0!/•/> uulfckc Linzzge unadhangSge Tageszeitung Deutschlands Nr. 274— 2. Jahrgang Saarbrücken, Samslag, den 8. Dezember 1934 Chefredakteur: M. Braun Sie Saat füt zin fceies Seutschla'Ad {Bedeutung dec Qenfec{Beschlüsse Seite 2 Hitlers Ihcordiher beseitigt Die„Drediung der Zinshnedifsdiaif und das„redergeld" in Pension gesdT.tifi Sein geistiger Führer Berlin, 7. Dezember. Die Beseitigung des bisherigen Oberpräsidenten und Ganleiters von Schlesien, B r ü ck n e r, aus allen seinen Aemtern und die Ausstoßung aus der Partei ivird mit seinem„Will- kurregiment" begründet, was aber nichts anderes besagt, als daß er versuchte, sich gegen die hohe Bürokratie, den Hoch- kapitalismus und die feudalen Großagrarier seiner Provinz durchzusetzen. Brücker wird auch vorgeworfen, daß er mit © t't o. Str o ße.r in Verbindung getreten sein soll, ivas nur eine Bestätigung für die sozialistische Einstellung des bisherigen ichlesischen Gauführers iväre. Er ist den alten reaktionären Kräften erlegen, die einst und jetzt wieder un- beschränkte Herren dieser Provinz gewesen sind. Taß man auch die Lebensführung Brückners beanstandete, wurde erst von Bedeutung, als Brückner politisch mißliebig war. Wer sich bei Hitler nicht in politischer Ungnade befindet, kann in der Lebensführung die schlimmsten Verstöße gegen die Sitt- lichkeit begehen. Ob Brückner, ivie behauptet ivird, inzwischen in Haft genommen ist, steht noch nicht fest. Biel deutlicher noch als im Falle Brückner offenbart sich Hitlers.Abschied von den alten Ford^ruuaen und Grund- säyen seiner Partei, die in dem Parteiprogramm als u u- abändcrlich bezeichnet werden, in dem tiefen Sturze Gottfried Feders. Die schon vor Wochen von uns angekündigte Beseitigung Feders aus jeglichem Einfluß wird nun amtlich bestätigt. Nicht nur, daß ihm sein schon seit Monaten praktisch er- lcdigtcs Ttaatssckrctariat im Reichsmirtschastsministerium genommen wird, nicht einmal Reichskommissar für Sied- lungswesen bleibt er. Nur das gesetzliche Wartcgcld wird für ihn gerettet und eine Professur an der Technischen Hoch- schule in Eharlottenburg, wo er aber nur über das ganz ungefährliche Thema„Bauwesen" lesen darf. Um die Bedeutung Gottfried'Feders für die sozusagen gei- stige Entwicklung Adolf Hitlers und die Programmatik sei- ner Partei zu kennzeichnen, geben ivir unten dem„Führer" und Reichskanzler ans seinem Buche„M e i u K a m p s" selbst das Wort. Gottfried Feder war für die geistigen Grundlagen der Partei das, was Röhl» für die Organisa- tion ihrer SA. gewesen ist. Feder hat die geistigen und Röhm hat die materiellen Waffen geliefert, zeitweise aus den Reichswehrfonds und aus reichen Bekanntenkreisen, zumal im Ansang, auch die Geldmittel. Feder und Röhm habe» den Adolf Hitler aus dem Nichts erst hervorgeholt und haben ihm' den politischen Start ermöglicht. Röhm ist zum Dank, als er nicht mehr gebraucht wurde, erschossen worden und Feder wird entmachtet in die Ecke gestellt, da nicht seine Persönlichkeit, aber seine Idee— Brechung der Zinsknechtschaft— für den aus der Partei zum Kapitalismus und zurReichswehr desertierten Hitler gefährlich ist. Da Feder keine schlagkräftige Organisation hinter sich hat wie Röhm, ist sein Leben nicht in Gefahr. Gottsried Feder war, so monomanisch eng seine geistige Lei- stung auch geblieben ist, immerhin der einzige, wirklich der einzige Nationalsozialist, der sich Gedanken wirtschaftlicher und finanzpolitischer Natur machte. Daß Hitler aus diesen Gebieten krasser Ignorant ist und auf jedem anderen Gebiete höchstens Angelesenes mit großem rhetorischen Schwung von sich gibt, weist jeder halbwegs unterrichtete Mensch. Feder, von Beruf Diplomingenieur im Bauwesen, hat sich seit 1917 wirtschaftliche» und finanzpolitischen Studien zuge- wendet. Er hat am Kriegsende den Deutschen K a m p s- bund zur Brechung der Zinsknechtschaft ge- gründet und im Jahre 1919 das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft verfaß t. Das Programm der NSDAP, das heute»och„unab- änderlich" besteht und für das mit ihrem Leben einzustehen Hitler und alle anderen Führer der Partei in dem Schluß- satze des Programms sich feierlich verpflichten, ist im We- scntliche» das Werk des nun verstoßenen Gottsried Feder. „Führer" und Partei haben ihn immer als ihren Theoretiker anerkannt Bon ihm stammt die ausführliche Erläuterung des nationalsozialistischen Programms.„Der deutsche Staat ans nationaler und sozialer Grund- l a g e", erschienen im Fahre 1923. Ein Fahr später verfaßte tx Tie Aufwertung und Brechung der Zins- k n ech tschaft". Fit den späteren Fahren gab er die oifi- zielte Schriftenreihe„Nationalsozialistische Bibliothek" her- aus, etiva 50 Hefte. Heft 1 lautet„T a s P r o g r a m m der n a t i o n a l s o z i a l i st i f ch e n deutschen Arbeiter- parte! und ihr e weltanschauliche lt Grundlage n". Außerdem ivar er Herausgeber der parteiossiziellen Wochenschriften„Tie Flamme" und„Deutsche Wochenschau". Er war Mitglied der Reichsleitung der NSDAP., erster Porsitzender des Reichswirtschaftsrates der NSDAP, und Hauptabteilungsleiter der Hauptabteilung B"a: Staatswirt- fchaft der Reichsorganisationsleitung der NSDAP. Mitglied des Reichstags war er seit 1921, gehörte also zur ersten Fraktion der NSDAP. Nach der vollständigen Kaltstellung seines geistigen Vaters und Programmatikers, Gottfried Feder, wird Adolf Hit- lcr gut daran tun, den Titel seines Lcbensbnches so zu ergänzen, wie cS seiner eigenen Entwicklung entspricht: „Mein Kamps für den deutschen Hochkapitalismuö". Mit Gottfried Feder wird auch der Reichsjustizkommissar, Dr. F r a n k, in die Wüste geschickt. Während man Gottfried Feder als einen monomanischen Idealisten bezeichnen kann, ist Dr. Frank einfach ein erblich belastetes, korruptes Subjekt. Gerade deshalb belaßt man ihm wohl auch nach seiner Eiu- machtung das Ehrenamt als Präsident der Akademie für deutsches Recht. Warum auch nicht, wen» ein Mann wie Göring. dem unwidersprochen und ohne daß er zu klagen wagt, Brandstiftung und Meineid dokumentarisch vorgeivor- sen ivird, in dieser Akademie einen Vortrag über die Rechts- guellen des Nationalsozialismus halten darf. Daß die jetzige Säubcrungsaktion Adolf Hitlers mit Sauberkeit nichts z» tun hat, beweist gerade dieses Ehren- amt für Dr. Frank, einen Menschen, der unter Mißbrauch seines Ministcramtes seinen ehrlos aus dem Anwalts- stände ansgestoßenen Vater ans reinen Geschästsgrttndc» wieder zum Rechtsanwalt machte und in denselben Zu- sammenhängen seinen Gegner, den München» Rechtsanwalt Strauß ermorden ließ. Tie deutschen Juristen, die wohl noch ihre Rechtsgelehrsam- keit besitzen, aber ihren Charakter verloren haben, werden sich mit dem Teilerfolg gegen Frank begnügen. Sie sind be- rnhigt, weil nun der alte Fachmann Dr. Gürtner allein das Zieichsjustizministerium führt, ein Mann übrigens, dem Rechtsbeugung zugunsten der Nationalsozialisten unser juri- stischer Mitarbeiter Haus Kilian in der„Deutschen Freiheit" eingehend nachgewiesen hat. Adolf Hitler hält furchtbare Musterung unter den Män- uern, die ihn hochgetragen haben, und die sich weigerten, wie er, die Grundsätze und Forderungen zu verraten, die Miklio- uen und Abermillionen Deutsche in grober Täuschung für den„Führer" und seine Ziele gewonnen haben. Röhm, Ernst, Heines, Schepmann, Rebitzki, Werner, Killinger, Renteln, von der Goltz, Keßler, Martert, Karpenstein, Feder, Frank sind nun dahin, begraben oder politisch tot. Leu, Darre und andere werden folgen, Leu bat im Oktober auf dem Gau- Parteitag in Köln ahnungsvoll erklärt: In den letzten Monaten hat mancher alte Kämpfer unsere Bewegung verlassen. Das ist bedauerlich und schwer. Ich hosse jedoch, daß sie alle wieder einmal zu uns zurückkehren werden. Viele gehen und werden gegangen und keiner kehrt zurück. Die Worte Leys beweisen, daß dein Mord und dem Hinaus- wurf oben, eine Massenslucht alter Kämpfer unten entspricht. Adolf Hitler entpuppt sich nun auch für Harmlose als das, wofür ihn geschulte Sozialisten immer gehalten haben: ein demagogisch und organisatorisch begabter, in jeder Beziehung skrupelfreier, politisch treuloser, in seinem Machtwahn von keiner Hemmung kontrollierter Mann, der weder eine nalio- uale, noch eine sozialistische Ueberzeugung hat, weder eigenen politischen»och sozialen Zielen zustrebt. Die Offiziere und später die kapitalistischen Geldgeber brauchten den Volks- tribunen mit der großen rednerischen Orgel und der Her- kunft aus der Tiefe zum demagogischen Einsangen von klein- bürgerlichen und später proletarischen Volksmassen, die sich durch deklassierte Offiziere und durch Unternehmerstindizi nicht hätten täuschen lassen. So ist eS Adolf Hitler gelungen bis ans die Spitze der Staatspnramide zu gelangen. Dort wird er als„Volks- kanzlcr" aber nur noch von denen gehalten, die ihn nicht gemacht haben, um demagogische Versprechen Z« Das französische ßapaiio Genf, den 7. Dezember 1934. Am gleichen Tage, an dem die Welt von der Entsendung von internationalen Truppen nach der Saar und von dem Recht der Saarbevolßerung auf eine zweite Ab- stimmung erfuhr, ereignete sich hier ein Vorgang von größter politischer Tragweite. Der russische und f r a n z ö s i s ch e A u sz e n- m i n i st e r haben miteinander zwei Briefe ausgetauscht, in denen sie sich gegenseitig verpflichten, keine zweiseitigen Abkommen abzuschließen, solange die B e r h a n d- lungen über den Ostpakt im Gange sind. Dieses neue Abkommen bedeutet ein weiteres enges Zu- sammengehen der beiden mächtigsten Militärstaaten Europas in den wichtigsten außenpolitischen Fragen. Es ist gewissermaßen eine Bestätigung der Entente zwischen den beiden Ländern, von der neulich Abgeordneter Archimbaud in seiner aufsehenerregenden Rede in der Kammer sprach. In diesem Briefwechsel wird die Grund- läge für das bereits praktisch bestehende Bündnis zwi- sehen Frankreich und Rußland geschaffen und den Genfer Dokumenten kommt.die gleiche Bedeutung zu. wie dies seinerzeit dem Abkommen von Rapako, das zwischen Rathenau und Tschitscherin abgeschlossen wurde, bei- gemessen wurde. Das neue Abkommen stellt im gegenwärtigen Augen- blick gewissermaßen eine Rückendeckung für Sowjetruß- land dar, das durch Gerüchte über eine deutsch-sranzö- fische Verständigung beunruhigt und seine engen Be- Ziehungen zu Frankreich gefährdet sah. Es ist anzu- nehmen, daß Litwinow durch verschiedene falsche Infor- mationen der französischen und vor allem der deutschen Presse, denen zufolge die Unterredung zwischen Laval und von Ribbentrop die Einleitung direkter Verhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland bedeute, veranlaßt worden ist. seinen französischen Kollegen um eine solche formelle Versicherun zu bitten. Laval hatte in zwei Unterredunen den russischen Volkskommissar über die wahre Bedeutun seiner Aussprache mit Ribbentrop auf- geklärt. Das neue Abkommen zwischen Laval und Litwinow bedeutet also zunächst einmal, daß vorläufig zwischen Frankreich und Deutschland eine Verständigung nicht möglich ist. Diese Verständigung wird jetzt nur unter der Voraussetzung möglich, wenn sich das Hitler-Reich dem von Sowjetruhland vorgeschlagenen Ostpakt anschließt. Bisher hat aber Hitler-Deutschland sich gegen den Ost- pakt mit aller Entschiedenheit gewehrt, da er den ge- Heimen kriegerischen Plänen Hitlers und Rosenbergs gegen Sowjetrußland einen Riegel vorschieben würde. Hitler-Deutschland ist es sogar gelungen, in der Ostpakt- frage Polen für sich zu gewinnen. Der polnische Außenminister Oberst Beck hat unter dem Einfluß der Wilhelmstraße und Marschall Pilsudskis, der. ebenso wie Rosenberg, für eine kriegerische Auseinander- setzung mit Sowjetrußland ist, Frankreich gegenüber wiederholt erklärt, daßPolen zweiseitige Abkommen, nach dem Vorbild des deutsch-polnischen Freundschaftsvertra- ges, dem Ostpakt vorzieht. Mit dem neuen Abkommen mit Litwinow bringt Laval deutlich zum Ausdruck, daß er den polnischen Standpunkt in der Ostpaktsrage nicht teilt und daß er gegebenenfalls bereit ist, auf die polnische Freundschaft zugunsten einer Freundschaft mit Sowjetrußland zu verzichten. Der Briefivechsel zwischen Litwinow und Laval be- deutet in der gegenwärtigen außenpolitischen Situation einen großen Erfolg Sowjetrußlands, das heute in Europa in engster Verbindung mit Frank- reich eine lebhafte Aktivität entwickelt. erfüllen, an die seine„alten Kämpfer" naiv geglaubt hoben, sonder« um den ernsthafte» Sozialismus um Macht und Einfluß zu bringen. Adolf Hitler mag noch eine Weile ein wirksames Schauobjekt sein, aber er„führt" längst nicht mehr. Seine Daseinsberech- tignng besteht nur noch darin, die Stoßkraft der alten Mächte in Staat und Gesellschaft gegen die Kleinbürger, Arbeiter und Bauern zu sichern und zu erhöhen. Ob es nun unter der Firma T ch a ch t und B l'o m b e r g oder unter anderen Namen geschieht: Hitler ist nur noch der Prokurist der hoch- kapitaliftisch-seudal-agrarischen Herrenschicht. Hitlers offener Abschied von seinem sozialistischen Volks- betrug wird die Arbeit und de» Ausstieg der sich von rechts und von links her sammelnden revolutionären Kräfte er- leichtern, die Hitlers Vernichtung und die Entmachtung seiner Auftraggeber wollen und erreichen werden durch das Ziel eines Deutschland nationaler Freiheit und sozia« listischeF Ordnung. „ßcolsdte Chrisren" Alle Versammlungen der Gegner sind EU verhindern Berlin, ß. Dezemocr. Aus einem Gaubefehl der Deutschen Christen von Halle-Merseburg entnimmt man folgende Einzelheiten: »Jede gegnerische Versammlung ist dem Pfarrer Herzog mit- zuteilen, damit Diskussionsredner gestellt werden können. Die gegnerischen Versammlungen sind entweder zu Ver- sammlungen unserer Richtung umzugestalten, oder aber ihr Zustandekommen ist zu verhindern,«ämtliche kirchlichen Körperschaften haben einen Beschlust zu sassen. wonach die Gotteshäuser für die Kundgebungen der Bekenntniskirche verboten werden. Tie Gottesdienste der Meuterer sind von unseren Mitgliedern nur dann zu besuchen, wenn die Gewähr geboten ist, dast ihr dann einsetzendes geschlossenes Verlassen des Gotteshauses dasselbe mindestens bis zur Hälfte leert. Es geht jetzt um Staat und Kirche." „»o?e Sporfeinheif" Zuchthausurteile Berlin, de,, 7. Dezember. Der Volksgerichtshof in Berlin verurteilte heute sieben Mitglieder der...Kampfgemeinschaft s ü r rote C p o r t e i n h c i t". Alle Angeklagten ivurdcn der gemeinschaftlichen Vorbereitung zum Hochverrat schuldig gesprochen. Ter Führer der illegalen Rcichsleitung, der fMjäHrige Karl Hallwast, erhielt drei Jahre Zuchthaus und seine bei- den Mitarbeiter Almstadt und Rochler je zwei Jahre Zuchthaus. Die übrigen vier Angeklagten wurden zu Gefängnisstrafen von einem Jahr drei Monaten bis zu einem Jahr acht Monaten verurteilt. Auf diese«trafen wird die Untersuchungshaft von dreizehn Monaten angerechnet. Die Bcivcisausnahmc habe, so führte der Vorsitzende bei der Urteilsbegründung aus, ergeben, dast es sich bei der Kamps- gemeinschast um eine Hilfsorganisation der KPD., um ein Sammelbecken klasscnbewusttcr roter Sportler im autisa- schistischen Kampfe, handle. Amiiktie wanzp;aka?c In Berlin wurde der Kommunist Johann Brase, weil er vor der„Volksabstimmung" vom 19. August einen Aufruf der Reichsleitnng der NSDAP, abgerissen hatte, zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Das Gericht erklärte, es handle sich bei diese» Wahlplakaten um Bekanntmachungen einer Behörde, da laut Gesetz vom 1. 12. 1933 diese Partei eine Körperschaft deö öffentliche« Rechts und einziger Träger des politischen Willens des Reiches sei. Welch klägliche„Partei", die z» feige, ihre„Weltanschauung" unter gleichen Bedingungen vor dem Volke zu ver- fechte», selbst rohcste Gewalt gegen Andersdenkende unter Hclferschast der Behörden übt und ihre eigene» Meinungs- äustcrungen durch Büttelgewalt schützen läßt! In Wahrheit keine Partei— das ist eine frei vereinigte Gemeinschaft zur Verteidigung politischer Grundsätze unter den Bcdin- gnngen gerechten Kampfes der Geister—, sondern eine Söldnerhordc von Schergen der brutalen Gewalt, eine Bande von Mitverschwörern gewissenloser Machthaber. Und das sind im heutigen Deutschland„Behörden". l?fl)0 Sa® He»! bestiiiagnakml Köln, den 7. Dezember. Die Polizeipressestelle Köln teilt mit, dast trotz der in der Verordnung über die Getreidewirtschaft vom 11. Juli 1931 angedrohten hohen Strafen verschiedene Roggen- und Wei- zenmühlen Mehl in den Verkehr gebracht hätten, das nicht vorschriftsmäßig ausgemahlen gewesen sei. Zur Sicher- siellung der Brotversvrgung seien in Köln zirka 1700 Sack von diesem Mehl beschlagnahmt und die Schuldigen der Be- strasiing zugeführt worden. EidieifauD mtt- Sdtohotaüenfluf[ h. b. Tie Anklänge an die große Zeit der Ersatzmittel- sabrikanten und Lebensmittelschieber werben immer beut- licher. In diesen Tagen konnte man in der gleichgeschaltete» Presse eine Reportage über de,, deutschen Zigqrettenlabak lesen, an der sozusagen alles dra» war. Da fehlte» nicht die Hinweise über den wirtschaftlichen ivie gesundheitlichen Wert des auf eigenem Mist gewachsenen Krautes. Auch die Behauptung, dast eigentlich nur der in Deutschland gebaute Zigarcttentabak richtiger Tabak sei, schimmert durch alle Zeilen des Berichts. Hören wir, wie der begeisterte Repor- ter über die Versuche eines gewissen Doktor König vom Jorchheimer Tabakbauinstitut schreibt: „Im Jahre 1020 hat er zum ersten Male eine Trock- nungSanlage errichtet, und als er sie benutzte, kamen ganz helle, süste Tabake heraus. Das bezeichnet Dr. König als die Geburtsstunde des deutschen Zigarcttentabaks. Durch seine Fermentationsiveise, die zum grosten Teil vorläufig noch sein Geheimnis ist. hat er Tabak erhalten, die seine Erwartungen bestätigten, ja in mancher Beziehung eine graste Ueberraschnng brachten. Wie er berichtet, hat er durch seine Fermentation nicht nur deutsche Tabake mit einem eigentümlichen süßlichen Dust nach Feigen, Johannisbrot oder Honig erhalten, son- dern auch Tabake mit natürlichem Kassec- oder Schoko- ladendust» woraus sich ergibt, dast dies kein spezifischer Tust der Kakaobohne oder Kaffeebohne ist. sondern sich je nach der Gärung auch bei anderen Pflanzen und Früchten erzeugen lästt."«Der Geruch verfaulter Steckrübenmarmc- lade war unserer Meinung nach ebenfalls kein„spezifischer Steckrübengernch. sondern durch„eine gewisse Art von Gärung" erzeugt. D. stieb.> „Auf diese Weise sind bisher sieben Sorten deutschen Zigarettcntabaks entstanden. Sie unterscheiden sich im Geschmack nicht von den ausländischen, wenn auch jede Sorte einen anderen Charakter hat usw." Das alles, mit Ausnahme der einzelnen„nichtfpezistschen" Honig- und Tchokoladendüfte lasen wir im Jahre 1917 über die Kriegszigarettc„Miriam", die von den Soldaten„Marke Handgranate" genannt wurde:„Anzünden und weg- werfen!" JSäiiiert für die ,®eutsdke Freiheit Hilter Ner seinen Lehrer Leder „Feder ließ mich den Weg finden" „Den Unterschied des reine» Kapitals als letztes Ergeb- nio der schassenden Arbeit gegenüber einem Kapital, besten Eristcnz und Wesen ausschließlich ans Spekulation beruhen, vermochte ich früher noch nicht mit der wünschenswerten Klarheit zu erkennen. Es fehlte mir hierzu die erste Anregung, die eben nicht a n mich herankam. Dieses wurde nun aus das gründlichste be- sorgt von einem der verschiedene» in dem schon erwähnten Kurse vortragende« Herren: Gottfried Feder. Zum erste» Male in meinem Lebe» oernahm ich eine prinzipielle Auseinandersetzung mit dem internationalen Börsen- und Leihkapital. Nachdem ich de» erste» Vortrag Feder» ange- hört hatte, zuckte mir auch sofort der Gedanke durch den Kops, nun den Weg zu einer der wesentlichsten Voraussetzungen zur Gründung einer neue» Partei gefunden zu haben..." Hitler:„M e i n K a m p s"(«. 228 229, 1933). „Seine Ausführungen waren so richtig"... Da» Verdienst Fevers beruhte in meinen Augen darin, mit rücksichtsloser Brutalität den ebenso spekulative» wie volkswirtschaftlichen Charakter des Börsen- und Leih- lapitals festgelegt, seine urcwige Voraussetzung des Zinses aber bloßgelegt zu haben,«eine Ausführungen waren in allen grundsätzlichen Fragen so richtig, daß die Kritiker derselben von vorneherein weniger die theoretische Richtig- leit der Idee bestritten, als vielmehr die praktische Mög- lichkeit ihrer Durchführung anzweifelten. Allein was so in de,, Augen anderer eine Schwäche der Federschen Darlegungen war, bildete in den meine« ihre Stärke... „M ein K a in p f"(Seite 228 229). Ungeheure Bedeutung für die Zukunft des deutschen Volkes! Als ich de» ersten Vortrag Gottfried Feders über die „Brechung der Zinsknechtschaft" anhörte, wußte ich sofort, daß es sich hier um eine theoretische Wahrheit handelte, die von immenser Bedeutung für die Zukunft des deutschen Volkes werden müßte. Die scharfe Scheidung des Aörsenkapitals von der nationale« Wirtschast bot die Möglichkeit, der Berinter- Nationalisierung der deutsche» Wirtschast entgegenzutreten, ohne zugleich mit dem Kamps gegen das Kapital überhaupt bei Grundlage einer unabhängigen völkische» Telbsterhal- tung zu bedrohen. Mir stand die Entwicklung Deutschlands schon viel zu klar vor Augen, als dast ich nicht gewußt hätte, tost der schwerste Kamps nicht mehr gegen die feindlichen Völker, sonder» gegen das internationale Kapital ausge- fochten werden mußte. In Feders Vortrag spürte ich eine gewaltige Parole für dieses kom- wende Ringen. „Gottfried Feder gah mir alles!" Was aber die Einwände der sogenannten Pra'tiker be- trifft, so kann ihnen folgendes geantwortet werden: Alle Befürchtungen über die entsetzlichen wirtschaftlichen Folgen einer Durchsührung.dex„Brechung der Zins- knechtfchaft" sind überflüssig: denn ersten» sind die bisherigen Wirtschastsrezepte dem deutschen Volke sehr schlecht bekommen, die Stellungnahmen Z« den Fragen twr nationalen Selbstbehauptung erinnern sehr stark a„ die Gutachten ähnlicher Sachverständiger in früheren Zeiten, zum Beispiel des bäuerische,, Medizinalkollegiums anläßlich der Frage der Einführung der Eisenbahn.fu tsdie ftimmen• fäeiiage zur.Deutschen Pweifieii"- Ereignisse und Gescfkltfilen Samstag, den 8. Dezember 1934 iiillllS ■Müi! 1.; £eficec Siecmaiui Stach einet waPiten^Begebenheit— l}on Staus Qüntfiec' i. Als Fräulein Schmidtke, parteifrommes Mitglied der Nazi- Lchrerzelle an einer Volksschule des Berliner Wedding, das Konferenzzimmer verlassen hatte, atmeten ihre beiden zurückgebliebenen Kollegen hörbar auf. Der ältliche Deutschlehrer Reinhardt öffnete ostentativ das enster. Kalt und frisch strömte die Morgenluft herein..,Tut das gut, Kollege... nach dieser... Dings da— ah pfui!" r räusperte sich und spie kräftig aus— als ordnungsliebender Deutscher in den bereitstehenden Spucknapf. Der Geographielehrer Hermann, der zweite heimliche »Miesmacher" an dieser Schule, stützte seine Arme schwer auf die Tischplatte: »Herr Gott, wenn ich mich nur um die Chose mit dem Auslandsdeutschtum drücken könnte!" »Ausgeschlossen! Denken Sie an die Verfügung: in diesem Monat muß jedes Fach während mehrerer Stunden unter dem Gesichtspunkt des Auslandsdeutschtums behandelt werden. Es muß!— Haben Sie gehört?" »Der Teufel soll das Oberpräsidium..." »Halb so schlimm. Ith habe mir für meine Deutschstunde Freiligraths„Die Auswanderer" vorgenommen. Wird sich Wunderschön eine ganze Stunde lang' zergliedern und erläutern lassen, brauche den ganzen braunen Zirkus nicht einmal zu erwähnen." -Ja, Sie... ich kann doch nicht in der Geographie mit Freiligrath kommen! Verfluchte Chose..." Mit verbissener Wut griff er wieder nach der amtlich vorgeschriebenen Lektüre: Monographien über das Auslandsdeutschtum. Die Auswahl unter den 15 verschiedenen Broschüren hatte er„nach bestem fachlichem Ermessen" zu treffen. Er überflog ärgerlich die Titel:„Die Deutschen in Brasilien",„Die Deutschen in der Zips",„In Trans- kaukasien",„Die Wolgadeutschen". „Die Wolgadeutschen," hm!... Mit äußerstem Mißtrauen schlug er das Heft auf, blätterte darin, las und las... Plötzlich sprang er wie besessen auf, und es fehlte nicht viel, daß er den Kollegen umarmte: „Reinhardt, lieher, guter, bester! Ich habe raeinen Stoff für die Stunde der Ausländsdeutschen!" „Und der wäre?" „Wird nicht verraten." „Auch mir nicht?" „Nein! Aber es soll eine Stunde werden, sage ich Ihnen, unser Propagandaminister wird seine helle Freude haben!" 2. „Heil Hitler!" Wie es die Vorschrift verlangte, sprach Hermann den Gruß, kaum daß er die Tür des Schulzimmers hinter sich geschlossen, und ging mit steil erhobenem Arm auf das Pult zu. „Heil Hitler," erwiderten die Kinder und taten wie er. Hinter dem Pult angelangt, leierte Hermann das anbefohlene Morgengebet in jenem eiskalten, durch lange Uebung genau abgefaßten Tonfall herunter, der zwar die innere Gleichgültigkeit dem, der zu hören verstand, deutlich Verriet, aber doch nicht so verächtlich war, daß man ihm einen Strick daraus hätte drehen können. Der Lehrer setzte seinen Dreizehnjährigen die Bedeutung dieser Schulstunde auseinander, als es klopfte. Es kamen zwei sechsjährige Mädchen der untersten Klasse herein, mit einem hölzernen rautenförmigen Wappenschild, der rot an- gestrichen, von einem schwarzen Hakenkreuz im weißen Felde geziert war.„Wer von euch hat keinen Nagel ein- geschlagen für die NS.-Wohlfahrt?" flöteten die beiden Mädels und boten an:„Weiße Nägel 10, schwarze 5 Pfennig." Es meldeten sich vier Kinder. Es ist fraglich, ob selbst die sich entschlossen hätten, wäre ihnen nicht Kurt, der Sohn eines kommunistischen Funk- tionärs und ungekrönter Führer des größten Teils der Schul- klasse vorangegangen. Das Wappenschild wurde auf die vorderste Bank gestellt, die vier traten vor und kauften schwarze Nägel. Während der erste, Junge hämmerte, stieß Kurt, wie zufällig die Nagelkiste zu Boden. Sofort stürzten die meisten Kinder aus den Bänken und balgten sich wie die Wilden. Als Hermann dem Gewimmel energisch ein Ende bereitete, war in die Kiste knapp die Hälfte der Nägel zurückgelegt. der Rest blieb spurlos verschwunden. Weinend zogen die Mädchen ab. Als Held aus der Schlacht kehrte Kurt an seinen Platz zurück; hinter der vorgehaltenen Hand raunte er seinem Intimus und Banknachbar Wilhelm zu: .,20 Stück ha ck jeschnappt. Lauter weiße. Bringen zw oo Märker, wenn ick se verkoofe. Wird Vata'n für die Rote- Hilfe-Kasse abjeliefert!" -Prachtkerl!" dachte Hermann, der den Sinn des Manövers durchschaut hatte und ging endgültig zu den Ausländsdeutschen über. Flocht in seinen Vortrag geschickt eine Repe- tition der Länder und Flüsse Europas ein und gelangte auf diesem Wege, unauffällig, streng geographisch bei der Sowjetunion an. Dort der große Fleck da auf der Landkarte, ein Sechstel der Erde— die Sowjetunion!" Ein Ruck ging durch die Köpfe der Knaben. „Wer von Euch weiß, wo in diesem Lande Deutsche wohnen?"■Mehrere Jungens kannten sich überraschend gründlich aus. Wolgarepuhlik, Ukraine, Krim, Kaukasus.— Engels, Charkow, Marienthal— so ging das volle fünf Minuten. Was das für ein komischer Name sei, Engels, erkundigte sich ein besonders Schlauer, und Hermann erklärte, wer Friedrich Engels gewesen. Ganz breit und ausführlich. Dann fuhr er fort: „Wie unser Minister Dr. Fried erklärt hat. soll der reithsdeutsche Lehrer Mittler sein zwischen dem Deutschtum jenseits der Grenzen und uns hier. Den Wünschen unserer Regierung entsprechend, will ich also zwischen euch und den Wolgadeutschen vermitteln. Lesen wir. wie es ihnen geht, was sie denken. Ich habe hier eine amtliche Broschüre aus dem Jahre 1932, in der einige Briefe von Wolgadeutschen abgedruckt sind. Komm, Wilhelm, du kannst am besten vorlesen!" -Liebe Landsleute in der Ferne, wie freuen uns, euch mitteilen zu können, daß es uns ausge... ausge..." dem Wilhelm verschlug es den Atem,„ausgezeichnet geht." Wilhelm konnte auf einmal nicht mehr weiterlesen. Wie ihn. überfiel au chdie anderen Jungen ein Schauer. Wer waren sie denn? Sie sperrten ihre Münder auf, beugten sich vor und atmeten schwer. Der Lehrer Hermann wahrte Haltung und saß mit verschlossenem Gesicht vor den Kindern. Im Stillen aber pflanzte er einen ganzen Wald roter Fahnen vor dem unbekannten Hilfsreferenten im Kulturministerium auf, der einstmals in dieses Büchlein, von den Nazis bis heute unbemerkt. diese Briefe lanciert hatte, früher!" Wilhelm holte Atem,„det Ding war also richtig?",„det stand wirklich so hier?", und dann besann er sich auf sein sorgfältigstes Hochdeutsch und trompete schon langsam die Sätze wie Siegesfanfaren hinaus...Wir sind der Sowjetregierung und der Kommunistischen Partei dankbar, daß sie uns die vollste nationale Freiheit gewährt hat. Daß sie uns die Möglichkeit gab..." Viele Jungens nickten und lachten sich verstohlen zu. Wer es beobachtet hätte, wie bald hier, bald dort ein Gesicht aufstrahlte um gleich wieder zu erstarren, es wäre wie das ständige Aufflackern und Erlöschen von Glühbirnen auf einer elektrischen Schalttafel gewesen. Lehrer Hermann tat so, als sähe er nichts, sah aber alles und dachte nur immer: ,. Pracht jungens!" Er faßte zusammen:„Ihr kennt nun die Stimmung dieser Auslandsdeutschen. Wie unser Minister Dr. Fried erklärt hat. soll die reichsdeutsche Jugend die Freuden. Ziele und Ideen der Ausländsdeutschen als ihre eignen empfinden. Werdet ihr's tun, Jungens?" „Und ob!..." Als letzter verließ Kurt das Klassenzimmer: sah rasch auf den Gang hinaus, ob die Luft rein sei, schritt auf den Lehrer zu und reichte ihm die Hand:„Vielen Dank, Herr Lehrer Hermann! Mehr darf ick ja nich sagen. Aber... et war— dufte, Herr Lehrer— janz dufte!"— („Rote Zeitung", Nr. 111.) Vec&undenPieit Nie bin ich so ins Leben eingeschaltet Wie in den Tagen meiner Einsamkeit. Wenn zur Legende sich die Welt gestaltet Und fern sich spiegelt in der Ewigkeit. Das ist die hohe, priesterliche Zeit! Der Ur-Gedanken kühle Tempelstrenge Steigt aus den Uebeln der Verborgenheit Und gießt sich in die Inbrunst der Gesänge. Gewiß, der Weg ist weit zum Lärm der Menge. Doch um so näher ist er ihrer Not. Je mehr ich mich erlöse aus der Enge Je klarer sehe ich: Es fehlt nur Brot! Daß jeder seiner Armut Fesseln sprenge, Dafür zu tun, ist heiliges Gebot! H o r a t i o. 2>ec(luccfitfose Jio&enbecg. Wenig bemerkt verlief im Oktober in Leipzig eine sächsische Lehrertagung. Sie war im Gegensatz zu ähnlichen Veranstaltungen vergangener Zeit schlecht besucht, schlecht organisiert und vom Geiste tiefer Unlust erfüllt. Hauptredner war Herr Alfred Rosenherg, der bekannte Kulturspezialist der NSDAP. Als er am Rednerpult erschien, begrüßte ihn kein Beifall. Schon darüber war der große Mann sichtlich erstaunt. Dann sprach er von dein Krieg der Zukunft und behandelte dieses Thema mit jenem heldischen Schwung, der allen Nazirednern gemeinsam ist, wenn auch noch um einen Grad langweiliger als die meisten. Natürlich versicherte er, daß das„dritte Reich" an dem neuen Krieg ganz unschuldig sein werde. Mit der gleichen Sicherheit aber prophezeite er, daß„wir unsere Feinde auf den Boden zwingen würden". Hier setzte der große Mann seine Rede ah, sah sich siegesgewiß um und wartete auf Beifall. Doch er blieb gänzlich aus. Die Hörer verharrten in eisigem Schweigen. Dieses Schweigen brachte den großen Mann gänzlich außer Fassung. Er blätterte nervös in seinem Manuskript herum, noch immer auf den programmäßig fälligen Beifall wartend. Schließlich trompetete er mit drohender Stimme in den Saal: „Es macht mir geradezu den Eindruck, also b sich die Herrenvordemkom uv e U rtpn Krieg fürchtete n." Alfred Rosenherg fürchtet sich..icht. Er wird den Krieg der Zukunft genau ebenso wie den der Vergangenheit irgendwo im Hinterlande verleben. Ahnen spieCe iim»"■ nie Das Städtische Museum in Bielefeld zeigt,jn seiner familienkiindlichen Ausstellung eine neue Art der Vermählungsanzeige. Diese berichtet über die Ahnen sowohl des Bräutigams als auch der Braut bis zur vierten Generation, schildert auch in Zeichnungen, in welchen Berufen die Mitglieder der beiden Familien tätig waren und woher sie go kommen sind. JiCeine Zukunftsptäne Als Schacht wieder einmal auf die bedrohliche Entwicklung der Reichsfinanzcn hingewiesen hatte, hielten Hitler, Göring und Goebbels einen Rat darüber, was sie vornehmen würden, wenn es einmal mit ihrer Macht vorbei sein sollte. „Ich werde mich in eine Flugmaschine setzen und mich verkrümeln," sagte Göring.„Ith bin ja das Fliegen gewohnt!" „Das ist undankbar!" mickerte Goebbels,„ich werde nicht aus meinem Vaterlande fortgehen. Das sieht so feige aus. Ich werde mir also einen Bart wachsen lassen. Dann denken die Leute ich bin ein Jude, und mir wird nichts geschehen!" „Macht, was Ihr wollt!" sagte darauf Hitler.„Ich bleibe hier und mir selber treu. Ich werde mich weder rasieren noch mir einen Bart stehen lassen. Mir dürfen die Leute vom„vierten Reich" sowieso nichts tun. Wo ich doch Ausländer bin!..." Die JCastanie Doh Hetec ÜBittec Das Gefängnis war ganz neu. Wir waren die ersten, die die Zellen bezogen, in denen es Noch nach frischem Anstrich roch. Alle Untersuchungshäftlinge waren einzeln untergebracht und wenn jemand von Unserem Trabt sprach, so meinte er die„Hirschen". Und tatsächlich: Es konnte keinen besseren Ausdruck für jene Geschöpfe geben, die mit am Rücken verschränkten Armen, *»it vornübergebeugtem Kopfe die sieben Schritte in der eigen Zelle auf und abtrabten, hundertmal, tausendmal, zehntausendmal. Die Direktion des Gefangenhauses behauptete, wir hätten das modernste Zuchthaus Europas. Ein schlechter Trost für den Entzug der Freiheit! Um unser Wohlbefinden sorgte sich ein Arzt, der bemüht war, daß alle Insassen bei vollster körperlicher Frische die Länge ihrer Haft auskosteten und licht etwa die unendlich langen Tage im Gefängnisspital verkrachten. Bücher des frommsten Inhalts sollten uns hier 'chon auf den Weg draußen vorbereiten und ein«mürrischer Kaplan hielt uns jeden Sonntag Predigten. Zu diesen dräng- >en wir uns alle— ob gottlos oder nicht— weil es eine jener so seltenen Gelegenheiten war Neuigkeiten zu erfahren oder "Tabak und Zigaretten einzutauschen. Eine andere Gelegenheit war der Spaziergang. Um diese •ine Stunde baten wir den Himmel schon nachts, wenn wir «ich» schlafen k-one f" Vorschrift war ja, dafi die Gefangenen jeden Tag in den Hof durften— aber das Gefängnis war überfüllt und die Wärter hatten nicht viel Zeit. Und wenn es regnete entfiel der Rundgang ebenfallls— obwohl wir mit Freuden in einem Wolkenbruch herumgegangen wären— nur um der dumpfen Zelle auf Minuten zu entfliehen. Den ersten Tag nach unserem Einzug trabten wir genau sechzigmal um ein ovales Stück lehmiger Erde, aus der eben die ersten Grashalme sproßten. Und jeden andern Tag machten wir ebenfalls genau sechzigmal die Runde um den immer grüner werdenden Rasen. Heimlich rissen wir hie und da einen Grashalm aus. schmuggelten ihn in die Zelle und wenn wir sieben Halme beieinander hatten, mußten wir, daß eine Woche aus unserem Leben gestrichen war... Mitten im Grase wuchs eine Pflanze, stärker als die Halme zwar, aber nicht so hoch. Wir verbrachen uns den Kopf darüber, was es sein könnte, bis an einem Tage sich aus dem dünnen Stamm Blätter entwickelt hatten. Es war eine Kastanie. Und die Möglichkeit, wie sie hier herein gekommen sein könnte, gab uns für längere Zeit den so dringend benötigten Gesprächsstoff. Wahrscheinlich war, daß sich beim Bauen des Zuchthauses ein Arbeiter einen Scherz erlaubte und die Kastanie in den Erdboden mit dem Grassamen pflanzte. Aber unsere Fantasie lehnte einen solch prosaischen Entwicklungsweg dieses Gewächses ab. Die großen und kleinen Diebe, die Betrüger und Sittlichkeitsverbrecher und die politischen Gefangenen dachten sich die abstraktesten Eutstehungsmöglichkeiten des Bänmdiens ans. Unsere Fantasie war ja krank and es ist nicht verwunderlich, wenn eine krankhafte Liebe zu dem Gewächs sich in den Gemütern der Häftlinge einnistete. Jeden Tag entdeckten wir etwas neues an dem Bäumchen, und dabei war ja gar nichts daran! Draußen, in der Freiheit, würden wir es achtlos zertreten haben. Das Gras wuchs, wurde dicht und hoch unter der sommerlichen Sonne und drohte die Kastanie zu ersticken. I m ihr Luft zu verschaffen, rupften wir rund um sie im vorbeigehen eine Handvoll Gras aus. Viele von uns bezahlten dies mit Dunkelhaft oder hartem Lager— denn etwas anderes zu tun, als stumm und mit am Rücken verschränkten Armen zu gehen, war verboten. Immer länger wurde das Gras— es stand längst nicht, sondern wälzte sich in dunkelgrünen Wellen über das Stuck Erde. Ua kamen an einem Tage, als wir eben um den Rasen trabten, zwei Sträflinge in Zwilchanzügen mit Sensen. Wir, die Gefangenen sahen ohnmächtig zu, wie die blanken, scharfen Eisen sich gierig in das Grün fraßen, wie sie sich zischend dem Bäumchen näherten. Ergeben machten wir die Runde. Wir waren gefangen und krank nach der Freiheit, in der Bäume wuchsen, Vögel flatterten, Wasser rauschten, kurz, das Leben brauste. Wir wußten nicht, wann wir freigelassen würden. Man hatte uns alles genommen, uns zu mechanischen Organismen gemacht. Und mit einem Schnitt fällte die Sense nun auch unser Bäumchen. Uns war, als hätte die Sense unser Leben, alle unsere Hoffnungen abgeschnitten, wir kamen uns vor wie Schatten. Und wie Schatten schlichen wir nm den toten Rasen, um die tote Kastanie.,, Stiirmgeselle Goebbels „Sein Kampf gegen rurfwängler Rcichspropagandaminister G o c b b c l s hat der deutschen presse jede Stellungnahme zu», Ausscheiden des General- Musikdirektors Furtwängler verboten. Infolgedessen snidct man nirgendwo im„dritten Reich" ein Kommentar ii er den Verlust des bedeutendsten Dirigenten, der noch geblieben war. Goebbels hat das Riicktrittgcsnch Erich K(c ibers abgelehnt. Kleiber weigert sich jedoch, das be- rcits angesagte Konzert des Philharmonische» Orchesters zu leiten. Man spricht davon, dast auch Richard «traust, der Präsident der RcichSmnsikkammer, im Widerspruch zur braunen Musikpolitik steht und Rück- trittsabsichten hegt. Der viclvcrlästertc Paul H i n d c- vi i t h hat am Mittwoch als Prosessox an der Berliner Musikhochschule demissioniert. Man glaubt, dast er sich in Kürze zum Schutz seiner Arbeit und seines Lebens ins Ausland begeben wird. Retchspropagandaminister Goebbels gab am Donners- tagabend vor einer Korona brauner Prominenzen den ersten Rechenschaftsbericht seiner„R c i ch s k u l t u r k a m m e r" im Berliner Sportpalast. Er stand allerdings im Zeichen eines peinlichen Betriebsunfalles. Wilhelm Furt- wängler sollte programmgemäß zur Weihe des Tages einige klassische Werke mit dem Orchester der Staatsoper zum Vortrag bringen. Aber da er zwei Tage zuvor der Gocbbelsschen Reichskultur feierlich den Rücke» gekehrt hatte, so gab es eine peinliche, etwas störend empfundene Lage. Es geht bekanntlich nichts über Takt, und im Handwörter- buch eines Propagandaministers braucht ein solches Wort überhaupt nicht zu stehen. Goebbels ergriff die festliche Ge- legenheit, um in Abwesenheit der Beschuldigten eine heftige Anklagerede gegen die„atonalen" Musiker und ihre Be- schüstcr zu halten. Ma„ nzust einige seiner Ausführungen im Wortlaut lesen: Ein Jdcciiwcchsel bedingt einen Personenwechsel. Und wo das auch vielfach aus Mangel au Talenten praktisch nicht durchgeführt werden konnte, da mußte den» doch, wenn nicht Begeisterung und Hingabe so mindestens B e r st ä ndnis und Loyalität für die neue poli- tische Gestaltung des Reiches verlangt und gefordert werden. ES kann und darf der nationalsozialistischen Be- wegung und ihren Wortführern nicht verwehrt werden» zum deutschen Kulturstand eindeutig und kompromißlos Stellung zu nehmen. Es entspricht nicht der Loyalität, die der schassende Künstler dem neuen Staate schuldet, wenn nationalsozialistische Forderungen, die im Geiste der kämpfenden Bewegung ihre Recht- fertigung finden, als von g e w i s s e n K reisen k o in- m e n d. verdächtigt und d i s k r c d i e r t wer- den. Denn der Nationalsozialismus ist nicht nur das politische und soziale, sondern auch das kulturelle Gewissen der Nation. Es bedeutet auch keinen Freibrief für jenen Nachwuchs, der als Wortführer einer vergangenen Epoche fungierte, dast er sich der väterlichen Patronanz unbestrit- teuer Künstler, die es in diesem Falle an dem nötige» politischen Instinkt crmangeln lassen, erfreut... Mag sein daß nachfolgende Werke die Sünden vorangegangener wiedergutzumachen versuchen. Was aber liegt näher, als dast der Nationalsozialismus sich dann eine Bcwährungö- frist ausbcdingcn muß. in der es sich zeigen soll, ob der Mann von gestern, oder der M a n n von heute d e r echte und wahre i st. An den knalligen Stellen dieser Goebbcls-Rede gab es— jeder konnte es im Rundfunk hören— demonstrativen Beifall. Der Herr Minister hatte erreicht, was er wollte: die „weltanschauliche" Begründung der Abschüttluug Furt- wänglers und die Zustimmung der offiziellen braunen Kreise. Für Goebbels ist nur derjenige der„echte und wahre Mann, von heute", der seine künstlerische Ueberzeugung den herrschenden Leitsätzen über Politik und Kunst unterwirst. Nian mußte es lange. Aber es ist gut, dast man es immer wieder aus berufenem Munde hört. Es zerstört die beschci- densten Illusionen eines Lebens in geistiger Freiheit für diejenigen, die sich gleichschalteten. Es zeigt der ganzen Welt, dast im„totalen Staat" Hitlers nicht der Freie, sondern der Knecht der„Mann von heute" ist. Was Goebbels sonst sagte, ging über den Charakter einer Berichterstattung nicht wesentlich hinaus. Was sein Pro- pagandaministerium in einem Fahre nicht alles getan hat! Tic Presse an die Kette gelegt, das Schrifttum„gesäubert", die„Zügellosigkeit" der Bühne und des Films ins Strom- bett brauner Hörigkeit abgeschafft. Das Theater dem Volke: nie hat ein Land darin mehr getan als das Deutschland von Weimar. Heute eignet sich Herr Goebbels das alles an und spreizt sich kokett als segenspendender Kunstpionier. Er hat allerdings auch von seinen„Sorgen" geredet. Von den„Nichtskönnern" aus musikalischem Gebiet, von den „Experimentierstückchcn wildgcwordencr Farben- und Steinklerer", von der„verächtlichen Konjnnkturliteratur" ans der Ebene des patriotischen Schundes. Hier konnte man ihm einen Augenblick recht geben. Goebbels vergast nur, dast der Nationalsozialismus mit seinem Zwange zur abso- Inten geistigen Gefolgschaft nicht die Genies, sondern die servilen und kitschigen Schmierer anfeuert. Zum Schluß wurde Goebbels wieder etwas zukunftsträchtig. Tie deut- fche Künstlerschaft, so sagte er, verneige sich in Ehrfurcht und Dankbarkeit von dem„Führer", dessen k ü n st l e r i- scher D ä m o n der deutschen Politik und der deutschen Kunst den leidenschaftlichen Zug gegeben habe. Dieser„künstlerische Dämon" hat sich besonders in der großartigen Komposition des 3». Juni entfaltet. Das waren in der Tat„mitreißende Impulse"! Vielleicht haben wir in Kürze den von Herrn Goebbels ersehnten Dramatiker, der die blutigen Ereignisse von Wiessee in der höhereu Sphäre geschichtlicher Größe im Abbilde der Kunst verewigen und veredeln kann! Wittenberg gegen ruiiwftngler „Er hat offenbar kein Gefühl mehr"... Alfred Rosenberg, der Kulturdiktator des«dritten Reichs", schreibt im„Völkischen Beobachter":„Wenn ein Manu wie Hindemith als begabter Musiker nach einigen deutschen An- sängen 14 Jahre lang in jüdischer Gesellschaft gelebt, ge- wirkt und sich wohlgefühlt habe, wenst er fast nur unter Juden verkehrt und. von ihnen gelobt, gewirkt Hobe, wenn er dem Zug der Zeit der Novemberrepublik folgend,.übelste Verkitschung deutscher Musik vornehme, so sei das seine persönliche Angelegenheit, die jedem jedoch das Recht gebe, ihn mit seinem ganzen Bildungskreis abzulehnen. Es«che nicht an, Hindemith bloß von der artistischen Betrachtungsseite aus in die höchsten Kunstinstitute des neuen Reichs einzu- führen und ihm dadurch eine Förderung zuteil werden zu lassen, auf die andere und bessere jahrelang, jahrzehntelang warten müßten. Rosenberg spricht dann sein Bedauern aus, daß ein so großer Künstler wie Furtwängler sich in diesen Streit persönlich hineingemischt und geglaubt habe, sich mit Hindemith identifizieren zu müssen. Hier habe sich Dr. Furtwängler sowohl in den Mitteln, wie im Prinzip vergriffen und es sei der NT.-Kulturgemeinde nichts weiter übrig geblieben, als ihm eine ebenso offene wie geharnischte Antwort aus diese Berständnislosigkeit zu geben, und da Herr Furtwängler aus Gedankengängen des IS. Jahrhunderts b e h a r r t. und offenbar kein Gefühl mehr für den großen Volkskampf der jetzigen Zeit aufgebracht habe, habe er daraus die Kon feg nenzen ge- zogen."... Auch Knappertsbusch? Aus München wird berichtet, dast sich der bayerische Generalmusikdirektors Bruno Walter zurückzudrängen, mit Furtwängler mit Rücktrittsgedanken tiage. Knappertsbusch, der aus dem Rheinland stammt, wurde 1020 in Mün- chen an eine führende Stelle an der Bayerischen«taatsoper gebracht, um den überragenden Einslust des nichtarischen Generalmusichdirektors Bruno W alter zurückzudrängen. Walter verliest bald daraus seinen Mttnchener Posten. Gegen Rosenbergs Lügen Eine mutige Erklärung der Berliner Zionisten Berlin, den 6. Dezember 1034. Tie Zionistische Vereinigung für Deutschland gibt sot- gende Erklärung ab: Ter„Völkische Beobachter" veröffentlicht— im Anschluß an den Aussatz, der sich mit dem Bcrner Prozeß über„Die Protokolle der Weisen von Z i o n" beschäftigt hatte— am Samstag, dem I. Dezember 1031, einen Artikel von Alfred Rosenberg, in dem verschiedene zionistische Aeusterungen mit angebliche» Plänen zur Errichtung einer jüdischen Weltherrschast in Zusammenhang gebracht werden. Bei dieser Gelegenheit werden auch gegen deutsche Zionisten schwere Beschuldigungen erhoben. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland erklärt, daß alle Behauptungen dieser Art unrichtig sind und jeder Grundlage entbehren. Sie verweist auf den Leitartikel in der am Dienstag, dem 4. 12. 1034. erschienenen„Jüdischen Rundschau", der den strikten Nachweis erbringt, dast die in dem Nosenbcrgschen Artikel erhobenen Beschuldigungen von unrichtigen Voraussetzungen ausgehen. Dies gilt im beson- deren auch von dem Vorwurf, die deutschen Zionisten hätten aus eine„Zerschlagung der Türkei" hingearbeftet: die im Wortlaut zitierte Erklärung, die die türkische Regierung und die deutsche Regierung Ende 1017 und Ansang 1018 ab- gegeben haben, erweisen eindeutig, dast die deutschen Zio- nisten, die während des Weltkrieges ebenso wie vorher und nachher das„Basler Programm" in voller Oeifentlichkcit vertreten haben, lediglich legale Besiedlung Palästinas im Einvernehmen mit den zuständigen Regierungen erstrebten. Die Zionistische Bereinigung für Deutschland erklärt siw ausdrücklich bereit, jeder berufenen Instanz das gesamte ihr zur Verfügung stehende Material zu einer umfassenden Prüfung des Sachverhalts zur Verfügung zu stellen. Slreidier nimmt leidit h. b."Man kann äußerlich noch so hoch stehen und inner- lich saudumm sein!" schrie am 8. November in einer Braun- schweizer Naziversammlung der fränkische Ritualmordftihrer Streicher in den Saal. Und dann gab er gleich den Beweis für diese Behauptung, indem er einen seiner saudummen antisemitischen Räuberromane erzählte. Im Verlause seiner Erzählungen sagte er dann nach einem Bericht, den wir der Nr. 310 der„Braunschw. Landeszcitnng" entnehmen, auch er, Streicher, habe schwere Zeiten durchmachen müssen, sei aber trotzdem seinen Weg gegangen und der National- sozialismus habe ihm die Kraft dazu gegeben. Wörtlich fuhr er fort: „Der Himmel gibt manchen Menschen einen bestimmten Auftrag. Wir haben den Auftrag vom Himmel ehrlich erfüllt, sonst hätten wir nicht den Sieg davongetragen in einem Volke, das so am Boden lag. Wer so leicht Not. Entbehrung, Gefängnis und Tod a n j sich nimmt wie wir, der hat nicht den Teufel zum Begleiter." Daß Herr Frankensührer Streicher gern und leicht nimmt, davon sind wir nicht nur allein überzeugt. Wir sind sogar des Glaubens, dast er viel zu bescheiden ist, um etwa seinen eigenen Tod leicht zu nehmen. Dazu lebt es sich für ihn und seinesgleichen im„dritten Reich" vorläufig noch viel zu gut. Wahrheit wider Willen h. b. Tie„Tchleswig-Holsteinifche Tageszeitung" bringt in ihrer Nr. 273 einen Versammlungsbericht der Arbeits- front in Lockstedt, in dem es heißt: „Ein grauenhaftes Bild von der NSBO. am 2. Mai ent- rollte dann der Redner. Diesem ganzen Zauber hat die DAF. nun ein Ende bereitet." Hübsch, nicht wahr? Leider kam schon in der Nr. 275 eine angstschlotternde Entschuldigung. Es habe sich um einen Satzfehler gehandelt. Das grauenvolle Bild und der Zauber, dem ein Ende bereitet sei, habe sich— auf die marxistische Korruption bezogen. Sonst in Saragossa Teit einigen Tagen beschäftigen sich die Spanier mit einet! seltsamen Erscheinung. In einer Mietswohnung in Sara- gosia berichtete nämlich ein Dienstmädchen plötzlich, daß>ie. wenn sie sich dem Herde in ihrer Küche nähere und be- sonders, wenn sie ihn berühre, eine männliche Stimme aus dem Schornstein vernehme. Aus Fragen gebe die Stimme stets zutreffend« Antworten. Auch die entsetzten Nachbarn vernahmen den unsichtbaren Sprecher, einige Frauen be- schlössen sofort, mit Weihwasser ans der berühmten Walt- sahrtskirche des Pilar dem Gespenst zu Leibe zu gehen. Be- sonnene Leute, besonders die Presse, forderten Bald, daß dein llnsng ein Ende bereitet werde. So befaßten sich Polizei und Untersuchungsrichter mit der Angelegenheit. Aull) 0«! vernahmen die Stimme.. Das Gespenst erwies sich als äußerst redselig und schlag- fertig. So wurde eine gründliche Untersuchung des Kamins, des ganzen Hauses, aller dazu hinführenden Leitungen und der Radio-Einrichtungen der Bewohner vorgenommen, die ohne Erfolg blieb. Einer psychiatrischen Untersuchung der Tienstmagd widersetzten sich die Eltern. Die Stimme vcr- stummte erst, als sich einige Polizcibcamtc vor dem Kock- Herd häuslich einrichteten, um dort die Nacht zu verbringen und die Erscheinung dauernd zu überwachen. Einerseits hat der Spuk große Erregung unter der Bevölkerung vcr- ursacht, anderseits aber auch Entrüstung. Denn der Spanier sieht es nicht gern, wenn in seinem Lande Leichtgläubigkeit und Aberglaube sichtbar an die Oberfläche treten. Witzbolde haben natürlich die Gelegenheit aufgegriffen und überall erschienen zur Nachtzeit meiste, spukhafte Ge- stalten. Entlarvt\ Saragossa, 5. Dez. Das Geheimnis des„Geistes von Sara- gosia" ist endlich durch den Brief eines Einwohners von Saragossa an die Polizei geklärt worden, der sich Conrado Maino Pla nannte und erklärte, dast er„den Geist ge- spielt" habe, um für seine neue Erfindung Reklame zn machen, die in der Ucbermittlung der menschlichen Stimme durch radiomagnetische Strahlen bestände. Ter„Geist" er- Härte weiter, daß sich seine Methode nur für Steinhäuser eigne und dast er bereit sei. seine Erfindung vor einem Gre- nnuin von Fachleuten zu demonstrieren. Will 61« IUI!«!!« BCOidjiiC« Mir idion MD? Sie wird im Auslands in Massen gekauft! Zögern Sie nicht! Sie ist lür jeden politischen Menschen hoch- interessant und schärst Ihr Auge lux kommende Ereignisse! Kauten Sie heuie noch! BtKMflnDiung der„volksltilime" Saarbrücken 2, Trierer Strohe 24 Nannkirthan. Hättenbergstrahe 41 Großes Fabrik» Gebäude mit Wasserkraft bei der Stadt Luxem» bürg zu verkaufen. Zu erfragen bei der Expedit, d. Blattes unt. Nr. 1248- 49. 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H., Berlin W. 35 Kurfüi stenstr. 33 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers '6IJcer in irurmz«iten Nr. t9 >amstag, 9. Dezember 1934 If 4. Fortsetzung Jenseits der Menschlichkeit In unserer Kompanie diente ein Pole Tabersky. Er war früher Schafhirte gewesen und so ziemlich ohne jeden Schulunterricht aufgewachsen. Er konnte kein Wort schreiben und nur recht dürftig lesen. Aber er war sehr anstellig, und so hatte man ihn»ach vielen Mißhandlungen zu einem „guten Soldaten" abgerichtet. Als ich eintrat, diente er bereits ein Jahr, und als wir in die Kompanie einrangiert wurden, ward er mein Nebenmann. Allmählich wurden wir Freunde. Er erzählte mir, daß er sehr ungern Soldat geworden sei. Seine Mutter war schon lauge Witwe und ziemlich alt und erhielt von der Gemeinde, einem kleinen Nest im Kreise Schrimin, Armen Unterstützung. Seine beiden Brüder waren in Westfalen und verdienten nach seiner Meinung viel Geld, schichten aber nie etwas, weil sie selber verheiratet war n. Er freute sich sehr, daß nun seine Dienstzeit bald um war. Als wir miteinander bekannt wurden, hatte er noch knapp 200 Tage zu dienen. \ 011 da an nannte er mir alle Morgen die Zahl der noch verbleibenden Tage. Als es noch 150 Tage waren, kaufte er sich ein Bandmaß, wie es die Schneider gebrauchen, und schnitt alle Abend ein Zentimeter davon ab. Das Maß wurde kürzer und kürzer. Zwar bedeutete jeder Zentimeter einen heißen, schweißtriefenden Tag, aber das konnte das Rad der Zeit nicht aufhalten.—'—— Während des Manövers passierten wir Taberskys Heimatsort. Da wir gerade ein längeres Rendezvous abhielten, so ,J|at Tabersky um die Erlaubnis, auf ein paar Minuten zu seiner Mutter gehen zu dürfen, was ihm nach einigem l'arlamentieren auch gestattet wurde. Als er zurückkam, brachte er seine Mutter mit, die wohl einmal einen so großen Haufen Soldaten sehen wollte. Es war eine alte Frau, der man es ansah, daß ihr Leben Not und Arbeit gewesen. Beim Abschied weinte sie sehr, wie das alle Mütter bei solchen Gelegenheiten zu tun pflegen, und wollte ihren Solin küssen. Aber er wehrte ab. Wie die meisten Menschen, schämte auch er sich der tiefsten und natürlichsten Empfindungen. Er kam ja bald nach Haus! Nur noch 14 Tage! Auf dem Marsche war er sehr fröhlich. Er erzählte mir, daß er gleich wieder Schafhirt werden könne. Dann heiße es aber nicht mehr:„Das Gewehr über! Ohne Tritt marsch!" — Noch 14 Tage.— Auch die gingen bin. Wir waren wieder in die Garnison zurückgekehrt. Die Reservisten gaben ihre Sachen ab und zogen die Zivilkleider an. Tabersky stolzierte in langen Stiefeln und mit der Extramütze geschmückt einher. Ein Hauch der Freiheit ging durch die muffige Kaserne. Fröhliche Gesichter und helle, glückstrahlende Augen überall. In den dämmernden Korridoren, in der Kantine und auf den Stuben erschollen die alten Weisen: Und sind wir zu Hause gekommen, Ins Wirtshaus kehren wir ein! Da stoßen wir, Vivat! die Gläser: Die traurige Zeit ist vorbei! Die traurige Zeit ist vorüber Soldat snd wir nicht mehr Der letzte Tag war ein Sonntag. Am andern Morgen sollten die Transporte abgehen. Die Gelegenheit, noch einmal mit den alten Kameraden zusammen zu sein, noch einmal. mit ihnen zu trinken, wurde natürlich weidlich ausgenützt. Auch Tabersky trank sich einen tüchtigen Rausch an. Erst gegen Morgen kam er, Reservelieder singend, auf die Stube. Er warf sich angekleidet wie er war aufs Bett. Bald darauf ertönten Trompetensignale, für die Reservisten das Zeichen, daß sie jetzt zum Einteilen der Transporte vor den Kompanierevieren anzutreten hatten. Die Unteroffiziere liefen durch die Korridore, rissen die Stuben- tiiren auf, schrien die Schläfer wach. Tabersky rührte sich nicht. Nach einer Weile rüttelten ihn andere; unnützes Bemühen. Vom Kasernenhofe scholl schon vielstimmiges Gemurmel herauf, dazwischen klangen kreischende Kommandorufe, während Tabersky noch immer unsäglich betrunken im Bette lag. Er räsonierte von Reserve, die jetzt endlich Ruhe habe. Ich sprang aus dem Bette und beteiligte mich ebenfalls an den Wiederbelebungsversuchen. Vergeblich. Nun kam auch der Unteroffizier vom Dienst: „Tabersky, Menschenkind, alles wartet auf Sie! Nun aber schleunigst'raus!" „Reserve hat Ruh'!" tönte es vom Bette her. „Madien Sie keine Dummheiten! Zwei Jahre lang bat der Kerl nach Hause gewollt, und nun, wo er soll, ist er nicht aus der Kaserne zu kriegen! Vorwärts.' „Reserve hat Ruh'!" Kommifj" Einige rissen Tabersky hoch. Er konnte zwar noch leidlich stehen, wußte aber offenbar nicht, um was es-ich bandelte. Er wurde zur Tür hinaus geschoben, wo ihn der Unteroffizier in Empfang nahm. Wir hörten die beiden den Korridor entlang torkeln und gingen ans Fenster, um den Abzug zu sehen. Da erhob sich plötzlich ein großer Lärm. Vom Hofe her strömten die Mannschaften zum Kasernentor, aus dem sich bald ein Knäuel uniformierter Menschen hervorwälzte. Als er sich allmählich löste, blieben drei Personen übrig: Tabersky, der Unteroffizier vom Dienst und der Bataillonsadjutant. Diese beiden hielten Tabersky fest und brachten ihn über den Hof zum Major, der den Oberbefehl über die Transporte hatte. Tabersky ging jetzt ganz ruhig, aber er und der Unteroffizier bluteten. Was der Major sagte, konnten wir nicht verstehen; er deutete mit der Hand nach der Wache, und dorthin wurde Tabersky nun gebracht. Er sträubte sich sehr, aber kräftige Fäuste zwangen ihn; er schrie, daß es über den ganzen Kasernenhof schallte:„Mutter! Mutter!" aber es antwortete nichts als tödliches Schweigen. Bald erfuhren wir, was geschehen war. Tabersky hatte sich in seiner Bewußtlosigkeit dem Unteroffizier, der ihn hinunterbringen wollte, widersetzt, war auf der Treppe mit ihm ins Handgemenge gekommen und hatte ihn hinabgeworfen. Unten in der Tür hatte der Bataillonsadjutant gestanden, der das letzte mit angesehen hatte. Das war der Hergang. Eine Stunde später wurden Taberskys alte l niformslücke nach der Wache gebracht, wo er sie an Stelle der Zivilkleider wieder anziehen mußte; er selbst wurde gegen Mittag ins Garnisonsgefängnis abgeführt. Nach fünf oder sechs Wochen wurde er unter der Anklage des Verharrens im Ungehorsam und des tätlichen Angriffs auf einen Vorgesetzten vor das Kriegsgericht gestellt. Zu der Verhandlung war auch ich geladen, um mit noch mehreren Kameraden Zeugnis über Taberskys Verhalten abzulegen. Es waren traurige Stunden für uns. Als Tabersky an uns vorbei nach dem Verliandlungsziinmer gebracht wurde, ging mir sein Anblick durch Mark und Bein. Sein Gesicht war aschgrau, den Blick wagte er nicht zu erheben, sein Gang war der eines Träumenden. Ich rief ihn leise an, ein leichtes Aufleuchten zuckte über sein verzweifeltes Gesicht, dann schloß sich schon wieder die Tür des Gerichtszimmers hinter ihm. Die Sache selbst ging wunderbar schnell. Als ich vernommen wurde, sagte ich, daß 1 abersky bis zur völligen Bewußtlosigkeit betrunken gewesen sei. Ich glaubte ihm damit einen Dienst zu erweisen; ich wußte ja nicht oder dachte wenigstens nicht daran, daß Trunkenheit bei militärischen Vergehen niemals als Strafmilderungsgrund gilt! Sonst wurden nicht viel Worte gemacht; es war ja alles sonnenklar! Der junge Kriegsgerichtsrat, der die Anklage vertrat, redete, als ob Sein oder Nichtsein des Deutschen Reiches davon abhinge, wie dieser arme, verzweifelte Bursche behandelt würde. Er hatte leichtes Spiel. Der Verteidiger Taberskys, ein fetter Oberleutnant, machte nicht viel Einwendungen. Tabersky selbst sagte gar nichts, nur Nein und Ja, und das so demutsvoll und ergeben, daß es wie das Gestöhn eines Sterbenden durchs Zimmer summte. Das Gericht brauchte genau sieben Minuten, um sich über das Strafmaß zu einigen. Dann wurde das Urteil verkündet: Zwei Jahre und sieben Monate Gefängnis. Als er heraus war, stieß Tabersky einen dumpfen gurgelnden Schrei aus. Er schwankte und griff nach der Barriere. Sein Blick irrte hilfesuchend durchs Zimmer und blieb eine Sekunde auf uns haften. „Abführen!" Wir waren wie betäubt. Nein, ich war wirklich betäubt. Ich wollte mich vom Stuhle erheben, aber es war, als läge ein Granitblock auf meinen Knien.——„Ihr seid entlassen!" schrie uns der Verhandlungsführer ins Bewußtsein zurück. Die Moral, sofern sie auf dem Begriffe des Menschen, als eines freien, eben darum aber auch sich selbst durch seine Vernunft an unbedingte Gesetze bindenden Wesens, gegründet ist, bedarf weder der Idee eines anderen Wesens über ihn, um seine Pflicht zu erkennen, noch einer ändert Triebfeder als des Gesetzes selbst, um sie zu beachten. Immanuel Kant, Die Religion, Vorrede, Seite Z, Draußen auf dem halbdunklen Korridor sahen wir zwei Personen: ein Sergeant brachte Tabersky in seine Zelle zurück. Ich sah ihn noch einen Moment dahin schwanken, dann verschlang ihn das dunkleZTreppenhaus. Seine Schritte verklangen, wie sein dumpfer Schrei verklungen war, im erbarmungslosen Schweigen. Und hinten, im Kreise Schrimm, in einer elenden Lehmhütte, spähte eine alte Frau über die leeren Felder nach ihrem Sohne. Auf Festung Seele— mein Freund, der diesen Namen seiner treuherzigen Kameradschaftlichkeit verdankte—, ich und noch ein Dritter hatten eine kleine Feier in einer Kneipe der Stadt veranstaltet. Es war schon sehr spät am Abend, als wir das Lokal verließen. Ich stand bereits draußen auf der Straße und als ich nach meinen beiden Freunden blickte, sah ich. daß sie sich in der Wirtsstube mit dem Wirte heftig unterhielten; sie waren wegen der Bezahlung nicht einig und ebenso wie ich vom Alkohol erhitzt, so daß der Wortwechsel immer erregter wurde. Plötzlich gab der Wirt dem Dritten einen Stoß vor die Brust und der stieß wieder. Daun erhielt der Wirt Hilfe: im Nu waren Seele und der Dritte umringt. Dieser zog das Seitengewehr, aber die llebermacht entriß es ihm. Dann wurden beide zur Tür hinausgeworfen. Das Seitengewehr blieb im Besitz des Wirtes. Wir glaubten nun, nicht ohne die entrissene Waffe nach Hause gehen zu können, und ich, da ich mich für den Stärksten und Nüchternsten hielt, wollte es holen. Man hatte die Tür verschlossen, da zerschlug ich sie, drang in die Stube ein und verlangte die Waffe. Im Nu war ich umringt. Ich stellte mich schnell in eine Ecke und traf einen der Angreifer, es war der Wirt selbst, mit meinem Seitengewehr sehr schwer auf den Kopf. Dann schlug ich noch einige Male zu, bis ich am Tisc'-- stand, unter dem das Seitengewehr meines Kameraden lag. Ich nahm es und gelangte nun ungehindert ins Freie. Die Anklage lautete auf rechtwidrigen Waffengebrauch und Körperverletzung. In der Verhandlung vor dem Kriegsgericht konnten wir uns der Zeugen nicht erwehren und wurden verurteilt. Vielleicht wird die Sache verständlicher, wenn ich ein» Szene aus der Verhandlung anführe. Der Verliandlungsleiter fragte mich:„Sie sind schon wegen Vergehen gegen die Person vorbestraft?" „Jawohl. Wegen Beleidigung und wegen Körperverletzung." „Sehr richtig! Wie war das doch gleich mit der Beleidigung?" „Ich erhielt wegen Beleidigung der Polizei Verwaltung eine Geldstrafe." „Sehr richtig! Und worin bestand die Beleidigung?" Ich hatte der Polizei nachweislich wahre TatäSchen in be- Ieidigeiider Form vorgebalten." .Hehr richtig! Bei welcher Gelegenheit geschah es doch gleich?" „In einer öffentlichen Arbeiterversammlung." „In einer öffentlichen Arbeiterversammlung." „Sehr richtig!" Verständnisvolles Lächeln am Richtertisch. „Und dann die Körperverletzung! Wie war es damit?" „Ich hatte einem jungen Menschen zwei Ohrfeigen gegeben." „Warum taten Sie denn das?" „Der Mensch hatte älteren Leute» gegenüber sehr schofel gehandelt." „Na, das ist doch Ansichtssache. Sonst war nichts Bemerkenswertes weiter dabei?" „Nein." „Wirklich nicht?" „Nein!" „Wurden Sie denn nicht gerade deswegen zu der hohen Strafe von zwei Monaten Gefängnis verurteilt, weil Streik war? Waren Sie nicht Streikposten und der von Ihnen Geschlagene Arbeitswilliger?" ..Ich habe das zwar auch immer geglaubt, aber ich wagte es nicht auszusprechen, weil das eine Beleidigung der Richter gewesen wäre." „Meine Herren, der Angeklagte wollte dies gern vertuschen, ich glaubte aber seine alten Sünden hier erörtern zu müssen, damit Sie über ihn orientiert sind." Die Herren waren nun allerdings genügend orientiert. Es reichte hin, um unsern Einwand der Notwehr zu verwerfen und mich zu verurteilen. In der Nacht vom Gründonnerstag auf den Karfreitag mußte ich die Reise nach der Festung antreten. Am anderen Morgen trafen wir in der kleinen schlesischen Stadt ein. Die Leute auf dem Bahnhof kannten wohl derartige Transporte, denn manch scheuer Blick traf mich, als ich für das wenige Geld, das ich noch besaß, mir ein Frühstück im Wartesaal des Bahnhofs geben ließ. Manche traten dicht an mich heran, betrachteten mich genau und prüften meinen Gesichtsausdruck, um daraus zu erkunden, auf wie lange ich hinter der ihnen wohlbekannten Mauer verschwinden würde. Ein kleiner Kejnerjunge brachte mir ein Glas Wein und sagte:„Trinken Sie noch einmal ein Glas, Sie werden sobald keins wieder bekommen."„Sie haben schlechte Ostern," sagte ein behäbiger Bürger,„auf wie lange, wenn ich fragen darf?"„Sie können sich in der Zeit einen Vollbart wachsen lassen, antwortete ich. Von der hintersten Ecke des Saales kam ein Mann mit zwei Jungen, die mich sehen wollten. Sie pflanzten- sich vor uns hin und starrten mich einige Minuten lang an. Ich hatte noch einige Pfeffermünztabletten in der Tasche und bot sie den Jungen an. Der Mann ergriff erschreckt seine Buben und ging schleunigst davon, als wäre ich mit irgendeiner ansteckenden, bösen Krankheit behaftet. Zum Gefängnis wählten wir einen abgelegenen Weg, an Villen vorbei, aus denen gerade jetzt die Leute zu den Kirchen gingen. Kurz vor dein Gefängnis sali ich noch andere Kirchgänger: eine Abteilung Gefangener, die von sechs Soldaten mit Karabinern begleitet wurde. Aus dem Schlitz im Kasten der Gewehre sahen die Patronen hervor, I Soldatengeschichten/ von August Winnig August Winnig. der Verfasser der vor dem Kriege erschienenen Schrift„Preußischer Kommiß", ist beute glühender Nationalsozialist. Er dient der braunen Sache in Wort und Schrift, unter Preisgabe seiner Vergangenheit. Einst, als junger Proletarier, war er zum Sozialismus und zur Sozialdemokratie gekommen, bewegt von den hohen Gedanken der Freiheit und der Menschenrechte. Es gelang ihm. im freigewerk- schall liehen Bauarbeiterverband einen führenden Posten zu gewinnen. Nach der Umwälzung von 1918 wurde er Oberpräsident in Ostpreußen, damals freilich schon in seinem alten Bekenntnis zögernd und schwankend. Sein politisches Ende in der Republik führte der Kapp-Putsch vom März 1920 herbei. Es erwies sich, daß er der zweideutigen Haltung der Reichswehrkommandeure in jenen kritischen Tagen Vorschub geleistet hatte. Dann rutschte August Winnig immer weiter nach rechts. Er wurde der Vertrauensmann Hilgenbergs und Stinnes. für deren Blätter er seine flinke Feder in Bewegung setzte. Heute ist er einer von den 110-Prozentigen: wildester Nationalsozialist, begeisterter Militarist und nationalsozialistischer Schriftleiter. Sein Buch„Preußischer Kommiß" hat er längst verleugnet, weil es die denkbar schärfste Anklage des militaristischen Kadavergehorsams darstellt, zu dessen Anbetern er heute gehört. Ein Grund mehr für uns. unseren Lesern einige Kapitel aus dem Buche August Winnigc vorzulegen. 1 Bekämpfung der roten Gefahr" 0er Plan einer nordamenhanisdien Diktator Man schreibt uns aus Neuyork: Hier wurde die„Nationale faschistische Partei Amerikas" gearunuet. Das ,Zicl dieser neuen Oroaiiisatiou ist:„Bc- kamp'uny der roten Gefahr".„Rettung Amerikas vor dem vfnternationakisinus",„Ausrottung aller parasitischen, un- aiunnlierbaren und antisozialen Elemente", wenn notipcn- big. durch Gewalt. Obwohl in der Gründungsversammlung betonl wurde, das? die Paiiin eintritt für intensiven Nationalismus, ohne ivclchen Amerika nicht bestehen kann, war me Zusammenstellung international. Tic Mehrheit sind Italiener, der„Führer" John Thomas Brown, ist Jr- laiiöer, und einer der Hauptsprecher Louis Zahn, ein Seitlicher Nazi und Vertreter des Tr. Hubert Schnnch, des ueuen Präsidenten der„freunde des neuen Teutschland". -Tieics Ausläuderkonsortiiim will den Amerikanern inten- siven Nationalismus predigen. Viele reaktionäre Unter- nchmer sind mit den Plänen Roosevelts nicht einverstanden, welcher den Arbeitern nicht nur freies Koalitiousrecht zugestanden Hai, sondern ihnen sogar empfiehlt, sich gewerk- Ichaitlich zu organisieren. In der Zeit der schwersten wirt- ichaitlichcn Tepreision hat man den Arbeitern viele Rechte genommen die Arbeitszeit verlängert und die Löhne ge- kürzt. Tie amerikanische Arbeiterschaft organisiert sich seht und versucht einen Teil ihrer gekürzten Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zurückzuerobern. Tarin besteht in der Ansicht der rückständigen Unter- nehmcr die„Rote Geiahr". Tie Hauptausgabe der„Ratio- nalcn faschistischen Partei" ist nun eine zuverlässige und schlagkräftige Streikbrecherarmee zu schassen, um der um ihre Existenz ringenden Arbeiterschaft in den Rücken zu fallen und jeden Streik zu einer Niederlage der Arbeiter werden ,u lassen, wenn notwendig, durch Gewalt. Tas ist die„Bekämpfung der roicn Gefahr". Nu» kommt der pen- signierte Generalmajor Smedlen T. Butler und enthüllt, das? schwerreiche Börsenmakler und Bankfürstcn der Wall Street, ihm einen Plan vorgelegt und ihn versucht haben, eine faschistische Bewegnva einzuleiten und die Tiktatur in Amerika zu errichten. Lassen wir General Butler spreche». Er sagt: „Natürlich gab ich den Leitern der faschistischen Bcwe- gung zu»erstehen, das, ich nicht am faichismus oder an irgend einem anderen Ismus interessiert bin. Die ganze Aiiäre roch nach Hochverrat. General P. Mac Guire, Mitinhaber der Firma Grapson M. P Murphy». Co 52 Broadway, trat an mich heran und ersuchte mich, eine faschistische Armee, welche auö .',üg gm früheren Frontsoldaten bestehen sollte, zu organi- sieren Bald darauf erschienen Mac Guire und Robert Sterling Elark:n meinem Heim, Newton Tauare Pa Elark besitzt eine Ossiee in 11 Wall Street, sein Vermögen wird auf 50 000 000 Dollar geschätzt. Beide Herren ver- sicherten mir. das, 3 000 000 Dollar bereitgestellt seien, Ilm die Bewegung in Gang zu bringen Ter Plan war, das; ich eine soldatische Organisation führen sollte, ivclchc sich in ungefähr einem fahre in Washington zu versammeln habe. In wenigen Tagen könnte dann die Regierung übernommen werden. Um sär gegen P. Mac Gnirc zu sein, mutz ich jagen, das, er nicht blutdürstig zu sein schien. Er fühlte, das, die Zurschaustellung der Macht genügen werde, um die Regierung zu einer friedlichen Abdankung zu zwingen. Er regte an, daft wir Roosevelt beibehalten und ihn dieselbe Rolle spielen lassen könnten, wie der König von Italien unter Mussolini. Doch wenn Roosevelt nicht mit der Bewegung einverstanden sei, würde er zum Rücktritt gezwungen. Ich war erstaunt über die Unverschämtheit und Roheit, in welcher mir der Vorschlag gemacht wurde. Ich habe immer an die Demo- kratic geglaubt und fühlte, das, eS meine Pflicht war, soviel wie möglich von dieser Verschwörung zu erfahren, um die zuständigen Regierungsbehörden informieren zu können. M Mae Guire beschrieb dann eine lange Stu- dienreise, welche er im Frühjahr und Sommer 1984 durch Europa gemacht, um dort die nationalsozialistischen und faschistischen Organisationen in Teutschland und Italien zn studieren. Tieie Reise kostete ihn 25000 Dollar. Er bestand darauf, das, das Zeigen einer bewaffneten Macht der einzige Weg sei, um das kapitalistische System'-zu retten. Er kritisierte das Arbeitsbeschasfungsprogramm Roosevelts und meinte, datz Roosevelt nicht die richtige Lösung finden werde Wir müssen es genau machen, wie vitler in Teutschland. Es werden Arbeitslager geschaffen und Baracken errichtet. Alle Arbeitslosen werden auf- gegriffen, nach den Arbeitslagern transportiert, um dort Zwangsarbeit zu verrichten, und das Areitslosenproblem ist gelöst." Soweit General Butler Seine Enthüllungen zeigen an, mit welchen Plänen sich grotze amerikanische Kapitalisten beschäftigen und mit welchen Möglichkeiten der amerikanische Kapitalismus rechnet. Gerardo Machado, der kubanische Hitler, hat ein deutsches Tchiss bestiegen, um nach Europa zu gehen. Fast in allen amerikanischen Staaten hat er Zuflucht gesucht und nirgends Ruhe gefunden. Dieser grausame Despot, der Tausende un- schuldiger Menschen abschlachten tieft als er»och unumschränkter Herrscher Kubas war, zittert um sein Leben. Ten ganzen amerikanische!! Kontinent hat er durchrast, kubanische Revolutionäre dauernd aus seinen Fersen. Wenn er in Teutschland eintrifft und Hände drückt mit Hitler und Göring, wird er befreit aufatmen, er weis,, datz er sich dort in guter und gleichwertiger Gesellschaft befindet. B RIEFKASTEN Freund iu Warschau. Sie schreiben uns:„Im Verband der Au?- landskorrespondcntcn in Warschau wurden die Ergänzungswahlen in das Präsidium fitr den vor kurzem ans Warschau abgereisten DRV.-Korrespondenten und Prejjcrescrciiicn der deutschen Gesandt- schast. Gras Huyn sowie den Vertreter der HavaS-Agentur Negre vorgenommen. Es waren drei Kandidaten ausgestellt, und zwar der neue Pregercscrent der deutschen Gcsandischast in Warschau, Tlein, der neue Vertreter der HaoaS-Agciitur, Jouvc. und der Vertreter der lettischen Pregeagentur„Letta", Prcditis. Gewählt wurde Jouve mit SZ Stimmen, Prcditis erhielt 23 Stimmen und Stein nur ll Stimmen. Tcm Präsidium gehören antzcr den beiden Ncugcwählien Jouoe und Prcditis noch die bisherigen Vertreter der Agenzia Sie- fani, des„Manchester Guardian" und der„JSwestiia" an. so datz nunmehr die deutsche Presse, die in Warschau am zahlreichsten ver- treten ist, im Präsidium völlig schll. Das Stimmenverhältnis von öl> gegen ll wird als eine ausgesprochene Blockbildung der Aus- landskorrrspondenten aller Staaten in Warschau gegen die gleich- geschaltete deutsche Presse gcwcrtet."— Und wie hat diese gleich- geschaltete Preise geschwärmt, alS vor einem halben Jahre Goebbels einen Vortrag in Warschau hallen durste. M. F., Amsterdam. Besten Tank. Wir hatten gerade eine lieber- setzung aus einer andern holländischen Zeitung angenommen, die über dasselbe Thema berichtet. Literatur Tie Heue Weltbühne, Prag X, Zizkova 4c. Ter Leitartikel von Hermann BudziSlawski beschästigi sich mit dem Verkauf der Zeit- schrift„Westland". Aach sechs Wochen Hast in den spanischen Gc- sängniisen berichtet HanS Theodor Joel über den spanischen Aus- stand.„Verfall einer geistigen Welt" heißt der Aufsatz von Heinrich Mann. Heinz Pol bespricht das Buch„Tie Entstehung der tschccho- slowakischen Republik" von Emil Strauß unter dem Gesichtswinkel der heutigen Emigrationssragen. lieber Efscktcnbaisse und Export- Hausse schreibt Hans Konrad: Kurt Hiller erzählt seine Erlebnisse im„dritten Reich". Paris Association des Juristes allemands emigres Die Vereinigung deutscher emigrierter Juristen bittet ihre Mitglieder und Freunde zu einer zwanglosen Zusammenkunft am Freitag, dem 14. Dezember 1 9 3 4, abends 8.45 Uhr, in der ,.Societe des Amis", 1 2, rue Guy-de-la-Brosse, Paris Ve, metro Place Jussieu, Kleiner Saal. Der Geschäftsführende Ausschuß wird Bericht über die Arbeit der Organisation erstatten, an den sich eine Aussprache anschließen soll. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pitz in Tud- weiter: lllr Inserate: Lttc Kuhn in Taa-brticken Rotationsdruck and Vertag: Verlag der Voikssttmme GmbH. Saarbrücken 8, Schützenstraße 5.— Schließfach 776 Saarbrücken. Das Buch des Tages! Es kommen zu Wort: Der Großindustrielle Hermann Röchling. Der Führer der Deutschen F ront, Pirro. Der Pfarrer Wilhelm. Der Vorsitzende der Handwerkskammer, Schmelzer. Gräfin von Roedern. Der Propagandaleiter der Deutschen Front, Peter Kiefer. Minister Zoricic. Drouard, Vorsitzender der französisch-saarländischen'Handelskammer. Raspail, Direktor der Mines Domaniales. Dr. Velleman, Generalsekretär der Abstimmungskommission. Exzellenz Galli, Vorsitzender des Obersten Abstimmungsgerichtes. Dr. Martiner, General- Advokat beim Obersten Abstimmungsgericht. Landgerichtsdirektor Steinfels. Johannes Hoffmann, Führer der katholischen Front. Max Braun, Vorsitzender der Sozialdemokraten. Fritz Pfordt und Philipp Daub, führende Funktionäre der Kommunisten. Julius Schwarz, Vorsitzender des Bergarbeiterverbandes. Arbeiter und Bauern, Geistliche und Handwerker. Hausfrauen und Schulkinder, Kaufleute und Lehrer. Inhaltsangabe: Mitten in Europa 1934. Deutsch sein. Hitler vor den Toren. Hier regiert der Völkerbund. Die toten Seelen. Kommt die Wirtschaftskatastrophe?. Gleichschaltung der Sklaverei?. Die Front der Schwankenden. Die katholische Fronde. Die Einheitsfront. Das andere Deutschland. Ein Würfel fällt an der Saar DieWahrheitüberdieSaar! Das Reportagebuch für jedermann! 180 Seiten, zweifarbiger Umschlag, bessere Ausgabe Fr. 12,—(Sfr. 2,40), billige Volksausgabe Fr. 6.—(Sfr. 1,20). RING.VERLAG AG., ZÜRICH Zu beziehen in allen Buchhandlungen oder bei der Buchhandlung der Volksstimme G.m.b.H. Saarbrücken 2, Trierer Strafte 24/ Postscheckkonto Saarbrücken 619 Rl HIER i 1 Ito® f /i ■ u vv. /jf*: üaAt f^fT Ein Land wird interviewt von THEODOR BALK •, V-i'. W H; V;' fv, Dr. Hans Neikes ■ Hermann Röchling JakobPirro . Pfarrer Wilhelm ■'Ifta? ffi-'t%. ■ p,.„., reler l\ i e t e r Wilhelm Schmelzer Pfarrer. Nold Minister Zoricic Exzellenz Galli D r. M a r t i n a Direktor Raspail Dr. Velleman Johann Hoffmann' ; M a~ x B r a u n s, "ritz Pfordt 3 h i I i p p; Daub u I i u s Schwarz Berga r b e i t e r ' U* f Faust r a u e n '' Sj?v H üHenarbeiter .'. fj;>: _ a n d w i r t e V ,:"*«V'* Geistliche Schulkinder :'r>•' ,-V i.'f und viele andere