LsnsZge ssnadZzangkge TagesZettung DeuSkchSands !^r. 2LY— 2. Jahrgang Saarbrücken, Samstag, 15. Dezember 1934 Chefredakteur: M. Braun mBBmamwmmatmmmm Juctuxcüigiec in Sdiutehatt Seite 2 Saacr J(anwt ssac und Qetdschcankknaclkec Seite 3 IJlenscftenlaqd in UlitieCeucona Seite 4 Nassenvemaftung- Neues Sdirecftensgesetz Oegen„Geriidifemadicr' und Staaisfelntie- lausende Sozialdemokraten. Kommunisten. Hitler gongen und nationale Frondeure eingekerkert SKIlidiheil als Vornand Berlin, 14. Dezember. Xa§ ReichSkabinett hat ein Gesetz gegen heimtückische An- tzrisse aus Staat und Partei und zum Schutze der Militär- uniformen erlassen, dessen Wortlaut noch nicht vorliegt, das aber zweifellos gegen die sich in Gerüchten und Kritiken ausbreitende, das Regime ablehnende Stimmung gerichtet ist. Die Zahl der in den letzten Wochen verhafteten Sozialdemokraten und Kommunisten geht in die Taufende, Und sie übersteigt sogar die Zahl der wegen Unterschlagung. Diebstahl und Tittlichkeitsverbrcchen in Hast genommenen Hitlcrbonzen, was etwas bedeuten will, denn es gibt kaum noch eine nennenswerte deutsche Ortschaft, die nicht solche Subjekte dem Staatsanwalt übergeben mußte, weil der Skandal nicht mehr zu vertuschen war. Allgemein gehen die Gespräche, daß in Jahrzehnten der früheren Regierungen in Republik und Kaiserreich nicht soviel Korruption geherrscht hat wie in Monaten des Hitlerrcichs. Dabei kann infolge des Kehlen« jeder Pressefreiheit nur ein kleiner Teil der wirk- lichen Korruption erfaßt werden Infolge der außerordentlichen Borsicht, mit der in pcrso- nellcr und sachlicher Beziehung die längst wieder über das ganze Reich sich ausdehnende Sozialdemokratie illegal arbeitet, gehört es zu den größten Seltenheiten, daß ein wirtlich aktiv tätiger Genosse„hochgeht". Die Gestapo saßt wahllos ehemalige kleinere Funktionäre der Partei und sucht in endloser Untersuchungshast etwas aus ihnen herauszupressen. Meistens handelt es sich um Sozialdemokraten, die gerade deshalb, weil sie als frühere Funktionäre zu bekannt sind, nicht zur illegalen Arbeit herangezoge werden. To hält man sie denn ohne jeden Grund in' obwohl die Gestapo aus der ruhig sich fort- setzenden 9 it genau weiß, daß sie das Netz der illegalen Organiso',! nicht zerreißen, geschweige denn zerstören konnte, j J' Seit j«' igen Tagen ist in Berlin und in einigen anderen Gr»^.adten eine groß angelegte Polizcijagd gegen oppo- sitionclle junge Nationalsozialisten im Gange. Allein in Berlin geht die Zahl der Verhafteten in die Tanscnde, und zwar versucht man die rein politische Aktion in der Art des moralischen Entrüstungsgctnes nach dem 30. Jnni als eine sittliche Säuberung zu tarnen. Man teilt mit, es sei lediglich eine Razzia gegen Homo- sexuelle durchgeführt worden, aber man wird nicht bestreiten können, daß sich unter den Verhafteten in Berlin und im Reiche mehrere Dutzend Unterführer der Hitlerjugend bc- finden. Wenn man sie in Bars, zweifelhaften Nachtcafes und in Stundenhotels ausgegriffen haben will, so wirkt das . auf jeden Fall ein bezeichnendes Licht auf die Qualität der Hitlerjugendführer, die zur sittlichen Ertüchtigung der deutschen Jugend berufen werden. Man fragt sich übrigens, warum, wenn eine sittliche Reinigung vorgenommen werden soll, die Säuberung nicht von ganz oben beginnt. Es er- halten sich die Gerüchte, daß homosexuelle Betätigung noch immer in den höchsten Kreisen der Hitlerjugend und auch in der allernächsten Umgebung des„Führers" anzutreffen ist. Diese Herren, so erzählt man sich allgemein, würden nur ge- schont, weil sie hitlcrtreue Politik betrieben. Man verweist darauf, daß länger als ein Jahrzehnt die wüstesten sexuellen Orgien von Röhm, Heines, Ernst und andere und ihr Miß- brauch der ihnen anvertrauten Jugend durch Hitler persön- lich trotz genauer Kenntnis der Vorgänge immer wieder cnt- schuldigt worden sind. Sein sittliches Pathos erwachte erst, als die Päderastcn ihm politisch unbcguem wurden. Genau so ist es jetzt. Mit vielsagendem Lächeln wird vermerkt, daß ein großer Teil der jnngen politischen Räsoncurc in die Arbeitsdienst- lager gebtacht werden sollen. Wenn es sich wirklich um Homosexuelle handelte, wäre das eine sehr verfehlte Knr, denn die Arbeitsdienstlager sind nicht weniger als die Hitlerjugend und die SA. und die SS. Brutstätten invcr- ticrtcr Sexualität. Uebrigens sind auch in einigen Arbeitsdienstlagern Razzien vorgenommen worden, die politische Hintergründe haben. Aufsehen erregt die Verhaftung des Redakteurs K l e s f e I, der bei der„B. Z. am Mittag" das Flugwesen bearbeitete, des Lokalrcdakteurs Engelhardt von der„Morgenpost" und des politischen Redakteurs J ö rissen, der ST.- Sturmführer war. lieber das Schicksal des abgesetzten und verhafteten Ober- präsidcnten und Gauleiters B r ü ck n e r ist noch immer nichts bekannt. I» den Hitlerorganisationen schwirren Gerüchte, daß nicht nur er. sondern auch einige seiner Unterführer hin- gerichtet(?) worden seien. Verbürgt ist, daß der Zieichspropagandamiuister in kleine- rem Kreise wiederholt erklärt hat, man werde vor einem neuen 30. Juni gegen die„ewigen Revolutionäre" nicht zurückschrecken, wenn es die Sicherheit des Staates er- fordere. Es zeigt sich jeden Tag mehr, wie schwer es für Hitler ist, die geplante umfassende Ausschaltung aller oppositionellen Kräfte in der Bewegung bis nach der Taarabstimmung am 13. Januar zu vertagen. mmm w Seine zynische Er Klärung Uber Ute Saargruben Sturme kundigen situ an Bas Oeselz gegen ueiaiiüdiiscfie Angrille auf S'aat und Pari et Das in dem obigen Bericht aus Berlin erwähnte Ge- seß liegt nun vor. Es richtet sich sowohl gegen die als staatsgefährlich betrachteten.Ger ii chtemacher' wie gegen jede Art aktive Opposition. Deutlich ist sichtbar, wie groß die Sorge um das Vordringen der Opposition i n d e n uniformier- l e n nationalsozialistischen bor m a t i o- n e n ist. Offenbar will man mißliebige oppostionollr Elemente unter dem Vorwand unberechtigten Um- formtragens und ähnlicher Beschuldigungen ein- sperre n. In einem außerordentlich dehnbaren Para- grafen wird schon für die..Absicht, in der Bevölkerung Furcht oder Schredcen zu erregen", T odesslrajc angekündigt. In§ 1 des Gesetzes heißt eö:„Wer vorsätzlich eine unwahre oder gröblich entstellte Behauptung tatsächlicher Art auf- stellt, oder verbreitet, die geeignet ist. das Wohl des Reiches oder das Ansehen der ReichSregicrung oder das der NSDAP, oder ihrer Gliederungen schwer zu schädigen, wird, soweit nicht in anderen Vorschriften eine schwerere Strase angedroht ist, mit Gefängnis bis zu zwei Jahren und. wenn er die Behauptung öffentlich aufstellt oder verbreitet, mit Gefängnis nicht unter drei Monaten bestraft. Wer die Tat grob fahrlässig begeht, wird mit Gefängnis bis zu drei Monaten oder Geldstrafe bestraft. Richtet sich die Tat aus- schließlich gegen das Ansehen der NSDAP, oder ihrer Gliede- rungen, so ivird sie nur mit Zustimmung des Stellvertreters des Führers oder der von ihm bestellten Stelle verfolgt." Nach K 2 des neuen Gesetzes wird mit Gefängnis bestraft, wer öffentlich gehässige, hetzerische oder von niedriger Gesinnung zeugende Aeußcrungen über leitende Persönlichkeiten des Staates oder der NSDAP., über ihre Anordnungen oder die von ihnen geschaffenen Ein- richtnngcn macht, die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben. Den öffentlichen Aeußcrungen stehen nichtöffentliche gleich, wenn der Täter damit rechnet oder rechnen muß, daß die Aenßcrnng in die Ocssentlichkcit dringen werde. Nach den bisherigen Vorschriften konnten«. lt. derartige Aenße- rnngen nur mit unzulänglicher Strafe geahndet werden. Nach§ 3 wird der, welcher eine strafbare Handlung begeht oder androht und dabei, ohne dazu berechtigt zu sein, eine Uniform oder ein Abzeichen der NSDAP, oder ihrer Gliede- rüngen trägt oder mit sich führt, mit Z u ch t h a n s. in leichteren Fällen mit Gefängnis nicht unter sechs M o n a t c n bestraft. Fortsetzung siehe S. Seite. Wir erhielten folgenden Briefe L'Intransigeant 100. Rue Reaumur Le Secretaire Generale adjoint Paris, den 12. Dezember 1984. Herr Direktor! Unter dem Titel„Ein Mißverständnis" hat die deutsche Presse eine Mitteilung des Doktors Röchling veröffentlicht, worin dieser versichert, daß er dem Berichterstatter des „Jntransigeant" nie gesagt habe, Deutschland würde Frank- reich, im Falle der Rückgliederung des Saargebiets an das Reich, keinen Pfennig als Entschädigung für die Bergwerke des Gebiets geben. Ich behaupte, daß diese Aeußerung am 17. November gc- macht wurde, und daß mir Doktor Röchling ausdrücklich gc- stattet hat, dieselbe bekannt zu machet). lieber die Art, wie Doktor Röchling seiue eigenen Worte leugnet, will ich mich nicht äußern. Ich freue mich aber nichtsdestoweniger, daß er sie eigentlich dadurch jetzt zurück- nimmt, baß er für aufrichtiges uud vernünftiges Verstäub- nis zwischen Frankreich und Deutschland eintritt. Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, Herr Direktor, wenn Sic diese Berichtigung sobald wie möglich erscheine» lassen, und bleibe Hochachtungsvoll! gez. Guy de Traversay. Englischer Brief O.G. London, Mitte Dezember. England und die Saar Hätte vor zwei Jahren jemand einem Engländer, der nicht gerade zu der auch hier dünngefäten Schar der weit- politisch Gebildeten gehörte, etwas vom Saargebiet er- zählt, so hätte er in den meisten Fällen wohl zur Antwort erhalten!„C a a r g e b i e t. wo i st das? Liegt das in Rußland oder in Afrika oder in Arabien?" Ja. noch vor einem Jahr war die Zahl derer, die etwas vom Saar- gebiet gehört hatten, gering— trotzdem ein Engländer, oder um korrekt zu sein, ein Brite(Mr. Knox hat nämlich auch schottische und irische Vorfahren, und das nimmt man hier genau) an der Spitze der Verwaltung steht. Heute, st dieSaar selbst denen, die in den Zeitungen nur über Sport. Hochzeiten und Ehescheidungsprozesse lesen, ein Begriff. Immer wieder hämmern die Schlagzeilen auf der ersten Seite der Sensationsblätter ihnen diesen Begriff ein— von den langen Berichten und Leitartikeln der ernsthaften Presse gar nicht erst zu reden. Man kann nicht behaupten, daß die meisten Engländer mit dem Wort Saar sehr angenehme Gedanken verbinden. Seit vielen Wochen ist ihm klar geworden, daß die Saar zum Konfliktherd geworden ist, an dem sich unter Umständen sogar ein Krieg entzünden könnte. Die Alarmberichte häuften sich. Man hörte von französischen militärischen Vorbereitungen, man hörte mehr noch von dem ständigen Brüllen der Nazis, von ihren Terror- Methoden, von Putschgefahren und dergleichen. Es waren nicht etwa sensationslüsterne Journalisten der Skandalpresse, die darüber berichteten, nein, es war ein hoher, geachteter englischer Beamter, der an Ort und Stelle saß und es wissen mußte. So wuchs das Unbehagen, denn die Engländer sind nun einmal im tiefsten Grunde pazifistisch. Konflikte am Balkan, in Polen, in Oesterreich sind gewiß unangenehm: aber diese Länder sind doch so weit weg— so denkt der Durchschnittsengländer. Aber die Saar! Sie ist nahe, hier gelten die Verpflichtungen aus dem Locarnopakt. Zwar schrie die B e a v e r- brookpresse— hysterisch und dumm wie stets— die Saar gehe England nichts an, man solle Knox abberufen, man solle Locarno kündigen(obwohl Mr. Knox vom Völkerbund und nicht von England ernannt est, obwohl bei Locarnopakt nicht so einfach von heute auf morgen emseitig gekündigt werden kann— aber was braucht das einer der prinzipiell unwissenden Beaverbrookredakteure zu wissen, und wenn er es zufällig weiß, stört es ihn auch nicht). Auch Lord Rothermeres Zeitungen stellten ähnliche Forderungen auf. Aber wer liest schon die Leit- artikel dieser Presselords? Nein, England w a r an das S a a r s ch i ch so I gebunden. Das wußte man hier. Deshalb war man besorgt und nervös. Als nun Eden im Namen der eng- Iischen Negierung vorschlug, englische Truppe« ins Saargebiet zu schicken, wenn Frankreich und Deutsch- land sich an der Truppenentsendung nicht beteiligen würden, sah die Regierung sicher besorgt und unruhig auf die Aufnahme dieses Vorschlages durch die öffentliche Meinung. Legte sich doch England dadurch offiziell fest, hatte doch Außenminister Simon erst kürzlich erklärt, eine Entsendung englischer Soldaten ins Saargebiet käme nicht in Frage. Nun. die Regierung war sicher angenehm überrascht. Es ist lange her, daß sie eine so gute Presse hatte. Die Regierungskonservativen, die Lahour Party, die Oppositionsliberalen, die Kirchenblätter— sie alle überschütten die R e g i e r u n g. m i t Lob. Die öffentliche Meinung geht IM Prozent mit, Lord Rothermeres Blätter gingen nach kurzem Zögern mit fliegenden Fahnen zur Regierung über— in dieser Frage nur, natürlich. Die Beaverbrookpresse versuchte es zwei Tage lang mit hysterischen Wutausbrüchen, aber sie merkte bald, wie der Wind weht: heute knurrt sie nur noch leise. Die Regierung, die sich zuerst damit zu recht- fertigen suchte, daß Mr. Knox gedrängt habe, rühmt sich heute stolz der Vaterschaft dieser Idee. Warum ist die englische Oeffentlichkeit so begeistert von der Truppenentsendung? Run. sie spürt, daß Englands aktives Eingreifen alle Putschlüsternen— und es gibt ja nur e i n Land, das dafür in Frage käme— abschrecken wird; daß nicht die Isolierung Englands, sondern das Eingreifen, die klare Stel- lungnahme, die akute Kriegsgefahr be- f e i t i g t. Wird die englische Politik und vor allem die öffentliche Meinung daraus lernen? Gilt das. was für die Saar an- wendbar war, nicht auch für alle anderen Gebiete, die von dem räuberischen Zugriff des„dritten Reiches" bedroht sind? Ist es nicht nur eine klare, ausgesprochene Politik von feiten Englands, die Europa den Frieden erhalten kann? BäWw'ns Sieg in der Tnd'enfrave Der konservative Parteiführer Baldwin hat in der In dien frage einen klaren Sieg errungen. Der Sturmangriff der Rechtsopposition gegen den Kommis- sionsbericht wurde im Zentralkomitee der Partei, das über 10(10 Mitglieder hat, überlegen abgeschlagen. Das Stimmenverhältnis war 3:1. Baldwin selber sprach und Sir Austen Chamberlain sprach für den Entwurf. Churchill, Lord Salisbury und all die anderen Diehards sprachen dagegen. Baldwins Sieg war stark und ein- drucksvoll. Er sitzt als Parteiführer fest im Sattel und die Koalitionsregierung ist nicht gefährden Weniger befriedigend für Baldwin sind die Berichte erts Indien. Dort hat bei den Wahlen die stark oppositionelle Kongreßpartei erhebliche Erfolge erzielt: dort sind fast alle Parteien und Gruppen mit dem neuen Verfassung?- entwarf unzufrieden. Noch ist die Indienreform nicht über olle Hürden hinweg. FaHwängler- Heine- Rosenberg FurtwänglereRücktritt hat hier starken Ein- druck gemacht. Zwar hat Furtwüngler bei seinen hiesigen Gastdarbietungen meist wenig freundliche Kritiken ge- habt— dem konservativen, nüchternen Engländer liegt seine subjektive Art des Dirigierens nicht. Aber man er- kannte dennoch seine Größe an. Nun hat Deutschland nach Walter. Busch, Klemperer den letzten großen Dirigenten vertrieben, der in der Welt bekannt ist. Das Ansehen der Nazis, das wahrhaftig nichts mehr zu verlieren hat, hat durch diesen neuen Streich nicht gewonnen. Doch nicht genug damit. Die englische Presse hat ent- deckt, daß in seinen deutschen Schulbüchern die„Lore- I e y" als„von einem unbekannten Dichter" angeführt wird. Die volle Schale ihres Spotts ergießt sich über Herrn Rosenberg, der hier noch von seinem unsäglich blamablen Englandbesuch im Mai 1038 in„angenehmer" Erinnerung ist. Die konservative„Morning Posi" widmet der„Loreley" sogar einen ganzen Leitartikel. Sie ist sehr unzufrieden mit der Lösung von dem„unbekannten Dichter". Das sei nicht mutig. Deshalb schlägt sie Herrn Rosenberg vor. er solle in kommenden Auflagen drucken lassen„Die Loreley von Adolf Hitler." liilidcsi siciä m Fortsetzung mni Seite l. Wer der Tot in der Absicht begeht, einen Aufruhr oder in der Bevölkerung Angst und Schrecken zn erregen ober dem Deutschen Reich außenpolitisch Schwierigkeiten zu bereiten, wird mit Zuchthaus nicht unter drei Jahren oder mit lebens.'änglichem Zuchthaus bestraft. In besonders schweren Fällen kann aus Todesstrafe erkannt werden. Nach diesen Vorschriften kann ein Deutscher auch dann verfolgt werden, wenn er die Tat im Ausland b e- gangen hat. Nach 8 4 wird, wer seines Vorteils wegen oder in der Ab- ficht, einen politischen Zweck zu erreichen, sich als Mitglied der NSDAP, oder ihrer Gliederungen ausgibt, ohne es zu sein, mit Gefängnis bis zu einem Jahr und mit Geld- strafe oder mit einer dieser Strafen bestraft. Auch hier ivird die Tat nur mit Zustimmung des Stell- Vertreters des Führers oder der von ihm bestimmten Stelle verfolgt. Eine entsprechende Strafvorschrift hat bisher im geltenden Recht gefehlt. Nach 8•"> ivird, wer parteiamtliche Uniforme n, Uniformtcile, Gewebe, Fahnen oder Abzeichen der NSDAP-, ihrer Gliederungen oder der ihr angeschlossenen Verbände ohne Erlaubnis deS Neichsschatzmeistcrs der NSDAP, g e w c r b s m ä ß i g herstellt, vorrätig hält, feilhält oder sonst in Verkehr bringt, mit Gefängnis biS zu z iv e i Jahren bestraft. Wer die Tat in der Abficht begeht, einen Ausruhr oder in ohne dazu als Mitglied der NSDAP, oder ihrer Gliede- rungen bcsngt zu sein, wird mit Gefängnis bis zi: einem Jahre und, wenn er diese Gegenstände trägt, mit Gefängnis nicht unter einem Monat bestraft. Dasselbe gilt slir Uni- formen und Uniformteile, die den genannten Uniformen und Uniformteilcn zum Verwechseln ähnlich sind. Neben der Strafe kann ans Einziehung erkannt werden. Die ein- aezogencn Gegenstände si„d dem Rcichsschasjmcister der NSDAP, zn überweisen. Hinsichtlich der parteiamtlichen Abzeichen war biShcr nur unbefugtes Tragen strafbar. Nunmehr soll aber auch schon der FErtWängler«!ä„§5!5H'l!lälSi" Der Fall Furtwüngler entwickelt sich zu einer kulturpolitischen Tragikgroteske, die die ganze Welt bestaunt. Nicht nur, das; man dem Dirigenten de» Ilebertritt über die Grenze versagte, als er sich nach Wien zur Uebernahme eines Konzerts der Philharmoniker begeben wollte. Man hat ihm den Paß ganz abgenommen, ihm eine Loyalitätserklärung abgezivungcn und genötigt, aus ei» Jahr auf jede Konzert- tätigkeit innerhalb und außerhalb des„dritten Reichs" zu verzichten. Er sitzt als„Schützling" der ihn streng bewachen- den Gestapo in seiner Wohnung. Sogar seine Post w'rb überwacht, um diejenigen festzustellen, die dem amtlich Gc- ächteten Sympathiekundgebungen übermitteln. Goebbels und Rosenberg, die in diesem Punkte einig sind, benützen den Anlaß, um unter allen verdächtigen Künstlern Umschau und Musterung zu halten. Der Musikkritiker S t u ck c n s ch nt i d t wurde wegen seiner Parteinühme für Furtwüngler und Htndemith ans dem ReichSverband der deutschen Presse ausgeschlossen. Die„Deutsche Zeitung" hat ein geeignetes Kampsobjekt gegen den 8.'jäbrigen Mar L i e b c r n> a n n gesunden, dessen beste Gemälde gegenwärtig in einer Ausstellung in Hamburg gezeigt werden. Der An- griff gegen den greisen Künstler kommt aus zwei Richtungen her: sein Impressionismus sei ebenso jüdisch wie undeutsch, und er sei ein Repräsentant von„Weimar". Jeder weiß, daß sich Map Liebermann stets von Politik ferngehalten bat: höchstens, daß er iiber sie kanstisch-berlinischc Witze machte. Die ausländische Presse aller Richtungen ist voll Hohn und Spott iiber die Art, mit der das braune Deutschland mit seinen angesehensten Kunst'"'-«»mlvrinat. Tie widmet dem Fall Furtwänoler größere Aufmerksamkeit, als den Verfolgungen und Mißhandlungen von„Staatsieindeu" und findet in diesem Vorstoß gegen d'e Gesinunnaskreibeit alle Bchanp- tnngen über die deutsche Geistfeinblichtcit bestätigt. Audi SkiCliMT London, 14. Dez. Agentur Rcnter meldet aus Berlin, daß die Behörden FurtwäNgler und Kleiber die Pässe entzogen haben. Tic Geheimpolizei überwacht FurtwänglcrS Haus. rellx WelEgarlucr Recht überraschend kommt die Ernennung von Felir W c i n g a r t n c r zum Direktor der Wiener Staatsoper an Stelle von Clemens Krauß. Der berühmte Dirigent leitet ftlrdienprotcsf denen Irl ..Die Bekennlnlshtnfte i$ä sdiwer bedroht. obwohl Deldisbisdiot notier ton allen verlassen w rd.. Auf die Wiesbadener Rede des Relchsinnenministers Fr ick erläßt die provisorische Leitung der Vekcnntniskirchc einen Aufruf, in welchem es u. a. heißt:„Wir erheben vor Gott und den Menschen feierlich Protest gegen den Vor- wurs, der uns öffentlich von einer verantwortlichen Pcrfön- lichkeit gemacht worden ist. baß unter dem Deckmantel rcli- giöfer Interessen sich alle möglichen Elemente, Landcsver- rätcr und Ttaatsscinde. zusammenfinden mit dem Ziel, Politik gegen das„dritte Reich" zu machen" Tiefer Aufruf ist u. a von dem Bischof Marahcns auS Hannover und Dr. Koch unterzeichnet und wurde in den Kirchen verlesen. Den Gläubigen ist mitgeteilt worden, baß an die zuständige Stelle eine formelle Berichtigung gerichtet wurde. Im Aus- ruf werden im übrigen die Gläubigen zum Schluß ausgc- fordert, sich in ihrem Glauben an Christi durch Drohungen nicht beeinflussen zu lassen. Auf der ganzen Linie sind Verschärfung und Zu- spitznng unverkennbar. Es ist durchaus glaubhaft, daß der Plan, sofort nach der Saarabstimmung Koch und Dr. N I c m ö l l e r zu verhaften, keineswegs aufgegeben ist. Es herrscht das wildeste Durcheinander. Von 28 Führern der Landeskirchen haben diejenigen von Bayern. Württemberg. Baden, Hannover, Schleswig- Holstein, der Pfalz, L i p p e- D e t m o l d und Lipp e- Bücke bürg, außerdem der preußische Provinzbischos von Schlesien, dem Rcichsbifchof die Gefolgschaft verweigert und erscheinen nicht mehr zu den BischosSkonferenzen in Berlin, Im ganzen Reich schweben 6 0 0— 8du Klagen von disziplinierte» Pfarrern gegen den ReichSbischof. «- Tie Tisziplinierung des Bonner Theologen K a r l B a r t h ist jetzt durch offizielle Vernehmung in Gang gesetzt morden. Die Studenten boykottieren die. Vorlesungen seines Nach- folgers, des außerordentlichen Professors Schmidt-Jap- n i g, einem„Deutschen Christen" hitleramtlichcr Prägung. unbefugte Besitz strafbar sein. Tie Vorschriften gelten sinngemäß auch für den Reichslustschutzbund> den Deutschen Lust- sportvcrband, den Freiwilligen Arbeitsdienst und die Tech- nischc Nothilfe. Die Ausführungsvorschriften erläßt der Retchsminister der Justiz. HerHernicisttr Göring Seine Opfer sollen zu Tode geschunden werden London. 18. Dez In ihrem Kommentar zn der letzten Göringrede stellt die„Times" fest, daß der General nicht nur erklärt habe, Thälmann und Torgler würden nicht frei- gelassen„Er verband mit diesen beiden Namen den des Dr. Neubauer, der.nach einem Jahr Konzentrationslager kürz- lich zu sieben Monate» Gefängnis verurteilt ivorden ist." Damit sind alle Versprechungen, die der Auölandspressechef der NSDAP., Hanfstäugl, zwei englischen Delegationen, darunter Oxford« Professoren, vor einigen Monaten iiber eine bevorstehende Freilassung NeubauerS gemacht hat, nochmals und offiziell als Lüge entlarvt. Die„Times" fährt fort— und dieic Feststellungen sind eine neue schwere Anklage gegen die abscheulichen Vor- brechen des nationalsozialistischen Regimes—: „Die Rede des Generals Göring zerstört endgültig jede Hoffnung auf eine Amnestlerung der prominentesten früheren Kommuutstenführer. Als Resultat der August- Amnestie gab der General an, daß allein in Preußen 1800 Verhaftete ans der Schutzhaft entlasten worden sind. Aber es gibt hervorragende Persönlichkeiten, die sich zwischen einem Jahr und 21 Monaten in Haft befinden, ohne ange- klagt zu sein, und bei denen cö sich nicht um prominente Kommunisten handelt Da ist Tr Wierendorf, daS frühere sozialdemokratische Reichstagsmitglied,... da ist der che- malige sozialdemokratische Bürgermeister von Breslau Dr. Lüdemäu». da sind von Ossietzky und Küster, deren Ver- brechen ist. daß sie Pazifisten sind, da ist der Rechtsanivalt Hans Litten,-dessen Leiden bekannt sind. Sie alle sind noch im Konzentrationslager." gegenwärtig da? Konservatorium und das gesamte Musik- wesen in Basel. Er wird für Wien vermutlich beurlaubt werden. Weingartncr, der bedeutende Dirigent, ist bereits 7l Jahre alt. aber»och iebr aktiv und körperlich frisch. Eine Tätigkeit im„dritten Reiche" wäre ihm wegen»ichtärischer Abkunft versagt. Tie Basler„National-Zettung" schreibt:„J>> die Traner, die wir in Basel darüber empfinden müssen, darf sich der Stolz mischen, daß wir ihn doch so lange haben durften, und daß er nnserm Musikleben den Stempel seiner überragenden Persönlichkeit in einer Weile ainaedrückt hat. die unanSlöschbar und verpflichtend zugleich ist. Er wird, das geht ans dem Datum des Antritts feiner neuen Position her- vor, feine Basler Verpflichtungen einhalten." Der Gfßlerhiil Gruß verweigert oder nicht? Köln, 18. Dez. Der kürzlich? Ausschluß des Vvrslaiidsmit- gliedcs der Kölner Anwaltskammer Dr. Legers wegen angeblcher Verweigerung des Hitler-Grußes ist ans Ver- anlassung des Reicksfuxistensührers Tr. Frank, an den sich Dr. Legers beschwerdeführend gewandt hatte, wieder aus- gehoben worden. Die ganze Angelegenheit ist an das zu- ständige Gau-Ehrengericht des NT.-Juristcnbundeö ver- wiesen ivorden, damit der Sachverhalt aufgeklärt wird. Dr. Legers bestreitet, den Gruß verweigert zu haben. Auch die Anwaltschaft des Kölner OberlandcsgcrichtS hat sich zu Dr. Legers bekannt und in einer Erklärung ihr Bedauern über den Ausschluß eines ihrer'Mitglied« ohne vorherige Verhandlung zum Ausdruck gebracht. „öeßlsdie Zeiluus" geht ein Berlin, 18. Dez. Verlag und Schristlcitung der„Deutschen Zeitung", Berlin, teilen in der heutigen Nummer des BlatteS ihren Lesern auf Grund ctneS Beschlusses des Aussichtsrates mit, daß die„Deutsche Zeitung" am 81. Dezember d. I. mit Abschluß des 30. Jahrganges ihr Erscheinen einstellt. OlwlKow bei Neara'b Von unserem Korrespondenten Paris, 14. Dezember. Es sieht nicht so ans, als ob die Herren Diplomaten, die ivie die Nornen Europas Schickialssäden in ihren Händen halten, bald in die Weihnachtöfcricn gehen könnten, die bestenfalls nur von sehr kurzer Dauer sein werden. Dazu sind die Probleme zu wichtig— ivir erinnern nur an die Taarabstimmung, den Ostpakt, die italiciiisch-französische Entente und im Zusammenhang damit an die Bereinigung des Gegensatzes zwischen Rom und Belgrad— die bei Be- ginn des neue» Jahres ihrer Lösung harren. Gestern stattete der sowjetrussische Außenminister L i t w i n o i» Berlin einen Besuch ab, der auf einen bis zwei Tage berechnet ist. Vor nenn Tagen noch hätte ein solcher Besuch den Onal d'Orsay alarmiert. Damals beobachtete man mißtrauisch jede Berührung zwischen Sowjct- rußland und Hitlerdeutschland, wußte man doch hier ganz genau, daß einflußreiche Kreise der Reichswehr, um nur diese zu nennen, eifrig am Werke waren, um die braunen Herren davon zu überzeugen, daß eine Annäherung an Ruß- land Deutschland den Vorteil brächte, seine revisionistischen Pläne im Westen weiter zu verfolgen. Inzwischen haben Litwinow und Laval in Genf das Abkommen geschlossen, in dem beide Vertragsteile sich verpflichten, mit keiner dritten Macht gesonderte Bündnisverhandlungcn zu führen. Die Lage ist geklärt. Auch für Berlin! Wenn heute Litwinow eine Aussprache mit dem Reichs- außenminister vvn Neurath hat. so kennt man hier den In- halt seiner Unterredung ganz genau Man weiß, daß Lit- winow den Herren in der Wilhelmstraße den Ostpatk schmack- hast zu machen sucht, ein Bemühen, das natürlich bei Frank- reich restlose Zustimmung findet, aber man weiß auch, daß bisher nach keinerlei Anzeichen da'ür vorhanden sind, daß Deutschland sich dem Beitritt zum Ostpakt geneigter zeigen könnte als bisher. Und darum rechnet man hier nicht mit einem Erfvlg Litwinows, ^Deutschland aejenrnsk Saar-Kommissar and Geldsdirank-Hnatker Generalmajor Brind eingetroffen Saarbrücken, 14. Dez. Ter Oberbefehlshaber der inter- nationalen Polizeitruppe für das Saargebiet, Generamajor Brind, ist heute früh mit dem Pariser Schnellzug in Saar- brücken eingetroffen und hat beim Präsidenten der Regie- rungskommission Aufenthalt genommen. Truppenhasis Ca'a's Paris, 18. Dez. Bereits Mittwoch sind in Calais die ersten englischen Truppen eingetroffen. Die französische Militärverwaltung hat den englische» Truppen ei« größeres Terrain zur Verfügung gestellt, auf dem Büros, Lazarette und Lager eingerichtet iverden. Dieses Terrain und der Hafen von Calais werden als Stützpunkt für die englischen Truppen in Anspruch genommen. Achnlich wie im Welt- krieg, liegt also die englische Truppenbasis in Calais. Zur Durchführung der Verpflegung und der Material- Versorgung für die englischen Truppen des Eaargebietes wird täglich ein Frachtdampier von Dover nach Calais sah- ren. In den nächsten Tagen bereits wird eine Fähre 120 Lastkraftwagen und sonstiges Material von England nach Calais überführen. Wie diese Vorbereitungen zeigen, richtet sich die eng- lische Truppe aus einen längeren Ausenthalt im Saar- gebiet ein. Uebcr die Dauer des Ausenthaltes liegen be- stimmte Nachrichten nicht vor. Das richtet sich naturgemäß ganz nach de« Verhältnissen, die sich nach dem 13. Januar ergeben. Man rechnet aber mindestens mit einem' Ans- enthalt von drei Monaten. Auffallend bleibt das Verhalten der braune» Presse. Tie meldet zahm und fromm die einzelnen Tatsachen über den Truppentransport und das Eintreffen im Saargebiet. Vor Monaten bäumte sie sich aus Befehl Goebbels' pflichtgemäß gegen den Gedanken einer neutralen Polizei auf. Jetzt duckt sie sich ebenfalls wieder ans Befehl Goebbels' und macht gute Miene zu dem selbstverständlich bösen Spiel. Wollstra und Regensdilrm Ein witziger„Prospekt" In Saarbrücken wird folgender Prospekt verteilt: „W e r kleidet bi'n Her rn? U.... ck. Saarbrücken. Bahnhofstraßc. R'escn-Angebot: Wollst»a-Anzügc. Wissen Tie. was W o l l st r a ist? Wollstra ist die große, ge- wältige Erfindung des neuen Teutschland. Wollstra ist reinste, im Frühling gepflückte Brennessel, gemischt mit der edelsten nordischen Tannenholzfaser. Ein Wollstra-Anzug ist todschick Unser Wollstra-Anzug ist nur eine Kleinigkeit teurer, als ein Anzug aus bestem englischen Stoff von reiner Wolle. sBcachtcn Sie die Rückseite) Riesenangebot in Rcgcnschlrmcn! Wer seinen Wollstra-Anzug liebt, kaust sich einen dauerhaften Regenschirm. Kein Wollstra-Anzug ohne Regenschirm! Anzug und Regenschirm können Sie bei uns zu de» billigste» Preisen bezichen. Wer Wollstra-Anzüge wünscht, der stimmt am 13. Januar für Hitler! Denn nur dann können Sie bei uns diesen neuen deutsche» Ersatzstofs-Anzug beziehen. Ttim- men Sie aber für den Status quo. dann haben Sie keine Aussicht, jemals im Saargebiet einen Wollstra-Anzug kaufe» zu können. Sie werden dann mit den billigeren, aber dafür dauerhafteren Anzügen aus Wolle vvrlicb nehmen müssen. Wählen Sie!" Dem ist nichts hinzuzufügen. Mitiewismus gegen Jiatfkoliziswnue Unversöhnliche Gegensätze Zur Unfehlbarkeit des Papstes sagt Rosenberg: Der Papst wird auch offen nichts Unehrenhaftes fordern, die Tat- fache der Ausstellung einer Blanko-Bollmacht seitens der katholischen Welt zeigt aber allein zur Genüge, daß man tat- sächlich im Dienste der„Liebe" seine Mannest h r c weggeworfen hatte. Das Batikanum bedeutete den Bruch der letzten Charaktere in der damaligen Kirche. Und also auch in der heutigen: denn die jetzigen Würdenträger sind bereits unter der Herrschaft dieser ehrlosen Lehrsätze großgezogen morden. Der sogenannte politische Katholizis- mus ist nur die notwendige Außenseite des jesuitisch römischen Systems überhaupt, also auch nicht M i ß b r a u ch, sonder» die folgerichtige Anwendung der römischen Grund- sätze wen» auch Mißbrauch der echten Religion. Denn er- scheint alles geistige von Rom freie Wesen, alle von Rom uu- abhängige weltliche Macht als„Absall" von der„legitimen Herrschast", so heiligt jedes Mittel den Zweck, diese geistig politische Herrschaft wiedcrzucrringen. Alfred Rosenberg, der vom Führer und Reich s kanzler mit der weltanschaulichen Erziehung der Nation beauftragte Theoretiker des Nationalsozialismus in seinem Buche Der Mythus des 2 0. Jahrhundert Fine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unsere Zeit 13.-16. Auflage. Seite 1821183. Das Buch ist von dei nationalsozialistischen Regierung allen Lehrerbibliotheken als geeignet empfohlen und in vielen Füllen auch katholischen Büchereien zwangsweise eingegliedert worden. Die Abstimmungskommission hat an den Saarkom- kommisar und Gauleiter Bürckel als Antwort auf dessen gestern von uns behandelten Brief folgende Antwort gerichtet: Saarbrücken, den 18. 12. 1934. An den Herrn Saarbevollmächtigten des Reichskanzlers Neustadt a. H. Sehr geehrter Herr Taarbevollmächtigter! Ich beehre mich, den Empfang Ihres Brieses von gestern zu bestätigen. Der Inhalt veranlaßt die Abstimmungskom- Mission zu folgenden Bemerkungen: Auf die Agitationstätigkeit, die gewisse nichtdeutsche Ten- der im Saargebict zuweilen ausgeübt haben, war die Aus- merksamkeit der Kommission ebenfalls gelenkt. Wenn sie nicht ihre Mißbilligung betreffend dieser Sender ausgespro- chen hat, so ist der Grund auch hier, daß sie gehofft hat, mit der eingetretenen Entspannung würde jeder Anlaß dazu wegfallen. Soweit die Kommission feststellen konnte, ist auch keine Sendung von den betreffenden Sendern vorgekam- me«, die in Art und Weise mit der zur Verbreitung im Saargebict vom Rcichssende' Stuttgart ausgesandten Rede des Herrn Hilt zu vergleichen ist: wäre dies vorgekommen, so hätte die.Kommission auch nicht gezögert, ihre schärfste Mißbilligung auszusprechen. Tie haben die Tätigkeit des Herrn Nossenbeck dem Vor- gehen des Herrn Hill gegenübergestellt: Die Tätigkeit des ersten habe das Ziel,„deutsche Menschen von ihrem Volk und Vaterland loszureißen", welcher Umstand bei einer Beurteilung des von Herrn Hill verübten Verbrechens zu berücksichtigen wäre; anch dieser Umstand, scheint es, sollte die von der Kommission mißbilligte, für das Saargebict be- stimmte Rundsunksendung rechtfertigen. Hierzu möchte die Kommission— die keinen Grund sieht, die Tätigkeit des Herrn Rustenbeck in diesem Zusammenhange zu behandeln— nur bemerken, daß laut den klaren, auch von der deutschen Regierung bestätigten Be- stimmungen betreffend die Abstimmung, diejenigen, die gegen die Rückgliederung tätig sind, gleichberechtigt sind mit denjenigen, die für die Rückgliederung eintreten. Was Sie zum Verständnis des Vorgehens des Herrn Hilt ans- geführt haben, rechtfertigt— nach dem Erachten der Kom- Mission— keineswegs die Art und Weife und den Ton, in denen die Einzelheiten des Einbruchs des Herrn Hilt als Agitationsmittcl im Abstimmungskamps ausgenützt worden sind. Tie Kommission kann nicht verstehen, wie die von den Behörden vorgenommene Haussuchung bei der„deutschen Front" und die Veröffentlichung der diesbezüglichen Be- richte— die zwar Aufschlüsse über die Finanzierung der von der genannten Organisation betriebenen Werbctätig- keit und über einige bei der Haussuchung wiedergefundene gestohlene Dokumente gegeben hat— i» diesem Zusammen- hang erwähnt werden. Die Kommission glaubt, in Ihrem Einverständnis zu handeln, wenn sie diesen Brief zur Veröffentlichung im selben Umfang wie dem des Ihrigen der Presse übergibt. Ich möchte schließlich erwähnen, da ßdurch ein bedauer- liches Versehe» die Mitteilung der Kommission vorgestern abend nur an die Agence Havas und die„Steve Saar-Post" und nicht zu gleicher Zeit an die übrige Presse übersandt wurde. Genehmigen Tic, Herr Taarbevollmächtigter, den Aus- druck meiner vorzüglichen Hochachtung gez. V. Henry. Steckbrief gegen den Geldschrankknacker des Naziahreseiii5omiiien geht i» die nielirereu zehittanienden m.arl im Jahr. Eli/ er sviveit ivar. bat er wie alle anderen hochbezahlte» Plründer des..dritte» Reichs" für eine höchste Einroinmeiisftrenze von 12(MMi Mark im Jahre geredet st nichts Dunkles ans Vicht beförderten, ineil»>- es e'n^ach nicht konnten, wurden in 1 fahren hitlerischer Alleinherrschaft»ol- gende Fälle bekannt lund nicht bekannt, wieviele?!!' 1. Bornkclsel, alter TA-Führer, l!>8.8 zur Kriminal- Polizei koininandlert, beging dienstliche Unter- schlagnngen mit schwerer Urkundensälschnng. Ist Mo- nate Gefängnis: 2. B c n d e r, Führer der Vanbarbciter, schwere Untreue, lst Atonale GekängniS,' ö. Schmidt. Justizinspektor, im Ziisammciihang mit Bender. Ist Monate Zuchthans: 4. Behl. Führer der Kriegsopfer, mustte entlassen wer- den,' weil er mehrmals wegen Eigentumvergebens vorbestraft war und mit belgischen Offizieren 102.8 aus Tnzfuss stand und mit ihnen auf deutschen Jagden jagte. Erst als die Spatzen die Tachc von den Dächern pfiffen, wurde endlich eingeschritten: Ii. Zeutsch, Führer der Arbeitsopfer, schivcre Untreue, seit drei Monaten in Untersuchungshaft. Mindestens ein Jahr wird heranskominen: (i. T t r c m in l c r, Führer der Bauarbeiter, schwere lln- treue, Bersahrcn schwebt. War früher schon mit einem Jahr Gefängnis wegen Untreue vorbestraft iNaifs- eisen): 7.-)l i f( o in i to, Führer der'NS.-Hago. schwere Untreue, sitzt in Untersuchungshaft. Sicher auch Zuchthaus: 9. Hoffmann. Frau, hervorragend in der Winterhilfe tätig gewesen. Unterschlagung. Unierinchungshast: Ist. Krämer, Standartenführer lentspricht dem Grabe eines Regimentskommandeurs der alten kaiserlichen Armee) wegen Unterschlagung in Untersuchungshaft: 11. Friedrich, Truppfiihrer, Adjutant des Krämer, mitverhaftet: 12. Wie vorstehender Friedrich. Schon aber tauche» weitere, und zwar sehr illustre Namen aut der Korrupiionslistc auf: Stellvertretender Ganleiter R e ck»i a n» und Ober- biirgermeistcr E h r i st sollen beurlaubt werde» und schon sein! ^ t a a t s r a t und Gauleiter G u st an Simon, oberster Führer und Schirmherr aller deutschen Saar- vereine, soll stark mitbclastet sein. Es wird angenommen, da» wegen der bevorstehenden Saarabstimmung— hierüber nachher noch etivas mehr! nichts swenigstens ein st iv eilen nichts! gegen ihn un'ernomme» wird. Gustav Simon»instte aber am 27. Oktober»ach München, um sich zu verantworten! ,)» seiner Not hat Simon einen wütenden Ausruf gegen alle Gerücht'träger erlasse», aber leider glaubt man.» Koblenz mehr den Gerüchte» als de», oberste» Schirm- Herrn aller deutschen Saarvereine. Man behauptet, dast bei diesem Simon und den Seinen nnr deshalb noch nicht ausgemistet wird, weil man die Saarbevölterung vor dem Ist. Januar nicht kopfscheu machen ivill Es stinkt aber längst aus dem Sumpf des„dritten Reichs" über das ganze Saargebiet, und auch der Wohl- gernch des Herrn Tinion ivird gegen den Gestank nicht mehr aufkommen. Abs sem Renne ßSrtüse'.s Man schreibt uns ans der Pfalz: Unsere letzten Mitteilungen über die Verhältnisse in der Pfalz, insbesondere die Betriebsberichterstattung, haben Herrn Bürckcl wegen der Wirkung auf die Saarbcvölke- rung in grosse Erregung versetzt. Er liest w.cdcrholt Be- richligunaen in den pfälzischen und Saarblätter» los, die aber in Wirklichkeit unsere Angaben glait bestätigten.'Nicht in einem Punkt vermochte Herr Bürstel unsere Zesl- stellungcn als»»richtig zu beweis'». Seine frechen lieber- schrlftcn standen in schroffem Widerspruch zum Zuhält seiner„Berichtigungen", die unsere Angaben nur noch bc- kräftigen. Um nun unwiderleglich zu beweisen, ivie herrlich es z. B. den Arbeitern i» der Anilinfabrik in Vudwigshasen im Gegensatz zu nn'ercn Darstellungen geht, liest der Pfalz- gewaltige zwei Briese von Saarländern veröffentlich«», die zu Propaganda.',wecken dort beschäftigt sind. Es»inst vorausgeschickt werden, dast diese Briefe natürlich nicht in Lud- wigshascn, sondern nnr im Saargebiet veröffentlicht wurden, den» da, wo man die wirklichen Verhältnisse kennt, würde der Schwindel doch zu verheerend wirken. Tic beiden Re»vmi»ierarbciter gebe» Wochenlöhnc von und ätz.Mark an und behaupten, nach Abzug aller Kosten für Wohnung und Verpflegung noch 80 bis 40 Mark gehabt zu haben, um sie nach Hanse zu schicken. Soviel haben Anilinarbeiter auch in den besten Zeiten nie verdient. Wir werden nächstens i» der Vage sein, genaue Beweise für die tatsächlichen Vohnverhäiinisse vorzulegen. «iep'omsnie und SkciliHan der Urteils bearündung, komme nicht in Frage, weil die Angeklagte, ab- gesehen von ihrem kleptomanischen Trieb, ganz gesund sei. Und da die Frau„ganz aesnnd ist" lcg'e inan ihr nahe iich sterilisieren zu lassen! Tie Verurteilte erklärte sich dazu bereit. zweHellos in dem Bcwusst- scin. dast Tichcriii!gsvc"'ivahruiig" im„drillen gleiche" eine Marter schlimmer Art ist. Wenn die nationalsozialistischen TterilisterungS Fanatiker ihrer Manie in gleicher Weife ivciier sröhnen, so sind die Folgen kaum auszudenken. Kleptomanie ist eine hnsterilche Erkrankung. Es ist nicht einzusehen, warum Hysterie andrer Art nicht mit dein gleichen Mittel bekämpft werden soll. Ter Anfang ist gemacht! Man stelle sich vor. welche Masscnsterili- siernng es aäbe. wenn alle Hysteriker i» Deutschland»nfrucbt bar gemacht würden! Hi'lers Massenbasis wäre alsbald ernst hast gefährdet und die Geburtenstatistik, out die das„dritte Reich" io stolz ist, dürste binnen kurzem bedenkliche Zeichen des Rückgangs aukiveisen. In Deutschland, in einem Vande. wo gegenwärtig der Sadismus regiert,«n einem Vande. wo ei» gemeingefährlicher Morphinist ans hohem Ministerposten sitzt, i» einem Vande, wo bösartige Zrre vom Schlage eines Streicher ganze Va»d stricke terrorisieren dürfe», mutet die SteBlisierungsseuche besonders grotesk a» Wie wäre es, wenn mit der Unirucht- barinachung eininal im Führerstabe begonnen würde? Das würde die ganze Welt verstehen- dast aber eine Fron sterili- sicri ivird. weil sie eine» Schlüsselbund gestohlen Hai, versteht kein normaler Mensch! fteitstiicnlagd in niftcleoropa Auf einen Expatriierten Ter Sozialdemokrat und Reichsbanuermann Waldemar P o e t s cti anS Bremen, lebt seit über einem Jahr als ftliicht- liiig in Antwerpen Turck seinen Berus als Tecman» und später als Gewerkschastsbcamter des Transportarbeiter- Verbandes in Bremen verbinden ihn mit de» deutschen See- leute» viele berufliche und gewerkschaftliche Interessen und Freundschaften. Sein Eiiiilnst aui die deutschen Seeleute ist in Bremen immer sehr gross gewesen und»ach der„nativ- nalen Erhebung" noch gewachsen. In Antwerpen konnte Poet ich innige private Verbindung init seinen Kollegen halte». Tie Gleichschaltung der Seeleute ist»iir i» ganz geringem Masse gelungen. Tara» hat Walde- mar Poetsch ein grosses Verdienst. Tic deutschen Behörden aber sind furchtbar wütend aus ihn. Als es Poct'ch gelang, einige ganz berüchtigte?l vitlc» der Gestapo zu entlarven, feote eine regelrechte Jagd aui unseren Kameraden ein. Kapitäne und Bordtrinwiührer deutscher Schisse beaustragte» Schl'ksofsizsere»nd Matrosen, für eine Belohnung, die von erst!')00 aus 10 000 Mark stieg, Poetsch ans ein Schiff z» schleppen, um ihn nach Hamburg oder Bremen zu bringen. Tank sei den Seeleuten, die stets kamen, um die Viailanten z» signalisieren. Einige Seeleute liestcn sich selbst beauftrage»»nd erstatteten uns dann eingebend Bericht. Wir erlebten auck. dast sick an Bord zivei Sozialisten aus takti'che» Gründen das Bertronen des Bordtruppführers erwarben, für das Zangen von Poetsch Vorschub erhielten, ihn aufsuchten und die Vorichustrate der Fongpräinie als Bei- trag zu keinem kärglichen Vebciisiniterhalt überbrachten. Mehrere Male wurde P. des Nachts im Hafenviertel über- »allen, konnte sich aber stets in Sicherheit bringen. Belqische Sozialisten hielten a»s den deutschen Kaineraden ein ivach- sames Auae. Bei der Polizei stellte der deutsche Generalkonsul ein halb Tutzenbmal den Antraa aus Auslieferung des P. nach Teutschland. Tie Anträge wurde» glatt abgelehnt, da die belgische Regierung dem politische» Flüchtling, der sich ruhig»nd gesittet beträgt, keine Ausenthaltsschwierigteiten wacht. Aber eines Tages war Poeisch dock verschwunden. Tie nachforschenden Freunde stellten fest, dast er im Gefängnis sei. Turck die tatkräftige Unterstützung belgischer Sozialisten- siihrer war bald Klarheit geschaffen.— Ter deutsche Gesandte in Brüssel hatte die belgi'che Regierung mit dreister Stirn 'rech belogen, um P. doch zu fassen. Dieser charaktervolle Diplomat hatte den Antrag aus Auslieferung des P. mit der Begründung gestellt, dast P. wegen eines schweren Diebstahls usw. z» zehn Jahren Gefängnis verurteilt sei. Glücklicher- weise konnte P. durch einwandfreie Papiere seine Un- bescholtenheit beweisen. Geradezu im letzten Augenblick kam Poetsch frei. Ter Transport nach Deutschland ivar schon zusammengestellt, als die Bemühungen der belgischen Sozia- lichen die Regierung veranlastie, P. zu enthaften. Schlimmer als ihm im Auslände, ergeht es aber seiner Iran im„dritten Reich". Tie Fra» hat ivegen der Pflege ibrer alten und kranken Mutter. Teutschland nicht verlassen könne». Mit ihrem Alan» steht sie nicht mehr in Verbindung lim Ruhe zu bekommen vor der Polizei, hat sie die Scheidung beantragt. Eine Möglichkeit, darüber mit dem Mann zu sprechen, hatte die gcauältc Frau nicht. Trotzdem wissen»vir aus Bremer Polizcikreifen, die sich über die Erledigung dieses Zolles sehr empören, dast die Frau Poetsch von der Polizei gezwungen ivurde, an ihren Mann Brieic zu schreiben, die ihn veranlassen sollte», an die Grenze zu kommen. Ter Plan, wie P. dann herübergeschleppt werden sollte, war genau ausgearbeitet. Tie Vorladungen z» den Tcheibungsteruiinen wurde» ohne Briesunischlag, in offenen Blättern von Teutschlond nach Antwerpen geschickt. Jetzt finden wir unseren standhaste» Freund in der neue» Visse der Erpatriiorten/ eine grosse Auszeichnirng iüf seknc sozialistische Ueberzeugungstreue. SÄ PlcRiß ge fürs ün're bci! „Jeder Betriebsführer kau»... seinen Gefolgschastsmit- gliedern eine besondere Freude machen, wenn er ihnen zu Weihnachten als besondere Anerkennung für die geleistete Jahresarbeit eine..7 Reisesparkarte schenkt, da dieses Geschenk schon von äst Pfennigen an möglich ist.. An? einem Aufruf der.Deuischcn Arbeitsfront" an die„Betriebssichrer". Das Dori des Hangers Bon Peter Bitte r Vor Jahrtausenden Halle» Eisgte.scher riesige Granit- steine in diese Gegend gewälzt. Nur Waid und Steine gibt es hier, doch die Steinbrüche und die Werkstätten der Slein- inetzc stehen jetzl leer— ganz leiten bloss Haiti manchmal der Lärm des Meißels aus einem der verstreut liegenden kleine» Häuschen Das Torf ist«ehr gross, uiizniainmenhän- gend hingeworfen die Häuser. Und der Fremde staunt, dass ihn nicht, wie wo anders, aus iciiicm Gang die einzige Strasse entlang Hundegebeü begleitet. Hunde und Katzen hat das Torf feit seiner Entstehung bereits immer hungrig, lange schon aufgefressen. Ter Hunger war schon da. als die Bewohner ans den Fellen Torbögen. Randsteine und Grabdenkmäler meisseüen. Ter Hunger wurde grösser als d>e Krise kam und die niedrigen Löhne den Hanshalten fehlten und altes nur irgendwie Entbehr- liche verkaust werden mußte. Und jetzt, da die Krise anhält und der einzige Besteller— die Gemeinde Wien— seit dem blutigen Februar aus Erspariiiigsgrüiidcn die Pflastersteine ans einem Steinbruch an der Donau nimmt, ist der Hunger zu einer Dauererscheinung geworden. Auch die gefährlichen Gefährte» der Not: Alkohol und Verbrechen, fehlen nicht, so dass das Torf im ganze» Vande eine traurige Berühmi- heil genießt„In Amaliciidorf(iet der Name der Gemeindei schaut aus jedem Haus ei» Tieb heraus— beim Bürgermeister zwei" heißt cd im Volksmnud. So arg ist es zwar nicht, aber dass ganze Familien in der Umgebung betteln gehen, ist io etwas alltägliches, dass es de» Bürgermeister, mit dem ich die Runde durchs Dorf mache, nur io nebenbei erwähnt. Er seihst kann nicht betteln gehen— da er keine Schuhe hat und jetzl mühselig in schiveren Hvlzichnhe» neben mir einherhumpelt. Seine einzige Beschäftigung ist, den Arbeitslosen d. h. dem ganzen Dorf, den Stempel auf die Unterstützungskarte zu drücken. Eingänge hat die Gemeinde keine, daher auch keine Ausgaben. Wir schreiten durch de» melancholischen Novembertag, begegne» scheuen. rackitEchen Kindern, die sich mit Reisig ab- mühen und in den niederen, strohgedeckten Häusern ver- sckwindc». Ab und z» betreten wir eins, wechseln ein paar Worte mit den Beivohncrn— aber die meisten sind per- sperrt und die Insassen ans der„Tour"— auf Bettelei. In einer Hütte liegt— wir sehe» durchs Fenster— lang aus- gestreck' ans einer Bank ein Mann. „Er schläft wohl nm den Hunger zu vergessen?" rate ich. Ter Bürgermeister lächelt„Er ist tot." Und er zieht mich sachte weg Vorgestern hatte man ihm die Unterstützung ein- gestellt, da ging er hin. jagte Frau und Kinder a«S der Hütte verdichtete Fenster und Ausgänge und zündete Hvlz- kahlen an A«s die Iran mit einem Nachbarn kam. war er i«.ort tot"... Hie und da steigt ans einem Schornstein dünner Rauch auf. Hier wird die einzige tägliche Mahlzeit gekocht: Karlos- sein und Krantiuvve „Fleuch gibt es wohl selten?" frage ich meinen Führer. „Ja, und wenn, dann toinint es meistens den Betreffenden fear teuer zu stehen." Und er erzählt, dass die Einwohner sich eine Zeitlang gegenseitig Hunde und Katze» absagten, daün sich aus dem nahen Forst Hasen und Rehe holten, aber mil schiveren Zuchthausstrafen dafür bezahilen. Erst vor einigen Wochen jedoch hatte» drei Steinmetze ein Stück Pferdesiciich beim Fleischer gestohlen. Da sie schon vorbestraft Iva reu, bekamen sie jeder ein Jahr Gefängnis Wenn die Richter in der Kreisstadt sehen, dass der Angeklagte ans dem eivig hungrigen Dorfe ist, strafen sie erheblich strenger als sonst. Nahe dem Walde ist ein Steinbruch, und ihm sehen wir aus dein Torfe etliche Männer zustreben. „Wird doch noch gearbeitet?" wundere ich mich. Wieder lächelt der Bürgermeister:„Dort ist jetzt eine Bcrsamm- lung im Gasthaus wärs zu gefährlich, weil da immer die Gendarmen vorbeikommen." Und sinnend fügt er hinzu: „Genau wie vor vierzig Jahren, als ivir die Organisation hier aufbaute» Damals mußten wir auch in die Stein- brüche und Wälder gehen..." Amaliendorf ist die einzige Gemeinde weit»nd breit, in der es keine Ortsgruppe der Heimwehr gibt-- hier konnten auch niemals die Nazis Fuss fassen. Trotz tiefster'Verelendung sind die Arbeiter ihren Organisationen Ire» geblieben, und es ist eine Freude, mit diesen klobigen Männern und den blassen abgehärmten aber fanatischen Frauen über die Bewegung zu sprechen. Diese Frauen— 1028, beim großen Sletnnrbeiterstreik. warfen sie sich vor die Streikbrecher- autoS, um zu»erhindern, dass Steine aus den Brüchen ge- fahren würden... Im Gasthaus sitzen einige Burschen, spielen Karten, streiten um Stiche und Punkte und trinken Schnaps. „Wir trinken ia alle"— gesteht der Bürgermeister,„kein. Mensch ist so fest,»in widerstehen zu können. Besonders, wennS einem so dreckig geht wie unS. Ich weiss ja— als Ge- Nossen sollten wir es nicht tun— aber—" er stockt, und ich sehe ihn zum erstenmal nicht mehr lächeln, sondern finster vor sich hinftarrcn. Dan» gießt er hastig ein Glas hinunter, auch ich versuche es. darf das Angebot nicht abschlage». ES brennt ivie Feuer in der Gurgel. Tie Bitterkeit mengt sich mit Mitleid in meiner Brust mit diese» Unglücklichen, die trinken müssen, um auf einen Augenblick all den ll» um- gebenden Jammer zu vergessen. Ter Bürgermeister spricht mit dem Wirt und der bringt mir zu esse». Ich schäme mich der ivarmen Brühe und der darin schwimmenden Flei>chktösse. Aber ich muß essen, will ich meinen Gastgeber nicht beleidigen. Er selbst steht dabei, nötigt mich lächelnd. So sind sie: Haben selbst nichts zu fressen- aber einem Gast geben sie das Letzte... Nachmittags kommen wir an einem Hanse vorbei, darin es hoch hergeht. Eine Musikkapelle spielt und viele Menschen, alle und junge, Frauen und Männer, gehen ein und ans. Mir fällt eine hochschwangere, magere Frau auf, die sich händeringend an die Um st ehe» den ivendet. In der Stube hängt ein riesiger Kessel, drinnen zischt und brodelt es. An der Wand hängt eine halbe Kuh, die andere Halste ivurde schon aufgegessen. Ter Gastgeber, betrunken und lärmend, lädt alle Vorbeigehenden zum Festschmaus ein. Es ist ein unsäglich trauriges Fest, das hier gefeiert wird, nämlich der Hinauswurf des hochschwangeren Weibes, seiner Frau. Ter Mann, ein notorischer Täufer, bekam plötzlich einen Wutansall, jagte die Frau aus dem Hause und schlachtete die einzige Kuh. Tann ließ ck die Dorfmusik holen und spielen und hält nu» jeden, der hinzukommt, frei. Das Ganze ist so sinnlos, so dass ich immer wieder glaube, zu träumen — die gierig essenden Mensche» für flüchtige Schemen halte und die schlecht spielende Bande im dämmerigen Zimmer jeden Augenblick in nichts zerfliebe» zu sehen glaube. Aber die Schreie der Schwangeren, die sich nu» an ihren Mann klammert der hinwiederum sie mit Fusstritten traktiert, führe» mich in den Unsinn dieser Wirklichkeit zurück. Schliesslich entfernen wir uns, der Lärm ans dem HauS wird immer schwächer, versinkt schliesslich irgendivo im Nebel, der seinen Schleier über das Tors ausbreitet. Und wie aus iveiter Ferne höre ich die Worte des Bürger- Meisters, der mir erzählt, ivie vor zivei Jahren am Weih- nachtsabend die Männer des Torfes in die Stadt zogen, um die Einstellung der Unterstützungskürzungen zu erzwingen. „Unsere Leute sind ja so geduldig. Aber ivcnns wirklich nicht mehr ander? geht, dann ziehen sie los und marschieren. Wir haben bei der Regierung um Hilfe angesucht— bis jetzt kam keine Antwort. Eine Zeitlang warten wir noch. Dan» werden wir aber einen Hungermarsch machen, ivie ihn das Land noch nicht gesehen hat, und den Bürokraten in 'der Stadt unsere verhungerten Weiber und Kinder vorführen. Zu verlieren haben ivir gar nichts dabei— Mein Begleiter spricht ruhig, als ob es sich um die ge- wöhiilichste Sache der Welt handelte. Und doch höre ich ans seinen Worten etwas Drohendes, etwas, das selbst seinen schlürfenden, schwerfälligen Schritten Festigkeit gibt, so, als ob sie bereits der Auftakt zu dem bevorstehenden Marsche wären.... ®<£ut§tft<£ Stimmen•en. Es wird dir Sturm und Sonne geben. Das schwärzeste Gewölk vertreibt ein frischer Wind, D e Sonne lacht doch stets dem artgesunden Kind. Frei sollst du sein in deinem Handeln. Kein fremder Geist soll dich verwandeln. Deutsch liehst du Volk und Heimat. Hof und Stern. Deutsch sei dein Glaube— nicht aus fremder Fern. Die deutschen Märchen sollen deine Seele weiten, Die Großen deines Volkes dich geleiten. und deren Traum es noch vor kurzer Zeit war. nach bestandenem Abiturium die Universität zu beziehen; Acrzte, Rechtsanwälte, Kaufleute, die vielleicht zuvor nie eine Sichel oder einen Pflug betrachtet haben, bewähren sich als tapfere, landwirtschaftliche Arbeiter. Die Orangenernte ist in vollem Gang. Es' fehlt an Arbeit»kräften. Da kommt es zur„Revolte auf der Schulbank", die Schulklassen leeren sich, ebenso wie Maurer, Schuster und Schneider bewährt sieb die Schuljugend hei der Erntearbeit. Ein Singen und Klingen geht durch das ganze Buch, das wir nicht aus der Hand legen, bevor wir das letzte Blatt gelesen haben. Auf diesem letzten Blatt wird uns erzählt, wie man in Haifa das Wochenfest, das Fest der Erstlinge, feiert. „Auf einer Tribüne am Ende der Ilerzl-Straßc stellt Ussisehkin, der Präsident des Keren-Kajemeth. Abgesandte der Kolonien bringen dem verehrten Boclenvater des Landes die Frucht der Arbeit dar wie vor Jahrtausenden ihre Ahnen den Zehnten dem Priester.... Jetzt singen sie die Hjtikwah. Und die nächste Minute weht einen Schleier über die lärmende Straße: Ussisehkin spricht. Eine Taube hält er in der Hand: „In vielen Farben schimmert das jüdische Volk wie diese Taube. Frei, ganz frei zu«ein. sehnt sich das jüdische Volk wie diese Taube.... Es wird frei sein wie diese friedliche Taube."— Und da fliegt der Vogel hoch die Bliche folgen ihm- nur noch den Himmel." über die jubelnde Menge aber jetzt sehen wir „Herz" entdecken. Fernerhin würden dann restlos Betrunkene nicht vergeblich zum Aufstehen aufgefordert werden müssen, denn um solche handelt es sich meist, die sich davor weigern. Das sei einmal schärfstens betont, vor allen Dingen Lesern ausländischer Zeitungen gegenüber, die die Notwendigkeit von Erlassen über„Aufstehen beim Erklingen der Nationalhymne" nie begreifen werden! Also: Das Deutschlandlied und das Horst-Wessel Lied gehören nicht in Gaststätten. Im Anschluß hieran sei ein Ereignis gestreift, das man vor einigen Tagen in Berlin erleben konnte. Ein Kammermusik-Quartett spielte die„K aiservariationen" von Haydn, die bekanntlich das Deutschlandlied zum Thema haben. Beim Erklingen der ersten Takte erhoben sich ganze Reihen von Anwesenden und schimpften auf die Sitzenbleibenden. Die Sitzengebliebenen spöttelten über die Stellenden, es waren mehr als peinliche Minuten, w'ubei betont werden muß, daß sich das alles unter Menschen abspielte, die zur„Elite" gehören wollen. Man erspare uns künftig derartige Vorgänge. Die„Kaiservariationen" sind ein Kammermusikwerk, das man sich ohne Gewisaens hisse im Sitzen anhören darf! Es wird gebeten, hier etwas aufklärend zu wirken. Mit 150 Prozent geht es ebensowenig wie mit 5 Prozentl** Süppchen beachtet lllagda „Magdalena, schnell die Limonade! Jottseidank, der Rummel ist vorbei. Lieber zehnmal BDM.-Parade Als noch einmal diese Bettelei. Also: Wie ich da am Adlon ankam (Links Gestapo, rechts das Militär) Und die Menge ziemlich dicht herankam, llatt' ich Angst— ich sei zu populär. Der Chauffeur blieb auch in meiner Nähe, Die Bereitschaft hatte Hoch-Alai m. Mein SS.-Schuti sprach, wenn er was sähe, Nahm er mich beizeiten untern Ann. Und dann kamen die genau Gesiebten Ganz spontan auf meine Büchse zu Und sie spendeten, weil sie mich liebten (Doch legten nachher noch was zu!) Dann kam ich der Polizei abhanden. Weil sie drinnen mich beim Tee geglaubt. Einer schiie, eh sie mich wiedet fanden: „Juden is det Sammeln nich ei'auLt!" Doch ich ging zu Fuß. Das will was heißen. L'cber mir stand Bürgermeister Sa hm. Und dunn wollte einer— Blumen schmeißen (Ob der Weife, wohl von Heimann kam?!) Eine Dame sagte;„Komm mal, Kleener." Und ich sehnte mich nach meinem Benz, Als ein Bettler, echter Spi ee-Athcner. Meinte:„Ihr seid schofle Konkurrenz! Dann hob ich mich schnell hinwegbegeben, Denn es gab Gelächter und Applaus. Nächstes Jahr(wenn wir es noch erleben) •,o ich Ii l er doch vom Auto aus!" Hennin gLuder Stadt. fxohim zu Meecie Die Arbeiter, denen man alle Reihte genommen hat. sol'en jetzt ein neues Recht erhalten, nämlich das Recht zu Sternen. Das Reiten soll, wie der Pressedienst von..Kraft durch Freude" meldet, von nun an nicht mehr das V orredit des Herrenklubs sein. Bei näherer Ueberlegung stellt sich allerdings heraus, daß dieses Recht auf das Reiten kein Recht auf Freude, kein Recht auf. Lehen, sondern nur.Erlaubnis zum Sterben ist. Denn diese Geschichte mit den Reitfreuden hat einen Hintergrund. Haben vir nicht schon von Leuten- des „Systems" gehört, der Reitsport müsse aufhören, ein Privatluxus zu sein? Ja, der General von Seeckt z. B. hat in seinem Buch„Gedanken eines Soldaten" in diesem Sinne Stellung genommen. Allerdings hat er seine Sache sachlicher verfochten und aus einer militärischen Notwendigkeit keine Sozia l- sierung des Pferdesports und Befreiung des Arbeiters gemacht. Er sagte damals, schon einige Jahre vor der nationalen Eehebung: „Es ist durchaus unerwünscht, wenn die Reiter von privater Hilfe abhängig werden, oder wenn das Reiten eine Frage des Geldbeutels wird. Hierzu gehört freilich die tleherzeugung, daß der Reitsport kein Privatluxus, sondern ein unentbehrlicher Faktor hei der Ausbildung der Armee ist..(S. 133—135.) Dieser General der„Novemlier-Ohl war doch ein famo-er „Nationalsozialist"! Reitsport hier, Reitsport dort, es ist nichts weiter als die Militarisierung des Volkes. Jeder darf sterben! Alter hat das Pferd militärisch nicht ausgespielt, nachdem die Heere motorisiert werden? Gehört die Kavallerie nicht der Vergangenheit an? Gewiß, die Zeit der Verwendung großer, geschlossener Kavalleriekörper ist vorbei, aber im neuen Heeressystem fallen der Kavallerie neue Funktionen zu. Das Prinzip moderner Krie.gsfiihrung ist schnelle und plötzliche Entscheidungsschlacht. Bewegung ist Sieg! Den Motorfahrzeugen steheil da gewisse Schwierigkeiten entgegen. Gut ausgebautes Straßennetz, sichere Brücken, nicht zu große Höhen. Möglichkeit der Delzufuhr usw. sind Voraussetzungen. an die eins Motorfahrzeug gebunden ist. Der I ank ohne Oel ist wertlos. Pferde aber sind sehr leicht zu ernähren, weil sie außerordentlich genügsam sind Pferde sind also militärisch notwendig. In technisch und industriell "weniger entwickelten Ländern spielen sie eine ganz besondere Rolle. Trotzki sieht den schwachen Punkt in der Versorgung der Roten Armee gegenwärtig im Mangel an Pferden.„Wie zu Napoleons Zeiten braucht die Armee auch heute noch für je drei Soldaten ein Pferd." Die moderne Kavallerie erfordert sehr qualifizierte Menschen. weil der Kavallerist eine Art Infanterist zu Pferde ist und darum sehr vielseitig ausgebildet werden muß. Darum suchen sie den Arbeiter! Wohlauf Proleten, aufs Pferd aufs Pferd! Ihr seid des Herrenklubs Erben, Er hat sich vom Reiten abgekehrt. Denn ihr seid besser zum Sterben! W. Mec Mittec! „Ein Wesenszug begegnet uns zunächst, worin wir dem heutigen Schiller wesentlich ferner stehen: Es ist seine scharfe Trennung der geistig-willensgemäßen und der sinnlich-triebhaften Natur des Menschen und die damit verbundene Hochwertung des Geistig-Vernunftgemäßen." Aus„Schiller und die Gegenwart" von Walter Linden in der Zeitschrift für„Deuts«- 1- v" 'ölker«n kfurmzeiten Nr. 94 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Samstag, 1J. Dezember 1M4 ff „Preußischer Kommiß Soldatengeschichten/ von August Winnig August Winnig, der Verfasser der vor dem Kriege erschienenen Schrift„Preußischer Kommiß", ist heute glühender Nationalsozialist. Er dient der braunen Sache in Wort und Schrift, unter Preisgabe seiner Vergangenheit Einst, als junger Proletarier, war er zum Sozialismus und zur Sozialdemokratie gekommen, bewegt von den hoben Gedanken der Freiheil und der Menschenrechte. Es gelang ihm, im freigewerk- schalt liehen Hauarbeiterverband einen führenden Pusten zu gewinnen. Nach der Umwälzung von 1918 wurde er Oberprüsident in Ostpreußen, damals freilich schon in seinem alten Bekenntnis zögernd und schwankend. Sein politisches Ende in der Republik führte der Kapp Putsch vom März 1920 herbei. Es erwies sich, daß er der zweideutigen Haltung der Reichswehrkommandeure in jenen kritischen Tagen Vorschub geleistet hatte. Dann rutschte August W innig immer weiter nach reHits. Er wurde der Vertrauensmann Hilgenberg, und Stinnes. für deren Blätter er seine flinke Feder 111 Bewegung setzte. Heute ist er einer von den 110 Pro zeitigem wildester Nationalsozialist, begeisterter Militarist und nationalsozialistischer Schriftleiter Sein Buch..Preußischer Kommiß" bat er laugst verleugnet, weil es die denkbar schärfste Anklage des militaristischen Kadavergeborsanis darstellt, zu dessen Anbetern er heute gehört. Ein Grund mehr für uns, unseren Lesern einige Kapitel aus dem Buche\ugust Winnie" vorzulegen. 1. Fortsetzung Das Reservebild Has war nun- niHit sehr schlimm. Leute, die Bescheid wissen, erlangen bald eine große Virtuosität in einer gewissen passiven Resistenz. Man führt jedes Kommando ans, aber in einem Tempo, das den Zweck der Quälerei zum guten Teil vereitelt. Die Hauptsache ist dabei, daß man die Ruhe nicht verliert und sich durch kein Toben beirren läßt. Viel kommt dabei auf die Flügelleute an; bleiben sie fest, dann geht es gut und die Mannschaften ha!en das Exerzieren länger aus, als der Vorgesetzte das Kommandieren. Wir konnten uns in dieser Hinsicht nicht beklagen. Um diesen solidarischen Trotz, der den Militärs aller Grade wohlbekannt ist, zu brechen, verheißt man wenigstens denen, die eich nach Herzenslust auspumpen lassen, die Befreiung vom Exerzieren. Bei jungen Soldaten hat das Mittel fast immer Erfolg, bei uns war jedoch damit nichts zu erreichen. Dieses erste Rennen hielt ein an chronischer Syphilis leidender Offizier ab, der erst vor wenigen Wochen von der zwölften Kompanie zu uns gekommen war. Als er nach einer Stunde einsah, daß er uns nicht warm bekam, rief er verzweifelt mit seiner ekelhaften Fistelstimme, die das Schärfen einer Säge nachzuahmen schien:„Herrgott, wenn ich die Kerls von der Zwölften so genommen hätte, dann hinge ihnen die Zunge aus dem Halse, und diese sind noch nicht einmal rot im Gesicht! Rücken Sic mit der Gesellschaft ein!" So stolz sind seihst Napoleons Garden am Tage nach Austerlitz nicht marschiert, wie wir einherzogen, als wir auf den Kasel nenhof rückten, wo natürlich alle Fenster besetzt w qxen, um unsere Haltung zu mustern; denn die Kunde von dein über uns hereingebrochenen Strafgericht hatte längst das ganze Regiment durchlaufen. Unsere Stimmung war darum auch durchaus nicht gedrückt. Im Gegenteil. Wir fühlten uns gehoben, weil wir unsere Absicht durchgesetzt und uns auch nicht von der Strafe hatten niederzwingen lassen. Mit den anderen von unserem.lahrgang brachen wir ohne Verabredung jeden kameradschaftlichen Verkehr ab, sie waren für uns Streikbrecher lind wurden als solche behandelt. Einer von uns, der des Englischen mächtig war, taufte sie Scabs, und diesen Namen behielten sie, obwohl viele von uns nicht wußten, was das Wort bedeutete. Solange der reguläre Dienst nicht besonder, schwer war, focht uns das Reservistenexerzieren wenig an. Wir amüsierten uns oft gottvoll dabei, wenn wir die Vorgesetzten in Wut brachten, und diese Freude half uns über manches andere hinweg. Aber allmählich wurde uns die ewige Exerziererei doch etwas langweilig. Kritisch wurde die Situation an einem Vormittage, als wir von fünf Uhr früh ah eine große Uehiiiig in sandigem Gelände gehabt hatten. An diesem Tage herrschte eine fürchterliche schwüle Hitze, und dabei waren wir, vom Gefecht abgesehen, reichlich fünfundzwanzig Kilometer marschiert. Einige Leute waren auf dem Rückmarsch liegen geblieben, darunter auch ein Manu von uns, ein schwächlicher Bursche, der meines Erachtens an Neurasthenie litt. Als wir aufs äußerte erschöpft vor der Kaserne anlangten, glaubten wir nicht, daß man uns noch exerzieren lassen würde. Aber wir hatten uns getäuscht. Hohnlachend ritt der Hauptmann die Front entlang. „Diesen schönen lag wollen wir nicht ungenützt vorüber gehen lassen!" rief er den Offizieren und Unteroffizieren zu. Sind che Herren Reservisten noch niemals warm geworden, so sollen sie heute wenigstens mal schwitzen. Die Herren sind entlassen," grüßte er zu den Offizieren hinüber, „ich werde mir die Bande mal selbst vornehmen." In diesem Augenblick kam der Neurastheniker auf dem Hofe an; er wurde von zwei Leuten geführt, sab aber doch wieder etwas gekräftigt aus. „Ah!" rief der Hauptmann,„das engbrüstige Aas dort tritt gleich wieder mit ein, dem soll es auch nicht gcschcnkf werden!" Man konnte dem Alten manches verzeihen, denn sein ganzes Wesen war hei aller Grobheit doch mehr komisch als schlecht. Aber dieser Streich empörte uns alle. Das war keine brutale Ausnütznng der Disziplinarstrafgew all mehr, das war gemeine, perfide Rachsucht. Wir marschierten hinaus auf die Esplanade und exerzierten. Der Neurastheniker mußte allerdings bald wieder zurückgebt acht w erden, denn er blieb beim ersten Laufschritt liegen. Dieses letzte Exerzieren regte uns alle furchtbar auf. Aber wie wollten wir der Quälerei entrinnen? Wir besprachen die verschiedensten Mittel: Einige schlugen einen anonymen Brief an den kommandierenden General vor. Der Vorschlag konnte aber nicht angenommen werden, denn der Briefschreiber wäre leicht unter uns entdeckt worden. An eine Abbitte mochten wohl einige denken, aber keiner wagte es, sie vorzuschlagen, wir wären auch nicht darauf eingegangen. So quälten wir uns einige Tage hin. Der Hohn der„Scabs" wurde immer dreister, und wir waren bald zu schwach, ihn abzuwehren, aber noch stark genug, einigen, den frechsten von ihnen, das Fell zu gerben. Doch ein Ende des Exerzierens war dadurch auch nicht zu erreichen. Eines Nachmittags saß ich in der Schreibstube und blätterte im Parolebuch vom vorigen Jahre. Mein Blick glitt über die unendlichen„Befehle" und blieb schließlich auf einer Stelle haften, wo von dem Begräbnis eines auf dem Tanzboden erstochenen Mannes aus unserer Kompanie die Rede war Wir hatten ihn alle gern gehabt und sein Tod hatte uns leid getan. Ich sah aufs Datum und ein Gedanke durchfuhr mich. Ich warf noch einen Blick auf den Kalender und dann lief ich zur Stube hinaus nach dem oberen Korridor, wo mein Busenfreund Seele auf der Handwerkerbude hauste. Ich hatte einen Plan und teilte ihm den mit. „Junge, das ist ein Gedanke!" rief er erfreut aus.„Das müssen wir machen! Aber daß Du von keinem Scali Geld dazu annimmst!" „Sei ohne ijprge." Das war an einem Donnerstag oder Freitag. Noch am selben Abend ging ich zur Stadt und machte die nötigen Bestellungen. Am folgenden Sonntagmorgen bat ich den Feldwebel um die Erlaubnis, in die Stadt gehen zu dürfen. Er hatte selbstverständlich nichts dagegen. Als ich zurückkam, trug ich einen mäßig großen Kranz von Lorbeer und Vergißmeinnicht mit weißer Schleife. Vor dem Kompanierevier waren die Mannschaften zum„Ausgehappell" angetreten, der Alte fuhrwerkte schimpfend wie immer dazwischen herum. Ich ging stolz vorbei und grüßte. Der Alte rief mich au und winkte. Ich ging hin zu ihm. „Was ist das für ein Krnz?" Der Feldwebel wollte dazwischen reden, aber ich kam ihm zuvor. „Ein Abschiedskranz für unseren Kameraden Wolfert; es ist morgen gerade ein Jahr, daß er erstochen wurde." „So. stimmt das?" Der verblüffte Feldwebel riß die Brieftasche, das übliche Hilfsmittel in allen Verlegenheiten, heraus und blätterte darin herum. „Jawohl. Herr Hauptmann," sagte ich;„es war am 21. Juli und morgen ist der Einundzwanzigste." „So? Aber warum haben Sie das nicht gesagt, dann hätten wir doch von der Kompanie etwas tun können?" „Wir wagten es nicht. Herr Hauptmann, weil nur alle die; Geld dazu beigesteuert haben, die auf dem Gruppenbilde sind." „Ach was! Hätten Sie doch ruhig sagen können! Aufschließen und im Kreise um mich herum treten!" Nun kam die Entscheidung.»* „Also ich werde eben daran erinnert, daß es morgen gerade ein Jahr her ist. daß unser braver Kamerad Wolfert von der polnischen Saubande erstochen worden ist. Na, die Rekruten wissen es ja nicht, sie mögen es sich von den alten Leuten erzählen lassen Nun haben sich schon einige Leute gefunden, die diesen Tag in schlichter Weise feiern wollen, oder die dieses traurigen Tages gedenken und auch unseren Kameraden ehren wollen. Jawohl! Ich freue midi darüber, und das ist hübsch von ihnen. Das ist schön und ist rechte Kameradschaft und zeugt von gutem Charakter, der in der Kompanie ist. Das soll auch so sein. Jawohl, das soll auch so sein. Nun wäre es mir aber noch lieber gewesen, wenn diejenigen, die die Sache angeregt haben, mich vorher davon benachrichtigt hätten, dann wäre der Kranz aus Kompanie- mitteln bezahlt worden. Sie haben es aber nicht getan, weil sie annahmen, ich würde nichts davon wissen wollen, weil sie zufällig zer den Leuten gehören, die dadurch einen Makel auf die Kompanie warfen, jawohl, einen Makel auf die Kompanie warfen, daß sie ihr Reservebild ohne Chargen herstellen ließen Das war ein Irrtum. Ich trage nicht nach, das weiß jeder Mann, der unter mir gedient hat. Ich bin kein Mensch der einen Aerger nicht wieder vergessen kann. Und weil ich das nicht bin und nicht sein will, so mache ich heute einen Strich durch das Reservistenexerzieren. Wir wollen es damit genug sein lassen. Also das mit dem Kranz ist gut und der wird nachher niedergelegt werden. Da kann jeder mitgehen, den sein Herz dazu treibt. Und dann will ich noch davor warnen, daß sich keiner besäuft, denn wen ich dabei fasse, den sperre ich rettungslos drei Tage ein. Jawohl, so was soll nicht sein Wegtreten!" So arbeitet das Menschengeschlecht umsonst und vergebens Immer mit Müh und verzehret in nichtigen Sorgen das Leben, Weil es nämlich nicht weiß, der Habsucht Grenze zu setzen, GänJiHi verkennet, wie weit das wahre Vergnügen erwachse. Dies hat allgemach in ein Meer das Leben getrieben, Hat vom Grunde herauf erreget die Wogen der Zwietracht. Titus Lucretius Carus Die Kompanie stob auseinander und im Weggehen sagte Seele zu mir:„Junge, nun sieh Dir doch bloß mal solchen Knappen an: jetzt ist der Wolfert ein braver Kamerad und wie hat er den hochgenommen und geschimpft, weil er die Knie nicht durchdrücken konnte!" „Hast recht, Seele; hier muß man erst tot sein, um geachtet zu werden. Aber laß sein, wir freuen uns, daß wir dem Wolfert einen Kranz aufs Grab legen und nebenbei den Alten so schön bedimpelt haben." So ist unser Reservebild zustande gekommen und darum freue ich mich heute noch, wenn ich es ansehe. Wie auf allen anderen Reservebildern steht darauf:„Wir waren einig wie Brüder!" Aber auf unserem Bild ist das keine konventionelle Lüge. Grenadier Gimm Eigentlich hieß er ganz anders, aber wir nannten ihn Gimm. Das Wort war, glaube ich, schon aufgekommen, als wir die ersten Uniformstücke verpaßten. Welche Bedeutung es hatte, weiß ich nicht und hat wohl niemand richtig g e"- wüßt. Aber das ist mir noch sehr gut erinnerlich, daß Gimm bei der Einkleidung ein Paar schlechte Stiefel zum Fenster hinaus in den Wallgraben warf, um sich neue geben zu lassen, und daß er in den ersten fünf oder sechs Tagen der Held unserer Gespräche war. Denn er war so bockbeinig und gab lachend so dummdreiste Antworten, daß die alten Leute ganz entsetzt waren Zudem machte er hinter dem Rücken des Unteroffiziers Männchen und trieb andere Faxen, die immer die Lacher auf seine Seite brachten. Gimm war aber kein Bösewicht. Ein fröhlicher, unglaublich naiver Bauernjunge von der holsteinischen Westküste war. er, mit frischen vollen Backen und wasserblauen Augen, aus denen auch schlechte Menschenkenner die harmlose Schalkhaftigkeit hervorleuchten sahen Seinem hübschen Gesicht stand eine Falte um die Mundwinkel recht gut, weil sie andeutete, daß Gimm sehr gern lachte; und seine Fröhlichkeit war von der Art, daß er auch andere Leute damit zum Lachen bringen konnte. Aber er hatte auch gut fröhlich sein; seine Eltern besaßen ein schönes Marschgut und er war der einzige Sohn. Hunger hatte er jedenfalls in seinem ganzen Leben noch nicht gelitten. Seine Glieder waren stark und von einem schönen Fleischpolster ummantelt. Da ich keine Fotografie von ihm geben will, so mögen diese Andeutungen genügen. Obwohl Gimm beim ersten Sonntagsappell wegen seiner Haltung gelobt worden war, hatte man ihn doch bald in seinen unsoldatischen Eigenschaften erkannt, wie träge, nach- lässig, begriffsstutzig er war. Dumm war er nicht, wie schon sein Streich beim Verpassen der Stiefel gezeigt hatte; er wußte manchmal ganz gut, was ihm frommte; aber er litt an einer auffallenden Energielosigkeit, die man an einem Bauern, der er doch später sein sollte, als prächtiges Phlegma bewundert haben würde, die man aber in der Kaserne als Faulheit und Dickfclligkeit bezeichnete. Das ist das Unglück: Die menschlichen Eigenschaften haben eben nicht überall den gleichen Kurswert. Gimm war bald der bekannteste Mann der Kompanie geworden. Nach vier Wochen, als wir noch lange nicht alle einander kannten, wat Gimm schon eine Berühmtheit. Zeitweilig schien es, als sollte uns alle ein Strahl davon treffen, wenn uns Leute von den anderen Kompanien sahen, so riefen sie uns unterschiedslos:„Gimm! Gimm!" zu. Das hörte aber bald wieder auf. Kurz vor Weihnachten zog Gimm die Aufmerksamkeit der höheren Vorgesetzten auf sich, als wir Parademarsch übten- Der Oberst rief uns zu, wir sollten die Unterschenkel kräf tiger herausbringen. Wir bemühten uns, seinen Wunsch* u erfüllen und strampelten ganz barbarisch drauflos. Auch Gimm tat das, ohne daran zu denken, daß seine klumpen Füße ihn gezwungen hatten, viel zu große Stiefel anz»' ziehen. Das wurde ihm jetzt zum Unglück. Denn als wie eben bei dem seitwärts stehenden Oberst angelangt waren, flog einer seiner Stiefel sechs Schritte vor die Front. Di« bis dahin zufriedene Miene des Obersten legte sich in entrüstete Falten, der Major schüttelte mißbilligend zum Hauptmann, hin den Kopf, und dieser kam spornstreichs auf Gimm zugelaufen, der barfuß zwischen uns forthumpelte und Tritt und Richtung verdarb. „Die Fünfte zurück, marsch! marsch!" rief der Major. Wir liefen zurück und ließen Gimm mit dem Hauptmann allein- Major und Oberst besahen mit wichtiger Miene den aller Subordination baren Stiefel und den braven Gimm, verlangten den Kammerunteroffizier zu sprechen und taten allerlei, was den heiteren Vorfall für Gimm höchst betrüblich machte. Natürlich-War dadurch bei den Vorgesetzten aller Grade ihr ohnehin schon reges Interesse für den guten Gimm noch geschärft worden, und, wie man gestehen muß, nicht z» seinem Vorteil. Aber als Weihnachten herankam, erhielt Gimm doch noch Urlaub. Zu anderer Zeit wärs wohl nicht geschehen; aber da es nun einmal Brauch ist. daß die Mannschaften zu diesen» Feste einige kleine Geschenke aus den Ueberschüssen der Beköstigungsgelder erhalten, so ist man beim Weihnacht»- urlaub etwas weitherziger als sonst, weil dadurch die Ge- schichte billiger wird, und darum gelang es auch Gimm, fortzukommen. Als der Urlaub abgelaufen war, war alles zurück, nur Gimm nicht. Der Hauptmann raste, als er erfuhr, daß dieser fehlte, und klagte, seine Gutmütigkeit, noch mehr aber den Feldwebel au, der Gimins Urlaubsgesuch unterstützt hatte- Er schwur hoch und teuer, daß Gimm niemals wieder auch nur eine Stunde Urlaub bekommen solle, und er hat diesen Schwur— eine Seltenheit— gehalten. Man schickte die üblichen Telegramme los, an den Gemeindevorstand von Langenkoog, Girams Heimat, an d. Bezirkskoramando und an was weiß ich für p. t. Behörden. Das war aber Verschwendung gewesen, denn am selben Abend traf Gimm inB reichlichem Handgepäck wieder ein. fraktlsdic Solidarität In diesem Sommer haben die Schweizer Sozialdemo- Anteil von der Arbcitcr-Kindcrhilfe 204 Kinder von d cut> chen Flüchtlingen aus P ariszu sich ein- vc laden, um ihnen nach den Erlebnissen der Flucht und den Leiden der Emigration eine»Seit der Erholung und des Ausruhend zu geben, in der sie sich satt essen und in ">iitK»nd Sonne kräftigen können. Meist wollten die Ge- Nossen die Kleinen»vai länger als„wei Monate bei sich behalte» aber die Behörden liehen es nicht zu. Sinn sind e>e Kindel wieder in Paris. Tie Sorgen der Eltern haben ihr junges Leben wieder hart ersaßt. Ein Flüchtling ist Ichivcr erkrankt muh ins Krankenhaus zu einer gesährlichen l- peraiion da erhält die Familie noch den Ausweisungs- brjchl. Als das älteste der beiden Kinder, ein vierzehn- sähriges Mädchen, ihr Schicksal den Schweizer Genossen beschreibt, schicken dicie sofort eine Einladung an beide Kinder, r>e ein so starkes Mitgefühl zeigt, daß wir sie in Wortlaut her mitteilen möchten.! .,.. Wir haben Ihren Brief erhalten und empfinde» wirklich tiefes Mitgefühl für so viel Unglück, das sie aus einmal betroffen hat. Wir haben eine wahre Wut aus ein solches Regime, das heute in Teutschland am Ruder ist und das es fertig bringt, auf so viele unschuldige Familien derart Unglück zu bringen. Es scheint uns begreiflich, daß man da oft verzweifeln möchte. Am meisten sind natürlich die Kinder zu bedauern, die kaum die Zusammenhänge zu ersoffen vermögen, welche sie zwingen, derart Rot zu leiden und zu darben. Es in Ith heute aber in Deutschland selbst auch schrecklich sein. Die Lebenshaltung bat sich unheimlich verteuert und die Leute begegnen einander mit so viel Mißtrauen, daß man es nicht begreifen kann. Mein Bruder war kürzlich tu Brüx und hat erzählt, auf der ganzen Reise zwischen Lindau und Eger sei im Zuge kein Wort ge- .prochen worden. Jeder mißtraue dem anderen und da fühle man sich im Zuge wie in einer Kirche. Auch hat er konstatiert, wie das Leben in Deutschland teurer geworden ist. Er kennt die Berhältniffe draußen sehr gut. Er hat 7 Jahre dort gearbeitet und war. mit AuS- nähme von Danztg und Ostpreußen in allen Gegenden des Reiches von Oberschlcsieu bis Bremen und vom Schwarzwald bis nach Hamburg gut bekannt.— Nach dem Attentat von Marseille war eine unerhörte Wie I5t5 mit der Rasscnmisdirtrc? E m igrantcn- u n d Ausländerhctze in Krank- reich zu erwarten. Ich denke mir, der Umstand, daß Ihnen der weitere Ausenthalt in Krankrcich verweigert wird sei eine Folge dieser Hetze. Mir ist ivirklich un- begreiflich wieso für diese Vorkommnisse jedesmal die Acrmstcu und Unschuldigsten unter der Menschheit vcr- anlwvrtlich gemacht werden und dafür büßen sollen. So unangenehm auch der Gedanke ist, aber ich finde, jetzt, wo Tie gezwungen sind, ein neues Asyl zu suchen, seien Ihnen die Kinder fast ein Hindernis. Wir ivären bereit. Ihren Norbert sofort wieder bei uns auszunehmen und Eilli könnte auch wie- der zu Kräulein H. kommen. Beide müßte» dann hier zur Schule. Wir haben hier ausgezeichnete Schulen, die sich mit denen in der Großstadt messen können.— Ich hoffe ja immer, auch über Deutschland werde wieder einmal die Sonne der Kreiheit aufgehen und daß Tie einmal, ohne Gefahr für Ihr Leben, In die Heimat zu- rückkehren können. Aber bis eS soweit ist, wer weiß, was uns alles wartet. Momentan sollte aber eine Lösung gesucht iverden, die Ihnen über die größten Schwierig- ketten Hinweghilst, und da glaube ich doch. eS müßte Ihnen schon eine Erleichterung sein, wenn wenigstens die Kinder einstweilen in sicherer Obhut wären.. Bei uns hat Norbert ja genug zu essen und mit unseren zwei Buben verträgt er sich gut. Auch die Großeltern haben gesagt, er solle wieder hierher kommen, da auch sie ihn gerne hatten. Wegen der Reisekosten brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen, wir würden die Reise chczahlen. In Bern würde ich die Kinder an der Bahn abholen Wenn Sie dann eine neue und bessere Unterkunft gesunden haben, können die Kinder wieder zu Ihnen zurückkehre». Gottlob geht es uns noch besser in der Schweiz und wir verteidigen auch stets unsere Rechte und Kreiheite». Daß es uns bisher gelungen ist. das Auskommen solch mittelalterlicher Zustände zu vcr- hindern, ist es wohl wert, dagegen für ein armes, un- schuldiges Kind etwas zu tun." An der Selbstlosigkeit und dem feinen Takt, mit denen hier de» verzweifelnden Eltern brüderliche Hilfe angeboten wird, könnten sich heute manche Organisationen ein Beispiel nehmen. Diese Worte verstehender Teilnahme sind wirklich eine Trö st u n g in der schwierigen Lage dieser Emigranten. W. A. K r a f f t. Eine interessante Gerichtsentscheidung Eine für arisch-nichtarische Mischehen wichtige Entscheidung bat, wie die Zeitschrift sür Rechtspflege in Bayern in Nr. 22 mitteilt, das Bayrische Oberste Landesgericht getroffen. Ein Witwer, der aus seiner ersten Ehe eine minderjährige Tochter besitzt, heiratete im Juni vorigen Jahres eine Jüdin, die aber zur protestantischen Kirche .übergetreten war. Das städtische Jugendamt N. beantragte beim Bormundschaftsgericht, dem Bater das Sorge- recht für leine Tochter zu entziehen,' er habe durch seine Verheiratung mit einer nichtarischen Frau gegen seine Pflicht verstoße», seinem deutschen Kinde die Er- zichnng durch eine deutsche Mutter angedeihcn zu lassen/ '"Durch seine Heirat— so wurde gesagt~r habe er sich offen- rnfaaiöifl gegen die Grundsätze des nationalsozialistischen Staates gestellt. Das Amtsgericht und das Landgericht ivieien das Jugend- antt mit feinem Antrag ab, und dieses beschwerte sich nun beim Obersten Landesgericht. Es begründete seinen Antrag, dem Bater das Sorgerccht für seine Tochter, zum mindesten aber die Befugnis der Aufenthaltsbestimmung zu entziehe», damit, daß die Vorderrichter nur den äußern, nicht den inneren Tatbestand des 8 1660 BGB. berücksichtigt hätten. Tie seelische Lage des nunmehr zur Familiengemeinschast mit einer Jüdin gezwungenen Kindes, dem die deutsche Er- ziehung in einem deutschen Hause vorenthalten bleibe, sei außer acht gelassen worden,' der dauernde und zwangs- läufige Einfluß der jüdischen Stiefmutter müsse zur seelischen Verkümmerung des Kindes führen. Wer beim heutigen Gemeingut an Wissen über die Judcnfragc eine Jüdin heirate, handle unsittlich und gefährde hierdurch seelisch seine erstchelichcn arischen Kinder. Das Oberste Lanbesgericht erklärte demgegenüber die Beschwerde des Jugendamtes für unbc- gründet. Allerdings verstobe die Verheiratung eines Ariers mit einer Nichtarierin gegen den staatli chals maß- gebend anerkannten Grundsatz der rassemäßigen Reinhaltung des Blutes; die aus einer solchen Ehe entspringenden Kinder bildeten nach der herrschenden Anschauung als nicht rein- raisig, als Mischling«, keinen erwünschten Bcvölkcrungs- zuwachs. Bon diesem Gesichtspunkte aus betrachte der natio- nalsozialistische deutsche Staat die Eheschließung eines ari- scheu Volksgenossen mit einer Nichtarierin, wenn er sie auch nicht verbiete, immerhin als Verletzung einer vater- ländlichen Pflicht, als sittenwidrig. Dagegen werde die Reinheit des Blutes der vorhandenen arischen Kinder durch die Heirat nickt gefährdet. Zwar werde die Tatsache des Eintrittes einer Nichtarierin in den Verband der arische» Kamille von den Angehörigen häufig als unangenehm oder selbst als verletzend empsilnden werden: sie werde aus die Beziehungen innerhalb der Kamilie Ott nicht günstig einwirken. Aber die Krage, inwieweit sich die Nichtarierin in den arischen Familienverband einzufügen und ihren Pflichten gegenüber den Angehörigen ihres arischen Ehe- manncs, vor allem gegenüber seinen crstehelichcn Kindern nachzukommen verstehe werde hauptsächlich von ihrer Per- sönlickkeit abhängen. Ein allgemeiner Satz, wonach bei einer nichtarischen Stiefmutter eine Erziehung der arischen Kinder ihres arischen Gatten zu anständigen Menschen und guten Volksgenossen unmöglich sei. lasse s i ch n i ch t aufstellen. Man werde sich von Kall zu Fall ein Urteil bilden müssen. Im gegebenen Kalle hätten die Bordergerichte aus ihren Ermittlungen den Eindruck ge- wonnen. daß die Persönlichkeit der Stiefmutter, auch wenn sie Nichtarierin sei, keinen hinreichenden Anlaß zu der Bc- sllrchtung gebe, sie werde das geistige oder leibliche Wohl der zwölfjährigen Tochter gefährden. Wenn die Vorder- gerichte zu der Anschauung gelangt seien, daß die Stiefmutter das von ihr vorzüglich gepflegte und mit Liebe an ihr hängende Kind nicht in einem undeubschen Sinne beein- slussen, und daß der Vater, der sich im Kriege als besonders tapferer Soldat bewährt habe, zusammen mit der Schule das vaterländische Empfinden in der Seele des Kindes un- gemindert zu erhalten wissen werde, so handle es sich hier um Erwägungen, die aus dem Gebiete des einer Nachprüfung durch das Rcvisionsgericht entzogenen richterliche» Er- messen? lägen. Die Koste» des Verfahrens wurde der Ttadtgemeinde N. auserlegt. vr-enl and OkzMenl Kolonialfragen im nordöstlichen Afrika Der König von Italien hat in Begleitung des Kolo- ninlministers eine Reise nach S o m a l i l a n d gemacht, der größten und aussichtsreichsten der ostasritanischc» Besitz»«» gen Italiens. Im Zusammenhang damit verdient eine Rede Beachtung, die der Untcrstaatssekretär Lezzone aus der zweiten italienischen Kolonialausstellung gehalten hat. Sie entwickelt einige weltpolitische Gedanken von großer Trag- weite. Er legte darin die Bedeutung namentlich Somali- lands sür die Wirtschaft Italiens dar. betonte das volle Einvernehmen der italienischen mit der britischen und s r a n z ö s i s ch c n Asrika-Politik und versicherte die durchaus friedlichen Absichten Italiens gegenüber Abessi* nie» fdas es vor etiva 4» Jahren ohne Erfolg sich zu unter- werfen versucht hatj. Bedeutsamer aber war, was er über die allgemeine Bedeutung Afrikas und japanischer Erobc» rungopläne ausführte. Er erklärte, es gebe eine Reihe Gründe für die Annahme. Japan plane einen Angriff auf Afrika. Das ivürde die Zerstörung des europäischen Brückenkopfes nach dem Stillen Ozean hin bedeuten und die Mächte Europas aus ihrer kolonialen Stellung in Afrika treiben. Die Verteil«- gung dagegen sei eine gesamteuropäische Aufgabe. Glück- licherweise sei die Zeit der afrikanischen Gegensätze der Großmächte vorüber und ein Zeitalter europäischer soll- dorischer Zusammenarbeit in Aussicht. Dazu gehöre die entschlossene Verteidigung des europäischen Einflusses gegen Eingriffe von Asien her. Der Endkampf zwischen Orient und Okzident werde nicht int Uralgebiet oder den Steppen Rußlands ausgefochtcn iverden, sondern auf a f r> k a n i- s ch c m Boden. Lezzona bemerkte dazu, man hätte erwarten können, daß auch Deutschland bereit sein werde, an diesem afrikanische» Werke teilzunehmen. Aber Hitler habe durch die unzwci- deutigen Erklärungen, die er englischen Pressevertretern ge- geben habe, aus jegliche deutsche Kolonialpolitik verzichtet und damit das Reich von jeder europäischen G e m e i n- s ch a f t s a r b c i t i» Afrika ausgeschlossen. Die Bemerkungen über Japan können sich doch nur auf Abessi nie« beziehen, das bereits seit einiger Zeit auf ein gemeinsames Vorgehen gegen europäische Einflüsse hin- arbeitet. Bereits hat sich auch einer der beliebten Zwischen- fälle, ein Angriff aus ein italienisches Konsulat, abgespi t und zur Zuiammenzichuna italienischer Truppen an der Grenze Abesstniens Anlaß gegeben. Beachtenswert ist auch, wie promt der„Führer" mit seinem kolonialvoliiiichcn Vor« zicht beim Wort genommen wird. Wie wird es nun die Deutsche Kolonialgesellschaft fertig bringen, zugleich der Allerhöchsten Weisheit zu huldigen und doch die sorgtam ge- pflegten afrikanischen Pläne nicht aufzugeben'? Oder ist auch diei'er Verzicht nur mit dem bekannten Augenzwinkern des inneren Vorbehalts zu verstehen? Verlumpte MfierftoBicn Das Winterhilfswerk bestohlen Die Große Strafkammer in Marburg verhandelte wegen Unregelmäßigkeiten beim Marburgcr Winterhilsswerk. An- geklagt waren der 56jährigc frühere Krcisamtsleitcr des Marburger WlnterhilfSwerkS, Ernst K o k o t t aus Mar- bürg, der 24jährige Konrad Werner, der 53jährige Hein- rief) Müller und der 26jährige Hans M e y e r. die als An- gestellte im Büro des Winterhilfswcrks beschäftigt waren. K'ökott und Werner, die seit August d. I. in Untersuchung?- hast saßen, legte die Anklage zur Last, im Winter 1083:34 fortgesetzt über Gelder der Winterhilssaktion unberechtigter- weise verfügt zu haben. Den beiden anderen Angeklagten wurde Beihilfe zur Last gelegt. Das Verfahren gegen K o k o t t wurde auf Grund des Am- ncsticgcsetzes eingestellt. Werner wurde wegen Un- treue in zwei Fällen zu einer Gefängnisstrafe von neun M o» a t e n verurteilt, außerdem in jedem der beiden Fälle zu 166 Mark Geldstrafe, an deren Stelle hilfs- weise Gefängnis tritt. Die Untersuchungshaft wird augcrech- net. Meyer wurde freigesprochen. Sehr milde Strafen, wenn man bedenkt, wie illegale Mar- xisten für ein paar Flugblätter jahrelang ins Zuchthaus ge- steckt werden. Jl$itiert für die „!Deutsdke$reitkeit'* Wo lsf mein ifelmafland? Politischer Text zu einer Nationalhymne I» diesen Tagen feiert die tschechoslowakische Rational. Hymne„ftbc domov inuj" ihr hnndertjähriges Pestehen. Tie tschechischen Blätter bringe» da,« ihre geschichtlichen Kommen- tare nnd Betrachtungen... Prag, im Dezember 1034. Köe domov muj? Wo ist mein Heimatland? Mit einer fast bangen Frage beginnt eine Nation in Mitteleuropa, deren glühende Vaterlandsliebe über allem Zweifel steht, deren Unterschichten sogar, wie sie übrigens jedes Volk aufweist, dem Chauvinismus mit dem Fanatismus huldigen, wie er sonst nur an umstrittetenen Grenzen, in der permanenten Unruhe zerwühlten Sprachenkampfgcbietes üblich ist, ihren vaterländischen Sang. Keine Marseillaise! Kein Trutzlied! Kein frisch-fröhlicher Reitermarsch! Ein beinahe sentimen- talcr Text Klagend weich ist die Komposition. Statt harter Schwarz-weiß-Zeichnung verklingen Molltbne im Unbc- stimmten. Eine Seele irrt suchend durch Unendlichkeit und Wehmut. Und doch ist es dasselbe Lied, das erklang, wenn in der Vorkriegszeit in irgend einem bestrittenen Bergdorf am Alvatcr tschechische nnd deutsche Torfjugend sich raufte, nach dem Sokol-Abend, hinter'm Schützenfest. Mit diesem Lied begann die düstere und schmutzige Prager Vorstadt um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zu betonen, baß sie im Staat der kaiserlichen und apostolischen, soignierten Exzel- lenzen und Hofräte doch wohl das relativ Unentbehrlichste, nämlich das„Volk" darstelle. ES Ist daS Lieb, das die Le- gionärc sangen, als ihr Karree.bayonettgestachclt. wie die Griechen.Fenophons das Meer im Barbareiila,id suchend, sich durch Sibiriens Schnceödcn gegen Wladiwostok durchkämpfte. quer durch eine halbe Welt. Das Lied, das aus «dünnen Freiwilligenbataillonen mitten zwischen Franzosen, Briten. Italienern, Amerikanern, die dieser fremden wei- che» Sprache lauschten— harte Poilus in Lchmlöchern— klang an der Somme, an der Piave, in der Champagne. Diese Nation der Tschechen, nicht mehr als neun Millionen, ist durch alle Himmel und durch alle Höllen des Patriotismus unermüdlich gewandert. In der Emigration wurde ihre Standarte gepflanzt, mit dem Schaft in fremde Erde. Es geschah durch Männer, die alles daheim gelassen hatten: Kind, Gelb und Ehr', Behaglichkeit und Ansehen. Oester- reichs Galgen waren damals hoch, die Beamten hinter den Schaltern mißtrauisch und barsch, und stets aus der Lauer nach Verrätern. Und Hunger und Tod waren im Lande! Wie sür keine andere Nation war das Vaterland sür die Tschechen nichts, das im Nebel verschwommenen Idealismus versank. Es wurde hart und brutal, nnd nur so erlebt. Man stieß daran allerorts, an seine Kanten, an seine Ansprüche, an sein wcrkeltägiges Kommando. Ist es nicht also ein Paradoxon: Diese Nation— gerade diese!— löst dennoch ihre letzten nationalen Impulse in einer schüchternen, stammelnden, fast bänglichen Frage auf? Wo ist mein Vaterland?— Der Besitz ist der Tob— das Streben ist alles! Nicht das Gold, die Goldsucher leben. Nur eine Nation, die um ihren Nationalismus, wie diese, gekämpft, gehungert, die Kerker nicht gescheut hat und nicht die Geringschätzung der Welt vor denen die noch nichts sind, aber alles noch werben wollen — nur sie kann zu diesem wahren, mit sich selbst nie fertigem, immmer rätselschwcrem Patriotismus kommen, der darum nichts verlieren, sondern immer nur wachsen kann, iveil er den satten Besitz und das begneme„Es ist erreicht" ver- schmäht. * Man sollte— in diesem Vergleich— endlich auch einmal die Psychologie des deutschen Natio nalis- m»s schreiben! Die furchtbaren national-seelischen Tatfachen des Hitlcrregimes schreien förmlich nicht nur nach dem Magister, sondern auch nach dessen Rvhrstockl Wie das dort gesättigt, gestopft, gemästet ist von jenem patriotischen Manna, das ihnen der Gott Bismarck in die aufgehaltenen Schürzen nur so regnen ließ und daS nun der Feldwebel Hitler freßkübelweise anS der Gulaschkanone der Einheitbgcsinnung seiner Kompanie zuteilt. Ha, wie sie ihren Patriotismus immer mit der Pension?- berechtigung zu verkoppeln wußten! Wie sie dem patentier- ten Patrioten gleich auf die Backe den Tchlachtstempel des Mensurschmisses drückten! Wie sie jede Pflich tvor dem Land mit der Angst, etwa nicht vorschriftsmäßig gescheitelt zu sein, verwechselten! Wie sie eine Göttin immer zu ihrer Köchin erniedrigent... Nie haben sie ernsthaft um ihr Vaterland gekämpft, die vereinigten Postbeamten Alldeutschlands. Sie, die vor nun- mehr siebzig Jahren durch die Laune eines dämonisch Ge- gabten in die Weltpolitik gestoßen wurden und nun. wie man schon so sogt,„Schwein hatten", bis die satte Sclbstgeniig- samkcit eben beim ersten großen Stoß zerbrach, der ihren eigenen Buckel, nnd nicht mehr die breite Brust ihres Kü- rassiers traf. Schund und Wert— rechter Hand, linker Hand, alles vertauscht—. ho ist daS, im nationalen Dckalog, so mög- lich, als eben nur in Deutschland?! Einige gab es freilich, die noch gekämpft hatten. Tie star- ben, wie Heinrich Heine, der Jude, in der Verbannung. Wur- den von der Heimat rasch vergessen, wie Karl Schurz, der die Union befreien half. Bekamen vom Oberlehrer eine schlechte Note im Geschichtsunterricht, als ohnmächtiges und untaugliches Zivilistenpack, wie die Großen der Paulskirche. Wo ist mein Heimatland? Jetzt gibt wohl darüber der Schlawiner authentisch Aus- Fünft, nachdem der Junker sclw nichts mehr ist... Freunde, das Koppel um und den Kinnriemen Herunterl Volk ans Gewehr! Anders freilich, als die mit den vollen patriotischen Bäuchen es meinen^ F. E. Roth. j&UFffis Qzistfkfodk Ein nichtiges Gespräch lint dieser Tage in der Reichskanzlei stattgefunden. Auf der einen Seite Sir Ericlc l'hipps — das ist der britische Botschafter in Berlin, auf der anderen Seite er, der„Führer" und sein außenpolitischer Torwächter, Herr ton Neurath. Nun brachten über diese Unterredung diejenigen, die es wissen können, folgendes Detail:.,Während Herr von Neurath ruhig blieb, soll Adolf Hitler in heftige Aufregung geraten sein und mit seinen Anklagen gegen die Widersacher Deutschlands in der Welt nicht zurückgehalten haben." Welch eine naturalistische Kreidezeichnung in drei Strichen oder drei Zeilen! Herr Hitler bleibt eben der Agitator im braunen Latj, auch wenn er sich die Frackhose des Staatsmanns noch so schnittig bügeln läßt. Eigentlich ist ja zwar das Bürgerbräu mit schäumendem Meth der richtige Ort, wo man sich stilistisch korrekt aufregen darf, und nicht gerade das Zimmer, in dem auf schalldämpfendem Teppich schon Bismarck gearbeitet hat. Ueberhaupt Bismarck, der nicht ganz so schnell berühmt gewordene und zum Vater der Nation erklärte Vorläufer unseres„Führers"! Könnte man sich vorstellen, daß er in dem kleinen Landhäuschen vor Sedan, wo er den Napoleon empfing, der ihm den Degen seiner Armee brachte, auch„in heftige Aufregung" geriet? Historisch ist sogar, daß er damals dem kranken Kaiser eine von seinen dunklen und schweren Fortoricos anbot... Wirkliche Weltgeschichte vollzieht sich meist viel gemütlicher als das Kino das ahnt. Herr Hitler hält es nun aber einmal— und das ist eben Naturveranlagung und Schicksal — mehr mit dem Kino als mit der Weltgeschichte, die in jeder Phase so jüdisch verseucht ist. « Oh— daß auch das noch passieren mußte! Seit Jahrhunderten galt die Türkei als das Paradies der Titel. Lest — übrigens mit dem„Führer"— nur noch einmal Karl May und schaut nach, wie es im Lande der Skipetarcn von Effen- dis, Beys. Hadschis nur so wimmelte. Ein Pascha mit so und so vielen Roßschweifen war überhaupt der klassische Würden- und Titelträger für alle Dichter, die das Motiv benötigten. Kemal, der Diktator, hat nun allen diesen türkischen Titeln durch Regierungsdekret ein Ende gemacht. Niemand darf sich mehr am Goldenen Horn einen Effendi nennen. Es hat sich ausgehadschit. Die Roßschweife wedeln nimmer mehr. Herr Kemal(Kemal Paschah darf man ja nicht mehr sagen) ist auch ein„Führer", der Führer der modernen Türkei. Er wurde es zwar erst, als er einen recht großen Krieg gegen die Griechen seinem Lande gewonnen hatte. Aber das war ja eben auch in der Türkei! Bei uns hat der Führer noch keinen Krieg gewonnen und wir beten sogar täglich zu Gott, daß es auch ihm nie, nie beschieden sein ivird. Man wüßte ja nicht, was das Propagandaministerium in Berlin alles an Heeresberichten, gegen die kein Balken gewachsen wäre, herausbringen würde! Nein, Herr Hitler Heim NcamoMi Gegen seine Auslieferung Tie deutsche Regierung hat an die Schweizer Bundes- behörden ein Ersuchen um Auslieferung des früheren kommunistischen Reichstagsabgeordneten Heinz Reu- mann gerichtet. Sie beschuldigt Heinz Neumann, der intellektuelle Urheber der Morde an den beiden preußi- schen Polizeioffizieren Lenk und Anlauf gewesen zu sein. Wegen der Porgänge, die 1931 am Bülowplatz in Berlin sich abgespielt haben und in deren Verlauf neben zahl- reichen Arbeitern auch die beiden Polizeioffiziere den Tod fanden, hat im Juni 1934 ein umfangreicher Prozeh vor einem Berliner Schwurgericht stattgefunden. Der Prozeh endete mit der Pcrhängung von zwei Todesurteilen gegen die Berliner Arbeiter Bröde und Mattern. Tie Anklage ebenso wie diese Urteile stützten sich im wesentlichen auf die Zeugenaussagen eines gewissen Klause. Dieser konnte als Spitzel entlarvt werden.> Trotzdem ist es wieder in erster Linie die Aussage dieses Zeugen, auf die heute das Auslieferungsersuchen sich stützt. Das ist die Methode der nationalsozialistischen Regierung: mit Hilfe von Spitzelaussagen, die von den Behörden selbst inspiriert worden sind, soll unter dem Borwand der kriminellen Straftat ein politischer Gegner der Hiller-Regierung dem sicheren Ausland entrissen und seinen Henkern ausgeliefert werden. Tie Internationale Juristische Vereinigung, die den Kämpf um das Asplrecht als eine ihrer wichtigsten Aus- gaben betrachtet, hat unverzüglich folgendes Telegramm an den Schweizer Bundesrat gesandt: „Entsetzt über Auslieierungsersuchen gegen Heinz Neu- mann weisen wir darauf hin, dag der kriminelle Mord nur ein Borwand ist und bah der Oauptzcuge der deutschen Behörden, Klause, von unabhängiger Untersuchungs- kommission als Spitzel entlarvt ist und selbst in der Haupt- Verhandlung gestanden hat, ein Polizeispitzel zu sein. stop. Erwarten unter diesen Umständen, daß Schweizer Bundes- rat Ersuchen ablehnt und Neumann umgehend frei lägt, stop. Internationale Juristische Bereinigung." hat eher das Gegenteil von Sedan bisher für die Nation erwirkt; deshalb wurde er ja eben auch Führer und die Türkei handelte nur recht türkisch, wenn sie es anders gemacht hat. Woran man erkennt, daß zwei Diktatoren keineswegs die innere und äußere Aehnlichkeit etiva von Max und Moriß aufzuweisen brauchen. Oder zur Titelf rage: Welche Neuschöpfungen gediegenster Art liegen— im Gegensaß zur Türkei Kemals— auf diesem Gebiet nicht grade aus der strömenden Fantasie unseres Diktators vor?!„Stabschef beim Reichsbischof"—- das war ja noch nicht einmal hier die beträchtlichste Leistung des„dritten Reiches", das' eigentlich überhaupt nur aus Garderobemarken und nicht aus Menschen besteht! F. E. Roth. Paris Deutscher Klub Am Samstag um 21 Uhr ist im Deutschen Klub(Salons le Peristyle, 31 bis, Rue Vivienne— Nebenstraße der Großen Boulevards) ein geselliges Beisammensein mit Tanz, zu dem Gäste sehr gerne willkommen sind. Eintritt für Mitglieder frei, für Gäste 5 Fr.(Stellungslose: 3 Fr.). „iyericit in der Heimat". Wir haben die neue Zusendung erhalten, dagegen die frühere wahrscheinlich nicht, oder sie ist nicht beachtet worden, weil sie etwas zu gut getarnt war. Zellwiller. Ihre Fragen lassen Tie sich zweckmäßig von einem Reisebüro im Elsaß beantworten.— Besten Tank für Ihre Anerkennung. Freund in Tanzig. Ter wesentliche Teil des Rundschreibens Fhrcs Nazi-Gauleiters Förster ist von uns veröffentlicht worden. Eine niedliche Mahnung tragen wir nach:„Heute gibt es national- sozialistische Führer, d>c es sich einfach nicht abgewöhnen können, in Uniform mit ihren Frauen durch die-ladt zu fahren. Es he- steht im übrigen eine Anordnung des Stellvertreters des Führers, wonach das Fahren mit Frauen in offenen Autos, wenn man Uni- form trägt, verboten ist. Ich bitte, diese Anordnung unter allen Umständen einzuhalten Es macht nicht den besten Eindruck, wenn in fast jedem Nazi-Aulo eine oder mehrere Frauen mitfahren."— So eine Moralpauke! Und dabei hat schon i'uther gesagt:„Es gibt kein lieber Ting auf Erden, denn Fraucnlieb, wenn sie kann wer- den." Bei genauem durchlesen des Forstschen Gebotes entdeckt man übrigens, dast Frauen nur in„offenen" Nazi-Autos verboten sind, und die Nazi-Bonzen haben fa genügend geschlossene Autos. Mithin kann sowohl dem Gauleiter wie seinen Bonzen geholfen werden. R. I., Lnrciuburg. Halten Sic Ihrem Besucher aus dem„dritten Reiche" folgende Punkte des nationalsozialistischen Parteiprogramms unter die Rase: „Punkt 8. Wir bekämpfen die korrumpierende Parlamcntswirtschaft einer Stellcnbcsctzung nur nach Partcigcsichtspuuktcn ohne Rück- sichten auf Charakter und Fähigkeiten." „Punkt lt. Daher fordern wir: Abschaffung des mühelosen Einkommens, Brechung der ZinSknechschaft." „Punkt 18. Wir fordern die Verstaatlichung aller lbisher) bereits vergesellschafteten(Trusts) Betriebe." „Punkt 14. Wir fordern Gewinnbeteiligung an Großbetrieben." „Punkt lfi. Wir fordern... sofortige Kommunalisierung der Groß- Warenhäuser und ihre Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende..." „Punkt 17. Wir fordern... Schaffung eines Gesetze? zur uncntgclt» lichen Enteignung von Boden für gemeinnützige Zwecke." „Punkt 24. Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat..." Jeder Satz ein Hohn ans den„Führer", der für dieses Programm mit seinem Leben einzutreten geschworen hat und nun alle hinaus- wirft, die dieses politische Märchenbuch ernst nehmen. Für den Kesamlinhal» verantwortlich: Johann P l tz ln Dud- weiler: für Inserate: Otto Kuhn ln Saa-brückcn. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH„ Saarbrücken 8, Schlltzenstraße 8.— Schließfach 776 Saarbrücken. Erste Auflage in 8 Tagen vergriffen! Es kommen zu Wort: Der Großindustrielle Hermann Röchling. Der führer der Deutschen front, Pirro. Der Pfarrer Wilhelm. Der Vorsitzende der Handwerkskammer, Schmelzer. Gräfin von Roedern. Der Propagandaleiter der Deutschen Front, Peter Kiefer, Minister Zoricic. Drouard, Vorsitzender der französisch-saarländischen Handelskammer. Raspail, Direktor der Mines Domaniales. Dr. Velleman, Generalsekretär der Abstimmungskommission. Exzellenz Galli, Vorsitzender des Obersten Abstimmungsgerichtes. Dr. Martiner, General- Advokat beim Obersten Abstimmungsgericht. Landgerichtsdirektor Steinfels. Johannes Hoffmann, Führer der katholischen Front. Max Braun, Vorsitzender der Sozialdemokraten. Fritz Pfordt und Philipp Daub, führende Funktionäre der Kommunisten. Julius Schwarz, Vorsitzender des Bergarbeiterverbandes. Arbeiter und Bauern, Geistliche und Handwerker, Hausfrauen und Schulkinder, Kaufleute und Lehrer. Inhaltsangabe: Mitten in Europa 1934. Deutsch sein. Hitler vor den Toren. Hier regiert der Völkerbund. Die toten Seelen. Kommt die Wirtschaftskatastrophe?. Gleichschaltung der Sklaverei?. Die Front der Schwankenden v Die katholische Fronde. Die Einheitsfront. Das andere Deutschland. Ein Würfel fällt an der Saar DieWahrheif überdieSaar! Das Reportagebuch für jedermann! 180 Seiten, zweifarbiger Umschlag, bessere Ausgabe Fr. 12,- 2,40), billige Volksausgabe Fr. 6,—(Sfr. 1,20). (Sfr. RING-- VERLAG AG., ZÜRICH Zu beziehen in allen Buchhandlungen oder bei der Buchhandlung der Volksstimme G.m.b.H. Saarbrücken l, frierer Strafje 24/ Postscheckkonto Saarbrücken 619 £ 1#^ HIER SPRICHT DIE SAAR > Dr. Hans Neikes Wfflm m Ein Land wird interviewt von THEODOR BALK Hermann Röchling Jakob Pirro Pfarrer Wilhelm PeierKiefer Wilhelm, Schmelzer Pfarre r N o I d Minister Zoricic^ Exzellenz Galli J Dr. Martina« Dire'cior RaspaiL !} Dr Ve U emabV Johann Hoffmann^ Max Braun!■ Fritz Pfordt Philipp Daub . Julius Schwarz f Bergarbeiter . Ha usfrauen Hüttenarbeiter Landwirte Geistliche Schulkinder und viele andere >,*k'i.■--.■-iL*..