen seiner Professoren zu bereden, Protest einzulegen. Aber mannhaft wie die Kunstprofessoren des„dritten Reiches" sind, will„sich keiner den Mund verbrennen". Es gibt so schon Möglichkeiten genug, aus der Futterkrippe zu fliegen. Schließlich einigt man sich daliin, der Mann solle wenigstens ein paar Sachen zeigen. Der aber erklärt:„Meine Sachen zeigen?! Wozu denn? Ich habe doch die Protektion des Führers." Er hatte nämlich früher mal die Schwester Hitlers gemalt. Versteht sich, daß der Mann sofort die Professur an der Münchener Kunstakademie bekam. Er heißt Z i e g 1 e r. Im vorigen Jahr wurde dem Bildhauer Philipp Harth, obzwar stramm gleichgeschaltet, von der Berliner Akademie eine große Holzplastik: eine Hyäne zurückgewiesen mit der Begründung, Hyäne s e i k e i n deutsches T i er, Philipp Frauck, langjähriges Mitglied der Berliner Akademie, malte in diesem Jahr auf dem Land ein Rudel Bluho-Schweine. Wurde auch zurückgewiesen, „des Gegenstandes wegen, der dem nationalsozialistischen Schönheitsgefühl nicht entsprich t". Verstehe, Schweine auch noch gemalt, das ist zu viel; das deutsche Volk bekommt schon viel zu viel Schweinerei tagtäglich zu sehen. -i> Die„B a u w e 1 t" hat einen Wettbewerb für ein Klein- haus ausgeschrieben. Den ersten Preis erhielt eine Arbeit, bei der sich herausstellte, daß sie ohne Bcgleit briet, ohne Namen und Anschrift des Verfassers eingesandt worden war. Der Preisträger meldete sich auch auf öffentlichen Aufruf nicht. Man munkelt in Berlin, dieser Preisträger, der„seinen Namen anzugeben vergaß" sei einer von jenen nichtarischen Architekten, denen von der Reichskulturkammer die weitere Betätigung unterbunden werden mußte, weil sie bekanntlich einer so nichtschöpfe- rischen Rasse angehören. Sozusagen ein architektonischer Max Baer, der die Anonymität des Preisausschreibens benutzt hat, um die Bauwelt-Schmelinge knock out zu schlagen. Tlaü&itatsaziaÜsmus und dtatbUtdunq Wir entnehmen diese kritische Analyse dem neuesten Werk„Europa—Erwache!" des bekannten Vorkämpfers für den paneuropäischen Gedanken. Der europäische Nationalismus verdankt seinen Siegeslauf vor allem der Einführung der allgemeinen Schulbildung. Solange die große Mehrheit der Europäer, die Bauern und die Arbeiter, Analphabeten waren, feWte dem Nationalismus die Entfaltungsmöglichkeit. Denn diese Analphabeten, für die es weder Schulen noch Zeitungen gab, waren physisch vom Adel und Herrscher abhängig, geistig vom Klerus. Der nationale Gedanke lag ihnen fern. Mit fremden Nationen kamen sie nicht in Berührung, außer im Krieg. Da es nur Söldnerheere gab, litten sie unter dem Krieg nur dann, wenn ihre Heimat Kriegsgebiet war. Die Einführung der Schulpflicht hat diese Lage grundlegend geändert. Während es früher nur eine kleine Gruppe Gebildeter neben der Masse von Analphabeten gab, entstand ein Heer von Halbgebildeten. Von Menschen, denen alle wesentlichen Kenntnisse der Kultur, Geschichte und Politik fehlten, die aber als Zeitungsleser glaubten, alles zu verstehen und besser zu verstehen. Diese halbgebildeten Massen wurden überall zu Trägern des Nationalismus. Denn sie hatten eine gewisse Bildung in der eigenen Sprache. Literatur. Geschichte: aber sie waren Analphabeten gebliehen hinsichtlich der Sprachen, Literaturen und Geschichte ihrer Nachbarvölker. Sie waren erzogen in der Liebe und in der Ueberschätzung der eigenen national«» Kmltur:«nd augleid» in der Unter. Schätzung der fremden. Denn auch die meisten ihrer Lehrer waren halbgebildete Nationalisten. Die Zeitungen ergänzten diese Halbbildung. Um Leser und Abonnenten zu werben, schmeichelten sie dem Nationalismus: und steigerten ihn so. Die Halbgebildeten müssen Nationalisten sein: denn sie kennen und lieben von frühester Kindheit ihre nationale Geschichte, Literatur, Kultur; ihre großen Männer, Feldherren, Staatsmänner, Dichter, Denker, Erfinder. Von der nationalen Geschichte, Literatur und Kultur, von den großen Männern und Genies ihrer Nachbarvölker haben sie kaum eine blasse Ahnung. Sie lernen die Weltgeschichte national verfälscht. So müssen sie zur Ueberzeugung kommen, daß ihre Nation die hervorragendste der Welt ist; daß sie bei allen politischen Konflikten im Recht war und ist; daß sie ein von der Vorsehung auserwähltes Volk ist. Es fehlt ihnen die Perspektive wahrer Bildung, die Vergleichsmöglichkeit, die Fähigkeit der Unterscheidung zwischen scheinbarer Größe, die nur auf Nähe beruht, und wirklicher Größe, die der Entfernung stand hält. Jeder Politiker und jede Zeitung, die ihrem nationalen Größenwahn huldigt, ist willkommen und beliebt. Geschickte Demagogen und Journalisten benutzen diesen Umstand, um Wähler zu fangen und Abonnenten. Parlamentarier und Zeitungen übersteigern einander im Nationalismus, um die Konkurrenten zu erledigen. So hat der Halbgebildete nie die Möglichkeit, sein nationalistisches Vorurteil zu überprüfen. bis es allmählich zum Dogma wird. Schule und Presse bilden so den Nährboden des modernen Nationalismus, der in der Halbbildung wurzelt. Sa&cfiendiebesind, die Ttlenschen Nach den Gütern dieser Erde Greifen al'e um die Wette, Und das ist ein ew'ges Raufen Und ein jeder stiehlt für sich! Ja, das Erbe der Gesamtheit Wird dem einzelnen zur Beute Und von Rechten des Besitzes Spricht er dann, von Eigentum! Eigentum! Recht des Besitzes O des Diebstahls! 0 der Lüge! Solch Gemisch von List und Unsinn Konnte nur der Mensch erfinden. Keine Eigentümer schuf Die Natur, denn taschenlos, Ohne Taschen in den Pelzen., Kamen wir zur Welt, wir alle. Keinem von uns allen wurden Angeboren solche Säckchen In dem äußern Leibesfelle, Um den Diebstahl zu verbergen Nur der Mensch, das glatte Wesen, Das mit fremder Wolle künstlich Sich bekleidet, wüßt' auch künstlich Sich mit Taschen zu versorgen. Eine Tasche! Unnatürlich Ist sie, wie das Eigentum. Wie die Rechte des Besitzes— Taschendiebe sind die Menschen! Glühend haß' ich sie! Vererben Will ich dir, mein Sohn, den Haß. Heinrich Heine. Atta Troll, Ein Sommernachtstraum, Kapitel X. Jiünsttee eheen einen Säten Am 26. November 1933 starb der jugendliche Held des Berliner Staatstheaters. bühnengenossenschaftlicher Obmann der Schauspieler dieser Bühne. Hans Otto, im Alter von 3.3 Jahren durch die Hand Hitlerscher Schergen im Mordkeller der Gestapo zu Berlin. Zu seinem Gedenken fand am Sonntag, dem 2. Dezember 1934, im Zürcher Kramhof eine Feier statt, die unter der Leitung der Zürcher Schauspieler und Musiker die Schauspieler der gesamten Schweiz und alle, die gleicher Gesinnung sind, zu einer Trauerstunde um den im Opfertod des Kampfes um die freie Kunst Gefallenen zusammenrief. Auf dem Podium wie im Zuschauerraum fand man unge- zäliltq Namen mit hohem künstlerischen Klang. Außer der Ehrung des Ermordeten durch Wort und Ton erfolgte die Ehrung durch die Tat, indem der Reinertrag dieser' Veranstaltung den Opfern des Faschismus zugeleitet.wird. (Die meisten schweizerischen Bühnen hatten Delegierte gesandt, die Tschechoslowakei und Oesterreich drückten ihr Beileid in Briefen mit zahlreichen Unterschriften bekannter Künstler aus. Ein Quartett leitet die Feier ein. Anschließend folgt die Verlesung eines kurzen Lebenslaufes Hans Ottos und dann sprechen alle, die vom Theater, Radio und Kabarett, die da im Halbkreis vor einem großen Lorbeerkranz auf der mit schwarzem Tuch ausgeschlagenen Bühne sitzen. Einer von ihnen hat die Natbiicht vom Tode des Kollegen und Freundes im Konzentrationslager erhalten, und er erzählt, wie seine ihn besuchende Frau ihm die Trauerbotschaft in einem unbewachten Augenblick zugeflüstert hat, und wie sie dann später in ihrem Schlafsaal, alle die Gefangenen zusaniinensaßen und sangen:„Ich hatt* einen Kameraden—", denn das war die einzige Art, wie die hinterm Stacheldraht ihrer Trauer und ihrer Verachtung gegen das neue System Ausdruck verleihen konnten. Ein anderer dankt Hans Otto für alles, was er für seine Kollegen in selbstlosester Weise getan hat. Und er stellt fest, daß im jetzigen Deutschland derartige Menschen, die für Freiheit und Recht eintreten, die neue Bezeichnung„Untermensch" erhalten haben.„Untermensch, Hans Otto, wit danken dir!" schließt er seine Rede, die kurz und doch voll ehrlichster Trauer ist. Vorlesungen von Szenen aus Stücken, in denen Hans Ott« einstmals mitgewirkt hat. Vorträge einiger Gedichte, worunter besonders der Hetzer im Zinksarg von Bert Brecht vot trauriger Aktualität war. und dazu musikalische Dar bietungen vervollständigen das Programm, das nicht mar Hans Otto, das ebenso die Veranstalter wie die Vortragend» ehrt. Was dieser Feierstunde vor allem ihre Weihe gab, war Alts tief innerliche Gefühl der Gemeinschaft, das sämtlich« Teilnehmer, ob auf dem Podium oder im Proszenium, verband und in dem festen Gedanken ausklang: Wir alle, die wir von der Vergangenheit für di? Zukunft leben, wir alle, die wir in der Zeit der Unmensd.! chkeit keine Gegenwart kennen, wir wollen immer im Gedächtnis behalten, nicht nur, daß tausende der Besten den braunen Mördern zum Opfer fielen, und nicht nur, wie sie hingeschlachtet wurden, wir wollen vor allem nicht vergessen, warum sie starben. tqen tcuxin JCisch Eine Erklärung des SDS. Der„Schutzverband Deutscher Schriftsteller". Sektion Paris, erläßt eine Erklärung, in der er mit Empörung seine Stimme gegen die schmähliche Behandlung erhebt, die in Australien seinem Mitglied Egon Erwin Kisch zuteil geworden ist, Kisch sei von einer Millionen-Organisation gegen Krieg und Faschismus delegiert worden, aber das Verhalten der australischen Behörden lasse darauf schließen, daß sie sowohl Krieg wie Faschismus wohlwollend gegenüberstünden...Seinen australischen Feinden," erklärt der SDS weiter,„wollen wir sagen, daß Kischs Person und Kischs Geschick unserer aktiven Teilnahme in jedem Fall und in jedem Sinn« sicher sind." /Ölker in Sturmzeifen Nr. 38 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers fraftag, 7. Dezambar 1934 II Preußischer Kommiß II I von August Winnig August Winnig, der Verfasser der vor dem Kriege ersehienenen Schrift„Preußischer Kommiß", ist heute glühender Nationalsozialist. Er dient der hrauuen Sache in Wort und Sehrift, unter Preisgabe seiner Vergangenheit. Einst, als junger Proletarier, war er zum Sozialismus und zur Sozialdemokratie gekommen, bewegt von den bohen Gedanken der Freiheit und der Menschenrechte. Es gelang ihm, im freigewerk- srhaftliehcn Bauarbeiterverband einen führenden Posten zu gewinnen. Nach der Umwälzung von 1918 wurde er Oberpräsident in Ostpreußen, damals freilich schon in seinem allen. Bekenntnis zögernd und schwankend. Sein politisches Ende in der Republik führte der Kapp-Putsch vom März 1920 herbei. Es erwies sich, daß er der zweideutigen Haltung der Beirhswehrkomiiianclcurr in jenen kritischen Tagen Vorschub geleistet hatte. Dann rutschte August W innig immer weiter nach rechts. Er wurde der Vertrauensmann Hilgenbergs und Slinnes, für deren Blätter er seine flinke Feder in Bewegung setzte. Heute ist er einer von den 110-Prozentigen: wildester Nationalsozialist, begeisterter Militarist und nationalsozialistischer Schriftleiter. Sein Buch„Preußischer Kommiß" bat er längst verleugnet, weil es die denkbar schärfste Anklage des militaristischen Kadavergehorsams darstellt, zu dessen Anbetern er beute gehört. Ein Grund mehr für uns, unseren Lesern einige Kapitel aus dem Buche August W'innigs vorzulegen. Der Pfingsturlaub 3. Fortsetzung Freund Seele und ich hatten uns durch allerlei kleine Insubordinationen die ganz besondere Aufmerksamkeit des xbeinigen Schießunteroffiziers zugezogen. Wir wußten das und waren darum auch gar nicht überrascht, als wir beim nächsten Schießen den Befehl erhielten, morgens früh uni vier Uhr mit dem Scheibenwagen loszuziehen, um den Stand aufzubauen. Das wurde gewöhnlich als Strafe aufgefaßt, und wenn man nicht zeitig genug zu Bette gegangen war, so mochte man wohl darob fluchen; denn während die andern noch zwei und drei Stunden schnarchen konnten, mußten die Scheibenarbeiter vor dem ersten Hahnenschrei aus den Federn. Wem es aber nicht zu viel Mühe machte, sieh den Schlaf aus den Augen /u wischen, der brauchte ob dieser Strafe nicht zu grollen. Seele und ich waren wenigstens nicht damit zu ärgern. Die Arbeit war nicht allzu schwer, und was sie uns an Biißung auferlegte, das wurde durch die Freude ausgeglichen, ohne lästiges Kommando durch den Morgen- nebel des Wartbetais zu ziehen, wo sich aus dem taufrischen Gras die Lerchen erhoben und der Sonne zujubelten, die über den Kieferwäldern aulstieg. Diesmal bandelte es sich um ein wichtiges Schießen, es war das letzte vor Pfingsten und nach seinem Ausfall wurde der Urlaub bemessen. Manchem, der schon sein Kommen in der Heimat angekündigt halte, schlug heute das Herz; denn das Schießglück ist sehr launisch. Monatelang konnte alles gut gegangen sein, und am entscheidenden Tage saß plötzlich der Tuufel im Lauf.. Seele und ich dachten beute ganz verschieden; mir war es ziemlich gleichgültig, wie ich schießen würde, denn ich wollte keilten Urlaub; Seele aber hatte schon alles zur Heise Vorbereitet. Auf halbem Wege flog eine Nebelkrähe an uns vorüber. „Bedeutet das nun Glück oder Unglück?" fragte Seele. „Ich kann Dir nicht helfen, Seele," antwortete ich,„die Krähen sind, wie Du weißt, den Raben verwandt. Ich taxiere sie für Pechvögel" „Im allgemeinen bedeuten Vögel aber doch Glück." „Nur wenn sie in derselben Richtung fliegen. Dieser aber kreuzte unseren Weg." „Halt," sagte Seele und ließ den Wagen los,„ich will losen. Ich schmeiße diese fünf Pfennig hoch: wenn der Vogel oben liegt, kann ich reisen, liegt er unten, muß ich hierbleiben." Er warf den Nickel hoch und als er niederfiel, bückten wir uns beide, um den Spruch des Schicksals zu lesen. Der Vogel lag oben. „leb kann also reisen!" rief Seele mit Nachdruck. ..Das ist nun so gut wie gewiß," sagte ich. „Nein, es ist gewiß." „Es wird wohl so sein." „Glaubst Du etwa nicht daran?" fragte Seele und warf mir einen mißtrauischen Blick zu. „Wie kannst Du nur so etwas denken?" Seele war befriedigt und wir zogen weiter. Als wir an der Stelle waren, wo wir über den Fluß setzen mußten, lud ich eine Platzpatrone ins Gewehr, um den Fährmann am andern Ufer durch einen Schuß zu wecken. „Laß midi schießen," sagte Seele,„ich will sehen, wie die Mündung steht." „Dan probiere auch gleich, wie sich's zielt. Schieß nach dem Distclkopf!" Die Patrone wurde wieder hervorgeholt und der Hohlraum im Hol^pfropfen mit Brotkrumen ausgefüllt. Seele kniete nieder, zog den Kolben fest in die Achselhöhle und zielte lange. Die Mündung stand ruhig, wie in einem Schraubstock eingespannt Der Schuß knallte und die Distelkrone flog in Atomen davon. Seele machte ein gleichgültiges Gesicht:„Ich wußte, daß ich treffen würde, das Los trügt nicht." Der Fährmann kam mit seinem Kahn angeschwommen und wir schoben unsere Wagen hinein. „Wie tief ist jetzt der Bach?" fragte ich, als wir auf der Mitte des gelben Wassers waren. ..Tiefer, als Du groß bist," sagte der Fährmann. Ich steckte die Anzeigestaiige ins Wasser und sali, daß es etwa eine Maiinesgröße tief war Dann waren wir gleich in dem kleinen Kiefernwäldchen, in dem die Schießstände angelegt waren. Das bißchen Arbeit war bald getan, und wir hatten noch reichlich Zeit, ehe die ersten Schützen ankamen Wir vertrieben sie uns, indem wir uns lang auf den Bauch legten und ins Land sahen. Der Schauplatz der heutigen Germanisierung ist gewiß kein Naturwunder; wenn aber die weite Ebene mit ihrem bald hellen und dunklen Grün, mit ihren braunen Heideflecken und bläulich schimmernden Kiefernwäldern im Sonnenschein eines Junimorgens daliegt, so läßt sich die Heimatliche des Polenvolkes wohl begreifen. Sobald wir die ersten Kommandotöne'hörten, verwandelte sich das Bild. Die Heideflächen verloren ihren malerischen Charakter, sie wurden zu Exerzierplätzen, von denen uns tfur noch der Umfang und die Bodrngestaltung interessierte. Die strahlende Freundin am blauen Himmel wurde zum boshaften, schweißdurstigen Quälgeist. Die Waldlinien wandelten sich in Hilfsmittel für Entfernungsschätzen. Und der Mensch in uns kapitulierte wieder vor dem mit bunten Lappen bekleideten Herdenvieh. Das Schießen hatte angefangen. Mancher trat mit erhobenem Haupte unter das Schutzdach und kam betrübt wieder darunter hervor; mancher aher auch mit freudig glänzenden Augen, er hatte sich den Urlaub gesichert. Nach einer Stunde herrschte, lautes Leben in dem kleinen Vi aide. Die noch nicht geschossen hatten, lagen auf den warmen Nadeln, den Tornister als Kopfkissen unter den Nacken geschoben; die schon fertig waren, formierten sich zu kleinen Gruppen, um nach Haus zu marschieren, oder übten, sofern ihnen das Schießglück seine Kehrseite gezeigt hatte, unter dem Kommando von Unteroffizieren Zielen im Daueranschlag. Diese förderst!nie Ausbildung wurde periodisch durch Marschieren im langsamen Schritt unterbrochen, zu welchem Zweck man eine Strecke Waldboden von dem harten Nadelpolster befreit hatte, damit sich die braven Leute nicht wehtäten, sondern weiches Auftreten in dem fußbreiten Sande hätten. Was mich anlangt, so hatte ich im Gefühle völliger Wurschtigkeit gut geschossen. „Was hast Du?" fragte mich Seele „Es geht an: 9, 10, 9." „28 Ringe! Mensch, wenn ich die kriegte!" „Du schießt mehr. Du hast ja gut gelost." „Meinst Du, daß ich mich darauf verlassen kann?" „Natürlich kannst Du das.", „Wie stand Dir die Mündung?" „Nicht besonders gut; ich habe diese Nacht auf der rechten Seile gelegen und schon darum rechts." „leb habe auf dem Rücken gelegen." „Dann hältst Du Strich" Nicht lange darauf stand Seele mit selbstbewußt gespreizten Beinen unter dem Brett, den Helm etwas in eleu , Nacken geschoben und das Gewehr weit von sich gestellt, jeder Zoll ein Held Eine böse Ahnung beschließ mich; denn ich wußte diese Zeichen zu deuten. So markierte jeder den starken Mann, dem es unheimlich zu Mute war. Ich schlug mich seitlich in das Unterholz und wartete auf den Ausgang; hier konnte ich hören, wenn die Schützen ihren Schuß meldeten. „Grenadier Wittig, vier hoch rechts!" Das war er! Eine Vier hatte er geschossen. Ein schlimmer Schuß, der nur mit zwei Spiegeln gesühnt werden konnte. „Sie wollen ja wohl auf Urlaub fahren?" zischte der Feldwebel.„Jawohl."—„Na, dann wissen sie Bescheid!" Es knallte zum zweitenmal.„Wittig, eins kurz links." Undeutlich und stockend kam es heraus. Fahr wohl. Urlaub! Der dritte Schuß.„Vorbei!" Wie ein Aal wand sich Seele vom Schießbrett, um zu verduften. Aber der Feldwebel hatte ihn beim Wickel.„Du Schweinigel, verfluchter; fünf Ringe hast Du geschossen. Gemeiner Dickflabs! Der elendeste Kerl, den die ganze Kompagnie hat! Auf Urlaub willst Du? Auf Wache sollt Du zu Pfingsten ziehen. Du meldest Dich oben zum Anschlagüben!" Der Ruf der Freiheit Keiner hat das Recht, bloß für den eigenen Selbstgenuß zu arbeiten, sich vor seinen Mitmenschen zu verschließen und seine Bildung ihnen unnütz zu machen, denn eben durch die Arbeit der Gesellschaft ist er in den Stand gesetzt worden, sie sich zu erwerben, sie ist in einem gewissen Sinne ihr Produkt, ihr Eigentum; und er beraubt sie ihres Eigentums, wenn er ihnen dadurch nicht nützen will. Jeder hat die Pflicht, nicht nur überhaupt der Gesellschaft nützlich sein zu wollen, sondern auch seinem besten Wissen nach alle seine Bemühungen auf den letzten Zweck der Gesellschaft zu richten, auf den— das Menschengeschlecht immer mehr zu veredeln, das ist, es immer freier und selbsttätiger zu machen. Johann G o t t I i e b F i c Ii t e. Das Laster der Falschheit Ein Mann, der mit dein höfischen Wesen vertraut ist, bleibt Herr seiner Geste, seiner Augen und seines Ausdrucks; er ist tief, er ist undurchdringlich; er scheint die schlechten Dienste, die man ihm erweist, nicht zu sehen, lächelt seinen Feinden zu, legi seiner Laune Zwang auf, verbirgt seine Leidenschaften, straft sein Herz Lügen, spricht und handelt gegen seine Meinungen. Dieses ganze große Aufgebot ist nichts als ein Laster, das man Falschheit nennt, und manchmal ist es dem Höfling für sein Glück ebenso nutzlos, wie Freimut. Aufrichtigkeit und Tugend. La Bruyßre, Mit schweren Beinen zog Seele durch den Sand der Schießbahn. Ich rief ihn an.„Komm!" Seele blickte sich vorsichtig um, ob der Feldwebel ihn etwa noch beobachtete, aber der hatte schon wieder einen anderen auf der Bank, Dann bog er schnell zu mir ins Gebüsch. „Was Willst Du nun tun, Seele?" fragte ich. „Ich muß auf Wache statt auf Urlaub." „Und Du hattest doch richtig gelost." „Man kann sich heutzutage auf nichts mehr verlassen. Und dann der Distelkopf. Du hast doch gesehn, wie er davonflog! Nein, so was ist mir noch nicht passiert," „Was wird Dein Vater erst sagen, wenn Du nicht kommst?" „0, der Alte weiß, wie es bei den Preußen ist." „Aber die Trude?" „Das ist eben die Geschichte! Denk Dir nur, die geht zum Birkentanz und ich ziehe auf Wache. Vielleicht sogar nach dem schwarzen Schuppen. Donnerwetter! Junge, Junge, was machen sie hier alles mit uns!" Seele warf sich verzweifelt neben mich ins Moos und jeder hing seinen Gedanken nach. .„Seele!" „Hm." „Kannst Du eigentlich schwimmen? 4 „Ja, warum denn?" „0, ich raeine nur so." „Wollen wir baden?" „Nein, ich habe jetzt keine Lust. Aber vielleicht kannst Du doch auf Urlaub fahren." Seele richtete sich halb auf und sah mich recht dumm ani „Auf mein Schwimmen läßt sich der Alte nicht ein, dafür gibts keinen Urlaub, wenn wenn ich von Posen nach Biedrusko schwömme." Wir rückten näher zusammen und unterhielten uns leise, unterließen aber auch nicht, von Zeit zu Zeit um uns zu sehen, ob uns keiner belausche. „Nun geh zum Anschlagiiben, Seele, ehe sie Dich vermissen. Ich bleibe hier liegen. Wenn Du abmarschieren sollst, kommst Du und sagst mir Bescheid." Natürlich mußte Seele bis zum Schluß dableiben und das Scheibenzeug wieder mit nach Hause fahren. Inzwischen war es Mittag geworden. Die Sonne sengte uns die Rücken, als wir, jetzt etwa zehn oder zwölf Mann und der Schießunteroffizier, mit dem Wagen durch den heißen Sand zur Fähre zogen. Auf der Fähre legten wir die Tornister ab; ich schnallte audi das Seitengewehr los und ließ es polternd auf den Boden des Schwimmkastens fallen. Wir waren etwa auf der Mitte des Stromes, als sich der Schießunteroffizier zu mir umdrehte und mich anfuhr:„Wer hat Ihnen erlaubt, das Koppel abzusdinallen?" „Ich war unwohl, Herr Sergeant." Ich bückte mich, um mein Seitengewehr wieder aufzunehmen. Da verlor ich das Gleichgewicht und stürzte über den niederen Bord in« Wasser. Die Strömung faßte mich und riß mich schnell einige Meter von der Fähre ab. Ith streckte die Arme aus und«ehrie um Hilfe. Sofort liefen mir einige halbe Liter Warthewasser in den Hals. Da taucht" neben mir der grinsende Kopf Seeles aus dem gelben Wasser. Ich ließ mich willig von ihm packen, spie kräftig Wasser aus und raunte ihn zu:„Faß mich am Rock, es wird uns sonst beiden zu schwer." Endlich hatten wir Grund unter den Füßen. Am Ufer brach ich zusammen und Seele knöpfte mir den Rock auf, „Wie steht es mit ihm?" rief der Sehießunteroffizier, der gleich, noch ehe die Fähre ganz gelandet war, ans Ufer sprang und zu uns eilte. „Schlimm," sagte Seele,„er ist bewußtlos. Er muß gleich auf den Kopf gestellt werden, damit er das Wasser los wird." Sofort packten mich viele Fäuste, die mich auf den Kopf stellten. Mit größer Vorsicht warf ich Seele einen wütenden Blick zu, aber er ließ sich nicht irre machen. „Nun künstliche Atmung!", kommandierte Seele. Man knetete midi jämmerlich zurecht. Auch das ließ ich noch eine Weile über mich ergehen, bis ich es für geraten hielt, die Augen zu öffnen und den pflichtschuldigen dankbaren Blick auf meine Retter zu werfen. Der Sergeant ließ für mich ein Lager auf dem Wagen herrichten, ich wurde darauf gelegt und so gings zur Kaserne. Seele schritt, den nassen Rock in der Luft herumschlenkerud, neben dem Wagen her. In der Kaserne mußten wir beide ins Bett und man brachte uns heißen Rum. Seeles Ruhm aber flog wie eine neue Zote durch das Regiment. Am Abend des folgenden Tages— Freitag vor Pfingsten — hielten wir es beide für geboten, uns als völlig genesen bei der Paroleausgabe einzustellen. Als die gewöhnlichen Geschichten erledigt waren, trat der Feldwebel vor die Mitte der Front: „Stillgestanden! Regimentsbefehl: Bei dem gestrigen Unfall auf der Schießstandfähre, bei dem ein Grenadier der fünften Kompagnie über Bord fiel, hat sich der Grenadier Wittig von derselben Kompagnie außerordentlich tapfer erwiesen, indem er mit eigener Lebensgefahr dem schon halb Ertrunkenen nachsprang und ihm das Leben rettete. Das Regiment ist stolz auf diese Tat und erwartet von allen seinen Angehörigen in ähnlichen Fällen dieselbe Bravour. Der Grenadier Wittig wird hiermit öffentlich gelobt. Der schönste Lohn aber sei ihm das Bewußtsein, den alten guten Ruf unseres Regiments aufs neue gerechtfertigt zu haben. Kompagniebefehl: In Anbetracht seiner mutigen Tat wird dem Grenadier Wittig trotz seiner wenig befriedigenden Schießleistungen ein Heimatsurlaub von vierzehn Tagen gewährt. Rührt Euch!" Am andern Morgen in aller Herrgottsfrühe weckte mi^ Seele:„Adjüs, Junge, ich fahre los." „Hallo. Seele! Adjüs! Grüß Deine Trude!" Dann dampfte er den heimatlichen Bergen im Westen zo- Sein Ruhm aber erscholl nach allen vier Winden und kein Mensch ahnte, was wir uns erzählt hatten, als Seele von de< Schießbank geknickt zu mir gewankt war, i. Illegale Berichte ans Oesterreich ve„Anhalteiaaer' des dirisilidi-autoriiären Kurses i. Seil den Tagen des Februar, wo neben den zusammen- geschossenen Gemeindehäusern an den Plakatsäulen der Stadt abgebildet war, wie die Regierung„dem Arbeiter die Bruderhand" reicht, sind die sogenannt maßgebenden Stellen nicht müde geworden, der Arbeiterichast von„Milde", ,Gnade".„Befriedigung" zu reden. Worte. Die Gelang- nissc in Oesterreich sind voll von Sozialisten. In den Kon- «entrationslagern ist Ueberbelag. Auf einen sozialdemokratischen Mandatar, der freigelassen wirb, kommen hundert verhaftete Proleten. Ter bloße Verdacht, eine anonyme An- zeige genügt heute, um Menschen um die Existenz zu bringen. Man sagt: eine Haft in Oesterreich ist nicht dasselbe wie eine Hast in Hitlerdeutschland. Wollersdorf ist nicht Dachau. Mit dieser Feststellung mögen sich Gefangene trösten. Jene, die draußen sind, haben das Recht dazu nicht. Zweifellos, den Rekord an Bestialität schlägt heute Deutschland. Ter österreichische Terror in weniger zielbewußte, organisiertes, gewolltes System, ist, wenn man will,„schlampiger",„gcmüt- licher". Aber das Spiel, das hier auf österreichische Art mit Menschcnschickial und Menschenleben getrieben wird, etwa deshalb weniger empörend und anklagenswert, weil unter Hitler noch viel ärgere Dinge Selbstverständlichkeiten sind? 8 l der im September 1933 erlassenen Verordnung über Anhaltclager bestimmt:„Personen, die in begründetem Ver- dacht stehen, staatsfeindliche oder sonstige die öffentliche Sicherheit gefährdende Handlungen vorzubereiten oder die Begehung oder die Vorbereitung solcher Handlungen zu bc- günstigen, können zwecks Hintanhaltung von Störungen der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit zum Aufenthalt in einem bestimmten Gebiet verhalten werden." Zur Zeit sind etwa 10Ü0 sozialistische„Personen" in Wöllerödors, dem größten österreichischen Uonzentrations- lagcr, untergebracht, etliche hundert in einigen kleineren. Die Bestellung von 17 00 neuen Bettaarnituren deutet daraus hin. daß man die Anstalt in Bälde zu erweitern gedenkt. lDic Frage für wen ist nicht schwer zu lösen, da von den.'>990 Nazis, die man dort internierte, allwöchcnt- lich hundert entlasten werden, während täglich neue Schubs von Sozialdemokraten und Kommunisten cingcliesert werden.) Das österreichische Anhaltclager unterscheidet sich nicht nur dem Namen nach vom deutschen Konzentrationslager. Das stimmt. Aber Menschen vernichtet werden hier wie dort. Man kann das ja ans verschiedene Weise machen: man kann ihn zu Tode prügeln, massakrieren, hinrichten,— oder man kann ihm„nur die Mittel entziehen, die er zum Leben braucht. Unbeschadet auch der Anwendung der zuerst gc- nannten Methoden befleißigt sich die christliche Regierung in Oesterreich vornehmlich der zweiten. Das Bundesgeietz. laut dem bei Arrest über 11 Tage die Arbeitslosenunterstützung entzogen wird, bietet die Handhabe dafür, Häftlingen und Angehaltenen das Letzte. das Einzige zu nehmen, was sie haben, sie zu Bettlern zu machen. DaS ist die«trafvcr- schnrning, die in hundert und aberhundert Fällen mit dem „humanen" österreichischen Anhaltclager automatisch ver- knüpft ist Es ist eben dieser„Begleitumstand", der'ür so viele das Anhallelagcr— mögen auch die Lebcnsbe- dingungen, Kost bnd Behandlung, immer im Hinblick ci»> deutsche Konzentrationslager, erträglich sein— zur Marter wacht. Der hohe Prozentsatz der Nervenerkrankungen in Wölkersdorf, ein Selbstmord und mehrere Sclbstmovdver- Keine vre sfieradsekiunL für flarhenanihel Berlin, 0. Dezember. Tie mit so großem Tamtam eingeleitete Aktion zur Be- kämpfnng der überhöhten Preise entpuppt sich immer mehr als ein Ablenkungsmanöver. Wirklich wirksame Maßnahmen sind bisher lediglich gegenüber kleinen Händlern und Hau- fierern angewandt worden. Sonstige preisliche Eingriffe, die z» einer tatsächliche» Herab.etzung des Preisniveau führen könnten, find bisher jedenfalls nicht getroffen worden. Bezeichnend für die Richtung der Preispolitik ist eine Er- kläruna des Reichskommissars für Preisüberwachung. Dr. Gocrdeler, in Bezug auf die Markenartikel. Dr. Gocrdelcr erklärte den Vertretern des MarkcnschutzverbandeS aus- drücklich, daß ein allgemeiner Eingriff in die für Marken- art'kcl bestehenden Preisbindungen vorläufig nicht beabsich- tigt»ei. Ter Rcichskommifsar behalte sich lediglich eine Nach- Prüfung der Preisgestaltung von Fall zu Fall vor. Jedoch wird diese Nachprüiung, soweit sie überhaupt erfolgt, unter Hinzuziehung der Vertreter des Markenschutzverbandes ge- fchehen. Wir erinnern bei dieser Gelegenheit, daß seinerzeit die Brüning-Regicrung denselben Goerdeler beaustragt hatte, innerhalb einer bestimmten Frist die Preise für Marken- artikel um 19 Prozent zu senken. Seitdem in Deutschland„die Regierung der nationalen Erhebung" besteht, sind eine ganze Reihe von Markenartikeln neuerdings im Preise erhöht worden. Aber die Hitlerregierung, die vorgibt, sozialistisch zu sein, hält es nicht für notwendig, die Preisbindungen bei Markenartikeln zu lockern und damit wenigstens eine teil- weise Herabsetzung des hohen Preisniveaus herbeiführen. Ein jeder weiß, daß die Kalkulation bei Markenartikeln ganz anders ist als bei den preislich nicht gebundenen Waren, und daß gerade hier die Relation zwilchen Selbst- kostcnpreis und Verkaufspreis außerordentlich hoch ist. Aber was tut nicht alles der Hitlersozialismus für das Wohl her Unternehmerschaft! „Reifflsweinbelrar Es gibt endlich im„dritten Reich" auch eine» Reichswein- betrat. Das ist nicht eine Institution, die geschaffen wurde, um den Weinkonsum der Ley-Gestalten zu regeln. Vielmehr loll dieser Rcichsivcinbeirat die Spitze der weinbäuerlichen Berufsvertrctung sein. Er wird nach einem eben vcröffent- lichten Plan beim Reichsnährstand gebildet. Dieser Plan enthält Angaben auch über einen Reichssachbeirai, einen Landesbeirat und Landcsweinbelrat, den Landcsbauernschaf- ten und Kreis- und BetriebSbeirätc.. Nur von den Winzern, um dir es doch dabei vorwiegend geht, ist bloß im letzten Absatz nebenbei die Rede! Dort heißt es, daß die landwirtschaftlichen Ortöfachberater, bzw. land- wirtschaftlichen Vertrauensmänner einen Winzer als Ver- trauensman» heranziehen können.„Können"— notwendig ist das nicht! Tie Winzer erfahren hierbei die gleiche Behandlung wie die Arbeiterschaft bei der Arbeitsfront: sie dürfen mit Bei- trägen ei» Heer von vielen lausenden Nazi-Bonzen mästen, die von Aibeitcrsragcn nicht die geringste Ahuung haben. Sie selbst aber haben kein Wörtchen mitzureden. Die Winzer werden nun vor Freude strahlen, wenn sie einmal ein neu- gebackcnes„RcichSwetnbciratsmitglieb aufsuchen wirb! suche sind darauf zurückzuführen, daß die Internierten den Gedanken an die hungernde Familie daheim, das Bewußt- sein, daß sie wieder„in Freiheit" vor dem Nichts stehen, nicht ertrugen. "Ik habe erst gestern," so rühmte sich Minister Fey nach Erlaß der Verordnung über die Anhaltelager,„oic neue Notverordnung unterschrieben, wonach man Personen nicht erst nach vollbrachter Tat, sondern schon vorher hinter Schloß und Riegel setzen kann." Die Entscheidung darüber, wer„hinter Schloß und Riegel" kommt, trifft in Oesterreich heute die Polizei. Sie ist heute die oberste„richterliche" Instanz. Lat ein Gefangener die Strafe verbüßt, zu der ihn das Gericht verurteilt hat, so wird er der Polizei unterstellt. Wurde er freigesprochen, das Verfahren gegen ihn eingestellt, einerlei, er kommt in die Gewalt der Polizei. Tie fragt telefonisch beim Sicher- heitskommissar an, was mit dem Mann zu geschehen hat, und das bestimmt, meist ohne Kenntnis des Aktes, ein, zwei, drei Monate, ein halbes Jahr, unbegrenzte Zeit Anhalte- lager. Im Mai traten die sozialistischen Internierten in Völlers- dor? in den Hungerstreik und verlangten: Festsetzung von Terminen ihrer Entlassung. Ihre Forderung wurde be- willigt freilich mit einer Klausel, die stark an das Geisel- prinzip gemahnt. Es wurde erklärt: Der Angehaltene geht nur dann frei, wenn in seinem Wohngebiet Ruhe und Orb- nung herrscht. Im übrigen: die Termine werden nicht ein- gehalten. Zunisch wurde erklärt:„Im roten Oktober geht kein Komunist frei", und als am 39. September 12s Sozial- demvkraten und Kommunisten zur Entlassung kommen sollten, wurden nnr 24 freigelassen. Selbst Schwerkranke wurden über den Termin gehalten. Einem Lungenkranken wurde der Termin verlängert, ebenso einem Arbeiter, der sich eine Gesichtslähmung zugezogen hatte Ein Mann, der an Magengeschwüren litt, wurde erst nach Wochen ins Spital überführt. Ein Entlassener berichtet „Der Prozentsatz der Erkrankungen ist»n>'>>. groß in Willersdorf und wächst jetzt stark in der kalten Jahreszeit. Sehr häufig sind Nerven- und Nicrenerkrankunge». In einem Saal, in dem 79 Leute untergebracht sind, wurden innerhalb einer einzigen Woche fünf auf der Bahre hinaus- geschafft. Im Marodenhaus liege»regelmäßig 299—399. Ost dauert es wochenlang, bis ein Kranker ins Spital gebracht wird. Ein Arzt ging freiwillig, es war ein Hcimwchrarzt, weil er für die Kranken nichts ausrichten konnte. Jetzt werden die Aerzte alle 9 Wochen gewechselt, wohl damit sie sich nicht mit den Patienten anfreunden. Schlimm ist die völlige Abgeschlossenheit von den Angehörigen, man darf wohl ichreiben unter strenger Zensur, aber Besuche sind überhaupt nicht erlaubt. Dazu bedarf es einer besonderen Bewilligung des Bundeskanzleramtes, die nnr sehr schwer zu haben ist. Es kommt auch besonders in kleinen Nestern vor, daß man die Frauen in Abwesenheit der Männer aus dem Ort, in dem sie vielleicht jahrzehntelang mit dem Mann gelebt haben, in ihre Heimatgemeinden abschiebt, auf solche Weise nicht nnr die Existenz der Menschen, sondern auch ihre Familie völlig zerstört." Wie man sieht: die österreichischen„Anhaltclager" sind mit »ichtcn die weißen Raben, als die sie die christliche Regierung hinzustellen liebt. lSchlnß folgt) Rcr..halte Pogrom" Aufsehenerregender Artikel der„Times" London, 4. Dezember 1934. „Time S" veröffentlichen eine» spaltenlangen Artikel aus Berlin, in dem aus die Wirkungen des„kalten Pogroms" gegen die Juden in Deutschland hingewiesen wird. Die Zeitung stellt fest, daß in neuerer Zeit weitere 10000 Inden durch Maßnahmen der Regierung ihrer Existcnzbasis in Deutschland beraubt wurden. Die Wirtschastsbasis der deutschen Juden verengt sich immer mehr, ivcil fortgesetzt die freie» Berufe den Nichtariern versperrt werden.„Times" treten der jüngst im Auslände verbreiteten Auffassung ent- gegen, als ob bisher die Wirkungen der antisemitischen Gesetz- gebnng der deutschen Naziregicrnng als übertrieben dar- gestellt worden seien. So habe man zum Beispiel erklärt, daß jüdische Bankiers von der Neuordnung der Dinge fast nicht berührt wurden, weil der NeichSminister und Rrichsbank- Präsident Dr. Schacht es verstanden hätte, ein Vorgehen gegen die Juden im Wirtschaftsleben zu verhindern, um die Unruhe von der Wirtschast fernzuhalten. Alle diese Behaup- tungen, stellen„Times" fest, stimmen nicht ganz. Die Schraube wird besonders gegen jüdische Angehörige der freien Berufe und gegen die jüdischen Kleinhändler angesetzt, der Druck ist ein stetiger und vernichtender. Tic von Dr. Goebbels geleitete Knlturkammer wendet den Ariergrundsatz erbarmungslos nicht allein gegen ausübende Künstler an, sondern auch gegen die mit dem Knnstleben verbundenen Wirtschastsmänner und die Angestelltenschast. Infolge dieser Wirksamkeit der Knlturkammer sind etwa 2999 jüdische Fa- Milien, deren Ernährer im Theater und Filmlebcn beschäs- tigt waren, aus die Straße geworfen worden. Die gleichen Methoden werden von der Kammer für bildende Künste angewandt: auch dkcse Kammer hat es erreicht, daß 500 jüdische Künstler mit ihren Familien brotlos wurden. Außer den zahlreichen jüdischen Journalisten, die aus dem Presse- leben eliminiert wurden, sind nun auch tausende Juden, die ivirtschastlich mit dem Prcssegeschäi't verknüpft waren, durch Goebbels' Pressekammcr aus die Straße gesetzt worden. Man grcii'c nicht zu hoch, wenn nian die Zahl der jüdischen Fa- Milien, die in der letzten Zeit durch die Goebbelsschen Kam- mern ihrer Existenzbasis beraubt wurden, mit 19 999 ansetzt. „Times" bemerken noch, daß Dr. Schacht ernstlich l>c- müht sei, das Los der Nichtarier erträglicher zu gestalten. So z. B. intervenierte Dr. Schacht kürzlich in Brannschweig gegen den in Zusammenhang mit Streichers Brannschweigcr Besuch dort proklamierten antijttdischcn Boykott. Er erließ als Wirtschaktsminister eine Verordnung, die Bonkottposten vor den jüdischen Geschäften zurückzuziehen. Als dies geschah, Strömte das Publikum, das anscheinend mit den antiscmiti- che« Fanatikern nicht übereinstimmt, in die jüdischen Ge- schäste. Synagoge In nie Infi gesprengt Berlin, 4. Dezember 1934. Die Synagoge in der Stadt ArhauS in Westfalen ist in der Nach» mit Dynamit in die Luft gesprengt worden. Die Andachtsstätlc der Juden von Arhans ist vollkommen zer- stört. Tie Polizei fahndet nach den Tätern. „Gerildile" Und was daran schuld ist Man schreibt uns aus Hessen: Der Reichsstatthalter Sprenger von Hessen, bekannt als Diätensprengcr noch in der Zeit vor Hitlers Machtüber- nähme, scheint außer dieser Untugend noch eine andere schlechte Eigenschaft zu haben Wir meinen ja jetzt nicht die Angelegenheit mit seiner Villa. Danach srägt ja unsereiner nicht. Das interessiert die SA. mehr.„Sprenger, wo hast du deine Villa her." ivar an einem schönen Morgen in roter Jnschrist zu lesen ans dem Bürgerstcig vor der Villa. Trotz der Leibgarde, die das Haus ständig bewachte. Es gibt in Hessen einen Witz über den Reichsstatthalter. das heißt es gibt viele Witze über ihn. Er dürste dem Göring bald den Rang ablausen. Aber einer ist doch sehr bezeichnend für ihn: Eine Fran kaust sich einen Wäsche- sprenger in einem Warenhaus. Nach einigen Tagen beklagt sie sich bei dem Abteilungsches, daß die Sache nicht richtig funktioniere. Während die Frau schildert, wie sie den Sprenger verwendet habe, fällt der Verkäufer ihr in das Wort:„Vor allem müssen Tie beachten, der Sprenger funk- tioniert nur, wenn er voll ist." Das weiß man in Hessen schon lange, daß dem so ist. Es war vor Jahresfrist ungefähr, als der Statthalter Plötz- lich erkrankte. Was war denn über diese» sonst so starken robusten Menschen gekommen? Der Herr Reichsstatthalter wohnte einer Veranstaltung im Landestheatcr bei. Und weil Nüchternheit bei ihm eine Seltenheit ist, ivar er selig. Ob es nun Begeisterung ivar oder eine Schwäche, der Herr Reichsstatthalter verrichtete plötzlich ei» Gcschäftchen von der Loge herunter. Mag das Publikum hier wohl auch „Heil" gerufen haben. Jedenfalls sein Adjutant erfaßte die Titnation blitzschnell und verbrachte seinen teuren Herrn in das Sanatorium. Im Frühjahr 1934 sollte anläßlich der 2999-Kilometcr- fahrt durch Hessen der Herr Reichsstatthalter in einer Kundgebung in Mainz sprechen. Die Ankunft verzögerte sich stark. Endlich um ein Uhr erschienen die Volkswagen. Der Statthalter mit seinem Gefolge kam geschritten. Ja aber was ist denn das? Der Mann scheint ja vollkommen gebrochen. Sein Adjutant zur Rechten und ein anderer Pg. znr Linken, so wankten drei Mann zur Tribüne. Es war keine Schwäche, der Herr Statthalter hatte mal wieder „einen sitzen". 29 999 oder noch mehr Menschen stehen schon stundenlang in Ei Wartung. Aller Augen ruhen auf den Lippen des Herrn Statthalters. Von seinen Lippen kommt aber nichts als ein widerlicher Alkoholgcruch. Die Mundwinkel triefen von dieser zuviel genossenen Flüssigkeit Der Reichsstatthalter will sprechen. Es geht nicht. Er lallt einige unverständliche Worte. Nun versucht es der Adjutant: auch er bringt keinen Ton mehr heraus. Die drei verließen, wie sie kamen, wankenden Schrittes die Ehrentribüne. Mit stummen Gebärden ver- folgte die Menge diese Vorgänge. Niemand wagte die ge- hcimnisvollc Stille zu brechen, die über der ganzen Menschenmenge lag. Da endlich erscheint eine Fran auf der Tribüne. Es war eine Führen» der NS.-Frauenschuft. Sic richtete nun ungefähr folgende Worte a» die Ver- sammelten:„ES ist bedauerlich, daß unser.Herr Rcichsstatt- Halter in einem solchen Znstande erscheinen mußte, aber" fuhr sie mit erhobener Stimme fort,„Schuld daran sind d'i c Winzer und Bauern des Rheingaucs, bei denen der Herr Reichsstatthalter zu Besuch war, die unserem Herrn Statthalter so viel zu trinken gaben. Dieses schäm- lose Verhalten der Bauern muß aus das schärfste verurteilt werden. Diese Leute ldie Weinbauern! haben keinen Platz mehr i» der Volksgemeinschaft. Tie gehören in das Konzen- tralionslagcr nach Osthofen." Nach dieser Pantoffelrcde war die Kundgebung geschlossen. Wie gesagt, das sind so„Gerüchte" in Hesse», und es gibt sehr viele, die sie als angebliche Augen-»nd Ohrenzeugen verbreiten. Wie steht eigentlich der„Führer"»nd Reichskanzler zn seinem Reichsstatthalter Sprenger? In Hessen möchte man das gerne wissen. Ueberau Gerüdifemather „Das Zuchthaus noch zu wenig" Braunschweig, 5. Dez. Auf dem Kreisparteitag der NSDAP, des Kreises Gandersheim wandte sich der Gau- l e i t c r von S ü d h a nno v c r- B r a»n s ch w e i g, Schmalz, mit scharfen Worte» gegen die Gerüchtemacher. Es sei zuweilen schwer, den getarnten politische» Gegner und Verleumder zu erkennen, und da? mache de» Kampf schwerer als er einst gewesen sei, als der Gegner nach außen hin kenntlich gewesen sei. Wenn gegen die Gerüchtemacher nicht energisch vorgegangen werde, dann würden sich diese erkühnen, auch vor der höchsten Autorität nicht halt zn machen. Es sei nicht nur Klatschsucht und Dummheit, wenn immer wieder über diese oder jene Führer Vcrdäch- tigungen ausgesprochen würden, sondern die Urheber dieser Gerüchte hätten durchweg die bewußte Absicht und den bösen Willen, ins Volk langsam das Gefühl zn pflanzen, daß die politischen Kampier nicht Vorbild genug seien. Des- halb sei es notwendig, sich gegen die Gerüchtemacher zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammenzuschließen. Gegen Saboteure werde mit aller Strenge vorgegangen, für Gc- r ü ch t c m a ch c r aber sei das Zuchthaus noch zu w c n i g. Die Reidigewordenen spielen Wohltun Göring, Goebbels und andere gehen sammeln Berlin, 9. Dezember. Am kommenden Samstag, dem Tag der nationalen Soli- darität, findet in ganz Deutschland eine große Sammelaktion zugunsten des Winterhilfswerks statt. Eine große Anzahl von höheren Beamten und führenden Persönlichkeiten der Reichsministerien beteiligen sich an der öffentlichen Tammel- tätigkcit. 11. a. werde» Reichspropagandaminister Goeb- bcls. Ministerpräsident Göring, Oberbürgermeister Sahm, TA- n»d SS.-Fiihrer, bekannte Schauspieler u»l Schauspielerinnen in den Straßen für die Notleidende^ sammeln. Luxemburger Sensation Kommunisten verschwinden aus der Kammer Arfteifserfaubnis für deutsche Fifidiflinge Paris, 4. Dez. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur er- fährt, gestatten sich die Verhandlungen jüdischer Persönlichkeiten mit Mitgliedern der französischen Negiernng über(v>c- währuug von Arbeitserlaubnissen für deutsche Flüchtlinge in Frankreich hoffnungsvoll: es wird erwartet, dag die srgn- zösischen Behörden in kurzem<51100 deutschen Flüchtlingen Arbeitserlaubnis gewähren werden. Eine weitere Abmachung zwischen den zuständigen fran- zösischen Behörden und jüdische» Organisationen betrifft das Schicksal der aus Frankreich ausgewiesenen Flüchtlinge: de- ren Lage dürste in der Weise geregelt werden, dag die jüdi- schen Organisationen cS übernehmen, die Ausgewiesenen all- mählich in andere Länder zu befördern. riUditlingstragödien in Poris Paris, 4. Dez. lZTA.i Eine aus Teutschland geflohene rusfischc Jüdin namens Ezerwonagurska, die aus Frankreich ausgewiesen wurde, sprang nach Erhalt des Aus» w c i i u n g S bc>' chl S mit i h rem 8 Vi o n a t e alte n Kind in die Seine. Sie wurde gerettet, ist aber infolge oer ausgestandenen Leiden geistig zerrüttet. Eine andere auS- gewiesene Flüchtlingsfrau, die ebenfalls in die Seine sprang, konnte nur noch als Leiche geborgen werden. Sdnveizcrisdie Pressefreiheit Für c i n Volksbegehren zum Schuhe der Pressefreiheit hat die S o z i a l d c m o k r a t i f ch c Partei der Schweiz aus Anlast der BnudesratSver- ordnung vom 26. März lü-84 ausgerufen. Durch diese Ber- ordnung hat der Bundesrat sich daS Recht zuerkannt, Zeitungc n zu verwarnen oder auf.'feit zu verbiet c n, wenn sie„die guten Beziehungen zwischen der Schweiz und anderen Staate» stören", ans Deutsch: wenn sie die Untaten der faschistischen Regierungen freimütig kritisieren. Der Ans- ruf für das Volksbegehren(„Initiative"! weist darauf hin, dast das Volk zweimal, zuletzt am ll. März 1634. solche Be- schränkungen der Pressefreiheit abgelehnt hat, und verweist au! die Verbote der Schweizer Zeitungen im„dritten Reich", während die deutsche Nazipresse in der Schweiz frei verkauft ivird. Das Volksbegehren bekräftigt den bestehenden Artikel•"> der Bundesverfassung tGewährleistung der Pressefreiheit) und fordert folgende Weiche: 1. Es ist untersagt, inländische Prcsserzcugnisse zu»er- bieten, der Zensur oder anderen derartigen Mastnahmcn zu unterstellen. 2. Verfügungen, Erlasse und Weiche, die die Pressefreiheit verletzen, können beim B n n d e s g c r i ch t a n g e- fochten werden. g. Damit ist die bezügliche Bundesratsvcrord- n u n g aufgehoben. Luxemburg, 5. Dezember. Luxemburg hat bisher als einer der ganz wenigen euro- päifchcn Staaten— vielleicht lag das an der besonders guten Finanzlage des Landes— au seinen demokratischen Einrichtungen festgehalten. Wenn es auch keine entschiedene Demokratie war, die in Luxemburg gesteuert wurde, so hatte mau dennoch die Gewähr, dast der Volkswille einigermasten respektiert wurde. Tie beiden Wahlen dieses Jahres brach- ten eine Entscheidung der Volksmassen für ein Festhalten an der Demokratie. Am 3. Juni wurde der erste Kommunist in die Luxemburger Kammer gewählt, und am 14. Oktober ivählten sich drei Luxemburger Gemeinden je einen Per- tretcr in ihr kommunales Parlament. In der ersten Kammcrsitzung Ansang November hatte man die Gültigkeit der Wahl des einen Kammerkommunistcn mit der Begründung abgelehnt, dast er in Anlehnung an ein bestehendes Luxemburger Gesetz deshalb nicht wählbar sei, weil er A r m ennnter stütz u n g bezogen habe. Da diese Begründung unhaltbar war. wurde sie zurückgezogen. Tie Kammersektion, die diese Wahlprüfung zu unternehmen hatte, dehnte ihre Untersuchung aus die ganze kommunistische Liste aus und am Dienstag wurde in der Kammer— die einen grasten Tag hatte— verkündet, dast die ganze kommunistische Liste nicht gültig sei, weil die Partei im Gegensatz zur Verfassung und Staatsreform stehe, die man mit Gewalt stürzen wolle und darum kein Koi»mu»ist den Eid aus die Vcrsassung leisten könne. Die Abhängigkeit von der 3. Internationale usw. wurden als Grund angegeben. Der Bericht, ein klerikaler Advokat, betonte, dast. weil man die demokratischen Freiheiten des Landes schützen wollte, Zeitz In freilieft! Nach zehnmonatiger Haft Wie», 6. Dezember. Der ehemalige sozialdemokratische Wiener Bürgermeister Scitz, der Ende August wegen feines schwer erschütterten Gesundheitszustandes- Seitz ist 6ö Jahre alt— in ein Wiener Sanatorium gebracht worden war, wo er streng be- wacht wurde, ist heute aus der Haft entlassen worden und konnte sich in seine Privatwchnung begeben, wo ihm aller- dings die Benutzung des Telefons zunächst noch nicht gestattet ivird. jede Tiktaturbestrebung. ob sie nun von links oder rechts komme, ablehnen müsse. Um der Arbeiterpartei, also der Sozialdemokratie, dieses Vorgehen schmackha'ter zu machen, ernannte man eine» der ihren zum Nachfolger des ausscheidenden Kommunisten. Ter kommunistische Kandidat hatte in einer annähernd eineinhalbstündigen Rede seine entgegengesetzte Ansicht zum Ausdruck zu bringen. Ter Führer der Sozialdemokratie, Vizepräsident Rene Blum, hielt eine Rede, in dex er vom juristischen als auch politischen Standpunkt aus dieses Vor- gehen geistclte und der Regierung für den Fall, dast sie auf diesem Wege fortfahre, den entschiedensten Kampf aller Demokraten ansagte. Ihm stimmte aus dem bürgerlichen Lager ein Deputierter der Moseldemokraten und ein Unab- ftängigcr zu. Blum verlangte Neuwahlen in dem Bezirk, da der Kommunist gewählt war, was aber die Mehrheit ab- lehnte. Aus eine Frage Blums, ob auch die Kommunisten in den Kommunen abgelehnt werden, erwiderte der liberale Innenminister, dast die Regierung keine gesetzliche Mög- lichkeit hierzu habe und die Kammcrmchrheit souverän in ihrer Entscheidung war. So haben wir in Luxemburg die Kuriosität, dast die KPL. in der Kammer als staatsfeindlich nicht vertreten, in den Gemeinderäten sitzen und stimmen und als Partei agitieren kann. Die Arbeiterpartei, die dieses Verhalten der Mehrheit der Bürgerlichen in ihrem Organ scharf ablehnte, lästt die Regierung und die Mehrheit nicht im unklaren darüber, dast man vor entschiedenstem Kampf nicht zurück- weichen wird, wenn dieser Schritt etwa der erste Schritt auf dem Wege zu einem österreichisch gefärbten Faschismus sein sollte. Paris Deutscher Klub Am Samstag, dem 8. September, Um 21 Uhr. Geselliges Beisammensein mit Tanz. Damen und Herren sind als Gäste sehr gerne willkommen. Eintritt für Mitglieder frei, für Gäste 5 Franken(Stellungslose 3 Franken). Die Adresse des Deutschen Klubs lautet: Salons I.e Peristyle. 31 bis, Rue Vivienne, Paris II(Metro: Bourse).— Demnächst tritt Ernst Busch im Deutschen Klub auf. Für den(Selomtlnjolt veronlevorlltch: Johann P> tz In Dud- ereilet: fßr Inserate: Ctto Kuhn In Socbrlirfen Nolollonddrilck und Verlag: Verlag der Volkdsllmme SaarbrüNen 3. Schßtzenslraste 5.— Schließfach 776 Saarbrücken Das Buch des Tages! Es kommen zu Wort: Der Großindustrielle Hermann Röchling. Der Führer der Deutschen Front, Pirro. Der Pfarrer Wilhelm. Der Vorsitzende der Handwerkskammer, Schmelzer. Gräfin von Roedern. Der Propagandaleiter der Deutschen Front, Peter Kiefer. Minister /Joricic. Drouard. Vorsitzender der französiseh-saarländischen Handelskammer. Raspail, Direktor der Mines Domaniales. Dr. Velleman, Generalsekretär der Abstimmungskommission. Exzellenz Galli, Vorsitzender des Obersten Abstimmungsgerichtes. Dr. Martiner, General- Advokat beim Obersten Abstimmungsgericht. Landgerichtsdirektor Steinfels. Johannes Hoffmann, hührer der katholischen front. Max Braun, Vorsitzender der Sozialdemokraten. Fritz Pfordt und Philipp Daub, führende Funktionäre der Kommunisten. Julius Schwarz, Vorsitzender des Bergarbeiterverbandes. Arbeiter und Bauern, Geistliche und Handwerker, Hausfrauen und Schulkinder, Kaufleute und Lehrer. Inhaltsangabe: Mitten in Europa 1934. Deutsch sein. Hitler vor den Toren. Hier regiert der Völkerbund. Die toten Seelen. Kommt die Wirtschaftskatastrophe?. Gleichschaltung der Sklaverei?. Die Front der Schwankenden. Die katholische Fronde. Die Einheitsfront. Das andere Deutschland. Ein Würfel fällt an der Saar Die WahrheitüberdieSaar! Das Reportagebuch für jedermann! 180 Seiten, zweifarbiger Umschlag, bessere Ausgabe Fr. 12,—(Sfr. 2,40), billige Volksausgabe Fr. 6,—(Sfr. 1,20). RING-VERLAG AG., ZÜRICH Zu beziehen in allen Buchhandlungen oder bei der Buchhandlung der Volksstimme G.m.b.H. Saarbrücken 2, Trierer Straf) e 24/ Postscheckkonto Saarbrücken 619 •'•"V v'' WW ''! HIER SPRICHT DIE SAAR Ein Land wird interviewt von THEODOR BALK Dr. Hans Neikes Hermann Röchling fc-'., J a k o b P i r r o Pfarrer Wilhel m Peter Kiefer Wilhelm Schmelzer Pf a r r e r N o I d Minister Zoricic Exzellenz Galli DV. Martina Direktor Raspai.l ' D r... V e Neman Johann Hoffmann Max Braun Fritz Pfordt f*h i I i p p D a u b Julius Schwarz »Bergar b e i te r Hau s f r a ü e n Hüttenarbeiter Landwirte G e ist Ii che Schulkinder und viele andere